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Das Ohr und das Hören: Vortrag, gehalten den 12. Februar 1868

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{"created":"2022-01-31T16:02:28.831089+00:00","id":"lit16309","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 30-59. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0030.txt","language":"de","ocr_de":"II.\nDas Ohr und das H\u00f6ren,\nVortrag', gehalten den 12. Februar 186S. Mit Tafel 2 mul 9 Holzschnitten\nHochgeehrte Versa in m 1 u n g !\nDas Ohr erschliesst uns die Welt des Schalles, welche Ph\u00e4nomene darbietet, die \u2014 wie Sprache und Musik \u2014 in ihrer Entstellung und in ihren Wirkungen ebenso geheimnissvoll und wunderbar erscheinen.\n\u2014\tals sie f\u00fcr das Leben und f\u00fcr die Kunst von unendlicher Bedeutung und Wichtigkeit sind !\nDas Ohr und das H\u00f6ren \u2014 ohne welches uns die ganze Welt des Schalles mit all ihren Gen\u00fcssen und Anregungen in Macht und Schweigen versinken w\u00fcrde, zum Gegenst\u00e4nde einer popul\u00e4ren physiologischen Vorlesung zu machen, bedarf wol keiner besonderen Rechtfertigung !\nWelcher denkende Mensch sollte auch kein Interesse, kein Verlangen haben zu erfahren, wie es denn zugeht, dass wir \u00fcberhaupt\n\u2014\tund dass wir so vielerlei h\u00f6ren, d. h. einzusehen, worin eigentlich die Vorg\u00e4nge bestehen, die dieser wunderbar mannichfaltigen Erscheinungswelt zu Grunde liegen \u2014 und welches der Mechanismus jenes Organes ist, dessen wir uns zur Wahrnehmung derselben bedienen?\nWas nun die neuere Wissenschaft auf diese Fragen zu antworten hat \u2014 das eben will ich in meinem heutigen Vortrage darzustellen versuchen \u2014 und ich glaube daher mich Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit versichert halten zu k\u00f6nnen !\nUm Ihnen das volle Verst\u00e4ndnis\u00ab unseres Gegenstandes zu er-schliessen, werde ich zun\u00e4chst auseinander setzen : AVas Schall \u00fcberhaupt ist, sodann wie er von uns wahrgenommen wird, und endlich welche Arerschicdenheiten er darbietet'?","page":30},{"file":"p0031.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n31\nMeine Darstellung wird \u2014 wie ich vornweg bemerken will \u2014 den handgreiflichen Beweis der \u00fcberraschenden Thatsache liefern: dass die erhabensten Gedanken, die ein Redner ausspricht; dass die ergreifendsten Harmonien, die lieblichsten Melodien, durch die ein K\u00fcnstler entz\u00fcckt und begeistert, \u2014 im strengsten Sinne des Wortes zu bewegter Materie werden und so lange nichts weiter sind und sein k\u00f6nnen, als bis ein empf\u00e4ngliches Ohr und Gehirn sie in psychische Zust\u00e4nde wieder zur\u00fcckverwandelt hat !\nSchon die t\u00e4gliche Erfahrung lehrt, dass alle schallerzeugenden K\u00f6rper in rascher zitternder Bewegung begriffen sind, und in der Luft St\u00f6sse und Schwingungen erzeugen, welche sich nach allen Richtungen hin durch den Luftraum fortpflanzen.\nIch muss Sie hier vor allem daran erinnern, dass die kleinsten materiellen Theilchen, aus deneu wir uns die Luft wie jedes andere Gas zusammengesetzt denken m\u00fcssen, das Bestreben haben sich von einander zu entfernen, d. h. dass sie sich gegenseitig abstossen, etwa wie die gleichnamigen Role der Magnete. Werden diese Theilchen mit Gewalt einander von allen Seiten gen\u00e4hert, so dass sie sich nicht ausweichen k\u00f6nnen, so setzen sie dieser Lagenver\u00e4nderung oder Verdichtung einen steigenden Widerstand entgegen, den man beim Zusammendr\u00fccken der Luft in einem allseitig geschlossenen Gef\u00e4ss sehr wohl f\u00fchlt.\nL\u00e4sst die pressende Gewalt nach, so kehren die Theilchen \u2014 indem sie sich gegenseitig abstossen, sofort in ihre fr\u00fcheren Stellungen zur\u00fcck\u2014ja sie w\u00fcrden, wenn sie daran nicht gehindert w\u00fcrden durch entgegenwirkende \u00e4ussere Kr\u00e4fte oder Schranken, vie die Schwere oder die Wandungen von Gef\u00e4ssen, in denen sie sich befinden, immer weiter und weiter auseinandertreten, so dass die Verd\u00fcnnung der Luftoder Gasmasse ins Unendliche wachsen m\u00fcsste.\nWenn daher ein Lufttheilchen durch einen oscillirenden Schallk\u00f6rper St\u00f6sse erh\u00e4lt, so schwingt es nicht nur selbst \u2014 den Bewegungen des stossenden K\u00f6rpers folgend \u2014 hin und her, sondern versetzt auch nach und nach alle die anderen Theilchen des Luftraums in genau die gleiche hin- und hergehende Bewegung, wobei nothwendig Verdichtungen und Verd\u00fcnnungen der Luftmasse entstehen m\u00fcssen. Es ger\u00e4tli also die Luft, wenn ein Schall in ihr entsteht und sie durcheilt, in eine eigentli\u00fcmliche Bewegung, an welcher wir zweierlei zu unterscheiden haben :\n1; die hin- und hergehende Bewegung oder Schwingung jedes einzelnen materiellen Lufttheilchens und","page":31},{"file":"p0032.txt","language":"de","ocr_de":"32\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge,\n2) die Art der fortschreitenden Ausbreitung und Mittheilung der Bewegung von Theilchen zu Theilchen.\nGestatten Sie mir. Ihnen, ehe ich weiter gehe, die Eigenth\u00fcm-lichkeit dieses ganzen Bewegungsvorganges an einem mechanischen Schema oder Modell anschaulich zu machen (vgl. Fig. 10).\nSie sehen hier eine Anzahl Fl\u00e4mmchen ; dieselben sollen uns eine Reihe jener kleinsten, sich gegenseitig abstossenden materiellen Theilchen vorstellen, aus denen wir uns die Luft \u2014 wie jedes andere Gas \u2014 zusammengesetzt denken m\u00fcssen ; \u2014 die abstossenden Kr\u00e4fte zwischen ihnen sind ins Gleichgewicht gekommen; \u2014 es herrscht Ruhe.\ns\tAr\nFig. 10. Pierre\u2019s Longitudinalwellenmaschine zur Demonstration der Schallwellenbewegung.\nA Ansicht von vorn ; B Durchschnitt. Die genauere Beschreibung der Maschine w\u00fcrde uns zu weit f\u00fchren; es gen\u00fcge zu bemerken, dass durch Drehen an der Kurbel k der schwarze Blechstreif S und s\u00e4mmtliche auf der Stange s, s' aufgereihten , in einem Falz horizontal verschiebbaren Holzkl\u00f6tzchen p mit ihren Dillen m und Lichtchen l genau in die im Text beschriebenen Oscillationen versetzt werden k\u00f6nnen, indem (vgl. den Durchschnitt bei B) jedes Holzkl\u00f6tzchen vermittelst eines Zapfens z in den Mechanismus eingreift, den die Axe a im Inneren des Kastens durch ihre Umdrehungen treibt.\nJener Streif von schwarzem Blech S), am Anf\u00e4nge der Lichtchenreihe, bedeutet uns ein St\u00fcck eines in schallerzeugende Schwingungen versetzbaren K\u00f6rpers, z. B. einer Violinsaite, welelie mit der Luft in unmittelbarer Ber\u00fchrung steht.\nSetzen wir nun den Mechanismus des Apparats in Th\u00e4tigkeit, so sehen Sie, wie sich der Streifen von Blech [S] sofort zu bewegen anf\u00e4ngt und das erste Lichtchen vor sich her treibt.\nSo wie sich das erste Lichtchen dem zweiten n\u00e4hert. w\u00e4chst die Abstossung zwischen beiden und das letztere muss ausweichen, weil das erstere \u2014 von hinten gest\u00fctzt - nicht ausweichen kann ; und so treibt das erste Lichtchen das zweite vorw\u00e4rts, das zweite das dritte, das dritte das vierte u. s. w. (vgl. den Pfeil bei .1 \u2022\nUnterdessen hat der Streifen von Blech seine Bewegung vollendet und beginnt seinen R\u00fcckgang ; \u2014 sofort weicht 'auch das erste Lichtchen zur\u00fcck, weil es (von hinten nicht mehr gest\u00fctzt) von allen seinen","page":32},{"file":"p0032s0001table2.txt","language":"de","ocr_de":"Cxermak ges. Schriften II Bd.\nTa P, <?.","page":0},{"file":"p0033.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n33\nNachbarn zunickgestossen wird, die es vorhin mittelbar oder unmittelbar vorw\u00e4rtsgestossen und gegeneinander getrieben hatte.\nAus demselben Grunde weicht mit dem R\u00fcckgang des ersten Lichtchens auch das zweite wieder zur\u00fcck \u2014 dann das dritte, dann das vierte, f\u00fcnfte u. s. w.\nSie sehen, wie auf diese Weise s\u00e4 mint liehe Lichtchen der Reihe nach in genau dieselben hin- und hergehenden Bewegungen oder Schwingungen versetzt werden, welche der schwarze Blechstreifen ausf\u00fchrt.\nIndem nun aber jedes Lichtchen seine hin- und hergehende Bewegung etivas sp\u00e4ter anf\u00e4ngt, ausf\u00fchrt und beendet, als das unmittelbar vorhergehende, so dr\u00e4ngen sich die Lichtchen bei ihrem Hingang dichter an einander, w\u00e4hrend sie bei ihrem R\u00fcckgang mehr auseinander Aveichen.\nEs folgen, a vie Sie deutlich sehen k\u00f6nnen, abwechselnd Gruppen dicht zusammengedr\u00e4ngter und weit auseinanderstehender Lichtchen aufeinander \u2014 und es entsteht der Schein, Avie Avenu diese Lichtchengruppen vom Blcclistreifen aus fortstr\u00f6mten, Av\u00e4hrend doch die Lichtchen selbst in Wirklichkeit nicht fortstr\u00f6men, sondern an ihrem Orte bleiben, innerhalb welches sie fortdauernd nur hin- und herschwingen.\nWas Avirklick fortschreitet, ist blos die specielle Form der pendelartigen BeAvegung, welche Theilchen um Thcilchen ergreift.1)\nGanz eben so geht es nun in der Luft zu, Avenn sie ein schallender K\u00f6rper in BeAvegung bringt.\n1 Um den Leser in den Stand zu setzen, sich den durch Pierre's Wellen-masehinc demonstrirten BcAvcgungsvorgang mit leichter M\u00fche seihst vorf\u00fchren zu k\u00f6nnen, habe ich Fig. 11 auf der Tafel 2 entAvorfen. Der Leser lasse sich aus d\u00fcnnen Brettchen ein Lineal von der Gr\u00f6sse des am Kopfe der Figur mit punk-tirten Linien angegebenen Vierecks (a, a1, a2, a3) unfertigen. In der Mitte dieses Lineals muss eine Spalte von den, ebenfalls durch punktirte Linien a, a't a1, \u00ab3; angegebenen Dimensionen angebracht Averden, deren lange R\u00e4nder zuzusch\u00e4rfen sind, wie der Durchschnitt des Spaltlineals bei U deutlich zeigt. Dieses Lineal mit dem Spalt lege der Leser genau auf das punktirte Viereck [a, a1, a2, o3) auf; \u2014 in der Spalte wird dann eine Reihe von gleichweit von einander abstehenden schwarzen Strichen erscheinen. Sie entsprechen den Lichtchen , welche ich f\u00fcr die Demonstration vor dem grossen Publikum des Rosensaales an Pierre\u2019s Wellenmaschine angebracht hatte, und versinnlichen, Avie diese, die kleinsten materiellen Theilchen der ruhigen Luft. Der scliAvarze Blechstreif an der Wellenmaschine ist hier durch den mit S bezeichneten dicken scliAvarzen Strich am Anfang der Reihe (links) repr\u00e4sentirt.