The Virtual Laboratory - Resources on Experimental Life Sciences
  • Upload
Log in Sign up

Open Access

Sechs Tage in und um Bordeaux: Skizze aus meinem Tagebuche

beta


JSON Export

{"created":"2022-01-31T14:53:17.564414+00:00","id":"lit16314","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 157-166. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0157.txt","language":"de","ocr_de":"Sechs Tage in und um Bordeaux.\nSkizze aus meinem Tagebuche.\n[\u00bbLotos\u00ab, September mul October, tS\u00f6i.]\nDen 18. August 1853.\nGestern Abend 7 '/4 Uhr habe ich Paris verlassen und bin liier, in Bordeaux, um 1 >/2 Uhr Nachmittags etwas erm\u00fcdet angekommen. \u2014 Die Stadt macht einen grossartigen Eindruck ; sie liegt im Halbmond um die majest\u00e4tisch daherstr\u00f6mende Garonne, \u00fcber welche eine kolossale. 892 Schritt lange Br\u00fccke von 17 Bogen f\u00fchrt. Diese Br\u00fccke hat das Eigenth\u00fcmliche, dass sie im Innern hohl ist, so dass man nicht nur a u f, sondern auch i n der Br\u00fccke von einem Ufer zum andern gelangen kann: im letzteren Falle nat\u00fcrlich ungesehen. Napoleon der Grosse hat dieses pr\u00e4chtige Bauwerk auffuhren lassen, und soll, wie man erz\u00e4hlt, den unsichtbaren Durchgang in der Br\u00fccke zu geheimen Uebersetzungen von Truppen haben ben\u00fctzen wollen. Mir scheint es viel wahrscheinlicher, dass die Br\u00fccke nur deshalb im Innern hohl gebaut wurde, weil man Baumaterial ersparen und die Pfeiler weniger belasten wollte. Die beabsichtigten geheimen Truppenm\u00e4rsche geh\u00f6ren aber nun einmal zu den fixen Ideen des Volkes und werden den Fremden regelm\u00e4ssig aufgetischt.\nAm Abend gab es noch eine fite nautique, welche mir Gelegenheit gab, die sch\u00f6ne Welt von Bordeaux zu sehen und einen Wettkampf kennen zu lernen, der hier beinahe so heimisch ist, wie das \u00bbBoxen\u00ab in England \u2014 ich meine das \u00bbSchifferstechen\u00ab. Mit der fite nautique hatte es aber folgende Bewandtnis\u00bb. Ein reicher Kaufherr hatte sich auf der Werfte von Bordeaux ein Schiff bauen lassen ; dieses war vollendet und lief heut vom Stapel. Der Verm\u00e4hlung des Schiffes mit dem Wasser zu Ehren war nun nach altem Brauch ein Fest arrangirt, das mit dem Schifferstechen begann.\nDas Schifferstechen besteht darin, dass die K\u00e4mpfer, welche vorn an der Spitze kleiner Schiffe frei stehen, einander, w\u00e4hrend sie sich","page":157},{"file":"p0158.txt","language":"de","ocr_de":"158\nSechs Tage in und um Bordeaux.\niu die N\u00e4he kommen, mit langen mit einem Knopfe versehenen Stangen ins Wasser zu stossen suchen. Das Volk nimmt lebhaften Antheil am Kampf, ermunternder Zuruf wechselt mit schadenfrohem Gel\u00e4chter. Die Positionen, welche die aus dem Gleichgewicht gebrachten K\u00e4mpfer machen, um sich oben zu erhalten oder um m\u00f6glichst sanft ins Wasser zu plumpsen, sind in der That oft drollig genug. Sehr h\u00e4ufig fallen beide Gegner ins Wasser, wo dann keiner den Preis gewinnt.