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Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren

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{"created":"2022-01-31T14:39:13.993421+00:00","id":"lit16211","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften, Erster Band, II. Abtheilung, Wissenschaftliche Abhandlungen, 836-850. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0836.txt","language":"de","ocr_de":"LX Y.\nNachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei\nThieren.\n[Wiener akademische Sitzungsberichte LXYI. B\u00e4. I87Z.J\nDie zuf\u00e4llige Veranlassung zu den nachfolgend mitgetheilten Beobachtungen und Versuchen \u00fcber die, zum Theil l\u00e4ngst bekannten, aber noch niemals n\u00e4her gew\u00fcrdigten, h\u00f6chst interessanten und auffallenden neuro-physiologischen Thatsachen war f\u00fcr mich die gelegentlich erhaltene Notiz \u00fcber ein sehr sonderbares Verhalten des gew\u00f6hnlichen Flusskrebses.\nDiese Notiz bestand in der Mittheilung eines einfachen Verfahrens, Krebse zu \u2014 \u00bbmagnetisiren\u00ab !\nMan halte, so hiess es, den Krebs mit der einen Hand fest und mit der anderen f\u00fchre man \u00bbmagnetische\u00ab Striche vom Schwanz gegen den Kopf, indem man beim Streichen in der angegebenen Richtung die Fingerspitzen dem R\u00fccken des Thieres bis auf etwa 14 Zoll \u2014 jede Ber\u00fchrung sorgf\u00e4ltig vermeidend \u2014 n\u00e4here, beim Zur\u00fcckf\u00fchren der Hand aber einen weiten Bogen beschreibe.\nLTnter dieser Manipulation werde der Krebs nach kurzer Zeit ruhig und lasse sieh dann senkrecht auf den Kopf stellen, wobei ihm der Nasenstachel und die beiden einw\u00e4rts geschlagenen Scheeren als Unterst\u00fctzungspunkte dienten.\nIn dieser absonderlichen und unnat\u00fcrlichen Stellung verharre das Thier nun regungslos, bis man es durch entgegengesetzte, vom Kopf- gegen das Schwanzende gerichtete Luftstriche \u2014 \u00bbentmagneti-sire\u00ab, worauf es sich wieder zu bewegen anfange, das Gleichgewicht verliere, umschlage und zu entfliehen suche !\nDa mir mein Berichterstatter als ein ruhiger, besonnener und v\u00f6llig glaubw\u00fcrdiger Charakter bekannt war und ernsthaft versicherte, diese ganze wunderliche Sache nicht nur oft mit angesehen, sondern","page":836},{"file":"p0837.txt","language":"de","ocr_de":"Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen hei Thieren.\n837\nauch s e 1 b s t mit Erfolg versucht zu haben, so konnte ich nicht einen Augenblick zweifeln, dass es sich hierbei um eine Thatsache \u2014 wenn auch nur um eine \u00bbungenau beobachtete Thatsache\u00ab handle.\nDenn, dass Krebse sich h\u00e4tten auf den Kopf stellen lassen nnd regungslos in dieser Stellung verblieben w\u00e4ren, nachdem sie in der beschriebenen Weise \u00bbgestrichen\u00ab worden waren, war gewiss eine wirkliche Thatsache, da mein Berichterstatter mit seinem Zeugniss daf\u00fcr einstand, \u2014 und auffallend und interessant genug, um n\u00e4her untersucht zu werden.\nIch stellte daher bei n\u00e4chster Gelegenheit diesen Versuch an und \u00fcberzeugte mich in der That von der vollkommenen Richtigkeit der gemachten Angaben, \u2014 allein ich fand weiter auch sofort, dass der Hokuspokus mit den sogenannten \u00bbmagnetisirenden\u00ab und \u00bbentmagneti-sirenden\u00ab Luftstrichen selbstverst\u00e4ndlich v\u00f6llig entbehrlich ist. und dass die Krebse sowohl ohne weiteres regungslos auf dem Kopfe stehen bleiben, wenn man sie trotz ihres anf\u00e4nglichen Widerstrebens in diese gezwungene Stellung bringt und so lange festh\u00e4lt, bis sie sich v\u00f6llig beruhigt haben, was bald genug geschieht, \u2014 als auch von selbst wieder erwachen und ans ihrer unnat\u00fcrlichen Situation sich befreien, nachdem sie minutenlang \u2014 wie schlafend \u2014 in derselben ausgeliarrt hatten !\nEbenso werden Krebse alsbald in den Zustand der Regungslosigkeit versetzt, aus dem sie erst nach l\u00e4ngerer oder k\u00fcrzerer Zeit von selbst oder auf heftigere Reize erwachen, wenn man sie in beliebigen, selbst unnat\u00fcrlichen Stellungen und Lagen, statt mit den Fingern durch irgend welche mechanische Zwangsmittel Bindfaden, Holzzwinge . welche ihre anf\u00e4nglichen Widerstandsbestrebungen vereiteln, festhalten l\u00e4sst.\nJa, legt man einen Krebs einfach auf den R\u00fccken, so geschieht es h\u00e4ufig genug, dass er sich einige Zeit erfolglos abarbeitet, um sich umzudrehen : die Schwere h\u00e4lt den Ungeschickten unerbittlich fest \u2014 und alsbald bleibt er regungslos in der gezwungenen, unnat\u00fcrlichen Stellung liegen, um erst nach langer Zeit seine Bem\u00fchungen wieder aufzunehmen. Endlich macht bekanntlich auch ein Krebs, der v\u00f6llig unbehelligt seines Weges zieht, zuweilen Halt und bleibt regungslos \u2014 minutenlang \u2014 liegen, bevor er sich weiter bewegt.\nAlso auch ein ganz unbel\u00e4stigter Krebs kann in den Zustand \\ eiliger Regungslosigkeit verfallen, wie unsere Versucksthiere.\nAllein d a r u m d\u00fcrften die ihres mysteri\u00f6sen Charakters allerdings v\u00f6llig entkleideten Versuche und Beobachtungen doch noch nicht alles","page":837},{"file":"p0838.txt","language":"de","ocr_de":"S38 Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren.