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Bermerkungen über Naturwissenschaft und Spiritismus, Geistermanifestationen u. dgl.: Vorgetragen den 24. und 25 Januar 1873, im Amphitheater des physiologischen Privat-Laboratoriums an der Universität Leipzig

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{"created":"2022-01-31T16:05:16.471783+00:00","id":"lit16315","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 167-182. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0167.txt","language":"de","ocr_de":"Bemerkungen \u00fcber Naturwissenschaft und Spiritismus, Geistermanifestationen u, dgl,1)\nVorgetragen (len 24. und 23. Januar 1873. im Amphitheater des physiologischen Privat-Lahoratoriums an der Universit\u00e4t Leipzig.\n(Mit 1 Holzschnitt.)\nJeder Tag liefert bedauerliche Beweise daf\u00fcr, wie urtlieilslos sich der naturwissenschaftlich ungeschulte Mensch hei der Beobachtung von Naturvorg\u00e4ngen einem tr\u00fcgerischen Augenschein gefangen zu geben pflegt und Dinge und Geschehnisse thats\u00e4chlich und unmittelbar wahrgenommen zu haben steif und fest \u00fcberzeugt ist. welche sich in Wirklichkeit gar nicht ereignet haben !\nDiese Urtheilslosigkeit und diese Hartn\u00e4ckigkeit sind geradezu erstaunlich und lassen erkennen, wie wenig Gewicht der Naturforscher auf das aufrichtigste Zeugniss der glaubw\u00fcrdigsten und ehrenhaftesten Personen legen darf, wenn es sich um die Constatirung von noch un-\n1 Czermak hatte sich im November 1872 eingehend mit dem \u00bbWunderexperiment \u00fcber die Einbildungskraft der H\u00fchner\u00bb, dem eigenth\u00fcmlichen sc lila f artigen Zustande n\u00e4mlich, in welchen sie nach gewissen Manipulationen verfallen, besch\u00e4ftigt und in seinem dar\u00fcber an die k. Akademie der Wissenschaften zu Wien erstatteten Berichte (vgl. Bd. I, S. $36), gest\u00fctzt auf zahlreiche Versuche', den Beweis gef\u00fchrt, dass die vorgebliche wunderth\u00e4tige Einbildungskraft ganz und gar auf einer \u00bbungenau beobachteten Thatsache\u00ab beruhe. Dieselben Versuche nun f\u00fchrte Czermak in den zwei Vortr\u00e4gen (24. und 25. Januar 1873) vor einem zahlreichen Auditorium aus, und die \u00bbGartenlaube\u00ab ver\u00f6ffentlichte sie (Nummer 7\u201411. 1873) unter der Ueberschrift \u00bbUeber Hypnotismus (schlafartigen Zustand) bei Thicren, nebst gelegentlichen Bemerkungen \u00fcber Naturwissenschaft und Spiritismus, Geistermanifestationen u. dergl.\u00ab In der hier folgenden Mittheilung konnten die eigentlichen hypnotischen Versuche , weil deren bereits fr\u00fcher (Bd. I, S. 837' ausf\u00fchrlich Erw\u00e4hnung geschah , \u00fcbergangen werden , so dass \u2014 nur die \u00bbgelegentlichen Bemerkungen\u00ab hier wiedergegeben werden, in denen Czermak mit der ganzen Kraft seiner Ueberzeugung den Wunderglauben auch auf andern Gebieten der Natur zu bek\u00e4mpfen suchte. Es war sein letztes Wort!\tD. H.","page":167},{"file":"p0168.txt","language":"de","ocr_de":"J 68\nBemerkungen \u00fcber Naturwissenschaft\naufgekl\u00e4rten Naturerscheinungen und ihres urs\u00e4chlichen Zusammenhanges handelt, \u2014 selbst wenn jene Personen eine hervorragende allgemeine, und vielleicht auch naturwissenschaftliche Bildung besitzen, vom Geiste der exacten Naturforschung aber doch nicht v\u00f6llig durchdrungen sind. Wie oft muss man nicht von ernsten und aufrichtigen Berichterstattern \u00fcber ungew\u00f6hnliche oder zweifelhafte Naturvorg\u00e4nge die mit steigender Gereiztheit und Entr\u00fcstung vorgebrachte Versicherung h\u00f6ren: \u00bbIch bin aber doch selbst dabei gewesen! \u2014 ich habe ja selbst Alles mit meinen eigenen Augen mit angesehen, mit meinen eigenen Ohren mit angeh\u00f6rt ! Was ich berichte, ist eine Thatsache !\u00ab\nNun ja! \u2014 Der Mann ist ja selbst dabei gewesen: er hat Alles selbst mit angesehen und mit angeh\u00f6rt; er spricht im vollen Ernst, und er spricht die volle Wahrheit \u2014 und doch ! \u2014 was er berichtet, es hat sich niemals ereignet, und der Naturforscher hat vollkommen Beeilt, sein Zeugniss in den Wind zu schlagen und ihm nicht zu glauben, trotzdem er an seiner Wahrhaftigkeit nicht im Mindesten zweifelt. Dies klingt paradox genug, aber der unl\u00f6sbar scheinende Widerspruch steigert sich noch . l\u00f6st sich aber auch sofort durch die beschwichtigende Bemerkung, dass der fast schon beleidigte Augen- und Ohrenzeuge ja auch wirklich vollkommen Recht hat \u2014 insofern er n\u00e4mlich wahrheits-gem\u00e4ss nach bestem Wissen und Gewissen eine Thatsache berichtete, aber freilich nur eine \u00bbungenau beobachtete Thatsache\u00ab !\nEr hat in seiner naiven Urtheilslosigkeit, in der er sich gegen\u00fcber der Beobachtung und Ermittelung des Zusammenhanges von Naturvorg\u00e4ngen befindet, ein blosses Nach- oder Miteinander, d. h. eine einfache zeitliche Succession oder Comcidenz von Erscheinungen, f\u00fcr ein Aus- oder Durcheinander, d. h. f\u00fcr einen urs\u00e4chlichen Zusamin enh ang derselben genommen. Er hat zwar faetisch eine Thatsache berichtet \u2014 n\u00e4mlich zeitliche Aufeinanderfolge oder Comcidenz von gewissen wirklichen Dingen und Geschehnissen : \u2014 indem er aber dieses einfache zeitliche Verh\u00e4ltniss ohne Weiteres, d. h. ohne genaue und vollst\u00e4ndige Beobachtung und Pr\u00fcfung \u2014 wozu ihm entweder \u00fcberhaupt, oder gerade in diesem Falle sowohl der Sinn, als die specielle Schulung fehlt \u2014 f\u00fcr einen urs\u00e4chlichen Zusam-menh an g nahm, berichtete er etwas, was keine Thatsache mehr ist, er berichtete also ein thats\u00e4chliches Ereigniss, welches sich so, wie er meint, in Wirklichkeit niemals zugetragen hat.