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{"created":"2022-01-31T16:05:05.363630+00:00","id":"lit16320","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 229-239. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0229.txt","language":"de","ocr_de":"y.\nWas wesentlich beim Anstausch von Spannkraft und lebendiger Kraft geschieht.\nDie Erfahrungen, welche wir bisher in dein Gebiete der grobmechanischen Bewegungserscheinungen gemacht haben, haben uns zu einer Erweiterung des Begriffes der Triebkraft oder Energie gef\u00fchrt, indem sie uns n\u00f6thigten, die Triebkraft in Form von Spannkraft oder potentieller Energie von der Triebkraft in Form von lebendiger Kraft oder actuellcr Energie zu unterscheiden. Zugleich gelangten wir vermittelst dieser Begriffserweiterung zu einer neuen und pr\u00e4cisen Formulirung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft, welche lautete : dass immer und unter allen Umst\u00e4nden f\u00fcr das Quantum Spannkraft, welches verschwindet, ein \u00e4quivalentes Quantum lebendiger Kraft auftritt. dass somit die Summe dieser beiden Gr\u00f6ssen, die totale Energie oder der gesummte Vorrath an Kraft, durch das ganze Universum sich stets gleich bleibt.\nWas geschieht denn aber im Wesen, werden Sie mit Recht fragen, bei all\u2019 den mannigfachen Umwandlungen in der Erscheinungswelt, \u2014 was entspricht in Wirklichkeit der Spannkraft und der lebendigen Kraft, und was ist denn eigentlich da, was geht vor. wenn wir von einem Vorhandensein und von einem Umsatz der lebendigen Kraft in Spannkraft oder umgekehrt sprechen? In der That, alle diese Ausdr\u00fccke, sowie die Redensarten von \u00bbMittheilung\u00ab, \u00bbUebertragung\u00ab. \u00bbAufspeicherung\u00ab, \u00bbAufwand\u00ab von Kraftu. s. w., sie werden meist nur fig\u00fcrlich und uneigentlich gebraucht und gehen entweder zu unrichtigen Vorstellungen Veranlassung, oder erwecken \u2014 wie Sie wohl an sich seihst erfahren haben werden \u2014 durchaus keine bestimmten und anschaulichen Vorstellungen von den wirklichen Vorg\u00e4ngen und Verh\u00e4ltnissen, welche den sinnlich so leicht wahrnehmbaren Erscheinungen zu Grunde liegen. Man nennt eben die Dinge gemeinhin nicht heim rechten Namen oder vielmehr, man h\u00e4lt den verschiedenen Sinn der","page":229},{"file":"p0230.txt","language":"de","ocr_de":"230\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nWorte, indem sie gebraucht werden, nicht scharf und streng genug auseinander. Ich hoffe indess, dass es mir in der nachfolgenden Auseinandersetzung gelingen wird, jede Zweideutigkeit zu vermeiden und Ihnen diesen hochwichtigen Gegenstand zu anschaulichster Klarheit zu bringen. \u2014\nAn einem Gewichte, das aitf dem Boden ruht, an einem Kautschukstreifen, der nicht gespannt ist, beobachten wir gar keine Kraft\u00e4usserung; dennoch sind wir \u00fcberzeugt, dass zwischen dem Gewicht und der Erde, sowie zwischen den Molec\u00fclen des Kautschukstreifens gegenseitige Anziehung besteht, dass also ein an sich unbekanntes und unerkennbares Etwas vorhanden ist, welches das Bestreben hat oder ist, die .Hassen und Massentlieilchen, denen es innewolmt, in einer bestimmten Richtung in Bewegung zu setzen, und welches wir als eine Kraft bezeichnen. \u2014 Wenn wir das Wort in diesem Sinne gebrauchen, meinen wir also die Kraft, die, wie die Schwere, die Co-h\u00e4sion, ihren Sitz, wie gesagt, in den materiellen Elementartheilchen hat, welche sie miteinander in Beziehung setzt; jede solche \u00bbKraft\u00ab ist eine Wesenseigenschaft des Stoffes und daher selbstverst\u00e4ndlich gerade so unerschaffbar und unzerst\u00f6rbar wie dieser selbst. Von der \u00bbKraft\u00ab, in diesem Sinne gebraucht, von jenem an sich unbekannten und unerkennbaren Etwas n\u00e4mlich, das von jedem Stoffelemente unzertrennbar, ist das Gesetz ihrer Erhaltung, ihrer Unersehaffbarkeit und Unzerst\u00f6rbarkeit, kein Verdienst der Neuzeit : es war vielmehr in dem l\u00e4ngst anerkannten Gesetze von der Erhaltung und Unver\u00e4nderlichkeit des Stoffes mit ausgesprochen.