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{"created":"2022-01-31T16:03:57.573440+00:00","id":"lit16311","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 76-104. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0076.txt","language":"de","ocr_de":"78\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nWesen und Bildung der Stimm- und Sprachlaute.\nZweiter Vortrag,\ngehalten den 3. M\u00e4rz 1569.\n(Mit 7 Holzschnitten/\nH o c h g e e h r t e Anwesende!\nZun\u00e4chst wollen Sie gestatten, dass ich den Inhalt meines vor acht Tagen abgehaltenen Vortrags in aller K\u00fcrze recapitulire.\nIch er\u00f6ffnete meine Auseinandersetzung damit, dass ich das ganze Stimm- und Spracliorgan eingehend mit einer Orgel verglich, um durch diesen schlagenden und bis ins Detail ungezwungen durchf\u00fchrbaren Vergleich, den Mechanismus und die Spielart des Instruments, vermittelst welches wir singen und sprechen, im Allgemeinen verst\u00e4ndlich zu machen.\nSodann demonstrirte ich an kolossalen bildlichen Darstellungen, welche Sie zum Tlieil auch heute wieder vor sich sehen, und plastischen Nachbildungen den Zusammenhang, den genaueren anatomischen Bau, sowie die physiologische Beweglichkeit und die akustische Bedeutung der einzelnen Bestandteile. Ich habe den beweglichen Brustkasten mit den Lungen \u2014 als den Blasbalg der Stimm- und Sprachorgel dargestellt ; die Luftr\u00f6hre mit ihren beiden Lungen\u00e4sten und Bronchialverzweigungen aber als die sogenannte Win dl a de, oder den stets offenen Leitungsweg f\u00fcr den In-und Exspirationsluftstrom. Das bewegliche Knorpelskelet des Kehlkopfes mit den elastischen Stimmb\u00e4ndern habe ich vor Ihren Augen aufgebaut, und den Kehlkopf selbst als die einzige an unserer Stimm-und Sprachorgel vorhandene Zungen pfeife mit zwei mcmbran\u00f6sen Zungen physikalisch detinirt.\nDen Vorgang der Stimmbildung erkl\u00e4rte und zeigte ich durch Experimente am k\u00fcnstlichen und todten Kehlkopf, wobei die Stimme eines Verstorbenen in diesem Saale wiedererweckt wurde, und endlich schloss ich mit der Darstellung der zweifachen akustischen Bedeutung und Leistungsf\u00e4higkeit des beweglichen Ansatz rohr s der Kehlkopfs pfeife \u2014 n\u00e4mlich des in Mund- und Nasenh\u00f6hle ausgehenden","page":76},{"file":"p0077.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n77\nSchlundes, als unseres eigentlichsten und wesentlichsten Articulations- oder Sprachorgans. Hierdurch er\u00f6ffnete ich Ihnen einen Blick auf das Endziel unserer ganzen wissenschaftlichen Wanderung, als welches ich Ihnen die Gewinnung einer befriedigenden Einsicht in das Wesen und die Bildungsreise der einzelnen Stimm- und Sprach laute hinstellte.\nIch k\u00f6nnte nun sofort dieses unser heutiges Thema in Angriff nehmen, allein einen Gegenstand muss ich noch zur Sprache bringen, um Sie mit den Hilfsmitteln zum exacten Studium der Stimm- und Lautbildung \u2014 von denen ich Ihnen die lehrreichen Versuche am k\u00fcnstlichen und todten Kehlkopf bereits das vorige Mal vorf\u00fchrte \u2014 vollst\u00e4ndig bekannt zu machen, damit Sie ein durch eigenes Urtheil begr\u00fcndetes Vertrauen zu den Resultaten unserer Wissenschaft gewinnen m\u00f6chten !\nHer Gegenstand, welchen ich meine, ist jene Methode der direc-ten Untersuchung und Besichtigung des Kehlkopfes am lebenden Menschen, zu deren endlichen Begr\u00fcndung und allseitigen physiologischen sowie medicinisch- chirurgischen Verwerthung ich selbst, vor mehr als einem Decennium, den ersten erfolgreichen Anstoss gegeben, und. f\u00fcr welche ich den seither allgemein gebr\u00e4uchlichen Kamen der \u00bbLaryngoskopie\u00ab eingef\u00fchrt habe.\nDa der Mund und der Schlund unter einem Winkel zusammen-stossen und somit als Ganzes einen in der Gegend der Zungenwurzel geknickten r\u00f6hrenf\u00f6rmigen Hohlraum darstellen, so ist es begreiflicher-massen unm\u00f6glich, ohne Weiteres bis an das Ende des Schlundes oder gar in den Kehlkopf, oder durch denselben hindurch, in die Luftr\u00f6hre zu blicken.\nMan m\u00fcsste sozusagen \u00bbum die Ecke\u00ab zu sehen verm\u00f6gen, um dies zu k\u00f6nnen.\nEs ist aber in der That sein- leicht \u00bbum die Ecke\u00ab zu selten, jedoch nur vermittelst eines Spiegels, den man in geeigneter Stellung bis \u00fcber die hindernde Ecke hinaus vorschiebt.\nIn Holland ist es ganz allgemein in Gebrauch, aussen vor den Fenstern der Wohnungen Spiegel \u2014 sogenannte \u00bbSpione\u00ab \u2014 in solcher Neigung und Stellung anzubringen, dass sie das Bild der Strasse zur\u00fcckwerfen und somit einem im Zimmer sitzenden Beobachter erlauben, ohne dass er den Kopf zum Fenster hinausstecken m\u00fcsste, von seinem bequemen Grossvaterstuhl aus zu sehen, was draussen vorgeht, oder wer etwa an der Hausth\u00fcr l\u00e4utet. F\u00fcr unwillkommene Besuche ist dann der um die Ecke sehende, selbst aber unsichtbare Hausherr \u2014 ohne sieh zu compromittiren \u2014 nicht daheim.","page":77},{"file":"p0078.txt","language":"de","ocr_de":"78\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nDas Beispiel von diesen praktischen \u00bbSpionen\u00ab wird Ihnen sofort begreiflich gemacht haben, dass auch das Bild des so verborgenen Kehlkopfes in einem kleinen Spiegelchen, das durch den weitge\u00f6ffneten Mund unter einer Neigung von etwa 4,5\" Dis in die Gegend des weichen Gaumens gebracht worden w\u00e4re, nothwendig sichtbar werden musste, wenn es nur in der Tiefe des Schlundes nicht dunkel w\u00e4re!\nDieses Hinderniss ist aber leicht zu beseitigen, indem man kr\u00e4ftiges Licht auf dasselbe Spiegelchen in der Richtung einfallen l\u00e4sst, in welcher man hineinsieht.\nFig. 20 dient zur Erl\u00e4uterung des Gesetzes der Spiegelung.\nS ein Spiegelchen ; A das Auge ; B ein Gegenstand; B' dessen scheinbarer Ort im Spiegelbild. jD, p~, die Einfallslothe der Lichtstrahlen (siehe die punktirten Linien) und der (ausgezogenen) Sehrichtungslinien.\nDenn, da nach den bekannten Gesetzen der Zur\u00fcckwerfung des Lichtes der Einfallswinkel stets gleich ist dem Reflexionswinkel, so werden unter diesen Umst\u00e4nden immer gerade jene Theile beleuchtet werden, deren Bilder das Spiegelchen ins Auge des Beobachters eben zur\u00fcckwerfen muss. Diese Zeichnung (vgl. Fig, 29 wird das Gesagte erl\u00e4utern. Es sei S ein geneigt gestelltes Glas- oder Metallspiegel-chen. Ein in A befindliches Auge wird den Gegenstand B scheinbar hinter der Spiegelfl\u00e4che bei B' erblicken. W\u00e4re nun der Gegenstand B im Dunkeln, so w\u00fcrde, wie man bei Verfolgung der punktirten und ausgezogenen Linien leicht einsieht, Licht, welches in derselben Richtung auf- den Spiegel S geworfen w\u00fcrde (siehe die punktirten Linien), in welcher das Auge A blickt (siehe die ausgezogenen Linien), gerade auf den Gegenstand B reflectirt werden m\u00fcssen, diesen beleuchten und dem Auge A sichtbar machen, weil die Winkel, welche die einzelnen Lichtstrahlen mit den Einfallslothen p, p 1, //- machen, dieselben bleiben, gleichviel ob die Strahlen in der Richtung von A nach B. oder von B nach A gehen.","page":78},{"file":"p0079.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n79\nAber Sie werden vielleicht einwenden \u2014 und dieser Einwand ist sogar von gelehrter Seite gemacht worden ! \u2014 \u00bbdas eingef\u00fchrte Glasoder Metallspiegelchen muss sich ja vom Hauche beschlagen und tr\u00fcbe werden. Wie soll man damit deutlich sehen\u00ab?\nBeruhigen Sie sich \u2014 die geringste Ucberlegung wird Ihnen sagen, dass eine Spiegelfl\u00e4che in einer mit Wasserdampf ges\u00e4ttigten Atmosph\u00e4re . wie der Athem es ist, vollkommen blank bleibt, wenn der Spiegel vorher etwas erw\u00e4rmt worden ist ; \u2014 nur der kalte Spiegel beschl\u00e4gt sich mit condeusirtem Wasserdampf.\nDer Gedanke, das einfache Princip der Spiegelung zur Beleuchtung und Besichtigung des Kehlkopfes anzuwenden, liegt, wie Sie zugeben werden, in der That ausserordentlich nah \u2014 so nah, dass man sich nicht wundern kann, dass derselbe schon zu Anfang dieses Jahrhunderts, ja vielleicht noch fr\u00fcher wirklich gefasst und zu reali-siren versucht wurde \u2014 zu verwundern scheint dabei im Gegentheil nur, dass dies nicht schon vor viel l\u00e4ngerer Zeit geschehen ist, und dass die endliche erfolgreiche Ausf\u00fchrung und allseitige Yerwerthung eines so einfachen Gedankens erst der Neuzeit angeh\u00f6rt.\nDiese Art von Verwunderung, welche uns \u2014 seit dem ber\u00fchmten Ei des Columbus \u2014 einer scheinbar oder wirklich einfachen Neuigkeit gegen\u00fcber, nur zu leicht \u00fcberkommt, wird jedoch bedeutend abgeschw\u00e4cht, wenn man erf\u00e4hrt, welche Schwierigkeiten und Zweifel wir Alle zu \u00fcberwinden fanden, die wir uns zuerst und ohne Anleitung mit der Ausf\u00fchrung eines so nahe liegenden Gedankens befassten.