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Ueber Schopenhauer's Theorie der Farbe: Ein Beitrag zur Geschichte der Farbenlehre

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{"created":"2022-01-31T15:46:23.418087+00:00","id":"lit16209","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen, 803-819. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0803.txt","language":"de","ocr_de":"LXIII.\nUeber Schopenhauer\u2019s Theorie der Farbe.\n(Ein Beitrag zur Geschichte der Farbenlehre.)\n[Wiener akademische Sitzungsberichte LSII. Bd. 1H70.)\nHerr Julius Frauexst\u00e4dt. der Herausgeber der b. Auflage1, der ScHOPEXHAUEK'schen Schrift: \u00bbUeber das Sehen und die Farben\u00ab beklagt sich in seiner Vorrede nicht mit Unrecht, dass Schopenhauers Farbentheorie. welche als eine \u00bbphysiologische\u00ab \u00bbsowohl Goethe als Newton gegen\u00fcber\u00ab \u00bbeine selbstst\u00e4ndige Stellung einnimmt\u00ab und in Wahrheit \u00bbin einer Beziehung ebenso gegen Goethe\u00ab . als in anderer gegen \u00bbNewton Front macht\u00ab, noch gar keine Ber\u00fccksichtigung und W\u00fcrdigung von fachm\u00e4nnischer Seite erfahren habe2 .\nIndem ich die Originalit\u00e4t und wirklich \u00fcberraschende und staunenswerte Uebereinstimmung der ScHOPENHAUER Schen mit unserer modernen Youx\u00f6-HELMHOLTz\u2019schen Farbentheorie im Folgenden darzulegen beabsichtige. will ich zun\u00e4chst zu zeigen versuchen, wie es kommen konnte. dass Schopenhauer's Theorie bisher so beharrlich ignorirt wurde.\nDiese f\u00fcr Herrn Fkauex.st\u00e4dt so auffallende, sein Gerechtigkeitsgef\u00fchl so sehr emp\u00f6rende Thatsache erkl\u00e4rt sich n\u00e4mlich. \u2014 wie mir scheint. einfach aus dem Umstande, dass Schopenhauer von der ihm eigent\u00fcmlichen und wirklich bedeutenden physiologischen Theorie der Farbe ausgehend, doch schliesslich nicht nur die GoETHE\u2019sche Erkl\u00e4rung der physischen Farben adoptirte. und \u2014 abgesehen von\n1\tLeipzig, F. A. Brockhaus, 1870; die erste Auflage der Schrift datirt von Isis l\\: \u2014 die zweite, noch von Sch. seihst besorgte, aus dem Anfang der 50. Jahre.\n2\tDie einzige zwar treffende, aber zu kurze Notiz Uber Sch 's Farbentheorie, die ich kenne, findet sich in Prof. Pisko's popul\u00e4r-wissenschaftlicher Schrift : Licht und Farbe, 1809, S. 404.\n51","page":803},{"file":"p0804.txt","language":"de","ocr_de":"804\nUeber Schopenhauer\u2019s Theorie der Farbe.\neinigen Dilettanten und Malern \u2014 ganz allein die \u00bbFahne der Goethe-sehen Farbenlehre, im fruchtlosen Widersprach mit der ges\u00e4umten gelehrten Welt\u00ab unersch\u00fctterlich hoch emporhielt, sondern auch den Furor Antincwtonicus, wie ich das schon bei seinem Meister aufgetretene wunderliche psychologische Ph\u00e4nomen der absoluten \u00bbVerstockung\u00ab gegen exacte Lichtphysik nennen m\u00f6chte, \u2014 in der krassesten Weise in seinen Schriften walten liess.\nIn Folge dessen also galt und gilt Schopenhauer einerseits als ein einfacher und unbedingter Nachbeter und Anh\u00e4nger der GoETHE\u2019schen Farbenlehre, w\u00e4hrend er andererseits die unglaublichste Unwissenheit im Gebiete der Physik des Lichtes, auf die roheste Weise an den Tag legt, und in dieser Beziehung als vollkommen unzurechnungsf\u00e4hig\u2014 als anachronitisches Curiosum, erscheint; \u2014 und desshalb ist sein B\u00fcchlein von fachm\u00e4nnischer Seite ganz einfach gar nicht durchgelesen worden!\nAuch kann es in der That keinem kundigen Leser zum Vorwurf gemacht werden, wenn er stutzig wird, und in einem Buche, welches von Farbentheorie handelt, h\u00f6chstens zu bl\u00e4ttern anf\u00e4ngt, sobald ihm der Autor gleich auf der zweiten Seite der Vorrede ') zwar die Versicherung giebt, er habe \u00bb40 Jahre Zeit gehabt seine Farbentheorie auf alle Weise und bei mannigfaltigsten Anl\u00e4ssen zu pr\u00fcfen\u00ab, aber sofort hinzusetzt : \u00bbjedoch ist meine Ueberzeugung von der vollkommenen Wahrheit derselben keinen Augenblick wankend geworden, und auch die Richtigkeit der GoEniE\u2019schen Farbenlehre istmirnoc h ebenso einleuchtend als vor 41 Jahren, da er selbst mir seine Experimente vor zeigte.\u00ab\nIn der That ein solches Bekenntniss provocirt ein so gegr\u00fcndetes Misstrauen jedes kundigen Lesers gegen den Autor, dass es Niemand sonderbar finden darf, wenn eines solchen Autors Buch \u00fcber Farbentheorie im besten Falle nur fl\u00fcchtig durchgebl\u00e4ttert wird! \u2014 selbst wenn der Autor Schopenhauer ist, oder vielleicht gerade desshalb, weil Schopenhauer eben f\u00fcr Goethe\u2019s unmittelbaren und treuesten Sch\u00fcler gilt, obschon Goethe selbst es freilich besser wusste, indem er i h m die unmuthigen Epigramme widmete :\n\u00bbTr\u00fcge gern noch l\u00e4nger des Lehrer s B\u00fcrden\u00ab,\n\u00bbWenn Sch\u00fcler nur nicht gleich Lehrer w\u00fcrden;\u00ab\nund\n\u00bbDein Gutgedachtes in fremden Adern\u00ab,\n\u00bbWird sogleich mit dir selber hadern\u00ab.\n1 Zur zweiten Auflage 1854 !,.","page":804},{"file":"p0805.txt","language":"de","ocr_de":"lieber Schopenhauer\u2019s Theorie der Farbe.\n805\nVollends zu entschuldigen ist aber der Physiker, dass er ein solches Buch sofort zuschl\u00e4gt und ungelesen f\u00fcr immer aus der Hand legt, wenn er heim fl\u00fcchtigen Durch bl\u00e4ttern eine der \u00fcberaus zahl-r eichen Stellen findet, wie etwa die folgende 1. c. S. 88): \u00bbUebrigens hat man sich nicht blos vor der Theorie dieser modernen Newtox\u2019-sclien Chromatologen zu h\u00fcten, sondern wird wohlthun, auch bei den Thatsachen und Experimenten zwei Mal zuzusehen.\n\u00bbDa sind z. B. die F R A u x H o F e R ' s e h e n Linien, von denen so viel Wesens gemacht worden ist und angenommen wird, sie steckten im Lichte selbst, oder w\u00e4ren die Zwischenr\u00e4ume der gesonderten, \u00e4usserst zahlreichen . eigentlich homogenen Lichter, w\u00e4ren daher auch anders beschaffen, je nachdem es Licht der Sonne, der Venus, des Sirius, des Blitzes oder einer Lampe sei. Ich habe mit vortrefflichen Instrumenten wiederholte Versuche ganz nach P\u00f6uillet\u2019s Anweisung gemacht, ohne sie je zu erhalten: so dass ich es aufgegeben hatte, als mir zuf\u00e4llig die deutsche Bearbeitung des Pouillet von J. M\u00fclt.ek in die H\u00e4nde fiel. Dieser ehrliche Deutsche sagt aus , was Pouillet weislich verschweigt, n\u00e4mlich, dass die Linien nicht erscheinen, wenn nicht eine zweite Spalte unmittelbar vor dem Prisma angebracht wird. Dies hat mich in der Meinung, welche ich schon vorher hegte, best\u00e4tigt. dass n\u00e4mlich die alleinige Ursache dieser Linien die B\u00e4nder der Spalte sind: ich w\u00fcnsche daher, dass Jemand die Weitl\u00e4ufigkeit nicht scheuen m\u00f6ge, ein Mal bogenf\u00f6rmige oder geschl\u00e4ngelte, oder fein gezahnte Spalten verfertigen zu lassen, wo dann h\u00f6chstwahrscheinlich die FKAUNHOFERschen Linien, zum Skandal der gelehrten Welt, ihren wahren Ursprung durch ihre Gestalt verrathen werden, \u2014 wie ein im Ehebruch gezeugtes Kind, durch die Aelinliclikeit, seinen Vater.