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{"created":"2022-01-31T15:54:51.989184+00:00","id":"lit16326","links":{},"metadata":{"alternative":"Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze","contributors":[{"name":"Czermak, Johann N.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Gesammelte Schriften in zwei B\u00e4nden, Zweiter Band: Popul\u00e4re Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, 287-307. Leipzig: Wilhelm Engelmann","fulltext":[{"file":"p0287.txt","language":"de","ocr_de":"lieber\nden Bau und Mechanismus\ndes\nmenschlichen K\u00f6rpers.\n[Mach hinterlassenen Manuskripten.]","page":287},{"file":"p0289.txt","language":"de","ocr_de":"Meine Herren!\nZum Ausgangspunkt meiner f\u00fcr Studenten aller Facult\u00e4ten berechneten Darstellung der Physiologie des Menschen, welche ich mit der heutigen Vorlesung beginne, habe ich einen einfachen Versuch gew\u00e4hlt, der uns sofort einen tiefen Einblick in das Wesen und die Natur des thierischcn Lebensprocesses er\u00f6ffnen soll.\nAllerdings ist dieser Versuch aus verschiedenen Gr\u00fcnden, die Ihnen bald einleuchten werden, nicht gut dazu geeignet, vor Ihren Augen wirklich ausgef\u00fchrt zu werden; allein ich kann Ihnen denselben durch Wort und Bild so anschaulich machen, dass er unserem Zwecke nicht besser dienen k\u00f6nnte, wenn ich ihn auch ^tats\u00e4chlich anstellcn m\u00f6chte !\nDoch zur 8aehe !\nDenken Sie sich einen allseitig abgeschlossenen Raum, dessen Wandungen aus Eisquadern zusammengef\u00fcgt sind. An zwei einander entgegengesetzten Punkten befinden sich Oeffnungen, so dass wir einen Strom reiner eiskalter Luft durch den Raum hindurch treib en k\u00f6nnen. Die Luft wird nat\u00fcrlich bei der einen Oeffnung ebenso rein und kalt aus dem Raume herauskommen, als sie bei der ersten Oeffnung in denselben hineingekommen ist \u2014 und die Eisw\u00e4nde werden ungeschmolzen bleiben.\nNun stellen Sie sich vor, wir h\u00e4tten einen Menschen, dessen K\u00f6rpergewicht vorher genau bestimmt worden ist, in den Raum hineingebracht und eine Stunde lang darin auf- und abgehen lassen.\nWas beobachten wir ?\n1 Der Mensch hat mechanische Kraft entwickelt, indem er auf-und abging und Atliem sch\u00f6pfte ;\n2; hat der Mensch W\u00e4rme abgegeben, denn wir finden, dass eine Schicht von bestimmter Dicke von den Eisw\u00e4nden abgeschmolzen und in Wasser verwandelt wurde ; und die austretende Luft ist warm ;\n3) hat der Mensch Kohlens\u00e4ure und\n4 Wasser abgegeben. Letzteres sieht man unmittelbar in Form von Dampfwolken der Nase und der Hautoberfl\u00e4che entstr\u00f6men und\nCzermak, Schriften. II.\n19","page":289},{"file":"p0290.txt","language":"de","ocr_de":"290\nUeber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\nder Luft sich beimengen, welche deshalb immer feucht aus dem Raume herausstr\u00f6mt; wenn sie auch ganz trocken einstr\u00f6mte ; erstere, die Kohlens\u00e4ure n\u00e4mlich, welche ebenfalls in der einstr\u00f6menden Luft fehlt, verr\u00e4th ihre Gegenwart in der ausstr\u00f6menden Luft, wenn diese durch Kalkwasser geleitet wird, durch einen weissen Niederschlag von Kreide.\n5) Endlich hat der Mensch an Gewicht verloren, wenn er nach Verlauf der Stunde, welche das Experiment gedauert, neuerdings gewogen wird.\nSo zeigt es sich denn, dass der Mensch in jedem Augenblicke seiner Lebensth\u00e4tigkeit best\u00e4ndig mechanische Kraft entwickelt und W\u00e4rme erzeugt, und ebenso best\u00e4ndig Kohlens\u00e4ure und Wasser ab-giebt und einen Substanzverlust erleidet.\nOffenbar k\u00f6nnte das Leben bei diesem Stande der Dinge nur eine sehr abgegrenzte Dauer haben, da ja der Mensch sehr bald in Nichts zusammenschwinden m\u00fcsste.\nLange bevor jedoch die Folgen dieses unaufh\u00f6rlichen, mit der W\u00e4rmeabgabe und Kraftentwickelung Hand in Hand gehenden Substanzverbrauchs \u00e4usserlich auffallen, versp\u00fcrt sie das Individuum selbst in Form der beiden gebieterischen Empfindungen des Hungers und des Durstes.\nUm Hunger und Durst zu stillen, um den Substanz Verlust wieder gut zu machen und den K\u00f6rper in den Stand zu setzen, fort zu leben, d. h. auf die Dauer Kohlens\u00e4ure und Wasser auszuscheiden und W\u00e4rme und mechanische Kraft zu entwickeln, muss der Mensch vor Allem und unbedingt zwei Dinge haben und einnehmen.\nDiese beiden Dinge sind: reine atmosph\u00e4rische Luft, welche ein Gemenge von 21 Theilen Sauerstoff und 79 Theilen Stickstoff ist \u2014 und dann Speise und Trank oder Nahrung, welche zwar in mannigfaltigster Weise zusammengesetzt sein kann, immer aber, falls sie das Leben auf die Dauer gesund erhalten soll, f\u00fcnferlei Arten von chemischen Stoffverbindungen in bestimmtem Yerh\u00e4ltniss gemischt enthalten muss \u2014 n\u00e4mlich :\n1; Wasser, welches in jedem Getr\u00e4nk, aber auch fast in jeder Speise enthalten ist;\n2\tsogenannte Proteinstoffe, sehr zusammengesetzte stickstoffhaltige Verbindungen, die sich nur in gewissen Theilen der thierischen und pflanzlichen Gebilde finden, wie im Fleisch, im Mehl, im Ei :\n3\tFette, welche im reinen Zustande nur aus Kohlens\u00e4ure und Wasser bestehen :\n4) Kohlenhydrate, welche zwar auch nur aus Kohlenstoff, Wasser-","page":290},{"file":"p0291.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Bau und Mechanismus dos menschlichen K\u00f6rpers.\n291\nStoff und Sauerstoff bestehen, letzteren aber im Wasserbildungsver-h\u00e4ltniss besitzen ; \u2014 hierher geh\u00f6ren Zucker und St\u00e4rke ;\n5) endlich anorganische Salze, namentlich phosphorsaure Alkalien und Erden, Kochsalz u. s. w., Eisen.\nEine gewisse Menge der als Nahrung eingenommenen Stoffe kann entweder nicht verbraucht werden oder wird wenigstens nicht verbraucht und verl\u00e4sst den K\u00f6rper mit den Excrementen oder Auswurfsstoffen in unver\u00e4nderter Beschaffenheit und Zusammensetzung.\nUnter normalen Verh\u00e4ltnissen jedoch, und wenn nur gerade so viel Nahrung eingef\u00fchrt wird als eben absolut u\u00f6thig ist, dann sind in den Auswurfsstoffen weder Proteink\u00f6rper, noch Fette und Kohlenhydrate als solche nachzuweisen, sondern fast Alles was der K\u00f6rper auswirft , hat die einfache Zusammensetzung von unorganischen Salzen, von Kohlens\u00e4ure und Wasser und einem dritten sehr wichtigen Stoffe, dem sogenannten Harnstoff, der stickstoffhaltig ist.\nAlle diese Auswurfsstoffe, welche den K\u00f6rper verlassen, enthalten zu Sam men ge no mm en viel mehr Sauerstoff chemisch gebunden, als die s\u00e4mmtliehen in den Speisen und Getr\u00e4nken eingenommenen und dem K\u00f6rper einverleibten Nahrungsstoffe.