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{"created":"2022-01-31T16:02:17.693116+00:00","id":"lit16318","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 207-216. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0207.txt","language":"de","ocr_de":"III.\nLehre von den Atomen und ihrer Unzerst\u00f6rbarkeit.\nIch darf, meine Herren, mich heute der wenig beneidenswertheu Aufgabe nicht entziehen, Sie in eine unmessbare und unsichtbare Welt, in die der Atome, einzuf\u00fchren, und indem ich dies versuche, m\u00f6chte ich vorausschicken, dass ich mit der Darstellung von dem Baue, der Constitution, der Natur der minimalen Stofftheilchen zwar ein nicht ganz sicheres, schwankendes Gebiet betrete, jenes der Hypothese n\u00e4mlich; dass ich es jedoch in der vollen Ueberzeugung thue, die Hypothese sei im Allgemeinen weit besser als ihr Ruf, dort wo sie in wissenschaftlichem Sinne gepflegt wird. Es sind in der That die geringsten Fortschritte der Wissenschaft durchaus nicht, die wir allein derartigen Hypothesen zu verdanken haben, ja, man kann im Gegentheil ohne jede Uebcrtreibung behaupten, dass die gr\u00f6ssten Errungenschaften der Wissenschaft zu allen Zeiten hypothetischen Annahmen entsprossen sind. H\u00f6ren Sie, was einer der ersten Vertreter der modernen Chemie, Hoffmann in Berlin, dort, wo er das Zusammentreten der chemischen Atome nach bestimmten Gewichtsmengen er\u00f6rtert, in dieser Richtung sagt :\n\u00bbDie Ursachen der beobachteten Wirkungen sind uns bis jetzt fremd geblieben. Zu ihrer Erforschung f\u00fchlen wir uns gleichwohl durch einen der m\u00e4chtigsten Impulse unserer intellectuellen Natur unwiderstehlich hingezogen. Dieser instinctive Forschungstrieb scheint niemals v\u00f6llig befriedigt werden zu k\u00f6nnen. Die letzte der Ursachen liegt immer jenseits der Grenzen unseres Fassungsverm\u00f6gens, unserer Ur-theilskraft. Die Bedingungen, unter denen sich die Erscheinungen gestalten, die Verh\u00e4ltnisse ihrer Reihenfolge und ihrer Aehnlichkeit sind dagegen berechtigte Aufgaben der Untersuchung, ihre wahre Natur, ihr letzter Ursprung bleiben uns unergr\u00fcndliches Geheimniss. Allein der L\u00f6sung selbst solcher, \u00fcber das uns zug\u00e4ngliche Gebiet nicht hinausgreifender Aufgaben stellen sich Schwierigkeiten aller","page":207},{"file":"p0208.txt","language":"de","ocr_de":"208\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nArt entgegen, welche oft nur dadurch zu \u00fcberwinden sind, dass wir, unserer Phantasie vertrauend, gewisse Voraussetzungen gelten lassen, um die Ergebnisse bereits angestellter Versuche mit einander zu verkn\u00fcpfen und die Richtung neuer Versuche zu bezeichnen. Solche Voraussetzungen nennen wir Hypothesen (von v.co, unter, und einem Abk\u00f6mmling von lilhjii. ich stelle, also w\u00f6rtlich: Unterstellungen . Die Hypothese ist f\u00fcr die Naturforschung das werthvollste Hilfsmittel, allein das gilt nur von der Hypothese, welche, auf Th a t-sadien fussend, das Verstaudniss dieser Thatsachen anbahnt, dieselben unter einem Gesichtspunkt vereinigt und endlich zu neuen Versuchen Veranlassung gibt; die rein speculative Hypothese, welche nicht in dem Boden des Versuches und der Beobachtung wurzelt, hat keine Bedeutung und kann also nur als eine wenig fruchtbare Verstandes\u00fcbung betrachtet werden. \u2014 Die Hypothese ist