\nNun fahre der Leser mit dem Spaltlineal, indem er dasselbe stets genau parallel zur Anfangss tel lung halten muss, mit gleichm\u00e4ssiger Ge-schwindigkeit \u00fcber die ganze Steindrucktafel senkrecht nach unten, und beachte,\nCzermak, Schriften. II.\t3","page":33},{"file":"p0034.txt","language":"de","ocr_de":"34\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nDer Streifen von schwarzem Blech entspricht in seiner Bewegung-, wie gesagt, einem oscillirenden Schallk\u00f6rper : die Lichtchenreihe \u2014 einer Keilte der kleinsten Lufttheilchen : die scheinbar fortstr\u00f6menden Gruppen, wo die Lichtchen sich zusammendr\u00e4ngen, entsprechen \u2014 Luft verdicht ungen, wo sie auseinander weichen \u2014 Luft verd\u00fcnn ungen; und der ganze t or Ihren Augen ablaufende Bewegungsvorgang zeigt Ihnen die Schallbewegung der Luft, deren Eigenth\u00fcmlichkeit darin bestellt, dass die Lufttheilchen in ihrer geradlinigen Bahn nur hin- und herschwingen, w\u00e4hrend die hierdurch erzeugten Verdichtungen und Verd\u00fcnnungen durch den Luftraum fortschreiten, indem sie sich immerw\u00e4hrend aus neuen Theilchen zusammensetzen.\nEinen Bewegungsvorgang von dieser Eigenth\u00fcmlichkeit nennt man in der Physik \u2014 eine Well e n b e w e g u n g.\nUnser specieller Fall ist die Schallwellenbewegung. \u2014\nDen Namen \u00bbWellenbewegung\u00ab und alle n\u00e4heren Bezeichnungen wie \u00bbWelle\u00ab, \u00bbWellenberg\u00ab, \u00bbWellenthal\u00ab u. s. w. hat man hergeleitet vom Vergleiche mit der ganz analogen Wellenbewegung auf der Oberfl\u00e4che des Wassers, welches dabei jedoch abwechselnd \u00fcber sein Niveau steigt, und unter dasselbe sinkt \u2014 statt wie die Luft sich zu verdichten und zu verd\u00fcnnen.\nDeshalb heissen die durch den Luftraum fortschreitenden Verdichtungen \u2014 S c h a 11 w e 11 e n b e r g e, die Luftverd\u00fcnnungen \u2014 Schall wellenth\u00e4ler.\nEin solcher Schallwellenberg \u2014 (Luftverdichtung) und ein solches Schallwellenthal die Luftverd\u00fcnnung) zusammengenommen, bilden aber, was man eine Schallwelle nennt.\nwas mit den schwarzen Strichen geschieht, welche im Spalt des Lineals zu sehen sind.\nEr wird bemerken, dass dieselben Bewegungen ausf\u00fchren, welche genau jenen entsprechen, welche ich oben an den Lichtchen der Wellemnaschine beschrieben habe, und welche die Lufttheilchen machen, wenn sie ein oseillirender Schallk\u00f6rper (S) in Bewegung setzt.\nEs ist leicht zu sehen, wie jeder der Striche im Spalt des bewegten Lineals einfach hin- und herschwingt und der Beihe nach die gleichartige Oscillations-bewogung, sp\u00e4ter als sein Vorg\u00e4nger und fr\u00fcher als sein Nachfolger beginnt und beendet.\nInfolge dessen bilden sich abwechselnd Gruppen, wo die Striche dichter und wo sie d\u00fcnner stehen, und diese Gruppen scheinen vom schwingenden 'Schallk\u00f6rper (S) nach rechts fortzustr\u00f6men.\nEs versteht sich von selbst, dass genau dieselben Bewegungserscheinungen auftreten, ob man das Lineal \u00fcber die festliegende Tafel nach unten f\u00fchrt, oder ob man das Buch unter dem festgehaltenen Lineal nach oben schiebt. \u2014","page":34},{"file":"p0035.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n35\nDamit hatten wir also die Vorstellung von Sehallwellen, die sich in gerader Linie nach einer Richtung hin fortpflanzen. Aber die Ausbreitung des Schalles geschieht gleichzeitig nach allen Richtungen des Raumes, und so m\u00fcssen Sie sich die Schallwellen in Wirklichkeit nothwendig in Gestalt von Kugelschalen denken, deren Durchmesser immer mehr und mehr wachsen, je weiter sie sich von ihrem gemeinschaftlichen Ausgangs- und Mittelpunkt \u2014 dem schallerzeugenden K\u00f6rper \u2014 entfernen, etwa so wie die Wellenkreise immer gr\u00f6sser und gr\u00f6sser werden, welche wir durch einen Steinwurf auf der glatten Fl\u00e4che eines Wasserspiegels erzeugen !\nDie Geschwindigkeit, mit welcher die Schallwellen den Luftraum durcheilen, hat man gemessen und hei ruhiger Luft auf 340 Meter in der Secunde bestimmt, d. h. der Schall braucht eine ganze Secunde Zeit, um eine Strecke von 340 Meter, etwas \u00fcber 1000 Fuss, zu durchlaufen, w\u00e4hrend das Licht in derselben Zeit viele 1000 Meilen macht; \u2014 deshalb h\u00f6ren wir aber auch den Knall einer in grosser Entfernung abgeschossenen Kanone viel sp\u00e4ter, als wir das Aufblitzen derselben sehen! \u2014 Je weiter die Entfernung ist, desto sp\u00e4ter h\u00f6ren wir die Detonation des Gesch\u00fctzes, und bei der bekannten Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles k\u00f6nnen wir die Gr\u00f6sse dieser Entfernung sch\u00e4tzen, wenn wir die Zeit messen, welche vom Momente des Aufblitzens bis zur Wahrnehmung des Knalles vergeht. Jeder Secunde Versp\u00e4tung entspricht eine Vergr\u00f6sserung der Entfernung um 340 Meter, jeder halben Secunde um 170 Meter.\nEbenso wie in der Luft und in Gasen entsteht der Schall und pflanzt sicli fort in jedem anderen elastischen Medium, z. B. im Wasser und in festen K\u00f6rpern \u2014 nur mit verschiedener und zwar gr\u00f6sserer Geschwindigkeit,\nHiermit, meine verehrten Anwesenden, haben Sie die physikalische Antwort auf unsere erste Frage: Was ist Schall \u00fcberhaupt\nDer Schall ist, wie Sie gesehen haben, nichts weiter, als eine eigenth\u00fcmliche Bewegungder Materie !\nMit dem Worte \u00bbSchall\u00ab bezeichnet der Sprachgebrauch jedoch nicht nur; den eben er\u00f6rterten g r o b m ech :mischen Bewegungsvorgang, sondern zugleich auch die besondere Empfindung, welche derselbe veranlasst, wenn er unsere H\u00f6rnerven afficirt.\nDies f\u00fchrt uns zu unserer zweiten Frage : AVie der Schall von uns wahrgenommen wird ?\nMit der allgemeinen Antwort: \u00bbdurch das Geh\u00f6r\u00ab, \"ollen wir uns jedoch hier nicht begn\u00fcgen, sondern genauer zusehen, was\n3 *","page":35},{"file":"p0036.txt","language":"de","ocr_de":"36\tPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nim Ohre vorgeht, wenn Schallwellen dasselbe treffen \u2014 wenn wir also h\u00f6ren.\nZu diesem Ende will ich versuchen, Ihnen mit H\u00fclfe dieser kolossalen schematischen Durchschnittszeichnung des Ohres (vergl. Fig. 12) und mit H\u00fclfe vergr\u00f6sserter plastischer Nachbildungen einiger seiner Tlieile eine klare Vorstellung von dem \u00e4usserst complicirten Bau des Geh\u00f6rorganes zu geben.\nIch verhehle mir keineswegs, dass ich damit Ihre Aufmerksamkeit und Einbildungskraft auf eine harte Probe stelle.\nAllein mich ermuthigt zu dieser gewagten, f\u00fcr das Verst\u00e4ndniss des Folgenden aber unentbehrlichen Auseinandersetzung die Hoffnung \u25a0\u2014 dass Sie der fast unheimliche Gedanke dauern d fesseln d\u00fcrfte, dass die h\u00f6chst verwickelten und mannichfaltigen, meist verborgenen Gebilde, welche ich m\u00f6glichst anschaulich beschreiben werde, in Wirklichkeit \u2014 alle in Ihren eigenen K\u00f6pfen vorhanden sind und Sie bef\u00e4higen meine Worte zu vernehmen!\nDas Geh\u00f6rorgan ist bekanntlich doppelt vorhanden und symmetrisch zu beiden Seiten des Kopfes a n und i n dem sogenannten Sclil\u00e4fe-bein angebracht.\nEs zerf\u00e4llt in drei Abschnitte, welche man als \u00e4usseres, mittleres und inneres Ohr bezeichnet. \u2713\nDas \u00e4ussere Ohr besteht aus der knorpeligen, von der allgemeinen Hautdecke \u00fcberzogenen Ohrmuschel (Fig. 12 I. M) und dem \u00e4usseren Geh\u00f6rgang [G], dessen Wandungen zum Theil aus Knorpel 7>'2, /P, /P), zum Theil aus Knochen gebildet werden. An seinem Ende ist der Geh\u00f6rgang durch eine feine, elastische Haut verschlossen. Er endet somit blind.\nDiese Haut, das sogenannte Trommelfell , bildet die Grenze und Scheidewand zwischen dem \u00e4usseren und dem mittleren Ohr, welches letztere die Paukenh\u00f6hle (P) oder Trommelh\u00f6hle genannt wird.\nDiese hinter dem Trommelfell gelegene H\u00f6hle ist ein kleiner unregelm\u00e4ssiger Baum mit kn\u00f6chernen W\u00e4nden. Er ist nicht allseitig geschlossen, sondern steht durch eine enge, nach vorn und innen herabsteigende R\u00f6hre i\u00df) mit dem hintersten Tlieile der Nasenh\u00f6hle in Verbindung.\nDiese R\u00f6hre, welche an ihrem Nasenende trichterf\u00f6rmig erweitert ist und eine wulstige, durch eine zusammengebogene Knorpelplatte im Durchschnitt /P) gest\u00fctzte M\u00fcndung besitzt, heisst nach einem Anatomen des 16. Jahrhunderts die Eus'mcm\u2019sche R\u00f6hre, oder \u2014 nach ihrer Gestalt, die Ohrtrompete. Solange die M\u00fcndung der Ohrtrompete, wie dies normaler Weise in der Ruhe der Fall zu sein pflegt,","page":36},{"file":"p0037.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n37\ngeschlossen ist, wird die in der Paukenh\u00f6hle enthaltene Luft vollst\u00e4ndig hermetisch abgeschlossen sein ; sowie aber die wulstige M\u00fcndung ge\u00f6ffnet wird, was regelm\u00e4ssig bei jeder Schlingbewegung geschieht, so communicirt die Paukenh\u00f6hlenluft durch die Nase hindurch frei mit der Atmosph\u00e4re \u2014 und etwaige Spannungsunterschiede beider Luftmassen k\u00f6nnen sich sofort ausgleichen.\nFig. 12. I. Schematischer Durchschnitt des menschlichen Geh\u00f6rorgans der rechten Seite.