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Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element: Antritts-Vorlesung, gehalten zu Leipzig am 13. November 1869

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{"created":"2022-01-31T16:03:47.242219+00:00","id":"lit16312","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 105-118. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0105.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element,\n[Antritts-Vorlesung, gehalten zu Leipzig am LJ. November IS6!>. Leipzig, Vilhelm Engelmann, 1870.]\nHochgeehrte Anwesende!\nGestatten Sie mir vor Allem der innigen Freude Ausdruck zu gehen, mit welcher ich \u2014 trotz aller Annehmlichkeiten meines fr\u00fcheren Wirkungskreises in Jena \u2014 der ehrenvollen Einladung gefolgt hin. an der hiesigen Hochschule, welche wie keine andere Deutschlands im m\u00e4chtigsten Emporhllilien begriffen ist, eine ordentliche Honorar-Professur zu \u00fcbernehmen.\nMeine Freude war eine doppelte; denn einerseits erschien mir gerade die Art der dargebotenen akademischen Stellung, wegen ihrer sonstigen Ungebundenheit, ganz besonders w\u00fcnschenswerth und geeignet zur freiesten Aus\u00fcbung des Berufs zu Forschen und zu Lehren; \u2014 und andererseits ist f\u00fcr die Pflege und F\u00f6rderung meines Specialfaches \u2014 man darf es k\u00fchn behaupten \u2014 noch zu keiner Zeit und an keinem Ort der Welt so Cf rossartiges unternommen und ausgef\u00fchrt worden als eben jetzt, liier in Leipzig \u2014 wodurch wissenschaftlicher Verkehr, Anregung und F\u00f6rderung auf diesem Gebiete in ungew\u00f6hnlicher F\u00fclle sich darbieten musste.\nDie Physiologie, vor Kurzem erst aus einer untergeordneten medi-cinischen Hilfslehre zu einer selbstst\u00e4ndigen naturwissenschaftlichen Disciplin mit eigentkiimlichen Aufgaben und besonderen Methoden emporgewachsen, hat in der That hier zum ersten Mal eine ihres neuerworbenen Banges, ihrer nun erlangten Bedeutung w\u00fcrdige Wohnung und Werkstatt erhalten, auf welche nicht nur Leipzig und Sachsen, sondern ganz Deutschland mit gerechtem Stolz und befriedigtem Selbstgef\u00fchl blicken kann !\nEs geh\u00f6rt wahrlich keine Gabe der Weissagung dazu, um vorauszusehen. dass unter der Leitung jenes Meisters, dem es verg\u00f6nnt war","page":105},{"file":"p0106.txt","language":"de","ocr_de":"106\nDie Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\ndurch die grossartige Unterst\u00fctzung einer erleuchteten Regierung, zur Realisirung seiner bahnbrechenden Ideen diese neue wissenschaftliche Musterwerkstatt nach wohldurchdachtem Plan zu schaffen, auch die in derselben unternommenen Arbeiten und die aus derselben hervorgehenden Forschungsresultate qualitativ, wie quantitativ der F\u00fclle und Vollendung der dargebotenen Hilfsmittel und dem gemachten Aufwand entsprechen werden, so dass die Leipziger Hochschule recht eigentlich zur hohen Schule f\u00fcr moderne Physiologie erbl\u00fchen wird und muss.\nHat man aber, wie ich glaube, allen Grund, von der Wirksamkeit der neuen physiologischen Anstalt unter Leitung ihres intellectuellen Urhebers einen ebenso m\u00e4chtigen Einfluss auf den allgemeinen Fortschritt in der Aufstellung und L\u00f6sung der physiologischen Probleme, als auf den localen Fortschritt in dem wissenschaftlichen Leben [und Treiben der Schule zu erwarten, \u2014 und ist also die gegebene Vertretung des Faches an der hiesigen Universit\u00e4t eine vollendete zu nennen, so kann es fraglich erscheinen, welche besondere und eigenth\u00fcmliche Aufgabe hier f\u00fcr eine weitere Lehrkraft denn noch \u00fcbrig bleibe?\nDiese Frage hat [mir begreiflicher Weise viel zu denken gegeben, denn obsclion ich es als eine Pflicht der Freundschaft und Dankbarkeit ansehe und mir zur Elire rechne meine Kr\u00e4fte der gegenw\u00e4rtigen Leitung unserer physiologischen Musteranstalt f\u00fcr ihre Forschungsund Lehrzwecke ebenso zur Verf\u00fcgung zu stellen, wie mir die ausgedehnteste Benutzung ihrer Hilfsmittel freundlichst gestattet ist, so w\u00fcnsche ich doch auch jene Selbstst\u00e4ndigkeit und Unabh\u00e4ngigkeit zu wahren und zu beth\u00e4tigen, welche meinen akademischen Anteceden-tien entspricht.\nEs erschien mir daher passend die althergebrachte Formalit\u00e4t der Antritts-Vorlesung als erw\u00fcnschte Gelegenheit dazu zu benutzen, bei Behandlung des angegebenen Themas : \u00bbdie Physiologie als allgemeines Bildungselement\u00ab, jene Gedanken und Ueberlegungen in K\u00fcrze zu entwickeln, durch welche ich mir \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer besonderen Richtung, eines e i g e n t h \u00fc m liehen Zieles meiner k\u00fcnftigen akademischen Th\u00e4tigkeit klar zu werden suchte, um mit dem sicheren und erhebenden Bewusstsein an die Arbeit gehen zu k\u00f6nnen, der Vertretung des Faches an der hiesigen Universit\u00e4t eine neue Seite abgewonnen zu haben!