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Stimme und Sprache. Anatomie und Physiologie der Stimm- und Sprachwerkzeuge: Erster Vortrag, gehalten den 24. Februar 1869

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{"created":"2022-01-31T16:05:12.327289+00:00","id":"lit16310","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 60-75. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0060.txt","language":"de","ocr_de":"III.\nStimme und Sprache.\nZwei Vortr\u00e4ge.\nAnatomie und Physiologie der Stimm- und Spracli-werkzeuge.\nErster Vortrag,\ngehalten den 24. Februar 1S69.\n(Mit Tafel 3 und 7 Holzschnitten.\nHochverehrte Anwesende!\nIm vorigen Jahre hatte ich an dieser seihen St\u00e4tte die Ehre, Ihnen in einem Vortrag \u00fcber das Ohr und das H\u00f6ren auseinanderzusetzen, dass die dem Schalle \u00fcberhaupt zu Grunde liegenden Vorg\u00e4nge nichts anderes sind als grob-materielle, zitternde Bewegungen oder Schwingungen , welche sich in Form von Schallwellen durch die Luft bis ins Geh\u00f6rorgan hinein fortpflanzen, daselbst nach bestimmten mechanischen Gesetzen diese oder jene H\u00f6rnervenfasern ersch\u00fcttern und erregen, und endlich infolge der Uebertragung dieser Erregung auf das Gehirn sich in die F\u00fclle von specifisclien Schallempfindungen umsetzen, welche in dem H\u00f6renden dann eine Welt von Vorstellungen. Gedanken und Gef\u00fchlen erwecken.\nHatte ich damals versucht, Ihnen das Wesen des Schalles, die Verschiedenheiten der Schallph\u00e4nomene und die Art der Wahrnehmung derselben durch das Geh\u00f6rorgan \u2014 kurz also die ganze AVelt des Schalles, wie sie uns das Ohr erschliesst, mechanisch verst\u00e4ndlich zu machen ; so will ich meine diesj\u00e4hrige Befrachtung nur auf eine einzige Gruppe von Schallph\u00e4nomenen beschr\u00e4nken, welche","page":60},{"file":"p0061.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n\u00d6l\njedoch das ganz besondere Interesse jedes Gebildeten in Anspruch zu nehmen geeignet ist, indem diese Gruppe jene Ger\u00e4usche und Kl\u00e4nge umfasst, welche den Gesang und die Sprache des Menschen \u2014 trotz aller ideellen Bedeutung dieser beiden Leistungen, zuletzt doch ganz allein ausmachen !\nIch werde mich n\u00e4mlich bem\u00fchen, Ihnen heute den Bau und die physiologische Th\u00e4tigkcit der Stimm- und Sprachwerkzeuge zu erkl\u00e4ren , um Ihnen in einem zweiten Vortr\u00e4ge eine befriedigende Einsicht in das Wesen der einzelnen Stimm- und Sprachlaute, sowie in den geheimnissvollen Mechanismus zu er\u00f6ffnen, vermittelst welches wir diese ebenso merkw\u00fcrdigen als bedeutungsvollen akustischen Erscheinungen thats\u00e4chlicli hervorbringen.\nUnser Stimm- und Sprachorgan ist physikalisch betrachtet \u2014 ein Blasinstrument und l\u00e4sst sich am besten mit einer Orgel vergleichen: nur dass unser Organ, statt der vielen Pfeifen, deren jedes Orgelwerk zur Erzeugung verschiedener Tonh\u00f6hen und Klangfarben bedarf, nur eine einzige Pfeife besitzt, welche jedoch verm\u00f6ge ihrer h\u00f6chst ingeni\u00f6sen und doch eigentlich wunderbar einfachen Einrichtung nicht nur Kl\u00e4nge von verschiedener H\u00f6he und Farbe, sondern auch noch eine F\u00fclle von eigenthlimlichen Ger\u00e4uschen erzeugen kann \u2014 und daher weit Mannichfaltigeres leistet, als das ganze Heer jener vielen Pfeifen zusammengenommen !\nDie Lungen, welche in dem beweglichen Brustkasten eingeschlossen sind, entsprechen dem Blasebalge der Orgel.\nDie Luftr\u00f6hre oder Trachea stellt die sogenannte Windlade der Orgel dar. welche den ganzen Registern und ihren einzelnen Pfeifen den Luftstrom zuf\u00fchrt, der sie zum T\u00f6nen bringt.\nDer Kehlkopf oder Larynx selbst ist statt der vielen, die einzige Pfeife und der Schlund, die Mund- und Kasenh\u00fchle bilden das bewegliche Ansatzrohr dieser einzigen Pfeife, welches allerdings in seiner Eigenth\u00fcmlichkeit und in seinen verschiedenartigen Wirkungen auf die Mannichfaltigkeit der erzeugbaren Schallph\u00e4nomene kein ebenb\u00fcrtiges Analogon unter den Ansatzst\u00fccken hat. weder der Orgelpfeifen noch der Blasinstrumente \u00fcberhaupt.\nUm unseren Vergleich vollends zu Ende zu f\u00fchren, braucheich Sie nur daran zu erinnern, dass Orgel gespielt wird, indem man den Blasebalg tritt, ein oder das andere Register aufzieht, und irgend eine Taste niederdr\u00fcckt.\nDer Blasebalg treibt einen Luftstrom in einen hermetisch geschlossenen Raum \u2014 die sogenannte Windlade \u2014 von wo aus derselbe nach Maassgabe der Klappen, welche durch das Aufziehen der Register und","page":61},{"file":"p0062.txt","language":"de","ocr_de":"62\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\ndas Niederdr\u00fccken der Tasten ge\u00f6ffnet wurden, diese oder jene der vielen verschiedenartigen Pfeifen anbl\u00e4st und zum T\u00f6nen bringt.\nIn ganz analoger Weise nun spielen wir auf unserer Stimm- und Sprachorgel.