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{"created":"2022-01-31T13:50:09.573580+00:00","id":"lit29457","links":{},"metadata":{"contributors":[{"name":"Brehm, Alfred Edmund","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"Hildburghausen: Bibliographisches Institut","fulltext":[{"file":"a0001.txt","language":"de","ocr_de":"A. C. Brehm's\nJllustrirtes Thierleben.\nErster Band.","page":0},{"file":"a0003.txt","language":"de","ocr_de":"*\n\n\ni\n*>\n*' '\n<-v\n\u00a3\nA *\n^ .\n\u2022&","page":0},{"file":"a0005.txt","language":"de","ocr_de":"Jllustrirtes\n114 r f 11 tt,\nEine allgemeine\nKunde des Thierreichs von A. E. Brehm.\nMit Wbildungen, ausgef\u00fchrt unter Leitung von R. Kretschmer.\n\nErster Band.\nHildburghausen,\nPerlag des Bibliographischen Instituts.\n1864.","page":0},{"file":"a0006.txt","language":"de","ocr_de":"\u2022>\nAlle Rechte vom Verleger vorbehalten.\n5\u00b0) o. ojx\nMAX-PLAN CK-INSTITUT F\u00dcR WISSENSCHAFTSGESCHICHTE\nBibliothek\n-t----------\\\n01-5^16\nT","page":0},{"file":"a0007.txt","language":"de","ocr_de":"Zoologischen Gesellschaft z u Hamburg\ngewidmet vom\nc\nVerfasser.","page":0},{"file":"a0008.txt","language":"de","ocr_de":"\n\n\n\n\t\t\n\t\t\u2666\n\t-\t\n\t\t\n\t\t\n\t\t\n\t\t.\n\t\t\nI\nI\n\n\nii f 15\t- - k\t\u00ab .\t-\t;*\n\n\n\n\n\u25a0\n\n","page":0},{"file":"a0009.txt","language":"de","ocr_de":"Erste Abtheilung.\ni e I\u00e4ugethiere.\nErste H\u00e4lfte.\nAffen und Halbaffen, IlaNerthicre und Rsubthierr.","page":0},{"file":"a0011introduction.txt","language":"de","ocr_de":"Vorwort.\nUtifev reiches Schriftthum besitzt viele thierkundliche Werke von anerkannter Trefflichkeit, aber wenige, in denen die Lebenskunde der Thiere ausf\u00fchrlich behandelt ist. Man begn\u00fcgt sich, zumal in den oberen Klaffen, mit einer m\u00f6glichst sorgf\u00e4ltigen Beschreibung des \u00e4u\u00dferen und inneren Thier -leib es, ja, man gibt sich zuweilen den Anschein, als halte man es f\u00fcr unvereinbar mit der Wissenschaftlichkeit, dem Leben und Treiben der Thiere mehr Zeit und Raum zu g\u00f6nnen als erforderlich, um zu beweisen, da\u00df der in Rede stehende Gegenstand ein lebendiges, d. h. nicht blos ein f\u00fchlendes und Vewegungsf\u00e4higes, sondern auch ein handelndes und wirkendes Wesen ist.\nDie Ursachen dieses ebenso ungerechtfertigten als einseitigen Verfahrens sind unschwer zu erkennen. Unsere Meister der Thierkunde zieren die Hochschulen oder wirken an den \u00f6ffentlichen Sammlungen. Hier haben sie eine f\u00fcr die Zergliederungs - und Systemkunde verlockende Menge von Stoff zur Verf\u00fcgung, und wenn sie diesen Stoff wirklich bew\u00e4ltigen wollen, bleibt ihnen zur Beobachtung des Lebens der Thiere keine Zeit \u2014 ganz abgesehen davon, da\u00df zu solcher Beobachtung ein J\u00e4ger - und Wanderleben eine der ersten Bedingungen ist.\nWir danken gedachten Forschern \u00fcberaus wichtige Aufschl\u00fcsse \u00fcber den \u00e4u\u00dferen und inneren Bau des Thierleibes, uyd hierdurch Erkl\u00e4rung gewisser Lebens\u00e4u\u00dferungen; wir sehen in ihnen immer die das Ganze \u00fcberblickenden und ordnenden Dreister der Wissenschaft und sind geneigt, die jagenden und sammelnden Reisenden Jenen gegen\u00fcber als Gehilfen und Handlanger zu betrachten, obgleich wir uns nicht verhehlen k\u00f6nnen, da\u00df nur sie es sind, welche uns mit dem ganzen Thiere bekannt machen. Denn erst das lebende Thier ist ein \u201ef\u00fchlendes und bewegungsf\u00e4higes\" Wesen: das todte, ausgestopfte, in Weingeist aufbewahrte ist und bleibt immer nur ein Gegenstand.\nDie Reisenden und die unsere Fluren jagend durchstreifenden Forscher also sind es, von denen wir Schilderungen des Thi erleb ens fordern m\u00fcssen und fordern d\u00fcrfen. Ihnen ist die Aufgabe geworden, vor Allem das lebende Thier ins Auge zu fassen; f\u00fcr die wissenschaftliche Behandlung des todten Thieres finden sich andere Kr\u00e4fte: denn auch f\u00fcr das ersprie\u00dfliche Gedeihen der Thierkunde ist Theilung der Arbeit unerl\u00e4\u00dfliche Bedingung. \u2014\nSolche Ansichten haben mich bestimnit, das vorliegende Buch zu schreiben. Durch Lehre und Vorbild meines unverge\u00dflichen Vaters bin ich von Jugend auf zur eigenen Beobachtung der Thiere veranla\u00dft worden und habe hierzu sp\u00e4ter, w\u00e4hrend eines langj\u00e4hrigen Wanderlebens im Norden und S\u00fcden sowie in meinem jetzigen Wirkungskreise, manche Gelegenheit gefunden, die vielen Anderen verschlossen blieb. Dessenungeachtet hielt ich meine Beobachtungen alle in zu einer Ver\u00f6ffentlichung nicht f\u00fcr wichtig genug und glaubte deshalb, sie mit den Erfahrungen Anderer verschmelzen zu m\u00fcssen. Hierdurch mu\u00dfte die Arbeit das Gepr\u00e4ge einer allgemeinen Thierkunde erhalten, und da","page":0},{"file":"a0012.txt","language":"de","ocr_de":"VIII\nVorwort.\ndiese Allgemeinheit nun einmal angebahnt, beschlo\u00df ich, den urspr\u00fcnglichen Plan so zu erweitern, wie er jetzt in der Ausf\u00fchrung vorliegt.\nEin gl\u00fccklicher Zufall brachte mich mit einer Verlagshandlung in Verbindung, welche genau die gleichen Grunds\u00e4tze verfolgt, und wackere K\u00fcnstler, vor Allem mein treuer Mitarbeiter Herr Robert Kretschmer, machten meine Ansichten zu den ihrigen. Wir beschlossen also, ein Werk zu schaffen, welches dem Leben sein Recht werden lie\u00dfe.\nWir sind gemeinsam durch die Thierg\u00e4rten gezogen und haben gemeinschaftlich in Afrika gejagt und gesammelt; wir haben sorgf\u00e4ltig benutzt, was wir uns fr\u00fcher erwarben, und dankbar und ehrlich das Gute angenommen, welches wir bei Anderen finden konnten; wir sind endlich nicht blos treu unterst\u00fctzt, sondern auch wohlwollend aufgemuntert und angespornt worden von der Verlagshandlung, welche kein Opfer gescheut, weil es ihr Ernst ist mit diesem Volksbuche: dennoch ist das Erreichte weit zur\u00fcckgeblieben hinter dem Erstrebten: es ist uns aber, wie^ich wahrheitsgem\u00e4\u00df gestehen mu\u00df, unm\u00f6glich gewesen, mehr zu erreichen.\nDas \u201eThierleben\" enth\u00e4lt mehr mangelhafte Beschreibungen und fehlerhafte Abbildungen, als wir im Voraus f\u00fcrchten konnten. Wiederholt ist es vorgekommer?, da\u00df gerade dann, als ein Bogen soeben die Presse verlassen, das in ihm geschilderte Thier uns zum ersten Male lebend vors Auge kam und aller Schulweisheit Hohn zu sprechen schien. Da\u00df wir gen\u00f6thigt sein w\u00fcrden, nachzuschreiben und nachzubilden, wu\u00dften wir im Voraus, f\u00fcrchteten jedoch nicht, so wenig zu finden, als wir gefunden haben: wir haben nur Meisterwerke mit Dank benutzt. Aelteren Beobachtern habe ich ihr Erstlingsrecht stets gewahrt, wenn ich fand, da\u00df die Beobachtungen richtig oder mindestens wahrscheinlich; ich habe Dies auch dann gethan, wenn ich die betreffenden Thiere selbst beobachtet hatte, und ebenso haben die K\u00fcnstler es angegeben, ob sie das lebende Thier gezeichnet, oder nur eine gute Abbildung benutzt. Wo ich konnte, bin ich an die Quelle gegangen, und nur bei unwesentlichen Angaben, bei der Wiedergabe altklassischer Stellen z. B., habe ich Das unterlassen: ich hatte Wichtigeres zu thun, als in altem Wust zu w\u00fchlen. Wenn also hinsichtlich solcher Angaben Fehler bemerkt werden, mag Oken sie verantworten.\nWenn dessenungeachtet das \u201eThierleben\" einefast besch\u00e4mend g\u00fcnstige Beurtheilung von M\u00e4nnern, wie Vogt, Schmidt, Pagen stech er, Leunis, Fitzinger, Wagner, Ro\u00dfm\u00e4\u00df ler, Bolle, 'Weinland, L\u00e4zar, Ule, M\u00f6bius und Anderen gefunden hat, so kennen Diese eben die Hoffnungen und \u2014 Entt\u00e4uschungen, die an ein solches Streben sich kn\u00fcpfen, und urtheilen deshalb mild: wir aber wissen ihnen, unseren Meistern, den schuldigen und aus vollem Herzen gezollten Dank nicht besser zu beth\u00e4tigen, als durch vermehrten Eifer, ihrem wohlwollenden Urtheile gerecht zu werden.\nZu ganz besonderem Danke f\u00fchlen wir uns verpflichtet allen Denen, welche uns w\u00e4hrend und in der Arbeit unterst\u00fctzten und f\u00f6rderten: namentlich den Herren Vorstehern der Thierg\u00e4rten zu K\u00f6ln, Frankfurt, Dresden, Wien und Sch\u00f6nbrunn, Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen, Br\u00fcssel, Gent, Paris, Marseille und London, welche uns mit wahrer Br\u00fcderlichkeit begegnet sind, den Vorst\u00e4nden der Sammlungen zu Leipzig, Hamburg und Leyden, meinen verehrten Freunden Weinland, Bodinus, Bolle, L\u00e4z\u00e4r, Buvry und allen Anderen, welche itttS aus deck Schatze ihrer Erfahrungen spendeten.\nHamburg, am 1. Januar 1865.\tA. (E* BkkhIN.","page":0},{"file":"a0013.txt","language":"de","ocr_de":"Ein Blick aus das Beben der Gesammtheit.\nEelbst wissenschaftlich gebildeten M\u00e4nnern kommt es schwer an, die Lehrb\u00fccher der Natur-beschreibuug des Thierreichs aus der Haud zu legen, ohne eine Regung ihrer verletzten Eitelkeit zu versp\u00fcren. Der \u201enach dem Bilde Gottes\" geschaffene Mensch, der \u201eHerr alles Dessen, was da fleucht und kreucht\", der \u201eGebieter der Erde,\" wird in diesen Lehrb\u00fcchern in seiner ganzen Bl\u00f6\u00dfe dargestellt: er er\u00f6ffnet oder schlie\u00dft die Reihe der belebten Wesen, welche wir \u201eThiere\" nennen. Er, f\u00fcr den schon die uralte Sage einen besonderen Sch\u00f6pfungstag ansetzt; er, welcher von den Wortgl\u00e4ubigen mit Dem begabt wird, was allen \u00fcbrigen Gesch\u00f6pfen mangeln soll; er, welcher allein einen aufrechter: Gang erhielt, \u201edamit seine ausschlie\u00dfliche Bef\u00e4higung zur Erkenntni\u00df Gottes, sein Aufblick zum Himmel, deut-sam werde\": erscheint hier nur als \u2014ein S\u00e4ugethier! \u201eErste Ordnung, einzige Familie, einzige Sippe: Mensch!\" \u2014 so hei\u00dft es im Lehrbuche; und unmittelbar hinter dem Homo sapiens folgt \u2014 der Gorilla oder der Oramg -Utang.\nDie Naturwissenschaft kennt keine R\u00fccksichten, wenn es gilt, die Wahrheit, die thats\u00e4chliche Wirklichkeit zu verk\u00fcnden: und sollte sie auch noch so theuren, weil Jahrtausende lang gehegten Wahn, noch so begl\u00fcckende Gef\u00fchle der Eitelkeit zerst\u00f6ren m\u00fcssen. Der Merrsch ist, leiblich getrachtet und von dem Naturforscher augesehen, wirklich Nichts mehr und Nichts minder, als ein S\u00e4ugethier, oder ein lebendes, f\u00fchlendes Wesen mit rothem, warmen Blute, welches lebendig eJunge gebiert und sie mit seinem, nur verwandelten Blute gro\u00dfs\u00e4ugt: und jede Mutter, welche sich ohne zu gr\u00fcbeln und mit namenloser Wonne ihrem Kinde hingibt, welche das sch\u00f6nste Bild des Menschen darstellt, beweist, \u2014 da\u00df sie der ersten Klasse des Thierreichs angeh\u00f6rt; und jeder, auch der unwissenschaftlichste und oberfl\u00e4chlichste Beobachter mu\u00df zugestehen, da\u00df zwischen dem Mensch en und dem Orang-Utang die Aehnlichkeit gr\u00f6\u00dfer ist, als zwischen dem Affen und dem Pferd oder Rind. Wir Naturforscher k\u00f6nnen darinsa\u00df wir den Menschen zu den S\u00e4ugetieren z\u00e4hlen, nichts Verletzendes f\u00fcr ihn finden.\nDie gro\u00dfe Menge st\u00f6\u00dft sich gewi\u00df auch nicht an das Wort \u201es\u00e4ugen\": es verletzt sie wohl blos der Begriff \u201eThier\". Und sie hat Recht. Jeder wahre Mensch beweistauch, da\u00df zwischen seinem Geschlechte und den h\u00f6chststehenden Thieren in der gew\u00f6hnlichen Bedeutung eine weite Kluft besteht. Mag auch der Mensch in noch so traurigem, beklagenswerten Zustande sich zeigen: er bleibt immer Mensch, er ist immer noch erhaben \u00fcber dem h\u00f6chsten Affen, leiblich, wie geistig. Selbst wenn wir vergleichend unseren Ma\u00dfstab an den durchaus verthierten Menschen legen, finden wir noch immer genug Berechtigung f\u00fcr uns, auch ihm die unbestreitbar h\u00f6chste Stellung unter allen Gesch\u00f6pfen anzuweisen.\nGleichwohl darf man nicht glauben, da\u00df man eine solche Berechtigung ganz ohne Weiteres voraussetzen k\u00f6une. Der Kaukasier, der bildungsf\u00e4higste und gebildetste Mensch' allein, reicht zur Vergleichung nicht aus. Es gibt Menschen auf unserem Erdball, welche scheinbar tief unter denk Thiere stehen. Baron von H\u00fcgel hat eine Menschenart gezeichnet, gegen welche uns der Pavian als ein gl\u00fcckseliges, beneidenswerthes Wesen erscheinen mu\u00df. Ich will seine Worte hier wiedergeben; sie werden wesentlich dazu dienen, uns Menschen den Menschen kennen zu lehren:\n\u201eVon den ungl\u00fccklichen Bewohnern Neuhollauds ein Bild zu entwerfen\", sagt er, \u201eist f\u00fcr den Menschenfreund eine traurige Aufgabe. Von der Natur ist wohl kein Thier grausamer, als diese Menschen behandelt worden. Ihr K\u00f6rper ist h\u00e4\u00dflich und unf\u00f6rmlich, ihre Z\u00fcge sind Abscheu erregend. Der\nBr eh in, Thierleben.\tI","page":0},{"file":"a0014.txt","language":"de","ocr_de":"x\tErn Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nAusdruck ihres Gesichts ist gr\u00e4\u00dflich: es ist ein Mittelding zwischen jenem eines Cretins und eines Betrunkenen. Wenn man in ihr Auge sieht, so findet man den eigenen Blick bald wie an einer Mauer-abprallen; es ist Nichts, was sich dem Innern des Auges zeigt, keine Frage, keine Neugierde, kem Erstaunen, kein Gedanke; kein Geist bewegt sich darin, \u2014mit einem Wortes es ist seelenlos. Ihr Auge tr\u00fcgt nicht: \u2014- es ist leider der treue Spiegel ihres Innern. Wie bei einem Thiere hat die Seele des Neuholl\u00e4nders keinen Aufschwung; nur mit dem leiblichen Leben ist er besch\u00e4ftigt, nur mit Dem, was sein K\u00f6rper bedarf. Hat nun die Natur diese ihre Stiefkinder einerseits blos aus die seelenlosen Freuden des K\u00f6rpers angewiesen, so hat sie ihnen anderseits nicht die M\u00f6glichkeit gegeben, ihre W\u00fcnsche zu befriedigen, kaum ihren Unterhalt zu finden, ja, nicht einmal den Instinkt der Vorsicht, tote es bet manchen Thieren der Fall ist, welche sich Vorr\u00e4the anleget:. Uttd wie n\u00f6thig w\u00e4reDies gerade hter; dettn Neuholland erzeugt keine e\u00dfbare Frucht, keine Pflanze, welche zum Genusse, keinen genie\u00dfbaren Samen, keine K\u00f6rnerfrucht, kein e\u00dfbares Knollengew\u00e4chs, welche zum Anbau tauglich w\u00e4ren, kein vterf\u00fc\u00dftges Thier, welches als Hausthier gebraucht werden k\u00f6nnte, keines, welches Milch gibt, kein sich schnell vermehrendes, kein Hubn. Sch\u00f6ne und wunderbare Pflanzen, au\u00dferordentliche Thierformen, \u2014 alleitt Nichts, was f\u00fcr die Bed\u00fcrsitisse des Menschen dienen kann. Geschm\u00fcckt wie der herrlichste Garten, in welchem der G\u00e4rtner jede Pflanze zum Liebling erkoren hat, breitet sich das Land unabsehbar vor dem staunenden Fremdlinge aus: kr\u00e4ftig und unber\u00fchrt vott Menschen und Thieren ist Wald und Flur; kein Fu\u00dfpfad schl\u00e4ngelt sich durch den bunten Teppich der WiesenMne Spur des Wildes ersp\u00e4ht der Blick. Es ist, als sei Nettholland nur f\u00fcr die Pflanzenwelt erschaffen. Ihre Formen sind edel und f^\u00f6tt, \u2014 von Menschen und Thieren hat die Natur nur Zerrbilder geliefert.\"\nDie Familienbande unter dem Urvolk Neuhollands sind lose: es gibt unter ihm Mite engeren Verbindungen, als die einer Horde. Wie ein Rudel wilder Thiere durchziehen die Neuholl\u00e4nder tu der jeder Horde geh\u00f6rigen Gegend das Land, ohne ein Dorf, ohne eilt Haus, ohne eine H\u00fctte, ohne du Zelt zu besitzen. Keine H\u00f6hle, keine Grube sch\u00fctzt sie gegen das Wetter, nicht einmal Kleidung; vott keinem Anbau, von keinem Herde ist die Rede: \u2014 auf solch einer niederen Stufe der Menschheit steht der Neuholl\u00e4nder. Und dennoch! sollte man es glauben, ist es noch ein Schritt weiter, bis der Uebergang des Menschett zum Thiere fast unmerklich ist. Diese niedrigste Menschengattung bewohnt manche Gebirgsgegenden Indiens; es ist ein Stamm, welcher unstreitig zu derselben Rasse, wieder Neuholl\u00e4uder geh\u00f6rt; allein jener Indianer hat es nicht bis zur Bildung einer Horde gebracht, kaum eine Familie findet matt vereinigt; \u2014Mann und Frau leben einzeln utid fl\u00fcchten affen\u00e4hnlich aus dte B\u00e4ume, wenn man ihnen zuf\u00e4llig begegnet.\"\nAuch diese hier geschilderten Gesch\u00f6pfe hei\u00dfen und sind Menschen; auch sie mu\u00df man ttt den Kreis der Betrachtung ziehen, wenn man den Menschen mit dem Thiere vergleichen oder ihn von demselben trennen will. Bei ihnen gilt die so beliebte Auffassung des Menschen vom Standpunkte der Gottesgelehrten nicht mehr; aus ihren Leib sind die Worte der Bibel kaum mehr anwendbar, und ihr Verstand erreicht die Ausbildung nicht, da\u00df wir vott ihm und der Vernunft als Gegens\u00e4tzen reden k\u00f6nnten. Und dennoch stehen sie noch immer hoch \u00fcber den Thieren: die ebenm\u00e4\u00dfige, einhellige Ausbildung des Leibes allein schon ist es, welche ihnen ihre Stellung sichert. Durch sie, durch die ihm gewordene Vollendung der thierischen Gestalt, unterscheidet sich auch der thier\u00e4hnlichste Mensch noch immer unendlich weit von dem menschen\u00e4hnlichsten Thiere. Und\nso mag es erlaubt sein, v o n d em M e nsch e n im G e g e tt s atz e z um Th i er e z u r ed e n; so mag es gerechtfertigt erscheinen, weint ich hier die erste Ordnung der Klasse, welche wir tut Nachstehenden betrachten wollen, ganz \u00fcberspringe oder h\u00f6chstens hier und da ber\u00fccksichtige, wo wir vergleichen m\u00fcssen. Unser Buch \u00fcberl\u00e4\u00dft den Menschen Denen, welche berufen sind, ihn so ausf\u00fchrlich zu behandeln, als er behandelt sein mu\u00df, und besch\u00e4ftigt sich daf\u00fcr ausschlie\u00dflich mit denS\u00e4ugethiereu von der zw eiten Ordnung an.\nDer Altvater der Thierkunde, Linus, einer der gr\u00f6\u00dften Naturforscher aller Zeiten und \u201edas Haupt aller fr\u00fcheren, gegenw\u00e4rtigett und zuk\u00fcnftigen J\u00fcnger der Wissenschaft,\" theilte in seinem unsterblichen Werke \u201eSystema naturae\u201c die Thiere in sechs Klassen ein: in S\u00e4ugethiere, V\u00f6gel, Lurche Fische, Kerbthiere und W\u00fcrmer. Er vereinigte somit in den beiden letzten Klassen so viele verschieden gebaute uttd gebildete Gesch\u00f6pfe, da\u00df feine ausgezeichnete Arbeit doch nur f\u00fcr die Zeiteit der Kindheit unserer Wissenschaft giltig sein konnte. Viele Forscher versuchten es nach ihm, diese Eiutheilung zu berichtigen, bis endlich Cu vier im Jahre 1829 die beiden durchgreifenden Gegen-","page":0},{"file":"a0015.txt","language":"de","ocr_de":"Mensch und Thier. Das System. Wirbelthiere. Einhelligkeit des Baues der S\u00e4ugethiere. XI\ns\u00e4he der Ausbildung des thierischen Leibes zur Geltung brachte und die wirbellosen den Wirbel-Thieren gegen\u00fcber stellte. Er vereinigte die ersten vier Klassen Linn\u00f6s zu der einen, die beiden letzten zu einer andern Halbscheid, trennte dagegen die bunt zusammengeworfenen \u201eKerbthiere\" und \u201eW\u00fcrmer\", ihrer nat\u00fcrlichen Beschaffenheit R\u00fccksicht tragend, in drei gr\u00f6\u00dfere Kreise (Weich-, Glieder- und Pflanzenthiere) und bildete aus ihnen f\u00fcnfzehn Klassen. Hiermit legte er den Grund der heutigen Thierkunde: und alle Naturforscher nach ihm haben nur auf dieser Grundlage fortgebaut.\nEs ist unerl\u00e4\u00dflich, da\u00df wir zun\u00e4chst, wenn auch nur fl\u00fcchtig, eineil Blick auf die Gesammtheit der Klassen werfen, deren erste uns zun\u00e4chst besch\u00e4ftigen soll. Alle Wirbelthiere haben so entschieden \u00fcbereinstimmende Merkmale, da\u00df sie niemals mit beit wirbellosen Thieren verwechselt werden k\u00f6nnen. Sie kennzeichnet das innere Knochenger\u00fcst, welches H\u00f6hlen f\u00fcr Gehirn und R\u00fcckenmark bildet und von Muskeln bewegt wird, die Gliedma\u00dfen, deren Zahl niemals vier \u00fcberschreitet, das rothe Blut und ein v ollst\u00e4ndigesG ef\u00e4\u00dfnetz. Ihre hohe Entwickelung ist deutlich genug ausgesprochen. Das gro\u00dfe Gehirn bef\u00e4higt sie zu einer geistigen Th\u00e4tigkeit, welche die aller \u00fcbrigen Thiere weit \u00fcberwiegt; ihre Sinneswerkzeuge sind mehr oder minder einhellig, gleichm\u00e4\u00dfig entwickelt: Augen und Ohren sind fast immer vorhanden und dann stets paarig; die Nase besteht aus zwei H\u00f6hlen und dient nur ausnahmsweise als Tastwerkzeug; die stets schmeckf\u00e4hige Zunge ist ausschlie\u00dfliches Eigenthum der Abtheilung. Leber und Nieren finden sich immer; die Milz ist nur selten nicht vorhanden. Alle sind getrennten Geschlechts und pflanzen sich blos durch Begattung fort. Bewegungsf\u00e4higkeit, Empfindung und Lebendigkeit sind ihnen gemein.\nDie S\u00e4ugethiere stehen in dieser Abtheilung entschieden oben an: und eine solche Stellung verlangt der Walfisch ebenso gebieterisch, wie der Mensch, welcher die h\u00f6chste denkbare Entwickelung im Thierreiche darstellt. Eine ebenm\u00e4\u00dfige Ausbildung aller Leibestheile und die \u00fcberwiegende Masse des Gehirns spricht sich beim Elefant wie bei der Maus, beim Hunde wie beim Schnabelthier aus. Die S\u00e4ugethiere haben eine sehr vollkommene Lungenathmung und deshalb rothes, warmes Blut, und sie geb\u00e4ren lebendige Junge, welche sie mit einer eigenth\u00fcmlichen Dr\u00fcsenabsondernng, der Milch an ihren Br\u00fcsten oder Zitzen eine Zeit lang s\u00e4ugen. Sie bilden die am sch\u00e4rfsten und bestimmtesten nach au\u00dfen hin abgegrenzte Klasse; denn so gro\u00df auch ihre \u00e4u\u00dfere Verschiedenheit sein mag, so gro\u00df ist die Uebereinstimmung ihres inneren Baues.\nDem Uneingeweihten wird es freilich schwer, zu glauben, da\u00df der L\u00f6we und der Walfisch, der Seehund und die Fledermaus nach ein und demselben Plane gebaut sind: ein einziger Blick auf das Geripp dieser Thiere aber \u00fcberzeugt auch ihn von der Uebereinstimmung der ganzen Anlage bei allen diesen so verschiedenen Gestalten.\nDer S ch \u00e4del ist bei ihnen, wie bei allen \u00fcbrigen S\u00e4ugethieren, von der Wirbels\u00e4ule getrennt; er besteht \u00fcberall aus den n\u00e4mlichen, im Wesentlichen gleichartig verbundenen Knochenst\u00fccken; sein Oberkiefer ist stets mit ihm verwachsen, und die in ihm und dem Unterkiefer stehendenZ\u00e4h ne haben, so verschiedenartig sie gebaut oder gestellt sind, doch das Eine gemein, da\u00df sie immer in Zahnh\u00f6hlen oder Alveolen eingekeilt sind. Sieben Wirbel bilden den Hals, mag er nun kurz oder lang feilt, den Hals der Girafe ebensowohl als den des Maulwurfs; und wenn es auch scheinen will, da\u00df die Faulthiere mehr und einige Wale weniger Wirbel des Halses z\u00e4hlen, so zeigt die scharfe Beobachtung doch deutlich, da\u00df dort die \u00fcberz\u00e4hligen Wirbel zur Brust gerechnet und hier die fehlenden als zusammengeschmolzene angesehen werden m\u00fcssen. Schon den V\u00f6geln gegen\u00fcber zeigt sich der Hals der S\u00e4ugethiere als durchaus einhellig gebaut: denn dort nimmt mit der L\u00e4nge des Halses auch die Zahl derWirbel zu. Der Brusttheil der Wirbels\u00e4ule wird von 10 bis 23, der Lendentheil von2 bis 9, die Krenzbeingegend von ebensovielen und der Schwanz von 4 bis 46 Wirbeln gebildet. Rippen oder Rippenstummel kommen zwar an allen Wirbeln vor; doch versteht man gew\u00f6hnlich unter den Rippen blos die an den Brustwirbeln sitzenden, platten und gebogenen Knochen,-welche sich mit dem Brustbeine entweder fest oder durch Knorpelmasse verbinden und die Brusth\u00f6hle einschlie\u00dfen. Ihre Zahl stimmt regelm\u00e4\u00dfig mit jener der Brustwirbel \u00fcberein; die Zahl der wahren oder fest mit dem Brustbein verwachsenen tut Verh\u00e4ltni\u00df zu den falschen oder durch Knorpelmasse an das Brustbein gehefteten ist aber gro\u00dfen Schwankungen unterworfen. Die Gliedma\u00dfen sind diejenigen Theile des S\u00e4ugethierleibes, welche schon im Geripp die gr\u00f6\u00dften Verschiedenheiten bemerklich werden lassen: \u2014 fehlt doch das Hintere Paar manchen Walthieren g\u00e4nzlich oder verk\u00fcmmert wenigstens bis auf ganz unbedeutende Stummel!\nI*","page":0},{"file":"a0016.txt","language":"de","ocr_de":"XII\nEin Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nAuch am vorderen Gliederpaar weichen namentlich der Schult er g\u00fcrte! und die Hand wesentlich ab; das Schl\u00fcsselbein ist sehr stark oder fehlt g\u00e4nzlich, je nachdem die betreffenden Thiere Gr\u00e4ber oder blos L\u00e4ufer sind; die Finger sind vorhanden oder verst\u00fcmmelt, je nachdem die Hand zur Pfote oder Tatze, zum Huf oder zur Flosse geworden ist: es kann die gew\u00f6hnliche Fingerzahl F\u00fcnf bis aus Eins herabsinken. Die Ausbildung der Knochen des Beines ist nicht minder verschiedenartig. .Doch k\u00f6nnen alle diese Schwankungen und scheinbaren Widerspr\u00fcche niemals die klare Einhelligkeit des Knochenbaues aller S\u00e4ugethiere verwischen oder auch nur unklar erscheinen lassen. Sie ist vielmehr\nGerippe von Wal, Seehund, L\u00f6we und Fledermaus.\nso gro\u00df, da\u00df sich der Kundige aus wenigen Knochen das ganze Geripp eines ihm noch g\u00e4nzlich unbekannten Thieres wenigstens in Gedanken zusammenzusetzen vermag.\nDieses Knochenger\u00fcst, der Stamm des S\u00e4ugethierk\u00f6rpers, wird durch die Muskeln bewegt, durch dieselben Gebilde, welche bei vielen Thieren f\u00fcr uns weitaus das Wichtigste des ganzen Leibes sind, weil sieuns zur Nahrung dienen. Sie, welche wir im gew\u00f6hnlichen Leben einfach \u201eFleisch\" zu nennen pflegen, sitzen \u00fcberall an den Knochen fest und bewegen diese in der allerg\u00fcnstigsten Weise f\u00fcr die Bewegung\u2014nicht immer hinsichtlich der aufzuwendenden Kraft \u2014nach den verschiedensten Richtungen","page":0},{"file":"a0017.txt","language":"de","ocr_de":"Geripp. Muskeln. Verdauungswerkzeuge.\nXIII\nhin. Ich w\u00fcrde eine genaue Kenntni\u00df des menschlichen Leibes voraussehen m\u00fcssen, wollte ich sie beschreiben, und ich will meinen Lesern nicht gern durch allzugelehrte Auseinandersetzungen l\u00e4stig werden. So mag es gen\u00fcgen, wenn ich bemerke, da\u00df alle Muskeln im genauesten Einkl\u00e4nge mit den Eigenth\u00fcmlichkeiten des Gerippes und mit der Lebensweise des Thieres stehen, welche ja von der Gestalt desselben bedingt und bestimmt wird. Manchfache Ver\u00e4nderungen der ganzen Anlage erschweren zudem eine \u00fcbersichtliche Beschreibung. Dem einen Thiere fehlt dieser Muskel ganz, bei dem andern ist er besonders entwickelt: derWal besitzt gar keine eigentlichen Halsmuskeln, bei dem Affen sind sie fast ebenso ausgebildet, wie bei dem Menschen; die S\u00e4ugethiere, welche klettern, graben, flattern oder greifen, haben starke Brustmuskeln zur Beugung des Armes; diejenigen, welche laufen, starke H\u00fcft- und Schen-kelmuskeln; die, welche den Schwanz als f\u00fcnftes Bein benutzen, besitzen an ihm kr\u00e4ftige Schwanzmuskeln; die Gesichtsmuskeln mangeln dem Schnabelthier, sind aber bei allen Raub thieren auffallend verst\u00e4rkt u. s. w. Kurz, jedes Thier ist eben f\u00fcr seine Lebensweise besonders ausger\u00fcstet worden, oder aber, die Ausr\u00fcstung hat seine Lebensweise bestimmt.\nNicht minder verschiedenartig gebaut sind die weichen Theile des S\u00e4ugethierleibes. Die Verdauungswerkzeuge lassen, so \u00e4hnlichste auch im Ganzen sind, viele Abweichungen in ihrem Bane erkennen. Der Mund ist bezeichnend f\u00fcr die ganze Klasse: er hat Lippen, welche fleischig und feinf\u00fchlend sind, und eine Zunge, welche im Vergleich zu der bei andern Klassen eigentlich erst Zunge genannt werden kann, weil sie wirklich den Geschmack vermittelt. Die in beide Kiefern eingekeilten und sie bewaffnenden Z\u00e4hne kommen in solcher Ausbildung nur den S\u00e4ugethieren zu und stich f\u00fcr ihre Lebensweise und F\u00e4higkeiten, sowie f\u00fcr ihre wissenschaftliche Einordnung und Bestimmung entscheidend. Ihre Eintheilung in Schneide-, Eck- und Backenz\u00e4hne ist bekannt, und ebenso wei\u00df man wohl auch, da\u00df wiederum der Mensch in seinem Gebi\u00df die sch\u00f6nste Einhelligkeit der verschiedenen Zahnarten zeigt; denn jeder meiner Leser hat gesehen, wie sehr die Eckz\u00e4hne im Maule des Hundes die Schneid e-z\u00e4hne, oder wie sehr diese im Maule des Eichhorns die Backz\u00e4hne durch ihre Ausbildung \u00fcberbieten. Die Z\u00e4hne stehen immer im vollsten Einkl\u00e4nge mit der Ern\u00e4hrungsweise des Thieres:\n\u201eJeglicher Mund ist geschickt, die Speise zu fassen,\nWelche dem K\u00f6rper geb\u00fchrt, es sei nun schw\u00e4chlich und zahnlos Oder m\u00e4chtig der Kiefer gezahnt; in jeglichem Falle F\u00f6rdert ein schicklich Organ den Gliedern die Nahrung.\"\nSo mag nun also der Mund gar keine Z\u00e4hne mehr haben, wie bei dem Ameisenfresser, oder \u00fcber 200 Z\u00e4hne z\u00e4hlen, wie bei einem Delfin: immer wird er aufs Genaueste der Ern\u00e4hrungsweise des Thieres entsprechen.\nAn den Mund reiht sich die Speiser\u00f6hre an, welche dadurch ausgezeichnet ist, da\u00df sie sich niemals kropfartig erweitert, wi\u00f6'bei den V\u00f6geln. Der Magen, in welchen der Schlund \u00fcbergeht, ist eben so wenig jemals ein Vogelmagen, wie ihn selbst die naturunkundigsten Hausfrauen vom Huhn kennen, sondern immer nur ein mehr oder weniger d\u00fcnnh\u00e4utiger, einfacher oder bis dreifach eingeschn\u00fcrter Sack. Ganz eigenth\u00fcmlich gebildet ist er bei denjenigen Thieren, welche ihre Speise nach dem Hinabschlingen noch einmal behaglich durchkauen und dann erst in die Abtheilung f\u00fcr Verdauung senden, an den ersten Speichern vor\u00fcber. Ueber die ausscheidenden Dr\u00fcsen, wie Leber, Mund- und Bauchspeicheldr\u00fcsen und Nieren ist im Allgemeinen eben so wenig zu sagen, als \u00fcber den Darm: es gen\u00fcgt, wenn wir festhalten, da\u00df der Harn nur bei den S\u00e4ugethieren besonders entleert wird, und da\u00df in der Umgebung des Afters oft Dr\u00fcsen vorkommen, welche ganz eigenth\u00fcmliche, gew\u00f6hnlich sehr stark riechende oder stinkende Stoffe absondern.\nDie G e f \u00e4 \u00df e weichen w enig von dem allg enteinen Gepr\u00e4ge ab; Herz und Adern und Aufsauggef\u00e4\u00dfe sind bei dem einen S\u00e4ugethiere so ziemlich wie bei dem andern, obgleich auch hier Schwankungen in der Gestalt und Anlage bemerklich werden. Das Herz besitzt immer zwei Kammern und zwei Vorkammern, die Schlagadern sind ausdehnbar, dieBlutadern innen mit Klappen versehen, die Saugadern haben viele Vereiniguttgspunkte und m\u00fcnden durch einen Hauptgang in die gro\u00dfe Hohlader.\nDie Brusth\u00f6hle ist durch das Zwerchfell vollst\u00e4ndig geschlossen, die Lunge h\u00e4ngt frei in ihr und steht nicht mit besonderen Lufts\u00e4cken inVerbindung, die Luftr\u00f6hre theilt sich in zwei und zuweilen (bei den Walen und mehreren Hufthieren) in drei Zweige und besitzt immer blos einen einzigen","page":0},{"file":"a0018.txt","language":"de","ocr_de":"XIV\nEin Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nKehlkopf, welcher im Anfange der R\u00f6hre liegt und aus sieben Knorpeln besteht. Mit ihm stehen bei einigen S\u00e4ugethieren eigenth\u00fcmliche Stimm sacke in Verbindung.\nGehirn und Nerven sind sehr verschieden ausgebildet. Ersteres f\u00fcllt zwar regelm\u00e4\u00dfig die Sch\u00e4delh\u00f6hle aus: allein die Sch\u00e4delh\u00f6hle ist auch oft verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sehr stein und die Masse des Gehirns dann \u00e4u\u00dferst gering. Bei keinem einzigen andern S\u00e4ugethiere \u00fcberwiegt das Gehirn das R\u00fcckenmark in demselben Grade, wie bei dem Menschen, und bei keinem ist das gro\u00dfe Gehirn so entwickelt, wie bei ihm. Hierin gibt sich schon leiblich die geistige Ueberlegenheit des Menschen \u00fcber alle \u00fcbrigen Thiere kund. Bei den geistesarmen S\u00e4ugethieren \u00e4hnelt das Gehirn noch ganz den: der V\u00f6gel; doch erhebt es sich von den am wenigsten Beg\u00fcnstigten zu den vollkommeneren rasch und zu au\u00dferordentlicher Entwickelung und zeigt bald die eigenth\u00fcmlichen Windungen, deren Anzahl und Ausdehnung im Verh\u00e4ltni\u00df zu der geistigen Bef\u00e4higung stehen. Die Sinneswerkzeuge zeigen eine gro\u00dfe Uebereinstimmung in ihrer Anordnung; nur bei den Walen finden sich Abweichungen von der allgemeinen Regel. Diese besitzen wohl noch eine Nase, aber in ihr keinen Geruchssinn: denn ihr Riechnerv fehlt g\u00e4nzlich, und die Nase ist einzig und allein zu einer Athmungsh\u00f6hle bestimmt, Uebrigens sind die Nasenl\u00f6cher bei allen S\u00e4ugethieren paarig und von Knochen und Knorpeln umgeben, welche ihre Gestalt bedingen. Auffallend verl\u00e4ngerte Nasen oder R\u00fcssel, welche zuweilen sehr umfassend bewegt werden k\u00f6nnen, sind regelm\u00e4\u00dfig Tastwerkzeuge geworden. Die Riechmuscheln, ans denen derRiechner v sich ausbreitet, stehen hinsichtlich ihrer Gr\u00f6\u00dfe und Ausdehnung mit der Ausbildung des Sinnes in geradem Einkl\u00e4nge. Die Werkzeuge des Geh\u00f6rs sind weit vollkommener, als die aller anderen Klassen; das Ohr besitzt stets die drei Ohrkn\u00f6chelchen, Hammer, Ambos und Steigb\u00fcg el, und bei allen h\u00f6heren Ordnungen und namentlich bei den Landbewohnern eine oft sehr gro\u00dfe Muschel. Das Gesicht \u00fcberwiegt die \u00fcbrigen Sinne nicht in dem Grade, wie bei den V\u00f6geln; die stets paarigen Augen sind immer verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig klein und niemals im Innern willk\u00fcrlich beweglich, wie die der zweiten Thierklasse; die Nickhaut ist bereits verk\u00fcmmert, die Li der aber sind vollkommen und auch dieWim-pern schon hier und da vorhanden; der Stern ist rund oder senkrecht und seitlich verl\u00e4ngert. Bei einigen S\u00e4ugethieren, wie bei dem Blindmoll, verk\u00fcmmern die Augen. Die Muskeln, welche den Augapfel bewegen, sind oft zusammengesetzter und zahlreicher, als bei dem Menschen; denn 51t den vier-geraden und zwei schiefen, welche hier wirken, treten noch andere hinzu. Der Geschmack ist weit vollkommener, als der der V\u00f6gel, wie schon die fleischige, nervenreiche Zunge schlie\u00dfen l\u00e4\u00dft. Diese zeigt sich \u00fcbrigens h\u00f6chst verschieden hinsichtlich ihrer Gestalt, Beschaffenheit und Bewegungsf\u00e4higkeit: sie kann breit, platt, flach und unbeweglich, oder schmal, lang, ja wurmf\u00f6rmig und vorstreckbar fein; sie ist zuweilen an den Seiten gefranst, zuweilen mit Hautstacheln besetzt, wie z. B. die Zunge des L\u00f6wen oder-\naller Katzen \u00fcberhaupt. Sie kann unter der eigentlichen Zunge noch Anh\u00e4ngsel, die Unterzunge, haben rc. Das Gef\u00fchl endlich zeigt sich als Tastsinn in ziemlich hohem Grade und kann durch die Nase oder durch die Hand oder auch durch Schnurrhaare vermittelt werden. Das Verm\u00f6gen der Empfindung macht sich stets und fast an allen Leibestheilen bemerklich.","page":0},{"file":"a0019.txt","language":"de","ocr_de":"XV\nGef\u00e4\u00dfe. Athmungswerkzeuge. Hautgebilde. Geschlechtstheile. Bewegungen.\nMan hat die S\u00e4ugethiere oft \u201eH aarthiere\" genannt, damit aber niemals die ganze Klasse scharf bezeichnet. Die Haare, welche wir als Grannen- und Wollhaare, Wolle und Borsten unterscheiden, sind allerdings vorherrschend, doch kommen auch Schuppen und Stacheln, hornige Schilder und hornartige Hautschwielen oder die blo\u00dfe Haut als \u00e4u\u00dfereLeibesbedeckuugen vor, wie ja \u00fcberhaupt die Gebilde der Oberhaut h\u00f6chst verschieden sein k\u00f6nnen, obgleich sie allesammt nur als manchfaltige Auspr\u00e4gungen ein und desselben Stoffes betrachtet werden m\u00fcssen. Eine solche VersHe-denheit zeigt sich auch in den N\u00e4geln, welche bald glatt und d\u00fcnn, bald rund und dick, gerade und gebogen, stumpf und scharf, oder N\u00e4gel und Krallen, Klauen und Hufe fitii).\nWeit bezeichnender, als alle diese bisher betrachteten Eigenth\u00fcmlichkeiten des S\u00e4ugethierleibes sind die Geschlechtstheile f\u00fcr unsere Klasse. Die \u00e4u\u00dfere Gestalt derselben darf als bekannt vorausgesetzt werden, den inneren Bau derselben m\u00fcssen wir jedoch etwas ausf\u00fchrlicher betrachten. Ich brauche wohl kaum zu erw\u00e4hnen, da\u00df die Geschlechtswerkzeuge die allervollkommensten in der g anzell Thierreihe sind. Was in den luteren Klassen nur angedeutet oder wenigstens nicht ausgef\u00fchrt ist, erscheint hier vollendet. Schon die \u00e4u\u00dferen Reiz- und Begattungswerkzeuge sind weit vollkommener, als bei denV\u00f6geln; die inneren erzeugenden und ern\u00e4hrenden Dr\u00fcsen sind bei diesen ebensowenig vorhanden, als die Milchdr\u00fcsen, welche dem neugeborenen Jungen seine Nahrung liefern. Alle weiblichen S\u00e4ugethiere besitzen einen paarigen, nur bei dem Schn abelthier und Ameisenigel verk\u00fcmmerten Eierstock und Eileiter, sowie einenFruchth\u00e4lter, in welchem das befruchteteEi zur Reife gelangt. Der Eierstock ist rundlich, eif\u00f6rmig oder traubig und enth\u00e4lt viele, aber sehr kleine Eierchen, so da\u00df erst die Neuzeit N\u00e4heres \u00fcber sie berichten konnte. Von hier aus f\u00fchren die Eileiter zum Fruchth\u00e4lter hinab, welcher bei den obengenannten Thieren blos eine Erweiterung des hier sehr einfachen Organs ist, bei denBeutelthieren und vieleuNagernalseine doppelte Ausweitung beider Eileiter angesehen werden kann, bei den h\u00f6her stehenden Ordnungen aber zu einem einzigen Sacke zusammenschmilzt. Er m\u00fcndet bei den Schnabelthieren in den unteren Mastdarm, bei allen \u00fcbrigen mit dem Harnleiter in die Scheide.\u2014Die \u00e4u\u00dferen Ern\u00e4hruugsdr\u00fcsen f\u00fcr das neugeborene Junge, die Br\u00fcste oder Zitzen, fehlen bei keinem S\u00e4ugethiere, sind aber bald an die Brust allein, bald zwischen die Leisten, bald endlich auf Brust, Bauch und Leistengegend zugleich gestellt und schwanken auch in ihrer Zahl zwischen Zwei und Zw\u00f6lf. Sie bestehen aus zelligen, blinden und offenen R\u00f6hren und sondern aus dem Blute die Milch ab, welche durch eine mehrfach durchbohrte Warze ausflie\u00dfen kann. Kurz vor und nach der Zeugung treten sie in Wirksamkeit; in der Kindheit sind sie nur angedeutet.\nDiese allgemeinen Bemerkungen m\u00f6gen f\u00fcr unsere oberfl\u00e4chliche Betrachtung des S\u00e4ugethierleibes gen\u00fcgen. Wer sich dar\u00fcber ausf\u00fchrlich belehren will, findet Hand - und Lehrb\u00fccher genug, welche ihn in verst\u00e4ndlicher oder dunkler Weise mehr berichteit k\u00f6nnen, als er vielleicht selbst w\u00fcnscht. Unser Zweck ist, das Leben des Leibes und der Seele, das Leben des ganzen Thieres kenneil zu lernen, und diesen Zweck fassen wir daher vqx Allem ins Auge.\nDas Leben aller Angeh\u00f6rigen der erstell Klasse bietet uns reichen Stoff zur Belehrung uild Unterhaltung. Die S\u00e4ugethiere leben nicht so viel, wie die V\u00f6gel; denn ihr Leben ist bed\u00e4chtiger und schwerf\u00e4lliger, als das jenes leichtsinnigen Volkes der H\u00f6he. Jhueil mangelt die heitere Lebendigkeit und unersch\u00f6pfliche Lebeusfr\u00f6hlichkeit der Lieblinge des Lichtes: siezeigen daf\u00fcr eine gewisse Beh\u00e4bigkeit und Lebensgenu\u00dfsucht, welche vieleil sehr gut und vielen sehr schlecht ansteht. Hinsichtlich ihrer Beweglichkeit uild Beweguugsf\u00e4higkeit stehen sie weit hinter den V\u00f6geln zur\u00fcck. Nur wenige kennen die unbeschreibliche Lust einer ungebundenen^ Bewegung, nur wenige jagen jauchzend zwecklos umher, wie die mit ihren herrlichen Gaben scherzenden und spielendeil Kinder der Luft. Die S\u00e4ugethiere haben ein ernsthafteres Wesen, als diese; sie verschm\u00e4hen ein unn\u00fctzes Anstrengen ihrer leiblichen Kr\u00e4fte. Blos in der Kindheit, und weiln sie die allm\u00e4chtige Liebe kiildisch oder kindlich macht, sind sie zu lustigem Spiel geneigt und geben sich ganz der Lust der Bewegung hin. Bei den V\u00f6geln ist es anders. Hier hei\u00dft sich bewegen, leben, und leben, sich bewegen. Der gange Vogel ist in steter Unruhe und m\u00f6chte am liebsten die ganze Nacht zum Tage machen, um seiner ewigen Regsamkeit volles Gen\u00fcge zu leisten. Sein kleines Herz","page":0},{"file":"a0020.txt","language":"de","ocr_de":"XVI\nEin Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nschl\u00e4gt schneller, sein Mut jagt st\u00fcrmischer durch seine Adern, seine Glieder scheinen gelenker, gest\u00e4hlter zu sein, als es bei den S\u00e4ugethieren der Fall ist. Dem Vogel ist die Bewegung Bed\u00fcrfni\u00df, unbedingte Nothwendigkeit; dem S\u00e4ugethiere ist sie meist nur ein Mittel zum Zweck. Es scheint die wahre Lebensbehaglichkeit erst zu empfinden, wenn es sich m\u00f6glichst bequem hingelagert hat mti> sich, wenn nicht dem Schlafe, so doch wenigstens einem Halbschlununer hingeben kann. Ein in solchem Zustande verharrender^ .fauler Mensch, ein auf dem R\u00fccken liegender Hund, eine auf weichem Polster ruhende Katze und vor allem der wiederk\u00e4uende Ochse m\u00f6gen meine Behauptung bildlich er\u00f6rtern: ersterer hat mit letzterem auch noch Das gemein, da\u00df er sich nach Kr\u00e4ften bem\u00fcht, w\u00e4hrend der Ruhe des Leibes auch dem Geiste die n\u00f6thige Erholung zu g\u00f6nnen. Ein solches \u201es\u00fc\u00dfes Nichtsthun\" mit offenen Augen kommt unter den V\u00f6geln h\u00f6chstens bei einem toll - und vollgefressenen Geier vor. Sie sind eben Bewe-gungs-, jene Empfindungsthiere.\nMan kann allerdings nicht sagen, da\u00df die Bewegungsf\u00e4higkeit der ersten Klasse gering sei. Die S\u00e4ugethiere gehen, laufen, springen, klettern, \u201efliegen^, schwimmen und tauchen, wie die V\u00f6gel. Aber die Masse beherrscht, die Scholle fesselt sie: und so wird ihre gr\u00f6\u00dfte Schnelligkeit von den Seglern der L\u00fcfte, von den erdfrei gewordenen, luftigen V\u00f6geln durchschnittlich \u00fcberboten. Ja, selbst die Erdv\u00f6gel, wie der Strau\u00df oder der Kasuar, wetteifern im Laufen mit dem schnellf\u00fc\u00dfigen Ro\u00df oder der behenden Antilope. Und wenn die armen S\u00e4ugethiere nun gar versuchen wollen, den gefiederten Scharen es gleichzuthun, zeigen sie erst recht, wie weit ft$ hinter den Begabten zur\u00fcckstehen: \u2014 die Fledermaus ist nur ein Zerrbild des Vogels!\nDie S\u00e4ugethiere gehen auf zwei oder auf vier Beinen. Einen aufrechten Gang hat blos der Mensch, kein zweites Thier au\u00dfer ihm. Kein Affe geht aufrecht; die K\u00e4ngurus oder Spring-beutelthiere, welche sich ausschlie\u00dflich auf den Hinterbeinen fortbewegen, gehen nicht, sondern springen, d. h. f\u00f6rdern sich durch Aufschnellen ihrer Beine satzweise, und die Springm\u00e4use, welche eins ihrer Hinterbeine um das andere bewegen, gehen nicht aufrecht. Alle \u00fcbrigen Landthiere laufen auf ihren vier F\u00fc\u00dfen, und zwar indem sie ein Vorderbein und das gegenseitliche Hinterbein zugleich oder fast zugleich aufheben, vorstrecken und wieder niedersetzen. Eine Ausnahme hiervon machen Elefant, Nilpferd, Kamel, Girafe und mehrere Antilopen: sie bewegen beide Beine einer Seite fast genau zu gleicher Zeit. Diese Gangart, der Pa\u00df, kann unsern gez\u00e4hmten Einhufern ebensogut anerzogen werden, wie der nat\u00fcrliche Trab. Jede Beschleunigung des Gehens hebt beide Gangarten, den Pa\u00df oder den Wechselschritt, wenigstens scheinbar auf. Man glaubt n\u00e4mlich, da\u00df ein im schnellsten Laufe dahinjagendes Thier zuerst beide Vorderf\u00fc\u00dfe und dann beide Hinterf\u00fc\u00dfe auf den Boden setze und wieder erh\u00f6he: in Wirklichkeit aber beh\u00e4lt es seinen urspr\u00fcnglichen Gang. Die Schnelligkeit dieser Bewegung ist so verschieden, da\u00df eine allgemeine Sch\u00e4tzung derselben hier unthunlich ist; zudem hat man sie auch nur beim Pferde genau gemessen. Das Ergebni\u00df dieser Messungen ist \u00fcbrigens in hohem Grade \u00fcberraschend. Einige englische Reitpferde haben sich durch ihre Leistungen einen geschichtlicher Namen erworben und m\u00f6gen deshalb auch hier als Belege aufgef\u00fchrt werden. Flying Chi lders durchlief die 20,884 Fu\u00df lange Bahn von Neumarket in sechs Minuten und vierzig Sekunden; Ec lipse legte in jeder Sekunde achtundfunfzig Fu\u00df zur\u00fcck; Firetail durchma\u00df eine englische Meile in vierundsechzig Sekunden. Derartige Anstrengungen dieser herrlichen Thiere k\u00f6nnen nat\u00fcrlich nur kurze Zeit w\u00e4hren; gleichwohl ist auch die Ausdauer der englischen Vollblutpferde bewunderungsw\u00fcrdig. So machte sich ein Herr Wilde verbindlich, eine Strecke von 127 englischen Meilen mit untergelegten Pferden in neun Stunden zu durchreiten, und l\u00f6ste sein Wort durch einen Ritt von nur 6 Stunden und 21 Minuten. Er hatte dabei zehn Pferde benutzt, von denen einige in einer Stunde Zeit zwanzig englische Meilen oder 102,580 rheinl\u00e4ndische Fu\u00df durchliefen. Eine \u00e4hnliche Schnelligkeit d\u00fcrfte im Freileben der S\u00e4ugethiere \u00fcbrigens selten vorkommen. Und was ist sie gegen die Schnelligkeit des Vogelflugs?! Schon die langsame Kr\u00e4he w\u00fcrde mit dem Rennpferd wetteifern k\u00f6nnen; die Brieftaube \u00fcberholt es bald: denn sie durchfliegt mehr als den doppelten Raum, n\u00e4mlich 280,000 Fu\u00df in derselben Zeit. Und wenn nun erst ein Edelfalk zu ernster Jagd oder ein Segler zum Liebesreigen feine kraftgest\u00e4hlten, unerm\u00fcdlichen Schwingen in Bewegung setzt und, wie die geringste Sch\u00e4tzung ergibt, gegen 800,000 Fu\u00df in einer Stunde durchmi\u00dft: wo bleibt da die Schnelle des edlen Rosses?! Auch dieses klebt an der Scholle: \u2014drum gew\u00e4hrt die himmelanstrebende, Zeit und Raum \u00fcberfliegende Dichtung ihrem Rosse die g\u00f6ttliche, den irdischen Leib vergeistigende Schwinge!","page":0},{"file":"a0021.txt","language":"de","ocr_de":"Gang. Springen. Klettern.\nXVII\nDas Springen geschieht sehr verschiedenartig. Alle S\u00e4ugethiere, welche springend laufen, wie die vorhin Genannten, schnellen sich durch pl\u00f6tzliches Ausstrecken ihrer zusammengebogenen Hinterbeine vorw\u00e4rts und machen S\u00e4tze anstatt der Schritte. Diejenigen, welche nur dann springen, wenn sie angreifen oder ein Hinderni\u00df \u00fcbersetzen wollen, schnellen sich immer durch die Kraftanstrengung aller vier Beine empor, wenn auch die Hinterbeine das Haupts\u00e4chlichste dabei leisten m\u00fcssen. Der Schwanz bestimmt oder regelt die Richtung des Sprunges: und deshalb ist auch bei fast allen Springern dieses nothwendige Steuer besonders entwickelt, beim Affen ebensowohl, wie bei der Springmaus, bei der Katze, wie bei dem K\u00e4nguru. Nur sehr selten, bei den Langarmaffen z. B., verrichten die Hinterbeine anstatt des Schwanzes den Dienst des Stenerns, \u2014 wie ja auch alle sehr kurzschw\u00e4nzigen V\u00f6gel (die Alken, Stei\u00dff\u00fc\u00dfe, Seetaucher und andere) blos mit den F\u00fc\u00dfen steuern. Die Kraft des Sprunges ist sehr bedeutend. Ein Asse kann einen in wagrechter Richtung zwanzig bis drei\u00dfig Fu\u00df von ihm entfernten Zweig springend erreichen; ein Eichhorn springt ungef\u00e4hrdet aus einer H\u00f6he von sechszig und mehr Fu\u00df zur Tiefe nieder; ein Hirsch setzt \u00fcber eine Wand von acht, ein L\u00f6we \u00fcber eine solche von zehn Fu\u00df H\u00f6he, eine Gemse \u00fcber eine Kluft von gleicher Weite; ein Steinbock schnellt sich bis zehn Fu\u00df senkrecht empor re. Der h\u00fcpfende Gang der Springbeutelthiere f\u00f6rdert fast ebenso schnell, wie der Lauf des Hundes; eine Springmaus wird niemals von einem laufenden Menschen eingeholt. Im Springen sind die S\u00e4ugethiere Meister; selbst der behende, starke Lachs, welcher doch oft unter den scheinbar ung\u00fcnstigsten Umst\u00e4nden bedeutende hohe Spr\u00fcnge macht, kann mit ihnen nicht wetteifern.\nSehr merkw\u00fcrdig und verschieden ist die Kletterbewegung der S\u00e4ugethiere. Wir finden unter denjenigen, deren ganzes Leben auf dem Baume verflie\u00dft, ausgezeichnete Kletterer, Seiloder Zweigk\u00fcnstler und Gaukler. Richt nur alle vier Beine, H\u00e4nde und Pfoten, sondern auch der Schwanz werden in Th\u00e4tigkeit gesetzt; der letztere \u00fcbernimmt sogar eine ganz eigenth\u00fcmliche Rolle, deren Wiederholung wir nur bei einigen Lurchen bemerken: er dient als Werkzeug zum Auheften, zum Festbinden des Leibes. Alle altweltlichen Affen klettern, indem sie das Gestein oder die \u00c4ste und Zweige mit ihren vier H\u00e4nden packen und sich durch Anziehen der Vorderarme und Strecken der hinteren Glieder fortfchieben. Da\u00df bei solchen K\u00fcnstlern auch das Umgekehrte stattfinden kann, versteht sich von selbst: denn der Gegensatz zwischen H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen ist ja bei ihnen gleichsam aufgehoben. Ganz anders klettern viele Affen Amerikas. Sie sind geistig wie leiblich tr\u00e4ger, also vorsichtiger und langsamer, als ihre \u00fcberm\u00fcthigen Verwandten in der alten Welt: auch ihre Bewegungen m\u00fcssen daher andere sein. Allerdings werden die H\u00e4nde noch benutzt: der Schwanz aber ist es, welcher zum Festhalten dient. Seine starken Muskeln rollen dessen Ende so fest um einen Ast oder Zweig, da\u00df der ganze Leib hierdurch allein schon eine St\u00fctze oder einen Henkel erh\u00e4lt, mit welchem er sich so sicher befestigen kann, da\u00df die Benutzung aller vier Beine m\u00f6glich wird. Dieser Schwanz nun ist es, welcher vorausgeschickt wird, um Anhalt zu suchen, an ihm klettert unter Umst\u00e4nden der Affe wie an einem festgebundenen Seile empor. \u2014 Von beiden Familien unterscheiden sich die Krallenkletterer, zu welchen schon eine Familie der wirklichen Affen geh\u00f6rt. Sie h\u00e4keln sich mit ihren gebogenen, scharfen Krallen in die Baumrinde ein und gebrauchen den Schwanz h\u00f6chstens noch zum Anstemmen gegen die Fl\u00e4che, an welcher sie hinaufklettern, oder gar nicht mehr. Unser Eichhorn und die Katze, der Marder und der B\u00e4r, der Beutelbilch und das L\u00f6wen\u00e4ffchen sind solche Krallenkletterer. Sie sind im Stande, mit gro\u00dfer Klettergeschwindigkeit auf wagrechjen, schiefen und senkrechten Fl\u00e4chen sich zu bewegen, ja, f\u00f6rmlich herumzulaufen, und einzelne von ihnen, wie die Kusus und Beutelratten, besitzen dazu auch noch einen Wickelschwanz und geben dann kaum den Affen im Klettern Etwas nach. Weit schwerf\u00e4lliger ist das Klettern der Fault hi ere. Ihre F\u00fc\u00dfe sind zwar mit starken Krallen versehen: sie benutzen diese aber weniger zum Einh\u00e4keln in die Rinde, als vielmehr zum Umklammern der \u00c4ste und Zweige der B\u00e4ume. An den St\u00e4mmen sollen sie wie ein Mensch emporklimmen. Roch einfacher, keineswegs aber ungef\u00e4hrlicher, ist das Ersteigen von Felsw\u00e4nden oder starken Steilungen der Gebirge. Die Paviane, welche auf den B\u00e4umen t\u00f6lpisch sind, m\u00fcssen als die Meister m dieser Fertigkeit angesehen werden: gleich hinter ihnen aber kommen \u2014 die Wiederk\u00e4uer, welche auf Gebirgen leben. Sie steigen zwar blos; allein dieses Steigen ist ein Klettern in halsbrechender Weise und erfordert entschieden eine weit gr\u00f6\u00dfere Sicherheit und eine kaum minder gro\u00dfe Gewandtheit, als das Klettern aller vorher genannten Thiere.","page":0},{"file":"a0022.txt","language":"de","ocr_de":"XVIII\nErn Blick auf das Leben der Gesammtheit.\n\u00dcbrigens habe ich in den Urw\u00e4ldern Afrikas die Ziegen mit gro\u00dfer Geschicklichkeit auch an schiefen St\u00e4mmen hinan und auf dem Gezweig der B\u00e4ume herumklettern sehen.\nMan sollte nicht meinen, da\u00df die V\u00f6gel auch tu dieser Bewegung die S\u00e4ugethiere wenigstens in einer Hinsicht \u00fcbertr\u00e4fen. Ein Eichh\u00f6rnchen \u201ereitet\" allerdings schneller an einem Stamme hinan, als ein Specht, keineswegs aber auch so behend und zierlich kopfunterst an dem Stamme hinab, wie die Sp-echtmeise (Sitta), mit welcher hierin nur die Eidechsen, namentlich die Geckos, wetteifern k\u00f6nnen. Die Affen, Katzen und Eichh\u00f6rnchen und einige marderartige Thiere gehen zwar auch in der genannten Richtung nach unten: sie klettern aber nicht, sondern rutschen und k\u00f6nnen sich, wenn sie einmal in Bewegung gekommen sind, keineswegs so ohne alle Umst\u00e4nde auf derselben Stelle erhalten, wie der erw\u00e4hnte Vogel. Dagegen steht die Wiedergabe derselben Grundform in einer andern Klasse, ich meine den Vogelafsen Papagei, weit hinter seinem Vorbilde zur\u00fcck. Er st\u00fcmpert nur, wo jener vollkommen K\u00fcnstler ist.\nDas Flattern der S\u00e4ugethiere, welches oft schon mit Unrecht \u201eFliegen\" genannt ward, lehrt uns eilte andere Bewegungsart unserer Klasse kennen. Es l\u00e4\u00dft sich in ihr allerdings eine Steigerung wahrnehmen, doch bleibt diese Bewegung immer nur bei dem Anfang, bei dem Versuch stehen und gelangt nie zur Vollendung. An den Flugeichh\u00f6rnchen und Flugbeutlern sehen wir die Anf\u00e4nger in dieser Fertigkeit. Sie benutzen die zwischeit ihren Beinen ausgespannte Haut eben'nur als Fallschirm, wenn sie ans der H\u00f6he in die Tiefe hinabspringen wollen, und sind nicht im Stande, sich durch Bewegen dieser Haut in freier Luft zu erheben. Auch die Flattermakis, welche Uebergangsglieder von den \u00c4ssern zu den Fled erm \u00e4usen sind, verm\u00f6gen nicht, etwas Anderes zu leisten. Einzig und allein die wahren Fled erm\u00e4use sind bef\u00e4higt, mit Hilfe der Flughaut, welche zwischen ihren Gliedma\u00dfen und zumal zwischen ihren unm\u00e4\u00dfig verl\u00e4ngerten Fingern sich ausspannt, in der Luft sich zu bewegen. Das geschieht, indem sie mit der ausgespannten Flughaut schief auf die Luft schlagen und sich dadurch heben und zugleich f\u00f6rdern. Es scheint, als ob ihr sogenanntes Fliegen sehr leicht von Statten ginge. Sie machen so schnelle und j\u00e4he Wendungen, da\u00df sie blos von einem recht t\u00fcchtigen Sch\u00fctzen im Fluge erlegt werden k\u00f6nnen; sie streichen flatternd rasch eine Strecke weit fort und heben und senken sich gewandt und schnell. Und dennoch ist diese Bewegung kein Flug, sondern nur ein schwerf\u00e4lliges Sich - Dahinw\u00e4lzen, ein Kriechen durch die Luft. Jeder Windhauch st\u00f6rt das Flattern der Fledermaus, ein Stttrm macht es unm\u00f6glich! Der Grund hiervon ist leicht zu erkennen. Die Flughaut ist eine Fl\u00e4che, welche nicht wie der Vogelfl\u00fcgel bald den Durchzug der Luft verwehrt, bald aber erlaubt, sondern bei jeder Bewegung Widerstand verursacht. Wenn nun auch das Flngwerkzeug des S\u00e4ugethieres beim Heben etwas verkleinert wird, bleibt der gr\u00f6\u00dfere Widerstand doch f\u00fchlbar und dr\u00fcckt das Thier wieder etwas nach unten; der Niederschlag hebt es, der Aufzug senkt es: es mu\u00df flattern! Wie ganz anders ist der Flug des Vogels! \u201eEr ist die k\u00f6stlichste, erhabenste aller Bewegungen. Bald ist er ein geruhiges Schweben, bald ein pfeilschnelles St\u00fcrmen, bald ein Wiegen, Schaukeln, Spielen, bald ein Gleiten, Dahinschie\u00dfen, ernstes Eilen, bald ein Reisen mit Gedankenschnelle, bald ein Lustwandeln, langsam, gem\u00e4chlich; bald rauschen die Wellen des Aethermeeres unter ihm, bald h\u00f6rt man keinen Laut, auch nicht den geringsten, leisesten; bald erfordert er schwere Fl\u00fcgelschl\u00e4ge, bald keine einzige Fl\u00fcgelbewegung; bald erhebt er den Vogel zu H\u00f6hen, von denen uns Menschen nur tr\u00e4umt, bald n\u00e4hert er ihn der Tiefe, dem Meere, da\u00df dessen Wogen die Fittige netzen mit ihrem Schaume.\" Er kann so manchfaltig, so verschieden sein, als er nur will: immer bleibt und immer hei\u00dft er Flug. Blos das Flugwerkzeug des Vogels nennen wir Fl\u00fcgel; nur mit ihm begabt der K\u00fcnstlergedanke die entfesselte Seele \u2014mit der Flughaut der Fledermaus verh\u00e4\u00df-licht er den Teufel, die tollste Mi\u00dfgeburt des krankhaften Wahns. Mag auch die n\u00e4chtliche Lebensweise der Flederm\u00e4use den ersten Gedanken zu solchen Einbildungen gegeben haben: die Form, die Gestalt der Flughaut ist ma\u00dfgebend gewesen. Und weil solche Flatterhaut nun gerade dem aus der H\u00f6he zur Tiefe gest\u00fcrzten Engel verliehen wurde, w\u00e4hrend der nach oben schwebende Bote des Himmels die Schwinge erhielt: deutet Dies sinnbildlich darauf hin, da\u00df die unbewu\u00dfte Dichterseele des K\u00fcnstlers wenigstens die eine Wahrheit ahnte: Rur der Vogel ist erdfrei geworden, \u2014das S\u00e4ugethier h\u00e4ngt auch mit Fl\u00fcgelgedanken noch an der Scholle!\nHierbei ist aber noch Eins zu bedenken. Der allervollendetste Flieger, der Segler allein, nur er, welcher so recht eigentlich der H\u00f6he angeh\u00f6rt, ist mit der erlangten Erdfreiheit auch fremd auf der Erde geworden: der Flatterer ist es stets. Jedes Flatters\u00e4ugethier ist ein trauriges Mittelding","page":0},{"file":"a0023.txt","language":"de","ocr_de":"Flattern. Schwimmen.\tXIX\nzwischen den Gesch\u00f6pfen der Tiefe und denen der H\u00f6he. Auf der Erde l\u00e4uft selbst das Flattereichhorn schwerf\u00e4llig dahin: die Fledermaus aber humpelt eben blos noch. An den Hinterbeinen h\u00e4ngt sie sich auf zum Schlafen, das Haupt immer erdw\u00e4rts gekehrt; auf ihren Flugwerkzeugen kriecht sie dahin! Nur halb vertraut mit dem Aether, fremd auf der Erde: \u2014 welch trauriges Loos ist ihr geworden mit ihrem \u201eFl\u00fcgel!\" \u2014\nFreundlicher, begl\u00fcckender f\u00fcr das Thier ist die vielen S\u00e4ugern verliehene Gabe, das Wasser . bewohnen, in ihm schw immen, in seine Tiefen hinabtauchen zu k\u00f6nnen. Nur sehr wenige S\u00e4ugethiere sind g\u00e4nzlich unf\u00e4hig, sich schwimmend auf der Oberfl\u00e4che des Wassers zu erhalten: ich glaube blos der ungelernte oder unge\u00fcbte Mensch und einige Affen, z. B. die Orang- und Langarmaffen und die Paviane; \u2014 da\u00df letztere ertrinken, wenn sie in das Wasser fallen, wei\u00df ich aus Erfahrung. Alle \u00fcbrigen schwimmen, oder sie versinken wenigstens nicht alsbald in die Tiefe. Die Meerkatzen schwimmen und tauchen vortrefflich; die Flederm\u00e4use erhalten sich lange Zeit auf den Wellen; die Raubthiere, Nager, Ein- und Vielhufer schwimmen wohl fast s\u00e4mmtlich; unter denBeutelthiereu undZahn-losen gibt es wenigstens einige, welche nur im Wasser leben, und die \u00fcbrigen kommen wahrscheinlich auch nicht in ihm um. Eigentliche Wassers\u00e4ugethiere aber sind, mit Ausnahme der den h\u00f6heren Ordnungen ungeh\u00f6rigen Wasserbewohner, doch blos die wahren Meeress\u00e4uger: die Robben und Fisch-s\u00e4ugethiere. Sie sind eben zu s\u00e4ugendenoder kiemenlosen Fischen geworden und brauchen ihr Wohngebiet allein der Athmung wegen noch auf wenige Augenblicke (wenigstens mit einem Theile ihres Leibes) zu verlassen; sie werden im Wasser geboren, sie leben, lieben und sterben in ihm. Kein Schwimm- oder Tauchvogel d\u00fcrfte sie in der Schnelligkeit, kaum einer in der Gewandtheit ihrer Bewegungen \u00fcbertreffen: die Wassers\u00e4ugethiere und die Wasserv\u00f6gel stehen sich durchschnittlich gleich.\nEs ist sehr anziehend und belehrend zugleich, die Steigerung der Schwimmth\u00e4tigkeit zu verfolgen und die den Schwimmern gegebenen Bewegungswerkzeuge vergleichend zu betrachten. Wir k\u00f6nnen dabei zuerst auch auf die unsreiwi\u00fcigeu Schwimmer blicken. Hier ist das behufte Bein als das unvollkommenste Werkzeug anzusehen; allein dieses vervollkommnet sich rasch in demselben Grade, in dem der Huf sich theilt:' und so treffen wir unter den Vielhufern bereits ausgezeichnete Schwimmer, ja, im Nilpferd schon ein echtes Wasserthier. Die Hand steht h\u00f6her, als der Huf, aber sie erfordert, wie immer, so auch zum Schwimmen gr\u00f6\u00dfere Geschicklichkeit. Viel leichter wird Dies den Pfotenthieren. Die weit vorreichende Fingerverbindung durch die Spannhaut l\u00e4\u00dft aus der Pfote ein breiteres Ruder bilden, und dieses mu\u00df um so vollkommener sein, je mehr die Spannhaut sich ausdehnt und zur Schwimmhaut wird. Uebrigens ist letztere keineswegs unbedingtes Erforderni\u00df zu geschicktem Schwimmen: denn die Wasserspitzmaus schwimmt unzweifelhaft eben so gut, wie das S ch nab e lthi er, obgleich bei ihr nur straffe Haare zwischen den Zehen den breiten Entenfu\u00df des letzteren ersetzen. Die Robben sind Ueb^rgangsglieder von den Pfotenthieren zu den eigentlichen Fischs\u00e4ugern. Ihre F\u00fc\u00dfe sind nur noch dem Namen nach F\u00fc\u00dfe, in Wahrheit aber bereits Flossen; beim die Zehen sind schon g\u00e4nzlich in die Bindehaut eingewickelt, und nur die N\u00e4gel lassen sie \u00e4u\u00dferlich noch sichtbar erscheinen. Bei den Walen .fehlt auch dieses Merkmal, die Zehen sind durch Knorpelgewebe dicht und unbeweglich mit einander verbunden, und blos die gesammte Flosse ist noch beweglich; die hintern Gliedma\u00dfen verschwinden, aber der Schwanz breitet sich wagrecht zur echten Flosse aus: das Mittelding zwischen S\u00e4uger und Fisch ist fertig geworden. Eine solche Verschiedenheit der Werkzeuge bedingt auch die Verschiedenheit der Bewegung. Die Huf- und Pfotenthiere gehen oder strampeln im Wasser und sto\u00dfen sich dadurch weiter; die Flossen- und Fischs\u00e4uger f\u00f6rdern sich, indem sie ihre Ruder auch ruderm\u00e4\u00dfig benutzen, d. h. mit der schmalen Kante durch die Welleu vorschieben und dann mit der Breitseite gegen sie dr\u00fccken, oder aber den Flossenschwanz kr\u00e4ftig seitlich oder auf und nieder bewegen, wie der Bootsmann sein Fahrzeug mit einem Ruder durch die Fluten treibt, wenn er dieses im Stern einlegt und bald nach rechts und bald nach links hin dr\u00fcckt, aber immer mit der Breitseite wirken l\u00e4\u00dft. Die Pfotenthiere mit Schwimmh\u00e4uten legen ihre Ruder zusammen, wenn sie die Beine vorw\u00e4rts bewegen, und breiten sie aus, wenn sie gegen das Wasser arbeiten: sie rudern wie die V\u00f6gel.\nWenn die Beobachtungen des ber\u00fchmtesten aller Walfischj\u00e4ger, Scoresby, wirklich richtig sind, kann die Schnelligkeit der Schwimmbewegung beinahe mit der des Laufes wetteifern; denn ein angeworfener Walfisch versinkt so pfeilgeschwind, da\u00df er, wenn er so forttauchen k\u00f6nnte, in einer Stunde","page":0},{"file":"a0024.txt","language":"de","ocr_de":"XX\nEin Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nZeit eine Strecke von 12 englischen Meilen oder beinahe 80,000 Fu\u00df zur\u00fccklegen w\u00fcrde. Die H\u00e4lfte dieser Strecke durcheilt er in derselben Zeit ohne Anstrengung.\nDie unwillk\u00fcrlichen Bewegungen des inneren Leibes sind bei den S\u00e4ugethieren durchschnittlich langsamer, als bei den V\u00f6geln. Das Herz schl\u00e4gt seltener und der Luftwechsel ist weniger h\u00e4ufig in der Brust des S\u00e4ugethieres, als in der eines gleichgro\u00dfen Vogels. Hiermit steht die etwa mit 2 Grad geringere Blutw\u00e4rme der ersteren im Einkl\u00e4nge. Den Wasser s\u00e4ugethieren gew\u00e4hrt diese verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Tr\u00e4gheit der Athmungs- und Blutumlaufswerkzeuge gro\u00dfe Vortheile; sie erlaubt ihnen, l\u00e4nger unter dem Wasser auszuharren, als es die V\u00f6gel verm\u00f6gen. Ein Wal kommt nach meinen eigenen, mit der Uhr in der Hand angestellten Beobachtungen durchschnittlich alle Minuten an die Oberfl\u00e4che, um Luft zu sch\u00f6pfen, soll aber, nach Scoresby, wenn er angeworfen wurde, auch bis vierzig Minuten unter Wasser verweilen k\u00f6nnen, ehe ihn das Bed\u00fcrfni\u00df des Athemsch\u00f6pfens empor treibt: so lange vermag es Mit Vogel unter den Wellen auszuhalten! Wenigstens habe ich immer bemerkt, da\u00df die Alken, selbst wenn ich sie angeschossen hatte und heftig verfolgte, bereits drei Minuten nach ihrem Untertauchen wieder an der Oberfl\u00e4che erschienen und nach Luft schnappten. Die Eidergans soll zwar bis sieben Minuten unter Wasser bleiben k\u00f6nnen: ich habe Dies aber nie beobachtet. So viel d\u00fcrfte feststehen, da\u00df alle V\u00f6gel, welche l\u00e4nger als vier Minuten unter Wasser waren, beim Aufsteigen sehr ersch\u00f6pft sind und fast augenblicklich ersticken, wenn man sie unter Wasser fa\u00dft und noch einige Zeit dort festh\u00e4lt. \u2014 Zur Vergleichung und vielleicht auch zllr Berichtigung m\u00f6ge die Bemerkung dienen, da\u00df der Mensch h\u00f6chstens siebzig Sekunden lang unter Wasser verweilen kann. Diese Angabe gr\u00fcndet sich auf die Beobachtungen, welche von wissenschaftlichen M\u00e4nnern auf besondere Anfragen englischer Gelehrten bei Gelegenheit der Perlenfischerei auf Ceylon angestellt wurden und stehen nur mit den Aussagen gewisser Schwimmk\u00fcnstler im Widerspruch, welche behaupten, f\u00fcnf und mehr Minuten lang unter Wasser lustwandeln zu k\u00f6nnen.\nAm Eigenth\u00fcmlichsten und zugleich Auffallendsten zeigt sich die Tr\u00e4gheit der Athmung bei denjenigen S\u00e4ugethieren, welche Winterschlaf halten, so lange dieser Todteuschlummer anh\u00e4lt. Ein Murmelthier z. B., welches nach Mangili's Beobachtungen im wachen Zustande w\u00e4hrend eines Zeitraums von zwei Tagen 72,000 Mal athmet, thut Dies w\u00e4hrend des Winterschlafs in Zeit von sechs Monaten nur 71,000 Mal, verbraucht also w\u00e4hrend dieser Zeit h\u00f6chstens den neunzigsten Theil der Luft, bez\u00fcglich Sauerstoffmenge, welche w\u00e4hrend des Wachseins zu seinem Leben erforderlich ist.\nMit den Athmungswerkzeugen steht die Stimme in so enger Beziehung, da\u00df wir sie schon jetzt ber\u00fccksichtigen k\u00f6nnen. Wenn wir die S\u00e4ugethiere auch hierin wieder mit den V\u00f6geln vergleichen, mu\u00df uns sogleich die geringe Biegsamkeit der Stimme fast aller S\u00e4uger auffallen. Der Mensch ist das einzige S\u00e4ugethier, welches eine vollkommenere Stimme besitzt, als die V\u00f6gel sie haben; ja, seine Stimme steht so hoch \u00fcber der aller V\u00f6gel und anderen Thiere, da\u00df man sie mit als einen Hauptgrund der Erhebung des Menschengeschlechts zu einer eigenen Klasse angesehen hat. Die Sprache im menschlichen Sinne ist allerdings ein so au\u00dferordentlich gro\u00dfer Vorzug des Menschen, da\u00df solche einseitige Gedanken wohl kommen k\u00f6nnen. Er allein ist es, welcher die stimmbegabten, sangfertigen V\u00f6gel \u00fcbertrifft, welcher im Allgemeinen durch seine Stimme dem Ohre nicht l\u00e4stig wird, wie die \u00fcbrigen S\u00e4ugethiere. Schwatzhafte oder zornig kreischende Menschen, zumal Menschenweiber, m\u00fcssen wir freilich ausnehmen, weil sie sich eben ihrer hohen Stellung entheben und uns das S\u00e4uge-thier im Allgemeinen vor die Seele f\u00fchren. Dieses ist ein klang - und sangloses Gesch\u00f6pf, ein Wesen, welches im Reich der T\u00f6ne fremd ist und jedes Ohr durch die Verunstaltung des Tones beleidigt. Schleiden behauptet zwar irgendwo, da\u00df der Esel ein tonverst\u00e4ndiges S\u00e4ugethier sei, weil sein bekanutes I\u2014A sich in einer Oktave bewege: ich m\u00f6chte diesen Ausspruch aber doch nur als einen Scherz betrachten und den Esel vielmehr f\u00fcr meine Behauptung beanspruchen, d. h. ihn zu den verabscheuungsw\u00fcrdigsten Tonverderbern z\u00e4hlen. Kaum ein einziges S\u00e4ugethier besitzt eine Stimme, welche unser Ohr befriedigen oder gar entz\u00fccken k\u00f6nnte. Die Stimme der meisten ist in hohem Grade widerw\u00e4rtig und wird es um so mehr, je gr\u00f6\u00dfer die Aufregung und Begeisterung des Thieres ist. Ich will nur einen einzigen Vergleich zwischen V\u00f6geln und S\u00e4ugethieren anstellen. Die allm\u00e4chtige Liebe begabt den Mund des Vogels mit Kl\u00e4ngen und T\u00f6nen, welche unser Herz gewaltsam an sich rei\u00dfen: aus dem Maule des S\u00e4ugethieres aber spricht dieselbe allgewaltige Macht in ohrenzerrei\u00dfender Weise. Welch ein Unterschied ist zwischen dem Liebesgesange einer Nachtigall und dem","page":0},{"file":"a0025.txt","language":"de","ocr_de":"Tr\u00e4gheit der Athmung. Stimme. Verdauung. Magen der Wiederk\u00e4uer.\tXXI\neiner Katze! Hier wird jeder Ton zerquetscht, verunstaltet und gemi\u00dfhandelt, jeder Naturlaut zum qu\u00e4lenden, ohrenzerrei\u00dfenden Mi\u00dfklange umgewandelt: dort wird der Hauch zur Musik, die Musik zu dem herrlichsten und reichsten Liebesgedichte in Kl\u00e4ngen und T\u00f6nen. Das Liebesflehen der Katze ist ein Lied,\n\u201eDas Stein erweichen,\nMenschen rasend machen kann!\"\ndas Lied der Nachtigall ist\n\u201eNichts als ein Ach,\nDas Ach ist Nichts als Liebe!\"\nNicht einmal den Menschen begabt die Liebe immer mit Dem, was sie dem Vogel stets gew\u00e4hrt; nicht einmal er l\u00e4\u00dft sich in allen F\u00e4llen mit,der Nachtigall vergleichen, wie ja auch unser R\u00fcckert behauptet:\n\u201eWenn Jemand liebt, und im Vertraun Davon zu Andern spricht er,\nWird er die H\u00f6rer schlecht erbaun,\nOder er ist ein Dichter!\"\nDer Vogel, welcher von seiner Liebe redet, erbaut den H\u00f6rer immer; selbst die rauhesten T\u00f6ne seiner Brust werden dann klangreich und wohllautend.\nAber nicht blos zur Zeit der Liebe ist die Stimme des S\u00e4ugethieres unserem Ohre unwill-kommen: sie ist es stets, sobald sie irgend welche Ausregung bekundet, ja sie ist's auch, wenn dies nicht der Fall, fast immer. Wir Alle freuen uns der Worte unseres Lieblingsdichters,\n\u201eBl\u00f6kend ziehen heim die Schafe\"\n\u2014 sicherlich aber weniger des Bl\u00f6kens, als vielmehr des Bildes der Heimkehr wegen. Das Bl\u00f6ken selbst ist ebenso gro\u00dfer Tonunfug wie das Meckern der Ziege oder das Grunzen des Schweins, das Quieken der Ferkel, das Pfeifen der M\u00e4use, das Knurren des Eich Horns rc. Es f\u00e4llt Niemanden ein, von singenden S\u00e4ugethieren zu reden*), weil man den Menschen gew\u00f6hnlich ausnimmt, wem: man von den S\u00e4ugern spricht, und dann nur von Bellen, Schreien, Brummen, Br\u00fcllen, Heulen, Wiehern, Bl\u00f6ken, Meckern, Grunzen, Knurren, Quieken, Pfeifen, Fauchen rc. reden kann \u2014 wahrhaftig nicht von angenehmen T\u00f6nen. Wir sind zwar an die Stimmen vieler unserer treuen Haus-gef\u00e4hrten so gew\u00f6hnt, da\u00df wir sie zuletzt ebenso gern vernehmen, wie den rauhen Brummba\u00df eines uns lieb gewordenen Freundes oder mancher Hausfrau \u201etheure Stimme\" trotz des frevelhaften Gebrauchs der T\u00f6ne, welche sich in ihr kund gibt: fragen wir aber einen Tondichter nach dem Touwerth des Hundegebells, Katzenmiauens, Rossewieherns oder Eselgeschreies: so lautet die Antwort sicherlich nicht anerkennend, und selbst das tonk\u00fcnstlerisch verbesserte Hund e-Wau-Wau in Preciosa d\u00fcrfte schwerlich vor dem Ohre eines strengen Beurtheilers Gnade finden. Kurz, die Stimme aller S\u00e4ugethiere, mit Ausnahme des Menschen, ist rauh, mi\u00dft\u00f6nig, unbiegsam und unbildsam, und sogar die, welche uns zuweilen gem\u00fcthlich, ansprechend d\u00fcnkt, h\u00f6rt auf, beides zu fein, sobald irgend welche Erregung die Seele des Thieres bewegt, w\u00e4hrend bei dem Vogel oft das gerade Gegentheil von all Dem stattfindet. Auch hinsichtlich der Stimme ist der Vogel Bewegungsthier. \u2014\nUeber die Verdauung, die Bewegung des Ern\u00e4hrungsschlauches, wollen wir wenig Worte verlieren. Sie ist eine ganz vortreffliche, wenn sie auch nicht so rasch vor sich geht, als die des Vogels und zuweilen, wie bei den Winterschl\u00e4fern, monatelang unterbrochen sein kann. Wer sich hier- ' \u00fcber gr\u00fcndlicher belehren will, mag irgend ein Lehrbuch \u00fcber die Lebensth\u00e4tigkeit oder, falls dieses Wort unverst\u00e4ndlich sein sollte, \u00fcber die \u201ePhysiologie\" des Menschen zur Hand nehmen: dort findet er diesen Abschnitt ausf\u00fchrlicher behandelt, als ich ihn behandeln kann. Eine Art der Verdauung darf ich hier aber doch nicht \u00fcbergehen, weil sie blos bei wenigen S\u00e4ugern vorkommt: ich meine das Wieder-k\u00e4uen. Die nutzanwendenden Weisheitsbewunderer der Sch\u00f6pfung belehren uns, da\u00df viele pflanzen-\n*) In der Neuzeit hat man allerdings mehrfach von ..singenden\" M\u00e4usen gesprochen; es bedarf aber unzweifelbaft noch anderweitiger Beobachtung, um jenen Ausdruck zu rechtfertigen. Das \u201eSingen\" der M\u00e4use ist wahrscheinlich eben auch nur ein zwitscherndes Pfeifen.","page":0},{"file":"a0026.txt","language":"de","ocr_de":"XXII\n(Sin Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nfressenden S\u00e4ngethiere nothwendigerweise Wiederk\u00e4ner sein m\u00fcssen, \u201eweil sie sich znm Fressen nicht so viel Zeit nehmen k\u00f6nnten,\" als die gelehrten Herren selber zu ihren Gastereien und deshalb die ihnen n\u00f6thige Nahrnngsmenge ans einmal einzunehmen gezwungen w\u00e4ren: ich, der ich die hohe Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der Sch\u00f6pfung mit vollster Bewunderung anerkenne, mu\u00df gestehen, da\u00df ich den Grund, warum es Wiederk\u00e4ner gibt, nicht kenne; ich darf daf\u00fcr aber glauben, da\u00df sie dazu da sind, um vielen Menschen durch ihre, gerade beim Wiederk\u00e4uen ersichtlich werdende Fatllheit znm abschreckenden Beispiele zu dienen. Doch betrachten wir lieber das W iederk\u00e4u en selbst ohne Nutzanwendungen.\nDer Magen der Wiederk\u00e4uer zerf\u00e4llt, wie ich schon oben andeutete, in vier Abtheilungen, von denen man die erste Wanst oder Pansen (c), die zweite Netzmagen, Haube oder M\u00fctze (d), die dritte Fallen- oder Bl\u00e4ttermagen, Buch, Kalender, Psalter und L\u00f6ser (e) und die vierte Fett-, Lab- oder K\u00e4semagen (f) nennt. Die erste Abtheilung steht mit der Speiser\u00f6hre\n(a), die letztere mit dem Darmschlauch (g, h) in Verbindung. Der Pansen, welcher durch ein Mnskelband in zwei Abtheilungen getrennt ist, nimmt das nur sehr grob zerkanete Futter zuerst auf und st\u00f6\u00dft es dann in kleinen Mengen in den Netzmagen hin\u00fcber, dessen gitterartige Falteil es durch theilweises Zerreiben oder mehr durch Einspeicheln, d. h. Tr\u00e4nken, mit dem abgesonderten Magensaft vorverdanen und in K\u00fcgelchen formen. Diese werden nun durch Ausst\u00f6\u00dfen, Aufr\u00fclpsen oder Erbrechen wieder in den Mund hinauf gebracht, dort mit den Mahlz\u00e4hnen sehr gr\u00fcndlich verarbeitet, noch mehr eingespeichelt mit) so dann zwischen zwei, eine Rinne bildenden Falten der Speiser\u00f6hre in den dritten, bl\u00e4tterig gefalteten Psalter oder L\u00f6ser hinabgesandt, von welchem sie endlich denl letzten und eigentlichen Magen \u00fcbergeben werden. Ans unserer Abbildung ist der Weg der Speise durch die pnnktirten Linien bezeichnet.\nUebrigens \u00e4ndert der Ban des M a g e n s bei den verschiedenen Wiederk\u00e4uern nicht unbetr\u00e4chtlich ab; hier haben wir den Magen des Schafes zu Grunde gelegt.","page":0},{"file":"a0027.txt","language":"de","ocr_de":"Magen der Wiederk\u00e4uer. Sinnesth\u00e4tigkeit. Gef\u00fchl. Geschmack.\tXXIII\nEs scheint, als ob das Gesch\u00e4ft des Wiederk\u00e4uens zu jeder Zeit stattfinden k\u00f6nne, sobald nur das Thier nicht mit Abbei\u00dfen und Verschlingen der ersten Nahrung th\u00e4tig ist. Eine behagliche Lage und eine gewisse Ruhe ist unbedingtes Erforderni\u00df zum Wiederk\u00e4uen; ich wenigstens habe bisher blos Kamele w\u00e4hrend des Laufens wiederk\u00e4uen sehen. Sowie aber die gew\u00fcnschte Ruhe des Leibes eingetreten ist, beginnt der Magen augenblicklich sein Gesch\u00e4ft, und das Thier betreibt die wichtige Sache mit solcher Hingebung, da\u00df es aussieht, als sei es in die tiefsiunigsteu Gedanken versunken. In Wahrheit aber denkt es an gar Nichts, oder h\u00f6chstens daran, da\u00df die faule Ruhe des Leibes in keiner Weise unterbrochen werde. Deshalb k\u00e4ut das Leitthier eines Wildrudels nur dann wieder, wenn es nicht mehr f\u00fcr das Wohl der Gesammtheit zu sorgen hat, sondern durch einen anderen W\u00e4chter abgel\u00f6st worden ist. Das alte, noch immer beliebte Sprichwort:\n\u201eNach dem Essen sollst Du stehen Oder tausend Schritte gehen\"\nwird von den sehr e\u00df- und verdauungsverst\u00e4ndigen Wiederk\u00e4uern am schlagendsten widerlegt.\nSo lange wir uns mit der rein leiblichen Th\u00e4tigkeit der Saugethiere besch\u00e4ftigten, mu\u00dften wir die gro\u00dfen Vorz\u00fcge anerkennen, welche die Bewegungsthiere oder V\u00f6gel, wenigstens in vielen St\u00fccken, unserer Klasse, den Empsindungsthieren, gegen\u00fcber besitzen. Anders ist es aber, wenn wir die geistigen F\u00e4higkeiten der S\u00e4uger betrachten. Die Sinnesth\u00e4tigkeit, welche bei den unteren Klassen als die einzige geistige Regung angesehen werden mu\u00df, ist auch noch bei den Fischen und Lurchen noch eine verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sehr geringe und bei den V\u00f6geln eine vielfach beschr\u00e4nkte; bei unserer Klasse aber treten alle Sinne gleichsam erst in volle Wirksamkeit. Ihre einhellige und gleichm\u00e4\u00dfige Entwickelung erhebt die S\u00e4ugethiere hoch \u00fcber die V\u00f6gel. Sie, die letzteren, sind vorzugsweise Augen-, jene \u201eAllsinnsthiere\". Die V\u00f6gel sehen besser, als die S\u00e4uger, weil ihr gro\u00dfes Auge verm\u00f6ge seiner inneren Beweglichkeit f\u00fcr verschiedene Entfernungen eingestellt und sehf\u00e4hig gemacht werden kann: sie stehen dagegen in allen \u00fcbrigen Sinnesth\u00e4tigkeiten weit hinter den letzteren zur\u00fcck. Bei den S\u00e4ugethieren zeigt sich schon \u00fcberall mehr oder weniger jene Allseitigkeit, welche im Menscheil zur vollen Geltung gelangt: und deshalb ebeir stehen sie an der Spitze des Thierreichs.