\nNachdem die \u00fcberraschende Leistungsf\u00e4higkeit des Kehlkopfspiegels einmal aufgezeigt war und namentlich jetzt, wo die Laryngoskopie \u00fcberall systematisch gelehrt und ge\u00fcbt wird, ist es freilich kaum mehr begreiflich, wie jene ersten Schwierigkeiten und Zweifel sich als so m\u00e4chtig erweisen konnten, dass sie auch nicht einen einzigen meiner vielen Vorg\u00e4nger \u2014 von Babington (1827), Baumes 1838), Liston (1840), Warden und Avery (1844) bis auf Garcia (1854 und T\u00fckck (1857; \u2014 dazu kommen Hessen, den wahren Werth des Kehlkopfspiegels in seinem ganzen Umfange zu w\u00fcrdigen, und nicht eher zu ruhen, bis die Laryngoskopie fest begr\u00fcndet war.\nJa, der zuletzt genannte Arzt erkl\u00e4rte noch, meinen ersten Pu-blicationen und Resultaten gegen\u00fcber, und recht eigentlich im Gegens\u00e4tze zu den von mir vertretenen Ueberzeugungen, \u00f6ffentlich \u2014 und Hess es sogar drucken, \u00bbdass er weit entfernt sei, allzu sanguinische Hoffnungen von den Leistungen des Kchlkopf-s p i e g e 1 s i n d e r P r a x i s z u h e g e n \u00ab. Hinterher freilich \u00fcberzeugte","page":79},{"file":"p0080.txt","language":"de","ocr_de":"SO\tPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nauch er sich eines Besseren und wurde seihst ein eifriger Laryngo-skopiker.\nVor dem Schicksal aller meiner Vorg\u00e4nger1), das begonnene Unternehmen, eine neue Untersuchungsmethode zu begr\u00fcnden, erfolglos fallen gelassen zu haben, bewahrte mich aber ein doppelter Umstand.\nEinmal verwendete ich von vorn herein einen grossen durchbohrten Hohlspiegel zur Beleuchtung, um die oben er\u00f6rterte Bedingung leicht und bequem zu erf\u00fcllen \u2014 n\u00e4mlich das Licht auf den eingef\u00fchr-ten Kehlkopfspiegel immer in jener Richtung zu werfen, in welcher das Auge des Beobachters in den Spiegel hineinsieht : und um zugleich das Lieht einer k\u00fcnstlichen Lichtquelle, z. B. einer einfachen Modera-teurlampe hinreichend concentriren und zu den fraglichen Versuchen verwenden zu k\u00f6nnen. Erstlich also hatte ich mir eine bequeme und ausreichende k\u00fcnstliche Beleuchtung geschaffen, welche mich in den Stand setzte, ununterbrochen arbeiten zu k\u00f6nnen, ohne Sonnenlicht erwarten zu m\u00fcssen, welches meine beiden zuletzt genannten Vorg\u00e4nger absolut nicht entbehren zu k\u00f6nnen glaubten \u2014, war ja Gakci\u00e4, wie er selbst erz\u00e4hlt, gezwungen, wegen seiner Versuche f\u00fcr einige Zeit aus dem nebelreichen London nach dem sonnigeren Paris zu gehen !\nZweitens aber habe ich meine allerersten Kehlkopfspiegelversuche an mir selbst angestellt, um die Bedingungen kennen zu lernen, die sowohl vom Beobachter, als vom Beobachteten f\u00fcr das Gelingen des Versuchs zu erf\u00fcllen sind, \u2014 und nur hierdurch habe ich jene gr\u00fcndliche Vertrautheit mit allen Seiten der Aufgabe und jene manuelle Geschicklichkeit alsbald erlangt, welche allein zur Erzielung endg\u00fcltiger Beobachtungsresultate f\u00fchren konnte.\nSie sehen hier den Apparat, welchen ich f\u00fcr diese Selbstbeobachtungen zusammenstellte und benutzte ; er dient zugleich zur Demonstration (vgl. Fig. 30).\nBei den Versuchen an anderen Individuen liess ich das Stativ (S) des Apparats und den Gegenspiegel (G) weg und fixirtc den grossen Beleuclitungsreflector vor den Augen mit der linken Hand, sp\u00e4ter mit einem Stirnband oder einem zwischen den Z\u00e4hnen gehaltenen Stiel.\nAuf der folgenden Tafel (vgl. Fig. 31) habe ich dieses Verfahren zur Untersuchung Anderer skizzirt. Es bedarf dieses Bild wohl keiner\n1 Den einzigen, Garcia, muss ich insofern ausnehmen, als er sich des Kehlkopfspiegel\u00bb nur zu einigen gelegentlichen Beobachtungen iiher Stimmbildung bediente, es aber gar nicht beabsichtigt und unternommen hatte, eine neue, allgemein verwendbare Untersuchungsmethode zu begr\u00fcnden.","page":80},{"file":"p0081.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\nSI\nbesonderen Erkl\u00e4rung, nur das Eine will ich bemerken, dass man sich vorzustellen hat, es falle directes Sonnen- oder Lampenlicht auf den an dem Stirnbande in richtiger Neigung eingestellten durchbohrten Reflector.\nFig. 30. Der Apparat zur laryngoskopisclien Selbstbeobachtung und Demonstration.\n]j eine Lampe, deren Flamme (der lialbcylindrische Schirm s blendet sie vom Auge des Selbstbeobachters ab) einen Strahlenkegel auf den grossen Beleuchtungsreflector R sendet; R tvirft den Strahlenkegel, conc entrirt durch den weitge\u00f6ffneten Mund des Selbstbeobachters, auf den an seinem langen Stiel eingef\u00fchrten Kehlkopfspiegel K, welcher, die auffallenden Strahlen reflectirend, einerseits den Schlund, den Kehlkopf und die Luftr\u00f6hre erleuchtet, andererseits die Bilder der erleuchteten Theile wiederspiegelt. G ist ein gew\u00f6hnlicher Planspiegel, der wie der concave Reflector R auf dem Stativ S befestigt ist. Dieser Gegenspiegel, Cf, dient dem Selbstbeobachter dazu, seinen eigenen Kehlkopf zu\nsehen, wie sich aus der Verfolgung der mit-----\u2014\u2022 \u2014\u2022 gezeichneten Sehlinie desselben leicht ergibt.\nEine oder mehrere Personen, welche durch die centrale Oeffnung des Reflectors, oder knapp am Rande desselben vorbei, in der Richtung der einfach punktirten Linie blicken, k\u00f6nnen den Kehlkopf gleichfalls sehen \u2014 und so dient der Apparat auch zur Demonstration.\nSchon im Fr\u00fchjahr 1S5S war ich mit meinen Versuchen so weit gekommen. dass ich mit einer kurzen. aber energischen Schilderung der Leistungsf\u00e4higkeit des stets erfolglos beiseite gelegten Kehlkopfspiegels \u00f6ffentlich auftrat \u2014 war es mir doch schon damals gelungen, an mir selbst zu zeigen. dass es m\u00f6glich ist, mit dem Kehl-\nCzermak, Schriften. II.\t0","page":81},{"file":"p0082.txt","language":"de","ocr_de":"S2\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nkopfspiegel nicht nur den Kehlkopf und die oberen Luftr\u00f6hrenringe, sondern bis an\u2019s Ende der Luftr\u00f6hre , ja sogar in die Anf\u00e4nge ihrer beiden Lungen\u00e4ste oder Bronchien zu sehen.\nIch reproducire hier das laryngoskopische Bild der Theilungs-stelle der Luftr\u00f6hre, welches ich damals zeichnen liess. Man sieht durch die weitge\u00f6ffnete Stimmritze die ganze Luftr\u00f6hre entlang bis aut\nFig. 31. Zur Erl\u00e4uterung der laryngoskopischen Uiitersucliungsmetliode.\nS Stirnband mit Pelotte P, an welcher der grosse Bcieuchtungsrefiector B vermittelst eines Kuss-gelenks befestigt ist ; K das Kegelkopfspiegelchen ; 1 bis 7 die sieben Halswirbel ; L der Kehlkopf ; tr die Luftr\u00f6hre; T die Schilddr\u00fcse; e Kehldeckel; h Zungenbein; j Unterkieferknoclien; t die Zunge. Auf den Reflector K f\u00e4llt directes Sonnenlicht oder das Licht einer k\u00fcnstlichen Lichtquelle. Dieausgezogene am Kehlkopfspiegel geknickte Linie zeigt, in welcher Richtung das Licht auf den Kehlkopfspiegel f\u00e4llt und von ihm zur\u00fcckgeworfen wird. In derselben Riclitungjilickt auch der Beobachter.\nihre Theiluugsstelle oder Bifurcation und auf die Anf\u00e4nge der Bronchien hinab (vgl. Fig. 32;.\nBereits in meiner ersten Publication vom 27. M\u00e4rz 1S5S empfahl ich den Kehlkopfspiegel auf s dringendste zu allseitiger medicinisch-ehirurgischer Verwerthung.\nDieser erste Impuls ist nicht erfolglos gehliehen, denn er hat dem neuen Gebiet der Beobachtung sofort eine Anzahl verdienstvoller","page":82},{"file":"p0083.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n83\nBearbeiter gewonnen, von denen ich liier nur meinen Collegen Herrn Geh. Hofrath Gerhardt, damals noch in T\u00fcbingen, als einen der fr\u00fchesten nennen will.\nIm Jahre 1859 begann ich in verschiedenen gr\u00f6sseren St\u00e4dten des In- und Auslandes, wie Leipzig. Berlin, Breslau, dann sp\u00e4ter Paris, London, Dublin, Glasgow, Edinburgh, Amsterdam u. s. w. jene zahlreichen und vielbesuchten Vortr\u00e4ge und Demonstrationen zu halten, welche einen grossen Tlieil der medicinischen Welt von dem \u00fcberraschend hartn\u00e4ckigen Unglauben an den praktischen Werth der Laryngoskopie bekehrten, und so wesentlich zur weiten und beispiellos raschen Verbreitung und endlichen allgemeinen Anerkennung der Sache beitrugen.\nDie wachgerufene Betheiligung zahlreicher Mitarbeiter vollendete alsbald die weitere Ausbildung der von mir begr\u00fcndeten Specialit\u00e4t. welche gegenw\u00e4rtig das ganze Gebiet der Kehlkopfleiden umgestaltet hat. und selbst f\u00fcr die Erkennung und Behandlung anderer Krankheiten unentbehrlich geworden ist.\nDoch \u2014verzeihen Sie, m. h. A. I \u2014 ich bin da auf rein medieiniselies Gebiet gerathen. das zu ber\u00fchren gar nicht in meiner Absicht lag. Ich wollte Ihnen ja nur eine vollst\u00e4ndige und klare Vorstellung von der Exactheit der Hilfsmittel zur Untersuchung der Stimm- und Lautbildung im Kehlkopf geben.\nWenn mich mein pers\u00f6nliches Interesse an der Laryngoskopie nun doch zu weiter gehenden Bemerkungen hinriss. so wird dies bei Billigdenkenden wohl Entschuldigung finden \u2014 denn das unscheinbare Kehlkopfspiegelchen war sozusagen eine spr\u00f6de Braut, von Vielen gekannt und umworben, \u2014 ich aber habe sie heimgef\u00fchrt !