\nDoch dies war nur das Vorspiel zu dem Hauptschauspiel des Abends \u2014 dem Vomstapellaufen des neu erbauten Zweimasters \u00bbLa providence\u00ab. Wenn eine St\u00fctze nach der andern f\u00e4llt und endlich das auf dem Lande fast noch Denial so gross als im Wasser aussehende Schiff mit beschleunigter Geschwindigkeit die schiefgelegten und mit einer Art Seife eiiigcschmierten Balken herunterrutscht, um endlich ins Wasser sich hineinzubohren, vor sich eine m\u00e4chtige Sturzwelle aufw\u00fchlend. hinter sich in Folge der Friction \u00ef lammen und Bauch lassend : so ist das in der That ein grossartiger Anblick. Der Eindruck dieser Scene wird noch vermehrt, indem die Musik im Fortissimo einf\u00e4llt und das Volk die Luft mit freudigem Geschrei ersch\u00fcttert. Eine gl\u00e4nzende Beleuchtung mit bunten Lampen schloss das Ganze.\nDen 19.\nNachdem ich noch in der Garonne gebadet, den Jardin des Plantes und den Kirchhof mit seinen Platanen-Alle en und Cypresseu-G nippen besucht hatte, verliess ich Bordeaux, um nach la Teste und von da \u00fcber das grosse Bassin d\u2019Arcachon nach Ar\u00e8s zu fahren. welches am n\u00f6rdlichen Ende des Bassins gelegen ist. Der Charakter der Landschaft ist hier ganz eigenth\u00fcmlich gemischt. Einerseits wird man an Italien, andererseits an \u2014 Holland erinnert, auch die Windm\u00fchlen fehlen nicht. Das Bassin d\u2019Arcachon ist eine sehr seichte Bucht von bedeutendem Fl\u00e4cheninhalt, welche nur durch einen ganz schmalen und kurzen Kanal mit dem Meere in Verbindung steht, so dass sich Ebbe und Flutli wohl geltend machen k\u00f6nnen. die Wogen des Oceans aber keinen Eingang finden. Das Bassin ist aus diesem Grunde und seiner Seichtigkeit wegen fast immer spiegelglatt, und li\u00e2t stets eine hohe Temperatur, weshalb es zu einer besonderen Art von Seeb\u00e4dern ben\u00fctzt wird. Im Gegensatz zu den Seeb\u00e4dern mit freiem starkem Wellenschlag, welche nur einige Minuten hindurch gebraucht werden, bleibt man in dem lauen ruhigen Wasser des Bassins zu Viertelstunden !\nDen 20.\nHeute ritten wir auf die drei Stunden entfernte Besitzung des Herrn Boissi\u00e8ke. um dessen M e ers alz planta gen zu besehen.","page":158},{"file":"p0159.txt","language":"de","ocr_de":"Sechs Tage in und um Bordeaux.\n159\nDer Weg f\u00fchrte uns durch Pinus-W\u00e4lder, Haideland uud w\u00e4hrend der Ebbe blossgelegten Meergrund. Die Pinus-VV\u00e4lder liefern Massen von Harz, welches von den Leuten dadurch gewonnen wird, dass sie in die B\u00e4ume lange und tiefe Furchen mittels einer Axt anbringen, in welchen dann das Harz herunterl\u00e4uft und am Fusse des Baumes in Beh\u00e4ltnissen sich ansammelt. Die B\u00e4ume erhalten durch diese methodisch angebrachten Verwundungen ein eigentli\u00fcmliches Aussehen, indem die St\u00e4mme mit der Zeit einen sternf\u00f6rmigen Querschnitt erhalten. Auffallend war mir, dass die B\u00e4ume diese Procedur so leicht ertragen und nicht zu Grunde gehen. Ja nach der Versicherung der Leute soll das Holz solcher B\u00e4ume fester und derber werden, und sowohl zum Brennen als zur Verarbeitung dem anderer St\u00e4mme vorzuziehen sein.\nW\u00e4hrend des Kittes litten wir viel von der fast unertr\u00e4glichen Hitze und vom Staub. Endlich waren wir am Ziele und eine frische Brise vom Meere her erquickte und k\u00fchlte uns. Nach wenigen Minuten der Rast Hessen wir uns von Herrn Boissiere nach seinen Meersalzplantagen f\u00fchren. Das Meersalz wird hier auf die primitivste und wohlfeilste Art gewonnen. Einige Morgen Landes sind zu flachen d. h. einige Zolle tiefen Bassins, die untereinander und mit dein Meere com-muuiciren, umgegraben und mit Meerwasser gef\u00fcllt. Der Wind und die Sonne machen das Wasser rasch