\nEin Ereigniss dieser Art kann man kaum anders und besser benennen, als eine \u00bbunvollst\u00e4ndig gepr\u00fcfte\u00ab oder \u00bbungenau beobachtete Thatsache\u00ab, und ich glaube, man ist nicht nur logisch berechtigt, sondern auch dringend veranlasst, unter den Thatsachen der Natur-","page":168},{"file":"p0169.txt","language":"de","ocr_de":"und Spiritismus, Geistermanifestationen etc.\n169\nBeobachtung eine neue und besondere Kategorie, die Kategorie der \u00bbungenau beobachteten Thatsachen\u00ab aufzustellen und zu unterscheiden, denn die Thatsaclien dieser Kategorie sind es, welche eine so ungeheure Bolle in der Geschichte der menschlichen Geistesentwickelung spielen. Ohne den Begriff dieser Kategorie von vermeintlichen Thatsaclien w\u00e4ren wir niemals im Stande, gewisse dunkle Erscheinungen und Richtungen des \u00f6ffentlichen Geistes und die Hartn\u00e4ckigkeit, mit welcher dieselben, kaum im Verschwinden, immer wieder auftauchen und sich erhalten, zu verstehen und zu erkl\u00e4ren.\nIch habe den Nachweis der unglaublichen LTtheilslosigkeit, in welcher sich der vom Geiste der exacten Naturforschung nicht v\u00f6llig durchdrungene, wenn auch sonst hochgebildete Mensch den Naturvorg\u00e4ngen gegen\u00fcber befindet, werthvoll genannt und die schon an und f\u00fcr sich interessanten physiologischen Erscheinungen, die uns hier besch\u00e4ftigen sollen, deshalb und insofern als sie Gelegenheit bieten, jenen Nachweis, an den sich gewisse culturhistorische Betrachtungen wie von selbst ankn\u00fcpfen, zu liefern. in doppelter Hinsicht f\u00fcr interessant erkl\u00e4rt: \u2014 weil ich der Ueberzeugung bin, dass man es nicht oft und eindringlich genug sagen kann, wie erst der Geist der strengen Naturforschung. ja die Gewohnheit, in echtem Sinne Naturbeobachtung zu treiben, eine Sch\u00e4rfe der Kritik, eine Strenge des Beweises und der Pr\u00fcfung fordern lehrt, ohne welche die Herrschaft und das Umsichgreifen der beiden culturfeindliehen M\u00e4chte, der Leichtgl\u00e4ubigkeit und des Aberglaubens, weder zu brechen noch zu hemmen sind ! \u2014\nWir Kinder des neunzehnten Jahrhunderts sind nicht wenig stolz auf unsere Civilisation, Cultur und Aufkl\u00e4rung. Und in der That l\u00e4sst sich bei einer Vergleichung des im Mittelalter herrschenden Geistes mit dem, der in j\u00fcngerer Vergangenheit und Gegenwart herrschte und herrscht, ein m\u00e4chtiger Fortschritt auf der Bahn der Aufkl\u00e4rung nicht verkennen.\nIndessen wir haben keinen Grund, die H\u00f6he der Entwickelung, auf der wir heute stehen, zu \u00fcbersch\u00e4tzen. so lange noch bis in die j\u00fcngste Zeit herab und in der Gegenwart selbst auf den verschiedensten Gebieten gewisse Geistesrichtungen und Erscheinungen zu Tage treten und sich geltend machen k\u00f6nnen, welche geradezu undenkbar und unm\u00f6glich w\u00e4ren, wenn die Resultate und insbesondere die Methode der Naturforschung, oder auch nur die Achtung vor beiden, der lebenden Generation bereits so zu sagen in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen w\u00e4ren.\nEs w\u00fcrde mich viel zu weit von meinem Gegenst\u00e4nde abf\u00fchren, wollte ich auch nur eine ganz fl\u00fcchtige Umschau Uber alle diese Rieh-","page":169},{"file":"p0170.txt","language":"de","ocr_de":"Bemerkungen \u00fcber Naturwissenschaft\n1 70\ntungen und Erscheinungen halten, welche als dunkle Flecken und schwarze Punkte auch noch die j\u00fcngste Phase unseres relativ m\u00e4chtig aufgekl\u00e4rten Culturlebens verunzieren. F\u00fcr unscrn Zweck mag es gen\u00fcgen, hier zun\u00e4chst nur beil\u00e4ufig auf die Manie des Tischr\u00fccken s, des Tischschreibens, des Geisterklopfens, an den ganzen wunderlichen Spuk des Spiritismus, des thierischen Magnetismus, der Hellseherei und der verwandten Gebiete zu erinnern.\nDie hypnotischen Erscheinungen hei Thieren haben uns gezeigt, wie schwer es ist, aus dem tr\u00fcgerischen Gebiete der \u00bbungenau beobachteten\u00ab Thatsaclie heraus auf den festen sicheren Boden wirklich that-s\u00e4chlichen Geschehens zu gelangen; welche Umsicht, welche Strenge des Beweises, welche Sch\u00e4rfe der Kritik die naturwissenschaftliche Forschung unbedingt fordern muss, wenn es sich um die Auffindung und Constatirung von Thatsachen handelt \u2014 und endlich wie wenig Gewicht das aufrichtigste Zeugniss der glaubw\u00fcrdigsten und ehrenhaftesten Personen f\u00fcr die Wissenschaft haben kann, wenn jene Personen \u2014 trotz aller Ehrenhaftigkeit und aller sonstigen, vielleicht selbst naturwissenschaftlichen Bildung \u2014 vom Geiste der exacten Xaturfor-sclmng doch nicht wirklich und nicht v\u00f6llig durchdrungen sind.\nIst aber diese \u00fcberhaupt nie zu vernachl\u00e4ssigende Vorsicht bei der Werthsch\u00e4tzung von Berichterstattungen und Zeugnissen, namentlich \u00fcber solche thats\u00e4chliche Erscheinungen, welche aus dem Itahmen der gew\u00f6hnlichen Naturvorg\u00e4nge herauszutreten scheinen, schon dann besonders gerechtfertigt, wenn, wie bei hypnotischen Zust\u00e4nden der Thiere. jede Spur eines Verdachtes von absichtlicher T\u00e4uschung und Betrug ausgeschlossen ist, um wieviel mehr ist dann selbstverst\u00e4ndlich Zweifel, Zur\u00fcckhaltung und Ablehnung unabweisliches Gebot und Pflicht, wenn es sich um Erscheinungsgebiete handelt, welche einerseits dem ganzen bisherigen sicheren Besitz der Wissenschaft Hohn sprechen, andererseits nicht nur dem Verdacht, sondern, zuweilen wenigstens, notorisch einem wirklichen Hineinspielen von absichtlicher T\u00e4uschung und Betrug unterliegen. Dieses letzteren, zwiefach bedenklichen Charakters erfreuen sich nun aber, wie jeder Besonnene zugeben muss, zweifellos die von Tausenden von Augen- und Ohrenzeugen berichteten und f\u00fcr wirklich gehaltenen Erscheinungen im Gebiete des Mesmerismus, der Hellseherei, des Spiritismus , der Geistermanifestationen etc.