begreiflich ein ganz provisorisches Hilfsmittel; sie muss erweitert und selbst aufgegeben werden, je nachdem sie f\u00fcr die Ergebnisse fortgesetzter Forschung zu enge wird, oder aufh\u00f6rt sich ihnen anzupassen. Umfasst und erkl\u00e4rt die Hypothese andererseits ausgedehnte Reihen von Erscheinungen, ergeben sich in fortgesetzten Versuchen die Resultate, welche die Hypothese in Aussicht stellt, wird sie durch aufeinanderfolgende Entdeckungen h\u00f6her und h\u00f6her in der Wahrscheinlichkeitsskala gehoben, so verliert sie immer mehr und mehr ihren provisorischen Charakter, bis sie zuletzt mit dem Namen und Rang einer Theorie (von Otcootoj, ich betrachte) den anerkannten Lehren der Wissenschaft sich anreiht.\u00ab 1 :\nIn diesem Sinne, meine Herren, ist die empirische Atomenlehre, welche, wie Sie bald sehen werden, auf unzweifelhaften Thatsachen fusst und mit all\u2019 den gl\u00e4nzenden Entdeckungen und Erfolgen der modernen Naturwissenschaft in solidarischem Zusammenh\u00e4nge steht, eine feststehende Theorie, von deren Grundz\u00fcgen Jeder, der irgend Anspruch auf allgemeine Bildung haben will, eine einigermassen richtige und klare Vorstellung besitzen muss.\nNach dieser Theorie besteht nun die Materie aus unz\u00e4hlbaren discreten, d. h. durch freie Zwischenr\u00e4ume von einander getrennten, unmessbar kleinen Theilchen oder Atomen von zweierlei Art : die einen heissenK\u00f6rperatome, die anderen Aetheratome.\u2014Die K\u00f6rperatome ziehen sich gegenseitig an, die Aetheratome stossen sich gegenseitig ab. \u2014\u25a0 Auch dort, wo K\u00f6rper- und Aetheratome in gegenseitige Beziehung treten, wird angenommen, dass die ersteren anziehend, die letzteren abstossend wirken \u2014 die einfachsten elementaren Bewegun-\n1 Einleitung in die moderne Chemie; Braunschweig 1871, S. 219\u2014220.","page":208},{"file":"p0209.txt","language":"de","ocr_de":"III. Lehre von den Atomen und ihrer Unzerst\u00f6rbarkeit.\n209\ngen der Uratome finden somit geradlinig Statt, da die beiden Urkr\u00e4fte, die Anziehungs- nnd Abstossnngskraft, geradlinig wirken.\nAlle K\u00f6rperatome w\u00fcrden auf Einen Punkt zusammenscbiessen, wenn nickt die zwischengelagerten Aetheratome gleichsam H\u00fcllen um dieselben bildeten, welche ihre Ber\u00fchrung absolut verhindern, da die Abstossungskraft der Aetheratome f\u00fcr unendlich kleine Entfernungen unendlich gross wird. Die Aetheratome ihrerseits w\u00fcrden wieder ins Unendliche auseinanderfahren, wenn sie nicht durch die Anziehungskraft der K\u00f6rperatome zusammengehalten w\u00fcrden.\nSo treten denn K\u00f6rperatome und Aetheratome in bestimmter Anzahl und Gruppirung zu unsichtbar kleinen, aber doch schon r\u00e4umlich ausgedehnten Ganzen zusammen, welche die Chemie Atome nennt. Diese elementarsten Gruppen von Uratomen verdienen den Kamen \u00bbAtome\u00ab von rifivio. schneiden, und dem griechischen \u00ab privativum, also \u00bbuntheilbar\u00ab ) in sofern, als sie durch keinerlei Hilfsmittel weiter zerlegt oder zertheilt werden k\u00f6nnen. \u2014 Je nach der verschiedenen Anzahl und Form, in welcher sich die K\u00f6rper- und Aetheratome oder Uratome zu elementaren Complexen gruppiren, werden diese Complexe oder Atome nothwendig verschiedene Wirkungen auf ihre Umgebung aus\u00fcben, d. h. verschiedene Eigenschaften und Gewichte haben m\u00fcssen. \u2014 Die Chemie kennt heute 02 solcher Atome oder chemischer Elemente.