\nIch ging von der Ueberzeugung aus, dass die Physiologie in ihrer gegenw\u00e4rtigen Richtung und Gestaltung, welche sie namentlich seit der gl\u00fccklichen Anwendung des sogenannten Princips der Erhaltung","page":106},{"file":"p0107.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\n107\nder Kraft, \u00bbder h\u00f6chsten und fruchtbringendsten Generalisation der gesammten Naturwissenschaft1\u00ab \u2014 auf die Welt der Lehenserscheinungen , angenommen hat, eine Wissenschaft sei, welche es verdient ein Gegenstand h\u00f6chsten Interesses und ernstlichster Kenntnissnalime f\u00fcr jeden denkenden, auf wahre allgemeine Bildung Anspruch machenden Menschen zu sein.\nEiner weitl\u00e4ufigen Begr\u00fcndung dieser Ueherzeugung, welche ich zum Ausgangspunkte meiner Ueberlegung machte, bedarf es nicht, da es wohl gen\u00fcgt einfach an die Aufgaben, Ziele und Methoden der modernen physiologischen Forschung zu erinnern, um die unendlich mannigfaltigen und innigen Beziehungen der Physiologie, zu allen irgend denkbaren Interessen, Leistungen und Problemen der Menschheit ersichtlich zu machen, und damit den Werth und die Bedeutung der Physiologie als eines allgemeinen Bildung\u00bb- und Culture 1 e m e n t e s ins rechte Licht zu stellen.\nDie Physiologie ist bekanntlich die Wissenschaft von den eigen-th\u00fcmlichen Vorg\u00e4ngen und Th\u00e4tigkeiten, deren Gesammtheit das Leben der Organismen ausmacht.\nSie sucht nicht nur alle die einzelnen Lebens\u00e4usserungen genau kennen zu lernen und nach ihrer specifischen Erscheinung, ihrem zeitlichen Werth, ihrer r\u00e4umlichen Ausdehnung n. s. w. festzustellen, sondern sie sucht dieselben \u00fcberdies als das unab\u00e4nderliche, gesetz-m\u00e4ssige Resultat der mannigfaltigen und complieirten Anordnungen und Bewegungsformen der elementaren Massentlieilchen, aus welchen die betheiligten Organe und Gewebe zusammengesetzt sind, in ihrer Nothwendigkeit und Bedingtheit zu verstehen und zu begreifen.\nIhre h\u00f6chste Aufgabe, ihr letztes Ziel ist: Das gesummte Leben mit allen \u00fcbrigen Naturerscheinungen aus einem und demselben Reiche allgemeiner Gesetze des Wirkens folgerichtig und erfahrungsgem\u00e4ss herzuleiten d. h. zu erkl\u00e4ren.\nNicht immer hatte die physiologische Forschung diese Richtung.\nFr\u00fcher betrachtete man vielmehr die verschiedenartigsten Leistungen und Th\u00e4tigkeiten der Organismen als den Ausfluss einer ganz besonderen, nur den belebten K\u00f6rpern eigenen Naturkraft, welche nach Zwecken und Absichten in den tr\u00e4gen Stoff bewegend und ordnend eingreifen sollte, und nannte dieses mysteri\u00f6se, proteusartig-vielgestaltige Agens die \u00bbLebenskraft\u00ab.\n1 A. Fick: Die Naturkr\u00e4fte in ihrer Wechselbeziehung. W\u00fcrzburg, S. 4.","page":107},{"file":"p0108.txt","language":"de","ocr_de":"1 os\nDie Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\nUnter dem Imperium dieser Lebenskraft sollten sich die allgemeinen der Materie zukommenden Molecularkr\u00e4fte in ihren unendlich mannigfaltigen Wechselbeziehungen wesentlich modificiren k\u00f6nnen, so dass die Massentlieilchen als integrirende Bestandtheile eines Organismus anderen Anziehungs- und Bewegungsgesetzen zu gehorchen h\u00e4tten, als wenn sie sich frei in der unorganischen Natur befinden.\nNachdem man jedoch gerade in den am tiefsten und gr\u00fcndlichsten erforschten Lebenserscheinungen das Walten derselben Grundgesetze erkannt hat, welche auch die unorganische Natur beherrschen, musste man den unbestimmten und unfruchtbaren Begriff der Lebenskraft als einheitliches, causales Princip ganz aufgeben, um daf\u00fcr den mechanischen Zusammenh\u00e4ngen nachzusp\u00fcren, welche die Lebenserscheinungen thats\u00e4chlicli vermitteln.\nDamit war der exacten und fruchtbringenden Forschung auf dem Gebiete des Lebendigen erst die freie Bahn gebrochen. denn so lange man sich bei dem sterilen Glauben an eine besondere Lebenskraft beruhigte, musste nothwendig auch die Erforschung der causalen Lebensbedingungen steril bleiben.\nUnter den m\u00f6glichen Standpunkten, von welchen aus man das Leben betrachten und auffassen kann, ist es der mechanische, welcher im Gegensatz zum vital is tis ch en, die Bestrebungen der Gegenwart ausschliesslich beherrscht.\nEs ist nicht meine Absicht hier eine Kritik der mechanischen Principien der Naturbetrachtung in ihrer Anwendung auf das Leben durchzuf\u00fchren; ich will nur zur Rechtfertigung der Richtung, welche die moderne physiologische Forschung eingeschlagen hat. eine kurze Bemerkung einschalten.\nUnzweifelhaft n\u00e4mlich erzeugt und bewegt sich der breite Strom des gesummten Lebens nur durch und in Gestaltungen, Benutzungen und Ver\u00e4nderungen von Stoffen und Kr\u00e4ften, deren Wirksamkeit und Wechselbeziehungen Physik und Chemie bisher sehr wohl nach den Grunds\u00e4tzen der mechanischen Naturauffassung zu berechnen und zu erl\u00e4utern im Stande gewesen sind.