\nWir treten zwar den Blasebalg nicht mit den F\u00fcssen. aber wir pressen durch unsere Athemmuskeln den Brustkorb und die Lungen zusammen, um einen Luftstrom zu erzeugen : wir ziehen zwar kein Register mit der Hand auf und dr\u00fccken keine Tasten mit dem Finger nieder, um diese oder jene der verschiedenartig erklingenden Pfeifen zum T\u00f6nen zu bringen \u2014 weil wir eben keine Register und Tasten f\u00fcr Hand und Finger, und nur eine einzige Pfeife haben : \u2014 aber wir verwandeln diese einzige Pfeife in verschiedenartig erklingende Pfeifen, indem wir durch unseren Willensimpuls auf die Nerven und Muskeln den schallerzeugenden Vorrichtungen des Kehlkopfes und seines Ansatzrohrs solche Stellungen und Spannungen geben. dass T\u00f6ne von verschiedener H\u00f6he und Klangfarbe, oder Ger\u00e4usche von verschiedenem akustischen Charakter hervorgebracht werden.\nBei der Orgel stehen also die vielen Pfeifen, welche zur Erzeugung der Mannichfaltigkeit der Schallph\u00e4nomene n\u00f6thigsind. in Register geordnet nebeneinander; bei unserem Organ werden sie hingegen durch willk\u00fcrliche Umgestaltung der einzigen vorhandenen Pfeife nacheinander hergestellt.\nWas dort \u2014 Hei der Orgel \u2014 Registerzug und Tastendruck mit Hand und Finger leistet, das bewirkt liier der Willensimpuls auf Nerven und Muskeln und der formver\u00e4ndernde Zug dieser letzteren.\nUnd so wie beim Orgelspiel aus dem getretenen Blasebalg der Luftstrom in die Windlade, aus dieser in die einzelnen Pfeifen, deren Klappen durch Registerzug und Tastendruck ge\u00f6ffnet wurden, eindringt und demgem\u00e4ss bestimmte verschiedene T\u00f6ne erzeugt: ganz ebenso str\u00f6mt beim Sprechen und Singen aus den zusammengepressten Lungen die in ihnen enthaltene Luft in die Trachea, aus dieser in den Kehlkopf und sein Ansatzrohr, deren schallerzeugende Theile durch Nervenreiz und Muskelzug in bestimmter Weise gestellt und gespannt wurden, und erzeugt demgem\u00e4ss die gewollten verschiedenen Kl\u00e4nge oder Ger\u00e4usche.\nDie Analogie ist, wie Sie sehen, schlagend und vollst\u00e4ndig, und Sie haben durch unseren lehrreichen Vergleich mit einem Mal eine richtige Vorstellung von dem Mechanismus und der Spielart unseres Stimm- und Sprachinstrumeutes im Allgemeinen gewonnen.\nUm nun aber auch im Besonderen die Erzeugung der einzelnen Stimm- und Sprachlaute verstehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen Sie mir","page":62},{"file":"p0063.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n63\nIhre freundliche Aufmerksamkeit f\u00fcr die folgende Darstellung der anatomischen Beschaffenheit und physiologischen Th\u00e4tigkeit der betreffenden Organe schenken.\nWerfen wir zun\u00e4chst einen Blick auf diese kolossale Dnrchscknitts-zeichnung (vgl. Fig. 20 auf Tafel 3(, um ims \u00fcber die Lage und den Zusammenhang der fraglichen Tlieile zu orientiren.\nDieselbe stellt die rechte H\u00e4lfte eines Menschen von innen gesehen dar, welcher durch einen der bekannten UiiLASD\u2019schen \u00bbSchwabenstreiche\u00ab mittenentzAvei gespalten Avurde.\nHier Kopf, \u2014 Hals, \u2014 Brust.\nIm R\u00fccken die Wirbels\u00e4ule ; vorn das Brustbein; oben die kn\u00f6cherne Sch\u00e4delkapsel, darin eingebettet das grosse und kleine Gehirn, nach unten im Zusammenhang mit dem R\u00fcckenmark, das im Wirbelkanal eingeschlossen ist.\nAlle diese Gebilde sind nur skizzenhaft angedeutet, um die angef\u00fchrteren Darstellungen der zum Stimm- und Sprachorgan Avesent-lich geh\u00f6rigen Tlieile, deren Lage und Zusammenhang Avir eben studiren Avollen, desto deutlicher hervortreten zu lassen.\nIn der ge\u00f6ffneten Brusth\u00f6hle, Avelche nach unten durch eine convex empor gerv\u00f6lbte ScheideAvand \u2014 das sogenannte ZAverchfell \u2014 geschlossen und von der Bauchh\u00f6hle getrennt wird, sehen Sie den rechten Lungenfl\u00fcgel \u2014 das Herz und der linke Lungenfl\u00fcgel sind mit der ganzen linken K\u00f6rperh\u00e4lfte entfernt Avorden.\nAus der Lunge tritt eine klaffende R\u00f6hre hervor, Avelehe sich mit einer ebensolchen aus der linken Lunge kommenden R\u00f6hre, die hier nat\u00fcrlich abgeschnitten und nicht sichtbar ist, zur Luftr\u00f6hre oder Trachea vereinigt.\nDie Trachea steigt aus der Brust in den Hals empor, begleitet von der Speiser\u00f6hre, Avelche, aus dem Unterleibe kommend, hinter der Luftr\u00f6hre \u2014 zAvischen dieser und der Wirbels\u00e4ule nach oben zieht, um sich in den Schlund oder Pharynx zu \u00f6ffnen.\nIn der H\u00f6he des 5.\u2014 6. Halswirbels endet die Luftr\u00f6hre und geht in den Kehlkopf oder Larynx Uber, Avelclier sich unmittelbar vor der Speiser\u00fchrenmUndung ebenfalls in den Schlund \u00f6ffnet.\nDer Schlund oder Pharynx bildet einen sackartig enveiterten muskul\u00f6sen Schlauch, der von den beiden hintereinander liegenden M\u00fcndungen des Kehlkopfes und der Speiser\u00f6hre gerade vor den llals-Avirbelk\u00fcrpern bis an die Basis des Sch\u00e4dels hinaufreicht.\nHier communient er nach vorn mit zAvei H\u00f6hlen \u2014 der Mund-und Nasenh\u00f6hle \u2014. Avelche im Gesiehtstheile des Kopfes \u00fcbereinander liegen und durch eine horizontale kn\u00f6cherne Scheidewand, den harten","page":63},{"file":"p0064.txt","language":"de","ocr_de":"64\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nGaumen, getrennt sind, von dessen hinterem Rand das Gaumensegel oder der weiche Gaumen mit dem Z\u00e4pfchen als beweglicher Vorhang herabh\u00e4ngt. Mund- und Nasenh\u00f6hle \u00f6ffnen sich bekanntlich vermittelst besonderer Oeffnungen im Gesicht nach aussen. In der ersteren sieht man die halbirte Zunge, in der letzteren die drei sogenannten Nasenmuscheln.