\u00ab\n\u00bbJa, dies ist um so wahrscheinlicher, als es ein ganz gleiches Be-wandniss hat mit dem von Pouillet angegebenen Experiment, durch ein kleines rundes Loch das Licht auf eine weisse Fl\u00e4che fallen zu lassen, wo dann in dem sich darstellenden Lichtkreise eine Menge con-centrischer Binge sein sollen, die mir ebenfalls ausgeblieben sind und von denen ebenso der ehrliche M\u00fcller uns er\u00f6ffnet, dass ein zweites Loch, vor dem ersten angebracht, dazu erfordert ist, ja hinzusetzt, dass wenn man statt dieses Loches, eine feine Spalte anwendet, dann statt der concentrischen Binge parallele Streifen erscheinen. Da haben wir ja die FRAUxuoFER Schen Linien !\u00ab\n\u00bbIch kann nicht umhin, zu w\u00fcnschen, dass ein Mal ein guter und unbefangener Kopf. ganz unabh\u00e4ngig von der Ke WTOx'schen Theorie und den mythologischen Aethersehwingungeu, die gesummten von den franz\u00f6sischen Optikern und dem Fraunhofer hoch aufgeh\u00e4uften.","page":805},{"file":"p0806.txt","language":"de","ocr_de":"806\nUeber Schopenhauer\u2019s Theorie der Farbe.\nso h\u00f6chst complicirten Experimente, mit Inbegriff der sogenannten Liehtpolarisation und Interferenz, vom\u00e4hme und den wahren Zusammenhang aller dieser Erscheinungen herauszufinden suchte.\u00ab Eine Stelle, wie diese, gen\u00fcgt doch wohl ?! ! \u2014\nSolche Stellen bodenlosesten physikalischen Unsinns sind aber, wie gesagt, \u00fcberaus h\u00e4ufig in Schopenhauer\u2019s Schrift; \u2014 der leidige Zufall hatte also offenbar ein sehr leichtes Spiel, um zu bewirken, dass dieselbe gerade von den wissenschaftlich eompetentesten M\u00e4nnern, selbst wenn sie sich eingehend mit der Beurtheilung resp. Verurtheilung der Goethes che n Farbenlehre besch\u00e4ftigten, ungelesen und ungew\u00fcrdigt bleiben konnte.\nDies h\u00e4tte Herr Frauenst\u00e4dt erw\u00e4gen und bedenken sollen, statt dem Verdacht Kaum zu geben, die, Schopenhauer ignorirenden Naturforscher seien von pers\u00f6nlichen Motiven geleitet, welche wissenschaftlichen Charakteren fern liegen m\u00fcssten , als er etwas ungest\u00fcm f\u00fcr seinen Meister in die Schranken trat, um auch auf diesem Gebiete jene Anerkennung f\u00fcr ihn zu erlangen, welche ihm auf anderen Gebieten endlich \u2014 wenn auch zu sp\u00e4t, \u2014 geworden ist, und welche er in der That auch hier, trotz alledem und alledem wirklich verdient.\nDoch m\u00f6chte ich, um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen, sogleich die Bemerkung hinzuf\u00fcgen, dass alle diese sp\u00e4te Anerkennung dessen, was Schopenhauer Grosses und Wahres speciell in Bezug auf die sinnliche Erkenntniss-Theorie, sowie auf die physiologische Theorie der Farbe producirte und in seinen Werken bereits vor mehr als einem Menschenalter drucken liess, etwas Missliches hat.\nMan w\u00fcnscht und erreicht zwar damit, der Pers\u00f6nlichkeit dieses gewaltigsten Denkers seit Kant allseitig gerecht zu werden, allein diese sp\u00e4te Gerechtigkeit gegen seine Person, w\u00fcrde sofort zur historischen Ungerechtigkeit gegen den wirklichen Entwicke-lungsgang der empirischen Wissenschaft, wenn man die moderne Physiologie der Sinne desshalb eines Plagiats an Schopenhauer verd\u00e4chtigen und beschuldigen wollte, weil ihre Theorie des gegenst\u00e4ndlichen Seitens und der Farbe mit den Anschauungen jenes iso-lirten Weltweisen wunderbar \u00fcbereinstimmt.\nDiese Uebereinstimmung kann h\u00f6chstens f\u00fcr die Wahrheit und Dichtigkeit der gewonnenen Anschauungen sprechen, insofern diese eben auf zwei ganz verschiedenen und von einander unabh\u00e4ngigen, ja entgegengesetzten Wegen gewonnen wurden. Denn, uni es ausdr\u00fccklich zu sagen, die m\u00fchsame empirische Forschung hat der philosophischen Speculation nichts entlehnt, sie hat vielmehr selbst-","page":806},{"file":"p0807.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber Schopenhauer\u2019s Theorie der Farbe.\n807\nst\u00e4ndig zur Entwickelung jener Gedanken gedr\u00e4ngt und gef\u00fchrt, welche, ganz im Sinne Kant\u2019s, von Schopenhauer allerdings in pr\u00e4gnantester Weise und schon l\u00e4ngst ausgesprochen waren.\nAber, wenn auch Schopenhauer\u2019s Schriften niemals publicirt und bekannt geworden w\u00e4ren, die Physiologie der Sinne St\u00e4nde heute genau auf demselben Standpunkt, auf welchem sie wirklich steht ! Diesen verdankt sie weder Schopenhauer, noch der Philosophie \u00fcberhaupt, sondern einzig und allein sich seihst, d. h. der exacten empirischen Erforschung der Natur.\nSchopenhauer geht, im Gegens\u00e4tze zu allen jemals entwickelten Farben-Theorien, von dem Grunds\u00e4tze aus : \u00bbdass Helle. Finsterniss und Farbe, im engsten Sinne genommen, Zust\u00e4nde. Modifieationen des Auges sind, welche unmittelbar blos empfunden werden\u00ab und f\u00e4ngt damit an, die Farbe als physiologische Erscheinung zu untersuchen.\nDiesen Weg der Betrachtung, der vom beobachteten Gegenstand auf den Beobachter selbst, vom Objeetiven zum Subjectiven zur\u00fcckgeht, behufs der Erforschung des Wesens der Farbe zuerst und mit vollem Bewusstsein seiner Neuheit und Tragweite, erfolgreich eingeschlagen zu haben, sichert dem Philosophen Schopenhauer einen hervorragenden Ehrenplatz in der Geschichte der Farbenlehre.\nEr selbst hebt es mit Recht hervor S. 40\u2019, dass sich dieser Weg der Betrachtung \u00fcberhaupt \u00bbdurch ein Paar der gl\u00e4nzendsten Beispiele in der Geschichte der Wissenschaften empfehlen und als der richtige beurkunden liesse : denn\n\u00bbXon aliter, si parva licet componere maynis\u00ab hat Kopernicus an die Stelle der Bewegung des ganzen Firmaments, die der Erde, und der grosse Kant an die Stelle der objectiv erkannten und in der Ontologie aufgestellten, absoluten Beschaffenheiten aller Dinge, die Erkenntnissformen des Subjects gesetzt. FvwtU aew-ov stand auf dem Tempel zu Delphi\u00ab.