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{"created":"2022-01-31T15:15:21.225067+00:00","id":"lit19111","links":{},"metadata":{"contributors":[{"name":"His, Wilhelm","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"Basel","fulltext":[{"file":"a0001.txt","language":"de","ocr_de":"DIE\nH\u00c4UTE UM) HOHLEM DES K\u00d6RPERS.\nACAMMISCHES PROGRAMM\nWILHELM IMS.\nBASEL,\nSch weigh auserische Universit\u00e4ts-Buchdruckerei,\n1865.","page":0},{"file":"p0001.txt","language":"de","ocr_de":"Es sind nun f\u00fcnfundsechszig Jahre her, seitdem die erste und, so viel mir bekannt, die einzige zusammenfassende Monographie \u00fcber die H\u00e4ute des K\u00f6rpers erschienen ist. Es ist dies der Trait\u00e9 des Membranes von Xavier Bichat. Der kleine Band er\u00f6ffnete den Reigen jener zwar kurzen, aber durch sch\u00f6pferische Gedankenf\u00fclle fast beispiellos dastehenden Reihenfolge von Schriften, durch welche Bichat die gesammte medicinische Wissenschaft in neue Bahnen zu lenken und unsere Vorstellungen vom Leben und Kranksein von Grund aus zu reformiren gewusst hat. Schon in der Hinsicht bietet der Trait\u00e9 grosses Interesse: Pinel (der grosse Arzt und Begr\u00fcnder der Irrenheilkunde) hatte in seiner Nosographie philosophique den Gedanken ausgesprochen, dass hei Beurtheilung der Krankheiten die Natur des erkrankten Organes in erster Linie zu ber\u00fccksichtigen sei, dass die Entz\u00fcndung einer Schleimhaut gewisse \u00fcberall w'iederkehrende Charaktere biete, dass in gleicher Weise die Erkrankungserscheinungen der Diaphanh\u00e4ute, der Muskeln, der Dr\u00fcsen dieselben bleiben, ob diese Gebilde Bestandteile des einen oder des andern Organes ausmachten. Diesen Gedanken, den ersten Keim einer pathologisch-anatomischen Krankheitsauffassung, ergreift nun Bichat mit aller Kraft des jugendlichen Genies, giebt ihm seine anatomische Form und Begr\u00fcndung, und in der, Anfangs noch an den fremden Gedanken anlehnenden Arbeit sch\u00f6pft er jenen tiefen Schatz von Ideen, dem er ein Jahr sp\u00e4ter in der Anatomie g\u00e9n\u00e9rale eine umfassende Darstellung gegeben hat. Der Trait\u00e9 des Membranes von Bichat bietet indess mehr als hlos historisches Interesse, auch sachlich beh\u00e4lt er noch immer seinen Werth, und wenn sein Inhalt auch gr\u00f6stentheils in die currente Waare unserer anatomischen Vorstellungen \u00fcbergegangen ist, so wird er, wie Alles, was Bichat geschrieben, den Leser noch jetzt durch reiche Anregung belohnen. Ist es ja doch die Gabe geistvoller Naturen, dass sie, auch bei beschr\u00e4nkten H\u00fclfsmitteln materieller Erkenntniss, Beziehungen zu ahnen und in ihrem Zusammenhang zu durchschauen verm\u00f6gen, die Anderen bei weit reicherem Material nur st\u00fcckweise zug\u00e4nglich sind, und dass sie selbst im Irrthum oft Gesichtspunkte er\u00f6ffnen, die der langsam und m\u00fchselig vordringenden Einzelnforschung als Wegweiser f\u00fcr die Richtung ihres Ganges dienen k\u00f6nnen.\n1","page":1},{"file":"p0004.txt","language":"de","ocr_de":"4\nMit Beiseitelassung einiger hautartiger Bildungen von beschr\u00e4nkterem Vorkommen hat Bichat folgende Hauptsysteme von Membranen aufgeslellt:\ndas System der Schleimh\u00e4ute und der \u00e4usseren Haut, das System der ser\u00f6sen und synovialen H\u00e4ute und das System der fibr\u00f6sen H\u00e4ute.\nDiese Unterscheidung hat sich bekanntlich seitdem als classische erhalten, und in der That l\u00e4sst sich, selbst mit unsern fortgeschrittenen H\u00fclfsmitteln der Gewebsanalyse, kaum etwas erhebliches dazu oder davon thun. Zu den aus anatomischer Betrachtung und physiologischem Verhalten gesch\u00f6pften Unterscheidungsgr\u00fcnden haben sich seitdem noch die embryologischen Gesichtspunkte hinzugesellt, zufolge denen mehr und mehr klar wird, dass die verschiedenen Charaktere jedes der obigen Hautsysteme in dem v\u00f6llig differenten Modus der Entwicklung ihre Begr\u00fcndung finden. Diese Beziehungen zwischen der Entwicklung der Membranen und ihrem anatomischen Verhalten zusammenzuslellen, ist der Zweck der nachfolgenden kleinen Abhandlung; zugleich soll versucht werden, inwieweit an der Hand der resultirenden allgemeinen S\u00e4tze wiederum Ergebnisse speziellerer Art sich ableiten lassen.\nWie man aus den sch\u00f6nen Untersuchungen von Remak weiss, so betheiligt sich von den drei Keimbl\u00e4ttern, die die erste Anlage des Organismus bilden, das mittlere in Verbindung mit dem obersten oder mit dem untersten an dem Aufbau der \u00e4usseren Haut und der Schleimh\u00e4ute. W\u00e4hrend die beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4tter das Material zur Entwicklung von deren Epithelialgebilden und Dr\u00fcsenparenchymen liefern, entsteht aus dem Antheil des mittleren Keimblattes ihre gef\u00e4ssf\u00fchrende Grundlage, und es sind somit jene H\u00e4ute mit Bezug auf ihre Genese als zusammengesetzt anzusehen. Dagegen sind die ser\u00f6sen und die synovialen H\u00e4ute einzig Bildung des mittlern Keimblattes, ebenso die fibr\u00f6sen H\u00e4ute. Jene unterscheiden sich von diesen dadurch, dass .sie zur unmittelbaren Begr\u00e4nzung von H\u00f6hlen verwendet werden, w\u00e4hrend die fibr\u00f6sen H\u00e4ute durch histologische Sonderung in der Con-tinuit\u00e4t der Substanz sich bilden.\nVon den H\u00f6hlungen, die der K\u00f6rper umschliesst, sind blos die dem mittlern Keimblatt angeh\u00f6rigen als innere H\u00f6hlen im eigentlichen Sinn des Wortes, oder wenn man lieber will als \u00e4chte Binnenr\u00e4ume anzusehen , w\u00e4hrend die von Schleimh\u00e4uten umschlossenen, an deren Umfassung sich eines der beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4tter betheiligt, streng genommen dem Organismus gegen\u00fcber alle als Aussenr\u00e4ume betrachtet werden m\u00fcssen, und sich in Wirklichkeit auch physiologisch so verhalten. Das Nahrungspartikel im Darmkanal, das Sauerstoffpartikel in den Lungen, sie machen erst von dem Augenblicke an Bestandtheil des Organismus, da sie die trennende Epithelialschicht durchsetzt haben, und selbst die Frucht im Uterus kann bei aller ihrer innigen Verbindung mit dem Mutterk\u00f6rper doch als etwas diesem fremdes angesehen werden, insofern als ihre Uosl\u00f6sung von ihm denkbar ist (und bekanntlich bei manchen S\u00e4ugern auch vorkommt) ohne irgend welche Continuit\u00e4tsst\u00f6rung.","page":4},{"file":"p0005.txt","language":"de","ocr_de":"5\nDie H\u00e4ute uml H\u00f6hlen des mittleren Keimblattes.\nDas mittlere Keimblatt bildet, nachdem es seine Entwicklungsmetamorphosen durchgemacht hat, den formgebenden Grundstock des K\u00f6rpers, an welchen die Produkte der beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4tter theils \u00e4usserlich sich anlegen, oder von dem sie, wie das centrale Nervensystem, auch theilweise umschlossen werden. Wir kennen kaum ein Organ, an dessen Bildung das mittlere Keimblatt nicht einen mehr oder minder hervorragenden Antheil n\u00e4hme, und selbst die sogenannten rein epithelialen Gebilde, wie z. B. die Haare und N\u00e4gel, empfangen von ihm eine Unterlage, die wie Haarbalg und Nagelbett deren Wachsthum erst m\u00f6glich macht und gestaltgebend modificirt. Einzig die Linse des Auges erh\u00e4lt sich im ausgebildeten Zusfand nahezu unabh\u00e4ngig vom mittleren Keimblatt, jedoch k\u00f6nnte man selbst f\u00fcr diese noch im Glask\u00f6rper eine zugeordnete Matrix suchen und finden.\nNur langsam hat das Verst\u00e4ndniss der Rolle sich eingeleitet, welche das mittlere Keimblatt bei der Entwicklung des K\u00f6rpers spielt. Schon Caspar Friedrich Wolff zwar hatte seine fr\u00fche Spaltung und seine Theilnahme an der Bildung der Leibes- und der Darmwand richtig erkannt, ebenso weiterhin v. Beer und Reichert; eine eingehende Analyse der Functionen jenes Blattes hat indess erst Remak geliefert und ihm verdanken wir vor Allem die genaue Kenntniss der h\u00f6chst eigenth\u00fcmlichen Beziehungen, in welche beim Aufbau der Dr\u00fcsen allenthalben das mittlere Keimblatt zu dem einen der beiden Gr\u00e4nz-bl\u00e4tter tritt. Nach den in neuester Zeit durch K\u00f6lliker best\u00e4tigten Erfahrungen Remak\u2019s stellt sich nun die Sache also: das mittlere Keimblatt liefert das Material zur Bildung des gesummten lokomotorischen Apparats des K\u00f6rpers, zur Bildung n\u00e4mlich der gesammten Knochen, Knorpel, B\u00e4nder und Muskeln des Skelettes; aus ihm geht ferner die gef\u00e4ssf\u00fch-rende Lage der Haut, der s\u00e4mmtlichen Schleimh\u00e4ute, sowie das gef\u00e4ssf\u00fchrende Ger\u00fcst aller absondernden Dr\u00fcsen hervor, weiterhin entstehen aus ihm die Lymphdr\u00fcsen nebst verwandten Gebilden, Milz, Thymus, Peyer\u2019schen Dr\u00fcsen u. s. w., ebenso die Nebennieren und endlich die peripherischen Nerven, die Urnieren und die Geschlechtswerkzeuge. Aus dem obersten Keimblatt entstehen die Centralorgane des Nervensystems und die Linse, n\u00e4chst-dem aber liefert es mit dem untersten die epithelialen Ueberg\u00e4nge der Haut und der s\u00e4mmtlichen Schleimh\u00e4ute, sowie das zeitige Parenchym aller aus Haut und Schleimh\u00e4uten sich entwickelnden Dr\u00fcsen, d. h. also aller Dr\u00fcsen mit Ausf\u00fchrungsgang, ausgenommen Geschlechtsdr\u00fcsen und Urnieren.\nWie die fr\u00fchem embryologischen Forschungen Caspar Friedrich Wolff\u2019s, Panders und vor allem die v. Beer\u2019s die Entwicklungsgeschichte als das Gebiet kennen gelehrt hatten, welches uns den Plan des K\u00f6rperbaues in seinen einfachsten Grundz\u00fcgen darlegt, so ist durch Remak\u2019s umfassende Untersuchungen ein Einblick in jene tiefen Beziehungen er\u00f6ffnet worden, die zwischen dem histologischen Bau der Organe und ihrer Entwicklung bestehen. Da ferner die histologische Natur eines Theiles f\u00fcr seine physiologische Stellung mass-","page":5},{"file":"p0006.txt","language":"de","ocr_de":"\u00df\ngebend ist, so d\u00fcrfen wir sagen, dass jene Beobachtungen auch in unsere physiologischen Vorstellungen mannigfach eingreifen, insbesondere giebt die durch Remak festgestellte nahe genetische Beziehung zwischen Centralnervensystem und Epithelialgebilden Fingerzeige von nicht zu missachtender Bedeutung.\nEinzelne Widerspr\u00fcche birgt indess der Remak\u2019sehe Beobachtungskreis, die diesem Beobachter selbst viel zu denken gegeben haben, und die in der Folge auch Schuld geworden sind, dass der Glaube an gesetzm\u00e4ssige Beziehungen zwischen Entwicklung und histologischer Natur der Organe bei der grossen Mehrzahl der Fachgenossen nie recht zum Durchbruch hat gelangen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend n\u00e4mlich alle sonstigen Produkte der beideu Gr\u00e4nzbl\u00e4tter gef\u00e4sslos sind, so soll aus dem obersten Keimblatt das nerv\u00f6se Centralorgan und die Chorioidea, zwei gef\u00e4sshaltige Gebilde sich entwickeln; w\u00e4hrend ferner alle sonstigen Dr\u00fcsen mit Ausf\u00fchrungsgang nur das gef\u00e4sstragende Ger\u00fcst vom mitllern Keimblatt erhalten, das zellige Parenchym dagegen von einem der beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4tter, so sollen die mit den \u00e4chten Nieren so verwandten Urnieren und die Sexualdr\u00fcsen ganz aus dem mittleren Keimblatt gebildet werden; w\u00e4hrend endlich die peripherischen Nerven aus dem mittleren Keimblatt sich entwickeln sollen, wird notorisch nachgewiesen, dass das centrale Nervensystem und ein Theil der peripheren Endapparate aus dem obersten Keimblatt hervorgehen. Mit Naturgesetzen verh\u00e4lt sichs nun nicht wie mit Regeln der Grammatik, sie haben keine Ausnahmen. Wo somit ein Gesetz in so grossen Z\u00fcgen angelegt ist, wie das der histologischen Scheidung der drei Keimbl\u00e4tter, da d\u00fcrfen wir erwarten, dass es auch durchgreift, und dass Alles, was als Ausnahme erscheint, uns nur deshalb so vorkommt, weil wir entweder noch nicht den vollen Ausdruck des Gesetzes gefunden haben, oder weil die Beobachtung selbst noch l\u00fcckenhaft ist. Letzteres scheint denn auch der Grund der oben hervorgehobenen Widerspr\u00fcche in Rernak\u2019s Aufstellungen zu sein, wenigstens ist es in letzter Zeit gelungen, einige der gewichtigsten derselheu durch erneute Beobachtung zu eliminiren. F\u00fcr die Chorioidea n\u00e4mlich hat K\u00f6lliker wahrscheinlich gemacht, Rabuchin best\u00e4tigt, dass hlos ihr Epithel aus der \u00e4ussern Wand der Augenhlase, d. h. also aus dem obersten Keimblatt hervorgeht, ihr gef\u00e4sshaltiges Gewebe dagegen den Kopfplatten, d. h. dem mittlern Keimblatt entstammt. Weiterhin haben meine Beobachtungen f\u00fcr Gehirn und R\u00fcckenmark gezeigt, dass die Blutgef\u00e4sse mit dem Gewebe dieser Organe nicht in wirkliche Verbindung treten, sondern nur lose in dasselbe sich einschieben, indem sie, wie unten noch ausf\u00fchrlicher dargelegt werden soll, erst secund\u00e4r von der pia mater aus hineinwachsen. Wie die pia mater selbst, so sind somit auch die Gef\u00e4sse der nerv\u00f6sen Centralorgane \u00e4chte Produkte des mittleren Keimblattes ; Aehnliches gilt, wie H. M\u00fcller schon vor mehreren Jahren gezeigt hat1), auch von den Gef\u00e4ssen der Netzhaut, und es bleibt somit das allgemeine Gesetz gewahrt, dass alle Gef\u00e4sse aus dem mittleren Keimblatt hervorgehen\n') W\u00fcrzburger naturwissenschaftliche Zeitschrift Bd. II, 222.","page":6},{"file":"p0007.txt","language":"de","ocr_de":"7\nund die Gr\u00e4nzbl\u00e4tter nur gef\u00e4sslose Gewebsmassen liefern. Auch das zweite der obigen Bedenken, die Entstehung achter Dr\u00fcsenepithelien aus dem mittleren Keimblatt, ist nunmehr als beseitigt anzusehen, denn, wie ich in einem Aufsatz \u00fcber den Bau des S\u00e4uge-thier-Eierstockes nachgewiesen habe, so bildet sich der Urnierengang, welcher das Material zum Epithel der Urnieren und mittelbar zu demjenigen der Sexualdr\u00fcsen liefert, nicht, wie Remak und K\u00f6lliker angenommen hatten, aus dem mittleren Keimblatt, sondern durch eine Faltung des obersten. Dass dies von so vorz\u00fcglichen Beobachtern, trotz aufgewendeter besonderer Sorgfalt, \u00fcbersehen werden konnte, r\u00fchrt nur daher, dass jene Abschn\u00fcrung in eine sehr fr\u00fche Periode der Entwicklung f\u00e4llt, n\u00e4mlich in die Periode vor Schluss des Medullarrohres.