\nAuf diesem Bilde (vgl. Fig. 21 der Tafel 3) habe ich den Pharynx, nach Entfernung der Wirbels\u00e4ule, von hinten ge\u00f6ffnet dargestellt, um dessen Zusammenhang mit der Mund- und Nasenh\u00f6hle, dann die senkrechte Nasenscheidewand, welche die Nasenh\u00f6hle in zwei H\u00e4lften tlieilt, die hinteren Enden der beiden unteren Nasenmuscheln, und endlich das Gaumensegel mit dem Z\u00e4pfchen in seiner ganzen Ausdehnung zu zeigen. \u2014 Die Speiser\u00f6hre, vor deren M\u00fcndung der Kehlkopfseingang zu sehen ist, wurde kurz abgeschnitten dargestellt, um die Luftr\u00f6hre sichtbar zu machen, welche sich in die beiden Lungen\u00e4ste oder Bronchien spaltet, an denen die Lungen, wie Fr\u00fcchte am Stiel, h\u00e4ngen. Die Hauptverzweigungen der Bronchien in den Lungen sind deutlich zu \u00fcbersehen und in der rechten Lungenspitze sind die Ver\u00e4stelungen bis in ihre letzten Enden dargestellt , welche Gruppen von mikroskopisch kleinen Bl\u00e4schen tragen und denselben als Luftweg dienen. Nicht nur die ganze Oberfl\u00e4che einer Lunge besteht aus diesen mikroskopischen Bl\u00e4schengruppen, sondern auch im Innern f\u00fcllen dieselben alle R\u00e4ume zwischen den gr\u00f6beren und feineren Ver\u00e4stelungen der Bronchien und der Blutgef\u00e4sse aus. Die eigentliche Lungensubstanz ist also ein feinschwammiges, durch und durch lufthaltiges, \u00e4usserst elastisches Gewebe, und jede Lunge stellt somit ein Luftkissen von grosser Ausdehnbarkeit und sehr wechselnder Capacit\u00e4t dar.\nDer Schlund ist der gemeinschaftliche Weg f\u00fcr die Luft, die wir athmen, und f\u00fcr die Speisen und Getr\u00e4nke, die wir gemessen ; er gewinnt aber noch eine h\u00f6here Bedeutung, indem er mit seinem Doppelende \u2014 der Mund- und Nasenh\u00f6hle \u2014 einen integrirenden Bestandtheil unseres Stimm- und Sprachorganes ausmacht.\nDieses besteht also :\n] aus einem Blasebalg \u2014 dem allseitig geschlossenen und beweglichen Brustkasten mit den Lungen,\n2) aus einer Windlade \u2014 der Luftr\u00f6hre und ihren beiden Lungen\u00e4sten oder Bronchialverzweigungen, und\n3; aus einer Pfeife mit Ansatz rohr \u2014 dem Kehlkopf mit dem in Mund- und Nasenh\u00f6hle ausgehenden Schlund.\nOrientirt \u00fcber die Lage und den Zusammenhang der Haupt-","page":64},{"file":"p0064s0001table3.txt","language":"de","ocr_de":"('zrrmuk.ges. Schriften. tt.\u00dfa.[.\n\\\nFi\u00ab. St.\nTat'. 3.\n\u25a0V, .V kniieherne Sch\u00e4delica\u00dfwi\nhi. Mific/itjciii ,.i Stirn -sKeilheinh\u00f6htef II- //rosst'\u00e4 lh il ii\u25a0//\nr Mein en (1 chien.\nT i/cr/iin//erfr,i Murk ti-IHirt,-eu mark \u2022\n/ \u00fcJlutsmirbel / iz'jjruxtttiirbrl / - Lauten narbet D-\u00dfrmtlcin\nIfZwcrehfell o. Itieifilirae/ina . I- / 'uterteihsh\u00f6hlf\n\u25a0 I Vasen h\u00f6hle (m'.nfim ihc n- Urnen muscheln. n - I inten toch, / Mit//, thuu/1trrOliiiivin/ietf ' e/h -harter i'nnunen tfu-meiehfr Onnmett \u00ab (Uaauenaa/et mit dem /f\u00e8plrhen u M-Miindliiilite (z Ziniye. fZmii/rnlM\u2019in, /,/ (Ihm, I'nhrli/ifie mit ihn in ihnen e/V\u00cai ritteneu . dunkeln uk trnterkicfer ff-S'chtund n P/tart/rw Oe S/ieiserii/iir \u00ab. (Icsojcfiuipu; t. lieh tLop fa Liin/ndHe Kehldeckel / Tr-Luftr\u00fchre \u201e Trachea T-Sclii UI druse Hr-Lnti'reihrena.it \u00ab/irtuie/rus !\u2022' /\u25a0 -J.iuKienflin/i'l","page":0},{"file":"p0065.txt","language":"de","ocr_de":"TIT. Stimme und Sprache.\n65\nbestandtheile unseres Stimm- und Sprachorganes, m\u00fcssen wir sie nun noch einzeln \u2014 hinsichtlich ihres Baues und ihrer Beweglichkeit genauer betrachten.\nDer Athmungsmechanismus dient zwar zun\u00e4chst nur der Erhaltung des vegetativen Lebens, indem er\u2014 ohne unser Hinzuthun, automatisch, in Bewegung gesetzt) \u2014den Luftwechsel behufs der Regeneration des Blutes in den Lungen (durch Sauerstoffaufnahme und Kohlens\u00e4ureabgabe) besorgt: \u2014 er functionirt aber \u2014 (willk\u00fcrlich von uns beeinflusst) \u2014 auch als Gebl\u00e4se f\u00fcr das Stimm- und Sprach-organ, und deshalb muss er hier n\u00e4her er\u00f6rtert werden.\nDie Lungen, welche, wie wir sahen, die Struetur feinschwammiger elastischer Luftpolster haben, sind nebst andern Eingeweiden, wie das Herz, die grossen Blutgef\u00e4ssst\u00e4mme, Dr\u00fcsen, Fettgewebe u. s. w., hermetisch in der Brusth\u00f6hle eingeschlossen und f\u00fcllen den zwischen diesen Gebilden und den Brustwandungen \u00fcbrigbleibenden Raum stets vollst\u00e4ndig aus, weil sie der atmosph\u00e4rische Luftdruck, welcher auf ihren Innenfl\u00e4chen lastet, unter allen Umst\u00e4nden so weit ausdelmt, bis dass sie einerseits mit den \u00fcbrigen Brusteingeweiden, andererseits mit den Brustwandungen in innigen Contact kommen und bleiben m\u00fcssen, wie wenn sie daselbst ringsum angewachsen w\u00e4ren.\nEs befindet sich eben nirgendwo in der Brusth\u00f6hle ein leerer Raum, noch kann sich ein solcher daselbst bilden, denn wenn, wie beim Einathmen, der Brustraum sich vergr\u00f6ssert, indem seine Wandungen. gegen deren glatte Innenfl\u00e4chen die Lungen angedr\u00fcckt sind, zur\u00fcckweichen, so vermindert sich der Widerstand an den Aussen-fl\u00e4chen der Lungen, und genau in dem Maasse, als dies geschieht, muss nat\u00fcrlich der in ihrem Innern nunmehr einseitig lastende Luftdruck ihr elastisches Gewebe auseinander treiben und mit neuen Luftmassen erf\u00fcllen.