\nUnter Kraft, deren Erhaltung, d. h. deren Unzerst\u00f6rbarkeit und Unersehaffbarkeit unser neues Gesetz behauptet, ist dagegen kein unbekanntes und unerkennbares Etwas, vielmehr ein ganz Erkennbares und Bekanntes, ja numerisch Ausdrlickbares, n\u00e4mlich die Quantit\u00e4t der Aousserung oder Wirkung einer irgendwo vorhandenen und ins Spiel kommenden Kraft zu verstehen. Das was unser Gesetz von der Erhaltung der Kraft Neues aussagt, ist also : dass auch die Kraft\u00e4usserung oder Kraft Wirkung, d. h. die Quantit\u00e4t der Arbeitsleistung aller Naturkr\u00e4fte ebenso unerschaffbar und unzerst\u00f6rbar ist, als \u00bbKraft\u00ab und Stoff selbst. Was allein zerst\u00f6rbar und wiederherstellbar ist, was allein wechselt, ist die Form wie, und der Ort im Raume, wo die Kraft in dem hier gebrauchten Sinne des Wortes, also die Kraft ausser un g oder Arbeitsleistung erscheint.\nDie Schwere des auf dem Boden liegenden Gewichts, die Coh\u00e4sion der in ihrer Gleichgewichtslage befindlichen Moleciile des ungedehnten Kautschukstreifens \u00e4 u s s e r n sich aber niemals und in keiner Weise","page":230},{"file":"p0231.txt","language":"de","ocr_de":"V. Austausch von Spannkraft und lebendiger Kraft.\n231\ndadurch, dass sie von selbst eine Ver\u00e4nderung oder Bewegung ker-beif\u00fchren, und wir w\u00fcrden von dem wirklichen Vorhandensein dieser Kr\u00e4fte keine Ahnung haben, wenn wir nicht erfahrungsgem\u00e4ss w\u00fcssten, dass sich dieselben sofort in bestimmter Form und Richtung Ver\u00e4nderungen bewirkend \u00e4ussern, sobald wir den vorhandenen Ruhezustand st\u00f6ren, indem wir das Gewicht heben und den Kautschuk dehnen. \u2014 Die Form und Richtung der Kraft\u00e4usserung, welche uns zuerst das Vorhandensein dieser Kr\u00e4fte documentirt, besteht aber darin, dass sich die Schwerkraft der Hebung des Gewichtes, d. h. der Vergr\u00f6sse-rung des Zwischenraumes zwischen demselben und der Erde, \u2014 die Coh\u00e4sion der Dehnung des Kautschukstreifens, d. h. der Vergr\u00f6sse-rung der unmessbar kleinen Zwischenr\u00e4ume zwischen den Molec\u00fclen desselben, wider setzt. Beide Kr\u00e4fte \u00e4ussern sich also zun\u00e4chst in Form von Widerstand gegen die, durch die Triebkraft unserer Muskeln zu bewirkende Lag en Ver\u00e4nderung der Massentheileken im Raume ; sie \u00e4ussern sich als B e w e g u n g h e m m endundvernic h-tend. Indem wir trotzdem das Gewicht heben, den Kautschuk spannen, wird der Widerstand \u00fcberwunden, durch den sich beide Kr\u00e4fte zun\u00e4chst sichtbar \u00e4ussern, und als Resultat des \u00fcberwundenen Widerstandes erscheinen die Massentheileken in einer ganz bestimmten neuen Anordnung und Stellung im Raume. \u2014 Damit sind neue Bedingungen hergestellt worden, unter welchen die Kr\u00e4fte, die den Massen des Gewichtes und der Erde einerseits, den Molec\u00fclen des Kautschuks andererseits innewohnen, ganz neue Aeusserungsformen annehmen und ganz neue Erscheinungen herbeif\u00fchren.\nWir dr\u00fcckten dies Alles bildlich so aus, dass wir sagten, wir h\u00e4tten dem Gewichte durch das Emporheben, dem Kautschuk durch das Dehnen eine Quantit\u00e4t Triebkraft oder Energie \u00bbmitgetheilt\u00ab. die sie nun in Form von Spannkraft oder potentieller Energie \u00bbbes\u00e4ssen\u00ab und in lebendige Kraft oder actuelle Energie \u00bbumsetzen\u00ab k\u00f6nnen. Denn in der That, wenn das gehobene Gewicht, der gespannte Kautschukstreifen sich frei \u00fcberlassen werden, so entsteht sofort Bewegung von bestimmter Richtung und Geschwindigkeit, indem das erste zu Boden f\u00e4llt und der letztere in seine urspr\u00fcngliche Gleichgewichtsgestalt zur\u00fcckschnellt.