\nK\u00fcrperatome ) Aetheratome f\nUratome.\nAtom.\nAus der Verbindung einer bestimmten Anzahl solcher gleichartiger oder ungleichartiger Atome entstehen nun chemisch einfache oder zusammengesetzte Atomcomplexe oder Molec\u00fcle. Auch sie sind noch unsichtbar und von unmessbarer Kleinheit.\nErst indem die Molec\u00fcle sich zu Aggregaten vereinigen, bilden\nCzermak, Schriften. II.\t14","page":209},{"file":"p0210.txt","language":"de","ocr_de":"-210\nDio Principien dor mechanischen Naturauffassung.\nsie Molen, von moles, Masse, so genannt. Es sind das sowohl die kleinsten \u00fcberhaupt wahrnehmbaren und'messbaren Massentheilchen, als auch die gr\u00f6beren Massen, wie sie in der uns umgehenden K\u00f6rperwelt unmittelbar zur Erscheinung kommen.\nIch habe Ihnen hiermit die Massen oder Molen der Materie aus Uratomen, Atomen und MolecUlen sozusagen theoretisch aufgebaut : jetzt gedenke ich, von dem festen Boden sinnlicher Erfahrung ausgehend , Sie an der Hand der Beobachtung und des Experiments den durchlaufenen Weg zur\u00fcckzuf\u00fchren, Ihnen die Ueberzeugung beizubringen, dass die dargelegten Grundz\u00fcge der atomistischen Hypothese oder Theorie von der Constitution der Materie kein Hirngespinnst sind, sondern auf fester, unersch\u00fctterlicher Basis ruhen. \u2014 Pr\u00fcfen wir also zun\u00e4chst, ob unsere Vorstellung, der gem\u00e4ss die Materie im Allgemeinen sich dreistufig, aus Uratomen, Atomen und Molec\u00fclen aufbaut, eine berechtigte ist, ob dieselbe Materie sich etwa experimentell wieder zur\u00fcck in ihre Molecule, Atome und Uratome zerlegen oder theilen lasse ; denn offenbar ist die T h e i 1 b a r k e i t der Materie eine noth wendige Consequenz dieser Vorstellung. \u2014 Zu diesem Ende wollen wir unsere Aufmerksamkeit vor Allem einem wohlbekannten K\u00f6rper. dem Wasser, zuwenden.\nAVir kennen das Wasser in drei verschiedenen Zust\u00e4nden oder Formen : als festes Eis, als fl\u00fcssiges Wasser und als gasf\u00f6rmigen Dampf.\nWenden wir die Mittel der mechanischen Zerkleinerung auf ein St\u00fcck Eis an, so k\u00f6nnen wir es in immer kleinere St\u00fccke zerbrechen, ja wenn wir nur Sorge tragen, die Temperatur unter dem Gefrierpunkt zu erhalten, k\u00f6nnen wir es ganz fein pulverisiren. Aber das feinste Eispulver besteht noch immer nur aus Eisfragmenten, und das denkbar kleinste, diesem Eisstaube entnommene Theilchen ist und bleibt nichts mehr und nichts weniger als ein starres St\u00fcckchen Eis \u2014 eine Eis-mole. Es ist erfalirungsgem\u00e4ss noch nie gelungen, durch mechanische Mittel die Theilbarkeit der Materie weiter zu treiben.\nGanz anders verh\u00e4lt sich die Sache, wenn wir Eismassen, einerlei ob in grossen St\u00fccken oder in verschwindend kleinen Staubtheilchen, dem Einfluss der AA'\u00e4rme aussetzen. AVir sehen dann. wie das Eis schmilzt, d. h. zu fl\u00fcssigem AVasser wird, und die denkbar kleinsten starren Eismolen oder St\u00e4ubchen documcntiren durch dieses ihr Fl\u00fcssigwerden, dass sie aus unmess liar kleinen Theilchen oder Alo-1 ec\u00fclen Verkleinerungswort von Mole\u2019 zusammengesetzt sein m\u00fcssen, welche durch den Einfluss der AA'\u00e4rme leicht verschiebbar geworden sind, w\u00e4hrend sie in der starren Eismole unverr\u00fcckbar feste Stellungen","page":210},{"file":"p0211.txt","language":"de","ocr_de":"III. Lehre von den Atomen und ihrer Unzerst\u00f6rbarkeit.