\nIndessen, die strenge Naturwissenschaft, als eine Erfahrungswissenschaft, entscheidet sich niemals a priori, und der zwiefach bedenkliche Charakter an sich w\u00fcrde die Wissenschaft niemals abhalten, Erscheinungsgebiete solchen Charakters ernstlich in den Bereich ihrer","page":170},{"file":"p0171.txt","language":"de","ocr_de":"xuul Spiritismus, Geistermanifestationen etc.\n171\nForschung und Pr\u00fcfung zu ziehen \u2014 und dennoch verh\u00e4lt sich die Wissenschaft unserer Tage gegen\u00fcber dem Spiritismus und den verwandten Gebieten in jeder Hinsicht absolut ablehnend! Sollten etwa die leidenschaftlichen Anklagen und Vorw\u00fcrfe, welchen die Vertreter der Wissenschaft und die Wissenschaft selbst, eben wegen ihres bisher unersch\u00fctterten, absolut ablehnenden Verhaltens, von Seiten der zahllosen fanatischen Bearbeiter und Gl\u00e4ubigen dieser mysteri\u00f6sen Gebiete fortw\u00e4hrend ausgesetzt sind, am Ende doch nicht ganz unberechtigt sein ?\nKeineswegs !\nEs wird mir leicht sein, vor Ihrem Urtlieil, meine hochverehrten Anwesenden, die viel verketzerte Haltung der Wissenschaft und ihrer echten Vertreter vollkommen zu rechtfertigen, oder doch zu erkl\u00e4ren und zu entschuldigen, jene Vorw\u00fcrfe und Anklagen aber einmal geb\u00fchrend zur\u00fcckzuweisen und abzufertigen. \u2014 Ich glaubte mich dieser undankbaren Aufgabe, als einer Pflicht meiner besonderen Berufstli\u00e4-tigkeit in diesen der Verbreitung wahrer Aufkl\u00e4rung errichteten B\u00e4umen. um so weniger entziehen zu d\u00fcrfen, als mich das Thema meiner vorgef\u00fchrten wissenschaftlichen Untersuchung so nahe an jene Gebiete herangef\u00fchrt hat, auf denen Leichtgl\u00e4ubigkeit, Aberglaube, Ur-theilslosigkeit \u2014 und oft noch Schlimmeres dominiren. \u00bbUndankbar\u00ab nannte ich die Aufgabe, weil man sich Potenzen gegen\u00fcber befindet, gegen welche, wie das Spr\u00fcchwort sagt, \u00bbG\u00f6tter selbst vergebens k\u00e4mpfen\u00ab.\nImmerhin ! Die geringe Hoffnung, oder vielmehr die begr\u00fcndete Hoffnungslosigkeit, Besonnenheit und Vernunft mit einigem Erfolg zu predigen, das heisst Verirrte auf den rechten Weg zur\u00fcckzuf\u00fchren, Unkundige vor Irrwegen zu bewahren. die in ihrer Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung und Verblendung durch die unwiderstehliche Macht der ungenau beobachteten Thatsache keiner F\u00fchrung, keines Bathes zu bed\u00fcrfen meinen. kann mich nicht abhalten, meine Pflicht zu tliun. Die Genugtuung darf ich mir jedoch von vornherein versprechen, dass alle n\u00fcchternen Vertreter der Naturwissenschaft \u2014 ohne Ausnahme \u2014 mit meinen Bemerkungen, welche ich \u00fcbrigens, schon zu meiner Sicherstellung gegen absichtliche oder missverst\u00e4ndliche Entstellungen, demn\u00e4chst publieiren werde, v\u00f6llig \u00fcbereinstimmen werden. Ich bin mir klar und voll bewusst. dass ich im Sinne und im Namen der strengen Naturwissenschaft spreche.\nSo h\u00f6ren Sie denn, meine hochverehrten Anwesenden, was ich zu sagen habe, und machen Sie sich davon f\u00fcr Ihr ferneres Verhalten gegen\u00fcber den Lockungen vielleicht allzu lieb gewordener Beseh\u00e4f-","page":171},{"file":"p0172.txt","language":"de","ocr_de":"172\nBemerkungen \u00fcber Naturwissenschaft\ntigungen so viel zu Nutze, wie der ernsten und ruhigen Ueberlegung und Pr\u00fcfung, die Sie nur immer auf bieten k\u00f6nnen, irgend m\u00f6glich sein wird ! \u2014\nDiejenigen, welche auf den fraglichen, durch den Reiz des Ge-heimnissvollen und Wunderbaren anziehenden und bestrickenden Gebieten tli\u00e4tig sind, lassen sicli in zwei Haupteiassen bringen. \u2014 Die eine Classe wird von Menschen gebildet, welchen es gar nicht um die Constatirung und Erforschung der angeblichen wunderbaren \u00bbTliat-sachen\u00ab ernst und ehrlich zu tlmn ist, sondern die aus irgendwelchen mehr oder weniger u n 1 a u t e r e n o d e r a u c h harmlosen Motive n zur Betheiligung an diesen Dingen getrieben werden. Hierher geh\u00f6ren die frivolen Zeitvertreib oder materiellen Gewinn Suchenden, also jene Berufslosen, die sich mit einem eitlen Nimbus umgeben und die Zeit mit scheinbar bedeutsamer Gesch\u00e4ftigkeit todtschlageu wollen, ferner die mehr oder weniger bewussten Charlatane, die betrogenen Betr\u00fcger und die Betr\u00fcger schlechthin. Von diesem Gelichter brauche ich hier nicht weiter zu sprechen !\nDie andere Classe jedoch machen jene anst\u00e4ndigen und ehrenwerthen Leute aus, welche es wirklich ernst und aufrichtig mit der Sache meinen \u2014 und diese haben ein volles Hecht, von uns ber\u00fccksichtigt, besprochen und ernst und wohlmeinend zurechtgewiesen zu werden \u2014 wenn auch Rath und Belehrung nat\u00fcrlich taube Ohren finden !\nIn dieser Classe sind wieder zwei Gruppen zu unterscheiden: erstens gute Menschen. aber schlechte oder vielmehr gar keine Musikanten, d. h. die naturwissenschaftlichen Laien, die sich entweder niemals oder nur ganz oberfl\u00e4chlich mit Naturforschung, ihren Resultaten und Methoden besch\u00e4ftigt haben; und zweitens einige wenige Naturforscher von Beruf, die sich sogar auf ihren spe-ciellen Fachgebieten wirkliche und bleibende Verdienste um die Wissenschaft erworben haben k\u00f6nnen.