\nDie einzige Quelle f\u00fcr diesen Ueberschuss in den Auswurfsstoffen ist die eingeathmete atmosph\u00e4rische Luft, denn eine genauere Analyse zeigt, dass die Luft, welche in unserem imagin\u00e4ren Versuch den Eisraum verl\u00e4sst, nicht nur Kohlens\u00e4ure und Wasser aus dem eingeschlossenen Menschen genommen, sondern ebensoviel oder mehr Sauerstoff an denselben abgegeben hat. Ja, es ist nachgewiesen worden, dass das Gesammtgewicht der Auswurfsstoffe bei einem Menschen, der weder abmagert noch st\u00e4rker wird, sich also im sogenannten physiologischen Gleichgewicht der Einnahmen und Ausgaben befindet, genau gleich ist der Summe der Gewichte der eingef\u00fchrten Nahrung und des eingeathmeten Sauerstoffes, welcher aus der Atmosph\u00e4re verschwunden ist.\nEs ist daher mehr als eine blosse Redefigur, wenn wir sagen: das Leben sei eine Flamme, welche auf Kosten der K\u00f6rperbestandtheile brenne und w\u00e4rme und leuchte. Der thierische Lebensprocess ist luetisch wesentlich nichts Anderes als eine langsame, aber st\u00e4tige Oxydation oder Verbrennung, welche den K\u00f6rper verzehrt, wie die Flamme das Oel in der Lampe. Und wie die Flamme erlischt, wenn wir nicht v on Zeit zu Zeit neues Oel aufgiessen, ebenso kann das Leben nicht auf die Dauer bestehen, wenn der durch den Oxydationsvorgang noth-wendig gesetzte Substanzverlust nicht durch Nahrungsaufnahme wieder gut gemacht wird.\n19*","page":291},{"file":"p0292.txt","language":"de","ocr_de":"292\nUeber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\nW\u00e4hrend aber der Substanz- und Gewichtsverlust in Folge des Verbrennungsprocesses ein continuirlicher ist, erfolgt der Ersatz nur p e r i o d i s c h nach den Mahlzeiten.\nSie sehen daher ein, dass wenn wir einen erwachsenen Menschen, der sich im t\u00e4glichen physiologischen Gleichgewicht befindet, auf eine \u00e4usserst empfindliche Sprungfederwage bringen und daselbst tagelang lassen k\u00f6nnten, die Wagschale nach den Mahlzeiten rasch sinken, in den Zwischenzeiten aber allm\u00e4hlich wieder steigen m\u00fcsste \u2014 und (ohne jemals f\u00fcr mehr als einige Augenblicke zur Ruhe zu kommen) Tag f\u00fcr Tag innerhalb derselben Grenzen auf- und aboscilliren w\u00fcrde.\nSie \u00fcberzeugen sich ferner, dass es eigentlich gar kein constantes K\u00f6rpergewicht des lebenden Menschen giebt und geben kann, selbst wenn er sich im sogenannten physiologischen Gleichgewicht der Einnahmen und Ausgaben befindet , d. h. weder abmagert noch st\u00e4rker wird. Was wir als constantes K\u00f6rpergewicht bezeichnen, ist also nur ein mittlerer Werth innerhalb enger und constantcr Grenzen. So wie ein im physiologischen Gleichgewicht befindlicher Mensch z. B. eine schwere Last hebt, wird der Gewichtsverlust, welchen derselbe ohne diese Anstrengung erlitten haben w\u00fcrde , sofort um einen bestimmten Werth sich steigern. Dem Plus der Entwickelung mechanischer Kraft entspricht ein Plus des Substanzverlustes. Das physiologische Gleichgewicht wird gest\u00f6rt und die St\u00f6rung kann nicht anders wieder ausgeglichen werden, als durch Einnahme eines entsprechenden Plus von Extranahrung.\nEbenso w\u00fcrde, wenn die Temperatur der Luft fiele und der K\u00f6rper ebenso warm bleiben sollte als zuvor, die W\u00e4rmeproduction sich also steigern m\u00fcsste, ohne das Gleichgewicht zu st\u00f6ren, Extranahrung eingenommen werden m\u00fcssen.\nDagegen w\u00fcrde andererseits bei Verminderung der W\u00e4rmepreduction und der geleisteten mechanischen Arbeit und gleichbleibender Quantit\u00e4t eingenommener Nahrung entweder der K\u00f6rper an Gewicht zunehmen oder ein Theil der Nahrung unbenutzt bleiben. Es existirt somit, wie Sie sehen, eine feste Beziehung oder Proportionalit\u00e4t :\nResum\u00e9 :\n1\t' Der Strom der Nahrung, welcher in den K\u00f6rper eindringt, besteht aus Stoffen, welche chemische Verbindungen von verwickelter Zusammensetzung und verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig geringem Sauerstoffgehalt dar stellen.\n2\tDie Elemente dieser Stoffe verlassen nach mehr oder weniger","page":292},{"file":"p0293.txt","language":"de","ocr_de":"293\nlieber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\nZeit den K\u00f6rper zu Verbindungen gruppirt, welche eine sehr einfache Zusammensetzung, aber einen h\u00f6heren Sauerstoffgehalt haben, der aus der eingeathmeten Luft stammt.\n3) Diese ununterbrochene Zersetzung und Oxydation steht in einem bestimmten Verh\u00e4ltniss zur H\u00f6he der lebendigen Kraftentwickelung des K\u00f6rpers, \u2014 geradeso wie das Quantum mechanischer Arbeit, welche eine Dampfmaschine leistet, und die W\u00e4rmemenge. welche dieselbe ausstrahlt, der Consumption einer ganz bestimmten Menge von Brennmaterial entspricht !\nVon diesen allgemeinen Betrachtungen, welche uns lehrten, das Leben als physiologische Arbeit aufzufassen, wenden wir nun unseren Blick dem Apparat zu, der diese Arbeit leistet. . . .\nWir haben das Wesen und die Natur der Verrichtung der lebendigen Maschine im Allgemeinen erfasst, versuchen wir jetzt, uns eine \u00e4hnliche, allgemeine Einsicht in den Bau und die Einrichtung derselben zu verschaffen !\nAm menschlichen K\u00f6rper unterscheidet man auf den ersten Blick Kopf, Hals und Kumpf, und die andern letzteren beweglich befestigten oberen und unteren Gliedmassen oder Extremit\u00e4ten, \u2014 die Arme und die Beine \u2014 welche zwar in der Form etwas von einander abweichen, in ihrem Bau aber die vollst\u00e4ndigste Uebereinstim-mung zeigen, indem dem Oberarm, Vorderarm, der Handwurzel und den Fingern, der Oberschenkel, Unterschenkel, die Fusswurzel und die Zehen genau entsprechen.\nDer ganze K\u00f6rper zeigt bilaterale Symmetrie, so dass derselbe nach der Mittellinie in zwei ganz gleiche H\u00e4lften \u2014 eine rechte und eine linke \u2014 zerlegt werden kann.\nBetrachten wir eine solche K\u00f6rperh\u00e4lfte, z. B. die rechte, von innen, so erkennen wir sofort, dass sich durch Kopf, Hals und Kumpf zwei Keihcn von Hohlr\u00e4umen der L\u00e4nge nach erstrecken, welche die verschiedenen inneren Organe \u2014 die sogenannten Eingeweide \u2014 einschliessen und beherbergen (vgl. Fig. 20 auf Tafel 3 .\nDas Studium eines solchen L\u00e4ngsschnittes lehrt uns, dass der K\u00f6rper so zu sagen aus zwei vollst\u00e4ndig getrennten R\u00f6hren besteht, zwischen denen die lleihe der Wirbelk\u00f6rper und deren Fortsetzung im Kopf, die Sch\u00e4delbasis, eine ununterbrochene Scheidewand bildet, weshalb die eine als die hintere oder dorsale, die andere als die vordere oder ventrale R\u00f6hre bezeichnet wird.