\n211\ngegen einander liatten. \u2014 Fahren wir fort, dein entstandenen fl\u00fcssigen Wasser W\u00e4rme zuzuf\u00fchren, so steigt dessen Temperatur von 0\u00b0, die es trotz der W\u00e4rmezufuhr so lange beibeh\u00e4lt, als noch eine Spur von Eis ungeschmolzen blieb, \u2014rasch bis auf 100\u00b0 C., den Siedepunkt, und das fl\u00fcssige Wasser wird in Dampf verwandelt, wird gasf\u00f6rmig. Sorgt man daf\u00fcr, das Wassergas auf derselben Temperatur zu erhalten, so ist es leicht zu eonstatiren, dass es einen 16S9 mal gr\u00f6sseren Kaum einnimmt, als das fl\u00fcssige Wasser, aus dem es hervorgegangen war. Es folgt hieraus, dass die unmessbar kleinen Zwischenr\u00e4ume zwischen den Moleciilen des fl\u00fcssigen Wassers bei der Umwandlung desselben in gasf\u00f6rmiges Wasser 16S9 mal gr\u00f6sser geworden sind. \u2014 obschon sie auch dann noch nnmessbar klein bleiben, \u2014 und dass die Molec\u00fcle in Folge des Einflusses der W\u00e4rme eine noch gr\u00f6ssere Verschiebbarkeit und Beweglichkeit erhalten haben, als sie im fl\u00fcssigen Wasser besasseu.\nWir gelangen auf diese Weise mit Nothwendigkeit zu der Vorstellung, dass auch die kleinsten Massen oder Molen aus Aggregaten noch kleinerer, d. h. nnmessbar kleiner Theilchen oder Molec\u00fcle bestehen, zwischen welchen die Anziehungs- und Abstossungskraft in verschiedener Weise th\u00e4tig sind. Der gegenseitigen Anziehung der Molecule verdanken starre K\u00f6rper, wie das Eis. ihre Form und Festigkeit: die moleeulare Abstossung dagegen bedingt in gasf\u00f6rmigen K\u00f6rpern. wie im Wassergas, ihre freie Beweglichkeit und ihr Bestreben, sich zu verfl\u00fcchtigen : in fl\u00fcssigen K\u00f6rpern, wie im fl\u00fcssigen Wasser, sind die beiden Formen molecularer Th\u00e4tigkeit auf einer Zwischenstufe ins Gleichgewicht getreten. Die Molec\u00fcle der Fl\u00fcssigkeiten werden noch mit betr\u00e4chtlicher Anziehung in unver\u00e4nderlichen Entfernungen an einander gehalten 'Tropfenbildung), k\u00f6nnen sich jedoch mit Leichtigkeit um einander verschieben, so dass das Aggregat, welches sie bilden, zwar stets das gleiche Volumen behalten muss, dagegen jedwede Begrenzungsform oder \u00e4ussere Gestalt anzunehmen im Stande ist.\nDie unmessbar kleinen Theilchen des Eises, des Wassers und des Wassergases sind in allen drei Coh\u00e4sionsformen identisch, und sie sind an sich weder starr, noch fl\u00fcssig, noch gasf\u00f6rmig : nur die wahrnehmbaren Massenaggregate, welche bei verschiedenen W\u00e4rmegraden sich aus ihnen aufbauen, zeigen die verschiedenen Grade des festen, fl\u00fcssigen oder gasf\u00f6rmigen Zustandes der Materie.\nErfahrungsgem\u00e4ss ist jedoch die Theilbarkeit der Materie mit dieser Auseinanderdr\u00e4nguug der Molec\u00fcle noch nicht zu Ende. So unaussprechlich klein wir uns auch die unmessbaren Molec\u00fcle des Wassers denken m\u00f6gen, wir k\u00f6nnen thats\u00e4chlich jedes derselben durch chemisch-physikalische Einwirkung noch in zwei Theile spalten, zer-\n14*","page":211},{"file":"p0212.txt","language":"de","ocr_de":"212\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nlegen, welche von differenter chemischer Natur' sind, und sie erst bezeichnen wir als Atome oder chemische Elemente, weil sie sich auf keine Weise in chemisch verschiedene Bestandteile weiter zerlegen lassen.