\nWenden wir uns denn sofort zum eigentlichen Thema meines heutigen Vortrags und untersuchen wir \u2014 ausger\u00fcstet mit den er\u00f6rterten Hilfsmitteln der Beobachtung \u2014\nI. die Stimme\nnach allen Seiten ihres Wesens und ihrer Erscheinung.\nDie Stimme ist entweder t\u00f6nend, wie beim Singen und beim\n6*\nFig. 32. Lar3-ng0sk0pisch.es Bild des Kehlkopfes, der Luftr\u00f6hre und der Anf\u00e4nge der Lungen\u00e4ste derselben.\n7. der Zungengrund ; e Band des Kehldeckels; ew Epiglottiswulst, in der Verk\u00fcrzung gesehen; tb Taschenb\u00e4nder; v M Spalt\u00f6ffnung der MonGAGN'i\u2019schen Kehlkopftasche ; st Stimmb\u00e4nder, durch die nach aussen divergirend gestellten Stimmforts\u00e4tze der Stellknorpel soweit als m\u00f6glich von einander entfernt; tr die Luftr\u00f6hre , in welche man durch die weitge\u00f6ffnete Stimmritze bis an ihr Ende sehen kann , wo sie sich in den rechten und in den linken Lungenast oder Bronchus hr, V r' spaltet.","page":83},{"file":"p0084.txt","language":"de","ocr_de":"84\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nlauten Reden, \u2014oder sie ist tonlos, ein blosses Ger\u00e4usch, -wie beim fl\u00fcsternden Sprechen.\nWas die Erzeugung der Fl\u00fcsterstimme angelit, so habe ich durch directe laryngoskopische Beobachtungen gezeigt, dass sielt dabei die R\u00e4nder der Stimmb\u00e4nder einander n\u00e4hern, indem zugleich die mehr oder weniger stark nach innen gedrehten Stimmforts\u00e4tze einen stumpf vorspringenden Winkel bilden (vgl. Fig. 20 C). In dieser \u00bbEnge\u00bb reibt sich nun der mit Absicht kr\u00e4ftiger durchgetriebene Luftstrom und es entsteht daselbst ein Ger\u00e4usch, welches eben die Fl\u00fcsterstimme ist.\nVon dem lauten Stimmton habe ich bereits im ersten Vortrag angegeben , dass zu seiner Erzeugung \u00fcberhaupt eine gewisse Spannung und Stellung der Stimmb\u00e4nder und eine gewisse St\u00e4rke des anblasenden Luftstroms erforderlich ist ; \u2014 ich schulde Ihnen aber noch die Erkl\u00e4rung der unterschiedlichen Eigenschaften, welche an der Stimme und ihren T\u00f6nen wahrzunehmen sind: die Erkl\u00e4rung n\u00e4mlich ihrer St\u00e4rke, ihrer musikalischen H\u00f6he, ihrer Klangfarbe, des Stimmumfangs und der Stimmlagen.\n1)\tDie St\u00e4rke des Stimmtons h\u00e4ngt unter \u00fcbrigens gleichen Umst\u00e4nden von der Gr\u00f6sse der Schwingungen ab, welche die Stimmb\u00e4nder ausf\u00fchren ; mit der M\u00e4chtigkeit und Gewalt des anblasenden Luftstroms w\u00e4chst die Gr\u00f6sse der Stimmbandexcursionen und damit die St\u00e4rke des erzeugten Tons.\nSehr lautes Singen und Sprechen strengt daher weit mehr an. als gew\u00f6hnliches.\n2)\tDie musikalische H\u00f6he des Stimmtons ist, wie bekanntlich \u00fcberhaupt jede Tonh\u00f6he, nur abh\u00e4ngig von der absoluten Anzahl der in einer Secunde erfolgenden Schwingungen.\nDie Stimmb\u00e4nder schwingen aber, ganz \u00e4hnlich wie Saiten, um so h\u00e4ufiger und geben somit einen um so h\u00f6heren Ton, je mehr sie gespannt sind und je mehr sie verk\u00fcrzt werden. Der geringeren Stimmbandl\u00e4ngenwegen geben daher im allgemeinen die kleineren Kehlk\u00f6pfe der Kinder und Frauen h\u00f6here T\u00f6ne, als die gr\u00f6sseren der M\u00e4nner.\na Auf die Spannung der Stimmb\u00e4nder hat Einfluss : die willk\u00fcrlich ver\u00e4nderliche Entfernung der Spitzen der Stimmforts\u00e4tze der Stellknorpel, von der Mitte des Spann- oder Schildknorpels, zwischen welchen Punkten, wie Sie sahen, die B\u00e4nder festgewachsen sind, \u2014 und dann auch noch die Gewalt des Exspirationsluftstroms, der die B\u00e4nder beim Anblasen der Stimmritze mehr oder weniger stark nach oben w\u00f6lbt und demgem\u00e4ss um so st\u00e4rker dehnen und spannen muss, je m\u00e4chtiger er ist.","page":84},{"file":"p0085.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n85\nb) Die Lauge, in der die Stimmb\u00e4nder frei schwingen k\u00f6nnen, wird aber dadurch bestimmt und willk\u00fcrlich ver\u00e4ndert, dass wir im Stande sind, die R\u00e4nder der Stimmritze in verschiedener Ausdehnung fest gegeneinander zu pressen und hierdurch gr\u00f6ssere oder kleinere Theile der Stimmb\u00e4nder am Schwingen zu hindern. Dies geschieht, indem sich die Stimmforts\u00e4tze der Stellknorpel entweder nur hinten mit ihren Basen, oder in gr\u00f6sserer Ausdehnung, oder endlich in ihrer ganzen L\u00e4nge bis zu den \u00e4ussersten Spitzen innig miteinander ber\u00fchren. Eine weitere Verk\u00fcrzung der Stimmritze ist dann noch m\u00f6glich durch theilweise Zusammenziehung jener Muskelfasern1), welche innerhalb der Stimmb\u00e4nder verlaufen und bogenf\u00f6rmig gegen deren Rand ziehen.\nDass sich die Tonh\u00f6he mit der Spannung und der L\u00e4nge der Stimmb\u00e4nder wirklich in der angegebenen Weise \u00e4ndert, ist aus physikalischen Gr\u00fcnden a priori einleuchtend, kann aber auch sehr leicht durch die Versuche am k\u00fcnstlichen und todten Kehlkopf und durch directe laryngoskopische Besichtigung am lebenden Menschen nachgewiesen werden. Ich will Ihnen die Abh\u00e4ngigkeit der Tonh\u00f6he von der Spannung und L\u00e4nge der Stimmb\u00e4nder an unserem k\u00fcnstlichen Kehlkopf vgl. oben Fig. 27 S. 71) demonstriren. Ich blase den Apparat an. Sie h\u00f6ren einen Ton von bestimmter musikalischer H\u00f6he. Sowie ich jetzt, ohne die Spannung der Kautschukstimmb\u00e4nder zu ver\u00e4ndern, die L\u00e4nge, in der sie frei schwingen, ver\u00e4ndere, steigt oder f\u00e4llt der Ton ; ebenso, wie Sie deutlich wahrnehmen. wenn ich die B\u00e4nder mehr oder weniger dehne und anspanne, die L\u00e4nge aber, in welcher sie frei schwingen, genau constant erhalte.\nEinen interessanten Punkt muss icli, ehe ich weiter gehe, noch ber\u00fchren. Durch st\u00e4rkeres Anblasen machen die Stimmb\u00e4nder n\u00e4mlich nicht nur gr\u00f6ssere Schwingungen, sondern sie werden auch st\u00e4rker gespannt und schwingen rascher ; bei vermehrter Exspirationsanstrengung muss sich also der Ton nicht nur verst\u00e4rken, sondern auch erh\u00f6hen. Deshalb bringen wir die h\u00f6chsten T\u00f6ne nur fortissimo hervor. Ja, aus demselben Grunde w\u00e4re es den S\u00e4ngern unm\u00f6glich, einen Ton von genau gleicher musikalischer H\u00f6he mit an- und abschwellender St\u00e4rke zu singen, wenn sie nicht durch feine Compensation der Muskelkr\u00e4fte am Kehlkopf gelernt h\u00e4tten, die wachsende Spannung der Stimmb\u00e4nder beim Anschwellenlassen des Tones durch entsprechende Verl\u00e4ngerung, die abnehmende Spannung beim Ab-\n1 Vgl. Fig. 2S C, um. S. 13.","page":85},{"file":"p0086.txt","language":"de","ocr_de":"S6\tPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nschwellenlassen durch entsprechende Verk\u00fcrzung der Stimmritze zu eorrigiren.\n3\tWas endlich die verschiedene Klangfarbe oder den Timbre des Stimmtons betrifft, so liegt die Veranlassung hierzu entweder in der Resonanz des ver\u00e4nderlichen Ansatzrohrs \u2014 und davon werde ich bei der Erkl\u00e4rung der Vocalbildung ausf\u00fchrlich sprechen \u2014 oder aber in einer verschiedenen Form der Stimmbandschwingungen, also in einer modificirten Art der Stimmerzeugung im Kehlkopf selbst.\nEs gibt n\u00e4mlich zwei Unterarten der Stimmerzeugung im Kehlkopf, oder \u2014 um musikalisch zu sprechen \u2014 zwei Stimmregister von verschiedener Klangfarbe. Das eine Register gibt die Brust stimme, das andere die Fistel oder Kopf stimme.\nDie erste hat im Ganzen eine tiefere Lage als die letztere, doch sind mehrere Tonh\u00f6hen beiden gemeinschaftlich und k\u00f6nnen bald mit Brust-, bald mit Fistelstimme angegeben werden, wobei dann der eigenth\u00fcmliche Unterschied der Klangfarbe beider Register besonders auffallend wird.\nDie Erkl\u00e4rung der Fistelstimme liegt nun darin, dass bei ihrer Erzeugung die R\u00e4nder der Stimmb\u00e4nder sowohl, als die der Taschenb\u00e4nder , weiter von einander abstehen, als f\u00fcr Brustt\u00f6ne, womit die bekannte Erfahrung \u00fcbereinstimmt, dass ein Fistelton mit dem gleichen Luftvorratli nicht so lange Zeit in derselben St\u00e4rke angeblasen werden kann, wie ein gew\u00f6hnlicher.\nZugleich ist es wahrscheinlich, dass beim Fistelton nur eine schmale Zone des freien Randes der Stimmb\u00e4nder schwingt, w\u00e4hrend beim Brustton die Stimmbandr\u00e4nder in ihrer ganzen Breite und Dicke oder H\u00f6he vibriren. Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Registern macht sich noch dadurch geltend, dass bei der vollen gew\u00f6hnlichen Stimme \u2014 wie die aufgelegte Hand deutlich f\u00fchlt \u2014 die Luftr\u00f6hre und die Brustwandungen in Erzitterungen gerathen, w\u00e4hrend bei der Falsetstimme Erzitterungen der Brust fehlen, dagegen aber in den schwingungsf\u00e4higen Theilen des Kopfes wahrgenommen werden, weshalb mit Recht letztere die Kopfstimme, erstere die Bruststimme genannt wird.\n4\tDer Umfang der menschlichen Singstimme ist betr\u00e4chtlichen individuellen Schwankungen unterworfen und betr\u00e4gt gew\u00f6hnlich t\u20142 y2 Octaven.\nBei bevorzugten Naturen vergr\u00f6ssert sich der Umfang um >/2\u20141 Octave und mehr.