\nDie Sch\u00e4delh\u00f6hle und der Riickgratskanal, w'elche ein zusammenh\u00e4ngendes Ganze ausmachen und die grossen centralen Nervenmassen \u2014 Hirn und R\u00fcckenmark \u2014 beherbergen, sind die dorsale R\u00f6hre,","page":293},{"file":"p0294.txt","language":"de","ocr_de":"294\nUeber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\nw\u00e4hrend die Bauch-, Brust-, Hals-, Mund- und Nasenh\u00f6hle, welche die Gangliencentra, den Darm und die \u00fcbrigen Eingeweide enthalten, die getrennten Abschnitte der ventralen Bohre darstellen.\nAn Querschnitten des K\u00f6rpers, welche senkrecht gegen die Wirbels\u00e4ule oder die Sch\u00e4delbasis von rechts nach links gef\u00fchrt werden, l\u00e4sst sich diese fundamentale, \u00fcbrigens allen Wirbelthieren eigent\u00fcmliche Structur einer Doppelr\u00f6hre wo m\u00f6glich noch deutlicher erkennen.\nDie scheinbar so grosse Differenz zwischen dem Bau des Kopfes und des Rumpfes r\u00fchrt, wie Sie sehen, wesentlich von dem verschiedenen Verh\u00e4ltniss zwischen den Durchmessern der Ventral- und Dorsalr\u00f6hre her. Im Rumpf ist erstere gross im Verh\u00e4ltniss zur letzteren, im Kopf gerade umgekehrt. Der Typus der Doppelr\u00f6hre ist aber derselbe.\nDie Gliedmassen oder Extremit\u00e4ten schliessen keinen solchen Hohlraum ein, sondern bestehen mit Ausnahme verzweigter Gef\u00e4ss-r\u00f6hren, die mit Fl\u00fcssigkeit 'Blut oder Lymphe) gef\u00fcllt sind, durchaus aus festen oder halbfesten Gebilden.\nGesetzt, es l\u00e4ge uns ein frischer menschlicher Leichnam vor, untersuchen wir, in welche Bestandtheile er sich zerlegen l\u00e4sst. Zun\u00e4chst wird es uns leicht gelingen, eine ziemlich derbe Membran, welche den ganzen K\u00f6rper im Zusammenhang \u00fcberzieht und umkleidet, von den darunter liegenden Theilen loszupr\u00e4pariren. Es ist dies das Integumentum commune, die sogenannte allgemeine Decke, \u00e4ussere Haut. Diese Haut l\u00e4sst sich in eine obere und in eine untere Lamelle trennen ; die erstere heisst die Oberhaut oder Epidermis und besteht aus zahllosen, an den verschiedenen K\u00f6rperregionen in verschiedener M\u00e4chtigkeit \u00fcbereinander gelagerten mikroskopischen Hornsch\u00fcppchen, welche in den oberfl\u00e4chlichsten Schichten fortw\u00e4hrend abgerieben werden und verloren gehen. Die untere Lamelle heisst die Lederhaut, Dermis oder Derma, und ist ein derbes Gewebe vielfach verflochtener F\u00e4serchen, an dessen Oberfl\u00e4che eine fortw\u00e4hrende Neubildung von saftigen Zellen, die zu Epidermis verhornen, stattfindet. Eine Verwundung der Epidermis verursacht weder Schmerz noch Blutung ; die verwundete Lederhaut hingegen schmerzt und blutet reichlich. Hiervon hat sich schon Mancher beim Rasiren unfreiwillig \u00fcberzeugt, wenn das Messer, ungeschickt gef\u00fchrt, einen Gedanken tiefer eingriff als n\u00f6thig ist, um die b 1 o s s e n Epidermoidalgebilde, zu denen auch die Haare geh\u00f6ren, zu entfernen.\nAn allen K\u00f6rper\u00f6ffnungen, wie an Mund, Nase, After u. s. w., setzt sich die \u00e4ussere Haut continuirlich in die sogenannte Schleimhaut fort, welche weicher und r\u00f6ther ist und durch eine an ihrer","page":294},{"file":"p0295.txt","language":"de","ocr_de":"Ue\u00fcer den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\n295\nOberfl\u00e4che hervorquellende Fl\u00fcssigkeit, den Schleim, stets feucht erhalten wird, sonst aber ganz wie die \u00e4ussere Haut aus einer unteren faserigen, gef\u00e4ss- und nervenreichen, und aus einer oberen zelligen, blutlosen Lamelle, welche hier Epithelium heisst, besteht. Die Schleimhaut \u00fcberkleidet die innere Oberfl\u00e4che aller Hohlr\u00e4ume und Organe, welche sich nach aussen \u00f6ffnen \u2014 so z. B. den ganzen Nahrungskanal vom Munde bis zum After ; und da die beiden Lamellen der \u00e4usseren Haut und der Schleimhaut an den genannten Oeffnungen continuirlich in einander \u00fcbergehen, so kann man sagen, dass die Epidermis die \u00e4ussere, das Epithelium die innere Wand eines r\u00f6hrenf\u00f6rmigen Sacks mit doppelten Wandungen bildet, zwischen welche s\u00e4mmtliehe Theile des K\u00f6rpers eingeschlossen sind.\nDas Derma und die tiefe, gef\u00e4ss- und nervenreiche Lamelle, welche ihm in der Schleimhaut entspricht, sind haupts\u00e4chlich aus einem Fasergewebe gebildet, welches bei anhaltendem Kochen zu Leim zergeht und gegerbt wird, wenn man aus H\u00e4uten Leder fa-bricirt.\nDieses Gewebe heisst fibr\u00f6ses oder Zellgewebe, wird aber am schicklichsten das Bindegewebe genannt, weil es fast alle Bestandteile des K\u00f6rpers zusammenh\u00e4lt und mit einander verbindet. indem seine Fasern bald straff und regelm\u00e4ssig angeordnet, seidenartig gl\u00e4nzend, bald locker und wirr verfilzt, und dann von matt-weisser Farbe, nicht nur H\u00e4ute und B\u00e4nder, Scheiden und Str\u00e4nge bilden, sondern auch alle kleinen L\u00fccken ausf\u00fcllen, ja sogar das Innere der meisten Organe durchziehen.\nDas Bindegewebe stellt also ein, durch den ganzen K\u00f6rper zusammenh\u00e4ngendes Ger\u00fcste dar, in welches alle anderen Bestandteile eingebettet sind. K\u00f6nnte man die letzteren vollst\u00e4ndig entfernen. so w\u00fcrde man eine schwammige Masse zur\u00fcckbehalten 3 welche nichts destoweniger ziemlich genau die Formen des ganzen K\u00f6rpers und seiner einzelnen Theile zeigen w\u00fcrde.\nUm sp\u00e4teren Mittheilungen nicht vorzugreifen, will ich hier nur beil\u00e4ufig noch erw\u00e4hnen, dass das Bindegewebe vortrefflich geeignet ist, jene wichtige Fl\u00fcssigkeit \u2014 den sogenannten Gewebesaft oder die Ern\u00e4hrungsfl\u00fcssigkeit \u2014 aufzunehmen und fortzuleiten, welche aus dem Blute stammt und alle Gewebe des K\u00f6rpers durchtr\u00e4nkt.\nWir wenden uns nun zur Betrachtung eines der wichtigsten Gebilde , welche im Bindegewebe eingebettet und eingescheidet liegen, dessen Gegenwart und Th\u00e4tigkeit sehr leicht am Lebenden constatirt werden kann. \u2014 Umfassen wir von vor\u00fcber den Oberarm einer Person, so f\u00fchlen wir jedesmal, wenn die Person das Ellenbogengelenk kr\u00e4ftig","page":295},{"file":"p0296.txt","language":"de","ocr_de":"296\nUeber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\nbeugt, wie daselbst eine weiche Masse anschwillt, hart wird und stark vorspringt. Bei der Senkung des Ellenbogengelenkes verschwindet wieder beides \u2014 die Schwellung und die H\u00e4rte. K\u00f6nnten wir die Haut an der angegebenen Stelle einschneiden und aus einander schlagen , so w\u00fcrden wir finden, dass der K\u00f6rper, welcher beschriebener-massen seine Form und Spannung ge\u00e4ndert hat, ein l\u00e4ngliches St\u00fcck rotlies Fleisch ist, \u00fcberzogen und durchsetzt von Bindegewebs-scheiden, welche sich an beiden Enden zu starken Sehnen verdichten, durch die das Fleisch oder der Muskel einerseits an das Schulterblatt, andererseits an den einen der beiden Vorderarmknochen befestigt wird. Kurz, diese Fleischmasse ist jener Muskel, welcher den anatomischen Namen Biceps brachii f\u00fchrt.