\nJedes Moleciil des Wassers besteht ans zweierlei Atomen, aus Wasserstoff- und Sauerstoffatomen n\u00e4mlich. Lassen wir hier die Pole einer elektrischen Batterie in das Befass mit Wasser tauchen, so zersetzt sich dieses letztere sofort in zwei, ihren Eigenschaften nach verschiedene Gase : kleine Bl\u00e4schen Sauerstoff steigen vom positiven Pol auf, w\u00e4hrend Bl\u00e4schen von Wasserstoff sich am negativen Pol zeigen ; w\u00e4gen wir beide, so erhalten wir das Gewicht des zersetzten Wassers.\nMit der Einreihung dieses letzten Gliedes in die Kette der Erfahrungen \u00fcber die Theilbarkeit der Materie kommt dieselbe thats\u00e4chlieh zum Abschluss. Sie erweist sich also als eine dreifache : als molare, moleculare und atomistische.\n1)\tDie molare Theilung wird durch mechanische Hilfsmittel bewerkstelligt und liefert, seihst aufs \u00e4usserste getrieben, immer nur Massen oder Molen, welche wahrnehmbare Gr\u00f6ssen besitzen und der unmittelbaren Beobachtung zug\u00e4nglich sind.\n2)\tDie moleculare Theilung, durch Anwendung physikalischer Kr\u00e4fte, wie die W\u00e4rme, erreichbar, erweist selbst die kleinsten Molen oder Massen als aus Aggregaten noch kleinerer Theilclien bestehend und findet ihre Grenze in den unmessbar kleinen Moleciilen.\n3)\tDie atomistische Theilung endlich gelingt durch chemisch-physikalische Vorg\u00e4nge, welche das unmessbar kleine Moleciil in seine elementaren Bestandteile oder Atome zerlegen.\nDie Molecule und Atome, welche aus der molecularen und atomi-stischen Theilbarkeit der Materie als Grenzpunkte hervorgehen, sind zwar der unmittelbaren Beobachtung entzogen, ihre reale Existenz kann aber mit einer an Gewissheit grenzenden Wahrscheinlichkeit erschlossen werden ; denn nur, wenn wir dieselbe statuiren, gelingt es uns, die thats\u00e4chlichen Ergebnisse der modernen Forschung befriedigend zu verkn\u00fcpfen und zu erkl\u00e4ren. In der That, wenn der Chemiker erf\u00e4hrt, dass der Kohlenstoff mit dem Sauerstoff \u2014 von der Gewichtsmenge des Wasserstoff elements als Einheit ausgehend \u2014 sich nur im Gewichts-verh\u00e4ltniss von 12 : IG im Kohlenoxyd oder von 12 : 32 in der Kohlens\u00e4ure vereinigt; wenn er weiter erf\u00e4hrt, dass die Gewichtsverh\u00e4ltnisse des Kohlenstoffs im Grubengas, im \u00f6lbildenden Gas, im Aether, im Terpentin\u00f6l durch die Zahlen 12, 24, 48, 120, jenes des Sauerstoffes im Wasser, in der Essigs\u00e4ure, in anderen Verbindungen durch die Zahlen l\u00f6, 48, 64 ausgedr\u00fcckt werden : muss er da nicht notliwen-","page":212},{"file":"p0213.txt","language":"de","ocr_de":"III. Lohre von den Atomen und ihrer Unzerst\u00f6rbarkeit.\n213\ndig zur Annahme gedr\u00e4ngt werden, die Zahl 12 dr\u00fccke die Gewichtsmenge des kleinsten Kohlenstofftheilchens \u00fcberhaupt, und ebenso 16 die geringste Gewichtsmenge des Sauerstofftheilchens \u00fcberhaupt aus ? Denn nur, wenn die Zahlen 12 und 16 als die Gewichtsmengen der letzten einfachen Kohlenstoff- und Sauerstoffelemente angesehen werden, erkl\u00e4ren sich die Gewichtsverh\u00e4ltnisse derselben bei den genannten verschieden zusammengesetzten K\u00f6rpern ganz nat\u00fcrlich und vollkommen. Denn ist der Sauerstoff in der Gewichtsmenge von 16 nicht weiter t h e i 1 b a r, also Atom, ist es der Kohlenstoff in der Gewichtsmenge von 12 ebenso wenig, dann k\u00f6nnen sie beide selbstverst\u00e4ndlich nur in diesen Gewichtsverh\u00e4ltnissen oder in den Vielfachen derselben in chemische Combinationen eintreten.