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{"created":"2022-01-31T16:02:46.042354+00:00","id":"lit16317","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 191-206. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0191.txt","language":"de","ocr_de":"II.\nKreislauf der Stoffe in den drei Naturreichen,\nMan macht der exacten Naturwissenschaft h\u00e4ufig den Vorwurf, dass sie aller Poesie bar sei, dass sie aller Beth\u00e4tigung der Einbildungskraft feindlich gegen\u00fcber stehe. Dies ist ein Vorurtheil, welches gepflegt und als Abschreckungsmittel aufrecht erhalten wird, nur im Interesse jener eigenth\u00fcmlichen Geistesrichtung, die in dem freien und unbeschr\u00e4nkten Gebrauch der gesunden menschlichen Verstandeskr\u00e4fte \u2014 allerdings mit vollem Rechte \u2014 die gr\u00f6sste Gefahr sieht f\u00fcr die Fortdauer ihrer Alleinherrschaft \u00fcber die Gem\u00fctlier. Mein heutiger Vortrag soll nun dieses Vorurtheil bek\u00e4mpfen und ersch\u00fcttern helfen; denn ich beabsichtige Ihnen einen tieferen Einblick in die tlmts\u00e4chlich \u00bbweltbewegenden\u00ab Vorg\u00e4nge des Stoffkreislaufs in der Natur zu er\u00f6ffnen \u2014 einen Einblick, der zwar nur eine n\u00fcchterne Wahrheit erkennen l\u00e4sst, eine Wahrheit aber, die an \u00fcberw\u00e4ltigender Grossartigkeit, ja an phantastischem Reiz jeden Vergleich mit den am h\u00f6chsten und heiligsten gehaltenen Producten der mythenbildenden Einbildungskraft auszuhalten im Stande ist. Der Weg nach dem Standpunkt, von dem aus der Einblick in jene Wahrheit gestattet ist, f\u00fchrt freilich durch etwas trockenes, steiniges Land ; aber lassen Sie sich die etwaigen Beschwerlichkeiten unserer Wanderung nicht ver-driessen; \u00bbes f\u00fchrt kein anderer Weg \u2014 nach K\u00fcssnacht\u00ab !\nDie pflanzlichen und thierischen Organismen \u2014 die menschlichen nat\u00fcrlich mit eingerechnet \u2014, welche man als die lebenden Wesen den leblosen Gebilden und Massen gegen\u00fcberstellt, sind aus Substanzen aufgebaut, die sich sowohl hinsichtlich ihres Aussehens als hinsichtlich ihrer feineren Structur und ihrer Eigenschaften sehr auffallend von jenen Substanzen unterscheiden, welche der unorganischen Welt, dem Mineralreich, angeh\u00f6ren. Vergleichen Sie ein St\u00fcck Fleisch oder Brod, ein Blumenblatt, ein Weizenkorn mit einem Stein, einem Krystall oder einer Marmorstatue \u2014 und Sie werden zwischen diesen","page":191},{"file":"p0192.txt","language":"de","ocr_de":"192\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nmateriellen K\u00f6rpern der auffallenden Unterschiede mehr als der Uebereinstimmungen finden ! Diesen auffallenden Unterschieden entsprechend ergab sich denn auch hei der chemischen Zerlegung der Thier- und Pflanzenk\u00f6rper, dass sie zwar der Hauptmasse nach aus bekannten unorganischen Stoffen \u2014 n\u00e4mlich \u00fcberwiegend aus Wasser und gewissen Mengen von Mineralsalzen \u2014 bestehen, dass sie aber stets auch noch einen Antheil ganz eigenth\u00fcmlicher, sonst nirgendwo in der Natur vorkommender, sogenannter organischer Stoffe enthalten ; und es gewann den Anschein, als ob diese letzteren Stoffe, ohne welche das Leben tliats\u00e4chlich niemals zur Erscheinung kommt, ihren einfachsten, elementaren Stoffbestandtheilen nach, von jenen der unorganischen Welt v\u00f6llig verschieden w\u00e4ren. Es ist darum als ein epochemachender Fortschritt f\u00fcr die Wissenschaft vom Leben zu bezeichnen, dass es den Chemikern endlich gelungen ist, eine Methode zu finden, vermittelst welcher auch diese eigentlich sogenannten organischen Stoffe in ihre einfachen chemischen Elemente zerlegt und die vollkommene Identit\u00e4t derselben mit jenen der unorganischen Stoffe nachgewiesen werden konnte.\nUnter einem einfachen chemischen Element versteht man bekanntlich einen Stoff, der sich auf keine Weise in andere differente Stoffe zerlegen l\u00e4sst, da er aus keiner Verbindung oder Vereinigung solcher besteht und hervorgeht. Das Wasser z. B., so lange f\u00fcr einen einfachen Stoff, f\u00fcr ein chemisches Element gehalten, l\u00e4sst sich in Sauerstoff oder Oxygen (0 und in Wasserstoff oder Hydrogen H) zerlegen \u2014 zwei gasf\u00f6rmige K\u00f6rper, welche verschiedene Eigenschaften zeigen ; letzteres ist der leichteste aller K\u00f6rper und verbrennt mit schwachleuchtender Flamme, ersterer ist viel schwerer als der Wasserstoff, ist gar nicht verbrennlich, unterh\u00e4lt aber die Verbrennung. Weder Wasserstoff noch Sauerstoff lassen sich weiter zerlegen, dagegen kann man aus zwei Theilen Wasserstoff und Einem Theil Sauerstoff Wasser H2 0) zusammensetzen und erzeugen. Wasser ist daher ein zusammengesetzter K\u00f6rper, Wasserstoff und Sauerstoff sind einfache chemische Elementarstoffe oder Grundstoffe. Ebenso ist die Kohlens\u00e4ure, welche Sie Alle im inoussirenden Biere und Champagner kennen und lieben, ein zusammengesetzter Stoff, der durch die Vereinigung der einfachen chemischen Elemente Kohlenstoff oder Carbon U , und Sauerstoff (0) entsteht, indem Ein Theil des ersteren mit zwei Theilen des letzteren ein chemisches Ganzes bildet. Die Kohlens\u00e4ure hat also die Formel C02. Endlich will ich noch ein Beispiel anf\u00fchren, das Ammoniak. Es ist dies jenes widerliche Gas, welches sich an gewissen unentbehrlichen Orten anh\u00e4uft und durch seine stechende Sch\u00e4rfe der Nase und den","page":192},{"file":"p0193.txt","language":"de","ocr_de":"II. Kreislauf der Stoffe in den drei Naturreichen.