\nHierin also liegt der Grund, dass und warum bei der Einath-mung die Luft nach den Lungen hinstr\u00f6mt.\nDie Entstehung des in entgegengesetzter Richtung fliessenden Luftstroms beim Ausathmen, wo sich der Brustraum verengt, ist aber als Folge der Zusammendr\u00fcckung der gef\u00fcllten Lungen ohne weiteres klar.\nUnd so h\u00e4tten wir denn die genauere anatomische Beschaffenheit, sowie die physiologische Th\u00e4tigkeit des ersten Hauptbestandtlieils unseres Stimm- und Sprachorgans \u2014 des Blasebalgs \u2014 kennen gelernt. Wir wissen jetzt, w i e und wo dur c h der Ausathmungsluft-strom immer wieder von Neuem erzeugt wird, dessen wir uns fast ausschliesslich zur Bildung der Stimm- und Sprachlaute bedienen.\nCzermak, Schriften. II.\t5","page":65},{"file":"p0066.txt","language":"de","ocr_de":"66\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nVon der Windlade, d. li. von der Luftr\u00f6hre und den beiden Bronchien mit ihren baumf\u00f6rmigen, in mikroskopisch e Bl\u00e4schengruppen endigenden Kamificationen in den Lungen, brauche ich Ihnen nichts zu sagen, als dass es elastische R\u00f6hren sind, welche durch verschieden geformte, in ihre Wandungen eingelassene Knorpelplatten (vgl. Fig. 21, wo ihre Durchschnitte zu sehen sind) immer klaffend und wegsain erhalten werden und im Inneren mit einer Schleimhaut ausgekleidet sind, deren freie Oberfl\u00e4che einen Ueberzug von sogenannten Flimmerzellen besitzt.\nDieses ganze Luftr\u00f6hrensystem hat keine andere Bedeutung als einfach die : dem In- und Exspirationsluftstrom einen stets gangbaren Leitungsweg offen zu halten.\nWeit mehr ist \u00fcber den Bau und die Bedeutung des dritten und letzten Hauptbestandtheiles unseres Stimm- und Sprachorgans, n\u00e4mlich der einzigen Pfeife mit dem Ansatz rohr zu berichten, denn diese Gebilde enthalten erst die eigentlichen akustischen Vorrichtungen, welche jene Schallph\u00e4nomene erzeugen, die uns haupts\u00e4chlich inter-essiren.\nDer Kehlkopf oder Larynx, welcher das kurze r\u00f6hrenf\u00f6rmige Verbindungsst\u00fcck zwischen der Trachea und dem Pharynx darstellt, und als eine unmittelbare Fortsetzung und h\u00f6here Entwickelung oder Differenzirung der Luftr\u00f6hre betrachtet werden muss, besitzt ein Knorpelger\u00fcst, dessen einzelne St\u00fccke in kolossalen plastischen Nachbildungen hier vor Ihnen liegen. ')\nIch will dieselben einzeln zeigen und benennen und vor Ihren Augen zu dem beweglichen Skelet zusammensetzen, welches sie bilden.\nHier ist erstlich der sogenannte Ringknorpel, welcher in der That wie ein Siegelring aussieht Fig. 22 . Er sitzt unmittelbar ober dem letzten Knorpelhalbring der Luftr\u00f6hre und tr\u00e4gt selbst das ganze Ger\u00fcst des Kehlkopfes, weshalb wir ihn den Grundknorpel nennen wollen.\nFig. 22. Der Ring- oder Grundknorpel.\n\u00ab Gelenkfl\u00e4che zur Verbindung mit dem unteren Horn des Schildknorpels ; b, b' die Gelenkfl\u00e4chen, auf welchen die beiden Giessheckenknorpel beweglich auf-sitzen.\n1 Ich bediente mich sehr genau und h\u00fcbsch gearbeiteter Nachbildungen der Kehlkopfknorpel, welche mein geehrter Freund und College, Herr Geheimer H\u00f6hrath Gegenbaue , vom hiesigen Anatomiediener in kolossalem Maassstab hatte anfertigen lassen.","page":66},{"file":"p0067.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n67\nHier sehen Sie zweitens (Fig. 23) den sogenannten Schild-k n o r p e 1, eine in der Mitte geknickte breite Platte, deren vier Ecken sich in gerade Forts\u00e4tze oder H\u00f6rner verl\u00e4ngern. Die oberen sind\nFig. 2:3. Der Schild- oder Spannknorpel.\nBei A sclir\u00e4g von hinten und links gesehen. Bei B Ansicht von vorn und oben, a, et' das linke und das rechte untere Horn; c, c' die beiden oberen H\u00f6rner.\ndurch Str\u00e4nge von Bandmasse mit dem hufeisenf\u00f6rmigen Zungenbein verbunden. das oberhalb des Kehlkopfes im Muskelfleisch eingebettet ist. Die unteren H\u00f6rner articuliren mit den Seitentheilen des Grundknorpels.\nTeil stelle diese Gelenkverbindung her. und Sie sehen. wie sich der Schildknorpel auf dem Grundknorpel liebelf\u00f6rmig auf und nieder bewegen l\u00e4sst.\nHier endlich sind die beiden Giessbeckenknorpel Fig. 24), so genannt. weil sie, wenn man sie mit ihren Innenfl\u00e4chen aneinander legt, eine Art Schnabel bilden, welcher nach der bl\u00fchenden Phantasie der alten Anatomen eine Aelmlichkeit mit der Schneppe einer Giessbeckenkaraffe haben sollte.\nSie haben die Form von kleinen dreiseitigen Pyramiden mit r\u00fcck\u2014 w\u00e4rtsgebogener Spitze und senden einen Fortsatz nach vorn, einen nach aussen und hinten ab. Sie sitzen mit ihrer concavcn Basis auf dem Rande der senkrechten Siegelringplatte des Grundknorpels nach allen Richtungen frei beweglich auf. Sie k\u00f6nnen weit von einander entfernt und wieder bis zur Ber\u00fchrung gen\u00e4hert werden, dabei k\u00f6nnen sie sich in jeder dieser Stellungen um ihre H\u00f6henaxe nach aussen und innen drehen und um die Queraxe nach vorw\u00e4rts und r\u00fcckw\u00e4rts neigen.\nFig. 24. Die beiden Giessbecken- oder Stellknorpel.