\nV \u00e4usseres Ohr: 6 \u00e4usserer Geh\u00f6rgang , F, F, F, F Durchschnitte der Knorpel der Ohrmuschel und des \u00e4usseren Theiles des Geh\u00f6rganges, dessen innerer Theil kn\u00f6cherne Wandungen hat; TTrommelfell ; P Paukenh\u00f6hle : o ovales Fenster, r rundes Fenster, zwischen \u00ef'und o die gelenkig verbundene Gelior-kn\u00fcclielehenkette. K die EusTAcm\u2019sche Ohrtrompete, k, F die durchschnittene Knorpelplatte ihrer wulstigen und erweiterten Nasenm\u00fcndung. V, B und S das kn\u00f6cherne Labyrinth, F der Vorhof, B ein halbcirkelf\u00f6rmiger Bogengang mit seiner Ampulle (t : S die Schnecke, durch die Spiralplatte in die Vor-liofstreppe (Ft) und in die Paukentreppe (Pt) getbeilt. l\\ I, b das h\u00e4utige Labyrinth, l. V die Vorhofs-s\u00e4ckchen , b ein h\u00e4utiger halbcirkelf\u00f6rmiger Bogengang mit seiner Ampulle a'. A der Stamm des H\u00f6rnerven oder N. acnsticns in den inneren Geli\u00f6rgang eintretend und in zwei Haupt\u00e4ste (1 ' und tf) sich spaltend \u2022 V' der Vorhofsnerv mit seinen Endverzweigungen auf den umschriebenen weissen Stellen des h\u00e4utigen\u2019Labyrinths; \u00c4\" der Schneckennerv, von unten in die Kan\u00e4lchen der Schneckenspindel eintretend, um durch die kn\u00f6cherne Spiralplatte zum CoRTi\u2019sclien Organ c zu gelangen, welches auf der oberon oder Vorhofstreppenfl\u00e4che der h\u00e4utigen Spiralplatte aufsitzt. Zu bemerken ist, dass der Verst\u00e4ndlichkeit und Deutlichkeit wegen die Paukenh\u00f6hle und die Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen, namentlich aber das ganze Labyrinth im Verli\u00e4ltniss zur Ohrmuschel viel zu gross, die Schnecke aber mit ihrer Basis nach unten gewendet gezeichnet wurde, obschon sie in Wirklichkeit die Basis ihrer Spindel ni c ht wie in unserem Bilde, nach unten, sondern vielmehr nach oben und innen, gegen den N. amsticus kehrt, sodass der Verlauf des Schneckennerven S' ein geradliniger wird!\nFig. 12. II. Das in seinem Knochenring ausgespannte Trommelfell der rechten Seite von innen gesehen mit Hammer und Amboss in nat\u00fcrlicher Verbindung. x, x! zeigt die Axe, um welche sich die beiden Kn\u00f6chelchen vereint hebelf\u00f6rmig bewegen lassen.\nIn diesem Umstande bernbt ancli die Bedeutung dieser ganzen Einrichtung, wie sich sp\u00e4ter noch genauer zeigen wird.","page":37},{"file":"p0038.txt","language":"de","ocr_de":"38\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nAu der dem Trommelfell gegen\u00fcber liegenden kn\u00f6chernen Innen-wand der Paukenh\u00f6hle befinden sich zwei kleine Oeffnungen, welche durch zarte, quergespannte H\u00e4utchen verschlossen sind.\nDie untere der beiden Oeffnungen heisst das runde (r)? die obere das ovale (o) Fenster.\nNoch habe ich im mittleren Ohr die zierlichen Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen zu beschreiben, welche quer durch die Paukenh\u00f6hle hindurch zwischen dem Trommelfell und dem H\u00e4utchen des ovalen Fensters (o) eine feste, gegliederte Br\u00fccke schlagen.\nEs gibt drei Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen : den Hammer [II , den Amboss .1) und den Steigb\u00fcgel (S) (vgl. Fig. 13).1)\nDer Griff oder Stiel des Hammers (//. s) ist mit dem Trommelfell verwachsen und reicht fast bis in dessen Mitte herab; sein Kopf [H, k)\nragt Uber den Paukenring, in dem das Trommelfell ausgespannt ist, frei hervor; sein langer Fortsatz (//, l) ist nach vorn in einer Knochenspalte eingeklemmt.\nDer Kopf des Hammers besitzt nach hinten eine Gelenkfi\u00e4che II. <j), welcher eine \u00e4hnliche Gelenkfl\u00e4che am K\u00f6rper des Amboss [A. g) entspricht. Beide Kn\u00f6chelchen artic\u00fcliren daselbst miteinander. Der Amboss liegt hinter dem Hammer. Sein langer Fortsatz [A, V) l\u00e4uft parallel mit dem im Trommelfell eingewachsenen Hammergriff und ragt frei nach abw\u00e4rts. Sein kurzer Fortsatz [A, //) ist nach hinten in einem Knochengr\u00fcbchen angestemmt und befestigt (vgl. Fig. 12 II.).\nDie Beweglichkeit der Gelenkverbindung zwischen Hammer und Amboss ist sehr gering, dagegen k\u00f6nnen sich beide Kn\u00f6chelchen weit ausgiebiger um eine gemeinschaftliche Axe (Fig. 12 II. x, x') hebelf\u00f6rmig bewegen, welche durch ihre nach vorn und hinten ausgestreckten und fixirten Forts\u00e4tze (Fig. 13 / u. //) bestimmt ist.\nDer Steigb\u00fcgel endlich ist mit dem freien und etwas nach einw\u00e4rts gebogenen Ende des langen Ambossfortsatzes (A, \u00cf) gelenkig verbun-\n// ./\nFig. 13\u00bb Die Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen in nat\u00fcrlicher Gr\u00f6sse.\nH der Hammer, k dessen runder Kopf, s sein Stiel oder Griff, l sein langer d\u00fcnner Fortsatz , g die kleine Gelenkfl\u00e4che zur Verbindung mit dem Amboss. A der Amboss, V sein langer, fc' sein kurzer Fortsatz, g[ die kleine Gelenkfl\u00e4che zur Verbindung mit dem Hammer. S der Steigb\u00fcgel, bei s von der Seite gesehen , bei u von unten dargestellt, um Form und Gr\u00f6sse der Fussplatte zu zeigen.\n1 Bei der Vorlesung bediente ich mich zur Demonstration der Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen plastischer Nachbildungen derselben von kolossalen Dimensionen.","page":38},{"file":"p0039.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n39\nden, und stellt horizontal nach innen. Ein winziges Knochenpl\u00e4ttchen, welches sich zwischen die Gelenkfl\u00e4chen der Verbindung zwischen Steigb\u00fcgel und Ambossfortsatz einschiebt, beschreibt man wol auch als viertes Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen.\nAn unserem Schema (Fig. 12 I.) sehen Sie die Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen als Br\u00fccke zwischen dem Trommelfell ((f) und der Membran des ovalen Fensters (o), mit welcher die Fussplatte des Steigb\u00fcgels (Fig. 13 S, u) verwachsen ist, in ihrer nat\u00fcrlichen Anordnung ausgespannt. Der K\u00f6rper des Amboss wird bei dieser Ansicht fast ganz durch den Kopf des Hammers verdeckt, dagegen sieht man deutlich seinen langen Fortsatz, welcher den Steigb\u00fcgel tr\u00e4gt. Das schwarze P\u00fcnktchen am Halse des Hammerkopfes gibt die Projection der Axe Fig. 12 H. x. x ], um welche sich Hammer und Amboss gemeinschaftlich wie Hebel drehen k\u00f6nnen. \u2014\nIch komme zur Darstellung des letzten und complieirtesten Abschnittes des Geh\u00f6rorgans, des sogenannten inneren Ohrs oder Labyrinths, welches die Endausbreitungen des Geh\u00f6rnerven enth\u00e4lt.\nDasselbe ist eine allseitig geschlossene, mit w\u00e4sseriger Feuchtigkeit gef\u00fcllte H\u00f6hle von ausserordentlich verwickelter Gestalt.\nMit Ausnahme der beiden durch Membranen verschlossenen Fenster , des ovalen und des runden, ist diese H\u00f6hle ganz und gar durch sehr harte kn\u00f6cherne W\u00e4nde begrenzt, indem sie in den festesten Knochen des menschlichen K\u00f6rpers, den sogenannten Felsentheil des Schl\u00e4febeins sozusagen hineingemeisselt ist.\nDer mittlere, weiteste Tlieil des Labyrinths heisst der Vorhof, Vestibulum (Fig. 12 1. F); von demselben gehen drei enge gebogene Kan\u00e4le ab \u2014 die sogenannten halbkreisf\u00f6rmigen Bogeng\u00e4nge B . In unserem Durchschnittsschema, Fig. 12 1. konnte nur ein einziger der drei Bogeng\u00e4nge gezeichnet werden, weil sie in drei verschiedenen, senkrecht aufeinander stehenden Ebenen liegen.\nJeder dieser drei Bogeng\u00e4nge ist ein enger, gleichweiter Kanal, dessen beide Enden in den Vorhof m\u00fcnden : nur eines dieser Enden zeigt bei allen eine kleine, flaschenf\u00f6rmige Erweiterung \u2014 die sogenannte Ampulle oi, deren es also auch drei gibt.\nAn der den Einm\u00fcndungen der Bogeng\u00e4nge entgegengesetzten Seite verl\u00e4ngert sich der Vorhof in eine allm\u00e4hlich sich verj\u00fcngende blind endigende R\u00f6hre, welche, wie ein Schneckenhaus, spiralig um eine Spindel aufgewickelt ist und deshalb, sehr passend, die Schnecke (S) genannt wird.\nBrechen w ir die Wand der aus dem Felsenbein herausgemeisselten","page":39},{"file":"p0040.txt","language":"de","ocr_de":"40\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge,\nSclineckenwinduugen auf1) , so sehen Sie in das Innere derselben, und Sie bemerken, dass der Schneckenkanal nicht einfach ist, sondern durch eine quere Scheidewand in zwei \u00fcbereinanderliegende Wendeltreppen getheilt wird. Diese Scheidewand heisst die Spiralplatte der Schnecke; sie beginnt, wie Sie sehen, zwischen den beiden Fenstern des Vorhofs und erstreckt sich spiralig gewunden bis in die letzte Windung hinauf; sie ist zum Theil kn\u00f6chern, zum Tlieil h\u00e4utig.\nDer unmittelbar von der Schneckenspindel ausgehende kn\u00f6cherne Theil reicht bis \u00fcber die H\u00e4lfte in die Lichtung der Windungen hinein : der \u00e4ussere Saum zwischen hier und der gegen\u00fcberliegenden Wand besteht aus einer straffen elastischen Haut.\nVon den beiden auf diese Weise gebildeten Wendeltreppen heisst die obere die Vorhofstreppe (Vt), die untere die Paukentreppe [Pt . weil ersterd direct in den Vorhof f\u00fchrt, letztere aber, wenn das runde Fenster nicht mit einer Membran verschlossen w\u00e4re, mit der Paukenh\u00f6hle communiciren w\u00fcrde.\nDie beiden genannten Treppen und das in ihnen enthaltene Labyrinthwasser Idingen nur durch eine feine Oeflhung im obersten Ende der Spiralplatte \u2014 das sogenannte Schneckenloch oder Helicotrema mit einander zusammen \u2014 im \u00fcbrigen sind es vollst\u00e4ndig von einander getrennte Kan\u00e4le.\nDas Labyrinth besteht also aus dem Vorhof mit den drei halb-cirkelf\u00f6rmigen Bogeng\u00e4ngen und aus dem Doppelrohr der Schnecke.\nDieser ganze Hohlraum ist, wie gesagt, mit einer Fl\u00fcssigkeit \u2014 dem sogenannten Labyrinthwasser erf\u00fcllt.\nIn dieser Fl\u00fcssigkeit schwimmend, sind im Vorhof zwei rundliche glashelle h\u00e4utige Bl\u00e4schen / und /': enthalten und in jedem der drei Bogeng\u00e4nge ein feiner h\u00e4utiger Schlauch [b, b), der wie der kn\u00f6cherne Gang und genau an derselben Stelle eine Erweiterung oder Ampulle [a] besitzt; und wie die kn\u00f6chernen halbcirkelf\u00f6rmigen G\u00e4nge mit dem Vorhofsraum, so h\u00e4ngen die h\u00e4utigen Bogeng\u00e4nge mit den Vorhofsbl\u00e4schen zu einem geschlossenen Ganzen zusammen. Man nennt dieses zarte Gebilde, welches ich Ihnen auf Pappe gemalt und ausgeschnitten hier vorzeige vgl. Fig. 121.\t/, b, a'), das h\u00e4utige\nLabyrinth, und die Fl\u00fcssigkeit, welche es einschliesst, das innere Labyrinthwasser zum Unterschiede vom \u00e4usseren, in welchem es\n1 An der in der Vorlesung verwendeten Darstellung des in Fig. 12 I. abgebildeten Ohrschemas hatte ich ein Versatzst\u00fcck, auf welches die Oberfl\u00e4chenansicht der Schneckenwindungen gemalt war, anbringen lassen. Dieses Versatz-stiiek deckte bis dahin die Innenansicht der Schnecke.","page":40},{"file":"p0041.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n41\nderart schwimmt, dass es nirgendwo die W\u00e4nde des kn\u00f6chernen Labyrinths ber\u00fchrt.