\n193\nAugen so beschwerlich f\u00e4llt. Es ist zusammengesetzt aus zwei differenten chemischen Elementen, dem schon erw\u00e4hnten Wasserstoff iH) und dem sogenannten Stickstoff oder Kitrogen (N), und hat die chemische Formel NH3, d. h. Ein Theil Stickstoff verbindet sich mit drei Theilen Wasserstoff zu Einem Theil Ammoniak.\nJene neuere Methode der chemischen Zerlegung, von deren Erfindung, wie gesagt , ein epochemachender Fortschritt f\u00fcr die Wissenschaft vom Leben datirt, nennt man die chemische Elementar-Analyse der organischen Verbindungen. Ihre Begr\u00fcndung und Ausbildung ist eines der unsterblichen Verdienste unseres Justus v. Liebig. Sie hat das wunderbar einfache und \u00fcberraschende Resultat ergeben, dass alle diese verschiedenen, eigentlich sogenannten organischen Verbindungen aus einer \u00e4usserst geringen Anzahl ganz derselben einfachen chemischen Grundstoffe bestehen, welche sich auch in der unorganischen Welt finden; und zwar sind es von den zweiundsechzig wohlcharakterisirten Elementarstoffen, welche die heutige Chemie als die Urbestandtheile unseres Planeten und seiner Atmosph\u00e4re kennt, haupts\u00e4chlich nur vier, um die es sich bei der Zusammensetzung der organischen K\u00f6rper handelt: n\u00e4mlich Kohlenstoff (Ci, Wasserstoff II , Sauerstoff (0) und Stickstoff ;N . Merkw\u00fcrdig aber wahr, es sind immer nur diese vier Elemente, welche, in verschiedener Anzahl und in den mannigfaltigsten Verh\u00e4ltnissen gruppirt und verbunden, zur Herstellung der unendlichen F\u00fclle der verschiedenen eigentlich sogenannten organisch-chemischen Verbindungen dienen, die, wie wir sehen werden, mit einigem unorganischen Stoffmaterial verbunden oder auch nur gemischt, die s\u00e4mmtlichen pflanzlichen, thierischen und menschlichen Organismen zusammensetzen. Bald sind es zwei, bald drei, vier oder noch mehr dieser einfachen chemischen Elemente, die sich zu einheitlichen Ganzen verbinden und organische Substanzen constituiren.\nAlle organischen Verbindungen enthalten Kohlenstoff (C) : dieser fehlt also in keinem Gebilde der organischen Welt. Unter den weitaus zahlreichsten, aus mehr als zwei Grundstoffen bestehenden organischen Verbindungen gibt es wieder eine grosse Gruppe solcher, welche nur aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff bestehen, und eine zweite von solchen, die ausser Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff immer auch noch Stickstoff enthalten. Die ersteren nennt man stickstofflose, die letzteren stickstoffhaltige organische Verbindungen. Von den Stickstoff losen Verbindungen muss ich jene hervorheben, welche man (wie St\u00e4rkemehl, Gummi, Zucker u. a.) deshalb als Kohlehydrate bezeichnet hat, weil sie Wasserstoff und Sauerstoff\nCzermak, Schriften. II.\t13","page":193},{"file":"p0194.txt","language":"de","ocr_de":"194\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nim Wasserbildungsverh\u00e4ltniss, \u2014 d. h. auf je Eineu Theil Sauerstoff je zwei Tlieile Wasserstoff, \u2014 und nat\u00fcrlich auch noch den nie fehlenden Kohlenstoff enthalten. Ferner sind hier die Fette und Oele zu nennen, welche gleichfalls nur aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff bestehen, aber verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig sehr viel mehr Wasserstoff und Kohlenstoff als Sauerstoff enthalten. \u2014 Was die zweite Hauptgruppe organischer Verbindungen, die stickstoffhaltigen, angebt, so enthalten viele von ihnen, und gerade die wichtigsten, ausser Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, auch noch kleine Mengen Schwefel (B), manche auch Phosphor Pj und Eisen (Fe), so dass die complicirtesten derselben aus der Vereinigung von f\u00fcnf, sechs oder sieben Elementen hervorgehen. Hierher geh\u00f6ren jene merkw\u00fcrdigen organischen Stoffcomplexe, welche man Protei'nstoffe oder Eiweissk\u00f6rper genannt hat. Sie enthalten alle : Kohlenstoff (52 bis 54 Procent', Wasserstoff gegen 7 Procent , Sauerstoff (21 bis 26 Procent , Stickstoff (13 bis 16 Procent) und Schwefel 1 bis 1,6 Procent;, und werden zum Aufbau jener Organe und Organtheile verwendet, deren Th\u00e4tigkeiten die h\u00f6chsten und eigeuth\u00fcmlichsten Lebens\u00e4usserungen in Erscheinung treten lassen.\nDer Unterschied zwischen den organischen und den unorganischen Verbindungen liegt also nicht in einer Verschiedenheit der chemischen Elementarstoffe, aus deren Verbindung sie hervorgehen: denn diese sind identisch. m\u00f6gen sie nun in den mineralischen Bestandtheilen des Erdbodens, der Gew\u00e4sser und der Luft stecken, oder die Substanzen des Pflanzen-, Thier- und Menschenleibes bilden helfen. Der Unterschied liegt wesentlich nur in der Anzahl und Zusammenordnung der genannten wenigen Elemente zu einem complicirten chemischen Ganzen.