verdampfen und zwingen das Meersalz herauszukrystallisiren. Das so krystallisirte Salz wird abgesch\u00f6pft, gesammelt und in Haufen zusammengesch\u00fcttet. die man \u00bbSalzschober\u00ab nennen k\u00f6nnte. Diese Schober werden mit einer Lage Sand und Erde bedeckt und bleiben so stehen, bis sie weggef\u00fchrt werden. Auffallend war nur der \u00fcberaus deutliche Veilchengeruch, den das Salz eines eben angebrochenen Schobers ausstr\u00f6men Hess. Woher dieser liebliche Geruch stamme, konnte ich nicht erfahren. Keines CI Na ist das auf diesem Wege gewonnene Salz aus sehr begreiflichen Gr\u00fcnden nicht, doch soll es sehr gesund sein. In den Gegenden, wo es gegessen wird, sind Kr\u00f6pfe eine Seltenheit. Sollte dies mit dem Jodgehalt des Meersalzes Zusammenh\u00e4ngen'?\nEines der Hauptnahrungsmittel der Anwohner des Bassins d'Ar-cachon sind die Fische, welche sich reichlich darin finden. Um nicht von der zuf\u00e4lligen Ausbeute eines Fischzuges abzuh\u00e4ngen, haben sich die Leute grosse Weiher rings um das Bassin angelegt, worin sie stets einige Hundert Fische halten, welche den n\u00e4chsten Bedarf decken. Diese Weiher h\u00e4ngen mit dem Bassin durch enge und kurze Kan\u00e4le zusammen, welche durch Schleussen abgesperrt werden k\u00f6nnen. W\u00e4hrend der Flutli steigt das Wasser im Bassin so hoch, dass es die Weiher anf\u00fcllt, wenn die Schleussen ge\u00f6ffnet sind ; w\u00e4hrend der Ebbe","page":159},{"file":"p0160.txt","language":"de","ocr_de":"IGO\nSechs Tage in und um Bordeaux.\ntritt das Wasser aber so weit zur\u00fcck, dass die Weiher trocken gelegt w\u00fcrden, wenn die Sclileussen offen blieben.\nDiese Niveau-Unterschiede ben\u00fctzt man auf ganz einfache Art, um ohne besondere M\u00fche Fische zu fangen. W\u00e4hrend der Fluth \u00f6ffnet man die Schleusse, an deren gegen den Weiher gekehrten Seite vorher ein langes beutelf\u00f6rmiges Netz befestigt worden ist, und l\u00e4sst, wie die Leute sagen, die Schleusse \u00bbtrinken\u00ab. Mit dem Schwalle des fluthenden Wassers kommen zugleich Schaaren von Fischen herangeschwommen, welche der Str\u00f6mung folgend in dem beutelf\u00f6rmigen Netze sich sammeln. Das Netz hindert zugleich die Fische des Weihers herauszuschwimmen. Hat die Fluth ihre H\u00f6he erreicht, so l\u00e4sst man die Schleusse herab. Die Fische sind dann in dem Netze gefangen und werden, nachdem sie eine genaue Kevue passirt haben, entweder ins Bassin zur\u00fcckgeworfen oder den Weihern einverleibt. Diese Vorsicht ist nothwendig, denn es gibt gewisse Arten von Raubfischen, die einen solchen Weiher in wenig Tagen durch ihre enorme Geh\u00e4ssigkeit ganz entv\u00f6lkern k\u00f6nnen. Ueberdies schwemmt die Fluth ohne Wahl oft ein ganzes Museum von Meerungeheuern in dem blinden Ende des beutelf\u00f6rmigen Netzes zusammen \u2014 allerlei Gesindel, welches nach seinem naturgeschichtlichen Heimatschein zu\u2019fragen sich wohl verlohnt, wenn die Ordnung in den Weihern gesichert bleiben soll.\nDie k\u00fcnstliche Fischzucht, pisciculture, welcher in neuerer Zeit in Frankreich so grosse Aufmerksamkeit zugewendet wurde, d\u00fcrfte wohl kaum irgendwo leichter Wurzel fassen und grossartigere Erfolge versprechen, als in der Gegend des Bassins d\u2019Arcachon.