\nBei r der der rechten Seite; bei l der der linken Seite; der rechte Knorpel r ist so gestellt, dass man an ihm die Innenfl\u00e4che und Theile der hinteren und unteren Fl\u00e4che \u00fcbersieht; der linke Knorpel l kehrt dem Beschauer seine Aussenfl\u00e4che zu. s, s' Stimmfortsatz ; b, b' Gelenkfortsatz mit der concaven Fl\u00e4che zur Verbindung mit dem Bingknorpel.","page":67},{"file":"p0068.txt","language":"de","ocr_de":"68\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nDie Beweglichkeit der beiden Knorpelehen auf dem Bande de\u00bb Grundknorpels ist also in der That eine sehr freie. Ich bringe sie jetzt dahin, und lasse sie \u2014 nachdem ich mit ihnen alle die m\u00f6glichen Bewegungen ausgef\u00fchrt habe \u2014 ruhig an Ort und Stelle sitzen \u2014 und das Knorpelger\u00fcst des Kehlkopfes steht fertig aufgebaut vor Urnen ! Vgl. Kig. 25.;\nSie sehen, dass bei dieser Lage der Tlieile von jedem Giessbeckenknorpel der stumpfe, gerade nach vorn vorspringende Fortsatz (s)\nhorizontal nach der Mitte in der geknickten Innenfl\u00e4che des Schildknorpels zielt.\nNun kommt aber die Hauptsache der Kehlkopfsanatomie 1\nNachdem die erw\u00e4hnte r\u00f6hrenf\u00f6rmige Schleimhautauskleidung der Trachea durch den Ring- oder Grundknorpel in das Innere des Kehlkopfger\u00fcstes gelangt ist, bildet sie jederseits eine vorspringende horizontale F alte, welche nach hinten an den stumpfen Fortsatz des Giessbeekenknor-pels, nach vorn an den Mittelpunkt der geknickten Innenfl\u00e4che des Schildknorpels anw\u00e4chst. Vgl. Fig. 26 B, welche einen in der Ebene der Stimmb\u00e4nder quer durchschnittenen Kehlkopf darstellt. Man sieht von oben auf den Durchschnitt und erkennt, wie die rein pr\u00e4parirte Schleimhaut aus dem Bing des Grundknorpels emporsteigt und durch Festwachsen an den genannten Punkten [s, s' und rn in zwei parallele horizontale Falten ausgezogen wird.) So entstehen die beiden in einer horizontalen Ebene im Centrum des Kehlkopfei liegenden Stimm -falten oder Stimmb\u00e4nder. Ich befestige in unserem Schema zwei weissgef\u00e4rbte Kautschukb\u00e4nder, welche uns die Stimmb\u00e4nder repr\u00e4sentiren sollen.\nZwischen ihren freien Innenr\u00e4ndern bleibt eine L\u00e4ngsspalte \u2014 die sogenannte Stimmritze \u00fcbrig, deren Form und Weite von der Stellung der Giessbeckenknorpel abh\u00e4ngt, weshalb die Physiologen, nach Professor Ludwig\u2019s Vorgang, f\u00fcr den abgeschmackten anatomischen Namen \u00bbGiessbeckenknorpel\u00ab den Namen \u00bbStellknorpel\u00ab gebrauchen.\nAuf dieser Tafel (vgl. Fig. 26) habe ich Ihnen die wichtigsten Formen und Gestalten abgebildet, welche die Stimmritze durch die variablen Positionen der Stellknorpel anzunehmen im Stande ist.\nFig. 25. Schematische Darstellung des beweglichen Ger\u00fcstes, welches die Knorpel des Kehlkopfes zusammensetzen. Seitenansicht, s m die Stimmfalten oder Stimmb\u00e4nder. Durch die im Gelenk \u00abm\u00f6gliche hebelf\u00f6rmige Bewegung des Schildknorpels nach abw\u00e4rts (vgl. denpunk-tirten Contour) wird , wie man sieht, die Entfernung zwischen den Befestigungspunkten der Stimmb\u00e4nder vergr\u00f6ssert (vgl. s m mit s rn'). Bei festgestelltem Gelenk b m\u00fcssen die Stimmb\u00e4nder unter diesen Umst\u00e4nden gedehnt und st\u00e4rker gespannt werden.","page":68},{"file":"p0069.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n69\nAuch der Schildknorpel hat statt seines , allerdings weniger sinnlosen anatomischen Namens einen besseren physiologischen bekommen \u2014 n\u00e4mlich \u00bbSpannknorpel\u00ab, weil in der That die Spannung der Stimmb\u00e4nder bei feststehend gedachten Stellknorpeln von den hebelf\u00f6rmigen Bewegungen des Schildknorpcls abh\u00e4ngt.\nBei der Senkung desselben nach vorn wird, wie Sie sehen (vgl. Fig. 25 s m und s m' . die Entfernung zwischen dem Mittelpunkt seiner geknickten Innenfl\u00e4che und den Stimmforts\u00e4tzen der Stellknorpel gr\u00f6sser \u2014 und die zwischen diesen Anheftungspunkten fixirten elastischen Stimmb\u00e4nder m\u00fcssen sich nothwendig st\u00e4rker spannen und verl\u00e4ngern.\nFig. 26. Drei in der Ebene der Stimmb\u00e4nder quer durchschnittene Kehlk\u00f6pfe, um die drei Hauptformen der Stimmritze zu zeigen, welche durch die verschiedene Stellung der Giessbeckenknorpel\nbedingt werden.\nh, V die Gelenkforts\u00e4tze der im horizontalen Durchschnitt dreieckig erscheinenden Giessbeckenknorpel. Sie sitzen frei beweglich auf dem oberen Rande des Grundknorpels {G) auf. s, s' die Stimmforts\u00e4tze, an welche die Stimmb\u00e4nder nach hinten angewachsen sind ; m, der Mittelpunkt der geknickten Innenfl\u00e4che -des Schild- oder Spannknorpels, wo sich die Stimmb\u00e4nder nach vorn befestigen. Bei .A gr\u00f6sste Weite der Stimmritze. Bei B die R\u00e4nder der Stimmritze in Ber\u00fchrung. S hufeisenf\u00f6rmiger Durchschnitt des .Schildknorpels: \u00ab, \u00ab' die Gelenkverbindung zwischen den unteren H\u00f6rnern des Schildknorpels und den -Seitentheilen des Grundknorpels G. Bei A und C sind diese Theile der Einfachheit wegen weggelassen, .sind aber in Gedanken leicht zu erg\u00e4nzen. Bei C eigent\u00fcmliche Form der Stimmritze, welche entsteht, wenn sich die Stellknorpel von einander entfernen und zugleich mit ihren Stimmforts\u00e4tzen s, s'\nnach einw\u00e4rts kehren.