\nDie Catalaxi hatte z. B. 3'/2 Octaven brauchbarer Singt\u00f6ne in der Kehle.","page":86},{"file":"p0087.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\nS7\nDie m\u00e4nnlichen, die weiblichen und die kindlichen Stimmen fangen, wegen der Verschiedenheit der Gr\u00f6sse der Kehlk\u00f6pfe und der damit zusammenh\u00e4ngenden L\u00e4nge der Stimmb\u00e4nder an verschiedenen Stellen der Tonleiter an und h\u00f6ren an verschiedenen Stellen auf.\n5) Von dieser verschiedenen Begrenzung des Umfangs h\u00e4ngt die Stimmlage ab und auf ihr beruht die Eintlieilung der Singstimmen in B\u00e4sse, Barytone, Alte, Tenore und Soprane. Die Strecke der Tonleiter vom c bis 7 kann von allen Stimmen gesungen werden, klingt aber dennoch etwas verschieden, je nachdem sie von einem Bass, Alt oder Sopran intonirt wird.\nDer ganze musikalische Umfang des menschlichen Stimmorgans betr\u00e4gt mindestens f\u00fcnf Octaven, indem es Bassisten gibt, die \u2014 wie einst Fischer, der Vater \u2014 Contra-F sch\u00f6n und kr\u00e4ftig singen, w\u00e4hrend Soprane bis zum dreigestrichenen /\u2019hinaufgehen. \u2014\nO Um das Kapitel von der Stimme abzuschliessen, will ich noch \u00fcber den Wohllaut der Stimme sprechen und Ihnen mittheilen, dass derselbe wesentlich einerseits von der Exactheit und Regelm\u00e4ssigkeit der Stimmbandschwingungen, andererseits von der Sch\u00f6nheit und dem Ebenmaass der r\u00e4umlichen Verh\u00e4ltnisse der resonirenden Gebilde, \u2014 des Brustkastens und des Ansatzrohrs abh\u00e4ngt.\nAuch die Beschaffenheit des Muskel-, des Knochen- und des Knorpelgewebes, sowie der Schleimhautauskleidung der Luftwege ist von Einfluss auf die Kraft und den Schmelz der Singstimme.\nEs ist damit wie mit dem Material und dem Bau der anderen musikalischen Instrumente \u2014 z. B. der Geigen von Amati , Steiner u. s. w. im Vergleich zu fabrikm\u00e4ssigen Jahrmarktsgeigen.\nDer musiktolle Rath Krespel aus den Serapionsbr\u00fcdern hatte gut die Geigen zu zerlegen, um das Geheimniss ihres Wohllauts zu finden ! Die Theile behielt er wohl greifbar in der Hand \u2014 das Geheimniss aber liess sich nicht fassen ; das steckte ungreifbar in dem harmonischen Aufbau der materiellen Atome zum Ganzen.\nUebrigens wird das Kennerauge \u2014 wie bei den alten Geigen, so bei den verschiedenen Stimmorganen \u2014 das bevorzugte Instrument sofort herausfinden.\nFreilich geh\u00f6rt zur Geige noch der K\u00fcnstler, der sie zu behandeln, ihr die klangvollen T\u00f6ne zu entlocken versteht. Das Stimmorgan hingegen ist ein integrirender Tlieil der Individualit\u00e4t des K\u00fcnstlers selbst und tr\u00e4gt das Gepr\u00e4ge seiner Schulung und Vorz\u00fcglichkeit an sich.\nIch habe Gelegenheit gehabt, einige hervorragende S\u00e4nger und S\u00e4ngerinnen, wie den pariser Tenor Roger, den wiener Bassisten Rokitansky \u2014 ein wahres Stimmph\u00e4nomen, \u2014 die weltber\u00fchmte","page":87},{"file":"p0088.txt","language":"de","ocr_de":"88\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nUxger-Satsatier etc., laryngoskopisch zu untersuchen, und kann Sie versichern, dass ich mich fast getrauen m\u00f6chte, mit dem Kehlkopfspiegel in der Hand, hei verstopften Ohren, zu ersehen, ob ich es mit dem Organ eines gebildeten S\u00e4ngers zu thun habe oder nicht ; \u2014 und das nur aus der Pr\u00e4cision und dem graci\u00f6sen Schwung der Bewegungen der Stellknorpel, der Stimmb\u00e4nder u. s. w. beim Singen, und aus der Sch\u00f6nheit und Harmonie der r\u00e4umlichen Verh\u00e4ltnisse der Theile.\nUm Sie auch noch einen Blick auf den Revers der Medaille thun zu lassen, f\u00fcge ich diesen Mittheilungen \u00fcber die Bedingungen des Wohllauts der Stimme hinzu, dass die Stimme unsch\u00f6n, klanglos und heiser wird, ja endlich in ihr vollst\u00e4ndiges Gegentheil, die Stimmlosigkeit oder Aphonie, umschl\u00e4gt, wenn entweder die Stimmb\u00e4nder durch Ungeschick oder L\u00e4hmung der Kehlkopfmuskeln, durch krankhafte Ausw\u00fcchse und Auflagerungen oder Substanzverluste, durch Schwellung u. dgl. an der Bildung einer scharf begrenzten, gleichm\u00e4ssig elastischen Stimmritze, und an der Regelm\u00e4ssigkeit der Schwingungen gehindert werden; \u2014 oder wenn die r\u00e4umlichen Verh\u00e4ltnisse und die Structur der resonirenden H\u00f6hlen und Gebilde ung\u00fcnstig oder krankhaft ver\u00e4ndert sind.\nDie laryngoskopische Untersuchung \u2014 und darin liegt ihr unendlicher diagnostischer Werth \u2014 l\u00e4sst nun erkennen, mit welcher Art von Stimmst\u00f6rung man es zu thun hat, und welche Behandlung der Fall erfordert.\nVor Begr\u00fcndung der Laryngoskopie tappte man, oft zum gr\u00f6ssten Nachtheil der Leidenden, in vollst\u00e4ndiger Finsterniss umher !\nNoch bemerke ich, dass die Stimme \u2014 namentlich von S\u00e4ngern, welche mehr darauf achten, \u2014 oft bereits an ihrem Schmelz und Wohlklang einzub\u00fcssen beginnt, wenn noch nicht die geringsten Spuren sichtbarer krankhafter Ver\u00e4nderungen an den Stimmorganen zu entdecken sind ; es handelt sich dann um leise St\u00f6rungen in der mikroskopischen oder gar in der innersten atomistischen Constitution der organischen Gebilde und Gewebselemente.\nSind die krankhaften Ver\u00e4nderungen bereits sichtbar, wenn auch scheinbar ganz unbedeutend, so k\u00f6nnen sie h\u00e4ufig schon eine bis zur Aphonie sich steigernde Stimmst\u00f6rung bedingen, w\u00e4hrend dagegen manchmal trotz der auffallendsten und scheinbar st\u00f6rendsten Erkrankungen der Theile noch eine \u00fcberraschend gute und klangvolle oder doch ausreichende Stimmbildung zu Stande kommt. Dies h\u00e4ngt immer davon ab. in wie weit durch die specielle Art und durch den Sitz der Erkrankung die Herstellung der bekannten wesentlichen","page":88},{"file":"p0089.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n89\nBedingungen der Stimmerzeugung beeintr\u00e4chtigt wird. So viel von der Stimme. Ich komme nun an\nII. die Sprachlaute,\nderen specielle Physiologie und Systematik uns zum Schl\u00fcsse noch besch\u00e4ftigen sollen.\nMan kann bekanntlich laut oder fl\u00fcsternd sprechen.\nIn letzterem Falle verwenden wir die bereits oben als \u00dfeibuugs-ger\u00e4usch in der verengten Stimmritze erkannte Fl\u00fcsterstimme oder vox clandestina, immer und \u00fcberall in genau derselben Weise wie den Stimmklang beim lauten Sprechen.\nEs gibt n\u00e4mlich eine Keihe von Sprachlauten, welche ohne Mitwirkung der Stimme, mag diese nun laut oder nur fl\u00fcsternd sein, gar nicht, oder nur unvollkommen hervorgebracht werden k\u00f6nnen, w\u00e4hrend eine zweite Beihe von Lauten existirt, welche ganz ohne alle Betheiligung der stimmbildenden Kehlkopfsth\u00e4tigkeit im Ansatzrohre von selbst anlauten.\nDiese letzteren wahren Selbstlaute entsprechen jedoch keineswegs den gew\u00f6hnlich als \u00bbSelbstlaute\u00ab bezeiclmeten Yoealen. sondern vielmehr gerade jenem Tlieile der sogenannten Mitlaute oder Consonanten, die man recht eigentlich, aber f\u00e4lschlich, als typische, an und f\u00fcr sich (d. h. ohne Vocale], beinahe unaussprechliche Consonanten zu betrachten pflegt.\nIch tlieile die Sprachlaute. wie Sie bemerken, ebenfallsinSelbst-laute und in Mitlaute, aber ich verstehe unter den ersteren wie gesagt nur jene H\u00e4lfte der sonst sogenannten Mitlaute oder Consonanten, bei deren Erzeugung die gefl\u00fcsterte und laute Stimme gar nicht mitlautet, oder doch nicht noth wen dig mitlauten muss, unter den letzteren dagegen die Vocale und die andere H\u00e4lfte der sogenannten Consonanten, deren Bildung, wie die der Vocale, ohne die Betheiligung der lauten oder gefl\u00fcsterten Stimme nicht zu Stande gebracht werden kann.\nIch nenne also Mitlaute jene Sprachlaute, bei deren Bildung die durch die Vorg\u00e4nge und Ver\u00e4nderung im Ansatzrohr erzeugten akustischen Ph\u00e4nomene1] und die Stimme, gleichg\u00fcltig ob tonlos\n1 M\u00f6gen diesen akustischen Ph\u00e4nomenen nun selbstst\u00e4ndig erzeugte Ger\u00e4usche (wie bei den Mediae) oder nur Resonanzschwingungen im Ansatzrohr (wie bei den VocalCn, welche nach obiger Begriffsbestimmung zu den Mitlautern zu rechnen sind , zu Grunde liegen.","page":89},{"file":"p0090.txt","language":"de","ocr_de":"90\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\ngefl\u00fcstert oder t\u00f6nend, miteinander lauten m\u00fcssen ; Selbstlaute aber jene, welche ausschliesslich im Ansatzrohr erzeugt \u2014 ohne alle Stimmbildung selbstst\u00e4ndig lauten.\nDie Rechtfertigung und Begr\u00fcndung dieser Begriffsbestimmungen \u2014 so paradox Ihnen dieselben dem Sprachgebrauch gegen\u00fcber f\u00fcr jetzt auch erscheinen m\u00f6gen, wird sich im Verlaufe meiner Darstellung von selbst ergeben vgl. die Tabelle der Spraclilaute am Schl\u00fcsse des Vortrags, S. 102).\nIch beginne mit der Erkl\u00e4rung des einfachsten aller Spraclilaute, n\u00e4mlich des h oder des Spiritus asper der Griechen, die ihn jedoch bekanntlich nicht mit einem besonderen Buchstaben schrieben, sondern nur vermittelst eines kleinen Hilfszeichens \u00fcber dem anlautenden Vocal andeuteten.