\nInteresse verlieren, denn es waltet hierbei der grosse zweifache Unterschied ob, dass erstens die Regungslosigkeit hei unseren Versuchstieren durch unsere Veranstaltungen k\u00fcnstlich und willk\u00fcrlich hervorgerufen wird, w\u00e4hrend der unbehelligte Krebs von selbst und ohne nachweisbare Veranlassung in Regungslosigkeit verf\u00e4llt, und zweitens, dass die Versuchstiere regungslos bleiben, und zwar auffallend lange, trotzdem sie in Folge ihrer oft h\u00f6chst unnat\u00fcrlichen und gezwungenen Stellungen und Lagen einem fortw\u00e4hrenden m\u00e4chtigen Anreiz zur Bewegung ausgesetzt sind, und sich daher ganz bestimmt nicht in einem v\u00f6llig wachen und normalen Zustand und Grade der Erregbarkeit und Functionsf\u00e4higkeit ihres Nervensystems befinden, w\u00e4hrend der unbehelligte Krebs augenscheinlich gar keinem Anreiz zur Bewegung ausgesetzt ist und daher trotz seiner Regungslosigkeit die volle normale Leistungsf\u00e4higkeit seiner Nerven-Centra und Fasern immerhin noch besitzen kann, obschon sich freilich nicht entscheiden l\u00e4sst, oh er nur kein Motiv zur Bewegung habe, oder oh er sich nicht etwa auch in einem abnormen oder schlafartigen Zustande befinde.\nJedenfalls kann es nach diesen meinen Beobachtungen als eine neue und auffallende Thatsache registrirt werden, dass Krebse \u2014 wenigstens im Sp\u00e4therbst und Winter, wo ihre Lebensgeister vielleicht mehr als zu anderen Jahreszeiten herabgestimmt sein m\u00f6gen \u2014 die merkw\u00fcrdige Eigenschaft besitzen, die dem v\u00f6llig-wachen Zustande entsprechende normale Functionsf\u00e4higkeit ihres Nervensystems, selbst in den unnat\u00fcrlichsten Lagen und Stellungen, welche die Quelle ununterbrochener Bew egnngsanreize sind, zu verlieren, sobald sie trotz ihres Widerstrebens, v erh\u00e4lt ni ss~ m\u00e4ssig kurze Zeit bezwungen und festgehalten werden.\nOh es sich hierbei um eine Art von \u00bbReflex-Hemmung\u00ab in Folge des Eindruckes der Ber\u00fchrung und des Zwanges, welchem die Versuchsthiere ausgesetzt sind, oder aber um einfache Erm\u00fcdungserscheinungen, oder vielleicht schlaf\u00e4hnliche Zust\u00e4nde handelt, welche bei Krebsen \u00fcberhaupt und unter allen Umst\u00e4nden eintreten, wenn sie eine Zeit lang wach und th\u00e4tig waren \u2014 das m\u00fcssen weitere Untersuchungen entscheiden.\nEinmal angeregt durch die eben mitgetheilten Versuche und Beobachtungen. zu welchen jene Notiz \u00fcber das sogenannte \u00bbMagnetisi-ren\u00ab der Krebse die Veranlassung gegeben hatte, erinnerte ich mich sogleich \u00e4hnlicher \u00bbungenau beobachteter\u00ab Thatsachen von k\u00fcnstlich hervorrufbarer Regungslosigkeit bei V\u00f6geln, welche ich vom H\u00f6ren-","page":838},{"file":"p0839.txt","language":"de","ocr_de":"Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren.\tS39\nsagen kannte, ohne jemals Gelegenheit gehabt zu haben, selbst Zeuge derselben zu sein, und beschloss daher, mich mit diesem wunderlichen Gegenst\u00e4nde zu besch\u00e4ftigen. Ich fand nun sogleich, dass es ganz wahr und richtig ist, was man so oft erz\u00e4hlen und von Augenzeugen versichern h\u00f6ren kann, dass ganz wilde scheue H\u00fchner, die man eben erst mit M\u00fche eingefangen und festgehalten habe, alsbald ganz frei gelassen werden k\u00f6nnten, nachdem man auf dem Fussboden oder der Tischplatte, wo sie in oft ganz unbequemer Bauch- oder .Seitenlage einige Zeit niedergehalten worden waren, einen geraden Kreidestrich in der Verl\u00e4ngerung des Schnabels oder in querer Richtung von jedem Auge aus hingemalt h\u00e4tte, \u2014 ohne dass sie den geringsten Versuch machten, sich zu bewegen oder gar zu entfliehen !\nIch gestehe, dass ich von sprachlosem Staunen ergriffen war, als ich diesen interessanten Versuch das erste Mal, und zwar gleich mit dem eclatantesten Erfolge anstellte, denn das Huhn blieb nicht nur minutenlang, heftig athmend, sonst aber v\u00f6llig regungslos in seiner unbequemen und gezwungenen Stellung liegen, sondern machte auch nicht den geringsten Versuch zu entfliehen, als ich es wiederholt, obschon nicht allzu gewaltsam aufzuscheuchen suchte ! Nach einiger Zeit kam es von selbst zu sich und entfloh.\nEs war klar, das Huhn hatte unter den anscheinend so sinnlosen und gleichg\u00fcltigen Veranstaltungen des nur kurze Zeit in Anspruch nehmenden B\u00e4ndigens und Niederhaltens und des Kreidestrichziehens die volle normale Functionsth\u00e4tigkeit seines Nervensystems verloren, und war thats\u00e4chlieh in einen f\u00fcr l\u00e4ngere oder k\u00fcrzere Zeit andauernden eigenth\u00fcmlichen Zustand von Benommenheit versetzt worden, der sich durch eine mehr oder weniger vollst\u00e4ndige Suspension seiner Intelligenz oder seines Willens eharakterisirte !\nEs galt nun, den urs\u00e4chlichen Zusammenhang dieser \u00fcberraschenden Erscheinungen zu ermitteln, um nicht bei einer \u00bbungenau beobachteten\u00ab Thatsache stehen zu bleiben, wie der alte Athanasius Kikchkr, der bekannte Polyhistor und Jesuit aus Fulda, welcher diese mysteri\u00f6se Geschichte bereits in seiner 1046 erschienenen \u00bbArs magna lucis et umbrae\u00ab, Lib. II, S. 154 erw\u00e4hnt und aus der Wirkung des Kreide-striehes auf die Einbildungskraft des Huhns erkl\u00e4rt.