\nDas G ef\u00fchl d\u00fcrfte unter allen Sinnen derjenige sein, welcher am wenigsten hervortritt: inld wie ausgebildet ist gerade dieser Sinn bei den S\u00e4ugethieren! Der gewaltige Walfisch soll durch die geringste Ber\u00fchrung seiner Haut zum sofortigen Tieftauchen bewogen werden; der Elefant sp\u00fcrt augenblicklich die Fliege, welche sich auf seinem dicken Felle festsetzt; dem Ochsen verursacht leises Krabbeln zwischen seinen H\u00f6rnern angenehmen Kitzel; den schlafenden Hund erweckt das sanfteste Streichelli. Und alle diese Thiele sind gef\u00fchllos zu nennen, im Vergleich zum Menschen. Bei ihm ist die \u00e4u\u00dfere Haut ja so zartf\u00fchlend, da\u00df auch der leiseste Lufthauch, welcher sie trifft, empfunden wird. Der Tastsinil zeigt sich zwar schw\u00e4cher, als die Empsilldung, aber doch auch \u00fcberall mindestens in demselben Grade, wie bei den V\u00f6geln. Selbst die Einhufer besitzen ein gewisses Tastgef\u00fchl in ihren F\u00fc\u00dfen, trotz des Hornschuhes, welcher vom Hufbeschl\u00e4ger wie ein d\u00fcrres St\u00fcck Holz behandelt werden kann; man mu\u00df nur ein Pferd beobachten, wenn es nachts das Gebirge hinauf- oder hinabsteigt: mit seinem Hufe pr\u00fcft es den Weg, mit ihm betastet es den Boden. Die Tastf\u00e4higkeit der Schnurrhaare ist schon viel gr\u00f6\u00dfer; die mit ihnen versehenen Thiere tasten wohl fast ebenso gut, wie viele Kerbthiere, welche ihren ersten Sinn in den F\u00fchlh\u00f6rnern tragen. Unsere Hauskatze, die Ratte oder die Maus zeigen in sehr ersichtlicher Weise, wie n\u00fctzlich ihnen die Schnurrhaare sind: sie beschnuppern oft nur scheinbar einen Gegenstand oder wenigstens erst, nachdem sie ihn betastet haben. Allen Nachts\u00e4ugethieren sind die Schnurrhaare ganz unentbehrliche Wegweiser bei ihren n\u00e4chtlichen Wanderungen: sie sch\u00fctzen vielfach die edleren Sinneswerkzeuge des Gesichts uud Geruchs. Zu welcher bewunderungsw\u00fcrdigen Vollkommenheit aber der Tastsinn in unserer Klasse gelangen kann, hat jeder meiner Leser an seiner eigenen Hand erfahren, wenn diese auch noch weit hinterher eines K\u00fcnstlers oder eines Blinden zur\u00fcckstehen d\u00fcrfte. Die Hand ist das vollkommenste aller Tastwerkzeuge: sie kann das Gesicht, wenn auch nicht ersetzen, fo doch oft und wirksam vertreten.","page":0},{"file":"a0028.txt","language":"de","ocr_de":"XXIV\nErn Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nDer Geschmackssinn oder das Gef\u00fchl der Zunge kommt, streng genommen, erst in unserer Klasse zu allgemeiner Geltung. Ein gewisser Grad von Geschmack ist bei den V\u00f6geln und auch bei den Lurchen und Fischen nicht zu leugnen; denn man kann beobachten, da\u00df sie manche Speisen lieber fressen, als andere: allein der Sinn erh\u00e4lt doch nur bei wenigen V\u00f6geln, z. B. bei den Papageien und Zahnschn\u00e4blern, ein Werkzeug, welches verm\u00f6ge seiner Weichheit und der hierdurch wirksam werdenden Nerventh\u00e4tigkeit das Schmecken m\u00f6glich macht, w\u00e4hrend dieses Werkzeug, die Zunge, bei der gro\u00dfen Mehrzahl so verh\u00e4rtet und verk\u00fcmmert ist, da\u00df es den chemischen Hergang des Schmeckens, die Aufl\u00f6sung der Speisetheile und die dann zur Sinneswahrnehmung gelangende Verschiedenheit derselben, unm\u00f6glich einleiten und bef\u00f6rdern kann. Anders ist es bei den S\u00e4ugern. Hier ist die Zunge regelm\u00e4\u00dfig schmeckf\u00e4hig, mag sie auch noch so hart und rauh erscheinen. Salz und Zucker \u00e4u\u00dfern, wie Jedermann wei\u00df, fast immer ihre Wirkung auf die Geschmackswerkzeuge der S\u00e4ugethiere; sogar die Katzen verschm\u00e4hen diese beiden Stoffe nicht, sobald sie gel\u00f6st ihnen geboten werden. Die harte Zunge des stumpfsinnigen Kamels, welche durch nadelscharfe Mimosendornen nicht verletzt werden kann, widersteht dem chemischen Einfl\u00fcsse des Salzes nicht, sondern f\u00fchlt sich h\u00f6chst angenehm geschmeichelt, wenn dieser Zauberstoff durch sie gel\u00f6st und seine Annehmlichkeit f\u00fchlbar gemacht wird; der Elefant, dessen Zunge als ein ungef\u00fcges St\u00fcck Fleisch erscheint, beweist durch gro\u00dfe Zufriedenheit, da\u00df dieses klotzige Fleischst\u00fcck mit S\u00fc\u00dfigkeiten oder geistigen Getr\u00e4nken \u00e4u\u00dferst angenehm gekitzelt wird; und alle, selbst die wildesten Katzen, finden in der Milch eine Leckerei. Aber auch hinsichtlich des Geschmackes ist es wieder der Mensch, welcher die hohe Ausbildung dieses Sinnes am deutlichsten kund gibt: lernen wir doch in ihm oft genug ein Wesen kennen, welches in dem Reiz dieser Empfindung einen Genu\u00df findet, der es nicht nur die Wonnen der \u00fcbrigen Sinnesth\u00e4tigkeiten, sondern auch alle geistigen Freuden \u00fcberhaupt vergessen l\u00e4\u00dft; \u2014 bei einem echten Fresser hei\u00dft schmecken leben, und leberi schmecken! Hierin stehen die V\u00f6gel wieder unendlich weit zur\u00fcck hinter den S\u00e4ugern!\nDer Geruchssinn erreicht bei den Letzteren ebenfalls die h\u00f6chstdenkbare Entwickelung. Ein vergleichender Ueberblick der verschiedenen Thierklassen belehrt uns, da\u00df gerade der Geruch schon bei niederen Thieren einer der ausgepr\u00e4gtesten Sinne ist: ich will blos an die Kerbthiere erinnern, welche dem Blumenduft uachschw\u00e4rmen oder zu Aas und Kothhaufen von fern herangezogen, ja schon durch den eigenth\u00fcmlichen Geruch ihrer Weibchen herbeigelockt werden. Die Fische erscheinen in der N\u00e4he eines Aases, welches ihnen vorgeworfen wird, in Fl\u00fcssen sogar von oben her, aus derjenigen Richtung, nach welcher hin das Wasser doch unm\u00f6glich Vermittler des Riechstoffes sein kann; bei den Lurchen aber ist der Geruch so schlecht, da\u00df sie wenigstens Nichts mit ihm aufsp\u00fcren k\u00f6nnen (gleichwohl behauptet man, da\u00df einige Schlangen ihre Weibchen mit Hilfe dieses Sinnes aufsuchen und finden). Unter den V\u00f6geln haben wir bereits viele, welche t\u00fcchtige Sp\u00fcrnasen besitzen, wenn auch die Erz\u00e4hlungen, welche Geier und Raben Aas und andere stinkende Stoffe auf Meilen hin wahrnehmen lassen, auf irrigen und mangelhaften Beobachtungen beruhen. Anders ist es bei den S\u00e4ugern. Hier finden wir viele Thiere, deren Geruchssinn in wahrhaft \u00fcberraschender Weise ausgebildet ist. Der Geruch ist selbstverst\u00e4ndlich nur bef\u00e4higt, gasf\u00f6rmige Stoffe zur Sinneswahrnehmung zu bringen; wie es aber m\u00f6glich ist, blos noch Andeutungen solcher Gase aufzusp\u00fcren und zum Bewu\u00dftsein gelangen zu lassen: das wird ein ewiges R\u00e4thsel bleiben. Ein Hund sp\u00fcrt die bereits vor Stunden getretene F\u00e4hrte seines Herrn unter tausend anderen Menschenf\u00e4hrten unfehlbar aus oder folgt dem Wilde, welches gestern einen gewissen Weg ging, auf diesem Wege durch das zu vollem Bewu\u00dftsein kommende Riechen, d. h. Ausscheiden des einen eigenth\u00fcmlichen Geruchs aus hundert anderen Ger\u00fcchen, und hat dazu nicht mehr Anhalt, als die Gase, welche von einer augenblicklichen Ber\u00fchrung des Stiefels oder Hufes und des Bodens herstammen. Dies uns zu denken oder klar vorzustellen, ist geradezu unm\u00f6glich. Ebenso undenkbar f\u00fcr uns Stumpfsinnige ist diejenige Ausbildung des Geruchs, welche wir \u201eWittern\" nennen. Da\u00df ein Hase den verborgenen J\u00e4ger, welcher im Winde sieht, auf drei\u00dfig, vierzig Ellen Entfernung hin riechen samt, erscheint uns nicht gar so merkw\u00fcrdig, weil selbst unsere Nasen, welche doch durch Stubenluft und alle m\u00f6glichen anderen edeln oder unedlen, unserem geselligen Leben nothwendig allh\u00e4ngenden D\u00fcfte hinl\u00e4nglich entnervt sind, die eigenth\u00fcmlichen Ger\u00fcche unserer Hausthiere auf f\u00fcnf oder zehn, ja zwanzig Ellen Entfernung noch wahrzunehmen vermag: da\u00df aber ein Renthier den Menschell noch auf f\u00fcnf- bis sechshundert Ellen hin wittert, ist unbegreiflich, und ich w\u00fcrde es, offen","page":0},{"file":"a0029.txt","language":"de","ocr_de":"Sinnesth\u00e4tigkeit. Geruch. Geh\u00f6r.\nXXV\ngestanden, auch gewi\u00df nicht geglaubt haben, h\u00e4tte ich es nicht durch eigene Beobachtung erfahren m\u00fcssen. Sp\u00fcren und Wittern sind gleich wunderbar f\u00fcr uns, weil wir weder die eine noch die andere H\u00f6he des Geruchs auch nur ann\u00e4herud erreichen k\u00f6nnen.\nEs verdient hervorgehoben zu werden, da\u00df alle Thiere, welche gute Sp\u00fcrer oder Witterer sind, feuchte Nasen besitzen. Man kann also, so sonderbar dies auch klingen mag, von der mehr oder weniger feuchten Nase aus, regelm\u00e4\u00dfig auf die H\u00f6he des Geruchs schlie\u00dfen. Die Nase der Katze ist schon viel trockener als die des Hundes, die des Affen noch trockener als die der Katze, die des Menschen wieder trockener als.die des Affen und die gradweise abnehmende F\u00e4higkeit des Geruchssinns der betreffenden S\u00e4uger sieht hiermit im vollen Einkl\u00e4nge. Es w\u00fcrde uns hier zu weit f\u00fchren, wollten wir alle Abstufungen der Ausbildung des Geruchssinnes von den riechunf\u00e4higen Walen an bis zu den sp\u00fcrenden und witternden S\u00e4ugethieren verfolgen, und es mag deshalb gen\u00fcgen, wenn ich noch angebe, da\u00df unter den Feuchtnasen wiederum diejenigen am ausgezeichnetsten riechen, deren Geruchswerkzeuge noch besonders beweglich oder zu echten Schn\u00fcffelnasen umgewandelt sind. den Nasenb\u00e4ren oder Koatis und in den Schweinen lernen wir solche Schn\u00fcffler kennen, d\u00fcrfen dabei aber nicht vergessen, da\u00df auch die Nasen der Hunde, Schleich- und Ginsterkatzen, Marder und Anderer h\u00f6chst beweglich sind. Da\u00df die Flederm\u00e4use, welche noch besondere Nasenanh\u00e4nge besitzen, den Feuchtnasen nicht nachstehen, ist leicht erkl\u00e4rlich; eine derartige Ausbildung des Sinneswerkzeuges, wie sie sich bei ihnen kund gibt, kann nur zur Sch\u00e4rfung des Sinnes dienen. Endlich glaube ich noch anf\u00fchren zu m\u00fcssen, da\u00df diejenigen Wohlger\u00fcche, welche stumpfsinnige Nasen angenehm kitzeln, f\u00fcr alle feinriechcnden Thiere abscheuliche Dinge sind: jeder Hund wendet sich mit demselben Ekel von dem k\u00f6lnischen Wasser ab, wie vom Schwefelwasserstoffgas. Nur stumpfsinnige Thiere berauschen sich in D\u00fcften, wie die Katze in denen des Baldrian; die wahren Geruchsthiere meiden alle hirnerregenden Gase mit Sorgfalt, ja mit Angst, weil starke Ger\u00fcche f\u00fcr sie wahrscheinlich geradezu schmerzlich sind.\nEs ist fraglich, ob bei den S\u00e4ugern der Sinn des Geruchs von dem des Geh\u00f6rs \u00fcberboten wird oder nicht. ' So viel steht fest, da\u00df der letztere in unserer Klaffe eine Entwickelung erreicht, wie in keiner andern. Der Geh\u00f6rssinn ist zwar schon Lei den tiefer stehenden Klassen des Thierreichs ziemlich ausgebildet, jedoch nirgends in dem Grade, da\u00df er zum Leben, beispielsweise zum Aufsuchen der Beute oder Nahrung unumg\u00e4nglich n\u00f6thig w\u00e4re. Dies ist erst bei den zwei oberen Klaffen der Fall; allein das vollkommenste Ohr der V\u00f6gel ist immer nur eine Nachbildung des S\u00e4ugethierohres. Da\u00df die V\u00f6gel ganz vortrefflich h\u00f6ren, geht schon aus ihren tonk\u00fcnstlerischen Begabungen hervor: sie erfreuen und beleben sich gegenseitig durch ihren liederreichen Mund und durch ihr Geh\u00f6r, welches ihnen eben das Reich der T\u00f6ne erschlie\u00dft. Es ist aber bemerkenswert, da\u00df auch unter ihnen nur diejenigen liederbegabt sind oder nur diejenigen sich in Kl\u00e4ngen und T\u00f6nen berauschen, welche das am wenigsten entwickelte Geh\u00f6r besitzen, w\u00e4hrend den Feinh\u00f6rigen, allen Eulen z. B.,. dieselben T\u00f6ne, welche andere V\u00f6gel entz\u00fccken, ein Greuel sind. Geradeso ist es bei den S\u00e4ugern. Hier zeigt schon der \u00e4u\u00dfere imb noch mehr der innere Bau des Ohres die h\u00f6here Begabung des entsprechenden Sinnes an; diese Begabung aber kann sich so steigern oder der Sinn kann sich so verfeinern, da\u00df ihm Kl\u00e4nge, welche stumpferen Ohren wohllautend erscheinen, gellend oder unangenehm werden. Ein musikalisches Geh\u00f6r ist deshalb keineswegs ein gutes oder feines zu nennen; es steht vielmehr auf einer tieferen Stufe der Entwickelung, als das eines wirklich feinh\u00f6renden Thieres, und wenn man von seiner Ausbildung spricht, kann man immer nur eine bez\u00fcgliche meinen. Hieraus geht hervor, da\u00df beim Menschen der Sinn des Geh\u00f6rs, wie der des Geruchs, auf einer tieferen Stufe steht, als bei anderen S\u00e4ugern; dies thut aber seiner Stellung unter den Thieren durchaus keinen Abbruch: denn ebendie gleichm\u00e4\u00dfige Ausbildung aller Sinne ist es, welche ihn \u00fcber alle Thiere erhebt.\nDie H\u00f6rf\u00e4higkeit der S\u00e4uger ist sehr verschieden. Taub ist kein Einziger von ihnen: aber wirklich feinh\u00f6rig sind nur Wenige. Das \u00e4u\u00dfere Ohr gibt einen so ziemlich richtigen Ma\u00dfstab zur Beurtheilung der geringeren oder gr\u00f6\u00dferen Entwickelung des Sinnes ; d. h. alle Thiere, welche gro\u00dfe, stehende und bewegliche Ohrmuscheln besitzen, h\u00f6ren besser, als diejenigen, deren Ohrmuschel h\u00e4ngend, klein oder gar verk\u00fcmmert ist. Mit dem \u00e4u\u00dferlich verbesserten Sinneswerkzeug vermehrt sich die Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr die T\u00f6ne; um es mit wenig Worten zu sagen: gro\u00df\u00f6hrige S\u00e4uger Haffen, klein-\u00f6hrige lieben T\u00f6ne und Kl\u00e4nge. Der Delfin folgt entz\u00fcckt dem Schiffe, von dessen Bord Musik zu Brehm, Thierleben.\tH","page":0},{"file":"a0030.txt","language":"de","ocr_de":"XXVI\nEin Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nihm herabklingt; der Seehund erscheint an der Oberfl\u00e4che des Wassers, wenn der Fischer leise und klangvoll pfeift; das Ro\u00df wiehert vor Lust beim Schmettern der Trompeten; das Kamel stelzt frischer dahin, wenn die Zugglocke l\u00e4utet; der B\u00e4r erhebt sich beim Ton der Fl\u00f6te; der Elefant, welcher wohl einen gro\u00dfen Ohrlappen, aber keine gro\u00dfe Ohrmuschel besitzt, bewegt seiue Beiue tauzartig bei der Musik, ja, er unterscheidet schmelzende Arien von kr\u00e4ftigen M\u00e4rschen oder Kriegsges\u00e4ngen. Aber keines dieser Thiere gibt einen f\u00fcr uns angenehmen, wohlt\u00f6nenden Laut von sich, wie die tonbegabten V\u00f6gel, welche die Musik lieben und durch sie zum Singen und Jubeln aufgemuntert werden. Sie \u00e4hneln vielmehr noch den Lurchen, der Schlange z. B., welche von der Pfeife ihres Beschw\u00f6rers herbeigelockt, ja geb\u00e4ndigt wird. Anders benehmen sich die feinh\u00f6rigen S\u00e4uger beim Empfinden der T\u00f6ne und Kl\u00e4nge, die ihren Ohren zu stark sind. Der Hund ertr\u00e4gt den Ba\u00df des Mannes, nicht aber den Sopran der Frau; er heult beim Ges\u00e4nge des Weibes wie bei T\u00f6nen aus Blaswerkzeugen, w\u00e4hrend er die milderen Saitent\u00f6ne schon viel besser leiden mag. Noch ausfallender gebehrdet sich eine gro\u00df\u00f6hrige Fledermaus, wenn sie Musik h\u00f6rt: sie ger\u00e4th in peinliche Unruhe, zuckt mit den Vordergliedern und begleitet die \u00e4u\u00dferen Bewegungen mit zitternden Lauten ihrer Stimme; ihr sind die starken T\u00f6ne geradezu entsetzlich. Wie sich das Wild beim H\u00f6ren geller T\u00f6ne benimmt, wei\u00df ich nicht: ich glaube aber, da\u00df es ebenso empfindlich gegen sie ist, wie die anderen gro\u00df\u00f6hrigen Thiere.\nUebrigens l\u00e4\u00dft sich \u00fcber die wirkliche Sch\u00e4rfe des Geh\u00f6rsinns nichts Bestimmtes sagen. Wir sind nur im Stande, bei den einzelnen Thieren von bez\u00fcglicher Sch\u00e4rfe zu reden: die H\u00f6he der Entwickelung des Sinnes l\u00e4\u00dft sich nicht messen. Da\u00df sehr viele S\u00e4uger noch Ger\u00e4usche h\u00f6ren, welche wir durchaus nicht mehr wahrnehmen k\u00f6nnen, ist sicher: wie weit dies aber geht, wissen wir gar nicht. Es steht wohl fest, da\u00df eine Katze wie die Eule das Ger\u00e4usch, welches eine Maus beim Lausen verursacht, vernimmt: allein es ist unm\u00f6glich zu bestimmen, aus welche Entfernung hin sie die leisen Fu\u00dftritte noch vom Rascheln des Windes unterscheiden k\u00f6nnen. Die gro\u00df\u00f6hrige Fledermaus h\u00f6rt wahrscheinlich das Flugger\u00e4usch kleiner Schmetterlinge, von deren Bewegung wir entschieden Nichts mehr durch den Geh\u00f6rsinn wahrnehmen k\u00f6nnen; der W\u00fcstenfuchs h\u00f6rt vielleicht das Krabbeln eines K\u00e4sers im Sande noch aus ein gutes St\u00fcck; da\u00e4 Wild vernimmt den Schall der Fu\u00dftritte des J\u00e4gers aus hundert, vielleicht zweihundert Schritte: alle diese Angaben beweisen aber gar Nichts und gew\u00e4hren uns keinen Anhalt zu genauer Bestimmung.\nDer Gesichtsinn der S\u00e4ugethiere erreicht wahrscheinlich nie dieselbe Sch\u00e4rfe, wie der Geruch und das Geh\u00f6r. Da\u00df alle S\u00e4uger hinsichtlich des Sehens vor: den V\u00f6geln \u00dcbertrossen werden, habe ich bereits erw\u00e4hnt, bis zu welchem Grade aber, ist schwer zu sagen, da wir auch hierin wirkliche Beobachtungen nur an uns selbst machen k\u00f6nnen. Es ist wohl anzunehmen, da\u00df Don den Tags\u00e4ugern kaum einer den Menschen in der Entwickelung seines Auges und der damit verbundenen Sehsch\u00e4rfe \u00fcberbietet; wenigstens sind keine Beobachtungen Mannt, welche Dem widerspr\u00e4chen. Anders verh\u00e4lt es sich mit den Nachtthieren, also mit s\u00e4st allen R\u00e4ubern, einigen Assen, allen \u00c4ffern, den Flatterthieren, mehreren Nagern und anderen. Sie besitzen entweder ein sehr entwickeltes Gesicht oder aber auch sehr verk\u00fcmmerte Augen. Die wahren Raubthiere haben unstreitig das sch\u00e4rfste Gesicht unter allen S\u00e4ugern; ihre Augen sind aber auch so empf\u00e4nglich f\u00fcr die Einwirkung des Lichtes, da\u00df fd)Oit gew\u00f6hnliches Tageslicht wenigstens vielen \u00e4u\u00dferst unangenehm ist. Das Raubthierauge besitzt daher auch viel innere Beweglichkeit; diese ist aber keine willk\u00fcrliche, wie bei den V\u00f6geln, sondern eine unwillk\u00fcrliche, welche mit der gr\u00f6\u00dferen oder geringeren Helle int genauen Einkl\u00e4nge steht. Unsere Hauskatze zeigt uns deutlich, wie das Licht auf ihr Auge wirkt: dieses schlie\u00dft sich bei Tage dergestalt, da\u00df der Stern nur wie ein schmaler Strich erscheint, w\u00e4hrend es sich mit der Dunkelheit verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig ausdehnt. Sie best\u00e4tigt also auch hinsichtlich des Gesichts die Wahrheit, da\u00df nur ein mittelm\u00e4\u00dfig entwickelter Sitm st\u00e4rkere Reize vertragen kann. Als Regel darf gelten, da\u00df alle S\u00e4uger, welche runde Augensterne besitzen, Tagthiere sind oder bei Tage und bei Nacht verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gleich scharf sehen, w\u00e4hrend diejenigen, deren Stern spaltartig erscheint, erst mit der D\u00e4m-merung die volle Sch\u00e4rfe ihres Sinnes benutzen k\u00f6nnen.\nMerkw\u00fcrdig ist die in der h\u00f6chstenKlasse einige Male vorkommendeVerk\u00fcmmerung der Augen, welche vollkommene Blindheit bedingen kann, wie beim Blindmoll. Das Auge fehlt, so viel bis jetzt bekannt, keinem S\u00e4ugethiere: unser Maulwurf, welcher oft genug mit seinem \u201eblinden\" Bruder","page":0},{"file":"a0031.txt","language":"de","ocr_de":"Sinnesth\u00e4\u00fcgkeit. Gesicht. Das Auge als ^eelenspiegel. Gelstesf\u00e4higkeiten. Charakter. XXVII\nverwechselt worden ist, besitzt schon eilt ziemlich sehf\u00e4higes: und deshalb enthalten auch die sch\u00f6nen Worte unseres R\u00fcckert die volle Wahrheit:\n\u201eDer Maulwurf ist nicht blind, gegeben hat ihm nur Ein kleines Auge, wie ers brauchet, die Natur;\nMit welchem er wird sehn, so weit er es bedarf Im unterirdischen Palast, den er entwarf;\nUnd Staub ins Auge wird ihm desto minder fallen,\nWenn w\u00fchlend er emporwirft die gew\u00f6lbten Hallen.\nDen Regenwurm, den er mit andern Sinnen sucht,\nBraucht er nicht zu ersp\u00e4hn, nicht schnell ist dessen Flucht.\nUnd wird in warmer Nacht er aus dem Boden steigen,\nAuch seinem Augenstern wird sich der Himmel zeigen,\nUnd ohne da\u00df ers wei\u00df, nimmt er mit sich hernieder Auch einen Strahl und w\u00fchlt im Dunkeln wieder.\"\nDas Auge der S\u00e4ugethiere m\u00fcssen wir \u00fcbrigens auch noch von einem anderen Standpunkte betrachten: als \u00e4u\u00dferes, sichtlich es Bild des Geistes. Bei den unteren Klassen hat das Auge noch nicht die Beredtsamkeit erlangt, da\u00df es als Spiegel der Seele erscheinen k\u00f6nnte. Wir finden es zwar bei der Schlange t\u00fcckisch, beim Krokodil h\u00e4misch und Lei einigen V\u00f6geln mild, bei anderen aber streng oder ernst, muthig re.: allein mit wenigen Ausnahmen legen wir selbst Das hinein, was wir zu sehen glauben. Erst aus dem lebendigen Falken- oder Adlerauge spricht uns das Innere an: bei dem Auge der S\u00e4ugethiere ist Dies aber fast immer der Fall. Hier k\u00f6nnen wir wirklich von einem Gesichtsausdruck reden: und an einem solchen nimmt ja eben das Auge den gr\u00f6\u00dften Antheil. Deshalb hat sich das Volk mit richtiger Erkenntni\u00df l\u00e4ngst seine Bilder gew\u00e4hlt und spricht mit Recht von dem bl\u00f6den Auge des Rindes, dem sch\u00f6nen Auge der Girafe, dem milden der Gazelle, dem treuherzigen des Hundes, dem frommen oder dummen des Schafes, dem falschen des Wolfes, dem gl\u00fchenden des Luchses, dem t\u00fcckischen des Affen, dem stolzen des L\u00f6wen rc.: denn bei allen diesen Thieren ist das Auge wirklich der truglose Spiegel des Geistes. Die Bewegung der Thierseele spricht aus dem Auge; dieses ersetzt die fehlende Sprache. Schmerz und Freude, Betr\u00fcbni\u00df und Heiterkeit, Angst und Leichtsinn, Kummer und Fr\u00f6hlichkeit, Ha\u00df und Liebe, Abscheu und Wohlwollen finden in dem Auge ihren stummberedten Verk\u00fcndiger: der Geist offenbart sich hier \u00e4u\u00dferlich. Und so mag uns das Auge als Bild und Dolmetsch zur allgemeinen Betrachtung des Thiergeistes f\u00fchren.\nEs zeugt von ebensoviel Hochmuth als Unverstand, wenn der Mensch mit hohlem Stolze alle h\u00f6heres Geistesf\u00e4higkeiten f\u00fcr sich beansprucht und dem Thiere vornehm nur unbewu\u00dften Trieb, gleichsam nur Ahnung anstatt der Erkenntni\u00df l\u00e4\u00dft. Noch heutzutag leugnen viele Leute nicht nur den Verstand, sondern alle edleren Geistesgaben der Thiere \u00fcberhaupt, aus demselben Grunde, mit welchem sie behaupten, da\u00df alle Thiere blos des Menschen wegen erschaffen worden seien. Diese Leute thun Dies freilich nicht aus vern\u00fcnftiger, d. h. auf der Beobachtung und Erkenntni\u00df fu\u00dfender Ueberzeugung, sondern aus Furcht, da\u00df ihr schwankendes Wahngeb\u00e4ude zusammenst\u00fcrze, wenn sie dem Menschen einen Theil seiner Halbg\u00f6ttlichkeit nehmen, indem sie dem Thiere etwas Menschliches zugestehen. Der Naturforscher urtheilt anders, weil er nich,t in seiner Meinung, sondern in seinem Wissen die Grundbedingung eines gerechten Urtheils findet. Ihm wird es niemals einfallen wollen, die weite Kluft wegzuleugnen, welche zwischen dem Geiste des Menschen und dem des Thieres besteht: ebensowenig aber kann er hohe Entwickelung der Geisteskr\u00e4fte, welche sich im Thiere bemerklich macht, in Abrede stellen.\nDas S\u00e4ugethier besitzt Ged\u00e4chtni\u00df, Verstand und Gem\u00fcth und hat daher oft einen sehr entschiedenen, bestimmten Charakter. Es zeigt Unterscheidungsverm\u00f6gen, Zeit-, Ort-, Farben - und Tonsinn, Erkenntni\u00df, Wahrnehmungsgabe, Urtheil, Schlu\u00dff\u00e4higkeit; es bewahrt sich gemachte Er-\nII*","page":0},{"file":"a0032.txt","language":"de","ocr_de":"XXVIII\nEin Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nfahruugett auf und benutzt sie; es erkennt Gefahren und denkt \u00fcber die Mittel nach, um sie zu vermeiden; es beweist Neigung und Abneigung, Liebe gegen Gatten und Kind, Freunde und Wohlth\u00e4ter, Ha\u00df gegen Feinde und Widersacher, Dankbarkeit, Treue, Achtung und Mi\u00dfachtung, Freude unb Schmerz, Zorn und Sanftmuth, List und Klugheit, Ehrlichkeit und Verschlagenheit. Das kluge Thier rechnet, bedenkt, erw\u00e4gt, ehe es handelt, das gef\u00fchlvolle setzt mit Bewu\u00dftsein Freiheit und Leben ein, um seinem inneren Drange zu gen\u00fcgen. Das Thier hat von Geselligkeit sehr hohe Begriffe und opfert sich zum Wohle der Gesammtheit; es pflegt Kranke, unterst\u00fctzt Schw\u00e4chere und theilt mit Hungrigen seine Nahrung. Es \u00fcberwindet Begierden und Leidenschaften und lernt sich beherrschen: es zeigt also auch selbst\u00e4ndigen Willen und Willenskraft. Es erinnert sich der Vergangenheit jahrelang und gedenkt sogar der Zukunft: es sammelt und spart f\u00fcr sie.\nDiese verschiedenen Geistesgaben bestimmen den Charakter.\nDas Thier ist muthig oder furchtsam, tapfer oder feig, k\u00fchn oder \u00e4ngstlich, ehrlich oder diebisch, offen oder verschmitzt, gerade oder h\u00e4misch, stolz oder bescheiden, zutraulich oder mi\u00dftrauisch, folgsam oder st\u00f6rrisch, dienstsam oder herrschs\u00fcchtig, friedfertig oder streitlustig, heiter oder traurig, lustig oder gr\u00e4mlich, gesellig oder ungesellig, freundschaftlich gegen Andere oder feindselig gegen die ganze Welt \u2014 und wer k\u00f6nnte sagen, was sonst noch Alles!\nIch m\u00fc\u00dfte ein besonderes Buch schreiben, wie S ch e itlin, wollte ich mich jetzt \u00fcber den Thier-geist noch weiter auslasten. Vorstehendes gen\u00fcgt jedem Unbefangene^ \u2014 und selbst der hochm\u00fcthige Verg\u00f6tterer des Menschen kann die Wahrheit des Gesagten nicht leugnen. Bei der Einzelbeschreibung der S\u00e4ugethiere werde ich nicht verfehlen, zu meinen Behauptungen auch Beweise zu liefern.\nDem Menschen geschieht kein Unrecht, ihm wird nicht Abbruch gethan, wenn wir die Thiere auch hochstellen. Herder nennt diese \u201edie erstgeborenen Br\u00fcder des Menschen\" und Scheitlin sagt sehr wahr und treffend: \u201eAlles Thier ist im Menschen, aber im Thier ist nicht aller Mensch.\" Dieser bleibt auch neben dem h\u00f6chsten Thiere, was er ist.\t\u00ab\nEins d\u00fcrfen wir hier nicht vergessen: ich meine die Steigerung, welcher alle Geisteskr\u00e4fte des Thieres f\u00e4hig sind, wenn ihm Erziehung zu Theil wird. Es gibt ebensowohl gesittete, wohlerzogene, oder ungesittete, flegelhafte, ungezogene Thiere als Menschen. Der Erzieher \u00fcbt einen unendlichen Einflu\u00df auf das Thier aus. Schon eine wohlerzogene Thiermutter vererbt einen guten Theil ihrer Tugenden auf ihre Kinder: der haupts\u00e4chlichste und vorz\u00fcglichste Erzieher aber ist der Mensch. Ein einziges Beispiel mag gen\u00fcgen: unser am besten erzogenes Thier, der Hund, soll es sein. Dieser wird mit der Zeit ein wahres Spiegelbild seines Herrn; er eignet sich, so zu sagen, dessen Charakter an: der Jagdhund den des J\u00e4gers, der Fleischerhund den des Fleischers, der Schifferhund den des Schiffers, der Lappen-, Eskimo-, Judianerhund den seiner bez\u00fcglichen Gebieter. Nur M\u00e4nner k\u00f6nnen Thiere erziehen: Dies beweisen oder bewiesen alle Mopse, dies zeigen die Hunde, und Katzen einsamstehender Frauen oder Jungfrauen: sie sind regelm\u00e4\u00dfig verzogen, nicht erzogen. Das Thier verlangt Ernst und Festigkeit von Dem, welcher es lehrt, nicht aber zu gro\u00dfe Milde un.d Wankelmuth.\nDer Heimatkreis des S\u00e4ugethieres ist beschr\u00e4nkter, als der eines Vogels oder Fisches, ja selbst eines Lurches. Nur das Meer gestattet den Bewohnern aus unserer Klaffe gro\u00dfe Willk\u00fcr-lichkeit der Bewegung und Ortsver\u00e4nderung, allein immer nicht in demselben Grade, wie dem Vogel; in den zusammenh\u00e4ngenden Meeren aller Erdtheile finden sich blos folgende S\u00e4ugethiere: der Seehund, die Ohrenrobbe, mehrere Delfine und zwei Wale. Auch die Meers\u00e4uger beweisen, da\u00df ihre Klasse dem Lande und nicht dem Wasser angeh\u00f6rt; denn auch sie ziehen die K\u00fcste dem offenen Meere vor.\nAuf dem Festlande nimmt der Verbreitungskreis der S\u00e4ugethiere viel engere Grenzen an, als in dem Meere. Viele Arten haben ein sehr kleines Vaterland. Man hat die Erde mit R\u00fccksicht auf ihre Bewohner in gewisse Reiche getheilt, welche man thierkundliche (zoologische) genannt hat. Ein solches Reich hat immer seine ihm eigenth\u00fcmlichen, thierischen Einwohner; zwei sich entsprechende Reiche weisen auch \u00e4hnliche Thiere auf, selbst weun das eine Reich von der Tiefe zur H\u00f6he, und das andere von niederer Breite zur h\u00f6heren aufsteigt. Um Dies deutlicher zu machen, will ich hier die besonders abgeschlossenen Reiche angeben und ihre Bewohner dazu nennen:","page":0},{"file":"a0033.txt","language":"de","ocr_de":"Helmatkreise. Charakterthiere des Polarkreises, des n\u00f6rdlichen, gem\u00e4\u00dfigten G\u00fcrtels, S\u00fcdasiens rc. XXIX\nDas erste Reich fa\u00dft in sich den ganzen Norden, welcher innerhalb des Polarkreises liegt. Die Trennung zwischen beiden Erdh\u00e4lften ist noch nicht ausgesprochen, aber doch schon angedeutet. Der Eisb\u00e4r, zwei Vielfra\u00dfe, der Eisfuchs, mehrere Lemminge, zwei Schneehasen, die Pfeifhasen, das Nenthier, mehrere Seehunde, das Walro\u00df, der Pottfisch, Narwal, die Zinnfische und der gemeine Wal kennzeichnen diesen \u00e4rmsten Kreis der Erde. Ihm entspricht einigerma\u00dfen der H\u00f6henkreis unseres gewaltigen Alpengebirges, von etwa 6000 Fu\u00df \u00fcber Meer an aufw\u00e4rts: er enth\u00e4lt die Gemse, den Steinbock, eine Schneew\u00fchlmaus, das Murmelthier und den Alpenh as eit.\nUngleich reicher an Formen und Arten zeigt sich der gem\u00e4\u00dfigte G\u00fcrtel unserer Nordh\u00e4lfte. Seine Pflanzen - und Thierwelt scheidet ihn in zwei H\u00e4lften: in die des Ostens und Westens. Wagner trennt den ersteren in f\u00fcnf Gebiete: n\u00e4mlich in Mittel- und S\u00fcdeuropa, in Nordafrika, S\u00fcdsibirien und die Steppe von Turan. Diesen Gebieten sind gemeinsam: vier Flederm \u00e4use, zwei Spitzm\u00e4use, der Fischotter, der Fuchs, die weltverbreitete Wanderratte und die Wasserratte. N\u00e4chst diesen Thieren verbreiten sich \u00fcber die meisten Gebiete: die Flederm\u00e4use und Spitzm\u00e4use, der Maulwurf, B\u00e4r und Dachs, fast s\u00e4mmtliche Marder, der Wolf und Luchs, das Eichhorn und die M\u00e4use. Mitteleuropa f\u00fcr sich allein besitzt nur wenige Flederm\u00e4use und Spitzm\u00e4use, eine Schlafmaus, einen Blindmoll, vier W\u00fchlm\u00e4use und den Auerochsen; S\u00fcdeuropa einige Flederm\u00e4use, eine R\u00fcsselspitzmaus, den Blindmaulwurf, die Boccamele (ein Wiesel), eine Manguste, einen Luchs, eine W\u00fchlmaus, einen Hasen und den Mufflon; Nordafrika den t\u00fcrkischen Affen, einen Igel, eine Nohrr\u00fcsselmaus, den Ichneumon, den Fenek, den W\u00fcstenluchs, einEichhorn, eine Springmaus und Andere; Sibirien und Turan zeigen: den Ohrenigel, den Korsak, den Manul, den Zobel, die Steppenantilope. \u2014 Dachs, Luchs, Wildkatze, Igel, Maulwurf, Blindmoll, die W\u00fchlm\u00e4use, Edelhirsch, Reh, Mufflon und Auerochs d\u00fcrfen als Charakterthiere der ganzen Osth\u00e4lfte des Reiches betrachtet werden.\nDie zweite H\u00e4lfte des n\u00f6rdlichen gem\u00e4\u00dfigten G\u00fcrtels kennzeichnet sich durch sehr viele eigenth\u00fcmliche Flederm\u00e4use und Spitzm\u00e4use, die amerikanischen B\u00e4ren und Waschb\u00e4ren, einen Dachs, die Stiukthiere, mehrere Marder, einen Vielfra\u00df, einen Fisch-und einen Seeotter, mehrere Hunde, die einfarbige Katze, einige Beutelratten, sehr viele Baum-, Flug-und Erdeichh\u00f6rnchen, Ziesel, Murmelthiere, kleinere Nager, viele Hasen, mehrere Hirsche, zwei Antilopen, das Bergschaf und den Bison. Die Aehnlichkeit der Thierformen der West-und Osth\u00e4lfte des gem\u00e4\u00dfigten G\u00fcrtels ist unverkennbar.\nAnders finden wir es, wenn wir die verschiedenen Gebiete der Wendekreisl\u00e4nder mit einander vergleichen. Hier spricht sich jedes scharf und bestimmt f\u00fcr sich selbst aus, und nur wenige Formen sind allen Reichen gemeinsam. Der Reichthum der Tropenwelt ist zu gro\u00df, und die Eigenth\u00fcmlichkeiten der verschiedenen Gebiete sind zu bedeutend, als da\u00df nicht auch die Thierwelt in demselben Verh\u00e4ltnisse Reichthum und Eigenth\u00fcmlichkeit der Gestalten zeigen sollte. Hochasien bildet gleichsam ein Bindeglied zwischen dem Nord- und Gleicherg\u00fcrtel der Erde; es hat Vieles mit beiden gemein: und deshalb m\u00fcssen wir es wenigstens fl\u00fcchtig betrachten. Wir versteheit darunter Vorder- und Hinterasien, Japan, Nepal und die Eufratl\u00e4nder. Diese L\u00e4nder zeichnen aus: der japanesische Huudsaffe, zwei sruchtfressende und einige echte Flederm\u00e4use, Spitzm\u00e4use, einMaulwurf, der Kragenb \u00e4r, der japanesische Dachs, der Bandiltis, einige Mangusten und Ginsterkatzen, Baum- und Flugh\u00f6rnchen, kleine Nager, eigenth\u00fcmliche Hasen und Murmelthiere, der Dschiggetai oder Halbesel, das japanesische S ch w ei n, das Tr a m p e lth i e r, ein M o s ch u s th i er, einige Hirsche und Antilopen, der kaukasische Steinbock, die Bezoarziege und die Ziege des Himalaya, der Argali, der Burrhal, Nahur und andere Schafe und der Aak oder das Gebirgsrind. Viele andere Thiere geh\u00f6ren Hochasien und dem Nordg\u00fcrtel oder Hochasien und den Wendekreisl\u00e4ndern Asiens zugleich an.\nS\u00fcdasien ist reicher, als alle bisher genannten Gebiete, zeigt uns aber zugleich auch gro\u00dfe Beschr\u00e4nkung in der Verbreitung mancher Thiere. Wir verstehen unter diesem neuen Gebiete Vorder-und Hinterindien, Java, Sumatra und Borneo, sowie die \u00fcbrigen Molucken. Hier leben der Oran g-Utang, die Langarm - und Schlankaffen, die meisten Makaken oder Hundsaffen, die Loris oder Faulaffen und das Kobold\u00e4ffchen, die Flughunde, gro\u00dfeFlederm\u00e4use, derHalsband-","page":0},{"file":"a0034.txt","language":"de","ocr_de":"XXX\nEin Bkick auf das Leben der Gesammtheit.\nund Lippenbar, der Ratel, viele Zibet-und Schleichkatzen oder Mangusten, viele Hunde, der asiatische L\u00f6we, der Tiger, Panther, Gepard und noch viele andere Katzen, die meisten und gr\u00f6\u00dften Flugh\u00f6rnchen, mehrere Schuppenthiere, der wilde Esel, der asiatische Elefant, das indische Nashorn und der indische Tapir, mehrere Schweine, darunter der Hirscheber, die echten Moschusthiere, der Nylgau, die vierh\u00f6rnige und die Hirschantilope und mehrere Ochsen.\nAfrika zeigt ein nicht minder selbst\u00e4ndiges Gepr\u00e4ge und eine gro\u00dfe Verbreitung der ihm eigenth\u00fcmlichen Thiere. Ihm geh\u00f6ren zu: der Gorila und Schimpanse, s\u00e4mmtliche Meerkatzen, die Stummelaffen, Paviane und viele \u00c4ffer, welche namentlich auf Madagaskar zu Hause sind, eigenth\u00fcmliche Flederm\u00e4use, Igel, Spitzm\u00e4use, das Scharrthier, viele Ginster-, Zibet- und Schleichkatzen, dergro\u00df\u00f6hrigeHund und derFenek nebst vielen anderen Hunden, dieHi\u00e4nen und der Hi\u00e4nenhund, der L\u00f6we, Leopard, Jagdparder, Serwal und Karakal, sowie die Nil-katze, die meisten Erdeichh\u00f6rnchen, eigenth\u00fcmliche Siebenschl\u00e4fer, die Spring-, Steppeu-und W\u00fcstenm\u00e4use, das Erdferkel und zwei Schuppenthiere, das Zebra, Quagga und Tigerpferd, der afrikanische Elefant, drei Nash\u00f6rner, das Flu\u00dfpferd, die Larvenschweine, die Klippschliefer, die Girafe, f\u00fcnf Sechstheile aller Antilopen, einige Steinb\u00f6cke, das M\u00e4hnenschaf, zwei B\u00fcffel und eine Ohrenrobbe.\nBei aller Eigenth\u00fcmlichkeit dieser Thierwelt zeigt sich gleichwohl noch immer gro\u00dfe Uebereinstimmung mit jener Asiens und selbst der Europas. Namentlich die W\u00fcsten-und Steppenthiere erinnern auffallend an die, welche in der Tiefebene Turans leben. Die Waldarmuth Afrikas ist sehr deutlich ausgesprochen: die Hirsche z. B. fehlen im S\u00fcden und in der Mitte ganz, und die Eichh\u00f6rnchen sind auf den Boden herabgekommen. In seinen Dickh\u00e4utern und der Girafe zeigt sich Afrika gleichsam noch als Urland, als von gewissen neueren Sch\u00f6pfungsabschnitten unber\u00fchrt.\nGanz das Gegentheil von Afrika macht sich in Amerika bemerklich. Das ungeheuere Ge-birg und die unermesseuen W\u00e4lder sprechen sich deutlich in seiner Thierwelt aus. Alles in diesem Erdtheile ist neu, Alles eigenth\u00fcmlich; an die alte Welt erinnern manche Thierformen blos nock-entfernt. Ich will kurz sein und nur die bemerkenswerthesten Thiere Mittel- und S\u00fcdamerikas hier nennen. Amerika beherbergt ausschlie\u00dflich: die Br\u00fcll-, Klammer-, Rollschwanz-, Woll-, Schweis-, Nacht- und Krallen affen, \u2014 zwei Familien! \u2014 die blutsaugenden Flederm\u00e4use oder Vampire, einige ihm eigene B\u00e4rthiere, St\u00e4nker und Fischottern, einige Hunde, den Puma, Kuguar und Jaguar, die Pardel-Tigerkatzen, viele Beutler in zwei Amerika eigenth\u00fcmlichen Sippen, sehr viele Nager, darunter die Haseum\u00e4use und Hufpf\u00f6tler, welche ebenfalls nur hier vertreten sind, die Faulthiere und G\u00fcrtclthiere nebst den Ameisenb\u00e4ren, zwei Tapire, die Bisamschweine, einige Hirsche, drei, oder richtiger vier Lamas re. Im Vergleich zu der Zahl der Ordnungen, Familien und Arten aus der Klasse der V\u00f6gel scheint es freilich, als ob S\u00fcdamerika arm an S\u00e4ugethieren w\u00e4re: wenn mau aber die Eigenth\u00fcmlichkeit der Sippen und die Menge der Arten bedenkt, wird man bald eines Besseren belehrt.\nEinige Forscher, unter ihnen Wagner, trennen den h\u00f6heren S\u00fcden Amerikas oder Chile, die Pampas des Rio de la Plata, Patagonien und das Feuerland von dem \u00fcbrigen S\u00fcdamerika und bilden aus diesen L\u00e4ndern einen eigenen thierkundlichen Kreis, obgleich er nur sehr wenige ihm ganz eigenth\u00fcmliche Thiere besitzt. Es sind Dies etwa folgende: eine Fledermaus, ein Stinkthier, der magellanischeund ders\u00fcdamerikanische Hund, die Pampaskatze, mehrere Nager, darunter die Chinchillen und ein Biber, sowie einige Meer s\u00e4ug er.\nAustralien zeigt uns ein sehr selbst\u00e4ndiges Gepr\u00e4ge, bei all seiner Armuth an S\u00e4ugern. Es ist das eigentliche Vaterland der Beutelthiere. Man kennt im Ganzen etwa 140 Arten von S\u00e4ugern, welche in Australien leben: davon geh\u00f6ren 110 Arten den Beutelthieren zu. Das allbekannte K\u00e4nguru, die Raubbeutler und Beutelbilche m\u00f6gen sie kennzeichnen. Au\u00dferdem wohnen in Australien noch der Dingo, das Schnabelthier und der Ameiseuigel, s\u00e4mmtlich echte Charakterthiere des merkw\u00fcrdigen Erdtheils.\nFassen wir das nunmehr Gewonnene hinsichtlich der Ordnungen und Familien zusammen, so ergibt sich Folgendes: Die Affen sind auf den warmen G\u00fcrtel der Erde beschr\u00e4nkt: der Osten und Westen unterscheiden sich aber scharf durch eigene Familien, Sippen und Arten; die Halbaffen oder \u00c4ffer bewohnen blos die hei\u00dfen L\u00e4nder der alten Welt; die Beutelthiere finden sich ausschlie\u00dflich","page":0},{"file":"a0035.txt","language":"de","ocr_de":"Charakterthiere Amerikas und Australiens. Zahl der SLugethiere. Vorweltss\u00e4uger. Lebensweise. XXXI\nin Neuholland, Amerika und Asien, die Wenigz\u00e4hnigen fehlen in Europa, die Wiederk\u00e4uer und Vielhufer in Australien; die Einhufer sind urspr\u00fcnglich nur in Asien und Afrika heimisch gewesen; die Flederm\u00e4use, Raubthiere, Nager, Flossenf\u00fc\u00dfer und Wale sind Weltb\u00fcrger.\nBez\u00fcglich der engeren Verbreitung kann man sagen, da\u00df sich der Verbreituugskreis einer Art in \u00f6stlich-westlicher Richtung regelm\u00e4\u00dfig weiter erstreckt, als vom Norden nach S\u00fcden hin. Der Osten und Westen weisen auch viel h\u00e4ufiger \u00e4hnliche, sich gleichsam entsprechende Gestalten auf, als der Norden und S\u00fcden; jedoch spricht sich zwischen dem n\u00f6rdlichen und s\u00fcdlichen kalten G\u00fcrtel, ja selbst zwischen dem Norden und S\u00fcden eines Erdtheils, zumal Afrikas, immerhin eine gro\u00dfe Uebereinstimmung aus. Man darf deshalb sagen, da\u00df \u00e4hnliche L\u00e4nder auch stets \u00e4hnliche Thiere beherbergen, so gro\u00dfe Strecken auch trennend zwischen sie treten m\u00f6gen.\nDie Anzahl aller jetzt lebenden und bekannten S\u00e4ugethierarten betr\u00e4gt etwas \u00fcber zweitausend. Hiervon geh\u00f6ren etwa 150 Arten Europa (gegen 60 ausschlie\u00dflich) an, ungef\u00e4hr 240 Arten wohnen in Afrika, 350 Arten in Asien, 400 Arten in Amerika und gegen 140 in Australien. Auf die Ordnungen vertheilt sich diese Anzahl in folgender Weise: Die Affen und \u00c4ffer z\u00e4hlen 220, die Flederm\u00e4use 320, die Naubthiere 410, die Beutelthiere 130, die Nager 620, die Wenigz\u00e4hnigen 35, die Vielhufer 33, die Einhufer 7, die Wiederk\u00e4uer 180, die Flossenf\u00fc\u00dfer 33 und die Wale 65 unbestrittene Arten.\nHierzu w\u00fcrden noch die vorweltlichen S\u00e4ugethiere zu z\u00e4hlen sein. Von diesen kennt man nach H. von Mayer etwa 780 Arten. Die Verbreitung der vorweltlichen S\u00e4uger war eine ganz andere, als die der jetzigen es ist; doch besa\u00dfen auch schon in der Urzeit gewisse Gegenden der Erde ihre eigenth\u00fcmlichen S\u00e4ugethiere. Die meisten versteinerten Knochen finden sich im Schuttlande oder \u201eDiluvium\"; jedoch hat uns auch das Eis Sibiriens vorweltliche Thiere aufbewahrt, und zwar in einer staunenswerthen Frische, so da\u00df sich nicht nur Haut und Haar erhalten hatte, sondern auch das Fleisch sich noch tu einem Zustande befand, da\u00df Eisb\u00e4ren und Eisf\u00fcchse, sowie die Hunde der Jakuten davott wacker schmausten. Nur wenige Vorweltss\u00e4uger (etwa der siebente Theil), von allen, welche man kennt, haben die Zeit der Schuttlandsbildung \u00fcberlebt und finden sich jetzt noch: die \u00fcbrigen sind ausgestorben und gestrichen aus dem Buche der Lebendigen. Von den bis jetzt bekannten Vorweltss\u00e4ugern geh\u00f6rten an: den Affen etwa 20, den Flederm\u00e4usen ebensoviel, den Raubthieren fast 200, den Beutelthieren gegen 30, den Nagern beinahe 100, den Wenigz\u00e4hnigen 40, den Vielhufern 150, den Einhufern 9, den Wiederk\u00e4uern 120, den Schwimmf\u00fc\u00dfern 9 und den Walen endlich 55 Arten. Alle Vorweltsthiere und somit auch die vorweltlichen S\u00e4uger best\u00e4tigen die mosaische Sch\u00f6pfungssage hinsichtlich der Zeitfolge, in welcher die verschiedeneit Klassen der Thiere entstanden, soweit eine Sage eben best\u00e4tigt werden kann: die S\u00e4ugethiere geh\u00f6ren wirklich nur den neueren Sch\u00f6pfungsabschnitten an.\nDie leiblichen und geistigen Begabungen eines S\u00e4ugethieres bestimmen seine Lebensweise in der ihm gegebenen Heimat, deren Erzeugni\u00df, deren Gesch\u00f6pf es ist. Jedes richtet sich eben nach seinen Gabett ein: es benutzt die ihm gewordene Ausr\u00fcstung in der ergiebigsten Weise. Eine gewisse, verst\u00e4ndige Willk\u00fcr in der Lebensart kaun keinem Thiere abgesprochen werden. Die S\u00e4ugethiere sind nat\u00fcrlich mehr an eine gewisse Oertlichkeit gebunden, als das leichte, bewegungslustige Volk der V\u00f6gel: allein sie wissen daf\u00fcr eine solche Oertlichkeit vielleicht besser oder vielseitiger zu benutzen, als diese.\nDie S\u00e4ugethiere sind wesentlich Landbewohner, und je vollendeter eine Art unserer Klasse ist, um so mehr wird sie Landthier sein. Im Wasser finden wir daher blos die plumpsten oder massigsten, auf dem Lande dagegen die entwickeltsten, edelsten Gestalten. Die gr\u00f6\u00dften Lands\u00e4uger sind im Vergleich zu deut Walfisch ttur Zwerge. Das Wasser erleichtert aber auch jede Bewegung einer gro\u00dfen, ungeschlachten Masse ungemein: und je leichter ein Thier sich zu bewegen vermag, um so gr\u00f6\u00dfer kaun es seilt. Da\u00df auch das Umgekehrte stattfindet, beweisen alle Thiere, welche zu ihrer Fortbewegung gro\u00dfe Kraftanstrengung n\u00f6thig haben, wie z. B. die Gr\u00e4ber und Flatterer, die Maulw\u00fcrfe oder Flederm\u00e4use. Bei ihnen ist die K\u00f6rpermasse in demselben Verh\u00e4ltni\u00df verk\u00fcmmert, in welchem sie bei den Wassers\u00e4ugern sich vergr\u00f6\u00dfert hat.","page":0},{"file":"a0036.txt","language":"de","ocr_de":"XXXII\nEin Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nSo zeigt sich also schon in der Leibesgr\u00f6\u00dfe eine Bestimmung f\u00fcr die Lebensweise des Thieres. Noch mehr aber wird diese Bestimmung durch die Ausr\u00fcstung ausgesprochen. Da\u00df ein Fisch- oder Flossens\u00e4uger schwimmt oder ein Flatterthier fliegt, versteht sich eigentlich von selbst: ebenso gut aber auch, da\u00df der Affe oder das Eichhorn oder die Katze klettern, der Maulwurf gr\u00e4bt uud die Viel- und Einhufer oder Wiederk\u00e4uer auf dem Boden laufen: ihre Gliederung weist sie dazu an. Hierzu kommt nun noch die Willk\u00fcrlichkeit in der Wahl des Ortes, um den Aufenthalt eines Thieres zu bestimmen.\nHinsichtlich der Ordnungen l\u00e4\u00dft sich Folgendes sagen: Die a lt w eltlichen Affen sind Baumoder Felsen-, die neuweltlichen Affen und die \u00c4ffer aber ausschlie\u00dflich Baumthiere; die Flederm\u00e4use leben in der Luft, schlafen aber auf oder in B\u00e4umen und in Felsen. Die Kerbthierr\u00e4uber leben gr\u00f6\u00dftentheils auf dem Boden, einige aber auch unter der Erde und andere sogar auf B\u00e4umen. Die fleischfressenden Rcnibthiere bewohnen B\u00e4ume und Felsen, den Boden und das Wasser; doch geh\u00f6rt die gr\u00f6\u00dfere Anzahl den Erdthieren an, und nur sehr wenige f\u00fchren ein theilweise unterirdisches Leben. Die Beutelthiere leben auf der Erde, in H\u00f6hlen, im Wasser und auf B\u00e4umen, die Nage-thiere \u00fcberall, nur nicht im Meere, gr\u00f6\u00dftentheils aber in H\u00f6hlen. Die Zahnlosen sind Erd-, H\u00f6hlen-und Baumthiere, die Dickh\u00e4uter leben wieder gr\u00f6\u00dftentheils auf dem Boden, einige aber auch im Sumpfe ^oder im Wasser selbst; die Einhufer uud Wiederk\u00e4uer sind ausschlie\u00dflich Erd- oder Felsenthiere; die Flossenf\u00fc\u00dfler und Wale endlich Meerbewohner.\nEs mu\u00df Jedem, welcher beobachtet, auffallen, da\u00df sich nicht allein die Heimat im weiteren Sinne, sondern auch der Wohnkreis, ja, der eng begrenzte Aufenthaltsort des Thieres in dem Gesch\u00f6pfe selbst kund gibt. Die Zusammengeh\u00f6rigkeit von Land und Thier offenbart sich n\u00e4mlich nicht alleirr'in der jedem Thiere eigenth\u00fcmlichen Gliederung, sondern auch, uud zwar sehr scharf und bezeichnend, in der F\u00e4rbung. Als allgemeine Regel kann gelten, da\u00df das Thier eine F\u00e4rbung besitzt, welche der vorherrschenden F\u00e4rbung seines Wohnortes genau entspricht. Der au\u00dferordentliche Vortheil, welchen das Thier von einer solchen Gleichf\u00e4rbigkeit mit seiner Heimat ziehen kann, wird klar, wenn wir bedenken, da\u00df sich das Raubthier an seine Beute m\u00f6glichst unmerkbar anschleichen, das schwache Thier aber sich vor dem R\u00e4uber m\u00f6glichst gut verstecken mu\u00df. Es liegt mir fern, in der Gleichf\u00e4rbigkeit des Thieres und seiner Heimat ein Sch\u00f6pfungswunder zu erblicken, weil ich das Thier einfach als Erzeugni\u00df seiner Heimat betrachte und \u00fcber das Wie dieser Zusammengeh\u00f6rigkeit nicht fr\u00fcher gr\u00fcblen mag, als mir die Wissenschaft haltbare, auf nat\u00fcrlichem Grunde fu\u00dfende Vorlagen zur Erkl\u00e4rung gew\u00e4hren kann. Ich will hier auch keine Erkl\u00e4rungen, sondern einfache Thatsachen geben.\nSchon die Affen sind durchgehends ihren Wohnorten gleich gef\u00e4rbt: Braun, Grasgr\u00fcn und Grau sind die haupts\u00e4chlichsten F\u00e4rbungen ihres Haarkleides, und sie entsprechen eben der Baumrinde oder dem Gelaube und Grase, sowie den Felsen, auf denen sie wohnen. Alle Flatterthiere, welche auf B\u00e4umen leben, zeigen ebenfalls eine braune oder gr\u00fcnliche F\u00e4rbung, diejenigen, welche in Felsenritzen schlafen, das ungewisse Grau der Felsen \u2014 oder der D\u00e4mmerung. Unter den Raubthieren finden sich viele, welche als wahre Spiegelbilder ihrer Heimat zu betrachten sind. Der Wolf tr\u00e4gt ein echtes Erdkleid: das Fahlbraun und Grau seines Pelzes schmiegt sich allen F\u00e4rbungen seines Wohnkreises an; Reinecke, der Schleicher, zeigt uns, da\u00df er bei uns zu Lande ebenso wohl zum Nadel- wie zum Laubwalde pa\u00dft; sein Vetter im Norden, der Polarfuchs, legt im Winter ein Schneekleid, im Sommer ein Felsenkleid an; ein anderes Glied seiner Sippschaft, der F enek, .tr\u00e4gt das isabellfarbne Gewand der W\u00fcste. Die Hi'\u00e4uen, als Nachtthiere, sind in Grau gekleidet, in diejenige Farbe, welche am ehesten dem Auge verschwindet. L\u00f6we und Leopard, Gepard und Serwal geben sich als echte Steppenthiere zu erkennen; Braungelb ist Grundfarbe, aber allerlei anders gef\u00e4rbte Flecken zeigen sich auf ihr: die Steppe ist bunter und darf daher auch das Thier schon malen. Unsere nordischen Katzen entsprechen ihrer farbloseren Heimat und unserer tr\u00fcberen Nacht: Grau ist ihre Hauptf\u00e4rbuug; der Karakal ist wieder echtes W\u00fcstenthier; der Tiger zeigt sogar die Rohrst\u00e4ngel seiner Bambusw\u00e4lder in den schwarzen Streifen, der Leopard die buntlaubigen Geb\u00fcsche Mittelafrikas auf seinem Fell; die amerikanischen Katzen spiegeln ihre bunten W\u00e4lder wieder. In den Gin st er-und Schleichkatzen sehen wir echte Erdthiere: Grau mit oder ohne Flecken und Streifen, und ein \u00fcberall hinpassendes, sehr schwer zu beschreibendes Graugr\u00fcn sind die haupts\u00e4chlichsten","page":0},{"file":"a0037.txt","language":"de","ocr_de":"Uebereinstimmung der F\u00e4rbung mit dem Wohnort. Leitthiere. Tag- und Nachtthiere. XXXIII\nF\u00e4rbungen ihres Pelzes. Die Marder bekunden ihre Allseitigkeit auch im Fell. Beim Baummarder ist es braun, beim Steinmarder graulicher, beimJltis fahler; das Wiesel endlich wechselt sein Sommerkleid mit dem Winter--oder Schneekleide. Unser B\u00e4r ist erdbraun, der Eisb\u00e4r wei\u00df, der Wasch-b \u00e4r rindenfarbig. Die B eut elthiere zeigen ebenfalls Erd-, Gras - oder Baumf\u00e4rbung. Sehr deutlich tritt dieGleichf\u00e4rbigkeit bei den Nagern hervor. Ich erinnere an die H \u00e4sen. Jeder J\u00e4ger wei\u00df, was es sagen will, einen Hasen im Lager zu sehen. Die Aehnlichkeit seines Pelzes und des Bodens ist so gro\u00df, da\u00df man auf zehn Schritt Entfernung an ihm vor\u00fcbergehen kann, ohne ihn zu bemerken. Der W\u00fcstenhase ist nat\u00fcrlich isabellgelb, der nordische oder Hochgebirgshase aber wechselt ein Sommerund ein Winterkleid. Das Kaninch en, ein H\u00f6hlenthier, hat graue F\u00e4rbung. Unser Eichh \u00f6r nchen ist stchtenrindenbraun, das nordische und das stiegende dagegen sind birkenrindenfarbig. Feldm\u00e4use haben ein graubraunes, W\u00fcstenm\u00e4use ein fahlgelbes, Steppenm\u00e4use ein gelblichbraunes, oft gestreiftes Haarkleid. Unter den Wiederk\u00e4uern tragen die Hirsche ein Waldkleid, die Gemsen, Renthiere und Steinb\u00f6cke ein Felsenkleid, die Antilopen ein Steppen- oder W\u00fcstenkleid. Die Einhufer geben sich wenigstens im Quagga, Zebra und wilden Esel als Steppeuthiere, die Vielhuf er in ihrem unbestimmbaren Grau als Sumpfbewohuer zu erkennen. Kurz, die angegebene Regel ist eine allgemeine, und Ausnahmen sind nicht h\u00e4ufig. Man wird selten irren, wenn man in einem braun, graugr\u00fcn oder silbergrau gef\u00e4rbten S\u00e4uger einen Baumbewohner, in einem dunkelgrau, fahlgelb, r\u00f6thlichgrau, erdbraun und schneewei\u00df gef\u00e4rbten einen Erdbewohner vermuthet. Isabellgelb ist W\u00fcstenfarbe,' Dunkelgelb Steppenfarbe, Aschgrau Felsenfarbe; bei Nachtthieren ist Grau vorherrschend, Tagthiere zeigen es mehr mit anderen Farben gemischt. Gro\u00dfe Unsicherheit, Unbestimmbarkeit der F\u00e4rbung l\u00e4\u00dft auf Vielseitigkeit in der Lebensweise schlie\u00dfen; bestimmte F\u00e4rbung deutet auf einen abgeschlossenen bestimmten Wohnort des Thieres: einfach gelbe Thiere sind immer W\u00fcstenbewohner, einfach wei\u00dfe stets Schneethiere.\nBei weitem die meisten Thiere sind gesellig und scharen sich deshalb mit anderen ihrer Art oder auch mit'Gleichlebenden fremder Arten in kleinen oder gro\u00dfen Trupps zusammen. Niemals erlangen solche Verbindungen die Ausdehnung oder die Zahl der Vereine, welche die V\u00f6gel bilden; denn bei diesen thun sich, wie bekannt, oft sogar Millionen zu einem Ganzen zusammen. Unter den S\u00e4ugern kommen nur unter gewissen Umst\u00e4nden st\u00e4rkere Rudel vor. Mehr noch als die gleiche Lebensweise vereinigt die Noth: vor der Feuerlinie einer brennenden Steppe daher jagen selbst erkl\u00e4rte Feinde in dichtem Gedr\u00e4nge.\nIn jedem gr\u00f6\u00dferen Vereine erwirbt sich das bef\u00e4higtste Mitglied die Oberherrschaft und erlangt schlie\u00dflich unbedingten Gehorsam. Unter den Wiederk\u00e4uern kommen regelm\u00e4\u00dfig die alten Weibchen zu solcher Ehre und namentlich diejenigen, welche kinderlos sind; bei andern geselligen Thieren, z. B. bei den Affen, werden nur M\u00e4nnchen Zugf\u00fchrer und zwar erst nach sehr hartn\u00e4ckigem, nebenbuhlerischen Kampfe, aus dem sie endlich als allgemein gef\u00fcrchtete Sieger hervorgehen; hier ist die rohe St\u00e4rke ma\u00dfgebend, bei jenen die Erfahrung oder der gute Wille. Bei allen geselligen Thieren \u00fcbernimmt das erw\u00e4hlte oder wenigstens anerkannte Leitthier die Sorge f\u00fcr den Schutz und die Sicherheit der ganzen Herde und vertheidigt die schwachen Glieder derselben unter Umst\u00e4nden mit Aufopferung. Minder Verst\u00e4ndige und Schw\u00e4chere schlie\u00dfen sich Kl\u00fcgeren an und leisten allen ihren Anordnungen zur Sicherung Folge.\nGewisse S\u00e4ugethiere leben einsiedlerisch. Alte griesgr\u00e4mige und b\u00f6sartige M\u00e4nnchen werden gew\u00f6hnlich von dem Nudel oder der Herde verbannt, und, hierdurch nur noch m\u00fcrrischer und w\u00fcthender gemacht. Allein es gibt auch andere S\u00e4uger, welche \u00fcberhaupt ein Einsiedlerleben f\u00fchren und mit jedem Eindringlinge sofort in heftigster Weise den Kampf beginnen. Dabei kommt es nicht selten vor, da\u00df der Sieger den Besiegten geradezu auffri\u00dft, und zwar l\u00e4\u00dft sich, wie bekannt, schon der Mensch eine solche Scheu\u00dflichkeit zu Schulden kommen.\nDie Mehrzahl unserer Klasse wacht bei Tage und schl\u00e4ft bei Nacht; jedoch gibt es fast unter allen Ordnungen Tag- und auch Nachtthiere. Eiuzelue haben keine bestimmte Zeit zum Schlafen, sondern ruhen oder wachen, wie es ihnen gerade beliebt: so die Meerthiere oder in den h\u00f6heren Breiten auch die Laudthiere w\u00e4hrend der Sommerzeit. Es mag im Ganzen genommen wohl mehr eigentliche Tag-, als Nachtthiere geben: jedoch ist die Zahl derjenigen, welche bei Nacht lebendig und th\u00e4tig sind, nicht viel geringer, als die Menge derer, welche bei Tage ihrem Erwerbe nachgehen. Unter den Affen","page":0},{"file":"a0038.txt","language":"de","ocr_de":"XXXIV\n(5iu Blick auf das Leben der Gesammtheit.\ngibt es blos einige n\u00e4chtlich lebende Arten; die Flederm\u00e4use dagegen schlafen fast den ganzen Tag, und nur wenige kommen aus ihren Schlupfwinkeln zum Vorschein, so lange noch die Sonne am Himmel steht; unter den Kerbthier- und Fleischfressern, den-Nagern, Vielhufern und Wiederk\u00e4uern gibt es wenigstens sehr viele Nachtthiere, wenn auch mehrere Arten der Wehrloseren solche erst aus Furcht vor Verfolgung geworden sein m\u00f6gen. Die starken und die sehr fl\u00fcchtigen oder auf B\u00e4umen Lebenden sind Tagthiere: sie sind aber auch einer Verfolgung weniger ausgesetzt.\nEs w\u00fcrde sehr voreilig sein, wenn man behaupten wollte, da\u00df alle Nachtthiere feigere, schw\u00e4chere, d\u00fcmmere und plumpere Thiere seien, als die, welche bei Tage th\u00e4tig sind: denn wir brauchen oben blos an die Katzen, Marder, Hirsche und andere, welche fast ohne Ausnahme bei Tage ruhen und bei Nacht wach sind, zu denken, um des Gegentheils uns bewu\u00dft zu werden. Als allgemeine Regel kann gelten, da\u00df die wehrloseren Thiere, welche durch ihren Aufenthalt nicht vor Gefahren gesch\u00fctzt sind, die Nacht zu ihrer Th\u00e4tigkeit benutzen.\nW\u00e4hrend ihres Wachens besch\u00e4ftigen sich die meisten S\u00e4uger ausschlie\u00dflich mit Aussuchen ihrer Nahrung. Dieselbe kann h\u00f6chst verschieden sein. Alle Mitglieder unserer Klasse sind selbstverst\u00e4ndlich Pflanzenfresser oder aber R\u00e4uber, welche andere Thiere verzehren. Fast alle Erzeugnisse der beiden Reiche finden ihre Liebhaber. Die Pflanzenfresser verzehren ganze Pflanzen, z. B. Gr\u00e4ser, Disteln, Moose, Flechten, oder einzelne Theile von Pflanzen\u00f6ls Bl\u00fcthen, Bl\u00e4tter, Fr\u00fcchte, K\u00f6rner, S\u00e4mereien, N\u00fcsse, Zweige, Aeste, Dornen, Rinde u. s. w. Die Ranbthiere n\u00e4hren sich von andern S\u00e4ugern oder von V\u00f6geln, Lurchen, Fischen, W\u00fcrmern und Weichthieren; oinige fressen blos ihre selbst erlegte Beute, andere lieben Aas; manche verschonen sogar ihr eigenes Fleisch und Blut nicht: sie fressen ihre Jungen!\nDieseManchfaltigkeit der Nahrung bedingt auch die Verschiedenheit des Erwerbs derselben, d. h. die Verschiedenheit in der Erbeutung und Aufnahme. Einige nehmen ihre Nahrung mit den H\u00e4nden zu sich: der Elefant steckt sie mit dem R\u00fcssel in das Maul; die gr\u00f6\u00dfte Mehrzal aber nimmt sie unmittelbar mit dem Maule auf, oft, nachdem sie dieselbe vorher mit den Tatzen erfa\u00dft und festgehalten hat. Die Pflanzennahrung wird mit den H\u00e4nden oder dem R\u00fcssel abgebrochen, mit den Z\u00e4hnen abgebissen, mit Zunge und Lippen abgerupft, mit dem R\u00fcssel aus der Erde gew\u00fchlt; die thierische Nahrung dagegen wird bei wenigen, z. B. bei den Flederm\u00e4usen, Hunden, Fischottern, Robben und Walen gleich mit dem Maule aufgenommen, bei andern aber mit den H\u00e4nden oder Tatzen erfa\u00dft und dem Maule zugef\u00fchrt und bei einigen auch mit dem R\u00fcssel ausgegraben, so von den Maulw\u00fcrfen, Spitzm\u00e4usen, Igeln und Schweinen.\nDie S\u00e4ugethiere fressen viel, verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig aber doch weniger, als die V\u00f6gel. Dies steht auch mit der geringeren Regsamkeit vollkommen im Einkl\u00e4nge. Nach der Mahlzeit suchen sie die Ruhe und verfallen hierbei entweder blos in einen Halbschlummer, wie die Wiederk\u00e4uer, oder in wirklichen Schlaf. Zum Spielen oder unn\u00fctzen Bewegen sind, wie gesagt, nur wenige aufgelegt; es sind fast nur die Jungen, welche hierzu Lust haben und durch ihr tolles Treiben auch die gef\u00e4lligen Alten aufzur\u00fctteln wissen. Bei guter und reichlicher Nahrung bekommen alle S\u00e4ugethiere ein glattes, gl\u00e4nzendes Haarkleid und lagern im Zellgewebe und in den Leibesh\u00f6hlen viel Fett ab, welches bei einigen zur Erhaltung des Lebens w\u00e4hrend der Hungerzeit dienen mu\u00df. Einigen Pflanzen- und Kerbthierfressern n\u00e4mlich geht w\u00e4hrend des Winters die Nahrung vollkommen aus, und sie sind zu klein und zu schwach, als da\u00df sie sich dagegen lange halten k\u00f6nnten. Zum Wandern in w\u00e4rmere oder nahrungsreichere Gegenden sind sie unf\u00e4hig: und so w\u00fcrden sie unbedingt zu Grunde gehen, wenn die Natur nicht in sehr merkw\u00fcrdiger Weise f\u00fcr sie gesorgt h\u00e4tte. Es scheint zwar, da\u00df sie sich selbst sch\u00fctzen k\u00f6nnten, indem sie sich tief gelegene, dick und weich ausgepolsterte und deshalb warme Wohnungen unter der Erde bauen und in ihnen Vorrathskammern anlegen, welche auch reichlich mit Nahrung versehen werden: allein die Natur \u00fcbernimmt doch die Hauptsorge f\u00fcr ihre Erhaltung, und die eingetragene Nahrung dient blos dazu, sie w\u00e4hrend der Zeit, in welcher sie wirklich noch Nahrung bed\u00fcrfen, gegen das Verhungern zu sch\u00fctzen. Diese S\u00e4uger, welche so recht eigentlich als Schutzkinder der Natur erscheinen, bed\u00fcrfen lange Zeit gar keine Nahrung von au\u00dfen her, sondern zehren, w\u00e4hrend sie in einen todes\u00e4hnlichen Schlaf versinken, langsam von ihrem Fette: sie hallen Winterschlaf.","page":0},{"file":"a0039.txt","language":"de","ocr_de":"Nahrung. Winterschlaf.\nXXXV\nWenn der Herbst fast gu Ende geht und der Winter hereinbricht, ziehen sich die Schl\u00e4fer in ihre k\u00fcnstlichen, sehr warmen Schlupfwinkel zur\u00fcck, rollen sich zusammen und fallen nun bald in eine schlaf\u00e4hnliche Erstarrung. Ihr Herzschlag wird langsamer und ihre \u00c4thmungsth\u00e4tigkeit Dem entsprechend in auffallender Weise gemildert oder unterbrochen; die K\u00f6rperw\u00e4rme nimmt ab; die Glieder werden steif und kalt; der Magen und Darmschlauch entleeren sich vollst\u00e4ndig und schrumpfen zusammen. Der ganze Leib erh\u00e4lt hierdurch eine F\u00fchllosigkeit, die ohne Gleichen ist. Um hierzu einen Beleg zu geben, will ich erw\u00e4hnen, da\u00df das Herz eines im Winterschlafe enthaupteten Murmelthiers noch drei Stunden nach seiner T\u00f6dtung fortschlug, anfangs 16 bis 17 Mal in der Minute, dann immer seltener; \u2014 der abgeschnittene Kopf zeigte nach einer halben Stunde noch Spuren von Reizbarkeit. Der Winterschlaf ist ein wirklicher Scheintod; das Leben des Schl\u00e4fers gibt sich blos noch in Andeutungen kuud. Allein auch nur aus diesem Grunde ist es m\u00f6glich, da\u00df ihn das Thier \u00fcberdauert. Wenn Herz und Lungen wie bei dem lebenden Thiere arbeiteten, w\u00fcrde das im Sommer gesammelte Fett, welches f\u00fcr mehrere Monate ausreichen mu\u00df, bald aufgezehrt fein. Die geringe Athmungs-th\u00e4tigkeit aber verlangsamt den Verbrennungshergang im Innern des K\u00f6rpers in g\u00fcnstigster Weise f\u00fcr die Erhaltung des Lebens. Ich habe oben mitgetheilt, da\u00df der Winterschl\u00e4fer w\u00e4hrend seines Scheintodes etwa neunzig Mal weniger athmet, als im wachen Zustande, und f\u00fcge hinzu, da\u00df im entsprechenden Verh\u00e4ltni\u00df auch die K\u00f6rperw\u00e4rme herabgestimmt wird. Ein W\u00e4rmemesser, welchen man in beit Leib eines w\u00e4hrend des Winterschlafes get\u00f6dteten Murmelthiers senkte, wies blos noch TV/ R. W\u00e4rme nach, w\u00e4hrend die Blutw\u00e4rme der S\u00e4ugethiere sonst durchschnittlich zwischen 28 und 30\u00b0 betr\u00e4gt. Setzt man das schlafende Thier der K\u00e4lte aus, so erfriert es, wenn ich nicht irre, schon bei einer W\u00e4rme unter der seines Blutes w\u00e4hrend der Schlaszeit, und ebenso hat eine pl\u00f6tzliche Erw\u00e4rmung des Scheintodten den Tod zur Folge; bringt man ihn aber allm\u00e4hlig in h\u00f6here und h\u00f6here W\u00e4rme, so erwacht er nach und nach, und seine Blutw\u00e4rme steigt allgemach bis auf die gew\u00f6hnliche H\u00f6he. Uebrigens ertr\u00e4gt kein Winterschl\u00e4fer auch solches gemachsame Erwecken mehrere Male nach einander. Jeder Wechsel ist ihm w\u00e4hrend seines Halblebens sch\u00e4dlich. Hieraus erkl\u00e4rt sich wohl auch, da\u00df er sein Winterlager immer nur in H\u00f6hlen nimmt und diese durch sorgf\u00e4ltiges Verstopfen noch besonders gegen die \u00e4u\u00dfere Luft und deren W\u00e4rmewechsel abzuschlie\u00dfen sucht. Es ist h\u00f6chst merkw\u00fcrdig, da\u00df Siebenschl\u00e4fer aus fremden L\u00e4ndern, wenn sie zu uns gebracht werden, im Winter ebenfalls ihren Todtenschlaf halten, w\u00e4hrend sie Dies in ihrer Heimat gerade in der Zeit der gr\u00f6\u00dften Hitze thun. Allein wir sehen auch hieraus wieder, da\u00df die Zeit der D\u00fcrre hei\u00dfer Erdstriche eben nur mit unserem Winter verglichen werden kann, niemals mit unserem Sommer, wie so oft selbst von gediegenen Leuten f\u00e4lschlich geschieht.\nMit dem Herannahen des Fr\u00fchlings erwacht der Winterschl\u00e4fer und fristet sich nun sein Leben zuerst mit den Sch\u00e4tzen, welche er im vorigen Sommer sich eintrug. Anfangs schl\u00e4ft er auch nach dem Erwachtsein aus deiinTodtenschlafe noch oft und lange, doch mehr in gew\u00f6hnlicher Weise; sobald er aber sein Schutzlager verlassen kann, \u00fcberkommt ihn gro\u00dfe Aufregung; denn nunmehr geht er seinem Geschlechtsleben nach. Nur die kleineren S\u00e4ugethiere verfallen in einen wirklichen Winterschlaf, die gr\u00f6\u00dferen, wie z. B. der B\u00e4r, schlafen zeitweilig, obschon tage-, ja vielleicht wochenlang, nehmen aber w\u00e4hrend dieser Zeit ebenfalls fast gar keine Nahrung zu sich.\nEinige S\u00e4ugethiere unteruehmen zuweilen Reisen, um ihre Lage zu verbesferu; doch kann man bei unserer Klasse nicht von einer wirklichen Wanderung sprechen, wie bei den V\u00f6geln. Es kommt allerdings vor, da\u00df sie eine Gegend verlassen und in eine andere ziehen, der Weg aber, den sie zur\u00fccklegen, ist nie so lang, da\u00df er mit dem Zuge der V\u00f6gel verglichen werden k\u00f6nnte. Von Nahrungsmangel gepeinigt, rotten sich die Lemminge, jene muntern und anziehenden Bewohner der nordischen Gebirge und Ebenen, in gro\u00dfer Masse zusammen und wandern nun gemeinschaftlich in die Tiefe hinab, setzen sogar \u00fcber Meeresarme, gehen aber dabei fast regelm\u00e4\u00dfig zu Grunde; s\u00fcdafrika-uische Antilopen, das Nenthier und der nordamerikanische B\u00fcffel, die wilden Esel, die Seehunde und Wale treten aus demselben Grunde noch weitere Wanderungen au, und einige Flederm\u00e4use haben sogar einen beschr\u00e4nkten Zug. Allein alle diese Reisen stehen unendlich weit hinter denen der V\u00f6gel zur\u00fcck.\nDas Leben der S\u00e4ugethiere ist \u00fcberhaupt viel einf\u00f6rmiger, als das der beweglichen Luftbewohner. Blos die gescheiteren Arten suchen in dieses Einerlei einige Abwechselungen zu bringen,","page":0},{"file":"a0040.txt","language":"de","ocr_de":"XXXVI\nErn Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nindem sie sich auf irgend welche Weise mit einander unterhalten. Bei dem gro\u00dfen Haufen theilt sich der Tag in Fressen und Schlafen, Schlafen und Fressen. Die Brunstzeit ver\u00e4ndert dieses Betragen immer. Sie ist bei den meisten S\u00e4ugethieren an einen bestimmten Jahresabschnitt gebunden und f\u00e4llt entweder in das Fr\u00fchjahr oder in den Herbst oder auch selbst in den Winter, je nachdem das Thier l\u00e4ngere oder k\u00fcrzere Zeit tr\u00e4chtig geht. Die Sah- oder Wurfzeit der S\u00e4ugethiere n\u00e4mlich ist regelm\u00e4\u00dfig der Fr\u00fchling, welcher f\u00fcr das Junge oder f\u00fcr die s\u00e4ugende Alte reichlichere Nahrung bietet; und der Satzzeit entspricht nun die Brunstzeit. W\u00e4hrend derselben zeigt sich das S\u00e4ugethier oft in ganz anderer Weise, als au\u00dferdem: die m\u00e4nnlichen Thiere, welche sich sonst nicht um die Weibchen bek\u00fcmmern, finden sich bei diesen ein und zeigen nun bald eine gro\u00dfe Erregung ihres Geistes und Leibes. Mit den zunehmenden Gef\u00fchlen der Liebe w\u00e4chst die Eifersucht und der Ha\u00df gegen etwaige Nebenbuhler; heftige K\u00e4mpfe zwischen diesen werden ausgefochten, und Kampflustige zu denselben durch lautes Schreien eingeladen: selbst in der Seele des furchtsamsten S\u00e4ugethieres zeigt sich der Muth und die Kampfeslust. Der als Sinnbild der Feigheit dastehende Hase k\u00e4mpft mit seinem Nebenbuhler verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig ebenso wacker, als der L\u00f6we, wenn er auch seinen Liebesgegner nur t\u00fcchtig mit den Vorderpfoten ohrfeigt; der furchtsame Hirsch wird k\u00fchn und selbst dem Menschen gef\u00e4hrlich; die Stiere zeigen eine namenlose Wuth; die Naubthiere aber scheinen gegen alle fremden Gesch\u00f6pfe milder gesinnt zu werden, als sie es fr\u00fcher sind: die Liebe nimmt sie vorherrschend in Anspruch. In der verschiedenartigsten Weise machen die M\u00e4nnchen ih^en Weibchen den Hof. Die Affen werden sehr zudringlich und erlauben kein Spr\u00f6dethun; die Hunde dagegen bleiben liebensw\u00fcrdig, selbst wenn sich die H\u00fcndin noch so \u00e4rgerlich \u00fcber die Liebeserkl\u00e4rungen stellt; die L\u00f6wen br\u00fcllen, da\u00df die Erde zu erzittern scheint; die Katzen rufen mit unglaublicher Sanftheit sehnsuchtsvoll nach dem Gegenstand ihrer Schw\u00e4rmerei, sind aber so reizbar gegen die Nebenbuhler, da\u00df die zarten T\u00f6ne sehr bald in ein h\u00f6chst w\u00fcthendes Fauchen \u00fcbergehn; die m\u00e4nnlichen Maul w\u00fcrfe sperren ihr Weibchen augenblicklich in einen ihrer unterirdischen G\u00e4nge ein, so bald es sich zu spr\u00f6de zeigt, und lassen ihm hier Zeit, sich zu besinnen; die Wiederk\u00e4uer f\u00fchren gleichsam zur Ehre des weiblichen Theiles gro\u00dfe K\u00e4mpfe aus, m\u00fcssenabersehen, wie ihnen der Siegespreis oft von Feiglingen, welche den Zweikampf klug benutzen, entrissen wird u. s. w. Auch die Weibchen sind sehr aufgeregt, behalten jedoch die ihnen eigene Spr\u00f6digkeit trotzdem bei und bei\u00dfen, schlagen, sto\u00dfen, oder wehren sich sonstwie gegen die sich n\u00e4hernden M\u00e4nnchen, deren Z\u00e4rtlichkeit sie sich sp\u00e4ter aber doch gefallen lassen. Die Begattung erfolgt bei Vielen in der h\u00e4\u00dflichsten und f\u00fcr uns widerstrebendsten Weise: sobald sie vor\u00fcber ist, tritt gro\u00dfe Gleichg\u00fcltigkeit zwischen beiden Geschlechtern ein, und die meisten M\u00e4nnchen bek\u00fcmmern sich nun gar nicht mehr um die Weibchen, denen sie kurz vorher so gl\u00fchende Liebeserkl\u00e4rungen machten. In geschlossener, l\u00e4nger als ein Jahr w\u00e4hrender Ehe leben wahrscheinlich nur einige Wiederk\u00e4uer, namentlich mehrere kleine Antilopenarten, und vielleicht auch noch einzelne Wale: alle \u00fcbrigen sind der Vielweiberei zugethan.\nIn der Regel gen\u00fcgt eine einmalige Begat tung der br\u00fcnstigen S\u00e4ugethiere zur Befruchtung aller Keimbl\u00e4schen oder Eier, welche f\u00fcr ein und dieselbe Geburt zur Entwickelung gelangen, obgleich deren Zahl in sehr erheblichen Grenzen schwanken kann. Mehr als vierundzwanzig Junge wirft kein S\u00e4ugethier auf einmal; schon ihrer vierzehn oder sechszehn werden selten zugleich geboren. Alle gro\u00dfen S\u00e4uger geb\u00e4ren weniger und seltener Junge, als kleinere, bei denen die Frucht schon innerhalb drei Wochen nach der Begattung ausgetragen und das geborene Junge in derselben Frist sauch erzogen werden kann. Bei Denen, welche l\u00e4nger als sechs Monate tr\u00e4chtig gehen, kommt regelm\u00e4\u00dfig nur ein Junges zur Welt.\nDie Geburt selbst geht fast immer rasch uud leicht vor\u00fcber, ohne da\u00df irgend ein mitleidiges anderes Thier dabei behilflich w\u00e4re. Ein glaubw\u00fcrdiger Mann hat mir allerdings erz\u00e4hlt, da\u00df er eine solche Hilfe bei den Hauskatzen beobachtet und gesehen habe, wie eine \u00e4ltere Katze die Nabelschnur der Kinder einer j\u00fcngeren Mutter abbi\u00df; doch steht dieser Fall bis jetzt noch zu vereinzelt da, als da\u00df wir von ihm folgernd etwas allgemein G\u00fctiges sagen k\u00f6nnten. Sogleich nach der Geburt leckt die Mutter ihre Kleinen sorgf\u00e4ltig rein und w\u00e4rmt sie mit ihrem eigenen Leibe. Einige Nager bauen vorher ein Nest und f\u00fcttern dieses mit ihren abgerupften Haaren aus, um eine sanfte Wiege f\u00fcr ihre Jungen zu haben; die gro\u00dfe Mehrzahl aber wirft dieselben auf die blo\u00dfe Erde oder doch nur in","page":0},{"file":"a0041.txt","language":"de","ocr_de":"XXXVII\nBegattung. Geburt. Kinderliebe. Wachsthum.\neine nicht mit Nest versehene H\u00f6hle. Die Nachgeburt wird von vielen Thieren, welche sonst nie Fleisch anr\u00fchren, gierig aufgefressen, so z. B. von den Ziegen, Antilopen und Stachelschweinen.\nDie neugeborenen Jungen zeigen einen sehr verschiedenen Grad der Entwickelung. Bei den Beute lthieren \u00e4hneln sie einem rohen St\u00fcck Fleisch; sie werden aber in die diesen Thieren eigenth\u00fcmliche Hautfalte am Bauche, die sogenannte Tasche, gesteckt und in ihr gleichsam ausgetragen; die meisten Naubthiere sind blind, wenn sie zur Welt kommen und \u00f6ffnen erst nach einer oder-zwei Wochen ihre Augen; diejenigen S\u00e4ugethiere dagegen, welche sp\u00e4ter ein sehr bewegtes und ruheloses Leben f\u00fchren sollen, kommen sehr ausgebildet zur Welt und sind im Stande, ihrer Mutter schon wenige Stunden nach der Geburt zu folgen, bed\u00fcrfen aber auch am l\u00e4ngsten der Milch. Alle h\u00f6heren Thiere geb\u00e4ren ebenfalls sehende Junge, die jedoch so hilflos sind, da\u00df die Mutter sie wochenlang mit sich herumtragen mu\u00df; deshalb sehen wir die Kinder der Affen und Flederm\u00e4use lange Zeit an ihrer Mutter hangen, an welcher sie sich mit allen vier Gliedern fest angeklammert haben.\nJede S\u00e4ugethiermutter liebt ihre Kinder ganz ungemein und vertheidigt sie mit Aussetzung ihres eigenen Lebens gegen jeden Feind, selbst gegen den Vater. Dieser bek\u00fcmmert sich, streng genommen, gar nicht um sie, ja, wird ihnen im Gegentheile oft geradezu gef\u00e4hrlich, indem er sie auffri\u00dft, wenn er ihrer habhaft werden kann. Selten nimmt er mittelbar Theil an der Pflege und Erziehung seiner Spr\u00f6\u00dflinge: er vertheidigt sie n\u00e4mlich zuweilen, wenn der Gesammtheit eine Gefahr droht, bei welcher er \u00fcberhaupt eintritt. Um so mehr thut die Mutter. Sie allein ern\u00e4hrt, reinigt, leitet, straft und sch\u00fctzt, kurz erzieht ihre Kinder. Sie bietet ihnen ihre Br\u00fcste oder jagt sp\u00e4ter f\u00fcr sie, leckt und putzt sie, f\u00fchrt sie aus dem Schlupfwinkel oder wieder in denselben zur\u00fcck, spielt mit ihnen und lehrt sie ihre Nahrung erbeuten, gibt ihnen Unterricht im Laufen, Klettern, Schwimmen rc., h\u00e4lt sie wohl auch durch Strafen zum Gehorsam an und k\u00e4mpft f\u00fcr sie mit jedem Feinde, der es wagen sollte, sie anzugreifen. Die Liebe macht sie erfinderisch, friedliebend, mild, heiter gegen ihre Nachkommenschaft, oder auch heftig und w\u00fcthend, b\u00f6sartig und zornig nach Au\u00dfen hin. Sie lebt und sorgt blos f\u00fcr ihre Kinder und scheint, so lange sie diese vollst\u00e4ndig in Anspruch nehmen, f\u00fcr nichts Anderes Sinn zu haben. Selbst das ernsthafteste Thier wird als Mutter kindlich und spiellustig, wenn sein Kind Dies w\u00fcnscht. Ohne Uebertreibung kann man behaupten, da\u00df ihr die Liebe und Z\u00e4rtlichkeit, der Stolz und die Freude der Mutter an den Augen abzulesen sei: man mu\u00df nur einen Hund, eine Katze, ein Pferd, eine Ziege in Gesellschaft ihrer Spr\u00f6\u00dflinge beobachten; \u2014 keine Menschenmutter kann stolzer, als sie, aus ihr Kind sein. Und sie haben auch das vollste Recht ^dazu; denn alle jungen S\u00e4ugethiere sind, wenn sie nur erst einigerma\u00dfen Herr ihrer Kr\u00e4fte geworden, allerliebste Gesch\u00f6pfe, welche ja selbst uns gro\u00dfe Freude bereiten.\nMan kann bei jeder S\u00e4ugethiermutter wahrnehmen, da\u00df sie ihr Betragen gegen ihre Jungen mit der Zeit wesentlich ver\u00e4ndert. Je mehr das junge Volk heranw\u00e4chst, um so k\u00e4lter wird das Verh\u00e4ltni\u00df zwischen Muttes und Kind: die Alte kennt den Grad der Bed\u00fcrftigkeit des letzteren genau und bestrebt sich, wie jedes Thier \u00fcberhaupt, seine Nachkommenschaft so rasch als m\u00f6glich selbst\u00e4ndig zu machen. Deshalb entzieht sie derselben nach einer gewissen S\u00e4ugezeit zun\u00e4chst die Milch und gew\u00f6hnt sie nach und nach, sich ihre Nahrung selbst zu suchen. Sobald dieser Zweck erreicht und das junge Thier selbst\u00e4ndig geworden ist, endigt die Z\u00e4rtlichkeit zwischen ihm und der Mutter, und jeder Theil geht nunmehr seinen eigenen Weg, ohne sich um den andern zu k\u00fcmmern. Die geistig begabtesten Thiere, wie die Pferde und Hunde, beweisen uns, da\u00df sich Mutter und Kind sehr bald nach ihrer Trennung so von einander entfremden, da\u00df sie sich, wenn sie wieder zusammen kommen, gar nicht mehr kennen, w\u00e4hrend wir dagegen Beispiele haben, da\u00df das geschwisterliche Verh\u00e4ltni\u00df zweier Jungen lange Zeit sich erhalten kann.\nDie zur Erlangung der Selbst\u00e4ndigkeit eines S\u00e4ugethieres nothwendige Zeit ist fast ebenso verschieden, wie seine Gr\u00f6\u00dfe. Im Allgemeinen ist diese ma\u00dfgebend, d. h. ein S\u00e4ugethier entwickelt sich um so langsamer, je gr\u00f6\u00dfer es ist und umgekehrt: allein wir sehen an uns selbst, da\u00df auch die H\u00f6he der Ausbildung, welche erreicht wird, auf die Zeit der Entwickelung des Leibes von Einflu\u00df sein kann, und ebenso tr\u00e4gt wohl auch die gr\u00f6\u00dfere oder geringere Schwierigkeit des Nahrungserwerbes, die Beschaffenheit der Nahrung und der h\u00f6here oder geringere W\u00e4rmegrad eines Heimatkreises Vieles zum schnelleren oder langsameren Wachsthum bei. Unter den Lands\u00e4ugethieren bedarf der Mensch entschieden die meiste Zeit zu seinem Wachsthume; denn auch der Elefant wird eher gro\u00df, als er. Es","page":0},{"file":"a0042.txt","language":"de","ocr_de":"XXXVIII\nEin Blick auf das Leben der Gesammtheit.