\nDas Umgekehrte geschieht nat\u00fcrlich bei Hebung des Behildknor-pels. \u2014 So wunderbar einfach und unscheinbar ist also die Vorrichtung, welche die Stimme eigentlich erzeugt. Zwei elastische Schleimhautfalten zwischen beweglichen Knorpelst\u00fccken befestigt, die sich entweder ber\u00fchren oder eine engere oder weitere Spalte begrenzen und in verschiedenem Grade gespannt werden k\u00f6nnen \u2014 weiter nichts !\nJa. muss sich der Uneingeweihte nicht mit Staunen die Frage vorlegen : ist dies wirklich Alles ? und : wie kann diese Vorrichtung \u00fcberhaupt h\u00f6rbare, akustische Ph\u00e4nomene hervorbringen \u2014 geschweige denn die F\u00fclle der Stimmeffecte, deren wir f\u00e4hig sind ?\nAuf die Frage, wie diese Vorrichtung \u00fcberhaupt akustische Ph\u00e4nomene hervorbringen kann, will ich sogleich antworten.\nSolange die Stimmritze im Verh\u00e4ltniss zur M\u00e4chtigkeit des Aus-athmimgsluftstroms weit genug offen steht, dass die bewegte Luft-","page":69},{"file":"p0070.txt","language":"de","ocr_de":"TO\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nmasse ohne erhebliche Friction oder Reihung durch dieselbe hindureh-l!lessen kann, bleibt auch in der That Alles still. So wie aber die Stimmritze in irgend einer Form so weit verengt wird, dass die durch dieselbe hindurchgetriebenen Luftmassen sich dr\u00e4ngen und reiben m\u00fcssen, um durchzukommen, so gerathen dieselben in wirbelnde Bewegungen oder unregelm\u00e4ssige Schwingungen \u2014 und es macht sich sofort ein leiseres oder lauteres blasendes Ger\u00e4usch wahrnehmbar.\nSind endlich die Stimmb\u00e4nder gen\u00fcgend gespannt, ihre freien R\u00e4nder einander zugleich hinreichend oder bis zur gegenseitigen Ber\u00fchrung gen\u00e4hert, so dr\u00e4ngt sie der aus der Windlade oder Trachea m\u00e4chtig herandringende Luftstrom empor \u2014 und zugleich aus einander, die Stimmritze wird ge\u00f6ffnet, wenn sie geschlossen, weiter, wenn sie urspr\u00fcnglich offen war ; Luft entweicht also pl\u00f6tzlich in gr\u00f6sserer Menge ; damit nimmt aber auch die Spannung der Luft in der Trachea pl\u00f6tzlich ab, und die Stimmb\u00e4nder schnellen elastisch in ihre fr\u00fchere Stellung zur\u00fcck ; in Folge dessen muss die Luftspannung in der Trachea sofort wieder steigen, und der beschriebene Bewegungsvorgang beginnt immer wieder von neuem \u2014 und so gerathen die Stimmb\u00e4nder unter diesen Umst\u00e4nden in anhaltende periodische Schwingungen, durch welche die Lufts\u00e4ule in regelm\u00e4ssige verdichtete und verd\u00fcnnte Abschnitte zerschnitten, oder mit anderen Worten in Schall wellen versetzt wird, welche sich, wie ich im vorigen Jahre auseinandersetzte, durch den Luftraum fortpflanzen und in Folge ihrer Regelm\u00e4ssigkeit die Empfindung eines Klang es im Ohr hervorrufen.\nSo also entsteht die lautt\u00f6nende Stimme im Kehlkopf.\nEine akustische Vorrichtung, in welcher ein Klang auf die beschriebene Art hervorgebracht wird \u2014 gleichg\u00fcltig ob die durch den Luftstrom in Schwingungen versetzten Platten aus d\u00fcnnem Metall oder, wie hier, aus elastischen H\u00e4utchen oder B\u00e4ndern bestehen \u2014 nennt man in der Physik eine Zungenpfeife.\nUnser Kehlkopf ist somit, physikalisch definirt, eine Zungenpfeife mit zwei membran\u00f6sen oder h\u00e4utigen Zungen.\nIch zeige Ihnen hier zur Erl\u00e4uterung einen k\u00fcnstlich nachgebildeten Kehlkopf (Fig. 27).\nDas Knorpelger\u00fcst ist durch beweglich verbundene Messingst\u00fcck-chen nachgeahmt \u2014 die Schleimhaut aber durch eine r\u00f6hrenf\u00f6rmige Kautschukmembran, die vorn und hinten zwischen den Messingst\u00fccken eingeklemmt ist, so dass sie zwei Falten oder R\u00e4nder bildet, welche wie die Stimmb\u00e4nder eine L\u00e4ngsspalte begrenzen. Das Ganze sitzt auf einer Trachea von Holz.","page":70},{"file":"p0071.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n71\nIch stecke den Apparat auf ein Blasrohr, treibe Luft durch \u2014 und ein nicht unangenehmer, stimm\u00e4hnlicher Ton schl\u00e4gt an unser Ohr.\nK\u00f6nnten Sie, Avie ich, aus der K\u00e4lie zu sehen, so w\u00fcrden Sie an den Kautschukb\u00e4ndern genau denselben Vibrationsvorgang Avahrneli-men, welchen ich Ihnen soeben als den der Stimmbildung im Kehlkopf beschrieb.\nAber noch mehr ! \u2014 um Ihnen zu beAveisen, dass der Avirklichen Stimmbildung in der That nichts Aveiter zu Grunde liegt, als eben dieser grob-mechanische Be-Avegungsvorgang \u2014 ohne p'-irgend welche Beimischung von vitalen oder mystischen Einfl\u00fcssen der sogenannten Lebenskraft, so Avili ich jetzt einen wirklichen Kehlkopf, den ich aus einem menschlichen Leichnam herauspr\u00e4-parirt habe \u2014 zum T\u00f6nen bringen.\nEs wird mir gelingen, einen Stimmton des Verstorbenen, dem dieser Kehlkopf angeh\u00f6rte, ohne alle Zauberei in diesem Saale Avieder-erklingen zu machen.\nIch stecke den Kehlkopf auf das Blasrohr und Averde mich bem\u00fchen \u2014 w\u00e4hrend ich einen kr\u00e4ftigen Luftstrom hindurchtreibe \u2014 den Stimmb\u00e4ndern vermittelst einer Pincette solche Stellungen und Spannungen zu geben, Avelche sie zur Stimmbildung bef\u00e4higen. Sie h\u00f6ren jetzt in der That verschiedene sehr vernehmliche und \u2014 zum Theil auch recht wohllautende T\u00f6ne, denen Sie den Charakter der menschlichen Stimme nicht ganz absprechen Averdcn, wenn Sie dem nicht geAV\u00f6hnlichen Umstand billig Rechnung tragen, dass sie factisch der Kehlkopf eines \u2014 Verstorbenen gesungen hat !