\n1 Das h\nist keineswegs der blosse einfache Hauch, welchen der Exspirationsluftstrom durch den Anfall gegen die W\u00e4nde des offenen Ansatzrohrs erzeugt.\nUm den einfachen Hauch in ein h zu verwandeln, ist eine besondere Intention erforderlich, durch welche nicht nur der Exspirationsdruck verst\u00e4rkt, der Mund weiter ge\u00f6ffnet, das Gaumensegel etwas gehoben und durch N\u00e4herung seiner Bogen gespannt wird, sondern zugleich auch \u2014 und das ist, wie ich zuerst mit dem Kehlkopfspiegel zeigte, die Hauptsache \u2014 eine Verengerung der Stimmritze zu Stande kommt \u2014 genau in derselben Art und Weise, wie bei der Erzeugung der Fl\u00fcsterstimme, mit welcher somit der /(-Laut, abgesehen von den Ver\u00e4nderungen im Ansatzrohr, identisch ist.\nAls weitere Best\u00e4tigung f\u00fcr diese laryngoskopisch nachgewiesene Identit\u00e4t f\u00fchre ich an, dass ich einst einem Franzosen, dem, wie fast allen seinen Landsleuten, das Aussprechen unseres h nicht gelingen wollte, den Rath gab, beim Aussprechen eines mit h beginnenden deutschen Wortes so anzufangen, wie wenn er es mit Fibster stimme sprechen wollte, und dann erst den vollen Vocal-ton folgen zu lassen.\nGleich beim ersten Versuch diesen Rath befolgend, gelang ihm nun zu seinem gr\u00f6ssten Erstaunen das schwere Kunstst\u00fcck vollkommen, und in seiner freudigen Ueberraschung brach er wie Mr. Jourdain im Bourgeois gentilhomme in den Ausruf aus : \u00bbmais \u2014 voil\u00e0 40 ans, que je puis prononcer l'h, sans le savoir!\u00ab","page":90},{"file":"p0091.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n91\n2 Die Vocale\n\u2014 die erste Gruppe von den Spraclilauten, die wir betrachten wollen \u2014 wurden erst durch Helmholtz in ihrem wahren AVesen erkannt und befriedigend erkl\u00e4rt.\nSo Verdienstliches auch fr\u00fcher schon \u00fcber die Voealbildung geleistet worden war, ein volles und gr\u00fcndliches Verst\u00e4ndniss derselben konnte nicht eher erzielt werden, als bis das eigentliche AAresen der Klangfarbe oder des Timbres aufgekl\u00e4rt war \u2014 wie es endlich Helmholtz gelungen ist. denn \u2014 um es kurz zu sagen : die AMcale sind verschiedene Klangfarben der Stimme, hervorgebracht durch die Resonanz der f\u00fcr bestimmte Tonh\u00f6hen abgestimmten Mund- und Raehenli\u00f6hle.\nSic sehen liier eine hohle Ales-singkugel von bestimmten Dimensionen; sie schliesst Luft ein, welche nur durch eine kreisrunde Oeff-nung mit der Atmosph\u00e4re zusammenh\u00e4ngt.\nHier habe ich eine Stimmgabel, ich fasse sie an ihrem Griff und schlage mit ihr kr\u00e4ftig auf einen an die Tischkante angenagelten Kork :\n\u2014 sie gibt einen Ton, welcher \u00e4us-sei'st schwach ist, so dass ihn die wenigsten von Ihnen h\u00f6ren.\nBemerken Sie aller wie der Ton anschwillt und im ganzen Saale h\u00f6rbar wird, so oft ich die Oeffnung der messingenen Hohlkugel der Gabel n\u00e4here vgl. Fig. 33).\nHier ist eine zweite Hohlkugel Fig. 33. M eine Holilkugel von Messing mit , . ,\t.\t-,\teiner runden Oeffnung m; 6'Stimmgabel mit\nvon gleicher Art \u2014 aber von ganz\tHolzstiel,\nanderen Dimensionen als die erste.\nIch n\u00e4here ihre Oeffnung \u2014 wie vorhin \u2014 der schwingenden Stimmgabel. Aber siehe da, der Ton wird jetzt nicht verst\u00e4rkt, um, wie vorhin, h\u00f6rbar zu werden.\nWarum gelingt nun der Versuch mit der ersten, nicht aber mit der zweiten Hohlkugel ? Einfach darum, weil die erste Kugel auf den Ton der Stimmgabel genau abgestimmt ist und daher die in ihr enthaltene Luft in gleichwerthige Alitschwingungen gerathen kann, die in","page":91},{"file":"p0092.txt","language":"de","ocr_de":"92\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nder zweiten Hohlkugel enthaltene Luft aber nicht. indem diese nicht auf den Stimmgab eiton abgestimmt ist.\nDieser Versuch hat Ihnen gezeigt, dass lufthaltige Hohlr\u00e4ume von bestimmten Dimensionen f\u00fcr bestimmte T\u00f6ne abgestimmt sind und diese durch Resonanz verst\u00e4rken k\u00f6nnen.\nUnd wenn ich noch hinzuf\u00fcge, dass es dabei durchaus nicht auf das Material der Wandungen ankommt, sondern wesentlich nur auf die Form und Gr\u00f6sse des Hohlraums im Verh\u00e4ltniss zu der Oeffnung desselben, so wird es klar sein, dass auch die Mundh\u00f6hle f\u00fcr verschiedene bestimmte T\u00f6ne abgestimmt sein m\u00fcsse, je nachdem sie selbst und ihre Oeffnung im Gesicht verschiedene Formen und Dimensionen annimmt \u2014 was durch die Bewegung des Unterkiefers und die Gestalt-und Stellungsver\u00e4nderungen der Zunge, des Gaumensegels und der Lippen erm\u00f6glicht wird.\nDa nun bekanntlich f\u00fcr jeden der Vocale u. o, a, e, i u. s. w. die Mundspalte sowohl als die Mund- und Rachenh\u00f6hle andere und zwar immer constante Formen und Dimensionen annehmen, so kann es Sie nicht wundern zu erfahren, dass der sogenannte \u00bbEigenton\u00ab der Mundh\u00f6hle f\u00fcr jeden Vocal ein anderer und ein constanter ist.\nEs hat Helmholtz diese f\u00fcr die einzelnen Vocale charakteristischen \u00bbEigent\u00f6ne\u00ab des Ansatzrohrs musikalisch bestimmt.\nF\u00fcr u fand er das kleine f \u00bb o das eingestrichene V\nva.....................b\"'\n\u00bb\te aber................f\tund\tb\"'\n\u00bb ae..................g\" und d'\"\n\u00bb c...................f (?) und d\"\"\n\u00bb\toe..............f\tund\tg\" \u2014 as!\u201d\n\u00bb\twe\tendlich......f\tund\tcf'\u2014cis\"\\\nBei den drei zuerst genannten Vocalen hat die Mundh\u00f6hle nur einen Eigenton, bei den \u00fcbrigen aber zwei, indem das Ansatzrohr f\u00fcr diese letzteren die Form einer Art Flasche mit weitem Bauch und engem Hals annimmt \u2014 und Hals und Bauch jeder auf einen anderen Eigenton abgestimmt sind.\nDie Stimme ist, wie Sie wissen, kein einfacher Ton, sondern ein Klang, d. h. eine Mischung aus einem Grundton und einer Reihe von sogenannten harmonischen Obert\u00f6nen, welche gleichzeitig erklingen, f\u00fcr unser Ohr aber zu einer akustischen Einheit verschmelzen und von deren St\u00e4rke und Anzahl, wie ich im vorigen Jahre zeigte, eben die Klangfarbe oder der Timbre abh\u00e4ngt (vgl. S. 55 u. f. .\nWenn nun die Stimme in die Mundh\u00f6hle gelangt, so werden jene,","page":92},{"file":"p0093.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n93\nund zwar nur j ene Obert\u00f6ne durch Resonanz (wie der Stimmgabelton durch unsere Hohlkugel) verst\u00e4rkt, welche mit dem charakteristischen Eigenton der Mundh\u00f6hle zusammenstimmen.\nDie Stimme muss daher stets eine bestimmte andere Klangfarbe annehmen, denn f\u00fcr jeden Vocal sind ja die Eigent\u00f6ne der Mundh\u00f6hle andere, und somit werden immer andere Obert\u00f6ne im Stimmklang verst\u00e4rkt. Von der Art der Ton mi s eh u n g h\u00e4ngt aber eben, wie gesagt, die Klangfarbe ab.\nDarin liegt also das nunmehr aufgehellte Geheim-n i s s d e r V o c a 1 b i 1 d u n g. Helmholtz ist es gelungen, aus einfachen Stimmgabelt\u00f6nen Kl\u00e4nge zusammenzusetzen, deren F\u00e4rbung mit den Vocalen vollst\u00e4ndig \u00fcbereinstimmte. Er hat somit die Vocale k\u00fcnstlich erzeugt und durch diese Synthese die schlagende Probe auf die Richtigkeit seiner Erkl\u00e4rung der Vocale gemacht. Im vorigen Jahre habe ich Ihnen einen Versuch1) zu Geh\u00f6r gebracht, welcher dasselbe beweist, und den grossen Vortheil hat, Jedem zug\u00e4nglich zu sein, dem ein Klavier zur Disposition steht. Sie erinnern sich, dass uns die Vocale, welche ich mit lauter Stimme gegen die Besaitung eines ge\u00f6ffneten Fl\u00fcgels rief, w\u00e4hrend die D\u00e4mpfung gehoben war, in ihrer speeifisch en Klangfarbe, wie beim Echo, aus dem Fl\u00fcgel zur\u00fcckt\u00f6nten. Indem die ins Klavier hineingerufenen Vocalkl\u00e4nge n u r j e n e Saiten in st\u00e4rkere oder schw\u00e4chere Mitschwingungen versetzten, welche den st\u00e4rkeren und schw\u00e4cheren einfachen T\u00f6nen entsprechen, aus denen der Vocal zusammengemiseht ist, konnte \u2014 wenn die gegebene Erkl\u00e4rung der Vocalbildung richtig ist \u2014 der Versuch auch kein anderes Resultat geben \u2014 und umgekehrt.\nBei der Fl\u00fcstersprache entstehen die Vocale einfach durch Anblasen der Mundh\u00f6hle, indem sich der wach gerufene charakteristische Eigenton derselben dem Ger\u00e4usche der Fl\u00fcsterstinune beimischt.\nBei einiger Aufmerksamkeit, namentlich bei Vergleichung mehrerer hintereinander gefl\u00fcsterter Vocale lassen sich die constanten und charakteristischen Tonh\u00f6hen recht deutlich aus dem Ger\u00e4usch heraush\u00f6ren.\nL\u00e4sst man die gefl\u00fcsterten Vocale \u25a0\u2014 besonders u oder \u00fc in laides Mundpfeifen \u00fcbergehen, indem man den wahrgenommenen Eigenton beim Pfeifen festh\u00e4lt, so kann man die Mundh\u00f6hle als eine Art nat\u00fcrlicher Stimmgabel brauchen, weil die vocalischen Eigent\u00f6ne constante absolute Tonh\u00f6he haben.