\nIst jedoch der Chemiker hiermit bei den letzten Ergebnissen der thats\u00e4chlichen Theilbarkeit der Materie angelangt, so machen dagegen die Phantasie, der m\u00e4chtige Forschungstrieb unserer intellectuellen Natur auch bei ihnen noch nicht Halt. Wir k\u00f6nnen n\u00e4mlich die Atome der chemischen Elemente, so wenig wir auch im Stande sind sic weiter zu zerlegen, darum doch nicht als die letzten Elemente der Materie anerkennen, weil die einfachen Zahlen Verh\u00e4ltnisse der verschiedenen sogenannten Atomgewichte, \u2014 denen gem\u00e4ss das Atomgewicht des Sauerstoffs zu dem des Wasserstoffs sich wie 16 : 1, das des Kohlenstoffs zum Wasserstoff sich wie 12:1 verh\u00e4lt, und \u00e4hnliche Verh\u00e4ltnisse ohne Bruchth eile bei den Atomen aller Stoffe aufgefunden worden sind, \u2014 darauf schliessen lassen, dass eben auch die chemischen Atome letzten Endes nur verschiedene Lagerungsformen einer verschiedenen Anzahl gleichartiger Grundelemente oder U r at o m e sein m\u00fcssen, welche wir K\u00f6rperatome genannt und mit Anziehungskraft begabt haben.\nNeben den K\u00f6rper atomen mussten wir Ae th er atome annehmen, weil ohne diese abstossend wirkenden Atome die K\u00f6rperatome, ihrer Anziehungskraft allein folgend, auf einen Punkt zusammen-schiessen w\u00fcrden. Ohne das Vorhandensein des Aethers als Medium verm\u00f6chten wir ferner alle Erscheinungen der Licht- und W\u00e4rmestrahlung uns nicht zu erkl\u00e4ren. Ja, in den Schwingungen der Aetheratome allein sind, wie wir schon bei der Th\u00e4tigkeit des Chlorophylls in den Pflanzen erfahren haben, die Quellen alles Lebens, des pflanzlichen wie des thierischen. zu suchen. Die Aetheratome sind daher, nach unserer Theorie, ebenso in jedem chemischen Atom zwischen den K\u00f6rperatomen, und in jedem Massentheilchen zwischen den Molec\u00fclen oder Atom-complexen, als im Weltraum zwischen den Himmelsk\u00f6rpern vertheilt.\nOb nun diese Uratome selbst noch stofflich, d. h. theilbar","page":213},{"file":"p0214.txt","language":"de","ocr_de":"214\nDie Prineipien der mechanischen Naturauffassnng.\ngedacht werden sollen, hat f\u00fcr die Naturforschung kein praktisches Interesse mehr, da sie nur so weit Hypothesen baut, als sie derselben zur Verkn\u00fcpfung und Erkl\u00e4rung der Thatsacken und zum Ans\u00e4tze des mathematischen Calc\u00fcls eben bedarf. Dagegen bem\u00e4chtigt sich jene Philosophie, welche, wie \u00bbdie Philosophie des Unbewussten\u00ab von Hartmann , einsichtig genug ist, die Atomentheorie als die allein m\u00f6gliche und fruchtbringende Auffassungsweise der Constitution der Materie anzuerkennen, dieser Frage nach der Stofflichkeit der Uratome und kommt zu dem Resultate, dieselben als absolut ausdehnungslose, mathematische Punkte, als blosse Kraftcentra vorzustellen, wodurch die Materie, der Stoff, in ein System von atomistischen Kr\u00e4ften verfl\u00fcchtigt wird. Die empirische Atomentheorie wird so zum atomistischen Dynamismus, welcher allen Anforderungen sowohl der exacten Naturwissenschaft, wie der metaphysischen Speculation Gen\u00fcge leistet.\nIch citire die Stelle w\u00f6rtlich, in welcher Hartmann die Grundz\u00fcge seines atomistischen Dynamismus meisterhaft recapitulirt.