\nkommt schon selten vor, da\u00df eine Mutter ihr Kind jahrelang leitet und pflegt, und wahrscheinlich niemals, da\u00df sie dasselbe l\u00e4nger als Jahresfrist s\u00e4ugt, wie Dies bei dem Menschen oft genug der Fall ist. Das junge Thier ist schon lange vor seinem Erwachsensein von seiner Mutter verlassen worden und hat auch vollst\u00e4ndig die F\u00e4higkeit erlangt, f\u00fcr sich zu sorgen.\nGew\u00f6hnlich kann das S\u00e4ugethier als erwachsen angesehen werden, sobald es zeugungsf\u00e4hig geworden ist. Es hat dann meist die Kennzeichen erhalten, welche dem alten Thiere zukommen, und auch'der Unterschied zwischen m\u00e4nnlichem und weiblichem Thier macht sich bemerklich. Ersteres zeichnet sich n\u00e4mlich vor dem letzteren regelm\u00e4\u00dfig durch die Gr\u00f6\u00dfe aus, oft auch durch Geh\u00f6rne, Geweihe, Sto\u00df-und Rei\u00dfz\u00e4hne, besondern Haarschmuck, welcher sich als M\u00e4hne und Schwanzquaste kundgibt, sowie durch mancherlei andere Eigenth\u00fcmlichkeiten; doch kommt es nicht selten vor, da\u00df auch das zeugungsf\u00e4hige Thier mit steigendem Alter in mancher Hinsicht noch zunimmt. Hiervon mag uns der Hirsch als Beispiel gelten, weil er ja bekanntlich mit den Jahren mehr und mehr Sprossen auf sein Geweih setzt. Die Sto\u00dfz\u00e4hne des Elefanten, des Walrosses, die Narwals nehmen ebenso mit dem Alter an Gr\u00f6\u00dfe bedeutend zu.\nWahrscheinlich erreichen nur die gro\u00dfen Vielhuferund die gr\u00f6\u00dften Meersauger ein h\u00f6heres Alter, als der Mensch. In demselben Grade, in welchem die Entwickelung verlangsamt ist, nimmt das Alter zu, oder umgekehrt ab. Schon mittelgro\u00dfe S\u00e4ugethiere k\u00f6nnen, toemi sie zehn Jahr alt geworden sind, als greise Thiere betrachtet werden, bei andern tritt das Greisenthum vielleicht erst nach zwanzig Jahren ein: allein ein Alter von drei\u00dfig Jahren, in welchem der Mensch doch bekanntlich erst zur vollen Bl\u00fcthe gelangt, ist schon recht selten. Das Greisenthum zeigt sich sowohl in der Abnahme der Kr\u00e4fte, als auch im Ergrauen des Haares und tu der Verkleinerung gewisser Schmuckzeichen: so setzen alte Hirsche geringere Geweihe auf, als vollkr\u00e4stige. Der Tod erfolgt gew\u00f6hnlich nicht durch Krankheiten, denn diese sind unter den freilebenden S\u00e4ugethieren selten. Seuchen, welche in entsetzlicher Weise unter Thieren unserer Klasse w\u00fcthen, kommen zwar auch vor; die M\u00e4use z. B., welche sich zuweilen ins Unglaubliche vermehren, sterben in Zeit von wenig Wochen in solcher Masse dahin, da\u00df ihre kleinen Leichname verwesend die Luft verpesten. Allein solche F\u00e4lle sind doch nicht h\u00e4ufig, und die gr\u00f6\u00dferen freilebenden S\u00e4ugethiere scheinen von Krankheiten sehr wenig zu wissen. Bei ihnen erfolgt der Tod gew\u00f6hnlich aus Altersschw\u00e4che. Man kann Sch eitlin wohl Recht geben, wenn er behauptet, da\u00df die edlen Thiere w\u00fcrdig, die unedlen unw\u00fcrdig, die \u201eMenschenthiere\" menschlich sterben. Elefanten, Hunde, Pferde, L\u00f6wen und andere kluge Thiere, kennen den Tod und wissen, was Sterben zu bedeuten hat; sie verscheiden auch ruhig und ohne zu winseln; sie trotzeil dem Schmerz, \u00e4chzen und seufzen nicht, zucken nur krampfhaft im Tode und sterben still dahin; der Hund, dieses herrliche Bild der Treue, kriecht noch sterbend zu seinem Herrn und leckt ihm liebend die Hand, ihm gleichsam den letzten Abschiedsgru\u00df seiner Treue und seiner Liebe vererbend. Im freien Leben suchen die Thiere sich, wenn der Tod naht, gew\u00f6hnlich ein stilles Pl\u00e4tzchen, auf welchem sie ihr Sterbelager halten, und auch manche Hausthiere, welche der Mensch irgend einem seiner Zwecke opfert, thun Dies; so z. B. der Stier auf dem Fecht- und Kampfplatze, wenn er die t\u00f6dtliche Wunde von dem Schwerte des Espada empfangen hat.\nIch will noch einmal mich auf Sch eitlin st\u00fctzen, indem ich mit ihm sage: \u201eDas Thier hat auch ein Schicksal. Es h\u00e4ngt von seinen Verh\u00e4ltnissen zur Natur und den nat\u00fcrlichen Umgebungen zu dem Menschen, wenn es mit ihm iu Verkehr kommt, zum Theil auch von sich selbst ab. Oft mu\u00df es des Menschen Schicksal und der Mensch das des Thieres theilen; es geht mit ihm zu Grunde im Feuer und Wasser, in der Schlacht und im Kampfe. Manche Pferde sind Helden, f\u00fcr welche keine Kugel gegossen zu sein scheint, andere wirft die erste feindliche Kugel nieder. Das junge, sch\u00f6ne F\u00fcllen wird fast mit Gold ausgewogen, dann frei zugeritten, zu freien, frohen Wettrennen benutzt, bald hierauf mit Stricken an eine Kutsche gespannt, doch immer noch mit Hafer gef\u00fcttert, es ist noch der Ruhm seines Kutschers, der Stolz seines Reiters. Dann geht es an einen Lohnkutscher \u00fcber, rohe Menschen treiben es beinahe zu Tode. Es mu\u00df dennoch allt\u00e4glich wie ein Sklave ziehen; es hinkt, dennoch mu\u00df es laufen. Ist es ein Postpferd geworden, so geht es ihm nicht besser; es wird halb oder ganz blind, seine Weichen und seht Vorderr\u00fccken bluten vom Riemenwerk, sein Bauch von Bremsenstichen. Ein armer, roher Bauer hat es f\u00fcr wenige Thaler auf Leben mtd Tod gekauft, es wird uoch einige Jahre lang mit Stroh gef\u00fcttert, angeflucht, mit den groben Schuhen in die","page":0},{"file":"a0043.txt","language":"de","ocr_de":"Alter. Schicksal der Thiere. Nutzen der Hausthiere.\nXXXIX\nRippen geschlagen und zuletzt, wenn es zehnmal auf der Stra\u00dfe erlegen, todtgestochen, oder es verreckt endlich. Das ist der Fluch mancher Pferde, und diesen Fluch tr\u00e4gt mancher edle Hund, mancher B\u00e4r, mancher B\u00fcffel, manche andere Thiere. Tagel\u00f6hner sind auch sie, und ihr Leben ist ein immerw\u00e4hrender Streit auf Erden. Vor: den h\u00f6chsten Stufen der Ehre steigen sie zur tiefsteil Schande herab; ihr Dasein geht vom \u00fcppigsten Ueberflu\u00df bis zum nagendsten Hunger, von rascher Jugendf\u00fclle und Bl\u00fcthe zur elendesten Krankheit und Altersschw\u00e4che herab. Gl\u00fccklich, da\u00df wenigsterrs-das tiefstehende Thier seinen Lebensfluch nicht erkennt, traurig, da\u00df der Mensch vergessen kann, da st die h\u00f6heren Thiere sehr Wohl zwischen guter und schlechter Behandlung unterscheiden lernen!\"\n\u201eAndere Thiere aber leben in Gl\u00fcck und Freude von Anfang au bis zu Ende. Manches H\u00fcndchen wird wie ein Kind geliebt, gekost, gek\u00fc\u00dft, zu Tisch geladen, kostbar gespeist, Aerzten \u00fcbergeben, beweint, begraben; mancher gelehrige und gutm\u00fcthige Hund hat ein Schicksal, dessen Gl\u00fcck dasjenige der meisten Menschen \u00fcbertrifft, so da\u00df er sagen m\u00fc\u00dfte: Das Loos ist mir gefallen auf das Lieblichste, mir ist ein sch\u00f6nes Erdentheil geworden. Er darf mit tanzen, mit denken, mit reisen, mit genie\u00dfen, kurz, so weit er kann, gerade wie ein Mensch thun; es wird an seinem Grabe noch geschluchzt. Mancher v\u00f6llig untaugliche, bissige Hund, manches blindgewordene Pferd bekommt bis zu seinem Sterben ein sch\u00f6nes Gnadenbrod, wie es Tausende von Menschen, die es besser verdienten und eher bed\u00fcrften, nicht bekommen. Auch das Thier hat sein Schicksal.\"\nSchon mit diesen erborgten, sch\u00f6nen Worten habe ich das Verh\u00e4ltni\u00df ber\u00fchrt, in welchem der Mensch mit dem Thiere oder das Thier mit dem Menschen lebt. Dieses Verh\u00e4ltni\u00df ist aber ein viel ausgedehnteres, als hier gesagt wurde. Die Klasse der S\u00e4ugethiere ist diejenige, welche sich der Mensch bei weitem am meisten zu Nutzen macht; es gibt wirklich nur wenige S\u00e4ugethiere, aus deren Leib und Leben der Mensch keinen Vortheil ziehen kann. Den Nutzen der Hausthiere hat Lenz so anziehend dargestellt, da\u00df es unrecht von mir w\u00e4re, wollte ich meine Worte an die Stelle der seinigen setzen.\n\u201eWie elend und m\u00fchevoll w\u00e4re das menschliche Leben ohne die Hilfe der Hausthiere! Wollen wir uns eine bequeme Wohnung bauen, gleich arbeiten von allen Seiten her Pferde und Ochsen, die schweren Hasten herbeizuschaffen. Wolle:: wir uns mit Vorr\u00e4theru der herrlichsten Fr\u00fcchte versorgen, gleich bearbeiten sie das Erdreich mit Pflug und Egge. Wollen wir auf schnelle und bequeme Weise weithin \u00fcber Berg und Thal zu einen: guten Freunde reisen, gleich stehen vor Freude und Ungeduld stampfende Wagenpferde vor der Th\u00fcre, oder ein muthiges Reitpferd ladet uns durch lautes Wiehern zum Aufsitzen ein. \u2014 H\u00f6ren wir bei n\u00e4chtlicher Weile ein unheimliches Poltern, Rasseln und Nagen in Speisekammer, K\u00fcche und Keller, und sehen wir dann mit tiefer Betr\u00fcbni\u00df, wie unsere Bratw\u00fcrste, Speckseiten, Kohlr\u00fcben und Kartoffeln von M\u00e4usen und Ratten zerfressen sind und wie der Deckel des Honigtopfes gel\u00fcftet ist, und m\u00fcssen wir gar auch noch das Ungl\u00fcck in: Kleiderschr\u00e4nke erleben, da\u00df unser neuester Frack von den: benannten Ungeziefer in St\u00fcckchen zernagt ist und ihrer: S\u00e4uglirrgen als Ndststoff dient, und bedenken wir, da\u00df unser von: Geiste des Mittelalters besessener Schneider sich uns\u00e4gliche M\u00fche gegeben hatte, uns durch die L\u00e4nge und Breite des sinn- und wirbellosen Frackschwar:zes prachtvoll aufzuputzen, und suchen wir bann endlich nach Hilfe in all der Noth: ist da ein lebend Wesen zu finden, das uns zu retten vermag? O freilich! Mit Hut und Stock und mit sechs Silbergroschen gehen wir auf Handel aus, kaufen eir: sch\u00f6nes, zahmes, wohlgezogenes K\u00e4tzchen, schaffen es nach Haus und Heger: und pflegen es mit liebevoller Sorgfalt. An: erster: Tage miauzt es j\u00e4mmerlich und sucht zu errtwischen; am zweiten erkennt es unsern guten Miller: ar: und schlie\u00dft mit Schmunzeln, Schnurren urch Anschmiegen z\u00e4rtliche Freundschaft; am dritter: bringen wir's an den Ort feiner Bestimmung, lassen's los, und sieh, mit Schwurrg und Sprung, wup, wup, da hat's mit scharfem Zahn die H\u00f6llenbrut an: Kragen und bricht ihr das Genick. \u2014 Wollen wir in's Freie gehen, um ein fettes H\u00e4schen oder ein Entchen f\u00fcr die K\u00fcche zu erlegen, so wei\u00df. der H\u00fchnerhund im Augenblicke, wo wir die Flinte ergreifen, weder Ma\u00df noch Ziel seines Entz\u00fcckens zu finden, macht vor Freuden entsetzliche Spr\u00fcnge, h\u00fcpft hoch ar: uns empor, beschmiert, urrs mit seinen Tatzen bis an die Schultern und leckt uns, wenn wir ihm nicht Eins hinter die Ohrei: geben, Gesicht und Ohren so rein, als wenn sie gewaschen w\u00e4ren; und sind wir nur: drau\u00dfen, so st\u00fcrzt er sich, um angeschossenes, fl\u00fcchtiges Wild einzuholen, blindlings dr^ch Dornen und Sumpf, oder springt, die Todesgefahr nicht achtend, in die sch\u00e4umenden Wogen des Stromes. Wollen wir","page":0},{"file":"a0050.txt","language":"de","ocr_de":"XL\n(Sin Blick aus das Leben der Gesammtheit. Nutzen der Thiere.\neinen Wolf, der unsere Herden, oder ein WildesSchwein, das unsere Saaten verw\u00fcstet, erlegen, so rufen wir unsere getreuen Doggen zu Hilfe. Wohl kennen sie den zur Jagd auffordernden Nus; ihre Augen blitzen vor Freude, ihre Stimme gleicht dem Dr\u00f6hnen des Donners, w\u00fcthend st\u00fcrzen sie auf den gewaltigen Feind, und mag in verzweifeltem Kampfe ihr Blut in Str\u00f6men flie\u00dfen, und m\u00f6gen links und rechts die Leichen ihrer gefallenen Br\u00fcder im Blut und Staube liegen: sie achtens nicht und ruhen nicht, bis auch der Feind sich im Staube w\u00e4lzt. Und was f\u00fcr einen Lohn verlangen sie f\u00fcr ihre ungeheuere Anstrengung? Nichts, .'gar nichts, als einen freundlichen Blick von ihrem Herrn. Und wenn wir uns nun, von des Tages Last und M\u00fche ermattet, am Abend zur Ruhe begeben haben, das m\u00fcde Auge festgeschlossen, die Seele sich ihrer selbst nicht mehr bewu\u00dft ist, der Arm wehrlos uns zur Seite liegt, dann siehts wohl \u00fcbel um uns aus, weil Spitzbuben Hab und Gut, so viel ihnen gel\u00fcstet , in voller Sicherheit davon tragen k\u00f6nnen? O nein, so schlimm ists nicht, denn auf unserm Hofe wacht ein treuer, starker Hund, der ohne Umst\u00e4nde jedes Drebsgesicht bei der Kehle packt.\"\nAber nicht blos die wenigen Hausthiere, welche hier aufgef\u00fchrt wurden, m\u00fcssen dem Menschen zollen mit Leib und Leben, mit ihren Kr\u00e4ften, Fleisch, Haut, Haar, Horn und D\u00fcnger: er hat noch weit mehr sich unterjocht und nutzbar gemacht, selbst solche, welche nicht mit ihm seine Wohnung theilen. Zum Lasttragen, Ziehen und Reiten m\u00fcssen Esel, Pferd, Elefant, Renthier, Lama, Kamel, Hausochse, B\u00fcffel, Ziege und Hund, zum Kriegsdienst Pferd, Kamel, Elefant und Hund, zur Jagd vor allen dieser letztere treue Genosse, aber auch wieder das Pferd und der Elefant, der Jagdleopard, das Ichneumon, das Frettchen, de? Fischotter, die Katze und der Igel, ja selbst ein Halbaffe ihm ihre Dienste leihen. Zum Vergn\u00fcgen dienen ihm Affe und Hund, Pferd und Ziege, Katze, Kaninchen', Eichh\u00f6rnchen und Meerschweinchen;zumPost-und Hirtendienst mu\u00df wieder der Hund sich hergeben. Der Wurzelmaus und dem Hamster raubt der Mensch die gesammelten Vorr\u00e4the. Nahrungsmittel und zwar Fleisch liefern ihm: sechs Rinder-, vier Schweine-, drei Schaf-, zwei Ziegen- und alle Hirsch arten, der Eisb\u00e4r, der amerikanische Baribal, die Waschb\u00e4ren, der Vielfra\u00df, die Flu\u00dfotter, die Robben, sehr viele Beutelthiere, die Agutis, alle Hasen, alle Kaninchen, die Chinchille, die Springmaus, Stachelschweine, Eichh\u00f6rnchen, Siebenschl\u00e4fer, Murmelthiere, Kletterratten, Biber, Bisamr atte, Kamel, Pako, Vicuna, das Moschusthier, alle Arten Antilope, das Pferd und die wilden Esel, Tapir, Nashorn, Flu\u00dfpferd, Elefant und endlich fast alle gro\u00dfen Meers\u00e4uger. DasKamel und dasRenthier, die Ziegen,Rinder, die Stuten, derEsel geben ihm auch noch Milch, der Dachs, der Vielfra\u00df, die Hi\u00e4ne, die Ochsen, das Schwein, das Schaf und alle Meers\u00e4uger Schmer und Fett, die Biber, der Klippdachs, dieHirfche, das Moschusthier, das Schaf, der Ochse, das Schwein, der Pottwal und der Walfisch Arzneimittel. Der Eisb\u00e4r, Baribal, der Waschb\u00e4r, der Dachs, der Vielfra\u00df, dieZibet-Hi\u00e4ne, der Wolf, die F\u00fcchse, Luchse, Katzen, Unze, Panther, Tiger, L\u00f6wen, Leopard, alle Marder, Wisel, Fisch- und Seeottern, die Katze, Eichh\u00f6rnchen, Siebenschl\u00e4fer, Murmelthiere, Zisel-m aus, Hamster, Biber, Bisamratte, Schwimm maus, Kaninchen, Hasen, Chinchillen und Seehunde zollen Pelz- und Rauchwerk zu seiner Kleidung; die Lamas, Moschusthiere, Hirsche, Schafe, Ziegen, Antilopen, Rinder, Pferde, mehrere Dickh\u00e4uter und einige Robben Leder; die Schafe, Ziegen, Bisamratten, Hasen, Lamas und die Kamele Wolle zu Gespinnsten und Geweben; und andere endlich liefern noch Horn, Elfenbein, Z\u00e4hne, Fischbein, D\u00fcngstoffe u. dergl. mehr. Einen solchen Nutzen kann keine \u00fcbrige Klasse des Thierreichs f\u00fcr uns haben, und deshalb eben sind, die S\u00e4ugethieretzbei weitem die wichtigsten aller Thiere f\u00fcr das ganze menschliche Leben; deshalb eben kann man sagen, da\u00df das bequeme Leben der Menschen, wie wir es gewohnt sind, ohne die S\u00e4ugethiere geradezu unm\u00f6glich sein w\u00fcrde. Aber wir sehen auch wiederum aus dem Nutzen, welchen die S\u00e4ugethiere uns gew\u00e4hren, aus der treuen Hilfe, welche sie uns leisten, aus der Verbr\u00fcderung, welche sie mit uns eingehen, \u2014 wie nahe, wie innig verbunden wir, als die h\u00f6chststehenden S\u00e4uger, mit den \u00fcbrigen sind, denen wir unser Joch auferlegt haben.","page":0},{"file":"p0001.txt","language":"de","ocr_de":"MtWk '\ntj dll il t I) i r I r (Primates).\nZweite Ordnung.\nD i e Affen (S i m i a e).\nDie erste Ordnung der S\u00e4ugethiere lehrt uns den Menschen, die zweite \u2014 seine Zerrbilder kennen.\nWagler nennt die Affen \u201everwandelte Menschen\" und wiederholt mit diesen Worten die uralte und noch immer neue Ansicht aller V\u00f6lker, welche mit diesen fratzenhaften Wesen verkehrt haben und noch verkehren.\nVon den alten V\u00f6lkern scheinen nur die Inder und Egypter eine gewisse Zuneigung f\u00fcr die Affen gezeigt zu haben. Die alten Inder erbauten ihnen, wie ihre Nachkommen es heute noch thun, tempelartige H\u00e4user, in denen sie schalten und walten durften; die alten Egypter gruben ihre Bildnisse in den unverg\u00e4nglichen Porfir ein und schufen nach ihnen die Abbilder ihrer G\u00f6ller. Bei den \u00fcbrigen V\u00f6lkern war es anders. ^Salomo lie\u00df sich Affen aus Ophir kommen, wahrscheinlich nur zu seiner Belustigung; die R\u00f6mer hielten sie sich zu ihrem Vergn\u00fcgen und studirten, ihren Leib zergliedernd, an ihnen den innern Bau des Menschen; sie freuten sich der drolligen Nachahmungssucht der Thiere, lie\u00dfen sie wohl auch mit Raubthieren k\u00e4mpfen, befreundeten sich aber nie recht mit ihnen und verkannten auch niemals das \u201eThier\" in ihnen. Anders war und ist es bei den Arabern. Diese sahen oder sehen in den Affen geradezu Verworfene, von Allah Verdammte, welche aus verabscheuungsw\u00fcrdigen Menschen zu Thieren verwandelt wurden und jetzt das Bild des Teufels und des Adamssohnes in wunderlicher Vereinigung zur Schau tragen.\nWir denken nicht viel anders. Die Assen sind uns nur Zerrbilder des Menschen und belustigen uns, so lange sie sich von ihrer guten Seite zeigen: so bald sie aber ihre schlechten Eigenschaften kund geben, schleudern auch wir noch das Urtheil der Verdammni\u00df auf sie.\nEs ist beachtenswerth, da\u00df wir blos diejenigen Affen wirklich gern haben, wirklich unmuthig finden, welche -die wenigste Aehnlichkeit mit den Menschen zeigen, w\u00e4hrend uns alle diejenigen Arten, bei denen diese Aehnlichkeit sch\u00e4rfer hervortritt, geradezu abscheulich erscheinen. Unser Widerwille gegen die Affen begr\u00fcndet sich ebensowohl auf deren leibliche, wie geistige Begabungen. Sie \u00e4hneln dem Menschen hinsichtlich ihres Leibes nur oberfl\u00e4chlich, geistig aber blos im schlechten Sinne und nicht im guten. In der Gestalt des Menschen zeigt sich das vollendete Ebenma\u00df und die sch\u00f6nste\nBrehm, Thierleben.\t*\t*","page":1},{"file":"p0002.txt","language":"de","ocr_de":"2\nDie Affen.\nEinhelligkeit: in der Affengestall giebt sich meist nur widerliche Fratzenhastigkeit kund. Ein einziger Blick auf das Knochenger\u00fcst des Menschen und das des Affen zeigt den schon in der ganzen Anlage begr\u00fcndeten Unterschied; noch greller aber tritt die Un\u00e4hnlichkeit beider so nah verwandter S\u00e4uger hervor, wenn wir vergleichend das vollendete Bild des Menschen und das eines Orang-Utang betrachten.\n. Kaum eine einzige andere S\u00e4ugethierordnung zeigt eine solche Mi\u00dfbildung, wie die Affen; Nichts ist hier regelrecht, Nichts ebenm\u00e4\u00dfig; \u00fcberall bemerkt man nur Verzerrung und Unregelm\u00e4\u00dfig-\nkeit. \u201eJeder K\u00f6rpertheil,\" sagt Giebel, \u201ekennzeichnet die Affengestalt. Sie verr\u00e4th bisweilen einige Aehnlichkeit mit andern Thieren, z.B. in den Pavianen mit den Hunden: aber es verh\u00e4lt sich dabei nicht anders, als mit der vielbewunderten Menschen\u00e4hnlichkeit des Orangaffen. Es ist eben nur eine ganz allgemeine und oberfl\u00e4chliche, welche bei n\u00e4herer Vergleichung mehr und mehr verschwindet. Bei der Unregelm\u00e4\u00dfigkeit, welche den ganzen K\u00f6rperbau beherrscht, d\u00fcrfen wir selbstverst\u00e4ndlich keine Uebereinstimmung in der \u00e4u\u00dfern Erscheinung der Affengestalten erwarten. Schon die K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe spielt in ziemlich weiten Grenzen: die Orangaffen erreichen Mannesgr\u00f6\u00dfe, die Seidenaffen und","page":2},{"file":"p0003.txt","language":"de","ocr_de":"Geripp des Menschen und des Gorilla. Leibesbau der Affen.\n3\nandere nur die des Eichh\u00f6rnchen. Die Paviane sind kr\u00e4ftig, untersetzt; ihre K\u00f6rperformen sind stark und fleischig, und ihr Bauch ist stark eingezogen: bei den Orangaffen dagegen ist der Leib stark aufgetrieben und besitzt lange, d\u00fcnne Gliedma\u00dfen; bei den Klammeraffen sind Leib und Gliedma\u00dfen gleich d\u00fcnn und mager, bei einzelnen Halbaffen sogar klapperd\u00fcrr. Die einen tragen ein d\u00fcnnes, sp\u00e4rliches Haarkleid, welches die Umrisse des K\u00f6rpers deutlich durchschimmern l\u00e4\u00dft; andere h\u00fcllen sich in einen kurzen, dichten, enganliegenden Pelz; noch andere bekleiden sich mit einem langen, lockern, der am Kopfe, Rumpfe oder Schw\u00e4nze sogar buschige M\u00e4hnen, Quasten oder einen struppigen Bart bildet. Die Farben sind im Allgemeinen zwar d\u00fcster, grau, braun, schwarz, eint\u00f6nig oder gemischt, jedoch fehlt es auch nicht an bunten Zeichnungen, hervorstechenden T\u00f6nen und darunter an solchen, welche wir sonst nirgends unter den S\u00e4ugethieren finden. So mischt sich meergr\u00fcne Farbe mit grauer, Wei\u00df sticht am Kopfe scharf gegen die allgemeine schwarze F\u00e4rbung ab; ja, selbst Gr\u00fcn, Himmelblau, Blut- und Purpurroth kommen vor, wenn auch nur an nackten, haarlosen Stellen. Die Ohren ragen frei hervor oder verstecken sich ganz im Pelze; das Gesicht ist hundsartig verl\u00e4ngert oder kurz und glatt; die H\u00e4nde sind f\u00fcnfzehig; der Schwanz fehlt oder ist mehr als k\u00f6rperlang.\"\nDie Assen.haben also Nichts, was ihnen einen Anspruch auf Sch\u00f6nheit geben k\u00f6nnte, und selbst ihre Vorz\u00fcge vor andern Thieren sind nur scheinbar. So k\u00f6nnte man vielleicht glauben, da\u00df sie in ihren vier H\u00e4nden gr\u00f6\u00dfere Begabungen erhalten h\u00e4tten, als der Mensch, welcher nur zwei H\u00e4nde besitzt: allein dem ist nicht so. Die Hand ist allerdings schon von den alten Weltweisen als dasjenige Werkzeug anerkannt worden, welches den Menschen leiblich zum Menschen macht: allein die Affenhand ist eben auch nur eine ungelungene Nachbildung der vollendeten Menschenhand. Und \u201enicht die Zahl gleichf\u00f6rmiger Werkzeuge,\" sagt Oken, \u201esondern die Zahl der ungleichf\u00f6rmigen, nicht die Vielheit, sondern die Manchfaltigkeit ist die Vollkommenheit. Der Asse kann mit seinen vier H\u00e4nden nur Einerlei thun:' n\u00e4mlich sich halten und klettern; er kann daher die vordern H\u00e4nde nicht einmal als H\u00e4nde gebrauchen, weil er sie nicht frei bekommt, weil die hintern nicht im Stande sind, allein den Leib zu tragen, wie beim Menschen.\" Somit hat er auch in seinen vier H\u00e4nden Nichts voraus, so erscheint auch dieses edle Werkzeug bei ihm nur verbildet, nur verzerrt.\nDie Uebereinstimmung des inneren Leibesbaues der Affen ist gr\u00f6\u00dfer, als man, von ihrer \u00e4u\u00dferen Erscheinung folgernd, vermuthen m\u00f6chte. Das Geripp enth\u00e4lt 12 bis 16 Brustwirbel, 4 bis 9 Lendenwirbel, 2 bis 5 Kreuzbein- und 3 bis 33 Schwanzwirbel; das Schl\u00fcsselbein ist stark; die Unterarmknochen sind getrennt und sehr beweglich; die Handwurzelknochen sind gestreckt, die der Finger aber theilweise verk\u00fcmmert, w\u00e4hrend an den Hinterf\u00fc\u00dfen gerade der entgegensetzbare Daumen auff\u00e4llt. De^Sch\u00e4del ist sehr verschieden gestaltet, je nachdem der Schnauzentheil hervor- oder zur\u00fccktritt und der Hirnkasten sich erweitert; die Augen liegen immer vorn, in stark umrandeten Knochenh\u00f6hlen, 'und die Jochb\u00f6gen stehen nicht bedeutend vom Sch\u00e4del ab. Das Gebi\u00df enth\u00e4lt alle Zahnarten und zwar in ununterbrochenen Reihen, d. h. ohne L\u00fccken zwischen den verschiedenen Z\u00e4hnen: \u2014 vier Schn'eidez\u00e4hne, zwei oft au\u00dferordentlich und wie bei Raubthieren entwickelte Eckz\u00e4hne,zwei oderdreiL\u00fcck- und drei Mahlz\u00e4hne in jedem Kiefer, pflegen es zu b ild en. \u2014 Unter den Muskeln verdienen die, welche die- Vorderh\u00e4nde bewegen, unsere Beachtung, weil sie im Vergleich zu denen der Menschenhand au\u00dferordentlich vereinfacht, ja verk\u00fcmmert sind. Hierdurch eben wird der Asienhand jene tausendf\u00e4ltige Beweglichkeit unm\u00f6glich, welche unsere Hand auszeichnet. \u201eDie Vergleichung beider H\u00e4nde allein,\" sagt Giebel, \u201eerweist die behauptete Abstammung des Menschen von den Affen als durchaus unm\u00f6glich und. bekundet deren Unbildungsf\u00e4higkeit, zu so mancherlei h\u00e4uslichen Handgesch\u00e4sten sie sich auch abrichten lassen.\" Die Hinterh\u00e4nde der Affen sind der Menschenhand \u00e4hnlicher, als die Vorderh\u00e4nde, verlieren aber als K\u00f6rperst\u00fctzen ihre Freiheit und damit ihre Brauchbarkeit. Wie die Hand, unterscheidet sich auch der Kehljkopf vielfach von dem des Menschen; er bef\u00e4higt das Thier nicht zu einer Sprache im menschlichen Sinne; die sackartigen Erweiterungen der Luftr\u00f6hre beg\u00fcnstigen dagegen gellende, heulende Laute, welche unserem Ohre geradezu entsetzlich vorkommen.\n1*","page":3},{"file":"p0004.txt","language":"de","ocr_de":"4\nDie Affen.\nDer Affenleib zeigt also \u00e4u\u00dferlich und innerlich so viele Eigenth\u00fcmlichkeiten, da\u00df die Un\u00e4hnlichkeit zwischen Affe und Mensch gr\u00f6\u00dfer erscheinen mu\u00df, als die Aehnlichkeit. Der hagere, behaarte Leib ohne Ges\u00e4\u00df, die langen Arme, die d\u00fcnnen Beine ohne Waden, die Ges\u00e4\u00dfschwielen bei einem gro\u00dfen Theile der Arten, der vielen zukommende lange Schwanz und vor allem der thierische Kopf mit dem r\u00fcckliegenden und kleinen Sch\u00e4del und den eingezogenen, d\u00fcnnen Lippen m\u00fcssen auch den oberfl\u00e4chlichsten Beobachter das Thier im Gegensatze zum-Menschen erkennen lassen. Ein einziger Blick auf den vollendeten Menschen, auf Denjenigen, welchen der K\u00fcnstler vor sich sah, als er das G\u00f6tterbild seines Apollo schuf: \u2014 ein einziger Blick auf ihn gen\u00fcgt, um die un\u00fcbersteigliche Schranke festzustellen, welche Mensch und Thier auf ewig scheidet.\nIn dem Affen zeigt sich das Thier aber in noch abschreckenderer Weise, wenn man seine geistigen F\u00e4higkeiten einer Pr\u00fcfung unterzieht. Man braucht nur das Affengesicht zu studiren, um zu wissen, we\u00df Geistes Kind man vor sich hat. Niemals hat dieses Gesicht einen edlen, gutm\u00fcthigen, treuherzigen Ausdruck. Es kann Wohl sanft erscheinen, dann aber fehlt auch das Kluge, Geweckte: der sanfte Affe ist ein schl\u00e4friger, trauriger Gesell und nur leiblich noch ein Affe. Bei dem wirklichen, echten Affen schaut das geistige Wesen immer grell aus dem Gesicht heraus. Dies wird am ausfallendsten, wenn man vergleicht. Der bei voller Geistesruhe gem\u00fcthlich, menschenartig aussehende Orang-Utang wird ganz Thier, sobald sich eine Leidenschaft in feister Seele regt. 'Auch der f\u00fcr den Affen Eingenommene vermi\u00dft dann augenblicklich die hohe, unbehaarte Menschenstirn und das zur\u00fccktretende Menschenkinn, vermi\u00dft selbst die Zornesgluth im Menschenauge: denn die gefaltete, haarige Stirn, die fletschende Schnauze mit den Raubthierz\u00e4hnen und der flachen Nase und die funkelnden Augen des zornigen Affen lassen sofort jeden Gedanken an Menschen\u00e4hnlichkeit verschwinden. Aber der Orangaffe ist noch nicht das vollendete Thier im schlechten Sinne: dieses ist der Pavian oder Hundskopf. Er \u00e4hnelt entfernt unserem edlen, treuen Hausfreunde, dem mensch-.lichsten aller Thiere \u2014 soweit es das geistige Wesen anlangt \u2014 unserem Hunde: aber er \u00e4hnelt ihm, wie bemerkt, nicht mehr, als der Oran gaffe dem Menschen \u00e4hnelt, und im Zorn ist von dieser Aehnlichkeit keine Spur mehr zu bemerken. Das gerade bei den Pavianen und noch mehr bei den Mandrilen in der auffallendsten und widerw\u00e4rtigsten Weise gef\u00e4rbte, dickwulstige und tiefgefurchte Gesicht mit den t\u00fcckischen, falschen Augen erscheint dann so viehisch, so scheu\u00dflich' abschreckend, da\u00df uns das liebe Hnndegesicht dagegen wie das eines treuen Herzensfreundes anspricht?\nDie Beweglichkeit des Affengesichtes ist unglaublich gro\u00df. In einem Nu durchlaufen es alle nur denkbaren Ausdr\u00fccke; Freundlichkeit und Wuth, Ehrlichkeit und T\u00fccke, L\u00fcsternheit, Genu\u00dfsucht, Geilheit und hundert andere Eigenschaften und Leidenschaften geben sich rasch nach und durch einander auf diesem treuen Spiegel des Innern kund. Und noch will es scheinen, als k\u00f6nne das Gesicht den Kreuz- und Querspr\u00fcngen des Affengeistes kaum folgen.\nUnter den verschiedenen Arten der Ordnung zeigt sich hierin eine merkw\u00fcrdige Steigerung. Je kl\u00fcger, listiger, schlauer, t\u00fcckischer, geiler, unversch\u00e4mter und wilder der Affe ist, um so beweglicher, zugleich aber verzerrter, mi\u00dfgebildeter und h\u00e4\u00dflicher ist sein Gesicht. Unschuldig, kindlich sehen blos die geistes\u00e4rmeren, stilleren Affen aus, und doch ist der Wechsel in ihrem Gesichtsausdruck noch immer ein erstaunlich rascher und umfassender. Mit zunehmendem Verstand mehren sich nur die schlechten Eigenschaften, nicht auch die guten.\nOken beschreibt den Affen im Vergleich zu demMenschen in seiner kurzen Weise mit folgenden Worten:\n\u201eDie Affen sind dem Menschen \u00e4hnlich in allen Unsitten und Unarten. Sie sind boshaft, falsch, t\u00fcckisch, diebisch und unanst\u00e4ndig; sie lernen eine Menge Possen, sind aber ungehorsam und verderben oft den Spa\u00df mitten im Spiel, indem sie dazwischen einen Streich machen, wie ein t\u00f6lpelhafter Hanswurst. Es giebt keine einzige Tugend, welche man einem Affen zuschreiben k\u00f6nnte, und noch viel weniger irgend einen Nutzen, den sie f\u00fcr den Menschen h\u00e4tten. Wachestehen, Auswarten, verschiedene Dinge holen, thun sie blos so lange, bis sie die Narrheit anwandelt. Sie sind nur die schlechte Seite des Menschen, sowohl in leiblicher wie sittlicher Hinsicht.\"","page":4},{"file":"p0005.txt","language":"de","ocr_de":"Gesichtsausdruck. Wesen.\n5\nEs l\u00e4\u00dft sich nicht leugnen, da\u00df diese Schilderung fast durchg\u00e4ngig richtig ist. Wir wollen jedoch auch gegen die Affen gerecht sein und d\u00fcrfen deshalb wirklich gute Seiten derselben nicht vergessen. Ueber ihre geistigen Eigenschaften in Einem abzuurtheilen, ist nicht gerade leicht, weil die ganze Sippschaft zu viele sich widersprechende Eigenth\u00fcmlichkeiten zeigt. Man mu\u00df freilich anerkennen, da\u00df die Affen boshaft, listig, t\u00fcckisch, zornig oder w\u00fcthend, rachs\u00fcchtig, sinnlich in jeder Hinsicht, z\u00e4nkisch, herrsch- und raufs\u00fcchtig, reizbar und gr\u00e4mlich, kurz leidenschaftlich sind, darf aber auch die Klugheit und Munterkeit, die Sanftheit und Milde, die Freundlichkeit und Zutraulichkeit gegen den Menschen, ihre Unterhaltungsgaben, ihre erheiternde Ernsthaftigkeit, ihre Geselligkeit, ihren Muth und ihr Einstehen f\u00fcr das Wohl der Gesammtheit, ihr kr\u00e4ftiges Vertheidigen der Gesellschaft, welcher sie angeh\u00f6ren, selbst gegen die ihnen \u00fcberlegenen Feinde, und ihre oft sehr unschuldige Lust an Spielereien und Neckereien nicht vergessen. Und in einem Punkte sind sie alle gro\u00df: in ihrer Liebe gegen ihre Kinder, in dem Mitleiden gegen Schwache und Unm\u00fcndige nicht allein ihrer Art und Familie, sondern selbst anderer Ordnungen, ja sogar anderer Klassen des Thierreichs. Der Affe ist in seiner sinnlichen Liebe ein Scheusal; er kann aber in seiner sittlichen Liebe manchem Menschen ein Vorbild sein! Eine Tugend hat der Affe also doch: \u2014 aber leider \u00fcbertreibt er diese einzige gute Eigenschaft oft in solchem Grade, da\u00df er selbst sie l\u00e4cherlich erscheinen l\u00e4\u00dft.\nWie soll man nun diese in jeder Beziehung, so widersprechende, so verschiedene Gesellschaft hinsichtlich ihrer geistigen Eigenth\u00fcmlichkeiten beschreiben? Ich glaube am besten und k\u00fcrzesten mit den Worten der Araber: als ein Mittelding zwischen Mensch und Teufel! Freilich sagen die Araber auch, da\u00df sie S\u00f6hne, Enkel, Urenkel und Nachkommen des Ungerechten seien und wiederum nur Ungerechte zeugen w\u00fcrden, da\u00df ihnen Nichts heilig, Nichts achtbar, Nichts zu gut und Nichts zu schlecht sei,'da\u00df sie keine Freundschaft hielten mit andern Gesch\u00f6pfen des Herrn und verflucht w\u00e4ren seit dem Tage, an welchem sie durch das Strafgericht des Gerechten aus Menschen zu Affen verwandelt worden seien: \u2014 wir aber gedenken der heiteren Stunden, welche sie uns schon in der Kindheit bereiteten, und des Vergn\u00fcgens, welches wir noch heute empfinden, wenn wir im Thiergarten vordem Affenhause stehen, wir urtheilen und richten \u00fcber sie mit m\u00f6Hlichster Gerechtigkeit und Milde.\nDie geistige Ausbildung, welche die Affen \u00fcberhaupt erreichen k\u00f6nnen, erhebt sie keineswegs so hoch \u00fcber die \u00fcbrigen S\u00e4ugethiere mit Ausschlu\u00df des Menschen, als man gew\u00f6hnlich an'genommen hat. Namentlich \u00e4ltere Schriftsteller sind der Bewunderung voll \u00fcber die geistigen Leistungen der Affen. Sie haben sich bestechen lassen durch die Fertigkeiten, welche, da nur die Affen au\u00dfer den Menschen sich dieselben aneignen k\u00f6nnen, geistigen Ursprungs zu sein scheinen. In Wahrheit aber leistet der Affe geistig nicht mehr, ja sogar viel weniger, als andere gescheite S\u00e4ugethiere, z. B. der Elefant oder der Hund. Die Hand, welche er besitzt, gew\u00e4hrt ihm vor den genannten Thieren so gro\u00dfe Vorz\u00fcge, da\u00df seine Leistungen bei weitem gr\u00f6\u00dfer erscheinen, als sie sind. Der Affe ist gelehrig, und der Nachahmungstrieb, welchen viele seines'Geschlechts besitzen, erleichtert es ihm, irgend eine Kunst oder Fertigkeit zu erlernen. Deshalb eignet er sich nach kurzer Uebung die verschiedenartigsten Kunstst\u00fccke an, welche einem Hunde z. B. nur mit gro\u00dfer M\u00fche gelingen. Allein man darf nie verkennen, da\u00df die Affen das ihnen Gelehrte immer nur mit einem gewissen Widerstreben ausf\u00fchren, niemals aber mit der Freude und dem Bewu\u00dftsein, mit welcher die fr\u00fcher genannten Thiere f\u00fcr uns arbeiten. Es h\u00e4lt nicht schwer, einen Affen daran zu gew\u00f6hnen, mit Messer und Gabel zu essen, aus Gl\u00e4sern zu trinken, Kleider anzuziehen, ihn zum Drehen des Bratspie\u00dfes oder zum Wasserholen u. s. w. abzurichten; allein er wird Solches nie mit derselben Sorgfalt, ich m\u00f6chte sagen, Gewissenhaftigkeit thun, wie ein wohlerzogener Hund: er beweist dabei auch nicht halb soviel Verstand, wie dieser. Dennoch kann man die gro\u00dfen geistigen Gaben, welche die Affen durchschnittlich besitzen, nicht leugnen. Ein gewisser Grad von Ueberlegung ist ihnen nicht abzusprechen. Sie besitzen ein ganz vortreffliches Ged\u00e4chtni\u00df und wissen ihre Erfahrungen sehr verst\u00e4ndig zu benutzen. Sie verstehen es,^mit wirklicher Schlauheit und List ihre Vortheile immer wahrzunehmen; sie bekunden ein gewisses Geschick in der Ver-","page":5},{"file":"p0006.txt","language":"de","ocr_de":"6\nDie Affen.\nstellung und lassen es sich oft gar nicht merken, da\u00df sie irgend welche heillose Absicht in ihrem Gehirn ausbr\u00fcten; sie wissen sich Gefahren gewandt zu entziehen und finden trefflich die Mittel auf, sich gegen sie zu wahren oder zu vertheidigen. Doch alles Dieses bemerken wir auch beim Elefanten und Hunde, und zwar in noch gr\u00f6\u00dferer Ausdehnung. Auch Gem\u00fcth ist den Affen nicht abzusprechen. Sie sind der Liebe und Zuneigung f\u00e4hig; sie besitzen Dankbarkeit und \u00e4u\u00dfern ihr Wohlwollen gegen Diejenigen, welche ihnen Gutes thaten. Allein ihre Liebe ist ebenso leicht verscherzt, wie gewonnen. Nur bei einem einzigen Affen, welchen ich lange Zeit besa\u00df, habe ich bemerkt, da\u00df er unter allen Verh\u00e4ltnissen mir seine unverbr\u00fcchliche Zuneigung bewahrte. Sein Herz hatte blos f\u00fcr eine Liebe Raum, diese hatte ich gewonnen, und Niemand anders konnte sie erringen. Er bi\u00df Den, mit welchem er eben erst Freundschaft geschlossen hatte, sobald ich mich ihm und seinem neuen Freunde nahte.\nEs ist beachtenswerth, da\u00df alle Affen, trotz ihres Verstandes, oft auf die albernste Weise \u00fcberlistet und get\u00e4uscht werden. Ihre Leidenschaften tragen h\u00e4ufig einen vollst\u00e4ndigen Sieg \u00fcber ihren Verstand davon. Sind jene rege geworden, so achten sie auch die Plumpste Falle nicht mehr und vergessen ihre Sicherheit g\u00e4nzlich \u00fcber der Absicht, ihrer Gier zu sr\u00f6hnen. Hierin unterscheidet sich z. B. der Fuchs au\u00dferordentlich weit und sehr zu seinem Vortheil von ihnen. Den Fuchs kann blos der \u00e4rgste Hunger in die Falle treiben, und auch dann mu\u00df diese noch mit gr\u00f6\u00dfter List gelegt worden sein. Man hat oft beobachtet, da\u00df er sich aus einer Falle selbst durch Abbei\u00dfen des gefangenen Gliedes befreit: einem Affen w\u00fcrde Solches nie einfallen. Die Malaien h\u00f6hlen harte K\u00fcrbisse durch eine kleine Oeffnung aus und f\u00fcllen sie dann mit St\u00fccken von Nahrung, namentlich mit Zucker oder mit Fr\u00fcchten, welche die Affen sehr gern fressen. Diese zw\u00e4ngen nun, um zu ihrer Lieblings-speise zu gelangen, ihre H\u00e4nde durch die enge Oeffnung und erfassen eines der St\u00fccke mit solcher Gier, da\u00df sie sich lieber von dem Menschen fangen lassen, als da\u00df sie das einmal Erfa\u00dfte wieder loslie\u00dfen. In solcher Weise beherrschen die Leidenschaften auch die kl\u00fcgsten Affen, und deshalb eben sind wir berechtigt, ihren Verstand nur einen untergeordneten zu nennem Mit dem wahren Menschenverst\u00e4nde hat der des Affen gar keine Aehnlichkeit; und es macht sich bei der Vergleichung der beiden Wesen auch sofort noch ein h\u00f6chst wichtiger Unterschied bemerklich. Der Mensch nimmt mit den Jahren an Verstand und\u00bbWeisheit zu: der Affe ist nur in der Jugend gelehrig, und mit den zunehmenden Jahren tritt das Vieh in ihm immermehr hervor, und die Leidenschaft unterjocht dann den Verstand vollst\u00e4ndig. Die Erziehung vermag viel beim Affen zu leisten; sie sch\u00e4rft seine geistigen F\u00e4higkeiten au\u00dferordentlich: allein ein wirklich befriedigendes Ergebni\u00df erreicht sie nie, und deshalb eben kann der Affe nimmermehr Gesellschafter des Menschen werden.\nIm freien Naturleben zeigen alle Affen \u00fcbrigens keineswegs mehr geistige F\u00e4higkeiten, als andere hochstehende Thiere. Ihr Verstand scheint sich erst zu entwickeln, wenn sie in Gesellschaft des Menschen gekommen sind.\nDie Affen waren in fr\u00fcheren Sch\u00f6pfungsabschnitten \u00fcber einen viel gr\u00f6\u00dferen Theil der Erde verbreitet, als gegenw\u00e4rtig. Sie lebten im s\u00fcdlichen Europa, in Frankreich und England. Freilich waren es nicht dieselben Arten, welche gegenw\u00e4rtig noch leben, sondern anders gestaltete, die das rauhe Klima wohl vertragen konnten. Gegenw\u00e4rtig ist ihr Vaterland auf die warmen Theile der Erde beschr\u00e4nkt. Gleichm\u00e4\u00dfige W\u00e4rme ist f\u00fcr sie Lebensbedingung. Blos einige Paviane gehen ziemlich weit in die Hochgebirge hinauf und ertragen dort gr\u00f6\u00dfere K\u00e4ltegrade, als man vermuthen m\u00f6chte. Fast alle \u00fcbrigen Affen sind h\u00f6chst empfindlich gegen die K\u00e4lte und brechen in Klagen aus, sobald sie ihnen f\u00fchlbar wird. Mangel au W\u00e4rme ist auch einer der Hauptgr\u00fcnde, da\u00df sie bei uns nur kurze Zeit ausdauern. \u2014 Jeder Erdtheil hat seine eigenen Arten: Asien und Afrika besitzen einige zusammen, wie sich aus der Lage dieser beiden Erdtheile zu einander auch leicht erkl\u00e4rt. In Europa kommt nur eine Art vor, und zwar in einem einzigen Trupp, welcher an den Felsenw\u00e4nden Gibraltars unter dem Schutze der Besatzung dieser Festung lebt. Es ist aber h\u00f6chst wahrscheinlich, da\u00df die Stammv\u00e4ter dieser Herde erst von dem nahen Afrika eingef\u00fchrt wurden. Gibraltar ist \u00fcbrigens nicht der n\u00f6rdlichste Ort, welcher Affen besitzt; denn der japanesische Affe geht noch weiter","page":6},{"file":"p0007.txt","language":"de","ocr_de":"Leidenschaften. Verbreitung. Nahrung. Bewegungen. Klettern.\n7\nnach Norden hinauf, etwa bis zum 37\u00b0 n\u00f6rdl. Br. Nach S\u00fcden zu reichen die Affen ungef\u00e4hr bis zum 35\u00b0 s\u00fcdl. Br., doch nur in der alten Welt, w\u00e4hrend sich der Verbreitungskreis der Neuweltsaffen blos vom 28\u00b0 n\u00f6rdl. Br. bis zum 29\u00b0 s\u00fcdl. Br. erstreckt.\nDer Verbreitungskreis einer Art ist ziemlich beschr\u00e4nkt, obwohl es vorkommt, da\u00df in entfernten L\u00e4ndern eines und desselben Erdtheils gewisse, sich sehr \u00e4hnliche Arten einander vertreten.\nDie gro\u00dfe Mehrzahl der Affen geh\u00f6rt dem Walde an, und nur ein kleiner Theil lebt in felsigen Gebirgen. Ihre Leibesausr\u00fcstung weist sie auf das Klettern an, und deshalb eben sind B\u00e4ume ihr Lieblingsaufenthalt. Alle echten Felsenaffen sind sehr ungeschickt auf B\u00e4umen und besteigen diese daher auch blos im Nothfalle.\nDie Affen geh\u00f6ren unstreitig zu jden lebendigsten, beweglichsten S\u00e4ugethieren. So lange sie auf Nahrungserwerb ausgehen, sind sie nicht einen Augenblick lang ruhig. Schon die Manchfaltig-keit ihrer Nahrung bedingt Dies. Ihnen ist alles Genie\u00dfbare recht. Fr\u00fcchte, Zwiebeln, Knollen, Wurzeln, S\u00e4mereien, N\u00fcsse, Knospen, Bl\u00e4tter und saftige Pflanzenstengel bilden die Hauptmasse ihrer Mahlzeiten; ein Kerbthier aber wird auch nicht verschm\u00e4ht, und Eier, junge V\u00f6gelchen rc. sind Leckerbissen. Da giebt es nun immer Etwas zu begucken, zu erhaschen oder abzupfl\u00fccken, zu beriechen und zu kosten, um es entweder zu genie\u00dfen oder auch wegzuwerfen. Solche Untersuchungen erfordern aber viel Bewegung, und deshalb ist auch die ganze Bande nie ruhig. Die Sorge um das liebe Futter ist gro\u00df: sogar der gewaltige Elefant bekommt seine Pr\u00fcgel, wenn er so unversch\u00e4mt ist, an der Affentafel \u2014 und das ist der ganze, gro\u00dfe Wald \u2014 schmausen zu wollen. Bon Eigenthum haben die Schelme nur sehr mangelhafte Begriffe: \u201eWir s\u00e4en, aber die Affen ernten,\" sagen die Araber Ost-Sudahns. Felder und G\u00e4rten werden von allen Affen als h\u00f6chst erquicklicke Orte angesehen und gebrandschatzt, da\u00df es eine wahre Lust oder ein wahrer Jammer ist. Jeder einzelne Affe verw\u00fcstet, wenn er Dies thun kan\u00fc, zehnmal mehr, als er fri\u00dft, und ist deshalb nur dem frommen, oder besser, abergl\u00e4ubischen Hindu ertr\u00e4glich, jedem andern Menschen aber tief verha\u00dft. Gegen solche Spitzbuben hilft weder Schlo\u00df noch Riegel, weder Hag noch Mauer; sie \u00f6ffnen die Schl\u00f6sser und steigen \u00fcber Mauern hinweg, und was nicht gefressen werden kann, wird wenigstens mitgenommen, Gold und Edelsteine auch. Man mu\u00df eine Affenherde selbst gesehen, haben, wenn sie auf Raub auszieht, um begreifen zu k\u00f6nnen, da\u00df ein Landwirth sich halb todt \u00fcber sie \u00e4rgern kann. F\u00fcr den Unbetheiligten ist die Beobachtung der sich w\u00e4hrend des Raubzugs in \u00e4hrer ganzen Regsamkeit zeigenden Gesch\u00f6pfe freilich ein h\u00f6chst unterhaltendes Schauspiel. Alle K\u00fcnste gelten! Es wird gelaufen, gesprungen, geklettert, gegaukelt, im Nothfall auch geschwommen. Die K\u00fcnsteleien auf dem Gezweig \u00fcbersteigen allen Glauben. Nur chie Orangaffen und Paviane sind schwerf\u00e4llig, die \u00fcbrigen sind vollendete Gaukler; sie scheinen fliegen zu k\u00f6nnen. S\u00e4tze von zwanzig, ja drei\u00dfig Fu\u00df Sprungweite sind ihnen Spa\u00df; von dem Wipfel eines Baumes springen sie drei\u00dfig Fu\u00df hernieder auf das Ende.eines Astes, beugen denselben durch den Sto\u00df tief herab und geben sich, w\u00e4hrend der Ast zur\u00fcckschnellt, noch einen m\u00e4chtigen Schwung; der Schwanz oder die Hinterbeine werden als Steuer lang ausgestreckt, und wie ein Pfeil durchfliegt das Thier die Luft. Sofort nach gl\u00fccklicher Ankunft geht es weiter, durch die f\u00fcrchterlichsten Dornen hindurch, als wandelte man auf get\u00e4feltem Fu\u00dfboden. Eine Schlingpflanze ist eine h\u00f6chst bequeme Treppe f\u00fcr die Asien, ein Baumstamm ein gebahnter Weg. Sie klettern vor- und r\u00fcckw\u00e4rts, kopfoberst und kopfunterst, oben auf einem Aste hin oder unten an ihm weg; wenn man sie in einen Baumwipfel wirft, erfassen sie mit einer Hand ein Zweiglein und h\u00e4ngen an ihm geduldig, bis der Ast zur Ruhe kommt, dann steigen sie an ihm empor und so unbefangen weiter, als h\u00e4tten sie sich stets auf ebenem Boden befunden. Bricht der Zweig, so fassen sie im Fallen einen zweiten, h\u00e4lt dieser auch nicht, so thut's doch ein dritter, und im Nothfalle macht ein Sturz eben auch Nichts aus. Was sie mit der Vorderhand nicht ergreifen k\u00f6nnen, fassen sie mit der Hinterhand, oder die neuweltlichen Arten mit dem Schw\u00e4nze. Dieser mu\u00df gr\u00fcndlich herhalten. Er wird von allen als Steuer angewandt, wenn weite Spr\u00fcnge gemacht werden sollen, dient aber auch sonst noch zu allem M\u00f6glichen, sei es auch nur als eine Leiter f\u00fcr den n\u00e4chsten.","page":7},{"file":"p0008.txt","language":"de","ocr_de":"Bei den Neuweltsaffen wird er zur f\u00fcnften \u2014 nein, zur ersten Hand. An ihm h\u00e4ngt sich der ganze Affe auf und wiegt und schaukelt sich nach Belieben; mit ihm holt er sich Nahrung aus Spalten und Ritzen; ihn benutzt er als Treppe f\u00fcr sich selbst; er dient anstatt der H\u00e4ngematte, wenn sein Eigner Mittagsruhe halten will.\t*\nAlle Affen sind unglaublich starkgliederig und heben Lasten, welche verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig f\u00fcr unsere schwachen Arme zu schwer sein w\u00fcrden; ein Pavian, den ich besa\u00df, h\u00e4ngte sich viele Minuten lang an einem Arme aus und hob seinen dicken Leib daran in die H\u00f6he, so hoch es der Arm zulie\u00df.\nDie Leichtigkeit und Zierlichkeit ihrer Bewegungen zeigt sich \u00fcbrigens nur beim Klettern. Ihr Gang ist immer mehr oder weniger plump und schwerf\u00e4llig. Die leichten Meerkatzen und die behenden Krallenaffen gehen noch am besten, manche Arten sogar recht leicht; schon die Paviane aber humpeln in sehr spa\u00dfhafter Weise dahin und bewegen ihren dicken Hintern dabei so ausdrucksvoll, da\u00df es aussieht, als wollten sie einen deutschen Bauerntanz auff\u00fchren. Der Gang der eigentlichen Baumaffen ist kaum noch Gang zu nennen. W\u00e4hrend die vorher Erw\u00e4hnten mit der ganzen Sohle auftreten, st\u00fctzen diese sich auf die eingeschlagenen Kn\u00f6chel der Finger ihrer Vorderh\u00e4nde und schlenkern den Leib schwerf\u00e4llig vorw\u00e4rts, so da\u00df die hinteren H\u00e4nde zwischen die vorderen zu stehen kommen. Dabei werden diese seitlich aufgesetzt und die Thiere st\u00fctzen sich also auf die eingeschlagene Faust der Vorderh\u00e4nde und auf die Au\u00dfenseite der hinteren.^ Unter Umst\u00e4nden gehen viele Affen auch wohl ein kleines St\u00fcck weit auf den Hinterbeinen allein; ein eigentlich aufrechter Gang ist das aber nicht zu nennen. Wenn sie mit den Vorderarmen das Gleichgewicht nicht mehr herstellen k\u00f6nnen, fallen sie nieder, und wirklich aufrecht, wie der Mensch, k\u00f6nnen sie \u00fcberhaupt nicht gehen. Bei ernsterem Laufe, etwa wenn eine Balgerei bevorsteht, oder wenn sie verfolgt werden, gehen sie stets auf allen Vieren.\nEinige Sippen der Ordnung schwimmen vortrefflich, andere gehen unter wie Blei, sobald sie ins Wasser fallen. Zu ersteren geh\u00f6ren die Meerkatzen, von denen ich einige mit der gr\u00f6\u00dften Schnelligkeit und Sicherheit \u00fcber den blauen Nil schwimmen sah, zu den letzteren die Paviane und vielleicht auch die Br\u00fcllaffen; von jenen ertrank uns einer, als wir 'ihn baden wollten. Die Schwimmunkundigen scheuen deshalb auch das Wasser in hohem Grade: -\u2014 man hat eine fast verhungerte Familie von Br\u00fcllaffen auf einem Baume gefunden, dessen Fu\u00df durch Ueberschwemmung unter Wasser gesetzt worden war, ohne da\u00df die Affen es gewagt h\u00e4tten, nach anderen, kaum sechzig Schritt entfernten B\u00e4umen sich zu retten. Ulloa, ein Naturforscher, welcher \u00fcber brasilianische Thiere schrieb, hat daher f\u00fcr die armen, schwimmunkundigen Thiere eine recht h\u00fcbsche Br\u00fccke erfunden, welche gewi\u00df sehr gute Dienste leisten w\u00fcrde, wenn \u2014 die Affen sie benutzen wollten. Jener Gelehrte erz\u00e4hlt nemlich, da\u00df je ein Br\u00fcllaffe mit seinen H\u00e4nden den Schwanz eines andern packe und da\u00df in dieser Weise die ganze Gesellschaft eine lange Kette aus lauter Affengliedern bilde, welche vermittelst des Schwanzes des Endgliedaffen am Wipfel eines Uferbaumes befestigt und dann durch vereinigte Kraft aller Glieder in Schwingungen gesetzt werde, bis das Vorderglied den Zweig eines Baumes des jenseitigen Ufers erfassen und sich dort festhalten k\u00f6nne. Auf der solchergestalt hergerichteten Br\u00fccke sollen nun zuerst die Jungen und Schw\u00e4cheren auf das andere Ufer \u00fcbersetzen, dann aber der Vorderaffe die ganze Kette, deren Endglied seine Klammer l\u00f6st, zu sich hin\u00fcberziehen. Der Prinz von Wied, ein sehr gewissenhafter Beobachter, nennt diese Erz\u00e4hlung bei ihrem rechten Namen: \u201eeine spa\u00dfhafte Fabel\";- es ist aber um so merkw\u00fcrdiger, da\u00df noch in unserer Zeit einige Naturforscher an ihr mit voller Glaubensinnigkeit festhalten.\nDas gesellige Leben unserer Thiere ist ein f\u00fcr den Beobachter sehr anziehendes. Wenige Arten leben einsiedlerisch; die meisten Affen schlagen sich in Banden zusammen. Von diesen erw\u00e4hlt sich jede einzelne ihren festen Wohnsitz, welcher gr\u00f6\u00dferen oder geringeren Umfang haben kann. Die Wahl f\u00e4llt regelm\u00e4\u00dfig auf Gegenden, welche in jeder Hinsicht g\u00fcnstig scheinen. Etwas zu knacken und zu bei\u00dfen mu\u00df es geben, sonst wandert die Bande aus. Waldungen in der N\u00e4he menschlicher Ansiedelungen sind Paradiese; der verbotene Baum in ihnen k\u00fcmmert die Affen nicht, wenn nur die Aepfel auf ihm","page":8},{"file":"p0009.txt","language":"de","ocr_de":"Schwimmen. Die Affenbr\u00fccke. Wohnorte. Leitaffe. Affensprache.\n9\ngut sind. Mais - und Zuckerrohrfelder, Obst-, Melonen-, Bananen - und Pisanganpflanzungen gehen \u00fcber alles Andere; Dorfschaften, in denen Jeder, welcher die unversch\u00e4mten Spitzbuben z\u00fcchtigt, den Aberglauben der Bewohner zu f\u00fcrchten hat, sind auch nicht \u00fcbel. Wenn sich die Bande erst \u00fcber .den Wohnort geeinigt hat, beginnt das wahre Affenleben mit all seiner Lust und Freude, seinem Kampf und Streit, seiner Noth und Sorge. Das bef\u00e4higtste m\u00e4nnliche Mitglied einer Herde wird Zugf\u00fchrer oder Leitaffe. Diese W\u00fcrde wird ihm aber nicht durch das \u201eallgemeine Stimmrecht\" \u00fcbertragen, sondern ihm erst nach sehr hartn\u00e4ckigem Kampf und Streit mit andern Bewerbern, d. h. mit s\u00e4mmtlichen \u00fcbrigen alten M\u00e4nnchen, zuertheilt. Die l\u00e4ngsten Z\u00e4hne und die st\u00e4rksten Arme entscheiden. Wer sich nicht gutwillig unterordnen will, wird durch Bisse und P\u00fcffe gema\u00dfregelt, bis er Vernunft annimmt. Dem Starken geb\u00fchrt die Krone; in seinen Z\u00e4hnen liegt seine Weisheit. Es ist aber auch erkl\u00e4rlich, da\u00df dem so ist: die st\u00e4rksten Affen sind regelm\u00e4\u00dfig auch die \u00e4ltesten, und ihnen m\u00fcssen sich wohl oder \u00fcbel die j\u00fcngeren, unerfahrenen unterordnen. Der Leitafse verlangt und genie\u00dft unbedingten Gehorsam und zwar in jeder Hinsicht. Ritterliche Artigkeit gegen das sch\u00f6ne Geschlecht ist nicht seine Sache: im Sturm erringt er der Minne Sold. Das jus primae noctis gilt ihm heute noch. Er wird Stammvater eines Volkes, und sein Geschlecht mehrt sich, gleich dem Abrahams, Isaaks und Jakobs, \u201ewie der Sand am Meere\". Kein weibliches Glied der Bande darf sich einer albernen Liebschaft mit irgend welchem Gr\u00fcnschnabel hingeben. Seine Augen sind scharf, und seine Zucht ist sehr streng; er versteht in Liebessachen keinen Spa\u00df. Auch die Aeffinnen, welche sich, oder besser, ihn vergessen sollten, werden gemaulschellt und zerzaust, da\u00df ihnen der Umgang mit andern Helden der Bande gewi\u00df vergeht; der betreffende Affenj\u00fcngling, welcher die Haremsgesetze des aus sein Recht stolzen Sultans verletzt, kommt noch schlimmer weg. Die Eifersucht macht diesen furchtbar. Es ist auch th\u00f6richt von einer Aeffin, solche Eifersucht heraufzubeschw\u00f6ren; denn der Leitaffe ist Manns genug f\u00fcr s\u00e4mmtliche Aeffinnen seiner Herde. Wird diese zu gro\u00df, dann sondert sich unter der F\u00fchrung eines inzwischen stark genug gewordenen Mitbruders ein Theil vom Haupttrupp ab und beginnt nun f\u00fcr sich den Kamps und den Streit um die Oberherrschaft in der Leitung des Ganzen und in der Liebe. Kampf findet immer statt, wo Mehrere nach gleichem Ziele streben; bei den Affen vergeht aber sicher kein Tag ohne Streit und Zank. Man braucht eine Herde nur kurze Zeit zu beobachten, so wird man gewi\u00df sehr bald den Streit in ihrer Mitte und seine wahre Ursache kennen lernen.\nIm Uebrigen \u00fcbt der Leitafse sein Amt mit gro\u00dfer W\u00fcrde aus. Schon die Achtung, welche er genie\u00dft, verleiht ihm eine gewisse Sicherheit und Selbst\u00e4ndigkeit in seinem Betragen, welche den ihm Untergebenen fehlt; auch wird ihm von diesen in jeder Weise geschmeichelt. So sieht man, da\u00df sich selbst die Aeffinnen bem\u00fchen, ihm die h\u00f6chste Gunst, welche ein Affe gew\u00e4hren oder nehmen kann, zu Theil werden zu lassen. Sie beeifern sich n\u00e4mlich, sein Haarkleid stets von den l\u00e4stigen Schmarotzern m\u00f6glichst rein zu halten, und er l\u00e4\u00dft sich diese Huldigung mit dem-Anstande eines Paschas gefallen, dem seine Lieblingssklavin die F\u00fc\u00dfe kraut. Daf\u00fcr sorgt er nun aber auch treulich f\u00fcr die Sicherheit seiner Untergebenen und ist deshalb in noch gr\u00f6\u00dferer Unruhe, als sie. Nach allen Seiten hin sendet er seine Blicke, keinem Wesen traut er, und so entdeckt er auch fast immer rechtzeitig eine etwaige Gefahr.\nDie Asfensprache kann ziemlich reichhaltig genannt 'werden, wenigstens hat jeder Affe sehr wechselnde Laute f\u00fcr verschiedenartige Erregungen. Auch der Mensch erkennt sehr bald die Bedeutung der T\u00f6ne, mit welchen der Affe seine Herde f\u00fchrt, und der Ausruf des Entsetzens, welcher stets die Mahnung zur Flucht in sich schlie\u00dft, ist nun vollends bezeichnend. Er ist allerdings sehr schwer zu beschreiben und noch weniger nachzuahmen. Man kann eben nur sagen, da\u00df er aus einer Reihe kurzer, abgesto\u00dfener, gleichsam zitternder und mi\u00dft\u00f6niger Laute besteht, deren Bedeutung der Affe durch die Verzerrung des Gesichts noch besonders erl\u00e4utert. Sobald dieser Warnungston laut wird, nimmt die Herde eiligst die Flucht. Die M\u00fctter rufen ihre Kinder zusammen; diese h\u00e4ngen im Nu an ihr fest und mit der s\u00fc\u00dfen B\u00fcrde eilen sie so schnell als m\u00f6glich nach dem n\u00e4chsten Baum","page":9},{"file":"p0010.txt","language":"de","ocr_de":"10\nDie Affen.\noder Felsen. Der alte Affe zieht voran und bezeichnet den Weg, welcher stets in der k\u00fchnsten Weise ausgef\u00fchrt wird. Erst wenn er sich ruhig zeigt, sammelt sich die Herde und beginnt dann nach kurzer Zeit den R\u00fcckweg, um die unterbrochene Pl\u00fcnderung \u2014 denn nur von einer solchen fl\u00fcchten sie \u2014 wieder aufzunehmen.\nJedoch nicht alle Affen fl\u00fcchten vor Feinden; die St\u00e4rkeren stellen sich vielmehr selbst furchtbaren Raubthieren und dem noch gef\u00e4hrlicheren Menschen k\u00fchn zur Wehr und lassen sich auf K\u00e4mpfe ein, deren Ausgang f\u00fcr den Angreifer mindestens zweifelhaft ist. Die gr\u00f6\u00dferen Affen, zumal die Paviane, besitzen in ihren Z\u00e4hnen auch so furchtbare Waffen, da\u00df sie es mit einem Feinde wohl aufnehmen k\u00f6nnen, besonders wenn dieser, wie gew\u00f6hnlich, einzeln herankommt, w\u00e4hrend sie die Vertheidigung stets in Masse unternehmen und im Kampfe au\u00dferordentlich treu und fest zusammenhcrlten. Die Weibchen lassen sich nur, wenn sie sich ihrer Haut wehren oder ihr Junges vertheidigen m\u00fcssen, in K\u00e4mpfe ein; dann aber zeigen sie verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig ebenso gro\u00dfe Tapferkeit, wie die M\u00e4nnchen. Die meisten Affen k\u00e4mpfen mit ihren H\u00e4nden und Z\u00e4hnen, sie kratzen und bei\u00dfen; allein es wird von vielen Seiten einstimmig versichert, da\u00df manche Arten auch mit St\u00f6cken, zumal mit abgebrochenen Baum\u00e4sten, sich vertheidigen, und es ist gewi\u00df, da\u00df sie Steine, Fr\u00fcchte, Holzst\u00fccke und dergleichen von oben herab auf ihre Gegner schleudern. Schon mit dem Pavian l\u00e4\u00dft sich kein Eingeborner in K\u00e4mpfe ein, vor Allem aber nicht, wenn er ohne das furchtbare Feuergewehr ihm entgegentreten sollte. Die Orangaffen und namentlich die Gorillas sollen so stark und gef\u00e4hrlich sein, da\u00df der Mensch, welcher mit ihnen in Streit ger\u00e4th, sein Feuergewehr ausschlie\u00dflich zu seiner Selbstvertheidigung, niemals aber zum Angriffe benutzen kann. Jedenfalls ist die beispiellose Wuth der Affen, welche deren St\u00e4rke noch bedeutend steigert, sehr zu f\u00fcrchten, und die Gewandtheit, welche sie alle besitzen, nimmt ihrem Feinde nur zu h\u00e4ufig die Gelegenheit, ihnen einen entscheidenden Schlag beizubringen.\nIn der Freiheit lebt jede Affenart f\u00fcr sich oder vereinigt sich h\u00f6chstens mit ganz \u00e4hnlichen Arten; in der Gefangenschaft halten jedoch fast alle Arten gute Freundschaft, und es bildet sich hier ein \u00e4hnliches Herrschafts- und Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltni\u00df, wie unter einer Bande. Der St\u00e4rkste erringt auch hier die Oberherrschaft. Gr\u00f6\u00dfere Arten nehmen sich der kleineren, hilfloseren regelm\u00e4\u00dfig an, und zwar thun Dies die M\u00e4nnchen ebensowohl wie die Weibchen. Gro\u00dfe Aefsinnen zeigen selbst Gel\u00fcste nach kleinern Menschenkindern oder allerlei jungen Thieren, welche sich tragen lassen. . So abscheulich der Affe sonst gegen Thiere ist, so liebensw\u00fcrdig betr\u00e4gt er sich gegen Kinder oder Pfleglinge, und daher ist die Affenliebe sprichw\u00f6rtlich geworden. Am meisten zeigt sie sich nat\u00fcrlich an den eigenen Affenkindern.\nDie Asien geb\u00e4ren ein Junges, wenige Arten zwei. Dies ist regelm\u00e4\u00dfig ein kleines, \u00fcberaus h\u00e4\u00dfliches Gesch\u00f6pf, scheinbar mit doppelt so langen Gliedma\u00dfen, wie seine Eltern sie besitzen, und mit einem Gesichte, welches dem eines Greises viel \u00e4hnlicher sieht, als dem eines Kindes, so faltig und runzelig ist es. Dieser Wechselbalg ist aber der Liebling der Mutter in noch weit h\u00f6herem Grade, als es bei dem Menschen unter \u00e4hnlichen Umst\u00e4nden der Fall zu sein pflegt: sie h\u00e4tschelt und pflegt ihn in r\u00fchrender oder \u2014 l\u00e4cherlicher Weise, wie man will; denn die Liebe streift an das L\u00e4cherliche. Das Kind h\u00e4ngt sich balk nach seiner Geburt mit seinen beiden Vorderh\u00e4nven an den Hals, mit seinen beiden Hinterh\u00e4nden aber an die Weichen der Mutter fest, in der geeignetsten Lage, die laufende Mutter nicht zu behelligen und ungest\u00f6rt zu saugen. Gr\u00f6\u00dfer gewordene Affenkinder springen bei Gefahr 'auch wohl auf Schulter und R\u00fccken ihrer Eltern.\nAnfangs ist das kleine Wesen nat\u00fcrlich sehr gef\u00fchl- und theilnahmslos, um so z\u00e4rtlicher aber ist seine Mutter. Sie hat ohne Unterla\u00df mit ihrem Liebling zu thun; bald leckt sie ihn, bald laust sie ihn wieder, bald dr\u00fcckt sie ihn an sich, und bald nimmt sie ihn in beide H\u00e4nde, als wollte sie sich an seinem Anblicke weiden, bald legt sie ihn sich an die Brust, bald schaukelt sie ihn hin und her,, als wollte sie ihn einwiegen. Plinius versichert ganz ernsthaft, da\u00df die Aeffinnen ihre Jungen aus lauter Liebe oft zu Tode dr\u00fcckten; doch ist Dies in der Neuzeit niemals beobachtet worden. Nach","page":10},{"file":"p0011.txt","language":"de","ocr_de":"K\u00e4mpfe mit Feinden. Affenliebe. Erziehung. Pflegekinder. Kranke Affen.\tu\neiniger Zeit beginnt der junge Affe mehr oder weniger selbstst\u00e4ndig zu werden und verlangt namentlich ab und zu ein wenig Freiheit. Diese wird ihm gew\u00e4hrt. Die Alte l\u00e4\u00dft ihr Schoskind aus ihren Armen, und es darf mit andern Affenkindern scherzen und spielen; sie verwendet aber keinen Blick von ihm und hat es in best\u00e4ndiger Aufsicht; sie geht ihm willig auf allen Schritten nach und erlaubt ihm Alles, was sie ihm gew\u00e4hren kann. Bei der geringsten Gefahr st\u00fcrzt sie auf ihr Kind zu, l\u00e4\u00dft einen ganz eigenen Ton h\u00f6ren und ladet es durch denselben ein, sich an ihre Brust zu-fl\u00fcchten. Etwaigen Ungehorsam bestraft sie mit Kniffen und P\u00fcffen, oft mit f\u00f6rmlichen Ohrfeigen. Doch kommt es selten dazu, denn das Affenkind ist so gehorsam, da\u00df es manchem Menschenkinde zum Vorbilde dienen k\u00f6nnte, und gew\u00f6hnlich gen\u00fcgt ihm der erste Befehl der Mutter. In der Gefangenschaft theilt sie, wie ich mehrfach beobachtet habe, jeden Bissen Brod treulich mit ihrem Spr\u00f6\u00dflinge und zeigt an seinem Geschick einen solchen Antheil, da\u00df man sich oft der R\u00fchrung nicht ent-wehren kann. Der Tod eines Kindes hat in der Gefangenschaft regelm\u00e4\u00dfig das Hinscheiden der Mutter zur Folge; der Gram bringt sie um. Stirbt eine Aeffin, so nimmt das erste beste Mitglied der'Bande die Waise an Kindesstatt an, und Dies thut sowohl die Aeffin, wie der Affe. Die Z\u00e4rtlichkeit gegen ein Pflegekind der eigenen Art ist kaum geringer, als die, welche dem eigenen Kinde zu Theil wird; bei anderen Pfleglingen aber ist Dies anders; hier zeigt sich der Affe oft als unerkl\u00e4rliches R\u00e4thsel. Er pflegt seinen angenommenen Liebling nach M\u00f6glichkeit, dr\u00fcckt ihn an sich, laust oder reinigt ihn sonstwie, beh\u00e4lt ihn unter steter Aufsicht u. s. w., giebt ihm aber gew\u00f6hnlich Nichts zu fressen, sondern nimmt das f\u00fcr das Pflegekind bestimmte Futter ohne Gewissensbisse zu sich, und h\u00e4lt auch, w\u00e4hrend er fri\u00dft, den kleinen Hungrigen sorgsam vom Napfe weg.' Ich habe das mehrfach an meinen zahmen Pavianen und Meerkatzen beobachtet, wenn sie sich junge Hunde oder K-atzen zu Pffeglingen auserkoren hatten.\t>\nEs ist noch nicht ermittelt, wieviel Jahre der Affe durchschnittlich zu seinem Wachsthum braucht. Da\u00df diese Zeit bei den Gr\u00f6\u00dferen eine l\u00e4ngere, als bei den Kleineren ist, versteht sich wohl von selbst. Die Meerkatzen und die amerikanischen Affen sind wahrscheinlich in drei bis vier Jahren vollkommen erwachsen, die Orangaffen und die Paviane aber m\u00f6gen acht bis zw\u00f6lf Jahre zu ihrem Wachsthum bed\u00fcrfen. Im Freileben scheinen alle Affen wenigen Krankheiten ausgesetzt zu sein; wenigstens wei\u00df man Nichts von Seuchen, welche dann und wann unter den Affen w\u00fctheten. Wie hoch sie ihr Alter bringen, kann auch nicht bestimmt werden; doch darf man wohl annehmen, da\u00df die gr\u00f6\u00dferen Arten einige vierzig Jahre alt werden k\u00f6nnen. Bei uns zu Lande leiden alle au\u00dferordentlich von dem rauhen Klima. Die K\u00e4lte dr\u00fcckt sie sehr, verstimmt sie und macht sie still und traurig. Gew\u00f6hnlich bekommen sie auch bald die Lungenschwindsucht, und diese pflegt dann ihrem Leben rasch ein Ende zu machen. Ein kranker Affe ist eine Erscheinung, welche jeden Menschen r\u00fchren mu\u00df. Der arme, sonst so lustige Bursche sitzt traurig und elend da und schaut den mitf\u00fchlenden Menschen kl\u00e4glich bittend, ja wahrhaft menschlich in das Gesicht. Jemehr er seinem Ende zugeht, um so milder wird er; das Thierische verliert sich ganz und gar, und die edlere Seite seines Geistes zeigt sich immer heller. Er erkennt jede Hilfe mit gr\u00f6\u00dftem Danke und sieht bald in \"dem Arzte seinen Wohlth\u00e4ter. Man hat oft beobachtet, da\u00df Affen, denen einmal ein Aderla\u00df verordnet worden war, dem Arzte, wenn sie sich wieder krank f\u00fchlten, immer gleich den Arm hinhielten, als wollten sie ihn bitten, da\u00df er sie noch einmal von ihrem Leiden befreie. Auch bei \u00fcbrigens gesunden Affen kr\u00e4nkelt in der Regel wenigstens der Schwanz; sein Ende wird wund, eitert, bekommt den Brand, und ein Glied nach dem andern f\u00e4llt ab. Gegen diese Krankheit habe ich die Abnahme einiger Glieder als gutes Mittel kennen gelernt, untr\u00fcglich ist es freilich auch nicht. Gegen die entsetzliche Lungenschwindsucht giebt es nun gar keine Hilfe, und so bekommen wir selten Affen, welche unsere Luft lange ertragen, wenn auch einzelne Arten sich eher an unser Klima gew\u00f6hnen k\u00f6nnen, als andere.\nIch wei\u00df nicht, ob ich irgend einen Affen als Hausgenossen anrathen darf. Die Kerle machen viel Spa\u00df, verursachen aber noch weit mehr Aerger. Auf dumme Streiche aller Art darf man ge-","page":11},{"file":"p0012.txt","language":"de","ocr_de":"12\nDie Affen. Waldmenschen.\nfa\u00dft sein, und wenn man eben nicht die Geisteskr\u00e4fte des Affen studiren will, bekommt man die Dummheiten doch bald gr\u00fcndlich satt. Die gr\u00f6\u00dferen Arten werden auch mitunter gef\u00e4hrlich, denn sie bei\u00dfen und kratzen f\u00fcrchterlich. Als frei herumgehendes Hausthier ist der Affe gar nicht zu dulden,\n- denn sein ewig regsamer Geist verlangt best\u00e4ndig Besch\u00e4ftigung. Wenn ihm solche sein Herr nicht gew\u00e4hrt, schafft er sie sich selbst und dann regelm\u00e4\u00dfig nicht eben zum Vortheil des Menschen. Einige Arten sind schon wegen ihrer Unanst\u00e4ndigkeit nicht zu ertragen; sie beleidigen jedes sittliche Gef\u00fchl fortw\u00e4hrend in der abscheulichsten Weise. Gegen alle Untugenden, die der Affe zeigt, gegen die tausend Dummheiten, die er sich zu Schulden kommen l\u00e4\u00dft, verschwindet der geringe Nutzen, welchen der zahme Asse Dem gew\u00e4hrt, welcher nicht ein Affenf\u00fchrer oder Besitzer einer Affenb\u00fchne ist. Uebrigens ist es erstaunlich leicht, einen Assen zu allerlei Kunstst\u00fccken abzurichten. Man zeigt ihm in handgreiflicher Weise Dasjenige, was er ausf\u00fchren soll, und pr\u00fcgelt ihn so lange, bis er es ausf\u00fchrt: \u2014 hierin beruht die ganze Kunst, die man anwenden mu\u00df! In der Regel lernt der Affe nach ein bis zwei Stunden ein Kunstst\u00fcck vollkommen; doch mu\u00df man ihn in Uebung halten, weil er es rasch wieder vergi\u00dft. Mit der Ern\u00e4hrung hat man keine Noth; der Affe fri\u00dft Alles,' was der Mensch genie\u00dft, und ist nicht gerade w\u00e4hlerisch in seiner Kost. Der Aufwand also, den er verursacht ist sehr gering. \u2014 In ihrer Heimath schaden die Affen ungleich mehr, als sie n\u00fctzen. Man i\u00dft das Fleisch einiger Arten und verwendet das Fell anderer zu Pelzwerk, Beuteln u. dgl.: allein dieser geringe Nutzen kommt gar nicht in Betracht gegen den au\u00dferordentlichen'Schaden, welchen die Thiere im Walde, Felde und Garten verursachen, und es ist wirklich unbegreiflich, da\u00df heute noch die Inderin den bei ihnen wohnenden Affen heilige Gesch\u00f6pfe sehen k\u00f6nnen und sie deshalb pflegen und hegen, als w\u00e4ren sie wirklich Halbg\u00f6tter.\nNach diesen allgemeinen Bemerkungen k\u00f6nnen wir die verschiedenen Familien, Sippen und die ausgezeichnetsten Arten der Affen genauer betrachten.\nDie erste Familie unserer Ordnung umfa\u00dft die Affen der alten Welt (Catarrliinae). Zu ihr geh\u00f6ren die meisten, die gr\u00f6\u00dften und menschen\u00e4hnlichsten Affen, welche es giebt; zugleich finden wir in ihr aber auch die h\u00e4\u00dflichsten oder wenigstens die durch eigenth\u00fcmliche Absonderlichkeiten nicht eben zu ihrem Vortheil ausgezeichneten Arten. In fr\u00fcheren Sch\u00f6pfungsabschnitten waren diese Assen auch \u00fcber Europa verbreitet; gegenw\u00e4rtig finden sie sich blos noch in Afrika und in dem w\u00e4rmeren Asien. Ihre Hinterh\u00e4nde haben immer, ihre Vorderh\u00e4nde meistens einen Daumen, welcher den \u00fcbrigen Fingern entgegengestellt werden kann; alle N\u00e4gel sind platt. Die Augenh\u00f6hlen \u00f6ffnen sich ganz nach vorn. Die Nasenscheidewand ist schmal. Das Gebi\u00df ist stark und kr\u00e4ftig. Einige besitzen keinen \u00e4u\u00dferlich sichtbaren Schwanz, andere haben ihn. Der Schwanz kann von verschiedener L\u00e4nge sein, dient aber niemals als Greifwerkzeug. Einige Arten haben innere Backentaschen, d. h. Wangen, welche sich weit ausdehnen lassen, und nackte, verdickte, oft durch die sonderbarsten Farben ausgezeichnete Ges\u00e4\u00dfschwielen. So -viel zur allgemeinen Kennzeichnung. Doch ist die Verschiedenheit der Arten so gro\u00df, da\u00df man eigentlich kaum etwas Gemeinschaftliches \u00fcber die Familie sagen kann. Ihr wissenschaftlicher Familienname Catarrliinae bezeichnet sie als Thiere, deren Nasenl\u00f6cher nach unten sich \u00f6ffnen.\nUnter den Affen stehen die Waldmenschen (Pitheci) als die menschen\u00e4hnlichsten oben an.\nGegenw\u00e4rtig kennt man von ihnen drei Arten, welche in der Neuzeit zwei verschiedenen Sippen, den Waldmenschen (Troglodytes) und Orangs (Pithecus), zugez\u00e4hlt werden. Zu der ersten Sippe rechnet man den Gorilla und den Schimpanse, welche in Afrika wohnen, die letzte","page":12},{"file":"p0013.txt","language":"de","ocr_de":"Der Affe als Hausgenosse. Abrichtung. Nutzen. Schaden. \u2014 Gorilla.\n13\nbildet der Orang-Utang, welcher bisher blos auf Borneo und Sumatra gefunden wurde. Die gro\u00dfe Menschen\u00e4hnlichkeit, die langen Arme und der g\u00e4nzliche Mangel an Ges\u00e4\u00dfschwielen zeichnen sie aus. Weil wir ihnen gr\u00f6\u00dfere Theilnahme schuldig sind, als anderen Arten, betrachten wir sie einzeln, d. h. jeden f\u00fcr sich, und beginnen mit dem Gorilla (Tro-glodytes Gorilla).\nMerkw\u00fcrdig, da\u00df eine naturwissenschaftliche Entdeckung, welche wahrscheinlich schon vor vielen Jahrhunderten gemacht wurde, erst in der Neuzeit ihre Best\u00e4tigung erhalten konnte. Vor mehr als\n(Der Gorilla. (Troglodytes Gorilla.)\nzweitausend Jahren r\u00fcsteten die Karthager eine Flotte aus zu dem Zwecke, Ansiedelungen an der Westk\u00fcste von Afrika zu gr\u00fcnden. Auf sechzig gro\u00dfen Schiffen zogen ungef\u00e4hr drei\u00dfigtausend M\u00e4nner und Frauen zu diesem Behuf von Karthago aus, wohl versehen mit Nahrung und allen Gegenst\u00e4nden zur Ans\u00e4ssigmachung. Der Befehlshaber dieser Flotte war Hanno, welcher seine Reise in einem kleinen, aber wohlbekannten Werke (dem Periplus Hannonis) der damaligen Welt beschrieb. Im Verlaufe der Reise gr\u00fcndete die Mannschaft jener Schiffe sieben Ansiedelungen, und nur der Mangel an Nahrungsmitteln zwang sie, fr\u00fcher, als man wollte, zur\u00fcckzukehren. Doch hatten die","page":13},{"file":"p0014.txt","language":"de","ocr_de":"14\nDie Assen. Waldmenschen. \u2014 Gorilla.\nk\u00fchnen Seefahrer die Sierra-Leona bereits hinter sich, als Dieses geschah. Jener Hanno nun hinterlie\u00df uns in seinem Berichte eine Mittheilung, welche auch f\u00fcr uns von gro\u00dfer Wichtigkeit ist. Die betreffende Stelle lautet: \u201eAm dritten Tage, als wir von dort gesegelt waren und die Feuerstr\u00f6me durchschifft hatten, kamen wir zu einem Busen, das S\u00fcd Horn genannt. Im Hintergr\u00fcnde war ein Eiland mit einem See und in diesem wieder eine Insel, auf welcher sich wilde Menschen befanden. Die Mehrzahl derselben waren Weiber mit haarigem K\u00f6rper, und die Dolmetscher nannten sie Gorillas. Die M\u00e4nnchen konnten wir nicht erreichen, als wir sie verfolgten; sie entkamen leicht, da sie Abgr\u00fcnde durchkletterten und sich mit Felsst\u00fccken vertheidigten. Wir erlangten drei Weibchen; jedoch konnten wir dieselben nicht fortbringen, weil sie bissen und kratzten. Deshalb mu\u00dften wir sie tobten; wir zogen sie aber ab und schickten das abgestreifte Fell nach Karthago.\" \u2014 Die H\u00e4ute wurden dort sp\u00e4ter, wie Plinius berichtet, im Tempel der Juno aufbewahrt.\nEs unterliegt wohl keinem Zweifel, da\u00df Hanno mit den wilden, behaarten Menschen nur Affen meinen kann. Zwar ist es schwer zu urtheilen, ob der Waldmensch, welchen die Karthager sahen, gerade dieser Affe, oder ob er unser Schimpanse war, aber f\u00fcr uns ist Dies vollkommen gleichgiltig. Der Heidenprediger Sa vage, welcher im Jahr 1847 den gewaltigen Affen am Gabunflusse entdeckte, ist jedenfalls in seinem unbestreitbarem Rechte? wenn er dem noch unbekannten Waldmenschen einen geschichtlichen Namen verlieh. Mit der von Savage gemachten Entdeckung best\u00e4tigen sich die Ger\u00fcchte, welche im Laufe von zweitausend Jahren wiederholt auftauchten und von W\u00e4ldern berichteten, in denen Satirn oder wilde Menschen wohnen sollten. Jedermann hielt sie f\u00fcr Fabeln, f\u00fcr Gebilde der Einbildungskraft unkundiger Eingeborener jener Gegenden, welche an den Europ\u00e4ern willige Gl\u00e4ubige gefunden h\u00e4tten, bis endlich die fabelhaften Affen selbst in Fleisch und Bein, wenn auch nur todt, in Europa ankamen. Lange Zeit glaubte man, da\u00df dieser Affe nur ein sehr alter Schimpanse sei; die genauere Untersuchung jedoch hat durchgreifende Unterschiede zwischen beiden Arten festgestellt und berechtigt die Forscher, ihn als eigene Art anzuerkennen.\nDer Gorilla bewohnt diejenigen L\u00e4nder an der Westk\u00fcste von Afrika, welche vom Gleicher etwa bis zum 10\u00b0 oder 15\u00b0 s\u00fcdlicher Breite reichen und von den Fl\u00fcssen Gabun und Danger durchschnitten sind. Savage erhielt seine ersten Nachrichten von den Mapongwe-Negern, welche beide Ufer des Gabun, von der M\u00fcndung an einige f\u00fcnfzig oder sechzig Meilen landeinw\u00e4rts, bewohnen. Wahrscheinlich blieb anderen Europ\u00e4ern, welche den Flu\u00df besucht hatten, der gro\u00dfe Affe blos aus dem Grunde unbekannt, weil er nicht nahe an die K\u00fcste kommt, vielmehr erst im Innern des Landes angetroffen wird. Doch spricht schon Bodwich, ein wohlbekannter Afrikareisender, von einem furchtbaren Affen der Westk\u00fcste Afrikas, welcher den Landesnamen \u201eIngina\" (Ingheena) trage.\nHanno hatte so Unrecht nicht, wenn er in diesem merkw\u00fcrdigen Thiere einen Menschen zu erblicken glaubte; denn wirklich steht der Gorilla dem Menschen unter allen Thieren am n\u00e4chsten, trotzdem da\u00df er, wie der Schimpanse, 13 Nippenpaare besitzt, w\u00e4hrend der Orang-Utang ebenso, wie der Mensch, nur 12 Paare hat. Auf den ersten Anblick hin will es freilich scheinen, als ob er weit mehr Vieh sei, als der mildere Schimpanse; die genauere Vergleichung jedoch l\u00e4\u00dft keinen Zweifel \u00fcber seine hohe Stellung zu. Der Gorilla ist nicht nur der gr\u00f6\u00dfte und st\u00e4rkste aller Affen, sondern auch derjenige, welcher die h\u00f6chste leibliche Ausbildung erreicht hat. Seine L\u00e4nge vom Scheitel bis zur Sohle betr\u00e4gt 5y2 Fu\u00df, die Breite seiner Schultern 3 Fu\u00df, die L\u00e4nge seiner - Vorderglieder 3 Fu\u00df 4 Zoll, die der Hinterglieder 2 Fu\u00df 4 Zoll, die L\u00e4nge des Rumpfes und Kopfes zusammen 3 Fu\u00df 6 Zoll, y2 Fu\u00df mehr als beim Menschen. Der K\u00f6rper ist au\u00dferordentlich stark und kr\u00e4ftig, und die Vorderarme erreichen die St\u00e4rke eines Mannsschenkels. Der Sch\u00e4del ist stark und umf\u00e4nglich, das nackte, dunkelbraune oder schwarze Gesicht breit und gro\u00df ohne Wangenw\u00fclste, die Nase platt, die Schnauze vorstehend, die Unterlippe sehr beweglich und verl\u00e4ngerbar. Ein furchtbares Gebi\u00df und gewaltige, mit riesengro\u00dfen Daumen bewehrte H\u00e4nde, kennzeichnen","page":14},{"file":"p0015.txt","language":"de","ocr_de":"Entdeckung des Gorilla. Heimat. Aufenthalt. Nahrung. Wesen.\n15\ndas Thier noch au\u00dferdem. Mit Ausnahme des Gesichts, eines Theils der Brust und der inneren Handfl\u00e4chen, deckt ziemlich langes, schwarzes 'Haar den Leib, und auf dem Scheitel erhebt sich ein h\u00f6her Haarkamm, welcher nach Belieben vor- oder r\u00fcckw\u00e4rts gestr\u00e4ubt werden kann. Der Schwanz und die Ges\u00e4\u00dfschwielen fehlen dem Gorilla wie andern Orangaffen g\u00e4nzlich. .