\nSehr interessant ist noch, dass f\u00fcr denselben Vocal die charak-\n! Vgl. S. 57 u. f.","page":93},{"file":"p0094.txt","language":"de","ocr_de":"94\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge,\nteristischen Eigent\u00f6nc bei Erwachsenen und Kindern, bei M\u00e4nnern nnd Frauen \u2014 trotz der verschiedenen Dimensionen der Mundtlieile \u2014 auffallend \u00fcbereinstimmen \u2022\u2014 vorausgesetzt, 'dass sie denselben Dialekt sprechen, w\u00e4hrend geringere dialektische Modificationen der Aussprache den Ton bedeutend ver\u00e4ndern.\n3) Die Diphthongen oder Doppel vocale entstehen, indem man aus der Einstellung der Mundtlieile f\u00fcr einen Vocal in die f\u00fcr einen anderen \u00fcbergeht und w\u00e4hrend dieses Ueber-gangs die Stimme h\u00f6ren l\u00e4sst.\nBeim ei z. B. beginnt man mit einem reinen a und h\u00f6rt mit i auf. die charakteristische Klangfarbe des Diphthongen liegt nur in der Mitte des kurzen Vorgangs, weshalb man keinen Diphthong auf eine lange Note singen kann. Die Orthographie der Diphthongen ist meist unphysiologisch, denn wir schreiben z. B. ei und sprechen ai, wir schreiben eit und sprechen a\u00fc u. s. w., dagegen schreiben wir \u00fc, H und U zuweilen wie Diphthongen ue, oe und ae, w\u00e4hrend es einfache Vocale sind.\nBei aller reinen Voealbilduug wird die Nasenh\u00f6hle durch das gehobene Gaumensegel verschlossen \u2014 und zwar habe ich durch Versuche gezeigt, dass die Innigkeit, mit welcher und die H\u00f6he, in welcher dieser Verschluss stattfindet, f\u00fcr die verschiedenen Vocale verschieden ist.\nIch habe die Thatsaehen Uber das verschiedene Verhalten der Nasenklappe beim Hervorbringen der einzelnen Vocale schon vor mehr als zehn Jahren entdeckt, indem ich e r s 11 i c h einen F U h 1 h eh e 1 horizontal durch die Nase bis auf die B\u00fcckenfl\u00e4che des Gaumensegels brachte, und an den Bewegungen des ersteren beim Aussprechen der Vocale den Grad der Heining des letzteren erkannte : zweitens aber, indem ich \u2014 mit nach hinten \u00fcbergebeugtem Kopfe auf dem K\u00fccken liegend \u2014 mir die Nasenh\u00f6hle mit lauem Wasser anf\u00fcllen lies, w\u00e4hrend ich die verschiedenen Vocale continuirlich hervorbrachte \u2014 um aus der Menge des zur Durchbrechung des Nasenklappenverschlusses erforderlichen Wassers die Festigkeit und Innigkeit desselben zu bestimmen.\nDurch diese ziemlich anstrengenden und nicht gerade angenehm zu nennenden Versuche fand ich, dass der Verschluss der Nasenh\u00f6hle durch die Gaumenklappe am tiefsten und lockersten f\u00fcr \u00ab, am h\u00f6chsten und festesten f\u00fcr u und i ausf\u00e4llt, und dass sich mit R\u00fccksicht hierauf die Vocale zu der Reihe a, e, o, u, i ordnen.\nAls-ich mir \u00fcberlegte, wie ich Ihnen diese Thatsaehen \u2014 Allen","page":94},{"file":"p0095.txt","language":"de","ocr_de":"111. Stimme und Sprache.\n95\nsichtbar \u2014 hier im Saale demonstrireu k\u00f6nnte, kam ich auf den Gedanken; die Nasenh\u00f6hle mit einem Kautschukschlauch luftdicht in Verbindung zu setzen, an dessen Ende sich eine flache metallene Trommel befindet, die mit einer d\u00fcnnen elastischen Haut \u00fcberspannt ist.\nAuf dieser Haut ruht ein kleines Spiegelchen auf, welches sich hebelf\u00f6rmig auf- und niederbewegt, so oft die elastische Haut durch den Luftdruck hervorgew\u00f6lbt oder eingedr\u00fcckt wird (vgl. Fig. 34). Indem das Spiegelchen eine grelle Beleuchtung erh\u00e4lt, wirft es ein mondscheibenf\u00f6rmiges Lichtbild an die Decke des Saales, welches die Bewegungen des Gaumensegels in vergr\u00f6ssertem Maassstab \u2014 Allen sichtbar \u2014 wiedergibt. Denn es versteht sich von selbst, dass durch die verschiedene Hebung des Gaumensegels die Luft in der abgeschlossenen Nasenh\u00f6hle verschieden zusammengepresst wird. Ich setzte daher voraus, dass die elastische Haut der flachen Metalltrommel ganz einfacli f\u00fcr u am wenigsten, f\u00fcr e mehr, noch mehr f\u00fcr o. am meisten aber f\u00fcr \u00ab und i hervorgew\u00f6lbt werden m\u00fcsse.\nFig. 34. Das Gaumenspiegelclien, ein Apparat zur Demonstration der Bewegungen des Gaumensegels.\nT flache metallene Trommel, mit einer d\u00fcnnen elastischen Haut \u00fcberspannt, auf der ein Hebel F rulit, welcher ein in beliebiger Neigung zum Horizont einstellbares , leichtes Spiegelchen S um die Axe x bewegt. K ein dickwandiger Kautschukschlauch, dessen freies Ende einen durchbohrten Kork K\" tr\u00e4gt, welcher dazu bestimmt ist luftdicht in ein Nasenloch eingepasst zu werden. Das andere Ende des Kautschukschlauches ist auf die R\u00f6hre K aufgeschoben , -welche in den Hohlraum der flachen Metalltrommel T f\u00fchrt.\nZu meiner \u00fceberrascliung (fand ich aber bei der vorl\u00e4ufigen Anstellung des Experiments, dass die Verh\u00e4ltnisse nicht ganz so einfach sind, als ich vorausgesetzt hatte. Dies f\u00fchrte mich aber zur Entdeckung neuer Thatsachen. welche ich ohne die angenehme Veranlassung, die mir \u2014 wie ich dankbar hervorheben will \u2014 der heutige Vortrag bot, gewiss nicht jetzt \u2014 wenn \u00fcberhaupt \u2014 gefunden haben w\u00fcrde.\nIch verzichte auf die weitl\u00e4ufige Auseinandersetzung dieser neuen Thatsachen und will mich darauf beschr\u00e4nken, Ihnen auf die angegebene Art zu demonstrireu. dass in der That die Bewegungen des die Nasenh\u00f6hle verschliessenden Gaumensegels bei der Hervorbringung","page":95},{"file":"p0096.txt","language":"de","ocr_de":"96\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nder einzelnen Vocale verschieden ausfallen, und zwar \u2014 wie Sie eben aus den Schwankungen des Lichtbildes an der Decke ersehen werden \u2014 beim a am schw\u00e4chsten und kleinsten, bei e und o st\u00e4rker und gr\u00f6sser, bei u und i am st\u00e4rksten und gr\u00f6ssten.\nErlauben Sie, dass ich nun den Saal f\u00fcr wenige Minuten vollst\u00e4ndig verdunkeln lasse, damit unser Lichtbild an der Decke deutlich sichtbar werde.\nDank der Gasbeleuchtung, zu deren endlichen bleibenden Zuleitung in den \u00bbRosensaal\u00ab meine Vorlesungen die Veranlassung gaben, wird die Herstellung des Helligkeitswechsels weniger zeitraubend sein als vor zwei Jahren, als ich Ihnen die Bewegungen des schlagenden Froschherzens vermittelst meines Spiegelchen-Kardioskops demoii-strirte (s. Vortrag I. Seite 12 u. f. .\nWir befinden uns in hinreichender Dunkelheit, um das grosse Spiegelbild an der Decke neben dem ersten Kronleuchter hell und deutlich zu sehen. Ich werde jetzt den Kautschukschlauch mit der Nasenh\u00f6hle in luftdichte Verbindung bringen und die Vocale in der angegebenen Reihenfolge a, e, o, u, i aussprechen. Beachten Sie dabei die Bewegungen des Lichtbildes.\nMeine Angaben \u00fcber das Verhalten des Gaumensegels beim Aussprechen der Vocale sind, wie Sie eben sehen konnten, eingetroffen. Erlauben Sie nur noch, dass ich Ihnen \u2014 bevor ich den Gashahn wieder ganz \u00f6ffnen lasse \u2014 ein zweites Experiment zeige, welches Ihnen, meinen weiteren Mittheilungen allerdings vorgreifend, eine \u00fcberraschende Anschauung von der fast unausgesetzten Th\u00e4tigkeit und Betheiligung des Gaumensegels beim Aussprechen ganzer S\u00e4tze geben und Ihnen den Beweis liefern wird, ein wie wichtiger Tlieil des Sprach-orgaus das Gaumensegel ist. Ich befestige den Kautschukschlauch unseres Apparats wieder in der Nase und, w\u00e4hrend ich so spreche, sehen Sie, dass das Lichtbild an der Decke kaum einen Moment stille steht, sondern vielmehr fast ununterbrochen hin- und herf\u00e4hrt \u2014 bald rascher, bald langsamer, bald l\u00e4ngere, bald k\u00fcrzere Excursionen machend. Ebenso hebt und senkt sich das Gaumensegel, ohne dass wir im gew\u00f6hnlichen Leben beim Reden eine Ahnung davon haben !\nDie Beleuchtung ist wieder hergestellt; ich nehme den Faden unserer Betrachtung wieder auf.\nWird der Verschluss der Nasenh\u00f6hle bei der Voealbildung absichtlich oder zuf\u00e4llig so unvollst\u00e4ndig, dass erhebliche Luftmengen auch durch die Nase gehen, was namentlich dann geschieht, wenn durch absichtliche Senkung des Gaumensegels der Luftabfluss in die Mundh\u00f6hle beschr\u00e4nkt wird, so ger\u00e4th auch die Luft der Nasenh\u00f6hle","page":96},{"file":"p0097.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n97\nin Mitschwingungen und es entsteht der eigenth\u00fcmliche Nasenton, welcher die reinen in\n4) die nasalirten Vocale\nverwandelt.\nAus dem angef\u00fchrten Grunde mischt sich der Nasenton hei Leuten, deren Gaumensegel gel\u00e4hmt oder defect ist, oder gar ganz fehlt, allen Sprachlauten st\u00f6rend hei, obschon sie dagegen die Vocale, wegen unvollst\u00e4ndiger und mangelnder Beschr\u00e4nkung des Luftabflusses in die Mundh\u00f6hle durch absichtliche Senkung des Gaumensegels meist weniger stark nasaliren k\u00f6nnen, als andere normale Menschen.\nDie nasalirten Vocale bilden den Uebergang von den reinen Vo-calcn zu jenen Sprachlanten, welche man\n5) die Nasenlaute oder Resonanten\nnennt.\nMan rechnet dieselben gew\u00f6hnlich zu den Consonanten oder Mitlauten, weil sie, wie diese, nicht ohne gewisse Ver\u00e4nderungen in\nFig, 35. Schema der drei Artikulationsgebiete (7, 77, 777) und systematische Zusammenstellung der daselbst erzeugbaren Sprachlaute.