\nDie nat\u00fcrlichen Bedingungen eines Ortes k\u00f6nnen schwerlich g\u00fcnstiger und passender gedacht werden zur Einrichtung einer k\u00fcnstlichen Fischz\u00fcchterei, als sie eben hier vorhanden sind. S\u00fcsses Wasser und Meerwasser \u2014 beides steht hier zu Gebote; See- und S\u00fcsswasser-Fische k\u00f6nnten sonach gezogen werden. Es w\u00fcrde mich wundern, wenn diese g\u00fcnstigen Bedingungen nicht auch Anderen in die Augen springen und nicht wenigstens zu Versuchen, die ja zu Enghien so ermunternde Resultate geliefert haben, anregen sollten.\nDie Heerden von Schafen und Rindvieh, welche man in grosser Menge auf dem Haideland weiden sieht, bieten keine besonderen Eigenth\u00fcmlichkeiten, dagegen fallen dem Fremden die Hirten auf ihren oft mannshohen Stelzen, eifrig an groben Str\u00fcmpfen strickend, in nicht geringem Grade auf. Die Stelze ist hier ebenso allgemein und volksthUmlich, wie der Schlittschuh in Holland, das Steigeisen in der Schweiz und der Schneeschuh in Lappland. Die Hirten, die J\u00e4ger, die Boten gehen hier alle hoch zu Stelze und gewinnen, da sie von","page":160},{"file":"p0161.txt","language":"de","ocr_de":"Sechs Tage in und um Bordeaux.\n1 G f\nJugend auf den ganzen Tag \u00fcber auf diesen Stangen zubringen, eine solche Sicherheit im Stelzen-Gelicn, Laufen und Springen, dass man glauben k\u00f6nnte, die Stelzen seien nat\u00fcrliche Verl\u00e4ngerungen der Beine. Die hier gebr\u00e4uchlichen Stelzen sind etwas anders gebaut, als jene, die man hie und da bei uns zu sehen bek\u00f6mmt. Letztere bestehen bekanntlich aus Stangen, welche bis hoch hinauf unter die Arme reichen und mit den H\u00e4nden gefasst und regiert werden ; die ersteren hingegen sind an den Unterschenkel auf eine sinnreiche und \u00fcberaus einfache Weise befestigt, so dass sie die Arme zu anderem Gebrauche ganz frei lassen. Die Befestigung der Stelze an dem Unterschenkel geschieht durch einen Lederring, welcher durch eine Lederplatte in zwei ungleiche Dehnungen getheilt wird. Die gr\u00f6ssere Dehnung nimmt den Unterschenkel auf, die kleinere nach aussen liegende hingegen das obere bis an\u2019s Knie reichende Ende der Stelze. Die Lederplatte befindet sich somit zwischen dem Unterschenkel und dem oberen Ende der Stelze und sch\u00fctzt nicht nur die Weichtheile des ersteren gegen Reibung und Quetschung, sondern gew\u00e4hrt dem letzteren zugleich Halt und Befestigung. Das Aufsteigen auf die oft sehr hohen Stelzen vom flachen Boden aus geschieht folgendermassen. Nachdem die beschriebenen Lederringe an die Unterschenkel gesteckt sind, wird die eine Stelze wie eine Turnierlanze eingelegt, w\u00e4hrend die andere mit der anderen Hand gefasst wird, dann wird ein Anlauf genommen \u2014 mit einem Schw\u00fcnge steht der Mann mit dem einen Beine auf der vorgehaltenen Stelze und befestigt dieselbe durch Her\u00fcberschieben der kleineren Abtheilung des Lederringes \u00fcber das obere Stelzenende. W\u00e4hrend nun hupfend auf einer Stelze das Gleichgewicht erhalten wird, hat die Befestigung der zweiten Stelze keine grossen Schwierigkeiten mehr. Zu Hause machen sich die Leute das Aufsteigen nat\u00fcrlich bequemer. Alle Stelzengeher fuhren einen langen Stab mit sich, theils um nicht zu fallen, wenn sie zuf\u00e4llig das Gleichgewicht verloren h\u00e4tten, theils um l\u00e4ngere Zeit ruhig stehen zu k\u00f6nnen. Denn trotzdem. dass das untere Ende der Stelzen etwas verdickt ist und eine mehrere Quadratzolle haltende Fl\u00e4che bietet, ist es doch nur Augenblicke lang m\u00f6glich ganz ruhig auf den Stelzen zu stehen.