\nKircher stellte n\u00e4mlich den Versuch, welchen er a. a. 0. als \u00bbexperiinentum mirabile\u00ab beschreibt und sehr charakteristisch durch einen naiv - kr\u00e4ftigen Holzschnitt illustrirt, folgendermassen an. Er schn\u00fcrte zuerst die F\u00fcsse des Huhnes vermittelst eines schmalen Bandes zusammen, und legte das Thier so gefesselt auf den Boden, wo es","page":839},{"file":"p0840.txt","language":"de","ocr_de":"840\nNachweis echter hypnotischer Erscheinungen hei Thieren.\nsich nach l\u00e4nger oder k\u00fcrzer andauerndem Geschrei und Umsichschla-gen endlich beruhigte \u2014 \u00bbwie. wenn es\u00ab, sagt er. \u00bbbei der Fruchtlosigkeit seiner Bem\u00fchungen, an der Flucht verzweifelnd, sich der Willk\u00fcr des Siegers preisg\u00e4be\u00ab.\nDarauf zog Kiuciiki; in querer Richtung von jedem Auge aus einen geraden Kreidestrich auf den Boden hin. l\u00f6ste das fesselnde Band von den F\u00fcssen. und sah nun das Huhn, welches jetzt ganz frei und unbehindert war. regungslos liegen bleiben \u2014 selbst wenn er es aufzuscheuchen suchte.\nDesshalb ^berichtet Kircher, dass der Kreidestrich von dem Tliiere. in Folge der \u00fcberaus lebhaften \u00bbImagination\u00ab, deren sich besonders die H\u00fchner erfreuten, f\u00fcr ein Band gehalten werde, vermittelst welches es gefesselt sei, wie vorher an den F\u00fcssen, trotzdem diese letzteren bereits aller Bande los und ledig sind.\nDamit li\u00e2t nun Kircher, so genau sein Bericht auch der Wirklichkeit entspricht, etwas berichtet, was sich gar nicht ereignet hat. und seine sonst wahrheitsgetreuen Angaben in jene verh\u00e4ngnissvolle Kategorie der \u00bbungenau beobachteten TlmtsachenJ\u00ab herabgesetzt, welche eine so grosse Rolle in der Geschichte des menschlichen Irrthums spielt.\nWir haben ja bereits gesehen, dass man das Huhn gar nicht erst mit Band zu fesseln, sondern blos mit H\u00e4nden zu halten und niederzudr\u00fccken braucht, bevor und w\u00e4hrend man den Kreidestrich zieht, um es regungslos zu machen: \u2014 wie soll es aber da auf den Gedanken kommen, dass der Kreidestrich ein Band sei. womit cs gefesselt werde, da ihm eine Fesselung mit einem Band \u00fcberhaupt gar nicht widerfahren ist !\nFerner k\u00f6nnte das Thier nicht wohl liegen bleiben, sobald der Kreidestrich weggel\u00f6scht wird \u2014 und doch zeigt, wie ich gefunden habe, die Erfahrung, dass man den Kreidestrich vorsichtig wegl\u00f6schen kann, ohne den Zauber sofort schwinden zu sehen.\nDas k\u00f6nnte freilich auf einer Nachwirkung beruhen, aber ich fand, dass man den Kreidestrich \u00fcberhaupt gar nicht zu ziehen braucht, und der Versuch dennoch gelingt: \u2014 es gen\u00fcgt dazu, das Thier durch einige Zeit einfach festzuhalten und den Hals summt dem Kopfe gerade gestreckt auf die Unterlage mit sanfter Gewalt niederzudr\u00fccken, \u2014 ohne den Kreidestrich hinzu zu zeichnen!\nAuf diese einfache Weise, und ohne allen Kreidestrich, habe ich nicht nur H\u00fchner, sondern auch Euteu, G\u00e4nse, Truth\u00fchner und sogar einmal einen scheuen und sehr ungeberdigen Schwan in jenen eigen-th\u00fcmlichen Zustand der Stupidit\u00e4t und Willenlosigkeit versetzt.","page":840},{"file":"p0841.txt","language":"de","ocr_de":"Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren.\n841\nwelcher es den Thieren f\u00fcr k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Zeit unm\u00f6glich macht, zu entfliehen. oder auch nur ihre oft sehr unbequemen Stellungen und Lagen zu ver\u00e4ndern.\nDieser Zustand dauerte bei H\u00fchnern, an denen ich zumeist expe-rimentirte. mitunter viele Minuten und war gew\u00f6hnlich so intensiv, dass ich die Thiere vorsichtig auf den R\u00fccken w\u00e4lzen konnte. ohne sie hierdurch zu erwecken oder einen Widerstand von ihnen zu erfahren. Dabei verblieb der Kopf , wie von einer unsichtbaren Hand festgehalten, in seiner urspr\u00fcnglichen Orientirung im Raume (den Scheitel nach oben, den Schnabel nach vorn und etwas nach unten . indent sich der Hals entsprechend verdrehte, und von den F\u00fcssen wurde immer der eine mit krampfhaft eingekr\u00fcmmten Zehen hoch emporgezogen. der andere hingegen nach nuten gestreckt : in dieser Attit\u00fcde blieben die H\u00fchner dann noch minutenlang, tief und heftig athmend, und Hie und da mal mit den Augen zwinkernd, sonst aber ganz ruhig liegen \u2014 bis sie endlich von selbst, oder auf eine nachweisliche \u00e4ussere St\u00f6rung hin mehr oder weniger pl\u00f6tzlich zu sich kamen und entflohen.\nMein den Kreidestrich eliminirendes Verfahren des einfachen Niederdr\u00fcckens des gerade gestreckten Halses und Kopfes der, in der Bauch- oder Seitenlage auf der Tischplatte festgehaltenen Thiere erwies sich Lei verschiedenen der genannten Thiergattungen und bei verschiedenen Thierindividuen derselben Gattung, \u2014ja zu verschiedenen Zeiten bei einem und demselben Individuum mehr oder weniger, manchmal wohl auch gar nicht wirksam.