\neinem der drei Artikulationsgebiete des Ansatzrohrs entstehen k\u00f6nnen, sie entfernen sich aber von den Consonanten und n\u00e4hern sich den nasalirten Voealen dadurch, dass bei ihrer Erzeugung \u2014 wie bei diesen\nCzermak , Schriften. II.\ti","page":97},{"file":"p0098.txt","language":"de","ocr_de":"98\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nletzteren \u2014 die Nasenklappe offen, das Gaumensegel gesenkt ist \u2014 was. wie ich im Voraus ein- f\u00fcr allemal hervorhebe \u2014 hei keinem Consonanten stattfindet.\nDie drei Artikulationsgebiete des Ansatzrohrs sehen Sie hier (vgl. Fig. 35 I, II, III). Das erste umfasst die Lippen bis zum Rande der Zahnreihe. Das zweite die Z\u00e4hne, die vordere Partie des harten Gaumens und die Zungenspitze ; das dritte endlich den Zungengrund, die hintere Partie des harten Gaumens mit dem Gaumensegel und den Schlund.\nAn jedem dieser Artikulationsgebiete kann die Mundh\u00f6hle durch gegenseitiges Aneinanderlegen der weichen beweglichen Theile oder dieser und der festen Theile luftdicht verschlossen werden. Geschieht dies, indem dabei die Nasenklappe offen bleibt und zugleich die fl\u00fcsternde oder laute Stimme angegeben wird, so entstehen eben die sogenannten Nasenlaute oder Resonanten.\nBei ihnen resonirt mit der Stimme also der Nasenton und der Eigenton jenes Theiles der Mundh\u00f6hle, welcher von der Verschlussstelle bis zur Rachenh\u00f6hle \u00fcbrig bleibt.\nDer Resonant des ersten Artikulationsgebietes ist das m, der des zweiten das n, der des dritten endlich ist ein Laut, f\u00fcr den wir statt eines besonderen Buchstabenzeichens ng zu schreiben pflegen.\nEs ist beispielsweise der Laut am Ende der Worte Klang, Sang, Gang, Drang. . . .\nDie Schreibung unseres dritten Resonanten durch n und g kann insofern einigermassen entschuldigt und erkl\u00e4rt werden, als jene Stelle des Artikulationsgebietes, wo der Verschluss f\u00fcr diesen Laut bewerkstelligt wird, genau derjenigen Stelle entspricht, wo, wie wir gleich sehen werden \u2014 in der That auch das g \u2014 wiewohl unter anderen Bedingungen \u2014 entsteht, weshalb sich dem fraglichen Resonanten sehr leicht und oft unwillk\u00fcrlich ein wirkliches g anschliesst.\nDurch ein n kann aber unser Laut niemals bezeichnet werden, wie Sie sich leicht \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, wenn Sie z. B. die Silbe Klan aussprechen, dann anhalten und endlich g folgen lassen. So ausgesprochen wird das Wort niemals zu Klang !\nJetzt kommen wir zu den drei Lautgruppen, welche durch die drei Arten der selbstst\u00e4ndigen Ger\u00e4uschbildung im Ansatzrohr cliarak-terisirt sind.\nDie erste Art der selbstst\u00e4ndigen Ger\u00e4uschbildung ist die Herstellung oder Unterbrechung des Verschlusses an den drei Artikulationsgebieten. Wenn dabei die Gaumenklappe gehoben und die Nasenh\u00f6hle abgeschlossen wird, so ist dieser Verschluss und","page":98},{"file":"p0099.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n99\nseine Unterbrechung mit einem eigenthiimlichen Ger\u00e4usch verbunden, und dieses gibt die n\u00e4chste Doppelreihe von Consonanten oder Mitlauten :\n6) die Verschlusslaute.\nIn jedem der drei Artikulationsgebiete gibt es deren zwei, die sich von einander wesentlich nur dadurch unterscheiden, dass bei der einen Reihe, den sogenannten weichen, die laute oder gefl\u00fcsterte Stimme mitklingt, gerade so wie bei den Resonanten, mit denen diese weichen Verschlusslaute somit bis auf den Nasenverschluss identisch sind. Durch das Mitlauten der Stimme entsteht bei ihnen n\u00e4mlich ein besonderer, sie von den Resonanten und von den harten Verschlusslauten wesentlich unterscheidender Laut, welchen Pukkyn\u00e8 sehr treffend den Bl\u00e4hlaut genannt hat, weil das allseitig verschlossene, keinen Abfluss der Stimmluft gestattende Ansatzrohr dabei aufgebl\u00e4ht wird.\nBei der anderen Reihe der Verschlusslaute, den sogenannten harten, bleibt die Stimme hingegen absolut aus. Das an den einzelnen Artikulationsgebieten durch den Verschluss oder dessen Unterbrechung erzeugte explosive Ger\u00e4usch lautet hier f\u00fcr sich selbst an und macht allein den ganzen Sprachlaut aus ; verdienen diese Laute nicht mit vollem Recht den Namen der \u00bbSelbstlaute\u00ab statt jenes gebr\u00e4uchlichen der \u00bbMitlaute\u00ab?\nMan h\u00f6rt zum Unterschiede von den weichen Verschlusslauten, die echte \u00bbMitlaute\u00ab sind, nicht das Mindeste von einem sie begleitenden Bl\u00e4hlaut. Man spreche nur ba und pa m\u00f6glichst charakteristisch nacheinander aus , so wird man bei einiger Aufmerksamkeit sogleich finden, dass beim ba die Stimme als Bl\u00e4hlaut schon fr\u00fcher zu h\u00f6ren ist, als der Lippenverschluss durchbrochen wird und der Vocal n anlautet, w\u00e4hrend beim pa erst mit dem explosiven a der Stimmton einsetzt. Vergleicht man ein richtig' ausgesprochenes ab und ap, so findet man, dass beim ap der Stimmton mit der Herstellung des Lippenverschlusses pl\u00f6tzlich und vollst\u00e4ndig verstummt, w\u00e4hrend beim ab der Stimmton als Bl\u00e4hlaut) auch nach der Herstellung des Lippenverschlusses noch geh\u00f6rt wird.\nNeben dem er\u00f6rterten einzig wesentlichen Unterschiede der beiden Reihen von Verschlusslauten kommen allerdings auch noch untergeordnete Verschiedenheiten zwischen ihnen in Bezug auf die Pl\u00f6tzlichkeit und Energie oder H\u00e4rte des Verschlusses und dessen Unterbrechung vor \u2014 daher die Eintlieilung in harte und weiche. Viel bezeichnender ist es aber die ersteren tonlose, die letzteren t\u00f6nende Verschluss-","page":99},{"file":"p0100.txt","language":"de","ocr_de":"J 00\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\nlaute zu nennen, weil man damit eben das Wesentliche des Unterschiedes in den Namen fasst.\nDie Verschlusslaute f\u00fcr das erste Artikulationsgebiet sind b und p, f\u00fcr das zweite d und /, und f\u00fcr das dritte g und k (vgl. Fig. 35).\nEs ist eine auffallende Erscheinung, die ich hier nicht umgehen will, dass gewisse deutsche St\u00e4mme, z. B. die Sachsen und Th\u00fcringer, diesen doch so auffallenden Unterschied des Mitlautens und Nichtmit-lautens der t\u00f6nenden oder gefl\u00fcsterten Stimme, wie es scheint, weder aufzufassen noch am richtigen Orte zu erzeugen im Stande sind.\nMein f\u00fcr die Wissenschaft zu fr\u00fch verstorbener Freund Schleicher pflegte in seiner drastisch scherzhaften Weise diesen Mangel f\u00fcr partielle Taubstummheit zu erkl\u00e4ren.\nWenn der Verschluss an den Artikulationsgebieten kein vollst\u00e4ndiger ist, sondern wenn statt dessen nur eine Verengerung dieser Stellen des Ansatzrohres zu Stande kommt. in welcher sich die Luft reiben muss \u2014\u2022 und das ist der zweite Modus der selbstst\u00e4ndigen Ger\u00e4uschbildung im Ansatzrohr \u2014 so entstehen\n7 die Reibungslaute.\nEs sind dies Ger\u00e4usche, welche in den localen Verengerungen des Ansatzrohres in ganz \u00e4hnlicher Weise erzeugt werden, wie das Ger\u00e4usch der Fliisterstimme oder des h in der verengten Stimmritze.\nDie Reibungslaute zerfallen genau so wie die Verschlusslaute in weiche oder t\u00f6nende, bei denen das Stimmritzenger\u00e4usch oder der laute Stimmton mitlautet \u2014 und in harte oder tonlose, bei denen der Kehlkopf absolut still ist.\nIm ersten Artikulationsgebiet haben wir w als t\u00f6nenden, f als tonlosen Reibungslaut. Ersteres geht in letzteres \u00fcber, wenn die laute oder fl\u00fcsternde Stimme absolut unterdr\u00fcckt wird. Beil\u00e4ufig muss ich hier die unrichtige Behauptung zur\u00fcckweisen, dass man beim Sprechen mit Fl\u00fcsterstimme w von /\u2019nicht soll unterscheiden k\u00f6nnen.\nIm zweiten Artikulationsgebiet haben wir z (franz\u00f6sisch) oder das t\u00f6nende s (in \u00bbRose\u00ab) und das scharfe oder tonlose s in Ross).\nWird das s sehr weit vorn, sozusagen an der Grenze des ersten und zweiten Artikulationsgebiets gebildet \u2014 indem sich die Zungenspitze bis zwischen die R\u00e4nder der \u00bbSchneidez\u00e4hne schiebt. dann entsteht das th der Engl\u00e4nder und Neugriechen, welches ebenfalls tonlos und t\u00f6nend sein kann. Im dritten Artikulationsgebiet haben wir endlich/' und die c/i-Laute (vgl. Fig. 35f,\nDer dritte Modus der selbstst\u00e4ndigen Ger\u00e4uschbildung im An-","page":100},{"file":"p0101.txt","language":"de","ocr_de":"III. Stimme und Sprache.\n101\nsatz rohr besteht darin, dass leicht bewegliche Weichtheile dem Luftstrom entgegengestellt werden, so dass sie in lebhafte Erzitterungen oder Schwingungen gerathen : auf diese Weise entstehen :\n8) die R- oder Zitterlaute.\nBei diesen Lauten macht es keinen auffallenden Unterschied, ob die Stimme mitt\u00f6nt oder nicht, so dass man, nicht wie bei den Verschluss- und Reibungslautem harte und weiche zu unterscheiden pflegt.