\nWir haben daher keinen zwingenden Grund anzunehmen, dass sich ihnen nicht auch die Erscheinungen des Lebens f\u00fcgen sollten, bevor nicht der gr\u00fcndlich durchgef\u00fchrte Versuch einer mechanischen Erkl\u00e4rung aller dieser Erscheinungen ihre absolute Unzul\u00e4nglichkeit im Reiche des Lebendigen dargethan haben wird.\nDieser Versuch muss also unter allen Umst\u00e4nden gewagt und unternommen werden : er beh\u00e4lt auch unter allen Umst\u00e4nden des ganzen","page":108},{"file":"p0109.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\n109\noder nur theilweisen Gelingens einen positiven Werth \u2014 und darin eben liegt die ausschliessliche Berechtigung der gegenw\u00e4rtigen Ricli-tung der physiologischen Forschung.\nIndem die moderne Physiologie eine mechanische Erkl\u00e4rung des Lebens anstrebt, verwendet sie, wie jede erkl\u00e4rende Naturwissenschaft zwei Hilfsmittel der Untersuchung : die Beobachtung und das Experiment.\nDie physiologische Beobachtung bestellt darin, dass der Forscher seine gespannte Aufmerksamkeit auf die Ver\u00e4nderungen und Vorg\u00e4nge richtet, welche w\u00e4hrend des Ablaufs des Lebens an und in den Organismen seiner sinnlichen Wahrnehmung entweder von selbst sich darbieten, oder die er derselben durch absichtliches Eindringen ins Innere des lebenden K\u00f6rpers erst zug\u00e4nglich machen muss : letzteres z. B. durch optische oder akustische Apparate, wie den Augenspiegel, den Kehlkopfspiegel, das Stethoskop, Plessimeter etc. etc., oder unmittelbar durch schneidende Instrumente, wie bei der Vivisection im engeren Sinne.\nZugleich zieht er alle Hilfsmittel herbei, welche geeignet sind, einerseits die Leistungsf\u00e4higkeit der beobachtenden Sinne f\u00fcr die Erfassung der minimalsten Unterschiede der Erscheinung und ihrer zeitlichen und r\u00e4umlichen Verh\u00e4ltnisse zu steigern und zu sch\u00e4rfen, andererseits die zu beobachtenden Erscheinungen selbst deutlicher wahrnehmbar zu machen.\nIch will hier nur an das Mikroskop erinnern und an die ausgedehnte Anwendung der graphischen Methode zu physiologischen Zwecken, durch welche viele der fl\u00fcchtigsten Erscheinungen sich selbst in Form von Curven mit gr\u00f6sster Genauigkeit registriren und flxiren. (Kymograph, Sphygmograph. Kardiograph , Myograph, Phonautograph.)\nDurch Benutzung der gegenw\u00e4rtig so reichen und gesch\u00e4rften Hilfsmittel der Beobachtung gelangt die physiologische Forschung zur genauen Kenntniss und Feststellung der gesammten Lebenserscheinungen.\nAber die blosse Beobachtung, so genau und gesch\u00e4rft sie auch sein mag, gen\u00fcgt an sich noch nicht zur Ermittelung der Ursachen und Gesetze der Erscheinungen, welche eine befriedigende Erkl\u00e4rung des Lebens erm\u00f6glichen sollen.\nZu diesem Ende muss sich die Beobachtung mit dem Experiment eombiniren.\nDieses besteht in einer planm\u00e4ssigen Zergliederung der causalen Bedingungen der einzelnen Erscheinungen. und diese Zergliederung","page":109},{"file":"p0110.txt","language":"de","ocr_de":"110\nDie Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\ngeschieht, indem die s\u00e4mmtlichen Bedingungen, von welchen eine Erscheinung hervorgebracht sein kann, der Reihe nach absichtlich ver\u00e4ndert, und gleichzeitig die Erfolge dieser Ver\u00e4nderung auf die Erscheinung genau beobachtet werden.\nAls eine wirkliche Ursache der Erscheinung muss dann jene Bedingung gelten, deren isolirte Variation oder Eliminirung die Erscheinung selbst entsprechend ver\u00e4ndert oder aufgehoben hat. Erst wenn man das Experiment zum messenden V e r s u c h steigert und sch\u00e4rft, hei welchem die quantitativ bestimmte Variation der verursachenden Bedingung mit dem Grade der verursachten Ver\u00e4nderung der Erscheinung verglichen wird, offenhart sich das Gesetz der Wirkung.\nDie durch den Gang der experimentellen Untersuchungsmethode geforderte Sonderung, Ver\u00e4nderung, St\u00f6rung, Steigerung oder Aufhebung der s\u00e4mmtlichen Bedingungen einer Lehenserscheinung ist nur durch die Anstellung von Viviseetionen zu erzielen, unter welchen man im weitesten Sinne des Wortes jeden wie immer gearteten Eingriffin den lebenden K\u00f6rper versteht.\nFast alle Viviseetionen sind, beil\u00e4ufig bemerkt, nicht ohne einen gewissen Grad von Grausamkeit ins Werk zu setzen. Und diese macht man den Physiologen \u2014 freilich gedankenlos genug \u2014 von vielen Seiten so sehr zum Vorwurf.