\nDer lange Stab wird als dritter Unterst\u00fctzungspunkt verwendet, indem er mit seinem oberen Ende entweder durch einen der Lederringe oder in die Rima ylutaeonnn gesteckt wird. Auf diesem drei-beinigen Gestelle ruhen nun die Hirten Stunden lang, die Heerde h\u00fctend und ihre Str\u00fcmpfe strickend. Ja. hier bringen die M\u00e4nner die Str\u00fcmpfe zur Welt : es ist zwar grobe Arbeit, aber das Gewebe ist gleiehmaschig und dem Zweck entsprechend. Die Wolle haben die\nCzermal, Schriften. II.\t1 \\","page":161},{"file":"p0162.txt","language":"de","ocr_de":"1(32\nSechs Tage in und um Bordeaux.\nLeute ringf\u00f6rmig am Halse h\u00e4ngen. Possierlich ist und bleibt diese Sitte immerhin, wenn sie auch ihre praktische Seite hat. Welchem allgemein gef\u00fchlten Bed\u00fcrfnisse der Gebrauch der Stelzen abhilft und abhelten soll, habe ich nicht in Erfahrung bringen k\u00f6nnen. Der erh\u00f6hte Standpunkt auf den Stelzen bef\u00e4higt zwar den Hirten die Heerde leicht zu \u00fcbersehen und die H\u00e4upter seiner Lieben zu z\u00e4hlen: auch macht der Bote mit seinen durch die Stelzen verl\u00e4ngerten Beinen gr\u00f6ssere Schritte und geht oft mehr als um das Doppelte schneller als andere Menschenkinder; allein diese Vortheile k\u00f6nnen den so allgemeinen Gebrauch der Stelzen nicht erkl\u00e4ren, denn wenn dem so w\u00e4re, so m\u00fcsste man dann die Frage stellen, warum der Gebrauch der Stelzen nicht in allen ebenen L\u00e4ndern allgemein und volkst\u00fcmlich sei? da die angef\u00fchrten Vortheile verl\u00e4ngerter Beine f\u00fcr jeden Breitengrad gelten.\nDen 21. August.\nObgleich gestern erst sp\u00e4t am Abend todtm\u00fcde von dem Pitt heimgekehrt, verliessen wir heute schon um 2 Uhr des Morgens Ar\u00e8s, um den D\u00fcne n einen Besuch abzustatten. Unsere Gelegenheit bestand in einem zweir\u00e4derigen. von einem Pferde gezogenen Karren [mavette . Das Stroli, auf dem wir lagen, sch\u00fctzte uns nur unvollkommen vor den St\u00f6ssen dieses primitiven Fahrzeuges. Die einf\u00f6rmige Grossartigkeit der D\u00fcnen liess uns jedoch bald die Unannehmlichkeiten des Weges vergessen.\nDer Charakter dieser D\u00fcnen ist ein v\u00f6llig anderer, als jener der holl\u00e4ndischen. Sie bilden liier ganz kahle, abgerundete, kolossale Sandberge, w\u00e4hrend die Holl\u00e4nder fast durchg\u00e4ngig mit einer Grasart bewachsen sind. Der Sand, aus dem sie zusammengeweht sind, ist so fein, dass man ihn gleich in eine Streusandb\u00fcchse f\u00fcllen k\u00f6nnte. Jeder leise Windhauch treibt ihn in Wolken vor sich lier und ver\u00e4ndert die Contouren der Berge. So weit der Blick reicht, sicht man nichts als Himmel und Sand; in der W\u00fcste Sahara kann es nicht monotoner und \u00f6der ausselien. und doch macht das Ganze einen ergreifenden, grossartigen Eindruck. Nichts Lebendiges, keine Pflanze, kein Thier ist weit und breit zu sehen \u2014 doch halt 1 hier sind kleine Spuren im Sande, die etwa 2 Zoll von einander in einer langen Leihe sich aus dem Thal auf den Berg verfolgen lassen. Die Spuren sind ganz frisch, der n\u00e4chste Augenblick w\u00fcrde sie verweht haben.