\nEs bleibt nun noch eine von den st\u00f6renden Angaben Remak\u2019s zu pr\u00fcfen \u00fcbrig, die Angabe n\u00e4mlich von der verschiedenartigen Entstehung des centralen und des peripherischen Nervensystems. Die Annahme, dass hier die bisherige Beobachtung vollst\u00e4ndig zureiche, ist um so unwahrscheinlicher, als selbst die peripherischen Spinalnerven nach den jisherigen Anschauungen nicht einmal \u00fcbereinstimmend aus dem mittleren Keimblatt entstehen, sondern mit ihren motorischen Wurzeln aus dem R\u00fcckenmark, mit ihren sensibeln aber aus den Spinalganglien hervorwachsen sollen. Vor Kurzem hat V. Hensen die Vcr-mulhung aufgestellt, dass s\u00e4mmtliche Nerven aus dem obersten Keimblatt hervorgehen, ohne dass ihm indess gelungen w\u00e4re, den ^tats\u00e4chlichen Beweis daf\u00fcr beizubringen *).\nWie man sieht, so w\u00fcrde, um zun\u00e4chst bei den Spinalnerven stehen zu bleiben, wesentlich der Nachweis zu leisten sein, dass jener Theil der Urwirbel, der sp\u00e4ter zum Spi-aalganglion sich sondert, urspr\u00fcnglich dem obersten Keimblatt entsprossen sei. Es ist nun eine beachtenswerthe Thatsache, dass bei H\u00fchnchen vom f\u00fcnften bis siebenten Tag der Bebr\u00fctung die Kopf- sowohl als die Spinalganglien von dem umgebenden Gewebe v\u00f6llig scharf geschieden sind; dieses n\u00e4mlich erscheint gegen das Ganglion hin etwas zellenreicher und verdichtet,-pl\u00f6tzlich setzt es mit scharf geschnittener Contour ab und nun folgt, durch einen spaltf\u00f6rmigen Baum geschieden, das Ganglion selbst mit seinen dicht gedr\u00e4ngten Zellen. Auch die von ihm ausgehenden Nerven sind Anfangs noch vom benachbarten Gewebe getrennt, in f\u00f6rmliche Kan\u00e4le eingebettet, indess wird weiterhin diese Trennung bald ausgeglichen, indem gef\u00e4ssf\u00fchrende Forts\u00e4tze des Nachbargewebes den Nerven sich beigesellen und sie gegen das Ganglion hin begleiten.\nDie anf\u00e4ngliche\tTrennung der Ganglien vom\tangr\u00e4nzenden Gewebe, die schon an\nQuerschnitten, noch\tbesser aber an Sagittal- oder\tFrontalschnitten\tzu Tage\ttritt, liefert\nzwar ein gewisses Pr\u00e4judiz f\u00fcr ihren gesonderten Ursprung, aber ein eigentlicher Beweis liegt darin nat\u00fcrlich\tnicht. Wie ist nun denkbar,\tdass das obere\tKeimblatt\tdas Material\nzur Ganglienbildung\tan die betreffenden Stellen\tschaffe? Wenn\tman sich\tdiese Frage\nl) Virchow\u2019s Archiv Bd. XXX, 176.","page":7},{"file":"p0008.txt","language":"de","ocr_de":"8\netwas genauer \u00fcberlegt, so sieht man bald, dass der Kreis der M\u00f6glichkeiten nicht sehr bedeutend ist.\nHensen in seinem oben erw\u00e4hnten Aufsatz vermuthet, der Uebergang von Elementen des obern Keimblattes in das mittlere falle in jene Periode, da die beiden Bl\u00e4tter zur Axenplatle vereinigt sind. Schon Remak hatte die M\u00f6glichkeit hievon angedeulet, und ich bin, nachdem ich Anfangs eine andere Annahme gehegt hatte, schliesslich durch die Beobachtung zu derselben Vorstellung geleitet worden. Ich hatte mir n\u00e4mlich ausgedacht, es m\u00f6chten sich die Ganglien aus scheidewandartigen Forts\u00e4tzen bilden, die vom Hornblatt in die Urwirbelplatten hineinwachsen und deren Scheidung in hinter einander liegende St\u00fccke bewirken. Solche Forts\u00e4tze werden der Beobachtung von der Fl\u00e4che her oder an Querschnitten wohl entgehen k\u00f6nnen, um so leichter aber an Sagittalschnitten sich bemerkbar machen. Ich bin nun in der That im Stande gewesen, von dem Vorhandensein solcher Forts\u00e4tze mich zu \u00fcberzeugen. An Sagittalschnitten erh\u00e4rteter Embryonen vom Ende des zweiten Tages fand ich, dass zwischen je zwei Urwirbel ein aus Zellen bestehender Keil sich einschiebt, der auf das Unzweifelhafteste vom Hornblatt abgeht und der, an seiner Basis verbreitert, nach unten sich zuspitzend, bis etwas \u00fcber die Mitte der Urwirbel sich vordr\u00e4ngt; denselben Hornblattfortsatz kann man auch dann wahrnehmen, wenn es gelingt, den frischen Embryo mit den Keimh\u00e4uten der L\u00e4nge nach zu falten; ebenso kann man sich an Fl\u00e4chenansichten ganz frischer Embryonen von dessen Vorhandensein \u00fcberzeugen. Betrachtet man n\u00e4mlich den Embryo von der Bauchseite, so sieht man die von der Aorta theilweise \u00fcberlagerten Urwirbel durch klaffende Spalten getrennt; legt man aber den Embryo mit dem R\u00fccken nach oben, so nimmt man ohne*M\u00fche wahr, dass die obern Gr\u00e4nzen der Urwirbel verwischt sind durch Ueberlagerung mit querlaufenden Zellenstreifen, die nach aufw\u00e4rts in das Hornblatt sich fortsetzen, w\u00e4hrend man sie nach abw\u00e4rts durch ver\u00e4nderte Focuseinstellung bis in die H\u00f6he der Urwirbelh\u00f6hlen herab verfolgen kann. Ich habe nun erwartet, die Umwandlung der eben beschriebenen Bildungen in Ganglienaulagen verfolgen zu k\u00f6nnen, allein meine Erwartung best\u00e4tigte sich nicht. Die Forts\u00e4tze verlieren sich allm\u00e4hlig, ohne dass etwas Neues aus ihnen hervorgeht; schon bei Embryonen vom Ende des dritten Tages sieht man das Hornblatt \u00fcber die vordem Urwirbel sich glatt oder mit nur seichter Einziehung fortsetzen, w\u00e4hrend es zwischen die hintern noch tiefgehende Scheidew\u00e4nde abgiebt. Gleichwohl scheint es mir durchaus unwahrscheinlich, dass die fraglichen Gebilde von blos zuf\u00e4lliger Bedeutung seien, viel eher glaube ich, dass sie den Rest eines \u00e4ltern Scheidungsvorganges darstellen, den man nun allerdings nothgedrungen in die Periode der Axenplattenbildung wird verlegen m\u00fcssen. Leider bin ich bis jetzt noch nicht im Stande gewesen, die bedeutenden technischen Schwierigkeiten zu \u00fcberwinden, welche der Pr\u00fcfung dieser Annahme im Wege stehn, aber wie Hensen halte ich das Gewicht der innern Gr\u00fcnde, welche f\u00fcr eine einheitliche Bildung des Nervensystems sprechen, f\u00fcr \u00fcberwiegend gross. Auch das scheint mir unzweifelhaft, dass bei der so fr\u00fch vor sich gehenden","page":8},{"file":"p0009.txt","language":"de","ocr_de":"9\nGliederung der Urwirbels\u00e4ule gerade die Bildung der Ganglienanlagen das Hauptmotiv ist, denn ausser ihnen und den jedenfalls unwichtigen Wirbelbogen bleibt von dem ganzen Vorgang bald Nichts mehr \u00fcbrig, indem bald darauf die Wirbelk\u00f6rpers\u00e4ule wiederum verschmilzt, um sich neu zu gliedern, und auch die Muskelplatten zu grossem Einheiten verbunden werden.\nIch glaube also, und hoffe es sp\u00e4ter noch direct beweisen zu k\u00f6nnen, dass in der Periode des Bestehens der Axenplatte quere Zellenforts\u00e4tze aus dem obern Keimblatt in das mittlere eintreten, die weiterhin sich abschn\u00fcren und als Rest die oben geschilderten Leisten zur\u00fcck lassen. Ihr Auftreten mag der Grund der tempor\u00e4ren Verwachsung der beiden obern Bl\u00e4tter sein, und von ihnen mag weiterhin der Anstoss gegeben werden zur Urwirbelscheidung selbst.\nL\u00e4sst sich nun wirklich, wenigstens mit grosser Wahrscheinlichkeit ilarthun, dass alle Nervenanlagen aus dem obersten Keimblatt stammen, so ist damit das letzte Paradoxon in Remak\u2019s Angaben \u00fcber das Schicksal der drei Keimbl\u00e4tter beseitigt. Damit wird es m\u00f6glich, auch hinsichtlich der histologischen Entwickelung eine scharfe Sonderung jener drei Bl\u00e4tter durchzuf\u00fchren: die beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4tter liefern neben dem Nervensystem s\u00e4mmtliche \u00e4chten Epithelialgebilde des K\u00f6rpers mit Einschluss aller \u00e4chten Dr\u00fcsenzellen, aus dem mittlern Keimblatt dagegen wird die gesammte Bindesubstanz im weitesten Sinn, d. h. Knochen, Knorpel Zahnbein, Bindegewebe, adenoides Gewebe, das Blut selbst und das elastische Gewebe, ferner geht aus ihm die gesammte glatte und quergestreifte Muskulatur des K\u00f6rpers hervor.\nAlles was zur Blutbereitung sowie zur S\u00e4flecirkulation in irgend welcher Beziehung steht, geh\u00f6rt einzig dem mittlern Keimblatt an, das Herz, die Blut- und Lymphgef\u00e4sse, das als Transsudattr\u00e4ger functionirende Bindegewebe und die blutk\u00f6rperbereitenden Dr\u00fcsen! Der Name Gef\u00e4ssblatt, der von Pander in fr\u00fcherer Entwicklungsperiode auf einen Theil des mittleren Keimblattes angewendet worden ist, und der sp\u00e4terhin mancherlei Anstoss erregt hat, l\u00e4sst sich sonach f\u00fcr das ganze Blatt jetzt wieder v\u00f6llig rechtfertigen, auch der von Remak dem untern Keimblatt ertheilte Namen eines trophischen Blattes kann im Grund mit eben dem Recht auf das mittlere \u00fcbertragen werden, da von diesem in der That die Produkte der beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4tter erst ihre Nahrung ziehen. Man k\u00f6nnte sogar, wenn man die motorischen Functionen des mittlern Blattes mit in Rechnung ziehen will, statt mit der fehlerhaft gewordenen Remak\u2019schen Bezeichnung eines motorisch-germinativen Blattes dasselbe motorisch-vaskul\u00e4res oder motorisch-trophisches Blatt nennen; indess bin ich f\u00fcr meine Person kein Freund von solchen allzu designativen Bezeichnungen, weil sie in der Regel doch nicht ersch\u00f6pfend sind, und weil sie mit wechselndem Stand der wissenschaftlichen Anschauung in der Folge leicht zu Missverst\u00e4ndnissen f\u00fchren. \u2014 Etwas auffallend kann die nahe Verwandtschaft erscheinen, in welche nach den Ergebnissen der Entwicklungsgeschichte die Muskeln zum Bindegewebe gelangen, w\u00e4hrend sie von den Nerven, mit denen man sie stets zusammenstellt, ja mit denen man sie sogar in neuester Zeit direct hat\n2","page":9},{"file":"p0010.txt","language":"de","ocr_de":"10\nwollen verschmelzen lassen, wegr\u00fccken. Zwar hat Hensen auch die Muskeln vom obersten Keimblatt ableiten wollen, aber wie ich glaube mit Unrecht. M\u00f6chte man auch f\u00fcr die Muskelplatten der Urwirbel den Ursprung aus dem obern Keimblatt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit behaupten, so wird er f\u00fcr die quergestreiften Muskeln des Herzens, sowie f\u00fcr die gesammte glatte K\u00f6rpermuskulatur v\u00f6llig undenkbar. Uebrigens darf die Beziehung der Muskeln zum Bindegewebe nicht so sehr befremden, seitdem wir wissen, dass unter Umst\u00e4nden auch die Bindegewebszelle contractionsf\u00e4hig ist; ohnedem verwischt sich der scharfe morphologische Gegensatz zwischen quergestreifter Muskelfaser und Bindegewebszelle, sobald wir von jener zur glatten Faser und von dieser zur spindelf\u00f6rmigen Bindegewebszelle fortschreiten. Giebt es ja doch Zellformen, wie z. B. die Spindelzellen des Eierstocks, f\u00fcr welche es bis zum heutigen Tag Sache der Diskussion geblieben ist, ob sie Muskeln sind, oder blose Bindegewebszellen.\nEin Zusammenhang zwischen Produkten des mittleren Keimblattes und solchen der beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4tter scheint,-soweit die bisherigen sicheren Erfahrungen reichen, nirgends vorzukommen. Wo die beiderlei Produktionen Zusammentreffen, da legen sie sich \u00fcberall blos an einander, ohue wirklich mit einander zu verschmelzen. Es bedarf diese Angabe insofern noch einer besondern Pr\u00fcfung, als ihr einestheils die Beobachtungen \u00fcber den Zusammenhang der \u00e4chten Epithelien mit unterliegenden Theilen, andernlheils die \u00fcber den Zusammenhang von Nerv und Muskelfaser zu widersprechen scheinen. Die genauere Erw\u00e4gung zeigt indess, dass die Widerspr\u00fcche keineswegs so gross sind, als man Anfangs glauben mag. Ein Zusammenhang von Epithelien mil unterliegenden Gebilden ist zwar f\u00fcr manche Stellen behauptet, aber f\u00fcr wenige wirklich bewiesen worden. Bewiesen, oder doch sehr wahrscheinlich gemacht, ist bis jetzt der Zusammenhang der Epithelien des R\u00fcckenmarks mit dem unterliegenden Gewebe, sowie der Zusammenhang gewisser Sinnesnerven, wie der Riech- und H\u00f6rnerven mit epitheliumarligen Bildungen. In beiden F\u00e4llen haben wir es mit einem gegenseitigen Zusammenhang von Produkten des Hornblatts, d. h. also von homogenen Theilen zu thun, dagegen sind die Beobachtungen \u00fcber den Zusammenhang von Epithelzellen mit Bindegewebsk\u00f6rpern am Darm, in der Blase und an andern Stellen bis dahin v\u00f6llig problematisch geblieben. Auch der Zusammenhang zwischen Nerv und Muskel, von dem es eine Zeitlang schien, als sollte er zu einer f\u00f6rmlichen Verschmelzung f\u00fchren, gestaltet sich nach den neuern Angaben von K\u00fchne selbst, einfach als eine sehr innige Juxtaposition. Der beobachtete Durchtritt der Nerven n\u00e4mlich durch das Sar-kolemm, so wichtig er auch physiologisch sein mag, begr\u00fcndet noch nicht die Behauptung einer Verschmelzung von Nerven- und Muskelfaser, indem das Sarkolemm als ein secun-d\u00e4res intercellulares Gebilde dem eigentlichen Muskel nicht integrirend angeh\u00f6rt; die Anlagerung der Nerven an die Muskelfasern vollendet sich wahrscheinlich zu einer Zeit, da das Sarkolemm noch gar nicht geschieden ist, und f\u00fcr gewisse quergestreifte Muskeln, wie f\u00fcr die des Herzeus, kommt es gar nie zur Sarkolemmbildung.","page":10},{"file":"p0011.txt","language":"de","ocr_de":"11\nVergleicht man das mittlere Keimblatt mit den beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4ttern, so ist kein Zweifel vorhanden, dass in seinen Produkten morphologisch eine weit gr\u00f6ssere Mannigfaltigkeit herrscht, als in denjenigen der Gr\u00e4nzbl\u00e4tter; alle Formen von Zellen und Zellenderivaten, die in diesen auftreten, die Kugelform, die Pla\u00fcenform, die Spindel-, die Sternform, sie finden sich auch in jenem wieder, und selbst die zur langen Faser ausgewachsene Linsenzelle findet ihr Analogon in der quergestreiften Muskelfaser. Dabei hat nun das mittlere Keimblatf vor den beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4ttern die reiche Bildung von Intercellularsubstanz voraus ; diese fehlt in den Produkten der Gr\u00e4nzbl\u00e4tter bis auf geringe Spuren ganz, w\u00e4hrend sie bekanntlich in denjenigen des mittlern Keimblattes, nach Menge und Beschaffenheit in hohem Grade wechselnd, die Charaktere der meisten Gewebe der Bindesubstanzgruppen wesentlich bestimmt. \u2014 Nach den physiologischen Leistungen indess halten die Produkte der Gr\u00e4nzbl\u00e4tter denjenigen des mittlern Keimblattes so ziemlich die Waage. Liefert dieses das Blut, als das Centrum aller Stoffstr\u00f6mungen, so gehen aus jenen die s\u00e4mmtlichen se-cernierenden Gebilde hervor; liefert es die in der thierischen Oekonomie so hoch stehenden Muskelelemente, so erzeugt sich aus jenen das, im Verein mit diesen wirkende Nervensystem; ja wenn wir bedenken, dass dem obersten Keimblatt neben der,Produktion des Nervensystems auch noch diejenige der Keimstoffe zuf\u00e4llt, so werden wir geneigt, von allen drei Bl\u00e4ttern ihm die h\u00f6chste physiologische Dignit\u00e4t zuzuerkennen. Auffallend ist \u00fcbrigens der Gegensatz, der hinsichtlich der Theilnahme am Aufbau des Nervensystems zwischen dem obersten und dem ihm sonst so nahe verwandten untersten Keimblatt besteht. Abgesehen von Medullarrohr und Ganglien sehen wir jenes Blatt auch die eigenth\u00fcmlichen Endorgane der hohem Sinnesnerven liefern, w\u00e4hrend das unterste Keimblatt bei keinem derselben sich betheiligt. F\u00fcr die Empfindungsnerven kennen wir bis jetzt keine vom Hornblatt eigens angelegten Endorgane, immerhin bleibt auch hinsichtlich ihrer bemerkens-werth, dass die eigentliche Tastempfindlichkeit blos solchen Fl\u00e4chen zukommt, die vom Hornblatt \u00fcberkleidet sind, w\u00e4hrend alle Theile, an deren Bildung das unterste Keimblatt Theil nimmt, normal nur eine sehr stumpfe Empfindlichkeit besitzen.