\nIch sage gedankenlos, weil man \u2014 wie ich bereits an einem anderen Orte ausgesprochen habe \u2014 im blinden Eifer der thierfreundlichen Entr\u00fcstung eben nicht daran denkt, einerseits dass der Fortschritt der Wissenschaft und Kenntniss vom Leben ohne Eingriffe in den lebenden Organismus absolut unm\u00f6glich ist : andererseits aber dass die Grausamkeiten unserer glorreichen Schlachtfelder und unserer \u2014 K\u00fcchen, quantitativ wie qualitativ jene der physiologischen Laboratorien bei weitem \u00fcbertreffen.\nKann man aber in den Jubel einer Via triumphalis mit Begeisterung einstimmen, kann man sich dem Gen\u00fcsse einer leckeren Sch\u00fcssel lebendig aufgebrochener Austern, lebendig gesottener Krebse, zu Tode gehetzten Wildes, einer Pastete aus Fettlebern qualvoll krankgestopfter G\u00e4nse u. s. w., u. s. w. mit ruhigem Behagen hingeben \u2014 nun dann wird man sich wohl auch ohne Gewissensskrupel erlauben d\u00fcrfen, physiologische Viviseetionen \u2014 die \u00fcberdies heut zu Tage bei der ausgedehnten Anwendung der anaestlietischen. schmerzstillenden Mittel selbst den eifrigsten Mitgliedern der Vereine gegen Thierqu\u00e4lerei in milderem Lichte erscheinen d\u00fcrften \u2014 zu machen, und die dabei zu Tage tretenden Erscheinungen mit Gem\u00fcthsruhe und ungest\u00f6rter Aufmerksamkeit zu beobachten !","page":110},{"file":"p0111.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\n111\nOder ist etwa die Befriedigung materieller, leiblicher Gen\u00fcsse und ehrgeiziger, staatlicher Machtforderungen gr\u00f6sserer, ja auch nur gleicher Opfer werth, als die Befriedigung eines der h\u00f6chsten und edelsten Bed\u00fcrfnisse des menschlichen Geistes \u2014 des wissenschaftlichen Forschungstriebs ?\nDer brutalen Thierqu\u00e4lerei wird kein Vern\u00fcnftiger das Wort reden, und die Thierschutzvereine, welchen der Gedanke allerdings allzufern zu liegen scheint, dass es immer noch erspriesslicher und w\u00fcnschens-werther sein d\u00fcrfte, zun\u00e4chst der so vielgestaltigen Menschen-qu\u00e4lerei zu steuern, m\u00f6gen ihre gutgemeinten Bestrebungen am rechten Orte immerhin zur Geltung zu bringen suchen. Das physiologische Laboratorium ist jedoch kein Terrain f\u00fcr ihre Mission. Der wissenschaftlichen Erforschung des Lebens d\u00fcrfen sic keine Hindernisse in den Weg legen wollen.\nDas physiologische Experiment ist eben keine Thierqu\u00e4lerei, denn es ist nicht sein Ziel und sein Zweck den Thieren Qualen zu bereiten, obschon sie ihnen freilich nicht immer durch Anaestlietica ganz erspart werden k\u00f6nnen, namentlich wo es sich um die Erforschung der Empfindungserscheinungen und des Schmerzes selbst bandelt.\nUnd wenn wir auch weit entfernt sind das jesuitische : \u00bbder Zweck heiligt die Mittel\u00ab auf unsere Fahne schreiben zu wollen, so k\u00f6nnen wir doch behaupten und uns dabei v\u00f6llig beruhigen, dass der Zweck allerdings immer und \u00fcberall, und so auch liier die Verantwortung f\u00fcr die Mittel mit tragen m\u00fcsse.\nDoch genug dieser f\u00fcr Manche vielleicht anst\u00f6ssigen, darum aber nicht weniger begr\u00fcndeten Oratio pro domo ! Ich kehre zu den Andeutungen \u00fcber die Methode der physiologischen Forschung zur\u00fcck.\nSchon bei der einfachen Beobachtung der Lebenserscheinungen kann es dem Forscher nicht entgehen, dass das Zustandekommen der letzteren stets an die Integrit\u00e4t gewisser Theile des Organismus gebunden ist.\nDie n\u00e4chste Aufgabe des physiologischen Experiments ist es nun die einzelnen Organe und Gewebe des K\u00f6rpers mit Exactheit zu ermitteln, deren specielle Function oder Th\u00e4tigkeits\u00e4usserung diese und jene Lebenserscheinung ist, und welche somit alle die materiellen Bedingungen enthalten m\u00fcssen, die zur Erzielung der Erscheinung zusammengreifen.\nSo erweist sich z. B. ein bestimmter Nerv als ausschliesslicher Leitungsweg f\u00fcr den durch den Willensimpuls ausgel\u00f6sten Erregungsvorgang, wenn ihn der Experimentator durch die Vivisection blosslegt, dann elektrisch oder mechanisch reizt, dann durchschneidet und hier-","page":111},{"file":"p0112.txt","language":"de","ocr_de":"112\nDie Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\nauf keine andere Ver\u00e4nderung beobachtet als, im ersten Fall eine Zusammenziehung, im zweiten aber eine L\u00e4hmung eines einzelnen Muskels oder einer Muskelgruppe.\nSo constatirt, um noch ein anderes Beispiel anzufiihren, das Experiment der Hemmung und Freigebung (oder der k\u00fcnstlichen Injection) des Blutstroms in den zuf\u00fchrenden G (\u2018fassen der Organe, dass nur hochrothes, arterielles Blut die Elemente enth\u00e4lt, welche die Bedingungen der Leistungsf\u00e4higkeit der Organe im normalen Best\u00e4nde erhalten.