\nDer Gorilla lebt in Gegenden, in denen Th\u00e4ler und H\u00fcgel mit einander abwechseln. Die H\u00fcgel sind bedeckt mit hohen B\u00e4umen, die Th\u00e4ler mit groben Gr\u00e4sern und einzelnen Geb\u00fcschen; viele von den B\u00e4umen tragen Fr\u00fcchte, welche von den Negern unbeachtet bleiben, von dem Gorilla aber sehr gesucht werden. Haupts\u00e4chlich sind es die Oelpalme, der Pfefferkuchenbaum, die Papayen, zwei Bananenarten und der Affenbrodbaum, welche ihm die meiste Nahrung liefern. Von den ersten fri\u00dft er die N\u00fcsse und die weichen, jungen Bl\u00e4tter, und er soll es gewesen sein, welcher den Vorfahren der Neger durch sein Beispiel gezeigt hat, da\u00df die Oelpalme e\u00dfbare Fr\u00fcchte hervorbringe-; der Pfefferkuchenbaum liefert ihm pflaumenartige Fr\u00fcchte von ausgezeichnetem Geschmack, und bis \u00fcbrigen eine Kost, welche selbst dem Europ\u00e4er vortrefflich mundet. Eier und junge V\u00f6gel werden auch von ihm nicht verschm\u00e4ht.\nUnser Affe lebt zwar in Gesellschaften, diese sind jedoch nicht so zahlreich, wie die, welche der Schimpanse bildet. Die Weibchen sind in solchen Banden immer in \u00fcberwiegender Zahl vorhanden; denn unter den M\u00e4nnchen entstehen heftige K\u00e4mpfe um die Oberherrschaft, welche wie versichert wird, regelm\u00e4\u00dfig mit dem Tode des Schw\u00e4cheren enden. Die Gesellschaften durchstreifen den Wald und sind in ihm die unbedingten Herrscher. Sie f\u00fcrchten sich vor keinem Thiere, nicht einmal vor dem Menschen; sie fl\u00fcchten nie, sondern greisen stets an, gew\u00f6hnlich mit ihren furchtbaren H\u00e4nden und ihrem nicht minder gef\u00e4hrlichen Gebi\u00df, sonst aber auch mit Aesten und N\u00fcssen, welche sie abbrechen und auf ihren Gegner schleudern. Sie sind es, welche selbst dem Elefanten, der von ihren B\u00e4umen Laub und Fr\u00fcchte pfl\u00fcckt, mit einem Kn\u00fcppel auf seinen empfindlichen R\u00fcssel schlagen, bis der Riese des Waldes vor dem w\u00fcthenden Gegner sich zur\u00fcckzieht. Den Leopard besiegen sie leicht, und diesem f\u00e4llt es daher auch gar nicht ein, sich in einem Kampf mit ihnen einzulassen; selbst mit dem L\u00f6wen werden sie fertig, wahrscheinlich, weil der K\u00f6nig der Wildni\u00df immer von mehreren zugleich angefallen wird. Alle Berichte der Neger \u00fcber ihre K\u00e4mpfe mit dem Gorilla sind wirklich entsetzlich. Die Elfenbeinj\u00e4ger f\u00fcrchten unter allen Waldthieren den Gorilla am meisten und namentlich die Art seines Angriffes; sie versichern Dies jedem Europ\u00e4er, welcher nach dem Affen fragt. Ein I\u00e4gertrupp zieht ruhig seine Stra\u00dfe durch den Wald; pl\u00f6tzlich wird einer der Mannschaft vom Boden erhoben: ein Gorilla, welcher an einem niedrigen Aste hing, hat ihn mit der hinlern Hand am Genick gepackt und zieht ihn zi^sich auf den Ast empor, schwingt sich mit seiner Beute h\u00f6her und h\u00f6her zum Wipfel des Baumes hinauf, w\u00fcrgt den ihm gegen\u00fcber vollkommen wehrlosen Menschen, da\u00df er auch nicht einen Laut von sich geben kann, und l\u00e4\u00dft ihn dann pl\u00f6tzlich wieder herunterfallen, erdrosselt, eine Leiche! Die Reisenden w\u00fcrden die Erz\u00e4hlungen der Neger nicht geglaubt haben, b\u00e4tten sie nicht furchtbar Verst\u00fcmmelte gesehen, welche aus K\u00e4mpfen mit den gef\u00fcrchteten Thieren noch mit dem Leben davon gekommen waren. Wenn der Gorilla seine Familie bei sich hat, greift er stets, ohne gereizt zu fein, den sich N\u00e4hernden an, und der Kampf zwischen ihm und dem Menschen endet regelm\u00e4\u00dfig mit dem Tode des einen K\u00e4mpfers, leider gew\u00f6hnlich mit dem des Menschen. Ein Mapongwe-Neger zeigte sein Gewehr vor, welches ein Gorilla sprenkelkrumm.gebogen, und dessen L\u00e4ufe er mit seinen Z\u00e4hnen platt gebissen hatte. Es gilt f\u00fcr viel schwerer, einen jungen Gorilla zu erhallen, als zehn Schimpanses. Die Weibchen fliehen mit ihren Jungen, sobald sich die J\u00e4ger nahen, auf die B\u00e4ume, die M\u00e4nnchen aber bereiten sich augenblicklich zum Angriffe vor. Die gro\u00dfen gr\u00fcnen Augen funkeln, der Haarkamm str\u00e4ubt sich, die Z\u00e4hne werden gefletscht, ein gellender Laut ert\u00f6nt, welcher wie \u201ekahi! kahi!\" klingt, und w\u00fcthend st\u00fcrmen die Thiere auf den Feind ein. Gl\u00fccklich, wenn das Feuergewehr den Menschen obsiegen l\u00e4\u00dft, denn sonst ist er verloren. Wird der Gorilla gefehlt, dann ist das Gewehr nicht einmal mehr als Keule zu gebrauchen: der rasende Affe zerbei\u00dft es in St\u00fccke, wie ein Esel eine Mohrr\u00fcbe zerbei\u00dft, zerfleischt und zerrei\u00dft den","page":15},{"file":"p0016.txt","language":"de","ocr_de":"J 6\nDie Affen. Waldmenschen. \u2014 Gorilla.\nJ\u00e4ger mit seinen Z\u00e4hnen, obgleich diese nicht hierzu, sondern, wie ein amerikanisches Blatt bemerkt, vielmehr zum anst\u00e4ndigen Gebrauch eines grasfressenden Thieres bestimmt sind. Es darf uns daher nicht wundern, wenn Der, welcher einen Gorilla erschlug, unter seinem Volk als der gr\u00f6\u00dfte Held angesehen wird; wir d\u00fcrfen es aber auch keinem Neger verargen, wenn er taub bleibt gegen die Versprechungen eines Europ\u00e4ers, der ihm einen lebenden Gorilla gern mit Geld aufwiegen w\u00fcrde.\n\u2022 In dieser wirklich beispiellosen Furchtbarkeit des gewaltigen Affen ist noch etwas Anderes begr\u00fcndet: die Unkenntni\u00df n\u00e4mlich, welche wir \u00fcber seine Lebensweise und seine Sitten besitzen. Nur sehr sp\u00e4rliche Nachrichten hier\u00fcber sind uns zugekommen, sie gen\u00fcgen noch lange nicht, um uns ein vollst\u00e4ndiges Bild des Thieres zu-geben. Man sagt, da\u00df er auf'der Erde auf allen Vieren gehe, zuweilen aber zum aufrechten Gange eine Keule benutze; man erz\u00e4hlt, da\u00df er, wie die Elfenbeinj\u00e4ger, die Z\u00e4hne aus dem Gerippe eines Elefanten br\u00e4che und sie lange Zeit mit sich herum tr\u00fcge, gleichsam als Keule; man berichtet, da\u00df er vortrefflich klettere und den gr\u00f6\u00dften Theils seines Lebens auf B\u00e4umen zubringe, sich auch dort, wie die andern Orangaffen, aus zusammengebogenen Zweigen eine H\u00fctte ohne Dach errichte; ja, man behauptet sogar, da\u00df er seine Todten begrabe u. dergl. mehr; allein wir wissen durchaus noch nicht, wieviel Wahres daran ist. Die Reisenden sind so ziemlich einstimmig in Folgendem: Der Gorilla lebt weniger in Gesellschaften, als vielmehr in Familien, welche aus dem M\u00e4nnchen, dem Weibchen und einem oder zwei Jungen bestehen? Am h\u00e4ufigsten sieht man ihn in den Monaten September, Oktober und November, nachdem die Neger ihre Ernte eingebracht haben und in ihre D\u00f6rfer zur\u00fcckgekehrt find. Dann kommt der Asse, welcher den Menschen, den er. ha\u00dft, dennoch meidet, n\u00e4her an die D\u00f6rfer heran, als sonst, wo er sich in dem tieferen Walde aufh\u00e4lt. Gew\u00f6hnlich sieht man den Gorilla auf einem Baumaste sitzen, den R\u00fccken an den Stamm gelehnt, und hiervon kommt es, da\u00df ihm die Haare an der betreffenden Stelle abgerieben sind. W\u00e4hrend seiner Ruhe kaut er langsam und gedankenlos an Fr\u00fcchten, wie wir Solches auch h\u00e4ufig bei Pavianen .sehen. Wenn die Familie aufgeschreckt wird, bringt das Weibchen sein Junges in Sicherheit, der m\u00e4nnliche Affe aber stellt sich zur Vertheidigung und bricht in in ein Siegesgeheul aus, wenn er sein Opfer mit teuflischer Lust zerfleischt hat. Dus Weibchen vertheidigt ihre Nachkommenschaft mit Aufopferung ihres Lebens. Eine Familie wurde von J\u00e4gern \u00fcberrascht: die Mutter rettete das eine ihrer Jungen, indem sie es nach einem entfernten Baume trug, das andere suchte zu fl\u00fcchten, wurde, jedoch gestellt. W\u00fcthend st\u00fcrzte jetzt die Alte herbei, nahm ihren Spr\u00f6\u00dfling auf den Arm und ging auf die J\u00e4ger los. Diese r\u00fcckten ihr mit den Gewehren auf den Leib und zielten auf sie; da erhob sie flehend den Arm, als wollte sie die t\u00f6dliche Kugel abwehren; die Kugel drang ihr aber in das Herz, und sie verendete. Das Junge kam somit in die Gewalt seiner Feinde. Au\u00dfer diesem hat man noch andere Gorilla gefangen, doch haben dieselben niemals lange in der Gefangenschaft gelebt, und kein einziger ist noch lebend nach Europa her\u00fcbergekommen.\nDie Eingeborenen glauben, da\u00df diese gro\u00dfe Affen wirkliche Menschen seien, und blos th\u00e4ten, als w\u00e4ren sie so w\u00fcthend und dumm, weil sie f\u00fcrchteten-, zu Sklaven gemacht und zur-Arbeit angehalten zu werden; denn das ist eine Sache, welche f\u00fcr einen \u00e4chten Afrikaner wohl das Schrecklichste sein d\u00fcrfte. Au\u00dferdem w\u00e4hnen sie, da\u00df die Seelen ihrer abgeschiedenen K\u00f6nige in dem Leibe des Gorilla Wohnung n\u00e4hmen, und da\u00df dieser daher haupts\u00e4chlich aus alter, lieber Gewohnheit seine fr\u00fcheren Unterthanen hasse und peinige!\nIn der Neuzeit hat der Amerikaner Du Chaillu sehr-ausf\u00fchrlich \u00fcber den Gorilla berichtet. Ich w\u00fcrde die Mittheilungen dieses Reisenden vorzugsweise meiner Beschreibung zu Grunde gelegt haben, k\u00f6nnte ich ihnen soviel Glauben schenken, als ich selbst w\u00fcnschte. Die Darstellungsweise Du Chaillu's ist nicht geeignet, gro\u00dfes Vertrauen zu erwecken; und wenn auch unser Mann sich als Forscher geberdet und seine Angaben durch lateinische Namen zu bekr\u00e4ftigen sucht: es will immer scheinen, als sei Alles darauf berechnet, die Aufmerksamkeit in ungeb\u00fchrlicher Weise zu spannen. Man urtheile selbst, was wohl von einem Berichterstatter zu halten ist, der in folgender Weise sein erstes Zusammentreffen mit dem Gorilla schildert:","page":16},{"file":"p0017.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise. Du Chaillu's Schilderung.\n17\n\u201eSchnell vorw\u00e4rts bewegte es sich im Geb\u00fcsch, und mit einem Male stand ein ungeheuerer m\u00e4nnlicher Gorilla vor mir. Durch das Dickicht war er auf allen Vieren gekrochen; als er uns aber sah, erhob er sich und sah uns k\u00fchn und muthig in die Augen. So stand er etwa zw\u00f6lf Schritte vor uns: \u2014 ein Anblick, den ich nie vergessen werde! Der K\u00f6nig des afrikanischen Waldes kam mir wie eine gespenstische Erscheinung vor. Aufgerichtet war der ungeheuere, fast sechs Fu\u00df hohe K\u00f6rper; frei zeigten sich die m\u00e4chtige Brust, die gro\u00dfen, muskelkr\u00e4stigen Arme, das wild blitzende, tiefgraue Auge und das Gesicht mit seinem wahrhaft h\u00f6llischen Ausdruck. Er f\u00fcrchtete sich nicht! Da stand er und schlug seine Brust mit den gewaltigen F\u00e4usten, da\u00df es schallte, wie wenn man eine gro\u00dfe metallene Trommel schl\u00e4gt. Das ist die Art des Trotzbietens, das-ist das Kampfeszeichen des Gorilla! Und dazwischen stie\u00df er einmal nach dem andern sein gr\u00e4\u00dfliches Gebr\u00fcll aus: \u2014 ein Gebr\u00fcll, so grauenerregend, da\u00df man es den eigenth\u00fcmlichsten und f\u00fcrchterlichsten Laut der afrikanischen W\u00e4lder nennen mu\u00df. Es beginnt mit einem scharfen Bellen, wie es ein gro\u00dfer Hund h\u00f6ren l\u00e4\u00dft, dann geht es in ein tiefes Dr\u00f6hnen \u00fcber, welches genau dem Rollen fernen Donners am Himmel gleicht: \u2014 habe ich doch mehr als einmal dieses Gebr\u00fcll f\u00fcr Donner gehalten, wenn ich den Gorilla nicht sah! Wir blieben bewegungslos im Vertheidigungszustande. Die Augen des Scheusals blitzten grimmiger; der Kamm des kurzen Haares, welcher auf seiner Stirn steht, legte sich aus und nieder; er zeigte seine m\u00e4chtigen F\u00e4nge und wiederholte das donnernde Br\u00fcllen. Jetzt glich er g\u00e4nzlich einem h\u00f6llischen Traumbilde, einem Wesen jener widerlichen Art, halb Mann, halb Thier, wie es die alten Maler erfanden, wenn sie die H\u00f6lle darstellen wollten. Wiederum kam er ein paar Schritte n\u00e4her, blieb nochmals stehen und stie\u00df von neuem sein entsetzliches Geheul aus. Und noch einmal n\u00e4herte er sich, noch einmal stand er und schlug br\u00fcllend und w\u00fcthend seine Brust. So war er bis auf sechs Schritte herangekommen: \u2014\u2022 da feuerte ich und t\u00f6dtete ihn. Mit einem St\u00f6hnen, welches etwas schrecklich Menschliches an' sich hatte und doch durch und durch viehisch war, fiel er vorw\u00e4rts auf sein Gesicht. Der K\u00f6rper zuckte krampfhaft mehrere Minuten; dann wurde Alles ruhig \u2014 der Tod hatte seine Arbeit gethan. Ich bekam nun Mu\u00dfe, den gewaltigen Leichnam zu untersuchen. Die Messung ergab, da\u00df er 5 Fu\u00df 8 Zoll lang war, und die Entwickelung der Muskeln an den Armen und an der Brust zeigten, welch ungeheuere Kraft er besessen hatte.\"\nEs scheint wirklich, als habe sich in solcher Darstellung einer unserer schlechten Liebesgeschichtenschreiber versucht und seiner Feder freien Spielraum gelassen. Das Nachfolgende aber mag mich entschuldigen, wenn ich hier \u00fcberhaupt Etwas von Du Chaillu aufnehme. Wir sind noch nicht im Stande, bei den verschiedenen Beschreibungen des Gorilla die Spreu von dem Weizen zu sondern, und m\u00fcssen deshalb auf alle Berichte R\u00fccksicht nehmen, welche uns zugehen. \u201eMein langer Aufenthalt in Afrika,\" sagt Du Chaillu auf Seite 347 seiner Explorations and adventures in Equatorial Africa, \u201egew\u00e4hrte mir die gr\u00f6\u00dfte Leichtigkeit, mich mit den Eingebornen ins Einvernehmen zu setzen, und als meine Neugierde, jenes Ungeheuer kennen zu lernen, aus das H\u00f6chste erregt worden war, beschlo\u00df ich, selbst auf dessen Jagd auszuziehen und mit eigenen Augen zu sehen. Ich war so gl\u00fccklich, der Erste zu sein, welch, r nach eigener Bekanntschaft \u00fcber den Gorilla sprechen darf,- und w\u00e4hrend meine Erfahrung und Beobachtung zeigen, da\u00df Vieles von dem \u00fcber den Gorilla Erz\u00e4hlten auf falschen und leeren Einbildungen unwissender Neger und leichtgl\u00e4ubiger Reisenden beruht, kann ich andererseits best\u00e4tigen, da\u00df keine Beschreibung das Entsetzliche der Erscheinung, die Wuth des Angriffs und die w\u00fcste Bosheit des Wesens eines Gorilla versinnlichen wird.\"\n\u201eEs thut mir leid, da\u00df ich der Zerst\u00f6rer von einer Menge unmuthiger Tr\u00e4umereien sein mu\u00df. Aber der Gorilla lauert nicht auf den B\u00e4umen \u00fcber dem Wege, um einen unvorsichtig Vor\u00fcbergehenden mit seinen Klauen zu ergreifen und in seinen zangengleichen H\u00e4nden zu erw\u00fcrgen; er greift den Elefanten nicht an und schl\u00e4gt ihn mit St\u00f6cken zu Tode; er schleppt keine Weiber aus den D\u00f6rfern der Eingebornen weg; er baut sich kein Nest aus Bl\u00e4ttern und Zweigen auf den Waldb\u00e4umen und sitzt unter dessen Dach, wie man sonst behauptet hat; er ist nicht einmal ein geselliges Thier, und die zahlreichen Erz\u00e4hlungen von seinen Angriffen in gr\u00f6\u00dferer Zahl haben nicht ein K\u00f6rnchen von Wahrheit in sich.\"\nBrehm, Thierleben.\t^","page":17},{"file":"p0018.txt","language":"de","ocr_de":"18\nDie Affen. Waldmenschen. \u2014 Gorilla.\n\u201eDer Gorilla lebt in den einsamsten und dunkelsten Stellen des dichten afrikanischen Niederwaldes, tiefe bewaldete Th\u00e4ler und ebenso schroffe H\u00f6hen allen \u00fcbrigen Aufenthaltsorten vorziehend. Gerade die Hochebenen, welche mit ungeheuren Halden bedeckt sind, scheinen seinen Lieblingswohnsitz zu bilden. In jenen Gegenden Afrikas findet sich \u00fcberall Wasser, und ich habe beobachtet, da\u00df der Gorilla just an solchen Stellen sich findet, wo es am feuchtesten ist. Er ist ein rastlos umherschweifendes Vieh, welches von Ort zu Ort wandert und schwerlich an einer und derselben Stelle zwei Tage lang bleibt. Dieses^Umherschweisen ist zum Theil von der Schwierigkeit bedingt, sein Lieblingsfutter zu finden. Obgleich der Gorilla verm\u00f6ge seiner ungeheueren Nei\u00dfz\u00e4hne ohne M\u00fche jedes andere Thier des Waldes, welches er gefangen, auch zu zerst\u00fcckeln verm\u00f6chte, ist er doch ein echter Pflanzenfresser. Ich habe die Magen von allen untersucht, welche zu tobten ich so gl\u00fccklich war, und niemals etwas Anderes gefunden, als Beeren, Ananasbl\u00e4tter und andere Pflanzenstoffe. Der Gorilla ist ein arger Fresser, und es unterliegt gar keinem Zweifel, da\u00df er an einem Ort Alles auffri\u00dft und dann, im best\u00e4ndigen Streit mit dem Hunger, zum Wandern gezwungen ist. Sein gro\u00dfer Bauch, der sich, wenn er aufrecht dasteht, deutlich genug zeigt, beweist, da\u00df er ein t\u00fcchtiger Esser ist; und wahrlich, sein gewaltiger Leib und die ungeheure Muskelentwickelung k\u00f6nnten bei weniger Nahrung nicht unterhalten werden.\"\n\u201eEs ist nicht wahr, da\u00df der Gorilla viel oder immer auf den B\u00e4umen lebt; ich habe ihn fast stets auf der Erde gesunden. Allerdings steigt er oft genug an den B\u00e4umen in die H\u00f6he, um dort Beeren oder N\u00fcsse zu pfl\u00fccken; wenn er aber dort gegessen hat, kehrt er wieder nach unten zur\u00fcck. Nach allen meinen Erfahrungen \u00fcber die Nahrung kann man behaupten, da\u00df er es gar nicht nothwendig hat, die B\u00e4ume zu erklettern. Ganz besonders behagen ihm Zuckerrohr, die wei\u00dfen Rippen der Ananasbl\u00e4tter, mehrere Beeren, welche nahe der Erde wachsen, das Mark einiger B\u00e4ume und eine Nu\u00df mit sehr harter Schale. Diese letztere ist so fest, da\u00df man sie nur mit einem starken Schlag vermittelst eines Hammers \u00f6ffnen kann. Wahrscheinlich ihrethalben besitzt der Gorilla das ungeheure Gebi\u00df, welches stark genug ist, einen Gewehrlauf zusammenzubiegen.\"\n\u201eNur die jungen Gorillas schlafen auf B\u00e4umen, um sich gegen Raubthiere zu sch\u00fctzen. Ich habe mehrere Mal die frische-Spur eines Gorillabetts gefunden und konnte es deutlich sehen, da\u00df das M\u00e4nnchen mit dem R\u00fccken an einen Baumstamm gelehnt in ihm gesessen hatte; doch glaube ich, da\u00df Weibchen und Junge, w\u00e4hrend die M\u00e4nnchen immer am Fu\u00dfe der B\u00e4ume oder unter Umst\u00e4nden auf der Erde schlafen, zuweilen die Krone des Baumes ersteigen m\u00f6gen, weil ich hiervon die Spuren gesehen habe.\"\n\u201eAlle Affen, welche viel auf B\u00e4umen leben, wie der Schimpanse, haben an ihren vier H\u00e4nden l\u00e4ngere Finger, viel l\u00e4ngere als der Gorilla, dessen Handbau sich mehr dem menschlicher Gliedma\u00dfen n\u00e4hert. In Folge dieses verschiedenen Baues ist er weniger geeignet, B\u00e4ume zu erklettern. Zugleich mu\u00df ich bemerken, da\u00df ich niemals einen Schirm oder ein Zelt gefunden habe, und deswegen zu dem Schlu\u00df gekommen bin, da\u00df er kein derartiges Geb\u00e4ude auff\u00fchrt.\n\u201eDer Gorilla ist nicht gesellig. Von den Alten fand ich gew\u00f6hnlich ein M\u00e4nnchen und ein Weibchen zusammen, oft genug auch ein altes M\u00e4nnchen allein. In solchem Falle ist es immer ein alter, m\u00fcrrischer, b\u00f6swilliger Gesell, mit welchem nicht zu spa\u00dfen ist. Junge Gorillas traf ich in Gesellschaft bis zu f\u00fcnf St\u00fccken an. Sie liefen immer auf allen Vieren davon, schreiend vor Furcht. Es ist nicht leicht, sich ihnen zu n\u00e4hern; ihr Geh\u00f6r ist au\u00dferordentlich scharf, und sie verlieren keine Zeit, um zu entkommen, w\u00e4hrend die Beschaffenheit des Bodens es dem J\u00e4ger sehr schwer macht, ihnen zu folgen. Das alte Thier ist auch scheu, und ich habe zuweilen den ganzen Tag gejagt, ohne auf mein Wild zu kommen, wobei ich bemerken mu\u00dfte, da\u00df es mir sorgf\u00e4ltig auswich. Wenn jedoch zuletzt das Gl\u00fcck den J\u00e4ger beg\u00fcnstigt und er zuf\u00e4llig oder durch ein gutes Iagdkunstst\u00fcck auf seine Beute kommt, geht diese ihm nicht aus dem Wege. Bei allen meinen Jagden und Zusammentreffen mit dem Gorilla habe ich nicht einen einzigen gefunden, welcher mir den R\u00fccken gekehrt h\u00e4tte. Ueber-raschte ich ein Paar Gorillas, so fand ich gew\u00f6hnlich das M\u00e4nnchen an den Felsen oder Baum gelehnt","page":18},{"file":"p0019.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise. Du Chaillu's Schilderung.\n19\nin dem dunkelsten Dickicht des Waldes sitzen, wo die strahlende Sonne nur ein d\u00fcsteres Zwielicht Hervorrufen kann; das Weibchen weidete in der Regel nebenbei, und dieses war es auch, welches zuerst unter lautem und heftigem Schreien und Kreischen davon rannte. Dann erhob sich das M\u00e4nnchen, welches noch einen Augenblick mit w\u00fcthendem Blick dagesessen hatte, langsam auf seine F\u00fc\u00dfe, schaute mit gl\u00fchenden, w\u00fcthenden Augen auf die Eindringlinge, schlug auf seine Brust, erhob sein gewaltiges Haupt und stie\u00df das furchtbare Gebr\u00fcll aus. Ich habe Grund zw glauben, da\u00df ich dieses Gebr\u00fcll auf die Entfernung von drei Meilen h\u00f6rte (!)\".\n\u201eDas Entsetzliche in der Erscheinung des Thieres l\u00e4\u00dft jede Beschreibung weit hinter sich. Bei solchem Anblick konnte ich meinen braven, eingebornen J\u00e4gern es verzeihen, da\u00df sie zuweilen eine \u00fcbernat\u00fcrliche Furcht \u00fcberkam, konnte ich mir die Wundergeschichten erkl\u00e4ren, welche die Neger \u00fcber den Gorilla erz\u00e4hlen.\"\n\u201eEs ist ein Grundsatz eines gutgeschulten Gorillaj\u00e4gers, sein Feuer bis zu dem -letzten Augenblick zu bewahren. Die Erfahrung hat gelehrt, da\u00df, wenn der J\u00e4ger feuert und fehlt, der Gorilla augenblicklich auf ihn st\u00fcrzt. Und seinem Anprall kann kein Mann widerstehen! Ein einziger Schlag der gewaltigen, mit m\u00e4chtigen N\u00e4geln bewehrten Hand, und das Eingeweide des armen J\u00e4gers liegt blo\u00df, seine Brust ist zertr\u00fcmmert, sein Sch\u00e4del zerschmettert; es ist zu sp\u00e4t, neu zu laden, und Flucht ist vergebens! Einzelne Neger, tollk\u00fchn aus Furcht, haben sich unter solchen Umst\u00e4nden in ein Ringen mit dem Gorilla eingelassen und mit ihrem ungeladenen Gewehre sich vertheidigen wollen; aber sie haben nur Zeit zu einem einzigen, erfolglosen Streich gehabt: \u2014 im n\u00e4chsten Augenblick erschien der lange Arm mit verh\u00e4ngni\u00dfvoller Kraft und zerbrach Gewehr und Negersch\u00e4del mit einem Schlage. Ich kann mir kein Gesch\u00f6pf denken, welches so unabwendliche Angriffe auf den Menschen zu machen versteht, und zwar aus dem Grunde, weil sich der Gorilla Gesicht gegen Gesicht dem M\u00e4nne gegen\u00fcber stellt und seine Arme als Waffen zum Angriff gebraucht; gerade wie der Mann oder ein Preisfechter thun w\u00fcrden, nur da\u00df jener l\u00e4ngere Arme und weitaus gr\u00f6\u00dfere Kraft hat, als sich der gewaltigste Faustk\u00e4mpfer der Erde tr\u00e4umen l\u00e4\u00dft.\"\n\u201eDie dunkeln und undurchdringlichen Dickichte, in denen man sich der vielen Ranken und Dornen halber kaum bewegen kann, bilden den Aufenthalt des Gorilla; deshalb bleibt der J\u00e4ger kluger Weise stehen und erwartet die Ankunft des w\u00fcthenden Thieres. Der Gorilla n\u00e4hert sich mit kurzen Schritten, h\u00e4lt h\u00e4ufig an und st\u00f6\u00dft sein h\u00f6llisches Gebr\u00fcll aus, ab und zu mit den Armen seine Brust schlagend. Zuweilen h\u00e4lt er l\u00e4nger an und setzt sich auch wohl; dabei blickt er w\u00fcthend auf seinen Gegner. Sein Gang ist wacklig; die sehr kurzen Hinterbeine gen\u00fcgen entschieden nicht, um den K\u00f6rper aufrecht zu tragen; daher behilft sich das Thier durch Schwingungen mit den Armen, um sich im Gleichgewicht zu halten; aber der dicke Bauch, das runde stierartige Haupt, welches r\u00fcckw\u00e4rts fast auf dem Nacken aufliegt, die gro\u00dfen muskelkr\u00e4ftigen Arme und die weite Brust: \u2014 alles Dies Verleihs seinem Schwanken ein uns\u00e4glich Entsetzliches, welches das Furchtbare seiner Erscheinung nur noch vermehrt. Zugleich blitzen die tiefliegenden, grauen Augen in unheimlichem Glanze; die Wuth verzerrt das Gesicht auf das abscheulichste; die d\u00fcnnen, scharf geschnittenen Lippen, welche zur\u00fcckgezogen werden, lassen die gewaltigen Rei\u00dfz\u00e4hne und die furchtbaren Kinnladen erscheinen, in welchen ein Menschenglied zermalmt werden w\u00fcrde, wie Zwieback.\"\n\u201eDer J\u00e4ger steht mit \u00e4ngstlicher Sorge, seinen Feind bewachend, auf einer und derselben Stelle, das Gewehr in der Hand, oft f\u00fcnf lange, bange Minuten, mit aufregendem Grauen den Augenblick erwartend, in welchem er feuern mu\u00df. Die gew\u00f6hnliche Entfernung, in welcher geschossen wird, betr\u00e4gt 14 bis 18 Fu\u00df. Ich meinestheils habe nie weiter auf ein Gorillam\u00e4nnchen geschossen, als auf acht Ellen. Zuletzt kommt die Gelegenheit: so schnell als m\u00f6glich wird das Gewehr erhoben, \u2014 ein \u00e4ngstlicher Augenblick, welcher die Brust zusammenschn\u00fcrt, und dann \u2014 Finger an den Dr\u00fccker! Wenn der Neger einem Flu\u00dfpferde w\u00e4hrend der Jagd eine Kugel zusandte, geht er im Augenblicke auf seine Beute los: \u2014 wenn er nach einem Gorilla scho\u00df, steht er still; denn falls er gefehlt hat, mu\u00df er k\u00e4mpfen f\u00fcr sein Leben, Gesicht gegen Gesicht, hoffend, da\u00df irgend ein unerwartetes Gl\u00fcck\n2*","page":19},{"file":"p0020.txt","language":"de","ocr_de":"20\nDie Affen. Waldmenschen. \u2014 Gorilla.\nihn von dem t\u00f6dlichen Streiche errettet, und er davon kommt, wenn auch vielleicht gel\u00e4hmt f\u00fcr immer. Gl\u00fccklicher Weise stirbt der Gorilla ebenso leicht, als der Mensch: ein Schu\u00df in die Brust bringt ihn sicher zu Falle. Er st\u00fcrzt vorw\u00e4rts auf sein Gesicht, die langen, gewaltigen Arme ausstreckend und mit dem letzten Athem ein Todesr\u00f6cheln aussto\u00dfend, halb Br\u00fcllen, halb St\u00f6hnen, welches, obgleich es dem J\u00e4ger seine Rettung k\u00fcndet, dennoch sein Ohr Peinigt, wegen der Aehnlichkeit mit dem letzten Seufzer eines sterbenden Menschen.\"\n\u201eDer gew\u00f6hnliche Gang des Gorilla geschieht nicht auf den Hinterbeinen, sondern auf allen Vieren. Bei dieser Stellung wird das Haupt und die Brust bedeutend erh\u00f6ht, weil seine Arme ver-h\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sehr lang sind. Wenn er schnell l\u00e4uft, setzt er die Hinterbeine fast bis \u00fcber den Leib vor und immer bewegt er beide Glieder einer Seite zu gleicher Zeit, wodurch er eben einen so sonderbaren wackelnden Gang erh\u00e4lt. Nicht zu bezweifeln steht, da\u00df der Gorilla auch in erhabener Stellung ziemlich schnell und viel l\u00e4nger als der Schimpanse oder andere Affen dahinwandeln kann. Wenn er aufrecht steht, biegt er seine Knie nach ausw\u00e4rts. Sonderbar ist die F\u00e4hrte, welche er bildet, wenn er auf allen Vieren l\u00e4uft. Die Hinterf\u00fc\u00dfe hinterlassen keine Spur von ihren Zehen, nur der Fu\u00dfballen und der Daumen, welcher unserer gro\u00dfen Zehe entspricht, scheint aufzutreten; die Finger der Hand sind undeutlich dem Boden aufgedr\u00fcckt. Junge Gorillas klettern, verfolgt, nicht auf B\u00e4ume, sondern laufen auf dem Boden dahin. Niemals habe ich gefunden, dag eine Gorillamutter an Vertheidigung denkt; die Neger aber haben mir erz\u00e4hlt, da\u00df Dies zuweilen wohl der Fall ist.\"\n\u201eEs ist ein h\u00fcbscher Anblick, solch eine Mutter mit ihrem sie umspielenden Jungen! Ich habe Beide \u00f6fters in den W\u00e4ldern beobachtet, und so begierig ich auch war, Gorillas zu erhalten, konnte ich es doch nicht \u00fcber das Herz bringen, ein solches Verh\u00e4ltni\u00df zu st\u00f6ren. Meine Neger waren weniger weichherzig und t\u00f6dteten ihren Erzfeind ohne Zeitverlust. Wenn die Mutter vor dem J\u00e4ger fl\u00fcchtet, springt das Junge ihr sofort auf den Nacken und h\u00e4ngt sich dann zwischen ihren Br\u00fcsten an, mit den kleinen Gliedern ihren Leib umschlingend.\"\n\u201eSchon ein junger Gorilla ist au\u00dferordentlich stark. Einen, welcher nur 21/2 Jahre alt war, konnten vier starke M\u00e4nner nicht fest halten; er bi\u00df einen davon nicht unbedeutend. Der Alte kann mit seinen Z\u00e4hnen einen Gewehrlauf platt bei\u00dfen und mit seinen Armen B\u00e4ume umbrechen von 4 bis 6 Zoll im Durchmesser (?). Die Neger greifen den Gorilla nur mit den Flinten an, niemals mit andern Waffen, und da, wo sie kein Feuergewehr besitzen, durchzieht das Unthier unbel\u00e4stigt, als alleiniger Herrscher den Wald. Einen Gorilla get\u00f6dtet zu haben, verschafft dem J\u00e4ger f\u00fcr sein Lebenlang die gr\u00f6\u00dfte Achtung selbst der muthigsten Neger, welche, wie ich hinzuf\u00fcgen mu\u00df, im Allgemeinen durchaus nicht nach dieser Art des Ruhmes l\u00fcstern sind.\"\n\u201eDer Gorilla gebraucht keine k\u00fcnstlichen Waffen zur Vertheidigung: er greift mit seinen Armen und im weiteren Kampfe mit seinen Z\u00e4hnen an. Ich habe oft Gorillasch\u00e4del untersucht, in welchen die gewaltigen Rei\u00dfz\u00e4hne ausgebrochen waren, und von den Negern erfahren, da\u00df solcher Verlust in den K\u00e4mpfen entstand, welche zwei Gorillam\u00e4nnchen in Sachen der Liebe ausgefochten haben. Solch ein Streit mu\u00df ein in jeder Hinsicht gewaltiges, gro\u00dfartiges Schauspiel gew\u00e4hren. Ein Ringen zwischen zwei t\u00fcchtigen m\u00e4nnlichen Gorillas w\u00fcrde alle Kampfspiele der Welt \u00fcberbieten.\"\n\u201eDie Eingebornen des Innern essen das Fleisch des Gorilla und anderer Affen sehr gern, obgleich es schwarz und hart ist; die St\u00e4mme nahe der See verschm\u00e4hen es und f\u00fchlen sich beleidigt, wenn man es ihnen anbietet, weil sie sich einer gewissen Aehnlichkeit zwischen ihnen und den Assen bewu\u00dft sind. Auch im Innern weisen Negerfamilien eine Gorillamahlzeit zur\u00fcck, weil sie den Aberglauben hegen, da\u00df vor Zeiten einer ihrer weiblichen Ahnen einen Gorilla geboren habe. \u2014 Das Fell des Thieres ist so dick und fest, wie eine Ochsenhaut, aber verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig viel zarter, als das anderer Affen.\"\nUeber die Gefangenschaft junger Gorillas hat Du Chaillu ebenfalls Beobachtungen mitgetheilt. Er glaubt, da\u00df erwachsene Affen dieser Art vollst\u00e4ndig unz\u00e4hmbar seien; denn auch die Jungen, welche er am Leben hatte, zeigten sich wild und ungest\u00fcm, bis zu ihrem Tode. Ich will ihn noch einmal selbst erz\u00e4hlen lassen.","page":20},{"file":"p0021.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise. Du Chaillu's Schilderung.\n21\n\u201eAm 4. Mai lieferten einige Neger, welche in meinem Auftrage jagten, einen jungen, lebenden Gorilla ein. Ich kann unm\u00f6glich die Aufregung beschreiben, welche mich erfa\u00dfte, als man das kleine Scheusal in das Dorf brachte. Alle die Beschwerden und Entbehrungen, welche ich in Afrika ausgehalten hatte, waren in einem Augenblick vergessen.\"\n\u201eDer Affe war ein kleiner, etwa 2 bis 3 Jahr alter Gesell, 2y2 Fu\u00df hoch, aber so w\u00fcthend und halsstarrig, als nur einer seiner erwachsenen Genossen h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Meine J\u00e4ger, die ich am liebsten an das Herz gedr\u00fcckt h\u00e4tte, fingen ihn in dem Lande zwischen dem Rembo und dem Vorgebirge St. Katharina. Nach ihrem Bericht gingen sie zu F\u00fcnft nahe einer Ortschaft an der K\u00fcste lautlos durch den Wald und h\u00f6rten da ein Geknurre, welches sie-sofort als den Ruf eines jungen Gorilla nach seiner Mutter erkannten. Der Wald war still; es war ungef\u00e4hr Mittag. Sie beschlossen sofort, dem Schrei zu folgen. Mit den Gewehren in der Hand schlichen die Braven vorw\u00e4rts nach einem d\u00fcstern Dickicht des Waldes, wo sich das Thier aufhalten mu\u00dfte. Sie wu\u00dften, da\u00df die Mutter in der N\u00e4he sein w\u00fcrde, und erwarteten, da\u00df auch das gef\u00fcrchtete M\u00e4nnchen nicht weit sein m\u00f6chte; allein, wohl wissend, welche Freude sie mir bereiten w\u00fcrden, beschlossen sie, Alles auf das Spiel zu setzen, um wo m\u00f6glich das Junge lebend zu erhalten. Beim N\u00e4herkommen hatten sie einen selbst den Negern seltenen Anblick. Das Junge sa\u00df einige Schritte entfernt von seiner Mutter auf dem Grunde und besch\u00e4ftigte sich, Beeren zu pfl\u00fccken. Die Alte schmauste von denselben Fr\u00fcchten. Meine J\u00e4ger machten sich augenblicklich zum Feuern fertig, \u2014 und nicht zu sp\u00e4t! \u2014 denn das alte Weibchen erblickte sie, als sie ihre Gewehre erhoben. Gl\u00fccklicher Weise t\u00f6dteten sie die besorgte Alte mit deni ersten Schusse. Das Junge, erschreckt durch den Knall der Gewehre, rannte zu seiner Mutter, hing sich an sie, umarmte ihren Leib und versteckte sein Gesicht. Die J\u00e4ger eilten augenblicklich zu Beiden hin; das hierdurch aufmerksam gemachte Junge verlie\u00df aber sofort seine Mutter, lief zu einem schmalen Baum und kletterte an ihm mit gro\u00dfer Behendigkeit empor, dann setzte es sich und br\u00fcllte w\u00fcthend auf seine Verfolger herunter. Doch die Leute lie\u00dfen sich nicht verbl\u00fcffen. Nicht ein Einziger f\u00fcrchtete sich, von dem kleinen, w\u00fcthenden Vieh gebissen zu werden. Man wollte das seltene Wild nicht schie\u00dfen und hieb deshalb den Baum um. Als es fiel, deckte man schnell ein Kleid \u00fcber seinen Kopf und konnte es so geblendet leichter fesseln. Doch der kleine Kerl, seinem Alter nach nur ein unerwachsenes Kind, war bereits erstaunensw\u00fcrdig kr\u00e4ftig und nichts weniger als gutartig, so da\u00df die Leute nicht im Stande waren, ihn zu f\u00fchren. Augenblicklich st\u00fcrzte er sich auf sie, und sie waren endlich gen\u00f6thigt, seinen Hals in eine Holzgabel zu stecken, welche vorn verschlossen wurde und nun ihnen als Zwangsmittel dienen mu\u00dfte. So kam der Gorilla in das Dorf. Eine ungeheure Aufregung bem\u00e4chtigte sich hier der. Gem\u00fcther. Als der Gefangene aus dem Boot gehoben wurde, in welchem er einen Theil seines Weges zur\u00fcckgelegt hatte, br\u00fcllte und bellte er und schaute aus seinen b\u00f6sen Augen wild um sich, gleichsam versichernd, da\u00df er sich gewi\u00df r\u00e4chen werde, sobald er k\u00f6nne. Ich sah, da\u00df die Gabel seinen Nacken verwundet hatte, und lie\u00df deshalb augenblicklich einen K\u00e4fig f\u00fcr ihn machen. Nach zwei Stunden hatten wir ein festes Bambushaus f\u00fcr ihn gebaut mit sicheren St\u00e4ben, durch welche wir ihn nun beobachten konnten. Es war ein junges M\u00e4nnchen, jedenfalls nicht \u00e4lter als drei Jahre, doch erwachsen genug, um seinen Weg allein zu gehen, und f\u00fcr sein Alter mit einer merkw\u00fcrdigen Kraft ausger\u00fcstet. Gesicht und H\u00e4nde waren schwarz, die Augen aber noch nicht so tief eingesunken, als bei den alten. Das Haar der Brauen und des Armes, welches r\u00f6thlich-braun aussah, begann sich eben zu erheben; die Oberlippe war mit kurzen Haaren bedeckt, die untere mit einem kleinen Barte, die Augenlider waren fein und d\u00fcnn, die Augenbrauen etwa drei Viertel Zoll lang; ein eisgraues Haar, welches in der N\u00e4he der Arme dunkelte und am Stei\u00df vollst\u00e4ndig wei\u00df erschien, bedeckte seinen Nacken; Brust und Bauch waren d\u00fcnner behaart, die Arme l\u00e4nger.\"\n\u201eNachdem ich den kleinen Burschen gl\u00fccklich in seinen K\u00e4fig gelockt hatte, nahte ich mich, um ihm einige ermunternde Worte zu sagen. Er stand in der fernsten Ecke; so wie ich mich aber n\u00e4herte, bellte er auf und machte einen w\u00fcthenden Satz nach mir. Obgleich ich mich so schnell zur\u00fcckzog, als ich konnte, erwischte er doch noch meine Beinkleider, zerri\u00df sie und zog sich augenblicklich","page":21},{"file":"p0022.txt","language":"de","ocr_de":"22\nDie Affen. Waldmenschen. \u2014 Gorilla. Schimpanse.\nwieder nach seinem Winkel zur\u00fcck. Dies lehrte mich Vorsicht; doch gab ich die Hoffnung, ihn zu z\u00e4hmen, nicht auf. Meine erste Sorge war nat\u00fcrlich, Futter f\u00fcr ihn zu schaffen. Ich lie\u00df Waldbeeren holen und gab ihm dieselben nebst Wasser in seinen K\u00e4fig. Er war au\u00dferordentlich scheu und wollte nicht eher essen noch trinken, als bis ich mich auf ziemlich bedeutende Entfernung zur\u00fcckzog.\"\n'\u201eAm zweiten Tage war Joe, wie ich ihn genannt hatte, wilder als am ersten; er fuhr nach Jedermann hin, wenn er nur einen Augenblick bei seinem K\u00e4fig stand, und schien bereit, uns Alle in St\u00fccke zu zerrei\u00dfen. Ich brachte ihm einige Ananasbl\u00e4tter und bemerkte, da\u00df er davon nur die weichen Theile fra\u00df. Er schien eben nicht w\u00e4hlerisch zu sein, obschon er jetzt und w\u00e4hrend seines kurzen Lebens alles Futter verschm\u00e4hte, mit Ausnahme der wilden Bl\u00e4tter und Fr\u00fcchte, welche man in seinen heimischen W\u00e4ldern f\u00fcr ihn gesammelt hatte. Am dritten Tage war er noch m\u00fcrrischer und w\u00fcthender, bellte Jeden an und zog sich entweder nach seinem fernen Winkel zur\u00fcck oder scho\u00df angreifend vor. Am vierten-Tage gl\u00fcckte es ihm, zwei Bambusst\u00e4be aus einander zu schieben und zu entfliehen. Ich kam dazu, gerade als seine Flucht entdeckt worden war, und forderte augenblicklich alle Neger zur Verfolgung auf. Beim Eintreten in mein Haus wurde ich von \u00e4rgerlichem Br\u00fcllen begr\u00fc\u00dft, welches unter meiner Bettstelle hervorkam. Es war Meister Sepperl, welcher hier lag, sorgf\u00e4ltig alle meine Bewegungen beobachtend. Augenblicklich schlo\u00df ich die Fenster und rief meine Leute herbei, das Thor zu beaufsichtigen. Als Freund Joe Dies sah, zeigte sich seine ganze Wuth in seinem Gesicht; seine Augen gl\u00e4nzten, der ganze Leib bebte vor Zorn, und rasend kam er unter dem Bette hervor. Wir schlossen das Thor und lie\u00dfen ihm das Feld, indem wir vorzogen, lieber einen Plan zu seiner sichern Gefangenschaft zu entwerfen, als uns seinen Z\u00e4hnen auszusetzen. Es war kein Vergn\u00fcgen, ihn wieder zu fangen: er war schon so stark und w\u00fcthend, da\u00df ich selbst einen Faustkampf mit ihm scheute, aus Furcht, von ihm gebissen zu werden. Mitten im Raum stand der biedere Bursch und schaute w\u00fcthend auf seinen Feind, dabei mit einiger Ueberraschung die Einrichtungsgegenst\u00e4nde pr\u00fcfend. Ich hatte gro\u00dfe Sorge, da\u00df das Picken meiner Uhr sein Ohr erreichen w\u00fcrde und ihn zu einem Angriff auf diesen unsch\u00e4tzbaren Gegenstand begeistern oder, da\u00df er Vieles von Dem, was ich gesammelt hatte, mir zerst\u00f6ren m\u00f6chte. Endlich, als er sich etwas beruhigt hatte, sandte ich einige junge Leute nach einem Netz aus, und dieses warfen wir ihm auch gl\u00fccklich \u00fcber den Kops. Das junge Scheusal br\u00fcllte f\u00fcrchterlich und w\u00fcthete und tobte unter seinen Fesseln. Ich warf mich schlie\u00dflich auf seinen Nacken, zwei Mann fa\u00dften seine Arme, zwei andere die Beine: und dennoch machte uns das kleine Gesch\u00f6pf viel zu schaffen. So schnell als m\u00f6glich trugen wir ihn nach seinem, inzwischen ausgebesserten K\u00e4fig zur\u00fcck und bewachten ihn dort sorgf\u00e4ltiger.\"\n\u201eNiemals in meinem Leben sah ich ein so w\u00fcthendes Vieh, wie diesen Affen. Er fuhr aus Jeden los, der zu ihm hin kam, bi\u00df in die Bambusst\u00e4be, schaute uns mit giftigen und tollen Augen an und zeigte bei jeder Gelegenheit, da\u00df er ein durch und durch b\u00f6sartiges und boshaftes Gem\u00fcth hatte.\" \u2014\nIm Verlauf der Erz\u00e4hlung theilt Du Chaillu ferner mit, da\u00df Joe nicht einmal durch Hunger und, wie er sich ausdr\u00fcckt, durch \u201egesittete Nahrung\" zu b\u00e4ndigen war, da\u00df er nach einiger Zeit, als er zum zweiten Male durchbrach, mit vieler M\u00fche wieder gefangen, trotz alles Widerstr\u00e4ubens in Ketten gelegt wurde und zehn Tage darauf pl\u00f6tzlich starb. Er lernte seinen Herrn zuletzt wohl kennen.\nSp\u00e4ter erhielt Du Chaillu noch ein junges Gorillaweibchen, welches mit au\u00dferordentlicher Z\u00e4rtlichkeit an der Leiche seiner Mutter hing und das ganze Dorf durch seine Betr\u00fcbni\u00df in Aufregung versetzte. Das Thierchen war noch so klein, da\u00df es nur mit Milch h\u00e4tte ern\u00e4hrt werden k\u00f6nnen und weil diese nicht zu bekommen war, starb es schon am dritten Tage nach seinem Fang.\nAu\u00dferdem beschreibt der genannte Reisende noch zwei andere \u201eneue\" Affen, von denen er den einen Kulu-Kamba (Troglodytes Kulu-kamba) und den andern Nschiego-Mbuwe (Troglodytes calvus) nennt. In ihren Lebensverh\u00e4ltnissen scheinen diese Thiere, wenn der Entdeckung \u00fcberhaupt Glauben geschenkt werden darf, sich dem Schimpanse zu n\u00e4hern. Der Kulu-Kamba soll sehr","page":22},{"file":"p0023.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung.\n23\nk\u00fcnstliche Regenschirme auf die B\u00e4ume bauen, und Du Chaillu giebt auch eine Abbildung davon, welche freilich so beschaffen ist, da\u00df sie sehr gerechte Zweifel eines Sachverst\u00e4ndigen erwecken mu\u00df. Die Zweige sind gleichm\u00e4\u00dfig ausgesucht, mit ihren dicken Enden rings herum um den Baumstamm gelegt, dort sehr h\u00fcbsch und k\u00fcnstlich mit Weinreben angebunden und dann nach au\u00dfen schirmartig umgebogen, gerade so, als ob sie ein recht geschickter Gartenarbeiter, welcher mit Messer und Weidenzweigen geh\u00f6rig umzugehen wei\u00df, gemacht h\u00e4tte!\nEine Vergleichung der gegebenen Sch\u00e4del w\u00fcrde allerdings f\u00fcr die Artverschiedenheit der genannten Thiere sprechen; doch d\u00fcrften wir wohl thun, erst die Untersuchung bew\u00e4hrter M\u00e4nner der Wissenschaft abzuwarten, bevor wir ein endgiltiges Urtheil f\u00e4llen. Alle Abbildungen in Du Chaillus Werke beweisen unzweifelhaft, da\u00df sie erst in England von K\u00fcnstlern angefertigt wurden, welche durchaus nicht naturwissenschaftlich gebildet genannt werden d\u00fcrfen. Wenn Du Chaillu unter Anderm dem K\u00fcnstler gestattet, 'da\u00df er einen der afrikanischen Assen sich am Schw\u00e4nze schaukeln l\u00e4\u00dft, so kann er nicht erwarten, da\u00df den bildlichen Erl\u00e4uterungen zu seinem Werke an ma\u00dfgebenden Stellen Glauben geschenkt wird.\tx\nWenden wir uns nunmehr zu einem andern, weniger Zweifel herausfordernden Waldmenschen welcher dieselbe Gegend Afrikas bewohnt, zum Schimpanse (Troglodytes niger): Wie er zu dem sonderbaren Namen gekommen ist, wei\u00df man nicht; wohl aber ist jetzt entschieden, da\u00df er schon sehr lange bekannt, aber auch sehr oft mit dem Vorhergehenden, vielleicht selbst mit dem Mandril verwechselt worden ist. Es liegen uns viele Berichte vor, in denen des Schimpanse Erw\u00e4hnung geschieht. Pyrard hat ihn im 14. Jahrhundert in der Sierra-Leona beobachtet und giebt ihm den Landesnamen \u201eBarris\"; Battel erz\u00e4hlt in seiner 1717 erschienenen Beschreibung von Kongo von ihm und nennt ihn \u201ePongo\", wie den Orang-Utang, erw\u00e4hnt .aber auch bereits einer zweiten gr\u00f6\u00dfern Art; Bufson tauft ihn \u201eJocko\", weil die Eingeborenen ihn \u201eEntschocko\" oder \u201eJntjoko\" nennen sollen; Schaw unterscheidet ihn von seinem asiatischen Verwandten, Ogilby h\u00e4lt ihn f\u00fcr den wilden Menschen des Hanno; Brosse spricht endlich von einem Affen Namens \u201eQuimpeze\" und bietet uns somit einigen Anhalt zur Ableitung seines jetzt allgemein \u00fcblichen Namens rc. Bufson giebt uns auch schon Beschreibungen seines Wesens in der Gefangenschaft, in welcher er das Thier um die Mitte des vorigen Jahrhunderts beobachten konnte.\nDer Schimpanse ist bedeutend kleiner, als der Gorilla, immerhin aber noch ein gro\u00dfer Affe von 3 bis 47a Fu\u00df H\u00f6he. Sein Leib ist kurz und dick, denn der Bauch h\u00e4ngt etwas vor; an dem gestreckten, gro\u00dfen Kopfe trittibie Stirn zur\u00fcck, w\u00e4hrend die Ohren, welche denen des Menschen \u00e4hneln, abstehen; die Nase ist kleiner und platter, als die des Gorilla, die Lippen sind d\u00fcnn und \u00e4u\u00dferst beweglich, die Augen haben Wimpern und Brauen: die d\u00fcnnen, aber kr\u00e4ftigen Arme reichen bis unter die Knie herab; die H\u00e4nde sind mittelgro\u00df, und alle ihre Finger haben platte N\u00e4gel. Das lange, grobe und straffe, schwarze, im hohen Alter graue Haar l\u00e4\u00dft nur das Gesicht und die innern Handfl\u00e4chen, gew\u00f6hnlich auch die Handr\u00fccken, frei, bedeckt den Oberk\u00f6rper dichter als den Unterk\u00f6rper, bildet im Gesichte einen Bart, welcher unter dem Kinn wegzieht, aber an den Wangen die gr\u00f6\u00dfte L\u00e4nge erreicht, und ist auf dem Oberarm nach unten, auf dem Unterarm aber nach oben gerichtet. \u2014 Der Gesichtsausdruck des Schimpanse zeigt niemals jene unbegrenzte Wildheit, welche sich im Gesicht des Gorilla ausspricht, sondern ist sanft und gem\u00fcthlich. Alle diese Merkmale unterscheiden unser Thier hinl\u00e4nglich von dem Gorilla.\nDie Eingeborenen behaupten, da\u00df der Schimpanse im vollkommen erwachsenen Zustande f\u00fcnf Fn\u00df hoch und da\u00df sein Wachsthum im neunten oder zehnten Jahre beendet werde. Ein solches erwachsenes Thier soll so schwer sein, da\u00df es eine hinreichende Last f\u00fcr zwei starke M\u00e4nner bildet.\nDie Verbreitung des Schimpanse ist beschr\u00e4nkt; wie es scheint, beherbergen ihn blos Oberund Niederguinea. Hier bewohnt er die gro\u00dfen W\u00e4lder in den Flu\u00dfth\u00e4lern und an der K\u00fcste","page":23},{"file":"p0024.txt","language":"de","ocr_de":"24\nDie Affen. Waldmenschen. \u2014 Schimpanse.\nEr lebt in gr\u00f6\u00dferen Gesellschaften, und man h\u00f6rt Nachts oft das grelle Geschrei der vereinigten Herden. Unser Affe scheint ein ziemlich t\u00f6lpelhafter Bursche zu sein. Die einseitige Verwendung der H\u00e4nde zum Umfassen der Aeste oder zum Greifen \u00fcberhaupt kr\u00fcmmt und zieht sie schlie\u00dflich so zusammen, da\u00df er, wenn er sie dann zum Gehen benutzen will, auf die Kn\u00f6chel, anstatt auf die\nDer Schimpanse (Troglodytes niger).\nSohlen treten mu\u00df. Hierdurch erh\u00e4lt sein Gang' nat\u00fcrlich etwas sehr Unsichres und Ungeschicktes; gleichwohl aber soll er sich viel auf dem Boden aufhalten und die B\u00e4ume blos dann besteigen, wenn er nach Nahrung sp\u00e4ht oder sich sichern will. Zuweilen geht er auf den Hinterf\u00fc\u00dfen allein und legt dann die Vorderh\u00e4nde im Nacken zusammen, um sich im Gleichgewicht zu halten; sowie er aber gest\u00f6rt","page":24},{"file":"p0025.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise; Nahrung.\n25\nwird, wirft er sich augenblicklich auf alle Viere und humpelt nun mit seltsamen Spr\u00fcngen, jedoch ziemlich rasch, davon. Beim aufrechten Gange ist er nicht im'Stande, wie der Mensch die Ferse vom Boden zu erheben, sondern tritt gleichsam stampfend mit der ganzen Sohlenfl\u00e4che oder vielmehr mit den Kn\u00f6chelseiten der H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe auf, wodurch diese Au\u00dfenseiten der H\u00e4nde schwielig werden. Wenn er ruht, nimmt er eine sitzende Stellung an, die Nacht aber verbringt er, wie der Gorilla und asiatische Waldmensch, in Nestern, welche er sich aus den zusammengebogenen Zweigen der B\u00e4ume bereitet und mit abgebrochenen Aesten und bl\u00e4tterreichen Zweigen auspolstert. Diese Nester sah Savage gew\u00f6hnlich in einer H\u00f6he von 20 bis 30 Fu\u00df \u00fcber dem Grunde. Er bemerkte selten zwei auf einem Baume, nur ein einziges Mal f\u00fcnf, niemals aber eine solche Menge zusammen, welche berechtigen k\u00f6nnte, von einem Affendorfe zu sprechen, wie fr\u00fcher so oft geschehen ist.\nDer Schimpanse n\u00e4hrt sich fast von denselben Pflanzen, wie der Gorilla. Fr\u00fcchte, N\u00fcsse und Wurzeln sind wohl die Hauptnahrung. Zuweilen besucht er die Bananen und andere Fruchtb\u00e4ume, welche die Neger zwischen ihren Maisfeldern anpflanzen. Das Aufsuchen der Nahrung bestimmt die Thiere zu h\u00e4ufigem Wechsel ihres Aufenthalts. Verlassene Negerd\u00f6rfer, in denen die Papaya in gro\u00dfer Menge w\u00e4chst, sind Lieblingsorte f\u00fcr sie, so lange es dort Nahrung giebt; wenn diese aber aufgezehrt ist, unternehmen sie Wanderungen von gr\u00f6\u00dferer oder geringerer Ausdehnung. Auch ihre Gesellschaften werden immer von dem st\u00e4rksten M\u00e4nnchen gef\u00fchrt und geleitet; die Wachsamkeit desselben ist eben so gro\u00df, als seine St\u00e4rke. Man versichert, da\u00df ein erwachsenes M\u00e4nnchen des Schimpanse im Stande sei, Aeste abzubrechen, welche zwei M\u00e4nner kaum beugen k\u00f6nnen. Ja, die Neger behaupten, da\u00df ein Schimpanse kr\u00e4ftig genug sei, zehn M\u00e4nnern Widerstand zu leisten. Doch sagen sie auch, da\u00df der Schimpanse niemals ungereizt angreife, sondern sich stets auf seine Vertheidigung beschr\u00e4nke. Bei Gefahr st\u00f6\u00dft der Leitaffe einen Schrei aus, welcher dem Angstruf eines in Todesgefahr schwebenden Menschen \u00e4hnelt, die \u00fcbrigen erklettern schnell die Gipfel der B\u00e4ume und lassen ihre Laute h\u00f6ren, welche an das Hundegebell erinnern. Erst dann, wenn der J\u00e4ger einen Affen der Herde get\u00f6dtet hat, gehen die M\u00e4nnchen'auf den J\u00e4ger los, welcher unterliegt, falls die Zahl seiner Angreifer gro\u00df ist. Man sagt, da\u00df derselbe sich retten k\u00f6nne, wenn er den Angreifern St\u00fccke seiner Kleidung oder auch seine Waffen \u00fcberlasse, die dann von den erbosten Thieren mit Wuth in St\u00fccke zerrissen und zerbrochen w\u00fcrden. Bei jenen Angriffen oder der Vertheidigung bedienen sich die Affen haupts\u00e4chlich ihres Gebisses und ihrer H\u00e4nde, obwohl noch immer 'berichtet wird, da\u00df sie St\u00f6cke, N\u00fcsse, Steine u. dergl. zur Vertheidigung zu benutzen w\u00fc\u00dften. Uebri-gens ist schon um deshalb schwer zu glauben, da\u00df sie St\u00f6cke oder Keulen in unserer Weise zum Kampfe benutzen, weil ihr schwankender Gang auf zwei Hinterbeinen eine freie Benutzung nicht gestattet; aller Wahrscheinlichkeit nach w\u00fcrde jeder aufrechtstehende Affe durch die Kraft der zu einem ordentlichen Schlage erforderlichen Armbewegung aus dem Gleichgewichte gebracht und zu Boden gerissen werden.\nSehr gro\u00df ist die gegenseitige Anh\u00e4nglichkeit der Mitglieder einer Herde. Die M\u00e4nnchen lieben die Weibchen und diese ihre Kinder au\u00dferordentlich, und die St\u00e4rkeren vertheidigen stets die Schw\u00e4cheren. In der geschlechtlichen Liebe sollen sich die Schimpanses weit weniger abschreckend zeigen, als andere Affen, namentlich die Paviane. Man spricht sogar von gewisser Sittsamkeit, welche sie beweisen. Es ist wiederholt erz\u00e4hlt worden, da\u00df die m\u00e4nnlichen Schimpanses an weiblichen Menschen Gesellen finden; sie sollen zuweilen junge Negerinnen gewaltsam mit sich fortf\u00fchren, jahrelang in dem Walde bei sich behalten, sie sorgsam bewachen und ihnen durch ihre rohe Z\u00e4rtlichkeit sehr l\u00e4stig fallen; ich brauche wohl kaum zu sagen, da\u00df solche Erz\u00e4hlungen noch sehr der Best\u00e4tigung bed\u00fcrfen. Es w\u00e4re \u00fcbrigens sehr merkw\u00fcrdig, wenn die Affen ihre Verwandtschaft mit dem Menschen ebenso ahnten, als die Neger sich ihrerseits als Vettern des Orangs f\u00fchlen. Diese orblicken in dem Schimpanse die Mitglieder eines eigenen Menschenstammes, welcher aber wegen seiner schlechten Auff\u00fchrung von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen wurde und durch die Beharrlichkeit in seinen schlechten Sitten nach und nach zu dem Zustande herabsank, in welchem er jetzt","page":25},{"file":"p0026.txt","language":"de","ocr_de":"26\tDie Affen. Waldmenschen. \u2014 Schimpanse.\nlebt. Diese Anschauung hindert die guten Leute \u00fcbrigens nicht, die von ihnen erlegten Affen zu essen.\nDer Schimpanse ist namentlich in der Neuzeit \u00f6fters lebend nach Europa und selbst nach Deutschland gebracht worden, wenn auch gew\u00f6hnlich nur jung. Unser ihm fremdes Klima hat ihn aber immer bald umgebracht. Es ist bis jetzt kein Beispiel bekannt, da\u00df einer dieser Affen mehrere Jahre hier am Leben geblieben w\u00e4re; dagegen erz\u00e4hlt man, da\u00df Schimpanses in ihrer Heimat \u00fcber 20 Jahre in der Gefangenschaft ausgehalten haben und dabei sehr gro\u00df und stark geworden sind. Bis jetzt hat man stets beobachtet, da\u00df die Gefangenen sanft, klug und liebensw\u00fcrdig waren. Der Kapit\u00e4n Grandpret erz\u00e4hlt von einem Weibchen, welches bewunderungsw\u00fcrdige Beweise seiner Kl\u00fcgheit gab. Er sah es auf einem Schiffe, mit welchem es nach Amerika gebracht werden sollte. Man hatte es gelehrt, den Backofen zu Heizen, und es erf\u00fcllte sein Amt zur allgemeinen Zufriedenheit, gab sorf\u00e4ltig Acht, da\u00df keine Kohlen herausfielen, und wu\u00dfte auch, wenn der Ofen den n\u00f6thigen Grad von Hitze erlangt hatte. Dann ging es hin und berichtete den B\u00e4cker durch sehr ausdrucksvolle Geberden davon, und dieser konnte sich auf seinen Gehilfen so gut verlassen, da\u00df er niemals selbst nachzusehen brauchte. Derselbe Asse verrichtete die Arbeit eines Matrosen mit ebenso viel Geschick als Einsicht. Er wand das Ankertau auf, zog die Segel ein, band sie fest und arbeitete vollkommen zur Zufriedenheit der Matrosen, welche ihn zuletzt als chren Maat betrachteten. Leider verlor dieses herrliche Thier, ehe es Amerika erreichte, sein Leben in Folge viehischer Grausamkeit, welche es von dem Steuermann erleiden mu\u00dfte. Dieser hatte es ungerechter Weise mi\u00dfhandelt, ohne sich um die stehenden Bitten des armen Gesch\u00f6pfes zu k\u00fcmmern. Es hielt, wie ein Mensch, die zusammengefal-tenen H\u00e4nde vor, um das Herz seines Peinigers zu erweichen; allein der Unmensch achtete nicht auf die beredte Sprache des so hoch begabten Wesens. Er fuhr fort in seiner gemeinen Grausamkeit. Der Affe erlitt sie geduldig, weigerte sich aber von diesem Augenblicke standhaft, irgend welche Nahrung zu sich zu nehmen, und starb am f\u00fcnften Tage darauf aus Hunger und Gem\u00fcthserregung. Die ganze Mannschaft betrauerte ihn, als ob einer ihrer Kameraden gestorben w\u00e4re.\nBrosse brachte zwei Schimpanses mit sich nach Europa, ein junges M\u00e4nnchen und ein Weibchen. *Sie setzten sich an den Tisch, wie ein Mensch, a\u00dfen von Allem und bedienten sich dabei des Messers, der Gabel und der L\u00f6ffel. Auch die Getr\u00e4nke theilten sie redlich mit den Menschen, und namentlich Wein und Branntwein mundeten ihnen vortrefflich. Sie riefen die Schiffsjungen, wenn sie Etwas brauchten, und wurden b\u00f6se, wenn diese es ihnen verweigerten, fa\u00dften dann die Knaben an dem Arme, bissen sie und warfen sie unter sich. Das M\u00e4nnchen wurde krank und der Schiffsarzt lie\u00df ihm deshalb zur Ader; so oft es sich sp\u00e4ter unwohl f\u00fchlte, hielt es ihm stets den Arm hin.\u2014 Buffon's Schimpanse ging fast immer aufrecht, selbst wenn er schwere Sachen trug; er sah traurig und ernsthaft aus und bewegte sich abgemessen und verst\u00e4ndig. Von den h\u00e4\u00dflichen Eigenschaften der Paviane zeigte er keine einzige; er war aber auch nicht muthwillig, wie die Meerkatzen. Seinem Herrn gehorchte er aufs Wort oder auf ein Zeichen. Er bot den Leuten den Arm-an und ging ordentlich mit ihnen herum, setzte sich zu Tisch, benutzte ein Vorstecktuch und wischte sich damit die Lippen, wenn er getrunken hatte; er schenkte sich selbst Wein ein und stie\u00df mit den Andern an. Er holte sich eine Tasse und Schale herbei, that Zucker hinein, go\u00df Thee darauf und lie\u00df ihn kalt werden, bevor er ihn trank, Niemandem f\u00fcgte er ein Leid zu, sondern n\u00e4herte sich Jedem bescheiden und freute sich ungemein, wenn ihm geschmeichelt wurde. Alle Leute, welche Buffon besuchten, gewannen seinen Hausgenossen au\u00dferordentlich lieb und brachten ihm Zuckerbrod oder Obst mit. Leider t\u00f6dtete ihn die Lungenschwindsucht innerhalb eines Jahres. \u2014 Dr. Traill brachte einen Schimpanse mit nach England, welcher nicht gern aufrecht ging, sich vielmehr beim Gehen auf die Finger st\u00fctzte. Er war furchtsam, aber mit Bekannten vertraulich. Wenn es kalt wurde, wickelte er sich in eine Decke. Eines Tages hielt man ihm einen Spiegel vor, sogleich war seine Aufmerksamkeit gefesselt; auf die gr\u00f6\u00dfte Beweglichkeit folgte sofort die tiefste Ruhe. Er untersuchte neugierig das merkw\u00fcrdige Werkzeug und schien stumm vor Erstaunen. Dann blickte er fragend seinen Freund an,","page":26},{"file":"p0027.txt","language":"de","ocr_de":"Gefangenleben.\n27\nhierauf wieder den Spiegel, ging hinter diesen, kam zur\u00fcck, betrachtete nochmals sein Bild und suchte sich durch Betasten desselben zu \u00fcberzeugen, ob er die wirkliche K\u00f6rperlichkeit oder blosen Schein vor sich habe: \u2014 ganz so, wie es wilde V\u00f6lker thun, wenn ihnen zum ersten Male ein Spiegel gereicht wird.\nDer Lieutenant Henry K. Sayers erz\u00e4hlt von einem jungen M\u00e4nnchen, welches er wenige Tage nach der Gefangennahme an der Westk\u00fcste Afrikas, erhielt, da\u00df es sehr bald und im hohen Grade vertraut mit ihm wurde, noch innigere Freundschaft aber mit einem Negerknaben schlo\u00df und im h\u00f6chsten Zorne zu kreischen anfing, wenn jener ihn nur f\u00fcr einen Augenblick verlassen wollte. Sehr eingenommen war er f\u00fcr Kleidungsst\u00fccke, und das erste Beste, das ihm in den Weg kam, eignete er sich an, trug es sogleich auf den Platz und setzte sich unab\u00e4nderlich,'mit selbstzufriedenem Gurgeln darauf, gab es auch gewi\u00df nicht ohne harten Kampf und ohne die Zeichen der gr\u00f6\u00dften Unzufriedenheit wieder her. \u201eAls ich diese Vorliebe bemerkte,\" f\u00e4hrt der Erz\u00e4hler fort, \u201eversah ich ihn mit einem St\u00fcck Baumwollenzeug, von dem er sich dann, zur allgemeinen Belustigung, nicht wieder trennen mochte, und welches er \u00fcberallhin mitschleppte, so da\u00df keine Verlockung stark genug war, ihn zum Aufgeben desselben auch nur f\u00fcr einen Augenblick zu bewegen.\"\n\u201eDie Lebensweise der Thiere in der Wildni\u00df war mir v\u00f6llig unbekannt; ich versuchte deshalb, ihn nach meiner Art zu ern\u00e4hren und hatte den besten Erfolg. Morgens um acht Uhr bekam mein Gefangener ein St\u00fcck Brod in Wasser oder in verd\u00fcnnter Milch geweicht, gegen zwei Uhr ein paar Bananen oder Pisang, und ehe er sich Niederlegte, wieder eine Banane, eine Apfelsine oder ein St\u00fcck Ananas. Die Banane schien seine Lieblingsfrucht zu sein, f\u00fcr sie lie\u00df er jedes andere Gericht im Stiche, und wenn er sie nicht bekam, war er h\u00f6chst m\u00fcrrisch. Als ich ihm einmal eine verweigerte, verfiel er in die heftigste Wuth, stie\u00df einen schrillen Schrei aus und rannte mit dem Kopfe so heftig gegen die Wand, da\u00df er auf den R\u00fccken fiel; stieg dann aus eine Kiste, streckte die Arme verzweiflungs-voll aus und st\u00fcrzte sich herunter. Alles Dies lie\u00df mich so sehr f\u00fcr sein Leben f\u00fcrchten, da\u00df ich den Streit aufgab. Nun erfreute er sich seines Sieges auf das lebhafteste, indem er minutenlang ein h\u00f6chst bedeutungsvolles Gurgeln und Murren h\u00f6ren lie\u00df: kurz, jedesmal, wenn man ihm seinen Willen nicht thun wollte, zeigte er sich wie ein verzogenes Kind. Aber so b\u00f6s er auch werden mochte, nie bemerkte ich, da\u00df er geneigt gewesen w\u00e4re, seinen W\u00e4rter oder mich zu bei\u00dfen, oder sich sonst wie an uns zu vergreifen.\" \u2014\nDas sind einige von den unz\u00e4hligen Geschichten, welche man von diesen Affen berichtet; schade, da\u00df die fast unausbleibliche Lungenschwindsucht die armen Thiere gew\u00f6hnlich so rasch tobtet. Schon kurze Zeit nach ihrer Ankunft in-Europa beginnen sie zu husten und damit stiller und trauriger zu werden. Je weiter die Krankheit fortschreitet, um so ruhiger und milder werden sie; sie sehen zuletzt wahrhaft erbarmungsw\u00fcrdig aus. Wie lungenkranke Menschen beugen sie den Kopf nach vorn, husten von Zeit zu Zeit und legen ihre H\u00e4nde dann auf die wunde Brust, dabei sehen si5'so kl\u00e4glich und bittend mit ihren dunkelbraunen Augen auf den Menschen, da\u00df dieser sich der R\u00fchrung unm\u00f6glich erwehren kann. Gew\u00f6hnlich unterliegen sie der f\u00fcrchterlichen Seuche schon im ersten, sicher aber im zweiten Jahre; unser kaltes Klima kann den gl\u00fccklichen Kindern des S\u00fcdens niemals ihre sch\u00f6ne Heimat ersetzen.\nVon dem afrikanischen Waldmenschen unterscheidet sich der asiatische, welcher gew\u00f6hnlich Orang-Utang oder Pongo genannt wird (Pithecus Satyrus), durch die bedeutend l\u00e4ngeren Arme, die bis zu den Kn\u00f6cheln der F\u00fc\u00dfe herabreichen und durch den kegel- oder pyramidenf\u00f6rmig zugespitzten Kopf mit seiner weit vorstehenden Schnauze, welche alten Thieren jede Menschen\u00e4hnlichkeit benimmt. So lange der Pongo jung ist, gleicht sein Sch\u00e4del dem eines Menschenkindes in hohem Grade; mit dem zunehmenden Alter aber tritt das Thierische auch bei ihm derartig hervor, da\u00df der Sch\u00e4del dann nur noch entfernt an den des jungen Affen erinnert.","page":27},{"file":"p0028.txt","language":"de","ocr_de":"28\nDie Assen. Waldmenschen. \u2014 Orang-Utang.\nDas alte M\u00e4nnchen des Orang-Utang wird 4 Fu\u00df hoch, das alte Weibchen etwa einen halben Fu\u00df weniger. Der Leib ist an den H\u00fcsten breit und durch den stark hervortretenden Bauch ausgezeichnet; der Hals ist kurz und vorn faltig, weil das Thier einen gro\u00dfen Kehlsack besitzt, welcher aufgeblasen werden kann; die langen Gliedma\u00dfen haben auch lange H\u00e4nde und Finger. Die N\u00e4gel der letzteren sind immer platt, fehlen aber sehr h\u00e4ufig den Daumen der Hinterh\u00e4nde. Das Gesicht ist bezeichnend. In dem furchtbaren Gebist treten die Eckz\u00e4hne stark hervor; der Unterkiefer ist l\u00e4nger als der Oberkiefer; die Lippen sind gerunzelt, stark aufgeschwollen und aufgetrieben; die Nase ist ganz stach gedr\u00fcckt, und die Nasenscheidewand verl\u00e4ngert sich \u00fcber die Nasenfl\u00fcgel hinaus; Augen und\nDer Orang-Utang (Pithecus Satyrus).\nOhren sind klein, aber denen des Menschen \u00e4hnlich gebildet. Die Behaarung ist sp\u00e4rlich auf dem R\u00fccken, sehr d\u00fcnn an der Brust, um so l\u00e4nger und reichlicher aber an den Seiten des Leibes, wo sie lang herabf\u00e4llt. Im Gesichte entwickelt sie sich bart\u00e4hnlich; auf den Oberlippen und am Kinn, am Sch\u00e4del und auf den Unterarmen ist sie aufw\u00e4rts, sonst aber abw\u00e4rts gerichtet. Das Gesicht und die Handfl\u00e4chen sind ganz nackt/die Brust und die Oberseiten der Finger fast ganz nackt. Gew\u00f6hnlich ist die F\u00e4rbung der Haare ein dunkles Rostroth, seltener ein Braunroth, welches auf dem R\u00fccken und auf der Brust dunkler, am Bart aber Heller ist. Die nackten Theile sehen bl\u00e4ulich- oder schiefergrau","page":28},{"file":"p0029.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Heimat. Fabeln.\n29\naus. Alte M\u00e4nnchen unterscheiden sich von den Weibchen durch ihre Gr\u00f6\u00dfe, dichteres und l\u00e4ngeres Haar, reichlichern Bart und eigenth\u00fcmliche Schwielen oder Hautlappen an den-Wangen, welche sich halbmondf\u00f6rmig von den Augen an nach den Ohren hin und zum Oberkiefer herabziehen und das Gesicht auffallend verh\u00e4\u00dflichen. Die j\u00fcngeren Thiere sind bartlos, sonst aber reicher'behaart und dunkler gef\u00e4rbt.\nGegenw\u00e4rtig scheint es so ziemlich festzustehen, da\u00df der Orang-Utang ausschlie\u00dflich auf Borneo gefunden wird. Fr\u00fcher nannte man oft auch Sumatra und die anderen Sunda-Inseln als seine Heimat; doch scheint es, da\u00df solche Angaben auf falschen Aussagen der Eingebornen beruht haben. Lange Zeit war man nicht abgeneigt, zwei, drei, ja vier Arten des Thieres anzunehmen, von denen jede eine besondere Insel bewohnen sollte; in der Neuzeit aber scheint man ziemlich einig geworden zu sein, da\u00df alle die. verschiedenen Orangaffen Asiens, welche man als eigene Arten ansah, blose Altersverschiedenheiten einer einzigen Art darstellen, deren Heimat Borneo ist. Hier lebt unser Thier auf der S\u00fcd- und Westseite der Insel in den gro\u00dfen, sumpfigen Waldniederungen, am liebsten an den Ufern der Fl\u00fcsse. Im Gebirge soll er niemals vorkommen. Ausgedehnte W\u00e4lder, in denen er unbehelligt von seinem Hauptfeinde, dem Menschen, hausen kann, d\u00fcrften f\u00fcr sein Vorkommen unerl\u00e4\u00dfliche Bedingung sein. Aus allen bev\u00f6lkerten Gegenden, in deren Gebiet er sonst gefunden wurde, ist er jetzt verschwunden. In der eigentlichen Wildni\u00df dagegen scheint er keineswegs selten zu seht, aber so selten besucht und belauscht zu werden, da\u00df wir noch heute nur \u00e4u\u00dferst wenig von seinem Leben in der Freiheit wissen.\nEr selbst ist schon seit alter Zeit bekannt. Bereits Plinius giebt an, da\u00df es auf den indischen Bergen Satirn g\u00e4be, \u201esehr b\u00f6sartige Thiere mit einem Menschengesicht, welche bald aufrecht, bald auf allen Vieren gingen und wegen ihrer Schnelligkeit nur gefangen werden k\u00f6nnten, wenn sie alt oder krank seien.\" Seine Erz\u00e4hlung erbt sich fort von Jahrhundert zu Jahrhundert und empf\u00e4ngt von jedem neuen Bearbeiter Zus\u00e4tze. Man vergi\u00dft fast, da\u00df man noch von Thieren redet; aus den Affen werden beinahe wilde Menschen. Uebertreibungen jeder Art verwirren die ersten Angaben und entstellen die Wahrheit. Bontius, ein Arzt, welcher um die Mitte des 17. Jahrhunderts auf Java lebte, spricht wieder einmal aus eigener Anschauung. Er sagt, da\u00df er den Waldmenschen einige Male gesehen habe, und zwar ebenso wohl M\u00e4nner als Weiber. Sie gingen \u00f6fters aufrecht und geberdeten sich ganz wie andere Menschen. Bewunderungsw\u00fcrdig w\u00e4re ein Weibchen gewesen. Es habe sich gesch\u00e4mt, wenn es unbekannte Menschen betrachtet h\u00e4tten, und nicht nur das Gesicht, sondern auch seine Bl\u00f6\u00dfe mit den H\u00e4nden bedeckt; es habe geseufzt, Thr\u00e4nen vergossen und alle menschlichen Handlungen so ausge\u00fcbt, da\u00df ihm nur die Sprache gefehlt habe, um wie ein Mensch zu sein. Die Javaner sagten, da\u00df die Affen wohl reden k\u00f6nnten, wenn sie nur wollten; allein sie th\u00e4ten es nicht, weil sie f\u00fcrchteten, arbeiten zu m\u00fcssen. Da\u00df die Waldmenschen aus der Vermischung von Affen und indianischen Weibern entst\u00e4nden, sei ganz sicher. Schonten bereichert diese Erz\u00e4hlung durch einige Entf\u00fchrungsgeschichten, in denen die Waldmenschen der angreifende, indische M\u00e4dchen aber der leidende Theil sind. Brosse versichert sogar, da\u00df eine von den Affen entf\u00fchrte Negerin drei Jahre im Walde festgehalten worden w\u00e4re: \u2014 ob die wilde Ehe in des Worts verwegenster Bedeutung, welche die Braut allem Anscheine nach mit ihrem Entf\u00fchrer einging, auch mit Kindern gesegnet wurde, steht nicht dabei. Es versteht sich fast von selbst, da\u00df die Orang-Utangs nach allen diesen Erz\u00e4hlungen aufrecht aus den Hinterf\u00fc\u00dfen gehen, obwohl hinzugef\u00fcgt wird, \u201eda\u00df sie auch auf allen vier Beinen laufen k\u00f6nnten.\" Eigentlich sind aber die Reisebeschreiber an den Uebertreibungen, welche sie auftischen, unschuldig; denn sie geben blos die Erz\u00e4hlungen der Eingebornen wieder. Diese wu\u00dften sich nat\u00fcrlich die Theilnahme der Europ\u00e4er f\u00fcr unsere Affen zu Nutze zu machen, weil sie ihnen junge Pongos verkaufen wollten und deshalb ihre Waare nach Kr\u00e4ften priesen, \u2014 nicht mehr und nicht minder, als es Thierschausteller bei uns zu Lande heutigen Tages auch noch thun.\nVersucht man nun, die Naturgeschichte des Orang-Utang von allen Ausschm\u00fcckungen, Zuthaten, L\u00fcgen und Fabeln zu entkleiden, so ergiebt sich etwa Folgendes:","page":29},{"file":"p0030.txt","language":"de","ocr_de":"30\nDie Affen. Waldmenschen. \u2014 Orang-Utang.\nDer asiatische Waldmensch bewohnt die einsamen, gro\u00dfen W\u00e4lder Borneos und zumal die in den Niederungen der Fl\u00fcsse Kahayan, Sampit, Mandawej, Kotaringin und andere. Nur die Weibchen und j\u00fcngeren Thiere leben gesellig, aber immer noch nicht in zahlreichen Banden; die alten M\u00e4nnchen dagegen sind Einsiedler und n\u00e4hern sich den Weibchen blos zur Brunstzeit. Beide rufen sich dann laute Schreie zu, welche an das Br\u00fcllen des Rindes erinnern. Im hohen Greisenalter stehende, abgestumpfte und schwache Thiere hallen sich auf dem Boden auf und schleppen sich auf ihm die letzten Jahre ihres Lebens m\u00fchselig dahin. Die j\u00fcngeren und kr\u00e4ftigeren leben auf den B\u00e4umen. Dazu bestimmt sie auch ihre Ausr\u00fcstung. Ihre langen Vorderglieder gestatten ihnen nur einen h\u00f6chst unbeh\u00fclflichen, schwerf\u00e4lligen Gang, w\u00e4hrend sie beim Klettern ihnen gerade vortreffliche Dienste leisten. Im Gehen st\u00fctzen sie sich auf die Oberseite der eingeschlagenen F\u00fc\u00dfe und auf den Au\u00dfenrand der Hinterh\u00e4nde. Zum aufrechten Gange f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit sind sie au\u00dfer Stande, und deshalb m\u00f6gen sie wohl auch nicht \u00f6fter, als die \u00fcbrigen Affen, blos auf beiden Hinterf\u00fc\u00dfen gehen. Schon in'der Jugend sind sie still oder wenigstens nicht eben lebhaft, und mit zunehmendem Alter zeigen sie sich immer tr\u00e4ger und schwerf\u00e4lliger. Auch ihr Klettern ist langsam und bed\u00e4chtig, b\u00e4renartig. Sie erfassen mit den Vorderh\u00e4nden einen Zweig und ziehen gem\u00e4chlich ihren K\u00f6rper nach. Auf weite und k\u00fchne Spr\u00fcnge lassen sie sich nicht ein. In den Baumkronen finden sie, was sie bed\u00fcrfen: Fr\u00fcchte, Fruchtknospen, Bl\u00fcthen, Bl\u00e4tter, S\u00e4mereien, Rinden, Kerbthiere und Eier. Hieraus besteht ihre Nahrung in der Freiheit. Die Nacht bringen sie am liebsten in den Niederungen des Urwaldes zu und w\u00e4hlen sich dann gern die dichtesten Baumwipfel, um gegen Wind und Regen gesch\u00fctzt zu sein. Schmarotzerpflanzen, welche auf dicken Aesten wuchern, gro\u00dfe Farren und niedere, dichtbl\u00e4tterige B\u00e4ume sind f\u00fcr diesen Zweck ihre Lieblingsorte. Eine Art von Nest bauen sie sich ebenfalls, gew\u00f6hnlich in einer H\u00f6he von 12 bis 20 Fu\u00df \u00fcber dem Boden. Es \u00e4hnelt dem Horste eines gro\u00dfen Vogels und tr\u00e4gt niemals ein Dach. Dicke Aeste, welche entweder abgebrochen oder blos zusammengebogen sind, werden mit losen, bl\u00e4tterreichen Zweigen, auch mit Laub und Gr\u00e4sern bedeckt, um die Lagerst\u00e4tte weich und warm zu machen. Man behauptet, da\u00df der Pongo niemals in sitzender Stellung schlafe, sondern sich immer dazu niederlege, wie ein Mensch; ja, bei k\u00fchler Witterung soll er sich auch eine Zudecke aus Bl\u00e4ttern bereiten. Da man Aehnliches an gefangenen Orang-Utangs beobachtet hat, darf diese Angabe glaubw\u00fcrdig erscheinen.\nDer Orang-Utang ist ein friedliches und ruhiges Thier. Er ist nicht furchtsam und flieht auch vor dem Menschen nicht, sondern betrachtet diesen mit aller Ruhe. Falls er Gefahr vermuthet oder wirklich verfolgt wird, sucht er in den h\u00f6chsten Baumwipfeln Schutz und versteckt sich hier entweder hinter einem dicken Aste oder zwischen dem Dickicht des Laubes; f\u00fchlt er sich auch,ba nicht sicher, so fl\u00fcchtet er von Wipfel zu Wipfel, aber keineswegs ungest\u00fcm und eilig, wie die \u00fcbrigen Affen, sondern z\u00f6gernd., \u00fcberlegend und umsichtig. Wird er durch einen Kugelschu\u00df oder einen Pfeil verwundet, so schreit er laut auf, bricht alle Aeste und Zweige, welche sich' in seiner N\u00e4he befinden, ab und schleudert diese von der H\u00f6he herab auf seinen Gegner, wahrscheinlich um ihn einzusch\u00fcchtern und von seiner Verfolgung abzuhalten. Selbst wenn er in gr\u00f6\u00dften Zorn und in Wuth ger\u00e4th, ist er noch immer so langsam, da\u00df man ihn bequem verfolgen kann. Da\u00df er sich mit abgebrochenen Aesten wie mit Keulen vertheidige, ist von glaubw\u00fcrdigen Berichterstattern niemals erz\u00e4hlt worden und jedenfalls auch nur eine m\u00fc\u00dfige Erfindung der Eingebornen. So viel steht wohl fest, da\u00df er, wenn er verwundet w\u00fcrde und sein Verfolger ihm auf den Leib r\u00fcckt, sich seiner Haut gut zu wehren wei\u00df und kein zu verachtender Gegner des Menschen ist. Seine Arme sind sehr kr\u00e4ftig und sein Gebi\u00df wahrhaft furchtbar. Er zerbricht mit Leichtigkeit einen Spergriff oder den Arm eines Menschen und bei\u00dft gr\u00e4\u00dflich. Ein altes Thier lebend in seine Gewalt zu bekommen, soll ganz unm\u00f6glich sein, jung dagegen l\u00e4\u00dft er sich leicht fangen. Man erz\u00e4hlt, da\u00df die J\u00e4ger, um sich seiner zu bem\u00e4chtigen, rings um den Baum, auf welchem er sitzt, alle \u00fcbrigen B\u00e4ume niederschlagen und ihm so den Weiterweg verwehren; ich brauche wohl kaum zu sagen, da\u00df Dies nur eine Fabel mehr ist. H\u00f6chst wahrscheinlich werden die Jungen, wie auch schon Schonten sagt, in Schlingen gefangen.","page":30},{"file":"p0030s0001table1.txt","language":"de","ocr_de":"Orang lltang.","page":0},{"file":"p0030s0002.txt","language":"de","ocr_de":",\n0 ' -\nG.\n\u2019.f V.\u2019.'\tf*'\t\u2022\u2022\n\u25a0 - \u2022>-\u2022 \u25a0 *\nM-\n; ^ r f \u2022\n\u25a0\u25a0'\u2022X-Ji'\u25a0\\*''\n,r-%:\n\u25a0\n?*\u2022 -i V\u2019J\n'\n<r' - 3\n*\n\n!<\u25a0?\nM\n\u25a0\nsf\nW;\n\u25a0\nDMA\n\nMM\n:>\ns\n'\nX E\n\u00bb\n\nf W|^ir'\u25a0 % i * -\t\u25a0.-; i\n,;\u25a0\u25a0\u25a0'\u25a0\nn ,\n\nM\nM\n\n'\nI\t-\n\u25a0\nW JS;\n\nHUR..\n, \u25a0\n,S:,r\n\n. \u2022 \u2019hi-\nr\n#'\tX ' chE\n\n-M\n'.\u2022L\u2019*. -J ', \u2022>'< '/ \u00bb .r\u201e:r\n\u2019 '^V:vfe- j fe%\nf-ISi:\ni'Y\n#\n\nMtz\n'\nM\n*\n\n\n-\nM\n\n","page":0},{"file":"p0031.txt","language":"de","ocr_de":"Frei- und Gefangen-Leben.\n31\nWir haben eine Menge Erz\u00e4hlungen, welche uns von gefangenen Thieren berichten, und alle stimmen darin \u00fcberein, da\u00df die jungen Pongos au\u00dferordentlich gutartige, etwas langsame und schwerf\u00e4llige Gesch\u00f6pfe sind. Die ersten genauen Beobachtungen verdanken wir dem Holl\u00e4nder Vos-maern, welcher ein Weibchen l\u00e4ngere Zeit zahm hielt. Dasselbe war sehr gutm\u00fcthig und bewies sich niemals boshaft oder falsch. Man konnte ihm ohne Bedenken die Hand in das Maul stecken. Sein \u00e4u\u00dferes Ansehen hatte etwas Trauriges, Schwerm\u00fcthiges. Es liebte die menschliche Gesellschaft ohne Unterschied des Geschlechts, zog aber diejenigen Leute vor, welche sich am meisten mit ihm besch\u00e4ftigten. Man hatte es an eine Kette gelegt, wor\u00fcber es zuweilen in Verzweiflung gerieth; es warf sich dann aus den Boden, schrie erb\u00e4rmlich und zerri\u00df alle Decken, welche man ihm gegeben hatte. Sein gew\u00f6hnlicher Gang war auf allen Vieren, wie bei anderen Assen, doch konnte es recht gut aufrecht gehen und sich an einem Stocke lange Zeit halten. Als es einmal frei gelassen wurde, kletterte es behend in dem Sparrwerke des Daches herum und zeigte sich hier so hurtig, da\u00df vier Personen eine Stunde lang zu thun hatten, um es wieder einzusangen. Bei diesem Ausfluge erwischte es eine Flasche mit Malagawein, entkorkte sie und brachte den Wein schleunigst in Sicherheit, stellte dann aber die Flasche wieder an ihren Ort. Es fra\u00df Alles, was man ihm gab, zog aber Obst und gew\u00fcrzhafte Pflanzen anderen Speisen vor. Gesottenes und gebratenes Fleisch oder Fische geno\u00df es ebenfalls sehr gern. Nach Kerbthieren jagte es nicht, und ein ihm dargebotener Sperling verursachte ihm viel Furcht, doch bi\u00df es ihn endlich todt, zog ihm einige Federn aus, kostete das Fleisch und warf den Vogel wieder weg. Rohe Eier soff es mit Wohlbehagen aus. Der gr\u00f6\u00dfte Leckerbissen schienen ihm Erdbeeren zu sein. Sein gew\u00f6hnliches Getr\u00e4nk bestand in Wasser; es trank aber auch sehr gern alle Arten von Wein und besonders Malaga. Nach dem Trinken wischte es, wie mancher Mensch, die Lippen mit der Hand ab, ja, es bediente sich sogar eines Zahnstochers in derselben Weise, wie ein Mensch. Den Taschendiebstahl verstand es meisterhaft; es zog den Leuten, ohne da\u00df sie es merkten, Leckereien aus den Taschen heraus. Vor dem Schlafengehen machte es stets gro\u00dfe Anstalten. Es legte sich das Heu zum Lager zurecht, sch\u00fcttelte es gut auf, legte sich noch ein besonderes B\u00fcndel unter den Kopf und deckte sich dann zu. Allein schlief es nicht gern, weil es die Einsamkeit \u00fcberhaupt nicht liebte. Bei Tage schlummerte es zuweilen, aber niemals lange. Man hatte ihm eine Kleidung gegeben, welche es sich bald um den Leib und bald um den Kopf legte, und zwar ebensowohl wenn es k\u00fchl war, als w\u00e4hrend der gr\u00f6\u00dften Hitze. Als man ihm einmal das Schlo\u00df seiner Kette mit dem Schl\u00fcssel \u00f6ffnete, sah es mit gro\u00dfer Aufmerksamkeit zu und nahm sodann ein St\u00fcckchen Holz, steckte es ins Schl\u00fcsselloch und drehto es nach allen Seiten um. Einst gab man ihm eine junge Katze. Es hielt dieselbe fest und Her\u00f6ch sie sorgf\u00e4ltig. Die Katze kratzte es in den Arm, da warf es dieselbe weg, besah sich die Wunde und wollte fortan Nichts wieder mit. Miez zu thun haben. Es konnte die verwickeltsten Knoten an einem Stricke sehr geschickt mit den Fingern oder, wenn sie zu fest waren, mit den Z\u00e4hnen aufl\u00f6sen und schien daran eine solche Freude zu haben,'da\u00df es auch den Leuten, welche nahe zu ihm hintraten, regelm\u00e4\u00dfig die Schuhe aufband. In seinen H\u00e4nden besa\u00df es eine au\u00dferordentliche St\u00e4rke und konnte damit die gr\u00f6\u00dften Lasten aufheben. Die Hinterh\u00e4nde benutzte es ebenso geschickt, wie die vorderen. So legte es sich z. B., wenn es Etwas mit den Vorderh\u00e4nden nicht erreichen konnte, aus den R\u00fccken und zog den Gegenstand mit den Hinterf\u00fc\u00dfen heran. Es schrie nie, au\u00dfer wenn es allein war. Anfangs glich dieses Geschrei dem Heulen eines Hundes, dann wurde es immer gr\u00f6ber und rauher und \u00e4hnelte zuletzt dem Ger\u00e4usch einer Holzs\u00e4ge. \u2014 Die Auszehrung machte seinem jungen Leben bald ein Ende.