\nVon Denjenigen, welche zur ersten Gruppe dieser Classe geh\u00f6ren und somit ohne Beruf und specielle Vorbildung anscheinend so verwickelte und r\u00e4thselhafte Vorg\u00e4nge zu untersuchen sich unterfangen, k\u00f6nnen wir einfach Folgendes sagen: H\u00e4tten diese Biederm\u00e4nner auch nur eine Ahnung von den Erfordernissen und Schwierigkeiten einer exacten Naturbeobachtung, einen leisen Begriff von der Strenge des Beweises, welche die Wissenschaft unbedingt fordern muss, wenn es sich um die Constatirung von Thatsaclien und um die Ermittelung des urs\u00e4chlichen Zusammenhanges selbst der einfachsten Vorg\u00e4nge handelt . so w\u00fcrden sie in aller Bescheidenheit von ihren wunderlichen,","page":172},{"file":"p0173.txt","language":"de","ocr_de":"und Spiritismus, Geistemanifestationen etc.\n173\nsinn- und fruchtlosen Bestrebungen g\u00e4nzlich ablassen, und \u2014 wohlgemerkt \u2014 zuerst und vor Allem mit dem so reichen Schatze der Errungenschaften der heutigen Naturlehre und mit jenem Geiste der n\u00fcchternen, strengen Forschung sich bekannt zu machen und zu durchdringen suchen, ohne welchen der Mensch \u2014 einem Schiff ohne Steuer und Compass vergleichbar \u2014 auf dem Meere des Irrthums und der T\u00e4uschung rettungslos herumgeworfen \u2014 bis zum Bl\u00f6dsinn verwirrt werden kann ! \u2014 Ihnen sei der aufrichtige und wohlgemeinte Bath ertheilt, sich, trotz aller Lockung, alles Beizes des Geheimniss-vollen und Uebernat\u00fcrliehen, von jenen nutzlosen und die Integrit\u00e4t ihrer Geistesfunctionen gef\u00e4hrdenden Besch\u00e4ftigungen absolut fern zu halten. Ein trefflicher Wahrspruch sagt: \u00bbEs gibt eine Tugend der Entsagung im intellectuellen, wie im moralischen Gebiet.\u00ab Und man muss hier, um sich nicht in Versuchung zu f\u00fchren, diese Entsagung nach den \u00fcbertrieben rigorosen, aber praktisch erprobten Principien der englischen Temperance-Vereine bis zum intellectuellen \u00bbTeato-talism\u00ab treiben !\nSchwieriger, so scheint es, ist\u2019s, mit der zweiten Gruppe dieser Classe fertig zu werden, \u2014 indessen ist es f\u00fcr jeden Denkenden klar, w\u00e4ren die wenigen Naturforscher, welche diese Gruppe ausmachen, vom Geiste der n\u00fcchternen, strengen Forschung, der ihnen fr\u00fcher eigen gewesen sein mag, nicht g\u00e4nzlich verlassen, so w\u00fcrden sie l\u00e4ngst Mittel und Wege gefunden haben m\u00fcssen, die \u00bbungenau beobachteten\u00ab Thatsachen, f\u00fcr welche, als von wirklichen Thatsachen, Zeug-niss abzulegen sie sich nicht entbl\u00f6den, wenigstens in einer echt wissenschaftlichen, das Vertrauen und die Beachtung aller n\u00fcchternen Forscher gewinnenden Weise zu eonstatiren. Da ihnen dies aber niemals und in keiner Weise \u2014 h\u00f6chstens gegen\u00fcber der Urtheilslosig-keit beschr\u00e4nkter Fanatiker \u2014 gelungen ist, so sinkt der Werth auch ihres Zeugnisses, trotz seiner zweifellosen Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, auf das gleiche Niveau mit den nicht minder glaubw\u00fcrdigen und ernst gemeinten Zeugnissen der urtheilslosen Laienmenge, der ersten Gruppe dieser Classe von Biederm\u00e4nnern, herab.\nIn Bezug auf die Beobachtung und Erkenntniss der Naturvorg\u00e4nge kann man nicht, wie Uber menschliche Gesetzesparagraphen, per majora abstimmen lassen, \u2014 hier d\u00fcrfen die Stimmen eben nicht gez\u00e4hlt \u2014 sie m\u00fcssen gewogen werden !\nUm \u00fcbrigens keine Veranlassung zu Missverst\u00e4ndnissen zu geben, will ich ausdr\u00fccklich hervorheben, dass die selbstverst\u00e4ndlich sehr vereinzelten Naturforscher, von denen ich hier spreche, nicht etwa deshalb allen ihren fr\u00fcheren etwaigen Buf, all\u2019 ihr Gewicht und An-","page":173},{"file":"p0174.txt","language":"de","ocr_de":"174\nBemerkungen \u00fcber Naturwissenschaft\nsehen in der Wissenschaft Verdientermassen verloren haben, weil sie mit ihrem Zeugniss f\u00fcr die Realit\u00e4t unerh\u00f6rter und absolut unglaublich erscheinender Vorg\u00e4nge \u00f6ffentlich eintraten, sondern nur deshalb, wie und auf welche Begr\u00fcndung hin sie dies thaten \u2014 d. h. Dinge f\u00fcr wirkliche Thatsachen erkl\u00e4rten, die bisher noch gar nichts als h\u00f6chstens \u00bbungenau beobachtete\u00ab Thatsachen sind.\nDa zeiht man uns der Verstocktlieit und Unwissenheit und verweist uns triumphirend auf die \u00bbwissenschaftlichen\u00ab Untersuchungen und \u00f6ffentlichen Kundgebungen eines IIare, eines Crookes, Butlerow und anderer wohlbekannter und anerkannter \u00bbNaturforscher\u00ab !\nWer sich aber \u00fcberwindet und diese haarstr\u00e4ubende Literatur einsieht, der wird nur noch mehr in seinem absolut ablehnenden Verhalten best\u00e4rkt werden. Gerade die Art, wie jene \u00bbNaturforscher\u00ab ihre sogenannten wissenschaftlichen Experimente anstellen, und wie sie \u00fcber dieselben berichten, beweist aufs Klarste, dass sie keine mehr sind, wenn sie \u00fcberhaupt jemals den Ehrennamen Naturforscher in der vollen und ganzen Bedeutung des Wortes verdient haben. Um nur Ein schlagendes Beispiel anzuf\u00fchren, so erkl\u00e4rt Crookes \u2014 und macht davon sogar eine ganz ernsthafte Mittheilung an die Gesellschaft der Wissenschaften in London, deren Mitglied er ist, eine \u00bbneue Naturkraft\u00ab entdeckt zu haben, die er \u2014 weil sie von gewissen Menschen , den sogenannten \u00bbMedien\u00ab oder \u00bbPsycliikern\u00ab ausgeht \u2014 \u00bbpsychische Kraft\u00ab nennt. Durch die Einwirkung dieser Kraft soll, nach Crookes, das Gewicht eines K\u00f6rpers thats\u00e4chlich um viele Pfund vermehrt und wieder vermindert werden k\u00f6nnen, ohne dass der K\u00f6rper sonst irgendwie ver\u00e4ndert, ja auch nur von dem sogenannten \u00bbMedium\u00ab ber\u00fchrt wird.