\nIndem sich dann die experimentelle Forschung der Zergliederung dieser Bedingungen in den als Tr\u00e4ger der einzelnen Functionen ermittelten Organen und Geweben zuwendet, findet sie stets bestimmte Anordnungen von festen, fl\u00fcssigen und gasf\u00f6rmigen Massentheilchen, welche sich in den verschiedensten Richtungen und Formen bewegen \u2014 mit anderen Worten, sie findet stets bestimmte physikalische und chemische Elemente und Processe, deren weitere Zergliederung nach den Grunds\u00e4tzen des physikalischen und chemischen Versuchs unternommen werden muss.\nDas physiologische Experiment l\u00e4uft also schliesslich immer in das physikalische und chemische aus.\nSo lehrt z. B. die Zergliederung der im reizbaren, functionsf\u00e4higen Nerven- und Muskelgewebe vorhandenen Bedingungen, dass die Massentheilchen, welche sie aufbauen, in einer gesetzm\u00e4ssigen elektrischen Bewegung begriffen sind, und nach aussen \u00fcbertragbare elektromotorische Kr\u00e4fte entwickeln, welche beim Wechsel von Ruhe und Th\u00e4tig-keit entsprechende Ver\u00e4nderungen erleiden, so dass sie als ein Ausdruck der innersten Molecularzust\u00e4nde und Vorg\u00e4nge der physikalischen Erkl\u00e4rung der Nerven- und Muskelphysiologie die wichtigsten Anhaltspunkte geben. 80 wird in einem anderen Falle \u2014 nachdem z. B. das physiologische Experiment ermittelt hat, dass sich Eiweissk\u00f6rper im Magen aufl\u00f6sen und dass es der saure Magensaft ist, welcher diese Erscheinung bewirkt \u2014 die chemische Untersuchung das Ferment desselben zu finden und den eigentlichen Vorgang aufzukl\u00e4ren haben.\nAls letztes Ziel und zugleich \u2014 im Falle des Gelingens \u2014 als h\u00f6chster Triumph der experimentellen Forschung auf allen Stufen ihres Eindringens in das unendlich verwickelte Zusammengreifen der die Erscheinungen urs\u00e4chlich vermittelnden Umst\u00e4nde und Veranstaltungen , ist aber endlich die Aufgabe zu betrachten auch ausserhalb des Organismus die gleichen Umst\u00e4nde und Bedingungen willk\u00fcrlich herzustellen, um aus ihnen die gleichen Erscheinungen zu erzeugen.\nDie k\u00fcnstliche Nachbildung der physiologischen Lei-","page":112},{"file":"p0113.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\n113\nstungen, welche schon vielfach gelungen ist \u2014 ich erinnere nur an die k\u00fcnstliche Verdauung, Bebr\u00fctung und Stimmbildung, an die Herstellung des Harnstoffs und anderer chemischer Verbindungen, welche als ausschliessliche Producte des Lebensprocesses betrachtet wurden, an die gl\u00fcckliche Nachbildung vieler wesentlichen Kreislaufserscheinungen u. dgl. \u2014 ist so zu sagen die mathematische Probe auf die Richtigkeit, den Grad und die Vollst\u00e4ndigkeit der gewonnenen Einsicht in die Vorg\u00e4nge und Erscheinungen des Lebens.\nEine \u00e4hnliche Bedeutung f\u00fcr die physiologische Erforschung der Lebenserscheinungen wie die Vivisection li\u00e2t die pathologische Beobachtung, indem sich der letzteren St\u00f6rungen und Unterbrechungen der Function durch zuf\u00e4llige Ver\u00e4nderung der Organe und Gewebe darbieten, welche bei der Vivisection absichtlich hervorgerufen werden. Freilich sind die krankhaften organischen Ver\u00e4nderungen, welche die Functionsst\u00f6rung im Leben bedingen, meist nur erst nacli dem Tode aufzufinden und oft auch sehr schwierig zu deuten und zu verwerthen. Nichtsdestoweniger ist die pathologische Beobachtung \u2014 namentlich f\u00fcr die speeielle Physiologie des Menschen, der sich den experimentellen Eingriffen nur in beschr\u00e4nktem Maasse darbietet, von unsch\u00e4tzbarem Werth.\nIst es ja doch gerade insofern der Mensch ganz und gar, mit seiner leiblichen und geistigen Pers\u00f6nlichkeit, mit allen seinen Leistungen und Th\u00e4tigkeiten als Einzelwesen, wie als Theil der Gesammt-heit des Menschengeschlechts und des Naturganzen \u2014 dem es zur Aufgabe \u00abrealistischer Begr\u00fcndung und Aufkl\u00e4rung ge-w o r d e n i s t \u00ab, dass die Physiologie jene so zu sagen centrale Stellung1 in dem weiten Kreise alles Wissens und K\u00f6nnens einnimmt, welche sie als ein allgemeines Bil dungs- und C ul tu r element so w\u00fcnschenswcrth und bedeutungsvoll erscheinen l\u00e4sst.\nIn der That, welche andere Wissenschaft k\u00f6nnte auch dem allgemeinen menschlichen Interesse n\u00e4her stehen, welche einer ernstlicheren Kenntnissnahme von Seite jedes denkenden, gebildeten Menschen w\u00fcrdiger sein, als eben die, welche sich eine Aufgabe stellt, deren exacte L\u00f6sung allein eine richtige und gr\u00fcndliche Erkenntnis der Lebensbedingungen und Lebens\u00e4usserungen er\u00f6ffnet, und damit erst eine wirkliche Einsicht in die wahre Natur und Wesenheit des M e n s c h e n selbst erm\u00f6glicht.\nAbgesehen von dem directen Nutzen und praktischen Vortheil, welchen physiologisches Wissen f\u00fcr so manche Seite unseres bed\u00fcrf-nissvollen Daseins gew\u00e4hrt, gibt cs auch kaum eine andere wissenschaftliche Disciplin als eben die Physiologie. welche so sicher und\nCzermak, Schriften. II.