\u2014 Haben wir nun aber den fraglichen K\u00f6rpern wirklich irgend eine neue Kraft \u00bbmitgetheilt\u00ab ?\u00ab \u00bbBesitzen\u00ab sie nun wirklich irgend welche anderen Kr\u00e4fte als welche ihnen, d. h. den Stoffelementen, aus denen diese K\u00f6rper bestehen, urspr\u00fcnglich innewohnen und ein unver\u00e4usserlicher Besitz der Materie sind ? \u2014 Und ferner, kan n denn \u00fcberhaupt eine Kraft an die Stelle und den Sitz einer anderen Kraft sich begeben, oder tliats\u00e4chlick in eine andere Kraft sich \u00bbumsetzen\u00ab, sich \u00bbverwandeln\u00ab 2","page":231},{"file":"p0232.txt","language":"de","ocr_de":"232\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\n\u2014 Wissen wir clocli, dass nacli dem Gesetze von der Erhaltung und Unver\u00e4nderlichkeit des Stoffes, Kraft und Stoff gleich unzerst\u00f6rbar und unersekaffhar sind ! Auf alle diese Fragen m\u00fcssen wir entschieden mit \u00bbNein\u00ab antworten; es verh\u00e4lt sich in Wirklichkeit das Alles anders, als wir es uns nach dieser bildlichen Ausdrucksweise vorzustellen wohl geneigt sein k\u00f6nnten.\nZun\u00e4chst ist festzuhalten, dass die Kraft\u00e4usserung, welche sieh beim Heben des Gewichtes, beim Dehnen des Kautschukstreifens geltend gemacht und das Vorhandensein einer wirklichen \u00bbKraft\u00ab, \u2014 der Schwere dort, der Coh\u00e4sion hier, \u00fcberhaupt erst documentirt hat, eine Widerstandsleistung ist. Die beiden genannten Kr\u00e4fte widerstreben eben der durch unsere Muskelkraft in der angegebenen Dichtung bewerkstelligten Ver\u00e4nderung der Stellung und Anordnung der Massentheilchen im Raume, sie hemmen und vernichten die in dieser Richtung als Wirkung einer fremden Kraft entstehende oder vorhandene Bewegung, weil und insofern sie ihrer Natur nach in dem Bestreben bestehen, Bewegung von entgegengesetzter Richtung zu erzeugen ; denn offenbar ist der Widerstand oder die Bewe-gungs h e m m un g nichts Anderes als die eine Aeusserungsform dieses Bestrebens selbst, dessen zweite Aeusserungsform Bewegung!e r z eu-gung ist.\nIn der That, die Schwere und die Coh\u00e4sion, ja ganz allgemein jede Kraft, mag es nun eine Anziehungs- oder Abstossungskraft sein, bestellt in dem Bestreben, die Stoffelemente, denen sie innewolmt, in der ihr eigenth\u00fcmlichen Anziehungs- oder Abstossungsrichtung in Bewegung zu versetzen, \u2014 und es liegt ferner im Begriff und Wesen der \u00bbKraft\u00ab in diesem Sinne des Wortes, dass sic immer und unter allen Umst\u00e4nden irgend eine Aeusserungsform annehmen muss: denn eine Kraft, die sich nicht irgendwie, sei es durch eine sichtbare Ver\u00e4nderung oder durch eine andere, unmittelbar nicht wahrnehmbare Wirkung, \u00e4usserte \u2014 w\u00e4re eben gar nicht vorhanden. Ob nun aber eine irgendwo vorhandene Kraft die eine oder die andere Aeusserungsform annimmt, ob sie eine unmittelbar oder nur mittelbar wahrnehmbare Wirkung hervorruft, das h\u00e4ngt erfahrungsgem\u00e4ss von den Umst\u00e4nden ab, ebenso wie die verschiedenen Arten, in denen die sichtbaren Ver\u00e4nderungen sich kundgeben.\nDer Natur der Sache nach besteht jede Ver\u00e4nderung entweder in der St\u00f6rung einer ruhigen Anordnung und Vertheilung der Stoffelemente im Raume, also in der Erze u g u n g und B e s c h 1 e u n i g un g einer Bewegung, \u2014 oder aber in der St\u00f6rung der Geschwindigkeit oder der Richtung einer, als Wirkung einer anderen Kraft vorhandenen","page":232},{"file":"p0233.txt","language":"de","ocr_de":"Y. Austausch von Spannkraft und lebendiger Kraft.