\nDer Zitterlaut des ersten Artikulationsgebietes wird in den Cul-tursprachen nicht gebraucht und hat daher auch kein Buchstabenzeichen. Er soll in den Sprachen einiger wilden V\u00f6lkerschaften Vorkommen. welche auch Schnalzlaute und Aehnliches als Sprachelemente verwenden. Es ist das sogenannte Lippen-/!, jener bekannte Laut, den die Rosselenker hervorzubringen pflegen, wenn sie die Pferde anhalten wollen. Im Schema Fig. 35 habe ich den Laut mit BR bezeichnet.\nDer Zitterlaut des zweiten Artikulationsgebietes ist jenes R. welches durch Erzitterungen der Zungenspitze entsteht, w\u00e4hrend der dritte Zitterlaut jenes R ist. bei dem das weiche Gaumensegel und ganz besonders dessen Z\u00e4pfchen durch den Luftstrom in kr\u00e4ftige Schwingungen versetzt wird, wobei es in rascher Folge wider den Zungengrund schl\u00e4gt.\nNoch habe ich\n9 die /.-Laute\nkurz zu besprechen, welche eine mittlere Stellung zwischen den Rei-bungs- und Zitterlauten einnehmen, sich aber dadurch wesentlich vor allen anderen Spraclilauten auszeichnen, dass sie die einzigen sind, welche asymmetrisch an dem Seitenrande der Zungenmitte erzeugt werden.\nln unserem Schema (Fig. 35 , welches auf einem medianen Kopfdurchschnitt basirt, haben sie streng genommen keinen Platz. wir setzen ihr Buchstabenzeichen im Schema deshalb noch am passendsten in den Raum, der in verticaler Richtung zwischen den Kategorien der Reibungs- und Zitterlaute, in horizontaler Ausdehnung aber mitten zwischen dem ersten und zweiten Artikulationsgebiet \u00fcbrig bleibt. \u2014\nDer Vollst\u00e4ndigkeit wegen erw\u00e4hne ich zum Schluss noch\nln die zusammengesetzten Cousonanten.\nDieselben entstehen entweder durch gleichzeitige oder sehr rasch aufeinanderfolgende Einstellung der Sprachtheile f\u00fcr zwei verschiedene Cousonanten. Als Beispiel der letzten Art diene das x = ks, das c","page":101},{"file":"p0102.txt","language":"de","ocr_de":"102\nPopul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge.\noder das deutsche z \u2014 ts, wo im Moment der Explosion f\u00fcr die Verschlusslaute k und t, die Enge f\u00fcr den Reibungslaut s hergestellt wird. Als Beispiel der ersten Art f\u00fchre ich das sch an, welches nach Br\u00fccke entsteht, wenn gleichzeitig die \u00bbEnge\u00ab f\u00fcr s und f\u00fcr ch gebildet wird. T\u00f6nt noch die Stimme mit, so verwandelt sich das sch in das slavische z oder franz\u00f6sische j.\nZur besseren Uebersicht und zur Erleichterung eines erw\u00fcnschten R\u00fcckblicks m\u00f6ge die folgende Tabelle dienen.\nTabelle der Sprach laute.\nLautgruppe\tVerhalten der Stimmritze\t\tVerhalte n der - Nasenklappe\n\tlaute Stimme od. Reibungs-ger\u00e4usch (Fl\u00fcsterstimme, //, spir. asper)\tstumm\t\n1. Vocale Jreine\tgehoben und ge- o, e, o o, u. . etc.\t-\tschlossen\t\t\n(Diphthongen) 1 I nasalirte\t\u00e4, e, 5\tetc.\t\u2014\toffen und gesenkt\t\t\n2. Nasenlaute oder Eesonanten\tm \u2014 n \u2014 ng\t\u2014\toffen und gesenkt\t\n3. Verschlusslaute\tb \u2014 d \u2014g th (engl.)\tp\u2014t\u2014k\tgehoben und ge- th (engl ).\tschlossen\t\n4. Reibungslaute\tw\u2014 z (franz.) \u2014j\tf\u2014s\u2014ch\tdo.\t\n5. /.-Laute\t\u2014 l\u2014\tdo.\t\t\n(1. H- oder Zitterlaute\tbr \u2014 (Zungen-) r\u2014(Gaumen-) r '\tdo.\t\t\nIch bin zu Ende, und glaube, so weit die beschr\u00e4nkte Zeit es gestattete, Ihnen einen im Ganzen befriedigenden und ziemlich vollst\u00e4ndigen Einblick in die Physiologie und Systematik der Spracklaute er\u00f6ffnet zu haben.\nZwar gibt es in einigen orientalischen Cultursprachen, wie im Arabischen und im Hebr\u00e4ischen, noch ganz eigenth\u00fcmliche Laute, welche ich nicht ber\u00fccksichtigte ; aber ich glaubte Ihre freundliche Aufmerksamkeit bereits auf eine so harte Probe gestellt zu haben, dass ich es nicht wagen wollte, meinen Vortrag noch weiter auszuspinnen.\nUeberdies d\u00fcrfte das Mitgetheilte wohl gen\u00fcgen, in Ihnen die Ueberzeugung zu befestigen, dass Gesang und Sprache \u2014 obschon beide den geistigen Verkehr der Menschen untereinander vermitteln, indem sie zum verst\u00e4ndlichen Ausdruck der tiefsten und erhabensten","page":102},{"file":"p0103.txt","language":"de","ocr_de":"Erkl\u00e4rung der Abbildungen.\n103\nGef\u00fchle und Gedanken dienen \u2014 aus Elementen sich zusammensetzen, welche objectiv betrachtet thats\u00e4chlich nichts anderes sind, als akustische Ph\u00e4nomene, welche sich vom Munde des S\u00e4ngers und Redners durch den Luftraum in das Ohr des H\u00f6rers mechanisch fortpflanzen \u2014 ohne dass ihnen irgend etwas von Geist inne wohnte.\nWas zwischen Mund und Ohr \u2014 zwar unsichtbar, aber nicht unerkennbar \u2014 den Raum erf\u00fcllt \u2014 das ist eine sinnlose rein mechanische Schallwellenbrandung!\nErst im Gehirn des verst\u00e4ndnissf\u00e4higen H\u00f6rers findet die Transsubstantiation des ausschliesslich materiellen Bewegungsvorgangs der Stimm- und Sprachlaute in den psychischen Zustand der Empfindung, des Gef\u00fchls und des Gedankens statt.\nGedanke und Gef\u00fchl wird \u2014 ausgesprochen\u2014 factisch zu bewegter Materie \u2014 und diese verkl\u00e4rt sich im Bewusstsein des H\u00f6rers erst wieder zu Gef\u00fchl und Gedanke.\nDer Weg von Bewusstsein zu Bewusstsein f\u00fchrt eben \u2014 so wenig anmuthend dies f\u00fcr den idealen Sinn sch\u00f6ner Seelen immerhin sein mag \u2014 ohne Gnade mitten durch die so verachtete grobe Materie ! \u2014\nIndem ich schliesse, kann ich nicht umhin \u2014 mit R\u00fccksicht auf meinen zu Ostern bevorstehenden Abgang nach Leipzig \u2014 Ihnen, meine hochgeehrten Anwesenden, ein herzliches Lebewohl zu sagen \u2014 doch dr\u00e4ngt es mich hinzuzuf\u00fcgen: hoffentlich nicht f\u00fcr immer, denn Sie sollen mich auch in Zukunft gern bereit finden, dann und wann eine \u00bbRosenvorlesung\u00ab zu halten !\nErkl\u00e4rung der Abbildungen.\nZu Vortrag I.\nFig. ]. (Holzschnitt.) Das menschliche Herz mit seinen grossen zu-und abf\u00fchrenden Blutgef\u00e4ssen, von vorn gesehen.\nFig. 2. (Holzschnitt.) Die beiden Herzh\u00e4lften durch einen senkrechten Schnitt von einander getrennt.\nFig. 3. (Holzschnitt.) Idealer Durchschnitt der rechten und der linken Herzh\u00e4lfte.\nFig. 4. (Holzschnitt.) Schema zur Erl\u00e4uterung des Kreislaufs.\nFig. 5. (Holzschnitt.) Das Kardioskop oder Horzspiegelchen.\nFig. 6. (Holzschnitt.) Zur Erl\u00e4uterung der kardioskopischen Demonstration.\nFig. 7. (Steindrucktafel 1.) Kinesiskopische Scheibe, bestimmt, den Leser in den Stand zu setzen, sich den Rhythmus des Herzschlags vor Augen zu stellen.","page":103},{"file":"p0104.txt","language":"de","ocr_de":"104\nErkl\u00e4rung der Abbildungen.\nFig. 8. (Holzschnitt.) Mechanisches Schema der Innervation des Herzens. Fig. 9. (Holzschnitt.) Vorrichtung, um die Pulsschl\u00e4ge durch elektro-mag-netische Glockensignale zu markiren. \u2014\nZu Vortrag II.\nFig. 10. (Holzschnitt.) Pierres Longitudinalwellenmaschine.\nFig. 11. (Steindrucktafel 2.) Curventafel, bestimmt, den Leser in den Stand zu setzen, vermittelst eines Spaltlineals die Schallwellenbewegung der Luft zu studiren.\nFig. 12. (Holzschnitt.) Schematische Durchschnittszeichnung des Geh\u00f6rorgans.\nFig. 13. (Holzschnitt.) Die Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen.\nFig. 14. (Holzschnitt.) Die Ampullenh\u00e4rchen.\nFig. 15. (Holzschnitt.) Die Geh\u00f6rsteinehen.\nFig. 16. (Holzschnitt.) Das CoRTi'sche Organ.\nFig. 17. (Holzschnitt.) Stirnband mit F\u00fchlhebel zur Demonstration der willk\u00fcrlichen Bewegungen der Ohrmuschel.\nFig. 18. (Holzschnitt.; SEEBECKsche Sirene.\nFig. 19. (Holzschnitt.] Das Monochord.\nZu Vortrag III. 1.\nFig. 20. Schematischer Durchschnitt eines menschlichen K\u00f6rpers.\nFig. 21. (Mit Fig. 20 auf einer Steindrucktafel.) Ansicht der Stimm- und Sprachwerkzeuge im Zusammenh\u00e4nge, an einem von r\u00fcckw\u00e4rts ge\u00f6ffneten menschlichen K\u00f6rper.\nFig. 22. (Holzschnitt.) Kingknorpel des Kehlkopfes.\nFig. 23. (Holzschnitt.) Schildknorpel des Kehlkopfes.\nFig. 24. (Holzschnitt.) Giessbeckenknorpel des Kehlkopfes.\nFig. 25. (Holzschnitt.) Schema des beweglichen Ger\u00fcstes, welches die Kehlkopfknorpel zusammensetzen.\nFig. 26. (Holzschnitt.) Hauptformen der Stimmritze,\nFig. 27. (Holzschnitt.) K\u00fcnstlicher Kehlkopf.\nFig. 28 A, B, C. Holzschnitt., Verschiedene Ansichten des nat\u00fcrlichen Kehlkopfes.\nZu Vortrag III. 2.\nFig. 29. (Holzschnitt.) Zur Erl\u00e4uterung der Gesetze der Spiegelung.\nFig. 30. (Holzschnitt.) Apparat zur laryngoskopischen Selbstbeobachtung und Demonstration.\nFig. 31. (Holzschnitt.) Wie man Andere mit dem Kehlkopfspiegel untersucht.\nFig. 32. (Holzschnitt.) Laryugoskopisches Bild des Kehlkopfes, der Luftr\u00f6hre und der Anf\u00e4nge der Bronchien.\nFig. 33. (Holzschnitt.; Stimmgabel und Kesonator.\nFig. 34. (Holzschnitt., Apparat zur Demonstration der Bewegungen des Gaumensegels.\nFig. 35. (Holzschnitt.) Die drei Artikulationsgebiete der Mundh\u00f6hle. \u2014","page":104}],"identifier":"lit16311","issued":"1879","language":"de","pages":"76-104","startpages":"76","title":"Stimme und Sprache. Wesen und Bildung der Stimm- und Sprachlaute: Zweiter Vortrag, gehalten den 3. M\u00e4rz 1869","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:03:57.573446+00:00"}