\t8","page":113},{"file":"p0114.txt","language":"de","ocr_de":"1 14\tDie Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\nunwiderstehlich zu einer solchen Weltauffassung f\u00fchrt, die wahrhaft frei und vorurteilslos macht, und duldsam gegen alles menschliche Irren, gegen alle menschliche Schw\u00e4che und Beschr\u00e4nktheit 1\nAllerdings muss ohne Widerrede zugegeben werden, dass die Physiologie noch weit davon entfernt ist, ihre Aufgabe im Sinne der modernen Naturbetrachtung auch nur in einem einzigen Hauptpunkte vollst\u00e4ndig gel\u00f6st zu haben; dagegen ist es ebensowenigzu verkennen, dass die bereits erreichte Einsicht in den die einzelnen Lebens\u00e4usserungen bedingenden Mechanismus der organischen Gebilde tief genug, die experimentelle Methode der Forschung exact genug ist, um der modernen Physiologie die von mir wiederholt hervorgehobene Bedeutung vindiciren zu k\u00f6nnen.\nIch erlaube mir daher jetzt ohne Weiteres zur Entwickelung jener Gedanken zu schreiten, welche sich mir mit Bezug auf meinen neuen akademischen Wirkungskreis an diese Thesis kn\u00fcpften.\nMein n\u00e4chster Gedanke war, dass die Physiologie gegenw\u00e4rtig an allen Hochschulen nur einen Lehrgegenstand des medicinischen Fachstudiums bildet, und daher allen Jenen v\u00f6llig unzug\u00e4nglich bleibt, welche ihr Beruf einer der anderen Facult\u00e4ten zugef\u00fchrt hat.\nIn Erw\u00e4gung dieses misslichen Umstandes, durch welchen der gr\u00f6ssere Tlieil der Universit\u00e4tsh\u00f6rer von der genaueren Bekanntschaft mit den Resultaten und Methoden der physiologischen Forschung ausgeschlossen wird, musste sich mir weiter dieUeberzeugung aufdr\u00e4ngen, dass neben den streng fachm\u00e4ssigen, in den Lehrplan des medieini-schen Studiums eingef\u00fcgten Vorlesungen \u00fcber Physiologie \u00fcberall auch noch solche gehalten werden sollten, welche diese Wissenschaft \u2014 nicht minder gr\u00fcndlich zwar \u2014 aber in allgemeinverst\u00e4ndlicher Form, d. h. ohne Voraussetzung irgend welcher Fachkenntnisse, darzustellen h\u00e4tten.\nIch muss es hier mit aller Entschiedenheit aussprechen, dass mir kein Gegenstand der Physiologie, wie der Naturwissenschaften \u00fcberhaupt, bekannt ist, der bei geschickter Anwendung ausreichender Hilfsmittel der Demonstration und des Experiments der normalen Fassungskraft und dem Verst\u00e4ndniss Gebildeter, deren Aufmerksamkeit nur einigermassen angespannt wird, nicht sollte vollkommen zug\u00e4nglich gemacht werden k\u00f6nnen.\nIndem ich nun einerseits die M\u00f6glichkeit einer gr\u00fcndlichen und erfolgreichen allgemein fasslichen Darstellung \u2014 ich vermeide absichtlich den nicht ohne Grund etwas in Misscredit gekommenen Ausdruck \u00bbPopularisirung\u00ab \u2014 der Physiologie hiermit ausdr\u00fccklich anerkenne , und andererseits die Bedeutung physiologischen Wissens zur","page":114},{"file":"p0115.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\n115\nF\u00f6rderung wahrer allgemeiner Bildung schon vorhin besonders betont und hervorgehoben habe, so wird es Ihnen, m. h. A ! ersichtlich geworden sein, wie ich dazu gekommen bin, es als meine eigenthttmliche Aufgabe zu betrachten \u2014 neben meinen streng wissenschaftlich en Bestrebungen \u2014 in der angedeuteten Richtung th\u00e4tig zu sein und durch die besondere Ber\u00fccksichtigung der allgemeinen Bildungsinteressen der gesummten Studentenschaft der Vertretung des Faches eine neue Seite abzugewinnen. \u2014\nMein beabsichtigtes Unternehmen ist, so viel ich weiss, noch niemals in dem Umfange und in der Art. wie es mir vorschwebt, ausgef\u00fchrt worden.\nWohl hat man oft genug einzelne sog. popul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge gehalten oder gelegentlich selbst einen umfassenderen Bericht Uber die Leistungen und Fortschritte der Physiologie f\u00fcr Nicht-mediciner erstattet, \u2014 das ist jedoch nicht Alles was eigentlich Noth thut und was ich gern an der hiesigen Hochschule einf\u00fchren m\u00f6chte.\nMein Gedanke vielmehr ist : den Versuch einmal zu wagen die Physiologie als einen Gegenstand zu behandeln, der sich etwa wie die allgemeinen philosophischen Collegia \u00fcber Logik und Physik, Psychologie und Weltgeschichte, als unerl\u00e4ssliches Element eines h\u00f6heren Bildungsganges in den Studienplan eines jeden Universit\u00e4tsh\u00f6rers einzuf\u00fcgen h\u00e4tte. \u2014\nIch verhehle mir keineswegs die Bedenken und Schwierigkeiten, welche den Absichten und Pl\u00e4nen, die ich f\u00fcr diesen Tlieil meiner k\u00fcnftigen akademischen Th\u00e4tigkeit hege, entgegenstehen.\nAVie jede Neuerung, die aus dem gewohnten Kreise des Bestehenden heraustritt oder in festgefugte Verh\u00e4ltnisse alten Herkommens sich eindr\u00e4ngt, so erregt die Sache als solche schon mancherlei Bedenken, welche nur durch thats\u00e4ehliches Gelingen und unzweideutige Erfolge zu besiegen sein m\u00f6chten.