\n233\nBewegung, also in einer Bewegungsli e m m ung und Ve rni ch t un g : denn es vermag die Kraft nat\u00fcrlich in so lange ihre Bewegung erzeugende Aeusserungsform nicht anzunehmen, d. h. so lange keine wirkliche Bewegung in der ihr eigenth\u00fcmlichen Wirkungsrichtung zu erzeugen, als sie entweder durch eine in entgegengesetzter Richtung vorhandene Bewegung als Widerstandsleistung \u00fcberwunden wird, oder durch ein ihrem Bewegung erzeugenden Bestreben das Gleichgewicht haltendes Hinderniss in Anspruch genommen ist.\nWir haben also drei F\u00e4lle zu unterscheiden:\nErstens, es liegt das Gewicht auf dem Boden, der Kautschukstreifeni\u00e4 tungedehnt. Beide Kr\u00e4fte, die Schwerkraft des Gewichtes wie die Coh\u00e4sion des elastischen Streifens, befinden sich hier unter den an letzter Stelle angef\u00fchrten Umst\u00e4nden, beide werden n\u00e4mlich durch ein ihrem Bewegung erzeugenden Bestreben das Gleichgewicht haltendes Hinderniss in Anspruch genommen. Beide Kr\u00e4fte \u00e4ussern sich unter diesen Umst\u00e4nden gar nicht ; sie f\u00fchren keine irgendwelche Ver\u00e4nderung herbei, und wir w\u00fcrden daher, wie schon bemerkt, keine Ahnung von ihrem w i r k 1 i c h e n Vorhandensein haben. Weder leisten sie einen wahrnehmbaren Widerstand, da keine durch eine andere Kraft bewirkte wahrnehmbare Bewegung vorhanden ist, die gehemmt oder vernichtet w\u00fcrde: noch k\u00f6nnen sic ihre Bewegung erzeugende Form annehmen und wirkliche Bewegung her-vorrufen, indem bei der Ber\u00fchrung zwischen Gewicht und Erdboden, und ebenso bei der vollst\u00e4ndigen Abspannung des Kautschukstreifens einer weiteren Verkleinerung der Zwischenr\u00e4ume zwischen den Mole-c\u00fclen des Kautschuks, und zwischen den Molec\u00fclen, aus welchen die Massen an jenen Punkten bestehen, wo sich das Gewicht und der Erdboden ber\u00fchren, in Folge der abstossenden Kr\u00e4fte der Materie ein un\u00fcberwindliches Hinderniss entgegensteht. Da aber die Schwere und Coh\u00e4sion, trotzdem wir keine Ver\u00e4nderung wahrnehmen, unzweifelhaft vorhanden sind, und jede \u00bbKraft\u00ab in dem hier gebrauchten Sinne des Wortes als ein unzerst\u00f6rbares, dem Stoffe innewohnendes Etwas selbstverst\u00e4ndlich immer und unter allen Umst\u00e4nden irgendwie sich \u00e4ussern muss ; so kann die Aeusserungsform der Schwere und Coh\u00e4sion hier nur in einem ruhigen Druck, in einer andauernden gegenseitigen Pressung der Molec\u00fcle im Sinne der Wirkungsrichtung der Kr\u00e4fte, ohne jeden weiteren Effect, bestehen. Wir dr\u00fcckten dieses Verh\u00e4ltnis\u00ab fr\u00fcher so aus, dass wir sagten: das mit der Erde in Ber\u00fchrung befindliche Gewicht, der ungedehnte Kautschukstreifen besitzen gar keine Triebkraft. In Wirklichkeit heisst dies aber: die Schwerkraft . welche die Massen des Gewichtes und der Erde, die Coh\u00e4sion.","page":233},{"file":"p0234.txt","language":"de","ocr_de":"234\nDie Prineipien der mechanischen Naturauffassung.\nwelche die Molecule des Kautschuks besitzen, \u00e4ussern sich nicht nur nicht durch eine wahrnehmbare Ver\u00e4nderung, sondern k\u00f6nnen sich unter diesen Umst\u00e4nden, hei Aufrechterhaltung der vorhandenen Aggregatzust\u00e4nde der K\u00f6rper, \u00fcberhaupt gar nicht mehr als Bewegung erzeugend \u00e4ussern, und selbst als Bewegung h e m m end oder Widerstand leistend nur dann, wenn eine der Schwere und Coh\u00e4sion entgegengesetzt gerichtete fremde Kraft\u00e4usserung in Form von wirklicher wahrnehmbarer Bewegung entstehen w\u00fcrde. \u2014\nZweitens, genau in derselben Art und Weise, n\u00e4mlich blos als ruhiger Druck oder andauernde gegenseitige Pressung der Molec\u00fcle, \u00e4ussern die Schwere und Coh\u00e4sion ihr Bewegung erzeugendes