\nWir constatiren, dass die Fasern, welche die Fleisch- oder Muskelsubstanz zusammensetzen, die auffallende Eigenschaft haben, mit grosser Kraft ihre Gestalt zu ver\u00e4ndern, genauer: sich zu verk\u00fcrzen und dabei im Verh\u00e4ltniss zur L\u00e4ngenabnahme zugleich dicker zu werden \u2014 sobald der Willensimpuls oder andere Beize auf sic einwirken.\n\u25a0 Diese merkw\u00fcrdige Eigenschaft der Contractilit\u00e4t macht die Fleisch- und Muskelsubstanz zum activen Bewegungselement des K\u00f6rpers und seiner Tlieile. Zu diesem Ende sind die Fleisch- oder Muskelmassen in der mannigfaltigsten Weise zwischen den Weichtheilen und Hartgebilden angeordnet und an denselben befestigt, denn wenn sie sich verm\u00f6ge ihrer Contractilit\u00e4t verk\u00fcrzen und ihre Anheftungspunkte mit Gewalt gegen einander ziehen und einander n\u00e4her bringen, so m\u00fcssen sie nothwendig die mit ihnen verwachsenen passiven Tlieile in Bewegung setzen und die verschiedenartigsten Gestalt- und Lagenver\u00e4nderungen derselben veranlassen.\nDie erw\u00e4hnten Hartgebilde des K\u00f6rpers sind die Knochen und Knorpel, welche feste Grundlage und St\u00fctze f\u00fcr die Weichtheile bilden. Sie haben die verschiedensten Formen und sind mit einander tlieils unbeweglich, theils beweglich zu Ger\u00fcsten verbunden. Das Hauptger\u00fcst des K\u00f6rpers nennt man das Gerippe oder Skelet. Die Knochen entstehen aus Knorpel- oder Bindegewebe, indem sich phosphorsaurer und kohlensaurer Kalk daselbst ablagert. Sie sind ein thierisches Gewebe, welches so zu sagen naturgem\u00e4ss versteinert : man nennt diesen Vorgang die Ossification, Verkn\u00f6cherung. Werden die genannten Kalksalze durch S\u00e4uren herausgezogen, so bleibt eine biegsame organische Masse von derselben Gestalt wie der Knochen zur\u00fcck. Nicht alle Knorpel ossificiren, einige niemals, andere nur ausnahmsweise : permanente Knorpel.\nEs gibt weit \u00fcber 200 Knochen im menschlichen K\u00f6rper, doch ist","page":296},{"file":"p0297.txt","language":"de","ocr_de":"lieber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\n297\ndie wirkliche Zahl getrennter selbstst\u00e4ndiger Knochen in verschiedenen Lebensaltern verschieden, indem manche in der Jugend getrennte Knochen im sp\u00e4teren Alter zusammenwachsen und verschmelzen. So gibt es urspr\u00fcnglich 33 Wirbel, welche das R\u00fcckgrat zusammensetzen, und die oberen 24 bleiben durch das ganze Lehen getrennt, w\u00e4hrend sp\u00e4ter 5 davon, der 25.\u201429., regelm\u00e4ssig zu einem einzigen Knochen, dem Kreuz- oder Heiligenhein verwachsen, und die noch \u00fcbrigen untersten 4 manchmal in Eins \u2014 das Steissbein oder Coccyx \u2014 verschmelzen. \u2014 So bestellt der Sch\u00e4del eines jugendlichen Erwachsenen aus 21 Knochen: die Zahl derselben im Kindesalter ist jedoch viel gr\u00f6sser, im sp\u00e4teren Mannesalter kleiner.\n24 Rippen, 12 an jeder Seite, \u2014 trotzdem eine derselben im Paradiese zur Bildung der Eva verwendet wurde \u2014 helfen den Brustkorb bilden, die meisten derselben sind durch knorpelige Zwischenst\u00fccke mit dem Brustbein verbunden.\nAm Schulterg\u00fcrtel unterscheidet man stets zwei Knochen : Schulterblatt und Schl\u00fcsselbein.\nAm Becken, in welchem die Beine eingelenkt sind, gibt es im Erwachsenen nur zwei Knochen, welche sich seitlich an das Sacrum an-legen und den bezeichnenden Kamen Ossa tnmminatu haben. Im Kinde besteht jeder dieser Knochen aus 3 St\u00fccken, dem Os pubis, ischii und ilii, die sich an der Bildung der Gelenkpfanne betlieiligen.\n33 Knochen in jedem Arme und in jedem Bein die Patella mitgez\u00e4hlt .\nN un m\u00fcssen wir noch die Art und Weise betrachten, wie die Knochen unter einander verbunden sind, um das Skelet aufzubauen \u2014 einestheils die Hohlr\u00e4ume des K\u00f6rpers bilden zu helfen. anderntheils ein System beweglicher starrer Hebel zusammenzusetzen. Die Mittel hierzu bilden N\u00e4hte, steife knorpelige Bandmasse und Knorpel : Gelenke : fibr\u00f6se Kapsel, B\u00e4nder, Knochenenden mit Knorpel\u00fcberzug und Synovialhaut.\nDie Gelenke spielen so frei und leicht, und der Schwerpunkt des K\u00f6rpers liegt so hoch oben im Rumpf, dass man keinen Leichnam zum freien aufrechten Stehen bringen kann, immer knicken dabei die Glieder zusammen und \u2014 \u00bbmachtlos dem Gesetz der Schwere folgt sie, die entg\u00f6tterte Natur\u00ab !\nDie aufrechte Stellung, auf welche sich der gl\u00e4ubige Mensch so viel zu Gute tliut und welche er doch so leicht und ohne daran zu denken annimmt, ist das Resultat eines h\u00f6chst complicirten und feinen Zusammen- und Gegeneinanderwirkens fast s\u00e4mmtlicher Skeletmuskeln.\nWas ist es nun, was diese freie abgestufte Muskelth\u00e4tigkeit ins","page":297},{"file":"p0298.txt","language":"de","ocr_de":"298\nUeber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\nSpiel bringt und ordnet ? Es ist, wie ich Ihnen gleich beweisen will, eine Function des Nervensystems. Gestatten Sie mir vorher nur einige Worte \u00fcber die Structur desselben.\nDie specifischen Elemente dieses \u00fcberaus wichtigen Gewebes sind die Nervenzellen und die Nervenfasern. Die letzteren sind mikroskopisch feine, glashelle, cylindrische F\u00e4den und R\u00f6hren mit theils \u00f6ligem, theils eiweissartigem Inhalt ; die ersteren : mikroskopisch kleine rundliche oder sternf\u00f6rmige Kl\u00fcmpchen einer gleichfalls fetthaltigen und eiweissartigen Substanz, welche fadenf\u00f6rmige Forts\u00e4tze aussenden, die sie unter einander und mit den Nervenfasern verbinden. Man kann sagen, die Nervenfasern entspringen aus den Nervenzellen. Durch die Zusammenh\u00e4ufung und planm\u00e4ssige Anordnung von Nervenzellennetzen und Nervenfasern entstehen die sogenannten Centralorgane, wie das Gehirn, das R\u00fcckenmark, die sympathischen Ganglien und Nervenknoten. Die von diesen Centren ausgehenden Nervenfasern bilden, zu vielfach ver\u00e4stelten B\u00fcndeln, d. h. Bindegewebsscheiden zusammengefasst, das peripherische Nervensystem, dessen weisse Str\u00e4nge wie Telegraphendr\u00e4hte den K\u00f6rper durchziehen und einerseits in den Muskeln und Dr\u00fcsen, andererseits in den Organen der Empfindung ihr Ende finden, w\u00e4hrend ihr Ursprung, wie gesagt, in der Ganglienmasse der Centralorgane zu suchen ist.