\nEin anderer zahmer Pongo, von dem uns Ieffries erz\u00e4hlt, hielt seinen Stall sehr reinlich, scheuerte den Boden desselben \u00f6fters mit einem Lappen und Wasser und entfernte alle Ueberreste von Speisen und dergleichen. Er wusch sich auch Gesicht und H\u00e4nde wie ein Mensch. Ein dritter Orang-Utang zeichnete sich durch gro\u00dfe Z\u00e4rtlichkeit gegen Alle aus, welche freundlich mit ihm sprachen, und k\u00fc\u00dfte seinen Herrn und seinen W\u00e4rter echt menschlich. Gegen Unbekannte war er sehr sch\u00fcchtern, gegen Bekannte ganz zutraulich.","page":31},{"file":"p0032.txt","language":"de","ocr_de":"32\nDie Affen. Waldmenschen. \u2014 Orang-Utang.\nVon den \u00fcbrigen Berichten, welche mir bekannt sind, enthalten noch zwei sehr anziehende und wichtige Thatsachen aus dem Leben unsers Thieres; derjenige n\u00e4mlich, welcher die Beobachtungen des gro\u00dfen Cuvier uns mittheilt, und ein zweiter, welchen Kapit\u00e4n Smitt in der \u201eGartenlaube\" ver\u00f6ffentlichte. Ich will auch von diesen das Wichtigste im Auszuge geben.\nDer Pongo, welchen Cuvier in Paris beobachtete, war etwa zehn bis elf Monate alt, als er nach Frankreich kam, und lebte dort noch fast ein halbes Jahr. Seine Bewegungen waren langsam und auf dem Boden ganz schwerf\u00e4llig. Er setzte beide H\u00e4nde geschlossen vor sich nieder, erhob sich auf seine langen Arme, schob den Leib vorw\u00e4rts, setzte die Hinterf\u00fc\u00dfe zwischen die Arme vor die H\u00e4nde und schob den Hinterleib nach, stemmte sich dann wieder auf die F\u00e4uste re. Wenn er sich auf eine Hand st\u00fctzen konnte, ging er auch auf den Hinterf\u00fc\u00dfen, trat aber immer mit dem \u00e4u\u00dfern Rande des Fu\u00dfes auf. Beim Sitzen ruhte er in der Stellung der Morgenl\u00e4nder mit eingeschlagenen Beinen. Das Klettern wurde ihm sehr leicht; er umfa\u00dfte dabei den Stamm mit den H\u00e4nden, nicht mit den Armen und Schenkeln. Wenn sich die Zweige zweier B\u00e4ume ber\u00fchrten, kam er leicht von einem Baume zum andern. In Paris lie\u00df man ihn an sch\u00f6nen Tagen oft in einem Garten frei, dann kletterte er rasch auf die B\u00e4ume und setzte sich auf die Aeste. Wenn ihm Jemand nachstieg, sch\u00fcttelte er die Aeste aus allen Kr\u00e4ften, als wenn er seinen Verfolger abschrecken wollte; zog man sich gur\u00fcck, so endeten diese Vorsichtsma\u00dfregeln; erneuerte man den Versuch, so begannen sie sogleich wieder. Auf dem Schiffe hatte er sich oft im Takelwerke lustig gemacht; das Schwanken des Fahrzeugs hatte ihm jedoch viel Angst bereitet, und er war nie gegangen, ohne sich an Seilen und bergt zu halten. Beim Schlafen bedeckte er sich gern mit jedem Zeug, welches er finden konnte, und die Matrosen durften sicher darauf z\u00e4hlen, da\u00df sie ein ihnen fehlendes Kleidungsst\u00fcck bei ihm finden w\u00fcrden. Mit seinem W\u00e4rter war er sehr vertraut; oft saugte er an seiner Hand, als ob er ihn k\u00fcssen wollte. Die Essenszeit kannte er genau; er kam regelm\u00e4\u00dfig zur rechten Zeit zu seinem W\u00e4rter hin und nahm, was dieser ihm gab. Fremdenbesuche wurden ihm oft l\u00e4stig, und nicht selten versteckte er sich so lange unter seinen Decken, bis die Leute wieder fort waren. Bei bekannten Personen that er Dies nie. Nur von seinem W\u00e4rter nahm er Futter an. Als sich einst ein Fremder an den gew\u00f6hnlichen Platz seines W\u00e4rters setzte, kam er zwar herbei, verweigerte aber, als er den Fremden bemerkte, alle Nahrung, sprang auf den Boden, schrie und schlug sich, wie in Verzweiflung, vor den Kopf. Seine Speise nahm er mit den Fingern und nur selten gleich mit den Lippen auf und beroch Alles, was er nicht kannte, vorher sorgf\u00e4ltig. Sein Hunger war unverw\u00fcstlich; er konnte, wie die Kinder, zu jeder Zeit essen.\nZuweilen bi\u00df und schlug er zu seiner Vertheidigung um ftch, aber nur gegen Kinder und mehr aus Ungeduld, als aus Zorn. Er war \u00fcberhaupt sanft und liebte die Gesellschaft, lie\u00df sich gern schmeicheln und gab K\u00fcsse im eigentlichen Sinne. Wenn er Etwas sehns\u00fcchtig verlangte, lie\u00df er einen scharfen Kehllaut h\u00f6ren. Denselben h\u00f6rte man gleichfalls, wenn er im Zorn war, doch w\u00e4lzte er sich dann oft am Boden und schmollte, wenn man ihm nicht willfahrte. Zwei junge Katzen hatte er besonders lieb gewonnen und hielt die eine oft unter dem Arme oder setzte sie sich auf den Kopf, obschon sie sich mit ihren Krallen an seiner Haut festhielt. Einigemal betrachtete er ihre Pfoten und suchte die Krallen mit seinen Fingern auszurei\u00dfen. Da ihm Dies nicht gelang, duldete er lieber die Schmerzen, als da\u00df er das Spiel mit seinen Lieblingen aufgegeben h\u00e4tte.\nDie erw\u00e4hnte Mittheilung in der Gartenlaube r\u00fchrt von einem guten Beobachter her, welcher den Orang-Utang drei Monate mit sich auf dem Schiffe hatte. Das Thier lebte, so lange sich das Schiff auf den asiatischen Gew\u00e4ssern befand, auf dem Verdeck, seinem best\u00e4ndigen Aufenthalt, und suchte sich nur des Nachts eine gesch\u00fctzte Stelle zum Schlafen aus. W\u00e4hrend des Tages war der Orang-Utang au\u00dferordentlich aufger\u00e4umt, spielte mit anderen kleinen Affen, die sich an Bord befanden und lustwandelte im Takelwerk umher. Das Turnen und Klettern schien ihm ein besonderes Vergn\u00fcgen zu machen, und er f\u00fchrte es mehrmals des Tages an verschiedenen Tauen aus. Seine Gewandtheit und die bei diesen Bewegungen sichtbar werdende Muskelkraft war erstaunenswerth. Der Erz\u00e4hler hatte einige hundert Kokusn\u00fcsse mitgenommen, von welchen der Affe t\u00e4glich zwei erhielt.","page":32},{"file":"p0033.txt","language":"de","ocr_de":"Eigenheiten.\n33\nDie \u00e4u\u00dferst z\u00e4he, zwei Zoll dicke H\u00fclle der Nu\u00df, welche selbst mit einem Beil nur schwer zu durch-hauen ist, wu\u00dfte er mit seinem gewaltigen Gebi\u00df sehr geschickt zu zertr\u00fcmmern. Er setzte an dem spitzen Ende der Nu\u00df, wo die Frucht kleine Erh\u00f6hungen oder Buckel hat, mit seinen furchtbaren Z\u00e4hnen ein, packte die Nu\u00df dann mit dem rechten Hinterfu\u00df und ri\u00df so regelm\u00e4\u00dfig die z\u00e4he Schale auseinander. Dann durchbohrte er mit den Fingern einige der nat\u00fcrlichen Oeffuungen der Nu\u00df, trank die Milch aus, zerschlug hierauf die Nu\u00df an einem harten Gegenstand und fra\u00df den Kern.\nNachdem das Schiff die Sundastra\u00dfe verlassen hatte, verlor das Thier mit der abnehmenden W\u00e4rme mehr und mehr seine Heiterkeit. Es h\u00f6rte auf zu turnen und zu spielen, kam nur noch selten auf das Verdeck, schleppte die wollene Decke seines Bettes hinter sich her und h\u00fcllte sich, sobald es stille sa\u00df, vollst\u00e4ndig in dieselbe ein. In der gem\u00e4\u00dfigten s\u00fcdlichen Zone hielt es.sich gr\u00f6\u00dftentheils in der Kaj\u00fcte auf und sa\u00df dort oft stundenlang mit der Decke \u00fcber dem Kopf regungslos auf einer Stelle. Sein Bett bereitete auch dieser Waldmensch mit der gr\u00f6\u00dften Umst\u00e4ndlichkeit. Er schlief nie, ohne vorher seine Matratze zwei- bis dreimal mit dem R\u00fccken der H\u00e4nde aufgeklopft und gegl\u00e4ttet zu haben. Dann streckte er sich auf den R\u00fccken, zog die Decke um sich, so da\u00df nur die Nase mit den dicken Lippen frei blieb, und lag in dieser Stellung die ganze Nacht oder zw\u00f6lf Stunden, ohne sich zu r\u00fchren. In seiner Heimat geschah sein Aufstehen und Niederlegen so regelm\u00e4\u00dfig, wie der Gang einer Uhr. Punkt sechs Uhr Morgens oder mit Sonnenaufgang erhob er sich, und sowie der letzte Strahl der Sonne hinter dem Gesichtskreis entschwunden, also Punkt sechs Uhr Abends, legte er sich wieder nieder. Je weiter das Schiff nach Westen segelte und demgem\u00e4\u00df in der Zeit abwich, um so fr\u00fcher ging der Orang-Utang zu Bette und um so fr\u00fcher stand er auf, weil er eben auch nur seine zw\u00f6lf Stunden schlief. Diese Ver\u00e4nderung des Schlafengehens stand \u00fcbrigens nicht genau mit der Zeitrechnung des Schiffes im Verh\u00e4ltni\u00df, allein eine gewisse Regelm\u00e4\u00dfigkeit war nicht zu verkennen. Am Vorgebirge der guten Hoffnung ging das Thier bereits um zwei Uhr des Mittags zu Bett und stand um halb drei Uhr des Morgens auf. Diese beiden Zeiten behielt es sp\u00e4ter bei, obwohl sich das Schiff im Verlauf seiner Reise noch um zwei Stunden Zeit ver\u00e4nderte.\nAu\u00dfer den Kokusn\u00fcssen liebte der Affe Salz, Fleisch, Mehl, Sago rc. und wandte alle m\u00f6gliche List an, um w\u00e4hrend der Mahlzeit sich eine gewisse Fleischmenge zu sichern. Was er einmal gefa\u00dft hatte, gab er nie wieder her, selbst wenn er geschlagen wurde. Drei bis vier Pfund Fleisch vertilgte er mit Leichtigkeit auf einmal. Das Mehl holte er sich t\u00e4glich aus der K\u00fcche und wu\u00dfte dabei immer eine augenblickliche Abwesenheit des Kochs zu benutzen, um die Mehltonne zu \u00f6ffnen, seine Hand t\u00fcchtig voll zu nehmen und sie nachher auf dem Kopfe abzuwischen, so da\u00df er stets gepudert zur\u00fcck kam. Dienstags und Freitags, sobald acht Glas geschlagen wurde, stattete er den Matrosen unwandelbar seinen Besuch ab, weil die Leute an diesen Tagen Sago mit Zucker und Zimml erhielten. Ebenso regelm\u00e4\u00dfig stellte er sich um zwei Uhr in der Kaj\u00fcte ein, am Tisch Theil zu nehmen. Beim Essen war er sehr ruhig und, gegen die Gewohnheit der Affen, reinlich, doch konnte er nie dazu gebracht werden, einen L\u00f6ffel richtig zu gebrauchen. Er setzte dem Teller einfach an den Mund und trank die Suppe aus, ohne einen Tropfen zu versch\u00fctten. Geistige Getr\u00e4nke liebte er sehr und erhielt deshalb auch jeden Mittag sein Glas Wein. Er leerte dieses in ganz eigenth\u00fcmlicher Weise. Aus seiner Unterlippe konnte er durch Vorstrecken einen drei Zoll langen und fast ebenso breiten L\u00f6ffel bilden, ger\u00e4umig genug, um ein ganzes Glas Wasser aufzunehmen. In diesen L\u00f6ffel sch\u00fcttete er das betreffende Getr\u00e4nk, und niemals trank er, ohne ihn zuvor herzustellen. Nachdem er das ihm gereichte Glas sorgf\u00e4ltig berochen hatte, bildete er seinen L\u00f6ffel, go\u00df das Getr\u00e4nk hinein und schl\u00fcrfte es sehr bed\u00e4chtig und langsam zwischen den Z\u00e4hnen hinunter, als ob er sich einen recht dauernden Genu\u00df davon verschaffen wollte. Nicht selten w\u00e4hrte dieses Schl\u00fcrfen mehrere Minuten lang, und erst dann hielt er sein Glas von neuem hin, um es sich wieder f\u00fcllen zu lassen. Er zerbrach niemals ein Gef\u00e4\u00df, sondern setzte es stets behutsam nieder und unterschied sich hierdurch sehr zu seinem Vortheil von den \u00fcbrigen Affen, welche, wie bekannt, Geschirre gew\u00f6hnlich zerschlagen.\nBrehm, Thierleben.\n3","page":33},{"file":"p0034.txt","language":"de","ocr_de":"34\nDie Affen. Gibbons. \u2014 Siamang, Ungko und Da.\nDieser Orang-Utang ging niemals aufrecht, sondern setzte immer die Leiden H\u00e4nde auf den Boden und schob dann seine Beine hindurch, gerade wie ein an den F\u00fc\u00dfen gel\u00e4hmter Mensch sich aus Kr\u00fccken fortbewegt. Nur ein einziges Mal sah sein Besitzer, da\u00df er sich an der Schiffwand aufrichtete und einige Schritte weit ging. Dabei hielt er sich jedoch wie ein Kind, welches gehen lernt, immer mit beiden H\u00e4nden fest. W\u00e4hrend der Reise kletterte er selten umher und dann immer langsam und bed\u00e4chtig; gew\u00f6hnlich that er es nur dann, wenn ein anderer, kleiner Affe, sein Liebling, wegen einer Unart bestraft werden sollte. Dieser fl\u00fcchtete sich regelm\u00e4\u00dfig an die Brust seines gro\u00dfen Freundes und klammerte sich dort fest, und Bobi, so hie\u00df der Orang-Utang, spazierte mit seinem kleinen Sch\u00fctzlinge in das Takelwerk hinauf, bis die Gefahr verschwunden schien.\nMan vernahm nur zwei Stimmlaute von ihm: einen schwachen, pfeifenden Kehllaut, welcher Gem\u00fcthsaufregung kennzeichnete, und ein schreckliches Gebr\u00fcll, welches dem einer ge\u00e4ngsteten Kuh etwa \u00e4hnelte und Furcht ausdr\u00fcckte. Diese wurde einmal durch eine Herde von Pottfischen hervorgerufen, welche nahe am Schiss vor\u00fcberschwamm, und ein zweites Mal durch den Anblick verschiedener Wasserschlangen, welche sein Gebieter mit aus Java gebracht hatte. Der Ausdruck seiner Gesichtsz\u00fcge blieb sich ewig gleich.\nLeider machte ein unangenehmer Zufall dem Leben des sch\u00f6nen Thieres ein Ende, noch ehe es Deutschland erreichte. Bobi hatte von seiner Lagerst\u00e4tte aus den Kellner des Schiffes beobachtet, w\u00e4hrend dieser Rumflaschen umpackte, und hatte dabei bemerkt, da\u00df der Mann einige Flaschen bis auf weiteres liegen lie\u00df. Es war zu der Zeit, als sich der Affe schon um zwei Uhr Nachmittags zu Bette legte. In der Nacht vernahm sein Herr ein Ger\u00e4usch in der Kaj\u00fcte, als wenn Jemand mit Flaschen klappere, und sah beim Schimmer der auf dem Tische brennenden Nachtlampe wirklich eine Gestalt an dem Weinlager besch\u00e4ftigt.' Zu seinem Erstaunen entdeckte er in dieser seinen Orang-Utang. Bobi hatte eine bereits fast ganz geleerte Rumflasche vor dem Munde. Vor ihm lagen s\u00e4mmtliche leere Flaschen behutsam in Stroh gewickelt, die endlich\"gefundene volle hatte er auf geschickte Weise entkorkt und seinem Verlangen nach geistigen Getr\u00e4nken v\u00f6llig Gen\u00fcge leisten k\u00f6nnen. Etwa zehn Minuten nach diesem Vorg\u00e4nge wurde Bobi pl\u00f6tzlich lebendig. Er sprang auf St\u00fchle und Tische, machte die l\u00e4cherlichsten Bewegungen und geberdete sich mit steigender Lebhaftigkeit, wie ein betrunkener und zuletzt wie ein wahnsinniger Mensch. Es war unm\u00f6glich, ihn zu b\u00e4ndigen. Sein Zustand hielt ungef\u00e4hr eine Viertelstunde an, dann fiel er zu Boden; es trat ihm Schaum vor den Mund, und er lag steif und regungslos. Nach einigen Stunden kam er wieder zu sich, fiel aber in ein heftiges Nervensieber, welches seinem jungen Leben ein Ziel setzen sollte. W\u00e4hrend seiner Krankheit nahm er nur Wein mit Wasser und die ihm gereichten Arzeneien zu sich, Nichts weiter. Nachdem ihm einmal an den Puls gef\u00fchlt worden war, streckte er seinem Herrn'jedesmal, wenn dieser an sein Lager trat, die Hand entgegen. Dabei hatte sein Blick etwas so R\u00fchrendes und Menschliches, da\u00df seinem Pfleger \u00f6fters die Thr\u00e4nen in die Augen traten. Mehr und mehr nahmen seine Kr\u00e4fte ab, und am vierzehnten Tage verschied er nach einem heftigen Fieberanfalle.\nBei keiner Sippe der Affen zeigt sich die Entwickelung der Vorderglieder in gleichem Grade, wie bei den Gibbons oder Langarmaffen (Hylobates). Sie tragen ihren Namen mit vollstem Rechte; denn die \u00fcber alles gewohnte Ma\u00df verl\u00e4ngerten Arme erreichen, wenn sich ihr Tr\u00e4ger aufrecht stellt, die Kn\u00f6chel seiner F\u00fc\u00dfe. Dieses eine Merkmal w\u00fcrde gen\u00fcgen, um die Langarme von allen \u00fcbrigen Mitgliedern ihrer Ordnung zu unterscheiden.\nDie Gibbons bilden eine kleine Gruppe der Affen; man kennt gegenw\u00e4rtig erst sieben Arten, welche ihr zugez\u00e4hlt werden m\u00fcssen. Sie sind s\u00e4mmtlich Asiaten und geh\u00f6ren ausschlie\u00dflich Ostindien und seinen Inseln an. Die Arten erreichen eine ziemlich bedeutende Gr\u00f6\u00dfe, wenn auch keine einzige \u00fcber drei Fu\u00df hoch wird. Ihr K\u00f6rper erscheint trotz der starken und gew\u00f6lbten Brust sehr schlank, weil die Weichengegend, wie bei dem Windhunde, verschm\u00e4chtigt ist; die Hinterglieder sind bedeutend","page":34},{"file":"p0035.txt","language":"de","ocr_de":"Aufenthalt.\n35\nk\u00fcrzer als die vorderen, und ihre langen H\u00e4nde bei einigen Arten noch dadurch ausgezeichnet, da\u00df Zeige- und Mittelfinger theilweise mit einander verwachsen sind. Der Kopf ist klein und eif\u00f6rmig, das Gesicht menschen\u00e4hnlich; die Ges\u00e4\u00dfschwielen sind klein, und der Schwanz ist \u00e4u\u00dferlich noch nicht sichtbar. Ein reicher und oft seidenweicher Pelz umh\u00fcllt ihren Leib; Schwarz, Braun, Braungrau und Strohgelb sind seine Hauptfarben.\nVon den bis jetzt bekannten Arten der Langarmaffen sind drei Arten am h\u00e4ufigsten beobachtet worden: der Siamang (Hylobates syndactylus), der Ungko (H.agilis) und der Oa (H. leuciscus). Ersterer ist der gr\u00f6\u00dfte und plumpste seiner Sippschaft und besitzt einen eigenth\u00fcmlichen Kehlsack, welcher beim Schreien sich kugelig ausbl\u00e4ft und die Stimme sehr verst\u00e4rkt. Die F\u00e4rbung seines Pelzes ist tiefschwarz, die der nackten Stellen ru\u00dfschwarz oder dunkelbraun. Seine Heimat ist Sumatra. Der Ungko, welcher au\u00dfer auf Sumatra auch auf der malayischen Halbinsel vor-\nDer Sicnnang (Hylobates syndactylus).\nkommt, ist kleiner und schlanker und \u00e4ndert in seiner F\u00e4rbung so auffallend ab, da\u00df er von Wei\u00df und Gelb zu Braun und Schwarz alle Schattirungen ans seinem Pelze zeigt. Der Oa oder Wauwau der Javanesen endlich, ist meist grau oder br\u00e4unlichgrau, am Vorderkopfe und der Brust braunschwarz, am Kinn und Wangen aber, sowie \u00fcber den Augen wei\u00dflich. Er lebt auf allen gr\u00f6\u00dferen indischen Inseln und auf dem Festlande. Diese wenigen Worte gen\u00fcgen vollkommen, um die ausgezeichnetsten Thiere unserer Gruppe \u00e4u\u00dferlich zu beschreiben.\nDie Gibbons bewohnen die W\u00e4lder Indiens von der Meeresk\u00fcste an bis zu 4000 Fu\u00df \u00fcber dem Meer hinauf. Jene merkw\u00fcrdigen Dickichte der baumartigen Gr\u00e4ser, welche uns unter dem verst\u00fcmmelten Namen \u201eDschungeln\" bekannt sind, sollen von einigen Arten jedem andern Aufenthalte vorgezogen werden, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen hochst\u00e4mmigere Waldungen lieben. Nur aus den B\u00e4umen","page":35},{"file":"p0036.txt","language":"de","ocr_de":"36\tDie Affen. Gibbons. \u2014 Siamang, Uttgfo unb Da.\nsind sie heimisch, und hier bewegen sie sich mit wunderbarer Gewandtheit im dichtesten Dickicht, wie in der luftigsten H\u00f6he.\nIhre ganze Ausr\u00fcstung weist sie'zum Klettern an. Sie besitzen jede Begabung, welche zu einer raschen, anhaltenden und gewandten Kletter- oder Sprungbewegung erforderlich ist. Die volle Brust giebt gro\u00dfen Lungen Raum, welche nicht erm\u00fcden, nicht ihren Dienst versagen, wenn das Blut durch die rasche Bewegung in Wallung ger\u00e4th; die starken Hinterglieder verleihen die n\u00f6thige Schnellkraft zu weiten Spr\u00fcngen, die langen Vorderglieder unerl\u00e4\u00dfliche Sicherheit zum Ergreifen eines Astes, welcher zu neuem St\u00fctzpunkte werden soll, mit k\u00fcrzeren Armen aber eher verfehlt werden k\u00f6nnte. Wie\nDer Nngko (Hylobates agilis).\nIcrng diese Arme im Verh\u00e4ltni\u00df sind, wird am deutlichsten klar, wenn man vergleicht. Ein Mensch klaftert, wie bekannt, ebenso weit, als er lang ist: der Gibbon aber klaftert fast das Doppelte seiner Leibesl\u00e4nge: ein ausrechtstehender Mann ber\u00fchrt mit seinem schlaff herabh\u00e4ngenden Arme kaum sein Knie, der Gibbon hingegen seinen Kn\u00f6chel. Da\u00df solche Arme als Gehwerkzeuge fast unbrauchbar sind, ist erkl\u00e4rlich: sie eignen sich blos zum Klettern. Deshalb ist der Gang der Langarmaffen ein trauriges Schwanken auf den Hinterf\u00fc\u00dfen, ein schwerf\u00e4lliges Dahinschieden des Leibes,' welcher nur durch die ausgestreckten Arme im Gleichgewichte erhalten werden kann, das Klettern und Zweigtanzen","page":36},{"file":"p0037.txt","language":"de","ocr_de":"Beweglichkeit.\n37\nder Thiere aber ein lustiges, k\u00f6stliches Bewegen, scheinbar ohne Grenze, ohne Bewu\u00dftsein des Gesetzes der Schwere. Die Gibbons sind auf der Erde langsam, t\u00f6lpisch, ungeschickt \u2014 kurz fremd, im Gezweige jedoch das gerade Gegentheil von allem Dem, ja, wahre V\u00f6gel in Affengestalt. Wenn der Gorilla der Herkules unter den Affen ist, sind sie der leichte Merkur: \u2014 tr\u00e4gt doch einer von ihnen, Hylobates Lar, seinen Namen zur Erinnerung an eine Geliebte des Letztem, an die sch\u00f6ne, aber schwatzhafte Najade Lara, welche durch ihre Zunge Jovis Zorn, durch ihre Sch\u00f6nheit aber zu ihrem Gl\u00fcck noch Merkurs Liebe erweckte und hierdurch dem Hades entrann.\nDer Oa (Hylobates lenciscus).\nAlle Berichterstatter sind einstimmig in ihrer Bewunderung \u00fcber die Kletterk\u00fcnste der Langarmaffen. Diese sind unstreitig die besten Seilt\u00e4nzer unter der Sonne; ihnen geb\u00fchrt unter allen Affen, hinsichtlich ihrer Gewandtheit, die Krone.\nMit unglaublicher Raschheit und Sicherheit erklettert der Gibbon einen Bambusrohrstengel, einen Baumwipfel oder einen Zweig, schwingt sich auf ihm einige Male auf und nieder oder hin und her und schnellt sich dann, durch den zur\u00fcckprallenden Ast unterst\u00fctzt, mit solcher Leichtigkeit \u00fcber Zwischenr\u00e4ume von vierzig Fu\u00df hin\u00fcber, drei-, viermal nach einander, da\u00df es aussieht, als fl\u00f6ge er wie ein Pfeil oder ein schief abw\u00e4rts sto\u00dfender Vogel. Man vermeint, es dem Thiere anzusehen, da\u00df","page":37},{"file":"p0038.txt","language":"de","ocr_de":"38\nDie Affen. Gibbons \u2014Siamang, Ungko und Oa.\ndas Bewu\u00dftsein seiner unerreichbaren Fertigkeit ihm gro\u00dfes Vergn\u00fcgen gew\u00e4hrt. Der Gibbon springt ohne Noth \u00fcber Zwischenr\u00e4ume, welche er durch kleine Umwege leicht vermeiden k\u00f6nnte; er \u00e4ndert im Sprunge die Richtung und h\u00e4ngt sich an den ersten, besten Zweig, schaukelt und wiegt sich an ihm, ersteigt ihn rasch, federt ihn auf und nieder und wirft sich wieder hinaus in die Luft, mit unfehlbarer Sicherheit einem neuen Ziele zustrebend. Es scheint, als ob er Zauberkr\u00e4fte bes\u00e4\u00dfe und ohne Fl\u00fcgel gleichwohl fliegen k\u00f6nnte: er lebt mehr in der Luft, als in dem Gezweig. Was bedarf solch begabtes Wesen noch der Erde?! Sie bleibt ihm fremd, wie er ihr; sie bietet ihm h\u00f6chstens die Labung des Trunkes, sonst st\u00f6\u00dft sie ihn zur\u00fcck in sein luftiges Reich. Hier findet er seine Heimat; hier genie\u00dft er Ruhe, Frieden, Sicherheit; hier wird es ihm m\u00f6glich, jedem-Feinde z\u00fc trotzen oder zu entrinnen; hier darf er erleben, ergl\u00fchen in der Lust seiner Bewegung.\nDiese Lust zeigte sich recht deutlich an einem weiblichen Ungko, den man lebend nach London brachte. Man wollte an ihm die Bewegungsf\u00e4higkeit seiner Sippschaft pr\u00fcfen und richtete ihm deshalb einen gro\u00dfen Raum besonders her. Hier und da, in verschiedenen Entfernungen, setzte man B\u00e4ume ein f\u00fcr das Kind der H\u00f6he, um seinen wundervollen Bewegungen Spielraum zu gew\u00e4hren. Die gr\u00f6\u00dfte Weite von einem Ast zum andern betrug nur achtzehn Fu\u00df, \u2014 wenig f\u00fcr einen Affen, welcher in der Freiheit das Doppelte \u00fcberspringen kann, viel, sehr viel f\u00fcr ein Thier, welches seiner Freiheit beraubt, in ein ihm fremdes und feindseliges Klima gebracht und seiner urspr\u00fcnglichen Nah- \u2019 rung entw\u00f6hnt worden war, welches eben erst eine so lange, entkr\u00e4ftende Seereise \u00fcberstanden hatte. Doch trotz all dieser mi\u00dflichen Umst\u00e4nde gab der Gibbon derartige Beweise seiner Bewegungsf\u00e4higkeit zum besten, da\u00df, wie mein Gew\u00e4hrsmann sagt, \u201ealleZuschauer vor Erstaunen und Bewunderung gerade zu au\u00dfer sich waren.\"\nEs war ihm eine Kleinigkeit, sich von einem Aste auf den andern zu schwingen, ohne die geringste Vorbereitung dazu bemerklich werden zu lassen, und er erreichte sein erstrebtes Ziel mit unwandelbarer Sicherheit. Er konnte seine Luftspr\u00fcnge lange Zeit ununterbrochen fortsetzen, ohne dazu einen neuen sichtlichen Ansatz zu nehmen; den zum Sprunge n\u00f6thigen Absto\u00df gab er sich w\u00e4hrend der augenblicklichen Ber\u00fchrung der Aeste, welche er sich zum Auffu\u00dfen erw\u00e4hlt hatte. Ebenso sicher, wie seine Bewegungen, waren bei ihm Auge und Hand. Die Zuschauer belustigten sich, ihm w\u00e4hrend seiner Spr\u00fcnge Fr\u00fcchte zuzuwerfen: er sing sie auf, w\u00e4hrend er die Luft durchschnitt, ohne es der M\u00fche werth zu achten, deshalb seinen Flug zu unterbrechen. Er hatte sich stets und vollkommen in seiner Gewalt. Mitten im schnellsten Sprunge konnte er die begonnene Richtung \u00e4ndern; w\u00e4hrend des kr\u00e4ftigsten Dahinschie\u00dfens erfa\u00dfte er einen Zweig mit einer seiner Vorderh\u00e4nde, zog mit einem Rucke die Hinterf\u00fc\u00dfe zu gleicher H\u00f6he empor, packte mit ihnen den Ast und sa\u00df nun einen Augenblick sp\u00e4ter so ruhig da, als w\u00e4re er nie in Bewegung gewesen.\nEs l\u00e4\u00dft sich denken, da\u00df der Gibbon in der Freiheit noch ganz andere Proben seiner Beweglichkeit bieten kann, und die Erz\u00e4hlungen der Beobachter d\u00fcrfen deshalb wohl auch allen Glauben verdienen, obgleich sie uns \u00fcbertrieben zu sein scheinen. Die Berichterstatter vergleichen die Bewegungen der freilebenden Langarmaffen mit dem Fluge der Schwalben! Damit ist wohl Alles gesagt.\nDie Beobachtung der Thiere im wilden Zustande ist \u00fcbrigens sehr schwierig; denn sie sollen au\u00dferordentlich furchtsam und scheu sein, bei der geringsten St\u00f6rung augenblicklich die Flucht ergreifen und dann in wenig Minuten dem Auge entschwinden. Nur ein gutes Fernrohr \u2014 das unersetzliche Werkzeug zur Beobachtung des Freilebens aller scheueren Thiere \u2014- gestattet dem vorsichtigen Forscher, Einiges von ihrem gew\u00f6hnlichen Treiben zu ersp\u00e4hen. Durch dieses beobachtete Duvau-cel auch das gesellige Leben der Gibbons, namentlich das Verh\u00e4ltni\u00df zwischen Mutter und Kind. Er erz\u00e4hlt von der au\u00dferordentlichen Liebe der erstem zu ihrem Spr\u00f6\u00dflinge und versichert unter Anderm, da\u00df sie diesem noch eine andere Art der Reinigung zu Theil werden lasse, als man sonst bei den Affen kennen gelernt hat. \u201eEin wunderliches und anziehendes Schauspiel,\" sagt er, \u201ehabe ich, obschon mit einiger Vorsicht, oft beobachtet. Die M\u00fctter bringen n\u00e4mlich ihre Kinder von Zeit zu Zeit an das Wasser und waschen ihnen hier, ohne sich durch ihr abwehrendes Geschrei st\u00f6ren zu lassen,","page":38},{"file":"p0039.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise. Stimme. Geistiges Wesen.\n39\ndas Gesicht so rein, da\u00df manche Menschenkinder die jungen Affen um diesen Genu\u00df so gro\u00dfer Sorgfalt beneiden k\u00f6nnten.\" Die Mutterliebe der Langarmaffen zeigt sich \u00fcbrigens unter allen Umst\u00e4nden. Duvaucel beobachtete, da\u00df bei Gefahr jedes Mitglied einer Gibbonbande nur f\u00fcr seine eigene Sicherheit bedacht ist und sich nicht im Geringsten um das Schicksal seines Mitbruders k\u00fcmmert: allein niemals verl\u00e4\u00dft eine Mutter ihr Kind. Ger\u00e4th dieses in Gefahr oder wird es gar verwundet, so bleibt die Mutter, welche es bis dahin trug oder wenigstens begleitete, treu in seiner N\u00e4he, schreit f\u00fcrchterlich, breitet jammernd ihre langen Arme aus und \u00f6ffnet das Maul, als wolle sie damit ihrem Gegner drohen, Zu einem wirklichen Angriffe ist sie viel zu schwach, ja, auf der Erde sogar zum Ausweichen zu ungeschickt: sie ist nicht im Stande, einen Schlag auszutheilen, und unf\u00e4hig, einem auszuweichen. Man kann alle Gibbons leicht fangen, wenn man sie auf dem Boden \u00fcberrascht; sie versuchen zwar, zu entfliehen, aber ihre Unbehilflichkeit wird dann erst recht sichtbar. Der f\u00fcr ihre Hinterglieder viel zu hohe und schwere Leib neigt sich nach vorn, sobald sie sich gehend in Bewegung setzen, und ihre Vorderglieder dienen ihnen gleichsam nur als Stelzen: sie h\u00fcpfen auf ihnen dahin, wie ein hinkender Mensch, welcher aus Angst sein M\u00f6glichstes thut. Wenn man ihnen nur nahe auf den Leib r\u00fcckt, scheint sie das Gef\u00fchl ihrer Schw\u00e4che g\u00e4nzlich zu entmannen; denn sie lassen sich erfassen und leisten dann keinen nennenswerthen Widerstand. Daher verdient es auch wohl Glaubw\u00fcrdigkeit, wenn die Malapen erz\u00e4hlen, da\u00df der herbeischleichende, furchtbare Tiger die Gibbons mit seinem gl\u00fchenden Auge f\u00f6rmlich bezaubern und festbannen k\u00f6nne, ohne da\u00df sie auch nur einen Versuch machten, ihm oder ihrem Verderben zu entrinnen. \u2014 Dies ist so ziemlich Alles, was man von diesen Affen, so lange sie ihre Freiheit besa\u00dfen, gesehen hat. Man sieht sie freilich nicht oft; denn ihr feines Geh\u00f6r soll ihnen regelm\u00e4\u00dfig die Ann\u00e4herung eines Menschen verrathen und sie zur schleunigen Flucht veranlassen, welche sie dann immer bald der Beobachtung entzieht.\nUm so \u00f6fter h\u00f6rt man sie. Bei Sonnenauf- und Untergang pflegen- sie ihre lautschallenden Stimmen zu einem so furchtbaren Geschrei zu vereinigen, da\u00df man taub werden m\u00f6chte, wenn man nah ist, und wahrhaft erschrickt, wenn man die sonderbare Musik nicht gewohnt ist. Sie sind die Br\u00fcllaffen der alten Welt, die Wecker der malahischen Bergbewohner und zugleich der Aerger der St\u00e4dter, denen sie den Aufenthalt auf ihren Landh\u00e4usern verbittern. Man soll ihr Geschrei auf eine englische Meile weit h\u00f6ren k\u00f6nnen. Von gefangenen Langarmen hat man es auch oft vernommen und zwar von denen, ^welche Kehls\u00e4cke besitzen, ebenso gut, wie von denen, welchen diese Stimmverst\u00e4rkungs-trommeln fehlen. Ein guter Beobachter, Bennett, besa\u00df einen lebenden Siamang und bemerkte, da\u00df dieser, wenn er irgendwie erregt war, jedesmal die Lippen trichterf\u00f6rmig vorstreckte, dann Luft in die Kehls\u00e4cke blies und nun losholterte, fast wie ein Truthahn. Er schrie ebensowohl bei fteudiger als bei zorniger Auftegung. Auch das Un g ko Weibchen in London schrie zuweilen laut und zwar in h\u00f6chst eigenth\u00fcmlicher, tonverst\u00e4ndiger Weise. Man konnte das Geschrei sehr gut in Noten wiedergeben. Es begann mit dem Grundton E und.stieg dann in halben T\u00f6nen eine volle Oktave hinauf, die chromatische Tonleiter durchlaufend. Der Grundton blieb immer h\u00f6rbar und diente als Vorschlag f\u00fcr jede folgende Note. Im Aufsteigen der Tonleiter folgten sich die einzelnen T\u00f6ne immer^langsamer, im Absteigen aber schneller und zuletzt au\u00dferordentlich rasch. Den Schlu\u00df bildete jedesmal ein gellender Schrei, welcher mit aller Kraft ausgesto\u00dfen wurde. Die Regelm\u00e4\u00dfigkeit, Schnelligkeit und Sicherheit, mit welcher das Thier die Tonleiter herschrie, erregte allgemeine Bewunderung. Es schien, als ob die Aeffin selbst davon im h\u00f6chsten Grade aufgeregt werde; denn jede Muskel spannte sich an und der ganze K\u00f6rper gerieth in zitternde Bewegung.\nSchon das Geschrei des einen Affen war f\u00fcr das Zimmer zu gellend; es gab aber auch einen Ma\u00dfstab f\u00fcr die vereinigten Tonauff\u00fchrungen gro\u00dfer Banden im freien Walde. Der gefangene Gibbon schrie \u00fcbrigens nur am Morgen.\nUeber die geistigen F\u00e4higkeiten der Langarmaffen sind die Meinungen der Beobachter getheilt. Duvaucel nennt den Siamang langsam, dumm, t\u00f6lpisch, faul, ungeschickt, furchtsam und'laugwei-lig, gleichgiltig gegen seinen Pfleger und vollkommen unempf\u00e4nglich f\u00fcr Gef\u00fchle des Wohlwollens,","page":39},{"file":"p0040.txt","language":"de","ocr_de":"40\nDie Affen. Schlankaffen. \u2014 Hulman.\nwie f\u00fcr solche der Rache: Bennett scheint ihm, nach anderweitigen Urtheilen zu folgern, mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er brachte einen Siamang mit sich fast bis nach Europa her\u00fcber, und dieser gewann sich in sehr kurzer Zeit die Zuneigung aller seiner menschlichen Reisegef\u00e4hrten. Er war sehr freundlich gegen die Matrosen und wurde bald zahm, war auch keineswegs langsam, sondern zeigte gro\u00dfe Beweglichkeit und Gewandtheit, stieg gern im Takelwerk herum und gefiel sich in allerlei harmlosen Scherzen. Mit einem kleinen Papuan-M\u00e4dchen schlo\u00df er z\u00e4rtliche Freundschaft und'sa\u00df oft, die Arme um ihren Nacken geschlungen, neben ihr, Schiffsbrod mit ihr kauend. Wie es schien, h\u00e4tte er mit den \u00fcbrigen Assen, welche sich am Bord befanden, auch gern Kameradschaft gehalten:^ doch diese zogen sich scheu vor ihm zur\u00fcck und bewiesen sich ihm gegen\u00fcber als sehr ungesellig, \u2014 daf\u00fcr r\u00e4chte er sich aber. Wenn er nur immer ckonnte, fing er einen seiner Mitgefangenen Affen und trieb mit dessen Schw\u00e4nze wahren Unfug. Er zog den armen Gesellen an dem ihm selbst fehlenden Anh\u00e4ngsel oft auf dem ganzen Schiffe hin und her oder trug ihn nach einer Raa empor und lie\u00df ihn von dort herunter fallen, kurz, er machte mit ihm, was er wollte, ohne da\u00df das so gepeinigte Thier jemals im Stande gewesen w\u00e4re, sich von ihm zu befreien. Er war sehr neugierig, besah sich Alles und stieg auch oft an dem Maste in die H\u00f6he, um sich umzusehen. Ein vor\u00fcberziehendes Schiff fesselte ihn immer solange auf seinem erhabenen Sitze, bis es aus dem Gesichtskreise entschwunden war. Seine Gef\u00fchle wechselten sehr rasch. Er konnte leicht erz\u00fcrnt werden mH geberdete sich dann, wie ein unartiges Kind, w\u00e4lzte sich, mit Verrenkung aller Glieder und Verzerrung des Gesichts auf dem Verdeck herum, stie\u00df Alles von sich, was ihm in den Weg kam und schrre ohne Unterla\u00df ,,Ra! Ra! Ra!\" \u2014 denn mit diesen Lauten dr\u00fcckte er stets seinen Aerger aus. Er war l\u00e4cherlich empfindlich und f\u00fchlte sich durch die geringste Handlung gegen seinen Willen sogleich im Tiefinnersten verletzt: seine'Brust hob sich, sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, und jene Laute folgten bei gro\u00dfer Erregung rasch auf einander, wie es schien, um den Beleidiger einzusch\u00fcchtern. Zum lebhaften Bedauern der Mannschaft starb dieser Asse, noch ehe er England erreichte.\nAuch das vorhin erw\u00e4hnte Weibchen des Ungko war sehr liebensw\u00fcrdig in seinem Betragen und h\u00f6chst freundschaftlich gegen Alle, denen es seine Zuneigung einmal geschenkt hatte. Es unterschied mit richtigem Gef\u00fchl zwischen Frauen und M\u00e4nnern. Zu Ersteren kam es fteiwillig herab, reichte die Hand und lie\u00df sich streicheln; gegen Letztere bewies es sich mi\u00dftrauisch, wohl in Folge fr\u00fcherer Mi\u00dfhandelungen, welche es von einzelnen M\u00e4nnern erlitten haben mochte. Vorher beobachtete es aber Jedermann pr\u00fcfend, oft l\u00e4ngere Zeit, und fa\u00dfte dann auch zu M\u00e4nnern Vertrauen, wenn diese ihm dessen w\u00fcrdig zu sein schienen.\nMan sieht \u00fcbrigens die Gibbons selten in der Gefangenschaft, auch in ihrem Vaterlande. Sie k\u00f6nnen den Verlust ihrer\u00bb Freiheit nicht ertragen; sie sehnen sich immer zur\u00fcck nach ihren W\u00e4ldern, nach ihren Spielen und werden immer stiller und trauriger, bis sie endlich erliegen.\nWie genau sich das eigenth\u00fcmliche Gepr\u00e4ge eines Erdtheils oder Landes in seiner Lhierwelt wiederspiegelt, k\u00f6nnen wir, unter tausend anderen F\u00e4llen, auch bei Betrachtung dieser und der folgenden Affengruppe bemerken. Die Schlankassen (Semnopithecus) und die Stummelaffen (Colobus) \u00e4hneln sich au\u00dferordentlich und unterscheiden sich gleichwohl wieder wesentlich, gleichsam als m\u00fc\u00dften sie beweisen, da\u00df die Heimat der Einen Asien, die der Andern Afrika ist. Hier wie dort spricht sich der gleiche Grundgedanke der Ausbildung des Thieres aus; aber dennoch behauptet jeder Erdtheil sein eigenth\u00fcmliches Gepr\u00e4ge. Eine nachherige Vergleichung beider Sippen mag diese Wahrheit verst\u00e4ndlich machen; jetzt liegt es uns zun\u00e4chst ob, die Einen kennen zu lernen.\nDie Schlankaffen sind, wie ihr Name andeutet, schlanke und leichtgebaute Assen mit langen, feinen Gliedma\u00dfen und sehr langem Schw\u00e4nze, kleinem, hohen Kopfe, nacktem Gesicht und ganz verk\u00fcrzter Schnauze ohne Backentaschen. Ihre Ges\u00e4\u00dfschwielen sind noch sehr klein. Ihr Zahnbau \u00e4hnelt dem der Makaken und Paviane (welche wir sp\u00e4ter kennen lernen werden), weil sich am hintersten","page":40},{"file":"p0041.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung.\n41\nuntern Backenzahne noch ein besonderer H\u00f6cker findet; ihr Knochenbau erinnert, wegen seiner schlanken Formen, an das Geripp der Gibbons. Die H\u00e4nde haben lange Finger; aber der Daumen der Vorderh\u00e4nde ist bereits verk\u00fcrzt oder verk\u00fcmmert und zum Greifen unbrauchbar geworden. Die Behaarung ist wundervoll fein; ihre F\u00e4rbung ist stets ansprechend, bei einer Art h\u00f6chst eigenth\u00fcmlich; die Haare verl\u00e4ngern sich am Kopfe oft bedeutend. H\u00f6chst merkw\u00fcrdig ist der Bau des Magens, weil er wegen seiner mehrfachen Einschn\u00fcrung und hierdurch entstandenen Abtheilung entfernt an den Magen der Wiederk\u00e4uer und n\u00e4her an den der K\u00e4ngurus erinnert. Ein Kehlsack von verschiedener Gr\u00f6\u00dfe ist bei s\u00e4mmtlichen Arten vorhanden.\nAlle Schlankaffen sind Bewohner S\u00fcdasiens und zwar ebensowohl des Festlandes, wie der\nDer Hulman (Semnopithecus entellus).\nduseln. Es sind echte Baumaffen und gesellige Thiere. Sie finden sich vom Meere an bis zu zehn und elftausend Fu\u00df \u00fcber dem Meere. Ihre geistigen Eigenschaften \u00e4hneln denen der Gibbons oder Meerkatzen; bei Beschreibung der ausgezeichnetsten Arten werden wir sie kennen lernen.\nUnter diesen Ausgezeichneten der Gruppe verdient zun\u00e4chst ber\u00fccksichtigt zu -werden der Hulman oder Hu neman, wie die Hindus ihn nennen, der Man di der Malabaren oder der Mab ur der Mahratten der heilige Affe der Inder, weil er von Letzteren abg\u00f6ttisch verehrt wird. Sein wissenschaftlicher Name ist Semnopithecus entellus. Dieses! Thier ist der gemeinste und in den meisten Gegenden Indiens vorkommende Affe und verbreitet sich immer mehr, weil er fast \u00fcberall gesch\u00fctzt wird. Er ist etwa zwei und einen halben Fu\u00df lang und mit einem drei Fu\u00df langen, gequasteten","page":41},{"file":"p0042.txt","language":"de","ocr_de":"42\nDie Affen. Schlankaffen. \u2014 Hulman.\nSchw\u00e4nze versehen; die Farbe seines Pelzes ist gelblichwei\u00df, die der nackten Theile aber dunkelviolett. Das Gesicht, die vier H\u00e4nde, so weit sie behaart sind, und ein steifer Haarkamm, welcher \u00fcber die Augen verl\u00e4uft, sind schwarz; der kurze Bart dagegen ist gelblich.\nDer Hulman nimmt einen der ersten Pl\u00e4tze unter den drei\u00dfig Millionen Gottheiten der Hindu ein und erfreut sich dieser Ehre schon seit undenklichen Zeiten. Der Riese Rav an, so berichtet die alte'indische Sage, raubte Sita, die Gemahlin des Schri-Rama, und brachte sie nach seiner Wohnung auf der Insel Ceylon. Der Asse aber befreite die Dame aus ihrer Gefangenschaft und f\u00fchrte sie zu ihrem Gemahle zur\u00fcck. Seitdem gilt er als Held. Viel wird berichtet von der St\u00e4rke seines Geistes und von seiner Schnelligkeit. Eine der gesch\u00e4tztesten Fr\u00fcchte, die Mango, verdankt man ihm ebenfalls; er stahl sie aus dem Garten des Riesen. Zur Strafe f\u00fcr seinen Diebstahl wurde er zum Feuertode verurtheilt, \u2014 von wem, wird nicht gesagt \u2014; er l\u00f6schte aber das Feuer aus und verbrannte sich dabei Gesicht und H\u00e4nde, welche seitdem schwarz blieben. Dies sind die Gr\u00fcnde, welche die Brahmanen bestimmten, ihn zu verg\u00f6ttern.\nSchon seit vielen, vielen Jahren kennt man diesen Affen in seinem Vaterlande: allein gerade deshalb sind wir am sp\u00e4testen mit ihm bekannt geworden. Jedermann glaubte n\u00e4mlich, da\u00df ein so gemeines Thier auch oft nach Europa gebracht worden sein m\u00fcsse, und verschm\u00e4hte es daher, unsern Hulman auszustopfen und den Balg nach Europa zu senden. Hierzu kommt noch, da\u00df es seine Schwierigkeiten oder vielmehr seine Gefahren hat, das heilige Thier zu lobten; denn blos die Mahratten erweisen ihm keine Achtung, w\u00e4hrend fast alle \u00fcbrigen Indier ihn hegen und pflegen, sch\u00fctzen und vertheidigen, wo sie nur k\u00f6nnen. Ein Europ\u00e4er, welcher es wagt, das unverletzliche Thier anzugreifen, setzt sein Leben aufs Spiel, wenn er der einzige Wei\u00dfe unter der leichterregbaren Menge ist. Der Affe gilt eben als Gott. Eine regierende Familie behauptet, von ihm abzustammen, und ihre Mitglieder f\u00fchren den Titel \u201egeschw\u00e4nzte Rana\", weil sie vorgeben, da\u00df ihr Ahnherr mit dem uns unn\u00f6thig erscheinenden Anh\u00e4ngsel begabt gewesen sei. Ein portugiesischer Vicek\u00f6nig von Indien, Cvnstantino de Braganza, erbeutete einen Affenzahn aus dem Schatze eines F\u00fcrsten von Ceylon und erhielt bald daraus eine besondere Gesandtschaft des K\u00f6nigs von Pegu, welche ihm 300,000 Eruzaden anbieten lie\u00df, wenn er ihr das kostbare Kleinod \u00fcberlassen wolle. Solch eine hohe Summe ist wohl niemals f\u00fcr einen Zahn geboten worden; um so mehr aber ist es zu verwundern, da\u00df jenes Gebot von den Europ\u00e4ern nicht angenommen wurde. Der Vicek\u00f6nig versammelte seine R\u00e4the, und die weltlichen suchten ihn nat\u00fcrlich zu \u00fcberreden, diese bedeutende Summe anzunehmen; ein Geistlicher aber war dagegen und zwar aus dem Grunde, weil er behauptete, da\u00df man durch solchen Handel dem heidnischen Zauber- und andern Aberglauben nur Vorschub leisten w\u00fcrde, und da nun, wie bekannt, die Pfaffen schon seit undenklichen Zeiten selbst das Verr\u00fcckteste durchzusetzen wu\u00dften, gelang es dem blinden Eiferer auch diesmal, seiner albernen Einwendung Geh\u00f6r zu verschaffen. Im Grunde k\u00f6nnte uns Dies zwar gleichg\u00fcltig sein, w\u00e4re nicht dadurch ein Ueberbleibsel zerst\u00f6rt worden, welches f\u00fcr die Geschichte der indischen G\u00f6tterlehre und auch f\u00fcr die Naturwissenschaft von Wichtigkeit gewesen fein w\u00fcrde. Man h\u00e4tte nach diesem einzigen Zahne recht gut bestimmen k\u00f6nnen, welcher Affe der Tr\u00e4ger des kostbaren Kleinods gewesen sei \u2014 doch f\u00fcr den echten Pfaffen hat es ja niemals Wissenschaft und am allerwenigsten Naturwissenschaft gegeben!\nHeut zu Tage noch ist die Achtung gegen das heilige Thier dieselbe, wie fr\u00fcher. Die Indier lassen sich von dem unversch\u00e4mten Gesellen ruhig ihre G\u00e4rten pl\u00fcndern und ihre H\u00e4user ausstehlen, ohne irgend Etwas gegen ihn zu thun, und betrachten Jeden mit schelen Augen, der es wagt, den Gott zu beleidigen. Tavernier erz\u00e4hlt, da\u00df ein junger Holl\u00e4nder, welcher erst kurz vorher aus Europa gekommen war, vom Fenster aus einen jener Assen erlegte; dar\u00fcber entstand aber ein so gro\u00dfer L\u00e4rm unter den Eingeborenen, da\u00df sie kaum beschwichtigt werden konnten. Sie k\u00fcndigten dem Holl\u00e4nder sogleich ihre Dienste auf, weil sie der festen Meinung waren, da\u00df der Fremdling und sie wohl mit ihm zu Grunde gehen m\u00fc\u00dften. Duvaucel berichtet, da\u00df es im Anfang ihm unm\u00f6glich war, einen dieser Affen zu tobten, weil die Einwohner ihn stets daran hinderten. So oft sie den","page":42},{"file":"p0043.txt","language":"de","ocr_de":"Sagen. Verg\u00f6tterung. Lebensweise.\n43\nNaturforscher mit seinem Gewehre sahen, jagten sie immer die-Affen weg, und ein frommer Brahmane lie\u00df es sich nicht verdrie\u00dfen, einen ganzen Monat lang im Garten des Europ\u00e4ers Wacht zu halten, um die lieben Thiere augenblicklich zu verscheuchen, wenn der Fremde Miene machte, auf sie zu jagen. Forbes versichert, da\u00df in Dhuboy ebensoviel Affen als Menschen anzutreffen sind. Die Affen bewohnen das oberste Stockwerk der H\u00e4user und werden dem Fremden unertr\u00e4glich. Wenn ein Einwohner der Stadt an seinem Nachbar sich r\u00e4chen will, streut er eine Menge Reis und andere K\u00f6rner auf das Dach des Feindes, und zwar kurz vor Anfang der Regenzeit, vor welcher jeder Hausbesitzer die Bedachung in Ordnung bringen lassen mu\u00df. Wenn nun die Affen das ausgestreute Futter wahrnehmen, fressen sie nicht nur das erreichbare, sondern rei\u00dfen auch die Ziegel ab, um zu denjenigen K\u00f6rnern zu gelangen, welche in die Spalten gefallen sind. Um diese Zeit ist aber wegen \u00fcbergro\u00dfer Besch\u00e4ftigung kein Dachdecker zu erhalten, und so kommt es, da\u00df das Innere des Hauses dann den Regeng\u00fcssen offen steht und dadurch verdorben wird.\nMan tr\u00e4gt \u00fcbrigens nicht nur f\u00fcr die gesunden, sondern auch f\u00fcr die kranken Assen Sorge. Tavernier fand am Amadab ad ein Krankenhaus, worin Affen, Ochsen und K\u00fche u. s. w. verpflegt wurden. Alle S\u00f6ller werden zeitweilig f\u00fcr die Affen mit Reis, Hirse, Datteln, Fr\u00fcchten und Zuckerrohr bestreut. Die Affen sind so dreist, da\u00df sie nicht nur die G\u00e4rten pl\u00fcndern, sondern um die Essenszeit auch in das Innere ber H\u00e4user dringen und den Leuten die Speise aus der Hand nehmen. Der Mission\u00e4r John versichert, da\u00df er blos durch angestrengte Wachsamkeit seine Kleider und andere Sachen vor den Dieben habe sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Einmal rief ein Fakir vor dem Zelte H\u00fcgels die Affen zusammen, gab ihnen aber Nichts zu fressen. Da fielen drei der \u00e4ltesten ihn so boshaft an, da\u00df er sie kaum mit dem Stocke abwehren konnte. Die Bev\u00f6lkerung stand jedoch nicht auf seiner, sondern auf der Affen Seite und schimpfte ihn t\u00fcchtig aus, weil er die heiligen Thiere erst get\u00e4uscht habe und noch pr\u00fcgele. Es ist sehr wahrscheinlich, da\u00df die Heilighaltung der Assen mit dem Glauben an die Seelenwanderung zusammenh\u00e4ngt. Die Indier meinen n\u00e4mlich, da\u00df ihre und ihres K\u00f6nigs Seelen nach dem Tode den Leib solcher Affen sich zur Wohnung w\u00e4hlen.\nAbgesehen von ihrer Unversch\u00e4mtheit sind diese Affen sch\u00f6ne und anziehende Gesch\u00f6pfe. John sagt ausdr\u00fccklich, da\u00df er niemals sch\u00f6nere Affen gesehen habe, als die Hulmans. Ihr freundschaftlicher Umgang unter einander und ihre ungeheueren Spr\u00fcnge fesseln jeden Beobachter. Mit ganz unglaublicher Behendigkeit steigen sie von der Erde auf die Gipfel der B\u00e4ume, und von da st\u00fcrzen sie sich wieder auf die Erde herab, brechen, wie zum Scherz, gro\u00dfe Zweige herunter, springen auf Gipfel weit entfernter B\u00e4ume und sind in weniger als einer Minute von einem Ende des Gartens bis zum andern gekommen, ohne'-die Erde zu ber\u00fchren. Sie sind oft in wenig Minuten in unglaublicher Menge versammelt, pl\u00f6tzlich verschwunden und ein paar Minuten sp\u00e4ter alle wieder da. In der Jugend haben sie einen ziemlich runden Kops und sind sehr klug; sie wissen wohl zu unterscheiden, was ihnen sch\u00e4dlich oder n\u00fctzlich ist, lassen sich auch sehr leicht z\u00e4hmen, zeigen aber einen unwiderstehlichen Trieb zum Stehlen. Mit zunehmendem Alter ver\u00e4ndern sich die geistigen Eigenschaften, wie sich ihr Kopf ver\u00e4ndert. Dieser wird platter; der Affe wird also thierischer, und damit tritt Stumpfheit an die Stelle der Klugheit, der Hang zur Einsamkeit verscheucht die Zutraulichkeit, plumpe Kraft verdr\u00e4ngt die Geschicklichkeit, so da\u00df die alten Affen mit den jungen kaum noch Etwas gemein haben. Es scheint, da\u00df die Hulmans zuweilen gr\u00f6\u00dfere Wanderungen unternehmen. InNieder-Bengalen z. B. erscheinen sie beim Anfang der Regenzeit und wandern um das Ende derselben wieder in h\u00f6hergelegene Gegenden. Sobald sie an den heiligen Orten eingetroffen sind, beginnt f\u00fcr die frommen Brahmanen eine Zeit der gr\u00f6\u00dften Sorge und Gesch\u00e4ftigkeit; sie haben nun die Thiere zu pflegen und zu besch\u00fctzen. Der eigenth\u00fcmlichste Baum Indiens, die prachtvolle heilige Feige, soll der Lieblingsaufenthalt der Hulmans sein. Man erz\u00e4hlt, da\u00df unter demselben Baume auch giftige Schlangen wohnen, mit welchen die Affen in best\u00e4ndiger Feindschaft leben. Hieran ist wohl nicht zu zweifeln, um so mehr aber an einem jener unschuldigen M\u00e4rchen, welches von unseren Stubengelehrten frischweg f\u00fcr baare M\u00fcnze genommen wird. Die Hulmans sollen n\u00e4mlich, wenn sie eine schlafende","page":43},{"file":"p0044.txt","language":"de","ocr_de":"44\nDie Affen. Schlankaffen. \u2014 Budeng.\nSchlange finden, dieselbe hinten am Kopfe greifen, dann mit ihr auf den Boden herabsteigen und den Kops des Lurches so lange an Steine schlagen,' bis sie ihn zermalmt haben, und dann, erfreut \u00fcber die gelungene That, das sich windende und zuckende Thier ihren Jungen vorwerfen! Alle Affen haben gegen die Schlangen einen un\u00fcberwindlichen Abscheu und f\u00fcrchten sich vor keinem Thiere in gleich hohem Grade, als eben vor ihnen: es ist deshalb gewi\u00df nicht anzunehmen, da\u00df nur eine Art eine'derartige Ausnahme machen sollte.\nAuch der Hulman zeigt gro\u00dfe Anh\u00e4nglichkeit an seine Jungen. Duvaucel erz\u00e4hlt, da\u00df er ein Weibchen dieses Affen erlegt habe, aber dann Zeuge eines wirklich r\u00fchrenden Zugs geworden sei. Das arme Thier, welches ein Junges mit sich trug, wurde in der N\u00e4he des Herzens verwundet. Es raffte alle seine Kr\u00e4fte zusammen, nahm sein Junges, h\u00e4ngte es an. einen Ast und fiel dann todt herunter. \u201eDieser Zug,\" setzt unser Gew\u00e4hrsmann hinzu, \u201ehat mehr Eindruck auf mich gemacht, als alle Reden der Brahmanen, und diesmal ist das Vergn\u00fcgen, ein so sch\u00f6nes Thier erlegt zu haben, nicht Meister geworden \u00fcber die Empfindung der Reue, ein Wesen get\u00f6dtet zu haben, welches noch im Tode das achtungsw\u00fcrdigste Gef\u00fchl beth\u00e4tigte.\"\nUnsere Gruppe hat noch andere merkw\u00fcrdige Mitglieder. Ein sehr sch\u00f6ner Affe ist der Budeng der Javanesen (Semnopithecus ofcerPresbytis maurus).\nEr ist im Alter gl\u00e4nzend schwarz, im Gesicht und cmjDen H\u00e4nden wie Sammt, auf dem R\u00fccken wie Seide. Der Unterleib, welcher sp\u00e4rlicher behaart ist, als der Oberleib, zeigt einen br\u00e4unlichen Anflug. Der Kopf wird von einer eigenth\u00fcmlichen Haarm\u00fctze bedeckt, welche \u00fcber die Stirn hereinf\u00e4llt und zu beiden Seiten der Wangen vortritt. Neugeborene Junge sehen goldgelb aus, und\tTer Budeng (Semnopithecus maurus).\nnur die Haarspitzen des Unterr\u00fcckens,\nder Oberseite des Schwanzes und der Schwanzquaste sind dunkler. Bald aber verbreitet sich das Schwarz weiter, und nach wenigen Monaten sind die H\u00e4nde, die Oberseite des Kopfes und die Schwanzquaste schwarz, und von nun an geht das Kleid mehr und mehr in das des alten Thieres \u00fcber. Die Gesammtl\u00e4nge dieses sch\u00f6nen Assen betr\u00e4gt 4% Fu\u00df, wovon mehr als die H\u00e4lfte auf den Schwanz kommen.\n\u201eDer Budeng,\" sagtHorsfield, \u201elebt in gro\u00dfer Menge in den ausgedehnten W\u00e4ldern Javas. Man findet ihn in zahlreichen Gesellschaften auf den Wipfeln der B\u00e4ume, nicht selten in Trupps von","page":44},{"file":"p0045.txt","language":"de","ocr_de":"Aufenthalt. Lebensweise.\n45\nwehr als 50 St\u00fcck zusammen. Es ist wohl gethan, solche Scharen aus einiger Ferne zu beobachten. Sie erheben bei Ankunft des Menschen ein lautes Geschrei und springen unter entsetzlichem L\u00e4rm so w\u00fcthend in den Zweigen umher, da\u00df sie oft starke Neste von den absterbenden B\u00e4umen brechen und somit herab auf ihre Verfolger schleudern.\"\n\u201eDer Budeng ist weniger ein Liebling der Eingeborenen, als der Lutung, ein jenem nah verwandter, aber rother Affe, vielleicht blos eine Abart. Wenn die Javanesen diesen einfangen, geben sie sich die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, ihn zu z\u00e4hmen und behandeln ihn mit vieler Liebe und Aufmerksamkeit. Der Budeng dagegen wird vernachl\u00e4ssigt und verachtet. Er verlangt viel Geduld in jeder Hinsicht, ehe er das m\u00fcrrische Wesen ablegt, welches ihm eigenth\u00fcmlich ist. In der Gefangenschaft bleibt er w\u00e4hrend vieler Monate ernst und murrk\u00f6pfig, und weil er nun Nichts zum Vergn\u00fcgen der Eingeborenen beitr\u00e4gt, findet man ihn denn auch selten in den Ortschaften. Dies geschieht nicht etwa aus Abneigung von Seiten der Javanesen gegen die Affen \u00fcberhaupt; denn die gemeinste Art der Ordnung, welche aus der Insel vorkommt, wird sehr h\u00e4ufig gez\u00e4hmt und nach der beliebten Sitte der Eingeborenen mit Pferden zusamnien gehalten. In jedem Stall, vom prinzlichen an bis zu dem eines Mantrh oder Schulthei\u00dfen, findet man einen jener Affen: der Budeng aber gelangt niemals zu solcher Ehre.\"\n\u201eGleichwohl wird unser Affe oft von den Eingeborenen gejagt, weil sie sein Fell benutzen. Bei diesen Jagden, welche gew\u00f6hnlich von den H\u00e4uptlingen angeordnet und befehligt werden, greift man die Thiere mit Schleuder und Stein an und vernichtet sie oft in gro\u00dfer Anzahl. Die Eingeborenen wissen die Felle auf einfache Weise, aber sehr gut zuzubereiten und verwenden sie dann, wie auch die Europ\u00e4er thun, zu Satteldecken und allerlei Heerschmuck; namentlich werden jene gesch\u00e4tzt, welche ganz schwarz von Farbe sind und sch\u00f6ne, lange Seidenhaare besitzen.\"\n\u201eIn der Jugend verzehrt der Budeng zarte Bl\u00e4tter von allerlei Pflanzen, im Atter wilde Fr\u00fcchte aller Art, welche in so gro\u00dfer Menge in seinen unbewohnten W\u00e4ldern sich finden.\"\nAls ich den Budeng im Thiergarten von Amsterdam zum ersten Male lebend sah, erkannte ich ihn nicht. Horsfield hat ein trauriges Zerrbild des Thieres gegeben; P\u00f6ppig und Giebel haben es ihm nachgedruckt; die ausgestopften, welche ich in Museen fand, waren ebenfalls nur \u2018 Statten des lebenden Thieres: kurz, ich konnte, trotz aller Berichtigungen, welche ich den Mi\u00dfgestalten in B\u00fcchern und Museen hatte angedeihen lassen, unm\u00f6glich ein so sch\u00f6nes Thier vermuthen, als ich jetzt vor mir sah. Dieser Affe erregte die allgemeine Aufmerksamkeit aller Beschauer, obwohl er nicht das Geringste that, um die Blicke der Leute auf sich zu ziehen. Ich m\u00f6chte sein stilles Wesen nicht so verdammen, wie Horsfield es gethan hat; denn ich glaube nicht, da\u00df man ihn eigentlich \u201em\u00fcrrisch\" nennen kann. Er istfftill und ruhig, aber nicht \u00fcbellaunisch und ungem\u00fcthlich. Das Paar, welches in Amsterdam lebte, hielt stets treu zusammen. Gew\u00f6hnlich sa\u00dfen Beide dicht an einander gedr\u00e4ngt in sehr zusammen gekauerter Stellung, die H\u00e4nde \u00fcber der Brust gekreuzt, auf einer hohen Querstange ihres K\u00e4figs und lie\u00dfen die langen, sch\u00f6nen Schw\u00e4nze schlaff herabh\u00e4ngen. Ihr ernsthaftes Aussehen wurde vermehrt durch die eigenth\u00fcmliche Haarm\u00fctze, welche ihnen weit in das Gesicht hereinf\u00e4llt. Wenn man ihnen Nahrung vorhielt, kamen sie langsam und vorsichtig herunter, um sie wegzunehmen, blieben dabei aber ruhig und bed\u00e4chtig, wie immer. Der Gesichtsansdruck deutete entschieden auf gro\u00dfe Klugheit hin; doch fehlte das Leben in den Augen.\nGanz eigenth\u00fcmlich benahmen sich die Budengs zwei schwarzen Pavianen (Cynocephalus niger) gegen\u00fcber. Diese, wie alle ihre Verwandten, \u00fcppige, \u00fcberm\u00fcthige Gesellen, machten sich ein wahres Vergn\u00fcgen daraus, die armen Budengs zu foppen und zu qu\u00e4len. Bei Tage wurden die ungezogenen Schwarzen gew\u00f6hnlich in das gro\u00dfe Affenhaus gesteckt; dann hatten die harmlosen Javanesen Ruhe -und konnten sich ihres Lebens freuen; sobald aber ihre Nachtgenossen zu ihnen kamen, ging der L\u00e4rm und die Unruhe an. Beide Budengs krochen jetzt dicht zusammen und umklammerten sich gegenseitig mit ihren H\u00e4nden. Die Paviane sprangen auf sie, ritten auf ihnen, maulschellirten sie, gaben ihnen Rippenst\u00f6\u00dfe, zogen sie an dem Schw\u00e4nze und machten sich ein besonderes Vergn\u00fcgen daraus, ihre innige Vereinigung zu st\u00f6ren. Zu diesem Ende kletterten sie auf den armen Thieren","page":45},{"file":"p0046.txt","language":"de","ocr_de":"46\nDie Affen. Schlankaffen. \u2014 Duk. Kahau.\nherum, als wenn es Baumzweige w\u00e4ren, hielten sich am Haare fest und dr\u00e4ngten sich endlich, den Hintern voran, zwischen die ruhig Sitzenden, dis diese schreckensvoll auseinander fuhren und in einer andern Ecke Schutz suchten. Geschah Dies, so eilten die Qu\u00e4lgeister augenblicklich hinter ihnen drein und begannen die Marter von neuem. Man sah es den Budengs an, wie au\u00dferordentlich unangenehm ihnen die zudringlichen Gesellen waren, wie sehr sie sich vor ihnen f\u00fcrchteten. Sobald die schwarzen Teufel nur in den K\u00e4fig kamen, blickten Jene angstvoll nach ihnen herab, wie es die s\u00fcdamerikanischen Assen zu thun pflegen, wenn sie in gro\u00dfe Furcht gerathen. W\u00e4hrend sie unter den F\u00e4usten ihrer Marterer litten, schrien sie oft jammervoll auf: aber das vermehrte nur die Wuth der Paviane; sie wurden um so frecher und grausamer, je leidender sich Jene verhielten.\nIn Antwerpen lebt ein Budeng unter kleinen Meerkatzen und Makaken. Alle Mitbewohner seines K\u00e4figs sind kaum halb so gro\u00df wie er, und trotzdem ist auch hier wiederum er der Gequ\u00e4lte\t1\nund Gefoppte. Eine kaum ein Jahr alte Meerkatze spielte zur Zeit, in welcher ich den Garten besuchte, hier die Rolle des schwarzen Pavians, und auch gegen diesen frechen Afrikaner verhielt sich der Javanese leidend'und unterth\u00e4nig. Es sah sehr komisch aus, wenn das kleine Gesch\u00f6pf den gro\u00dfen Affen, so zu sagen, nach seiner Pfeife tanzen lie\u00df; es meisterte ihn vollst\u00e4ndig und ma\u00dfregelte ihn durch P\u00fcffe, Ohrfeigen, durch Kneipen und Raufen in wahrhaft j\u00e4mmerlicher Weise. Man konnte gar nicht in Zweifel bleiben, da\u00df Gutm\u00fcthigkeit der Hauptzug des Budeng ge\u00e4stes ist; man vermi\u00dfte in ihm f\u00f6rmlich jene Asfenniedertr\u00e4chtigkeit, welche Andere seines Geschlechts so sehr auszeichnet. \u2014 Auch der Budeng scheint von unserm nordischen Klima\tviel zu leiden. Ob dieses die alleinige Ursache\ti\nseiner grenzenlosen Gutm\u00fcthigkeit ist,\twage ich nicht\tzu entscheiden. Aber man sieht es\tihm an, wie\nwohl ihm jeder Sonnenblick thut, wie gl\u00fccklich er ist, wenn er nur einen Strahl des belebenden Gestirnes auffangen kann, dessen Gluth seiner sch\u00f6nen Heimat alle Pracht und Herrlichkeit der Wendekreisl\u00e4nder verlieh.\nDer Kleideraffe (Semnopithecus nemaeus) verdient wenigstens erw\u00e4hnt zu werden; denn seine Pelzf\u00e4rbung ist die eigenth\u00fcmlichste, welche man sich denken kann. Der Kleiderafse sieht allerdings aus, als habe sich ein Mensch\tden Spa\u00df gemacht, ihn in die bunte Tracht eines\tHanswurstes\tj\nzu stecken. Um im Bilde zu bleiben,\tbeschreibe ich\tdieses Kleid mit Okens Worten:\tDie Jacke ist\ngrau, die Hosen, ein Stirnband und die Handschuhe sind schwarz, die Str\u00fcmpfe braunroth,^Aermel,\nBart, Kreuz und Schwanz wei\u00df; das Gesicht ist gelb, eine Halsbinde braunroth, ein anderes Band schwarz. Diese Farben schneiden scharf gegen einander ab und treten daher um so greller hervor.\nDer K\u00f6rper erreicht zwei Fu\u00df L\u00e4nge, der Schwanz ist etwas k\u00fcrzer.\nDer Kleideraffe ist noch niemals lebendig nach Europa gekommen und befindet sich erst in wenigen Sammlungen. Er soll in Cochinchina leben und daselbst \u201eDuk\" genannt werden. In zahlreichen Gesellschaften kommt er in den dichten.K\u00fcstenw\u00e4ldern vor und besucht auch oft die D\u00f6rfer der Eingeborenen. Er ist furchtsam und scheu und entflieht, sobald er merkt, da\u00df man aus ihn jagen will. Die Eingeborenen sch\u00e4tzen seinen Pelz nicht und geben sich deshalb auch keine M\u00fche, ihn zu erlegen. F\u00fcr die Gefangenschaft eignet er sich nicht, weil er sehr bald hinstirbt.\nVon den \u00fcbrigen Arten der Schlankaffen will ich blos noch eine einzige nennen, den Nasenaffen oder Kahau (Semnopithecus Nasica), welcher in jeder Hinsicht ein wirklich ausgezeichnetes Thier ist. Am merkw\u00fcrdigsten an ihm ist jedenfalls die vorspringende, verzerrte Menschennase, welche, wie ein R\u00fcssel, beweglich ist und vorgeschoben oder zur\u00fcckgezogen werden kann. Dieser Nase verdankt er es, da\u00df er als Tr\u00e4ger einer eigenen Sippe (Nasalis) betrachtet worden ist. Sein Leib ist schlank, wie bei den \u00fcbrigen, die Gliedma\u00dfen sind fast von gleicher L\u00e4nge, der Schwanz ist sehr lang, die Vorder- und Hinterh\u00e4nde sind f\u00fcnfzehig, die Backentaschen fehlen, aber die Ges\u00e4\u00dfschwielen sind vorhanden. Die Nase h\u00e4ngt hakenf\u00f6rmig \u00fcber die Oberlippe herab, ist in der Mitte ziemlich breit, an ihrem \u00e4u\u00dfern Ende zugespitzt und l\u00e4ngs ihres R\u00fcckens mit einer leichten Furche versehen; die Nasen-","page":46},{"file":"p0047.txt","language":"de","ocr_de":"Heimat. Lebensweise.\n47\nl\u00f6cher sind sehr gro\u00df und k\u00f6nnen noch bedeutend ausgedehnt werden. Bei jungen Thieren ist das hier so merkw\u00fcrdig gebildete Sinnwerkzeug noch klein und stumpf, und erst bei alten erreicht es seine bedeutende Gr\u00f6\u00dfe. Die Behaarung ist reichlich und weich; am Scheitel sind die Haare kurz und dicht, an den Seiten des Gesichts und am Hinterhaupte l\u00e4nger, um den Hals bilden sie eine Art von Kragen. An dem Scheitel, d>em Hinterkopfe und an der Schultergegend sind sie lebhaft braunroth, auf dem R\u00fccken und der obern H\u00e4lfte der Seiten fahlgelb, dunkelbraun gewellt, an der Brust und dem Obertheil des Bauches lichtr\u00f6thlichgelb gef\u00e4rbt; in der Kreuzgegend findet sich ein scharf abgegrenzter Fleck von graulichwei\u00dfer Farbe, dessen Spitze nach der Schwanzwurzel zugerichtet ist; die Gliedma\u00dfen sind in der obern H\u00e4lfte gelblichroth, in der untern, ebenso wie der Schwanz, aschgrau. Die nackten Innenfl\u00e4chen der H\u00e4nde und die Ges\u00e4\u00dfschwielen sind graulichschwarz. So zeigt auch\nDer Nasenaffe (Semnopithecus Nasica).\ndieser Affe eine sehr lebhafte Gesammts\u00e4rbung und beweist auch dadurch seine enge Verwandtschaft mit den \u00fcbrigen Schlankaffen. Erwachsene M\u00e4nnchen des Kahau erreichen eine H\u00f6he von fast drei Fu\u00df; ihr Leib ist zwei Fu\u00df und der Schwanz etwas dar\u00fcber lang. Die Weibchen bleiben kleiner; sie sollen schon vor ihrem vollendeten Wachsthums fortpflanzungsf\u00e4hig sein.\nDer Kahau lebt gesellig auf Borneo. Morgens und Abends sammeln sich zahlreiche Scharen auf den B\u00e4umen an den Flu\u00dfufern und erheben dann oft ein Geheul, welches dem Worte Kahau sehr \u00e4hnlich klingt und ihnen den eigenth\u00fcmlichen Namen verschafft hat. Sie sind schnell und gewandt und besitzen eine ungeheuere Fertigkeit im Springen und Klettern. Ihre geistigen Eigenschaften sind wenig bekannt, doch behauptet man, da\u00df die Thiere sehr boshaft, wild und t\u00fcckisch seien und sich nicht wohl zur Z\u00e4hmung eigneten. Man sagt, da\u00df sie sich, wenn sie \u00fcberrascht werden, auf den B\u00e4umen","page":47},{"file":"p0048.txt","language":"de","ocr_de":"48\nDie Affen. Stummelaffen. \u2014 Guereza.\nverbergen, sich aber mit gro\u00dfem Muthe vertheidigen, wenn sie angegriffen werden. Wirklich spa\u00dfhaft ist die Behauptung der Eingeborenen, da\u00df die Kah aus beim Springen immer ihre Nase mit den H\u00e4nden bedeckten, uni sie vor unangenehmen Zusammenst\u00f6\u00dfen mit dem Gezweig zu sch\u00fctzen. Ihre Nahrung kennt man nicht, darf aber vermuthen, da\u00df sie auch keine andere, als die der \u00fcbrigen Schlankaffen ist. Die Dajacken, ein Stamm der Eingeborenen Borneos, sollen flei\u00dfig Jagd auf die Nasenaffen machen, um ihr Fleisch zu erhalten, welches sie als wohlschmeckend schildern. Diese Leute nennen die Thiere \u00fcbrigens nicht Kahan, sondern Bantangan. Etwas Weiteres \u00fcber das merkw\u00fcrdige Gesch\u00f6pf ist nicht bekannt.\nAuch die afrikanischen Vertreter der schlanken Asiaten, die Stummelaffen (Colobus), sind sehr auffallende, durch eigenth\u00fcmliche F\u00e4rbung, sonderbare, aber sch\u00f6ne M\u00e4hnen und andere Haar-\nDer Guereza (Colobus Guereza).\nWucherungen ausgezeichnete Thiere. Wie Indien lebendiger und reicher ist, als das trockene Afrika, so sind auch die Schlankaffen heller und lebhafter gef\u00e4rbt, als die Stumme lassen, obwohl ich nicht behaupten will, da\u00df diese weniger sch\u00f6n oder weniger angenehm f\u00fcr unser Auge w\u00e4ren, als jene. Im Ganzen sind die Unterscheidungsmerkmale zwischen beiden Gruppen nur sehr geringf\u00fcgige. Die Stummelaffen sind haupts\u00e4chlich dadurch vor den Schlankaffen ausgezeichnet, da\u00df sie an den Vorderh\u00e4nden immer blos vier Finger und keinen Daumen besitzen, w\u00e4hrend, wie wir sahen, dieses Glied bei den Schlankaffen nur hier und da verk\u00fcmmert.)Der Leib der Stummel\u00e4ffen ist noch immer schlank und zierlich, die unter sich fast gleichlangen Gliedma\u00dfen sind schm\u00e4chtig, die Schnauze ist kurz, und die Nasenl\u00f6cher stehen auf der Oberseite derselben, der Schwanz ist sehr lang, Ges\u00e4\u00dfschwielen sind vorhanden, Backentaschen aber fehlen; die Hinterh\u00e4nde haben regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcnf Finger.\nUnter diesen Thieren d\u00fcrfen wir ohne Zweifel den Guereza der Abissinier. (Colobus Guereza) oben anstellen. Meiner Ansicht nach ist er der sch\u00f6nste aller Affen. Seine F\u00e4rbung ist, obgleich sie keineswegs lebhaft genannt werden kann, doch eine au\u00dferordentlich angenehme und","page":48},{"file":"p0049.txt","language":"de","ocr_de":"Entdeckung. Heimat.\n49\nseine Behaarung eine so eigenth\u00fcmliche und zugleich so zierliche, wie kaum noch bei einem andern Thiere. Das Verdienst der Entdeckung dieses wundersch\u00f6nen Gesch\u00f6pfes geb\u00fchrt unserm ausgezeichneten Landsmann R\u00fcppell, welcher es, bei seiner gro\u00dfen Reise in Abissinien, in der Provinz Godj am auffand und den im Lande gebr\u00e4uchlichen Namen zum wissenschaftlichen machte. Uebrigens war der Affe schon fr\u00fcher bekannt; bereits Hiob Ludolf erw\u00e4hnte seiner in einem sehr sch\u00e4tzbaren Werke \u00fcber Aethiopien, gab aber zu der sehr mangelhaften Beschreibung eine noch mangelhaftere, ja falsche Abbildung und niachte es dadurch den Kundigen unm\u00f6glich, das Thier als besondere Art anzuerkennen und aufzuzeichnen. Auch ein anderer Reisender, Salt, gedenkt des Guereza, giebt aber ebenfalls eine ganz fehlerhafte Beschreibung und eine Abbildung, zu welcher er die Ludolf'sche Zeich-\nFig. 1.\tFig. 2.\n\nDer Stummelaffe (Colobus ursinus).\tDer Teu^elsaffe (Colobus Satanas).\nnung und die Bruchst\u00fccke einer Haut, in deren Besitz er zuf\u00e4llig gekommen war, benutzte. R\u00fcppell sah den Guereza lebend und konnte so aus eigner Anschauung \u00fcber ihn berichten. Sp\u00e4ter haben auch andere Naturforscher ihn beobachtet. Ich selbst fand in den H\u00e4nden eines Hassanie am untern wei\u00dfen Nil ein Fell desselben, welches der Mann als Tabaksbeutel benutzte, und erfuhr von dem Eigner, da\u00df der Affe weiter s\u00fcdlich keineswegs zu den Seltenheiten geh\u00f6re. Heuglin, der Erforscher Afrikas, beobachtete ihn \u00f6fters in Abissinien und auf dem wei\u00dfen Flusse und erhielt sichere Nachrichten \u00fcber sein Vorkommen in ganz anderen Gegenden Mittelafrikas, woraus hervorgeht, da\u00df der Verbreitungskreis des Thieres viel gr\u00f6\u00dfer ist, als wir gew\u00f6hnlich angenommen haben.\nBrehm, Thierleben.\t*\t4","page":49},{"file":"p0050.txt","language":"de","ocr_de":"50 Die Affen. Stummelaffen. \u2014 Guereza, B\u00e4ren- und Teufelsasfe. Meerkatzen.\nDer Guereza ist ein wirklich herrliches Thier. Sein ganzer Leib ist sch\u00f6n sammetschwarz, dagegen sind ein Stirnband, die Gegend der Schl\u00e4fe, die Seiten des Halses, das Kinn und die Kehle und ein G\u00fcrtel oder eine M\u00e4hne, sowie eine Einfassung um die nackten Ges\u00e4\u00dfschwielen und die Schwanzspitze wei\u00df gef\u00e4rbt. Jedes wei\u00dfe Haar ist aber vielfach braun geringelt, und hierdurch entsteht das silbergraue Aussehen der Behaarung. Die M\u00e4hne, wie ich den Seiteng\u00fcrtel vielleicht nennen kann, h\u00e4ngt wie ein reicher Beduinenmantel zu beiden Seiten des K\u00f6rpers herab und ziert ihn unbeschreiblich. Ihre Haare sind von gr\u00f6\u00dfter Weichheit und Feinheit und dabei von bedeutender L\u00e4nge. Der schwarze Pelz des untern K\u00f6rpers schimmert hier und da zwischen dem kostbaren Beh\u00e4nge hindurch; das Dunkelschwarz sticht lebendig ab von dem blendenden Wei\u00df, und die dunkelen H\u00e4nde und das dunkele Gesicht stehen hiermit so vollkommen im Einkl\u00e4nge, da\u00df unser Affe wohl den Preis der Sch\u00f6nheit verdienen d\u00fcrfte. Soviel Willk\u00fcr, wenn ich mich so ausdr\u00fccken d\u00fcrfte, sich in der Bekleidung ausspricht, so zierlich und unmuthig ist dieselbe.\nDer Guereza findet sich, wie mir Schimp er mittheilte, vom 13. Grad n\u00f6rdlicher Breite an, \u00fcberall in Abissinien, am h\u00e4ufigsten in einem H\u00f6heng\u00fcrtel von 6 \u2014. 800 Fu\u00df \u00fcber dem Meeresspiegel. Hier lebt er in kleinen Gesellschaften von zehn bis f\u00fcnfzehn St\u00fcck auf hochst\u00e4mmigen B\u00e4umen, gern in der N\u00e4he flie\u00dfender Gew\u00e4sser und h\u00e4ufig auch unmittelbar neben den in Habesch immer einsam stehenden Kirchen, welche regelm\u00e4\u00dfig im Schatten geheiligter B\u00e4u^ne liegen. Eine Wachholderart, welche, im Gegensatz zu der bei uns wachsenden, so riesenhafte Verh\u00e4ltnisse zeigt, da\u00df selbst unsere Tannen und Fichten neben ihr zu Zwergen herabsinken, scheint ihm ganz besonders zuzusagen: jedenfalls ihrer auch unseren Gaumen behagenden Beeren halber. Er ist, wie mein Berichterstatter mit besonderm Ausdruck sagte, \u201eein im allerh\u00f6chsten Grade behendes Thier\", welches sich mit geradezu wunderbarer K\u00fchnheit und Sicherheit bewegt. Hiermit steht im Uebrigen sein Wesen nahe im Einkl\u00e4nge. Nur selten vernimmt man seine Stimme; blos Verwundete schreien nach Art der Meerkatzen. Wenn der Guereza Menschen sieht, schweigt er g\u00e4nzlich. Auch sonst hat er mit anderen altweltlichen Baumaffen wenig gemein. Er ist durchaus harmlos, d. h. er verschont die Pflanzungen oder richtet wenigstens niemals Verw\u00fcstungen in ihnen an. Verfolgt zeigt sich der Guereza in seiner ganzen Sch\u00f6nheit. Mit ebenso gro\u00dfer Anmuth als Leichtigkeit, mit eben soviel K\u00fchnheit als Berechnung springt der so wundersam geschm\u00fcckte Gesell von Zweig zu Zweig oder aus H\u00f6hen von vierzig Fu\u00df in die Tiefe hinab, und der wei\u00dfe Mantel fliegt dabei um ihn herum, wie der Burnus eines auf seinem Araber fliehend dahinjagenden Beduinen um Ro\u00df und Reiter weht. Uebrigens kommt er nur dann auf den Boden herab, wenn die Verfolger ihm sehr nahe auf den Leib r\u00fccken; er ist ein vollendetes Baumthier und findet in seiner luftigen H\u00f6he Alles, was er bedarf. Seine Nahrung ist die gew\u00f6hnliche der Baumaffen: Knospen, Bl\u00e4tter, Bl\u00fcthen, Beeren, Fr\u00fcchte, Kerbthiere rc.\nDie Jagd des Guereza hat ihre gro\u00dfen Schwierigkeiten. Auf den hohen Wipfeln seiner Lieblingsb\u00e4ume ist er vor der T\u00fccke des Menschen ziemlich sicher. Mit der Schrotflinte verwundet man wohl das starke, lebensz\u00e4he Thier, bekommt es aber nur selten in seine Gewalt. Der J\u00e4ger mu\u00df, wenn seine Jagd Erfolg haben soll, zur B\u00fcchse greifen: diese Waffe aber war von jeher und ist noch heute dem Eingebornen ein Ding, mit welchem er Nichts anzufangen wei\u00df. Gut, da\u00df dem so ist; mit der B\u00fcchse in ge\u00fcbter Hand h\u00e4tte der Abissinier den sch\u00f6nen Affen vielleicht schon ausgerottet. In fr\u00fcheren Zeiten wurde ihm eifrig nachgestellt. Es galt als besondere Auszeichnung, ein Schild zu besitzen, welches durch ein Fell dieses Affen seinen sch\u00f6nsten Schmuck erhalten hatte. Die Schilde der Abissinier und anderer ostafrikanischer V\u00f6lkerschaften sind l\u00e4nglichrund und bestehen aus Antilopenoder wohl auch Nilpferd haut: diese bekleidete man nun mit dem R\u00fccken- und Seitenfelle des Guereza, so da\u00df der ganze M\u00e4hneng\u00fcrtel jetzt zum Schmuck des Schildes wurde.\nMan bezahlte in Gondar, der abissinischen Hauptstadt, ein solches Fell mit einem Speciesthaler, einer Summe, f\u00fcr welche man vier bis sechs fette Schafe einhandeln kann. Gegenw\u00e4rtig ist jener Zierrath bedeutend im Werthe gesunken: die beschriebenen Schilde sind gl\u00fccklicher Weise nicht mehr gebr\u00e4uchlich; \u2014 gl\u00fccklicher Weise, sage ich, weil^ich T)offe, da\u00df deshalb ein so anziehendes","page":50},{"file":"p0050s0001.txt","language":"de","ocr_de":"\nt\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\u00ab\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n","page":0},{"file":"p0051.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise.\n5t\nGesch\u00f6pf vor der Hand noch der abscheulichen Vernichtungswuth entgeht, mit welcher der Mensch \u00fcberall \u201eseinen erstgebornen Br\u00fcdern\" entgegentritt.\nBis jetzt ist der prachtvolle Affe noch nicht lebend nach Europa gekommen. Heuglin erhielt ein lebendes Junges, war aber nicht im Stande, dasselbe zu erhalten, trotzdem er ihm die beste Pflege zu Theil werden lie\u00df. Auch in den H\u00fctten der Landeseingebornen sieht man niemals einen zahmen Guereza: der sch\u00f6ne Waldbewohner ertr\u00e4gt keine Gefangenschaft.\nDie beiden auf Seite 49 dargestellten Mitglieder der Sippe sind der b\u00e4renartige Stummelaffe (Colobus ursinus, Fig. 1) und der Teufelsasfe (Colobus Satamis, Fig. 2).\nErsterer unterscheidet sich vom Guereza durch den Mangel des wei\u00dfen M\u00e4hneng\u00fcrtels, welcher durch das lange und flatternde, grobe, schmuzig fahlgelbe und schwarz gemischte Haar eben nur angedeutet ist, die l\u00e4ngere K\u00f6rperbehaarung und den fast ganz wei\u00dfen Schwanz. In der Gr\u00f6\u00dfe stimmt er so ziemlich mit dem Guereza \u00fcberein und ebenso in der Lebensweise; seine Heimat aber ist der Westen Afrikas: er findet sich in den W\u00e4ldern der Sierra-Leone, Guineas und auf Fernando-Po.\nDer Teufelsaffe, welcher eins\u00e4rbig schwarz ist, und haupts\u00e4chlich auf Fernando-Po lebt, wird von vielen Forschern, aber wohl mit Unrecht, als blo\u00dfe Spielart des Vorigen angesehen.\nAfrika beherbergt nicht nur die gr\u00f6\u00dften, kl\u00fcgsten und h\u00e4\u00dflichsten Affen der alten Welt, sondern auch die sch\u00f6nsten, nettesten und gem\u00fcthlichsten. Zu diesen geh\u00f6rt unzweifelhaft die zahlreiche Gruppe, welche uns unter dem Namen \u201eMeerkatzen\" bekannt ist. Wir sehen dieses oder jenes Mitglied der betreffenden Sippe h\u00e4ufig genug in jedem Thiergarten oder in jeder Thierschaubude und finden es auch \u00f6fters als lustigen Gesellschafter irgend eines Thierfreundes.\nDie Meerkatzen erhielten ihren Namen schon im 16. Jahrhundert, jedenfalls weil sie zuerst von dem Westen Afrikas, nemlich von Guinea zu uns kamen und entfernt an die Gestalt einer Katze erinnern. Ihre Aehnlichkeit mit unserm n\u00fctzlichen Hausthiere ist \u00fcbrigens nur eine sehr oberfl\u00e4chliche, denn alle Meerkatzen sind echte Affen in Gestalt und Wesen. Sie sind Bewohner der Wendekreisl\u00e4nder des .genannten Erdtheils und, mit Ausnahme einer einzigen Art, welche auf Madagaskar vorkommt, auch Bewohner des \"afrikanischen Festlandes. Wo sich Urw\u00e4lder finden, zeigen sich auch diese Affen in gro\u00dfer Anzahl. Manche Arten gehen fast durch ganz Mittelafrika hindurch. Wir erhalten sie ebensowohl aus dem Lsten, wie auch aus dem Westen und aus der Mitte Afrikas; wohl die meisten aber kommen aus Abissinien und den oberen Nill\u00e4ndern.