\nIn sehr fr\u00fcher Periode kommt es am obern Keimblatt zu einigen vollst\u00e4ndigen Abschn\u00fcrungen, wie zur Abschn\u00fcrung des Medullarrohres, des Urnierenganges, der Linse und des Geh\u00f6rbl\u00e4schens (wozu sp\u00e4ter noch das Schmelzorgan kommt). Von den abgeschn\u00fcrten Theilen bleibt blos die Linse zeitlebens f\u00fcr sich bestehen, das Medullarrohr tritt durch Vermittlung der Nerven, soweit wir wissen secund\u00e4r, wieder in Zusammenhang mit anderweitigen Produkten des obersten Keimblattes. Im Uebrigen aber bilden, nachdem sich an Mund und After, und vor\u00fcbergehend an den Schlundspalten, eine Verbindung zwischen den beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4ttern hergestellt hat, diese eine zusammenh\u00e4ngende Haut von complicirter Faltung und mit verschiedentlich geformten Anh\u00e4ngseln, durchweg aus gedr\u00e4ngt an einander gereihten Zellen bestehend. Im mittlern Keimblatt kommt es zwar in fr\u00fcher Periode auch zu gewissen Scheidungen, wie zur Scheidung der Chorda dorsalis und sp\u00e4ter der\n2*","page":11},{"file":"p0012.txt","language":"de","ocr_de":"12\nUrwirbel, allein die Unterbrechung der Continuit\u00e4t, die ohnedem blos am Rumpf Platz gegriffen hatte, bleibt vor\u00fcbergehend, bald verwachsen die Produkte der Urwirbel wieder mit einander und mit den Seitenplatten, und umh\u00fcllen die Chorda. Nachdem dies geschehen, bildet das mittlere Keimblatt neuerdings ein zusammenh\u00e4ngendes Ganzes und wird nun zum eigentlichen Ger\u00fcst des K\u00f6rpers. Jenes Gesetz der Continuit\u00e4t, welches f\u00fcr das Bindegewebe im Grunde schon Haller und Bichat gekannt hatten, und welches weiterhin durch Reichert seine fernere Ausbildung erreicht hatt es erstreckt sich auf die gesammten Gebilde des mittlern Keimblatts und findet seine Erkl\u00e4rung in der Entwicklungsweise des letztem. Streng g\u00fcltig ist es allerdings blos f\u00fcr die Intercellularsubstanzen, f\u00fcr diese aber greift es so sehr durch, dass wir uns alle zelligen Bestandtheile und unmittelbaren Zellenderivate, d. h. also s\u00e4mmtliche Bindegewebs-, Knochen- und Knorpelzellen, sowie s\u00e4mmt-liche Muskelfasern aus den Produkten des mittlern Keimblattes entfernt denken k\u00f6nnen, und gleichwohl noch ein zusammenh\u00e4ngendes Ger\u00fcst behalten.\nEine Eigent\u00fcmlichkeit tritt schon sehr fr\u00fch im mittlern Keimblatt hervor, welche keinem der beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4tter zukommt, es ist dies die Bildung innerer H\u00f6hlen, Spalten und Kan\u00e4le durch histologische Differenzirung. Mit der Spaltung der Kopf- und Seitenplatten nimmt die Sache ihren Anfang, und daran reihen sich im weiteren Verlauf als analoge Glieder desselben Prozesses die Bildung der Blutgef\u00e4sse, der Lymphgef\u00e4sse und der Gelenkh\u00f6hlen. Schliesslich stellt das mittlere Keimblatt in seiner Gesammtheit ein Substanzger\u00fcst dar, das auf das allseitigste theils von zusammenh\u00e4ngenden, theils von isolirt bestehenden weitern und engern Hohlr\u00e4umen durchsetzt ist.\nVersuchen wir die Hauptgruppen der H\u00f6hlen des mittlern Keimblattes zusammenzustellen, so sind es etwa folgende:\nDie ser\u00f6sen H\u00f6hlen (Periton\u00e4al-, Pleura-, Pericardial- und Arachnoidealh\u00f6hle, sowie H\u00f6hle der Vaginalis propria testis).\nDie vaskul\u00e4ren R\u00e4ume (d. h. die Gesammtheit der Binnenr\u00e4ume von Herz, Blut- und Lymphgef\u00e4ssen).\nDie synovialen H\u00f6hlen (d. h. die H\u00f6hlungen der Gelenke, Schleimbeutel und Schleimscheiden).\nDie Bindegewebsinterstitien.\nDie Vacuolen der Lymphdr\u00fcsen und verwandten Organe, und endlich, wenn wir Pathologisches hinzuziehen wollen,\ndie Abscessh\u00f6hlen nebst verwandten Bildungen.\nAlle oben aufgez\u00e4hlten R\u00e4ume haben das Gemeinsame, dass sie als \u00e4chte Binnenr\u00e4ume durch histologische Scheidung im mittleren Keimblatt entstanden sind. Eine eigenth\u00fcmliche, von der Umgebung mehr oder minder scharf geschiedene Umgr\u00e4nzungshaut kommt zwar den Hohlr\u00e4umen der zuerst aufgez\u00e4hlten drei Gruppen zu, indess zeigt sie hinsichtlich der Sch\u00e4rfe ihrer Abgr\u00e4nzung alle denkbaren Grade der Abstufung und mancherorts kommt","page":12},{"file":"p0013.txt","language":"de","ocr_de":"13\ndie Anatomie entschieden in Verlegenheit, wenn sie, mit dem Messer in der Hand, die Haut demonstriren soll, von welcher sie dem System zu Liebe spricht.\nWir beginnen mit der Besprechung der ser\u00f6sen H\u00f6hlen. Die Schilderung, die man von diesen zu geben pflegt, ist heutzutage noch ziemlich dieselbe geblichen, wie sie Bichat gegeben. Es sind geschlossene H\u00f6hlen, die allenthalben von einer glatten, gl\u00e4nzenden gef\u00e4ss- und nervenarmen Wand umfasst und w\u00e4hrend des Lehens von geringen Mengen eines ser\u00f6sen Transsudates befeuchtet werden. Gelasse, Nerven oder Eingeweide liegen niemals frei in deren H\u00f6hlung drinn , sondern wo sie gegen diese vorragen , erhalten sie einen glattwandigen Ueberzug, der continuirlich in die \u00fcbrige Umkleidung der H\u00f6hle sich fortsetzt; oder, wie man sich auszudr\u00fccken pflegt, es treibt das vortretende Organ das eine Blatt des geschlossenen ser\u00f6sen Beutels scheidenartig vor sich her. Charakteristisch f\u00fcr die Wand aller ser\u00f6sen H\u00f6hlen ist die Bekleidung mit einer einfachen Lage abgeplatteter Zellen, unter denen eine d\u00fcnne Lage sehr verdichteten Bindegewebes folgt. Letztere Lage kann entweder durch eine lockere Bindegewebsschicht am unterliegenden Organ verschiebbar befestigt sein, oder sie haftet diesem sehr innig an. Auch im letztem Fall jedoch ist cs die \u00e4usserste Gr\u00e4nzschicht, welche das dichteste Gef\u00fcge besitzt, und dieses Texturver-h\u00e4ltniss noch mehr als das Vorhandensein der sogen. Epithelschicht bedingt die Gl\u00e4tte der ser\u00f6sen Haut, sowie ihre sonstigen physikalischen Charaktere.\nlieber die Selbstst\u00e4ndigkeit der ser\u00f6sen H\u00e4ute besteht ein ziemlich aller Streit. Schon im vorigen Jahrhundert hat Borden die Behauptung aufgestellt, es seien das Periton\u00e4um, die Pleura und das Pericardium nur Lagen von Bindegewebe, welche durch den von Seiten des unterliegenden Organes auf sie ausge\u00fcbten Druck und durch die Reibung sich zu Membranen verdichtet und gegl\u00e4ttet h\u00e4tten. Gegen diese Vorstellung hat sich indess Bichat lebhaft gewehrt und mit v\u00f6llig schlagenden Beispielen bewiesen, dass die Eigenschaften der ser\u00f6sen H\u00e4ute nicht auf grob mechanischem Weg ableitbar sind, sondern in der urspr\u00fcnglichen Organisation derselben ihren Grund finden m\u00fcssen. Sp\u00e4terhin, nachdem mit Entdeckung der Epithelschicht durch Valentin wenigstens ein spezifischer Bestandtheil aufge-funden war, hielten manche Anatomen diesen f\u00fcr das einzig Wesentliche, und die Beschaffenheit der unterliegenden Gewehslage f\u00fcr etwas mehr Gleichg\u00fcltiges, eine Vorstellung, welche besonders Luschka in seiner verdienstvollen Monographie \u00fcber die ser\u00f6sen H\u00e4ute sehr bek\u00e4mpft hat. Bei dem heutigen Stand der Histologie m\u00f6chte der Streit \u00fcber die Selbstst\u00e4ndigkeit der ser\u00f6sen Membranen ein ziemlich m\u00fcssiger sein und leicht in einen blosen Wortstreit ausarten. Dass die Membranen im Wesentlichen nichts Anderes darslel-len, als eine Modification des Bindegewebes, das auch die unterliegenden Organe durchzieht, das lehrt auf das Bestimmteste die Entwicklungsgeschichte, aber eben so sicher ist es, dass das Bindegewebe an den ser\u00f6sen Fl\u00e4chen selbst Charaktere annimmt, die es in seiner sonstigen Ausbreitung nicht in dem Maasse besitzt und die an verschiedenen Stellen nur quantitativ variiren. Oh nun die oberfl\u00e4chliche Verdichtungsschicht von der Unterlage","page":13},{"file":"p0014.txt","language":"de","ocr_de":"14\nmehr oder minder scharf sich abhebt, das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich wesentlich davon ab, inwieweit diese von jener histologisch differirt. Von einer bindegewebsarmen Dr\u00fcse, wie von der Leber, wird sie sich leicht abl\u00f6sen, ebenso von solchen Organen, die reich an lockerem Bindegewebe sind, wie vom Pankreas oder von der Bauchwand; wo dagegen das unterliegende Organ an und f\u00fcr sich eine dicke und derbe bindegewebige Kapsel besitzt, da differirt der ser\u00f6se Ueberzug von ihr so wenig, dass die Trennung zu einer sehr misslichen Operation wird.\nDie erste Entstehung ser\u00f6ser H\u00f6hlen leitet sich, wie wir wissen, in fr\u00fchester Entwicklungszeit durch die Spaltung der Kopf- und Seitenplatlen des Embryo ein. Die Ursache dieser eigent\u00fcmlichen Spaltung aufzudecken, ist heim gegenw\u00e4rtigen Stand unserer Kenntnisse kaum m\u00f6glich; vielleicht h\u00e4ngt sie \u00e4hnlich wie die Bildung der ersten Blutgef\u00e4sse mit dem Auftreten einer leichtfl\u00fcssigen Intercellularmasse zusammen. Es besteht das mittlere Keimblatt zu der Zeit, da die Spaltung erfolgt, aus dichtgedr\u00e4ngten Zellen, welche nach Form, Gr\u00f6sse und Aussehen mit Lymphk\u00f6rperchen \u00fcbereinstimmen. Dieselben Elemente hatten Anfangs auch den Axentheil des mittlern Keimblattes gebildet, aber nach Scheidung der Chorda und der Urwirbel in diesen Gebilden sofort spezifischere Charaktere angenommen. F\u00fcr kurze Zeit scheinen nun jene weichen Gewebsmassen die unmittelbare Begr\u00e4nzung der entstehenden Leiliesh\u00f6he sowohl, als der grossen Gef\u00e4ssst\u00e4mme zu bilden; man sieht n\u00e4mlich die runden Zellen dicht an diese R\u00e4ume heranreichen und in dieselben kuglig vorspringen. Dies Stadium dauert indess nicht lange, indem bald die innersten Zellen sich abplatten und der Fl\u00e4che nach unter einander verschmelzen. Es erhalten somit Leibesh\u00f6hle sowohl als Blutr\u00e4ume einen spezifischen Wandbestandtheil, der ihnen durch alle folgenden Entwicklungsperioden treu bleibt, und der sp\u00e4terhin auch einzig f\u00fcr alle bez\u00fcglichen R\u00e4ume constant sich erweist. So lange es nun im Bereich der Seitenplatten nicht zur Ausscheidung von Intercellularsubstanzen kommt, ist das unmittelbar an die flache Zellenlage des ser\u00f6sen Raums oder des Blutgef\u00e4sses stossende Gewebe von dem entfernter liegenden durchaus nicht verschieden ; es besteht ganz und gar aus den eben geschilderten kugligen Elementen. Im \u00e4ussern Theil der Area pellucida fehlt dasselbe \u00fcber und unter den Gef\u00e4ssen vollst\u00e4ndig und es bilden hier die flachen Zellenlagen der Gef\u00e4sswandungen zugleich die Abgr\u00e4nzung des mittlern Keimblatts. Von der Zeit an, da die Intercellularsubstanzen im mittlern Keimblatt mehr hervorlreten (beim bebr\u00fcteten H\u00fchnchen am dritten und vierten Tag), \u00e4ndert sich auch die Umgebung der Leibesh\u00f6hle ; die zelligen Elemente ordnen sich daselbst der Fl\u00e4che nach und r\u00fccken n\u00e4her an einander, als im \u00fcbrigen Gewebe, und ganz \u00e4hnlich verhalten sie sich in der Umgebung der mittlerweile wieder umwachsenen grossen Blutgef\u00e4sse, sowie der Chorda dorsalis, des Medullarrohres und des Urnierengangs. F\u00fcr alle diese Theile gestalten sich so die ersten Anf\u00e4nge von besondern fibr\u00f6sen H\u00fcllen.\nDie im Grund \u00e4usserst einfachen Entwicklungsverh\u00e4llnisse der ser\u00f6sen Leibesh\u00f6hlen","page":14},{"file":"p0015.txt","language":"de","ocr_de":"15\ngeben die Erkl\u00e4rung f\u00fcr alle ihre anatomischen Eigent\u00fcmlichkeiten, ihre Geschlossenheit zumal und die Gl\u00e4tte ihrer Wandungen. Das Vortreiben der letztem durch die Eingeweide, von dem die Anatomie spricht, ist insofern allerdings w\u00f6rtlich zu nehmen, als in der That die einzelnen Organe nach und nach, in die zuerst einfach spaltf\u00f6rmigen H\u00f6hlen hinein wachsen, mehr oder minder gegen dieselben sich abschn\u00fcren und in eben dem Maass den verdichtenden Fl\u00e4cheneinfluss erfahren, als sie sich der H\u00f6hle frei zuwenden.