\nDie organischen Verbindungen zeichnen sich im Allgemeinen also zun\u00e4chst durch die h\u00f6here Complication ihrer Zusammensetzung oder Constitution vor den unorganischen aus. Ein anderes hervorstechendes Merkmal der organischen Verbindungen ist, dass sie alle ohne Ausnahme verbrennlicher Natu r sind, w\u00e4hrend die meisten unorganischen Verbindungen unf\u00e4hig sind zu verbrennen, d. h. neue Sauerstoffmengen aufzunehmen. Unter Verbrennung oder Oxydation versteht man n\u00e4mlich die Verbindung der Stoffelemente mit Sauerstoff. Die Verbrennung oder Oxydation hat Stufen oder Grade. und man nennt sie eine vollst\u00e4ndige, wenn ein Mehrzutritt, eine Mehraufnahme von Sauerstoff unm\u00f6glich geworden ist: die meisten unorganischen K\u00f6rper sind solche \u00bbges\u00e4ttigte\u00ab Sauerstoffverbindungen. Die organischen Verbindungen enthalten hingegen entweder gar keinen Sauer-","page":194},{"file":"p0195.txt","language":"de","ocr_de":"II. Kreislauf der Stoffe in den drei Naturreichen.\n195\nStoff, oder, wenn er vorhanden ist, doch nur in verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig so geringen Mengen, dass in allen F\u00e4llen der Zutritt und die Bindung neuer Quantit\u00e4ten von Sauerstoff m\u00f6glich ist, d. h., dass eine vollst\u00e4ndige Verbrennung eingeleitet werden kann, in Folge welcher die organische Verbindung schliesslich stets in einfache Endproducte von unorganischem Charakter zerf\u00e4llt. Wird daher ein ganzer pflanzlicher oder thierischer Organismus vollst\u00e4ndig verbrannt, so verfl\u00fcchtigt sich die Hauptmasse desselben in die Luft und es bleibt nur ein unorganischer R\u00fcckstand als sogenannte Asche \u00fcbrig, welcher in den meisten F\u00e4llen verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig gering, oft fast gleich Null ist.\nDiese Thatsache erkl\u00e4rt sich einfach daraus, dass das Wasser (H20), welches ja der Masse nach den gr\u00f6ssten Theil aller organischen Gebilde ausmacht, durch die Verbrennungsw\u00e4rme als Dampf entweicht, w\u00e4hrend die haupts\u00e4chlich aus den genannten vier Elementarstoffen Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff bestehenden Stickstoff losen und stickstoffhaltigen organischen Verbindungen \u00fcberwiegend gasf\u00f6rmige Verbrennungsproducte liefern. Der Kohlenstoff derselben verbrennt zu Kohlens\u00e4ure (C02), von der nur ein Brucktheil in den kohlensauren Salzen der Asche fixirt wird : ihr Wasserstoff (H), theils zu Wasser ILO) verbrannt, theils mit Stickstoff (N) zu Ammoniak (Nil,) verbunden, verfl\u00fcchtigt sich ebenfalls; nur die in den Eiweissk\u00f6rpern enthaltenen, meist geringen Schwefelund Phosphormengen bleiben, zu Schwefels\u00e4ure SOp und Phosphors\u00e4ure (POj verbrannt oder oxydirt, ganz in der Asche zur\u00fcck. Die Hauptmasse der Asche aber bilden die s\u00e4mmtlichen unorganischen oder mineralischen Verbindungen, welche zum Aufbau jedes Pflanzen-und Thierk\u00f6rpers mit verwendet werden \u2014 mit Ausnahme des Wassers, das bei der Verbrennung verdampfte.\nAusser der Kohlens\u00e4ure, Schwefels\u00e4ure und Phosphors\u00e4ure, welche, wie wir sahen, zum Theil organischen Ursprungs sind, finden sich in der Asche, mit basischen Stoffen zu Salzen verbunden, noch Chlor (Cl), Fluor Fl) und Kiesel (Si). Die basischen Stoffe der Asche sind : Alkalien : Kalium (K) und Natrium (Na) und alkalische Erden : Kalk (Ca) und Bittererde (Mg) \u2014 und ein einziges schweres Metall, das Eisen (Fe).1) Die letzten Verbrennungsproducte der Pflanzen- und Thierk\u00f6rper sind also: einige Mineralsalze, Wasser, Kohlens\u00e4ure und Ammoniak \u2014 s\u00e4mmtlich unorganischer Natur.\n1 Das Eisen bildet einen integrirenden Bestandtheil jener \u00e4usserst zusammengesetzten, in einen Eiweissk\u00fcrper und einen eisenhaltigen Farbstoff zerfallenden organischen Verbindung, welcher das Blut der Thiere seine Scharlachfarbe verdankt.\n13*","page":195},{"file":"p0196.txt","language":"de","ocr_de":"196\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nDieselben Endproducte, welche die Verbrennung liefert , liefert noch ein anderer \u2014 den organischen K\u00f6rpern aber ausschliesslich zu-kommender Zersetzungs- oder Zerst\u00f6rungsprocess, die sogenannte F\u00e4ulniss. Auch durch die F\u00e4ulniss zerf\u00e4llt der pflanzliche und thierische K\u00f6rper zuletzt in Kohlens\u00e4ure, Wasser, Ammoniak und Mineralsalze.\nHiermit gewinnen wir nicht nur eine Uebersicht der letzten Zer-setzungsproducte unorganischer Natur, in welche die Organismen zerfallen , sondern zugleich auch eine Uebersicht der s\u00e4nnntlichen wichtigsten Elementarstoffe, aus denen in letzter Instanz alle pflanzlichen und thierischen Gebilde bestehen. Es sind ihrer nur etwa vierzehn : Kohlenstoff (C), Wasserstoff (Hi, Sauerstoff (0), Stickstoff (N), Schwefel (S), Phosphor (P), Chlor (CI., Fluor (Fl), Kiesel oder Silicium (Si), Kalium (K), Natrium (Na), Calcium (Ca), Magnesium (Mg) und Eisen (Fe).\nZun\u00e4chst sind es also der Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, dann der Schwefel, der Phosphor und allenfalls noch das Eisen, welche, in den mannigfaltigsten Anordnungen und Verh\u00e4ltnissen zu h\u00f6heren chemischen Einheiten verbunden, alle die zahllosen, eigentlich sogenannten organischen Stoffe bilden. Diese, gemischt oder in chemischer Verbindung mit Stoffen unorganischer Natur, namentlich Wasser und einigen Mineralsalzen, treten dann zu den eigenthUmlichen Substanzen zusammen, welche die organischen Formen des Thier- und Pflanzenleibes annehmen und die Erscheinungen des Lebens manifestiren.