\nIch f\u00fcge das Versatzst\u00fcck des h\u00e4utigen Labyrinths in unserem Ohrschema an seinen Platz ein, und Sie haben jetzt den klaren und vollst\u00e4ndigen Ueberblick \u00fcber alle Theile des Geh\u00f6rorgans und ihres Zusammenhangs \u2014 bis auf den Geh\u00f6rnerven und seine akustischen Endorgane.\nDer H\u00f6rnerv oder Nervus acustieus {A\\ bestellt aus mehreren Tausend mikroskopisch feinen Nervenf\u00e4dchcn, die von einer Binde-gewebsscheide umschlossen und zusammengehalten werden.\nEr entspringt aus jenem Theile des Gehirns, den man das verl\u00e4ngerte Mark, Medulla oblonyata, nennt, und tritt durch den sogenannten inneren Geh\u00f6rgang \u2014 einen Kanal im Felsenbein \u2014 an das Labyrinth heran.\nDabei spaltet er sich in zwei Aeste, von denen der eine \u2014 der f\u00fcr die Schnecke bestimmte Schneckennerv (S') \u2014 seine Fasern durch feine R\u00f6hrchen in der Spindel der Schnecke zur Spiralplatte aufsteigen l\u00e4sst; w\u00e4hrend der andere oder Vorhofsnerv ( V , in mehrere B\u00fcndelchen gespalten, das h\u00e4utige Labyrinth versorgt. Ein B\u00fcndelchen gellt zu genau umgrenzten Stellen der Vorhofs\u00e4ckchen, drei andere finden ihr Ende in den Ampullen \u2014 das ganze \u00fcbrige Labyrinth bleibt nervenlos.\nDie letzten Enden der H\u00f6rnervenfasern stehen an allen den genannten Orten mit eigenth\u00fcmlichen und je nach der Localit\u00e4t verschiedenen mikroskopischen Gebilden \u2014 den sogenannten\nFig. 14. Die steifen H\u00e4rchen des Nerven-verhreitungshezirks in den Ampullen.\n\u2014 in Verbindung, welche wir nun denn sie sind von der h\u00f6chsten phy-\nakus tisch en Endorganen im Einzelnen betrachten m\u00fcssen, siologischen Bedeutung.\nIn den Ampullen ist in die wulstige Stelle, die ins Innere derselben vorspringt und das umschriebene Ver\u00e4stelungsgebiet der Nervenenden enth\u00e4lt, eine grosse Menge dichtstehender, \u00fcberaus feiner, zugespitzter steifer H\u00e4rchen eingepflanzt vgl. Fig. 14).","page":41},{"file":"p0042.txt","language":"de","ocr_de":"42\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\n.Solche steife, lange H\u00e4rchen sind \u00fcberaus geeignet, durch Str\u00f6mungen des sie umsp\u00fclenden Labyrinthwassers in Bewegung zu ge-ratlieu und dabei eine mechanische Reizung der zwischen ihren eingepflanzten Enden liegenden Nervenver\u00e4stelungen zu veranlassen.\nIn den Bl\u00e4schen des Vorliofs sind auf den umschriebenen verdickten Stellen, wo die Nerven enden, keine oder nur kurze und sp\u00e4rliche H\u00e4rchen zu finden, dagegen liegen ganz nahe der nervenreichen inneren Oberfl\u00e4che dieser Stellen zahllose spitze Kryst\u00e4llclien von kohlensaurem Kalk \u2014 die sogenannten Geh\u00f6rsteincken oder\nOtolithen, welche durch eine schleimige Consistenz des Labyrinthwassers an diesen Stellen zusammen- und fest-gehalten werden vgl. Fig. 15).\nWenn dieser Krystallbrei mit der nervenreichen Oberfl\u00e4che in Zusam-menstoss ger\u00e4th, so wird eine mechanische Reizung der Nervenenden wol\n\u00ceXWj r\\ &\tnicht ausbleiben k\u00f6nnen !\nLie akustischen Endorgane der Nerven, welche zur Spiral platte\ngeordnet, als die bisher betrachteten.\nEs sind elastische F\u00e4den oder St\u00e4bchen, welche auf der oberen oder Vorhofstreppenfl\u00e4clie der h\u00e4utigen Spiralplatte , ihrer ganzen Ausdehnung entlang \u2014 von unten bis hinauf in die letzte Windung \u2014 sehr regelm\u00e4ssig dicht nebeneinander gereiht, und wie Saiten in querer Richtung, d. h. in der Richtung der Radien der Spiralplatte, ausgespannt sind.\nMan nennt sie nach ihrem Entdecker, dem Marchese A. Cobti di St. Stefano-Belbo, Cor tische St\u00e4bchen oder das Cor tische Organ.\nAuf dieser Tafel (Fig. 16 habe ich zum leichteren Verst\u00e4ndniss dieses verwickelten Gegenstandes eine m\u00f6glichst vereinfachte schematische Durchschnittszeichnung der Spiralplatte entworfen.\nBei K sehen Sie das \u00e4ussere Ende der kn\u00f6chernen Spiralplatte, welche zahllose Kan\u00e4lchen f\u00fcr die B\u00fcndel des in der Schneckenspindel aufsteigenden Schneckennerven enth\u00e4lt. In der Zeichnung ist ein solches Kan\u00e4lchen vom Durchschnitt gerade getroffen worden, so dass es aussieht wie wenn die Spiralplatte doppelt, oder in eine obere (o und in eine untere (\u00ab) Knochenlippe zerspalten1 w\u00e4re. .1/ ist der membra-","page":42},{"file":"p0043.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n43\nn\u00f6se Th eil der Spiralplatte, welcher zwischen dem Rande des kn\u00f6chernen Tlieils und der Wand der Schneckenwindung (&\") ausgespannt ist. Dort ist er festgewachsen, indem er sich in zwei Lamellen spaltet, welche die obere (o) und die untere (\u00ab) Fl\u00e4che des kn\u00f6chernen Thciles K) als Knochenhaut \u00fcberziehen; hier, indem er in Randfasern (b) ausstrahlt, die sich an K' befestigen.\nBei C befindet sich das Coim'schc Organ, wie gesagt, auf der oberen, der Vorhofstreppe zugewendeten Fl\u00e4che der h\u00e4utigen Spiralplatte. Ihm entspricht an der unteren Fl\u00e4che derselben ein Blutgef\u00e4ss (</).\nEs besteht aus F\u00e4den oder St\u00e4bchen von zweierlei Art, welche man als innere 7 und \u00e4ussere [a) unterscheidet.\n?\n\nFig. Hi. Schematischer Durchschnitt der Spiralplatte mit dem C\u2019oin'i\u2019schen Organ.\nK das \u00e4ussere Ende des kn\u00f6chernen Theils der Spiralplatte , scheinbar in zwei Lippen (o und u) gespalten. n Fasern des Schneckennerven, in feinste Endfaserclien n' ausstrahlend. M membran\u00f6ser Theil der Spiralplatte, b f\u00e4cherf\u00f6rmige Bandfasern, welche M an die Innenfl\u00e4che der \u00e4usseren Wand (A'r) der Schnecke anheften. C das CouTi'sche Organ, i Innenst\u00e4bchen, a Aussenst\u00e4bchen, y Durchschnitt eines Blutgef\u00e4sses.\nDas eine der verdickten Enden der Aussenst\u00e4bchen \u00ab) sitzt in der Mitte der h\u00e4utigen Spiralplatte fest, das andere articulirt mit dem oberen Ende des Innenst\u00e4bchens 7), dessen unteres ebenfalls verdicktes Ende nahe am inneren Rande der h\u00e4utigen Spiralplatte festge-wachsen ist. Es sind in der menschlichen Schnecke etwa 3000 Corti-sche Aussenst\u00e4bchen und noch mehr Innenst\u00e4bchen, indem etwa drei der letzteren auf zwei der ersteren gez\u00e4hlt werden.\nIndem die CoRTi\u2019schen St\u00e4bchen, entsprechend der Verschm\u00e4lerung der Spiralplatte von unten nach oben, allm\u00e4hlich an L\u00e4nge abnehmen, so bilden sie eine Art regelm\u00e4ssig abgestufter Besaitung, wie wir eine solche an der Harfe und am Klavier kennen.\nAn die CoRTi\u2019schen St\u00e4bchen, welche von einem zarten Netz von Zellchen und F\u00e4serchen umsponnen sind \u2014 in der Zeichnung sind alle diese complicirten Gebilde der Klarheit wegen weggelassen treten die Schneckennerven [n]. durch einen schr\u00e4gen Kanal im Anfangstheil der h\u00e4utigen Spiralplatte, mit ihren feinsten Enden n') heran.\nEs kann kaum einem Zweifel unterliegen, dass die wie Klaviersaiten ausgespannten St\u00e4bchen des CoRTi\u2019schen Organs durch be-","page":43},{"file":"p0044.txt","language":"de","ocr_de":"44\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nstimmte Aust\u00f6sse in regelm\u00e4ssige Vibrationen gerathen werden. und dann die mit ihnen verbundenen Nervenenden in mechanische Erregung versetzen m\u00fcssen.\nIch bin mit der Darstellung des feineren Baues unseres Geh\u00f6rorgans zu Ende. Es gen\u00fcgt, wenn Sie als Endergebnis derselben klar erfasst haben, dass die H\u00f6rnervenenden auf zarten elastischen Membranen ausgebreitet und \u00fcberall mit besonderen schwingungsf\u00e4higen Gebilden \u2014 den akustischenEndorganen \u2014 verbunden sind, welche allseitig von Fl\u00fcssigkeit umsp\u00fclt, durch Impulse von aussen in bestimmte Bewegungen versetzt werden k\u00f6nnen, die die Nerven mechanisch erregen.\nNun kann ich unsere zweite Frage : wie der Scha ll von uns wahr genommen wird? dadurch beantworten, dass ich Ihnen zu zeigen versuche, w a s in den drei Abschnitten des Ohres vorgeht und wie sich die einzelnen beschriebenen Gebilde verhalten, wenn Schallwellen das Ohr treffen !\nDie Ohrmuschel und der \u00e4ussere Geh\u00f6rgang fangen die Schallwellen auf, und so gelangen sie bis an das Trommelfell. Die Bedeutung der Ohrmuschel als Fang- oder Schalltrichter ist beim Menschen jedoch \u2014 trotz ihrer augenscheinlich sinnvollen und eigenth\u00fcmlichen Modellirung nur sehr untergeordnet, denn wenn sie verloren gegangen ist, oder durch Binden glatt an den Sch\u00e4del gedr\u00fcckt wird \u2014 vorausgesetzt, dass der Geh\u00f6rgang frei bleibt, so wird das Geh\u00f6r nur wenig beeintr\u00e4chtigt. Ferner zeigt der einfachste Versuch, dass man sogleich etwas besser h\u00f6rt, wenn man die Ohrmuschel aus ihrer Lage und Form mit dem Finger nach vorn herausdr\u00e4ngt oder gar \u2014 wie Schwerh\u00f6rige zu thun pflegen \u2014 durch die von hinten her an die Ohrmuschel angelegte gekr\u00fcmmte Hohlhand trichterf\u00f6rmig zusammenbiegt und ver-gr\u00f6ssert \u2014 ein Beweis, dass die Ohrmuschel in ihrer nat\u00fcrlichen Lage und Gestalt, als Schall- und Fangtrichter, nur w7enig leistet.\nGanz anders ist dies bei vielen Thieren, z. B. den Pferden, Hunden, Schafen u. s. w.., welche Form und Stellung ihrer Ohren durch besondere Muskeln nach Bed\u00fcrfniss ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Wer h\u00e4tte nicht schon Gelegenheit gehabt zu sehen, wie ein Pferd z. B. seine Ohren spitzt und oft ganz unabh\u00e4ngig von einander nach verschiedenen Richtungen wendet, um den Schall besser aufzufangen. Aehnliche Muskeln besitzt zwar das menschliche Ohr ebenfalls \u2014 aber sie sind so armselig entwickelt und werden so wenig ge\u00fcbt, dass sie die wenigsten Menschen willk\u00fcrlich gebrauchen k\u00f6nnen \u2014 wodurch \u00fcbrigens nichts verloren wird, da ihre Wirkung unter allen Umst\u00e4nden unbedeutend und von keinem merklichen Einfluss auf das H\u00f6ren ist.","page":44},{"file":"p0045.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n45\nDass diese Muskeln alter nichtsdestoweniger wirklich vorhanden sind, zeigt die anatomische Pr\u00e4paration und die F\u00e4higkeit mancher Menschen, dieselben willk\u00fcrlich spielen zu lassen.