\nNur darin irrt Schopenhauer gewaltig, wenn er glaubt, man m\u00fcsse, solle und k\u00f6nne nur diesen Weg zuerst und ganz ausschliesslich einschlagen, indem er S. 21 sagt:\n\u00bbDenn um regelrecht und \u00fcberlegt zu Werke zu gehen muss man, ehe man zu einer gegebenen Wirkung die Ursache zu entdecken unternimmt, vorher diese Wirkung kennen lernen, weil man allein aus ihr Data zur Auffindung der Ursache sch\u00f6pfen kann und nur sie die","page":807},{"file":"p0808.txt","language":"de","ocr_de":"808\nlieber Schopenhauers Theorie der Farbe.\nPachtung und den Leitfaden zu dieser giebt\u00ab \u2014 und dann fortf\u00e4hrt : \u00bbNewtox's Fundamentalversehen war eben, dass er. ohne die Wirkung irgend genau und ihren inneren Beziehungen nach kennen zu lernen, voreilig zur Aufsuchung der Ursache schritt. Jedoch ist dasselbe Versehen allen Farbentheorien, von den \u00e4ltesten bis auf die letzte1, von Goethe, gemeinsam: sie alle reden blos davon, welche Modification der Oberfl\u00e4che ein K\u00f6rper, oder welche Modification das Licht, sei es durch Zerlegung in seine Bestandteile, sei es durch Tr\u00fcbung oder sonstige Verbindung mit dem Schatten, erleiden muss, um Farbe zu zeigen, d. h. um jene specifische Empfindung im Auge zu erregen, die sich nicht beschreiben, sondern nur sinnlich wahrnehmen l\u00e4sst.\u00ab\nUnsere heutige Young-Helmholtz'scIic Farbentheorie ist die thats\u00e4chliclie Widerlegung des ScHOPEXiiA\u00fcER\u2019sehen Glaubens an die allein selig machende Richtung seines Weges; denn sie ist rein auf der Bahn des NEWTOx'sclien Weges entstanden, und hat nichtsdestoweniger zu jenem Resultat gef\u00fchrt, welches Schopenhauer. allerdings in ganz allgemein gehaltener Formulirung, so zu sagen, anticipirt und schon 1816 ausgesprochen hat: aber die moderne Theorie bietet freilich ein noch viel reicheres und tieferes Detail dar, von dem sich Schopexhauer\u2019s Theorie nichts tr\u00e4umen lassen konnte, weil eben ihr Autor in seinem Furor Autinewtonieus die ganze Physik des Lichtes, d. h. Alles was die sorgf\u00e4ltigsten Messungen und die exactesten Versuche \u00fcber Wellenl\u00e4nge, Schwingungszahl, Verschiedenheit der Brechbarkeit der Aetherwellen, Mischung und Trennung homogener Lichtstrahlen etc. etc. seit den Zeiten Newtox\u2019s ergeben haben, mit wahrer Brutalit\u00e4t, f\u00fcr eitel Trug und Schwindel erkl\u00e4rte, und daf\u00fcr die. physikalisch genommen, v\u00f6llig sinnlose GoKTHifsehe Lehre adoptirte.\nEs hat jedoch die Goethe\u2019sehe Lehre mit der Schopexhauer eigent\u00fcmlichen und in den Hauptz\u00fcgen richtigen physiologischen Farbentheorie gar nichts zu thun, obschon Schopenhauer selbst dem grossen und f\u00fcr das traurige Schicksal einer fortdauernden Igno-rirung seiner Theorie, so folgenschweren Irrthum verfallen war, er sei, von seiner Theorie ausgehend, in der Lage \u00fcber die Richtigkeit der NEWTOx'schen und der GoKTiiE sehen Erkl\u00e4rung der physischen F\u00e4llten \u00bb a priori\u00ab urtheilen zu k\u00f6nnen, und sich f\u00fcr die letztere entscheiden zu m \u00fc s s e n. w\u00e4hrend er es einen \u00bbungl\u00fccklichen Gedanken\u00ab nennt S. 69 \u00bbwollte man eine Vereinigung derselben\u00ab \u2014 (n\u00e4mlich seiner Theorie \u2014 \u00bbmit der NEwrox\u2019schen bewerkstelligen\u00ab !\n1 IS 1 o: Schopenhauers Theorie erschien, wie gesagt, 1816.","page":808},{"file":"p0809.txt","language":"de","ocr_de":"lieber Schopenhauer\u2019s Theorie der Farbe.\n809\nUnd doch ist diese Vereinigung seiner Theorie mit der Newton-sehen so nat\u00fcrlich und selbstverst\u00e4ndlich, da eine Wahrheit einer zweiten Wahrheit nicht widersprechen kann, \u2014 so erfolgreich und bedeutungsvoll. da diese Vereinigung durch und in der epochemachenden und \u2014 soweit es sich vorl\u00e4ufig \u00fcbersehen l\u00e4sst \u2014 abschliessenden YouNG-HELMHOETz'schen Theorie, wenn man will, vollzogen und re-alisirt erscheint.\nAber die Schuld jenes grossen und verh\u00e4ngnisvollen Irrthums, den Schopenhauer begangen hat, liegt wieder nur an der unbegreiflichen Verblendung und \u00bbVerstockung\u00ab des grossen Mannes gegen den Newtonismus \u00fcberhaupt, und an dem specie lien Missverst\u00e4ndniss, als ob Newton gelehrt und gemeint h\u00e4tte, die Farben als solche existirten in einer bestimmten Zahl, 7 oder x, irgendwo ausser dem Auge, \u00bbrein objectiv\u00ab, in bestimmten Verh\u00e4ltnissen, nach bestimmten Gesetzen gemischt. \u2014 \u00bbund w\u00fcrden nun ganz fertig dem Auge \u00fcberliefert.\u00ab\nDieses specielle Missverst\u00e4ndniss Schopenhauer\u2019s ist um so weniger zu entschuldigen, als Goethe selbst, in dem ber\u00fcchtigten polemischen Theil seiner Farbenlehre \u00a7 -150. \u2014 freilich nicht ohne sogleich einige der gewohnten heissenden und wegwerfenden Bemerkungen gegen Newton folgen zu lassen \u2014 die wahrhaft classisclie und bewunderungsw\u00fcrdige \u00bbDefinition\u00ab aus den NEWTOx\u2019schen Optics w\u00f6rtlich citirt. welche keinen Zweifel \u00fcber Newtons wahre und eigentliche Meinung zul\u00e4sst.\nNewton sagt daselbst ausdr\u00fccklich :\n\u00bbDas homogene Licht, die homogenen Strahlen, welche rotli erscheinen oder vielmehr die Gegenst\u00e4nde so erscheinen machen, nenne ich rubrific oder rothmachend; diejenigen durch welche die Gegenst\u00e4nde gelb, gr\u00fcn. blau, violett erscheinen, nenne ich gelbmachend, gr\u00fcnmachend, blaumachend, violettmaehend. und so mit den \u00fcbrigen. Denn, wenn ich manchmal von Licht und Strahlen rede, als wenn sie gef\u00e4rbt oder von Farben durchdrungen w\u00e4ren, so will icli dieses nie lit philosophisch und eigentlich gesagt haben, sondern auf gemeine Weise, nach solchen Begriffen, wie das gemeine Volk, wenn es diese Experimente s\u00e4he, sie sich vorstellen k\u00f6nnte. Denn, eigentlich zu reden, sind die Strahlen nicht farbig, es ist nichts darin alseine gewisse Kraft und Disposition das Gef\u00fchl dieser oder jener Farbe zu erregen: denn wie der Klang der Glocke, einer Musiksaite, eines anderen klingenden K\u00f6rpers nichts als eine zitternde Bewegung ist, und in der Luft nichts als diese Bewegung, die vom Obj ect fortgepflanzt","page":809},{"file":"p0810.txt","language":"de","ocr_de":"810\nUeber Schopenhauer\u2019s Theorie der Farbe.\nwird, und im Sensorium das Gef\u00fchl dieser Bewegung unter der Form des Klanges; eh en so sind die Farben der Gegenst\u00e4nde nur eine Disposition, diese oder j ene .Strahlen h\u00e4ufiger als die \u00fcbrigen zur\u00fcckzuwerfen; in den Strahlen ab er is tmich ts als ihr e Di sposition, diese oder j ene Bewegung bis zum Sensorium fortzupflanzen, und im Sensorium sind es Em pfindungen dieser Bewegungen, u n t e r d e r F o r in v o n F a r b e n.