\nLassen Sie einen aufrecht stehenden Menschen einen Stoss oder Schlag auf den Kopf bekommen \u2014 im Augenblick wird der Getroffene Zusammenst\u00fcrzen und erschlafft und empfindungslos am Boden liegen bleiben. Was ist ihm geschehen'.' Der Stoss oder Schlag, welcher diese niederschmetternde Wirkung hatte, kann so erfolgt sein, dass weder ein einziger Muskel direct verletzt, ja axxch nur ber\u00fchrt wurde, noch dass die geringste \u00e4ussere oder innere Blutung eingetreten ist, ja wenn die Commotion oder Ersch\u00fctterung nicht allzu heftig war, so wird der Leidende nach einigen Augenblicken von Ohnmacht und Empfindungslosigkeit wieder zu sich kommen und so wohl sein als zuvor. Ganz dieselbe vor\u00fcbergehende Wirkung wird sogar zuweilen durch eine viel geringf\u00fcgigere Ursache als Schlag oder Stoss auf den Kopf veranlasst ! \u2014 Manche Menschen fallen in Ohnmacht beim blossen Anblick von Blut, \u2014 in Gegenwart einer Katze oder Spinne \u2014 nach einer pl\u00f6tzlichen Gem\u00fcthsbewegung u. s. w. Offenbar hat in allen diesen F\u00e4llen Nichts \u2014 am wenigsten die Muskeln selbst \u2014 eine dauernde Verletzung davongetragen und doch ist eine vernichtende Wirkung auf ein Etwas ausge\u00fcbt worden, was nicht nur die Th\u00e4tigkeit der Muskeln beherrscht und regelt, sondern auch die bewusste Empfindung vermittelt.","page":298},{"file":"p0299.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\n299\nWo steckt dieses so wunderbare und so leicht verletzliche Etwas? Das werden Sie sogleich erfahren, wenn Sie die folgenden Thatsachen in Erw\u00e4gung ziehen.\nEs ist oft genug vorgekommen, dass Leute derart durch Stich oder Schuss im Nacken oder R\u00fccken verwundet worden sind, dass das R\u00fcckenmark an dieser einen Stelle vollst\u00e4ndig durchgetrennt wurde, w\u00e4hrend gar keine Verletzung oder Ersch\u00fctterung irgend welcher anderen Theile stattfand. In diesen F\u00e4llen waren die Leute gleichfalls zusammengest\u00fcrzt und hatten die Macht aufrecht zu stehen verloren \u2014 ohne dass jedoch \u2014 wie hei den auf den Kopf geschlagenen \u2014 die Klarheit ihres Bewusstseins auch nur f\u00fcr einen Augenblick getr\u00fcbt worden w\u00e4re ! Aber nicht blos die Kraft aufrecht zu stehen, sondern \u00fcberhaupt alle und jede F\u00e4higkeit irgend eine, wenn auch noch so schwache willk\u00fcrliche Bewegung mit den Muskeln jener K\u00f6rpertheile auszuf\u00fchren, welche sich unterhalb der querdurchgetrennten R\u00fcckenmarksstelle befanden \u2014 war absolut dahin, und zwar f\u00fcr immer. Zugleich war jede Spur einer Empfindung an diesen K\u00f6rpertheilen f\u00fcr immer verschwunden. Sie konnten ber\u00fchrt, gestochen, geschnitten, zermalmt werden, und der Mensch hatte nicht die leiseste Ahnung davon, obschon, wie gesagt, das Bewusstsein und die psychischen Functionen niemals eine Tr\u00fcbung oder sonstige Ver\u00e4nderung erlitten hatten, und \u00fcberdies alle jene K\u00f6rpertheile, welche mit von dem Gehirn und dem mit demselben zusammenh\u00e4ngenden oberen R\u00fcckenmarksst\u00fcck ausgehenden Nerven versorgt sind, gerade so empfindlich und willk\u00fcrlich beweglich blieben, wie sonst ! Dies Alles beweist nun. dass das Gehirn offenbar unser gesuchtes Etwas ist, welches die psychischen Th\u00e4tigkeiten vermittelt : und dies und noch manches Andere, was wir uns f\u00fcr die eingehende Darstellung der Nervenphysiologie versp\u00fcren, beweist ferner, dass es die Nerven sind, welche, wie Telegraphendr\u00e4hte die Depeschen, einerseits dem Gehirn die Eindr\u00fccke von aussen zuleiten, andererseits die Bewegungsimpulse vom Gehirn auf die Muskeln \u00fcbertragen. Demnach k\u00f6nnen wir ganz allgemein zwei Klassen von Nerven unterscheiden : centripetale (wie die Empfindlings- imd Sinnesnerven und centrifugale wie die motorischen . Das R\u00fcckenmark verh\u00e4lt sich unter diesen Umst\u00e4nden dem Gehirn gegen\u00fcber wie ein einfaches Leitungsorgan.\nAber wunderbar! so vollst\u00e4ndig in den erw\u00e4hnten F\u00e4llen von R\u00fcckenmarksdurchtrennung das Gehirn von den unteren Abtheilungen des K\u00f6rpers abgeschnitten ist. eine eigenth\u00fcmliche Herrschaft \u00fcber die Muskeln und eine gewisse F\u00e4higkeit Eindr\u00fccke von aussen zu empfangen ist dieser so zu sagen entseelten K\u00f6rperabtheilung dennoch","page":299},{"file":"p0300.txt","language":"de","ocr_de":"300\nlieber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\ngeblieben \u2014 denn werden z. B. die Fusssohlen gekitzelt, so macken die der Willk\u00fcr gleichwohl absolut entzogenen Beine kr\u00e4ftige Zuckungen und oft sogar zweckm\u00e4ssige, combinirte Bewegungen, wie um sich dem l\u00e4stigen Beize, der doch factisch keine Spur von bewusster Empfindung veranlasst, zu entziehen.\nBemerken Sie ferner dass, wenn in einem solchen Falle das B\u00fcckenmark in seiner ganzen Ausdehnung zerst\u00f6rt worden w\u00e4re, auf Kitzeln der Fusssohlen auch nicht die geringste Zuckung, geschweige denn eine combinirte Bewegung der Beine eintreten w\u00fcrde ; so wird Ihnen einlenckten, dass das B\u00fcckenmark nicht Bios ein einfacher Leitungsapparat f\u00fcr den Erregungsvorgang ist wie die Nerven, sondern, dass es die F\u00e4higkeit besitzt centripetale Beize in centrifugale Bewegungsimpulse zu verwandeln. d. h. Erregung von einer Leitung auf die andere zn reflectiren und in mannigfaltiger Weise zu verarbeiten.\nHaben wir bisher die Structur und Function jener Bestandtheile des K\u00f6rpers betrachtet, welche der unmittelbare Sitz der psychischen Th\u00e4tigkeiten sind, und die mannigfaltigen Empfindungen gleichwie die willk\u00fcrlichen Bewegungen vermitteln \u2014 lauter Leistungen, welche recht eigentlich die charakteristischen animalen Lebens\u00e4usserungen ansmachen \u2014 so bleibt uns zum Schluss noch \u00fcbrig, uns mit jenen Organen und Vorg\u00e4ngen zu besch\u00e4ftigen, welche dem sogenannten vegetativen Lehen dienen \u2014 und zuletzt eine kurze Besprechung der Generations- oder Zeugungsorgane und Vorg\u00e4nge folgen zu lassen \u2014 um unsere einleitende Uebersicht \u00fcber den Bau und den ganzen wundervollen physiologischen Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers zu vollenden.