\nEine ausf\u00fchrliche Beschreibung der Meerkatzen erscheint mir, ihrer Allbekanntschaft wegen, kaum n\u00f6thig. Sie zeichnen sich durch leichte und zierliche Formen, schlanke Gliedma\u00dfen, feine, kurze H\u00e4nde mit langen Daumen, auch durch einen langen Schwanz ohne Endguaste aus und besitzen weite Backentaschen und gro\u00dfe Ges\u00e4\u00dfschwielen. Ihre Farben sind meistens ziemlich lebhaft, bei einzelnen Arten oft recht angenehm bunt. Man kennt ungef\u00e4hr zwanzig Arten. In den Nill\u00e4ndern findet man zuerst unter dem 16. Grade n\u00f6rdlicher Breite Meerkatzen; im Westen und Osten reichen sie bis hart an die Meeresk\u00fcste. Feuchte oder wenigstens von Fl\u00fcssen durchschnittene Waldungen werden von ihnen den trockenen Baumgegenden stets vorgezogen; in der N\u00e4he von Feldern siedeln sie sich au\u00dferordentlich gern an. Recht deutlich bemerkt man bei ihnen die eigenth\u00fcmliche Erscheinung, da\u00df sich Assen und Papageien nicht blos in Gestalt, Lebensart und Wesen, sondern auch der Verbreitung entsprechen. Man darf mit Sicherheit darauf rechnen, da\u00df man in Afrika da, wo man Papageien findet, auch unseren Meerkatzen begegnen wird, oder umgekehrt, Papageien zu vermuthen hat, wo sich Meerkatzen aufhalten.\nDie Meerkatzen geh\u00f6ren zu den geselligsten, beweglichsten, lustigsten und, wie bemerkt, gem\u00fcthlichsten aller Affen. Man findet sie fast stets in ziemlichen Banden; Familien kommen kaum vor. Es","page":51},{"file":"p0052.txt","language":"de","ocr_de":"52\nDie Affen. Meerkatzen.\nist es eine wahre Lust, wenn man einer Horde dieser Thiere im Walde begegnet. Da kann man ein Leben, ein Schreien und K\u00e4mpfen, ein sich Z\u00fcrnen und Vers\u00f6hnen, ein Klettern und Laufen, Rauben und Pl\u00fcndern, Gesichterschneiden und Gliederverrenken bemerken! Sie bilden einen eignen Staat und erkennen keinen Herrn \u00fcber sich an, als den St\u00e4rkern Ihresgleichen; sie beachten kein Recht, als das, welches durch spitze Z\u00e4hne und kr\u00e4ftige H\u00e4nde von dem alten Affenstammvater ge\u00fcbt wird; sie halten keine' Gefahr f\u00fcr m\u00f6glich, aus welcher es nicht auch einen Ausweg g\u00e4be; sie machen sich jede Lage behaglich, f\u00fcrchten niemals Mangel und Noth und verbringen so ihr Leben in best\u00e4ndiger Regsamkeit und Fr\u00f6hlichkeit. Ein grenzenloser Leichtsinn und ein h\u00f6chst spashafter Ernst im Verein ist ihnen eigen; mit beiden beginnen und vollbringen sie alle ihre Gesch\u00e4fte. Kein Ziel ist zu weit gesteckt, kein Wipfel zu hoch, kein Schatz sicher genug, kein Eigenthum achtbar. So darf es uns nicht Wunder nehmen, da\u00df die Eingebornen Ost-Sudahns nur mit grenzenloser Verachtung und mit Zorn von ihnen sprechen; ebensowenig aber wird man es dem unbetheiligten Beobachter verdenken, wenn er sie als h\u00f6chst erg\u00f6tzliche Wesen betrachtet.\nDer rothe Affe (Cercopithecus ruber).\nMan bemerkt eine Meerkatzenbande im Urwalde sehr leicht. Wenn man auch den wechselvollen Ausruf des Leitasfens nicht vernimmt, h\u00f6rt man wenigstens bald das Ger\u00e4usch, welches die laufende und springende Gesellschaft auf den B\u00e4umen verursacht, und wenn man dieses nicht h\u00f6rt, sieht man die Thiere laufen, spielen, ruhig dasitzen, sich sonnen, sich gewisser Schmarotzer halber Liebesdienste erzeigen: \u2014 niemals f\u00e4llt es ihnen ein, sich vor irgend Jemand zu verbergen. Aus dem Boden trifft man sie blos da, wo es Etwas zu fressen giebt; sonst leben sie in den Wipfeln der B\u00e4ume und nehmen ihren Weg von einem Ast zum andern. Und habet ist es ihnen v\u00f6llig gleichgiltig, ob sie durch die dicksten Dornen durchm\u00fcssen oder nicht.\nAeu\u00dferst anziehend f\u00fcr den Beobachter ist es, wenn er eine auf Raub ausziehende Bande belauschen kann. Mich hat die Dreistigkeit, welche sie dabei zeigen, immer ebenso erg\u00f6tzt, wie sie den Eingebornen emp\u00f6rte. Unter F\u00fchrung des alten, oft gepr\u00fcften und wohlerfahrnen Stammvaters zieht die Bande der Thiere dem Getreidefelde zu; die Aeffinnen, welche Kinder haben, tragen diese","page":52},{"file":"p0053.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung. Wesen. Heimat. Ein Raubzug. Flucht.\n53\nin der oben beschriebenen Werse am Bauche, die Kleinen haben aber noch zum Ueberflu\u00df auch mit ihrem Schw\u00e4nzchen ein H\u00e4kchen um den Schwanz der Frau Mamma geschlagen. Anfangs n\u00e4hert sich die Rotte mit gro\u00dfer Vorsicht, am liebsten, indem sie ihren Weg noch von einem Baumwipfel zum andern verfolgt. Der alte Herr geht stets voran, die \u00fcbrige Herde richtet sich nach ihm Schritt f\u00fcr Schritt und betritt nicht nur dieselben B\u00e4ume, sondern sogar dieselben Aeste, wie er. Nicht selten steigt der vorsichtige F\u00fchrer auf einen Baum bis in die h\u00f6chste Spitze hinauf und h\u00e4lt von dort aus sorgf\u00e4ltige Umschau; wenn das Ergebni\u00df derselben ein g\u00fcnstiges ist, wird es durch beruhigende Gurgelt\u00f6ne seinen Unterthanen angezeigt, wenn nicht, die n\u00f6thige Warnung gegeben. Von einem >em Felde nahen Baume steigt die Bande ab, und nun geht es mit r\u00fcstigem Springen dem Paradiese zu. Hier beginnt jetzt eine wirklich beispiellose Th\u00e4tigkeit. Man deckt sich zun\u00e4chst f\u00fcr alle F\u00e4lle. Rasch werden einige Maiskolben oder Durrah\u00e4hren abgerissen, die K\u00f6rner enth\u00fclst und nun mit ihnen die weiten Backentaschen so voll gepfropft, als nur immer m\u00f6glich; erst, wenn diese Vorrathskammern gef\u00fcllt sind, gestattet sich die Herde etwas mehr L\u00e4ssigkeit, zeigt sich aber auch zugleich immer w\u00e4hlerischer, immer heikler in der Auswahl der Nahrung. Jetzt werden alle Aehren und Kolben, nachdem sie abgebrochen worden sind, erst sorgsam berochen, und wenn sie, was sehr h\u00e4ufig geschieht, diese Probe nicht aushalten, sofort ungefressen weggeworfen, und die Vergeudung, welche.sich alle Assen zu schulden kommen lassen, zeigt sich im h\u00f6chsten Grade. Man darf darauf rechnen, da\u00df von zehn Kolben erst einer wirklich gefressen wird; in der Regel nehmen die Schlecker blos ein Paar K\u00f6rner aus jeder Aehre und werfen das Nebrige weg. Dies ist es eben, welches ihnen den grenzenlosen Ha\u00df der Eingebornen zugezogen hat.\nWenn sich die Affenherde im Fruchtfelde v\u00f6llig sicher f\u00fchlt, erlauben die M\u00fctter ihren Kindern, sie zu verlassen, und mit Ihresgleichen zu spielen. Die strenge Aufsicht, unter welcher alle Kleinen von ihren Erzieherinnen gehalten werden, endet deshalb jedoch nicht, und jede Affenmutter beobachtet mit wachsamen Blicken ihren Liebling; keine aber k\u00fcmmert sich um die Sicherheit der Gesammtheit, sondern verl\u00e4\u00dft sich, wie alle \u00fcbrigen Mitglieder der Bande, ganz auf die Umsicht des Herdenf\u00fchrers. Dieser erhebt sich selbst w\u00e4hrend der schmackhaftesten Mahlzeit von Zeit zu Zeit auf die Hinterf\u00fc\u00dfe, stellt sich ausrecht wie ein Mensch und schaut in die Runde. Nach jeder Umschau h\u00f6rt man beruhigende Gurgelt\u00f6ne, wenn er n\u00e4mlich nichts Unsicheres bemerkt hat: im entgegengesetzten Falle st\u00f6\u00dft er einen unnachahmlichen, zitternden oder meckernden Ton zur Warnung aus. Hierauf sammelt sich augenblicklich die Schar seiner Unte^ebenen, jede Mutter ruft ihr Kind zu sich heran, und im Nu sind Alle zur Flucht bereit; Jeder aber sucht in der Eile noch soviel Futter aufzuraffen, als er nur fortbringen zu k\u00f6nnen glaubt. Ich habe es mehrmals gesehen, da\u00df Affen f\u00fcnf gro\u00dfe Maiskolben mit sich nahmen. Davon umklammerten sie zwei mit dem rechten Vorderarm, die \u00fcbrigen nahmen sie in die drei anderen H\u00e4nde und zwar so, da\u00df sie beim Gehen mit den Kolben den Boden ber\u00fchrten. Bei wirklicher Gefahr wird nach und nach mit sauren Mienen alle Last abgeworfen, der letzte Kolben aber nur, wenn der Verfolger ihnen sehr nahe auf den Leib geht und die Thiere wirklich alle vier H\u00e4nde zum Klettern nothwendig haben. Immer wendet sich die Flucht dem ersten besten Baume zu. Ich habe beobachtet, da\u00df die Meerkatzen auch auf ganz einzeln stehende B\u00e4ume kletterten, von denen sie wieder absteigen und weiterfliehen mu\u00dften, wenn ich sie dort aufst\u00f6rte; sowie sie aber einmal den Wald erreicht haben und wirklich fl\u00fcchten wollen, sind sie geborgen; denn ihre Gewandtheit im Klettern ist fast eben so gro\u00df, wie die der Langarmaffen. Es scheint kein Hinderni\u00df f\u00fcr sie zu geben, die furchtbarsten Dornen, die dichtesten Hecken, weit von einander stehende B\u00e4ume \u2014Nichts h\u00e4lt sie auf. Jeder Sprung wird mit einer Sicherheit ausgef\u00fchrt, welche uns in gr\u00f6\u00dftes Erstaunen setzen mu\u00df, weil kein bei uns heimisches Kletterthier es dem Affen auch nur ann\u00e4hernd nachthun kann. Sie sind im Stande, mit Hilfe des steuernden Schwanzes noch im Sprunge die von ihnen anfangs beabsichtigte Richtung in eine andere umzuwandeln; sie fassen, wenn sie einen Ast verfehlten, einen zweiten; sie werfen sich vom Wipfel des Baumes auf die Spitze eines tiefstehenden Astes und lassen sich weiter schnellen; sie setzen mit einem Sprunge von dem Wipfel auf die Erde, fliegen gleichsam, \u00fcber Gr\u00e4ben","page":53},{"file":"p0054.txt","language":"de","ocr_de":"54\nDie Affen. Meerkatzen.\nhinweg, einem andern Baume zu, laufen pfeilschnell an dem Stamme empor und fl\u00fcchten weiter und immer weiter. Auch hierbei geht der Leitaffe stets voran und f\u00fchrt die Herde durch sein sehr ausdrucksvolles Gegurgel bald rascher, bald langsamer. Man gewahrt niemals bei den fl\u00fcchtenden Affen Angst oder Muthlosigkeit, mu\u00df sich vielmehr stets von ihrer unter allen Umst\u00e4nden sich gleichbleibenden Geistesgegenwart \u00fcberzeugen. Ohne zu \u00fcbertreiben, kann man sagen, da\u00df es f\u00fcr sie, wenn sie wollen, eigentlich gar keine Gefahr giebt. Nur der t\u00fcckische Mensch mit seinen weittragenden Waffen kann sie in feine Gewalt bringen; den Raubf\u00e4ugethieren entgehen sie leicht, und die Raubv\u00f6gel wissen sie schon abzuwehren, falls es sein mu\u00df.\nDie Diana (Cercopithecus Diana.)\nWenn es dem Leitaffen gut d\u00fcnkt, h\u00e4lt er in seinem eiligen Laufe an, steigt rasch auf die H\u00f6he eines Baumes hinauf, vergewissert sich der neu erlangten Sicherheit und ruft hierauf mit beruhigenden T\u00f6nen seine Schar wieder zusammen. Diese hat jetzt zun\u00e4chst ein wichtiges Gesch\u00e4ft zu besorgen. W\u00e4hrend der rasenden Flucht hat man n\u00e4mlich nicht darauf achten k\u00f6nnen, Fell und Glieder von Kletten und Dornen freizuhalten; letztere h\u00e4ngen vielmehr \u00fcberall am Pelz oder stecken oft tief in der Haut. Nun macht sich die Gesellschaft dar\u00fcber her, sich gegenseitig von den unangenehmen Anh\u00e4ngseln zu befreien. Eine h\u00f6chst sorgf\u00e4ltige Reinigung beginnt. Der eine Affe legt sich der L\u00e4nge lang auf einen Ast, der andere setzt sich neben ihn und durchsucht ihm das Fell auf das gewissenhafteste","page":54},{"file":"p0055.txt","language":"de","ocr_de":"Sch\u00e4dlichkeit. Jagd.\n55\nund gr\u00fcndlichste. Jede Klette wird ausgel\u00f6st, jeder Dorn herausgezogen, ein etwa vorkommender Schmarotzer aber auch nicht ausgelassen, sondern vielmehr mit Leidenschaft gejagt und mit Begierde gefressen. Uebrigens gelingt ihnen die Reinigung nicht immer vollst\u00e4ndig; denn manche Dornen sind so tief eingedrungen, da\u00df die Affen sie bei aller Anstrengung nicht aus ihren Gliedern herausziehen k\u00f6nnen. Dies kann ich ganz gewi\u00df behaupten, weil ich selbst eine Meerkatze geschossen habe, in deren Hand noch ein Mimosendorn steckte, welcher von unten eingedrungen war und die ganze Hand durchbohrt hatte. Da\u00df Solches m\u00f6glich ist, hat mich nicht verwundert, weil ich mir selbst einmal einen Mimosendorn durch die Ledersohle, meine gro\u00dfe Fu\u00dfzehe und das Oberleder des Stiefels hindurch gestochen habe und mir sehr wohl denken kann, da\u00df ein von oben herunter auf einen Ast springender Affe kr\u00e4ftig genug auff\u00e4llt, um eine \u00e4hnliche Erfahrung von der Sch\u00e4rfe und H\u00e4rte jener Dornen machen zu k\u00f6nnen.\nErst wenn die Reinigung im gro\u00dfen Ganzen beendet ist, tritt die Affenherde wieder den R\u00fcckzug an, d. h. sie geht ohne weiteres von neuem nach dem Felde zur\u00fcck, um dort ihre Spitzb\u00fcbereien fortzusetzen. So kommt es. da\u00df sie der Einwohner des Landes eigentlich niemals aus seinen Feldern los wird, sondern stets unter einer Plage zu leiden hat, welche noch \u00e4rger, als die der Heuschrecken ist. Da die Leute keine Feuergewehre besitzen, wissen sie sich nur durch oftmaliges Verjagen der Affen zu sch\u00fctzen, denn alle anderen Kunstmittel zur Vertreibung fruchten bei diesen losen Geistern gar nichts \u2014 nicht einmal die sonst unfehlbaren Kraftspr\u00fcche ihrer Heiligen oder Zauberer; und eben deshalb sehen die braunen Leute Jnnerasrikas alle Asien als entschiedene Gottesleugner und Glaubensver\u00e4chter an. Ein weiser Scheich Ost-Sudahns sagte mir: \u201eGlaube mir, Herr, den deutlichsten Beweis von der Gottlosigkeit der Affen kannst Du darin erblicken, da\u00df sie sich niemals vor dem Worte des Gesandten. Gottes beugen. Alle Thiere des Herrn achten und ehren den Propheten \u2014 Allah's Frieden sei \u00fcber ihm! \u2014 die Asien verachten ihn. Derjenige, welcher ein Amulet schreibt und in seine Felder aush\u00e4ngt, auf da\u00df die Nilpferde, Elefanten und Affen seine Fr\u00fcchte nicht auffressen und seinen Wohlstand sch\u00e4digen, mu\u00df immer erfahren, da\u00df nur der Elefant dieses Wahrnungszeichen achtet. Das macht, weil er ein gerechtes Thier ist, der Affe aber ist ein durch Allah's Zorn aus dem Menschen in ein Scheusal verwandeltes Gesch\u00f6pf und ein Sohn, Enkel und Urenkel des Ungerechten, und das Nilpferd die abschreckende H\u00fclle des scheu\u00dflichen Zauberers.\"\nIn Ost-Sudahn jagt man die Meerkatzen nicht, wohl aber f\u00e4ngt man sie und zwar gew\u00f6hnlich in Netzen, unter denen man leckere Speisen aufstellt. Die Affen, welche den K\u00f6der wegnehmen wollen, werden von den Netzen bedeckt und verwickeln sich dergestalt in diese, da\u00df sie nicht im Stande sind, sich frei zu machen, so w\u00fcthenb sie sich auch geberden. Wir Europ\u00e4er erlegten die Thiere mit dem Feuergewehr ohne alle Schwierigkeit, weil sie erst dann fliehen, wenn Einige aus ihrer Mitte ihr Leben gelassen haben. Sie f\u00fcrchten sich wenig oder nicht vor dem Menschen. Oft habe ich beobachtet, da\u00df sie Fu\u00dfg\u00e4nger oder Reiter, Maulthiere und Kamele unter sich wegziehen lie\u00dfen, ohne zu mucksen, w\u00e4hrend sie dagegen beim Anblick eines Hundes sofort ihr Angstgeschrei ausstie\u00dfen.\nBei der Asienjagd ging es mir, wie so vielen Anderen vorher: sie wurde mir einmal gr\u00fcndlich verleidet. Ich scho\u00df nach einer Meerkatze, welche mir gerade das Gesicht zudrehte; sie war getroffen und st\u00fcrzte von dem Baume herab, blieb ruhig sitzen und wischte sich, ohne einen Laut von sich zu geben, das aus den vielen Wunden ihres Antlitzes hervorrieselnde Blut mit der einen Hand so menschlich, so erhaben ruhig ab, da\u00df ich aufs \u00e4u\u00dferste erregt hinzueilte und, weil beide L\u00e4ufe meines Gewehres abgeschossen waren, dem armen Thiere mein Jagdmesser mehrere Male durch die Brust stie\u00df, um es von seinen Leiden zu befreien. Aber ich habe von diesem Tage an nie wieder auf kleine Affen geschossen und rathe Jedem davon ab, welcher nicht seiner wissenschaftlichen Arbeiten wegen auf die Affenjagd gehen mu\u00df. Mir war es immer, als habe ich einen Menschen gemordet, und das Bild des sterbenden Asien hat mich f\u00f6rmlich verfolgt, obgleich ich doch manches Thier gejagt habe.\nNur einmal haben mir die Meerkatzen eine Jagdfreude gemacht. Ich beobachtete, da\u00df allabendlich Schlangenhalsv\u00f6gel, Ibisse und Reiher auf einer einzelnen Mimose am Stromufer des","page":55},{"file":"p0056.txt","language":"de","ocr_de":"56\nDie Affen. Meerkatzen.\nAsrakh zum Schlafen B\u00e4umten, und beschlo\u00df, dort anzustehen. Zuf\u00e4llig n\u00e4chtigte eine Affenherde auf demselben Baume. Bedenken ausdr\u00fcckende T\u00f6ne wurden laut, als ich im nahen Maisfelde mich unter einem flugs zusammengestellten Schirm verborgen hatte: die Gesellschaft oben am Wipfel ahnte-offenbar nichts Gutes. Nach l\u00e4nger w\u00e4hrendem Gegurgel und Gezeter schien man \u00fcbereingekommen zu sein, die belagerte Stelle zu verlassen. Vorsichtig stieg der Leitaffe vom Wipfel hernieder nach beit unteren Aesten. Er untersuchte und pr\u00fcfte. Sein Vorsatz schien nicht ver\u00e4ndert zu werden; denn nach einigem Besinnen stieg er langsam noch weiter am Stamme herab, unzweifelhaft in der Absicht, dem nahen Walde zuzufliehen. Andere folgten; nur die s\u00e4ugenden M\u00fctter waren noch oben im Wipfel. In diesem Augenblick b\u00e4umte ein Sch langen hals vogel auf, ein Feuerstrahl aus meinem Gewehr blitzte durch die D\u00e4mmerung. Unbeschreiblicher Wirrwarr im Wipfel war die erste Wirkung des Schusses. Der Leitaffe kehrte sofort wieder um. Alles fl\u00fcchtete nach den h\u00f6chsten und dichtesten Aesten. Jeder suchte ein sicheres Versteck. Welch Gezeter, Schreien, Gurgeln, Hin- und Herspringen folgte nun! Jeder neue Schu\u00df vermehrte das Entsetzliche der Lage. Das ganze Volk f\u00fchlte sich in h\u00f6chsten Aengsten. Wohl mochten hundert Pl\u00e4ne zur Flucht das ewig rege und erfindungst\u00fcchtige Affengehirn besch\u00e4ftigen \u2014 kein einziger schien ausf\u00fchrbar. Das f\u00fcrchterliche Feuergewehr verursachte schlie\u00dflich ein geradezu unsinniges Handeln. Einzelne Affen sprangen von > den Aesten auf den Boden herab und kletterten dann wieder angsterf\u00fcllt am Stamme desselben Baumes empor, welcher ihnen eine Viertelminute vorher zu unsicher erschienen war. Endlich regte sich Nichts mehr da oben. Jeder Affe sa\u00df ergebungsvoll auf dem Baume, so dicht an den Stamm gedr\u00fcckt als m\u00f6glich. Mein Anstand w\u00e4hrte so lange, weil die wiederholt aufgeschreckten V\u00f6gel immer und immer wieder zu dem geliebten Schlafplatze zur\u00fcckkehrten: \u2014 nach den letzten Sch\u00fcssen vernahm ich aber nur noch ein \u00e4ngstliches St\u00f6hnen der fast dem Entsetzen erliegenden Affenbande. Erst als ich schon l\u00e4ngst nach meinem Schiff zur\u00fcckgekehrt war, h\u00f6rte ich wieder Gurgelt\u00f6ne, mit welchen der Stammvater zu beruhigen versuchte.\nVon Raubthieren haben die freilebenden Affen nicht viel zu leiden. Den Raubs \u00e4ug ethieren gegen\u00fcber sind sie viel zu behend; h\u00f6chstens der Leopard d\u00fcrfte dann und wann auch ein unvorsichtiges Aeffchen sich erlisten. Den Raubv\u00f6geln widerstehen die Meerkatzen durch vereinigte Kraft. Einer der k\u00fchnsten St\u00f6\u00dfer ihrer Heimat ist unstreitig der geh\u00e4ubte Habichtsadler (Spizaetos occipitalis). Er nimmt die bissigen Erdeichh\u00f6rnchen ohne weiteres vom Boden weg und k\u00fcmmert sich nicht im geringsten um ihre scharfen Z\u00e4hne und um ihr Fauchen. An die Affen aber wagt er sich nur selten und wohl niemals ein zweites Mal. Davon habe ich mich selbst \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Als ich eines Tages in den Urw\u00e4ldern jagte, h\u00f6rte ich pl\u00f6tzlich das Rauschen eines jener R\u00e4uber \u00fcber mir und einen Augenblck sp\u00e4ter ein f\u00fcrchterliches Affengefchrei: der Vogel hatte sich n\u00e4mlich auf einen noch sehr jungen, aber doch schon selbst\u00e4ndigen Affen geworfen und wollte diesen aufheben und an einen geleg-nern Ort tragen, um ihn dort ruhig zu verspeisen. Allein der Raub gelang ihm nicht. Der von dem Vogel erfa\u00dfte Affe klammerte sich mit seinen vier H\u00e4nden so fest an den Zweig, da\u00df ihn jener nicht wegziehen konnte, und schrie dabei Zeter. Augenblicklich entstand ein wahrer Aufruhr unter der Herde, und im Nu war der Adler von vielleicht zehn starken Affen umringt. Diese fuhren unter entsetzlichem Gesichterschneiden und gellenden Schreien auf ihn los und hatten ihn sofort auch von allen Seiten gepackt. Jetzt dachte der Gaudieb schwerlich noch daran, den Affen zu nehmen, sondern gewi\u00df blos an sein eigenes Fortkommen. Doch dieses wurde ihm nicht so leicht. Die Affen hielten ihn fest und h\u00e4tten ihn wahrscheinlich erw\u00fcrgt, wenn er sich nicht mit gro\u00dfer M\u00fche frei gemacht und schleunigst die Flucht ergriffen h\u00e4tte. Von seinen Schwanz- und R\u00fcckenfedern aber flogen verschiedene in der Luft herum und bewiesen, da\u00df er seine Freiheit nicht ohne Verlust erkauft hatte. Da\u00df dieser Adlev zum zweiten Male auf keinen Affen sto\u00dfen w\u00fcrde, stand wohl fest.\nVor derartigen Raubthieren f\u00fcrchten sich die Affen also ebensowenig, wie vor dem Menschen. Um so gr\u00f6\u00dferes Entsetzen aber bereiten ihnen alle Lurche und namentlich die Schlangen. Ich habe zu erw\u00e4hnen vergessen, da\u00df die Affen Vogelnester jederzeit unbarmherzig ausnehmen und nicht blos-","page":56},{"file":"p0057.txt","language":"de","ocr_de":"Feinde. Furcht vor Schlangen. Fortpflanzung.\n57\ndie Eier, sondern auch die jungen V\u00f6gel leidenschaftlich gern fressen. Wenn sie aber das Nest eines H\u00f6hlenbr\u00fcters auspl\u00fcndern wollen, verfahren sie stets mit der gr\u00f6\u00dften Sorgfalt, eben aus dieser Furcht vor den Schlangen, welche, wie bekannt, oft in solchen Nestern ihrer Ruhe pflegen. Mehr als einmal habe ich gesehen, da\u00df, wenn sie eine Baumh\u00f6hlung entdeckt hatten, sie dann stets sorgf\u00e4ltig untersuchten, ob nicht etwa eine Schlange darin w\u00e4re. Zuerst wurde hineingeschaut, so weit dies m\u00f6glich war, hierauf nahmen sie das Ohr zur H\u00fclfe, und wenn auch dieses ihnen nichts Ungew\u00f6hnliches mittheilte, streckten sie z\u00f6gernd den einen Arm in die H\u00f6hle. Niemals tauchte ein Affe mit einem ein-\nDie Wei\u00df-Nase (Cercopithcus petaurista).\nzigen k\u00fchnen Griff in die Tiefe, sondern stets in Abs\u00e4tzen, immer ein St\u00fcckchen tiefer, und immer horchte und schaute er dazwischen wieder in das Loch hinein, ob sich drin der gef\u00fcrchtete Lurch verrathe. In der Gefangenschaft habe ich ihre Angst vor den Schlangen noch ausf\u00fchrlicher beobachten k\u00f6nnen, \u2014 doch davon sp\u00e4ter.\nDie Fortpslanzungszeit der freilebenden Meerkatzen scheint an keine bestimmte Jahreszeit gebunden zu sein. Man sieht bei jeder Herde S\u00e4uglinge, Kinder und Halberwachsene, der m\u00fctterlichen Zucht nicht mehr Bed\u00fcrftige. \u2014 In den G\u00e4rten und Thierschaubuden Europas pflanzen sich die meisten Arten ohne Umst\u00e4nde fort.","page":57},{"file":"p0058.txt","language":"de","ocr_de":"58\nDie Affen. Meerkatzen. \u2014 Rothe Meerkatze.\nW\u00e4hrend meines langj\u00e4hrigen Aufenthalts in Afrika habe ich stets viele Affen und darunter auch regelm\u00e4\u00dfig Meerkatzen und zwar haupts\u00e4chlich den Abalandj der Araber (Cercopithecus griseo-viridis) in der Gefangenschaft gehalten und berichte also nach eigner Erfahrung \u00fcber das geistige Wesen der Thiere, welches man eben fast nur an Gefangenen beobachten kann. Ich darf versichern, da\u00df jedes dieser merkw\u00fcrdigen Thiere sein eignes Wesen hatte und mir best\u00e4ndig Gelegenheit zu ebenso anziehenden als unterhaltenden Beobachtungen gab. Der eine Affe war z\u00e4nkisch und bissig, der andere friedfertig und zahm, der dritte m\u00fcrrisch, der vierte ewig heiter, dieser ruhig und einfach, jener pfiffig, schlau und ununterbrochen auf dumme, boshafte Streiche bedacht; alle aber kamen darin \u00fcberein, da\u00df sie gr\u00f6\u00dferen Thieren gern einen Schabernack anthaten, kleinere aber besch\u00fctzten, hegten und pflegten. Sich selbst wu\u00dften sie jede Lage ertr\u00e4glich zu machen. Dabei lieferten sie t\u00e4glich Beweise eines gro\u00dfen Verstandes, wahrhaft berechnender Schlauheit und wirklich vern\u00fcnftiger Ueberlegung, zugleich aber auch der gr\u00f6\u00dften Gem\u00fcthlichkeit und z\u00e4rtlichsten Liebe und Aufopferung anderen Thieren gegen\u00fcber, und ich habe wegen aller dieser Eigenschaften einzelne wirklich liebgewonnen.\nAls ich auf dem blauen Flusse reiste, brachten mir die Einwohner eines Uferdorfes einmal f\u00fcnf frischgefangene Meerkatzen zum Verkauf. Der Preis war sehr niedrig; denn man verlangte blos zehn Groschen unsers Geldes f\u00fcr eine jede. Ich kaufte sie in der Hoffnung, eine lustige Reisegesellschaft an ihnen zu bekommen, und band sie der Reihe nach am Schiffbord fest. Meine Hoffnung schien jedoch nicht in Erf\u00fcllung gehen zu sollen, denn die Thiere sa\u00dfen traurig und stumm neben einander, bedeckten sich das Gesicht mit beiden H\u00e4nden wie tiefbetr\u00fcbte Menschenkinder, fra\u00dfen nicht und lie\u00dfen von Zeit zu Zeit traurige Gurgelt\u00f6ne vernehmen, welche offenbar Klagen \u00fcber das ihnen gewordene Geschick ausdr\u00fccken sollten. Es ist auch m\u00f6glich, da\u00df sie sich \u00fcber die geeigneten Mittel beriethen, aus der Gefangenschaft wieder loszukommen; wenigstens schien mir ein Vorfall, der sich in der Nacht begab, auch mit Ergebni\u00df ihrer Gurgelei zu sein. Am andern Morgen n\u00e4mlich sa\u00df blos noch ein einziger Affe an seinem Platze, die \u00fcbrigen waren entflohen. Kein einziger der Stricke, mit denen ich sie gefesselt hatte, war zerbissen oder zerrissen, die schlauen Thiere hatten vielmehr die Knoten sorgf\u00e4ltig aufgel\u00f6st, an ihren Gef\u00e4hrten aber, welcher etwas weiter von ihnen sa\u00df, nicht gedacht und so ihn in der Gefangenschaft sitzen lassen.\nDieser Uebriggebliebene war ein M\u00e4nnchen und erhielt den Namen Koko. Er trug sein Geschick mit W\u00fcrde und Fassung. Die erste Untersuchung hatte ihn belehrt, da\u00df seine Fesseln f\u00fcr ihn unl\u00f6sbar seien, und ich meines Theils sah darauf, ihm diese Ueberzeugung noch mehr einzupr\u00e4gen. Als echter Weltweiser schien sich Koko nun gelassen in das Unvermeidliche zu f\u00fcgen und fra\u00df schon gegen Mittag des folgenden Tages Durrahk\u00f6rner und anderes Futter, welches wir ihm vorwarfen. Gegen uns war er giftig und bi\u00df Jeden, der sich ihm nahte, doch schien sich sein Herz nach einem Gef\u00e4hrten zu sehnen. Er sah sich unter den anderen Thieren um und w\u00e4hlte sich unbedingt den sonderbarsten Kauz, welchen er sich h\u00e4tte w\u00e4hlen k\u00f6nnen, einen Nashornvogel n\u00e4mlich, welchen wir aus demselben Walde, dem er entstammte, mitgebracht hatten. Wahrscheinlich hatte ihn die Gutm\u00fcthigkeit des Vogels bestochen. Die Verbindung Beider wurde bald eine sehr innige. Koko behandelte seinen Pflegling unversch\u00e4mt; dieser aber lie\u00df sich Alles gefallen. Er war frei und konnte hingehen wohin er wollte, gleichwohl n\u00e4herte er sich oft aus freien St\u00fccken dem Affen und lie\u00df nun Alles \u00fcber sich ergehen, was diesem gerade in den Sinn kam. Da\u00df der Vogel Federn anstatt der Haare hatte, k\u00fcmmerte Koko sehr wenig: sie wurden ebensogut nach L\u00e4usen durchsucht wie das Fell der S\u00e4ugethiere, und der Vogel schien sich wirklich bald so daran zu gew\u00f6hnen, da\u00df er sp\u00e4ter gleich von selbst die Federn str\u00e4ubte, wenn der Affe sein Lieblingswerk begann. Da\u00df ihn dieser w\u00e4hrend des Reinigens hin- und Herzog, ihn beim Schnabel, an dem Beine, an dem Halse, an den Fl\u00fcgeln und an dem Schw\u00e4nze herumri\u00df, brachte das gutm\u00fcthige Gesch\u00f6pf auch nicht auf. Er hielt sich zuletzt regelm\u00e4\u00dfig in der N\u00e4he des Affen, fra\u00df das vor diesem liegende Brod weg, putzte sich und schien seinen vierh\u00e4ndigen Freund fast herausfordern zu wollen, sich mit ihm zu besch\u00e4ftigen. Die beiden Thiere lebten mehrere Monate in engster Gemeinschaft zusammen, auch sp\u00e4ter noch, als wir nach Chartum zur\u00fcckgekehrt waren und","page":58},{"file":"p0059.txt","language":"de","ocr_de":"Gefangenleben. Freundschaften. Pflegelust. Mutterliebe. Streiche.\n59\nder Vogel im Hofe frei herumlaufen konnte. Erst der Tod des Letztem l\u00f6ste das sch\u00f6ne Verh\u00e4ltni\u00df. Koko war wieder allein und langweilte sich. Nun versuchte er zwar, sich mit gelegentlich vor\u00fcberschleichenden Katzen abzugeben, bekam aber von diesen gew\u00f6hnlich Ohrfeigen anstatt Freundschafts-bezeigungen und wurde einmal auch in einen ernsthaften Kampf mit einem bissigen Kater verwickelt, welcher unter entsetzlichem Fauchen, Miauen, Gurgeln und Schreien ausgefochten wurde, aber unentschieden blieb, wenn er auch mit dem R\u00fcckz\u00fcge des jedenfalls unversehens gepackten Mausej\u00e4gers endete.\nEin junger, mutterloser Asse gew\u00e4hrte endlich Kokos Herzen die n\u00f6thige Besch\u00e4ftigung. Gleich als er das kleine Thierchen erblickte, war er au\u00dfer sich vor Freuden und streckte verlangend die H\u00e4nde nach ihm aus; wir lie\u00dfen den Kleinen los und sahen, da\u00df er sofort selbst zu Koko hinlief. Dieser erstickte den angenommmenen Pflegesohn fast mit Freundschaftsbezeigungen, dr\u00fcckte ihn an sich, gurgelte vergn\u00fcgt und begann dann sogleich die allersorgf\u00e4ltigste Reinigung seines vernachl\u00e4ssigten Fells. Jedes St\u00e4ubchen, jeder Stachel, jeder Splitter, welche in jenen kletten-, distel- und dornenreichen\n;D er Mohren affe (Ceropithecus oder Cercocebus fuliginosus).\nL\u00e4ndern immer im Felle der S\u00e4ugethiere h\u00e4ngen bleiben, wurden herausgelesen und weggekratzt. Dann folgte wieder neue Umarmung und andere Beweise der gr\u00f6\u00dften Z\u00e4rtlichkeit. Wenn einer von uns Koko sein Pflegekind entrei\u00dfen wollte, wurde er w\u00fcthend, und wenn wir den Kleinen ihm wirklich abgenommen hatten, traurig und unruhig. Er benahm sich ganz, als ob er ein Weibchen, ja als ob er die Mutter des kleinen Waisenkindes w\u00e4re. Dieses hing nun auch mit gro\u00dfer Hingabe an seinem Wohlth\u00e4ter und gehorchte ihm auf das Wort.\nLeider starb dieses Aeffchen trotz aller ihm erwiesenen Sorgfalt schon nach wenig Wochen. Koko war au\u00dfer sich vor Schmerz. Ich habe oft tiefe Trauer bei Thieren beobachtet, niemals aber in dem Grade, wie sie unser Affe jetzt zeigte. Zuerst nahm er seinen todten Liebling in die Arme, h\u00e4tschelte und liebkoste ihn, lie\u00df die z\u00e4rtlichsten T\u00f6ne h\u00f6ren, setzte ihn dann an seinen bevorzugten Platz an dem Boden, sah ihn immer wieder zusammenbrechen, immer unbeweglich bleiben und brach nun von neuem in wahrhaft herzbrechende Klagen aus. Die Gurgelt\u00f6ne gewannen einen Ausdruck, den ich","page":59},{"file":"p0060.txt","language":"de","ocr_de":"60\nDie Affen. Meerkatzen. \u2014 Rother Affe.\nvorher nie vernommen hatte; sie wurden weich, ergreifend, ton- und klangreich, und dann wieder unendlich schmerzlich, schneidend und verzweislungsvoll. Immer und immer wiederholte er seine Bem\u00fchungen, immer wieder sah er keinen Erfolg und begann dann wieder zu klagen und zu jammern. Sein Sckmerz hatte ihn veredelt und vergeistigt; er r\u00fchrte uns und bewegte uns zu dem tiefsten Mitleid. Ich lie\u00df endlich das Aeffchen wegnehmen, weil schon wenige Stunden nach dessen Tode die F\u00e4ulni\u00df begann, und die kleine Leiche \u00fcber eine hohe Mauer werfen. Koko hatte aufmerksam zugesehen, geberdete sich wie toll, zerri\u00df in wenig Minuten seinen Strick, sprang \u00fcber die Mauer hinweg, holte sich den Leichnam und kehrte mit ihm in den Armen auf seinen alten Platz zur\u00fcck. Wir banden ihn wieder fest, nahmen ihm den Todten nochmals und warfen ihn weiter weg; Koko befreite sich zum zweiten Male und that wie vorher. Endlich vergruben wir das Thier: \u2014 eine halbe Stunde sp\u00e4ter war Koko verschwunden, und am andern Tage erfuhren wir, da\u00df in dem Walde eines nahen Dorfes, welcher sonst nie Affen beherbergte, ein sehr menschengew\u00f6hnter Affe zu sehen gewesen sei.\nUngef\u00e4hr einen Monat sp\u00e4ter erhielt ich eine Meerkatzenmutter mit ihrem Kinde und konnte nun mit Mu\u00dfe das Verh\u00e4ltni\u00df zwischen Beiden belauschen; auch dieses Kleine starb, obwohl ihm Nichts mangelte. Von diesem Augenblicke an h\u00f6rte die Alte auf, zu fressen, und starb nach wenig Tagen.\nSolche Thatsachen tragen gewi\u00df nicht wenig dazu bei, diese Aussen zu wahren Lieblingen des Menschen zu machen; sie sind vielleicht die einzigen, mit denen man sich wirklich befreunden kann.\nIch erfuhr aber auch genug Beweise von dem Muthwillen derselben Affenart. Sie waren zuweilen sehr erg\u00f6tzlich, znweilen aber auch recht \u00e4rgerlich. Ein Freund von mir besa\u00df eines dieser Aeffchen, welches im h\u00f6chsten Grade z\u00e4rtlich an ihm hing, aber doch nicht an Reinlichkeit zu gew\u00f6hnen war. W\u00e4hrend es mit seinem Herrn spielte, beschmuzte es diesen oft in der sch\u00e4ndlichsten Weise, und weder Schl\u00e4ge noch andere Zuchtmittel, welche man in solchen F\u00e4llen bei Thieren anwendet, schienen das Geringste zu fruchten. Dieser Affe war sehr diebisch und nahm alle gl\u00e4nzenden Gegenst\u00e4nde, die er erwischen und forttragen konnte, augenblicklich an sich. Der Genannte wohnte in Kairo in dem Gesch\u00e4ftshause der ostindischen Compagnie. Im Untergescho\u00df befand sich die Schreiber- und die Kassenstube der Gesellschaft. Beide waren gegen menschliche Diebe durch starke Eisengitter vor den Fenstern wohl gesch\u00fctzt, nicht aber gegen solche Spitzbuben, wie jener Affe einer war. Eines Tages bemerkte mein Freund beide Backentaschen seines Lieblings vollgepfropft, lockte ihn deshalb an sich heran, untersuchte die Vorrathskammern und fand in der einen drei und in der andern zwei Guineen, welche sich der Affe aus der Kasse herauf geholt hatte. Das Geld wurde nat\u00fcrlich an den Eigenth\u00fcmer zur\u00fcckgegeben, derselbe aber zugleich ersucht, in Zukunft auch die Glasfenster verschlossen zu halten, um dem kleinen Diebe das Stehlen unm\u00f6glich zu machen.\nEine Meerkatze brachte ich mit in meine Heimat. Sie gewann sich sehr bald die Zuneigung meiner Eltern und anderer Leute, lie\u00df sich aber doch viel lose Streiche zu Schulden kommen. Die H\u00fchner meiner Mutter brachte sie geradezu in Verzweiflung, weil es ihr den gr\u00f6\u00dften Spa\u00df zu machen schien, diese Thiere zu jagen und zu \u00e4ngstigen. Im Hause selbst ging sie durch K\u00fcche und Keller, in alle Kammern und auf den Boden, und was ihr da recht schien, wurde entweder zerbissen oder gefressen oder mitgenommen. Niemand war so geschickt, ein H\u00fchnernest aufzufinden, wie sie: die H\u00fchner mochten machen, was sie wollten, Hassan, so hie\u00df der Affe, kam gewi\u00df hinter ihre Schliche, nahm die Eier weg und soff sie aus. Einige Male bewies er jedoch gerade bei dieser R\u00e4uberei wahren Menschenverstand. Meine Mutter schalt ihn aus und z\u00fcchtigte ihn, als er wieder mit dottergelbem Maule erschien. \u2014 Am andern Tage brachte er ihr zierlich ein ganzes H\u00fchnerei, legte es vor sie hin, gurgelte beif\u00e4llig und ging seiner Wege. Unter allen irdischen Gen\u00fcssen schien ihn Milch und noch mehr Sahne am meisten zu entz\u00fccken. Es dauerte gar nicht lange, so wu\u00dfte er in der Speisekammer pr\u00e4chtig Bescheid und genau, wo diese leckeren Dinge aufbewahrt wurden, ermangelte auch nicht, jede Gelegenheit zu benutzen, um seine Naschhaftigkeit zu befriedigen. Auch hierbei wurde er erwischt undmus-gescholten; deshalb verfuhr er in Zukunft listiger. Er nahm sich n\u00e4mlich das Milcht\u00f6pfchen mit auf den Baum und fra\u00df es dort in aller Ruhe aus. Anfangs warf er die ausgeleerten T\u00f6pfe achtlos","page":60},{"file":"p0061.txt","language":"de","ocr_de":"Aus dem Gefangenleben der graugr\u00fcnen Meerkatze.\n61\nweg und zerbrach sie dabei nat\u00fcrlich fast immer; daf\u00fcr wurde er bestraft und zu dem innigen Vergn\u00fcgen meiner Mutter brachte er ihr nun regelm\u00e4\u00dfig die teeren, aber unzerbrochenen T\u00f6pfchen wieder!\nSehr spa\u00dfhaft war es, wenn dieser Affe an den Ofen kletterte, oder wenn er ein ziemlich langes Ofenrohr bestieg: hier sprang er wahrhaft verzweifelt von einem Bein auf das andere, wenn ihm die W\u00e4rme des Rohres zu arg wurde, und f\u00fchrte dergestalt die allerdrolligsten Tanze aus: so gescheit war er aber nicht, da\u00df er den hei\u00dfen Boden verlassen h\u00e4tte, bevor er wirklich gebrannt worden war. Er blieb sehr gleichg\u00fcltig gegen alle unsere Hausthiere, hielt aber mit einem weiblichen Pavian, den ich ebenfalls mitgebracht hatte, innige Freundschaft und lie\u00df sich von diesem h\u00e4tscheln und pflegen, wie ein kleiner unverst\u00e4ndiger Affe, obgleich er vollkommen erwachsen war. Des Nachts schlief er stets in des Pavians Arm, und Beide hielten sich dann so fest umschlungen, da\u00df es aussah, als w\u00e4ren sie nur ein Wesen. Der Pavian und die Meerkatze unterhielten sich lange mit verschiedenen kurzen Gurgelt\u00f6nen und verstanden sich ganz entschieden vortrefflich. Seiner Pflegerin bewies er trotz seines Alters kindlichen Gehorsam, wie jenes oben erw\u00e4hnte junge Aeffchen seinem Wohlth\u00e4ter. Er folgte ihr \u00fcberall hin, wohin diese von uns gef\u00fchrt wurde, und kam sogleich in das Zimmer, in welches wir seine m\u00fctterliche Freundin brachten. Nur in deren Gesellschaft unternahm er weitere Ausfl\u00fcge, und wenn er allein seinem Treiben nachging, entfernte er sich niemals weit und blieb mit ihr in best\u00e4ndiger Unterhaltung. Selbst entschiedene Gewaltth\u00e4tigkeiten lie\u00df er sich von ihr gefallen, ohne zu grollen. Er theilte jeden guten Bissen mit seiner Pflegemutter; diese aber erkannte solche Herzensg\u00fcte nur selten und niemals dankbar an. So oft Hassan auch einmal etwas f\u00fcr sich behalten wollte, \u00e4nderte sich das Verh\u00e4ltni\u00df zwischen Beiden. Denn wie ein Raubthier siel dann der gro\u00dfe Pavian \u00fcber den armen Burschen her, brach ihm das Maul aus, holte sich mit seinen Fingern das Futter aus Hassans Backentaschen heraus, fra\u00df es auf und kniff und puffte den armen Wehrlosen wohl auch noch t\u00fcchtig dabei.\nGegen uns war er liebensw\u00fcrdig, gab aber niemals seine Selbstst\u00e4ndigkeit auf. Er kam auf den Ruf \u2014 wenn er wollte, sonst antwortete er wohl, r\u00fchrte sich aber nicht. Wenn wir ihn gefangen hatten und gewaltsam festhielten, verstellte er sich nicht selten mit gr\u00f6\u00dfter Meisterschaft und geberdete sich zuweilen, als m\u00fcsse er im n\u00e4chsten Augenblicke abscheiden; sowie er aber frei wurde, r\u00e4chte er sich f\u00fcr die erlittene Gefangenschaft durch Bei\u00dfen und entfloh dann mit beif\u00e4lligem Gegurgel.\nDer zweite kalte Winter, den er in Deutschland verlebte, endete leider sein frisches, fr\u00f6hliches Leben, und das ganze Haus trauerte um ihn, als ob ein Kind gestorben w\u00e4re. Jedermann hatte seine unz\u00e4hligen Unarten vergessen und gedachte nur noch seines heitern Wesens und seiner Gem\u00fcthlichkeit.\tc\nNicht alle Meerkatzen sind so h\u00fcbsch, wie die eben beschriebene Art; einige scheinen sogar recht m\u00fcrrisch und widerw\u00e4rtig zu sein. Nach meinen Erfahrungen ist der rothe Affe (Cercopithecus ruber \u2014 Seite 52), welcher dieselben Gegenden bewohnt, wie die eben geschilderte Art, die langweiligste und unliebensw\u00fcrdigste, und sein Geist entspricht so durchaus nicht seinem sch\u00f6n gezeichneten Leibe. Er ist ein sehr schmuckes Thier: der Pelz ist oben goldgl\u00e4nzend, unten, wie der Backenbart, wei\u00df; das Gesicht, die Ohren und H\u00e4nde sind schwarz, und um die Augen zieht sich ein fleischrother Ring. Seine Gr\u00f6\u00dfe \u00fcbertrifft die des Vorigen um etwas. Dieser Affe d\u00fcrfte die Callitriche des Plinius sein. Man findet ihr Bildni\u00df auf den eghptischen Denkm\u00e4lern und sie selbst einbalsamirt in den Pyramiden von Sakhahra, obwohl man nicht zu sagen wei\u00df, warum gerade sie und nicht der vorhergehende Affe zu solcher Ehre gekommen ist. In ihrer Jugend ist die Callitriche lebhaft, anst\u00e4ndig und liebensw\u00fcrdig, je \u00e4lter sie aber wird, um so ernsthafter, langweiliger und b\u00f6sartiger zeigt sie sich. Sie verliert dann gew\u00f6hnlich alle Zahmheit und bei\u00dft giftig um sich. Ihre Reizbarkeit ist sehr gro\u00df und der Ausdruck derselben wirklich l\u00e4cherlich: sie sperrt n\u00e4mlich, wenn sie w\u00fcthend wird, das Maul weit auf, als ob sie g\u00e4hne und faucht leise dabei. Wie es scheint, kommt sie niemals in so gro\u00dfen Herden vor, wie der vorhergehende Affe. \u2014","page":61},{"file":"p0062.txt","language":"de","ocr_de":"62\tDie Affen. Meerkatzen. \u2014 Diana. Wei\u00dfnase. Mohrenasfe. Makaken.\nAu\u00dfer ihr zeichnen sich noch manche andere Meerkatzen durch ihre Sch\u00f6nheit aus. Eine der bekanntesten derselben ist die Diana (Cercopithecus Diana \u2014 Seite 54). Diese ist ein ziemlich kleines, schlankes Thier und an ihrem langen Backen- und Stutzbart leicht kenntlich. Ihre Hauptfarbe ist schiefergrau, der R\u00fccken und das Kreuz sind purpurbraun, der untere K\u00f6rper wei\u00df, die Schenkel hinten gelblich, das Gesicht schwarz; dem Weibchen mangelt der Bart. Wenn wir nun noch die Wei\u00df-Nase (Cercopithecus petaurista \u2014 Seite57) auff\u00fchren, haben wir der merkw\u00fcrdigsten und bekanntesten Arten unserer Sippe Erw\u00e4hnung gethan.\nAn die folgende Gruppe erinnert der Mohrenasfe (Cercopithecus oder Cercocebus fuligi-nosus \u2014 Seite 59), welcher an der K\u00fcste von Guinea lebt, durch seine gedrungene Gestalt und die vorstehende dicke Schnauze. Seine L\u00e4nge mit dem Schwanz betr\u00e4gt \u00fcber drei Fu\u00df, die Leibesl\u00e4nge gegen zwei Fu\u00df; seine F\u00e4rbung ist oben ru\u00dfbraun, unten graulich. In Thierschaubuden ist er eine h\u00e4ufige Erscheinung.\nMit dem Namen Makak oder Makako bezeichnet man an der K\u00fcste von Guinea alle Affen \u00fcberhaupt, im wissenschaftlichen Sinne aber eine nicht besonders zahlreiche Gruppe, deren Mitglieder theils im s\u00fcd\u00f6stlichen Asien, theils in Afrika leben. Neuere Forscher ^haben die Sippe getrennt und unterscheiden die asiatischen und geschw\u00e4nzten Makaken (Macacus) von dem japanesischen und dem afrikanischen ungeschw\u00e4nzten Magot (Inuus), welcher auch die Felsen Gibraltars bewohnt. In ihrer Gestalt und Lebensweise haben beide Sippen \u00fcbrigens so viel Gemeinschaftliches, da\u00df wir sie recht wohl zusammenfassen k\u00f6nnen.\nAlle Affen beider Sippen haben eine untersetzte Gestalt, gleichlange und ziemlich starke Gliedma\u00dfen, eine stark vorspringende Schnauze, f\u00fcnfzehige Vorder- und Hinterh\u00e4nde mit langen Daumen und eine weiche lockere Behaarung. Nur der Schwanz spielt in verschiedener L\u00e4nge; er ist bei den einen blos ein Stummel, bei andern mittellang und bei den dritten l\u00e4nger als der Leib.\nIn der Vorzeit waren die Makaken \u00fcber einen gro\u00dfen Theil Europas verbreitet, und auch gegenw\u00e4rtig noch gehen sie am weitesten nach Norden hinauf. Die stummelschw\u00e4nzigen Arten bewohnen Nordafrika und Japan, die langschw\u00e4nzigen das Festland und die Inseln Ostindiens. Sie vertreten gleichsam die Meerkatzen, \u00e4hneln aber auch wiederum den Pavianen in vieler Hinsicht und sind somit als Verbindungsglieder zwischen beiden anzusehen. Diese Mittelstellung spricht sich auch in ihrer Lebensweise aus, d. h. sie leben bald wie die Meerkatzen in W\u00e4ldern, bald wie die Paviane auf Felsen. Beider Unversch\u00e4mtheit scheint in ihrem Wesen vereinigt zu sein; in der Jugend sind sie gem\u00fcthlich lustig wie die Meerkatzen, im Alter boshaft und'frech wie die Paviane. Sie eignen sich vortrefflich f\u00fcr die Gefangenschaft, halten am l\u00e4ngsten in ihr aus und pflanzen sich am leichtesten in ihr fort. Daher wei\u00df man auch, da\u00df sie sieben Monate tr\u00e4chtig gehen. W\u00e4hrend der Brunstzeit schwellen die Geschlechtstheile Hrer Weibchen stark an, wie bei den weiblichen Pavianen. \u2014 Unter den acht Arten der Gruppe, welche man mit Sicherheit als von einander verschieden betrachten darf, w\u00e4hlen wir uns die Ausgezeichnetsten und Bekanntesten aus.\nEine Art aus Malabar kommt uns sehr h\u00e4ufig in Thierschaubuden*zu Gesicht und hei\u00dft deshalb auch der gemeine Makako (Macacus sinicus). Bezeichnender d\u00fcrfte der lateinische Name oder der Titel \u201eHutaffe\" sein, weil beide an die \u201echinesische\" M\u00fctze erinnern, welche das Thier auf seinem Kopfe tr\u00e4gt. In seiner Heimat hei\u00dft unser Affe \u00fcbrigens Munga oder Malbruk. Seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt nur einen Fu\u00df, die des Schwanzes aber 1V2 Fu\u00df; der Leib ist ziemlich schm\u00e4chtig, die Schnauze zusammengedr\u00fcckt und vorstehend, das Scheitelhaar strahlig. Die F\u00e4rbung ist ein fahles Gr\u00fcnlichgrau, welches durch den Gesammtausdruck der grauen, schwarz und gelb geringelten Haare hervorgerufen wird; die Unterseite ist wei\u00dflich, H\u00e4nde und Ohren sind schw\u00e4rzlich gef\u00e4rbt. Von den Meerkatzen unterscheidet er sich haupts\u00e4chlich durch den kr\u00e4ftigern Leibes- und Gliederbau.","page":62},{"file":"p0063.txt","language":"de","ocr_de":"Verbreitung. Heilighaltung indischer Makaken.\n63\nIn seinem geistigen Wesen ist der Munga ein \u00e4chter Affe, d. h. wetterwendisch wie kaum ein anderes Thier. Seine Launen wechseln ohne Ursache in jedem Augenblick, und daher kommt es, da\u00df man eigentlich niemals recht wei\u00df, wie man mit ihm daran ist. Sein Muthwillen, die Munterkeit seines Wesens, seine Nachahmungssucht und seine Gelehrigkeit machen ihn jedoch zu einem gern gesehenen Gesellschafter und lassen nicht nur seine Unarten, sondern auch sein wirklich garstiges Gesicht vergessen.\nRecht gem\u00fcthlich mag sein Freileben sein. Er bewohnt die dichteren Waldungen Malabars, ohne von irgend welchem Feinde behelligt zu werden. Die Eingebornen betrachten ihn als ein heiliges Wesen und erlauben ihm nicht blos, in ihren G\u00e4rten nach Lust und Willk\u00fcr zu schalten, sondern errichten ihm noch besonders Tempel und bauen Fruchtg\u00e4rten f\u00fcr ihn an, um dem saubern Heiligen ihre Ehrfurcht zu beweisen. Ob auch ihm \u00e4hnliche Heldenthaten zugeschrieben werden, wie dem Hulmann, ist mir unbekannt.\nDer Munga (Macacus Sifcicus).\tDer Bhunder (Macacus Rhesus).\nist nicht unm\u00f6glich, da\u00df der Munga mit einem andern indischen Affen, dem Bhunder oder Rhesus (Macacus Rhesus) verwechselt wird. Dieses Thier scheint in den Augen der Inder ein sehr gro\u00dfer Gott zu sein, so eine Art Erzheiliger oder Erzengel. Seine Verehrung \u00fcbersteigt das Ma\u00df von kindlicher Einfalt.\n\u201eIn der Wh- von Bindrabun. zu Deutsch Affenwald\", sagt Kapit\u00e4n Zohnsohn, \u201egiebt es mehr als hundert wohlbestellte G\u00e4rten, in welchen alle Arten von Fr\u00fcchten gezogen werden einzig und allein zum Besten dieser Affen, deren Unterhaltung den Reichen des Lande\u00ab als gro\u00dfes Glaubenswerk erscheint.\"\n\u201eAls ich durch eine der Stra\u00dfen in Bindrabun ging, folgte -in alter Affe mir von Bann, zu Baum, kam pl\u00f6tzlich herunter, nahm mir meinen Turban weg und entfernte sich damit in kurzer Zeit, ohne wieder gesehen zu werden.\n\u201eIch wohnte einst einen Monat in dieser Stadt, und zwar in einem gro\u00dfen Hause an den Ufern des Flusses, welches einem reichen Eingebornen geh\u00f6rte, Das Haus hatte keine Th\u00fcren, und die Affen kamen oft in das Innere des Zimmers, in welchem ich mich aufhielt, und nahmen Brod und andere Dinge vor unseren Augen von dem Tische weg. Wenn wir in einer Ecke des Raumes schliefen,","page":63},{"file":"p0064.txt","language":"de","ocr_de":"64\nDie Affen. Makaken. \u2014 Munga und Bhunder.\nbrandschatzten sie uns auch in anderer Hinsicht. Ich habe oft mich schlafend gestellt, um sie in ihren Treiben zu beobachten, und dabei mich weidlich gefreut ihrer Pfiffigkeit und Geschwindigkeit. S\u00e4tze von zw\u00f6lf bis f\u00fcnfzehn Fu\u00df von einem Haus zum andern, mit einem, ja zwei Jungen unter ihrem Bauche und noch dazu beladen mit Brod, Zucker und anderen Gegenst\u00e4nden, schienen f\u00fcr sie nur Spa\u00df zu sein.\"\n\u2018\t\u201e Als ich einmal auf einem Ausflug in Jeckarry war, wurden unsere Zelte in einem gro\u00dfen\nMangogarten aufgeschlagen und unsere Pferde in geringer Entfernung davon angepfl\u00f6ckt. Als wir bei Tische waren, kam unser Reitknecht und erz\u00e4hlte, da\u00df eins von den Pferden sich losgebrochen hatte, weil es die Affen auf den B\u00e4umen erschreckt hatten durch ihr Gez\u00e4nk und das Herabwerfen von d\u00fcrren Zweigen, und da\u00df wahrscheinlich die \u00fcbrigen Pferde dem Beispiel des einen folgen w\u00fcrden, wenn wir nicht Hilfe schafften. Sobald als das Essen vor\u00fcber war, ging ich mit meinem Gewehr, um sie wegzutreiben. Ich scho\u00df auf einen mit einem schwachen Schu\u00df, und er entfloh eilig zwischen die dichtesten Zweige des Baumes, blieb aber dann entkr\u00e4ftet sitzen und versuchte, das aus der Wunde vinnende B!ut durch Auflegen seiner H\u00e4nde zum Stocken zu bringen. Dies ersch\u00fctterte mich so, da\u00df ich an keine Jagd mehr dachte und zur\u00fcckkehrte. Noch ehe ich den Vorfall meinen Freunden beschreiben tonnte, kam ein Reitknecht zu uns und erz\u00e4hlte, da\u00df der Affe zwar todt gewesen sei, aber von den anderen augenblicklich aufgenommen und fortgetragen worden w\u00e4re, Niemand wisse, wohin.\"\n\u201eEin glaubw\u00fcrdiger Mann erz\u00e4hlt mir, da\u00df die Ehrfurcht der Eingebornen gegen diesen Affen fast ebenso gro\u00df sei, wie die gegen den Hulman. Die Eingebornen von Baka lassen den Erntezehnten auf dem Acker f\u00fcr diese Affen zur\u00fcck, welche alsbald von ihren Bergen herabsteigen, um sich die Steuern zu holen.\"\nBereitwillig zahlt jeder Hindu diese Abgabe und zeigt hierin eine Mildth\u00e4tigkeit und Barmherzigkeit, welche, trotzdem da\u00df sie fast l\u00e4cherlich erscheint, ihm doch so zur Ehre gereicht, da\u00df wir sie uns in vieler Hinsicht zum Vorbild nehmen k\u00f6nnten. Auch in dem Schutz, welchen sie den von ihnen gepflegten Thieren Fremden gegen\u00fcber gew\u00e4hren, kann ich meines Theils nichts L\u00e4cherliches oder Unpassendes finden; mir will es vielmehr h\u00f6chst achtbar vorkommen, da\u00df dort die Menschen noch die Thiere gegen jeden Frevel in Schutz nehmen. Freilich gehen die Indier etwas zu weit: denn sie rauben dem Menschen, welcher einen Affen t\u00f6dtete, das Leben. Zwei junge britische Offiziere begingen auf einem Jagdzug die Unvorsichtigkeit, einen Bhunder zu schie\u00dfen. Die Eingebornen erhoben sich in Masse gegen sie und versuchten, sie zu steinigen. Der Elefant, auf welchem die Offiziere ritten, suchte dem zu entgehen, indem er nach dem Flu\u00df rannte und mit seiner Last in ihm abw\u00e4rts schwamm. Er erreichte auch eine Meile unter der Stadt, welche die Briten in Aufruhr gesetzt hatten, das Land, allein seine Reiter waren beide ertrunken.\nF\u00fcr die Fremden ist es freilich schwer, mit diesen Assen zusammenzuleben, ohne mit ihnen in Feindschaft zu gerathen. Es ist fast unm\u00f6glich, sich einen Garten oder eine Pflanzung anzulegen: die geduldeten Halbg\u00f6tter vernichten oder brandschatzen ihn wenigstens in der allernachdr\u00fccklichsten Weise. Wenn man Wachen ausstellt, um sie zu verscheuchen, kommt man nicht zum Ziele; denn wenn man die zudringlichen G\u00e4ste auf der einen Seite weggejagt hat, erscheinen sie auf der andern wieder. Brennende Feuer, Schreckensbilder und dergleichen st\u00f6ren sie nicht im geringsten, und die ihnen wirklich angethane Gewalt gef\u00e4hrdet das eigne Leben.\nEin dort wohnender Engl\u00e4nder wurde, wie man erz\u00e4hlt, durch die Thiere zwei Jahre lang in dieser Weise bestohlen und ge\u00e4rgert. Er wu\u00dfte sich gar nicht mehr vor ihnen zu retten, bis er endlich auf ein wirklich sinnreiches Mittel verfiel. Er hatte immer gesehen, da\u00df seine herrliche Zuckerrohrpflanzung von Elefanten, Schweinen, vor allem aber von den Affen verw\u00fcstet wurde. Erstere wu\u00dfte er in kurzer Zeit durch einen tiefen Graben mit einem Spitzfahlzaun abzuwehren. Die Affen aber fragten wenig oder gar nichts nach Wall oder Graben, sondern kletterten in aller Gem\u00fcthsruhe auch \u00fcber den Zaun hinweg und raubten nach wie vor. Der Pflanzer sah seine Ernte verschwinden. Da kam er aus einen gl\u00fccklichen Gedanken. Er jagte eine Bande Affen auf einen","page":64},{"file":"p0065.txt","language":"de","ocr_de":"Geschichten aus Indien. Eine Affenmutter und ihr Kind.\n65\nSaunt, f\u00e4llte denselben mit Hilfe seiner Diener, fing eine Menge von den Jungen und nahm sie mit sich nach Haus. Hier hatte er sich bereits eine Salbe zurecht gemacht, in welcher Zucker, Honig und Brechweinstein die Hauptbestandtheile waren. Mit dieser Salbe wurden die jungen Affen eingerieben und dann wieder freigelassen. Die \u00e4ngstlichen Eltern hatten sorgend nach ihrer Nachkommenschaft gesp\u00e4ht und waren froh, als sie die lieben Kinder erblickten. Aber o Jammer, wie kamen sie zur\u00fcck! Unsauber, beschmuzt, beschmiert, kaum mehr kenntlich. Nat\u00fcrlich, da\u00df sofort eine gr\u00fcndliche Reinigung vorgenommen wurde. Die Beschwerde der S\u00e4uberung schien sich zu lohnen, denn zuckers\u00fc\u00df war die Schmiere, welche den K\u00f6rper bedeckte. Beif\u00e4lliges Grunzen wurde vernommen, doch nicht lange Zeit: der Brechweinstein zeigte seine t\u00fcckische Wirkung, und ein Fratzenscheiden begann, wie niemals fr\u00fcher, als die Affen sich anschickten, mit hei\u00dfem Flehen den heiligen Ulrich anzurufen. Nach dieser bittern Erfahrung kamen sie nie wieder in die N\u00e4he des Verr\u00e4thers und lie\u00dfen sein Hab und Gut fortan unbehelligt.\nDer Bhunder ist iy2 Fu\u00df lang, sein Schwanz % Fu\u00df. Er ist von kr\u00e4ftigem, untersetzten Bau, am Oberleib reichhaltig, am Unterleib sp\u00e4rlich behaart. Seine Haut ist schlaff und bildet an dem Halse, der Brust und dem Bauche wammenartige Falten. Die F\u00e4rbung ist oben gr\u00fcnlich oder fahlgrau, an den Schenkeln mit hellgelblichen Anflug, an der Unterseite wei\u00df. Der Schwanz ist oben gr\u00fcnlich, unten graulich. Das Gesicht, die Ohren und H\u00e4nde sind licht kupferfarben, die Ges\u00e4\u00dfschwielen lebhaft roth gef\u00e4rbt. Das Weibchen tr\u00e4gt seinen Schwanz gew\u00f6hnlich h\u00e4ngend, das M\u00e4nnchen bogig ab- und einw\u00e4rts gekr\u00fcmmt. Unser Affe ist weit verbreitet in ganz Indien und steigt bis zu zehntausend Fu\u00df \u00fcbers Meer empor.\nIn der Gefangenschaft ist der Bhunder nicht eben angenehm, sondern \u00e4rgerlich, w\u00fcthend und sehr reizbar. Er zerbricht und zerrei\u00dft Alles, was man in die N\u00e4he seines K\u00e4figs bringt, und scheint sich au\u00dferordentlich zu freuen, wenn ihm ein schlechter Streich gelang. Dabei ist er eifers\u00fcchtig und schels\u00fcchtig gegen seines Gleichen und ger\u00e4th in Wuth, wenn er einen andern Affen fressen sieht. In dem Thiergarten zu Paris hatte man im November des Jahres 1824 das Vergn\u00fcgen, ein tr\u00e4chtiges Weibchen dieser Art zu erhalten und es vor und nach der Geburt seines Jungen beobachten zu k\u00f6nnen. Der ausgezeichnete Forscher Cnvier theilt uns hier\u00fcber Folgendes mit:\n\u201eUnmittelbar nach der Geburt klammerte der junge Bhunder sich an dem Bauche seiner Mutter fest, indem er sich mit den vier H\u00e4nden an ihrem Pelz festhielt und mit dem Munde die Saugwarze erfa\u00dfte. Vierzehn Tage lang lie\u00df er die Br\u00fcste seiner Mutter nicht frei. Er blieb w\u00e4hrend der ganzen Zeit in unver\u00e4nderter Stellung immer zum Saugen bereit und schlafend, wenn die Alte sich niedersetzte, aber auch im Schlafe sich festhaltend. Die eine Saugwarze verlie\u00df er nur, wenn er die andere ergreifen wollte, und so gingen ihm die ersten Tage seines Lebens vor\u00fcber, ohne da\u00df er irgend eine andere Bewegung gemacht hatte, als die der Lippen, um zu saugen, und die der Augen, um zu sehen. Er wurde, wie alle Affen, mit offenen Augen geboren, und es schien, da\u00df er vom ersten Augenblicke an seine Umgebung zu unterscheiden verm\u00f6ge; denn er folgte allen um ihn vorgehenden Bewegungen mit seinen Augen.\"\n\u201eEs l\u00e4\u00dft sich kaum beschreiben, wie gro\u00df die Sorgfalt der Mutter war f\u00fcr Alles, was das Saugen und die Sicherheit ihres Neugebornen-betraf. Sie zeigte sich stets verst\u00e4ndig und so umsichtig, da\u00df man sie bewundern lernte. Das geringste Ger\u00e4usch, die mindeste Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit und zugleich auch eine \u00e4ngstliche Sorgfalt f\u00fcr ihr Junges, nicht f\u00fcr sich selbst; denn sie war an die Menschen gew\u00f6hnt und ganz zahm geworden. Alle ihre Bewegungen geschahen mit gr\u00f6\u00dfter Gewandtheit, doch niemals so, da\u00df der S\u00e4ugling dabei h\u00e4tte Schaden leiden k\u00f6nnen. Das Gewicht ihres Jungen schien keine ihrer Bewegungen zu hindern, und es war auch kein Unterschied in der Gewandtheit oder in dem Ungest\u00fcm derselben zu bemerken. Wohl aber sah man deutlich, da\u00df die Alte sich doppelt im Acht nahm, um nicht irgendwo mit ihrem Kinde anzusto\u00dfen. Etwa nach vierzehn Tagen begann dieses sich von seiner Mutter loszumachen und zeigte 'gleich in seinen ersten Schritten eine Gewandtheit, eine St\u00e4rke, welche alle in Erstaunen setzen mu\u00dfte, weil beidem doch\nBrehm, Thierleben.\tc","page":65},{"file":"p0066.txt","language":"de","ocr_de":"66\nDie Affen. Makaken. \u2014 Bhunder. Schweinsaffe.\nweder Uebung noch Erfahrung zu Grunde liegen konnte. Der junge Bhunder klammert sich gleich anfangs an die senkrechten Eisenstangen seines K\u00e4figs und kletterte an ihnen nach Laune auf und nieder, machte wohl auch einige Schritte auf dem Stroh, sprang freiwillig von der H\u00f6he seines K\u00e4figs auf seine vier H\u00e4nde herab und dann wieder gegen die Gitter, an welchen er sich mit einer Behendigkeit und Sicherheit anklammerte, die dem erfahrensten Affen Ehre gemacht h\u00e4tte. Die Mutter verfolgte jede Bewegung ihres Kindes mit der gr\u00f6\u00dften Aufmerksamkeit und schien immer bereit, einen etwaigen Schaden ihres Lieblings zu verhindern. Sp\u00e4ter versuchte sie, sich von Zeit zu Zeit der B\u00fcrde zu entledigen, blieb aber stets gleich besorgt um ihr Kind, und wenn sie nur die mindeste Gefahr zu bef\u00fcrchten glaubte, nahm sie es sogleich wieder zu sich. Die leichteste Ber\u00fchrung desselben mit ihrer Hand war dem folgsamen Z\u00f6gling ein Befehl zur R\u00fcckkehr, und er nahm dann augenblicklich die gewohnte Lage an der Brust der Mutter wieder ein. Die Spr\u00fcnge und Spiele des kleinen Thieres wurden im gleichen Verh\u00e4ltni\u00df ausf\u00fchrlicher, als die Kr\u00e4fte desselben zunahmen. Ich habe seine lustigen Uebungen oft lange mit dem gr\u00f6\u00dften Vergn\u00fcgen beobachtet und kann bezeugen, da\u00df ich es nie eine falsche Bewegung thun, irriges Ma\u00df nehmen oder nicht vollkommen genau den Punkt, welchen es beabsichtigt hatte, erreichen sah. Der kleine Affe gab mir den unzweideutigen Beweis, da\u00df er schon von allem Anfang an Entfernungen beurtheilen und den f\u00fcr jeden seiner Sprunge erforderlichen Grad von Kraft zu bestimmen vermochte. Er kannte seine nat\u00fcrlichen Bewegungen vom ersten Augenblick an und wu\u00dfte durch sie Das zu erreichen, was ein anderes Thier, selbst wenn es den Verstand eines Menschen besessen haben w\u00fcrde, erst nach zahlreichen Versuchen und manchfachen Uebungen h\u00e4tte erlangen k\u00f6nnen. Hier konnte man wohl sagen: Was wissen wir, wenn wir eine Erkl\u00e4rung der Handlungen der Thiere geben sollen?\"\n\u201eNach sechs Wochen ungef\u00e4hr ward dem Affen eine kr\u00e4ftigere Nahrung, als die Muttermilch, und damit zeigte sich eine neue Erscheinung. Die Thiere gew\u00e4hrten neue Ausschl\u00fcsse \u00fcber ihr geistiges Wesen. Dieselbe Mutter, welche wir fr\u00fcher mit der z\u00e4rtlichsten Sorgfalt f\u00fcr ihr Junges besch\u00e4ftigt sahen, welche dasselbe ohne Unterbrechung an ihrem K\u00f6rper und ihren Br\u00fcsten h\u00e4ngend trug, und von welcher man glauben sollte, sie w\u00fcrde, von Mutterliebe getrieben, ihm den Bissen aus dem eignen Munde zu reichen bereit sein: dieselbe Mutter gestattete ihm, als es zu essen anfing, nicht, auch nur das Geringste von der ihm dargereichten Speise zu ber\u00fchren. Sobald der W\u00e4rter Obst und Brod gereicht hatte, bem\u00e4chtigte sie sich solcher, stie\u00df das Junge, wenn es sich n\u00e4hern wollte, von sich und f\u00fcllte eilends Backentaschen und H\u00e4nde, damit ihr Nichts entgehe. Man w\u00fcrde sehr irren, wenn man glauben wollte, da\u00df ein edlerer Trieb, als die Fre\u00dfgier, sie zu diesem Betragen bewogen habe. Zum Saugen konnte sie das Junge nicht n\u00f6thigen wollen; denn sie hatte keine Milch mehr, und ebensowenig konnte sie Besorgni\u00df hegen, da\u00df die Speisen ihrem Jungen sch\u00e4dlich sein k\u00f6nnten; denn dieses fra\u00df dieselben begierig und befand sich dabei recht wohl. Der Hunger machte es nun bald sehr k\u00fchn, unternehmend und behend. Es lie\u00df sich nicht mehr von den Schl\u00e4gen der Mutter zur\u00fcckschrecken; und was sie auch thun'mochte, um ihr Kind zu entfernen und Alles f\u00fcr sich allein zu behalten: das Junge war pfiffig und gewandt genug, doch immer sich des einen oder des andern Bissens zu bem\u00e4chtigen und ihn hinter dem R\u00fccken der Mutter, so fern als m\u00f6glich von ihr, rasch zu verzehren. Diese Vorsicht war auch gar nicht unn\u00f6thig; denn die Alte lief mehrmals in die entfernteste Ecke des Raumes, um ihrem Kinde die Nahrung wieder abzunehmen. Um nun die Nachtheile zu verh\u00fcten, welche die unm\u00fctterlichen Gef\u00fchle h\u00e4tten mit sich bringen k\u00f6nnen, lie\u00dfen wir mehr Vorr\u00e4the reichen, als die Alte verzehren oder auch nur in ihrem Munde verbergen konnte, und damit war dem Jungen geholfen. Dieses lebte nun bei guter Gesundheit und wurde von der Mutter gepflegt, so lange es sich nicht um das Essen handelte. Es unterschied die Personen recht gut, welche ihm Nahrung reichten oder es liebkosten, war sehr gutartig und hatte von dem Afsencharakter einstweilen nur die Munterkeit und Behendigkeit.\nIch habe die ausgezeichnete Beobachtung des gro\u00dfen franz\u00f6sischen Forschers absichtlich hier in aller Ausf\u00fchrung gegeben, weil meine eigenen Wahrnehmungen an den Meerkatzen uns das m\u00fctterliche und kindliche Verh\u00e4ltni\u00df in einem andern Licht gezeigt haben.","page":66},{"file":"p0067.txt","language":"de","ocr_de":"Jugendleben des. B Hund er. Beschreibung des .Schweinsaffen.\n67\nVon den bisher genannten Makaken unterscheidet sich ber @ cf) e i n S a f f e (Macacus nemestrinus) vornehmlich durch seinen kurzen, d\u00fcnnen Schwanz und die hohen Beine. Er erinnert entfernt an die Paviane. Seinen Namen erhielt er eben wegen seines Schwanzes, welcher mit dem eines Schweines insofern Aehnlichkeit hat, als ihn der Affe in einer ganz eigenth\u00fcmlichen gekr\u00fcmmten Weise tr\u00e4gt. Die Behaarung auf der Oberseite des K\u00f6rpers ist lang und reichlich, auf der Unterseite ziemlich sp\u00e4rlich; ihre F\u00e4rbung ist oben dunkelolivenbraun, jedes einzelne Haar abwechselnd olivenfarben, gr\u00fcnlich, gelblich und schwarz geringelt; auf dem Oberarm ist die F\u00e4rbung mehr fahlgelb und auf der Unterseite des Leibes gelblich oder br\u00e4unlichwei\u00df. Die Unterseite des Schwanzes ist hellrostbr\u00e4unlich gef\u00e4rbt. Gesicht, Ohren, H\u00e4nde und Ges\u00e4\u00dfschwielen sind nackt und schmuzig fleischfarben, die oberen Augenlider wei\u00dflich, die Augen braun. Aus dem Scheitel gehen die Haare strahlenf\u00f6rmig auseinander und erinnern nochmals an den fr\u00fcher genannten Makako. Die H\u00f6he dieses Affen betr\u00e4gt 2 Fu\u00df 8 Zoll, die L\u00e4nge des K\u00f6rpers 1 Fu\u00df 9 Zoll und die des Schwanzes 6 Zoll. Er lebt in den W\u00e4ldern von\nDer Schweinsaffe. (Macacus nemestrinus).\nSumatra, Borneo und der malaiischen Halbinsel und ist lebhaft und behend, in der Zugend gut und leicht zu z\u00e4hmen, l\u00e4\u00dft sich auch am leichtesten abrichten. Dies benutzen die Malaien, welche ihn Br\u00fch nennen, um ihn in ausgedehnter Weise f\u00fcr sich arbeiten zu lassen. Sie lassen ihn n\u00e4mlich auf die Kokospalme klettern und von dort die Fr\u00fcchte abnehmen. Dabei benimmt er sich so verst\u00e4ndig und geschickt, da\u00df er die reifen stets von den unreifen unterscheidet und nur jene herabwirst. In dieser Benutzung steht unser Affe einzig unter seinem Geschlecht da. Er arbeitet hier wirklich wie ein Hausthier, als Gehilfe des Menschen. Die Gefangenschaft vertr\u00e4gt der Br\u00fch gut und lange, auch bei uns zu Lande. Es sind sogar F\u00e4lle bekannt, da\u00df er sich hier fortgepflanzt hat. Dagegen sagt man ihm auch nach, da\u00df er die gr\u00f6\u00dfte Fertigkeit in der Aus\u00fcbung von dummen und nichtsnutzigen Streichen bes\u00e4\u00dfe und dadurch seinen Herrn nicht besonders vergn\u00fcge.\nZu die Gruppe der Makaken geh\u00f6rt endlich noch ein in doppelter Hinsicht merkw\u00fcrdiger Asse, der Magot (Imins ecaudatus); sonst auch unter dem Namen t\u00fcrkischer, gemeiner und berbe-","page":67},{"file":"p0068.txt","language":"de","ocr_de":"08\t\"Dje Affen. Makaken. \u2014 Magot.\nrischer Affe bekannt. Er ist der einzige Makake, welcher in Afrika lebt, und der einzige seiner Ordnung, welcher noch heutigen Tages in Europa wild gefunden wird. Wahrscheinlich ist er seit den \u00e4ltesten Zeiten bekannt; denn es ist anzunehmen, da\u00df die alten R\u00f6mer haupts\u00e4chlich ihn anstatt des Menschen zur Zergliederung benutzen.\nDer Magot ist von schm\u00e4chtigem K\u00f6rperbau und hochbeinig. Sein runzliches Gesicht ist fleischfarben; die Ohren sind rund und menschen\u00e4hnlich; der Schwanz ist nur ein kurzer, kaum sichtbarer Stummel. Sein Pelz ist ziemlich reichlich, auf der Unterseite des Leibes aber sp\u00e4rlich. Im Gesicht zeigt sich ein dichter, gelblichwei\u00dfer Bart, w\u00e4hrend die Stirnhaare und ein Haarstreifen \u00fcber den Augen schwarz sind. Der R\u00fccken und die Au\u00dfenseite der vorderen Gliedma\u00dfen sind gr\u00fcnlichbraun, die Au\u00dfenseite der hinteren Gliedma\u00dfen und die H\u00e4nde sind r\u00f6thlichgelb. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt etwa zwei Fu\u00df.\nUnser Asse ist der best\u00e4ndige Begleiter der B\u00e4ren- und Kamelf\u00fchrer, welche in unserm gebildeten Zeitalter leider nicht mehr die liebe Jugend in derselben Weise belustigen tote fr\u00fcher. Seine Heimat ist das nordwestliche Afrika. Hier lebt er in gro\u00dfen Gesellschaften unter Leitung alter, erfahrener M\u00e4nnchen. Er ist sehr klug, listig und verschlagen, gewandt, behend und kr\u00e4ftig und wei\u00df sich im Nothfall mit seinem vortrefflichen Gebi\u00df ausgezeichnet zu vertheidigen. Bei jeder leidenschaftlichen Erregung verzerrt er das Gesicht in einem Grade, wie kein^anderer Affe, bewegt dabei die Lippen schnell nach allen Richtungen hin und klappert auch wohl mit den Z\u00e4hnen. Nur wenn er sich f\u00fcrchtet, st\u00f6\u00dft er ein heftiges, kurzes Geschrei aus. Sein Verlangen, sowie Freude, Abscheu, Unwrllen und Zorn giebt er durch Fratzen und Z\u00e4hneklappern zu erkennen. Wenn er zornig ist, bewegt er seine in Falten gelegte Stirn heftig auf und ab, streckt die Schnauze vor und zw\u00e4ngt die Lippen so zusammen, da\u00df der Mund eine kleine zirkelrunde Oeffnung bildet. In der Freiheit lebt er in felsigen Gegenden, wie die Paviane, ist aber auch geschickt auf B\u00e4umen. Man sagt, da\u00df er, wie die Paviane, viel Kerbthiere und W\u00fcrmer fresse, deshalb best\u00e4ndig die Steine umw\u00e4lze und sie gelegentlich die Berge herabrolle. An steilen Geh\u00e4ngen soll er hierdurch nicht selten gef\u00e4hrlich werden. Die Scorpione sind, wie behauptet wird, seine Lieblingsnahrung; er wei\u00df ihren giftigen Stachel geschickt auszurupfen und verspeist sie dann mit gro\u00dfer Gier. Aber auch mit kleinen Kerbthieren und W\u00fcrmern begn\u00fcgt er sich, und je kleiner seine Beute sein mag, um so eifriger zeigt er sich in der Jagd, um so begieriger verzehrt er den gemachten Fang. Das erhaschte Kerbthier wird sorgf\u00e4ltig aufgenommen, dann vor die Augen gehalten, mit einer beif\u00e4lligen Fratze begr\u00fc\u00dft und nun sofort gefressen. In der Gefangenschaft besteht sein Hauptvergn\u00fcgen darin, Hunde, Katzen und unter Umst\u00e4nden auch Menschen nach allerhand kleinen, schmarotzenden G\u00e4sten abzusuchen, und er selbst zeigt sich h\u00f6chst dankbar, wenn man ihm dieselbe Gef\u00e4lligkeit anthut.\nDieser Affe ist jedenfalls derjenige, von welchem Plinius uns berichtet, da\u00df er Alles nachahme, das Bretspiel lerne, ein mit Wachs gemaltes Bild zu unterscheiden verstehe, in den H\u00e4usern Junge hervorbringe, es gern habe, wenn man sich mit ihm abg\u00e4be, und dergleichen. Auch sp\u00e4tere Schriftsteller erw\u00e4hnen den Magot. Leo Africanus sagt, da\u00df derselbe in den mauritanischen W\u00e4ldern h\u00e4ufig sei und nicht blos an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, sondern auch im Gesicht wie ein Mensch auss\u00e4he, auch von der Natur mit wunderbarer Klugheit begabt sei. Von den abgerichteten sagt er, da\u00df sie unglaubliche Dinge leisteten, zum Zorn geneigt und sehr bissig seien, sich aber lercht bes\u00e4nftigen lie\u00dfen. In gleicher Weise sprechen sich noch andere \u00fcber ihn aus.\nLeider konnte ich w\u00e4hrend meines Aufenthaltes in S\u00fcdspanien (1856) \u00fcber die Affenherde, welche die Felsen von Gibraltar bewohnt, nichts Genaues und Ausf\u00fchrliches erfahren. Man erz\u00e4hlte mir, da\u00df jene Gesellschaft noch immer ziemlich zahlreich sei, aber nicht eben h\u00e4ufig gesehen werde. Von der Festung aus beobachte man die Thiere oft mit Fernr\u00f6hren, wenn sie ihrer Nahrung nachgehend, dre Steine umw\u00e4lzen und den Berg herabrollen. In die G\u00e4rten k\u00e4men sie selten. \u2014 Auch dte Spanier wissen nichts Sicheres dar\u00fcber anzugeben, ob die Thiere von allem Anfang an Europ\u00e4er waren, oder solches erst durch ihre Verpflanzung aus Afrika her\u00fcber wurden. Um so erfreulicher war es mir, vor kurzem eine ebenso anziehende als belehrende Abhandlung \u00fcber diesen Gegenstand zu lesen.","page":68},{"file":"p0069.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Eigenschaften. Die Affen auf dem Felsen von Gibraltar.\n69\nA. G. Smith berichtet im \u201eZoologist\" (Mai 1862) \u00fcber seine an Ort und Stelle gesammelten Erfahrungen. Er theilt zun\u00e4chst mit, da\u00df das Vorkommen der Thiere in Europa wiederholt in Zweifel gezogen, ja, als einf\u00e4ltiges M\u00e4rchen betrachtet und selbst von einem vielfach in Gibraltar verkehrenden Schiffskapit\u00e4n gel\u00e4ugnet worden sei, und versichert, da\u00df er beinahe selbst allen Glauben verloren gehabt habe. Aber er wurde eines Bessern belehrt, als er den Flaggenstock auf dem Gipfel des Felsens besuchte, um sich an der herrlichen Rundschau zu laben. Der Flaggenw\u00e4chter theilte ihm ganz gelegentlich mit, da\u00df \u201edie Affen im Umzuge begriffen seien\". Sofort zog unser Gew\u00e4hrsmann nunmehr die sorgsamsten Erkundigungen ein, und ihnen danken wir das Nachstehende.\n\u201eAuf diesem Felsen haben die Affen seit unvordenklichen Zeiten Fu\u00df gefa\u00dft; wann aber oder wie sie \u00fcber die See gekommen sind, ist nicht leicht zu bestimmen, und die maurische Sage, da\u00df sie zwischen Gibraltar und Marokko noch jetzt durch einen unterirdischen Gang unter der Meerenge ab-und zugehen, ist doch etwas gar zu m\u00e4rchenhaft. Gewi\u00df ist nur, da\u00df sie da sind, obschon bedeutend an Zahl zur\u00fcckgebracht, so, da\u00df w\u00e4hrend einiger Jahre die ganze Gesellschaft sich auf eine kleine Bande von vier belief. Man sieht sie selten; sobald aber der Wind wechselt, \u00e4ndern auch sie ge-\nDer Magot (Inuus ecaudatus).\nwohnlich ihren Aufenthalt. Weichlich und z\u00e4rtlich, wie sie sind, scheuen sie jede pl\u00f6tzliche Abwechselung des Wetters, namentlich das Umsetzen des Windes von Ost nach West oder umgekehrt, und suchen sich dagegen zu sch\u00fctzen, indem sie sich hinter die Felsen ducken. Sie sind sehr lebendig und w\u00e4hlen zu ihrer Wohnung am liebsten die steileren Abgr\u00fcnde, wo sie im ungest\u00f6rten Besitze vieler H\u00f6hlen und L\u00f6cher in dem lockern Felsen sind. Jedenfalls kann es ihnen nicht schwer werden, sich ihre Nahrung zu verschaffen; denn sie erscheinen sehr wohlgen\u00e4hrt. Ueppig wachsen zwischen den losen Steinen viele Pflanzen, deren Bl\u00e4tter und Fr\u00fcchte sie fressen; besonders aber lieben sie die s\u00fc\u00dfen Wurzeln der Zwergpalme, welche dort sehr h\u00e4ufig ist; zur Abwechselung verzehren sie sonst auch K\u00e4fer und andere Kerbthiere. Manchmal sollen sie auch (ich kann es aber nicht verb\u00fcrgen) die Felsen herunterkommen und die G\u00e4rten der Stadt pl\u00fcndern, wenn reifes Obst allzusehr lockt, als da\u00df es nicht ihre nat\u00fcrliche Liebe zur Einsamkeit besiegen sollte. Man h\u00e4lt sie gew\u00f6hnlich f\u00fcr au\u00dferordentlich scheu und sagt, da\u00df sie bei dem geringsten Ger\u00e4usch fl\u00fcchteten; mein Berichterstatter stellte Dies jedoch in Abrede und zeigte mir zum Beweise seiner Behauptung einige Felsen, von wo aus sie ibn an demselben Morgen angestiert hatten, ohne durch die Farbe seiner englischen Uniform oder durch seinen","page":69},{"file":"p0070.txt","language":"de","ocr_de":"70\nDie Affen. Makaken. \u2014 Wandern. Paviane.\nUnteroffiziersblick sich irre machen zu lassen \u2014 ziemlich lange Zeit blieben sie etwa einige drei\u00dfig oder vierzig Ellen von der Brustwehr halten, an welcher er lehnte, und zogen sich schlie\u00dflich in aller Mu\u00dfe zur\u00fcck. Da\u00df man sie so selten sieht und fast nur w\u00e4hrend ihres \u201eUmzugs\" zur entgegengesetzten Seite des Felsens, scheint auf ein sehr scheues, ungeselliges Wesen zu deuten; denn Niemand verfolgt sie, vielmehr bewahrt man sie \u00e4ngstlich vor jeder Bel\u00e4stigung. Seit wielange ihnen ein solcher Schutz schon gew\u00e4hrt wird, konnte ich nicht erfahren; gewi\u00df aber geschieht es bereits solange, als Gibraltar im Besitze der Engl\u00e4nder ist. Seit 1855 hat der Quartiermeister sie nicht nur unter seine besondere Obhut genommen, sondern auch sorgf\u00e4ltig \u00fcber ihr jedesmaliges Erscheinen und ihre Anzahl Buch gef\u00fchrt. Ich entnehme dieser Buchung, da\u00df sie durchschnittlich alle zehn Tage einmal gesehen worden, manchmal etwas h\u00e4ufiger; da\u00df sie im Sommer ebensowohl wie im Winter \u201eumziehen\", stets mit der Absicht, dem Winde zu entgehen; endlich, da\u00df sie im Jahre 1856 sich auf zehn beliefen, nach und nach aber bis auf vier heruntergekommen sind. Ihr g\u00e4nzliches Aussterben steht leider zu\nDer Wandern (Macacus Silenus).\nerwarten, denn diese vier sollen s\u00e4mmtlich eines Geschlechtes sein. Sollte unter den vielen englischen Offizieren zu Gibraltar keiner aufopfernd genug sein, einige Affen von der entgegengesetzten K\u00fcste der Barbarei einzuf\u00fchren, da dorthin mindestens w\u00f6chentliche Verbindung statthat ? W\u00e4re Keiner zu finden, der auch nur ein halbes Dutzend kaufte und sie unter ihre Vettern auf dem Felsen loslie\u00dfe? Dann k\u00f6nnten wir hoffen, da\u00df dieser Affenstamm noch einmal aufbl\u00fchte und so diese anziehende Ordnung der S\u00e4ugethiere auch fernerhin in Europa vertreten bliebe.\"\nIch brauche wohl kaum auszusprechen, da\u00df ich, und wohl wir Alle, die zuletzt ausgesprochenen W\u00fcnsche des Engl\u00e4nders theilen. Es w\u00fcrde unbedingt als ein Verlust f\u00fcr Europa zu betrachten sein, wenn es seine Affen verlieren sollte.\nDer letzte Makake, welchen ich noch mit einigen Worten erw\u00e4hnen will, ist der schwarze Bart-ftffe, Wandern oder Nil-Bandar (Macacus Silenus). Er \u00e4hnelt in seiner ganzen Erscheinung","page":70},{"file":"p0071.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung des Wandern.\n71\neinem gemahnten Pavian ebensosehr, wie einem Makaken. Der K\u00f6rper ist untersetzt, der Schwanz mittellang. Eine gro\u00dfe M\u00e4hne h\u00fcllt das Gesicht, den Kopf und die Schultern ein. Der ganze oberste Theil des Pelzes ist schwarz gef\u00e4rbt, die oberen und unteren Theile der Gliedma\u00dfen lichtbr\u00e4unlichgrau, wie die M\u00e4hne, welche oben am dunkelsten, am Kinn am lichtesten ist. Gesicht und H\u00e4nde sind schwarz, die Ges\u00e4\u00dfschwielen r\u00f6thlich. Erwachsene Thiere sind zwei Fu\u00df lang, wobei der Schwanz 1 Fu\u00df L\u00e4nge hat.