\u00ab\nSollte man es f\u00fcr m\u00f6glich halten, dass diese sonnenklare Offenbarung des NEWTOx\u2019schen Genius, welche Goethe (1. c. \u00a7 457; eine \u00bbwunderliche theoretische Stelle\u00ab zu nennen wagt, jemals missverstanden werden konnte? 1 Und wo findet sich nach dieser \u00bbDefinition\u00ab noch eine Spur eines principiellen Hindernisses, die Vereinigung des Newtonismus mit der physiologischen Farbentheorie von Schopenhauer zu bewerkstelligen ? !\nDoch es ist Zeit, nach allen diesen vorl\u00e4ufigen Bemerkungen, endlich den wahren und wesentlichen Kern der S ( n o i \u2022 e x h \\c k l s c 11 e n Farbentheorie darzulegen, und Schritt f\u00fcr Schritt mit unserer modernen Farbenlehre zusammenzuhalten.\nIch habe schon erw\u00e4hnt, dass Schopknitauek von dem Satze 1 ausgeht, dass \u00bbHelle. Finsterniss und Farbe-Zust\u00e4nde, Modifientionen des Auges sind, welche unmittelbar bloss empfunden werden.\u00ab und dass er den durchaus originellen, und an sich vollkommen berechtigten . nur in seiner Ausschliesslichkeit unzul\u00e4nglich werdenden Weg einschl\u00e4gt: \u00bbsich zun\u00e4chst an diese Empfindung seihst zu wenden, um zu erforschen, ob nicht aus ihrer Beschaffenheit und Gesetzm\u00e4ssigkeit sich herausbringen liesse, worin sie an und f\u00fcr sich, also physiologisch, bestehe\u00ab 'S. 22;.\nAlle Sensibilit\u00e4t ist ihm, nach der unbezwreifelten Lehre der Physiologie, nie reine Passivit\u00e4t, sondern lleaction auf empfangenen Reiz, und demgem\u00e4ss nennt er \u00bbdie, dem Auge \u00fcberhaupt eigenth\u00fcmliehe Reaction auf den \u00e4usseren Reiz, seine Th\u00e4tigkeit, und zwar n\u00e4her, die Th\u00e4tigkeit der Retina.\u00ab\n\u00bbDas die volle Einwirkung des Lichtes oder des Weissen empfangende Auge \u00e4ussert die v o 11 e Th\u00e4tigkeit der Retina, . . . die Retina ist in voller Th\u00e4tigkeit; mit Abwesenheit jener beiden\n1 An dessen Dichtigkeit schon zu seiner Zeit kein Einsichtiger mehr zweifelte und der sich sogar schon in der oben citirten \u00bbDefinition\u00ab Newton\u2019S angedeutet findet.","page":810},{"file":"p0811.txt","language":"de","ocr_de":"lieber Schopenhauers Theorie der Farbe.\n811\naber, d. h. bei Finsterniss oder Schwarz, tritt \u00fcnth\u00e4tigk eit der Retina ein1)\u00ab (S. 23 .\nDie Th\u00e4tigkeit der Retina hat Grade, in denen das Licht oder Weiss mit stetigem Uebergange durch Halbschatten oder grau, der Finsterniss oder dem Schwarz sich ann\u00e4hert.\nDiese Grade der verminderten vollen Th\u00e4tigkeit der Retina bezeichnen eine blos theilweise Intensit\u00e4t derselben2 .\nSchopenhauer findet nun, indem er die Beschaffenheit und Gesetzm\u00e4ssigkeit jener subjectiven Erscheinungen untersucht, welche man die \u00bbcomplernent\u00e4rcn Nachbilder\u00ab nennt, sofort, dass die volle Th\u00e4tigkeit der Retina oder Weiss, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ theilbar sei, und dass diese Art der Theilung allemal \u00bbwirklich vollzogen wird, sobald dem Auge irgend eine Farbe, auf welchem Wege es auch sei, gegenw\u00e4rtig ist\u00ab S. 2(> .\nDenn biete man dem Auge statt einer weissen, eine irgendwie gef\u00e4rbte Scheibe, so werde durch diese nicht mehr die volle Th\u00e4tigkeit der Retina erregt, wie durch jene.\nDie farbige Scheibe vermag eben nur einen Theil derselben hervorzurufen, den anderen zur\u00fccklassend; so dass jene Th\u00e4tigkeit der Retina sich nunmehr qualitativ get heilt hat, und in zwei H\u00e4lften auseinander getreten ist, davon die eine sich als farbige Scheibe darstellt, die andere dagegen zur\u00fcckbleibt und nun von selbst, auch ohne neuen Reiz, als anders gef\u00e4rbtes Spectrum nachfolgt. Beide, die farbige Scheibe und das nachfolgende, anders gef\u00e4rbte Spectrum, als die bei dieser Erscheinung getrennten qualitativen\n1 Das sind S\u00e4tze, welche wir heute noch unterschreiben. Die Beziehung zwischen Unth\u00e4tigkeit der Retina und Finsterniss oder Schwarz ist wohl nie bezweifelt worden, und Schopenhauer hat sie nicht erst aufgefunden. Dagegen ist die Erkl\u00e4rung des Weissen, durch die volle Th\u00e4tigkeit des Auges, in dem Sinne n\u00e4mlich, in welchem, wie man sp\u00e4ter sehen wird, er das Wort \u00bbvoll\u00ab nimmt, seiner Theorie eigenthiimlieh. Diese Erkl\u00e4rung des Weissen stimmt aber vollkommen mit unserer heutigen Theorie \u00fcberein. Auch wir betrachten das Weisse in demselben Sinne wie Schopenhauer, als den Empfindungsausdruck der vollen Th\u00e4tigkeit der Retina, nur k\u00f6nnen wir, nach unserer Hypo-these, noch die detaillirtere und tiefere Auskunft geben, dass die volle Th\u00e4tigkeit der Retina in der gleichzeitigen und gleichm\u00e4ssigen Erregung aller drei Fasergattungen, der roth empfindenden , der gr\u00fcn empfindenden und der violett ;bhur.' empfindenden, bestehe.\n- Auch die V.>un<;-ltElmholtz'schc Theorie erkl\u00e4rt weiss, grau, schwarz als blos quantitative oder intensive Abstufungen, resp. Verminderungen jener \u00bbvol len\u00ab Th\u00e4tigkeit der Retina, welche die Empfindung \u00bbweiss\u00ab bewirkt, und in der gleichzeitigen und gMchgradigen Erregung aller drei Fasergattungen besteht.","page":811},{"file":"p0812.txt","language":"de","ocr_de":"812\nlieber Schopenhauer's Theorie der Farbe.\nH\u00e4lften der vollen Th\u00e4tigkeit der Retina, sind zusammengenommen dieser gleich, d. h. Weiss. Schopenhauer nennt daher und in diesem Sinne jede das Comp 1 ement der anderen.\nDie Schopenhauer eigenth\u00fcmliche Erkl\u00e4rung der Farbe ist also im Wesentlichen folgende :\n\u00bbDie Farbe ist die qualitativ getlieilte Th\u00e4tigkeit der Retina. Die Verschiedenheit der Farben ist das Resultat der Verschiedenheit der qualitativen H\u00e4lften, in w eiche die T h \u00e4 t i g k e i t a u s e i n a n d e r gehen kann, u n d ihres Verh\u00e4ltnisses zu einander\u00ab S. 32 1 .\n\u00bbDie wahre Farbentheorie hat es demnach stets mit Farbenpaaren zu thun\u00ab (S. 34). \u00bbDenn die Farbe erscheint immer als Dualit\u00e4t, da sie die qualitative Bipartition der Th\u00e4tigkeit der Retina ist.\u00ab\n\u00bbCkromatologisch darf man daher gar nicht von einzelnen Farben reden, sondern nur von Farbenpaaren,. deren jedes die ganze in zwei H\u00e4lften zerfallene Th\u00e4tigkeit der Retina enth\u00e4lt.\u00ab\n\u00bbDie Theilungspunkte sind unz\u00e4hlig, und als durch \u00e4ussere Ursachen bestimmt, insofern f\u00fcr das Auge zuf\u00e4llig.