\nSind ja doch gerade manche achtungswerthe Fachm\u00e4nner der Meinung, dass es die M\u00fche nicht lohne, und ebenso werthlos sei, als es die Wissenschaft profaniren heisse, in weiteren Kreisen Einsichten und Kenntnisse verbreiten zu wollen, welche nur Verwirrung der K\u00f6pfe und gef\u00e4hrliches Halbwissen erzeugen k\u00f6nnten und deshalb bestimmt seien ein Monopol der Schule zu bleiben.\nWeit gr\u00f6sser und ernstlicher als diese und \u00e4hnliche meist nur eingebildete Bedenken sind aber die wirklichen Schwierigkeiten des Unternehmens, welche in der Natur des Gegenstandes selbst und in der zur Erreichung des angedeuteten Zweckes geforderten Art seiner\n8 *","page":115},{"file":"p0116.txt","language":"de","ocr_de":"116\nDie Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\nBehandlung und Darstellung liegen. Auch ist der Umfang des physiologischen Wissensgebiets so bedeutend, dass die richtige Auswahl und Disposition der zu behandelnden Materien nichts weniger als leicht und selbstverst\u00e4ndlich erscheint.\nSoll sich n\u00e4mlich die Physiologie als ein werthvolles Element des h\u00f6heren Bildungsganges, wie ihn die Universit\u00e4t zu bieten und zu vermitteln hat, daselbst bew\u00e4hren und einb\u00fcrgern, dann gen\u00fcgt es, wie ich meine, keineswegs in dogmatischer Weise, ex cathedra, eine erkl\u00e4rende Uebersicht der Lebenserscheinungen zu gehen und die fertigen Resultate der physiologischen Forschung mit mehr oder weniger rhetorischem Geschick und oratorischem Glanz zu besprechen.\nEs liegt vielmehr in der Eigenth\u00fcmlichkeit des Gegenstandes, dass die so mannigfaltigen und dem gew\u00f6hnlichen Sinne so unzug\u00e4nglichen und fremdartigen Vorg\u00e4nge, um deren Erkenntniss und Erkl\u00e4rung sich\u2019s handelt, sowie die Methoden und Hilfsmittel, welche die physiologische Forschung zur Erreichung ihrer Ziele anwendet, der unmittel barenAns c h a u u n g der Zuh\u00f6rer im Detail dargeboten werden m\u00fcssen, wenn sie, zu innigem Yerst\u00e4ndniss gebracht, jene aufkl\u00e4renden und veredelnden Wirkungen in den Geistern hervorbringen und hinterlassen sollen, welche von der eingehenden Besch\u00e4ftigung mit der modernen Physiologie sicher zu erwarten sind.\nDazu kommt noch, dass, indem die Physiologie alle Lehens\u00e4usserungen als Verrichtungen bestimmter Organe festzustellen und aus den elementaren Bedingungen, d. h. aus dem anatomischen Bau und der physikalisch-chemischen Constitution derselben mit Nothwen-digkeit herzuleiten \u2014 oder was dasselbe sagen will \u2014 nach mechanischen Principien zu erkl\u00e4ren hat, der Vortrag, welcher hei dem gemischten Zuh\u00f6rerkreise keinerlei specielle Fachkenntnisse voraussetzen darf, mit der Darstellung der descriptiven und mikroskopischen Anatomie und der physikalisch-chemischen Eigenschaften der func-tionirenden Theile beginnen muss.\nAuch hei diesen Darstellungen ist es wieder nur die unmittelbare Anschauung, welche ein eingehendes und richtiges Verst\u00e4ndnis zu vermitteln im Stande ist.\nDie physiologischen Vortr\u00e4ge, welche ich in den drei letzten Jahren im akademischen \u00bbRosensaalc\u00ab zu Jena gehalten und k\u00fcrzlich durch den Druck ver\u00f6ffentlicht habe1), k\u00f6nnen eine beil\u00e4ufige Vorstellung von der Art gehen, wie ich mir die Behandlung und Darstellung\n1 Czermak : Popul\u00e4re physiologische Vortr\u00e4ge , gehalten im akademischen Rosensaale zu Jena in den Jahren 1807\u201409. MitTafeln und 34 Holzschnitten. Wien, K. Czermak, 1809.","page":116},{"file":"p0117.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\n117\nder Physiologie f\u00fcr den gegenw\u00e4rtig beabsichtigten Zweck etwa denke : nur muss ich ausdr\u00fccklich bemerken, dass ich f\u00fcr den letzteren ein noch specielleres und tieferes Eingehen in den Gegenstand, eine noch reichere Beth\u00e4tigung der unmittelbaren Anschauung f\u00fcr noting halte, als die belehrende Unterhaltung des Rosenpublikums erforderte: \u2014 und so sehen Sie, m. h. A. ! es h\u00e4ufen und steigern sich die mir unerl\u00e4sslich erscheinenden Forderungen an die demonstrativen und experimentellen Hilfsmittel des Vortrags und demgem\u00e4ss die inneren und \u00e4usseren Schwierigkeiten des ganzen Unternehmens zu einer fast abschreckenden H\u00f6he.\nEndlich darf auch nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass in dein eventuellen Erfolg des Unternehmens selbst eine Gefahr f\u00fcr dessen gl\u00fcckliche Durchf\u00fchrung liegt. Ich meine : mit der Gr\u00f6sse des Zuh\u00f6rerkreises und mit seinem Wachsthum, welches nicht ausbleiben kann, wenn Form und Inhalt der Vortr\u00e4ge ein wirkliches Bed\u00fcrfnis\u00ab zu befriedigen geeignet befunden werden sollten, muss sich nat\u00fcrlich auch die Bequemlichkeit \u2014 theilweise sogar die M\u00f6glichkeit, all\u2019 das Erforderliche ohne ganz besondere Veranstaltungen in entsprechender und ausreichender Weise zu demonstriren, vermindern, und dies k\u00f6nnte leicht in einem so bedenklichen Grade geschehen, dass die unerl\u00e4ssliche unmittelbare Anschauung, auf welcher der didaktische Erfolg zum gr\u00f6ssten Theil beruht, illusorisch w\u00fcrde.