\nDas Thier, welches seinen Weg damit bezeichnet hat. kann nicht fern sein. In der That, dort, wohin die Spur sich zieht \u2014 h\u00fcpft ein kleiner Frosch ganz emsig den Berg hinan. Wie kommt das arme Amphibium in diese Saudw\u00fcste ? Hier muss es ohne Zweifel zu Grunde","page":162},{"file":"p0163.txt","language":"de","ocr_de":"Sechs Tage in und um Bordeaux.\n163\ngehen, und doch ist es kein zuf\u00e4llig verirrtes Exemplar. wir fanden noch mehrere Fr\u00f6sche und zahlreiche Spuren. Wovon m\u00f6gen diese Tliiere leben? Es ist mir ein R\u00e4thsel geblieben. Mitten in dieser W\u00fcstenei befindet sich ein Strandposten der Douane auf einer hervorragenden D\u00fcne, von der aus man einen grossen Thcil der Saudberge und ein St\u00fcck des brandenden Oceans \u00fcbersieht. Die Douaniers, welche \u00fcber die Ankunft von Menschen sehr erfreut waren, erquickten uns durch ein ganz annehmbares d\u00e9jeuner \u00e0 la fourchette.\nAuf dein R\u00fcckwege lernte ich eine der sonderbarsten Eigenth\u00fcm-lichkeiten dieser D\u00fcne kennen, n\u00e4mlich die M\u00f6glichkeit, \u00fcberall in den Th\u00e4lern s\u00fcsses, trinkbares Wasser aus dem Sandboden hervorquellen zu machen. Man braucht nur eine Grube in den Sand zu graben, um in derselben sogleich eine Menge reines Wasser sich ansammeln zu sehen. Ich dachte unwillk\u00fcrlich an Moses und seinen Zug durch die W\u00fcste. Das Wasser aber liess ich mir gut schmecken.\nDie Sandberge sind offenbar kolossale Filtrirmaschinen ! Bei heiterem windstillem Wetter herrscht in den D\u00fcnen eine erhebende Ruhe und Stille, welche nur durch die ferne dumpfe Brandung rhythmisch unterbrochen wird. Bei heftigem Sturme hingegen soll sich die Scene auf erschreckende Weise \u00e4ndern. Der Himmel verdunkelt sich dann von aufgewirbeltem Sand und die Sandberge scheinen sich zu beleben und wandeln in Wellenbewegung landeinw\u00e4rts, Alles vernichtend und begrabend \u2014 wie Lavastr\u00f6me.\nDie D\u00fcnen r\u00fccken, wie die Gletscher, vor und w\u00fcrden den ganzen K\u00fcstenstrich versanden, wenn sie nicht k\u00fcnstlich daran verhindert w\u00fcrden. Wie man in Holland D\u00e4mme baut gegen das Wasser, so pflanzt man hier W\u00e4lder von Pinus maritima gegen die D\u00fcnen und den Flugsand. Ein blos palliatives Verfahren gegen das Vorr\u00fccken der D\u00fcnen besteht darin, dass man Z\u00e4une von Pallisaden errichtet, an welchen der Sandstrom sich bricht und staut. Sind die Pallisaden verweht. so hebt man sie heraus und steckt sie h\u00f6her oben wieder ein. Die kleinste feste Erhabenheit am Boden bedingt eine Anh\u00e4ufung und endlich einen H\u00fcgel von Sand. Man sieht leicht, wie dieses Verfahren zum Ziele f\u00fchrt. Die jungen Pinuspflanzungen werden auf diese Weise geschlitzt, bis sie, herangewachsen, selbst zum Schutze der hinter ihnen gelegenen Landstrecken dienen.\nW\u00e4hrend wir uns Ares wieder n\u00e4herten, machten mich meine Begleiter auf ein sehr merkw\u00fcrdiges Bodenverh\u00e4ltniss aufmerksam. Sie erz\u00e4hlten mir, es gebe in dem Haidelande, durch welches wir eben dahinschritten. Stellen. welche aus grundlosem Moraste best\u00e4nden, aber mit einer d\u00fcnnen Schicht Dammerde dermassen bedeckt w\u00e4ren.\nli*","page":163},{"file":"p0164.txt","language":"de","ocr_de":"1(54\nSechs Tage in und um Bordeaux.