\nWeit sp\u00e4ter als die Leibesh\u00f6hle scheidet sich die ser\u00f6se H\u00f6hle der Arachnoidea. Ihre Bildungsgeschichte kann nur im Zusammenhang mit derjenigen der \u00fcbrigen Hirn- und R\u00fcckeumarksh\u00e4ute betrachtet werden. Diese sind, wie man jetzt bestimmt weiss, Produkte des mittleren Keimblattes. Nachdem das Medullarrohr von den Kopfplatten und den Ur-wirbeln ringsumher umwachsen ist, liegt es, Anfangs einem Cylinderepithel nicht un\u00e4hnlich, der Wand des umgebenden Rohres an. Immerhin besteht nur geringe Adh\u00e4sion an dieser und bald sieht man auch, wenigstens beim R\u00fcckenmark mit grosser Entschiedenheit, einen freien Zwischenraum zwischen Rohr und Inhalt auftreten, der beim H\u00fchnchen vom f\u00fcnften Tag an von den sehr feinfasrigen Nervenwurzeln durchsetzt wird. Die Wand des Kanals ist erst v\u00f6llig glatt und in ihrer Umgebung erf\u00e4hrt das Gewebe, von der Zeit des Schlusses an beginnend, eine zunehmende Verdichtung und concentrische Anordnung seiner Elemente. In die verdichtete Randschicht dringen nun, am Rumpf von den Intervertebral-, am Sch\u00e4del von den Kopfgef\u00e4ssen aus Blutgef\u00e4sse vor, deren Bildung wir zwar in loco geschehend, aber an die bereits gebildeten St\u00e4mme anschliessend uns vorzustellen haben. Am Sch\u00e4del ist es die Basis, am Wirbelkanal die Vorderfl\u00e4che, welche zuerst von den Gelassen erreicht wird. Von da aus aber verbreitet sich rasch ein dichtes Netzwerk \u00fcber den ganzen Umfang der H\u00f6hlenwand, dieser letztem dicht anliegend. Von der Zeit an, da sich die Gef\u00e4sslage gebildet, lockert sich das Gewebe an deren Innenseite auf, und von ihm ausgehend treten conische, aus feinen Spiudelzelien zusammengesetzte Str\u00e4nge gegen einw\u00e4rts hin. Bald erreichen sie Gehirn und R\u00fcckenmark und sic stellen nun die ersten Anlagen der in diese Organe hineinwachsenden Gef\u00e4sse dar. Am Sch\u00e4del treten diese Sprossen auch wiederum zuerst an der Basis, im Wirbelkanal an dessen Vorderfl\u00e4che auf, an letzterer Stelle erscheinen sie in einer gewissen Breite und stellen in ihrer Gesammt-heit das Septum anterius dar, welches Anfangs breiter als tief erscheint. Besonders h\u00fcbsch sind diese Sprossen, welche beim bebr\u00fcteten H\u00fchnchen zwischen dem sechsten und siebenten Tag hervortreten, dann zu sehen, wenn man in der angegebenen Zeit einen Medianschnitt der Wirbels\u00e4ule bereitet; sie zeigen sich an der Vorderfl\u00e4che des Kanals in dichter Reihenfolge und ertheilen dem Schnitt das Ansehen einer tief gez\u00e4hnten S\u00e4ge. N\u00e4chst der Vorderfl\u00e4che des Marks scheinen auch die Abgangsstellen der Nervenwurzeln fr\u00fchzeitig von Gef\u00e4ssanlagen erreicht zu werden, indess ist aus naheliegenden Gr\u00fcnden das Bild hier weniger pr\u00e4gnant; \u00e4hnlich verh\u00e4lt sichs mit der R\u00fcckfl\u00e4che des Marks, an welcher die Sache deshalb weniger genau verfolgbar ist, weil dieselbe zu der Zeit der Membrana reu-","page":15},{"file":"p0016.txt","language":"de","ocr_de":"16\nniens superior dicht anliegt. Sowie die H\u00fcllenforts\u00e4tze das Gehirn und R\u00fcckenmark erreicht haben, breiten sie sich rasch in diesen Organen aus, und indem sie unter einander in netzf\u00f6rmige Verbindung treten, wandeln sie sich in Blutgef\u00e4sse um. In Stadien, die auf dasjenige der Sprossenbildung nur kurze Zeit folgen, sieht man das ganze Mark von einem Gef\u00e4ssnetz durchzogen, und zwar erkennt man an d\u00fcnnen Durchschnitten sofort auch die Andeutung der perivaskul\u00e4ren R\u00e4ume in Form von hellen die Gef\u00e4sse begleitenden Streifen.\nW\u00e4hrend sich so die Gef\u00e4sse bilden, differenzirt sich die Knorpelmasse der Wirbel und der Sch\u00e4delbasis, und in eben dem Maasse, als diese Differenzirung fortschreitel, scheiden sich im Bereich der Medullarh\u00fcllen zwei Schichten. Die eine dichtere liegt der Knorpelkapsel an und verh\u00e4lt sich dieser gegen\u00fcber wie ein werdendes Perichondrium, die andere lockerere ist dem Medullarrohr zugekehrt. Noch sind zuerst beide Schichten zusammenh\u00e4ngend, mit dem weitern Wachsthumsfortschritt indess leitet sich die Trennung derselben und damit die Bildung der Arachnoidealh\u00f6hle ein. Letztere beginnt am R\u00fcckenmark auf der Hinterseite, und zwar beim bebr\u00fcteten H\u00fchnchen zwischen dem zehnten bis zw\u00f6lften Tag. Wie schon oben hervorgehoben wurde, so liegt von Anbeginn die R\u00fcckfl\u00e4che des Marks der H\u00f6hlenwand unmittelbar an und verw\u00e4chst wohl durch eintretende Sprossen fr\u00fchzeitig mit ihr; hinter dem anliegenden Theil der inneren R\u00fcckenmarksh\u00fclle tritt nun eine Spalte auf, die Anfangs nur kurz ist, allm\u00e4hlig aber auf jeder Seite bis \u00fcber die hinteren Wurzeln hinaus sich verl\u00e4ngert. Ihre Bildung beruht offenbar auf einem rein mechanischen Moment, und zwar scheint das Bedingende des Vorgangs darin zu liegen, dass die innere Fl\u00e4che der H\u00fclle mit dem durch das Septum anterius fixirten Mark in fester Verbindung steht, w\u00e4hrend der \u00e4ussere Theil der H\u00fclle an dem durch Wachsthum sich aus-weitendeu Wirbelrohr anhaftet. Die R\u00e4nder der Spalte sind von Anbeginn an unregelm\u00e4ssig, zackig und erst nachtr\u00e4glich erfahren sie eine Gl\u00e4ttung, und indem sich das Gewebe in ihrer Umgebung zugleich verdichtet, scheiden sich die beiden Bl\u00e4tter eines arachnoi-dealen Sackes. Einige Zeit nachdem die hintere Spalte entstanden, entsteht auch eine vordere, welche in umgekehrter Richtung wie diese fortschreitet. Die beiden Spalten vereinigen sich unter einander, indess erfolgt die Vereinigung nur theilweise, indem jederseits eine Reihe von Gewebsbr\u00fccken \u00fcbrig bleibt, welche in ihrer Gesammtheit das Ligamentum denticulatum darstellen. Noch sehr lange bleibt zwischen R\u00fcckenmark und Pia mater ein breiter Zwischenraum \u00fcbrig, durch welchen man die Gef\u00e4ssst\u00e4mmchen isolirt durchtreten sieht, ein deutlicher Beleg der geringen Beziehung, die zwischen Markgewebe und pia mater vorhanden ist. Die Scheidung der dura mater des Wirbelkanals vom Periost f\u00e4llt in eine noch etwas sp\u00e4tere Zeit.\nUnmittelbar an die \u00e4chten ser\u00f6sen H\u00f6hlen lassen sich die vaskul\u00e4ren R\u00e4ume anreihen. Bichat selbst und seinen Nachfolgern ist wegen der unvollst\u00e4ndigen Kenntniss des Gef\u00e4ss-systems entgangen, in wie naher anatomischer Beziehung dasselbe zum System der ser\u00f6sen H\u00f6hlen steht, und erst F. Arnold blieb es Vorbehalten, diese Beziehung bestimmter zu be-","page":16},{"file":"p0017.txt","language":"de","ocr_de":"17\ntonen. Es haben nun die Arbeiten der allerneuesten Zeit gezeigt, dass die Zusammenstellung beider Bildungen in noch weit vollerem Maasse berechtigt ist, als man Anfangs hatte glauben d\u00fcrfen. Wir wissen jetzt mit voller Bestimmtheit, dass die s\u00e4mmtlichen B\u00e4ume des weit verzweigten Gef\u00e4sssystemes die Bedeutung von paracellul\u00e4ren H\u00f6hlen haben, wie die ser\u00f6sen H\u00f6hlen, und dass sie, wie diese, durchweg von einem Beleg abgeplatteter, dicht an einander gereihter Zellen umkleidet sind. Wie hei den ser\u00f6sen H\u00f6hlen, so ist ferner bei den vaskul\u00e4ren R\u00e4umen die fragliche Zellenbekleidung der zuerst auftretende und zugleich der constanteste spezifische Wandbestandtheil. Wenn auch bei den st\u00e4rkeren Blut- und Lymphgef\u00e4ssen die das Rohr umgebenden Gewebsschichlen zu complicirten con-centrischen Lagen von Muskeln, von elastischem und von Bindegewebe sich ausseheiden, so ist doch, wie bei den ser\u00f6sen H\u00f6hlen, diese Scheidung gegen\u00fcber der Bildung des Zellenmantels ein secund\u00e4res Vorkommniss, und in grossen Gebieten des Gef\u00e4sssystemes bleibt die Differenzirung einer accessorischen Wand vollst\u00e4ndig aus ; so fehlt sie \u00fcberall in den Lymphwurzeln, so in dem Venensinus, so in den cavern\u00f6sen Organen, so zum Theil auch in den Blutcapillaren. Wo die accessorische Wand fehlt, da tritt der Hohlraum auch hinsichtlich des S\u00e4fteverkehres mit dem umgebenden Gewebe in eine weit genauere Beziehung, als sie da m\u00f6glich ist, wo jene Wand eine m\u00e4chtigere Entwicklung erreicht.\nIn Betreff der Blutcapillaren streben die Arbeiten von Auerbach, Eberth und Aeby eine vollst\u00e4ndige Uebereinstimmung des Baues mit den Lymphwurzelr\u00f6hren herzustellen. Es scheint mir dies etwas zu weit gegangen; einmal kommt den Blutcapillaren vieler, wo nicht aller Organe, wie ich wiederholt nachgewiesen habe, eine d\u00fcnne bindegewebige Adventitia zu, die schon deshalb nicht \u00fcbersehen werden darf, weil sie unter normalen wie pathologischen Verh\u00e4ltnissen zum Ausgangspunkt wichtiger Vegetationsvorg\u00e4nge werden kann; eine solche Adventitia fehlt aber den Lymphwurzeln, so weit wir wissen, allenthalben. Sodann aber scheinen auch die so verschiedenen optischen Charaktere der Blutcapillaren und der Lymphwurzeln auf einen weitern Unterschied zu weisen; denn w\u00e4hrend es bekanntlich durchaus keine Schwierigkeit hat, in bindegewebigen oder anderweitigen durchsichtigen Theilen die blutleeren Capillaren zu verfolgen, sieht man unter denselben Verh\u00e4ltnissen von nicht in-jicirten Lymphgef\u00e4ssen gar Nichts. Will man nicht den ersteren Gef\u00e4ssen zu ihrer Zellenbekleidung noch eine elastische M. propria zuerkennen, so muss man zum Allermindesten eine gr\u00f6ssere Dicke der einzelnen zusammensetzenden Plattenzellen annehmen.{)\nMan pflegt die Zellenschicht, welche die ser\u00f6sen und vaskul\u00e4ren R\u00e4ume auskleidet,\n') Von grossem Interesse ist beim gegenw\u00e4rtigen Stand der Capillarlehre die Bemerkung, welche vor 18 Jahren Bidder gemacht hat (Lehre vom Verh\u00e4ltniss der Ganglienk\u00f6rper zu den Nervenfasern p. 53). Indem er hervorhebt, wie bedenklich es sei, die Intercellularh\u00f6hlen der grossem Blutgef\u00e4sse mit intracellul\u00e4ren Capillar-r\u00e4umen communiciren zu lassen, spricht er auf das Bestimmteste die Ueberzeugung aus, dass die Capillar-gef\u00e4sse aus Zellen bestehen, die nach Art von Epithelialgebilden zu einer r\u00f6hrenf\u00f6rmigen glashellen Membran verschmolzen seien.\n3","page":17},{"file":"p0018.txt","language":"de","ocr_de":"18\nals Epithel zu bezeichnen. Dieselbe Bezeichnung \u00fcbertr\u00e4gt man auch auf die Zellenlagen an der Innenfl\u00e4che der Gelenkh\u00e4ute, sowie auf diejenige an der R\u00fcckseite der Hornhaut. Alle die Zellenschichten, welche den Binnenr\u00e4umen des mittleren Keimblattes zugekehrt sind, zeigen nun aber unter sich so viel Gemeinsames und sie difieriren von der ersten Zeit ihres Auftretens an so erheblich von den Zellenschichten, die aus den beiden Gr\u00e4nz-bl\u00e4ttern hervorgegangen sind, dass man, im Interesse physiologischen Verst\u00e4ndnisses wohl thun wird, sie von diesen durch eine besondere Bezeichnung zu scheiden, sei es, dass man sie als un\u00e4chte Epithelien den \u00e4chten gegen\u00fcber stellt, sei es, dass man sie Endothelien nennt, um mit dem Wort ihre Beziehung zu den innern K\u00f6rperfl\u00e4chen auszudr\u00fccken.\nAm sch\u00e4rfsten pr\u00e4gt sich von Anbeginn an der Gegensatz zwischen ser\u00f6sen und Ge-f\u00e4ssendolhelien einerseits und den \u00e4chten Epithelien anderseits aus. Jene gehen, wie wir gesehen haben, aus lymphoiden Zellen hervor, der indifferentesten Zellform, die das mittlere Keimblatt \u00fcberhaupt erzeugen kann, und zugleich der Mutterform f\u00fcr alle \u00fcbrigen. Rasch nehmen sie ihre abgeflachte Gestalt und ihre Durchsichtigkeit an, und nachdem einmal dies Ziel erreicht ist, erfahren sie kaum mehr eine erhebliche Ver\u00e4nderung, noch betheiligen sie sich in merkbarer Weise an den Wachsthumsvorg\u00e4ngen des Organismus. Ganz anders verhalten sich die \u00e4chten Epithelien, schon durch ihren dunkelk\u00f6rnigen Inhalt stechen sie grossentheils selbst in fr\u00fchesten Perioden sehr bestimmt gegen die vorigen ab; wo sie \u00fcberhaupt im K\u00f6rper auftreten, da erh\u00e4lt ihre Schicht sofort eine gewisse M\u00e4chtigkeit, sei es, dass ihre Zellen in mehrfachen Lagen sich \u00fcberdecken, sei es, dass sie, wie dies fast allenthalben die Regel ist, zu Cylindern auswachsen mit senkrecht zur Unterlage stehender Axe. Dabei wachsen sie, ganz unabh\u00e4ngig von der Fl\u00e4che, die sie urspr\u00fcnglich bekleideten, in das unterliegende Gewebe des mittleren Keimblattes hinein, verdr\u00e4ngen dieses oder nehmen es, wo sie gegen die Leibesh\u00f6hle Vordringen, mit sich, und sie gestalten sich so zum maassgebenden Princip bei der Anlage aller \u00e4chten Dr\u00fcsen. Im weitern Verlauf der Dinge sehen wir \u00fcberall die Produkte der \u00e4chten Epithelien durch positive chemische Leistungen vor den Endothelien sich auszeichnen, in ihnen bilden sich alle jene besoudern Stoffe, welche die einzelnen Sekrete charakterisiren, und soweit sie nicht unter dem vertrocknenden Einfluss der \u00e4ussern Athmosph\u00e4re ert\u00f6dtet sind, d\u00fcrfen wir sie als secernirende Gebilde ansehen. Nirgends dagegen haben wir einen Grund, den Endothelien eine secrelorische Leistung zuzuschreiben, und es ist deshalb auch der Versuch Pfl\u00fcgers*), die ser\u00f6sen H\u00e4ute f\u00fcr Dr\u00fcsen zu erkl\u00e4ren, nicht als ein gelungener anzusehen. Auch in anderer Hinsicht noch stehen \u00e4chte Epithelien und Endothelien im Gegensatz zu einander; letztere sind f\u00fcr Serum \u00fcberall durchg\u00e4ngig, bald filtrirt dasselbe durch sie hindurch aus dem Blutgef\u00e4ss heraus, um in das umgebende Gewebe sich zu imbibiren, bald wiederum tritt es aus dem Gewebe in die Lymphwurzeln oder in die ser\u00f6sen H\u00f6hlen ein, einfach\n*) Pfl\u00fcger \u00fcber die Eierst\u00f6cke der S\u00e4ugethiere und des Menschen, Leipzig 1863, pag. 30","page":18},{"file":"p0019.txt","language":"de","ocr_de":"19\nder Richtung geringeren Druckes folgend. Es erweist sich somit, dass die Endothelien zwischen den H\u00f6hlen