\nDer Wandern bewohnt vorz\u00fcglich Ceylon und zwar ausschlie\u00dflich die dichten W\u00e4lder. Seine Nahrung besteht aus Knospen und Baumbl\u00e4ttern. Er besucht ebenfalls die G\u00e4rten und richtet dort unter Umst\u00e4nden bedeutenden Schaden an. Thierbach erz\u00e4hlt, da\u00df die von diesen Assen herr\u00fchrenden Verw\u00fcstungen oft wirklich jammervoll anzusehen sind. In manchen Kokosg\u00e4rten sieht man nicht eine einzige Frucht auf den B\u00e4umen, aber den Boden ganz j>ef\u00e4t mit ihnen, zumal mit halbreifen, welche diese Affen abgerissen und herabgeworfen haben.\nDemungeachtet werden sie von den Malabaren gesch\u00e4tzt. Die F\u00fcrsten dieses Volks achten sie sehr hoch, wegen ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer Klugheit. Sie lassen Junge aufziehen und zu allerlei Spielen abrichten, wobei dieselben sich zum Bewundern gut benehmen. Andere sagen, da\u00df sie in der Gefangenschaft nicht eben viel werth seien. Zwar sollen sie leicht an allerlei Nahrung gew\u00f6hnt und auch ziemlich gez\u00e4hmt, aber auch oft sehr gr\u00e4mlich werden k\u00f6nnen und dann h\u00f6chst unliebensw\u00fcrdig sein. Au\u00dferdem sind sie ungesellig und ma\u00dfen sich die Herrschaft \u00fcber alle \u00fcbrigen Affen an, welche man mit ihnen zusammenh\u00e4lt, necken und \u00e4rgern die anderen Thiere, bei\u00dfen die W\u00e4rter und betragen sich auch sonst noch unartig.\nIch sah einen Wandern in Amsterdam lebendig, konnte aber von dem eben Mitgetheilten Nichts .wahrnehmen. Freilich steckte das Thier allein in seinem K\u00e4sig und hatte deshalb keine Gelegenheit, sein eigentliches Wesen zu zeigen; \u2014 denn einen Affen mu\u00df man mit anderen seiner Art oder Familie zusammensetzen, wenn man ihn kennen lernen will. Der Wandern, welchen ich sah, war ein stiller und ziemlich langweiliger Gesell, welcher ruhig und gemessen in seinem K\u00e4sige auf- und abging und sich um die Au\u00dfenwelt wenig zu k\u00fcmmern schien. Nur zuweilen bewies ein Blitzen des h\u00fcbschen, braunen Auges, da\u00df er doch nicht ganz so theilnahmlos war, als er vorgab. Mit den W\u00e4rtern stand er auf bestem Fu\u00dfe; gegen Fremde zeigte er sich artig und bescheiden.\nDie Afsengruppe, welche wir nunmehr betrachten wollen, ist zwar eine der merkw\u00fcrdigsten, nicht aber auch eine der anziehendsten und angenehmsten. Wir finden in ihr vielmehr die h\u00e4\u00dflichsten, r\u00fcdesten, flegelhaftesten und deshalb widerw\u00e4rtigsten Mitglieder der ganzen Ordnung: wir sehen in ihnen, den Pavianen oder Hundsk\u00f6pfen (Cynocephalus), den Affen gleichsam noch einmal verzerrt oder sehen ihn wenigstens auf der tiefsten Stufe, welche er einnehmen kann. Jede edlere Form ist hier verwischt und jede edlere Geistesf\u00e4higkeit in der Nnb\u00e4ndigkeit der scheu\u00dflichsten Leidenschaften untergegangen.\nWir nennen die Paviane mitAristoteles \u201eHundsk\u00f6pfe\", weil ihr Kopfbau dem eines groben, rohen Hundes etwas mehr \u00e4hnelt, als dem des Menschen, an welchen die \u00fcbrigen Affen entfernt erinnern. In Wahrheit ist die Aehnlichkeit zwischen beiden Thierk\u00f6pfen nur eine oberfl\u00e4chliche und zugleich unbefriedigende; denn der Hundekopf des Pavian ist ebensogut eine abscheuliche Verzerrung seines Vorbildes, wie der Kopf des Gorilla eine solche des Menschenhauptes ist. Allein den anderen Affen gegen\u00fcber ist eben das Schnauzenartige des Paviangesichtes ein hervorstechendes Merkmal: und deshalb k\u00f6nnen wir auch dem alten Aristoteles seine Ehre lassen.\nDie Hundsk\u00f6pfe sind neben den Orangs die gr\u00f6\u00dften aller Affen. Ihr K\u00f6rperbau ist gedrungen, ihre Muskelkraft ungeheuer. Der schwere Kopf verl\u00e4ngert sich in eine starke und lange, vorn abgestutzte, oft wulstige oder gefurchte Schnauze mit vorstehender Nase; das Gebi\u00df erscheint raubthier\u00e4hnlich, wegen seiner f\u00fcrchterlichen Rei\u00dfz\u00e4hne, welche auf ihrer hintern Seite scharfkantig sind; die","page":71},{"file":"p0072.txt","language":"de","ocr_de":"72\nDie Affen. Paviane oder Hundsk\u00f6pfe.\nLippen sind sehr beweglich, die Ohren klein, die Augen hoch \u00fcberw\u00f6lbt und in ihrem Ausdrucke das treueste Spiegelbild des ganzen Affen selbst \u2014 listig und t\u00fcckisch ohne Gleichen. Alle Gliedma\u00dfen sind kurz und stark, die H\u00e4nde f\u00fcnfzehig; der Schwanz ist bald kurz, bald lang, bald glatthaarig, bald gequastet, die Ges\u00e4\u00dfschwielen sind wahrhaft abschreckend gro\u00df und gew\u00f6hnlich \u00e4u\u00dferst lebhaft gef\u00e4rbt. Die Behaarung ist lang und locker, verl\u00e4ngert sich bei einigen Arten am Kopf, Hals und Schultern zu einer reichen M\u00e4hne, und hat gew\u00f6hnlich unbestimmte Erd- oder Felsenfarben, wie Grau, Graugr\u00fcnlichgelb, Br\u00e4unlichgr\u00fcn rc.\nDas Vaterland der Hundsk\u00f6pfe ist Afrika und die hart an diesen Erdtheil grenzenden L\u00e4nder Asiens, namentlich das gl\u00fcckliche Arabien, Jemen und Hadramaut. Den persischen Meerbusen und den Tigris scheinen sie in Asien nicht zu \u00fcberschreiten. Afrika mu\u00df unbedingt als derjenige Erdtheil angesehen werden, der ihnen die wahre Heimat bietet. Verschiedene Gegenden besitzen ihre eigenth\u00fcmlichen Arten, welche \u00fcbrigens weit verbreitet und deshalb nrehreren L\u00e4ndern gemein sind. So leben im Osten und namentlich um Abissinien herum drei, in der Kapgegend zwei und iw Westafrika ebenfalls zwei Arten. Blos eine einzige Art, der Gelada (Cynocephalus Gelada), ist erst in der Neuzeit entdeckt worden, die \u00fcbrigen waren schon den alten Egyptern und durch sie den Griechen und R\u00f6mern wohl bekannt\nDie Paviane sind echte Felsenaffen und bewohnen die Hochgebirge oder wenigstens die h\u00f6heren Gebirgsgegenden Afrikas. In W\u00e4ldern trifft man sie nicht; sie meiden die B\u00e4ume und ersteigen sie nur selten, etwa im Falle der Noth. Im Gebirg gehen sie bis zu zehn- und zw\u00f6lftausend Fu\u00df \u00fcber die Meeresh\u00f6he, ja selbst bis zur Schneegrenze hinauf; doch scheinen sie niedere Gegenden zwischen vier bis sechstausend Fu\u00df den Hochgebirgen vorzuziehen. Schon die \u00e4ltesten Reisenden erw\u00e4hnen, da\u00df die Gebirge ihre wahre Heimat sind. So erz\u00e4hlt Barthema von Bologna, welcher im Jahre 1503 Arabien durchreiste, da\u00df er auf dem Wege von der Stadt Zibit, eine halbe Tagereise vom rothen Meere, auf einem f\u00fcrchterlichen Gebirge mehr als zehntausend Affen gesehen habe, welche dem L\u00f6wen nicht nur an Aussehen, sondern auch an St\u00e4rke gleichk\u00e4men, so da\u00df man auf jener Stra\u00dfe allein nicht reisen k\u00f6nne, sondern eine Gesellschaft von mindestens hundert Menschen bilden m\u00fcsse, um sie abzuwehren. Auch die meisten anderen Reisenden, welche uns \u00fcber jene Gegenden berichteten, sind darin einstimmig, da\u00df die Paviane Gebirgsthiere seien, und es ist deshalb um so mehr zu verwundern, da\u00df manche neuere Forscher ihnen ohne weiteres von ihrem Zimmer aus die Urwaldungen zum Wohnorte anweisen.\nDieser Lebensweise der Paviane auf Gebirgen entspricht auch ihre Nahrung. Sie besteht haupts\u00e4chlich aus Zwiebeln, Knollengew\u00e4chsen, Gr\u00e4sern, Kraut, Pflanzenfr\u00fcchten, welche auf der Erde oder wenigstens nur in geringer H\u00f6he \u00fcber derselben wachsen oder von den B\u00e4umen abgefallen fmb, Kerbthieren, Spinnen, Schnecken, Vogeleiern rc. Eine Pflanze Afrikas, welche diese Asien besonders lieben, hat gerade deshalb ihren Namen \u201eBabuina\u201c nach einer Art unserer Sippe erhalten. In den Anpflanzungen, zumal in den Weinbergen, richten sie den allergr\u00f6\u00dften Schaden an; ja, man behauptet, da\u00df sie ihre Raubz\u00fcge f\u00f6rmlich geordnet und \u00fcberlegt untern\u00e4hmen. Sie sollen oft noch eine gute Menge Fr\u00fcchte wegnehmen und auf die h\u00f6chsten Gipfel der Berge schleppen, um dort f\u00fcr ung\u00fcnstigere Zeiten Vorr\u00e4the anzusammeln. Da\u00df sie Schildwachen anstellen, ist sicher; als \u00fcbertrieben aber m\u00fcssen Erz\u00e4hlungen gehalten werden, wie die von Ge\u00dfner herstammenden, in welchen uns gesagt wird, da\u00df die Asien in gerader Linie hinter einander anr\u00fcckten und sich so stellten, da\u00df einer dem andern das abgerissene Obst zuwerfen k\u00f6nne, etwa zehn Fu\u00df weit. K\u00e4me dann Jemand, welcher diese Gaudiebe an ihrer Arbeit verhindern wolle, so rissen sie alle K\u00fcrbisse, Gurken, Melonen, Granat\u00e4pfel und dergleichen ab und br\u00e4chten sie so schleunig als m\u00f6glich in Sicherheit, indem sie die Fr\u00fcchte eine gute Strecke vom Garten entfernt auf einen Haufen w\u00fcrfen und diesen dann in derselben Weise weiter und weiter bef\u00f6rderten, bis sie ihre Sch\u00e4tze endlich auf einen Berggipfel gebracht h\u00e4tten. Die Schildwach'e (welche bei den Raubz\u00fcgen wirklich ausgestellt wird), solle die pl\u00fcndernden Schelme jedesmal durch einen Schrei von der Ankunft des Menschen in Kenntni\u00df setzen; und ihre Wachsamkeit","page":72},{"file":"p0073.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichen. Heimat. Aufenthalt. Lebensweise. Wesen.\t73\nfei schon aus dem Grunde sehr gro\u00df, weil sie von den andern zu Tode gepr\u00fcgelt werde, wenn sie ihre Pflicht vers\u00e4umt habe!\nSo viel ist jedenfalls richtig, da\u00df alle Hundsk\u00f6pfe als eine wahre Landplage betrachtet werden m\u00fcssen und den Landleuten ihrer Heimat au\u00dferordentlichen Schaden zuf\u00fcgen.\nDie Paviane zeigen mehr, als alle \u00fcbrigen Affen, durch ihre Haltung, da\u00df sie echte Erdthiere sind. Ihre ganze Gestaltung bindet sie an den Boden und erlaubt ihnen blos ein leichtes Ersteigen von Felsw\u00e4nden, nicht aber auch ein schnelles Erklettern von B\u00e4umen. Man sieht sie stets aus allen vier F\u00fc\u00dfen gehen und blos dann sich auf zwei Beine stellen, wenn sie Umschau halten wollen. Sie \u00e4hneln in ihrem Gange mehr plumpen Hunden, als Affen, und nehmen nur selten die bezeichnende Stellung der letzteren an. Auch wenn sie sich aufrichten, st\u00fctzen sie ihren Leib gern auf einen ihrer Vorderf\u00fc\u00dfe. Solange sie ruhig sind und Zeit haben, sind ihre Schritte langsam und schwerf\u00e4llig; sobald sie sich verfolgt sehen, fallen sie in einen merkw\u00fcrdigen Galopp, welcher die allersonderbarsten Bewegungen mit sich bringt. Ihr Gang zeichnet sich durch eine gewisse leichtfertige Unversch\u00e4mtheit aus; man mu\u00df ihn aber gesehen haben, wenn man ihn sich vorstellen will. Das ist ein Wackeln der ganzen Gestalt, namentlich des Hintertheils, wie man es kaum bei einem andern Thiere sieht; und dabei tragen die Paviane den Schwanz so herausfordernd gebogen und schauen so unversch\u00e4mt aus ihren kleinen, gl\u00e4nzenden Augen heraus, da\u00df schon ihre Erscheinung von ihrer niedertr\u00e4chtigen Anma\u00dfung Kenntni\u00df giebt.\nIhre geistigen Eigenschaften widersprechen ihrer \u00e4u\u00dfern Erscheinung nicht im geringsten. Ich will, um sie zu beschreiben, mit Scheitlins Worten beginnen:\n\u201eDie Paviane sind alle mehr oder minder schlechte Kerle, immer wild, zornig, unversch\u00e4mt, geil, t\u00fcckisch; ihre Schnauze ist ins gr\u00f6bste Hundeartige ausgearbeitet, ihr Gesicht entstellt, ihr After das Unversch\u00e4mteste. Schlau ist der Blick, boshaft die Seele. Daf\u00fcr sind sie gelehriger, als die schon angegebenen und zeigen noch mehr Verstand, jedoch immer mit List. Erst an diesen kommt die zweite Asieneigenschaft, d. h. die Nachahmungssucht, vor, wodurch sie ganz menschlich werden zu k\u00f6nnen scheinen, es aber nicht werden. Ihre Geilheit geht \u00fcber alle Begriffe; sie geberden sich auch M\u00e4nnern und J\u00fcnglingen gegen\u00fcber sch\u00e4ndlich. Kinder und Frauen darf man nicht in ihre N\u00e4he bringen. Aber Fallstricke und Gefahren merken sie leicht, und gegen die Feinde vertheidigen sie sich mit Muth und Eigensinn. Wie schlimm jedoch ihre Natur ist, so kann man sie doch in der Jugend \u00e4ndern, z\u00e4hmen, gehorsam machen; nur bricht ihre schlimme Natur im Alter, wenn ihr Sinn und Gef\u00fchl stumpf werden, in den alten Adam zur\u00fcck. Der Gehorsam h\u00f6rt wieder auf, sie grinsen, kratzen und bei\u00dfen wieder. Die Erziehung griff nicht tief genug ein. Man sagt da\u00df sie im Freien geistreicher und geistig entwickelter seien, in der Gefangenschaft hingegen milder und gelehrter werden. Ihr Familienname ist auch Hundskopf. H\u00e4tten sie zum Hundskopf nur auch die Hundeseele! Wenn es gewi\u00df w\u00e4re, da\u00df sie im Freien gemeinsam Menschen und gro\u00dfe Thiere, z. B. Elefanten, mit Pr\u00fcgeln angriffen, so deutete dieses allerdings auf Hundeverftand und Art, ja sogar auf etwas Menschliches; es ist jedoch nur Das gewi\u00df, da\u00df sie mit einander ihren Koth von den B\u00e4umen herunter auf ihre Feinde werfen, dann aber ist noch gewi\u00df, da\u00df sie diesen nach Belieben von sich geben k\u00f6nnen, wie die Hunde nach Belieben pissen.\"\nIch kann Scheitlin nicht widersprechen. Das Bild, welches er zeichnet, ist richtig. Der Geist der Paviane ist gleichsam der Affengeift in seiner Vollendung, aber vielmehr im schlechten als im guten Sinne. Einige gute Eigenschaften k\u00f6nnen wir ihnen nicht absprechen. Sie haben eine au\u00dferordent-^ liche Liebe zu einander und gegen ihre Kinder; sie lieben auch den Menschen, der sie pflegt und auferzogen hat, werden ihm selbst n\u00fctzlich auf mancherlei Weise. Aber all diese guten Seiten sind nicht in Betracht zu ziehen ihren schlechten Eigenschaften gegen\u00fcber. List und T\u00fccke im Vereine sind Gemeingut aller Hundsk\u00f6pse und namentlich zeichnet sie eine furchtbare Wuth aus. Ihr Zorn gleicht einem aus-brechenden Strohseuer; so rasch lodert er auf, aber er h\u00e4lt aus und ist nicht so leicht wieder zu verbannen. Ein einziges Wort, spottendes Gel\u00e4chter, ja ein schiefer Blick kann einen Pavian rasend","page":73},{"file":"p0074.txt","language":"de","ocr_de":"74\nDie Affen. Hundsk\u00f6pfe. \u2014 Hamadryas oder Mantelpavian.\nmachen, und ht der Wuth vergi\u00dft er Alles, selbst Den, welchen er ft\u00fcher liebkoste. Deshalb bleiben diese Thiere unter allen Umst\u00e4nden gef\u00e4hrlich, und ihr roher Sinn bricht durch, auch wenn sie ihn lange Zeit gar nicht zeigten. Ihren Feinden gegen\u00fcber sind sie wahrhaft furchtbar.\nDie Paviane leben sehr unbehelligt in ihrer Heimat; denn die Raubthiere und der Mensch f\u00fcrchten sie und gehen ihnen aus dem Wege, wo nur immer m\u00f6glich. Sie fliehen zwar vor dem Menschen, lassen sich aber doch, wenn es Noth thut, mit ihm, wie mit Raubthieren, in Kampf ein, und dieser wird, weil sie regelm\u00e4\u00dfig gemeinschaftlich angreifen, oft \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlich. Der Leopard scheint der Hauptfeind zu sein, doch stellt er mehr den Jungen nach, als den Alten, weil er alle Ursache hat, sich zu bedenken, ob seine Fangz\u00e4hne und Klauen dem Gebi\u00df und den H\u00e4nden der Paviane gewachsen sind. Eine Herde greift er nie an. Dies thut selbst der L\u00f6we nicht, wie mir und anderen Reisenden die Eingebornen einstimmig versicherten. Hunde \u00fcberw\u00e4ltigt der Pavian ohne M\u00fche und gleichwohl kennen jene edlen Thiere keine gr\u00f6\u00dfere Lust, als die Jagd solcher Affen. Man sollte meinen, da\u00df ein Hund, welcher einmal mit den gef\u00e4hrlichen Thieren zu thun gehabt hat, sich in Zukunft weigere, wieder mit ihnen zusammenzukommen: allein Dem ist nicht so. Die Jagdhunde der Kapbewohner lassen vielmehr jede andere F\u00e4hrte, sowie sie von der eines Affen Witterung bekommen. Der Kampf zwischen Leiden Thieren soll, wie Augenzeugen versichern, ein furchtbarer sein; die Pflanzer am Kap f\u00fcrchten f\u00fcr ihre Hunde weit mehr, wenn diese einen Pavian verfolgen, als wenn sie sich zum Kampfe mit dem Leoparden r\u00fcsten. Wenn eine Meute guter Hunde eine Pavianherde erblickt, st\u00fcrzt sie sich w\u00fcthend auf dieselbe los. Die Assen ergreifen die Flucht und die Hunde jagen hinterdrein. Mehr und mehr zerstreuen sich Feinde und Verfolger. Alle schw\u00e4cheren Hundsk\u00f6pfe eilen so schnell als m\u00f6glich den Felsen zu, um sich dort in Sicherheit zu begeben. Die st\u00e4rkeren M\u00e4nnchen der Affen gehen langsamer und nehmen die Verfolger auf sich. Nur d.ann und wann werfen sie blitzschnell einmal den Kopf herum und ein t\u00fcckisch-boshafter Blick aus den kleinen Augen f\u00e4llt auf den Verfolger. Endlich erreicht dieser seinen Feind und versucht, ihn zu fassen. Allein pl\u00f6tzlich und mit w\u00fcthendem Schrei wirft sich dieser herum, h\u00e4ngt dem unge\u00fcbtem Hunde im n\u00e4chsten Augenblick mit seinen vier H\u00e4nden fest an Brust und Gurgel, setzt sein furchtbares Gebi\u00df in die Kehle des Hundes, rei\u00dft ihn mit den scharfschneidigen Eckz\u00e4hnen drei, vier, sechs lange und tiefe Risse in Kehle und Brust, balgt und windet sich mit ihm,'w\u00e4lzt sich auf dem Boden herum, versetzt dem Feinde neue Wunden und l\u00e4\u00dft ihn dann liegen, blutbedeckt und verendend, w\u00e4hrend er selbst mit einem wahrhaft teuflischen Hohngeschrei dem Gebirge zueilt. Gute Hunde sind geschult und wissen Dem zu entgehen. Sie trennen sich nie, sondern halten in der Meute zusammen, und diese \u00fcberf\u00e4llt dann einen einzelnen Assen. Drei, vier Hunde st\u00fcrzen sich auf einen Feind, und dann helfen diesem gew\u00f6hnlich seine furchtbaren Waffen Nichts. Er mu\u00df unterliegen, wenn ihm der Weg zur Flucht nicht offen steht. Au\u00dfer dem Hunde und dem Leopard haben die Paviane keine ihnen sch\u00e4dlichen Feinde. Den Raubv\u00f6geln f\u00e4llt es gar nicht ein, auf sie zu fahnden. Der st\u00e4rkste Adler wagt sich nicht einmal an das schw\u00e4chlichste Junge eines Hundskopfs. Auch die Menschen k\u00f6nnen eben nicht mehr thun, als die Thiere dann und wann aus ihren Pflanzungen zu vertreiben. Eine wirkliche Jagd w\u00fcrde, wenn sie nicht gef\u00e4hrlich sein sollte, bedeutende Mannschaften erfordern und auch dann schwerlich zu einem Ausrottungskriege der Thiere werden k\u00f6nnen. Nur die Lurche sind es, welche die Paviane in wirkliche Furcht und Schrecken versetzen. Die kleinste Schlange bringt unter einer Herde ein namenloses Entsetzen hervor. Es ist wohl sicher, da\u00df die Affen hinsichtlich des furchtbaren Giftzahnes der Schlangen b\u00f6se Erfahrungen gemacht haben. Sie leben in best\u00e4ndiger Angst vor den gef\u00e4hrlichen W\u00fcrmern. Kein Pavian hebt einen Stein auf oder durchsucht einen Busch, ohne sich vorher zu vergewissern, da\u00df unter und in ihm keine Schlange' verborgen ist. Scorpione f\u00fcrchten die klugen Thiere nicht. Sie wissen dieselben mit gro\u00dfer Gewandtheit zu fangen und sie ihrer Giftstachel zu berauben, ohne sich zu verletzen. Dann verspeisen sie den Scorpion mit demselben Vergn\u00fcgen, wie andere Spinnen oder ein Kerbthier.\nNach Diesem m\u00f6chte man sich wundern, da\u00df es m\u00f6glich ist, Paviane \u00fcberhaupt in seine Gewalt zu bekommen. Und doch ist Dies ganz leicht: pie Sinnlichkeit der Thiere ist ihr Verderben. In ganz","page":74},{"file":"p0074s0001.txt","language":"de","ocr_de":"\n\n\n\n-\n\n\n\n*\n\n\n\n%\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n.\n\n\n\n\n\n\t\n\t\n\t\n\t\n\t\n\t\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\t\t\n\t\t\n\t\t\n\t\t\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n","page":0},{"file":"p0074s0002table3.txt","language":"de","ocr_de":"\n\nMnnkelptwiane.","page":0},{"file":"p0075.txt","language":"de","ocr_de":"Feinde der Paviane. Sinnlichkeit. Nutzen.\n75\nAfrika ist es eine bekannte Sache, da\u00df die Paviane leidenschaftlich gern geistreiche Getr\u00e4nke zu sich nehmen und sich in ihnen leicht berauschen. Man setzt ihnen also einfach T\u00f6pfe mit derartigen Fl\u00fcssigkeiten vor, und wenn hernach die Thiere vollkommen trunken geworden sind, bem\u00e4chtigt man sich ihrer. Starke Fesseln und Pr\u00fcgel b\u00e4ndigen dann regelm\u00e4\u00dfig ihre anf\u00e4nglich geradezu beispiellose Wuth, und die ihnen eigene Klugheit l\u00e4\u00dft ihnen schon nach kurzer Gefangenschaft die Oberherrschaft des Menschen erkennbar werden.\nIn ihrer sinnlichen Liebe sind die Paviane wahrhaft scheu\u00dflich. Die vorhin erw\u00e4hnte Geilheit und Frechheit zeigt sich bei keinem andern Thiere in so abschreckender Weise als bei ihnen. Ich m\u00f6chte sagen, da\u00df die Gr\u00f6\u00dfe ihrer Leidenschaftlichkeit erst hierbei sich offenbare. Die M\u00e4nnchen sind nicht blos l\u00fcstern auf die Weibchen ihrer Art, sondern auf alle gr\u00f6\u00dfer\u00ab S\u00e4ugethiere weiblichen Geschlechts \u00fcberhaupt. Es wird wiederholt und von allen Seiten versichert, da\u00df sie zuweilen Negerinnen rauben oder wenigstens \u00fcberfallen und mi\u00dfhandeln. Da\u00df sie M\u00e4nner und Frauen sofort unterscheiden, habe ich hundertfach beobachtet, und ebenso, da\u00df sie den Frauen durch ihre Zudringlichkeit und Unversch\u00e4mtheit im h\u00f6chsten Grade l\u00e4stig werden k\u00f6nnen. Die M\u00e4nnchen sind best\u00e4ndig br\u00fcnstig, die Weibchen nur zu gewissen Zeiten, zwei oder drei Mal im Jahre. Die Brunst zeigt sich auch \u00e4u\u00dferlich in h\u00e4\u00dflicher Weise. Die Geschlechtstheile schwellen bedeutend an und erhalten eine gl\u00fchendrothe Farbe; man meint, da\u00df das Ges\u00e4\u00df in bedenklicher Weise erkrankt sei. Um diese Zeit sind die Weibchen ebenso erpicht auf die M\u00e4nnchen, als diese w\u00e4hrend der ganzen Jahreszeit aus jene. Obgleich sich die Paviane in der Gefangenschaft (wenigstens in ihrer Heimat) fortpflanzen, wei\u00df man doch noch nicht, wie lange ihre Tragzeit dauert.\nDer Nutzen der Paviane ist gering. Ihrer Gelehrsamkeit wegen werden sie zu allerlei Kunstst\u00fccken abgerichtet. Am Kap sollen sie noch zum Aufsuchen des Wassers in der W\u00fcste dienen. Alle Paviane sind, wie glaubw\u00fcrdige Reisende mittheilen, nach den Erfahrungen der Kapbewohner die besten Wassersucher, welche es giebt. Man h\u00e4lt sie deshalb h\u00e4ufig gez\u00e4hmt und nimmt sie mit in jene wasserarmen Striche, in denen selbst die Buschm\u00e4nner das wichtige Element nur tropfenweise zu gewinnen wissen. Wenn der Wasservorrath dem Ende nahe ist, bekommt der Pavian etwas Salziges zu fressen. Nach einigen Stunden nimmt man ihn dann an eine Leine und l\u00e4\u00dft ihn laufen. Das vom Durst gequ\u00e4lte Thier wendet sich bald rechts, bald links, bald vor-, bald r\u00fcckw\u00e4rts, schn\u00fcffelt in der Luft, rei\u00dft Pflanzen aus, um sie zu pr\u00fcfen und zeigt endlich durch Graben das verborgene oder durch ein entschiedenes Vorw\u00e4rtseilen das zu Tage getretene Wasser an. \u2014\nEine Art der Paviane spielt \u00abschon in der Urgeschichte der Menschheit eine gro\u00dfe Rolle, wahrscheinlich ebensowohl seines ausgezeichneten Verstandes, als seiner unliebensw\u00fcrdigen Eigenschaften halber. Dies ist der Hamadryas oder der Mantelpavian (CynocephalusHamadryas). Wie er zu der Ehre gekommen ist, den Namen einer altgriechischen Baumnpmphe zu tragen, wei\u00df ich nicht; in seiner Gestalt und in seinem Wesen liegt wahrhaftig nichts Weibliches. Die alten V\u00f6lker waren es nicht, welche ihm jenen Namen verliehen. Bei den Egyptern, welche ihn g\u00f6ttlich verehrten, hie\u00df er Thoth und Och; die Bibel f\u00fchrt ihn unter dem Namen Ko pH auf; Herodot, Plutarch und Plinius bezeichnen ihn mit Cynocephalus, Strabo nennt ihn Cebus, Iuvenal Cercopithecus, Agatharchides Sphinx. Bei den heutigen Abissinier\u00fc hei\u00dft er Hebe, bei den Arabern Robah und in Egypten endlich Khird. Unter all diesen Namen ist nicht ein einziger, welcher an irgend welche Nymphe erinnert; man m\u00fc\u00dfte denn \u201eSphinx\" als solchen betrachten wollen.\nAuf den egyptischen Alterth\u00fcmern steht unser Pavian gleichsam als Oberster seines Geschlechts da. Die heilige Bilderschrift stellt \u00f6fters Affen dar, allein nur der Hamadryas, und zwar immer das alte M\u00e4nnchen, wird abgebildet als auf dem Altar sitzend, die Verehrung der Menschen empfangend. Mehrere Male sieht man ihn auch als Richter, welcher \u00fcber die guten Werke und Vergehungen des Menschen urtheilt; er hat eine Wage vor sich und pr\u00fcft ernsten Blickes die schwankenden Schalen. Eine hohe Achtung vor der Gottheit, deren Sinnbild er war, spricht sich in allen altegyptischen","page":75},{"file":"p0076.txt","language":"de","ocr_de":"76\nDie Affen. Hundsk\u00f6pfe. \u2014 Hamadryas oder Mantelpavian.\nBildern aus. Wahrscheinlich hatte die Verehrung des Hamadryas und die des Krokodils denselben Grund: sie geschah aus Furcht; denn schon damals gab es Menschen, welche ihren Gott f\u00fcrchteten, anstatt ihn zu lieben.\nMerkw\u00fcrdiger Weise waren es nicht die Egypter allein, welche diesen Affen Achtung bezeigten. Diese erstreckte sich weiter. Noch heutigen Tages tragen alle Bewohner der Steppenl\u00e4nder des innern Afrika und auch ein gro\u00dfer Theil der Abissinier ihre Haare genau in derselben Weise gek\u00e4mmt und gescheitelt, wie der Hamadryas, und er ist somit unverkennbar zum Vorbild f\u00fcr jene Leute geworden, m\u00f6gen diese auch mehr die Bilds\u00e4ulen, als das lebende Thier im Auge gehabt haben.\nHeutigen Tages genie\u00dft der Hamadryas in jenen L\u00e4ndern keine Verehrung mehr. Seine Sch\u00e4dlichkeit ist zu gro\u00df, als da\u00df er sich die Freundschaft der Menschen erwerben sollte.\nWahrscheinlich wurden die Hamadryaden bereits zu der alten Egypter Zeiten vom S\u00fcden her eingef\u00fchrt. Gegenw\u00e4rtig findet sich das Thier in Egypten nirgends mehr wild. Auch Prosper Alpinus, welcher im Jahre 1580 in Egypten war, sagt ausdr\u00fccklich, da\u00df es dort keine Affen g\u00e4be, sondern da\u00df sie aus Arabien eingef\u00fchrt w\u00fcrden. \u201eSie sind so talentvoll, f\u00e4hrt er fort, da\u00df man ihnen nicht den Verstand absprechen kann. Die Thierf\u00fchrer lehren ihnen sehr leicht, was sie wollen, zuweilen h\u00f6chst sinnreiche Spiele, mit denen sie die Zuschauer erg\u00f6hen. Solche abgerichtete Assen sieht man oft in Kairo, Alexandrien und anderswo.\"\n\u201eBesonders die M\u00e4nnchen sind den Bewohnern aufs\u00e4ssig; allein man kann es nicht wohl erz\u00e4hlen, wie unanst\u00e4ndig sie sind. Jene, welche gro\u00dfen Hunden gleichen, verfolgen die arabischen Weiber auf den Feldern und deshalb beschmieren sich diese ihr Gesicht und selbst den Leib mit Safran. Hierdurch bleiben sie von den Anf\u00e4llen der Affen frei; denn letztere glauben dann, den mit Safran eingeriebenen Frauen w\u00e4re nicht wohl und sie k\u00f6nnten selbe nicht gebrauchen.\nHinsichtlich der letzten Angabe l\u00e4\u00dft sich unser Forscher zu falschen Folgerungen verleiten. Ich selbst habe beobachtet, da\u00df sich die Frauen der Nomaden in jenen Gegenden wirklich ihr Gesicht mit Safran beschmieren: allein Dies geschieht keineswegs der Affen halber, sondern ans denselben R\u00fccksichten, welche unsere Frauen bewegen, zartes Roth auf ihre zarten Wangen zu legen.\nAlvarez, welcher etwa um dieselbe Zeit, als Alpinus in Afrika und zwar in Abissinien war, berichtet, da\u00df er die Mantelpaviane in ungeheuren Herden gesehen habe, und giebt eine sehr richtige Beschreibung von ihrem Wesen und Treiben. \u201eSie lassen,\" sagte er, \u201ekeinen Stein liegen; wenn ihrer zwei oder drei einen nicht umwenden k\u00f6nnen, so stellen sich so viele daran, als Platz haben, drehen ihn dennoch um und suchen ihre Lieblingsnahrung hervor. Auch Ameisen fressen sie gern und legen, um diese zu fangen, ihre H\u00e4nde umgekehrt auf die Haufen, bis die Hand bedeckt ist; dann bringen sie dieselbe rasch zu Munde und lecken die Ameisen ab. Wenn man sie nicht h\u00fctet, verheeren sie gleich bte Felder und G\u00e4rten. Ohne Kundschafter gehen sie zwar nicht in die Pflanzungen; aber wenn diese ihnen das Zeichen zur Sicherheit gegeben, dringt die ganze Bande in den Garten oder das umhegte Feld und l\u00e4\u00dft Nichts \u00fcbrig. Anfangs sind sie ganz still und ruhig, und wenn ein unkluges Junges einen Laut h\u00f6ren l\u00e4\u00dft, bekommt es- eine Ohrfeige; sobald sie jedoch die Furcht verlieren, zeigen sie durch gellendes Geschrei ihre Freude \u00fcber ihre gl\u00fccklichen Ueberf\u00e4lle. Sie w\u00fcrden sich in entsetzlicher Weise vermehren, wenn nicht der Leopard so viele ihrer Jungen zerrisse und fr\u00e4\u00dfe, obgleich die\nAlten diese muthig zu-vertheidigen suchen.\"\nUnter den neueren Forschern giebt Ehrenberg zuerst eine ziemlich ausf\u00fchrliche Beschreibung unserer Paviane, welchen er in Arabien und an der K\u00fcste von Abissinien einzeln und m gro\u00dfen Scharen begegnete. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlen Rodatz und Bayssitzre von ihnen. Ich memes Theils traf das Thier auf meiner ersten Reise nach Afrika im Freileben nirgends an. um so h\u00e4ufiger aber auf meinem leider nur zu kurzen Aussluge nach Abissinien im Fr\u00fchjahre 1862, und kann also nunmehr aus eigner Erfahrung \u00fcber ihn reden.\nDer Hamadryas bewohnt das ganze K\u00fcstengebirge Abissiniens und S\u00fcd-Nubiens, nach Norden hin soweit die Regen herabreichen, in ziemlicher Anzahl. Je pflanzenreicher die Gebirge, um so","page":76},{"file":"p0077.txt","language":"de","ocr_de":"Alter Ruhm. Heimat. Aufenthalt. Lebensweise.\n77\nangenehmer scheinen sie ihnen zu sein. Wasser in der N\u00e4he ist unerl\u00e4\u00dfliche Bedingung f\u00fcr das Wohlbefinden einer Herde. Von den h\u00f6heren Bergen herab wandern die Gesellschaften zuweilen auf die niederen H\u00fcgelreihen der Samch ara oder des W\u00fcstenstreifens an der Meeresk\u00fcste herab; die Hauptmasse bleibt aber immer im Hochgebirge. Hier bewohnt jede Herde ein Gebiet von vielleicht l1/^ oder 2 Meilen im Durchmesser. Man begegnet kleineren Gesellschaften viel seltener, als gr\u00f6\u00dferen. Ich sah ein einziges Mal eine Schar vdn f\u00fcnfzehn bis zwanzig St\u00fcck, sonst aber immer Herden, welche der geringsten Sch\u00e4tzung nach ihrer hundert und f\u00fcnfzig z\u00e4hlen mochten. Darunter befinden sich dann etwa zehn bis f\u00fcnfzehn vollkommen erwachsene M\u00e4nnchen \u2014 wahrhafte Ungeheuer von bedeutender Gr\u00f6\u00dfe und einem Gebi\u00df, welches das des Leoparden an St\u00e4rke und L\u00e4nge der Z\u00e4hne bei weitem \u00fcbertrifft, \u2014 und etwa doppelt so viel erwachsene Weibchen. Der Rest besteht aus Jungen und Halberwachsenen. Die alten M\u00e4nnchen zeichnen sich durch ihre gewaltige Gr\u00f6\u00dfe und den langen Mantel aus \u2014 bei einem von mir erlegten mittelalten M\u00e4nnchen messen die Mantelhaare zehn pariser oder fast zw\u00f6lf leipziger Zoll; \u2014- die Weibchen sind k\u00fcrzer behaart und dunkler, d. h. olivenbraun von Farbe: die Jungen \u00e4hneln der Mutter. Unser Bild \u00fcberhebt mich einer Beschreibung der sonderbaren Haarlage auf dem Kopfe des Hamadryas, welche bei den Afrikanern so gro\u00dfen Beifall fand; hinsichtlich der F\u00e4rbung aber mu\u00df ich bemerken, da\u00df jedes einzelne Haar wechselnd gr\u00fcnlich braun und gelblich geringelt ist, wodurch eine sehr schwer zu beschreibende, d\u00fcrr gewordenem Grase am meisten \u00e4hnelnde Gesammtf\u00e4rbung des Pelzes entsteht. Die Kopfseiten und Hinterbeine sind immer lichter, meist aschgrau. Das Ges\u00e4\u00df ist brennend roth, das nackte Gesicht schmuzig fleischfarben. Je \u00e4lter die M\u00e4nnchen werden, um so mehr lichtet sich die Farbe ihres Mantels. Jedoch ist es mir wahrscheinlich, da\u00df es wenigstens zwei verschiedene Arten dieser Paviane giebt: eine kleinere mit aschgrauem Mantel, welche Asien bewohnt, und die bedeutend gr\u00f6\u00dfere, afrikanische Art, bei welcher der Mantel auch im h\u00f6chsten Alter immer gr\u00fcnlich braungrau gef\u00e4rbt ist: \u2014 unsere Abbildung stellt die erstere dar.\nIn den Fr\u00fchstunden oder bei Regen findet man die ganze Bande an ihren Schlafpl\u00e4tzen, gr\u00f6\u00dferen und kleineren H\u00f6hlungen an unersteiglichen Felsw\u00e4nden und auf \u00fcberdachten Felsgesimsen, m\u00f6glichst nahe zusammengedr\u00fcckt, die J\u00fcngeren und Schw\u00e4cheren dicht an den Leib ihrer M\u00fctter und bez\u00fcglich auch ihrer V\u00e4ter geschmiegt. Bei gutem Wetter verl\u00e4\u00dft die Herde jene W\u00e4nde in den Vormittagsstunden und wandert nun langsam und gem\u00e4chlich l\u00e4ngs der Felsw\u00e4nde dahin, hier und da eine Pflanze ausziehend, deren Wurzel haupts\u00e4chlich als Nahrungsmittel zu dienen scheint, und jeden nicht allzu gro\u00dfen Stein umwendend, um zu besonderen Leckerbissen, den unter den Steinen verborgenen Kerbthieren, Schnecken und W\u00fcrmern zu gelangen. Sobald das Fr\u00fchmahl eingenommen, steigt Alles nach der H\u00f6he des Bergkammes empor. Die M\u00e4nnchen setzen sich ernst und w\u00fcrdig auf gro\u00dfe Steine, an deren einer Seite die k\u00f6rperlangen gequasteten Schw\u00e4nze herabh\u00e4ngen, den R\u00fccken immer nach dem Winde zugekehrt. Die Weibchen beaufsichtigen ihre ohne Unterla\u00df spielenden und sich balgenden Jungen und treiben sich unter diesen umher. In den sp\u00e4ten Nachmittagsstunden zieht die Gesellschaft zum n\u00e4chsten Wasser, um dort zu trinken; dann geht sie nochmals auf Nahrung aus und wendet sich schlie\u00dflich nach irgend einem geeigneten Schlafplatze. Ist ein solcher besonders g\u00fcnstig, so darf man mit Sicherheit darauf rechnen, die Paviane gegen Abend da einziehen zu sehen, selbstverst\u00e4ndlich, so lange man sie nicht durch wiederholte Verfolgungen gest\u00f6rt hat. Durrahfelder in der N\u00e4he des Wohnplatzes geh\u00f6ren zu den ganz besonderen Annehmlichkeiten desselben und m\u00fcssen sorgf\u00e4ltig geh\u00fctet werden, wenn man auf eine Ernte rechnen will; sonst erscheinen die frechen R\u00e4uber tagt\u00e4glich, verw\u00fcsten weit mehr, als sie verzehren, und richten schlie\u00dflich das ganze Feld vollst\u00e4ndig zu Grunde.\nWenn die Paviane still sitzen, schweigt die ganze Gesellschaft, so lange sich nichts Auff\u00e4lliges zeigt. Ein etwa herankommender Menschenzug oder eine Viehherde entlockt einem oder dem andern ganz sonderbare Laute, welche am besten mit dem Gebell mancher Hunde verglichen werden k\u00f6nnen und wahrscheinlich nichts Anderes bezwecken, als die Aufmerksamkeit der Gesammtheit zu erregen. Bei","page":77},{"file":"p0078.txt","language":"de","ocr_de":"78\nDie Affen. Hundsk\u00f6pfe. \u2014 Hamadryas oder Mantelpavian.\ngefahrdrohender Ann\u00e4herung eines Menschen oder eines Raubthieres aber werden die allerverschiedensten T\u00f6ne laut. Am treffendsten kann man das Stimmengewirr einer erregten Pavianherde mit dem Grunzen und Quieken eines zahlreichen Rudels von Schweinen vergleichen. Dazwischen aber vernimmt man Laute, welche bald an das Br\u00fcllen des Leoparden, bald an das dumpfe Brummen eines Herdenstiers erinnern. Die ganze Gesellschaft br\u00fcllt, brummt, bellt, schreit, grunzt und quiekt durch einander. Alle kampff\u00e4higen M\u00e4nnchen r\u00fccken auf der Felskante vor und schauen aufmerksam in das Thal hinab, um die Gefahr abzusch\u00e4tzen; die Jungen suchen Schutz bei den \u00e4lteren; die Kleinen h\u00e4ngen sich an die Brust der M\u00fctter oder klettern auch wohl auf deren R\u00fccken, und nunmehr setzt sich der ganze Zug in Bewegung und eilt auf allen Vieren laufend und h\u00fcpfend dahin.\nVor den Eingebornen f\u00fcrchtet sich der Hamadryas so gut als gar nicht. Er zieht unbek\u00fcmmert um die braunen Leute dicht vor ihnen hin und trinkt aus demselben Bache mit ihnen. Ein Wei\u00dfer erregt jedoch schon mancherlei Bedenken, obwohl man nicht gerade behaupten kann, da\u00df die Affen vor ihm scheu entfl\u00f6hen. Mehr noch, als andere Familienverwandte, zeigen unsere Paviane jene bed\u00e4chtige Ruhe, welche niemals um einen Ausweg verlegen ist, die Gefahr mag noch so nah sein. Anders verh\u00e4lt sich die Sache, wenn die Herde Hunde oder gar Leoparden gewahrt. Dann erheben die alten M\u00e4nnchen ein furchtbares Gebr\u00fcll und Gebrumm, schlagen erz\u00fcrnt mit der einen Hand auf den Felsen, fletschen die Z\u00e4hne und schauen funkelnden Auges auf jene St\u00f6renfriede hinab, augenblicklich bereit, gemeinsam \u00fcber sie herzufallen.\nDie erste Gesellschaft, welche ich sah, ruhte eben von ihrer Fr\u00fchwanderung aus. Sie sa\u00df auf der Kante eines nach beiden Seiten hin ziemlich steil abfallenden Grates. Ich hatte schon von weitem die hohen Gestalten der M\u00e4nnchen gesehen, dieselben aber f\u00fcr Felsbl\u00f6cke gehalten, die auf dem Kamme l\u00e4gen; denn mit solchen haben die Affen, so lange sie ruhig sind, die gr\u00f6\u00dfte \u00c4hnlichkeit. Erst ein wiederholtes einlautiges Bellen, ungef\u00e4hr dem hoch ausgesto\u00dfenen Laute \u201eKuck\" vergleichbar, belehrte mich. Aller K\u00f6pfe richteten sich nach uns hernieder: nur die Jungen spielten noch unbesorgt weiter, und einige Weibchen gaben ihr Lieblingsgesch\u00e4ft nicht auf, sondern suchten noch eifrig den Pelz eines alten Herrn nach Ungeziefer durch. Wahrscheinlich w\u00fcrde die ganze Gesellschaft in beobachtender Haltung geblieben sein, h\u00e4tten wir nicht zwei muntere und \u00fcppige Hunde mit uns gef\u00fchrt, sch\u00f6ne, schlanke Windspiele, gewohnt, die'Hi\u00e4ne von den Wohnungen abzutreiben, erprobt selbst im Kampf gegen den Wolf jener L\u00e4nder. Sie antworteten mit Gebell auf jene Laute, und nun bemerkten wir einen allgemeinen Aufstand unter der Herde. Es mochte den Affen daran zu liegen scheinen, einen noch sicherern Aufenthaltsort zu suchen. Sie zogen deshalb bis auf die letzten Posten l\u00e4ngs des Kammes dahin und verschwanden unseren Blicken. Doch sahen wir zu unserer Ueber-raschung bei der n\u00e4chsten Biegung des Thales die ganze Herde, diesmal an einer senkrecht erscheinenden, sehr hohen Felsenwand, wo sie in einer langen Reihe, in einer mir heut noch unbegreiflichen Weise, wie an den Felsen klebten. Diese Reihe erschien uns zu lockend, als da\u00df wir sie h\u00e4tten ungest\u00f6rt in ihrer Ruhe lassen k\u00f6nnen. Die Iagdlust wurde allzum\u00e4chtig. Von dem Bedauern, welches jeder J\u00e4ger versp\u00fcrt, wenn er kleine Affen jagt oder jagen will, f\u00fchlten wir jetzt keine Regung in uns aufsteigen; denn die Paviane erschienen uns durchaus nicht als Zerrbilder des Menschen, sondern als w\u00fcthende, grimmige Raubthiere, keiner Schonung werth und zur Jagd ganz geeignet. Leider war die Wand so hoch, da\u00df an ein sicheres Schie\u00dfen nicht zu denken war. Wir gedachten also die Gesellschaft wenigstens aufzust\u00f6ren. Der Knall des ersten Schusses brachte eine unbeschreibliche Wirkung hervor. Ein rasendes Br\u00fcllen, Heulen, Brummen, Bellen und Kreischen antwortete; dann setzte sich die ganze Kette in Bewegung und wogte an der Felswand dahin mit einer Sicherheit, als ob die Gesellschaft auf ebenem Boden sich fortbewege, obgleich wir nicht absehen konnten, wie es nur m\u00f6glich war, festen Fu\u00df zu fassen. Ein schmales Gesims schien von den Affen als h\u00f6chst bequemer Weg betrachtet zu werden. Nur an zwei Stellen, wo sie einmal gegen zehn Fu\u00df in die Tiefe und beinahe eben so wieder aufsteigen mu\u00dften, bewegte sich der Zug langsamer und vorsichtiger. Wir feuerten etwa sechs Sch\u00fcsse ab; aber es war uns unm\u00f6glich, sicher zu zielen, auch schon weil der Anblick so viel","page":78},{"file":"p0079.txt","language":"de","ocr_de":"Eigenschaften. Nahrung. Eigene Beobachtungen. Jagden.\n79\nUeberraschendes hatte, da\u00df uns alle Ruhe verloren ging. Immerhin aber waren unsere Kugeln noch gut genug gerichtet, um die Aufregung der Affen bis zum Entsetzen zu steigern. Ueberaus komisch sah es aus, wie die ganze Herde nach einem Schu\u00df urpl\u00f6tzlich sich an einem Felsen anklammerte, als f\u00fcrchte sie, durch die Llose Ersch\u00fctterung zur Tiefe herabgest\u00fcrzt zu werden. Wie es schien, entkamen Alle unversehrt unseren Geschossen. Allein der Schreck mochte ihnen doch wohl einen Streich gespielt haben; denn es wollte uns d\u00fcnken, als h\u00e4tten sie die ihnen sonst eigne Berechnung diesmal ganz au\u00dfer Acht gelassen. Beim Umbiegen um die n\u00e4chste Wendung des Thales trafen wir die ganze Gesellschaft nicht mehr in der H\u00f6he, sondern in der Tiefe an, eben im Begriff, das Thal zu \u00fcberschreiten, um auf den gegen\u00fcberliegenden H\u00f6hen Schutz zu suchen. Ein guter Theil der Herde war schon am jenseitigen Ufer angekommen, die Hauptmasse aber noch zur\u00fcck. Unsere Hunde stutzten einen Augenblick, als sie das wogende Gewimmel erblickten; dann st\u00fcrzten sie sich mit jauchzendem Bellen unter die Bande. Jetzt zeigte sich uns ein Schauspiel, wie man es nur selten zu schauen bekommt. Sobald die Hunde herbeieilten, st\u00fcrzten sich von allen Felsen die alten M\u00e4nnchen herab in das Thal, jenen entgegen, bildeten sofort einen Kreis um die R\u00fcden, br\u00fcllten furchtbar, rissen die z\u00e4hnestarrenden M\u00e4uler weit auf, schlugen mit den H\u00e4nden grimmig auf den Boden und sahen ihre Gegner mit so boshaften, w\u00fcthend funkelnden Blicken an, da\u00df diese sonst so muthigen, kampflustigen Thiere entsetzt zur\u00fcckprallten und \u00e4ngstlich bei uns Schutz suchen wollten. Selbstverst\u00e4ndlich hetzten wir sie von neuem zum Kampfe, und es gelang uns auch gl\u00fccklich, ihren Eifer wieder anzufachen. Das Schauspiel hatte sich jedoch inzwischen ver\u00e4ndert: die sich siegreich w\u00e4hnenden Affen waren unterde\u00df auf die erkorene Seite gezogen. Als die Hunde von frischem anst\u00fcrmten, befanden sich nur wenige in der Tiefe des Thales, unter ihnen ein etwa halbj\u00e4hriges Junges. Es .kreischte laut auf, als es die Hunde erblickte, fl\u00fcchtete eilends auf einen Felsblock und wurde hier kunstgerecht von unseren vortrefflichen Thieren gestellt. Wir schmeichelten uns schon, diesen Affen erwischen zu k\u00f6nnen: allein es kam anders. Stolz und w\u00fcrdevoll, ohne sich im geringsten zu beeilen und ohne auf uns zu achten, erschien vom andern Ufer her\u00fcber eins der st\u00e4rksten M\u00e4nnchen, ging furchtlos den Hunden entgegen, blitzte ihnen giftige Blicke zu, welche sie vollkommen in Achtung hielten, stieg langsam auf den Felsblock zu dem Jungen, schmeichelte diesem und trat mit ihm den R\u00fcckweg an, dicht an den Hunden vor\u00fcber, welche so verbl\u00fcfft waren, da\u00df sie ihn mit seinem Sch\u00fctzling ruhig ziehen lie\u00dfen. Diese muthige That des Stammvaters der Herde erf\u00fcllte uns ebenfalls mit Ehrfurcht, und keiner von uns dachte daran, ihn in seinem Wege zu st\u00f6ren, obgleich er sich uns nah genug zur Zielscheibe bot. In dem Geb\u00fcsch, welches die bereits \u00fcbergesetzte Herde n.och zu durchschreiten hatte, wurden w\u00e4hrend dem alle nur denkbaren T\u00f6ne laut, und einige Mal vermeinten wir so deutlich das Gebrumm des Leoparden zu vernehmen, da\u00df ich mich schlie\u00dflich verleiten lie\u00df, diesem Raubthiere nachzusp\u00fcren, glaubend, es m\u00f6chte durch die Assen aufgest\u00f6rt worden und vielleicht mit ihnen im Kampfe begriffen sein; jedoch waren es nur die Paviane gewesen, welche die merkw\u00fcrdigen T\u00f6ne ausgesto\u00dfen hatten.\nAm folgenden Tage sollte ich \u00fcbrigens Gelegenheit erhalten, Affen und Leoparden zusammen zu sehen; ich verspare mir aber die Erz\u00e4hlung dieses Auftritts bis zur Beschreibung des Leoparden selbst, weil dieser es war, welcher dabei die hervorragendste Rolle spielte.\nAuf sp\u00e4teren Jagden lernte ich die Affen noch besser kennen und dabei die unglaubliche Lebensz\u00e4higkeit dieser Thiere bewundern. Wenn sie die Kugel nicht unmittelbar aufs Blatt oder in den Kopf erhielten, gingen sie uns regelm\u00e4\u00dfig verloren. Sie eilten, auch wenn sie stark verwundet ^ waren, noch so r\u00fcstig davon, da\u00df sie immer entkamen. Schrotsch\u00fcsse fruchteten gar Nichts. Sie griffen dann nur nach der verwundeten Stelle, rieben sie mit der Hand und setzten ihren Weg weiter fort, als ob Nichts geschehen w\u00e4re. Schlie\u00dflich waren wir so k\u00fchn geworden, da\u00df wir gar nicht daran glaubten, bei solchen Jagden irgendwie gef\u00e4hrdet zu sein. Allein auch hier\u00fcber sollten wir bald eines Bessern belehrt werden.\nAls ich mit dem Herzog von Koburg-Gotha, seinen f\u00fcrstlichen Begleitern und der \u00fcbrigen Reisegesellschaft das zweite Mal durch das Thal von Mensa zog, machte uns einer der Abissinier auf","page":79},{"file":"p0080.txt","language":"de","ocr_de":"80\tDie Affen. Hundsk\u00f6pfe. \u2014 Hamadryas oder Mantelpavian. Gelada.\neinige Paviane aufmerksam, welche auf ziemlich hohen B\u00e4umen sa\u00dfen. Ich.erw\u00e4hne Dies ausdr\u00fccklich, weil die Paviane, wie ich oben sagte, gew\u00f6hnlich nur im Nothfalle B\u00e4ume ersteigen. Selbstverst\u00e4ndlich wurde sofort auf die entdeckten Schelme Jagd gemacht, obgleich ich davon abrieth, weil ich richtig vermuthete, da\u00df die Hauptmenge auf der andern Seite des Berges sitzen w\u00fcrde. Beim Umgehen einer Thalbiegung sahen wir denn auch eine der gr\u00f6\u00dften Herden, welche uns \u00fcberhaupt vorgekommen, langsam an den Bergw\u00e4nden dahinschreiten. Ihnen wurde jetzt eine wahre Schlacht geliefert. Mehr als zwanzig Sch\u00fcsse fielen von uns, mehrere der Paviane wurden get\u00f6dtet, viele verwundet und die ganze Herde nach und nach auf den Kamm des Berges getrieben. Anf\u00e4nglich schossen wir vom Thalgrunde aus: bald aber suchten wir an der gegen\u00fcberliegenden Wand gesch\u00fctztere Standorte; denn die von uns durch unsere Sch\u00fcsse ebenso erschreckten wie erz\u00fcrnten Thiere griffen jeden Stein auf, welchen sie auf ihrem Wege liegen sahen, und rollten ihn in die Tiefe hinab. Der B\u00fcchsenspanner des Herzogs versicherte, ein gro\u00dfes M\u00e4nnchen gesehen zu haben, welches mit einem gewaltigen Stein unter dem Arme einen Baum erstiegen und von dort aus seine B\u00fcrde nach uns zu in die Tiefe hinabgeschleudert habe. Mehrere der Rollsteine flogen uns im Anfang so nahe an den K\u00f6pfen vorbei, da\u00df wir das Lebensgef\u00e4hrliche unserer Stellung augenblicklich einsahen und f\u00f6rmlich fl\u00fcchteten, um bessere Pl\u00e4tze zu gewinnen. W\u00e4hrend des ganzen Gefechts blieb die Thalsohle f\u00fcr unsere nachkommende Karawane vollst\u00e4ndig gesperrt; denn die Paviane rollten Steine von mehr als Kopfgr\u00f6\u00dfe zur Tiefe hernieder. Da\u00df die gesunden, den Indianern gleich, ihre Leichen vom Schlachtfelde weggetragen h\u00e4tten, wieBayssiere beobachtet haben will, ist von uns nicht gesehen auch etwas darauf Bez\u00fcgliches anderweitig vernommen worden. Dagegen unterliegt es wohl keinem Zweifel, da\u00df die fernere Erz\u00e4hlung jenes Reisenden ihre Richtigkeit hat. Bayssiere erlegte n\u00e4mlich ein Weibchen, welches ein Junges trug, und beobachtete, da\u00df letzteres seine Mutter auch im Tode nicht verlie\u00df, sondern sich willig von den Todfeinden fangen lie\u00df und ungeachtet seiner anf\u00e4nglichen St\u00f6rrigkeit bald zahm und sanft wurde. Auch dieser Reisende wurde durch das Herabrollen von Steinen durch Paviane arg bel\u00e4stigt.\nMir ist es, seitdem ich die Thiere selbst in ihrer Freiheit sah, durchaus nicht mehr unwahrscheinlich, da\u00df sie auf einen nicht mit dem Feuergewehr bewaffneten Menschen im Augenblick der h\u00f6chsten Gefahr muthig losgehen und ihn gemeinsam angreifen, wie die Araber und Abissinier, sowie \u00fcbereinstimmend auch gute Beobachter, namentlich R\u00fcppell und Schimper, erz\u00e4hlen. Wir selbst haben zwar keine Erfahrungen gesammelt, welche jene Beobachtungen best\u00e4tigen k\u00f6nnten, wohl aber gesehen, da\u00df die Hamadryaden selbst vor dem Bewaffneten sich nur h\u00f6chst langsam und mit sehr vielsagendem Z\u00e4hnefletschen und Br\u00fcllen zur\u00fcckziehen. Schimper versicherte mich, da\u00df der Hamadryas ohne Umst\u00e4nde Menschen nicht nur angriffe, sondern auch bew\u00e4ltige und tobte; alte M\u00e4nnchen sollen sich sogar ungereizt und zwar wiederholt \u00fcber holzsammelnde M\u00e4dchen hergemacht und sie umgebracht haben, wenn sie sich widersetzten. Auch R\u00fcpell giebt an, da\u00df der scheu\u00dfliche Affe unter die gef\u00e4hrlichsten Gegner des Menschen gerechnet werden mu\u00df.\nIn Egypten und namentlich in Kairo sieht man den Mantelpavian h\u00e4ufig genug im Besitz von Gauklern und Volksbelustigern. Wahrscheinlich werden noch heute genau dieselben Spiele dem Volke zur Schau gegeben, welche schon Alpinus sah, wie ja auch heutigen Tages noch mit der Brillenschlange in derselben Weise gegaukelt wird, in welcher Moses vor Pharao gaukelte. Zumal an Festtagen findet man auf jedem gr\u00f6\u00dfern Platze der Hauptstadt einen Affenf\u00fchrer und Schlangenbeschw\u00f6rer. Die bez\u00fcglichen Vorstellungen stehen unter der Mittelm\u00e4\u00dfigkeit oder vielmehr, sie sind p\u00f6belhaft gemein. Der Schausteller hat die Gelehrigkeit des Pavians benutzt, um seine eigne Unsauberkeit im scheu\u00dflichsten Zerrbilde wiederzugeben, und die Naturanlage des Affen kommt dem Herrn nur zu gut zu Statten. Wie gescheit ein solcher Affe werden kann, sehen wir ja \u00fcbrigens h\u00e4ufig genug in Affenschaubuden, welche uns gez\u00e4hmte und abgerichtete Thiere derselben Sippe vorf\u00fchren. Uebrigens benutzen die egyptischen Gaukler gew\u00f6hnlich Weibchen; denn die M\u00e4nnchen werden mit der Zeit zu b\u00f6sartig und gef\u00e4hrlich. Sogar in Egypten d\u00fcrfen sie nicht ohne Bei\u00dfkorb","page":80},{"file":"p0081.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung des Gelada.\n81\nausgef\u00fchrt werden. Dieser hindert sie jedoch immer noch nicht, Unfug zu stiften. Ich ritt einst durch die Stra\u00dfen Kairo's und stie\u00df dabei mit dem Fu\u00dfe an einen auf der Stra\u00dfe sitzenden Hamadryas; mein Reitesel lief im schnellsten Galopp: gleichwohl hatte der Pavian im n\u00e4chsten Augenblick mich am Beine erwischt und ri\u00df mir mit wenigen Griffen die Kamasche, den Strumpf und Schuh vom Fu\u00dfe, mir zugleich als Zeichen seiner Gewandtheit und Freundlichkeit noch ein Paar ziemlich tiefe Wunden hinterlassend. Die Frechheit und Geilheit dieser Thiere, ihre Unversch\u00e4mtheit und Flegelhaftigkeit verbannen sie ganz entschieden aus der Gesellschaft des Menschen.\nDer Gelada (Cynocephalus Gelada).\nZn unmittelbarer N\u00e4he des Hamadryas wohnt ein zweiter Mantelpavian, der Gelada (Cynocephalus Gelada). Er ist der Riese seiner Familie und noch bedeutend gr\u00f6\u00dfer, als der Hamadryas, wenn auch sein Entdecker, unser N\u00fcppell, dieses verneint. Ich st\u00fctzte mich bei meinen Angaben auf die m\u00fcndlichen Mittheilungen Schimpers, welcher seit 28 Jahren in Habesch lebt und oft genug Gelegenheit fand, den Gelada zu beobachten. Mein Gew\u00e4hrsmann versichert, da\u00df recht alte M\u00e4nnchen des Gelada Mannsgr\u00f6\u00dfe erreichen. Unser Affe unterscheidet sich vom Hamadryas auf den ersten Blick. Seine Hautfarbe ist dunkelbraun, der Kopf, der Oberhals, die M\u00e4hnenhaare und der Schwanz sind lichtbraun, die Kehle und Unterseite, die untere H\u00e4lfte der Vorderglieder und die R\u00fcckenseite der vier H\u00e4nde schwarzbraun. Auf dem Vorderhals und \u00fcber der Brust finden sich zwei gro\u00dfe, dreieckige, nackte, .'fleischfarbige Hautstellen. Die Ges\u00e4\u00dfschwielen sind dunkelgrauschwarz gef\u00e4rbt.\nBrehm, Thierleben.\tA","page":81},{"file":"p0082.txt","language":"de","ocr_de":"82\nDie Affen. Hundsk\u00f6pfe. \u2014 Gelada. Babuin.\nDer G-lada bewohnt nach Wpell die h\u00f6heren Berggipfel in \u00a9intern, betn eigentlichen Hoch-lande von Abissinien. Schimper sagte mir, da\u00df man ihn gew\u00f6hnlich in einem H\u00f6heng\u00fcrtel findet, welcher zwischen 9\u201414,000 Fu\u00df \u00fcber dem Meere liegt. Hier lebt er in ungeheuren Scharen; an der unteren Gr\u00e4nze seines Hochgebirge\u00ab dagegen erscheinen nur kleine Trupps von 100 bis 200 St\u00fcck. Auch er verl\u00e4\u00dft die felsigen, mit Gestr\u00fcpp bedeckten W\u00e4nde blos, um in der Tiefe zu rauben. Seine gew\u00f6hnliche Nahrung besteht aus verschiedenen Zwiebeln, welche er ausgr\u00e4bt, Orchideen, Liliaeeen, ans Gr\u00e4sern, Kr\u00e4utern, Fr\u00fcchten aller Art, und selbstverst\u00e4ndlich auch Kerb-'^hieren W\u00fcrmern, Schnecken und dergleichen. Die Felder besucht er ebenfalls und zwar, wie die Abissinier behaupten, immer genau zu der Zeit, in welcher der W\u00e4chter nicht vorhanden ist. Obgleich weit weniger unversch\u00e4mt und zudringlich, als der Hamadrhas, richtet doch auch er gro\u00dfe\u00bb Schaden an, haupts\u00e4chlich deshalb, weil er immer in Menge einf\u00e4llt. Vor dem Menschen fl\u00fcchtet stets die ganze Herde, ohne sich jemals zu vertheidigen; doch ist es immerhin nicht rathsam, einem aufs \u00e4u\u00dferste getriebenen Gelada zu nahe zu kommen: denn sein Gebi\u00df ist mindestens ebenso furchtbar, wie das seines Verwandten.\nMit diesem lebt der Gelada durchaus nicht in freundschaftlichen Verh\u00e4ltnissen. Die Berge von Simeen gleichen gro\u00dfen Htzsern: sie fallen von oben her nur sanft, ungef\u00e4hr dachartig, dann aber pl\u00f6tzlich Tausende von Fu\u00dfen mehr oder weniger steil, bis senkrecht ab. In diesen W\u00e4nden nun giebt es Felsenh\u00f6hlen genug, in denen unsere Affen schlafen. Bei Tage sieht man sie oft in langen Reihen, zu Tausenden vereinigt, auf den Gesimsen und Vorspr\u00fcngen sitzen. Sie haben dann ihren Futtergang beendet und sind ges\u00e4ttigt von oben herabgekommen. Selten steigen sie bis zu dem Fu\u00dfe der steilen Wandungen hernieder, eben, um einmal ein Feld da unten zu besuchen. Bei solchen Ausfl\u00fcgen treffen sie dann zuweilen mit den Hamadryaden zusammen, und nunmehr beginnt eine f\u00f6rmliche Schlacht zwischen Leiden Heeren. Die Feindschaft der Gegner mu\u00df sehr gro\u00df sein. Man bemerkt Dies an dem unglaublichen Zorne, mit welchem sie auf einander losst\u00fcrmen. Zwar kommt es nicht zu ernsthaften Angriffen, aber doch zur Fehde. Geladas und Hamadryaden erheben ein furchtbares Geschrei; dann rollen erstere gro\u00dfe Steine auf letztere herab, denen diese mit funkelnden Blicken unter Br\u00fcllen, Brummen und Bellen auszuweichen suchen. Einzelne alte Recken st\u00fcrmen auch wohl auf einander los und suchen sich gegenseitig zu packen. Sie zausen sich dann t\u00fcchtig an dem ihre M\u00e4nnlichkeit bekundenden Mantel und bei\u00dfen sich sogar mitunter; allein in der Hauptsache bleibt es beim Geschrei und bei den wuthfunkelnden Blicken. F\u00fcr den Zuschauer haben diese K\u00e4mpfe etwas \u00fcberaus Erg\u00f6tzendes.\nSchimper glaubt \u00fcbrigens, da\u00df aller Feindschaft zum Trotz zuweilen Vermischungen zwischen Gelada und Hamadryas vorkommen.\nNach der festen Ueberzeugung genannten Forschers giebt es in Habesch einen andern Affen, kleiner und grauer, als der Gelada, sonst ihm aber \u00e4hnlich, welcher sich nicht nur durch anderes Geschrei auszeichnet, sondern auch mehr in der Tiefe, sowie in Herden von geringerer Zahl vorkommt und sich durch verschiedene Lebensweise unterscheidet. Er soll den Hamadryas auf seinen Raubz\u00fcqen begleiten oder ihm vielmehr in die Getreidefelder folgen und dort sich friedlich zu ihm stellen. Nach der Beschreibung, welche Schimper nach Paris sandte, wurde das betreffende Thier\nf\u00fcr eine neue Art erkl\u00e4rt.\t,\t\u201e\nEndlich findet sich in dem Wunderlande Abissinien noch ein gewaltiger, unseren Museen g\u00e4nzlich\nunbekannter Affe, gr\u00f6\u00dfer als ein Mensch, ganz schwarz, sehr roth auf den nackten Stellen der Brust, welcher in Gestalt und Lebensweise dem Gel ad a am meisten \u00e4hnelt, jedoch in Herden von nur 30 oder 40 St\u00fcck lebt und sich nur in H\u00f6hen findet, welche selten bestiegen werden. Schimper sah eme einzige Herde dieser fraglichen Thiere und konnte trotz aller M\u00fche von seinen J\u00e4gern blos ein Stuck, aber leider ein Junges, erhalten. Dieses hatte mit gleich alten Geladas kaum Aehnlichkell; es unterschied sich in jeder Hinsicht.","page":82},{"file":"p0083.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Aufenthalt. Betragen.\n83\nUnter den mantellosen Pavianen ist mir der Babuin oder Khird der Araber (Cynocephalus Babuin) am besten bekannt geworden, wenn auch nur in seinem Gefangenleben. Mit den eben beschriebenen Sippschaftsverwandten kann der Babuin allerdings nicht verwechselt werden, wohl aber mit anderen Hundsk\u00f6pfen und zumal mit dem am Kap lebenden Tschakma (Cynocephalus porca-rius), von welchem ihn haupts\u00e4chlich sein gr\u00fcnlich braungelber \u2014 anstatt br\u00e4unlicher \u2014 Pelz unterscheidet. Auch ist er etwas kleiner, als jener. Die Haare zeigen abwechselnd gelbe und schw\u00e4rzliche Ringe von dunkler Farbe. Im Gesicht ist er gr\u00fcnlichbraun, und die Augenlider sind wei\u00dflich, bla\u00dffleischroth.\nHinsichtlich der Lebensweise und des Betragens ist zwischen beiden Pavianen kein Unterschied zu bemerken; ich werde deshalb vorzugsweise von der mir bekannteren Art reden.\nDer Babuin lebt so ziemlich in der Heimat des Hamadryas, dringt aber weiter in das Innere Afrikas vor, als dieser. Abissinien, Kordofahn und andere mittelafrikanische L\u00e4nder beherbergen ihn, und wo er vorkommt, ist er h\u00e4ufig. Er wird sehr oft gefangen und auf dem Nil herunter nach Egypten und von dort aus nach Europa gebracht. In Egypten dient er den Gauklern so ziemlich zu denselben Zwecken, wie sein gem\u00e4hnter Bruder. Er ist weniger b\u00f6sartig, als dieser, und jung sogar recht freundlich und liebensw\u00fcrdig.\nIn seinen Bewegungen und seiner Stellung gleicht der Babuin ganz den anderen Pavianen, sein geistiges Wesen zeichnet ihn jedoch zu seinem Vortheil aus. Er ist ein sehr kluges Thier und gew\u00f6hnt sich jung au\u00dferordentlich leicht an den Menschen, l\u00e4\u00dft sich zu allen m\u00f6glichen Kunstst\u00fccken ohne M\u00fche abrichten und h\u00e4ngt seinem Herrn, trotz schlechter Behandlung, mit gro\u00dfer Treue an. Das Weibchen ist sanfter und liebensw\u00fcrdiger, als das M\u00e4nnchen, welches oft seine T\u00fccken und\n6*\nD er Tschakma (Cynocephalus porcarius).","page":83},{"file":"p0084.txt","language":"de","ocr_de":"84\nDie Affen. Hundsk\u00f6pfe. \u2014 Babuin.\nUnarten auch seinem Herrn gegen\u00fcber zeigt, w\u00e4hrend das Weibchen mit diesem auf dem traulichsten Fu\u00dfe lebt. Ich habe deshalb mir auch regelm\u00e4\u00dfig weibliche Paviane ausgesucht.\nDer erste Babuin, welchen ich besa\u00df, erhielt den Namen Perro. Er war ein h\u00fcbscher munterer Affe und hatte sich schon in drei Tagen vollkommen an mich gew\u00f6hnt. Ich wies ihm das Amt eines Th\u00fcrh\u00fcters an, indem ich ihn \u00fcber unserer Hofth\u00fcre befestigte. Hier hatte er sich bald einen Lieblingssitz ausgesucht und bewachte von dort aus die Th\u00fcre auf das allersorgf\u00e4ltigste. Nur uns und ihm Bekannte durften eintreten, Unbekannten verwehrte er hartn\u00e4ckig den Eingang und geberdete sich dabei so toll, da\u00df er stets gehalten werden mu\u00dfte, bis der Betreffende eingetreten war, weil er sonst wie ein w\u00fcthender Hund auf denselben losgefahren sein w\u00fcrde. Bei jeder Erregung erhob er den Schwanz und stellte sich auf drei von seinen H\u00e4nden, die vierte benutzte er, um damit heftig auf den Boden zu schlagen, ganz wie ein w\u00fcthender Mensch auf den Tisch schl\u00e4gt, nur da\u00df er nicht die Faust ballte, wie dieser. Seine Augen gl\u00e4nzten und blitzten im Zorne, er lie\u00df ein bellendes Geschrei h\u00f6ren und rannte dann w\u00fcthend auf seinen Gegner los. Nicht selten verstellte er sich mit ausgesuchter Niedertr\u00e4chtigkeit, nahm eine sehr freundliche Miene an, schmatzte mehrmals rasch hintereinander, was immer als Freundschaftsbetheuerung anzunehmen war, und langte sehnend mit den H\u00e4nden nach Dem, welchem er Etwas auswischen wollte. Gew\u00e4hrte ihm dieser seine Bitte, so fuhr er wie ein Teufel nach der Hand, ri\u00df seinen Feind an sich heran und kratzte und bi\u00df ihn. Er lebte mit allen Thieren in Freundschaft, mit Ausnahme der Strau\u00dfe, welche wir besa\u00dfen. Diese trugen jedoch die Schuld des feindlichen Verh\u00e4ltnisses, welches zwischen beiden bestand. Perro sa\u00df, wenn seine W\u00e4chterdienste unn\u00f6thig waren, gew\u00f6hnlich ganz ruhig auf seiner Mauer und hielt sich gegen die sengenden Sonnenstrahlen ein St\u00fcckchen Strohmatte als Schirm \u00fcber den Kopf. Dabei vernachl\u00e4ssigte er es, auf seinen langen Schwanz besondere R\u00fccksicht zu nehmen und lie\u00df diesen an der Mauer herabh\u00e4ngen. Die Strau\u00dfen haben nun die Unart, nach allem M\u00f6glichen, was nicht niet- und nagelfest ist, zu bei\u00dfen. Und so geschah es denn sehr oft, da\u00df einer oder der andere dieser V\u00f6gel schaukelnd heran kam, mit seinem dummen Kamelkopfe sich dem Schw\u00e4nze n\u00e4herte und, ohne da\u00df Perro es ahnte, pl\u00f6tzlich demselben einen t\u00fcchtigen Bi\u00df versetzte. Die Strohmatte wegwerfen, laut schreien, den Strau\u00df mit beiden Vorderh\u00e4ndeu am Kopfe fassen und t\u00fcchtig absch\u00fctteln, war dann gew\u00f6hnlich Eins. Es kam oft vor, da\u00df der Affe nachher eine ganze Viertelstunde lang nicht aus seiner Wuth herauskam. Nun war es freilich kein Wunder, da\u00df er dem Strau\u00dfe, wo er ihn nur immer erwischen konnte, einen Hieb oder Kniff versetzte.\nW\u00e4hrend unserer R\u00fcckreise nach Egypten wurde Perro, welcher mit allem Schiffsvolk gute Freundschaft hielt, am Bord der Barke angebunden. Er f\u00fcrchtete das Wasser in hohem Grade, war aber doch gescheit genug,, sich, wenn er durstete, demselben so zu n\u00e4hern, da\u00df er keine Gefahr zu besorgen brauchte. Er probirte n\u00e4mlich regelm\u00e4\u00dfig seinen festen Strick und lie\u00df sich dann an diesem bis nah \u00fcber den Wasserspiegel hinab, streckte seine Hinterh\u00e4nde in den Strom, n\u00e4\u00dfte sie an und leckte sie ab, auf diese 'Weise seinen Durst stillend.\nGegen junge Thiere zeigte er gro\u00dfe Zuneigung. Als wir in Alexandrien einzogen, war er auf den Wagen gebunden, welcher unsere Kisten trug, sein Strick war aber so lang, da\u00df er ihm die n\u00f6thige Freiheit gew\u00e4hrte. Beim Eintreten in die Stadt erblickte Perro neben der Stra\u00dfe das Lager einer H\u00fcndin, welche vor kurzer Zeit geworfen hatte und vier allerliebste Junge ruhig s\u00e4ugte. Vom Wagen abspringen und der Alten ein s\u00e4ugendes Junges wegrei\u00dfen, war die That weniger Augenblicke; nicht so schnell gelang es ihm aber, seinen Sitz wieder zu erreichen. Die Hundemutter, aufs \u00e4u\u00dferste aufgebracht \u00fcber die Frechheit des Affen, fuhr w\u00fcthend auf diesen los, und Perro mu\u00dfte nun seine ganze Kraft zusammennehmen, um dem andringenden Hunde zu widerstehen. Sein Kampf war nicht leicht; denn der Wagen bewegte sich stetig weiter und ihm blieb keine Zeit \u00fcbrig, aus ihn hinaufzuklettern, weil ihn sonst die H\u00fcndin gefa\u00dft haben w\u00fcrde. So klammerte er nun den jungen Hund zwischen den obern Arm und die Brust, zog mit demselben Arme den Strick an sich, weil dieser ihn w\u00fcrgte, lief auf den Hinterbeinen und vertheidigte sich mit der gr\u00f6\u00dften Tapferkeit gegen seine","page":84},{"file":"p0085.txt","language":"de","ocr_de":"Aus dem Gefangenleben des Babuin.\n85\nAngreiferin. Sein w\u00fcthiger Kampf gewann ihm die Bewunderung der Araber in so hohem Grade, da\u00df keiner derselben ihm sein geraubtes Pflegekind abnahm; sie jagten schlie\u00dflich lieber die H\u00fcndin weg. Unbehelligt brachte er den jungen Hund mit sich in unsere Behausung, h\u00e4tschelte, pflegte und wartete ihn sorgf\u00e4ltig, sprang mit dem armen Thiere, welches gar keinen Gefallen an solchen T\u00e4nzerk\u00fcnsten zu haben schien, auf Mauern und Balken, lie\u00df es dort in der gef\u00e4hrlichsten Lage los und erlaubte sich andere Uebergriffe, die wohl an einem Assen, nicht aber an einem Hunde gerechtfertigt sein mochten. Seine Freundschaft zu dem Kleinen war gro\u00df, Dies hinderte ihn jedoch nicht, alles Futter, welches wir dem jungen Hunde brachten, selbst an dessen Stelle zu fressen und das arme hungrige\nThier auch noch sorgf\u00e4ltig mit dem Arme wegzuhalten, w\u00e4hrend er, der r\u00e4uberische Vormund, das unschuldige M\u00fcndel beeintr\u00e4chtigte. Ich lie\u00df ihm noch an demselben Abend das Junge abnehmen und es zu seiner rechtm\u00e4\u00dfigen Mutter zur\u00fcckbringen. Der Verlust \u00e4rgerte ihn dergestalt, da\u00df er mehrere Tage sehr m\u00fcrrisch war und verschiedene dumme Streiche ver\u00fcbte.\nW\u00e4hrend meines zweiten Aufenthaltes in Ost-Sudahn hatte ich oft viele Paviane derselben Art zu gleicher Zeit in meinem Geh\u00f6ft. Sie geh\u00f6rten theils mir, theils einem meiner Freunde an. Jeder Pavian kannte seinen Herrn genau und ebensogut den ihm verliehenen Namen. Es war eine Kleinigkeit, einen frisch gekauften Affen beides kennen zu lernen. Wir brachten das Thier in das Innere unserer Wohnung und sorgten durch aufgestellte Wachen daf\u00fcr, da\u00df er den Raum nicht verlassen konnte.. Dann nahm Einer von uns die Peitsche und bedrohte den betreffenden Affen, der Andere geberdete sich in ausdrucksvollster Weise als Schutzherr des Verfolgten. Nur selten wurde es wirklich n\u00f6thig, einen Pavian zu schlagen; er begriff schon die Drohung und dem ihn in Aussicht gestellten Schutz vollkommen und erwies sich stets sehr dankbar f\u00fcr die ihm in so schwerer Bedr\u00e4ngni\u00df gewordene Hilfe. Ebenso leicht wurde es, einem Paviane begreiflich zu machen, da\u00df er mit dem oder jenem Namen getauft worden sei. Wir riefen den Namen und pr\u00fcgelten alle diejenigen, welche falsch antworteten. Hierin bestand das ganze Kunstst\u00fcck. Es war keineswegs n\u00f6thig, harte Z\u00fcchtigungen zu verh\u00e4ngen. Die Drohung, zu schlagen, bewirkte oft mehr, als die Schl\u00e4ge selbst, und versetzte jeden Pavian stets in die gr\u00f6\u00dfte Aufregung.\nW\u00e4hrend der Regenzeit waren wir oft an unsere Behausung gebannt. Das Fieber sch\u00fcttelte wohl auch den Einen oder den Andern von uns; ich war damals arm, hatte schwere Verluste erlitten und befand mich in einer sehr traurigen Lage. Da waren es die Affen vor Allem, welche mich erheiterten, und ich kann wohl sagen, da\u00df sie uns geradezu unumg\u00e4nglich nothwendig wurden. Wir trieben tolle","page":85},{"file":"p0086.txt","language":"de","ocr_de":"g\u00df\tDie Affen. Hundsk\u00f6pfe. \u2014 Babuin.\nStreiche mit ihnen, lehrten ihnen allerhand Unsinn, machten die allersonderbarsten Versuche. Allein gerade hierdurch lernten wir die merkw\u00fcrdigen Burschen sehr genau kennen. Und jetzt, wo mich das Leben der Thiere mehr und mehr anzieht und zu immer umfassendern Beobachtungen in dieser Richtung antreibt, sind mir jene tollen Streiche sehr wichtig geworden.\nUnsere Affen erhielten Reitstunden. Ein dicker Esel, das unentbehrliche Reitthier emes noch dickern und jedenfalls unausstehlichern Griechen, wurde dazu benutzt. Die Affen schauderten, als sie das erste Mal sich auf den R\u00fccken des Esels setzen sollten; doch gen\u00fcgte eine einzige Lehrstunde, um ihnen den Werth der h\u00f6hern Reitkunst vollkommen klarzumachen, und schon nach wenig Abenden hatten wir das Vergn\u00fcgen, alle Affen sattelfest, wenn auch verzweiflungsvoll, auf dem Esel sitzen zu sehen, welcher seinerseits \u00fcber die ihm gemachten Zumuthungen in nicht geringe Aufregung versetzt wurde. Wie vortrefflich unseren Pavianen ihre H\u00e4nde zustatten kamen, wurde bei diesen Versuchen recht augenscheinlich. Wir hatten ihnen gelehrt, sich wie ein Mensch auf den R\u00fccken des geduldigen Langohrs zu setzen, und zwar ihrer drei/vier, ja f\u00fcnf zu gleicher Zeit. Der Erste umhalste den Esel in der z\u00e4rtlichsten Weise mit seinen Vorderarmen; mit den hinteren H\u00e4nden aber krumpfte er sich in dem Felle des Thieres so fest, da\u00df er mit demselben zusammengewachsen zu sein schien. Sein hinter ihm sitzender Mitreiter klammerte sich mit seinen Vorderh\u00e4nden an ihn''an, mit den Hinterh\u00e4nden aber genau in derselben Weise, wie jener, an den Esel, und so alle \u00fcbrigen Reiter! Ich brauche wohl nicht zu versichern, da\u00df man sich unm\u00f6glich einen tollern Anblick denken kann, als vier oder f\u00fcnf Affen auf dem R\u00fccken des oft genug und mit vollem Rechte st\u00f6rrisch werdenden Grauthiers.\nAlle unsere Paviane theilten mit den Eingebornen die Leidenschaft f\u00fcr die Merisa, eine Art Bier, welche die Sudahnesen aus den K\u00f6rnern der Durrah oder des Dohhen zu bereiten wissen. Sie berauschten sich oft in diesem Getr\u00e4nke und bewiesen mir dadurch, da\u00df die Sudahnesen mich der Wahrheit gem\u00e4\u00df \u00fcber den Fang der Paviane unterrichtet hatten. Rothwein \u2014 andern hatten wir tric\u00dft \u2014 tranken die Affen auch, Branntwein verschm\u00e4hten sie aber immer. Einmal gossen wir ihnen ein Gl\u00e4schen davon mit Gewalt in das Maul. Die Folge zeigte sich bald, zumal unsere Thiere vorher schon hinreichend oft die Merisa gekostet hatten. Sie wurden vollst\u00e4ndig betrunken und schnitten die allerf\u00fcrchterlichsten Gesichter, wurden \u00fcberm\u00fcthig, leidenschaftlich, thierisch, kurz gaben mir ein abschreckendes Zerrbild eines rohen, betrunkenen Menschen. Am andern Morgen stellte sich dev Katzenjammer mit all seinen Schrecken ein. Die von dieser unheimlichen Plage befallenen Paviane machten jetzt Gesichter, welche wahrhaft erbarmungsw\u00fcrdig aussahen. Man merkte es ihnen an, da\u00df ein heftiger Kopfschmerz sie peinige; sie hielten sich wohl auch tote Menschen unter solchen Umst\u00e4nden mit Leiden H\u00e4nden das beschwerte Haupt und lie\u00dfen von Zeit zu Zeit die verst\u00e4ndlichsten Klagen h\u00f6ren. Wie der Katzenjammer ihnen mitspielte, zeigten sie dadurch, da\u00df sie nicht nur das^ ihnen gebrachte Futter, sondern auch die ihnen dargereichte Merisa verschm\u00e4hten und sich ton Wein, den sie sonst sehr^liebten, mit Abscheu wegwandten. Dagegen erquickten sie kleine saftige Citronen au\u00dferordentlich: kurz, sie geberdeten sich auch hierin wieder vollkommen menschlich.\nMit den anderen Thieren, welche ich lebendig hielt, vertrugen sie sich sehr gut. Eme zahme L\u00f6win, von der ich weiter unten berichten werde, \u00e4ngstigte zwar die Meerkatzen auf das h\u00f6chste, nicht aber die w\u00fcthigen Hundsk\u00f6pfe. Sie flohen auch, wenn sich das gef\u00fcrchtete Threr nahte, hielten ihm aber tapfer Stand, sowie die L\u00f6win einen Versuch machte, einen Pavran wtrkltch anzugreifen. Dasselbe.habe ich sp\u00e4ter stets beobachtet. Meine zahmen Paviane flohen z. B. vor Jagdhunden, welche ich auf sie hetzte, trieben dieselben jedoch augenblicklich in die Flucht, wenn einer der Hunde es wirklich gewagt hatte, sie am Fell zu packen. Der fl\u00fcchtende Affe sprang dann unter furchtbarem Gebr\u00fcll blitzschnell herum, hing sich mit unglaublicher Gewandtheit an den Hund an und maulschelltrte, bi\u00df und kratzte ihn derartig, da\u00df dieser in h\u00f6chster Verbl\u00fcffung und gew\u00f6hnlich heulend das Wette suchen mu\u00dfte. Um so l\u00e4cherlicher war ihre jedes Ma\u00df \u00fcbersteigende Furcht 'vor Lurchen aller Art. Eme unschuldige Eidechse, ein harmloser Frosch brachten sie f\u00f6rmlich in Verzweiflung! Sie rasten dann, suchten die H\u00f6he zu gewinnen und klammerten sich krampfhaft an Balken und Mauern fest, soweit es","page":86},{"file":"p0087.txt","language":"de","ocr_de":"Aus dem Gefangenleben des Babuin.\n87\nihr Strick zulie\u00df. Gleichwohl war ihre Neugierde so gro\u00df, da\u00df sie nie umhin konnten, sich die ihnen entsetzlichen Thiere in der N\u00e4he zu betrachten. Ich brachte ihnen unter anderen mehrmals giftige Schlangen in Blechschachteln mit. Sie wu\u00dften aus Erfahrung, was f\u00fcr gef\u00e4hrliche Wesen diese Schachteln beherbergten, konnten aber doch nicht widerstehen, die geschlossenen Gef\u00e4ngnisse der Schlangen aufzumachen und weideten sich dann gleichsam an ihrem eignen Entsetzen. In dieser Furcht vor Lurchen sind meiner Erfahrung nach alle Affen gleich.\nEiner dieser Paviane verendete auf sehr traurige Weise. Mein Diener wollte ihn im Nil baden und warf ihn vom Bord unsers Schiffes aus in den Strom. Der Affe war an einem langen Stricke befestigt, dessen Ende mein Diener in der Hand behielt. Ungl\u00fccklicherweise aber entfiel ihm dieser, der Affe versank, ohne auch nur einen Versuch im Schwimmen zu machen, und ertrank.\nEin anderes Mitglied der Gesellschaft brachte ich mit mir nach Deutschland und in meine Heimat. Es zeichnete sich durch auffallenden Verstand aus, ver\u00fcbte aber auch viel lose und tolle Streiche. Unser Haushund hatte sich jahrelang als Tyrann gefallen und war in seinem Alter so m\u00fcrrisch geworden, da\u00df er eigentlich mit keinem Gesch\u00f6pf im Frieden lebte und, wenn er erz\u00fcrnt war oder gestraft werden sollte, sogar nach seinem eignen Herrn bi\u00df. An Atile, so hie\u00df mein Pavian, fand er aber einen ihm nicht nur ebenb\u00fcrtigen, sondern sogar \u00fcberlegenen Gegner. Atile machte sich ein Vergn\u00fcgen daraus, den Hund auf jede Weise zu \u00e4rgern. Wenn er drau\u00dfen im Hofe seinen Mittagsschlummer hielt und sich in der bequemsten Weise auf den gr\u00fcnen Rasen hingestreckt hatte, erschien die neckische Aeffin leise neben ihm, sah mit Befriedigung, da\u00df er fest schlafe, ergriff ihn sacht am Schw\u00e4nze und erweckte ihn durch einen pl\u00f6tzlichen Ri\u00df an diesem geachteten Anh\u00e4ngsel aus seinen Tr\u00e4umen. W\u00fcthend fuhr der Hund auf und st\u00fcrzte sich bellend und knurrend auf die Aeffin. Diese nahm die herausfordernde Stellung an, schlug mit der einen Hand wiederholt auf den Boden und erwartete getrost ihren erbitterten Feind. Der erreichte sie zu seinem grenzenlosen Aerger niemals. Sowie er n\u00e4mlich nach ihr bi\u00df, sprang sie mit einem Satze \u00fcber den Hund hinweg und hatte ihn im n\u00e4chsten Augenblick wieder beim Schw\u00e4nze. Da\u00df der Hund durch solche Beleidigung zuletzt geradezu rasend wurde und wirklich vor Wuth sch\u00e4umte, konnte ich ihm nicht verdenken. Es half ihm aber Alles nichts, und schlie\u00dflich r\u00e4umte er stets mit eingezogenem Schw\u00e4nze das Feld.\nAtile liebte Pflegekinder aller Art. Hassan, die bereits erw\u00e4hnte Meerkatze, war ihr Liebling und geno\u00df ihre Zuneigung in sehr hohem Grade \u2014 so lange es sich nicht um das Freffen handelte. Da\u00df der gutm\u00fcthige Hassan so zu sagen jeden Bissen mit ihr theilte, schien sie ganz selbstverst\u00e4ndlich und keines Dankes w\u00fcrdig zu finden. Sie verlangte von ihm sklavische Unterw\u00fcrfigkeit: sie brach ihm \u2014 wie schon bemerkt \u2014 augenblicklich das Maul auf und leerte die gef\u00fcllten Vorrathskammern Hassans ohne Umst\u00e4nde aus, wenn dieser den k\u00fchnen Gedanken gehabt hatte, auch f\u00fcr sich Etwas in Sicherheit zu bringen. Uebrigens gen\u00fcgte ihrem gro\u00dfen Herzen ein Pflegekind noch nicht; ihre Liebe verlangte mehr Besch\u00e4ftigung. Sie stahl junge Hunde und Katzen, wo sie nur immer konnte, und trug sie oft lange mit sich herum. Eine junge Katze, welche sie gekratzt hatte, wu\u00dfte sie unsch\u00e4dlich zu machen, indem sie mit gro\u00dfer Verwunderung die Klauen des Thieres untersuchte und die ihr bedenklich erscheinenden N\u00e4gel dann ohne weiteres abbi\u00df. Die menschliche Gesellschaft liebte sie sehr, zog aber M\u00e4nner ganz entschieden Frauen vor und neckte und \u00e4rgerte Letztere in jeder Weise. Auf- M\u00e4nner wurde sie blos dann b\u00f6se, wenn diese ihr Etwas zu Leide gethan hatten, oder wenn sie glaubte, da\u00df ich sie auf die Leute hetzen wolle. In diesem Punkte war sie n\u00e4mlich ganz wie ein abgerichteter Hund. Man durfte ihr blos ein Wort sagen oder Jemand zeigen: sie fuhr dann sicher w\u00fcthend auf den Betreffenden los und bi\u00df ihn oft empfindlich. Empfangene Beleidigungen verga\u00df sie wochenlang nicht und- r\u00e4chte sich', sobald sich ihr Gelegenheit bot.\nIhr Scharfsinn war au\u00dferordentlich gro\u00df. Sie stahl meisterhaft, machte Th\u00fcren auf und zu und besa\u00df eine bedeutende Fertigkeit, Knoten zu l\u00f6sen, wenn sie glaubte, dadurch irgend Etwas zu erreichen. Schachteln und Kisten \u00f6ffnete sie ebenfalls und pl\u00fcnderte sie dann immer rein aus. Wir pflegten sie oft zu erschrecken, indem wir ein H\u00e4ufchen Pulver vor sie auf den Boden sch\u00fctteten und","page":87},{"file":"p0088.txt","language":"de","ocr_de":"88\nDie Affen. Hundsk\u00f6pfe. \u2014 Babuin. Schopfpavian.