\nSehen wir uns nun um, wo und wie die genannten vierzehn Elementarstoffe , die letzten Endes zum Aufbau aller Organismen dienen, im Stoffvorrath der unorganischen Natur, im Mineralreich, sich vorfinden.\n1 Freier Sauerstoff und freier Stickstoff, im Verh\u00e4ltniss von 21 zu 79 Raumtheilen gemengt, bilden die atmosph\u00e4rische Luft, welche den Erdball von allen Seiten umgibt.\n2) Der Kohlenstoff, mit Sauerstoff verbunden zu Kohlens\u00e4ure, mischt sich in dieser Gasform der Luft und dem Wasser bei oder bindet sich in den kohlensauren Salzen, welche im Wasser gel\u00f6st sind oder feste Bestandtheile des Erdbodens darstellen.\n3 ; Aus der Verbindung des Wasserstoffs mit Sauerstoff geht das Wasser hervor, welches \u00fcberall in festem, fl\u00fcssigem oder dampff\u00f6rmigem Zustand verbreitet ist.\n4) Eine andere Verbindung des Wasserstoffs, die mit Stickstoff,","page":196},{"file":"p0197.txt","language":"de","ocr_de":"II. Kreislauf der Stoffe in den drei Naturreichen.\t197\nbildet das Ammoniak, welches sich in der Damm- oder Ackererde und in sehr wechselnden Mengen in der Atmosph\u00e4re findet.\n5 ' Endlich sind Schwefel und Phosphor in den schwefelsauren und phosphorsauren Salzen vorhanden, und diese sowie alle anderen Mineralien, welche die \u00fcbrigen der genannten vierzehn Elementarstoffe. wie Kalium, Natrium, Calcium, Magnesium u. s. w. enthalten, kommen in gel\u00f6ster oder fester Form als Bestandtheile in den Gew\u00e4ssern und im Erdboden vor.\nErw\u00e4gen Sie diese f\u00fcnf Punkte im Zusammenh\u00e4nge mit den vorausgeschickten Mittheilungen \u00fcber die letzten unorganischen Verbren-nungs- und F\u00e4ulnissproducte der Substanzen des Thier- und Pflanzenk\u00f6rpers , so wird Ihnen unzweifelhaft die grosse Thatsache vor Augen stehen, dass die unorganische Welt unseres Planeten in Form von Wasser, Kohlens\u00e4ure, Ammoniak und einigen Salzen alle die Elementarstoffe enth\u00e4lt, welche die lebenden organischen Wesen in letzter Instanz zusammensetzen; w\u00e4hrend der freie Sauerstoff der atmosph\u00e4rischen Luft durch den Yerbrennungs- und F\u00e4ulnissprocess im Stande ist, die Thier- und Pflanzenleiber in dieselben einfachen mineralischen Formen von Wasser, Kohlens\u00e4ure, Ammoniak und Salzen zu zerlegen und als solche der unorganischen Welt wiederzugeben.\nMittels Wurzel und Blatt entnimmt die Pflanze fortw\u00e4hrend Stoffmaterial aus dem Boden, aus dem Wasser und aus der Atmosph\u00e4re. Diese grossen Vorrathskammern unorganischen Stoffes liefern der Pflanzenwelt alle Elemente zu ihrer Bildung, Erhaltung und Entwickelung in Form von Kohlens\u00e4ure, Wasser, Ammoniak und Mineralsalzen.\nIn den gr\u00fcnen Theilen der Pflanzen wird unter dem Beist\u00e4nde der Sonnenstrahlen die aufgenommene Kohlens\u00e4ure redueirt, das heisst, der Sauerstoff wird vom Kohlenstoff gewaltsam abgetrennt und in freiem gasf\u00f6rmigem Zustand an die Atmosph\u00e4re abgegeben, w\u00e4hrend der Kohlenstoff in neue Verbindungen organischer Natur mit den Elementen des Wassers und Ammoniaks tritt und im Pflanzenk\u00f6rper zur\u00fcckbleibt. Durch diese innere chemische Arbeit fabricirt die Pflanze jedes St\u00fcck ihrer Gewebs- und S\u00e4ftebestandtheile, die ihr eigenth\u00fcm-licli sind ; mit diesem Baumaterial rein unorganischer Natur setzt sie unter Sauerstoffentwickelung oder Desoxydation alle die sogenannten organischen Verbindungen zusammen, welche sich vor den unorganischen durch ihre Verbrennlichkeit und ihre complicirte Constitution auszeichnen. So verbinden sich die Elemente der Kohlens\u00e4ure und des Wassers unter gleichzeitiger Desoxydation oder Verminderung","page":197},{"file":"p0198.txt","language":"de","ocr_de":"19S\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nihres Sauerstoffgehaltes zu organischen Stoffen, die nur aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff bestehen (Kohlehydrate: Zellstoff, St\u00e4rkemehl, Gummi, Zucker, Fette und Oele). \u2014 Durch Hinzutritt des Ammoniaks (NH,) kommt der Stickstoff zu den drei genannten noch als viertes Element hinzu und es entstehen vierfache, stickstoffhaltige, organische Verbindungen. Endlich wird noch der Schwefel und Phosphor, der in den aufgenommenen Schwefels\u00e4uren SO,,) und phosphorsauren (P05) Salzen steckt, vom Sauerstoff befreit und in die neuen Gruppirungen miteinbezogen, und es kommt zur Herstellung der am h\u00f6chsten complicirten organischen Verbindungen, namentlich der eiweissartigen Stoffe.