\u00ab\n\u00bbSobald aber die eine H\u00e4lfte gegeben ist, folgt die andere, als ihr Complement, noth wendig2 \u00ab S. 35 .\n1 Wer verm\u00f6chte liier die evidente und \u00fcberraschende Uebercinstimmung der SciiOPENHAUERsehen und der modernen Farbentheorie zu verkennen?! M\u00fcssen wir nicht heute genau dieselbe Antwort geben, welche Schopenhauer schon lslti fonnulirt hat, wenn wir g a nz allgemein das Wesen der Farbe im Gegens\u00e4tze zu Weiss und Schwarz, physiologisch definiren sollen? \u2014 Freilich k\u00f6nnen wir auch hier wieder. vom h\u00f6heren Standpunkt der Y\u00f6\u00fcn\u00f6-Helmhoutz\u2019-schen Theorie, einen Schritt weiter gehen, und erkl\u00e4ren und anschaulich machen, wie bei der qualitativen Theilung der Th\u00e4tigkeit des Auges, welche zum Unterschied und im Gegensatz der blos quantitativen aufgestellt wurde, dennoch von gleichen und ungleichen H\u00e4lften, also auch von einem quantitativen Verh\u00e4ltniss, die Rede sein kann, indem sich ja die dreierlei Fasergattungen mit bestimmten verschiedenen Erregungs q u a n t i t \u00e4 t e n an der Zusammensetzung der einzelnen Farbenempfindungen betheiligen. Unsere Erkl\u00e4rung der Complc-ment\u00e4r-Farben ist mit der Schopenhauer\u2019s identisch !\n- Alle diese S\u00e4tze kann man mit gleicher Consequenz aus der Schopexhauer-sclien, wie aus unserer modernen Farbentheorie folgern. Dagegen hat es f\u00fcr uns keinen Sinn \u2014 ist aber auch gar keine nothwendige Consequenz aus Schopenhauer's Theorie, sondern eine v\u00f6llig willk\u00fcrliche und unbegr\u00fcndete Annahme , welche nur seine schiefe goethesirende Grundansicht von der ex act en Methode der physikalischen Forschung charakterisirt) - wenn er, die volle Th\u00e4tigkeit der Retina = 1 setzend, das folgende Schema zusammeneonstruirt :\nSchwarz, Violett.\tBlau,\tGr\u00fcn,\tRoth,\tOrange,\tGelb,\tWeiss\n0\t'/4\t',3\t72\tVl\t73\t3/4\t1.","page":812},{"file":"p0813.txt","language":"de","ocr_de":"lieber Schopenhauer\u2019s Theorie der Farbe.\n813\nHieraus erkl\u00e4rt sich denn auch das sogenannte, von Goethe so aufdringlich urgirte \u00bbaxtspov\u00ab der Farbe, d. h. \u00bbihre dem Schatten oder dem Grau verwandte Natur, verm\u00f6ge welcher sie stets dunkler als Weiss und heller als Schwarz ist\u00ab, denn bei der qualitativ getlieilten Th\u00e4tigkeit der Retina ist das Hervortreten der einen H\u00e4lfte wesentlich bedingt durch die Unth\u00e4tigkeit der anderen. \u00bbUnth\u00e4tigkeit der Retina aber ist, wie oben gesagt, Finsterniss. Demnach muss das als Farbe erscheinende Hervortreten der qualitativen H\u00e4lfte der Th\u00e4tigkeit der Retina durchaus von einem gewissen Grade von Finsterniss, also von einiger Dunkelheit, begleitet sein ').\u00ab \u2014 \u00bbDies hat sie nun gemein mit der intensiv getheilten Th\u00e4tigkeit der Retina, die wir oben im Grau oder Halbschatten erkannt haben und diese Gemeinschaft eben, Dieses, das dort qualitativ ist, was hier intentiv, wird durch den obsoleten Ausdruck \u00bbxueppy\u00ab bezeichnet.\u00ab\n\u00bbJedoch waltet hiebei folgender sehr bedeutender Unterschied ob. Dass die Th\u00e4tigkeit der Retina der Intensit\u00e4t nach, nur theilweise ist, f\u00fchrt keine spezifische und wesentliche Ver\u00e4nderung herbei, und bedingt keinen eigent\u00fcmlichen Effect : sondern es ist eben nur eine zuf\u00e4llige, gradweise Verminderung der vollen Th\u00e4tigkeit. Bei der qualitativ theilweisen Th\u00e4tigkeit der Retina hingegen, hat die hervortretende Th\u00e4tigkeit der einen H\u00e4lfte die Unth\u00e4tigkeit der anderen zur wesentlichen und notwendigen Bedingung, denn sie besteht nur durch diesen Gegensatz\u00ab (S. 37)2) . Endlich muss noch hervorgehoben werden, was Schopenhauer \u00fcber den \u00bbungeteilten Rest der Th\u00e4tigkeit der Retina lehrt\u00ab 'S. 42).\nDesshalb habe ich auch dieses leere Schema aus dem , der Darstellung des wahren und eigentlichen Kerns der ScHOPENHAUERschen Theorie gewidmeten Haupttexte fortgelassen, und in diese Anmerkung verwiesen. Ebenso habe ich oben den \u00a7 8 der Schopenhauer sehen Schriftunber\u00fccksichtigt gelassen, in welchem er von der 'Polarit\u00e4t der Retina und Polarit\u00e4t \u00fcberhaupt\u00ab spricht, obschon die daselbst gegebenen Bemerkungen an sich beachtenswert sind.\n1\tDies scheint auch Brewster eigentlich gemeint zu haben, als er sich dahin aussprach, dass die complement\u00e4re Farbe sich zugleich mit der gesehenen entwickele (!) und diese tr\u00fcbe.\n2\tDiese ganze Auffassung l\u00e4sst sich als Ausdruck dessen, was f\u00fcr die unmittelbare Empfindung da ist, vollkommen rechtfertigen, und ist, wie ich zeigen will, noch zu erweitern , und mit unserer V o u n ci -Il e l m h o l t z \u2019 s e h e n Hypothese durchaus nicht unvereinbar. So weit ich sehen kann, l\u00e4sst sich gegen meine hier folgende Auseinandersetzung nichts Erhebliches einwenden !\nDie Unth\u00e4tigkeit der Sehsinnsubstanz, also eigentlich der Zustand, welcher der Abwesenheit der specifischen Erregung entspricht \u2014 aber desshalb durchaus noch nicht reine Passivit\u00e4t zu sein braucht \u2014 ist in der That e rf ah rungs gem \u00e4ss mit einer positiven Empfindung von gleichem","page":813},{"file":"p0814.txt","language":"de","ocr_de":"814\nlieber Schopenhauer's Tlieorie der Farbe.\n\u00bbDie Th\u00e4tigkeit der Retina, gleichviel oh auf ihrer ganzen Fl\u00e4che oder einem Theile derselben, kann, indem sie. zur Hervorbringung der Farbe, sich qualitativ tlieilt. noch einen ungetheilten Rest zu-\nModus, aber andererQualit \u00e4 t verkn\u00fcpft, als der Zustand der specifischen Erregung, oder die Th\u00e4tigkeit derselben.\nDie posit ive Empfindungsqualit\u00e4t, welche bei Abwesenheit des specifischen Erregungszustandes im Auge zum Bewusstsein kommt, nennen wir Dunkelheit oder Schwarz. Dunkelheit oder Schwarz ist wohl zu unterscheiden von einfachem Mangel der Empfindungsf\u00e4higkeit f\u00fcr Licht und Farbe, was auch Helmholtz zugiebt. (Vgl. Physiol. Optik. S. 577.)\nIch erinnere noch daran, dass man das sogenannte Lichtchaos oder Eigenlicht der Retina, welches das Sehfeld in Folge innerer Reize selbst bei vollst\u00e4ndiger Finsterniss erf\u00fcllt, sehr deutlich vom Schwarz des Gr\u00fcndes unterst-hei de t, auf dem es erscheint.\nBei keinem der anderen Sinne ist der sog. Ruhezustand der specifischen Ner-vensubstanz verkn\u00fcpft mit irgend einer positiven Empfindung von gleichem Modus, aber anderer Qualit\u00e4t, wie der Erregungszustand derselben. Es ist dies eine Eigenth\u00fcmlichkeit, welche dem h\u00f6chsten unserer Sinne ausschliesslich zukommt.