\nNichtsdestoweniger dachte ich nat\u00fcrlich zun\u00e4chst daran, dass das wirksame Hauptmoment auch bei der schon von Kircher angegebenen Manipulation zur Hervorrufung jener eigenth\u00fcmliclien Alteration der centralen Nerventh\u00e4tigkeit der H\u00fchner eiten in der gewaltsamen, wenn auch sanften Geradestreckung des Halses und Kopfes und in einer in Folge dessen durch Ausgleichung der nat\u00fcrlichen Kr\u00fcmmungen wahrscheinlicher Weise gesetzten leisen mechanischen Dehnung oder Zerrung und Pressung der centralen Nervensubstanzen, n\u00e4mlich des R\u00fcckenmarkes und gewisser Hirntheile zu suchen sein m\u00fcsse, w\u00e4hrend das Zusammenbinden der Fiisse. sowie das Bezwingen und Festhalten des Thieres, welches niemals ohne einen mehr oder weniger starken und ausgedehnten Eindrnek auf die Hautnerven und die widerstrebenden Muskeln stattfinden kann, \u2014 und dann namentlich auch der Kreidestrich v\u00f6llig ohne alle Bedeutung und Wirkung seien.\nAllein dem ist nicht so. denn ich fand bald, dass der anscheinend ganz bedeutungslose Kreidestrich in der That von \u00fcberraschen-","page":841},{"file":"p0842.txt","language":"de","ocr_de":"S42\nNachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren.\nder Wirksamkeit sei, und eine hervorragende Rolle bei Hervorrufung der merkw\u00fcrdigen Nervenalteration spiele, und ebenso auch die sanfte Gewalt und unvermeidliche Ber\u00fchrung beim Bezwingen und Festhalten der Thiere nicht ganz bedeutungslos sein k\u00f6nne, w\u00e4hrend, im Gegen-theil, die supponirte leise mechanische Dehnung oder Zerrung und Pressung der centralen Nervensubstanzen bei der Geradestreckung des Halses und Kopfes \u2014 wenn sie \u00fcberhaupt wirklich zu Stande kommt \u2014 wohl nichts mit den fraglichen Erscheinungen zu tliun haben d\u00fcrfte.\nMit Bezug auf den letzten Punkt erschien mir schon der Umstand als Fingerzeig, dass es mir durchaus nicht gelingen wollte, Tauben, die, wie die H\u00fchner, in der Bauch- oder Seitenlage festgehalten wurden, durch einfaches Geradstrecken und Niederhalten des Halses und Kopfes regungslos zu machen, obschon doch bei ihnen die gleiche Wahrscheinlichkeit f\u00fcr eine hierdurch bewirkte leise mechanische Alteration gewisser Hirn- und R\u00fcckenmarkstheile vorlag, wie bei den H\u00fchnern, Enten, G\u00e4nsen, Truth\u00fchnern und dem Schwan.\nMit Bezug auf eine Wirksamkeit der sanften Gewalt, welche den widerstrebenden Muskeln angethan wird, indem man die Thiere bezwingt und festh\u00e4lt, und in Bezug auf eine Wirksamkeit des Eindruckes auf die Hautnerven, welcher beim Ber\u00fchren, Festhalten oder Binden der Thiere unvermeidlich ist. sind dagegen die folgenden Versuche und Erfahrungen von Wichtigkeit.\nI. Es ist mir h\u00e4ufig der Fall vorgekommen. dass ein Huhn. welches so eben nach minutenlanger, durch Festhalten in der Bauch- oder Seitenlage und Geradstrecken des Halses und Kopfes hervorgerufener Regungslosigkeit erwacht und entflohen, sofort aber wieder eingefangen worden war. augenblicklich in den wunderbaren lethargischen Zustand zur\u00fcckversetzt werden konnte, indem man das auf seinen F\u00fcssen stehende Thier - seinen Muskelwiderstand mit sanfter Gewalt \u00fcberwindend\u2014 in die hockende Bauchstellung niederdr\u00fcckte. Kopf und Hals waren dabei immer ganz frei und unber\u00fchrt geblieben. Schon w\u00e4hrend des allm\u00e4hlichen sanften Niederdr\u00fcckens beobachtete ich ein merkw\u00fcrdiges Verhalten des Thiere\u00bb. Der Kopf blieb n\u00e4mlich, wie von unsichtbarer Gewalt festgehalten, an seinem Orte im Raume fixirt, indem sich der Hals in dem Masse streckte und verl\u00e4ngerte, als der Rumpf nach unten r\u00fcckte ; \u2014 und als ich das v\u00f6llig niedergeduekte Thier losliess, blieb es minutenlang in dieser sonderbaren Attit\u00fcde starr und regungslos sitzen. Hier war also der fragliche Zustand nur in Folge der Ber\u00fchrung und sanften Gewalt, welcher das Thier ausgesetzt worden war, eingetreten : freilich hatte sich das Thier kurz vorher in demselben Zustand befunden, was eine Geneigtheit zur\u00fcck-","page":842},{"file":"p0843.txt","language":"de","ocr_de":"Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren.\n843\ngelassen haben konnte, bei der geringsten Veranlassung wieder in denselben zu verfallen : dcoh ist nicht zu \u00fcbersehen, dass allerdings das Erwachen aus dem ersten Regungslosigkeitszustand, die Flucht und das Wiedereingefangenwerden dazwischen liegen.\n2. Aehnliche Versuche, wo es sich anscheinend zun\u00e4chst auch n u r um einen Eindruck auf die Hautnerven und um die sanfte Gewalt handelt, welche man den ge\u00e4ngstigten Thieren anthut, indem man sie bezwingt und festh\u00e4lt, habe ich an den verschiedensten kleinen V\u00f6geln, wie Stieglitzen, Zeisigen, Canarienv\u00f6geln, Rothkehlchen u. s. w. angestellt. Mir hat der hiesige Thiergartenbesitzer Herr Geupcl-Wliite mit zuvorkommendster Bereitwilligkeit sein reiches Material an in- und ausl\u00e4ndischen V\u00f6geln zur Disposition gestellt, wof\u00fcr ich ihm hiemit meinen besten Dank \u00f6ffentlich ausspreche.\nBei der Lebhaftigkeit dieser kleinen Gesch\u00f6pfe sind diese Versuche besonders auffallend und \u00fcberraschend.