\nDiese eigenth\u00fcmlichen und noch lange nicht im Detail erforschten Vorg\u00e4nge, bei denen die einfachen Stotfelemcnte zu complicirteren Gruppen von Elementen zusammentreten und Stoffe von h\u00f6herer Zusammensetzung constituiren, nennt man die organische Synthese oder progressive Stoffmetamorphose. Von der unansehnlichen Flechte, welche den feuchten Felsblock \u00fcberzieht, bis zu den eleganten Zierpflanzen unserer Treibh\u00e4user und den m\u00e4chtigen Baumriesen der W\u00e4lder ist somit die Pflanze als ein nat\u00fcrliches chemisches Laboratorium zu betrachten, welches, durch die Sonnenstrahlen geheizt und in Th\u00e4tigkeit versetzt, Sauerstoff entbindet und sauerstoffarme, aber hochcomplicirte organische Stoffe producirt und somit der organischen Synthese oder progressiven Stoffmetamorphose dient. Damit soll jedoch nicht etwa gesagt sein, dass in den Pflanzen keine anderen, ja die geradezu entgegengesetzten chemischen Vorg\u00e4nge (von Sauerstoffbindung und von Zersetzung), vork\u00e4men ; allein die eben geschilderten sind weitaus die wichtigsten und charakteristischesten f\u00fcr die Bedeutung der Pflanzenwelt im Haushalt der Natur. Die Bolle und Bedeutung der Pflanzenwelt im grossen Haushalt der Natur muss n\u00e4mlich in der That dahin formulirt werden, dass sie es ist, welche aus einfachem unorganischem St off material unter Sauerstoffentbindung organische Substanz erzeugt.\nDas Thier hat ganz andere Beziehungen zur Aussenwelt als die Pflanze. Das Thier bedarf zum Aufbau und zur Erhaltung seiner K\u00f6rpersubstanzen schon fertiges organisches Stoffmaterial, da ihm alle F\u00e4higkeit abgeht, aus den einfachen unorganischen Verbindungen irgend welche Stoffe von organischer Natur und Zusammensetzung herzustellen. Diese F\u00e4higkeit besitzen von allen Gebilden der organischen Welt nur die vom Sonnenlicht bestrahlten gr\u00fcnen Pfianzen-tlieile. Die Thierwelt kann also nirgendwo anders als in den organi-","page":198},{"file":"p0199.txt","language":"de","ocr_de":"II. Kreislauf der Stoffe in den drei Naturreichen.\n199\nscheu Stoffen, welche die Pflanzen gebildet und aufgespeichert haben, das ihr unentbehrliche organische Stoff- oder Nahrungsmaterial finden \u2014 und wenn auch in den S\u00e4ften und Geweben der Thlere eigent\u00fcmliche organische Stoffe enthalten sind, welche in den Pflanzen nicht Vorkommen, so sind dieselben nicht etwa vom Thiere selbst aus unorganischen Elementen neu gebildet worden, sondern nur Modifica-tionen jener organischen Pflanzenstoffe, welche das Thier entweder unmittelbar in seiner Pflanzenkost aufgenommen hat, oder welche das Thier, wenn es, wie die reinen Fleischfresser \u2014 L\u00f6wen und Tiger z. B. \u2014 niemals Pflanzenkost geniesst, mittelbar aus solcher erh\u00e4lt, indem es andere Thiere verzehrt, die entweder selbst Pflanzenfresser sind oder sich von Pflanzenfressern n\u00e4hren. Kurz : das Thier entnimmt das ihm unentbehrliche organische Stoffmaterial in Form von Kohlehydraten, Fetten und Eiweiss-k\u00f6rpern, mittelbar oder unmittelbar, so mit letzten Endes immer nur der Pflanzenwelt.\nDie unorganischen Stoffe, welche das Thier zur Erhaltung seines Lebens noch weiter bedarf \u2014 Wasser und Mineralsalze \u2014 findet es zum Theil ebenfalls schon in den Pflanzen, zum Theil eignet es sich dieselben jedoch unmittelbar aus der unorganischen Welt an. Unter diesen letzteren Stoffen ist es vor Allem der freie Sauerstoff, welchen das Thier, als wichtigstes und unentbehrlichstes Lebenselement, vermittelst seiner Athmungsorgane, unmittelbar entweder der Atmosph\u00e4re oder, wie alle im Wasser lebenden Thiere, der im Wasser absorbirten Luft entnimmt. Der freie Sauerstoff dringt durch die Ath-mungsfl\u00e4chen in die Blut- oder S\u00e4ftemasse des Thieres und wird im ganzen K\u00f6rper desselben vertheilt; so gelangt er mit allen Bestand-theilen der lebenden thierischen Gewebe, so wie mit dem durch die Verdauung modificirten und ebenfalls in und durch die circulirende Blut-und S\u00e4ftemasse aufgenommenen und im ganzen K\u00f6rper vertheilten Nahrungsstoffen in innige Ber\u00fchrung. Die noth wendige Folge davon ist, dass im Thiere alle die organischen Substanzen, die es der Pflanzenwelt entnommen, einer langsamen Verbrennung, einer allm\u00e4hlichen Oxydation verfallen und, durch Spaltung in immer einfachere und h\u00f6her oxydirte Verbindungen zerlegt, zuletzt die uns schon bekannten unorganischen Endproducte : Kohlens\u00e4ure, Wasser, Ammoniak und Mineralsalze, liefern. Der Lebensprocess bietet somit genau dieselben letzten Zersetzungs- und Zerst\u00f6rungsproducte wie die rasche k\u00fcnstliche Verbrennung und die tr\u00e4ge verlaufende F\u00e4ulniss. Das Thier scheidet in der That w\u00e4hrend seines lebendigen Bestehens ununterbrochen nebst Mineralsalzen Kohlens\u00e4ure, Wasser und stickstoffhaltige.","page":199},{"file":"p0200.txt","language":"de","ocr_de":"200\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nalsbald in Ammoniak und Kohlens\u00e4ure zerfallende Zerst\u00f6rungsproducte aus \u2014 und Sie erkennen somit, dass das Thier ein chemischer Apparat ist, welcher, im Gegens\u00e4tze zur Pflanze, Sauerstoff verzehrt, und die organische Substanz durch die \u2014 der Desoxydation und Synthese entgegengesetzten \u2014 Vorg\u00e4nge der Oxydation und Spaltung schliesslich in dieselben unorganischen Verbindungen zerlegt, aus welchen sie die Pflanze urspr\u00fcnglich aufgebaut und erzeugt hat.