\nSo pflegte z. B. der ber\u00fchmte Anatom Albinus, der 1697 geboren war, \u2014 wenn er in seinen Vorlesungen an der Universit\u00e4t Leyden zu diesem G egenstande kam, seine Allongen-Perr\u00fccke mit Feierlichkeit abzuheben und den Sch\u00fclern die Wirkung dieser Muskeln an seinen eigenen Ohren zu demonstriren.\nWahrscheinlich erfreute sich Albinus nicht immer eines so zahlreichen Auditoriums, wie ich im gegenw\u00e4rtigen Augenblicke \u2014 sonst h\u00e4tte er sich zu seiner Demonstration \u2014 um sie allen Anwesenden sichtbar zu machen \u2014 eines \u00e4hnlichen Hilfsmittels bedienen m\u00fcssen, wie ich mir ausgesonnen habe vgl. Fig. 17', um Ihnen Allen jetzt die willk\u00fcrlichen Bewegungen meiner eigenen Ohrmuscheln zu zeigen. \u2014 Ich binde mir zu diesem Ende ein Stirnband um den Kopf, an welchem ein kleiner F\u00fchlhebel befestigt ist ; st\u00fctze den Hebel vermittelst eines St\u00e4bchens, an dem sieh ein Drahth\u00e4kchen be-flndet, auf das Ohr, indem ich das H\u00e4kchen in die Muschel einh\u00e4nge \u2014 und Sie sehen nun wie die schuhlange mit Blattgold \u00fcberzogene Vogelfeder, welche auf der Spitze des F\u00fchlhebels steckt, die willk\u00fcrlichen Bewegungen meines Ohres in vergr\u00fcssertem Maassstah wiedergibt.\nNach diesem beil\u00e4ufigen Excurse \u00fcber die Ohrmuschel kehre ich zu der Auseinandersetzung der akustischen Vorg\u00e4nge im Ohre zur\u00fcck.\nFig. J7. F\u00fchlhebel zur Demonstration der willk\u00fcrlichen Bewegungen der Ohrmuschel.\nS ein Stirnband, an welchem eine Messingplatte p befestigt ist, die einen senkrechten Stab mit horizontaler Bohrung und Schr\u00e4ubchen (sj tr\u00fcgt. In der Bohrung steckt ein St\u00e4bchen, das mit einer Stahlnadel (z) gelenkig (bei a) verbunden ist. Auf die Stahlnadel ist ein federndes H\u00fclsclien (//) anfgeschoben, welches wieder mit der Gabel eines l\u00e4ngeren verticalen St\u00e4bchens (bei \u00ab') articulirt. Am unteren Ende desselben befindet sich ein durch das Schr\u00e4ubchen s' verstellbares Drahth\u00e4kchen (d), welches in die Ohrmuschel eingeh\u00e4ngt wird. Auf die Spitze der Stahlnadel kommt zur Verl\u00e4ngerung des F\u00fchlhebels, welchen die Nadel bildet, eine lange leichte , durch aufgelegtes Blattgold gl\u00e4nzend und weithin sichtbar gemachte Vogelfeder, so dass die kleinsten Bewegungen der Ohrmuschel das angeh\u00e4ngte Ende des verticalen St\u00e4bchens heben und sehr ausgiebige Bewegungen des F\u00fchlhebels (s. den punktirten Contour z') veranlassen m\u00fcssen.","page":45},{"file":"p0046.txt","language":"de","ocr_de":"46\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nDie Schallwellen pflanzen sich also bis in die Luft des Geh\u00f6rorgans hinein fort und gelangen, wie gesagt, bis an das Trommelfell, welches den Gang abschliesst.\nEs ist nun leicht begreiflich, dass jede einzelne Schallwelle das Trommelfell in je eine Schwingung versetzen muss, welche der hin-und hergehenden Bewegung der Lufttheilchen und des schallerzeugenden K\u00f6rpers selbst entspricht.\nUm Ihnen diesen Vorgang sofort ganz anschaulich zu machen, brauche ich nur unsere \u2014 vorhin zur Demonstration der Schallwellenbewegung benutzte \u2014 Maschine (Fig. 10 neuerdings in Th\u00e4tigkeit setzen zu lassen, nachdem hinter dem letzten Lichtchen der lleihe ein weisslackirter Blechstreifen ( T \u2014 welcher uns das elastische Trommelfell bedeuten soll, w\u00e4hrend der schwarz lackirte Blechstreif vor dem ersten Lichtchen den schwingenden K\u00f6rper vorstellt, \u2014 in Verbindung gebracht worden ist.\nSie sehen, wie der weisse Blechstreif, d. h. das Trommelfell \u2014 in dieselben Schwingungen ger\u00e4th, welche der Streifen von schwarzem Blech (d. h. der schallerzeugende K\u00f6rper) ausfuhrt und wie die Bewegungen der Lichterreihe \u2014 d. h. die Schallwellen der Luft \u2014 diese Uebereinstimmung der Schwingungen hervorbringen ! ')\nIn Wirklichkeit bildet also die Luft sozusagen die unsichtbar e Br\u00fccke, auf welcher die Oscillationen der schallerzeugenden K\u00f6rper auf das Trommelfell hiniibergetragen werden.\nDie Schwingungen, zu welchen das Trommelfell auf diesem Wege gezwungen wird, macht der Hammer nat\u00fcrlich mit, weil sein Griff oder Stiel in das Trommelfell eingewachsen ist.\nHammer und Amboss h\u00e4ngen aber innig zusammen und bewegen sich hebelf\u00f6rmig um eine gemeinschaftliche Axe.\nDie Schwingungen des Trommelfells macht also wie der Hammer s o der Amboss mit \u2014 und, da der Steigb\u00fcgel an der Spitze des langen Fortsatzes des Ambosses sitzt \u2014 nat\u00fcrlich auch der Steigb\u00fcgel, \u2014 und zwar in d e r Art, dass er die mit seiner Fussplatte verwachsene Membran des ovalen Fensters (vgl. Fig. 12 I. o) ein- und ausst\u00fclpt und dadurch in dieselben Schwingungen versetzt, welche das Trommelfell ausf\u00fchrt.\nIn dem Moment, wenn die Membran des ovalen Fensters durch die Steigb\u00fcgelplatte eingest\u00fclpt wird, w\u00f6lbt sich die elastische Mem-\n1 Der Leser m\u00f6ge den Versuch mit dem Spaltlineal und der Steindrucktafel 2 (Fig. 11) wiederholen; die dicken Streifen S und T entsprechen, wie der schwarze und weisse Blechstreif \u2014 dem Schallk\u00f6rper einerseits und dem Trommelfell andererseits.","page":46},{"file":"p0047.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren,\n47\nbrau des runden Fensters r liervoi, und umgekehrt. Fehlte diese elastisch verschlossene Gegen\u00f6ffnung des runden Fensters am Labyrinth , so w\u00fcrde das in starre Wandungen eingeschlossene, incompressible Labyrinthwasser die Oscillationsbewegung der Steigb\u00fcgelplatte beeintr\u00e4chtigen oder ganz verhindern. Dies alles kann ich Ihnen an unserem O h r s c h e in a zeigen, weil ich die betreffenden Theile beweglich eingerichtet habe.1)\nSo wird also die Schallbewegung durch die Kette der Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen und die Membran des ovalen Fensters auf das Labyrinthwasser \u00fcbertragen.\nElie ich weiter gehe, muss ich bemerken, dass diese Uebertragung der Bewegung nur d a n n leicht und vollst\u00e4ndig stattfindet, wenn die Theile ihre volle freie Beweglichkeit haben und besonders auch die in der Paukenh\u00f6hle eingeschlossene Luft weder d\u00fcnner noch dichter ist als die Atmosph\u00e4re.\nEs ist in diesen beiden F\u00e4llen leicht verst\u00e4ndlich, dass \u2014 wegen der st\u00e4rkeren Spannung und Vorw\u00f6lbung des Trommelfells gegen die Seite der d\u00fcnneren Luftmasse hin die freie Beweglichkeit der Theile vermindert und somit das H\u00f6ren selbst beeintr\u00e4chtigt sein muss.\nDie Ohrtrompete oder Tuba Eustachii vgl. Fig. 12 I. R) dient nun dazu, die Ausgleichung derartiger. das H\u00f6ren wesentlich beeintr\u00e4chtigender . Druckdifferenzen zwischen der Paukenh\u00f6hlenluft und der Atmosph\u00e4re zu erm\u00f6glichen. \u2014 indem sich die M\u00fcndung ihres Nasenendes \u00f6ffnet und den Kanal, der die Paukenh\u00f6hle mit der Nase verbindet, wegsam macht.\nDies geschieht, ohne dass wir cs wollen und wissen, w\u00e4hrend der Schluckbewegungen. Machen wir daher, sobald sich eine Schwerh\u00f6r igkeit infolge von Luftdruckdifferenzen einstellt, einige Schlingbewegungen, so verschwindet dieselbe sofort wieder, weil durch die dabei sich \u00f6ffnende Ohrtrompete Luft entweder aus der Nase indie Paukenh\u00f6hle, oder aus dieser in die Nase einstr\u00f6mt, und das Gleichgewicht auf beiden Seiten des Trommelfells sich herstellt.\nBei verschiedenen Menschen ist die Ohrtrompete von sehr verschiedener Weite. Bei manchen ist sie soweit, dass sie immer offen stellt und es daher niemals zu den beschriebenen Erscheinungen kommt, \"weil die ungehinderte Ausgleichung das Zustandekommen etwaiger\n1 In dem bei der Vorlesung benutzten Ohrsehema waren das Trommelfell und die Membranen des ovalen und des runden Fensters aus Kautsehukstreifen hergestellt und die Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen auf Pappe gemalt, ausgeschnitten und beweglich aneinander befestigt worden.","page":47},{"file":"p0048.txt","language":"de","ocr_de":"48\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nSpannungsunterschiede verhindert. Bei anderen ist sie wieder so eng. dass sie hei der geringsten Schwellung der Schleimhaut ganz unwegsam wird. Die stets verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig geringe Weite des Ohrtrompetenkanals ist, beil\u00e4ufig bemerkt, der Grund, warum man so h\u00e4ufig bei heftigem Schnupfen, wo die Schleimh\u00e4ute schwellen, schlecht h\u00f6rt.\nHierdurch wird Ihnen die Bedeutung und der Nutzen jener sehr sonderbaren Communication zwischen der Pauken- und Nasenh\u00f6hle gewiss verst\u00e4ndlich geworden sein.\nVon den Umst\u00e4nden aber, unter welchen diese Art vor\u00fcbergehender Schwerh\u00f6rigkeit entsteht, will ich z w e i anf\u00fchren, weil sie ein besonderes Interesse darbieten d\u00fcrften.\nL\u00e4sst man sich n\u00e4mlich in einer Taucherglocke in die Tiefe des Wassers hinab, \u2014 oder steigt man in einem Luftballon rasch in betr\u00e4chtlich d\u00fcnnere Luftschichten empor, so tritt jene Schwerh\u00f6rigkeit sehr deutlich ein \u2014 in der Taucherglocke, weil die Luft, in der man athmet, stark comprimirt ist, w\u00e4hrend die Paukenh\u00f6hlenluft nur die Spannung einer Atmosph\u00e4re hat \u2014 das Trommelfell daher zu stark eingest\u00fclpt wird ; \u2014 im L u ft b a 11 o n, weil die Luft. in die man emporgekommen, d\u00fcnn ist im Vergleiche zu jener, die man von der Erdoberfl\u00e4che \u2014 dem Grunde der Atmosph\u00e4re \u2014 in seiner Paukenh\u00f6hle mit hinaufgenommen hat \u2014 das Trommelfell also dauernd herausgest\u00fclpt wird.\nIch kann Ihnen diese Thatsachen aus eigener Erfahrung best\u00e4tigen, denn ich habe mich im Jahre 1850 im polytechnischen Institut in London mit drei anderen Herren in einer Taucherglocke in die Tiefe eines brunnenartigen Bassins hinabgelassen \u2014 und bin im vorigen Herbst in Paris, in Gesellschaft von 14 anderen Personen mit einem sogenannten \u00bbBallon captif\u00ab \u2014 einem an einem langen Seil befestigten kolossalen Luftballon, der erst gegen das Ende der Ausstellungszeit fertig geworden war \u2014 an 300 Meter hoch in die Luft geflogen \u2014 also weit h\u00f6her als unser Jenenser Hausberg.