und Intercellularsubstanzen des mittlern Keimblattes keinen wirklichen Abschluss bilden, weshalb denn auch diese physiologisch als ein Ganzes betrachtet werden k\u00f6nnen, insofern sie in gleicher Weise an der Function Theil nehmen, die allgemeine Ern\u00e4hrungsfl\u00fcssigkeit des K\u00f6rpers zu beherbergen. Anders verh\u00e4lt es sich wiederum mit den \u00e4chten Epithelien ; soweit wir wissen, setzen unter Normalverh\u00e4ltnissen diese allenthalben dem Durchtritt unver\u00e4nderten Blultranssudats einen festen Widerstand entgegen, daher wir als eine, nur unbedeutende Ausnahmen erleidende Regel finden, dass die normalen Sekrete kein Eiweiss enthalten. Sowie die Epilhelschicht abgestossen wird, oder erheblicher entartet, \u00e4ndert sich das Verh\u00e4ltniss, und es tritt nun aus der \u00e4ussern Haut, aus den Schleimh\u00e4uten, aus den Nieren eine Fl\u00fcssigkeit hervor, die die wesentlichen Charaktere eines Transsudates an sich tr\u00e4gt. Allein auch in umgekehrter Richtung bilden die \u00e4chten Epithelien einen Abschluss, wie ihn die Endothelien niemals gew\u00e4hren. Es ist ein Gegensatz, auf den auch Bichat schon aufmerksam gemacht hat, dass w\u00e4hrend die ser\u00f6sen H\u00f6hlen die allergr\u00f6sste Vulnerabilit\u00e4t besitzen, die Schleimhautkan\u00e4le s\u00e4mmtlich eine bedeutende Indifferenz gegen ihren Inhalt an den Tag legen ; ein kleiner fremder K\u00f6rper, ein leichter chemischer Reiz bringt in der ser\u00f6sen H\u00f6hle die st\u00fcrmischste Reaction hervor, w\u00e4hrend die mit nur d\u00fcnnem Epithel bekleidete Darmschleimhaut erst dann erheblich erkrankt, wenn bereits eine sehr intensive Verletzung oder An\u00e4tzung ihrer Oberfl\u00e4che stattfindet. Es ist dies um so auffallender, als ja die ser\u00f6sen H\u00e4ute \u00e4usserst gef\u00e4ss- und nervenarm sind, w\u00e4hrend bei den Schleimh\u00e4uten das Umgekehrte eintrifft , und es w\u00e4re das gegenseitige Verh\u00e4ltniss v\u00f6llig unerkl\u00e4rlich, wenn es nicht durch die verschiedene Permeabilit\u00e4t der beiderseitigen zelligen Ueberz\u00fcge bedingt w\u00e4re. Bei der nahen verwandtschaftlichen Beziehung, in welcher die Endothelien zu den unterliegenden Geweben stehn, bieten sie auch, sobald in diesem Gewebe lebhaftere Vegetationsvorg\u00e4nge erfolgen, oder sobald der Inhalt des umschlossenen Hohlraumes schwindet, der Verwachsung der zuvor getrennten Wandung keinerlei erheblichen Widerstand. In der Weise sehen wir nicht allein pathologisch die vielf\u00e4ltigsten Verwachsungen ser\u00f6ser H\u00f6hlen eintreten, sondern auch im Lauf normaler Entwicklung treten solche vielfach ein; ich erinnere blos an den Verschluss des processus vaginalis, an denjenigen der Umbilicalgef\u00e4sse und des ductus Botalli, sowie an den von unz\u00e4hligen kleinern Gef\u00e4ssen bis zu den Capillaren herab, welche, nachdem sie einmal ihre Rolle erf\u00fcllt, als einfache derbere und zellenreiche Str\u00e4nge im Gewebe verbleiben, und diesem ein mehr oder minder areol\u00e4res Gef\u00fcge ertheilen k\u00f6nnen. Aehnliche Verwachsungen kommen bei H\u00f6hlungen, die mit \u00e4chtem Epithel bekleidet sind, nicht anders als v\u00f6llig partiell vor; f\u00fcr den Urachus, den man gew\u00f6hnlich verwachsen liess, hat erst k\u00fcrzlich Luschka bewiesen, dass er nicht allein zeitlebens permeabel bleibt, sondern dass er sogar selbstst\u00e4ndig weiter vegetiren und zur Bildung kleiner Cysten Veranlassung geben kann. Selbst da, wo man Verwachsungen von Schleimhautg\u00e4ngen k\u00fcnstlich herbeizuf\u00fchren gesucht\n3*","page":19},{"file":"p0020.txt","language":"de","ocr_de":"20\nhat, wie bei Gallen- und Pankreasfisteln, hat h\u00e4ufig das Epithel durch die Narbe hindurch sich seinen Weg wieder zu bahnen gewusst und die Gontinuit\u00e4t des unterbrochenen Ganges neuerdings hergestellt.\nGef\u00e4sse und ser\u00f6se H\u00f6hlen bilden die beiden am sch\u00e4rfsten von der Umgebung gesonderten Hohlraumsysteme des mittleren Keimblattes, ihnen zun\u00e4chst stehen die Gelenkh\u00f6hlen, indess finden sich, von diesen ausgehend durch Schleims\u00e4cke und Halbgelenke hindurch Uebergangsbildungen zu R\u00e4umen, die fast kaum mehr den Namen von H\u00f6hlen verdienen. Bei der nahen anatomischen Verwandtschaft, welche zwischen Gelassr\u00e4umen und ser\u00f6sen H\u00f6hlen besteht, kann man die Frage aufwerfen, ob zwischen beiden Arten von Bildungen nicht noch eine weiter gehende physiologische Beziehung vorhanden sei, ob nicht die ser\u00f6sen H\u00f6hlen geradezu als vaskul\u00e4re R\u00e4ume, als eine besondere Abart lymphatischer H\u00f6hlen anzusehen seien. Kommen doch bei nackten Amphibien lymphatische R\u00e4ume vor, welche hinsichtlich der Weite nicht hinter den ser\u00f6sen H\u00f6hlen Zur\u00fcckbleiben, und sehen wir ferner, dass bei Wirbellosen die Leibesh\u00f6hle theils als einziger, theils als accessorischer Gef\u00e4ssraum vielfach zur Verwerthung gelangt. Auch die bekannten Versuche v. Recklinghausens \u00fcber Resorption fester K\u00f6rper aus dem Periton\u00e4alsack sprechen ihrerseits ziemlich entschieden f\u00fcr eine derartige Auffassung der ser\u00f6sen H\u00f6hlen. Es ist \u00fcbrigens m\u00f6glich, dass die im ausgebildeten Zustand auf enge Pforten beschr\u00e4nkte Communication zwischen Lymphsystem und ser\u00f6sen H\u00f6hlen in fr\u00fcherer Zeit eine bedeutendere war, ja, wenn man bedenkt, wie zu einer Zeit, da die Blutgef\u00e4sse des embryonalen K\u00f6rpers schon eine bedeutende Ausbildung erreicht haben, noch keine Spur von Lymphr\u00e4umen wahrnehmbar ist, so liegt es nahe genug, gerade in der so fr\u00fch auftrelenden Leibesh\u00f6hle den Raum zu suchen, der das erste \u00dfluttranssudat allein sammelt und in die Cirkulation zur\u00fcckf\u00fchrt.\nIndem wir zun\u00e4chst in unserer obigen Reihenfolge die Synovialh\u00f6hlen \u00fcberspringen, wenden wir uns sofort zur Besprechung der Bindegewebsinterstitien. Als solche sind zwar im weiteren Sinn alle Hohlr\u00e4ume des mittleren Keimblatts, also auch ser\u00f6se und Gef\u00e4ss-r\u00e4ume aufzufassen, insofern auch diese von bindegewebigen Bildungen umschlossen werden, nach dem gew\u00f6hnlichen Sprachgebrauch indess wird der Begriff nicht so w'eit gefasst, sondern man versteht unter den Bindegewebsinterstitien blos die regellos angeordneten Maschenr\u00e4ume, welche, der Annahme zufolge, die bald lose, bald dicht verwobenen Binde-gewebsb\u00fcndel zwischen sich lassen, und die man sich von etwas Fl\u00fcssigkeit eingenommen denkt. Es sind dies die R\u00e4ume, welche durch Aufblasen mit Luft sich anf\u00fcllen lassen, und welche in fr\u00fcherer Zeit als durchaus charakteristisch f\u00fcr das Bindegewebe gegolten und diesem den Namen des Zellgewebes verschafft haben.\nDie ganze Lehre von den freien Bindegewebsmaschen haben wir als ein Erbtheil jener","page":20},{"file":"p0021.txt","language":"de","ocr_de":"2t\nAnatomen \u00fcbernommen, die in der ersten H\u00e4lfte des vorigen Jahrhunderts das Bindegewebe zuerst studirl und in seiner weiten Verbreitung erkannt haben (Malpighi, Ruysch, Douglas, Winslow, B\u0153rhaave und Haller *) nebst Sch\u00fclern). Von Bichat gleichfalls adoptirt, erhielt die Lehre ihre mikroskopische Begr\u00fcndung in den Dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts durch die Erkenntniss der Bindegewebsfaser, und, wie vor dieser Zeit der Nachweis der L\u00fcckenr\u00e4ume, so wurde nach derselben derjenige der lockigen Faser als entscheidend f\u00fcr den Bindegewebsnachweis gehalten. Es hat indess schon im vorigen Jahrhundert nicht an solchen gefehlt, welche von der allgemein g\u00fcltigen Doctrin mehr oder minder abwichen; so l\u00e4sst Bordeu* 2), auf embryologische Beobachtungen sich st\u00fctzend, das Bindegewebe aus einer weichen homogenen Substanz entstehen, in welcher allerdings sp\u00e4ter Fasern sich bilden, aber stets noch die formlose Substanz zwischen sich lassen. Die weiche Zwischen-subslanz, die Bordeu f\u00fcr geronnene Ern\u00e4hrungsfl\u00fcssigkeit h\u00e4lt, soll dann weiterhin zum Wachsthum und zur neuen Anlagerung fasriger Bestandtheile mit verwendet werden. \u2014 Noch weiter als Bordeu entfernte sich C. Fr. Wolff von der herrschenden Ansicht; er erkl\u00e4rte n\u00e4mlich die fasrige Textur des Bindegewebes f\u00fcr ein Kunstprodukt, und liess jenes aus einer z\u00e4hen halbfl\u00fcssigen Substanz bestehen, welche unter dem Einfluss der Zerrung wechselnde fasrige und membran\u00f6se Formen anzunehmen im Stande sei. 3) Offenbar ist auch Wolff vorzugsweise durch seine entwicklungsgeschichtlichen Studien zu \u00bbder besagten Ansicht hingelenkl worden, obwohl er dieselbe selbst f\u00fcr den ausgebildeten Organismus bestimmt zu erweisen gesucht hat. Im Anfang unseres Jahrhunderts hat ein mit vergleichend-anatomischen und embryologischen Arbeiten gleichfalls wohl vertrauter Anatom, n\u00e4mlich J. Fr. Meckel % Wolff\u2019s Ansicht wieder aufgenommen und das bisherige Zellgewebe unter dem Namen eines Schleimgewebes als z\u00e4he, homogene, kaum feste, nicht gestaltete Substanz geschildert. Auch Meckel ist indess mit seiner Ansicht nicht durchgedrungen und ebensowenig ist es im Beginn der neuern histologischen Epoche Fr. Arnold gegl\u00fcckt, eine Continuit\u00e4tslehre f\u00fcr das Bindegewebe durchzusetzen. Doch waren gerade Arnold\u2019s Bestrebungen um so berechtigter gewesen, als er von der Einseitigkeit Wolff's und Meckel\u2019s sich entfernend, mehr den vermittelnden Standpunkt Bordeu\u2019s einnahm, und als er auf die\n*1 Sive laminis fiat sive fibris, rete est, quod cellulosa tela vocatur, variis inter se connexis elementis factum, ut areolas intereipiant graciles et longas, si fila longa fuerint, ut in vaginis arteriarum venarumve, latas, ubicun-que plurimam pinguedinem congeri necesse est, quales areol\u00e6 circa pollicem lat\u00e6 circa renes vis\u00e6 sunt, mi-nimas demum et \u00e6gre conspieuas. ubicunque tela ista in membranam stipata est. (Haller Elem. Physiol. I, 9.)\n2)\tBordeu Recherches sur le Syst\u00e8me muqueux ou l\u2019organe cellulaire. 1767. Zweite Ausg. 1791 Enfin les fibres et les vaisseaux se d\u00e9montrent \u00e9videmment, et il reste dans leurs interstices de la substance gluante, plus ou moins tenace, qui est la v\u00e9ritable substance cellulaire.\n3)\tC. F. Wolff de tela quam dicunt cellulosa. Nova Acta Ac. I. Petropol. ad ann. 1788 u. f. Bd. VI, VII u. VIII. Ubique continuam, semifluidam vel conglutinantem vel connectentem substantiam reperi, cellulosam nunquam vidi. (loc. cit. VI, 260.)\n+) .7. Fr. Mechel Handbuch der menschlichen Anatomie I, 116.","page":21},{"file":"p0022.txt","language":"de","ocr_de":"22\nwichtige mikroskopische Beobachtung vom allgemeinen Vorkommen einer feink\u00f6rnigen Grandsubstanz sich st\u00fctzen konnte. Es l\u00e4sst n\u00e4mlich Arnold das Bindegewebe aus einer feink\u00f6rnigen Grundmasse und aus einer fasrigen Substanz bestehen, von denen er erstere die prim\u00e4re oder den Keimstoff, letztere die secund\u00e4re Substanz nennt, und nach ihm sind die zelligen R\u00e4ume des Bindegewebes, die durch Lufteinblasen entstehen, nichts Anderes als widernat\u00fcrlich erzeugte Cavit\u00e4ten in der Grundmasse. *) Von letzterer hatte zwar vor Arnold schon Henle etwas Weniges wahrgenommen und abgebildet, ohne ihr indess weitere Bedeutung f\u00fcr das Zustandekommen der Bindegewebsinterstitien zuzuschreiben.* 2) \u2014 Das entscheidende Kampfsignal in der Bindegewebsfrage ist nun, ein Jahr nach Arnold\u2019s Buch, von Reichert ausgegangen, und seine, sowie die noch m\u00e4chtigeren Anregungen Virchow\u2019s haben bekanntlich jenen schweren Sturm erregt, dessen Wogen bis zum heutigen Tag sich nicht v\u00f6llig gelegt haben. So mannigfach im gegenw\u00e4rtigen Augenblick die Histologen in ihren Bindegewebsauffassungen noch von einander differiren m\u00f6gen, so scheinen doch durch die \u00fcberstandenen K\u00e4mpfe gewisse Resultate gesichert, die kaum mehr eine Anfechtung erfahren werden; zweifellos ist es, dass das Bindegewebe Anfangs eine continuirliche, zellenreiche Masse bildet, in welcher zuerst nur eine homogene Grundsubstanz auftritt, zweifellos ferner, dass die Bindegewebsfasern erst durch secund\u00e4re Differenzirung aus der continuir-lichen Masse sich ausscheiden, und dass auf ihre Ausscheidung die Zellen einen entscheidenden Einfluss aus\u00fcben, sei es, indem sie selbst zum Theil in sie sich umwandeln, wie auch Neuere noch annehmen, sei es, dass sie verdichtend auf die Grundsubstanz ihrer Umgebung einwirken. Zweifellos ist es endlich, dass von den urspr\u00fcnglichen zelligen Be-standtheilen ein Theil in mehr oder minder verk\u00fcmmerter Form zeitlebens im Gewebe fortbesteht.\nWas nun die Bindegewebsr\u00e4ume der \u00e4ltern Histologen betrifft, so wird zwar in neuerer Zeit nicht allzuviel von ihnen gesprochen ; dass sie indess nicht aus den Vorstellungen geschwunden sind, das geht u. A. aus den wichtigen Lyinph-Arbeiten von Ludwig und seinen Sch\u00fclern Tomsa und Zawarkyn hervor, welche in jene freien Gcwebsspalten geradezu die Anf\u00e4nge des Lymphsystems verlegen, 3) und es verlohnt sich daher schon, wieder einmal offen die Frage von dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Bindegewebsl\u00fccken ins Auge zu fassen. \u2014 Wir kn\u00fcpfen an an die Beobachtung Arnold\u2019s \u00fcber das allgemeine Vorkommen einer nicht gefaserten Zwischensubstanz. Diese Zwischensubstanz, wenn auch nicht v\u00f6llig vergessen, ist doch in neuerer Zeit wenig beachtet worden, trotzdem dass man sie kaum an irgend einer Stelle vermisst, an der lockeres Bindegewebe auftritt. Es ist\n*) Fr. Arnold Handbuch der Anatomie des Mensehen I, 199. Vergl. auch die gute Abbildung Taf. H, 1.\n2)\tHenle Allg. Anatomie pag. 349.