\nW\u00e4hrend wir somit die Rolle und Bedeutung der Pflanzenwelt im grossen Haushalt der Natur dahin formulirten, dass sie es sei, welche aus unorganischem Stoffmaterial unter Sauerstoffentbindung organische Substanz erzeugt, sehen wir jetzt, dass die Thier weit es ist, welche der regressiven Stoffmetamorphose dient, d. h. unter Sauer Stoff bindungdie organische Substanz zerst\u00f6rt und vernichtet, und aus ihr dasselbe unorganische Stoffmaterial wieder herstellt, welches die Pflanze zur organischen Synthese, zur progressiven Stoffmetamorphose braucht. \u2014 Es ist aber auch hier hervorzuheben, dass im Thiere die Vorg\u00e4nge dieser regressiven Stoffmetamorphose nicht die ausschliesslich vorkommenden, sondern nur die \u00fcberwiegenden und bedeutungsvollsten sind, und dass neben diesen auch im Thiere gewisse Synthesen Vorkommen ; immerhin liegt in der regressiven Stoffmetamorphose die Rolle und Bedeutung des Thierreichs im grossen Haushalte der Natur.\nIn ihren Beziehungen zur Atmosph\u00e4re unserer Erde sind Thier und Pflanze daher nothwendig in ununterbrochenem Antagonismus. Die Pflanze entnimmt ihr fortw\u00e4hrend Kohlens\u00e4ure, zerlegt dieselbe, beh\u00e4lt den Kohlenstoff f\u00fcr sich zur\u00fcck und erstattet ihr daf\u00fcr freien Sauerstoff. Unter dem Einfl\u00fcsse der von der Sonne bestrahlten Vegetation sucht sich die Atmosph\u00e4re ihres ganzen Kohlens\u00e4uregehaltes zu entledigen und dagegen an freiem Sauerstoff reicher zu werden. Das Thier, im Gegenthcil, bem\u00e4chtigt sich des Sauerstoffs der Luft, verbrennt damit die organischen Bestandteile seiner K\u00f6rper Substanz und Nahrung und haucht daf\u00fcr eine fast gleiche Menge Kohlens\u00e4ure aus. Durch die Lebensth\u00e4tigkcit der Thiere wird die Atmosph\u00e4re fortw\u00e4hrend sauerstoffarmer und kohlens\u00e4urereicher.\nGenaue und zahlreiche chemische Analysen haben nichts desto-weniger sicher gestellt, dass die Zusammensetzung der Atmosph\u00e4re in allen Regionen der Erde wahrnehmbar dieselbe ist, und dass, wenn das relative Mischungsverh\u00e4ltnis\u00bb der drei Hauptbestandteile der atmosph\u00e4rischen Luft, Stickstoff, Sauerstoff und Kohlens\u00e4ure, auch","page":200},{"file":"p0201.txt","language":"de","ocr_de":"II. Kreislauf der Stoffe in den drei Naturreichen.\n201\nnicht absolut constant ist. docli nur Schwankungen innerhalb sehr enger Grenzen Vorkommen. Die Entwickelung und Yertheilung der Organismen muss daher gegenw\u00e4rtig auf einem Punkte angelangt sein, dass sich die oxydircnde Tk\u00e4tigkeit der Thiere und die reducirende der Pflanzen das Gleichgewicht halten: denn aus dem gegenseitigen Verlniltniss dieser beiden antagonistischen Tli\u00e4tigkeiten resultirt noth-wendig der jeweilige Zustand, in welchem sich die Atmosph\u00e4re that-s\u00e4chlich befindet. Unzweifelhaft war es nicht immer so wie jetzt mit der Zusammensetzung der Atmosph\u00e4re bestellt. In fr\u00fcheren Epochen der Entwickelung unseres Planeten war der Kohlens\u00e4uregehalt der Luft ein ungleich gr\u00f6sserer als jetzt. Nur die \u00fcberwiegende und kolossale Entwickelung und Verbreitung des vorweltlichen Pflanzenreichs hat ihn so bedeutend herabgemindert; dabei ist der Kohlenstoff, der fr\u00fcher im kohlensauren Gas der Atmosph\u00e4re in den L\u00fcften schwebte, in fester Form und vom Sauerstoff befreit in die Tiefen der Erde gelangt, wo wir ihn heute in den ungeheuren Steinkohlenfl\u00f6tzen und Braunkohlenlagern wiederfinden und, indem wir ihn als Brennmaterial benutzen, zum m\u00e4chtigsten Bundesgenossen f\u00fcr die Entwickelung der Industrie und des Weltverkehrs machen. Die vorweltlichen W\u00e4lder sind n\u00e4mlich durch die heftigen Katastrophen, welche die Bildungsepochen der jungen Erde kennzeichneten, versch\u00fcttet, weggesp\u00fclt und begraben worden und haben im Erdboden unter dem Einfl\u00fcsse der Feuchtigkeit und W\u00e4rme jene Ver\u00e4nderungen erlitten, welche der kohlenstoffreichen vegetabilischen Substanz die Beschaffenheit der Braun- und Steinkohle ertheilen. So ist denn der Kohlenstoff durch die innere chemische Arbeit der vorweltlichen W\u00e4lder gesammelt und aufgespeichert worden, um heute eine so grossartige Bolle in der Geschichte des Fortschritts der Menschen zu spielen ! Welch wunderbarer Zusammenhang !\nDie vergleichende Untersuchung der Art und Weise, wie sich Thier und Pflanze dem Stoffmaterial der Aussenwelt gegen\u00fcber verhalten, lehrt also, dass die chemischen Vorg\u00e4nge in den beiden Reichen der organischen oder belebten Welt im Grossen und Ganzen principiell verschieden sind. Diese principielle Verschiedenheit zuerst hervorgehoben und damit das Dunkel des solidarischen Zusammenhanges zwischen dem Thier-, Pflanzen- und Mineralreich aufgehellt zu haben, das ist Lavoisier\u2019s unsterbliches Verdienst. Dieser Zusammenhang stellt sicli aber als ein in sich geschlossener Kreislauf des Stoffes durch die drei Reiche der Natur dar. W\u00e4hrend die Pflanze einfach zusammengesetzte und hochoxydirte unorganische Verbindungen als Nahrung zu sich nimmt und dieselben unter Desoxydation","page":201},{"file":"p0202.txt","language":"de","ocr_de":"202\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\noder Sauerstoffaustreibung in organische Stoffe verwandelt, verwandelt das Thier, das seine Hauptnahrung unmittelbar oder mittelbar aus dem Pflanzenreiche bezieht, die von der Pflanze erzeugten, hochzusammengesetzten und sauerstoffarmen organischen Stoffe durch Oxydation und Spaltung zur\u00fcck in einfache unorganische Verbindungen. Die Pflanze eignet sich die Elementarstoffe aus dem Mineralreiche an und macht sie zu Bestandtheilen ihrer organischen K\u00f6rpersubstanz. Diese organische Substanz