\nSie erinnern sicli des wichtigen Satzes, dass das Leben die K\u00f6r-pertlieile verzehrt, \u2014 dass keine physiologische Arbeitsleistung zu Stande kommt ohne entsprechenden Stoffverbrauch ! Die Arbeit, welche das Nerven- und Muskelsystem leisten, muss also auch entweder auf Kosten der Nerven- und Muskelsubstanz selbst oder eines anderen Materials geschehen. Und da der K\u00f6rper nicht im Stande ist irgend etwas zu erschaffen, so muss er die F\u00e4higkeit haben, einerseits seine Substanzverluste von aussen zu ersetzen, d. h. Nahrungs- oder Ersatzmaterial in sich aufzunehmen und zu assimiliren, andererseits aber das Unbrauchbargewordene \u2014 so zu sagen die Schlacken des LebensprocesS.es \u2014 abzusondern und auszustossen.\nWir wissen bereits, dass er diese beiden fundamentalen F\u00e4higkeiten im Allgemeinen wirklich besitzt. Der lebende K\u00f6rper assimilirt und scheidet aus. Aber wir m\u00fcssen nun genauerzusehen, wie dies eigent-","page":300},{"file":"p0301.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\n301\nlieh zugeht, welche Organe dabei th\u00e4tig sind und wie ihre Th\u00e4tigkeiten in geregeltem Zusammenwirken erhalten werden.\nDa sind zun\u00e4chst die Verdauungsorgane, welche Speise und Trank in Ern\u00e4hrungsmaterial verwandeln ; da sind ferner die Circu-lationsorgane, welche die Bewegung und Vertheilung des Blutes, der Gewebes\u00e4fte und des assimilirten Ern\u00e4hrungsmaterials besorgen ; da sind endlich die Excretions- oder Ausscheideorgane, durch welche der K\u00f6rper seine verbrauchten und unbrauchbaren Zersetzungs-producte los wird. Eines dieser Organe \u2014 die Lunge \u2014 ist so eingerichtet, dass es nicht nur Auswurfsstoffe ausscheidet, sondern zugleich auch etwas aufnimmt, was zwar weder Speise noch Trank ist, f\u00fcr die Erhaltung des Lebensprocesses aber ebenso wichtig als beides erscheint \u2014 n\u00e4mlich Sauerstoff!\nDie Verdauungsorgane sind:\nDer Darm oder Nahrungskanal im weitesten Sinne, nebst allen seinen dr\u00fcsigen Anh\u00e4ngseln, die ihre Absonderungss\u00e4fte iu die verschiedenen Abschnitte seiner H\u00f6hlung ergiessen \u2014 also\n1)\tder Kopfdarm oder die Mundh\u00f6hle mit den Speicheldr\u00fcsen :\n2)\tder Halsdarm oder Schlund mit dem Anhang der Speiser\u00f6hre :\n3)\tder Brustdarm oder die Speiser\u00f6hre;\n4)\tder Bauchdarm, d. h. der Magen mit den Magensaft- oder Labdr\u00fcsen. und Darm im engeren Sinne : n\u00e4mlich der D\u00fcnndarm mit der Bauchspeicheldr\u00fcse und der Leber, die die Galle absondert. und der Dickdarm, welcher sich durch den After nach aussen \u00f6ffnet.\nWas die Verdauungsorgane thun, ist zuerst, dass sie die Nahrung .aufnehmen und zerkleinern, sodann dass sie sie mit einer Reihe eigen-th\u00fcmlicher chemischer Agentien \u2014 oder Verdauungss\u00e4ften \u2014, die aus den verschiedenen genannten Dr\u00fcsen stammen, innig durchfeuchten und behandeln und endlich hierdurch den Speisebrei Chymus in eine Fl\u00fcssigkeit und in einen unl\u00f6slichen R\u00fcckstand trennen. Letzterer, der keinen Nahrungswerth hat, wird als Excrement oder Koth von Zeit zu Zeit durch den After ausgepresst, w\u00e4hrend erstere, die alle assimilirten N\u00e4hrstoffe in L\u00f6sung oder feinster Vertheilung suspendirt enth\u00e4lt , von der Darmschleimhaut aufgesaugt wird, d. h. sie dringt in die Schleimhaut ein . gelangt iu den daselbst befindlichen Abschnitt der Circula-tionsorgane und wird in den allgemeinen Strom der S\u00e4ftebewegung hineingezogen. \u2014 Die continuirliche Unterhaltung und Vertheilung dieses Saftstromes im ganzen K\u00f6rper ist, wie gesagt. die Aufgabe der Circulationsorgane, zu deren Skizzirung wir nun schreiten wollen.\nDas Centrum des ganzen C i r c u 1 a t i o n s s y s t e m s ist das Herz,","page":301},{"file":"p0302.txt","language":"de","ocr_de":"302\nlieber den Hau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\nein muskul\u00f6ses Gebilde, welches Hohlr\u00e4ume einschliesst, von denen einerseits dickwandigere Gef\u00e4ssr\u00f6hren \u2014 die sogenannten Arterien \u2014 ausgehen. und in welche andererseits d\u00fcnnwandigere R\u00f6hren \u2014 die sogenannten Venen \u2014 einm\u00fcnden. Die ersteren vertheilen sich im ganzen K\u00f6rper und verzweigen und ver\u00e4steln sich dabei in immer zahlreichere und d\u00fcnnere Gef\u00e4sse, bis sie sich endlich in allen K\u00f6rpertheilen \u2014 mit Ausnahme einiger blutlosen Gewebe \u2014 in ein Netz mikroskopischer, unendlich zartwandiger R\u00f6hrchen, die Capillaren, aufl\u00f6sen. Aus den Capillarnetzen entspringen dann wieder Venen als feine Reiser, die zu immer wenigeren und gr\u00f6beren Gef\u00e4ssr\u00f6hren verschmelzen und schliesslich als drei grosse Str\u00f6me wieder in das Herz einm\u00fcnden. So wird also ein grosser, in sich selbst zur\u00fccklaufender R\u00f6hrencirkel geschlossen : derselbe ist w\u00e4hrend des Lebens mit Blut angef\u00fcllt, welches durch die Herzpumpe in einer fortw\u00e4hrenden kreisenden Bewegung erhalten wird, indem es durch die Arterien in die Capillarnetze, aus diesen durch die Venen zum Herzen zuriiekzustr\u00f6men gezwungen wird, von wo aus es seinen Kreislauf immer wieder von neuem beginnt.\nAusser dem Kreislauf des Blutes gibt es aber noch eine andere Strombewegung im K\u00f6rper, deren Bahn hergestellt wird durch die schwammige Masse des Bindegewebes und durch das aus demselben entspringende Lymphgef\u00e4sssystem, welches, \u00e4hnlich wie das Venensystem angeordnet, schliesslich in dasselbe einm\u00fcndet. Durch die permeablen d\u00fcnnen Wandungen der Capillaren schwitzt n\u00e4mlich aus dem Blute fortw\u00e4hrend ein .Strom einer Fl\u00fcssigkeit aus, welche das Bindegewebe und. von diesem fortgeleitet, alle Gewebe des K\u00f6rpers durchtr\u00e4nkt. Es ist dies die sogenannte Lymphe oder der Gewebesaft. Ein Theil dieses die Gewebe continuirlich durchfeuchtenden Saftstroms wird nun durch die Lymphgef\u00e4sse in den Blutkreislauf zur\u00fcckgeftihrt und dem Blute neuerdings beigemischt : ein anderer Theil des Saftstroms geht direct ins Blut zur\u00fcck, indem er die d\u00fcnnen Wandungen der Capillaren in entgegengesetzter Richtung durchsetzt, in welcher er aus ihnen hervorgetreten war.