\nVielen Vogelliebhabern ist die Thatsaehe bekannt, dass diese Thierclien k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Zeit regungslos liegen bleiben und keinen Versuch machen zu entfliehen, nachdem man sie einfach mit etwas nach hinten \u00fcbergebeugtem Kopfe sanft auf den R\u00fccken gelegt und kurze Zeit in dieser Lage festgehalten hat und dann ganz frei l\u00e4sst !\nIch stellte den Versuch in der Art an, dass ich den Leib des auf den R\u00fccken gelegten V\u00f6gelchens mit der einen Hand festhielt, w\u00e4hrend ich den etwas nach hinten \u00fcbergebogenen Kopf von beiden Seiten her zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen Hand fasste.\nAber auch in sitzender Stellung, den etwas nach hinten \u00fcbergebogenen Kopf zwischen den an die Ohrgegend angelegten Daumen und Zeigefinger sanft festhaltend, versetzte ich die V\u00f6gelchen in jenen eigenth\u00fcmlichen Zustand der Stupidit\u00e4t und Willenslosigkeit ; dabei behielten sie die Augen oft ganz offen, zuweilen aber schlossen sie^dieselben und jener Zustand ging augenscheinlich in gew\u00f6hnlichen Schlaf \u00fcber.\nIch habe wiederholt gesehen, dass V\u00f6gelchen, die beim Loslassen der haltenden Finger ganz frei mit offenen Augen regungslos sitzen geblieben waren, allm\u00e4hlich die Augen schlossen und einschliefen, das Gleichgewicht verloren, dar\u00fcber momentan erwachten, sich aber wieder zurecht setzten und fortschliefen, bis sie endlich, nach einem Zeitraum von 15 Minuten und mehr seit dem Loslassen und Entfernen der haltenden H\u00e4nde, v\u00f6llig erwachten und fortflogen.\nManchmal habe ich ein V\u00f6gelchen auch nur in einer Hohlhand gehalten und das hervorstehende K\u00f6pfchen mit der Spitze des an die","page":843},{"file":"p0844.txt","language":"de","ocr_de":"844\nNachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren.\nOhr- oder Kieferwinkelgegend desselben angelegten Daumens derselben Hand sanft gegen die B\u00fctte des gekr\u00fcmmten Zeigefingers angedr\u00fcckt und den fraglichen Zustand hervorgerufen , welcher trotz der noch offen gebliebenen Augen so intensiv sein konnte, dass sich das Thierehen aus der ge\u00f6ffneten Hohlhand auf die Tischplatte schieben Hess, und daselbst noch minutent a n g regungslos. aber heftig ath-mend. auf dem R\u00fccken liegen blieb !\nHei allen diesen Versuchen wird nun der fragliche Zustand der Regungslosigkeit, welcher in gew\u00f6hnlichen Schlaf \u00fcbergehen kann, offenbar zun\u00e4chst wieder nur durch die Folgen des Eindruckes hervorgerufen, welchen wir durch die Ber\u00fchrung und sanfte Gewalt des Festhaltens auf die Thiere machen.\n3. Dass die Erregung gewisser Hautnerven durch Druck oder Pressung schon ganz allein im Stande ist, die normale Functionsf\u00e4higkeit bestimmter Th eile des centralen Nervensystems f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit zu alteriren und sogar aufzuheben, zu hemmen, wodurch Thiere in einen Zustand verfallen, der sich zun\u00e4chst durch eine Art von Stupidit\u00e4t und Willenlosigkeit charakterisirt, beweist der sch\u00f6ne Versuch am Frosch, den Lewissox in seinem Aufsatz : \u00bbFeberHemmung der Th\u00e4tigkeit der motor. Nervencentrcn durch Reizung sensibler Nerven\u00ab im Du Bois-REiCHER\u00ef'schen Archiv. 1S69. S. 255. beschrieben hat.\nDer Gesichtspunkt, unter welchem sich die uns hier besch\u00e4ftigenden Zust\u00e4nde und Erscheinungen dem Auge des Physiologen darbieten, berechtigt mich, den LEWissox\u2019schen Versuch als zur Sache geh\u00f6rig herbeizuziehen, sowie auch noch auf eine neuro-physiologische Tliat-sache beil\u00e4ufig hinzuweisen, welche ich im 7. Bande, 1856, der \u00bbZeitschrift f\u00fcr wiss. Zoologie\u00ab, S. 342, mitgetheilt habe.\nDieselbe bezieht sich auf das Starr- und Regungsloswerden eines Tritons in Folge heftiger Quetschung sensibler K\u00f6rpertheile, was insofern hierher geh\u00f6rt, als es auch ein Beispiel ist f\u00fcr die Alteration der normalen Functionsf\u00e4higkeit der Nerveneentren durch centripetal geleitete Eindr\u00fccke.\nDoch kehren wir zu unserem alten KiRCHE\u00df'schen \u00bbexperimentum mirabile\u00ab am Huhn zur\u00fcck.\nNach Analogie der zuletzt herbeigezogenen Erfahrungen m\u00f6chte der Gedanke nahe liegen, ob nicht das Zusammenschn\u00fcren der F\u00fcsse des Huhns nicht blos dadurch. dass es das Thier fesselt und bezwingt, sondern auch dadurch, dass es Hautnerven presst, eines der causalen","page":844},{"file":"p0845.txt","language":"de","ocr_de":"Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren.\n845\nMomente bei Hervorbringung der zu beobachtenden neuro-physiologi-sehen Erscheinungen w\u00e4re.\nDies mag vorl\u00e4ufig dahingestellt bleiben. Dagegen habe ich hier noch den interessantesten Theil meiner Untersuchungen \u00fcber das KiBCHE\u00df\u2019sche Experiment auseinanderzusetzen.\nEs handelt sich um die Entscheidung der Frage : Hat der Kreidestrich in dem Ki\u00dfCHE\u00df\u2019schen Experiment irgend eine Bedeutung oder nicht ? \u2014 und wenn er eine hat \u2014 welche \"?\nIch habe schon fr\u00fcher erw\u00e4hnt, dass es mir nicht gelingen wollte. Tauben, welche ich wie die H\u00fchner behandelte, indem ich sie l\u00e4ngere Zeit in der Bauch- und Seitenlage festhielt, und ihren gerade gestreckten Hals und Kopf auf die Unterlage sanft niederdr\u00fcckte, in jenen Zustand der Regungslosigkeit zu versetzen.