Bestreben, wenn dieses Bestreben nach erfolgter Hebung des Gewichtes und Dehnung des Kautschuk Streifens zwar nicht mehr als Widerstand leistend in Anspruch genommen und \u00fcberwunden wird \u2014 dagegen aber in seiner Wirkungsrichtung ein anderes un\u00fcber-steigliches Hinderniss, z. B. einen Sperrhaken in der zu treibenden Maschine, findet. Unter diesen Umst\u00e4nden befinden sich die Schwere und Coh\u00e4sion, trotz der vollbrachten Hebung und Dehnung, hinsichtlich ihres Aeusserungsverm\u00f6gens absolut in d e ns e 1 b e n Verh\u00e4ltnissen, wie in dem vorhin betrachteten Falle \u2014 so lange nicht jenes un-\u00fcbersteigliche Hinderniss, der Sperrhaken z. B., entfernt ist. Es w\u00e4re zwischen den beiden F\u00e4llen \u00fcberhaupt gar kein wesentlicher Unterschied vorhanden, wenn nicht eben durch die voraufgegangene Hebung des Gewichts und Dehnung des Kautschukstreifens die Vertlieilung und Anordnung der Stoffelemente eine andere geworden w\u00e4re, und wenn jenes Hinderniss nicht entfernt werden k\u00f6nnte.\nSie erinnern sich, dass wir unter so bewandten Umst\u00e4nden davon sprachen, wir h\u00e4tten dem Gewicht durch die Hebung, dem Kautschukstreifen durch die Spannung eine Triebkraft \u00bbmitgetkeilt\u00ab oder \u00bbverliehen\u00ab, welche die beiden K\u00f6rper nun in Form von Spannkraft oder potentieller Energie \u00bbbes\u00e4ssen\u00ab. \u2014Vergegenw\u00e4rtigen wir uns jedoch den wirklichen Vorgang, welcher die jetzt vorhandenen Verh\u00e4ltnisse herbeigef\u00fchrt hat, so erkennen wir mit voller Klarheit, dass hier von der \u00bbMittheilung\u00ab irgend einer wie immer beschaffenen \u00bbKraft\u00ab ebensowenig im eigentlichen Wortsinne die Bede sein kann, als davon, dass das gehobene Gewicht, der gedehnte Kautschukstreifen nunmehr eine neue Kraft \u00bbbesitze\u00ab; denn zwischen dem Gewicht und der Erde, sowie zwischen den Molec\u00fclen des elastischen Streifens herrscht immer nur einzig und allein eine und dieselbe \u00bbKraft\u00ab, deren Intensit\u00e4t bekanntlich in einer bestimmten gesetzm\u00e4ssigen Beziehung zur gegenseitigen Entfernung der Stoffelemente steht, \u2014 n\u00e4mlich dieselbe","page":234},{"file":"p0235.txt","language":"de","ocr_de":"Y. Austausch von Spannkraft und lebendiger Kraft.\n235\nSchwere, dieselbe Collusion, mag das Gewicht gehoben oder mit der Erde in Ber\u00fchrung sein, der Kautschuk im gedehnten oder im ungedehnten Zustande sich befinden. \u2014 Was eigentlich geschehen ist, was wir wirklich thaten, als wir das Gewicht gehoben, den Kautschukstreifen gespannt haben, bestand nicht in einer Ke ub e gab un g des Stoffes mit einer ihm fr\u00fcher fremden \u00bbKraft\u00ab, sondern darin, dass wilden Widerstand, d. h. ein gewisses Quantum der Bewegung h e m m e n-den und vernichtenden Aeusserungsform der Schwere und Collusion, vermittelst der Bewegung erzeugenden Aeusserungsform einer anderen Kraft, d. h. vermittelst eines durch die fremde Kraft bewirkten Bewegungsquantums iiberwanden.\nDas Resultat aber dieses Gegeneinanderwirkens oder Conflictes der beiden diametral entgegengesetzt gerichteten Aeusserungen oder Wirkungen, \u2014 der Schwere, resp. Coli\u00e4sion n\u00e4mlich, als Widerstand oder Bewegungshemmung einerseits, und der durch irgend eine fremde Kraft erzeugten Bewegung andererseits, \u2014 war die Herstellung einer ganz bestimmten Ver\u00e4nderung der r\u00e4umlichen Anordnung und gegenseitigen Stellung der Massentheilchen und der ganzen Massen, in einem der Wirkungsrichtung der Schwere und Coh\u00e4sion diametral entgegengesetzten Sinne. Diese neue Stellung und Vertheilung der Stoffelemente im Raume ist also stets eine gemeinschaftliche Arbeitsleistung beider Kraftwirkungen ; sie ist die Summe, der Gesammteffect, in