\nW eder die unheimliche gedr\u00fcckte Situation in der gr\u00fcnlich d\u00e4mmerigen Taucherglocke \u2014 noch die wahrhaft entz\u00fcckende Empfindung bei der Luftfahrt, und die \u00fcber alle Beschreibung herrliche Aussicht aus dem Ballon aut das vom sch\u00f6nsten Abendgold \u00fcbergossene Paris mit seinen zahllosen punktf\u00f6rmigen Menschlein und zwerghaft zusammengeschrumpften Bauten \u2014 seinem H\u00f4tel des Invalides, seinem Panth\u00e9on, seinem Arc de l\u2019Etoile . . . tief unter meinen F\u00fcssen \u2014 haben mich an der physiologischen Beobachtung \u00fcber die unter diesen Umst\u00e4nden eintretende Schwerh\u00f6rigkeit und deren sofortige Vertreibun0\u2019 durch Schlingbewegungen verhindert.","page":48},{"file":"p0049.txt","language":"de","ocr_de":"II. Dus Ohr und das H\u00f6ren.\n49\nEbensowenig hinderten mich aber auch diese Beobachtungen daran, die Unbehaglichkeit der Existenz in der Taucherglocke zu empfinden und die grossartige Pracht und Herrlichkeit der mir unvergesslichen Luftfahrt in vollen Z\u00fcgen zu gemessen.\nHie fragen, warum man Aehnliehes nicht auch beim Befahren jedes tiefen Bergwerkes oder beim Besteigen jedes h\u00f6heren Berges empfinde\u201c? Einfach darum nicht, weil man dabei nicht rasch genug in die H\u00f6he und Tiefe gelangt und mittlerweile alle paar Minuten \u2014 ohne daran zu denken, einige Schlingbewegungen macht !\nIch kehre zur Schallbewegung im Ohre zur\u00fcck. Wir hatten sie vorhin bis ins Labyrinthwasser verfolgt, welches durch die vom oscillirenden Steigb\u00fcgel ein- und ausgest\u00fclpte Membran des ovalen Fensters in entsprechende Ersch\u00fctterungen und Str\u00f6mungen versetzt wird.\nDiese bringen dann nat\u00fcrlich auch das h\u00e4utige Labyrinth und die elastische Spiralplatte der Schnecke in Bewegung, und dabei kann es nicht fehlen, dass \u2014 je nach der Lichtung, Anzahl, Kraft und Beschaffenheit der Impulse \u2014 endlich auch diese oder jene der so verschiedenen. fr\u00fcher beschriebenen akustischen Endorgane an den Ausbreitungsstellen des H\u00f6rnerven in Erzitterungen oder Mitschwingungen gerathen und die Nervenenden dr\u00fccken und zerren, d. h. sie mechanisch reizen.\nDer durch diese mechanische Reizung hervorgebrachte Erregungszustand der Nervensubstanz, welcher noch immer ein durch die neueren H\u00fclfsmittel der Untersuchung nachweisbar materieller Bewegungsvorgang ist, pflanzt sich innerhalb der Nervenr\u00f6lirchen \u2014 etwa wie eine telegraphische Depesche im elektrischen Leitungsdraht \u2014 ins Gehirn hinein fort: \u2014und im Gehirn erst findet jene gehcim-nissvolle Transsubstantiation des physikalischen Bewegungsvorganges der Nervenerregung in den p h y s i s c li e n Zustand der Schall-em p fin dung statt.\nUnd so w\u00e4ren wir denn bei der Schallempfindung angelangt.\nSie \u00fcbersehen jetzt die ganze zusammenh\u00e4ngende Kette von mechanischen Bewegungsvorg\u00e4ngen, welche der Wahrnehmung des Schalles \u00fcberhaupt zu Grunde liegen, \u2014 von den Schwingungen des schallerzeugenden K\u00f6rpers an \u2014 bis zu dem durch die mechanische Reizung gewisser Nervenenden hervorgebrachten Erregungszustand der akustischen Nervenmasse im Gehirn, welcher schliesslich in etwas ganz Neues \u2014 in eine E m p find u n g \u2014 umschl\u00e4gt. \u2014\nCzermak, Schriften. II.\n4","page":49},{"file":"p0050.txt","language":"de","ocr_de":"50\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nF\u00fcr die Schallwellen gibt es. wie ich hier beil\u00e4ufig'erw\u00e4hnen muss, noch einen zweiten k\u00fcrzeren Weg zu dem H\u00f6rnerven mit seinen Endorganen im Labyrinth \u2014 n\u00e4mlich durch die Sch\u00e4delknochen selbst.\nDiesen direeteren Weg k\u00f6nnen die Schallwellen jedoch nur dann in erheblicher St\u00e4rke betreten, wenn sie durch einen festen K\u00f6rper fortgeleitet werden, welcher mit den Sch\u00e4delknochen selbst oder mit den Z\u00e4hnen in unmittelbarer Ber\u00fchrung steht.\nWenn man sich beide Ohren zustopft und dann einen Bindfaden zwischen die Z\u00e4hne klemmt, an dessen Ende ein grosser silberner L\u00f6ffel oder noch besser ein eisernes Lineal herabh\u00e4ngt \u25a0\u2014 so h\u00f6rt man, sowie der L\u00f6ffel oder das Lineal \u2014 gegen eine Tischkante hingeschwungen \u2014 an sch l\u00e4gt \u2014 trotz der verstopften Ohren einen so m\u00e4chtigen Schall, dass man glauben kann neben der grossen Glocke des Kremeis von Moskau zu stehen. \u2014 Ich empfehle Ihnen diesen einfachen und h\u00f6chst \u00fcberraschenden Versuch \u2014 nicht etwa blos f\u00fcr die Kinderstube.\nViele Schwerh\u00f6rige, ja sogar manche scheinbar ganz Taube h\u00f6ren das auf einem Klavier gespielte Musikst\u00fcck vollkommen gut. wenn sie einen zwischen den Z\u00e4hnen gehaltenen Holzstab auf den Resonanzboden des Instruments aufstemmen.\nDiesen Kunstgriff hat, wie mir mitgetlieilt wurde, unser verstorbener College Scheidlek in fr\u00fcheren Jahren benutzt, wenn ertrotz seiner Taubheit musiciren wollte.\nDieser Kunstgriff gelingt indess nur solchen Geh\u00f6rkranken. Lei denen das Labyrinth und der H\u00f6rnerv mit seinen Endorganen noch gesund sind, w\u00e4hrend die Tlieile des Leitungsweges f\u00fcr die Schallwellen der Luft \u2014 also Trommelfell und Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen irgendwie gelitten haben und functionsunf\u00e4hig geworden sind. \u2014\nDie Beantwortung unserer dritten und letzten Frage : w e 1 c h e V e r s c h i e den h eiten der Schall darhietet? \u2014 an die wir nun herantreten k\u00f6nnen, muss darin bestehen, dass ich Ihnen zeige :\nwie vielerlei Unterschiede die Schallempfindungen \u2014 deren unser Ohr f\u00e4hig ist, \u2014 erkennen lassen, und welche Verschiedenheiten der \u00e4usseren Erregungsmittel \u2014 n\u00e4mlich der Schallwellen \u2014 durch ihre Einwirkung auf den Mechanismus des Ohres \u2014 diesen Unterschieden der Empfindung entsprechen.\nDer Unterschied, welchen ich zuerst besprechen will, weil er all en Arten der Schallempfindung zukommt, ist der hinsichtlich ihrer St\u00e4rke oder Intensit\u00e4t.\nJede, wie immer geartete Schallempfindung kann n\u00e4mlich einen st\u00e4rkeren oder sch w \u00e4 c h e r e n Eindruck machen.","page":50},{"file":"p0051.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n51\nDieser quantitative Unterschied der Schallempfindungen h\u00e4ngt unter \u00fcbrigens gleichen Umst\u00e4nden nur ab von der Gr\u00f6sse der Schwingungen, d. h. von der Breite des Raumes, innerhalb welches der schallerzeugende K\u00f6rper und die einzelnen Theilchen des leitenden Mediums hin- und heroscilliren. Denn je gr\u00f6sser die Excursionen der Schwingungen sind, desto m\u00e4chtiger werden ,die Ersch\u00fctterungen des Trommelfells, der Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen, des Labyrinthwassers und der betreffenden Endorgane des H\u00f6rnerven ausfallen \u2014 desto intensiver ist dann auch die mechanische Erregung der Nerven und dieser entsprechend die Schallempfindung selbst.\nJe kleiner hingegen die Schwingungsgr\u00f6sse der ganzen Reihe der schallerzeugenden Schwingungen ist, desto schw\u00e4cher muss die nerv\u00f6se Erregung und desto leiser die erzeugte Empfindung sein.\nIch komme zu dem zweiten und zwar dem Hauptunterschiede des Schalles, es ist der zwischen Ger\u00e4uschen und musikalischen Kl\u00e4ngen.\nGer\u00e4usche und Kl\u00e4nge k\u00f6nnen in mannichfach wechselnden Verh\u00e4ltnissen sich mischen, ja durch Zwischenstufen unmerklich ineinander \u00fcbergehen \u2014 ihre Extreme liegen aber weit auseinander.\nDer wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Hauptklassen von Schallempfindungen ist darin begr\u00fcndet, dass beim Ger\u00e4usch die hin- und hergehenden Bewegungen der einzelnen Lufttheilchen ganz unregelm\u00e4ssig sind \u2014 und dass demzufolge die miteinander abwechselnden Verd\u00fcnnungen und Verdichtungen der Luft, aus denen die fortschreitenden Schallwellen des Ger\u00e4usches bestehen, nicht gleichartig und \u00fcbereinstimmend zusammengesetzt erscheinen, sondern ganz verschieden und regellos wechselnd.\nBeim reinen Klang hingegen geschehen die Schwingungen der einzelnen Lufttheilchen ganz regelm\u00e4ssig, nach einer ganz bestimmten, in immer gleicher Weise wiederkehrenden Norm, und infolge dessen sind auch alle die aufeinander folgenden Schallwellen eines und desselben Klanges genau einander gleich ; es herrscht eine mathematische Uebereinstimmung der Bewegung.\nEine solche Bewegung, welche in genau gleichen Zeitabschnitten, in genau derselben Weise oder Norm wiederkehrt \u2014 mag diese Weise oder Norm an sich welche immer sein \u2014 nennt man in der Physik eine periodische.\nJene Schallwellenbewegung also, welche den musikalischen Klang hervorbringt, ist eine periodische \u2014jene, welche das Ger\u00e4usch erzeugt, eine nicht periodische Bewegung.\nDie verschiedenen Wirkungen dieser beiden Arten von Schall-\n4 *","page":51},{"file":"p0052.txt","language":"de","ocr_de":"52\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nWellenbewegung auf das Ohr scheinen sich aber einfach daraus zu erkl\u00e4ren, dass p er io di sehe Schallwellen andere der Endorgane des H\u00f6rnerven in Mitschwingungen versetzen und demgem\u00e4ss auch andere Nervenfasern erregen \u2014 als nicht periodische.\nIn dieser Beziehung ist es von Wichtigkeit sich zu erinnern, wie verschieden die akustischen Endorgane der Nerven \u2014 je nach ihrer Form, Consistenz, Elasticit\u00e4t und Beweglichkeit sind.\nWie man mit Grund vermuthet, k\u00f6nnen n\u00e4mlich die saitenartig ausgespannten und abgestimmten CoRTi\u2019schen St\u00e4bchen auf der elastischen Spiralplatte nur durch periodische Schwingungen, die mit ihneninEinklang sind, in anhaltende, kr\u00e4ftige M i t Schwingungen versetzt werden ; w\u00e4hrend der z\u00e4he Krystallbrei der H\u00f6rsteinchen in den Vorhofs\u00e4ckchen und die feinen H\u00e4rchen in den Ampullen, durch einzelne St\u00f6sse und unregelm\u00e4ssige, nicht periodische Ersch\u00fctterungen in ausgiebige, regellose Bewegungen gerathen.