\n3)\tMan vergl. bes. O. Ludwig Ueber den Ursprung der Lymphe in den Jahrb\u00fcchern der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien, 1863, und W. Tomsa Beitr\u00e4ge zur Anatomie des Lymphgef\u00e4ssursprungs. Sitzungsberichte der Wiener Akademie Juli 1862.","page":22},{"file":"p0023.txt","language":"de","ocr_de":"23\neine weiche, bald ganz homogene, bald feink\u00f6rnige Masse, von einem jedenfalls bedeutenden Quellungsverm\u00f6gen, die allenthalben die Zwischenr\u00e4ume zwischen den Faserb\u00fcndeln einnimmt, und in der ohne M\u00fche eingestreute Zellen verschiedener Form und Gr\u00f6sse sich bemerkbar machen. Letztere sind blass, stets kernhaltig und k\u00f6rnig; bald rundlich, bald in die L\u00e4nge gezogen, oder selbst verzweigt, zeigen sie eine entschieden unbestimmte Um-gr\u00e4nzung. Nach neuerer Terminologie sind sie als blose Protoplasmahaufen um einen Kern herum zu bezeichnen, und sie sind es offenbar, welche jene von Recklinghausen beobachteten Wanderungen im Gewebe auszuf\u00fchren verm\u00f6gen. Inwiefern sie besonderer gebahnter Wege dazu bed\u00fcrfen, mag zweifelhaft erscheinen, da die Zwischensubstanz, in der sie liegen, ihrer geringen Consistenz halber, ihnen kaum irgend einen Widerstand in den Weg legen wird. Neben den fraglichen Zellen kommen nat\u00fcrlich noch andere Formen vor, die bereits den Faserb\u00fcndeln angeh\u00f6ren, und wir k\u00f6nnen uns somit das lockere Bindegewebe, abgesehen von den elastischen Fasern, als aus zwei different sich verhaltenden Substanzen bestehend denken, von welchen wir, der leichteren Verst\u00e4ndigung halber, die eine als Fasersubslanz, die andere als Schleim- oder Mucoidsubstanz bezeichnen wollen. Beide Substanzen stehen nat\u00fcrlich zu einander im Verh\u00e4ltniss naher Verwandtschaft, die Fasersubslanz kann secund\u00e4r aus der Schleimsubstanz hervorgehen, und umgekehrt bei eintretender Erweichung wieder in letztere sich umwandeln. Die Schleimsubstanz aber ist es, welche dem lockeren Bindegewebe seine so eminente Klebrigkeit verleiht. Die beiden Substanzen k\u00f6nnen nun in ihrem gegenseitigen Verh\u00e4ltniss sehr variiren, je derber das Gewebe, um so mehr tritt die Schleimsubstanz zur\u00fcck, und umgekehrt Jnimmt letztere zu mit zunehmendem Grad der Auflockerung. Wo die Schleimsubstanz in erheblichem Maasse pr\u00e4va-lirt, wie in den Formen jugendlichen Bindegewebes, da erhalten wir jene Gewebskategorie, welche von Virchow als Schleimgewebe bezeichnet worden ist. Auch der Zellengehall der Schleimsubstanz kann in weiten Breiten wechseln; mit dem reichlichen Zunehmen der Zellen w\u00e4chst nat\u00fcrlich die Menge der Schleimsubstanz selbst, und es wird das Fasergewebe zur Seite gedr\u00e4ngt; es entstehen dabei Gewebsformen, die mehr oder minder dem adenoiden Gewebe sich ann\u00e4hern, oder bei noch weiterer Zellenzunahme bildet sich geradezu Eiter.\nDie Schleimsubstanz ist es nun, welche die L\u00fccken zwischen den B\u00fcndeln des Bindegewebes ausf\u00fcllt, bei ihrer geringen Consistenz wird sie in der Kegel mechanischer Zerrung kaum irgend welchen Widerstand entgegen setzen, sie wird also zun\u00e4chst durch die post mortem eingeblasene Luft leicht zerrissen werden und somit zur Bildung von Binde-gewebsareolen Veranlassung geben. Unzweifelhaft aber werden auch w\u00e4hrend des Lehens oft solche Continuit\u00e4tstrennungen auftreten, wenn die Faserb\u00fcndel nach der einen oder andern Richtung aus einander gezerrt werden. Zwei Eigenschaften der Schleimsubstanz aber sind es, welche stets wieder zu einer raschen Continuit\u00e4tsherstellung f\u00fchren werden, ihre grosse Klebrigkeit und ihr bedeutendes Quellungsverm\u00f6gen, beide Eigenschaften gleich","page":23},{"file":"p0024.txt","language":"de","ocr_de":"24\ngeeignet, die Schleimsubstanz zu einem eigentlichen Gewebskitt zu qualificiren. Im Allgemeinen wird es also blos dann zur Bildung wirklicher Bindegewebsinterstitien kommen, wenn eine erhebliche, bleibende Transsudatansammlung die getrennten Fl\u00e4chen an der Wiederverkittung hindert. Abgesehen von den Synovialbildungen, kenne ich blos ein Raumsystem, das ich f\u00fcr ein normales System achter Bindegewebsinterstitien zu halten geneigt bin, es ist dies das System der Subarachnoidealr\u00e4ume; ihm ist vielleicht noch der verwandte Raum zwischen Sclerotica und Chorioidea beizugesellen; die vordere Augenkammer, obwohl in \u00e4hnlicher Weise wie letzterer Raum (durch Abl\u00f6sung eines aus aus Iris und M. pupillaris bestehenden Gef\u00e4ssblattes von der fibr\u00f6sen Augenh\u00fclle) entstehend, erf\u00e4hrt eine so vollst\u00e4ndige Abgl\u00e4ttung und scharfe Umgr\u00e4nzung, dass sie bereits den ser\u00f6sen H\u00f6hlen zur Seite r\u00fcckt.\nWas nun die Beziehungen der sogenannten Bindegewebsspalten zum Lymphsystem betrifft, so halte ich Ludwigs oben er\u00f6rterte Ansicht f\u00fcr entschieden unhaltbar. Es erkl\u00e4rt sich leicht, wie Ludwig zu derselben gekommen ist; seine Untersuchungen n\u00e4mlich erstrecken sich auf lauter solche Organe, in denen das Bindegewebe auf eine minimale Begleitungsschicht der Gef\u00e4sse reduzirt ist, und in denen es daher gegen\u00fcber den weiten Lymphr\u00e4umen sehr zur\u00fccktritt; unter diesen Verh\u00e4ltnissen nehmen sich die letztem allerdings auf Schnitten leicht wie grosse Bindegewebsspalten aus, allein dass sie dies nicht im alten Sinne sind, das zeigt sich gerade an dem classischen Untersuchungsobject Ludwig's, dem Hoden, f\u00fcr welche sich ein durchgehender Endothelbeleg hat nachweisen lassen. Bis jetzt hat ein derartiger Beleg in einem jeden Bindegewebsraum sich nachweisen lassen, von welchem aus Lymphgef\u00e4sse anf\u00fcllbar sind; umgekehrt aber ist es nie m\u00f6glich gewesen, von einfachen Bindegewebsr\u00e4umen aus Lymphgef\u00e4sse zu injiciren, niemals also ist es z. B. gelungen, vom Unterhautbindegewebe oder Unterschleimhautgewebe aus eine Lymph-injection zu machen. Nach der Einspritzung durch einen Einstich in diese Theile sammelt sich die Masse zu einem unregelm\u00e4ssig umgr\u00e4nzten Klumpen und damit hat die Sache ihr Bewenden. ') Uebrigens sammelt sich nach meinem Daf\u00fcrhalten normaler Weise freies Transsudat niemals anders als in den Lymphkan\u00e4len an ; so lange es im Bindegewebe selbst enthalten ist, findet es sich eben in dessen Grundsubstanz imbibirt. Die Bindegewebsspalten , die man also bis dahin zu sehen vermeint hat, sind entweder k\u00fcnstlich erzeugte Bildungen, oder es sind wirkliche, wohl abgegr\u00e4nzte Lymphr\u00e4ume. Wo daher an Schnitten eines erh\u00e4rteten Organes Spalten in erheblicher Menge sich treffen, da darf man getrost die Lymphinjection des Organes durch Einstich versuchen, und man wird sich kaum jemals get\u00e4uscht sehn.\n\u2018j Man vergl. den Aufsatz \u00fcber die Lym phwurzeln in der Zeitschr. f. wissensch. Zoologie Bd. XII, 243 u. f., wo auch die Schwierigkeiten besprochen sind, die der Lymphabsorption aus dem lockern Bindegewebe im Wege stehn.","page":24},{"file":"p0025.txt","language":"de","ocr_de":"25\nNach den bisherigen Er\u00f6rterungen liber das Bindegewebe kehren wir zu den Syno-vialh\u00f6lilen zur\u00fcck. \u2014 Untersucht man das Bindegewebe in der Umgebung einer Schleimscheide oder eines Schleimbeutels, so f\u00e4llt es oft schon \u00e4usserlich durch ein eigenth\u00fcmlich gequollenes, gallertartiges Aussehen auf; unter dem Mikroskop erweist sich, dass in ihm die oben beschriebene Schleimsubstanz in relativ sehr betr\u00e4chtlicher Menge vertreten ist, und zwar tritt je nach Umst\u00e4nden der Zellenreichthum der Substanz bald mehr, bald minder in den Vordergrund. Ist Ersteres der Fall, so erscheint das Gewebe etwas getr\u00fcbt, w\u00e4hrend es im letztem Fall mehr durchscheinend ist. Dringt man bei einer Schleimscheide von Aussen her schichtenweise gegen die gleitende Sehne vor, so kann man in rascher Aufeinanderfolge die verschiedenartigsten Zwischenstufen zwischen derbem und v\u00f6llig gallertigem Bindegewebe finden; je mehr letzterer Charakter hervortritt, um so mehr tritt, wie das Mikroskop zeigt, die relative Menge von Fasersubstanz zur\u00fcck. In manchen sogenannten Schleimscheiden ist es gar nicht m\u00f6glich, einen eigentlichen Kanal zu finden, hebt man die \u00e4ussere derbe Wand auf, so liegt eine d\u00fcnne gallertige Gewebsschicht darunter, nimmt man diese weg, so folgt eine zweite und so fort, bis man schliesslich zur eigentlichen Sehne gelangt, ohne Anderes, als eine Succession weicher und sehr verschiebbarer Gewebsschichten getroffen zu haben. Nicht immer verh\u00e4lt sich indess die Sache so, es kann um die Sehne herum ein eigentlicher, mit schleimiger Fl\u00fcssigkeit gef\u00fcllter Kanal auflreten, der indess stets von einem weichen, v\u00f6llig aufgelockerten Gewebe umfasst wird. Mau kann hienach kaum daran zweifeln , dass die H\u00f6hlenbildung zun\u00e4chst mit der Auflockerung des Gewebes sich eingeleitet hat, auf diese folgt die mechanische Zerreissung, sodann der Erguss von Transsudat in die H\u00f6hle (stets noch am Eiweissgehalt der Synovia erkennbar) und die Beimengung von Produkten des aufgel\u00f6sten Gewebes, in Form von Schleimstoff u. s. w. Sp\u00e4ter kann sich dann die Wand der H\u00f6hle gl\u00e4tten, und selbst ihre oberfl\u00e4chlichen Zellen zu einer Art von Plattenendothel umwandeln.\nAehnlich wie f\u00fcr die Schleimscheiden und Schleimbeutel gestaltet sich die Sache f\u00fcr die Gelenkh\u00e4ute. Auch in diesen treffen wir nach innen von der derben Kapsel die Schleimsubstanz in sehr reichlicher Vertretung. Untersucht man z. B. die Synovialzotten eines jungen Thieres (etwa die aus den Fussgelenken des Kalbes), so \u00fcberzeugt man sich mit grosser Deutlichkeit, wie im Grund die ganze Zotte nichts Anderes, als ein von Innen nach Aussen in fortschreitender Auflockerung befindlicher Bindegewebsstrang ist. In ihrer Axe faserig, wird sie umgeben von einer weichen Grundmasse mit reichlichen Zellen, nach Aussen \u00fcberwiegen diese mehr und mehr, und nehmen theils die bekannten lymphoiden, (heils anderweitige verwandte Formen an, endlich r\u00fccken sie so dicht zusammen, dass sie in ihrer Gesammtheit das Aussehen eines mehrfach geschichteten Epithels darbieten, als welches sie denn auch in der Regel gedeutet werden. Allerdings k\u00f6nnen von diesen Zellen die obersten wirklich sich abplatten, aber die Abplattung scheint, wenigstens bei jungen Gesch\u00f6pfen durchaus nicht constant einzutreten, Mit grosser Leichtigkeit ist bei solchen\n4","page":25},{"file":"p0026.txt","language":"de","ocr_de":"26\nder ganze \u00e4ussere Zottentheil in seine Elemente aufzul\u00f6sen, und es bleibt nun ein pinself\u00f6rmig aufgefaserter Bindegewebsstrang zur\u00fcck, zwischen dessen Enden hie und da noch zur\u00fcckgebliebene Spindelzellen vorstehen. Bei altern Individuen kann sich das Bild insofern modifieiren, als eine sch\u00e4rfere Gr\u00e4nze des weichen Gewebes auch nach Aussen hin sich entwickelt, \u00fcber der nun Plattenzellen sich wegziehen ; daf\u00fcr kann nunmehr das weiche Gewebe die Natur adenoider Substanz annehmen, indem es von einem Netzwerk verzweigter Zellen durchzogen wird, in dessen Maschenr\u00e4umen unverbundene Zellen nur lose sich einlagern. Diese letztem k\u00f6nnen schon bei leichter mechanischer Ersch\u00fctterung aus ihren F\u00e4chern herausfallen und der umgebenden Fl\u00fcssigkeit sich beimengen. Solche freie Zellen, theils mehr plattenf\u00f6rmige, theils lymphoide, sind bekanntlich in der Synovia von allen Beobachtern hervorgehoben worden.\nWerfen wir noch einen zusammenfassenden R\u00fcckblick auf die Hohlr\u00e4ume des mittleren Keimblattes, so sehen wir, dass ihrer Bildung ein \u00fcbereinstimmendes Princip zu Grunde liegt: Es bilden sich im Gewebe Stellen mit weicherer Grundsubstanz, in denen die Zellen bald mehr, bald minder \u00fcber letztere zu pr\u00e4valiren pflegen. An diesen Stellen entstehen nun, in den meisten F\u00e4llen nachweisbar unter dem Einfluss mechanischer Einwirkung, L\u00fccken oder Zerreissungen, in denen naturgem\u00e4ss die das Gewebe durchtr\u00e4nkende Fl\u00fcssigkeit sich sammelt. Die L\u00fccken pflegen Anfangs regellos begr\u00e4nzt zu sein, bei Ge-f\u00e4ssen und ser\u00f6sen R\u00e4umen jedoch stellt sich bald eine regelm\u00e4ssige Abgr\u00e4nzung ein, durch Ausscheidung einer Endolhelschicht, an welche nun eine mehr oder minder reiche Folge von verdichteten, oder anderweitig modificirten (elastischen oder muskul\u00f6sen) Gewebsschich-ten sich anlagert. Wir sehen im Allgemeinen, dass f\u00fcr die genannten R\u00e4ume die Dichtigkeit des umgebenden Gewebes zunimmt gegen die Gr\u00e4nzfl\u00e4che hin, und dass sie unmittelbar unter der Endothelschicht ihr Maximum erreicht. Bei den Gelenkh\u00f6hlen sind es zun\u00e4chst die Knorpelenden, welche scharf abgegr\u00e4nzt sind und gleichfalls an ihrer Randschicht die gr\u00f6sste Dichtigkeit erreichen, f\u00fcr die Kapsel dagegen bleibt die innere Abgr\u00e4nzung minder scharf, und, wie wir allen Grund haben anzunehmen, so werden die innersten Schichten derselben unter dem mechanischen Einfluss der Bewegung fortw\u00e4hrend usurirt, und liefern so einen Theil des Synoviamateriales. Noch mehr als bei Gelenken kann bei Schleimscheiden und Schleimbeuteln die H\u00f6hle ihren urspr\u00fcnglichen Charakter beibehalten und von aufgeweichtem Gewebe umgr\u00e4nzt bleiben, und v\u00f6llig pr\u00e4gnant tritt der Charakter der Entstehung nat\u00fcrlich bei den unter unsern Augen sich bildenden Abscess-h\u00f6hlen und bei den mit ihnen nahe verwandten Lymphdr\u00fcsenvacuolen zu Tage, bei welchen, \u00e4hnlich wie auch bei gewissen Halbgelenken, das Gewebe in geradem Gegensatz zu Ge-f\u00e4ss- und ser\u00f6sen H\u00f6hlen eine gegen die H\u00f6hle hin zunehmende Auflockerung zeigt. Se-cund\u00e4r kann \u00fcbrigens bekanntlich auch bei Abscessh\u00f6hlen eine Gl\u00e4ttung und dichtere Abschliessung der Wand sich ausbilden.","page":26},{"file":"p0027.txt","language":"de","ocr_de":"27\nEs bleiben uns vom mittleren Keimblatt noch die fibr\u00f6sen H\u00e4ute \u00fcbrig, und deren Besprechung f\u00fchrt uns auf ein bis dahin wenig betretenes Gebiet, zur Untersuchung n\u00e4mlich der Abh\u00e4ngigkeit, in welcher die besondern Formen der Bindegewebsentwicklung von \u00e4ussern mechanischen Einwirkungen stehen. Hier\u00fcber will ich versuchen kurz meine Ansichten auszusprechen, wobei die Schwierigkeit des Gegenstandes mich entschuldigen mag, wenn ich vielleicht nicht \u00fcberall im ersten Griff das Richtige treffe. \u2014 Wenn eine Substanz, die durch Druck der Verdichtung, durch Zug der Auflockerung f\u00e4hig ist, stellenweise den einen oder den andern Einfluss erf\u00e4hrt, so wird im Allgemeinen aus der stattgehabten Einwirkung auf die Dichtigkeit, und umgekehrt wiederum aus letzterer auf erstere zur\u00fcckgeschlossen werden k\u00f6nnen. Eine solche Substanz stellt nun unzweifelhaft das Bindegewebe dar; um nur Eines hervorzuheben, so wird die quellungsf\u00e4hige Grundsubstanz desselben an solchen Stellen , die einen constanten Druck erfahren, weniger Fl\u00fcssigkeit aufnehmen, als da, wo der Druck fehlt, und schon dadurch an jenen dichter erscheinen, als an diesen. Allein es gestaltet sich die Sache beim Bindegewebe dadurch weit complicir-ter, als bei den todten Substanzen, mit denen die Physik zu thun hat, dass die \u00e4ussere Einwirkung, neben Hervorbringung von mechanischen Effecten, in ihm auch die Vegetalionsvorg\u00e4nge zu beeinflussen, und dadurch eine Reihe von secund\u00e4ren Ver\u00e4nderungen einzuleiten vermag. Seiht da, wo der Einfluss des mechanischen Agens auf das wachsende Gewebe augenf\u00e4llig ist, wird es uns \u00e4usserst schwer, zu entscheiden, wie weit prim\u00e4re, wie weit secund\u00e4re Wirkungen dem Gesammteffect zu Grunde liegen.