welchem die Bewegung und der Widerstand, die als solch e nicht mehr vorhanden sind, sich in Form von geleisteter Arbeit thats\u00e4chlich in unver\u00e4nderter Quantit\u00e4t erhalten haben \u2014 insofern, als dieses gemeinschaftlich geleistete Arbeitsquantum eben in der neuen, ganz bestimmten Anordnung und Vertheilung des Stoffes im Raume besteht, welche anders und nicht gerade so, wie sie eben ist, h\u00e4tte ausfallen m\u00fcssen, wenn nicht gerade diese Quantit\u00e4t der Widerstands\u00e4usserung mit dieser Quantit\u00e4t vorhanden gewesener Bewegung in Conflict gerathen w\u00e4re.\nMit der vollendeten Herstellung der neuen Anordnung und Stellung der Massen und Massentheilchen sind die Zwischenr\u00e4ume zwischen den Moleciilen des Kautschuks wie zwischen Gewicht und Erde vergr\u00f6ssert worden und betragen keinesfalls nur das m\u00f6gliche Minimum, wie wenn das Gewicht auf dem Boden liegt, der elastische Streifen entspannt ist, wobei jede weitere Ann\u00e4herung der Massen und Massentheilchen unm\u00f6glich ward. Zugleich sind, wie gesagt, sowohl Bewegung als Widerstand , die bei der Hebung und Spannung zur Aeusserung gelangten, als solche, nicht mehr vorhanden, aber die Schwerkraft und die Coh\u00e4sion sind in den Stoffelementen geblieben und m\u00fcssen nun \u2014 wenn","page":235},{"file":"p0236.txt","language":"de","ocr_de":"236\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nkein neues Hinderniss, wie der beispielsweise angef\u00fchrte Sperrbaken in der zu treibenden Maschine, im Wege l\u00e4ge \u2014 in ihrer Bewegung erzeugenden Aeusserungsform sich zeigen, indem sie nicht mehr als Widerstand leistend in Anspruch genommen sind. In so fern jenes neue Hinderniss. Sperrhaken, entfernbar ist, k\u00f6nnen daher unter den betrachteten Umst\u00e4nden Schwere und Coli\u00e4sion gerade so viel Bewegung in entgegengesetzter Richtung wieder erzeugen, als sie durch ihren Widerstand gegen die Hebung des Gewichtes und Spannung des Kautschukstreifens verz\u00f6gert und vernichtet haben.\nMit R\u00fccksicht auf diese M\u00f6glichkeit spricht man von einem Quantum Triebkraft, welches das gehobene Gewicht, der gedehnte Kautschukstreifen in Form von \u00bbSpannkraft\u00ab besitzen. In Wirklichkeit \u00bbbesitzen\u00ab die fraglichen Massen und Massentheilchen aber gar nichts weiter, als neue r\u00e4umliche Stellungen mit vergr\u00f6sserten Zwischenr\u00e4umen, und die ihnen unver\u00e4usserlich innewohnenden Kr\u00e4fte der Schwere und Coli\u00e4sion, welche aber im Augenblick keine wahrnehmbare Ver\u00e4nderung, sondern an gewissen Punkten h\u00f6chstens einen ruhigen Druck oder Zug, eine gegenseitige Pressung der Molecule bewirken. \u2014\nDrittens, das gehobene Gewicht f\u00e4llt zu Boden, der Kautschukstreifen ent spannt sich , d. h. seine Molecule fallen gegeneinander. \u2014Wir haben eben gesehen, dass mit der, durch die Hebung des Gewichtes sowie durch die Spannung des Kautschukstreifens vollendeten neuen Anordnung und Vertheilung der Stoffelemente im Raume die Zwischenr\u00e4ume zwischen den Molec\u00fclen des Kautschukstreifens wie zwischen dem Gewicht und der Erde vergr\u00f6ssert worden sind und jedenfalls mehr als das m\u00f6gliche Minimum betragen; sie gestatten also wieder eine gegenseitige Ann\u00e4herung der Massen und Massentheilchen. Wir haben ferner gesehen, dass dabei zugleich die durch eine fremde Kraft erzeugte Bewegung verz\u00f6gert wurde und endlich ganz verschwunden ist, w\u00e4hrend die nat\u00fcrlich unversehrt gebliebene und nun nicht mehr zur Widerstandleistung gezwungene Schwere und Coli\u00e4sion sofort ihre Bewegung erzeugende Aeusserungsform annehmen, das Gewicht somit gegen die Erde, die Moleciile des Streifens gegeneinander fallen m\u00fcssen \u2014 vorausgesetzt, dass kein neues Hinderniss, ein Sperrhaken oder dergleichen, im Wege liegt ; sei es, dass ein solches nie vorhanden war oder eben entfernt worden ist.