\nIch versuchte es daher, die Tauben wie die kleinen V\u00f6gel zu behandeln, d. h. sie in der R\u00fcckenlage mit etwas nach hinten \u00fcbergebogenem Kopf, den ich in der Ohr- und Kieferwinkelgegend zwischen Daumen und Zeige- oder Mittelfinger der einen Hand fasste, niederzuhalten.\nAber auch dieses Verfahren, welches bei den V\u00f6gelchen so wirksam ist, schien bei den Tauben zu versagen. Fast immer flogen sie fast augenblicklich auf und davon, so wie ich sie losgelassen und meine H\u00e4nde entfernt hatte.\nIch bemerkte jedoch bald, dass die kurze Zeit, w\u00e4hrend welcher die Tauben nichtsdestoweniger ruhig in ihrer Stellung verharrten, nachdem ich sie losgelassen hatte, betr\u00e4chtlich wuchs und sich zu Minuten ausdehnte, wenn ich die Finger der Hand, welche den Kopf hielt, zwar von einander that, um den Kopf loszulassen, die Hand selbst aber nur wenig zur\u00fcckzog oder \u00fcberhaupt gar nicht entfernte, w\u00e4hrend die andere den Rumpf haltende Hand schon l\u00e4ngst ganz entfernt worden war.\nIndem ich diese Spur neuer Thatsachen eifrig weiter verfolgte, entdeckte ich zu meiner Ueberrasclmng, dass es sich dabei um die Fixirung des Blickes und der Aufmerksamkeit der Taube auf meine nahe vor ihren Augen befindlichen Finger handelte.\nIch versuchte nun, einer Taube, die ich in der R\u00fccken-, Bauchoder Seitenlage mit der einen Hand festhielt, deren Hals und Kopf aber ganz frei und unber\u00fchrt blieb, einen Finger der anderen Hand quer oder in senkrechter Richtung knapp vor die Glabella (Stirn-Sehnabelwurzelgegend zu halten, und siehe da! \u2014 gleich die erste Taube, welche ich in dieser Weise behandelte, blieb, nachdem ich die den Rumpf derselben haltende Hand entfernt hatte , vor meinem ihr","page":845},{"file":"p0846.txt","language":"de","ocr_de":"84(5\nNachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thleren.\nvorgehaltenen Finger der anderen Hand, ganz frei, minutenlang starr und regungslos, n ie gebannt, sitzen oder liegen.\nIch konnte die entfernte Hand dem Thiere wieder n\u00e4hern, es mit derselben ergreifen. aus der Bauch- oder Seitenlage auf den B\u00fccken wenden : \u2014 das Thier liess willenlos alles mit sich geschehen, ohne zu widerstreben oder einen Fluchtversuch zu machen, wenn ich nur darauf achtete, ihm den Finger fortw\u00e4hrend knapp vor die Glabella zu halten und seinem Blicke darzubieten.\nIch habe diesen h\u00f6chst \u00fcberraschenden Versuch wiederholt und an einer gr\u00f6sseren Reihe von verschiedenen Taubenindividuen angestellt. Er gelang stets, in mehr oder weniger eclatanter Weise, sobald ich es nur dazu gebracht hatte . den Blick und die Aufmerksamkeit der Taube auf den vorgehaltenen Finger zu ziehen und zu fixiren-Es versteht sich aber von selbst, dass verschiedene Taubenindividuen, ja ein und dasselbe Individuum zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Umst\u00e4nden einen verschiedenen Grad von Geneigtheit zeigt, sich dem Banne durch den vorgehaltenen Finger hinzugeben: ja sehr oft sieht man deutlich, wie das Thier, durch augenscheinlich \u00e4ngstliches Abwenden des Kopfes dem Anblick des Fingers sich hartn\u00e4ckig zu entziehen sucht, und es dauert dann oft lange und nicht ohne dass man die Taube in der R\u00fcckenlage am Rumpf und Kopf einige Zeit festgehalten hat, dass man endlich zum Ziele kommt.\nEs ist damit offenbar. wie Schoi'Exha\u00fcek vom Einschlafen sagt : \u00bbdas Gehirn muss anbeisscn !\u00ab\nWie mit Sicherheit erwartet werden musste, haben mich zahlreiche Controlversuche gelehrt, dass eine Glaskugel. ein Korkst\u00f6psel, eine kleine Wachskerze oder sonst ein gleiehgiltiger unbelebter Gegenstand, der. auf einem passenden Gestelle befestigt, oder der Taube auf die Glabella festgeklebt, dem Blicke der Taube dargeboten wird, genau dieselben Zauberdienste thut. wie der Finger der Menschenhand, nur muss man nat\u00fcrlich daf\u00fcr sorgen, dass sich der Blick und die Aufmerksamkeit der Taube durch l\u00e4ngere Zeit auf diesen Gegenstand fixirt \u2014 dass ihr Gehirn so zu sagen \u00bbanbeisst\u00ab.\nMan wird auch unter diesen Umst\u00e4nden h\u00e4ufig finden, dass die Taube dem am Gestelle befestigten Fixationsobject sorgf\u00e4ltig und hartn\u00e4ckig auszuweichen sucht, und dann ist es nicht so bequem, dem fliehenden Kopfe das Gestell nachzuschieben, als mit dem vorgehaltenen Finger zu folgen. Ist das Fixationsobject auf die Glabella der Taube festgeklebt. so hilft ihr das Hin- und Herwenden. Heben und Senken des Kopfes nichts. und man sieht dem sonderbaren Gebahren","page":846},{"file":"p0847.txt","language":"de","ocr_de":"Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren.\n847\ndes Thieres au, dass es perplex und aufgeregt wird \u2014 und dann \u00bbbeisst das Gehirn\u00ab gew\u00f6hnlich nicht an.\nIch habe aber Tauben, denen ich z. B. ein Z\u00fcndh\u00f6lzchen quer \u00fcber die Schnabelwurzel geklebt hatte, nachdem sie l\u00e4ngere Zeit in der Bauch-, Seiten- oder R\u00fcckenlage festgehalten worden waren \u2014 in Regungslosigkeit verfallen und ganz frei gelassen \u2014 minutenlang in derselben verharren sehen, wobei sie die Augen entweder ganz offen hatten und offen behielten, oder zeitweilig \u2014 wie schlaftrunken \u2014 auf und zu machten.