\nDie Verfolgung der Entwicklungsverh\u00e4ltnisse des Bindegewebes ergiebt im Wesentlichen folgende Beziehungen. Ueberall, wo das Bindegewebe einer dauernden, oder einer oft wiederholten Zugwirkung ausgesetzt ist, da bildet sich ein fibr\u00f6ses Band, resp. eine Sehne, deren Faserrichtung mit der Zugrichtung zusammenf\u00e4llt; wo eine Bindegewebs-schichl anhaltenden, oder oft wiederholten, gleichgerichteten Druck erf\u00e4hrt, da bildet sich eine fibr\u00f6se, mehr oder minder dicke Platte von geschichtetem Bau, mit einer in der Regel gekreuzten Faserung, deren Fasern in Ebenen verlaufen, welche senkrecht zur Druchrich-tung stehn. Unter besonderen Bedingungen entstehen statt der fibr\u00f6sen, elastische Platten oder Faserlagen, mit einer ebenfalls zur Druckdirection senkrechten Schichtung. Wo endlich das Bindegewebe Zerrungen m\u00e4ssigen Grades erf\u00e4hrt, die bald in der einen, bald in der andern Richtung erfolgen, da treten lockere Bindegewebslagen auf, mit gekreuzter Faserrichtung und mit reichlich eingestreuter Schleimsubstanz, oder Fett. Nach dieser Darstellung also erzeugt sich der Muskel seine Sehnen sowohl, als seine Fascien, d. h. er bestimmt das angr\u00e4nzende Bindegewebe, sich zur Sehne oder Fascie umzuwandeln, es erzeugt sich der wachsende Knorpel sein Perichondrium, das Auge seine Kapsel und das Blutgef\u00e4ss seine Scheide. \u2014 Dass wirklich das mechanische Moment das bedingende sei, das geht nicht allein daraus hervor, dass die betreffende Entwicklungsform, ihrer quantitativen Ausbildung nach, der Gr\u00f6sse des mechanischen Momentes correspondirt, sondern dass auch \u00fcberall die\n4*","page":27},{"file":"p0028.txt","language":"de","ocr_de":"28\nVerfolgung der Entwicklung das mechanische Moment als das fr\u00fchere ausweist, und zugleich zeigt, wie mit ver\u00e4ndertem mechanischem Moment auch der Effect sich \u00e4ndert. So haben wir bereits oben hervorgehoben, dass das Bindegewebe schon in seinen embryonalsten Formen \u00fcberall da, wo es auf selbstst\u00e4ndig vegetirende und dadurch ihre Umgebung verdr\u00e4ngende Gebilde st\u00f6sst, auch sofort in ihrer Umgebung zu einer concentrisch geschichteten Kapsel sich gestaltet, so sehen wir es bei der Chorda, so bei den Skelettknorpeln, so beim Auge; ferner zeigt sich, dass die Bildung der grossen Gef\u00e4ssbahnen der Anlage einer festen Wand vorausgeht, und dass letztere in eben dem Maass sich verdickt, als die Druckverh\u00e4ltnisse im Gef\u00e4ss wachsen; so sehen wir endlich, dass die Gewebs-schichten, in welche Muskeln hineinwachsen, erst von der Zeit an in Sehnen, in Fascien und in lockere Gew'ebslagen sich scheiden, da die Muskeln ihre Wirksamkeit zu entfalten beginnen.\nEs ist nun m\u00f6glich, wenigstens bis auf einen gewissen Grad, die Vegetationsverh\u00e4ltnisse des werdenden bindegewebigen Organes aus der besondern Art der mechanischen Einwirkung abzuloiten. Sei z. B. eine Gewebsmasse gegeben mit eingestreuten Zellen und einer nach allen Richtungen absolut gleichartigen Grundsubstanz, so werden, abgesehen von den in ihnen selbst liegenden Wachsthumsbedingungen, die Zellen keinen Grund haben, mehr nach der einen oder der andern Richtung hin auszuwachsen. Es finde nun aber ein bleibender Zug auf das Gewebe statt, so wird dasselbe in der Richtung des Zuges geringere Dichtigkeit annehmen, als in den hierauf senkrechten Ebenen, und damit sind nun f\u00fcr die wachsenden (sowie f\u00fcr die allf\u00e4llig wandernden) Zellen die Bedingungen f\u00fcr eine gleich-m\u00e4ssige Ausbreitung gest\u00f6rt, es werden die Zellen leichter nach der Richtung des geringeren Widerstandes hin, d. h. also in der L\u00e4ngsrichtung auswachsen. Einer leicht con-statirbaren Erfahrung zufolge haben nun aber die Zellen wiederum einen bestimmenden Einfluss auf die Ausscheidung von Fasern aus der Grundsubstanz; wo also das Gewebe von langgestreckten, parallel gelagerten Zellen durchsetzt ist, da findet auch die Faserscheidung in der von diesen vorgezeichneten Richtung statt, wir bekommen das Bild des Bandstreifes oder der Sehne. Die optische Untersuchung im polarisirfen Licht liefert die Best\u00e4tigung daf\u00fcr, dass in den Bindegewebsb\u00fcndeln die Dichtigkeit nach der L\u00e4ngsrichtung geringer ist, als in den Querschnittsebenen. \u2014 In \u00e4hnlicher Weise, wie die Bildung der einfach gefaserten Sehnen, l\u00e4sst sich auch diejenige der fibr\u00f6sen H\u00e4ute mit gekreuzter Faserrichtung ableiten. Wir betrachten als ein verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig einfaches Beispiel die Bildung der fibr\u00f6sen Kapsel des Auges; hier sind es die wachsenden Contenta, Retina, Linse und Glask\u00f6rper, welche einen Druck auf ihre Umgebung aus\u00fcben. F\u00fcr jeden Punkt der umschliessenden Hohlkugel kann man sich die stattfindende Druckwirkung zerlegt denken in zwei oder mehrere Zugwirkungen, deren Richtungen sich unter sehr stumpfen Winkeln kreuzen. Es wird die, Anfangs gleichartige Grundsubstanz senkrecht zur Gr\u00e4nzfl\u00e4che gr\u00f6ssere Dichtigkeit erhalten, als in den tangential zu dieser gestellten Ebenen; die n\u00e4chste Folge","page":28},{"file":"p0029.txt","language":"de","ocr_de":"29\nist wiederum eine Abplattung der Zellen, ein Auswachsen derselben nach der Richtung des geringsten Widerstandes, und secund\u00e4r eine, dieser letztem folgende Faserung des Gewebes. Ganz \u00e4hnlich wird es sich verhalten, wenn die Bindegewebsschicht von Seite eines wachsenden Gewebes, eines Muskels, einer Dr\u00fcse, eines Knorpels einen Druck erf\u00e4hrt, stets wird die Schicht nicht allein zu einer mehr oder minder derben Haut sich verdichten, sondern es zeigen zugleich die Faserz\u00fcge in ihr, in welcher Richtung die mechanische Einwirkung das wachsende Gewebe beeinflusst hat. Auch die Verdichtung, welche sehr allgemein an vielen freien Fl\u00e4chen beobachtet wird, an der Haut, an vielen Schleimh\u00e4uten, an den ser\u00f6sen H\u00e4uten, mag wohl schliesslich auf mechanische Ursachen sich zur\u00fcckf\u00fchren, obwohl diese nicht so leicht sich auffinden lassen, als bei den meisten fibr\u00f6sen H\u00e4uten, da sie zum grossen Theil in den besondern Wachsthumsverh\u00e4ltnissen ihren Grund haben. Eine einmal angelegte Bindegewebsmembran kann im weitern Verlauf der Zeit dadurch sich verdicken , dass die Druckwirkung durch sie hindurch auf weitere. Schichten sich erstreckt; in dem Fall finden wir als Regel, dass die Schichten, welche zuerst die verdichtende Druckwirkung erfahren haben, auch die dichtesten sind, und dass von da ab die Dichtigkeit derselben abnimmt; so finden wir es z. B. bei den Gef\u00e4ssen, so auch bei der Augenkapsel, deren \u00e4ussere Schichten lockerer sind als die inneren. Wo im lockeren Gewebe schon Faserung vorhanden ist, da werden mechanische Einfl\u00fcsse noch ganz in derselben Weise sich geltend machen k\u00f6nnen, als in v\u00f6llig embryonalem ; es werden zun\u00e4chst die Fasernetze der Fl\u00e4che nach comprimirt werden, die zwischen ihnen vorhandene Schleimsubstanz, die ja \u00fcberhaupt den werdenden, in best\u00e4ndiger Umgestaltung begriffenen Ge-websantheil repr\u00e4sentirt, wird ganz \u00e4hnlich dem fr\u00fcher geschilderten embryonalen Gewebe zur Bildung flacher, gefaserter Schichten verwendet werden, und die Anbildung neuer Schleimsubstanz zwischen diesen Schichten wird des grossem Druckes halber, der hier wrie anderw\u00e4rts als ein Wachsthumswiderstand wirkt, auf ein Minimum sich beschr\u00e4nken.\nEine Frage, die augenblicklich noch kaum beantwortet werden kann, ist die nach den Bedingungen, unter denen sich statt der leimgebenden Fasern elastische Gebilde ausschei-den. Neben dem mechanischen Moment, das unzweifelhaft mitwirkt, muss noch ein besonderes chemisches ins Spiel treten, das, zum Theil wenigstens, unzweifelhaft von den Zellen seinen Ausgang nimmt. Noch weniger nat\u00fcrlich kennen wir bis jetzt die Bedingungen, die zur Bildung von Muskeln erforderlich sind.\nWas nun das lockere Bindegewebe betrifft, so tritt dasselbe \u00fcberall da auf, wo das Gewebe abwechselnd bald in der einen, bald in der andern Richtung gezerrt wird; vielfach sehen wir, dass gerade im Anschluss an derbe, fibr\u00f6se Gebilde lockere Schichten sich anlagern, die den fibr\u00f6sen Theil von andern Theilen trennen, so tritt um die Sclerotica herum, so um die Gef\u00e4ssr\u00f6hren, so vielfach zwischen Haut und Fascien eine lockere Ge-webssebicht auf, die diesen Theilen ihre geh\u00f6rige Verschiebbarkeit sichert. Alle diese Schichten sind auch nicht vom Anbeginn an von ihrer Umgebung ausgeschieden, sie ent-","page":29},{"file":"p0030.txt","language":"de","ocr_de":"wickeln sich vielmehr in eben dem Maass, als durch die eintrelende Muskelwirkung gegenseitige Verschiebungen der Theile an einander eintreten.\nDie obigen Bemerkungen haben sich auf einen Einfluss mechanischer Momente auf die Bindegewebsentwicklung bezogen, den wir als richtenden bezeichnen k\u00f6nnen ; es wurde dabei die indifferente Gewebsmasse als gegeben betrachtet und die besondere Art der Ausbildung verfolgt, die diese unter gegebenen \u00e4ussern Einwirkungen erf\u00e4hrt. Es k\u00f6nnen nun aber mechanische Einwirkungen, wie Alles, was in den weiten Begriff der Reize f\u00e4llt, bestimmend auch auf die Neubildung von Zellen, und damit auf die Neuerzeugung von Gewebe wirken. Diese Art\tder\tWirkung\twird\tsich haupts\u00e4chlich nur im lockern Gewebe\ngeltend machen, und zwar in\terster Linie in\tdessen mobilstem Bestandtheile, der Schleim-\nsubstanz. In letzterer n\u00e4mlich scheint die Bildung, Umwandlung und Wiederaufl\u00f6sung von Grundsubstanz und von Zellen geradezu ein normaler Vorgang zu sein. Gewisse Bildungen im Bindegewebe, wie die\tSchleimbeutel\tund\tdie Schleimscheiden , sind l\u00e4ngst als mechanisch entstanden bekannt,\tund\twie wir\toben\tgezeigt haben, so ist gerade bei diesen Bil-\ndungen die reichliche Anh\u00e4ufung einer zellenreichen Schleimsubstanz mit Auflockerung des Gewebes ein bezeichnender Charakter, und mit gr\u00f6sster Wahrscheinlichkeit l\u00e4sst sich dar-thun, dass ein fortw\u00e4hrender Gewebsverbrauch in ihnen staltfindet. Wie sie, so sind auch die innern Fl\u00e4chen der Gelenkh\u00e4ute nicht als ruhende Gewrebsmassen anzusehen, sondern als solche, in denen unter dem Einfluss mechanischer Reizung fortw\u00e4hrende Zellenneubildungen vor sich gehen. Sehr h\u00fcbsch ist \u00fcbrigens der reizende Einfluss einer, noch in den Gr\u00e4nzen der Norm sich haltenden Bewegung auch an den, einer leichten Entz\u00fcndung \u00e4hnlichen Erscheinungen zu erkennen, welche nach jeder l\u00e4nger dauernden, ungewohnten Be-wegung, nach einem l\u00e4ngern Marsch z. B. sich einzustellen pflegen. \u2014 Im derben Bindegewebe wird mechanische, sow'ie jede andere Reizung Neubildungsvorg\u00e4nge deshalb weniger anregen, einmal, weil dessen verk\u00fcmmerte Zellen an und f\u00fcr sich einen geringem Grad von Erregbarkeit zu besitzen scheinen, als die saftreichen der Schleimsubstanz, sodann aber weil die Dichtigkeit derselben als ein Widerstand gegen Neubildungen wirkt, der erst dann \u00fcberwunden wird, wenn der Impuls zu letzterer ein sehr m\u00e4chtiger ist.\nDie H\u00e4ute gemischter Bildung.\nZu den H\u00e4uten gemischter Bildung geh\u00f6ren die \u00e4ussere Haut und die Schleimh\u00e4ute. Bei beiden, unter sich continuirlich zusammenh\u00e4ngenden Systemen unterscheiden wir den von einem der Gr\u00e4nzbl\u00e4tter gelieferten gef\u00e4sslosen Epithelial\u00fcberzug und eine vom mittlern Keimblatt gelieferte gef\u00e4sshaltige Gewebsschicbt; als appendikul\u00e4re Gebilde des Gesammt-systemes treten die \u00e4chten, mit Ausf\u00fchrungsgang versehenen Dr\u00fcsen auf, w\u00e4hrend als be-","page":30},{"file":"p0031.txt","language":"de","ocr_de":"31\nsondere Appendikul\u00e4rgebilde der \u00e4ussern Haut noch die sog. Horngebilde, N\u00e4gel, Haare u. s. w. zu betrachten sind. Wie schon Bichat hervorgehoben hat, so ist der Gegensatz, in dem die Eigenschaften der \u00e4usseren Haut zu denjenigen der Schleimh\u00e4ute stehen, keineswegs ein sehr tiefgreifender, derselbe gleicht sich grossentheils aus, sowie die \u00e4ussern physikalischen Einwirkungen sich \u00e4ndern; eine der \u00e4ussern Athmosph\u00e4re dauernd ausgesetzte Schleimhaut n\u00e4hert sich in ihren Eigenschaften der Cutis, und umgekehrt zeigt diese beim F\u00f6tus, hei dem sie permanent in Fl\u00fcssigkeit gebadet ist, Eigenschaften, die denen der Schleimh\u00e4ute nahe stehen.