\n(lass man arglos \u00fcber dieselbe liinwegscbreite, dann aber durchbreche und, wenn nicht schleunige Hilfe geleistet werde, j\u00e4mmerlich in den Boden versinke. Solche Stellen nennt man blouses. Hie sollen sehr h\u00e4ufig sein, doch konnte man mir keine zeigen. Vielleicht sind es die blouses, welche den Gebrauch der Htelzen nothwendig gemacht haben ?! \u2014 In Ar\u00e8s erwartete uns ein wohlgedeckter Tisch, zu dem sich s\u00e4mmtliche Herren Maires der umliegenden Ortschaften eingefunden hatten.\nNachmittags verliess ich Ar\u00e8s und liess mich \u00fcber das Bassin setzen. Gegen Abend landete ich am entgegengesetzten Ufer vor dem \u00bbHotel des empereurs\u00ab w\u00e4hrend eines heftigen Gewitters, das uns beinahe noch auf dem Wasser erwischt h\u00e4tte. Hier lernte ich den ber\u00fchmten Dichter aus dem Volke, den Barbier Jasmin, kennen, welcher heute Abend eine poetische Soir\u00e9e gibt.\nDen 22. August.\nAm fr\u00fchen Morgen verliessen wir das H\u00f4tel und ritten von la Teste aus nach Villemarie, einer Farm, welche dem Herrn Ferry geh\u00f6rt. Herr Ferry ist unter den Landwirthen Frankreichs eine Nota-bilit\u00e4t. Er ist der erste und so Del mir bekannt der einzige Oekonom, welcher mit Erfolg in Frankreich Iteis baut. Unser Besuch galt Ferry\u2019s Reisplantagen. Hein bei der Londoner Exhibition ausgestellter Reis hat einen Preis erhalten. was bei solcher Concurreuz, wie sie 1852 in London war. schon etwas heissen will. Die ganzen Reisplantagen, sowie das Bew\u00e4sserungssystem der Felder \u2014 der Reis reift bekanntlich zur H\u00e4lfte unter stehendes Wasser gesetzt \u2014 erinnerte mich lebhaft an die Meersalzplantagen des Herrn Boissiere. Wir blieben \u00fcber Mittag bei unserem freundlichen Wirthe und fanden grossen Gefallen an seinem einfach aber comfortable eingerichteten Hause, welches seine Frau, eine liebensw\u00fcrdige Pariserin, mit grosser Einsicht leitet. Nur ungern verliessen wir den freundlichen Ort. Am Abend befanden wir uns wieder in Bordeaux.\nDen 23. August.\nW\u00e4hrend meines ersten Aufenthaltes hatte ich die Htadt nur sehr fl\u00fcchtig besehen, so dass ich mich heute t\u00fcchtig ablaufen musste. Nachdem ich mich gebadet und von den Anstrengungen der letzten Tage etwas erholt hatte, begann ich meine Besichtigung mit dem grossen und sch\u00f6nen Hospitale, welches einen pr\u00e4chtigen viereckigen Hof einschliesst. Die Heitenfl\u00fcgel sind durch kleine G\u00e4rtchen f\u00fcr die Reconvalescenten in mehrere Theile getheilt.","page":164},{"file":"p0165.txt","language":"de","ocr_de":"Sechs Tage in und um Bordeaux.\n165\nGegen\u00fcber dem Hospitale, auf der entgegengesetzten Seite des Platzes, erbebt sich die sch\u00f6ngebaute Fronte des Palais de justice, in dessen ger\u00e4umiger, mit S\u00e4ulen gezierter Vorhalle Montesquieu\u2019s Statue sich befindet. Dem ber\u00fchmten Verfasser des \u00bbEsprit des loix\u00ab, welcher 16S9 auf dem Schlosse Brede bei Bordeaux geboren war, konnte an keinem w\u00fcrdigeren und passenderen Orte ein Denkmal errichtet werden, als in den Hallen des Tempels der Gerechtigkeit seiner Vaterstadt.