\nUnd wie denken Sie, dass Crookes eine solche, allen Gesetzen der Schwere Hohn sprechende, wahrhaft weltersch\u00fctternde Thatsache begr\u00fcndet und sicher gestellt hat '! ! \u2014 Sie werden es kaum f\u00fcr m\u00f6glich halten, wenn ich sage : er that dies einfach dadurch , dass er wiederholt wirklich gesehen und constatirt zu haben versichert, dass in Gegenwart gewisser Personen, der sogenannten Medien, eine Federwage, von \u00e4hnlicher Art, wie man sie zur Portoberechnung von Briefen braucht, Ausschl\u00e4ge gab, deren Ursache nicht augenf\u00e4llig war !\nIch schalte hier zum besseren Verst\u00e4ndniss eine kleine schematische Zeichnung ein, welche das Princip eines der von Crookes gebrauchten Apparate erl\u00e4utert. B ist ein mehrere Fuss langes, starkes Mahagonibrett, dessen eines Ende mit einer scharfen, an seiner unteren Fl\u00e4che vorspringenden Kante auf dem Tisch T ruht, w\u00e4hrend das andere Ende an der an einem Gestell G befestigten","page":174},{"file":"p0175.txt","language":"de","ocr_de":"und Spiritismus, Geistermanifestationen etc.\n175\nFederwage 1F li\u00e4ngt und von derselben freischwebend getragen wird. Der Index oder Zeiger der Federwage gibt an. wie gross das Gewicht ist, welches dieselbe zu tragen hat. Jede Zu- oder Abnahme des Gewichtes, aber auch jeder Stoss, jede Ersch\u00fctterung, welche dem schwebenden Brette mitgetheilt wird, muss sich durch ein Steigen oder Fallen des Index an der Scala der Wage bemerklich machen. Und nun versichert Crookes, solche Ausschl\u00e4ge des Index in Gegenwart seiner Medien beobachtet zu haben, sogar dann, wenn Mr. Home, das ber\u00fcchtigte Hauptmedium, den Apparat gar nicht ber\u00fchrte, sondern, bis drei Fuss davon entfernt, an H\u00e4nden und Fiissen festgehalten wurde ! \u2014 Und das ist Alles ! Darauf hin, dass die Federwage unter\n\u00db\ndiesen Umst\u00e4nden deutliche Ausschl\u00e4ge gab, welche keine au.\nf\u00e4llige und handgreifliche Ursache zu haben schienen, wagt Crookes seine exorbitante Behauptung ! ! deren Ungeheuerlichkeit wohl kaum von Ihnen Allen nach Geb\u00fchr ermessen und empfunden werden d\u00fcrfte.\nVon \u00fcberzeugenden Controlversuchen, von ausgiebigen, vertrauenerweckenden Vorsichtsmaassregeln gegen T\u00e4uschung und Betrug ist nicht das Mindeste zu finden. Wem das, was Crookes in dieser Richtung , abgesehen von ganz allgemeinen Versicherungen seiner Serupu-losit\u00e4t und Vorsicht, gethan zu haben angibt, imponirt oder gen\u00fcgt, der stellt auf einem so kindlichen Standpunkt naturwissenschaftlicher Urtheilslosigkeit, dass er einfach kein Recht hat, \u00fcber diese Dinge mitzusprechen !\nDass eine Federwage Ausschl\u00e4ge gibt, ist eine That sache, die \u00fcberaus leicht sicher zu stellen ist. Wir k\u00f6nnen es daher auf Crookes' Zeugniss hin ruhig als Thatsache annehmen, dass seine Federwage, seine F\u00fchlhebel in Gegenwart der sogenannten Medien wirklich Ausschl\u00e4ge gegeben haben. Allein, wenn Crookes als Thatsache hin-","page":175},{"file":"p0176.txt","language":"de","ocr_de":"170\nBemerkungen \u00fcber MaturWissenschaft\nstellt, dass die sogenannte \u00bbpsychische Kraft\u00ab des anwesenden Mediums es war, welche diese Ausschl\u00e4ge verursachte, indem sie die Schwere der tr\u00e4gen Massen zeitweilig ver\u00e4nderte ! ! , so ist dies, trotz aller Versicherungen, noch lange keine wirkliche Thatsache, sondern h\u00f6chstens eine ernstgemeinte Angabe \u00fcber eine \u00bbungenau beobachtete Thatsache\u00ab, und zwar eine Angabe, welche gar keinen Glauben, ja nicht einmal die geringste ernsthafte Beachtung verdient. Und zwar verdient diese Angabe nicht einmal die letztere nicht etwa deshalb, weil sie eine \u00bbungenau beobachtete\u00ab Thatsache betrifft, es gibt ja viele Thatsachen dieser Kategorie, welche die h\u00f6chste Beachtung verdienen, und mit welchen sich auch die Wissenschaft aufs Ernstlichste befasst, sondern einfach deshalb nicht. weil einerseits das unzweifelhaft That-s\u00e4chliche in Crookes' Angabe n\u00e4mlich : ein ohne augenf\u00e4llige Ursache erfolgender Ausschlag an einer Federwage oder au einem F\u00fchlhebel, an sich gar nichts Bemerkenswerth.es ist, und weil andererseits nicht der mindeste, Zutrauen erweckende, experimentelle Nachweis geliefert ist, dass die beobachteten Ausschl\u00e4ge wirklich nur in Gegenwart von sogenannten Medien erfolgten, und dass sie in der That keine durch die bisher bekannten Naturgesetze begreifliche Ursache gehabt haben k\u00f6nnen!