und somit die in ihr enthaltenen Elementarstoffe werden Bestandteile des Thierk\u00f6rpers ; die Bestandteile und Elementarstoffe des Thieres aber werden wieder zu Bestandtheilen des Mineralreichs, und so fort in ununterbrochenem Kreisl\u00e4ufe. Der Kohlenstoff der in der Luft befindlichen Kohlens\u00e4ure wird zum Kohlenstoff der Holzfaser, des St\u00e4rkemehls und anderer Pflanzenstoffe ; mit unserer Nahrung aufgenommen, wird er zum Kohlenstoff unseres Fleisches und Blutes, aus denen er wieder in Form von Kohlens\u00e4ure in die Luft zur\u00fcckkehrt. Aehnlich l\u00e4sst sich von jedem chemischen Elemente, das die organische Substanz des Thierleibes zusammensetzen hilft, nachweisen, dass es, aus dem Mineralreiche von der Pflanze aufgenommen und in ihren organischen Verbindungen fixirt, als Nahrungsstoff in das Thier gelangt, um aus diesem wieder ins Mineralreich zur\u00fcckzukehren und diesen Kreislauf immer wieder von Neuem zu beginnen.\nWerfen Sie einen Blick auf das grosse Diagramm, welches ich entworfen habe, um Ihnen den er\u00f6rterten Kreislauf des Stoffes durch die drei Reiche der Natur einigermassen anschaulich zu machen. Die eine H\u00e4lfte der Kreisfl\u00e4che, welche das ganze Universum bedeutet, soll uns die unorganische Welt, die andere H\u00e4lfte die organische Welt darstellen ; diese letztere zerf\u00e4llt wieder in einen Quadranten, der das Pflanzenreich, und in einen zweiten, der das Thierreich repr\u00e4sentirt. Im Mineralreiche oder in der unorganischen Welt finden sich die vierzehn Elementarstoffe, welche letzten Endes zum Aufbau der organischen Welt dienen, in Form von einigen Mineralsalzen, von Ammoniak (NH,), Wasser (H2Q) und Kohlens\u00e4ure (C02) vor. Sie finden diese Bezeichnungen in die ausgesparten weissen T\u00e4felchen der rechten H\u00e4lfte des Kreises eingeschrieben. Verfolgen Sie nun mit dem Auge in der Richtung, welche die kleinen Pfeile angeben, wie dieses Stoffmaterial unorganischer Natur in den Quadranten des Pflanzenreichs eindringt! Sie bemerken, wie sicli die punktirten, die Sauerstoffbahnen andeutenden Linien abtrennen, um wieder in den Raum des Mineralreichs zur\u00fcckzukehren, wo sie sich in dem T\u00e4felchen, welches mit 0 bezeichnet ist (d. h. \u00bbfreier Sauerstoffvorrath der Atmosph\u00e4re\u00ab), sammeln, w\u00e4hrend die ausgezogenen Linien, welche die Bahnen des","page":202},{"file":"p0203.txt","language":"de","ocr_de":"II. Kreislauf der Stoffe in den drei Naturreichen.\n203\nKohlenstoffs, Wasserstoffs, Stickstoffs etc. bedeuten, ihren Weg fortsetzen und in einen dem Pflanzen- und Thierreichsquadranten gemeinschaftlichen weiss gelassenen Streifen gelangen, innerhalb welches die Buchstaben C, H, O, N, S, P eingeschrieben sind. Dieser weisse Streifen mit den eingeschriebenen Buchstaben soll uns die hochzusammengesetzten und niedrigoxydirten organischen Verbindungen bedeuten.\nFig. 1. Anschauliche Darstellung des Kreislaufs des Stoffes.\nwelche die Pflanze aus dem unorganischen, niedrigzusammengesetzten, aber hochoxydirten Stoffmaterial unter Sauerstoffabscheidung erzeugt. Der weisse Streifen mit den eingeschriebenen Buchstaben greift aber zur H\u00e4lfte in den Quadranten des Thierreichs hinein, um Sie daran zu erinnern und Ihnen anschaulich zu machen, wie die dem Thiere unentbehrlichen organischen Nahrungsstoffe und K\u00f6rperbestandtheile aus der Pflanzenwelt stammen. \u2014 Die Bahnen der Elementarstoffe k\u00f6nnen Sie durch diesen weissen Streifen hindurch in den Thierreichsqua-","page":203},{"file":"p0204.txt","language":"de","ocr_de":"204\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\ndranten verfolgen. Hier jedoch lagert sich die Anordnung der Bahnen wieder um. und, indem die punktirten Linien aus dem freien Sauer-stoffvorrath der Atmosph\u00e4re, welche in den Thierreichsquadranten ein-dringen, an die ausgezogenen Linien sich wieder anlegen, kommen die vierzehn Elementarstoffe wieder in Form von Kohlens\u00e4ure (C02; , Wasser (H20). Ammoniak (NH3j und Salzen ins Mineralreich zur\u00fcck. Dies soll Sie an die Verbrennungs- und Spaltungsvorg\u00e4nge, durch welche sich im Thiere die regressive Stoffmetamorphose vollzieht, erinnern. \u2014 Jeder Elementarstoff vollendet, wie Sie deutlich verfolgen k\u00f6nnen, eine in sich geschlossene Kreisbahn, welche ihn in ewig wechselnder Vergesellschaftung und Gruppirung mit anderen Elementen durch die drei Reiche der Natur hindurchf\u00fchrt.\nSo haben Sie dehn wohl den Eingangs in Aussicht gestellten tieferen Einblick in die Rolle gewonnen, welche der elementare Stoff bei dem Ablauf der Lebensvorg\u00e4nge auf unserem Planeten spielt; hineingerissen in einen m\u00e4chtigen Strom, der aus dem Mineralreich entspringt und seinen Lauf durch das Pflanzen- ins Thierreich nimmt, um von da wieder ins Mineralreich zur\u00fcckzukehren, ver\u00e4ndert der Stoff fortw\u00e4hrend seine chemische Anordnung und Gruppirung und seinen Ort im Raume. Die ganze unendliche F\u00fclle von Erscheinungen des organischen Lebens in der Natur \u2014 ja unser eigenes Menschendasein mit seinem ganzen Reichthum an intellectuellen und socialen Erscheinungen ist an diesen Wechsel und Kreislauf des Stoffes erfali-rungsm\u00e4ssig gebunden. Hemmen Sie diesen Wechsel und