\nDas Gelingen dieses interessanten Wiederbelebungs- oder Auferstehungsversuchs beAveist aber nicht nur, dass der Stimmerzeugung jener beschriebene, grob-mechanische Bewegungsvorgang Avirklich und\nFig. 27. K\u00fcnstlicher Kehlkopf.\nT eine K\u00f6lire von Holz, welche der Trachea entspricht. Der Messingring G repr\u00e4sentirt den Grundknorpel des Kehlkopfes ; mit seinen Seitentheilen articulirt der Messingb\u00fcgel Sp , welcher wie der Spannknorpel des Kehlkopfes hebelf\u00f6rmig um die Axe a gedreht werden kann. Er tr\u00e4gt die Klemme m. St ein den Stellknorpeln des Kehlkopfes entsprechendes Messingst\u00fcck, das in die Klemme s ausgeht und um die Axe b beweglich ist. M eine r\u00f6hrenf\u00f6rmige Kautschukmembran, welche wie die Kehlkopfschleimhaut zwischen den Punkten s und m in Form zweier, eine feine Spalte (Stimmritze) begrenzenden B\u00e4nder oder Falten ausgespannt ist. p. pl, p2, p3, pA Stahlschrauben zum Feststellen der beweglichen Messingst\u00fccke.","page":71},{"file":"p0072.txt","language":"de","ocr_de":"72\tPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nausschlie\u00dflich zu Grunde liegt, sondern auch zugleich, dass die Stimmb\u00e4nder allein das wesentliche tonerzeugende Gebilde des Kehlkopfes sind, denn dieser Leichenkehlkopf hat gesungen\u2014 obschon wir ihn seines ganzen Ansatzrohrs und seihst aller seiner \u00fcbrigen Bestandtheile beraubt haben.\nUm die Anatomie des Kehlkopfes zu beenden, muss ich Sie noch kurz mit diesen \u00fcbrigen Bestandtheilen bekannt machen.\nUnmittelbar \u00fcber jedem der beiden Stimmb\u00e4nder bildet die Schleimhaut eine taschenf\u00f6rmige Vertiefung oder H\u00f6hle, die sogenannte Morgag-Ni\u2019sche Kehlkopfstasche, welche nach oben durch eine horizontale mit dem Stimmband parallel laufende Schleimhautfalte , das sogenannte Taschenband, begrenzt wird.\nSie sehen diese Gebilde hier an einem hal-birteu und an einem von hinten ge\u00f6ffneten Kehlkopf, noch besser an dieser vorderen H\u00e4lfte eines von rechts nach links gef\u00fchrten Durchschnitts (vergl. Mg, 28 .1. II. Cr Oberhalb der Taschenb\u00e4nder erweitert sich der Kehlkopfsraum und m\u00fcndet in den Pharynx aus.\nDiese M\u00fcndung wird durch eine kreisf\u00f6rmig in sich selbst zur\u00fcck-laufende Schleimhautfalte gebildet, welche ein kurzes schr\u00e4g von vorn und oben, nach hinten und unten abgestutztes kurzes Rohr darstellt, das durch mehrere Kuorpelst\u00fccke gest\u00fctzt und gesteift wird.\nSie sehen die r\u00f6hrenf\u00f6rmige Kehlkopfsm\u00fcndung auf diesem Bilde Taf. 3. Mg.21 in den von hinten aufgeschnittenen Pharynx hineinragen. Die St\u00fctzknorpel, welche dieselbe klaffend erhalten. sind durch den Schleimhaut\u00fcberzug hindurch kenntlich (vgl. Fig. 28 .1 : nach hinten\ne\tA\nFig. 28 A. Kehlkopf hinten aufgesclinitten und auseinandergelegt.\nG, G Durchschnitt der Siegelringplatte des Grundknorpels; mat Durchschnitt des Muskels , welcher quer von einem Stellknorpel zum andern geht und beide einander n\u00e4hert; ga wulstige Hervorragung der M\u00fcndung des Kehlkopfes , in welcher die Spitze eines Stellknorpels steckt; w Wulst, welcher dem W\u00dfisBEKG\u2019schenKnorpelst\u00e4bchen entspricht; ae Schleimhautfalte, welche sich in den Seitenrand des Kehldeckels e fortsetzt; ew Kehldeckelwulst; s und s' die Stimmforts\u00e4tze der Stellknorpel im Anfangstheil der beiden Stimmb\u00e4nder sm und s'm; tb die Taschenb\u00e4nder. Der dunkle Spalt zwischen ihnen und den Stimmb\u00e4ndern ist derEingang in die rechte und in die linke Morgagni\u2019sehe Kehlkopfstasche.","page":72},{"file":"p0073.txt","language":"de","ocr_de":"IIT. Stimme und Sprache.\n73\ndie beiden Stellknorpel, deren Spitzen noch zwei kleine gebogene Knorpelehen \u2014 die sogenannten SANTORiNi'schen H\u00f6rner\u2014tragen: nach aussen von diesen jederseits ein senkrecht stehendes Knorpel-St\u00e4bchen \u2014 der oft fehlende Wrisberg\u2019scIic Knorpel \u2014 nach vorn endlich eine blattf\u00f6rmige d\u00fcnne Faserknorpelplatte \u2014 der Kehldeckel \u2014 der mit seinem verj\u00fcngten Stiel bis gegen den vorderen Ansatzpunkt der Taschen- und Stimmb\u00e4nder herabreicht, wie Sie am besten an dem von hinten ge\u00f6ffneten und an dem querdurchschnittenen Kehl-\nkopf sehen k\u00f6nnen vgl. Fig. 2S A,\nFig. 28]B. Rechte H\u00e4lfte eines lialhirten Kehlkopfes von innen gesehen.\nE Durchschnitt des Kehldeckelknorpels ; Sp Durchschnitt des Spunnknorpels ; c' das rechte obere Horn desselben; g Durchschnitt des vorderen niedrigen Theils des Grundknorpels; tr, tr Durchschnitte der beiden ersten Knorpelhalbringe der Luftr\u00f6hre. Die \u00fcbrigen Buchstabenzeichen wie bei A.\nFig. 28 C).\nFig. 28 C. Vordere H\u00e4lfte eines von rechts nach links durchschnittenen Kehlkopfes von innen, z, z Durchschnitt der beiden Aeste des hufeisenf\u00f6rmigen Zungenbeins ; Gk Durchschnitt der Seitentheile des Grundknorpels ; sb die Stimmb\u00e4nder, vM Durchschnitt der Mon-GAGNi'sclien Kehlkopfstasche ; tb Taschenband im Durchschnitt; sm Durchschnitte der Muskelb\u00fcndel, die i n den Stimmb\u00e4ndern von vorn nach hinten laufen.