\nW\u00e4re ein solcher Nachweis in exacter Weise auch nur versucht worden, so w\u00fcrden Crookes' Angaben schon einige Beachtung verdienen und zu einer Wiederholung seiner Versuche einladen, um eine sonderbare, \u00bbungenau beobachtete\u00ab Thatsache zu pr\u00fcfen; w\u00e4re jener Nachweis gar vollg\u00fcltig und streng erbracht worden, dann h\u00e4tte Crookes eine der unerh\u00f6rtesten Thatsachen von unberechenbarer Tragweite entdeckt, und seine Angaben w\u00fcrden sich die allgemeinste, eingehendste Beachtung und W\u00fcrdigung aller ernsten Naturforscher augenblicklich und mit Einem Schlage erzwungen haben: wie etwa seiner Zeit die Angaben Volta's, als er seine S\u00e4ule baute, welche nicht minder unglaubliche und unerh\u00f6rte Erscheinungen darbot ! \u2014 So aber, wie die Sachen factisch stehen, haben Crookes\u2019Angaben, so wie die anderen von Hunderten und Tausenden von Biederm\u00e4nnern bezeugten \u00bbThatsachen\u00ab von freischwebenden Tischen, fliegenden Guitarren, selbstmusicirenden Harmonikas, akustischen Klopferscheinungen etc. genau denselben Anspruch auf wissenschaftliche und ernste Beachtung, wie das erste beste, frappante Taschenspielerkunstst\u00fcck-clien. dessen nat\u00fcrlichen Zusammenhang aufzukl\u00e4ren wohl von Niemandem als eine w\u00fcrdige Aufgabe der ernsten Naturforschung betrachtet werden d\u00fcrfte, so interessant auch oft, besonders in psychologischer Hinsicht, der wahre und nat\u00fcrliche Grund der T\u00e4uschung sein mag.","page":176},{"file":"p0177.txt","language":"de","ocr_de":"und Spiritismus, Geistermanifestationen etc.\n177\nUnd so wenig es irgend einen verst\u00e4ndigen Menschen ernstlich beunruhigen wird, wenn es ihm nicht gelingt, den nat\u00fcrlichen Zusammenhang eines h\u00fcbschen und frappanten Kunstst\u00fcckchens zu ergr\u00fcnden, genau ebenso wenig kann und darf sich irgend Jemand, der nicht allen naturwissenschaftlichen Geistes bar ist, durch die fraglichen, so hundertf\u00e4ltig von den ehrenwerthesten Leuten bezeugten, absonderlichen spiritistischen etc. \u00bbThatsachen\u00ab beunruhigen lassen, so lange auch nicht der leiseste, Zutrauen erweckende Nachweis von Seite der Apostel dieses Spuks erbracht ist, dass jeder Gedanke an die M\u00f6glichkeit einer nat\u00fcrlichen Erkl\u00e4rung an sich so nat\u00fcrlicher und h\u00f6chst gleichg\u00fcltiger Erscheinungen, wie es die sogenannten \u00bbphysikalischen\u00ab Geistermanifestationen sind, absolut ausgeschlossen ist.\nNur dadurch, dass die Ursachen dieser Erscheinungen nicht augenf\u00e4llig sind, gewinnen diese letzteren in den Augen der Ur-theilslosen \u00fcberhaupt eine \u00fcbertriebene Bedeutung. Aber in dieser Beziehung unterscheiden sie sich doch \u2014 wie selbst der verbohrteste Fanatiker zugeben muss \u2014 durchaus nicht von guten Taschenspielerst\u00fcckchen , die meist noch viel interessanter sind und oft nicht minder unerkl\u00e4rlich erscheinen \u2014 sonst w\u00e4ren es eben nicht gute ! Ob sie sich aber von Taschenspielerkunstst\u00fcckchen \u2014 abgesehen davon, dass wir bei ihnen den Taschenspieler nicht immer kennen, ja \u00fcberhaupt nicht einmal wissen, ob ein solcher gegenw\u00e4rtig ist \u2014 in irgend einer anderen Beziehung unterscheiden? dar\u00fcber verlangen wir eben von den \u00bbspiritistischen\u00ab Herren \u00bbNaturforschern\u00ab und \u00bbGelehrten\u00ab wie Vari.ky, Wallace, Crookes, Butlerow und Anderen zuerst eine lialbwegs gen\u00fcgende Auskunft. bevor wir ihnen und der \u00fcbrigen ur-theilslosen Menge das liecht zugestehen. der Wissenschaft und ihren Vertretern auch nur den leisesten Vorwurf wegen ihres absolut ablehnenden Verhaltens gegen\u00fcber diesen Dingen zu machen.\nDiese Herren haben weder den Schatten einer Veranlassung, sich \u00fcber etwas zu beklagen, als \u00fcber ihre \u2014 eigene Unf\u00e4higkeit, noch irgend ein Recht, irgend Wem einen Vorwurf zu machen, als sich selbst, dass es ihnen eben nicht gelingt, ihre sogenannten \u00bbGeister-manifestationen\u00ab etc. \u00fcber das Niveau von Taschenspielerkunstst\u00fcckchen zu erheben.\nDamit will ich, wie ich ausdr\u00fccklich betone, durchaus nicht gesagt haben, dass man alle die an sich meist so allt\u00e4glichen und nichtssagenden Erscheinungen, welche so vielen Menschen als h\u00f6chst bedeutsam und wunderbar imponiren, f\u00fcr mehr oder weniger geschickte , bewusste Taschenspielerkunstst\u00fcckchen zu halten habe, ob-\nCzerinak, Schriften. II.\tJ2","page":177},{"file":"p0178.txt","language":"de","ocr_de":"178\nBemerkungen Uber Naturwissenschaft\nschon manche derselben als solche nachgewiesen wurden \u2014 erinnern Sie sich nur des Davenport-Scandals!1) \u2014, mit einem derartigen maassgehenden Ausspruche w\u00fcrde ich ja den einzig berechtigten, absolut ablehnenden Standpunkt der strengen Wissenschaft seihst verlassen , \u2014 wohl aber will ich damit sagen , dass man die ersteren, die sogenannten \u00bbManifestationen\u00ab, vorl\u00e4ufig so wenig wie die letzteren, die guten und schwer zu entr\u00e4thselnden \u00bbTaschenspielerkunstst\u00fcckchen\u00ab , f\u00fcr eine w\u00fcrdige Aufgabe der ernsten Naturforschung betrachten k\u00f6nne und d\u00fcrfe ! Uebrigens habe ich, indem ich die Mittheilungen und Versuche von Crookes, dem bekannten englischen Gelehrten, dem verdienstvollen Entdecker des Thalliums, einem Sch\u00fcler unseres grossen Chemikers Hofmann in Berlin \u2014 fr\u00fcher in London \u2014, als charakteristisches Beispiel aus der sogenannten \u00bbspiritualistischen\u00ab Literatur herbeizog, noch das Beste ausgew\u00e4hlt, was in ihr enthalten ist. Haben sich ja doch selbst die auf diesem Gebiete th\u00e4tigen Herren \u00bbNaturforscher\u00ab, wie einer der gesch\u00e4ftigsten Verbreiter jener Schundliteratur , bezeichnend genug, dem verstorbenen amerikanischen Chemiker und \u00bbSpiritisten\u00ab Mr. Hare nachr\u00fchmt (!), \u00bbnicht blos bei der physikalischen Seite der (Geister-) Manifestationen aufgehalten\u00ab !) \u2014 und findet man in jener Literatur, auf die man uns triumphirend zu verweisen die Stirn hat, mit wachsendem Erstaunen, in einem Meere von hirnlosem Geschw\u00e4tz und phantastischen Erg\u00fcssen gl\u00e4ubiger Fanatiker nichts \u2014 rein gar nichts als einerseits einige kindische oder ganz sinnlose Veranstaltungen, welche physikalische Apparate und exacte Pr\u00fcfungsmittel vorstellen sollen \u2014 und andererseits mehr oder weniger glaubw\u00fcrdige Berichte und Zeugnisse f\u00fcr die Realit\u00e4t \u2014 \u00bbungenau beobachteter Thatsaehen\u00ab !