\nNachdem ich die so eben mitgetheilten Thatsachen bei den Tauben entdeckt hatte, war mir sofort zweierlei klar ; erstens, dass der Kreidestrich im KmCHE\u00df\u2019schen Experiment bei den H\u00fchnern allerdings etwas \u2014 und was er zu bedeuten habe; und zweitens, dass es, wie man zwar schon l\u00e4ngst vermuthet und ausgesprochen, aber noch niemals genauer untersucht und erwiesen hatte, thats\u00e4chlich auch bei Thieren echte sog. \u00bbhypnotische\u00ab Erscheinungen und Zust\u00e4nde giebt \u2014 was mir von einiger Wichtigkeit zu sein scheint.\nAd. 1. Nach den Erfahrungen an den Tauben liegt es n\u00e4mlich auf der Hand, dass der Kreidestrich ein Object ist, welches den Blick und die Aufmerksamkeit des Huhns auf sich zieht und gefangen nimmt, und hierdurch jedenfalls dazu beitr\u00e4gt, den hypnotischen Zustand des Thieres herbeizuf\u00fchren. Kikchek hatte zwar ganz richtig erkannt, dass der Kreidestrich in seinem Experiment von Einfluss und Wirkung ist, wenn er auch die Art dieses Einflusses geradezu kindisch deutet, und nicht ahnt, dass der Strich selbst ganz entbehrlich ist.\nJedes andere Object, welches den Blick und die Aufmerksamkeit des Huhns auf sich zieht und gefangen nimmt, leistet dasselbe, wie der Strich, ja oft noch in auff\u00e4lligerer Weise, weil man nicht noting hat, den Kopf auf eine Unterlage niederzudr\u00fccken, auf der man zeichnen muss.\nIch habe H\u00fchner in hockender Stellung vor ein Gestell gesetzt, an welchem ein Korkst\u00f6psel, eine Glaskugel u. dgl. in solcher H\u00f6he befestigt worden war, dass dies Object gerade vor der Glabella des knapp herangeschobenen Huhns zu stehen kam. Es gen\u00fcgten dann oft wenige Secunden, das Huhn in dieser Position festzuhalten, um es in mehr oder weniger tief hypnotischen Zustand zu versetzen und nach dem Loslassen minutenlang ganz frei und regungslos vor dem Gestelle sitzen bleiben zu sehen.\nNoch \u00fcberraschender,.war es, als ich einem in hockender Stellung niedergehaltenen Huhn ein kurzes St\u00fcck Bindfaden, oder ein geknicktes Holzst\u00e4bchen, wie ein Reiterlein, quer \u00fcber die Schnabelwurzel","page":847},{"file":"p0848.txt","language":"de","ocr_de":"84S\nNachweis, echter hypnotischer Erscheinungen hei Thieren.\nb\u00e4ngte. Dabei war oft sehr deutlich zu selieu, wie sieh die Augen des Huhns starr nach den knapp vor ihnen herabh\u00e4ngenden Enden des Reiterleins wendeten \u2014 und dann konnte das Huhn ganz frei gelassen werden und blieb minutenlang mit offenen Augen regungslos sitzen : ja es kam vor, dass das Huhn, nachdem es 6\u2014S Minuten so dagesessen hatte, allm\u00e4hlich seine Augen schloss und in einen mehr oder weniger tiefen Schlaf verfiel, bei dem sich die Glieder l\u00f6sten und der Kopf herabsank bis die Schnabelspitze die Tischplatte ber\u00fchrte.\nDer Kreidestrich selbst ist aber nicht nur insoferne entbehrlich, als er durch jedes andere geeignete Fixationsobject, sogar mit Vortheil, ersetzt werden kann, sondern er ist es. wie meine ersten Controlversuche zu dem Kikcher\u2019sehen Experiment lehrten, \u2014 ganz und gar, d. h. man braucht den Kreidestrich gar nicht hinzumalen, und auch kein anderes bestimmtes Fixationsobject anstatt desselben darzubieten, und doch werden die H\u00fchner deutlich hypnotisch.\nIch bin jetzt geneigt, f\u00fcr diese F\u00e4lle anzunehmen, dass das Geradestrecken und Niederhalten des Halses und Kopfes, statt jene problematische leise Dehnung oder Zerrung und Pressung gewisser R\u00fcckenmarks- und Hirntheile zu bewirken, vielmehr das ge\u00e4ngstigte Huhn veranlassen d\u00fcrfte, wenn weder der Kreidestrich, noch sonst ein Ersatzobject, welches den Blick auf sich zieht, an seiner Statt vorhanden ist, ins Leere vor sich hinzustarren und sich hierdurch zu hyp-notisiren.\nVielleicht spielt ein \u00e4hnlicher Umstand auch bei der Hypnotisirung der kleinen V\u00f6gelchen mit, welchen man ja ebenfalls kein bestimmtes Fixationsobject f\u00fcr den Blick und die Aufmerksamkeit darbietet.\nDoch alles dies muss sp\u00e4teren Untersuchungen anheimgestellt werden.\nHier will ich zum Schl\u00fcsse meines Berichtes \u00fcber die beobachteten Thatsachen nur noch hervorheben, dass die H\u00fchner, welche in hockender Stellung vermittelst des \u00bbReiterleins\u00ab hypnotisirt worden waren, auch die sch\u00f6nsten katalep tisch en Erscheinungen zeigten. Ich konnte den Kopf dieser H\u00fchner hoch emporheben oder bis zur Ber\u00fchrung mit der Tischplatte, auf der sie sassen, herabdr\u00fccken \u2014 er blieb in jeder der gegebenen Stellungen stehen, wie wenn er auf einem Halse von Wachs s\u00e4sse !\nDies und was ich sonst \u00fcber die eigenthtimlichen Zust\u00e4nde und Erscheinungen mitgetheilt habe, welche bei Thieren durch die angegebenen Manipulationen hervorgerufen werden k\u00f6nnen, sind unzweifelhaft echte \u00bbhypnotische\u00ab Ph\u00e4nomene, wie sie bei manchen Menschen, welche l\u00e4ngere Zeit hindurch einen sonst bedeutungslosen Gegenstand","page":848},{"file":"p0849.txt","language":"de","ocr_de":"Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen hei Thieren.