\n\u00bbEs gibt gleich viel positive und negative, d. h. anziehende und abstossende Kr\u00e4fte. Die Wirkungsrichtungen jeder Kraft schneiden sich in einem mathematischen Punkte, welchen wir den Sitz der Kraft nennen. Dieser Sitz der Kraft ist beweglich, d. h. im Raume verschiebbar. Jede Kraft wirkt auf jede andere auf dieselbe Weise, gleichviel, welches Vorzeichen dieselbe hat. Die positive Kraft heisst K\u00f6rperatom, die negative Aetheratom. Auf eine gewisse endliche Entfernung ist die Abstossung eines Aetheratoms und die Anziehung eines K\u00f6rperatoms gleich, aber da das Gesetz ihrer Ver\u00e4nderung mit der Entfernung verschieden ist, Uberwiegt zwischen dem Aether- und K\u00f6rperatom auf kleineren Entfernungen die Abstossung, auf gr\u00f6sseren die Anziehung.\nK\u00f6rperatome mit zwischengelagerten, sie auseinanderkaltcnden Aetheratomen vereinigen sich zu den Molec\u00fclen (wir nannten sie \u00bbAtome\u00ab, w\u00e4hrend wir die zu ihnen sich vereinigenden K\u00f6rper- und Aetkeratome \u00bbUratome\u00ab nannten ; der chemischen Elemente, diese auf dieselbe Weise zu den Molec\u00fclen der chemisch zusammengesetzten K\u00f6rper, diese zu den materiellen K\u00f6rpern selbst.\nDie Materie ist also ein System von atomistischen Kr\u00e4ften in einem gewissen Gleichgewichtszust\u00e4nde. Ans diesen Atomkr\u00e4ften in den verschiedenartigsten Combinationen und Reactionen entstehen alle sogenannten Kr\u00e4fte der Materie, wie Gravitation, Schwere, Expansion, Elektricit\u00e4t, Krystallisation, Elasticit\u00e4t, Galvanismus, Magnetismus, chemische Verwandtschaft, W\u00e4rme, Licht u. s. w.\u00ab1 .\n1 Philos. d. Unbew. \u2014 2. Aufl. S. 442.","page":214},{"file":"p0215.txt","language":"de","ocr_de":"III. Lohre von den Atomen und ihrer Unzerst\u00f6rbarkeit.\n215\nWenn aber Hartmann schliesslich die Materie \u00bbals Wille und Vorstellung\u00ab auffasst. so ist das reine metaphysische Speculation, mit der ich hier nichts zu thun habe, da es nicht meines Amtes, Philosophie zu lehren, sondern nur die Grundz\u00fcge der exacten Naturforschung darzulegen ; \u2014 f\u00fcr die Naturforschung aber gibt es eine Tugend der Entsagung auf intellectuellem Gebiete nicht minder als auf moralischem. \u2014 Mir gen\u00fcgt es darum, wenn Sie richtig erfasst haben, dass die exacte Naturforschung die Materie, trotz des tr\u00fcgerischen Anscheins, nicht als etwas den Raum eontinuirlich Erf\u00fcllendes betrachtet, sondern als aus unmessbar kleinen discreten, d. h. durch Zwischenr\u00e4ume getrennten Theilchen, den\u00fcratomen, bestehend, welche, in Folge der zwischen ihnen herrschenden Anziehungs- und Abstossungs-kr\u00e4fte sich innerhalb jener Zwischenr\u00e4ume stetig bewegen, \u2014 zu bestimmten einheitlichen Gruppen, den chemisch differenten Atomen zusammentreten, aus deren Verbindung chemisch gleichartige oder ungleichartig zusammengesetzte h\u00f6here Einheiten \u2014 die Moleclile \u2014 hervorgehen, deren Aggregate endlich die sichtbar festen, fl\u00fcssigen und gasf\u00f6rmigen K\u00f6rper darstellen.