\nUnd so sehen Sie denn, dass durch die Eigent\u00fcmlichkeit ihrer Endorgane die Nervenausbreitungeu in den Vorhofs\u00e4ckchen und den Ampullen zur Wahrnehmung der Ger\u00e4usche \u2014 die Schneckennerven mit ihren CoRTi\u2019schen St\u00e4bchen aber zur Wahrnehmung der musikalischen K1 \u00e4 n g e geschickt erscheinen.\nDie Erregung der Vorhofsnerven gibt Ger\u00e4uschempfindungen, die der Schneckennerven aber Ton - und Klangempfindungen.\nAuf die Analyse der unendlich mannichfaltigen Ger\u00e4usche kann ich mich nicht weiter einlassen ; ich bemerke nur, dass sie meist verschiedene, mehr oder weniger hervorstechende Klangelemente beigemischt enthalten : wie umgekehrt fast alle Kl\u00e4nge mehr oder weniger durch Ger\u00e4usche verunreinigt sind.\nWas aber die weiteren Verschiedenheiten der reinen musikalischen Kl\u00e4nge angeht, so habe ich Ihnen noch zu erkl\u00e4ren, wodurch einerseits die musikalische Tonh\u00f6he derselben, andererseits ihre sogenannte Klangfarbe oder ihr Timbre bedingt wird, und wie der Schneckennerv mit seinen CoRTi'schen St\u00e4bchen diese beiden Qualit\u00e4ten wahrzunehmen im Stande ist.\nDie musikalische H\u00f6he und Tiefe der Tonempfindungen ist bedingt durch die Anzahl der Schwingungen, welche der t\u00f6nende K\u00f6rper in einer Secunde macht.\nJe gr\u00f6sser die Anzahl der Schwingungen in einer Secunde ist, desto h\u00f6her \u2014je kleiner, desto tiefer ist der Ton. Von dieser fundamentalen Thatsacke kann ich Sie vermittelst der sogenannten See-ueciysehen Sirene \u00fcberzeugen. Dies ist ein Instrument, in welchem T\u00f6ne, d. h. periodische Schallwellen, nur dadurch entstehen, dass ein","page":52},{"file":"p0053.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n53\nLuftstrom, der aus einem R\u00f6hrchen entweicht, durch eine rotirende Scheibe, die eine Reihe von L\u00f6chelchen besitzt, abwechselnd unterbrochen und freigegeben wird vgl. Fig, 18).\nMan hat es dabei also ganz in seiner Gewalt, durch die Schnelligkeit der Rotation der L\u00f6chelcheuscheibe, die H\u00e4ufigkeit dieser Unterbrechungen und Impulse zu bestimmen und damit die Tonh\u00f6he zu ver\u00e4ndern \u2014 ohne sonst etwas an der Art der Schallbewegung zu \u00e4ndern. Ich setze die Scheibe in Rotation und treibe durch das R\u00f6hrchen (a) einen kr\u00e4ftigen Luftstrom.\nSie h\u00f6ren, \u2014 je rascher die Scheibe rotirt, je gr\u00f6sser also die Zahl der Schallwellen in einer Secunde wird \u2014 desto h\u00f6her wird der Ton und umgekehrt.\nJeder bestimmten T o n -h \u00f6 h e entspricht immer und unter allen Umst\u00e4nden eine und dieselbe Scliwin-gungszahl. Dies ist ein akustisches Fundamentalgesetz.\nDem eingestrichenen a z. B. entsprechen nach Scheiblek\u2019s , in Deutschland allgemein angenommener Festsetzung, \u2014 410 Schwingungen in einer Secunde \u2014 nach der Pariser Stimmung, die etwas tiefer ist, jedoch nur 437y2. Die tiefsten, \u00fcberhaupt noch wahrnehmbaren T\u00f6ne haben etwa die Schwingungszahl 10 'A \u2014 die h\u00f6chsten dagegen bis \u00fcber 38,000 ! \u2014 was einen Umfang der \u00fcberhaupt h\u00f6rbaren T\u00f6ne von etwa 11 Octaven gibt. Davon sind nur etwa sieben Octaven musikalisch brauchbar.\nL\u00e4ngst bevor man noch irgend etwas von periodischen Schallwellen und deren Messung und Z\u00e4hlung wusste, hatte Pythagoras entdeckt, dass, \u2022\u2014- wenn man eine Saite durch einen untergeschobenen Steg so theilen will, dass ihre beiden Abschnitte consonant e T\u00f6ne geben \u2014 sic im Verh\u00e4ltniss der bestimmten ganzen Zahlen 1, 2, 3, 4 (= 2x2), 5, 6 [= 2x3), 8 = 2x2x2) und 10 (= 2x5) \u2014 also eigentlich der vier Zahlen 1, 2, 3, 5) getheilt werden muss.\nVon der sehr merkw\u00fcrdigen Beziehung der Zahlen zu den Ton-intervallen will ich Sie sogleich durch den interessanten und durch\nFig. 18. SEEBECK\u2019sche Sirene.\nEine Scheibe von Pappe mit regelm\u00e4ssig angeordneten L\u00f6chelchen, gegen welche ein R\u00f6hrchen c einen Luftstrom bl\u00e4st, w\u00e4hrend die Scheibe durch die Schnur //rasch um ihre horizontale Axe gedreht wird.","page":53},{"file":"p0054.txt","language":"de","ocr_de":"Popul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\n54\nsein mehr als 2000j\u00e4hriges Alter ehrw\u00fcrdigen Versuch am Monochord \u00fcberzeugen vgl. Fig. 19).\nDas Monochord ist, wie Sie sehen, ein langer schmaler Resonanz-kasten (Ii von d\u00fcnnen Brettchen, auf welchem eine einzige Saite daher der Name) ausgespannt ist, indem ihre Enden in die festen scharfkantig aufgebogenen Lager (k, k') eingeschraubt sind. Ein Steg t) kann beliebig wo unter die Saite geschoben werden und theilt dann dieselbe in zwei selbst\u00e4ndig schwingende H\u00e4lften. An der Seite des Kastens (R) ist ein Maassstab (in der Fig. in 150 Theile getheilt) , von welchem man das Verh\u00e4ltniss der L\u00e4ngen, in dem die entstandenen Saitenh\u00e4lften zu einander stehen, ablesen kann.\nOctavej-Quinte y-Quarter-gr. Terzh\n-1\u2014\nHl : 2\nH2 : 3\nh3\n~1 1 i ' 3 kl. Terz l 7 l 5 1 -3-+\nt/\ns\nH 4\n4 V\n7 ' 8 1 9 1 10 1 u\nkl. Sext1 \u00b1 1 a I 3 I 4 1 5^1 g I ^ I s I gr. Sextl~rl~ 1 t+T t* \u201eT-i\n[ 9 10 1 11 \u2018 TP 13\n-il\n3 & 3 e'l 8 0 m 11 12 13 li, 15 I\u00df\nFig. 19. Das Monochord.\n1 s\n-i 5 : 6\nS\n10\n11 Ilesonanzkasten mit Maassstab f\u00fcr die Einstellung des verschiebbaren Steges (tj. Die einzige Saite des Instruments ist horizontal \u00fcber die scharfkantig aufgebogenen Lager k, k' gespannt.\nSetze ich den Steg {(] genau unter die Mitte der Saite (nach dem Maassstab der Zeichnung also in die Verl\u00e4ngerung des Theilstrichs 75), so stehen die Saitenh\u00e4lften im Verh\u00e4ltniss 1:1, d. h. sie sind gleich lang; ich schlage sie an; sie geben, wie Sie h\u00f6ren, genau denselben Ton (unisono).\nTheile ich die Saite in Gedanken in drei gleiche Theile und schiebe ich den Steg genau am Grenzpunkt zwischen dem ersten und zweiten Drittel unter die Saite (vgl. Fig. 19 t\u2019 bei Theilstrich 50), so hat die linke Saitenh\u00e4lfte l/3, die rechte % der ganzen L\u00e4nge. Beide H\u00e4lften stehen im Verh\u00e4ltniss von 1 : 2 , und wenn ich sie erklingen lasse, so geben sie, wie Sie h\u00f6ren, das Intervall einer Octave.\nSetze ich den Steg so, dass links 2/5, rechts 3/5 der L\u00e4nge liegen","page":54},{"file":"p0055.txt","language":"de","ocr_de":"IL Dns Ohr und das H\u00f6ren.\n55\n(vgl. in der Fig. 19 t\" bei Theilstrich GO; , so ist das Verli\u00e4ltniss der St\u00fccke 2 : 3 und die T\u00f6ne bilden eine Quinte.\nSo fortfalirend findet man das Verh\u00e4ltniss f\u00fcr die Quarte\t3\t:\t4\ngrosse\tTerz\t4\t:\t5\nkleine\tTerz\t5\t:\t6\nkleine\tSext\t5:\t8\ngrosse Sext 0:10 oder 3 : 5\nvgl. die in der Fig. gezeichneten horizontalen Linien, ihre Eintheilung und die Stellung des Steges t\\ t2,t3, t4, /5, F und t~ .\nDie l\u00e4ngere Saitenh\u00e4lfte gibt immer den tieferen Ton des Intervalls. Alle \u00fcbrigen Verh\u00e4ltnisse der Saitenh\u00e4lften bringen Dissonanzen hervor.\nDiese Abmessungen sind schon von den griechischen Musikern mit grosser Genauigkeit ausgef\u00fchrt und als ein tiefes Mysterium betrachtet worden.\nErst sehr viel sp\u00e4ter ermittelte man, dass die einfachen Verh\u00e4ltnisse der Saitenl\u00e4ngen auch ebenso f\u00fcr die Schwingungszahlen der T\u00f6ne bestehen und somit den Tonintervallen aller musikalischen Instrumente zukommen. Auf den Tonintervallen beruht aber eben schliesslich die ganze Musik \u2014 und Sie werden nun den vielcitirten geistreichen Ausspruch, \u00bbdass die Musik eigentlich klingende Arithmetik\u00ab sei, zu w\u00fcrdigen verstehen.\nNun noch von der Klangfarbe !\nL\u00e4sst man eine und dieselbe Note nach einander durch verschiedene Instrumente, etwa eine Geige, eine Clarinette, ein Piano oder eine Singstimme in der gleichen St\u00e4rke angeben, so ist die Em-ptiudung trotzdem jedesmal von anderem akustischen Charakter, und diesen nennt man Klangfarbe oder Timbre. An Klangfarbe oder Timbre erkennt man leicht das Instrument, welches den Ton hervorgebracht hat.\nWelche Verschiedenheit der periodischen Schallbewegung entspricht nun diesem Unterschiede der Empfindung?\nWir haben gesehen, dass von der Schwingungsgr\u00f6sse die St\u00e4rke, \u2014 von der Schwingungsanzahl die musikalische H\u00f6he des Tones abh\u00e4ngt \u2014 zur Erkl\u00e4rung der verschiedenen Kl\u00e4nge oder Klangfarben bleibt also nur noch jene Mannichfaltigkeit der periodischen Schwingungen \u00fcbrig, welche sich auf deren F o r m oder Zusammensetzung bezieht, d. h. auf die specielle Art und AVeise, wie die schwingenden Theilchen ihre Bewegung w\u00e4hrend eines einmaligen Hin- und Herganges ausf\u00fchren.","page":55},{"file":"p0056.txt","language":"de","ocr_de":"56\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nIch muss Ihnen liier, um kurz zu sein, die \u00fcberraschende Mittheilung machen, dass es nur durch besondere physikalische Vorrichtungen gelingt, einen wirklich ganz einfachen Ton zu erzeugen und dass ein jeder Klang \u2014 wie ihn unsere verschiedenen musikalischen Instrumente durch ihre complicirten Schwingungen hervorbringen \u2014 niemals wirklich ein einziger, einfacher Ton ist, sondern stets zusammengesetzt aus me h r e r e n T \u00f6 n e n von verschiedener St\u00e4rke und H\u00f6he, die gleichzeitig und in demselben Momente miteinander erklingen \u2014 sobald irgend eine Note eben durch eines unserer bekannten Musikinstrumente angegeben wird !\nVon diesen einfachen T\u00f6nen, die, wie gesagt, einen jeden solchen scheinbar einfachen Klang zusammensetzen, wird derjenige, welcher der tiefste und st\u00e4rkste ist, und deshalb auch durch seine Schwingungszahl die musikalische H\u00f6he des ganzen Klanges bestimmt, der G run dt on genannt, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen h\u00f6heren T\u00f6ne, welche gleichzeitig aber in verschiedener St\u00e4rke noch mitklingen. die Obert\u00f6ne heissen.