\nSelbst die Stille, die der Abwesenheit aller Erregung im akustischen Nervensystem entspricht, macht sich niemals als eine positive, mit irgend einer Schallqualit\u00e4t auch nur entfernt vergleichbare Empfindung geltend, sondern immer nur als Negation aller Geh\u00f6rsempfindung; doch haben wir wenigstens noch ein Wort f\u00fcr dieselbe, w\u00e4hrend f\u00fcr den Ruhezustand der specifischen NerveuSysteme des Geruchs \u2014 Geschmacks \u2014 und Tastsinnes auch bezeichnende positive Worte fehlen.\nNach dieser Auseinandersetzung erscheint es mir einleuchtend, dass jede Gesichts-Empfindung, insofern sie nicht dem Maximum der Erregung der ganzen und vollen Th\u00e4tigkeit der Sehsinnsubstanz intensivstes, reinstes Weiss entspricht, \u2014 einerlei ob der active Bruchtheil der Th\u00e4tigkeit , wie sich Schopenhauer ausdriicken w\u00fcrde, ein qualitativer oder ein blos quantitativer ist \u2014 oder, wie wir sagen, durch eine theilweise, gleichm\u00e4ssig o de r un-gleichm\u00e4ssig starke, gleichzeitige Erregung jeder einzelnen der drei Fasergattungen hervorgerufen wird, \u2014\u2022 nothwendig auch einen gewissen Grad von Dunkelheit haben muss, weil das Complement, welches den activen Bruchtheil zur vollen und ganzen Th\u00e4tigkeit der Retina erg\u00e4nzen w\u00fcrde, unerregt geblieben ist und es thats\u00e4chlieh eine ausschliessliche Eigenth\u00fcmlichkeit der Sehsinnsubstanz ist, dass auch ihr sog. Ruhestand als positive Empfindungsqualit\u00e4t zum Bewusstsein kommt. In dieser ganzen Auffassung liegt nicht etwa ein Zur\u00fcckgehen auf die Aristotelische A orstellung, dass die Farbe durch eine Mischung von Schwarz und Weis\u00bb entstehe, sondern es liegt in ihr nur eine einfache Erkl\u00e4rung, warum \u00fcberhaupt in jeder Gesichtsempfindung, welche nicht reinstes und intensivstes Weiss ist, ein gewisser Grad von Dunkelheit wahrgenommen wird; und warum namentlich in jeder Farbe, als solcher, ganz abgesehen von ihrer zuf\u00e4lligen quantitativen Abstufung, stets noch ein ganz bestimmtes Quantum von wesentlicher Dunkelheit enthalten sein m\u00fcsse. \u2014 Vgl. die folgende Anmerkung.","page":814},{"file":"p0815.txt","language":"de","ocr_de":"lieber Schopenhauer's Theorie der Farbe.\n815\ngleich beibehalten; und dieser kann wiederum ganz activ, oder ganz ruhend, oder zwischen beiden, d. h. intensiv theilweis th\u00e4tig sein. Nach Maassgabe hiervon nun wird alsdann die Farbe, statt in ihrer vollen Energie, sich blass, oder auch schw\u00e4rzlich, in vielen Abstufungen zeigen.\u00ab\n\u00bbMan sieht leicht ein, dass in diesem Falle eine Vereinigung der intensiven Theilung der Th\u00e4tigkeit der Retina mit der qualitativen Statt hat. Am anschaulichsten wird dieses dadurch, dass, wenn man eine durch ein ihr unwesentliches Schwarz verdunkelte und geschw\u00e4chte Farbe betrachtet, ihr darauf als Spectrum sich zeigendes Complement um eben so viel Bl\u00e4sse geschw\u00e4cht erscheint. Wenn man eine Farbe lebhaft, energisch, brennend nennt, so bedeutet dies, dem Gesagten zufolge, dass bei ihrer Gegenwart die ganze Th\u00e4tigkeit des Auges sich rein theile, ohne dass ein ungeteilter Rest \u00fcbrig bleibe\u00ab1 .\n1 Was Schopenhauer hier meint, und durch den qualitativ ungeteilten Rest der Th\u00e4tigkeit der Retina, der aber zugleich in verschiedenem Verh\u00e4ltniss intensiv geteilt sein kann, erkl\u00e4rt, nennt man heute : Far bent on, S\u00e4ttigung und Helligkeit, welche drei Gr\u00f6ssen das Bewusstsein in jeder Farbenempfindung unterscheidet.\nEs kann auch hier Niemand verkennen, dass wir namentlich auf die Frage : wann die Intensit\u00e4t und S\u00e4ttigung einer Farbe am allergr\u00f6ssten sein wird? heute noch keine k\u00fcrzer und allgemeiner formulirte physiologische Antwort geben k\u00f6nnen, als die , welche Schopenhauer im obigen ausgesprochen hat, n\u00e4mlich: dann, wenn die qualitative Theilung der Th\u00e4tigkeit der Retina ohne Rest stattfindet; \u2014 nur k\u00f6nnen wir noch hinzuf\u00fcgen, dass dieser Fall nur dann eintreten wird, wenn die maximale Erregung einer der drei Fasergattungen allein, mit Ausschluss der zwei anderen, oder je zweier Fasergattungen zusammen von denen wenigstens die eine in maximo erregt sein muss; , ohne gleichzeitige Erregung der dritten vorhanden w\u00e4re, wobei denn in der That die Theilung der Th\u00e4tigkeit der Retina so rein und vollst\u00e4ndig sein w\u00fcrde, dass das als Farbe erscheinende Hervortreten der einen H\u00e4lfte, keine Spur von Weiss ;d. i. gleichzeitige und gleichstarke Erregung aller drei Fasergattungen) als qualitativ ungetlieilten Rest offenbaren, und auch nur so viel wesentliche Dunkelheit enthalten kann, als der anderen unerregt zur\u00fcckgebliebenen complement\u00e4ren H\u00e4lfte entspricht. Dieser Fall bezieht sich auf die Hervorbringung der reinsten, ges\u00e4ttigtesten Urempfindungen der Farben und wird bekanntlich dadurch ann\u00e4hernd realisirt, dass man dem Auge eine Spectral-farbe darbietet, f\u00fcr deren Complement die Retina vorher erm\u00fcdet worden ist, was Schopenhauer, beil\u00e4ufig gesagt, f\u00fcr ganz unm\u00f6glich h\u00e4lt, indem er die so wichtigen Erm\u00fcdungserscheinungen nur im Erscheinungskreise der vollen Th\u00e4tigkeit der Retina kennt und anerkennt. In allen \u00fcbrigen F\u00e4llen von Bipartition wird und muss hingegen immer ein qualitativ ungetheilter Rest \u00fcbrig bleiben und sich in der bewirkten Empfindung mit und nebst dem hervortretenden Farbeu-ton besonders geltend machen, denn dann sind stets alle diei 1 asergattungen im","page":815},{"file":"p0816.txt","language":"de","ocr_de":"816\nUeber Schopenhauer's Theorie der Farbe.\nHiermit glaube ich den brauchbaren und originellen Kern aus der Schopenhauer eigenth\u00fcmlichen Farbentheorie herausgesch\u00e4lt und gew\u00fcrdigt zu haben \u2014 einer eminent physiologischen Farbentheorie , die unverkennbar mit unseren heutigen, in ihrem Detail und ihrer Exactheit allerdings ungleich h\u00f6her entwickelten Anschau-\nVerh\u00e4ltniss dreier verschieden langer Linien (f\u00f6n denen zwei auch gleich lang sein k\u00f6nnen; erregt oder unth\u00e4tig, und dies kann offenbar so aufgefasst werden, als w\u00e4ren alle drei Fasergattungen im Maasse der kleinsten Linie gleich stark, entweder erregt oder unth\u00e4tig (qualitativ ungetheilter Lest; , w\u00e4hrend eine oder zwei der Fasergattungen einen noch gr\u00f6sseren \u2014 und zwar gr\u00f6sser in jenem Maasse, um welches die zwei letzten Linien l\u00e4nger sind, als die erste kleinste), \u2014 Grad oder Uebersclmss an Erregung oder Unth\u00e4tigkeit (rein qualitativer An-tlieil der H\u00e4lften) bes\u00e4ssen.