\nW\u00e4hrend so die Chemie durch die von mir angef\u00fchrten Thatsachen zur Kenntniss der Atome gelangt ist, hat sie gleichzeitig unwiderlegbar, mit der Waage in der Hand, erfahren, dass die Atome v\u00f6llig unvernichtbar sind, und unver\u00e4nderlich in ihrer Masse, unver\u00e4nderlich auch in ihren Eigenschaften, insofern als sie aus jedem Zustande, in den sie \u00fcbergef\u00fchrt wurden, immer wieder ausgeschieden und auf dieselben Eigenschaften zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, die sie fr\u00fcher im isolirten Zustand besassen r. Die Chemie hat ferner tliat-s\u00e4chlich gezeigt, dass alle Substanzen, \u2014 organische und unorganische, \u2014 aus den von ihr aufgefundenen Elementarstoffen zusammengesetzt werden, indem sich dieselben in den verschiedensten Verh\u00e4ltnissen mit einander chemisch verbinden und gruppiren, \u2014 und dass der ganze unendliche Wechsel der Erscheinungen, \u2014 in der unorganischen, wie der organischen Welt, alle die \u00fcberraschenden und mannigfaltigen Resultate der chemischen Zusammensetzungen und Verbindungen auf einer Ver\u00e4nderung der r\u00e4umlichen Vertheilung und Gruppi-rung der einfachen und an sich unver\u00e4nderlichen Atome zu chemisch gleichartigen oder ungleichartigen Molecitlen und Moleciilaggregaten oder Molen beruht. \u2014\n1 Damit ist nicht gesagt, dass die Zahl der chemischen Elemente im Lauf des wissenschaftlichen Fortschritts sich nicht verringern k\u00f6nnte, oder dass es absolut unm\u00f6glich bleiben sollte \u2014 Gold zu machen.","page":215},{"file":"p0216.txt","language":"de","ocr_de":"216\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nAlles Verschwinden und Entstehen von Stoff, jede Ver\u00e4nderung der Eigenschaften des Stoffes ist nur scheinbar, insofern sich dies Verschwinden und Entstehen nur auf die zusammengesetzten Substanzen, nicht aber auf die Stoffel erneute \u2014 also nur auf die Moleciile und MoleeUlaggregate, nicht aber auf die chemischen Atome bezieht, aus welchen jene hervorgehen. Die Atome selbst sind und bleiben unver\u00e4ndert und unver\u00e4nderlich ; was sich allein \u00e4ndern kann und wirklich \u00e4ndert, was allein neu entsteht und auch wieder vernichtbar ist, das ist die Vertheilung der Atome im Baum, d. i. die Form und Anordnung der Mischung und chemischen Verbindung der Atome zu Molec\u00fclen, zu Moleciilaggregaten, und das sind die neuen Eigenschaften und Wirkungen, welche aus der Combination der Atomkr\u00e4fte als resultirende aus ihren Gomponenten hervorgehen.\nFassen wir alle diese Thatsachen zu einem einzigen Begriffe zusammen, so gewinnen wir\nDas Gesetz von der Erhaltung und Unzerst\u00f6rbarkeit des S.toffes.\nEs besagt dasselbe demnach zweierlei :\n1)\tdass die Quantit\u00e4t des Stoffes, also seine Masse, ewig und unver\u00e4nderlich ist. Der Stoff kann weder vermindert und vernichtet, noch vermehrt und neu geschaffen werden. Der Vorrath an Stoff, welcher im Universum vorhanden ist, ist ein- f\u00fcr allemal gegeben und constant ;\n2)\tdass ebenso, wie die Masse auch das Gewicht und alle sonstigen Eigenschaften des Stoffes ewig und unver\u00e4nderlich sind.\nUeber die grosse Tragweite dieses Gesetzes will ich Sie in der Folge unterhalten.","page":216}],"identifier":"lit16318","issued":"1879","language":"de","pages":"207-216","startpages":"207","title":"Die Principien der mechanischen Naturauffassung. Einleitung zur heutigen Physiologie, ein Cyclus von zehn Vorlesungen: III. Lehre von den Atomen und ihrer Unzerst\u00f6rbarkeit","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:02:17.693122+00:00"}