\nEs muss also von vornherein die skrupul\u00f6seste Vorsorge getroffen werden, dass alle die verschiedenartigen Demonstrationen einen ganz besonderen Grad von Ersichtlichkeit und Vollendung erhalten, und dass das Vorlesungslokal ausreichende Dimensionen habe, und mit eigenth\u00fcmlichen Einrichtungen ad hoc versehen werde, welche das Lokal aus einem blossen Auditorium zugleich recht eigentlich zu einem \u2014 sit venia verbo \u2014 Spectatorium zu machen geeignet sind.\nZu diesen Einrichtungen rechne ich vor Allem die Form und Anordnung der Sitzpl\u00e4tze, dann die centrale Stellung und intensive Beleuchtung des Raumes, wo sich der Vortragende befindet und wo die Experimente vorgenommen werden, endlich die bequeme Disposition aller jener Hilfsmittel, welche stets zur Hand sein m\u00fcssen, weil sie einzeln oder in mancherlei Combinationen bei fast allen Demonstrationen in Anwendung kommen, wie z. B. elektrische Leitungen f\u00fcr den eonstanten Strom, mechanische Transmissionen, Gas- und Wasserleitung, Wandfl\u00e4chen oder Schirme zum Aufh\u00e4ngen gemalter, oder zum Auffangen optisch projicirter Bilder, Beleuchtungs- und Verdunkelungsvorrichtungen u. s. w., u. s. w.\nAlle diese hohen Anforderungen und Schwierigkeiten, welche","page":117},{"file":"p0118.txt","language":"de","ocr_de":"118\nDie Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.\nnach meiner Ueberzeugung einerseits erf\u00fcllt, andererseits \u00fcberwunden sein m\u00fcssen, bevor man wirklich daran gehen kann, die Physiologie als ein allgemeines Bildungselement in den Kreis der Universit\u00e4tsstudien einzuf\u00fchren, entmuthigen mich jedoch nicht.\nIch habe mich, wie meine oben citirten Rosenvorlesungen erkennen lassen, in der Erfindung und Benutzung der besonderen demonstrativen Hilfsmittel, wie sie der besprochene Zweck fordert, bereits mehrfach versucht, und bin entschlossen kein Opfer zu scheuen mir hier in Leipzig ein Auditorium selbst zu schaffen, und meinen speeiellen Pl\u00e4nen entsprechend einzurichten, denn ich habe es im vorigen Semester erfahren, dass den Hunderten, welche meinen Vorlesungscyclus Uber Physiologie der Zeugung besuchten, indem grossen H\u00f6rsaal des Augus-teums \u2014 und einen anderen, besseren von \u00e4hnlichen Dimensionen gibt es nicht \u2014 wegen seiner ausschliesslich f\u00fcr Kathedervorlesungen bestimmten Einrichtung, kaum die einfachsten bildlichen Darstellungen bequem demonstrirt werden konnten ; der Versuch aber in jenem Auditorium feinere physiologische Experimente vorzuf\u00fchren geradezu l\u00e4cherlich w\u00e4re und das ganze Unternehmen gef\u00e4hrden k\u00f6nnte.\nDeshalb sehe ich mich auch gen\u00f6tliigt den Beginn meiner schon f\u00fcr das laufende Wintersemester angek\u00fcndigten Vortr\u00e4ge \u00fcber Physiologie f\u00fcr Studenten aller Facult\u00e4ten bis auf Weiteres zu verschieben.\nMan wird es begreiflich finden, dass ich noch l\u00e4ngere Zeit meiner ganzen Arbeitskraft und der ganzen Musse bedarf, welche mir meine akademische Stellung gestattet, um alle jene \u00fcberaus mannigfaltigen und weitaussehenden Vorkehrungen und Veranstaltungen in Angriff zu nehmen und zu vollenden, welche mir um so unerl\u00e4sslicher erscheinen, je ernstlicher gemeint meine Absichten sind, und je weniger ich gewillt sein kann das Gelingen der Einb\u00fcrgerung der Physiologie als eines allgemeinen Bildungselements an der Universit\u00e4t durch die Unvollkommenheit der ganz eigent\u00fcmlichen \u00e4usseren Mittel auf s Spiel zu setzeu, denn es handelt sich dabei nicht etwa um blosse Aeusser-lichkeiten einer imponirenden Ausstattung dieser neuartigen Vorlesungen, sondern recht eigentlich um die Grundbedingung alles didaktischen Erfolgs derselben \u2014 um die unmittelbare Anschauung.\nSchliesslich kann ich nur noch den Wunsch und die Hoffnung aussprechen, dass es mir verg\u00f6nnt sein m\u00f6ge den Erwartungen, welche ich provocirt habe, recht bald und in vollem Maasse zu entsprechen, und eine recht lebendige, allseitige Theilnahme f\u00fcr meine Absichten und Bestrebungen zu erwecken und auf die Dauer zu erhalten.","page":118}],"identifier":"lit16312","issued":"1879","language":"de","pages":"105-118","startpages":"105","title":"Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element: Antritts-Vorlesung, gehalten zu Leipzig am 13. November 1869","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:03:47.242224+00:00"}

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