Kreislauf des Stoffes \u2014 und Sie vernichten die Welt ! \u2014\u2022\nDie uralte Vorstellung von der Metempsychose oder Seelenwanderung ist ein phantastischer Traum aus der Kindheit des Menschengeschlechts, aus dem die Mehrzahl der Menschen heute noch nicht v\u00f6llig erwacht ist. Der ewige Kreislauf des Stoffes hingegen, dessen Detail-Ausmalung in einem der Wirklichkeit auch nur ann\u00e4hernd entsprechenden Bilde der k\u00fchnsten und reichsten Phantasie spottet, ist eine grossartige n\u00fcchterne Wahrheit, welche der herangereiften Menschheit \u2014 durch die exacte Naturforschung \u2014 unersch\u00fctterlich feststehend f\u00fcr alle Zeiten aufgegangen ist. Mit der Wage und dem chemischen Reagens in der Hand ist der Naturforscher den Stoffelementen nachgegangen und hat sie auf ihren Wanderungen durch\u2019s Universum in ewig wechselnder Vergesellschaftung mit einander Schritt f\u00fcr Schritt verfolgt, \u2014 aus dem Stofifvorrath der Erde, der Gew\u00e4sser, der Atmosph\u00e4re heraus, durch die pflanzlichen, thierischen und menschlichen Individuen hindurch. wieder ins Mineralreich zur\u00fcck, und so fort und fort in geschlossener Kreisbahn. Es ist daher","page":204},{"file":"p0205.txt","language":"de","ocr_de":"II. Kreislauf der Stoffe iu den drei Naturreichen.\n205\nkeine beliebige abenteuerliche Idee mehr1), sondern eine ganz n\u00fcchterne und sehr reelle M\u00f6glichkeit, dass einzelne derselben Stoff-tlieilchen, die einst das gesch\u00e4ftige Gehirn Julius C\u00e4sar\u2019s zusammengesetzt haben, heute in den Getreidek\u00f6rnern auf dem Felde einer nordamerikanischen Farm oder in einer Leipziger \u2014 Nasenspitze stecken, und in hundert Jahren das Herz unseres eigenen Urenkels bilden helfen werden. Denn das steht \u00fcber alles Meinen und Glauben fest und sicher, dass die Stoffelemente, welche die organischen Verbindungen des Thier- und Menschenleibes in einem gegebenen Augenblicke zusammensetzen, fr\u00fcher einer Pflanze angeh\u00f6rt haben m\u00fcssen, die sie aus dem Boden, dem Wasser und der Luft entnommen und organisch gruppirt hat, und dass diese Stoffelemente aus den Thier-und Menschenleibern in anderer, unorganischer Gruppirung in den Boden, das Wasser und die Luft zur\u00fcckkehren, aus denen sie nur die Pflanze f\u00fcr das organische Leben wieder zur\u00fcckgewinnen kann.\nDie Kohlens\u00e4ure, die wir heute hier in diesem Saale ausathmen \u2014 sie wird durch die Ventilation der Herren M\u00fcller und Kellnig der Atmosph\u00e4re Leipzigs beigemischt und \u00fcber Deutschland und Europa, ja \u00fcber die ganze Oberfl\u00e4che der Erde fortgef\u00fchrt, um nach k\u00fcrzerer oder l\u00e4ngerer Zeit von einer Pflanze aufgenommen, und unter dem Einfluss des Sonnenlichts in Kohlenstoff und Sauerstoff zerlegt zu werden. Den freigewordenen Sauerstoff atlimet irgendwo und irgendwann Thier oder Mensch ein, oder es verzehrt ihn ein Hochofen oder eine bescheidene Herdstelle, an der man eben die Mittagssuppe kocht ; den freigewordenen Kohlenstoff verbaut die Pflanze in ihre Kohlehydrate, Fette und Eiweissk\u00f6rper, die wieder Thieren und Menschen zur Nahrung dienen. Und so k\u00f6nnen wir dieselben Kohlenstoff-theilcken, welche wir heute hier als Kohlens\u00e4ure ausgeathmet haben, vielleicht schon im n\u00e4chsten Jahre auf einer Heise durch Italien im Mehl der Maccaroni Neapels oder im Fleische einer Apfelsine Sorrents wiedergeniessen und so als einen integrirenden Bestandtheil unseres eigenen Blutes und Fleisches zur\u00fcckerhalten !\nDoch, weiteres frappantes Detail dieser Art auszudenken, kann ich f\u00fcglich Ihrer eigenen Einbildungskraft \u00fcberlassen, der Sie dabei getrost den k\u00fchnsten Flug gestatten m\u00f6gen, ohne bef\u00fcrchten zu d\u00fcrfen,\n1 Dass der Genius eines Shakespeare den Kreislauf des Stoffes poetisch vorausgeahnt hat, beweist jene Stelle im \u00bbHamlet\u00ab, wo es heisst :\n\u00bbDer grosse C\u00e4sar, todt und Lehm geworden,\nVerstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden.\n0 dass die Erde, der die Welt gebebt,\nVor Wind und Wetter eine Wand verklebt!\u00ab","page":205},{"file":"p0206.txt","language":"de","ocr_de":"206\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung-.\ndie Wirklichkeit an Phantasiereichthum und Erfindungsgabe jemals zu Uberbieten. Schliesslich nur noch die Frage : Was wohl aus der \u00bbAuferstehung des Fleisches\u00ab wird, wenn der Tag der Auferstehung noch lange auf sich warten l\u00e4sst, und mittlerweile Millionen und Millionen von Generationen durch ihre Entstehung und ihr Lehen die Berechtigung erhalten, am Auferstehungstage dasselbe Stoffmaterial als ihr eigenstes Fleisch und Blut zu reclamiren. auf welches fr\u00fchere Generationen, die ja doch auch zur Auferstehung berufen sind, den gleichen Anspruch erheben werden, da sie absolut denselben, nur noch \u00e4lteren Besitzrechtstitel darauf haben ? !","page":206}],"identifier":"lit16317","issued":"1879","language":"de","pages":"191-206","startpages":"191","title":"Die Principien der mechanischen Naturauffassung. Einleitung zur heutigen Physiologie, ein Cyclus von zehn Vorlesungen: II. Kreislauf der Stoffe in den drei Naturreichen","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:02:46.042360+00:00"}