\nSill\nmit unverwandtem Blick und conecntrirter Aufmerksamkeit lixiren, beobachtet werden.\nEs ist bekannt, dass im Jahre 1841 M. Braid, ein schottischer in Manchester etablirter Chirurg, welcher den \u00f6ffentlichen Schaustellungen des \u00bbMagnetiseurs\u00ab Lafontaine beigewohnt hatte, zuerst auf die Idee kam. Versuche anzustellen, um die Haltlosigkeit jener Theorie nachzuweisen, nach welcher die hervorgerufenen sog. \u00bbmagnetischen\u00ab Zust\u00e4nde durch die Uebertragung eines vom Operateur ausstr\u00f6menden geheimnissvollen Princips auf das zu magnetisirende Individuum bewirkt sein sollten. Braid\u2019s Versuche beweisen aufs klarste, dass ganz \u00e4hnliche schlafartige Zust\u00e4nde, ohne alle Intervention eines sog. \u00bbMagnetiseurs\u00ab und seiner Manipulationen von den betreffenden Versuchsindividuen selbst willk\u00fcrlich hervorgerufen werden k\u00f6nnen, indem sie einen beliebigen leblosen Gegenstand durch l\u00e4ngere Zeit mit gespannter Aufmerksamkeit und unverwandtem Blick tixiren. Nach Braid\u2019s Bericht hatten sich z. B. bei einer Gelegenheit, in Gegenwart von 800 Zuschauern, zehn von vierzehn erwachsenen M\u00e4nnern durch dieses einfache Verfahren in \u00bbhypnotische\u00ab Zust\u00e4nde versetzt.\nAlle hatten den Versuch zu gleicher Zeit begonnen : die einen, indem sie die Augen auf einen an ihrer Stirn vorspringend befestigten Kork richteten, die anderen, indem sic mit ihrem Blick beliebig gew\u00e4hlte Punkte im Vcrsammlungslocal fixirten. Schon nach 10 Minuten hatten sich die Augenlider dieser zehn Personen unwillk\u00fcrlich geschlossen.\nBei einigen blieb dabei das Bewusstsein erhalten, andere waren in Katalepsie und vollst\u00e4ndige Unempfindlichkeit gegen Nadelstiche verfallen. Andere endlich wussten beim Erwachen von allem, was w\u00e4hrend ihres Schlafes geschehen war, absolut nichts. Ja noch mehr, drei Personen aus der Zuh\u00f6rerschaft fanden sich ebenfalls eingeschlafen, indem sie ohne Wissen Braid\u2019s das angegebene Verfahren befolgt hatten, welches einfach darin bestand, den Blick starr auf einen Punkt im Versammlungslocal zu richten.\nBraid\u2019s Versuche fanden nicht jene bleibende Beachtung, welche sie verdienten, was sich jedoch ans ihrer unliebsamen Verquickung mit dem Mesmerismus hinreichend erkl\u00e4ren d\u00fcrfte, obschon gerade jener Lafontaine, dessen \u00bbmagnetische\u00ab Vorstellungen f\u00fcr Braid die erste Veranlassung zu seinen Untersuchungen waren, nicht ohne Leidenschaft gegen eine Identificirung der von Braid erhaltenen Ke-sultate mit seinen mesinerischen Kunstproduetionen protestiite.\nDann trat aber nicht lange darauf, gegen 1848, dei Ameiikanci M. Grimes mit seiner Electro-Biologie hervor, und es folgte jene inst\nCz er milk, Schriften.","page":849},{"file":"p0850.txt","language":"de","ocr_de":"850\nNachweis echter hypnotischer Erscheinungen hei Thieren.\ntellectuelle Epidemie der Medium wirthschaft, der Gcister-Manifesta-tiouen und des ganzen Spiritismus, welcher sich rasch und in erschreckender Ausdehnung \u00fcber Europa verbreitete. so dass auch der Hypnotismus oder Braidismus in Misscredit und Vergessenheit gera-then musste.\nNur einmal \u2014 freilich nur f\u00fcr kurze Zeit \u2014 fesselte der Hypnotismus das ernste wissenschaftliche Interesse, als n\u00e4mlich Velpeau und Broca im Jahre IS(io der Soci\u00e9t\u00e9 de Chirurgie in Paris ihren enormes Aufsehen machenden Bericht \u00fcber eine schmerzhafte Operation erstatteten, welche sie an einer durch Hypnotisiren an\u00e4sthetisch gemachten 2 tj\u00e4hrigen Frau ausgef\u00fchrt hatten.\nAd. 2. Damals wurde in den Journalen auch vielfach der Versuche \u00fcber \u00bbHypnotisation\u00ab der H\u00fchner gedacht, deren Beschreibung in einem Werke des Pater Kikciteii gefunden worden sei.\nAllein, so viel mir bekannt ist. li\u00e2t trotz alledem Niemand weder die M\u00fche aufgewendet. das thats\u00e4chliche Vorkommen echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren nachzuweisen und zu constatiren. noch auch die Wichtigkeit und Bedeutung eines solchen Nachweises f\u00fcr die wissenschaftliche Behandlung und L\u00f6sung der Frage vom Wesen des Hypnotismus \u00fcberhaupt eiugcschcn. welche, wie ich meine, darin begr\u00fcndet ist, dass bei Thieren jeder Verdacht an absichtliche T\u00e4uschung und Betrug von vornherein absolut ausgeschlossen, dagegen aber die Anwendung und Ausn\u00fctzung aller Hillsmittel der- exacten Experimental-!Intersuchung, bis zu vivisectorischen Eingriffen. gestattet ist.\nVon diesem Gesichtspunkte aus habe ich mich f\u00fcr verpflichtet gehalten, die vorstehend zusammengestellten Versuche und Beobachtungen der verehrliehen ('lasse mitzutheilen und durch ihre Vermittlung der Oeffeutliehkeit zu \u00fcbergeben.","page":850}],"identifier":"lit16211","issued":"1879","language":"de","pages":"836-850","startpages":"836","title":"Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Thieren","type":"Book Section","volume":"1(2)"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T14:39:13.993427+00:00"}

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