\nViel Interessantes bot mir die Besichtigung der Sanct Michel-Kirche, eines grossen gothischen Baues. In dem halbunterirdischen mveuu des isolirt stehenden Glockenthurmes befindet sich eine grosse Anzahl wohlerhaltener Mumien, welche man, als im Jahre 1793 der Kirchhof cassirt wurde, beim Umgraben desselben gefunden hatte. Da ich fr\u00fcher Untersuchungen \u00fcber \u00e4gyptische Mumien1 angestellt hatte, so beschloss ich mich in den Besitz einiger Theile dieser Mumien zu setzen. um auch liier den Grad der Erhaltung der Gewebe mikroskopisch zu untersuchen und die Resultate beider Untersuchungen zu vergleichen. Der Kirchendiener widersetzte sich meinem Sacrile-gium, und ich war gen\u00f6thigt mir vom Herrn Advocat Dupont . einem der Kirchenvorsteher, die Erlaubnis# zu erbitten, zu wissenschaftlichen Zwecken das Caveau de St. Michel berauben zu d\u00fcrfen. Herr Dupont gab bereitwilligst die nachgesuchte Erlaubnis\u00bb und liess dem Kirchendiener den Befehl zukommen mich bei meinem Vorhaben zu unterst\u00fctzen. Nun suchte ich mir mit aller Bequemlichkeit einen halben Vorderarm sanimt der Hand aus, und brachte die kostbare Beute alsbald in Sicherheit.2;\nUnter den Mumien des Caveaus befinden sich einige. deren Glieder krampfhaft verzerrt sind, und deren Gesichter durch den weit aufgerissenen Mund u. s. w. einen unverkennbaren Ausdruck des h\u00f6chsten Entsetzens tragen. Diese Cadaver sollen hier einst lebendig begraben worden sein. Den Beweis daf\u00fcr findet man eben in ihrer Attit\u00fcde und dem Ausdrucke der Gesichter. \u2014 Von den Th\u00fcrmen von Set. Michel hat man eine grossartige Aussicht \u00fcber Bordeaux und seine Umgebungen. Auf den Th\u00fcrmen befand sich fr\u00fcher eine Station der\n1 Beschreibung und mikroskopische Untersuchung zweier \u00e4gyptischen Mumien (Bel. I S. 114).\n- Vor wenig Wochen bin ich endlich dazu gekommen die mikroskopische Untersuchung anzustellen; die Resultate derselben habe ich in der Zeitschrift f\u00fcr wissenschaftliche Zoologie von K\u00f6lliker und Siebold ver\u00f6ffentlicht. \u2014 A. a. 0. S. 152.","page":165},{"file":"p0166.txt","language":"de","ocr_de":"] (j(j\tSechs Tage in und um Bordeaux.\nvon Claude Chappe erfundenen Armtelegraphen, die der elektrische nat\u00fcrlich ganz verdr\u00e4ngt hat.\nDas sogenannte Palais Gallien sind Ueberreste eines r\u00f6mischen Amphitheaters, von welchem wenig mehr zu sehen, da Alles mit neuen H\u00e4usern verhaut ist. Nur ein Thor steht noch frei zu Tage. Im Jahre KI32 stand dieses Amphitheater vor der Stadt draussen, woraus man die Vergr\u00f6sserung Bordeaux seit jener Zeit ermessen kann.\nSchliesslich erw\u00e4hne ich einer Eigent\u00fcmlichkeit der Bordeauxer Confiseur-Laden. In diesen bekommt man kein Eis, welches nur in den Kaffeeh\u00e4usern gereicht wird, wohl aber Pomade, Seife, Sch\u00f6nheitsw\u00e4sser u. dgl.\nDen 24. August.\nGestern 10 Uhr Abends hatte ich Bordeaux verlassen, wohl zufrieden mit meinem Ausfluge, und setzte meinen Weg \u00fcber Tours, Amboise, Yalois, Orleans \u2014 lauter malerische altert\u00fcmliche St\u00e4dte \u2014 nach Paris fort, wo ich um 4' 2 Uhr Nachmittags wohlbehalten eintraf.","page":166}],"identifier":"lit16314","issued":"1879","language":"de","pages":"157-166","startpages":"157","title":"Sechs Tage in und um Bordeaux: Skizze aus meinem Tagebuche","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T14:53:17.564419+00:00"}

VL Library

Book Section
Permalink (old)
http://vlp.uni-regensburg.de/references?id=lit16314
Licence (for files):
Creative Commons Attribution-NonCommercial
cc-by-nc

Export

  • BibTeX
  • Dublin Core
  • JSON

Language:

© Universitätsbibliothek Regensburg | Imprint | Privacy policy | Contact | Icons by Font Awesome and Icons8 | Powered by Invenio & Zenodo