\nDer Kehldeckel kann durch besondere Muskeln niedergezogen werden und dient zum Verschluss der Kehlkopfsm\u00fcndung, wozu sich besonders der Wulst desselben (eiv) eignet, welcher, wie ich zuerst zeigte, auf die geschlossenen Stimm- und Taschenb\u00e4nder gepresst wird und wie der Schlussstein eines Gew\u00f6lbes in die Kehlkopfm\u00fcndung passt. Ueber den niedergezogenen Kehldeckel gleiten die zu verschluckenden Speisen und fl\u00fcssigen Nahrungsmittel in die hinter dem Kehlkopf gelegene Speiser\u00f6hrenm\u00fcndung.\nSchliesst er nicht genau, so dringen Tlieile der Speisen und Getr\u00e4nke leicht ins Innere des Kehlkopfes und erzeugen oft die heftigsten Husten- und Erstickungsanf\u00e4lle: \u2014 man sagt dann, es sei Einem etwas in die \u00bbUnrechte Kehle\u00ab gekommen.","page":73},{"file":"p0074.txt","language":"de","ocr_de":"74\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nSo hat uns denn die Betrachtung der Kehlkopfsm\u00fcndung in den Pharynx gef\u00fchrt, welcher mit seinem Doppelende \u2014 der Mund- und Nasenh\u00f6hle, das Ansatz rohr der Kehlkopfspfeife bildet. Beschlies-sen wir unsere anatomisch-physiologische Uebersicht mit der Betrachtung dieses Ansatzrohrs. \u2014 Mit der Beschreibung der starrwandigen Nasenh\u00f6hle und der Mundtheile, wie Lippen, Zunge, Z\u00e4hne und Wangen, brauche ich Sie nicht weiter zu behelligen, da sie Ihnen hinreichend bekannt sind; \u2014 dagegen muss ich noch, um mein heutiges Thema zu ersch\u00f6pfen, im Allgemeinen hervorheben, dass das Ansatzrohr der Kehlkopfspfeife, in Folge der an ihm m\u00f6glichen willk\u00fcrlichen Bewegungen und Gestaltver\u00e4nderungen, die doppelte akustische Bedeutung besitzt :\nErstlich die Stimme, die, wie Sie sahen, ausschliesslich in der Stimmritze entsteht, in verschiedener und eigenth\u00fcmlieher Weise, z. B. durch Resonanz, zu ver\u00e4ndern. \u2014\nZweitens aber besondere, h\u00f6rbare Schallph\u00e4nomene von grosser Mannigfaltigkeit selbstst\u00e4ndig zu erzeugen.\nMit Bezug auf diese zweifache akustische Leistungsf\u00e4higkeit des Ansatzrohrs ist Folgendes zu wissen wichtig und nothwendig :\n1 ) Kann vermittelst des willk\u00fcrlich beweglichen Gaumensegels entweder die Nasenh\u00f6hle oder die Mundh\u00f6hle luftdicht vom Pharynx abgesperrt werden.\nDas erstere geschieht, wenn das Gaumensegel nach hinten und oben gehoben und gegen die hintere Rachenwand angedr\u00fcckt wird, welche sich dabei verwaistet : das letztere hingegen, wenn sich das Gaumensegel nach vorn und unten senkt und an den Zungengrund innig anschmiegt.\nBei mittlerer Stellung des Gaumensegels \u2014 oder der Gaumen-klappe (denn diesen Namen verdient dies wichtige Gebilde; com-municiren Mund- und Nasenh\u00f6hle gleichzeitig mit dem Pharynx.\nDies Alles kann ich Ihnen nun an unserer grossen Durchschnitts-zeichnung (vgl. Fig. 20 auf Taf. H zeigen, an welcher ich, wie Sie sehen, die Gaumenklappe als bewegliches Versatzstlick eingerichtet habe.\n2) Ist es m\u00f6glich, sowohl das Pharynxrohr als die Mundh\u00f6hle an verschiedenen Stellen local zu erweitern oder zu verengern, ja ganz hermetisch zu verschliessen. Bei der Nasenh\u00f6hle ist dies \u2014 abgesehen von dem Abschluss des Nasenrachenraumes durch die Gaumenklappe nicht m\u00f6glich, denn sie besitzt steife, theils kn\u00f6cherne, tlieils knorpelige Wandungen, und selbst die Nasenl\u00f6cher k\u00f6nnen nur unbedeutend erweitert und verengert \u2014 niemals aber geschlossen werden.","page":74},{"file":"p0075.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme mid Sprache.\n75\n3) Endlich gibt es in dem Ansatzrohr leichtbewegliche Gebilde, welche dem durchstreichenden Luftstrom in einer Weise ausgesetzt und entgegengestellt werden k\u00f6nnen, dass sie in lebhafte schallerzeugende Schwingungen gerathen.\nAus diesen vorl\u00e4ufigen und allgemeinen Mittheilungen k\u00f6nnen Sie entnehmen, dass das Ansatzrohr der Kehlkopfspfeife unser eigentlichstes und wesentlichstes Articulations - oder Sprachorgan ist.\nUnd so h\u00e4tten wir denn die Schwelle jenes Abschnittes der Physiologie der Stimm- und Sprachorgane betreten, in welchem wir die L\u00f6sung der li\u00e4thsel und Geheimnisse der Bildung der einzelnen so mannigfaltigen Kl\u00e4nge und Ger\u00e4usche erwarten d\u00fcrfen, aus denen sich Gesang und Sprache zusammensetzen.\nMit dieser Aussicht auf das Endziel unserer wissenschaftlichen Wanderung schliesse ich denn f\u00fcr heute, indem ich Sie so weit vorbereitet zu haben glaube, dass Sie meinem, am n\u00e4chsten Mittwoch abzuhaltenden Schlussvortrag : \u00fcber Wesen und Bildung der einzelnen Stimm- und Sprachlaute \u2014 mit Leichtigkeit zu folgen im Stande sein werden, um einen bleibenden Gewinn von unseren \u2014 hoffentlich nicht allzu erm\u00fcdenden wissenschaftlichen Unterhaltungen zu haben 1","page":75}],"identifier":"lit16310","issued":"1879","language":"de","pages":"60-75","startpages":"60","title":"Stimme und Sprache. Anatomie und Physiologie der Stimm- und Sprachwerkzeuge: Erster Vortrag, gehalten den 24. Februar 1869","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:05:12.327295+00:00"}

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