\nJene Fl\u00fcssigkeit, welche als Resultat der Verdauungsth\u00e4tigkeit alle assimilirten N\u00e4hrstoffe in L\u00f6sung oder in feinster Vertheilung sus-pendirt enth\u00e4lt, und von welcher ich schon erw\u00e4hnte, dass sie in das Gewebe der Darmschleimhaut eindringt; gelangt auf demselben Wege wie der Gewebesaft in den Blutstrom \u2014 n\u00e4mlich theils direct, durch die W\u00e4nde der Darmcapillaren, theils indirect auf dem Umwege durch die Lymphgef\u00e4sse des Darms. Fortgerissen von dem Strome der Circulation wird sie dem Blute innig beigemengt, und das Blut,","page":302},{"file":"p0303.txt","language":"de","ocr_de":"lieber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\n303\nbereichert mit Ern\u00e4hrungsmaterial, gelangt ins Herz, von dem es durch die Arterien in die Capillaren aller K\u00f6rpertheile hinausgetrieben wird. Durch die Wandungen der Capillaren quillt dann der Strom des Gewebesaftes, geschw\u00e4ngert mit den durch die Verdauung gelieferten Ersatzstoffen, hervor, durchtr\u00e4nkt die Gewebebestandtheile aller Organe des K\u00f6rpers und kehrt \u2014 nachdem er die durch die Lebensth\u00e4-tigkeiten bedingten Verluste gedeckt und sich mit den neu brauchbaren Zersetzungsproducten beladen hat, in den Blutstrom zur\u00fcck.\nSo sehen Sie denn, wie es die Aufgabe der Circulationsorgane ist, das Blut in kreisende Bewegung zu versetzen und den Saftstrom im Gange zu erhalten, welcher die Gewebe ern\u00e4hrt, indem er einerseits die dem Blute durch die Darmgef\u00e4sse zugef\u00fchrten und beigemischten N\u00e4hrstoffe entzieht, und an die durchtr\u00e4nkten Gewebe zur Deckung ihres Substanzverlustes abgibt, andererseits, beladen mit ihren Zer-setzungsproducten, welche fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die Form von Kohlens\u00e4ure, Wasser- und Harnstoff annehmen, ins Blut zur\u00fcckkehrt. Diese Zersetzungsproducte wird aber das Blut und mit ihm der K\u00f6rper \u00fcberhaupt los durch die Excretions-oder Ausscheidungsorgane, deren es drei gibt : die Haut, die Nieren und die Lungen.\nSo verschieden diese drei Organe auch erscheinen m\u00f6gen, so sind sie doch alle drei nach demselben Grundschema gebaut. Jedes derselben besteht n\u00e4mlich zuletzt im Wesentlichen aus vielen zarten Gewebeschichten \u2014 wie \u00fcberaus d\u00fcnnes Fliesspapier, \u2014 deren eine Oberfl\u00e4che frei liegt oder kleine Hohlr\u00e4ume auskleidet, die nach aussen m\u00fcnden, w\u00e4hrend diese Gewebeschichten selbst mit einem Capillarge-f\u00e4ssnetz durchzogen sind. Die Auswurfsstoffe werden nun mit dem , Gewebesaftstrom aus dem Blute der Capillaren ausgeschieden und erscheinen an der freien Oberfl\u00e4che der Gewebeschichten, um von da aus endlich den K\u00f6rper ganz zu verlassen.\nJedes dieser drei Organe scheidet im Grossen und Ganzen dieselben Auswurfsstofife aus, n\u00e4mlich : Wasser, Kohlens\u00e4ure und Harnstoff oder ein anderes stickstoffhaltiges Zersetzungsproduct von \u00e4hnlicher Bedeutung, \u2014 nur die relative Menge derselben ist verschieden.\nDie Haut liefert viel Wasser als Schweiss und dampff\u00f6rmige Ausd\u00fcnstung. wenig Kohlens\u00e4ure und noch weniger stickstoffhaltige Stoffe, wenn wir von den abfallenden Epidermoidalgebilden absehen. Die Nieren scheiden viel Wasser, ein Minimum von Kohlens\u00e4ure und viel stickstoffreichen Harnstoff aus. Die Lungen endlich auch viel Wasser, Spuren von Ammoniak und sehr viel Kohlens\u00e4ure.\nAber die Lungen spielen, wie schon erw\u00e4hnt, noch eine andere Rolle als die eines Ausscheidungsorgans; denn f\u00fcr die an die Luft","page":303},{"file":"p0304.txt","language":"de","ocr_de":"304 Ueber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\nabgegebene Kohlens\u00e4ure nehmen sie eine gleiche, ja fast noch gr\u00f6ssere Menge von Sauerstoff aus der Luft ein. Der Sauerstoff, die sogenannte Lebensluft, ohne welchen keine Oxydation, keine Verbrennung , keine lebendige Kraftentwickelung m\u00f6glich ist, gelangt in die Lungen und auf demselben Wege, auf welchem die Kohlens\u00e4ure ausgeschieden wird, ins Blut, welches ihn absorbirt und in die allgemeine S\u00e4ftebewegung mit hineinreisst. So dringt er zu allen Elementen des K\u00f6rpers und zersetzt und oxydirt die complicirten Bestandtheile derselben zu den einfachen Auswurfsstoffen Wasser, Kohlens\u00e4ure und Harnstoff.\nDurch diese, an unz\u00e4hligen Punkten vor sich gebende Verbrennung entstehen im K\u00f6rper W\u00e4rmemengen, welche die Temperatur des Blutes bis zu 30\u201432 C. bringen und sich in die mannigfaltigsten lebendigen Kr\u00e4fte Umsetzern Durch die rasche Circulation der heissen Gewebes\u00e4fte bekommt der ganze K\u00f6rper seine gleichm\u00e4ssige Temperatur, wie ein Haus, das mit einem Heisswasser-K\u00f6hrenapparat geheizt wird.\nAber alle diese Verdauungs-, Circulations- und Ausscheidungs-organe w\u00e4ren nutzlos und k\u00f6nnten den lebendigen Verbrennungspro-cess nicht auf die Dauer erhalten, wenn ihre Tlmtigkeiten nicht in bestimmt geregelter Ordnung und Energie zusammenwirkten.\nHierzu ist ein combinirendes Organ unerl\u00e4sslich und dieses finden wir wieder im Nervensystem, welches nicht nur, wie wir bereits wissen, die Function hat, die psychischen Tlmtigkeiten zu vermitteln, und uns in den Stand zu setzen einerseits durch die Empfindungs- und Sinneswahrnehmungen zu erfahren, was in der Aussenwelt vorgeht, andererseits durch willk\u00fcrliche Bewegungen ver\u00e4ndernd in dieselben einzugreifen, sondern welches auch die Einrichtungen besitzt, die das BedUrfniss der Aufnahme und den Mechanismus der Verarbeitung oder Assimilirung der Nahrung \u2014 den Herzschlag, das Caliber der Gef\u00e4ss-r\u00f6hren und damit die Bewegung und Vertheilung des Saftstromes, die Athembewegungen und die Sauerstoffzufuhr, und endlich die Ausscheidungen, und somit das Zusammenwirken aller Lebensvorg\u00e4nge mittelbar oder unmittelbar beherrschen und regeln.\nDie St\u00f6rung dieses regelrechten Zusammenwirkens f\u00fchrt zum Tode, worunter man gew\u00f6hnlich das Absterben des K\u00f6rpers als Ganzes versteht. In diesem Sinne ist der Tod das absolute Aufh\u00f6ren der Functionen des Gehirns, der Circulations- und der Athmungs-Organe. Wenn derTod eintritt, so stirbt der K\u00f6rper als Ganzes zuerst; die letzten Structurbestandtheile der Gewebe behalten aber stets noch k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Zeit nach dem letzten Athemzuge ihre Lebenseigenschaften und Functionen bei. Daher kommt es. dass z. B. die","page":304},{"file":"p0305.txt","language":"de","ocr_de":"Ueber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\n305\nMuskeln eines Hingerichteten noch stundenlang nach dem Eintritt jenes Zustandes, den man gew\u00f6hnlich den Tod nennt, durch Application geeigneter Heize zu kr\u00e4ftigen Zusammenziehungen veranlasst werden k\u00f6nnen. Sie sehen also, so paradox es auch klingen mag, der Mensch ist todt. aber seine Muskeln leben noch. \u2014 Und das gilt von allen Geweben. nur mit dem Unterschiede, dass es k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Zeit dauert, bis der Tod in ihnen eintritt. Dies h\u00e4ngt tlicils von ihrer Structur ab. theils auch von der Art wie der Mensch get\u00f6dtet, und unter welchen Bedingungen die Leiche auf bewahrt worden ist.