\nDer qualitativ ungetheilte Rest liegt dann nothwendig entweder ganz in der unerregt, als Complement zur\u00fcckbleibenden, oder ganz in der als Farbe hervortretenden H\u00e4lfte der vollen Th\u00e4tigkeit der Retina, oder endlich zum Th eil in der einen zum Theil in der anderen, also an beide H\u00e4lften in verschiedener Menge vertheilt.\n1.\tIm ersten Falle ist er ganz unerregt und summirt sich als unwesentliche Dunkelheit oder Schwarz des Complements zu der wesentlichen Dunkelheit desselben, und diese Summe mischt sich in die bewirkte Empfindung.\nDies tritt ein, wenn eine oder zwei der Fasergattungen erregt sind \u2014 aber ni cht im Maximum, die anderen aber \u00fcberhaupt gar nicht.\n2.\tIm zweiten Falle ist der ungetheilte Rest ganz activ und mischt sich als reines Weiss in die bewirkte Farbenempfindung. Dies erfolgt, wenn von den s\u00e4mmtlichen gleichzeitig und verschieden stark erregten drei Fasergattungen eine oder zwei derselben im Maximum der Erregung sich befinden. Die Dunkelheit des bewirkten unges\u00e4ttigten, weisslichen Farbentons entspricht dann nur dem wesentlich unerregt gebliebenen Antheil der einen oder der zwei nur tlieil-weise erregten Fasergattungen des Complements.\n3.\tIm dritten Falle endlich ist der ungetheilte Rest intensiv getheilt und mischt sich als mehr oder weniger weissliches Grau in die Empfindung, \u2014 was dann geschehen muss, wenn alle drei Fasergattungen gleichzeitig und ungleich stark erregt sind, aber keine derselben das Erregungs-Maximum erreicht.\nF\u00fcr die unmittelbare Empfindung erscheinen S\u00e4ttigung und Helligkeit in der That als Mischungen eines bestimmten Farbentons mit verschiedenen Mengen von Weiss und Schwarz (weil Dunkelheit oder Schwarz eben eine positive Empfindungsqualit\u00e4t ist, vergleiche Anmerkung 2, Seite S13) wdihrend f\u00fcr die heutige mathematisch-mechanische Behandlung der Farbenempfindungen nat\u00fcrlich S\u00e4ttigung und Farbenton nur auf die Intensit\u00e4t der Empfindung oder die Erregungsquantit\u00e4ten der drei Fasergattungen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, wobei man sich zu erinnern hat, dass die St\u00e4rke der Lichtempfindung nicht allein von der lebendigenKraft der Aetherschwingungen abh\u00e4ngt, sondern auch von der Schwingungsdauer derselben, und dass die Empfindungsst\u00e4rke fiir verschiedenartiges Lieht eine verschiedene Function der Lichtst\u00e4rke ist. (Helmholtz, Phys. Optik, S. 317.;","page":816},{"file":"p0817.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber Schopenhauers Theorie der Farbe.\n817\nungen, hinsichtlich gewisser Hauptz\u00fcge nnd deren allgemeinster Formulirung, in wahrhaft wunderbarer Weise \u00fcbereinstimmt, was um so staunenswertlier und unerwarteter erscheinen muss, als ihr Autor niemals aus der unzurechnungsf\u00e4higen, absoluten Opposition gegen den Newtonismus und gegen die exacte naturwissenschaftliche Methode \u00fcberhaupt herausgekommen war, und nur ein h\u00f6chst d\u00fcrftiges und beschr\u00e4nktes empirisches Material \u2014 die Nachbilder \u2014 noch dazu ganz einseitig bearbeitet hatte. Und wenn auch Young\u2019s wirklich epochemachende Hypothese, welche die moderne Farbenlehre aus-schliesslich begr\u00fcndet hat, schon 14 Jahre vor dem Erscheinen der Schopenhauer sehen Theorie gedruckt zu lesen war, so bleibt es doch Schopenhauer\u2019s Verdienst, in der Farbenlehre einen ganz neuen und an sich richtigen Weg eingeschlagen, und durch seine physiologische Theorie die allgemeinste und wesentlichste Grundlage jeder wahren Farbenlehre aufgefunden zu haben \u2014 und desshalb muss Schopenhauer\u2019s Theorie, obschon sie erst nach der YouNG\u2019schen erschien, und niemals eine Bedeutung und Wirksamkeit erlangte, mindestens als eine so Zusagen philosophische Anticipation unserer heutigen Anschauungen betrachtet werden. Ich setze noch eine diesbez\u00fcgliche Stelle her, in welcher sich Schopenhauer klar hier\u00fcber ausspricht (S. 66 : \u00bbWir haben bisher die Farben in ihrer engsten Bedeutung betrachtet, n\u00e4mlich als Zust\u00e4nde, Affectionen des Auges. Diese Betrachtung ist der erste und wesentlichste Th eil der Farbenlehre, die Farbenlehre im engsten Sinne, welche, als solche allen ferneren Untersuchungen der Farbe zum Grunde liegen muss, und mit der sie stets in Uebereinstimmung bleiben m\u00fcssen. An diesen ersten Theil hat sich als der zweite zu schliessen die Betrachtung der Ursachen, welche von aussen als Beize auf das Auge wirkend, nicht wie das reine Licht oder das Weisse die ungetheilte Th\u00e4tigkeit der lietina, in st\u00e4rkerem oder schw\u00e4cherem Grade, sondern immer nur eine qualitative H\u00e4lfte derselben hervorrufen.\u00ab \u2014\nVon dem Momente an, wo sich Schopenhauer der Aufsuchung der \u00e4usseren Ursache zuwendet, verf\u00e4llt er, wie gesagt, ganz und gar der physikalisch v\u00f6llig sinnlosen GoEi iiE'schen Lehre, gegen welche er jedoch die Herstellbarkeit des Weissen aus Farben 1 nat\u00fcrlich auf-\n1 Diesem Gegenst\u00e4nde widmet Schopenhauer \u00a7 10 seiner Schrift. Daselbst liest man mit wahrem Vergn\u00fcgen den treffenden Passus (S. 43\u201444) : \u00bbDie Herstellung des Weissen ans zwei Farben beruht, unserer Theorie zu Folge, einzig und allein auf physiologischem Grunde, n\u00e4mlich darauf, dass es zwei Farben seien, in welche die Th\u00e4tigkeit der Retina auseinandergetreten ist, also ein physiologisches Farbenpaar, in welchem Sinne allein und ausschliesslich sie Erg\u00e4nzung\u00ab-\nCzermak, Schriften.\t52","page":817},{"file":"p0818.txt","language":"de","ocr_de":"81S\nlieber Schopenhauer\u2019s Theorie der Farbe.\nrecht erhalten muss, \u2014 und dein schrankenlosesten Furor Antinewte-nicus, was um so unverzeihlicher ist, als Schopenhauer die ganze Entwickelung der exacten Physik des Lichtes, ja sogar die ersten vorl\u00e4ufigen Anf\u00e4nge der Spectral-Analyse noch seihst miterlebte.