\nDer Grundton und seine Obert\u00f6ne verschmelzen f\u00fcr das Geh\u00f6r so sehr zu einer einheitlichen Empfindung \u2014der des specifischen Klanges \u2014 dass sie nur durch besonders ge\u00fcbte und aufmerksame Ohren, oder durch besondere k\u00fcnstliche Veranstaltungen \u2014 einzeln aus dem Klange herausgeh\u00f6rt werden k\u00f6nnen.\nSie sehen, verehrte Anwesende ! dass somit von der Form oder Zusammensetzung der periodischen Schwingungen\u2014 d. h. von der verschiedenen Anzahl und St\u00e4rke der Obert\u00f6ne, die nebst dem Grundton im Klang enthalten sind, die Verschiedenheit der Klangfarbe oder des Timbres abh\u00e4ngt.\nWenn, um nur ein Beispiel anzuf\u00fchren, die Violine und die menschliche Stimme das eingestrichene \u00ab nach einander angeben. \u2014 so stimmen diese, durch ihren Timbre leicht aus einander zu kennenden Kl\u00e4nge darin \u00fcberein, dass sie beide dasselbe a mit seinen 440 Schwingungen in einer Secunde) zum Grundton haben; \u2014 sie unterscheiden sich aber dadurch von einander, dass beim a der \\ioline die Obert\u00f6ne in anderer Anzahl und St\u00e4rke mitklingen als beim a der menschlichen Stimme \u2014 und dies gilt f\u00fcr alle \u00fcbrigen Musikinstrumente. Ich verzichte darauf, Ihnen noch mehr \u00fcber \"die Obert\u00f6ne und ihr Intervallverh\u00e4ltuiss zum Grundton und zu einander Zusagen, sowie darauf, Ihnen zu zeigen, wie die Luftbewegung beschaffen ist, welche gleichzeitig erklingenden und neben einander bestehenden T\u00f6nen entspricht, die einen Klang zusammensetzen, denn einerseits m\u00fcsste ich zu weitl\u00e4ufig werden, um leicht verstand-","page":56},{"file":"p0057.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n5 i\nlieh zu bleiben, andererseits aber gen\u00fcgt das Mitgetheilte vollst\u00e4ndig f\u00fcr unseren Zweck und entzieht sieh in seiner Einfachheit keiner Fassungskraft. Oder irre ich mich, wenn ich glaube, dass das Gesagte hinreicht, um sich eine im allgemeinen richtige Vorstellung vom Wesen des Klanges und der sogenannten Klangfarbe zu machen ?\nJeder Klang \u2014 ich wiederhole es \u2014 ist eine Mischung verschiedener gleichzeitig im Instrument entstehender T\u00f6ne, und die Verschiedenheit dieser Mischung bedingt die Verschiedenheit der Kl\u00e4nge oder die verschiedene Klangfarbe.\nJetzt habe ich Ihnen nur noch zu erkl\u00e4ren, wie der Schnecken-uerv mit seinem System der Coim\u2019schen St\u00e4bchen die Schwingung s z a h 1 oder die Tonh\u00f6he und die S c h wingungsfo r m oder die Klangfarbe wahrzunehmen im Stande ist. Um dies in K\u00fcrze und doch in allgemein fasslicher Weise zu tliun, werde ich einen Vergleich benutzen, der von Helmholtz selbst herr\u00fchrt \u2014 dem Begr\u00fcnder und Entdecker der Function der Schnecke und dieser ganzen Anschauung Uber die zusammengesetzte Natur der Kl\u00e4nge ! \u2014\nDenken Sie sich den D\u00e4mpfer eines Klaviers gehoben und lassen Sie irgend einen Klang kr\u00e4ftig gegen den Resonanzboden wirken, so bringen Sie eine Reihe von Saiten in Mitschwingung \u2014 n\u00e4mlich alle die Saiten und n u r die Saiten, welche den einzelnen T\u00f6nen entsprechen, die in dem angegebenen Klange als Grundton und als Obert\u00f6ne enthalten sind. Die Folge davon ist, dass Ihnen aus dem Klavier der fremde Klang mit seinem specifischen Charakter, d. h. mit seiner eigentk\u00fcmlichen K lang f a r b e zur\u00fcckt\u00f6nt.\nIch will Ihnen diesen Versuch zu Geh\u00f6r bringen und zwar mit laut gerufenen Vocalen. Die Vocale sind n\u00e4mlich nichts anderes als verschiedene Klangfarben der menschlichen Stimme, welche dadurch entstehen, dass die Mundh\u00f6hle verschiedene Formen annimmt und durch Resonanz ganz bestimmte im Klange der Stimme enthaltene Obert\u00f6ne verst\u00e4rkt \u2014 andere hingegen schw\u00e4cht. \u2014 Da die Klangfarbe, wie wir sahen, von der St\u00e4rke und Anzahl der zusammengemischten Obert\u00f6ne des Grundtons abh\u00e4ngt, so muss unter diesen Umst\u00e4nden der Klang der menschlichen Stimme verschiedene F\u00e4rbungen annehmen, und diese F\u00e4rbungen sind eben, wie gesagt, die Vocale. Ich trete an das Klavier, dessen Deckel zur\u00fcckgeschlagen ist, sodass der Resonanzboden mit seiner Besaitung bloss liegt; ich liebe die D\u00e4mpfung durch Niederdr\u00fccken des Pedals auf und rufe mit starker Stimme a, dann e, dann o, a und i gegen die Saiten. Das Klavier beantwortet meine Rufe nicht wie ein musikalisches Instrument, sondern","page":57},{"file":"p0058.txt","language":"de","ocr_de":"58\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nwie ein Echo. d. h. Sie haben nicht die bekannten T\u00f6ne des Klaviers, sondern die Vocale meiner Stimme in ihrer specifischen Klangfarbe ans dem Klavier hervorklingen h\u00f6ren. Die Besaitung desselben hat n\u00e4mlich auf rein mechanischem Wege die zusammengesetzten Klangwellen der Vocale in ihre Bestandtheile zerlegt, \u2014 indem alle die Saiten und nur die Saiten in Mitschwingungen geriethen, welche den Schwingungszahlen der im Klange des Vocals enthaltenen einzelnen T\u00f6ne entsprachen. Es musste daher dieselbe Tonmischung nachhallen, welche der Klangfarbe des betreffenden Vocals entspricht, und Ihr Ohr hat diese Mischung sogleich als den bekannten Vocalklang erkannt und aufgefasst. Wie? \u2014 das sollen Sie gleich cinschen ! K\u00f6nnten wir jede Saite des Klaviers mit einem akustischen Nerven so verbinden, dass derselbe erregt w\u00fcrde und den entsprechenden einfachen Ton empf\u00e4nde, sobald die Saite in Schwingungen geriethe, so h\u00e4tten wir begreiflicherweise ein Organ geschaffen, das zur Wahrnehmung der T onh\u00f6h en und K1 angfarben geeignet w\u00e4re.\nEin solches Miniaturklavier mit Nerven ist aber in der That die Schnecke, die wir im Ohre haben.\nDie 3000 auf verschiedene T\u00f6ne abgestimmten Corti\u2019sehen St\u00e4bchen entsprechen n\u00e4mlich den Klaviersaiten, und es ist jedes solche St\u00e4bchen, wie wir sahen, mit akustischen Nerven verkn\u00fcpft, welche jedesmal mechanisch erregt werden und einen bestimmten einfachen Ton empfinden, sobald das betreffende St\u00e4bchen in Mitschwingungen versetzt wird.\nSo wie aber die Klaviersaiten nur dann in Mitschwingungen gerathen, wenn die ihnen entsprechenden T\u00f6ne auf sie einwirken, ebenso schwingen auch die Coim\u2019schen St\u00e4bchen n u r dann mit, wenn Schallwellen durch das Labyrinthwasser zu ihnen gelangen, deren Schwingungszahlen jene m Tone angeh\u00f6ren, auf welchen das einzelne St\u00e4bchen genau abgestimmt ist. \u2014\nDie Empfindung verschiedener Tonh\u00f6hen ist also eine Empfindung in den einzelnen Schneckennervenfasern, deren jede eine andere Tonh\u00f6he empfindet.\nDie Empfindung der Klangfarbe beruht aber darauf, dass ein Klang, wie beim Versuch mit dem Klavier, mechanisch zerlegt wird, d. h. ausser dem seinem Cfrundton entsprechenden CoRTi\u2019sehen St\u00e4bchen, noch eine Anzahl anderer \u2014 die den Obert\u00f6nen entsprechen \u2014 in Mitschwingungen versetzt und somit in m eh reren verschiedenen Gruppen von Fasern des Schneckennerven einfache Tonempfindungen erregt, die zu einer einheitlichen Empfindung \u2014 eben der des besonderen Klanges \u2014 verschmelzen.","page":58},{"file":"p0059.txt","language":"de","ocr_de":"II. Das Ohr und das H\u00f6ren.\n59\nHiermit d\u00fcrfte Ilmen der Mechanismus und die Function der Schnecke im allgemeinen deutlich und begreiflich geworden sein.\nIch hin zu Ende !\nGestatten Sie mir nur noch einen kurzen zusammenfassenden R\u00fcckblick ! \u2014 Nachdem wir den Schall als einen grob-materiellen Bewegungsvorgang erkannt hatten, verfolgten wir denselben durch das \u00e4ussere, mittlere und innere Ohr bis in die akustische Gehirnmasse hinein, wo er sieh in den psychischen Zustand der Scliallempfin-d u n g sozusagen t r a n s s u b s t a n t i i r t !\nWir sahen, wie die Schallwellen das Trommelfell und die Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen in entsprechende Schwingungen versetzen; wie die Fuss-platte des Steigb\u00fcgels dem Labyrinthwasser St\u00f6sse mittlieilt und in demselben Str\u00f6mungen bewirkt; \u2014 und wie diese St\u00f6sse und Str\u00f6mungen die verschiedenen akustischen Endorgane des H\u00f6rnerven, nach bestimmten mechanischen Gesetzen zu Mitschwingungen zwingen, welche endlich die H\u00f6rnervenenden erregen.\nWir haben dann die St\u00e4rke aller Schallempfindungen aus der Schwingungggr\u00f6sse; \u2014 die Empfindung der Ger\u00e4usche aus unregelm\u00e4ssigen ni c h t periodischen, die der Kl\u00e4nge aus regelm\u00e4ssigen periodischen Schwingungen erkl\u00e4rt \u2014 und zugleich erkannt, dass infolge der Verschiedenheit der akustischen Endorgane er stere wahrscheinlich durch die Vorhofsnerven, letztere durch die Schneckennerven empfunden werden.\nUie Empfindung verschiedener Tonh\u00f6he erwies sich abh\u00e4ngig von der Schwingungszahl und gekn\u00fcpft an die Mitschwingungen der einzelnen G'oim'schcn St\u00e4bchen und an die Erregung der einzelnen Fasern des Schneckennerven \u2014 deren jede die Empfindung einer anderen Tonh\u00f6he gibt; \u2014 w\u00e4hrend endlich die Klangfarbe, \u2014 abh\u00e4ngig von der Schwdngungsform oder der Zusammensetzung der Schwingungen, und in ihre einfachen Tonelemente, durch die abgestimmte Klaviatur oder Besaitung der CoRTi\u2019schen St\u00e4bchen zerlegt in mehreren gleichzeitig erregten G r u p p e n von Fasern des Schneckennerven als einheitlicher Eindruck empfunden wird. \u2014\nDamit aber habe ich Ihnen \u2014 versprochenermaassen \u2014 die ganze Welt des Schalles, wie sie uns das Ohr erschliesst, mechanisch verst\u00e4ndlich gemacht! \u2014 denn Sie haben nun eine beil\u00e4ufige Vorstellung davon, worin eigentlich die materiellen Vorg\u00e4nge bestehen, welche dieser wunderbar mannigfaltigen Erscheinungswelt zu Grunde liegen, und welches der Mechanismus jenes Organs ist, dessen wir uns zur Wahrnehmung derselben bedienen !","page":59}],"identifier":"lit16309","issued":"1879","language":"de","pages":"30-59","startpages":"30","title":"Das Ohr und das H\u00f6ren: Vortrag, gehalten den 12. Februar 1868","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:02:28.831095+00:00"}

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