\nDer bequeme bildliche Ausdruck f\u00fcr diesen Vorgang lautet : die vorhandene \u00bbSpannkraft\u00ab oder potentielle Energie beginnt in \u00bblebendige Kraft\u00ab oder actuelle Energie sich \u00bbumzusetzen\u00ab, oder zu \u00bbverwandeln\u00ab. In Wirklichkeit geschieht jedoch nichts dergleichen, sondern nur die-","page":236},{"file":"p0237.txt","language":"de","ocr_de":"V. Austausch von Spannkraft und lebendiger Kraft.\n237\nses : Das unter allen Umst\u00e4nden unversehrt bleibende und stets irgendwie wirksame Bestreben, die Massen und Massentlieilclien, in welchen Schwere und Collusion ihren Sitz haben, gegeneinander zn ziehen, \u00e4ussert sich einfach in seiner wirkliche Bewegung erzeugenden Form, oder, wie man es anders ausdruckt, als Triebkraft in Form von \u00bblebendiger Kraft\u00ab oder actueller Energie, weil eben unter den angef\u00fchrten Umst\u00e4nden weder seine Widerstand leistende Aeusserungs-form vorhanden ist, noch die durch dasselbe begonnene Bewegung selbst irgend ein absolutes Hinderniss findet.\nDie Massentlieilclien und die ganzen Massen erlangen somit im Sinne gegenseitiger Ann\u00e4herung eine continuirlich wachsende Geschwindigkeit und dadurch verkleinern sich die Zwischenr\u00e4ume zwischen den Molec\u00fclen des Kautschuks ebenso wie zwischen dem Gewicht und der Erde ; in gleichem Schritt mit der Verkleinerung der Zwischenr\u00e4ume schwindet aber auch selbstverst\u00e4ndlich jene Anordnung und Vertlieilung des Stoffes im Raume, welche durch die gemeinschaftliche Arbeitsleistung, als Resultante der Quantit\u00e4t der \u00fcberwundenen Widerstands\u00e4usserung der Schwere und Coh\u00e4sion und der Quantit\u00e4t der durch eine fremde Kraft erzeugten Bewegung herbeigef\u00fchrt worden war.\nUnd so wie bei der Herstellung der r\u00e4umlichen Vertlieilung und Anordnung der Stoffelemente mit ver gr\u00f6s Ser ten Zwischenr\u00e4umen ein Quantum von fremder Bewegung v e r s c h w a n d und ein Quantum des Widerstandes oder der Bewegung hemmenden Aeusserungs-forin der Schwere und Coh\u00e4sion durch eben jenes Quantum fremder Triebkraft \u00fcberwunden wurde, genau ebenso entsteht jetzt, bei der allm\u00e4hlichen Wiederherstellung der fr\u00fcheren r\u00e4umlichen Verthei-lung und Anordnung der Stoffelemente mit minimalen Zwischenr\u00e4umen, \u2014 ein ganz gleiches Quantum Bewegung in entgegengesetzter Richtung , in der Richtung n\u00e4mlich der Schwere und Coh\u00e4sion ; denn es werden beide Kr\u00e4fte, die Schwere und die Coh\u00e4sion, jetzt nothwendig dieselbe Quantit\u00e4t von Bewegung zu erzeugen im Stande sein, als sie fr\u00fcher Bewegung gehemmt oder Widerstand geleistet haben, da ja Bewegungshemmung (Widerstand) und Bewegungserzeu-gung (lebendige Kraft oder actuelle Energie) nur zwei verschiedene Aeusserungsformen einer und derselben Kraftquantit\u00e4t sind.\nWenn demnach von einer irgendwo vorhandenen Quantit\u00e4t von \u00bbSpannkraft\u00ab gesprochen wird, so fusst man dabei, nach dem was ich heute Uber das Wesen der Triebkraft in Form von Spannkraft oder potentieller Energie und \u00fcber das was ihr in Wirklichkeit zu Grunde liegt, gesagt habe, einfach darauf, dass, \u2014 nachdem die Schwere und","page":237},{"file":"p0238.txt","language":"de","ocr_de":"238\nDie Principien der mechanischen Naturauffassung.