\nDie Bildungsgeschichte der gemischten H\u00e4ute, um deren Verfolgung sich Remak so bedeutende Verdienste erworben hat, bietet f\u00fcr eine allgemein histologische Betrachtung manche sehr interessante Gesichtspunkte, besonders aber sind es die gegenseitigen Einwirkungen der beiderlei Keimblattbildungen auf einander, welche der Aufmerksamkeit in hohem Grad werth sind. Von Anbeginn an herrscht unter den Zellen keine v\u00f6llige Gleichstellung, sondern die Gr\u00e4nzbl\u00e4tter sind es \u00fcberall, von denen bei Neuanlage von Organen die erste Initiative ausgeht. Ohne grosse R\u00fccksicht auf die jeweilige Conformation des unterliegenden Gewebes wachsen sie in dieses hinein, indem sie es entweder zur Seite dr\u00e4ngen oder vor sich hertreiben. Wo die Wucherung des Gr\u00e4nzblatles gering ist, da kann die neugehildete Zellenanh\u00e4ufung in eine \u00fcberwiegende Bindesubstanzschicht sich einlagern, wie dies z. B. bei Haarb\u00e4lgen, Schweissdr\u00fcsen u. s. w. der Fall ist, wo dagegen aus jener Wucherung ein m\u00e4chtigeres Dr\u00fcsengebilde hervorgeht, da reicht die begleitende Bindesubstanz kaum zur Erstellung eines d\u00fcrftigen Ger\u00fcstes hin, wie z. B. in der Leber und den Nieren. \u2014 Jedes erhebliche Wachsthum der Gr\u00e4nzbl\u00e4tter kann nur dann geschehen, wenn ihnen auch das geh\u00f6rige Ern\u00e4hrungsmaterial zugef\u00fchrt wird, und so selbstst\u00e4ndig sie auch fortwuchern, so sind sie doch von fr\u00fch an hinsichtlich ihrer Ern\u00e4hrung auf das Mittelblatt angewiesen. Dieses letztere spielt nun ihnen gegen\u00fcber eine \u00e4hnliche Rolle, wie sie etwa im modernen Staatshaushalt die Finanzverwaltung gegen\u00fcber den unternehmenden Directionen des Kriegs, oder der \u00f6ffentlichen Bauten zu spielen hat, es hat f\u00fcr jedes neu entstehende Gebilde irgend welcher Art sofort die Mittel zum Unterhalt, d. h. die entsprechende Blutmasse zur Stelle zu schaffen, wobei es ihm \u00fcberlassen bleibt, die Wege zu bahnen, auf denen diese Herbeischaffung geschehen kann. \u2014 Es ist nun in der Thal auffallend, mit welcher P\u00fcnktlichkeit das mittlere Keimblatt diese seine Aufgabe erf\u00fcllt. Von der Zeit an, da \u00fcberhaupt in der K\u00f6rpersubstanz Blutgef\u00e4sse auftreten, da sieht man allenthalben sofort eine reiche Capillarentwicklung an all den Fl\u00e4chen auftreten, welche von Produkten eines der beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4tter ber\u00fchrt werden. Wir haben schon oben das Ver-h\u00e4ltniss f\u00fcr das Medullarrohr hervorgehoben; \u00e4hnlich wie bei diesem gestaltet sich die Sache bei der secund\u00e4ren Augenblase, die auch fr\u00fchzeitig von einem dichten Gef\u00e4ssnetz umsponnen wird, successive bilden sich sodann die Gef\u00e4sslagen an der \u00e4usseren Haut, an der Innenfl\u00e4che des Darmes, um die Produkte der Geh\u00f6rblase, um die Linse herum, und","page":31},{"file":"p0032.txt","language":"de","ocr_de":"32\nebenso diejenigen der verschiedenen Dr\u00fcsen. Wo die Ber\u00fchrung der beiderlei Bildungen in einer Fl\u00e4che geschieht, da dringt das Gef\u00e4ssnetz \u00fcberall bis dicht zu dieser heran, breitet sich, den Ein- und Ausbiegungen derselben folgend, gleichfalls flach an ihr aus, und erreicht unmittelbar unter der adh\u00e4rirenden Belegschicht seine gr\u00f6sste Dichtigkeit. Anfangs haben die verschiedenen Gef\u00e4sse alle denselben einfachen Bau und besitzen ausser ihrer Endothelschicht h\u00f6chstens noch eine zeitige Adventitia, die sie nur unvollst\u00e4ndig vom angr\u00e4nzenden Gewebe trennt. Entwickelt sich nun das Gef\u00e4sssystem weiter, so ergiebt es sich ganz naturgem\u00e4ss, dass die zuerst vorhandenen Gef\u00e4sse, soweit sie \u00fcberhaupt persisti-ren, zu den gr\u00f6sseren St\u00e4mmen sich umwandeln, und in Capillaren einm\u00fcnden, die mittlerweile wieder neu sich bilden. Indem aber nach Aussen von der zuerst vorhandenen flachen Gef\u00e4sslage neue gef\u00e4ssf\u00fcbrende Gewebsschichten sich bilden, in welche nun der eigentliche Capillarbezirk vorr\u00fcckt, wird jene zu der intermedi\u00e4ren Gef\u00e4ssplatte, wie wir sie am Medullarrohr als Pia mater, am Auge als Chorioidea, an den Schleimh\u00e4uten in den Submucos\u00e6 und an der Haut im Unterhautzellgewebe kennen,\nSowohl bei der Anlage von H\u00e4uten, als von parenchymat\u00f6sen Organen, k\u00f6nnen die beiderlei Bestandlheile sich, mehr oder minder innig, r\u00e4umlich durchdringen. Am vollst\u00e4ndigsten tritt diese Durchdringung bei den complicirtern Dr\u00fcsen ein, wie bei der Leber, den Nieren, den Sexualdr\u00fcsen; ebenso ist sie eine sehr weitgehende bei den nerv\u00f6sen Centralorganen, was um so bemerkenswerther ist, als sie hier nicht von Anbeginn vorbereitet ist, sondern erst nachtr\u00e4glich sich ausbildet. Sehr bemerkenswerth gestaltet sich das Yerh\u00e4ltniss bei der Retina; diese n\u00e4mlich ist von zwei Seiten her von Gebilden des mittlern Keimblattes umgeben, und bei der fr\u00fcheren Entwicklung der \u00e4usseren Gef\u00e4ssschicht sollte man erwarten, dass von ihr aus Capillaren in jene hineinwachsen. Das ist aber nicht der Fall, sondern die aus der \u00e4usseren Wand der secund\u00e4ren Augenblase so fr\u00fch schon gebildete Pigmentschicht bildet einen strengen Abschluss, der nicht durchbrochen wird. In verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig sehr sp\u00e4ter Zeit erst entwickelt sich auf der Innenfl\u00e4che der Augenblase ein Gef\u00e4ssnetz, das bei den niedrigeren Wirbelthierklassen als Gef\u00e4ssschicht der Hyaloidea stehen bleibt, und nur bei den S\u00e4ugethieren in die Retina selbst sich fortsetzt. Hier dringt es bis zur Zwischenk\u00f6rnerschicht vor und bildet allda eine flache Capillarschicht, welche den Abschluss zwischen den \u00e4ussern gef\u00e4sslosen und der innern gef\u00e4sshaltigen Lage bildet; jene, aus St\u00e4bchen und \u00e4ussern K\u00f6rnern bestehend, verh\u00e4lt sich dieser gegen\u00fcber \u00e4hnlich, wie eine Epithellage zur unterliegenden Schleimhaut, und sie l\u00e4sst sich ganz wie eine solche nach vorheriger Maceration leicht von ihrer Unterlage abstreifen.\nWir k\u00f6nnen es dem Obigen zufolge als eine f\u00fcr Fl\u00e4chen sowohl, als parenchymat\u00f6se Organe durchgreifende Regel aufstellen, dass \u00fcberall, wo das mittlere Keimblatt im Lauf der Entwicklung auf Produkte von einem der zwei Gr\u00e4nzbl\u00e4tter st\u00f6sst, sofort ein dichtes Capillarnetz an der Ber\u00fchrungsstelle sich entwickelt, das dann in der Folge Zeitlebens sich erh\u00e4lt. Einzig zu Gunsten der durchsichtigen Augenmedien erleidet die Regel","page":32},{"file":"p0033.txt","language":"de","ocr_de":"33\neine Modification, insofern als an der Vorderfl\u00e4che der Cornea das Gef\u00e4ssnetz immer auf den Rand beschr\u00e4nkt bleibt, w\u00e4hrend es bei der Linse zwar auf beiden Seiten sich bildet, mit eintretendem Functionstermin des Auges aber, sich spurlos zur\u00fcckbildet. \u2014 Es lehrt nun das pathologische Experiment, dass jedesmal, wenn ein Reiz das Bindegewebe trifft, dieses neben vermehrter Zellenbildung auch durch Gef\u00e4ssneubildung reagirt, und dies f\u00fchrt uns von selbst zur Annahme, dass auch die Produkte der beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4tter jeweilen einen Reiz auf das Gewebe des mittleren aus\u00fcben, und dadurch jene Capillarentwicklung hervorrufen. Vielleicht sind es chemische Umsetzungsstoffe der Epithelialbl\u00e4tler, welche, in das angr\u00e4nzende Gewebe eindringend, dieses zur besagten Reaction veranlassen. Jedenfalls sehen wir, dass auch hierin wieder ein scharfer Gegensatz zwischen \u00e4chten Epithe-lien und Endothelien sich geltend macht, denn die von Endothelien ausgekleideten H\u00f6hlen zeichnen sich von dem Moment an durch sehr gef\u00e4ssarme Wandungen aus, da sie eine bestimmt ausgepr\u00e4gte Umgr\u00e4nzung erhalten haben.\nIn sehr vielen F\u00e4llen tritt an der Ber\u00fchrungsfl\u00e4che vom mittleru Keimblatt mit den beiden Gr\u00e4nzbl\u00e4ttern eine structurlose Membran auf, die aus elastischer Substanz, oder (wie die Lamina anterior Corneae) aus einem Uebergangsstoff zwischen elastischer und leimgebender Substanz besteht. In die Categorie solcher elastischen Gr\u00e4nzbl\u00e4tter geh\u00f6ren die Membran\u00e6 propri\u00e6 der Dr\u00fcsen, die Basement membranes gewisser Schleimh\u00e4ute, die Glash\u00e4ute des Auges mit Ausnahme der Descemet\u2019schen Haut, und wohl auch die Schwann\u2019-schen Scheiden der Nervenfasern. Die Scheidung dieser Membranen von ihrer Umgebung ist bald mehr, bald minder scharf, sie ist besonders dann auffallend, wenn entweder die Schicht eine gewisse Dicke erreicht, oder wenn die angr\u00e4nzende Bindesubstanz sehr weich und locker bleibt. Immerhin besteht, wie dies Reichert schon l\u00e4ngst f\u00fcr die Membran\u00e6 propri\u00e6 der Dr\u00fcsen nachgewiesen hat, und wie sich mit den jetzigen histologischen Methoden leicht f\u00fcr alle obigen Bildungen best\u00e4tigen l\u00e4sst, eine continuirliche Verbindung zwischen ihnen und der angr\u00e4nzenden Bindesubstanz. Man hat fr\u00fcherhin manchen der hieher geh\u00f6rigen Bildungen, so besonders den\u2019 Membran\u00e6 propri\u00e6 der Dr\u00fcsen, eine ganz spezifische Bedeutung f\u00fcr den Aufbau der Organe zugeschrieben; allein wir wissen jetzt, dass ihnen eine solche kaum zukommt. Histogenetisch sind es secund\u00e4re Bildungen, und ihre Ausscheidung kann selbst in Dr\u00fcsen v\u00f6llig unterbleiben, wie dies z. B. in der Leber der Fall ist. Uebrigens k\u00f6nnen structurlose H\u00e4ute auch in der Continuit\u00e4t des mittleren Keimblattes selbst entstehen, wie wir dies an den primitiven Muskelscheiden, an gewissen Knorpelkapseln und an der Descemet\u2019schen Haut sehen, es stellt eben die elastische Substanz die indifferent gewordene Intercellularausscheidung des mittleren Keimblattes dar, wie der Hornstoff diejenige der Gr\u00e4nzbl\u00e4tter zu sein scheint.\nIndem ich hiemit obige, nur allzu l\u00fcckenhafte Skizze schliesse, kann ich nicht umhin, noch einmal darauf hinzuweisen, in wie inniger Verkn\u00fcpfung die histologische Entwicklungsgeschichte mit den tiefsten Problemen der allgemeinen Physiologie steht. Nie-\n5","page":33},{"file":"p0034.txt","language":"de","ocr_de":"34\nmand zweifelt mehr daran, dass, wie dies Bichat zuerst erkannt, die gesammten Leistungen des lebenden K\u00f6rpers in letzter Instanz auf die, planm\u00e4ssig in einander greifenden Leistungen seiner einzelnen Gewebe sich zur\u00fcckf\u00fchren. Diese Leistungen der Gewebe aber sind die unmittelbare Folge ihrer Organisation, und, wie dies besonders die neuere Nerven- und Muskelphysiologie auf das Gl\u00e4nzendste erweist, so hat auch die leiseste Aende-rung der Organisation sofort eine Aenderung der Leistungsf\u00e4higkeit zur Folge. Vor unsern Augen sehen wir nun die Gewebe sich aufbauen, und zwar Alle aus demselben elementaren Baustein, der Zelle. Die Zelle aber, obwohl mit reichen innern Kr\u00e4ften ausgestattet, entwickelt sich nur in innigster Abh\u00e4ngigkeit von \u00e4ussern Lebensbedingungen, und auch auf vor\u00fcbergehende \u00e4ussere Einwirkungen reagirt sie alsbald, sei es durch Ab\u00e4nderung ihrer Vegetation, sei es durch anderweitige Ab\u00e4nderung ihrer Lebenserscheinungen. Im Allgemeinen zeigt sich, dass ein auf die Zelle wirkender Reiz diese zum Wachsthum und zur Vermehrung bestimmt; die Art des Wachsthums und das Maass der Vermehrung erweisen sich abh\u00e4ngig von der InteDsit\u00e4tscurve des Reizes, von der Temperatur, der Zusammensetzung und dem Druck des umgebenden Mediums. Mit wechselndem Wachsthum der Zelle aber \u00e4ndern sich im Bereich des mittleren Keimblattes auch die Verh\u00e4ltnisse der an-gr\u00e4nzenden Intercellularsubstanz, und wir sehen, dass bei rapider Vermehrung jener, diese schwindet, w\u00e4hrend sie umgekehrt zunimmt bei abnehmender Zellenvegetalion. \u2014 Wenn nun dieselbe Zelle einmal zur Muskelfaser, ein anderes Mal zum Blutk\u00f6rper, ein drittes Mal zum Gef\u00e4ssbestandtheil wird, wenn dieselbe ferner einmal Glutin, ein anderes Mal Chondrin, ein drittes Mal elastische Substanz ausscheidet, so liegt darin die Aufforderung, zu untersuchen, warum denn eigentlich hier das eine, dort das andere Gewebe entsteht, und es erw\u00e4chst f\u00fcr die Physiologie geradezu die Aufgabe, einerseits die Gesetze der Abh\u00e4ngigkeit des Zellenlebens von den \u00e4ussern Lebensbedingungen genau zu pr\u00e4cisiren, andererseits aber jenes System gegenseitig sich ausl\u00f6sender Reize zu ermitteln, das beim Aufbau der einzelnen Gewebe, sowie bei dem des K\u00f6rpers \u00fcberhaupt in Kraft tritt. Diese Aufgabe, die durch die Beobachtung vom getrennten Verhalten der drei Keimbl\u00e4tter noch bedeutend complicirt wird, ist zwar sehr schwierig, aber unangreifbar ist sie sicherlich nicht. Es wird dabei die Forschung von den constanten Begleiterscheinungen auszugehen haben, mit denen das Auftreten jedes einzelnen Gewebsbestandtheiles sich verkn\u00fcpft. Diese Erscheinungen aber werden einerseits durch die pathologisch-anatomische und experimentelle, andererseits durch die embryologische Beobachtung zug\u00e4nglich, und besonders die auf letzterem Boden erh\u00e4ltlichen Resultate lassen einer durchgreifenden Induction noch einen weiten Spielraum offen.\n\u25a00000\u00a7\u00a7000<=-","page":34}],"identifier":"lit19111","issued":"1865","language":"de","pages":"1-34","startpages":"1","title":"Die H\u00e4ute und H\u00f6hlen des K\u00f6rpers","type":"Book"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T15:15:21.225072+00:00"}