\nBekanntlich sind die Todesarten sehr verschieden: wir sprechen vom nat\u00fcrlichen Tod in Folge hohen Alters oder einer der unz\u00e4hligen Krankheiten: vom unnat\u00fcrlichen Tode oder besser gewaltsamen Tode durch Erstickung, durch Verhungern, durch mechanische Verletzungen oder Gifte. Sehen wir genauer zu, so sind freilich alle die verschiedenen Todesarten zuletzt durch das Auf h\u00f6ren der Functionen immer derselben drei Hauptorgane bedingt \u2014 n\u00e4mlich des verl\u00e4ngerten Markes, des Herzens und der Lungen. Man hat diese Gebilde deshalb poetisch den Dreifuss des Lehens genannt.\nVom allgemeinen Tode, welcher in dem absoluten Stillstand aller Lebensth\u00e4tigkeiten s\u00e4 mm t lieh er Gewebe des menschlichen K\u00f6rpers besteht, m\u00fcssen wir noch den localen Tod unterscheiden. Der locale Tod bezieht sich auf die Zerst\u00f6rung der morphologischen Bestand-theile, welche ununterbrochen an fast allen Funkten des K\u00f6rpers w\u00e4hrend des ganzen Lehens vor sich geht. Er ist die Quelle alles Lebens ! Ohne dass wir es wissen und merken, sterben die individuellen Ge-webebestaudtheile ab und werden durch neue ersetzt. Nur wenn dieser locale Tod durch zuf\u00e4llige innere und \u00e4ussere Ursachen in gr\u00f6sserem Maassstabe auftritt, k\u00f6nnen ganze Gewebe, ja ganze Gliedmassen bei lebendigem Leibe absterben. So kann ein gl\u00fchendes Eisen ein Haut-stiiek. mit dem es in Ber\u00fchrung gebracht wird, augenblicklich zerst\u00f6ren und den localen Tod desselben bedingen, so stirbt ein ganzes Glied ab. eine Ilandz. B. wenn der Zu- und Abfluss des n\u00e4hrenden Saftstromes dauernd unterbrochen wird, und bietet dann die wunderbaren Erscheinungen des brandigen Zerfaliens oder der Mumification dar. \u2014\nDer ganze K\u00f6rper verf\u00e4llt mit dem Aufh\u00f6ren des Lebens der Aufl\u00f6sung. Die eigenth\u00fcmliche Anordnung und Richtung der Alltagskr\u00e4fte, aus deren Zusammen- und Gegeneinanderwirken das Leben hervorging, ist f\u00fcr immer gest\u00f6rt, und der organischen Fesseln ledig, zertr\u00fcmmern sie das Gebilde, welches sie gebaut und belebt. Der Sauerstoff wird zum absoluten Herrn. . . . Molec\u00fcl um Molectil wird in die einzelnen Atome zerlegt, bis sich alle Weichtheile haupts\u00e4chlich in Wasser.\nSchriften. II.\t20\nC z e r m a k,","page":305},{"file":"p0306.txt","language":"de","ocr_de":"306\nlieber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\nKohlens\u00e4ure. Ammoniak und einige Salze aufgel\u00f6st haben und nur die Knochen und Z\u00e4hne \u00fcbrig bleiben.\nAber selbst diese dichten und halbversteinerten Gebilde k\u00f6nnen nicht auf die Dauer der vereinten Wirkung von Luft und Wasser, W\u00e4rme und K\u00e4lte widerstehen. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter l\u00f6st sich ihre knorpelige Grundlage, welche die Kalksalze zusammenh\u00e4lt, auf, und die erdigen Massen werden br\u00fcchig und zerfallen zu Staub. der sich im Wasser und auf der Erdoberfl\u00e4che zerstreut, wie sich die gasf\u00f6rmigen Verwesungsproduete in der Atmosph\u00e4re verlieren.\nSo kehrt Stoff und Kraft, welche ein lebendes Individuum gebildet hatten, in den Gesammtvorrath des Weltganzen zur\u00fcck. um nach l\u00e4ngeren oder k\u00fcrzeren Wanderungen durch ungemessene R\u00e4ume sich an der Bildung neuer Formen, an der Erzeugung neuer Bewegungsorgane zu betheiligen.\nUnter dem Einfluss der Sonnenstrahlen bringt die Pflanzenwelt eine Anzahl wandernder Kohlens\u00e4ure-, Wasser-, Ammoniak- und Salzatome, indem Sauerstoff frei wird, in complieirte, aber niedrig oxydirte organische Verbindungen. Von den Pflanzen n\u00e4hren sich die Tide re. der Mensch verzehrt beide \u2014 und daher ist es nicht unm\u00f6glich. dass Atome, welche einst einen integrirenden Bestandteil des gesch\u00e4ftigen Gehirns eines Alexander des Grossen ausmachten, heute den K\u00f6rper eines Faulthiers in S\u00fcdamerika bilden helfen und im n\u00e4chsten Jahrhundert vielleicht unserem eigenen Urenkel angeh\u00f6ren werden. \u2014\nDas allgemeine Gesetz des Vergehens der Individuen bedingt mit logischer Notwendigkeit, dass die Menschen die F\u00e4higkeit besitzen m\u00fcssen. Kinder zu zeugen, \u2014 vorausgesetzt, dass sich die Menschheit als Gattung und Ganzes ohne Dazwischeukunft neuer fortschreitender Entwickelungen der Thierwelt nach DA\u00dfwix'scliem Princip oder gar neuer Menschensch\u00f6pfungsacte \u2014 auf l\u00e4ngere Zeit hinaus erhalten soll. \u2014 Das Fortpflanzungsgesch\u00e4ft vollzieht sich beim Menschen nach dem Typus der getrennt-geschlechtlichen Zeugung und zerf\u00e4llt in drei Acte :\n1.\tAbsonderung des Zeugungs- oder Keimstoffes, Ei und Samen:\n2.\tBefruchtung des Eies innerhalb der weiblichen Zeugungsteile durch die Begattung der Geschlechtsindividuen :\n3.\tBeherbergung und Ern\u00e4hrung des in der Entwickelung befindlichen neuen Individuums bis zur Geburt.\nDie Generationsorgane zerfallen demgem\u00e4ss in die Geschlechtsdr\u00fcsen mit ihren Ausf\u00fchrungsg\u00e4ngen, in die Begattungstheile und in den nur beim Weibe zu physiologischer Bedeutung entwickelten Ge-stationsapparat, dessen wichtigster Bestandteil die Geb\u00e4rmutter ist.","page":306},{"file":"p0307.txt","language":"de","ocr_de":"lieber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers.\n307\nHiermit habe ich Ihnen ein Gesammtbild vom Bau und den Le-bensverrichtungen des menschlichen K\u00f6rpers gegeben, welches wir in der Folge im Detail ausmalen wollen !\nSchliesslich ein ideographisches Schema aller Functionen :\nI. Erhaltung des Individuums:\nAnimal.\nVegetativ.\nII. Erhaltung der Art: Generation.\n\u2022 Begattuu\n;\u2022 \u2022 Befruchtung\nGestation\nGeburt","page":307}],"identifier":"lit16326","issued":"1879","language":"de","pages":"287-307","startpages":"287","title":"Ueber den Bau und Mechanismus des menschlichen K\u00f6rpers","type":"Book Section","volume":"2"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T15:54:51.989190+00:00"}