\nIndessen, man wird vielleicht einwenden, \u00bbungenau beobachtete Thatsaehen\u00ab, welche von Hunderten von ehrenwerthen Menschen bezeugt werden, sind doch der wissenschaftlichen Beachtung und Pr\u00fcfung werth und bed\u00fcrftig \u2019! !\n0 ja! \u2014 aber lange nicht alle und nicht in gleich hohem Grade. Die Wissenschaft und ihre Vertreter haben das Recht und sogar die Pflicht, Zeit und Arbeit zu Rathe zu halten : sie haben mehr und Besseres zu thun, als \u00fcber jedes beliebige Ding, auf jede beliebige Frage Rede und Antwort zu geben ! \u2014 Sie kennen Alle das Sprichwort von dem Einen Narren und den sieben Weisen ! Was sich in keiner der\n1 Vgl. auch den reizend erz\u00e4hlten Bericht Tyndall's \u00fcber eine \u00bbs\u00e9ance\u00ab mit Spiritisten, in dessen Werk: Fragments of science. London 1871. 2. Edition p. 427.","page":178},{"file":"p0179.txt","language":"de","ocr_de":"und Spiritismus, Geistermanifestationen etc.\n179\nernsten Beachtung w\u00fcrdigen und trotz aller Unerh\u00f6rt])eit und Sonderbarkeit Vertrauen erweckenden Art und Weise darzustellen vermag, darf eben keinen Anspruch auf ernste Beachtung von Seiten der Wissenschaft erheben. In diesem Falle befinden sich aber die frei-schwebenden Tische, die fliegenden Guitarren, die akustischen Klopferscheinungen , die CROOKEs\u2019schen ohne augenf\u00e4llige Ursache Ausschlag gebenden Federwagen und F\u00fchlhebel u. dergl. \u2014 von der sogenannten \u00bbintellectuellen Seite dieser Ph\u00e4nomene\u00ab, dem directen Verkehr mit Abgeschiedenen etc. nat\u00fcrlich ganz zu schweigen !\nDas Geschrei der Hunderte oder Tausende von einfachen Augen-uud Ohrenzeugen, das triumphirende Hinweisen auf die sogenannten \u00bbwissenschaftlichen\u00ab Untersuchungen einiger \u2014 eben aus der Qualit\u00e4t dieser Untersuchungen nachweislich unf\u00e4hig gewordener Naturforscher \u00e4ndert an dieser Sachlage nicht das Mindeste. Ol) einer oder der andere Vertreter der Wissenschaft diese Dinge dennoch beachten mag, h\u00e4ngt von seinen pers\u00f6nlichen Neigungen und von zuf\u00e4lligen Umst\u00e4nden ab.\nWer keine Neigung dazu in sich sp\u00fcrt und sich fern h\u00e4lt, den kann darum nicht der leiseste Vorwurf treffen ! Mein hochverehrter alter Freund, Professor Sharpey, der fr\u00fchere langj\u00e4hrige Secret\u00e4r der Gesellschaft der Wissenschaften in London, z. B. war, wie ich meine, vollkommen im Beeilt, als er der freundlichen Einladung von Crookes, dessen \u00bbExperimenten\u00ab mit Mr. Home beizuwohnen, nicht nachkam; ja er handelte zugleich mit \u00fcberlegter Lebensklugheit, da die Herren Spiritisten und \u00e4hnliche Fanatiker sehr geneigt sind, M\u00e4nner der Wissenschaft, welche sich bei solchen peinlichen Gelegenheiten in den schonenden Formen der gebildeten Welt aussprechen, sofort als zustimmende Zeugen von Gewicht auszuposaunen. Eacemplu demonstmnt \u2014 Beispiele beweisen ! So ist der Brief des ber\u00fchmten Astronomen Huggins vom 9. Juni 1871 an Herrn Crookes offenbar nichts als eine allerdings in \u00fcberaus schonenden und h\u00f6flichen Wendungen vorgebrachte, aber ganz entschiedene Ablehnung jeder Meinungsgenossenschaft mit Herrn Crookes bez\u00fcglich der in Huggins\u2019 Gegenwart im CnooKEs'schen Hause stattgehabten Erscheinungen \u2014 und doch wird dieser Brief mit triumphirender Freude in spiritistischen Schriften citirt, und Huggins in Folge dessen \u2014 wahrscheinlich sehr gegen seinen Willen \u2014 von manchen Seiten f\u00fcr eine der \u00bbwissenschaftlichen Autorit\u00e4ten\u00ab gehalten, welche ihr gewichtiges \u00bbZeugniss\u00ab f\u00fcr die Bealit\u00e4t \u00bbspiritistischer Erscheinungen\u00ab, aussernat\u00fcrlicher \u00bbGeistermanifestationen\u00ab etc. abgegeben h\u00e4tten ! \u2014 Urtheilen Sie selbst ! Zur vollst\u00e4ndigen Ehrenrettung von Huggins und als schlagende Illustration\n12*","page":179},{"file":"p0180.txt","language":"de","ocr_de":"180\nBemerkungen \u00fcber Naturwissenschaft\nzu dein von mir ger\u00fcgten Verfahren der Herren \u00bbSpiritisten\u00ab, sehe ich mich veranlasst, den fraglichen Brief im Wortlaut hier mitzutheilen.\n\u00bbUpper Tulse Hill, S. W., den 9. Juni 1ST).\nMein hochverehrter Mr. Crookes !\nIhr mir zugegangener Correcturbogen scheint mir eine richtige Darstellung von dem zu enthalten, was in meiner Gegenwart in Ihrem Hause stattfand. Meine Stellung am Tische gestattete mir zwar nicht, Zeuge des Hinwegziehens der Hand Mr. Home\u2019s von der Harmonika zu sein, aber es wurde dies zur Zeit sowohl von Ihnen seihst, als auch von der an der anderen Seite Mr. Home\u2019s sitzenden Person als stattgefunden behauptet.\nDie Experimente scheinen mir die Wichtigkeit einer weiteren Erforschung derselben nahe zu legen; ich w\u00fcnschte mich aber so verstanden , dass ich damit keinerlei Meinung in Betreff der Ursache der stattgehabten Erscheinungen ausspreche.\nIhr treu ergebener\nWilliam Huggins.