\nf\u00e4rben zu nennen sind. Solche zwei Farben m\u00fcssen zur Herstellung des Weissen aus ihnen, ganz eigentlich wieder vereinigt werden, und zwar auf der Retina selbst, also dadurch, dass die beiden gesonderten H\u00e4lften der Th\u00e4tigkeit dieser, zugleich angeregt werden, woraus dann ihre volle Th\u00e4tigkeit, das \\Ywisse, sich herstellt. Dies aber kann nur dadurch geschehen, dass die zwei \u00e4ussern Ursachen, jede von welchen im Auge die Erg\u00e4nzungsfarbe der anderen erregt, einmal zugleich und doch gesondert auf eine und dieselbe Stelle der Retina wirken: Dies nun wieder ist nur unter besonderen Umst\u00e4nden und Bedingungen m\u00f6glich. Zun\u00e4chst kann es nicht da du r c h ge s ch eben, dass m an zwei c h emi sc he Farben zusammenmischt: denn diese wirken alsdann zwar im Verein, aber nicht gesondert.\u00ab\nAuch den meisten der weiterhin von Schopenhauer angef\u00fchrten Beispiele f\u00fcr die Herstellung des Weissen aus Farben, und der Zur\u00fcckweisung der unbe\u00bb greiflichen Goethe\u2019sehen Opposition gegen diese evidenten Facta, wird man seine Zustimmung so wenig versagen, als der Conclusion (S. 48) : \u00bbDie angef\u00fchrten Beispiele m\u00f6gen hinreichen zur Best\u00e4tigung dessen, was aus meiner Theorie noth\u00bb wendig folgt, dass aus zwei entgegengesetzten Farben das Weisse allerdings herzustellen ist : sobald man es nur so anzustellen weiss, dass die beiden \u00e4ussern erregenden Ursachen zweier Erg\u00e4nzungsfarben, ohne sich selbst direct zu vermischen z\u00fcgle ic li auf dieselbe Stelle der Retina wirken. Diese Herstellung nun aber ist ein schlagender Beweis der Wahrheit meiner Theorie.\u00ab\nDagegen muss es jeden Kundigen wie ein Kampf gegen Windm\u00fchlen an-uiutben, wenn Schopenhauer unmittelbar fortf\u00e4hrt (S. 48 : \u00bbDas Factum selbst wird nirgends gel\u00e4ugnet; aber die wahre Ursache wird nicht begriffen ; sondern man legt demselben, und zugleich der Thatsache des physiologischen Farbenspee-trums, in Gem\u00e4ssheit der NEwxox\u2019sehen Pseudotheorie, eine ganz falsche Auslegung unter. Ersteres n\u00e4mlich soll, wie bekannt, auf dem Wiederzusammenkommen der sieben homogenen Lichter beruhen ; davon weiterhin: f\u00fcr das physiologische Spectrum aber gilt noch immer die Erkl\u00e4rung, welche bald nach der Entdeckung desselben durch Buffox , der Pater Scherffer gegeben hat . . . 1761 < Sie gebt dahin , dass das Auge , durch l\u00e4ngeres Anschauen einer Farbe erm\u00fcdet, f\u00fcr diese Sorte homogener Lichtstrahlen die Empf\u00e4nglichkeit verloren; daher es dann ein gleich darauf angeschautes Weiss nur mit Ausschluss eben jener homogenen Lichtstrahlen empf\u00e4nde, wesshalb es dasselbe nicht mehr weiss sehen, sondern statt dessen ein Product der \u00fcbrigen homogenen Strahlen, die mit jener ersten Farbe zusammen das Weisse ausmachen, empf\u00e4nde : dieses Product nun also soll die als physiologisches Spectrum erscheinende Farbe sein. Diese Auslegung der Sache l\u00e4sst sich aber ex suppositis als absurd erkennen. Denn nach angeschautem Violett erblickt das Auge auf einer weissen Fl\u00e4che ein gelbes Spectrum. Dieses Gelb m\u00fcsste nun das Product der, nach Ausscheidung des Violetten \u00fcbrig bleibenden sechs homogenen Lichter, also aus Roth, Orange, Gelb, Gr\u00fcn, Blau und Indigoblau zusammengesetzt sein : daraus Gelb zu brauen probire man !\u00ab","page":818},{"file":"p0819.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber Schopenhauer s Theorie der Farbe.\n819\nVon jenem Moment an verliert Schopenhauer selbstverst\u00e4ndlich alle und j ede Bedeutung auf dem Gebiete der Farbenlehre. \u2014 aber so sehr man auch sein Radotiren in physikalischer Richtung vernrthei-len muss, und so wenig man vergessen darf, dass unsere heutige Farbentheorie , der Zeit und der Sache nach, nicht auf Schopenhauer 1816:, sondern bis auf den erstaunlichen Thomas Young 0802) und schliesslich mittelbar Iris auf Newton selbst zur\u00fcckzuf\u00fchren und zu-riickzudatiren ist ; so vermag diess Alles doch nicht Schopenhauer s wirkliches Verdienst zu schm\u00e4lern, welches ich nachgewiesen zu haben glaube, und welches ihm unzweifelhaft einen bleibenden Ehrenplatz in jeder vollst\u00e4ndigen Geschichte der Farbenlehre sichert.\nZwar hat Schopenhauer nicht Unrecht, gegen die SCHERFFEB\u2019sche Erkl\u00e4rung hervorzuheben :S. 50) \u00bbdass das physiologische Farbenspectrum nicht allein auf einem weissen Grillade gesehen wird, sondern auch vollkommen gut und deutlich auf einem v\u00f6llig schwarzen Grunde, ja sogar mit geschlossenen und noch dazu mit der Hand bedeckten Augen;\u00bb aber dies berechtigt ihn noch nicht die Erm\u00fcdbarkeit der Retina durch und f\u00fcr einzelne Farbenemptindungen zu liiugnen. Und wenn nun Schopenhauer schliesslich erkl\u00e4rt (S, 51;: \u00bbAlles hier angef\u00fchrte beweist unwiderleglich, dass das physiologische Spectrum aus der selbsteigenen Kraft der Retina erzeugt wird, zur Action derselben geh\u00f6rt, nicht aber ein durch Erm\u00fcdung derselben mangelhaft und verk\u00fcmmert ausfallender Eindruck einer weissen Fl\u00e4che ist. Ich musste aber diese ScHERFFER\u2019sche Auslegung gr\u00fcndlich widerlegen; weil sie, bei den Newtonianern, noch in Geltung stellt\u00ab . . .und auf ihr \u00bbdie ganze Lehre von den compl ement\u00e4ren Farben aller heutigen Physiker und all ihr Gerede dar\u00fcber\u00ab beruht. \u00bbAls wahre Incurable verstehen sie die Sache noch immer objectiv, im NEWTOK\u2019schen Sinne : demgem\u00e4ss bezieht ihr h\u00e4ufig erw\u00e4hntes Complement sich immer nur auf. das NEWTOx\u2019sclie Spectrum von sieben Farben und bedeutet einen Theil dieser, getrennt von den \u00fcbrigen, die dadurch erg\u00e4nzt werden zum weissen Lichte als der Summe aller homogenen Lichter; . . . diese Auffassung der Sache ist aber grundfalsch und absurd; und dass sie 44 Jahre nach Goethe s Farbenlehre und 40 Jahre nach dieser meiner Theorie noch in vollem Ansehen steht und der Jugend aufgebunden wird, ist unverzeihlich ;\u00ab \u2014 so ersieht man daraus nur, wie kl\u00e4glich es mit Schopenhauers Wissen von den so \u00fcberaus complicirten Erscheinungen der Nachbilder und von den gr\u00fcndlichen Arbeiten eines Fechner (1838), noch im Jahre 1854 (!) bestellt war, und bis wohin er sich durch sein g\u00e4nzliches Missverstehen derNEWTON-schen Lehre (s. die oben citirte \u00bbDefinition\u00ab aus Newton\u2019s Optics) treiben liess !\n52*","page":819}],"identifier":"lit16209","issued":"1879","language":"de","pages":"803-819","startpages":"803","title":"Ueber Schopenhauer's Theorie der Farbe: Ein Beitrag zur Geschichte der Farbenlehre","type":"Book Section","volume":"1(2)"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T15:46:23.418093+00:00"}

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