\nCollusion unter den bezeiclineten Umst\u00e4nden Bewegungerzeugend sich zu \u00e4ussern die M\u00f6glichkeit haben, \u2014 die Quantit\u00e4t dieser m\u00f6glichen und eventuell wirklich gewordenen Bewegung genau \u00e4quivalent ist der Quantit\u00e4t des von der Schwere und Coh\u00e4sion vorher geleisteten Widerstandes. Eine Quantit\u00e4t Spannkraft oder potentieller Energie kann ja eigentlich nichts Anderes sein, als jene Quantit\u00e4t des unzerst\u00f6rbaren Wirkungsbestrebens der Schwere, resp. Coh\u00e4sion, welches in Form von Widerstand oder Bewegungshemmung zur Erscheinung gekommen war und nun in die M\u00f6glichkeit versetzt ist, seine Bewegung erzeugende Aeusserungsform anzunehmen. Hieraus begreift sich denn mit Leichtigkeit, dass die Quantit\u00e4t der m\u00f6glichen, d. h. eventuell auch wirklich erzeugbaren Bewegung der Quantit\u00e4t jener Bewegung von entgegengesetzter Richtung gleich sein muss, welche in Folge der Widerstandsleistung der Schwere und Coh\u00e4sion verz\u00f6gert und endlich vernichtet worden war. Es begreift sich ferner die strenge Aequivalenz einer Quantit\u00e4t von Spannkraft, welche verschwindet, und der Quantit\u00e4t von wirklicher Bewegung, welche daf\u00fcr entsteht.\nIn unserer bildlichen, ihrer Bequemlichkeit wegen mit Recht allgemein gebrauchten Ausdrucksweise sagen wir, um den eben er\u00f6rterten Vorgang zu bezeichnen: eine Quantit\u00e4t \u00bbSpannkraft\u00ab wird \u00bbumgesetzt\u00ab oder \u00bbverwandelt\u00ab sich in eine genau \u00e4quivalente Quantit\u00e4t von \u00bblebendiger Kraft\u00ab. In Wirklichkeit besteht jedoch der eigentliche Vorgang darin, dass die Schwere und die Coh\u00e4sion, welche in ihrer, wirkliche Bewegung erzeugenden Aeusserungsform vorhanden sind, die r\u00e4umliche Anordnung und Vertheilung des Stoffes dahin ver\u00e4ndern, dass die Zwischenr\u00e4ume zwischen den Massentheilchen und zwischen den ganzen Massen sich verkleinern. In jedem gegebenen Augenblick besitzen die bewegten Massen und Massentheilchen also eine bestimmte Geschwindigkeit oder lebendige Energie, und die dieselben trennenden Zwischenr\u00e4ume haben sich um einen bestimmten Betrag verkleinert. Das ist Alles. Indessen, insofern wir von einer Quantit\u00e4t \u00bbSpannkraft\u00ab sprechen konnten, d\u00fcrfen wir auch von einer Quantit\u00e4t \u00bblebendiger Kraft\u00ab reden \u2014 und diese ist nichts Anderes als die vorhandene Quantit\u00e4t der Geschwindigkeit, welche die in der Richtung der Schwere und Coh\u00e4sion bewegten Massen und Massentheilchen bereits erlangt haben.\nK\u00f6nnten wir d i e R i c h t u n g der vorhandenen Bewegung pl\u00f6tzlich umkehren, oder w\u00e4re sie aus irgend einer Ursache die der jetzigen diametral entgegengesetzte, so w\u00fcrde die Quantit\u00e4t der eben erlangten Geschwindigkeit gerade ausreichen, um die im Augenblick gegebenen","page":238},{"file":"p0239.txt","language":"de","ocr_de":"V. Austausch von Spannkraft und lebendiger Kraft.\n239\nZwischenr\u00e4ume zwischen den Massen und Massentheilchen um genau so viel wieder zu vergr\u00f6ssern, wie sich dieselben verkleinert hatten, als durch die Wirkung der Schwere und Coh\u00e4sion jene bestimmte Geschwindigkeitsmenge erzeugt wurde. Dabei h\u00e4tten also die Massen und Massentheilchen ihre fr\u00fchere Stellung und Anordnung im Raume wiedererhalten, und es w\u00e4re dieselbe Quantit\u00e4t von Spannkraft wieder vorhanden. wie fr\u00fcher, welche sich auch wieder genau so, wie fr\u00fcher, in eine \u00e4quivalente Quantit\u00e4t von lebendiger Kraft \u00bbUmsetzern oder \u00bbverwandeln\u00ab k\u00f6nnte und w\u00fcrde.","page":239}],"identifier":"lit16320","issued":"1879","language":"de","pages":"229-239","startpages":"229","title":"Die Principien der mechanischen Naturauffassung. Einleitung zur heutigen Physiologie, ein Cyclus von zehn Vorlesungen: V. Was wesentlich beim Austausch von Spannkraft und lebendiger Kraft geschieht","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:05:05.363635+00:00"}