\u00ab\nDoch, wie gesagt, ob einer oder der andere der Vertreter der Wissenschaft diese Dinge beachten mag oder nicht, muss seinen pers\u00f6nlichen Neigungen \u00fcberlassen bleiben und h\u00e4ngt zum Tlieil auch von zuf\u00e4lligen Umst\u00e4nden ab. F\u00fcr die strenge Wissenschaft selbst aber existiren jene Dinge einfach \u2014 gar nicht. Die Wissenschaft anerkennt weder, noch verneint sie in solchen F\u00e4llen \u2014sieignorirt; \u2014und dazu hat sie nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, weil Zeit und Arbeit zu knapp und kostbar sind, um an Erscheinungen verschwendet zu werden, welche vorl\u00e4ufig kein anderes und h\u00f6heres Interesse darbieten, als dass ihre Ursachen nicht augenf\u00e4llig sind \u2014\u25a0 gerade so, wie das bei guten und frappanten Taschenspielerkunstst\u00fcckchen der Fall ist. Bei letzteren setzt heutzutage doch kein vern\u00fcnftiger , besonnener Mensch irgend welche aussernat\u00fcrlichen Kr\u00e4fte voraus \u2014 sonst k\u00f6nnten wir ja gleich wieder munter anfangen, Hexen und Zauberer zu verbrennen !\nBisher aber berechtigt und zwingt uns auch noch gar nichts , bei jenen sogenannten \u00bbGeistermanifestationen\u00ab und sonstigen zweifelhaften Erscheinungen dieser Art die Wirkung aussernat\u00fcrlicher oder \u00bbneuer Naturkr\u00e4fte\u00ab u. dgl. vorauszusetzen, und deshalb ist vorl\u00e4ufig der ganze Spuk nicht der mindesten ernsten Beachtung werth \u2014 ausser vielleicht vom psychologischen, oder vielmehr vom psychiatrischen Standpunkt !","page":180},{"file":"p0181.txt","language":"de","ocr_de":"und Spiritismus, Geistermanifestationen etc.\n181\nDas absolut ablehnende Verhalten der Wissenschaft gegen\u00fcber dem Spiritismus etc. ist somit, wie Sie. meine hochverehrten Anwesenden, bei ruhiger Ueberlegung nun wohl zugeben m\u00fcssen, vollkommen gerechtfertigt, so wenig Sie sich auch von diesem Resultate unserer Darlegung befriedigt, oder so sehr Sie sich in Ihren Erwartungen davon get\u00e4uscht f\u00fchlen m\u00f6gen. Ich kann nur noch hinzuf\u00fcgen : M\u00f6glich, dass in Folge dieser der Wissenschaft nothwendig gebotenen Reserve \u00fcberhaupt Manches, vielleicht zum Schaden der Menschheit f\u00fcr lange Zeit unentdeckt blieb und bleibt, denn auch wir k\u00f6nnen in aller jener Bescheidenheit, zu der sich der Naturforscher wohl mehr als andere Berufsmenschen gedrungen f\u00fchlt \u2014 doch ohne mit diesem oft missbrauchten Cit\u00e2t der Leichtgl\u00e4ubigkeit, dem Aberglauben und jeder ihrer Ausgeburten Th\u00fcr und Thor \u00f6ffnen zu wollen \u2014. mit Hamlet sagen :\n\u00bbEs gibt mehr Ding\u2019 im Himmel und auf Erden,\nAls eure Schulweisheit sich tr\u00e4umt, Horatio !\u00ab\nHamlet, 1. Act, 5. Scene.\nIndessen, dies muss eben getragen werden: f\u00fcr jede Entdeckung, f\u00fcr jeden Fortschritt kommt die richtige Stunde ! Allein wenn man \u2014 und ich citire liier w\u00f6rtlich \u2014 den \u00bbTonangebern unserer wissenschaftlichen Ueberzeugungen \u2014 den gelehrten Facult\u00e4ten\u00ab zum Vorwurf macht, dass sie \u00bbdie Masse des Volkes ihren eigenen Kr\u00e4ften und Urtheilen im Kampfe mit den unwiderstehlichen Erscheinungen unbegreiflicher Tliatsachen \u00fcberlassen haben\u00ab, und ihnen darum einen Hauptantheil der Schuld und Verantwortlichkeit f\u00fcr alle Tollheiten. Abgeschmacktheiten und intcllectuellen Ausschweifungen des Spiritismus, der Medienwirthschaft etc. aufb\u00fcrden will, so entspringen solche Anklagen und Zumuthungen nur aus einer mit Anmassung verquickten Urtheilslosigkeit und totalen Verkennung der Aufgaben und Verpflichtungen jener wissenschaftlichen \u00bbTonangeber\u00ab und K\u00f6rperschaften, sowie des Weges und der Art und Weise, wie die \u00bbMasse des Volkes\u00ab zu wahrer Bildung und Aufkl\u00e4rung zu erziehen ist.\nM\u00f6chten doch jene leidenschaftlichen, unberufenen Schriftsteller, welche ja selbst Alles davon zu hoffen und zu erwarten vorgeben, wenn sich \u00bbnur einmal\u00ab das Studium ihrer vermeintlich brennenden Frage \u00bbin den H\u00e4nden der Wissenschaft befinden wird\u00ab, es auch dem \u00fcberlegten und n\u00fcchternen Urtheile der Wissenschaft ruhig und vertrauensvoll \u00fcberlassen, welche Fragen sie ihrer ernsten Beachtung w\u00fcrdig zu finden und in die Hand zu nehmen bat ! M\u00f6chten sie auch, wenn sie anders noch einiges Vertrauen zu den wissenschaftlichen","page":181},{"file":"p0182.txt","language":"de","ocr_de":"182\nBemerkungen \u00fcber Naturwissenschaft etc.\n\u00bbTonangebern\u00ab und \u00bbgelehrten Facult\u00e4ten\u00ab wirklich bewahrt haben, ihre so \u00fcbereifrigen und gemeinschaftlichen Bem\u00fchungen, statt der Verbreitung einer unbedingt zu verdammenden, weil g\u00e4nzlich werth-losen und hirnverwirrenden Literatur, wie es zum Beispiel durch die sogenannte \u00bbBibliothek des Spiritualismus\u00ab, Leipzig, geschieht, lieber der Verbreitung echter, n\u00fcchterner und gr\u00fcndlicher naturwissenschaftlicher Einsichten und Kenntnisse in der aufkl\u00e4rungsbed\u00fcrftigen \u00bbMasse des Volkes\u00ab widmen, und mit dieser verst\u00e4ndigeren und dankens-wertheren Th\u00e4tigkeit recht bald \u2014 bei sich selbst beginnen !","page":182}],"identifier":"lit16315","issued":"1879","language":"de","pages":"167-182","startpages":"167","title":"Bermerkungen \u00fcber Naturwissenschaft und Spiritismus, Geistermanifestationen u. dgl.: Vorgetragen den 24. und 25 Januar 1873, im Amphitheater des physiologischen Privat-Laboratoriums an der Universit\u00e4t Leipzig","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:05:16.471788+00:00"}

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