\ndieses dann mit Feuerschwamm anz\u00fcndeten. Sie schrie gew\u00f6hnlich laut auf, wenn das Pulver aufblitzte, und machte einen Satz, soweit ihr Strick es zulie\u00df. Doch lie\u00df sie sich derartige Schrecken nur einigemal gutwillig gefallen. Sp\u00e4ter war sie pfiffig genug, den brennenden Schwamm mit ihren H\u00e4nden zu ersticken und so die Entz\u00fcndung des Pulvers zu verh\u00fcten! Dann fra\u00df sie dasselbe regelm\u00e4\u00dfig auf, wahrscheinlich des salpeterigen Geschmackes wegen.\n' W\u00e4hrend des Winters bewohnte sie gew\u00f6hnlich den warmen Ziegenstall, trieb aber hier h\u00e4ufig Unfug, indem sie Th\u00fcren aushob und so die Ziegen und Schweine befreite, Breter abdeckte und andere derartige unerlaubte Dinge ausf\u00fchrte. Das eingemeischte Kleienfutter, welches die Ziegen erhielten, fra\u00df sie leidenschaftlich gern und fing deshalb oft Streit mit den rechtm\u00e4\u00dfigen Eigen-\nDer Schopfpavian (Cynocephalus niger).\nth\u00fcmern an. Hierbei benahm sie sich \u00e4u\u00dferst geschickt: sie fa\u00dfte n\u00e4mlich mit der einen Hand den Eimer oder K\u00fcbel, mit der andern packte sie die Ziege an den H\u00f6rnern oder an dem um dieselbe gewundenen Stricke und hielt sie, w\u00e4hrend sie selber trank, soweit als m\u00f6glich von sich ab. Wenn die Ziegen sie stie\u00dfen, schrie sie laut auf und hing dann gew\u00f6hnlich im n\u00e4chsten Augenblicke an dem Halse ihrer Gegnerin, um sie zu bestrafen. Sie verzehrte alles Genie\u00dfbare, namentlich gern Kartoffeln, welche auch ihre Hauptspeise bildeten. Gew\u00fcrzhafte S\u00e4mereien, zumal K\u00fcmmel, waren eine Leckerei f\u00fcr sie. Ganz abweichend von anderen Thieren, liebte sie auch den Tabak und noch mehr den Tabaksrauch und sperrte, wenn ich ihr denselben in das Gesicht blies, immer das Maul weit auf, um davon soviel als m\u00f6glich einzuschl\u00fcrfen. Dieselbe Beobachtung habe ich auch bei andern","page":88},{"file":"p0089.txt","language":"de","ocr_de":"Heimat. Aufenthalt. Wesen.\n89\nAffen gemacht; sie sind meines Wissens aber auch die einzigen Thiere, welche an dem Tabaksrauche Gefallen finden.\nIhre Zuneigung zu mir \u00fcberstieg alle Grenzen. Ich konnte thun, was ich immer wollte: ihre Liebe gegen mich blieb sich gleich. Wie es schien, betrachtete sie mich in allen F\u00e4llen als vollkommen unschuldig an allen Uebeln, welche ihr widerfuhren. Wenn ich sie z\u00fcchtigen mu\u00dfte, wurde sie niemals aus mich w\u00fcthend, sondern immer nur auf Diejenigen, welche zuf\u00e4llig anwesend waren, wahrscheinlich weil sie glaubte, da\u00df diese die Schuld an ihrer Bestrafung tr\u00fcgen. Mich zog sie unter allen Umst\u00e4nden ihren s\u00e4mmtlichen Bekannten vor; sie wurde, wenn ich mich nahte, augenblicklich eine Gegnerin von Denen, welche sie eben noch geliebkost hatte.\nFreundliche Worte schmeichelten ihr sehr; Gel\u00e4chter emp\u00f6rte sie, zumal wenn sie merkte, da\u00df es ihr galt. Sie antwortete jedesmal, wenn wir sie riefen, und kam auch zu mir heran, wenn ich es w\u00fcnschte. Ich konnte weite Spazierg\u00e4nge mit ihr machen, ohne sie an die Leine zu nehmen. Sie folgte mir wie ein Hund, wenn auch nur in weiten Bogen, die sie nach eignen Ermessen ausf\u00fchrte, und Hassan lief wiederum ihr treulich nach.\nAls Hassan starb, war sie sehr ungl\u00fccklich und stie\u00df von Zeit zu Zeit ein bellendes Geschrei aus, auch des Nachts, welche sie sonst regelm\u00e4\u00dfig verschlafen hatte. Wir mu\u00dften f\u00fcrchten, da\u00df sie den Verlust ihrer Gef\u00e4hrtin nicht \u00fcberleben w\u00fcrde und verkauften sie deshalb an den Besitzer einer Thierschaubude, bei welchem sie andere Gesellschaft fand. \u2014\nIn der neuern Zeit hat man den Khird als eigne Art angesehen und ihm den Namen Cynocephalus Anubis gegeben. Der Unterschied zwischen ihm und dem Babuin ist \u00fcbrigens so gering, da\u00df jene Trennung nicht genug gerechtfertigt erscheint.\nSchlie\u00dflich m\u00fcssen wir noch eines Asien gedenken, welcher von vielen Naturforschern unter die Paviane, von andern aber unter die Makaken gez\u00e4hlt wird. Ich meine den \u00fcberm\u00fcthigen Schwarzen, dessen ich, als Peinigers des Budeng, bereits aus Seite 45 gedacht habe. Wie wir dort sahen, \u00e4hnelt er in seinem Wesen den eigentlichen Pavianen vollst\u00e4ndig; hinsichtlich seiner Gestalt aber unterscheidet er sich nicht unbetr\u00e4chtlich von den wahren Hundsk\u00f6pfen, und eben daher r\u00fchrt die verschiedene Meinung der Forscher. Ich vertrete, seitdem ich den Schopfpavian, wie wir unser Thier nennen k\u00f6nnen, lebend gesehen habe, unbedingt die Ansicht Cuviers, welcher den Schwarzen zuerst unter die Hundsk\u00f6pfe aufnahm.\nDer Schopfpavian (Cynocephalus niger) unterscheidet sich von den bis jetzt beschriebenen Hundsk\u00f6pfen durch seinen Stummelschwanz und die Bildung der Schnauze, welche breit, flach, kurz und besonders dadurch ausgezeichnet ist, da\u00df die Nase nicht wie bei den Pavianen die Oberlippe \u00fcberragt, sondern ziemlich weit hinten auf der Oberschnauze endigt. Gesicht und Ges\u00e4\u00df sind nackt, alle \u00fcbrigen Theile von einem langen und wolligen Pelze bedeckt, welcher sich auf den Gliedma\u00dfen verk\u00fcrzt, auf dem Kopfe aber zu einem ziemlich langen Schopfe verl\u00e4ngert. Die F\u00e4rbung des Pelzes ist ein gleichm\u00e4\u00dfiges Dunkelschwarz, welches auch auf die sammetartig nackte Gesichtsfarbe \u00fcbergeht. Das Ges\u00e4\u00df ist roth. In der Gr\u00f6\u00dfe steht der Schopfpavian hinter allen Verwandten zur\u00fcck. Seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt nur zwei Fu\u00df, die L\u00e4nge des Schwanzstummels kaum einen Zoll.\nVerschiedene Eilande des indischen Meeres, zumal Celebes, die Philippinen und Molukken beherbergen den schwarzen Hundskopf in ziemlicher Menge; jedoch ist \u00fcber sein Freileben bis heutigen Tages \u2014 mir wenigstens \u2014 noch Nichts bekannt geworden. Schon mehrmals ist er lebend nach Europa gebracht worden, und hier hat er sich auch stets l\u00e4ngere Zeit in der Gefangenschaft erhalten. Der Schopfpavian, welchen ich im Amsterdamer Thiergarten sah, schien sich sehr wohl zu befinden. Er wurde bei Tage regelm\u00e4\u00dfig zu den Meerkatzen gebracht, welche in (dem gro\u00dfen Affenhaus die Zuschauer belustigten. Ich habe der Beschreibung seines Wesens und Treibens nach Dem, was ich oben bemerkte, kaum noch Etwas hinzuzuf\u00fcgen. Der \u00fcppige und herrschs\u00fcchtige Schwarze w\u00fcrde alle sch\u00fcchternen Affen ebenso gepeinigt haben, wie er die armen Budengs qu\u00e4lte, wenn","page":89},{"file":"p0090.txt","language":"de","ocr_de":"90\t\u201e\tDie Affen. Hundsk\u00f6pfe. \u2014 Mandril.\nihm das leichte Volk der Meerkatzen im Gegensatz zu jenen nicht immer rechtzeitig entronnen w\u00e4re. Mit den Makaken schien er auf ziemlich gutem und mit einem weiblrchen Babum auf sehr mnrgem Fu\u00dfe \u00abu stehen; wenigstens erwies er dieser zarten Sch\u00f6nen all- Aufmerksamkeit nnd lie\u00df sich zum G-gendank gern von ihr sein Haarkleid durchsuchen. Unsere Abbildung giebt ihn vortrefflich wieder. In der angegebenen Stellung sitzt er manchmal mehrere Minuten lang \u00e4u\u00dferst nachdenklich da; wahrscheinlich spinnt sich dann eben in seinem Gehirn der Plan zu neuen \u00fcberm\u00fcthigen oder\nleichtsinnigen Streichen aus.\nGegenw\u00e4rtig vereinigt man unter dem Namen Papio zwei Paviane, welche namentlich dieWest-lUl f\u00fcfte Afrikas bewohnen, wegen ihrer ziemlich gro\u00dfen Eigenth\u00fcmlichkeiten zu einer besondern Sippe und trennt sie von den \u00fcbrigen: der Mandril (Papio Hormon) nnd den Dril (Papio lenco-phseus). Beide zeichnen sich namentlich dadurch aus, da\u00df ihr Schwanz nur ein Sl-mm-l ist, besitzen aber au\u00dferdem noch Eigenth\u00fcmlichkeiten genug.\nMit demselben Rechte, mit welchem wir den Guereza als den sch\u00f6nsten aller Affen betrachten k\u00f6nnen, d\u00fcrfen wir den Mandril den h\u00e4\u00dflichsten nennen. Er ist ein wahrhaft scheu\u00dfliches Vieh","page":90},{"file":"p0091.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Heimat. Wesen.\n91\nin jeder Beziehung, und sein Geist gleicht leider dem Leibe. Dieser ist \u00fcberaus kr\u00e4ftig und plump, der Kopf ist abscheulich und das Gebi\u00df wahrhaft furchtbar. Die Behaarung ist sehr eigenth\u00fcmlich rauh und struppig, und die F\u00e4rbung der nackten Theile im h\u00f6chsten Grade grell und absto\u00dfend. Der Pelz ist dunkelbraun mit schwach olivenfarbigem Anfluge; jedes einzelne Haar ist schwarz und olivengr\u00fcn geringelt; am Bauche sind die Haare wei\u00dflich, an den Seiten hellbr\u00e4unlich gef\u00e4rbt, der Kinnbart ist citronengelb, und hinter den Ohren findet sich ein graulichwei\u00dfer Flecken. Gesicht und After sind gleich widrig. Die Nase ist blutroth und die seitlich angeschwollene von zwei L\u00e4ngsw\u00fclsten durchzogene nackte Schnauze hellbraun. Der After und der Hodensack sind roth und die au\u00dferordentlich gro\u00dfen wulstigen Ges\u00e4\u00dfschwielen lebhaft blau und roth gef\u00e4rbt und gl\u00e4nzend; die Ohren und H\u00e4nde sind schwarz. In der Jugend ist das Gesicht ungefurcht unv schw\u00e4rzlich, sp\u00e4ter zeigen sich die zwei braunen L\u00e4ngsfurchen, und erst mit reiferem Alter treten die grellen F\u00e4rbungen hervor. Die Weibchen sind niemals so lebhaft gef\u00e4rbt, wie sie auch nicht die Gr\u00f6\u00dfe des M\u00e4nnchens erreichen. Die H\u00f6he ber Letzteren betr\u00e4gt in aufrechter Stellung 47-2 Fu\u00df, in gehender 3 Fu\u00df. Der Leib mi\u00dft von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel ebenfalls 3 Fu\u00df, der Schwanz hingegen nur 3 Zoll. Man kann sich kein Thier denken, welches mit lebhafteren Farben begabt und doch so h\u00e4\u00dflich ist, als der Mandril.\nDas garstige Thier findet sich h\u00e4ufig in Guinea, namentlich an der Goldk\u00fcste. Es lebt in Truppen in gebirgigen W\u00e4ldern, theils auf Felsen, theils auf B\u00e4umen, verl\u00e4\u00dft aber diesen waldigen Aufenthalt oft genug, um die naheliegenden Ansiedelungen der Menschen zu besuchen und dort nach Herzenslust zu pl\u00fcndern. Man sagt auch, da\u00df Rotten dieser Thiere oft in die D\u00f6rfer einfallen, w\u00e4hrend die Neger das Vieh h\u00fcten oder mit der Ernte besch\u00e4ftigt sind, und dann Frauen und Kinder auf das scheu\u00dflichste mi\u00dfhandeln. Die unglaubliche Kraft und die beispiellose Wildheit des Mandril macht ihn den Eingebornen seines Landes und auch den meisten Thieren \u00fcberaus furchtbar.\nUnter allen Pavianen erscheint uns der Mandril als der hoffnungsloseste Wilde, und diejenigen, welche man jung gefangen nahm und so weit z\u00e4hmte, als ein Hundskopf \u00fcberhaupt gez\u00e4hmt werden kann, sind fast als Ausnahmen zu betrachten. Aber auch bei ihnen bricht, wenn sie \u00e4lter werden, die Wildheit regelm\u00e4\u00dfig durch, und dann zeigt sich das Thier in seiner ganzen Furchtbarkeit und Scheu\u00dflichkeit. Seine Kraft, seine Gewandtheit und sein gef\u00e4hrliches Gebi\u00df machen es zum Herrn der Wild-ni\u00df. Es f\u00fcrchtet sich vor keinem Feinde und l\u00e4\u00dft sich nicht einmal durch den Knall des Schie\u00dfgewehrs erschrecken. Seine Leidenschaften sind so furchtbar, da\u00df es scheint, als ob es w\u00e4hrend derselben in eine f\u00f6rmliche Raserei verfiele und den Verstand vollkommen verl\u00f6re. Der Zorn der anderen Affen ist, wie ein englischer Schriftsteller sich ausdr\u00fcckt, der Wuth dieser Thiere gegen\u00fcber, ein leises F\u00e4cheln des Windes, w\u00e4hrend die Raserei des Mandril einem jener entsetzlichen St\u00fcrme der Wendekreisl\u00e4nder gleicht, welche Alles vor sich niederwerfen. Wenn das abscheuliche Vieh erz\u00fcrnt wird (unv hierzu gen\u00fcgt ein einziger Blick, ein lautes Wort, eine Drohung), kommt es in so entsetzliche Aufregung, da\u00df es Alles vergi\u00dft, und f\u00f6rmlich kopflos wie rasend auf seine Feinde losst\u00fcrzt. Ein wahrhaft d\u00e4monischer Glanz strahlt aus den Augen des Scheusals, welches in Wahrheit auch mit d\u00e4monischer Kraft und B\u00f6swilligkeit begabt zu sein scheint. Es wird versichert, da\u00df seine st\u00fcrmischen Leidenschaften es selbstjfo f\u00fcrchterlich ersch\u00fcttern, da\u00df es wohl vor Zorn unter wildem Schreien unv R\u00f6cheln leblos zur Erde st\u00fcrze. Und dabei sagt man, da\u00df es weit l\u00e4nger, als andere Paviane, eine Beleidigung nachtr\u00fcge, ja, da\u00df es eigentlich niemals einem Feinde verzeihen und vergeben k\u00f6nne. Sv ist es kein Wunder, da\u00df die Eingebornen seiner Heimatl\u00e4nder sich niemals in einen Kampf mit ihm einlassen, ja nicht einmal diejenigen W\u00e4lder betreten, in welchen sich gerade Mandrils aufhalten, au\u00dfer wenn die M\u00e4nner in bedeutender Zahl und gut bewaffnet sind. Wie die Wuth des Thieres, kennt auch seine Sinnlichkeit keine Grenzen. Seine Frechheit und Unversch\u00e4mtheit \u00fcbertrifft die aller \u00fcbrigen bekannten Assen weit. Die M\u00e4nnchen fallen nicht blos weibliche Affen, sondern auch weibliche Menschen mit ihren frechen Gel\u00fcsten an und werden hierdurch \u00fcberaus gef\u00e4hrlich.\nIn der Freiheit halten sich die Mandrils in gro\u00dfen Banden zusammen. Sie klettern bei all ihrer Plumpheit doch mit viel Geschick und Gewandtheit auf Felsen und B\u00e4umen herum. Ihr Gang","page":91},{"file":"p0092.txt","language":"de","ocr_de":"92\nDie Affen. Hundsk\u00f6pfe. \u2014 Mandril. Dril.\nist ziemlich leicht und sicher; sie gehen aber niemals aufrecht, sondern immer auf allen Vieren. Ihre Stimme klingt tief und hohl, nicht aber laut, weil sie durch einen h\u00e4utigen Kehlsack ged\u00e4mpft wird. Am besten vergleicht man sie mit dem Grunzen des Schweines.\nAlte Mandrils k\u00f6nnen niemals gez\u00e4hmt werden. Sie sind \u00fcberhaupt nicht lebendig zu erlangen, weil sie auch berauscht noch allzu gef\u00e4hrliche Gegner des Menschen sind. Gew\u00f6hnlich kommen nur Junge nach Europa und unter diesen vorzugsweise Weibchen, weil die M\u00e4nnchen gar zu abscheulich sind und, wenn sie \u00e4lter werden, ihre W\u00e4rter oft in bedenklicher Weise mishandeln. Kein Thier haben die W\u00e4rter mehr zu f\u00fcrchten, als den alten Mandril. Er vertr\u00e4gt \u00fcbrigens die Gefangenschaft sehr gut und h\u00e4lt auch in unserm Klima viele Jahre aus. Seine Leidenschaften zeigen sich selbst bei der besten Behandlung und wachsen mit zunehmendem Alter unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig. \u201eSein Blick, sein Geschrei und seine Stimme,\" sagt Cuvier, \u201ek\u00fcndigen eine vollkommen viehische Unversch\u00e4mtheit an. Die schmuzigsten Gel\u00fcste befriedigt es auf die schamloseste Weise. Es scheint, als ob die Natur in ihm ein Bild des Lasters mit all seiner H\u00e4\u00dflichkeit habe aufstellen wollen.\"\nDer Dril (Papio leucophaeus).\nAn den gefangenen Mandrils beobachtete man mehr, als an anderen Hundsk\u00f6pfen, eine gro\u00dfe Eifersucht gegen ihren W\u00e4rter und, wenn die Gefangenen M\u00e4nnchen sind, noch mehr gegen weibliche Personen, welche ihnen bekannt wurden. Sie werden rasend, wenn ein Mann solche Freundinnen von ihnen liebkost oder zu liebkosen vorgiebt, und tragen ihm ein so gro\u00dfes Verbrechen sicherlich lange Zeit nach. Im Pslanzeng arten zu Paris wurde diese Eifersucht einmal sehr gut benutzt, um einen Mandril (oder, wie \u00c4ndere sagen, einen Tschakma), welcher aus seinem K\u00e4fig ausgebrochen war und viel Unheil anrichtete, wieder in das Gef\u00e4ngni\u00df zu bringen. Er hatte alle g\u00fctlichen Versuche scheitern gemacht und bereits einige von seinen W\u00e4rtern verwundet, als der schlaueste derselben auf den Gedanken kam den Affen durch seine eigene Leidenschaft in den Kerker zur\u00fcckzulocken. An der R\u00fcckseite des K\u00e4figs n\u00e4mlich befand sich eine kleine Th\u00fcre: hinter diese mu\u00dfte sich die Tochter eines der W\u00e4rter stellen, und zwar so, da\u00df sie der Affe sehen konnte. Nun trat einer der W\u00e4rter zu dem M\u00e4dchen, umarmte es und stellte sich dann an, als ob er es k\u00fcssen wollte. Dies war zu viel f\u00fcr den liebenden Mandril. Er st\u00fcrzte wie rasend aus den Mann los, gewi\u00df in der besten Absicht, ihn zu zerrei\u00dfen, mu\u00dfte aber, um zu seinem Zwecke zu gelangen, nothwendig in den K\u00e4fig hineingehen. Alle Klugheit war ver-","page":92},{"file":"p0093.txt","language":"de","ocr_de":"Leidenschaftlichkeit des Mandril. Hans im Gl\u00fccke.\n93\ngessen; der eifers\u00fcchtige Affe ging ohne Besinnen durch die offene Th\u00fcr und sah sich eine Minute sp\u00e4ter hinter den eisernen Gittern.\nVon anderen gez\u00e4hmten Mandrils berichtet man, da\u00df ihre Leidenschaftlichkeit sich auch auf den Genu\u00df geistiger Getr\u00e4nke erstreckte und sie sich, so oft sie nur konnten, in Bier oder Wein berauschten. Die Beobachter, welche die betrunkenen Mandrile sahen, versichern, da\u00df sie dann wom\u00f6glich noch einmal so scheu\u00dflich seien, als vorher.\nEiner der ber\u00fchmtesten Mandrils lebte in England unter sehr gl\u00fccklichen Verh\u00e4ltnissen. Er war wohlbekannt unter dem Namen: \u201eHans im Gl\u00fcck\" und ziert noch heute nach seinem Tode das britische Museum. Das Thier hatte mehrmals die Ehre, in Folge besonderer Einladungen, ein Gast der k\u00f6niglichen Familie zu sein: kurz, es geno\u00df, wie mein englischer Gew\u00e4hrsmann sagt, ein so gl\u00fcckliches Leben, als es nur immer ein Pavian leben kaun.\nEs ist kein Wunder, wenn \u00fcber diese w\u00fcthenden Thiere fr\u00fcher die allermerkw\u00fcrdigsten Geschichten erz\u00e4hlt wurden. Topsel glaubt, da\u00df es der \u201eArktokyon\" oder B\u00e4renhund der Alten sei, ein Vieh, welches als Bastard von einem B\u00e4ren und Hunde angesehen wurde. Andere nennen es auch die zweite Art der scheu\u00dflichen Hi\u00e4ne. Bei den Eingebornen hei\u00dft es Barris, und wahrscheinlich ist es der Urheber der Missethaten, welche man dem Schimpanse zuschreibt.\nDie zweite Art dieser Sippe, der Dril, hat so ziemlich dieselbe Gestalt, wie der Mandril, aber in jedem Alter ein schwarzes Gesicht. Sein Pelz ist wehr gr\u00fcnlich gef\u00e4rbt, als der des Mandril. Die l\u00e4ngs der Nase verlaufenden runzeligen W\u00fclste sind nicht gefaltet. Der Schwanz ist ein gepinselter Stummel. In der Gr\u00f6\u00dfe steht er weit hinter dem Mandril zur\u00fcck. Seine Heimat ist dieselbe, wie die seines greulichen Verwandten. Von seinen Sitten in der Freiheit wei\u00df man nur sehr wenig, doch scheint es, da\u00df dieselben denen des Mandrils \u00e4hneln. Auch der Dril kommt \u00f6fters nach Europa, namentlich nach England, und erfreut sich dort einer ziemlich guten Gesundheit. Das geistige Wesen der Gefangenen hat gezeigt, da\u00df sie eben auch echte Paviane sind: gelehrig in der Jugend, wild und t\u00fcckisch im Alter.\nvi*\tajn\n*\nDer Unterschied zwischen allen Erzeugnissen des hei\u00dfen Erdg\u00fcrtels der alten Welt und denen S\u00fcdamerikas, ist regelm\u00e4\u00dfig ein durchgreifender und augenscheinlicher. Die Westh\u00e4lfte der Erde zeigt der Osth\u00e4lfte gegen\u00fcber fast immer ein durchaus selbst\u00e4ndiges Gepr\u00e4ge: Alles in ihm ist anders, als in der alten Welt, und nur hier und da erinnert noch Etwas an diese; aber dann haben w^p es auch nicht mit dem eigentlichen Amerika zu thun: denn dieses sind die Landstriche zwischen den Wendekreisen. Sie bilden eine eigene Welt f\u00fcr sich. Erde und Klima, Licht und Luft, Pflanze und Thier \u2014 Alles ist anders, als dr\u00fcben im Osten. Deshalb tritt uns, wenn das Gl\u00fcck es uns gestattet, der Wandersehnsucht des Herzens zu folgen, in den Wendekreisen des Westens Alles und Jedes so m\u00e4rchenhaft oder zauberartig entgegen: der Reiz der Neuheit besiegt, der Reichthum der Natur bew\u00e4ltigt und l\u00e4\u00dft die vielen Vorz\u00fcge unserer Erdh\u00e4lste vergessen.\nBei Betrachtung derjenigen Thiere, welche wir zun\u00e4chst zu ber\u00fccksichtigen haben, ist Dies wohl weniger oder nicht der Fall. Die neuweltlichen Affen oder Schmalnasen sind zwar merkw\u00fcrdige Gesch\u00f6pfe: sch\u00f6n aber sind sie nicht oder wenigstens nur einzelne. Und Eines mu\u00df augenblicklich auffallen: nur der Leibes- und Gliederbau stempelt sie zu Affen, nicht aber auch das geistige Wesen. Alle neuweltlichen Affen sind viel unbeholfenere, tr\u00e4gere, traurigere, geistlosere Gesch\u00f6pfe, als ihre Familienverwandten der alten Welt. Sie sind harmloser, guthm\u00fcthiger, unsch\u00e4dlicher, als diese: aber ebendeshalb keine echten Affen mehr. Denn diese wollen wir gar nicht ohne die nur ihnen geh\u00f6renden Eigenschaften, ohne ihre Lustigkeit, Munterkeit, Keckheit, Unversch\u00e4mtheit, ja, ich m\u00f6chte sagen, ohne ihre Niedertr\u00e4chtigkeit. Wir sind nun einmal gewohnt, unser Zerrbild in den merkw\u00fcrdigen Gesellen","page":93},{"file":"p0094.txt","language":"de","ocr_de":"94\nDie Affen. Schmalnasen.\nzu erblicken, und f\u00fchlen uns unbefriedigt, wenn dieses Zerrbild nicht auch ein geistiges ist. Und nicht blos wir M\u00e4nner hegen eine solche Ansicht, sondern auch die Frauen, welche doch regelm\u00e4\u00dfig abgesagte Feinde jeder Verspottung des eigenen Ichs, ja alles Menschlichen sind: ich habe stets erfahren, da\u00df Don Frauenmund die amerikanischen Affen als widerliche Gesch\u00f6pfe bezeichnet worden sind.\nSo streng wollen wir nun zwar nicht urtheilen; doch k\u00f6nnen auch wir die in jener Bemerkung wirklich vorhandene Wahrheit nicht ganz wegleugnen. Wir m\u00fcssen jedoch ein vollg\u00fcltiges Urtheil noch aufsparen, bis wir unsere Thiere vollst\u00e4ndiger kennen gelernt haben.\nDie neuweltlichen Affen unterscheiden sich regelm\u00e4\u00dfig durch ihren K\u00f6rper- und Gliederbau, so wie durch ihre Zahnbildung von ihren Vettern im Osten. Ihr Leib ist gew\u00f6hnlich schm\u00e4chtig, die Glieder sind lang, der Schwanz fehlt nie und verk\u00fcmmert auch nie, wird vielmehr h\u00e4ufig zur f\u00fcnften Hand, indem er sich an seiner Spitze durch kr\u00e4ftige Muskeln zusammenrollen und deshalb als Greifwerkzeug gebrauchen l\u00e4\u00dft. Der Daumen der Vorderh\u00e4nde kann den \u00fcbrigen Fingern nicht in demselben Grade gegen\u00fcber gestellt werden, wie dies an den Hinterh\u00e4nden der Fall ist. Die N\u00e4gel sind platt. Anstatt zweiunddrei\u00dfig Z\u00e4hnen bilden sechsunddrei\u00dfig das Gebi\u00df; es finden sich auf jeder Seite sechs Backenz\u00e4hne. Backentaschen und Ges\u00e4\u00dfschwielen sind nie vorhanden. Die Nasenscheidewand ist breit. Kein einziges Mitglied der\u00bb ganzen Familie erreicht eine bedeutende Affengr\u00f6\u00dfe, und keines hat eine vorspringende Schnauze. Ihre F\u00e4rbung ist zwar manchfaltig, aber niemals so bunt, wie die vieler Affen Asiens und Afrikas.\nDer Heimatskreis der neuweltlichen Assen beschr\u00e4nkt sich aus S\u00fcdamerika. Die Nordgrenze desselben bildet das Antillenmeer, auf dessen sch\u00f6nen Inseln schon keine Affen mehr vorkommen, wie sie auch nicht \u00fcber die Landenge von Panama nordw\u00e4rts gehen. Nach Westen hin begrenzt die Andeskette, nach Osten hin das atlantische Meer, nach S\u00fcden hin der 25. Breitengrad ihr Gebiet.\nAlle Neuweltsaffen sind ausschlie\u00dflich Baumthiere und deshalb vorzugsweise in den Urw\u00e4ldern zu Hause. Wasserreiche oder sumpfige Gegenden lieben sie mehrmals trockene. Aus die Erde kommen sie blos im \u00e4u\u00dfersten Nothfalle herab; denn auch zur Tr\u00e4nke gehen sie nicht so wie andere Thiere, sondern klettern an Schlingpflanzen, \u00fcberh\u00e4ngenden Aesten und dergleichen bis auf das Wasser herab und trinken, ohne die Zweige zu verlassen. Es ist wohl m\u00f6glich, da\u00df einzelne dieser Affen hunderte von Meilen zur\u00fccklegen, ohne auf ihrem Wege jemals die Erde zu ber\u00fchren. Die B\u00e4ume bieten ihnen Alles, was sie bed\u00fcrfen; denn ihre Nahrung besteht nur aus Pflanzentheilen aller Art, sowie aus Kerbthieren, Spinnen, Vogeleiern oder jungen Nestv\u00f6geln und Honig, und nur wenige pl\u00fcndern zuweilen in einer Pflanzung.\nDie meisten Arten sind am Tage rege, einige wenige aber D\u00e4mmerungs- und wirkliche Nachtthiere. Die einen, wie die anderen, sind zu ihrer Zeit lebhaft und gewandt; jedoch giebt es unter den gr\u00f6\u00dferen Affen mehrere Arten, welche \u00e4u\u00dferst tr\u00e4ge und gewisserma\u00dfen die Orang-Utangs der neuen Welt sind. Das Klettern verstehen alle vortrefflich und wissen dabei, wie ich schon oben andeutete, ihren ausgezeichneten Schwanz auch ausgezeichnet zu gebrauchen. Dieser Schwanz ist geradezu Alles in Allem f\u00fcr die sonst sehr t\u00f6lpischen Thiere; sie k\u00f6nnten ohne ihn gar nicht leben. Ihre Ungeschicklichkeit macht eine best\u00e4ndige Versicherung des Leibes n\u00f6thig, und eine solche gew\u00e4hrt der Wickelschwanz unter allen Umst\u00e4nden. Fast bei jeder Stellung, auch w\u00e4hrend der tiefsten Ruhe schlingt der Affe seinen Schwanz um irgend Etwas und sei es selbst um eines seiner eigenen Glieder. Die Muskel-st\u00e4rke des Schwanzes, welche die der \u00fcbrigen Gliedma\u00dfen weit \u00fcbertrifft, und das feine Gef\u00fchl in dem Schwanzende erm\u00f6glicht ihnen den umfassendsten Gebrauch des merkw\u00fcrdigen Geschenkes der Natur f\u00fcr ihr stilles Leben, und ersetzt ihnen vielfach die ihnen fehlende geistige wie leibliche Behendigkeit ihrer \u00fcberseeischen Vettern. Trotz alledem sind ihnen die echten Baumaffen der alten Welt im Springen und Klettern entschieden \u00fcberlegen. Der Gang der Neuweltsasfen geschieht immer auf allen vier Beinen und ist stets mehr oder weniger unbeholfen, unsicher und schwankend, kurz schlecht.","page":94},{"file":"p0095.txt","language":"de","ocr_de":"Allgemeines.\n95\nIn ihrer geistigen Begabung stehen sie weit hinter ihren \u00f6stlichen Verwandten zur\u00fcck. Sie sind im Ganzen zwar sanft, gutm\u00fcthig und zutraulich, aber auch dumm, ungeschickt, ungelehrig und schwerf\u00e4llig. Einzelne sind neugierig, muthwillig und neckisch, andere dagegen gr\u00e4mlich, eigensinnig, boshaft, t\u00fcckisch und bissig. L\u00fcstern, gen\u00e4schig, diebisch und habs\u00fcchtig sind sie auch, besitzen also ebenfalls schlechte Eigenschaften genug \u2014 und die guten Seiten der altweltlichen Affen gehen ihnen daf\u00fcr ab. Wenn man zwischen alt- und neuweltlichen Affen zu w\u00e4hlen hat, wird man wohl niemals lange in Zweifel bleiben, welche uns besser gefallen. In der Freiheit sind diese immer scheu und furchtsam und nicht im Stande, wirkliche Gefahr von eingebildeter zu unterscheiden. Deshalb fliehen sie bei jeder ungew\u00f6hnlichen Erscheinung und suchen sich so rasch wie m\u00f6glich in dichtem Gezweig zu verbergen. Angeschossene bei\u00dfen t\u00fcchtig nach Dem, welcher sie fassen will; Gesunde vertheidigen sich wohl blos gegen schwache Raubthiere. Es sind kraftlose, feige Thiere.\nIn der Gefangenschaft benehmen sie sich bald artig und zutraulich, werden im Alter aber doch auch b\u00f6se und bissig, wenngleich nicht immer. Ihre geistige und leibliche Tr\u00e4gheit, ihr schwerm\u00fcthiges Aussehen, die kl\u00e4glichen T\u00f6ne, welche sie und oft mit merkw\u00fcrdiger Ansdauer aussto\u00dfen, ihre Unreinlichkeit, ihre Weichlichkeit und Hinf\u00e4lligkeit: \u2014 alle diese Eigenschaften und Sitten sind eben auch nicht geeignet, sie als Hausgenossen und Zeitvertreib des Menschen zu empfehlen. Einige wenige Arten machen freilich eine r\u00fchmliche Ausnahme und werden deshalb auch h\u00e4ufig zahm gehalten und mit gro\u00dfer Liebe gepflegt. Manche besitzen einen hohen Grad von Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr \u00e4u\u00dfere Eindr\u00fccke; sie dr\u00fccken ihre Gef\u00fchlsbewegungen durch Lachen oder Weinen aus und werden aus diesem Grunde namentlich weichherzigen Frauen besonders theuer.\nIhre Mutterliebe ist eben so erhaben, wie die der altweltlichen Affen. Sie geb\u00e4ren ein oder zwei Junge auf einmal und lieben, h\u00e4tscheln, pflegen und besch\u00fctzen dieselben mit einer Sorgfalt und Herzlichkeit, welche ihnen immer Bewunderung und Liebe erwerben mu\u00df.\nDem Menschen werden die neuweltlichen Affen nicht oder kaum sch\u00e4dlich. Der weite, gro\u00dfe, reiche Wald ist ihre Heimat, ihr Ern\u00e4hrer und Versorger; sie bed\u00fcrfen des Herrn der Erde und seiner Anstalten nicht. Nur wenige Arten fallen zuweilen in waldnahe Felder ein und erheben sich dort einen geringen Zoll, welcher gar keine \u00c4hnlichkeit hat mit den Erpressungen, die sich die Allweltsaffen erlauben. Der Mensch dagegen zieht mancherlei Nutzen aus den harmlosen Waldbewohnern Amerikas. Er jagt sie ihres Fleisches und ihres Pelzes wegen. Mancher Reisende hat l\u00e4ngere Zeit die Affen als sch\u00e4tzbares Wildpret betrachten und sich aus ihrem Fleische Suppen und Braten bereiten m\u00fcssen., und manche feine europ\u00e4ische Frau birgt und w\u00e4rmt ihre zarten H\u00e4nde in einer H\u00fclle, welche fr\u00fcher den Leib eines Affen bekleidete. 1,\nF\u00fcr die Eingebornen Amerikas ist der Affe ein au\u00dferordentlich wichtiges Thier; denn sein Fleisch bildet einen guten Theil ihrer Nahrung. Sie jagen ihm eifrig nach und erlegen deren auf gro\u00dfen Jagden zu Hunderten. Gew\u00f6hnlich bedienen sie sich zu ihrer Jagd des Bogens, nicht selten wenden sie aber auch das Blasrohr und kleine, jedoch mit dem f\u00fcrchterlichsten Gifte gedr\u00e4nkte Pfeile an, welche \u00fcber hundert Fu\u00df hoch emporgeschleudert werden und unrettbar tobten, auch wenn sie blos die Haut durchbohrt haben. Zwar versuchen es alle Affen, den kleinen Pfeil so schnell als m\u00f6glich aus der Wunde zu ziehen: allein der schlaue Mensch hat das Gescho\u00df halb durchschnitten, und deshalb bricht fast regelm\u00e4\u00dfig die Giftspitze ab und bleibt in der Wunde stecken \u2014 furchtbar genug, um auch einem ganz andern Thiere die Lebenskraft zu rauben. Das Blasrohr, aus dem solche t\u00fcckisch wirkende Bolzen abgeschossen werden, bleibt unter allen Umst\u00e4nden das gef\u00e4hrlichste Menschengewehr f\u00fcr die leichten Kinder der H\u00f6he.\nMit derselben Waffe erbeuten die Indianer auch die Affen, welche sie f\u00fcr die Gefangenschaft w\u00fcnschen. \u201eWollen die Arekunas,\" sagt Schomburgk, \u201eeinen alten, st\u00f6rrischen Affen z\u00e4hmen, so bestreichen sie das Pfeilchen mit geschw\u00e4chtem Urarigift. St\u00fcrzt er bet\u00e4ubt herab, so wird die Wunde gleich ausgesogen; alsdann begraben sie ihn bis an den Hals in die Erde und fl\u00f6\u00dfen ihm eine starke Aufl\u00f6sung salpeterhaltiger Erde und Zuckerrohrsaft ein. Ist der Patient etwas zu sich gekommen, so","page":95},{"file":"p0096.txt","language":"de","ocr_de":"96\nDie Allen. Br\u00fcllaffen.\nwird er herausgenommen und wie ein Wickelkind umschlungen. In dieser Zwangsjacke bekommt er einige Tage lang nur Zuckersaft zum Getr\u00e4nk und in Salpeterwasser gekochte, stark mit spanischem Pfeffer gew\u00fcrzte Speisen zur Nahrung. Schl\u00e4gt diese Gewaltkur nicht an, so wird der Unb\u00e4ndige eine Zeit lang im Rauche aufgehangen. Bald legt sich nun die Wuth; das heimt\u00fcckische Auge wird mild und fleht um Verzeihung. Dann werden die Banden gel\u00f6st, und auch der bissigste Affe scheint nun vollkommen vergessen zu haben, da\u00df er jemals frei im Walde gelebt.\" So fesselt der Mensch das freie Kind der Wildni\u00df und zwingt es, auch lebend, ihm zu dienen.\nOkens Ausspruch, da\u00df die gr\u00f6\u00dften Thiere innerhalb einer Familie oder Sippe auch immer die vollkommensten seien, findet wie bei den altweltlichen Affen, so auch bei den neuweltlichen seine Best\u00e4tigung. Den Br\u00fcllaffen (Mycetes) wird in der zweiten Familie unserer Ordnung der erste Rang einger\u00e4umt. Ihr K\u00f6rper ist schlank, aber doch gedrungener als bei den \u00fcbrigen Sippen der neuweltlichen Affen. Die Gliedma\u00dfen sind gleichm\u00e4\u00dfig entwickelt, die H\u00e4nde f\u00fcnffingerig; der Kopf ist gro\u00df und die Schnauze vorstehend; die Behaarung ist dicht und am Kinn bartartig verl\u00e4ngert. Als eigenth\u00fcmliches Merkmal der Br\u00fcllaffen mu\u00df vor Allem der kropfartig verdickte Kehlkopf angesehen werden. Alexander von Humboldt war der erste Naturforscher, welcher dieses Werkzeug zergliederte. \u201eW\u00e4hrend die kleinen amerikanischen Affen,\" sagt er, \u201edie wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches d\u00fcnnes Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den gro\u00dfen Affen auf einer ausgedehnten Knochentrommel. Ihr oberer Kehlkopf hat sechs Taschen, in denen sich die Stimme f\u00e4ngt, und wovon zwei taubennestf\u00f6rmige gro\u00dfe Aehnlichkeit mit dem untern Kehlkopf der V\u00f6gel haben. Der dem Br\u00fcllaffen eigene kl\u00e4gliche Ton entsteht, wenn die Luft gewaltsam in die Knochentrommel einstr\u00f6mt. Wenn man bedenkt, wie gro\u00df die Knochenschachtel ist, wundert man sich nicht mehr \u00fcber die St\u00e4rke und den Umfang der Stimme dieser Thiere, welche ihren Namen mit vollem Rechte tragen.\" Der Schwanz der Br\u00fcllaffen ist sehr lang, am hintern Ende kahl, dort nerven- und gef\u00e4\u00dfreich, auch sehr muskelkr\u00e4ftig und daher zu einem vollkommenen Greifwerkzeuge gestaltet.\nWeit verbreitet, bewohnen die Br\u00fcllaffen fast alle tropischen L\u00e4nder und Gegenden S\u00fcdamerikas. Dichte, hochst\u00e4mmige und feuchte W\u00e4lder sind ihr Aufenthalt; in den Steppen finden sie sich nur da, wo die einzelnen Baumgruppen sich zu kleinen W\u00e4ldern vergr\u00f6\u00dfert haben und Wasser in der N\u00e4he ist. Trockene Gegenden meiden sie g\u00e4nzlich. Ihre Lebensweise ist so gleichf\u00f6rmig, da\u00df man allen Arten gerecht wird, wenn man das Treiben und Schaffen einer einzigen beschreibt.\nIn unseren Lehrb\u00fcchern finden sich mehr als ein Dutzend Namen f\u00fcr die Br\u00fcllaffen, welche nach der Meinung der betreffenden Forscher besondere Arten bezeichnen; doch ist es jetzt ausgemacht, da\u00df jede Art unserer Thiere vielfach ab\u00e4ndert, und es ist daher so gut.als entschieden, da\u00df alle Br\u00fcllaffen auf sehr wenige, vielleicht nur auf drei oder vier Arten zur\u00fcckzuf\u00fchren sind.\nUnserer Lebensschilderung liegen die Beobachtungen zu Grunde, welche von Alexander von Humboldt, Prinz Max von Neuwied, Rengger und von Schomburgk \u00fcber zwei Arten, den rothen Br\u00fcllaffen oder Alanten (Mycetes seniculus) und den schwarzen Br\u00fcllaffen oder Caraya (Mycetes niger) gesammelt wurden. Das M\u00e4nnchen des erstem hat einen lebhaft gl\u00e4nzenden, rothen Pelz, welcher auf dem R\u00fccken in das Goldgelbe spielt. Das Weibchen ist dunkler und oft rein schwarzbraun; die Jungen \u00e4hneln der Mutter. Beim Carayam\u00e4nnchen ist der Pelz kohlschwarz gef\u00e4rbt; die nackten Theile aber sind rothbraun. Weibchen und Junge sind lichter, gew\u00f6hnlich graulichgelb gef\u00e4rbt. Immer haben die M\u00e4nnchen einen l\u00e4ngeren nnd dichteren Pelz undMamentlich einen l\u00e4ngern Bart, als die Weibchen. Vielfache Spielarten kommen von beiden vor. In der Gr\u00f6\u00dfe gleichen sich der Alante und der Caraya so ziemlich. Neuwied giebt die L\u00e4nge des erstem zu 201/4, die Schwanzl\u00e4nge dagegen zu 212/3 Zoll an, Rengger die des letztem zu 20 Zoll. Dieser ist hinsichtlich seines Vorkommens der s\u00fcdliche Vertreter von jenem. Er bewohnt Paraguay und S\u00fcdbrasilien, w\u00e4hrend jener mehr in der N\u00e4he von Guiana zu finden ist. Beide Arten sind an manchen Orten unglaublich","page":96},{"file":"p0096s0001table4.txt","language":"de","ocr_de":"UriUToffcn.","page":0},{"file":"p0096s0002.txt","language":"de","ocr_de":"\n\n\u2022\u2022\t/\t::-v\n-\n'\n\n1\nUW\n\n\u2022\t- v vv\n\t\t\u25a0 \u2022 V./ -\t\u25a0 \u25a0\n\t\t\n\t.\t\nDM\t\t\n\":v> \u2022 > '\t%yy-\t\n,>/\u25a0'\u25a0 i;\t\t\n\n\u25a0*r> 4. vv\n\n\nf-sy'1-.\n\nm\n\n\n,\n' 1 \u25a0 z :' - <\n.\n\u25a0 - .\n.\n.\n\u25a0\nW\n- m mm\n\n'\n\u25a0 \u2022 <. - >3\n\n\n'' ,'\n\n\n\u00abisp?\n' W*. >\u25a0*\u2022'\u25a0\u25a0\u25a0\t-.Uv5\n\u25a0i .\t'\t.\n\n' .,\t' ' 's,.\n\u2022,\n\n. *\n*\n-\nM","page":0},{"file":"p0097.txt","language":"de","ocr_de":"Vorkommen. Gebr\u00fcll. Eigenschaften.\n97\nh\u00e4ufig: Humboldt sch\u00e4tzt, da\u00df auf einer mit geeignetem Wald bestandenen Quadratmeile wohl zweitausend St\u00fcck Br\u00fcllaffen vorkommen m\u00f6gen, und sah Banden von ihrer vierzig. Rengger begegnete nur kleinern Gesellschaften, meist Familien von drei bis zehn Mitgliedern.\nDer Br\u00fcllaffe ist eines derjenigen amerikanischen Thiere, welches schon seit der \u00e4ltesten geschichtlichen Zeit den Reisenden, immer aber nur unvollst\u00e4ndig, bekannt wurde und deshalb zu vielen Fabeln Veranlassung gab. Solche haben heutigen Tages noch unter den nicht selbst beobachtenden Wei\u00dfen und Indianern Geltung. Wir lassen sie g\u00e4nzlich bei Seite und halten uns daf\u00fcr an unsere Gew\u00e4hrsm\u00e4nner. Schomburgk mag uns die Thiere zuerst vorstellen; dann wollen wir den Mittheilungen der Uebrigen folgen.\n\u201eNach meiner Ankunft,\" sagt jener ausgezeichnete Beobachter, \u201ehatte ich bei Auf- und Untergang der Sonne aus dem Urwalde das schauerliche Geheul zahlreicher Br\u00fcllaffen her\u00fcbert\u00f6nen h\u00f6ren, ohne da\u00df es mir bei meinen Streifereien gelungen w\u00e4re, die Thiere selbst aufzufinden. Als ich eines Morgens nach dem Fr\u00fchst\u00fcck, mit meinem Jagdzeug versehen, dem Urwalde zuschritt, schallte mir aus der Tiefe demselben abermals jenes w\u00fcste Geheul entgegen und setzte meinen Iagdeifer in volle Flammen. Ich eilte also durch Dick und D\u00fcnn dem Gebr\u00fcll entgegen und erreichte auch nach vieler Anstrengung und langem Suchen, ohne bemerkt zu werden, die Gesellschaft. Vor mir auf einem hohen Baume sa\u00dfen sie und f\u00fchrten ein so schauerliches Concert auf, da\u00df man w\u00e4hnen konnte, alle wilden Thiere des Waldes seien in t\u00f6dlichem Kampfe gegen einander entbrannt, obschon sich nicht leugnen lie\u00df, da\u00df doch eine Art von Uebereinstimmung in ihm herrschte. Denn bald schwieg nach einem Taktzeichen die \u00fcber den ganzen Baum vertheilte Gesellschaft, bald lie\u00df ebenso unerwartet einer der S\u00e4nger seine unharmonische Stimme wieder erschallen, und das Geheul begann von neuem. Die Knochentrommel am Zungenbeine, welche durch ihre Resonanz der Stimme eben jene m\u00e4chtige St\u00e4rke verleiht, konnte man w\u00e4hrend des Geschreies auf und nieder sich, bewegen sehen. Augenblicke lang glichen.die T\u00f6ne dem Grunzen des Schweines, im n\u00e4chsten Augenblicke aber dem Br\u00fcllen des Jaguars, wenn er sich auf seine Beute st\u00fcrzt, um bald wieder in das tiefe und schreckliche Knurren desselben Raubthiers \u00fcberzugehen, wenn es, von allen Seiten umzingelt, die ihm drohende Gefahr erkennt. Diese schauerliche Gesellschaft hatte jedoch auch ihre l\u00e4cherlichen Seiten, und selbst aus dem Gesichte des d\u00fcstersten Menschenfeindes w\u00fcrden f\u00fcr Augenblicke sich Spuren eines L\u00e4chelns gezeigt haben, wenn er gesehen, wie diese Concertgeber sich mit langen B\u00e4rten starr und ernst einander anblickten. Man hatte mir gesagt, da\u00df jede Herde ihren eignen Vors\u00e4nger bes\u00e4\u00dfe, der sich nicht allein durch seine feine schrillende Stimme von allen tiefen Bassisten unterscheide, sondern auch durch eine viel schm\u00e4chtigere und feinere Gestalt auszeichne, Hch fand die erstere Angabe bei dieser Herde vollkommen best\u00e4tigt; nach der feineren und schm\u00e4chtigen Gestalt sah ich mich freilich vergeblich um, bemerkte daf\u00fcr aber auf dem n\u00e4chsten Baume zwei schweigsame Affen, welche ich f\u00fcr ausgestellte Wachen hielt; \u2014 waren sie es, so hatten sie ihre Dienste schlecht genug versehen; denn unbemerkt stand ich in ihrer N\u00e4he.\"\nDiese anmuthige Schilderung beweist uns schon hinl\u00e4nglich, da\u00df wir es bei den Br\u00fcllaffen mit h\u00f6chst eigenth\u00fcmlichen Gesch\u00f6pfen zu thun haben. Man kann, ohne sich einer Uebertreibung schuldig zu machen, behaupten, da\u00df ihr ganzes Leben und Treiben eine Vereinigung von allerhand Absonderlichkeiten ist und deshalb der Beobachtung ein ergiebiges Feld bietet, w\u00e4hrend man andererseits anerkennen mu\u00df, da\u00df die Indianer zu entschuldigen sind, wenn sie die Br\u00fcllaffen ihres tr\u00fcbseligen Aeu\u00dfern und ihres langweiligen Betragens halber mi\u00dfachten und hassen. Selbst die Verl\u00e4umdungen, welche man sich zu Schulden kommen lie\u00df, sind erkl\u00e4rlich, wenn man bedenkt, da\u00df unsere Thiere weder im Freileben noch in der Gefangenschaft irgend welche Anmuth, ja selbst irgend welche Abwechslung in ihrer Lebensweise zeigen.\nGr\u00e4mlich und m\u00fcrrisch sondern sich die Br\u00fcllaffen von allen \u00fcbrigen Familienverwandten ab. Niemals sieht man sie untereinander spielen. Wenn sie nicht fressen oder br\u00fcllen, sehen sie bewegungslos vor sich hin oder schlafen. Ihr ganzes Leben ist au\u00dferordentlich einf\u00f6rmig.\nBrehm, Thierleben.\t7","page":97},{"file":"p0098.txt","language":"de","ocr_de":"98\nDie Affen. Br\u00fcllaffen.\nW\u00e4hrend des Tages sind die h\u00f6chsten B\u00e4ume des Waldes der Lieblingsaufenthalt des Br\u00fcllaffen;\nLei anbrechender D\u00e4mmerung zieht er sich in das dichte, von Schlingpflanzen durchflochtene Laub der niedrigen B\u00e4ume zur\u00fcck und \u00fcberl\u00e4\u00dft sich da dem Schlafe. Langsam, fast kriechend klettert er von einem Ast zu dem andern, Bl\u00e4tter und Knospen ausw\u00e4blend, langsam mit der Hand sie abpfl\u00fcckend und langsam sie zum Munde bringend. Ist er ges\u00e4ttigt, so setzt er sich in zusammengekauerter Stellung auf einem Aste nieder und verharrt hier regungslos, wie ein uraltes, schlafendes M\u00e4nnchen erscheinend, welches den Kopf auf die Brust st\u00fctzt; oder er legt sich der L\u00e4nge lang \u00fcber den Ast hin, l\u00e4\u00dft die vier Glieder zu beiden Seiten steif herabh\u00e4ngen und h\u00e4lt sich eben nur mit dem Wickelschwanze fest.\nWas der Eine thut, wird von dem Andern langsam und gedankenlos nachgemacht. Verl\u00e4\u00dft eins der erwachsenen M\u00e4nnchen den Baum, auf welchem die Familie sich gerade aufh\u00e4lt, so folgen ihm alle \u00fcbrigen Glieder der Gesellschaft r\u00fccksichtslos nach. \u201eWahrhaft erstaunlich,\" sagt Humboldt, \u201eist die Einf\u00f6rmigkeit in den Bewegungen dieses Asien. So oft die Zweige benachbarter B\u00e4ume nicht zusammenreichen, h\u00e4ngt sich das M\u00e4nnchen an der Spitze des Trupps mit dem zum Fassen bestimmten schwieligen Theile des Schwanzes auf, l\u00e4\u00dft den K\u00f6rper frei schweben und schwingt ihnchin und her, bis es den n\u00e4chsten Ast packen kann. Der ganze Zug macht tut derselben Stelle genau dieselbe Bewegung.\"\nF\u00fcr die Br\u00fcllaffen ist der Schwanz unzweifelhaft das wichtigst? aller Bewegungswerkzeuge; sie brauchen ihn, um sich zu versichern \u2014 und das thun sie in jeder Stellung; \u2014 sie benutzen ihn selbst, um Etwas mit ihm zu erfassen und an sich zu ziehen. Immer und immer dient er haupts\u00e4chlich * dazu, jeder ihrer langsamen Bewegungen die ihnen unerl\u00e4\u00dflich d\u00fcnkende Sicherheit zu verleihen. Man kann nicht behaupten, da\u00df sie schlecht kletterten: sie sind im Gegentheil sehr geschickt; aher niemals machen sie, wie andere Asien, weite, niemals gewagte Spr\u00fcnge. Beim Dahinschreiten halten sie sich fest auf dem Aste an, bis der hin -und hertastende Schwanz einen sichern Halt gefunden und denselben in einer oder zwei Windungen umschlungen hat; beim Herabklettern halten sie sich so lange an dem Aste, welchen sie verlassen wollen, bis sie mit den H\u00e4nden einen neuen sichern Halt gefunden haben, beim Aufw\u00e4rtssteigen an dem untern Aste, bis sie mit allen vier F\u00fc\u00dfen den obern sicher gepackt haben.\nDie Kraft des Schwanzes ist gr\u00f6\u00dfer, als die der H\u00e4nde. Die Beugemuskeln an seiner Spitze sind J so stark, da\u00df sie, einer Uhrfeder vergleichbar, das Schwanzende immer zusammenrollen. Der Br\u00fcllaffe kann sich mit der Spitze seines Schwanzes, auch wenn er dieselbe nur mit einer halben Windung um den Ast schlingt, wie an einem Haken, aufh\u00e4ngen, er kann alles einem solchen Werkzeuge nur M\u00f6gliche ausf\u00fchren und ist verloren, dem Verderben Preis gegeben, wenn er seines Schwanzes beraubt wurde. a Noch im Tode tr\u00e4gt der Schwanz l\u00e4ngere Zeit die Last des K\u00f6rpers, und nicht immer strecken sich unter dieser Last die eingerollten Muskeln: Azara erz\u00e4hlt, da\u00df man zuweilen schon halb verfaulte Carapas noch fest an ihrem Aste h\u00e4ngen sieht.\nWenig andere Thiere sind so ausschlie\u00dflich an die B\u00e4ume gebunden, als die Br\u00fcllaffen. Sie\tj\nkommen nur h\u00f6chst selten auf die Erde hernieder, wahrscheinlich blos dann, wenn es ihnen unm\u00f6glich ist, von den niederen Aesten und Schlingpflanzen herab zu trinken. Humbpldt sagt, da\u00df sie nicht im Stande w\u00e4ren, Wanderungen oder auch nur Wandelungen auf ebenem Boden zu unternehmen, und Rengger erkl\u00e4rt die Behauptung der Indianer, nach welcher die Br\u00fcllaffen manchmal \u00fcber breite Str\u00f6me setzen sollen, f\u00fcr ein M\u00e4rchen, welches den Fremden aufgeb\u00fcrdet wird. \u201eSie f\u00fcrchten sich, sagt er, \u201eso sehr vor dem Wasser, da\u00df, wenn sie durch das schnelle Anschwellen des Stromes auf einem Baume isolirt werden, sie eher verhungern, als da\u00df sie durch Schwimmen einen andern Baum zu gewinkten suchen. So traf ich einst eine solche Affenherde aus einem von Wasser rings umgebenen Baum an, welche, ganz abgemagert, sich vor Schw\u00e4che kaum mehr bewegen konnte. Sie hatte nicht nur alle Bl\u00e4tter und zarten Zweige, sondern sogar einen Theil der Rinde des Baumes verzehrt. Um den nahen Wald zu erreichten, h\u00e4tte sie nur eine Strecke von sechzig Fu\u00df zu durchschwimmen gehabt.\" Derselbe Naturforscher versichert, da\u00df er niemals einen Br\u00fcllaffen auf einem freien Felde gesehen oder seine F\u00e4hrte irgendwo auf dem Boden angetroffen habe.","page":98},{"file":"p0099.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise. Nahrung. Familienleben.\n99\nWenn der Br\u00fcllaffe keine Nachstellung erf\u00e4hrt, h\u00e4lt er sich in einem bestimmten Gebiete auf, welches h\u00f6chstens eine Meile Umfang haben mag. Oft verweilt eine Familie w\u00e4hrend des ganzen Tages auf ein und demselben Baume. H\u00f6chst selten sieht man ihn einzeln. Die Familie h\u00e4lt sich sehr treu zusammen. Sie zu beobachten, h\u00e4lt nicht schwer, weil sie sich durch ihr Gebr\u00fcll verr\u00e4th, zumal Morgens und Abends und am \u00f6ftersten in der warmen Jahreszeit. Bei kalter oder regnerischer Witterung und zur Nachtzeit h\u00f6rt man sie nicht oft. Rengger behauptet sogar, da\u00df sie Nachts niemals einen Laut von sich geben. Gew\u00f6hnlich machen die M\u00e4nnchen den Ansang bei diesem Geheul und f\u00fchren es auch am eifrigsten durch; die Weibchen und Jungen stimmen blos zuweilen mit ein. Beim Br\u00fcllen sitzt die ganze Gesellschaft regungslos in der einmal eingenommenen Stellung, die M\u00e4nnchen gew\u00f6hnlich weithin sichtbar auf den h\u00f6chsten Aesten und B\u00e4umen, die Weibchen etwas tiefer unten in der Krone. Manchmal br\u00fcllen die Thiere stundenlang mit kurzen Unterbrechungen , fort. Humboldt erprobte, da\u00df man das Heulen noch aus 800 Klaftern Entfernung h\u00f6re; der Prinz von Wied glaubt, da\u00df es noch weiter vernehmbar sei; doch st\u00fctzt sich Humboldts Angabe auf genaue Beobachtung und nicht auf Sch\u00e4tzung. \u201eMitten auf den weiten mit Gras bewachsenen Ebenen, sagt er, unterscheidet man leicht eine vereinzelte Baumgruppe, welche von Br\u00fcllaffen bewohnt ist und von welcher der Schall herkommt. Wenn man nun auf diese Baumgruppe zugeht oder sich davon entfernt, kann man den Abstand, in dem das Geheul noch vernehmbar ist, ziemlich genauermessen.\" Warum die Thiere eigentlich ihre sonderbaren Ges\u00e4nge auff\u00fchren, ist ein R\u00e4thsel-, wenn man eben nicht annehmen will, da\u00df sie sich durch die ihnen eigene Tonkunst gegenseitig erg\u00f6tzen wollen. Beim Erscheinen eines Hundes endigt das Gebr\u00fcll der Affen augenblicklich; die Gesellschaft sucht sich so schnell als m\u00f6glich hinter dichte Aeste oder zwischen dem Laube zu verstecken; sie flieht auch wohl durch die h\u00f6chsten Gipfel der B\u00e4ume, immer aber so langsam, da\u00df der J\u00e4ger, wenn der Wald von Unterholz ziemlich rein ist, sie leicht verfolgen kann. Man hat beobachtet, da\u00df die fliehenden Affen, wohl aus Angst, best\u00e4ndig ihren breiigen Koth fallen lassen: die Sage, welche erz\u00e4hlt, da\u00df die verfolgten Affen ihre Feinde mit Koth bewerfen, ist somit erkl\u00e4rt.\nAlles, was der Br\u00fcllaffe bedarf, bietet ihm sein luftiger Aufenthalt in F\u00fclle. Die Manchsaltig-keit und der Relchthum der verschiedenen Fr\u00fcchte lassen ihn niemals Mangel leiden. Neben den Fr\u00fcchten fri\u00dft er noch alles M\u00f6gliche: K\u00f6rner, Bl\u00e4tter, Knospen und Blumen der verschiedensten Art, wahrscheinlich auch Kerbthiere, Eier und junge, unbehilsliche V\u00f6gel, wie seine \u00fcbrigen Stammgenossen. Den Pflanzungen wird er niemals sch\u00e4dlich, wenn er sich auch Tage lang am Saume derselben aufh\u00e4lt: er zieht Baumbl\u00e4tter dem Mais und den Melonen vor.\nDie Familien der Br\u00fcllaffen bestehen immer aus einer gr\u00f6\u00dfern Zahl von Weibchen als M\u00e4nnchen. Im Allgemeinen darf man drei Aeffinnen aus einen Assen rechnen. Ob diese M\u00e4nnchen in Sachen der Liebe unter einander k\u00e4mpfen, wei\u00df man nicht; bei der Tr\u00e4gheit und Langweiligkeit der Thiere ist es nicht eben wahrscheinlich. Gew\u00f6hnlich trifft man die ganze Familie, sie mag so gro\u00df oder klein sein, wie sie will, auf demselben Baume an, und immer h\u00e4lt sie sich eng zusammen.\nIn S\u00fcdamerika wirft das Weibchen im Juni oder Juli, manchmal auch schon zu Ende Mai oder erst Anfangs August ein einziges Junges. W\u00e4hrend der ersten Woche nach der Geburt h\u00e4ngt sich der S\u00e4ugling wie bei den altweltlichen Affen mit allen vier Armen an den Unterleib der Mutter an; sp\u00e4ter tr\u00e4gt diese ihn auf dem R\u00fccken. Sie legt ihre Gef\u00fchle nicht durch Liebkosungen an den Tag, wie andere Assen es thun, verl\u00e4\u00dft aber doch das Pfand ihrer Liebe wenigstens in der ersten Zeit niemals, w\u00e4hrend sie sp\u00e4ter das schon bewegungsf\u00e4higer gewordene Kind bei \u00e4ngstlicher Flucht manchmal von sich absch\u00fcttelt oder gewaltsam auf einen Ast setzt, um sich ihren eignen Weg zu erleichtern. Indianer, welche Letzteres sahen, haben behauptet, da\u00df die Br\u00fcllaffenmutter \u00fcberhaupt lieblos und gleichgiltig gegen ihre Jungen w\u00e4re; Prinz von Wied sagt aber ausdr\u00fccklich: \u201eGefahr erh\u00f6ht die Sorge der Mutter, und selbst t\u00f6dlich angeschossen, verl\u00e4\u00dft sie ihr Junges nicht.\" Dieses\u00ab Letztere ist ebenso langweilig als die Alte und, zumal wegen des gro\u00dfen Kehlkopfs, wo m\u00f6glich noch h\u00e4\u00dflicher.\n7*","page":99},{"file":"p0100.txt","language":"de","ocr_de":"100\nDie Affen. Br\u00fcllaffen. Klammeraffen.\nMan giebt sich nur selten mit der Z\u00e4hmung der Br\u00fcllaffen ab; auch hat deren Erziehung ihre gro\u00dfen Schwierigkeiten. Rengger sah nur zwei, welche beide \u00fcber ein Jahr alt waren. Sie wurden mit verschiedenen Baumbl\u00e4ttern gef\u00fcttert und zogen diese jeder andern Nahrung vor. Nach Aussage der W\u00e4rter erkrankten sie, wenn man ihnen Mais, Manioc oder Fleisch gab. Sie tranken weder viel noch oft und nur Wasser oder Milch. Ihr Benehmen hatte etwas Trauriges und Langweiliges. Sie waren sehr sanft und zutraulich; aber niemals sah man eine Spur von Fr\u00f6hlichkeit an' ihnen. Gew\u00f6hnlich kauerten sie mit stark nach vorn gebogenem und auf die Brust gesenktem Kopfe in einem Winkel, legten die Vorderh\u00e4nde auf den Schos oder st\u00fctzten sie neben die Hinterh\u00e4nde auf den Boden und schlangen den Schwanz um die Beine, so da\u00df er auf die H\u00e4nde zu liegen kam. In dieser Stellung konnten sie stundenlang verweilen, bis sie der Hunger vermochte, Nahrung zu suchen. Alsdann gingen sie auf den vier H\u00e4nden schrittweise vorw\u00e4rts; nur selten sah man sie traben oder Spr\u00fcnge machen. In aufrechter Stellung konnten sie sich kaum einen Augenblick erhalten. Ihre Sinne schienen scharf zu sein; sie w\u00e4hlten ihre Nahrung mit Sorgfalt aus, h\u00f6rten und sahen gut und bewiesen, da\u00df ihr Tastsinn sehr entwickelt war. Ihr Verstand schien sehr gering zu sem; sie bewiesen ihrem W\u00e4rter kaum mehr Aufmerksamkeit, als fremden Leuten, und lie\u00dfen sich zu Nichts abrichten. - Von anderen gez\u00e4hmten Br\u00fcllaffen erz\u00e4hlt Wied, da\u00df-sie ihren Herrn au\u00dferordentlich zugethan waren und kl\u00e4glich zu schreien begannen, wenn sich derselbe auch nur einen Augenblick von ihnen entfernte. Die Tr\u00e4gheit, Traurigkeit und Gr\u00e4mlichkeit, sowie die knarrende, r\u00f6chelnde Stimme, welche die Jungen manchmal h\u00f6ren lie\u00dfen, machte sie aber Allen, selbst ihrem Herrn, unangenehm und widerlich.\t_\t.\nIn einem gro\u00dfen Theile von Paraguay bilden die Br\u00fcllaffen einen Gegenstand eifriger Jagd.\nIhr Fell ist gesucht und das Fleisch bei den Indianern beliebt. Aus dem Pelze des schwarzen Br\u00fcllaffen lie\u00df vr. Francia einmal \u00fcber hundert Grenadierm\u00fctzen verfertigen. Au\u00dferdem verwendet man es zu Beuteln, Satteldecken rc. Von dem Fleische lebten Reisende, so z. B. der Prinz von Wied, oft lange Zeit fast ausschlie\u00dflich. Sie versichern, da\u00df es wohlschmeckend sei und sehr kr\u00e4ftige Br\u00fche gebe. Die Nahrung hat aber unter allen Umst\u00e4nden ihr Abschreckendes, zumal wenn die Indianer dem Affen das Haar abgesengt oder ihn abgebr\u00fcht in den Topf gesteckt oder ihn zum Braten an einen spitzen Stab befestigt haben. \u201eAller Widerwille,\" sagt Schomburgk, \u201ewird in Dem rege, welcher solchen Braten zum ersten Male sieht, denn er kann nicht anders glauben, als da\u00df er cm einem Mahle von Kannibalen theilnehmen solle, bei welchem ein kleines Kind vorgesetzt wird, und es geh\u00f6rt wahrlich bei einem nur irgend reizbaren Magen eine starke Willenskraft dazu, um Gabel\nund Messer nach solchem Braten auszustrecken.\"\t_\t.\t,\nHumboldt best\u00e4tigt diese Worte vollkommen. \u201eDie Art, wie diese menschlichen Thiere gebraten werden, tr\u00e4gt viel dazu bei, da\u00df ihr Anblick dem gesitteten Menschen so widerw\u00e4rtig ist.^ Ein kleiner Rost oder ein Gitter aus sehr hartem Holze wird einen Fu\u00df hoch \u00fcber dem Boden befestigt. Der abgezogene Affe wird zusammengebogen, als s\u00e4\u00dfe er; meist legt man ihn so, da\u00df er sich auf seine mageren langen Arme st\u00fctzt; zuweilen kreuzt man ihm die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken. Wenn er auf dem Gitter befestigt ist, z\u00fcndet man ein helles Feuer darunter an; Flamme und Rauch umspielen den Affen, und deshalb wird er zugleich gebraten und beruft. Sieht man nun die Einwohner Arm oder Bem eines gebratenen Affens verzehren, so kann man sich kaum des Gedankens erwehren, die Gewohnheit, Thiere zu essen, welche im K\u00f6rperbau dem Menschen so nahe stehen, m\u00f6ge m gewissem Grade dazu beitragen, da\u00df die Wilden so wenig Abscheu vor dem Genu\u00df des Menschenfleisches haben. Die gebratenen Affen, besonders solche mit sehr rundem Kopfe, gleichen auf schauerliche Weise Kindern , daher auch Europ\u00e4er, wenn sie sich von Vierh\u00e4ndern n\u00e4hren muffen, lieber Kopf und H\u00e4nde abschneiden und nur den Rumpf auftragen lassen. Das Affenfleisch ist so trocken und mager, da\u00df Bonpland m fernen 'Sammlungen zu Paris einen Arm und eine Hand aufbewahrt hat, die m Esmeralda am Feuer gerostet worden; nach mehreren Jahren rochen diese Theile nicht im geringsten.\" In vielen Gegenden S\u00fcdamerikas wird das Affenfleisch von den Europ\u00e4ern nicht ber\u00fchrt und gilt als die ver\u00e4chtlichste Speise;","page":100},{"file":"p0101.txt","language":"de","ocr_de":"Betragen in der Gefangenschaft. Jagd.\t101\ndie Indianer dagegen sind eifrige Liebhaber solcher Kost, und Afsenfleisch bildet einen der gew\u00f6hnlichsten Nahrungsstoffe bei ihnen allen.\nEs ist nicht so leicht, die Br\u00fcllaffen zu erlegen. Das Auffinden der Thiere hat allerdings keine Schwierigkeit, da sie sich selbst verrathen, allein bei der H\u00f6he der B\u00e4ume, bis zu deren Wipfeln nur wenig Feuergewehre tragen, mu\u00df ein sehr starker Schu\u00df aus langen R\u00f6hren abgefeuert werden, um den Affen zu t\u00f6dten. Oft kommt es vor, da\u00df dieser noch im Fallen den Schwanz fest um einen Zweig schlingt und stundenlang h\u00e4ngen bleibt, und noch \u00f6fter geschieht es, da\u00df er, obwohl verwundet, noch weithin flieht und dem Auge des J\u00e4gers bald entschwindet. Mit unseren Gewehren k\u00f6nnen wir es \u00fcberhaupt der furchtbaren Waffe der Indianer, dem Blasrohre, nicht gleichthun, und die Rothh\u00e4ute besteigen trotz der un\u00fcbertrefflichen Geschicklichkeit, mit welcher sie ihr Gewehr zu f\u00fchren wissen,, noch gern einen der benachbarten B\u00e4ume und senden von dessen Gipfel aus ihre t\u00f6dlichen Geschosse nach der harmlosen Herde. \u201eDas ger\u00e4uschlose, vergiftete Pfeilchen,\" sagt Schomburgk, \u201etrifft dann sicher sein Ziel. Schon nach wenigen Minuten beginnt der verwundete Affe in Folge der Wirkung des Giftes zu wanken und st\u00fcrzt hernieder. Mit laugen H\u00e4lsen und unter Ausst\u00f6\u00dfen kurzer, eigenth\u00fcmlicher T\u00f6ne, sehen die Gef\u00e4hrten ihrem herabst\u00fcrzenden Freunde nach, den der Indianer wohlweislich am Boden liegen l\u00e4\u00dft. Aus dem sichern Versteck folgt nun der zweite und dritte Pfeil ger\u00e4uschlos, und die Verwundeten fallen immer einer nach dem andern nieder, bis der J\u00e4ger ihrer so viel erlegt hat, als er braucht.\"\nEin \u00e4u\u00dferst schm\u00e4chtiger Leib mit langen klapperd\u00fcrren Gliedern kennzeichnet die Klammer-oder Spinneuaffen, Ateles. Sie sind die Langarme \"der alten Welt, nur da\u00df sie nicht deren Vogelschnelle und Lebendigkeit besitzen. Der Naturforscher, welcher sie zuerst Spinnenaffen nannte, hat sie am besten bezeichnet: \u2014 selbst der Laie kommt unwillk\u00fcrlich zu solchem Vergleiche.\nUm die Thiere sch\u00e4rfer zu bestimmen, will ich noch erw\u00e4hnen, da\u00df ihr Kopf sehr klein, ihr Gesicht bartlos, der Daumen ihrer Vorderhand stummelhaft und der Greifschwanz an unterm Ende kahl ist.\nS\u00fcdamerika bis zum 25. Grade der s\u00fcdlichen Breite ist die Heimat des Klammeraffen, die Krone der h\u00f6chsten B\u00e4ume ihr Aufenthalt; nur selten kommen sie aus den Boden herab. Wo sie sich finden, sind sie h\u00e4ufig. Ihr Leben \u00e4hnelt jenem der so nahe verwandten Br\u00fcllaffen. Sie sind, wo m\u00f6glich, noch weniger sch\u00f6n, als die eben Genannten, daf\u00fcr aber gem\u00fcthlicher. Wahrhaft- komisch sind ihre Bewegungen. Sie verrenken ihre \u00a9lieber in einer Weise, da\u00df es erscheinen will, als h\u00e4tten sie gar keine Gelenke; sie verzerren selbst das h\u00f6chst gutm\u00fcthig aussehende Gesicht zu den widerlichsten Fratzen.\nDie Arten unterscheiden sich wenig von einander; gleichwohl ist es fast nothwendig, dem Laien mehrere von ihnen bildlich vorzuf\u00fchren, wenn die manchsachen Stellungen anschaulich gemacht werden sollen.\nVon den in Guiana lebenden Klammeraffen sind zwei besonders h\u00e4ufig: der Koaita (Ateles paniscus) und der Marimonda oder Aru (Ateles Beelzebuth). Ersterer ist einer der gr\u00f6\u00dfern seiner Sippschaft. Sein Leib wird gegen zwei Fu\u00df lang, der Schwanz ist noch l\u00e4nger. Der Pelz ist grob, an den Schultern verl\u00e4ngert, auf dem R\u00fccken \u00fcberhaupt dichter, als unten, auf der Stirn kammartig erh\u00f6ht, tief schwarz von Farbe, nur im Gesicht r\u00f6thlich. Die Haut ist dunkel, auf den Handsohlen ganz schwarz. Dem gutm\u00fcthigen Gesicht verleihen ein paar lebhafte braune Augen einen einnehmenden Ausdruck.\nDer Marimonda ist kleiner als der Koaita, im Ganzen nur 3y2 Fu\u00df lang; sein glatter und gl\u00e4nzender Pelz ist schwarzbraun, an den H\u00e4nden dunkler, an den Seiten, Lenden und H\u00fcften graubraun, am Unterhals und auf der Unterseite wei\u00dflich. Den Vorderh\u00e4nden fehlt der Daumen g\u00e4nzlich.","page":101},{"file":"p0102.txt","language":"de","ocr_de":"102\nDie Affen. Klammeraffen. \u2014 Koaita. Marimonda. Tschamek. Miriki.\nIn Quito, auf der Landenge von Panama und in Peru vertritt der Tschamek(Ateles - Ctiamek) die Genannten. Er wird etwas \u00fcber vier Fu\u00df lang, wovon der Schwanz freilich mehr als die H\u00e4lfte wegnimmt, tr\u00e4gt einen langen, tiefschwarzen Pelz und besitzt einen Daumenstummel.\nDer Miriki oder eigentliche Spinnenaffe endlich (Ateles oder Brachyteles hypoxanthus}, den uns namentlich Prinz Max von Wied kennen lehrte, bewohnt das Innere Brasiliens. Er ist der gr\u00f6\u00dfte aller brasilianischen Affen, \u00fcber vier Fu\u00df lang, starkleibig, kleink\u00f6pfig, kurzh\u00e4lsig, lang-gliederig und dicht, fast wollig behaart. Gew\u00f6hnlich ist der Pelz fahlgelb, zuweilen aber auch wei\u00dflich graugelb gef\u00e4rbt; die Innenseite der Glieder pflegt lichter zu sein. Das nackte Gesicht ist in der\nDer Koaita (Ateles paniscus).\nJugend schwarzbraun, im Alter seitlich dunkelgrau, in der Mitte aber sleischroth. Der Daumen der Vorderhand ist ein kurzer Stummel ohne Nagel. \u2014\nUeber das Freileben der Klammeraffen haben uns Humboldt, Max von Wied und Schomburgk belehrt. In Banden von sechs bis zw\u00f6lf St\u00fccken durchstreifen unsere Thiere die gro\u00dfen Hochw\u00e4lder der Niederungen S\u00fcdamerikas. Der Nahrung nachgehend zieht jede Familie still ihres Weges, ohne sich um andere ungef\u00e4hrliche Gesch\u00f6pfe zu k\u00fcmmern. Nur in den Niederungen sind die Assen h\u00e4ufig; beit' kahlen Wald der H\u00f6he meiden sie. Ihre Bewegungen sind im Vergleich zu dem traurigen Gehumpel der Br\u00fcllaffen schnell zu nennen. Die bedeutende L\u00e4nge der Glieder f\u00f6rdert das Laufen und Klettern. Mit den langen Armen greifen die Spinnenaffen weit aus und","page":102},{"file":"p0103.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung. Freileben.\n103\neilen deshalb, auch wenn sie nur wenig sich anstrengen, immerhin so schnell vorw\u00e4rts, da\u00df der J\u00e4ger durchaus keine Zeit zu verlieren hat, wenn er ihnen folgen will. In ihren Baumwipfeln benehmen sie sich geschickt genug. Sie klettern sicher und f\u00fchren zuweilen kleine Spr\u00fcnge aus. Doch werfen oder schleudern sie ihre Glieder bei allen Bewegungen sonderbar hin und her. Der Schwanz wird gew\u00f6hnlich vorausgeschickt, einen Anhalt zu suchen, ehe der Affe sich entschlie\u00dft, den Ast, auf welchem er sitzt, zu verlassen. Zuweilen findet man ganze Gesellschaften, welche sich an den Schw\u00e4nzen aufgeh\u00e4ngt haben und die auffallendsten Gruppen bilden. Nicht selten sitzt oder liegt auch die Familie in tr\u00e4ger Ruhe auf Aesten und Zweigen, behaglich sich sonnend, den Kopf oft nach hinten gebogen, die Arme aus dem R\u00fccken verschr\u00e4nkt, die Augen gen Himmel gehoben. Auf ebenem Boden arbeiten sie sich m\u00fchselig fort. Man m\u00f6chte selbst \u00e4ngstlich werden, wenn man sie gehen sieht. Der Gang ist schwankend und unsicher im allerh\u00f6chsten Grade, und der lange Schwanz, welcher in der Absicht, das Gleichgewicht herzustellen, aus Verzweiflung hin und her bewegt wird, erh\u00f6ht nur noch das Ungelenke der Bewegung. Uebrigens haben eurov\u00e4ische Beobachter die Klammeraffen niemals aus\ndem Boden gesehen, und Prinz Max von Wied behauptet, da\u00df sie, so lange sie gesund sind, nur dann auf die Erde herabkommen, wenn es ihnen unm\u00f6glich wird, von tiefen Zweigen aus zu trinken, wie sie sonst thun.\nDie Fortpflanzung der Klammeraffen f\u00e4llt in die Monate August und September; wenigstens gewahrt man um diese Zeit M\u00fctter mit h\u00e4ngenden Jungen. Letztere werden entweder unter dem Arme oder aus dem R\u00fccken getragen.\nIn den reichen Urw\u00e4ldern k\u00f6nnen die wenig begehrenden Klammeraffen, welche sich mit Bl\u00e4ttern und Fr\u00fcchten begn\u00fcgen, Niemandem Schaden thun. Gleichwohl werden sie eifrig verfolgt. Die Portugiesen benutzen ihr Fell, die Wilden essen ihr Fleisch; manche Jndianerst\u00e4mme ziehen es allem \u00fcbrigen Wildpret vor. Sie unternehmen in starken Gesellschaften Iagdz\u00fcge, auf denen Hunderte erlegt werden. Das heimgebrachte Wild wird enth\u00e4utet und in sitzender Stellung ger\u00e4uchert. Mit solchem Rauchfleisch treibt man denselben Handel, wie mit dem Fleisch der Br\u00fcllaffen; denn auch andere St\u00e4mme suchen sich den Genu\u00df, welchen ihre Heimat ihnen nicht bietet, durch Tausch zu verschaffen.","page":103},{"file":"p0104.txt","language":"de","ocr_de":"104\nDie Affen. Klammeraffen.\nBei der Jagd werden die Baumwipfel sorgsam durchsp\u00e4ht und etwaige Zeichen beachtet. Die im Vergleich mit dem Gebr\u00fcll der Heulaffen unbedeutende, aber doch immer noch laute Stimme verr\u00e4th unsere Thiere schon aus ziemlicher Ferne. Sobald die harmlosen Waldkinder ihren furchtbarsten Feind gewahren, fl\u00fcchten sie schnell dahin, die langen Glieder, zumal den Schwanz, in \u00e4ngstlicher Hast vorw\u00e4rts schleudernd, befestigen sich mit letzterm und ziehen rasch den unbeholfenen Leib nach sich. Zuweilen versuchen die Vertrauensseligen wohl auch, die Menschen durch Fratzenschneiden und lautes Geschrei abzuschrecken, und dann sollen sie, selbst wenn schon mehrere von ihnen dem Gescho\u00df erlagen, wie besinnungslos das Walten des Schicksals \u00fcber sich ergehen lassen, ohne zu fl\u00fcchten. Die Angeschossenen harnen und lassen ihren breiigen Koth fallen. Schwerverwundete bleiben oft noch lange an Aesten h\u00e4ngen, bis endlich der Tod die Muskeln l\u00f6st und der Leib sausend zur Erde herabf\u00e4llt. Au\u00dfer dem Fleisch verwenden manche Indianerst\u00e4mme auch das Fell, so z. B. die Botokuden die Schw\u00e4nze der Klammeraffen als Diademe.\nIn der Gefangenschaft werden unsere Thiere nicht eben oft gesehen. Bei uns zu Lande geh\u00f6ren sie noch immer zu den Seltenheiten. Man mu\u00df sie liebgewinnen. Sie zeigen weder Mnthwillen noch Bosheit, und ihr Zorn, den sie durch Grimassen und Geschrei bekunden, verfliegt ebenso schnell, als er gekommen. Durch ihre sonderbaren Stellungen und Gliederverrenkungen wissen sie zu unterhalten. Guter Behandlung sind sie in hohem Grade zug\u00e4nglich und suchen sie 2>urch Z\u00e4rtlichkeiten zu vergelten. Im Hamburger Garten lebt gegenw\u00e4rtig, ein Koaita, welcher ein sehr liebebed\u00fcrftiges Herz besitzt. Er umhalst seine Bekannten mit den langen Armen auf das Z\u00e4rtlichste, schmiegt sich Dem, welcher ihn h\u00e4tschelt, traulich an und schreit vor Kummer, wenn sein Freund ihn verl\u00e4\u00dft.\nEin englischer Schiffskapit\u00e4n, welcher einen Klammeraffen besa\u00df, schildert ihn und sein Betragen in unmuthiger Weise. Das Thier, ein Weibchen, war in Britisch-Guiana gefangen und dann zu dem Statthalter von Demerara gebracht worden; von diesem erhielt es unser Gew\u00e4hrsmann. Er gewann seinen Pflegling so lieb, wie man einem gutartigen Kinde geneigt wird.\n\u201eSallys lieblicher Erscheinung\", so sagt er, \u201eist durch die Kunst der Photographie mehrfach die Unsterblichkeit gesichert worden. Drei solcher Bilder habe ich zu Gesicht bekommen. Das eine zeigt Sallp, wie sie still und vergn\u00fcgt in ihres Herrn Schose ruht; ihr kleines, runzliges Gesicht guckt \u00fcber seinen Arm hinweg und ihr Schwanz ringelt sich um sein Knie, w\u00e4hrend ihn der eine Hinterfu\u00df festh\u00e4lt. Auf einem andern steht sie auf einem Fu\u00dfgestell neben meinem Bootsf\u00fchrer, dessen F\u00fcrsorge sie vor Allen anvertraut war; den linken Arm schlingt sie kosend um seinen Hals, ihr Schwanz windet sich in mehrfachen Ringen um seine Rechte, auf welcher sie lehnt. Ebenso sehen wir sie auf einem dritten Bilde neben dem Bootsf\u00fchrer stehen; einen Fu\u00df auf seiner Hand, schlingt sie, und diesmal zur Abwechselung, die Schwanzspitze um seinen Hals.\"\n\u201eAuf jeder dieser Abbildungen bemerkt man aber einen Fehler, weil das bewegliche Thier sich nur schwer zureden lie\u00df, ganze zwei Secunden hinter einander ruhig zu sein. Die Glieder sind jedoch verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig genau wiedergegeben, und seine eigenth\u00fcmliche Stellung tritt deutlich vors Auge.\"\n\u201eSally ist ein sehr sanftes Thier. Nur zweimal hat sie gebissen, und zwar das eine Mal, um sich gegen einen Feind zu wehren. Auf der Werste zu Antiqua hatte sie sich losgerissen und war von den Leuten arg verfolgt worden; endlich ward sie in eine Ecke getrieben, und w\u00fcrde dort leicht gefangen worden sein, h\u00e4tten nicht die Arbeiter ihren Zorn gef\u00fcrchtet. Ihr Herr aber fing sie, um zu zeigen, da\u00df sie nicht zu f\u00fcrchten sei, und wurde durch einen ziemlich starken Bi\u00df in den Daumen belohnt. W\u00e4re sie aber nicht vor Schreck au\u00dfer sich gewesen, so h\u00e4tte sie sich das jedenfalls nicht zu Schulden kommen lassen.\"\n\u201eIm Allgemeinen ist sie so sanft, da\u00df sie eine Strafe stets ruhig hinnimmt und sich bei Seite macht. Bosheit scheint durchaus nicht in ihrer Natur zu liegen, denn Beleidigungen vergi\u00dft sie bald und tr\u00e4gt sie dem strafenden Herrn nicht nach. Ihr Herr erz\u00e4hlt, da\u00df, wenn Jemand gebissen werde, er sicher selbst daran Schuld sei. Am Borde des Schiffes wird sie nicht durch Ketten oder Stricke gefesselt, sondern l\u00e4uft frei nach ihrem Behagen herum; sie tummelt sich im Tauwerk umher, und","page":104},{"file":"p0105.txt","language":"de","ocr_de":"Jagd. Aus betn Gefangenleben eines Miriki.\n105\nttemt es ihr gerade Spa\u00df macht, tanzt sie so lustig und ausgelassen sonderbar auf dem Seile, da\u00df die Zuschauer kaum noch Arme und Beine vom Schw\u00e4nze unterscheiden k\u00f6nnen. In solchen Augenblicken ist der Name \u201eSpinnenaffe\" vollst\u00e4ndig angemessen; denn sie sieht dann einer riesigen Tarantel in ihren Zuckungen \u00e4u\u00dferst \u00e4hnlich. So lange dieses launige Spiel dauert, h\u00e4lt sie von -3eit zu Zeit inne und blickt mit freundlichem Hauptsch\u00fctteln auf ihre Freunde, zieht r\u00fcmpfend die Nase und st\u00f6\u00dft sanfte kurze T\u00f6ne aus. Gew\u00f6hnlich wird sie gegen Sonnenuntergang am lebendigsten.\"\n\u201eEine besondere Liebhaberei von ihr besteht darin, da\u00df sie im Tauwerk hinaufklettert, bis sie ein wagerechtes Seil oder eine d\u00fcnne Stange erreicht; hier h\u00e4ngt sie sich mit dem Schwanzende ganz knapp aber fest an und, schwingt sich langsam hin und wieder und reibt einen Arm mit dem andern von dem Handgelenke bis zum Ellbogen, als wollte sie das Haar gegen den Strich streichen. Sie mu\u00df\nDer Miriki (Ateles oder Brachyteles hypoxanthus).\nschlechterdings ihren Schwanz um irgend etwas winden, und wo m\u00f6glich m\u00f6chte sie keinen Schritt gehen, ohne sich mittelst dieses langen und geschmeidigen Gliedes zu versichern.\"\n\u201eGegen viele ihrer Verwandten, die unverbesserliche Diebe sind und mit den Schwanzenden ganz ruhig Dinge stehlen, auf welche ihre Aufmerksamkeit gar nicht gewendet zu sein scheint, ist Sally sehr ehrenhaft und hat niemals Etwas entwendet, als h\u00f6chstens gelegentlich eine Frucht oder ein St\u00fcckchen Kuchen. Ihre Mahlzeit h\u00e4lt sie an ihres Herrn Tische und betr\u00e4gt sich dabei h\u00f6chst anst\u00e4ndig, ja, sie i\u00dft nicht.einmal, bevor sie die Erlaubni\u00df dazu erhalten, und h\u00e4lt sich dann an ihren eignen Teller, gleich einem Wohl erzogenem Gesch\u00f6pfe. Ihre Nahrung besteht haupts\u00e4chlich aus Pflanzenstoffen, Fr\u00fcchten und Wei\u00dfbrod, obschon sie hin und wieder mit einem H\u00fchnerbein bewirthet wird. R\u00fccksichtlich ihrer Speise ist sie ziemlich w\u00e4hlerisch, und wenn mau ihr ein St\u00fcck gar zu trockenen Brodes giebt, so beschnuppert sie es argw\u00f6hnisch, wirft es auf den Boden und thut mit ver\u00e4chtlicher Miene, als ob es","page":105},{"file":"p0106.txt","language":"de","ocr_de":"106\nDie Assen. Klammeraffen. Rollaffen.\nf\u00fcr sie gar nicht vorhanden w\u00e4re. Mit echtem Affeninstinkt kann sie Gesundes von Sch\u00e4dlichem unterscheiden, und nachdem sie schon lange keine tropische Frucht mehr gesehen hatte, ergriff sie ohne weiteres einen ihr dargebotenen Apfel und verzehrte ihn ohne Z\u00f6gern.\"\n\u201eIn Belize wurde es ihr gestattet, die Stadt nach Belieben einige Tage lang zu durchstreifen. Eines Morgens, als ihr Herr die Stra\u00dfe entlang ging, h\u00f6rte er \u00fcber sich einen dumpfen Laut, der ihm, wegen der Aehnlichkeit mit der Stimme seines Affen, auffiel. Er blickte auf und sah Sallh auf einem Erker sitzend, wie sie erfreut \u00fcber das Wiedersehen ihres Herrn knurrte.\"\t*\n\u201eEinmal, aber nur einmal, gerieth Sally in eine traurige Lage. Ihr Herr ging in seine Kaj\u00fcte und fand sie dort'ganz zusammengerollt auf einer Fu\u00dfdecke sitzen. Er sprach ihr zu, das Thier erhob das K\u00f6pfchen, sah ihm ins Gesicht und sank wieder in ihre fr\u00fchere, tr\u00fcbselige Stellung zur\u00fcck. Komm Sally, sagte der Kapit\u00e4n; aber Sally r\u00fchrte sich nicht. Der Befehl wurde- noch ein- oder zweimal wiederholt, aber ohne den gew\u00f6hnlichen Gehorsam zu finden. Ueberrascht durch diesen auffallenden Umstand ergriff der Herr sie am Arme und machte nun die befremdende Entdeckung, da\u00df Sally ganz\nDer Tschakmek (Ateles Chacmek).\nberauscht und weit \u00fcber eine \u201eAnheiterung\" hinaus war. Sie hatte gerade noch Bewu\u00dftsein genug, um ihren Herrn zu erkennen. Sehr krank war Sally diese Nacht und sehr moralisch-katzenj\u00e4mmerlich am n\u00e4chsten Tage.\"\n\u201eDer Grund dieses traurigen Ereignisses war folgender. Die Offiziere des Schiffes hatten ein kleines Mittagsessen veranstaltet, und da sie den Assen sehr gern sahen, hatten sie ihn so reichlich mit Mandeln, Rosinen und Fr\u00fcchten der verschiedensten Art, mit Zwieback und eingemachten Oliven gef\u00fcttert, wie es ihm lange nicht vorgekommen war. Nun liebte er aber die Oliven ganz besonders, und da er sich reichlich an ihnen eine G\u00fcte gethan, so qu\u00e4lte ihn nat\u00fcrlicher Weise bald ein ungeheurer Durst. Als nun Branntwein und Wasser herumgereicht ward, steckte Sally ihren Mund in einen der Humpen und leerte fast den ganzen Inhalt zum gro\u00dfen Vergn\u00fcgen der Offiziere\".\n\u201eIhr Herr setzte die Offiziere deshalb zur Rede, aber es war durchaus nicht n\u00f6thig, auch das arme Opfer zur Verantwortung zu ziehen. So g\u00e4nzlich war dem guten Thiere der Branntwein zum Ekel geworden, da\u00df es sp\u00e4ter nie wieder den Geschmack oder auch nur den Geruch desselben vertragen\n-","page":106},{"file":"p0107.txt","language":"de","ocr_de":"Aus dem Gefangenleben eines Miriki.\t107\nkonnte. Selbst eingemachte Kirschen, die sonst sein Leckerbissen gewesen waren, mochte es jetzt nicht mehr aus der Fl\u00fcssigkeit nehmen.\"\n\u201eK\u00e4lte schien Sally ziemlich wohl zu ertragen; sie war \u00fcbrigens auch hinreichend mit warmer Kleidung versehen, die ihr an der eisigen K\u00fcste Neufundlands sehr zustattenkam. Gleichwohl dr\u00fcckte-sie ihr Mi\u00dfbehagen an solchem Wetter durch best\u00e4ndiges- Schauern aus. Um sich gegen die kalte Witterung zu sch\u00fctzen, verfiel sie selbst auf einen gl\u00fccklichen Gedanken. Zwei junge Neufundl\u00e4nder, die sich an Bord befanden, hatten eine mit Stroh wohl versehene H\u00fctte h\u00fcte: in diese Wohnung hinein kroch sie und legte gem\u00fcthlich ihre Arme den beiden H\u00fcndchen um den Hals; und hatte sie nun noch ihren Schweif um sich geschlagen, so befand sie sich gl\u00fccklich und wohl. Sie war allen m\u00f6glichen Thieren zugethan, besonders wenn sie klein waren, aber ihre vorz\u00fcglichsten Lieblinge waren diese beiden Hunde. Ihre Zuneigung zu ihnen war so gro\u00df, da\u00df sie ganz eifers\u00fcchtig auf sie war, und wenn irgend Jemand n\u00e4her an ihnen vor\u00fcberging, als sie f\u00fcr passend erachtete, so sprang sie aus der H\u00fctte heraus und streckte die Arme nach dem Eindringling mit einer Miene, als ob sie ihn zurechtweisen wollte. F\u00fcr sie selbst war ebenfalls ein H\u00e4uschen gebaut worden, aber sie ging nie hinein.\"\n\u201eSie ist ein sehr empfindliches Thier und kann kein Dach \u00fcber sich ausstehen; deshalb verschm\u00e4hte sie ihr H\u00e4uschen und rollte sich lieber in einer H\u00e4ngematte zum Schlafen zusammen. Sie ist etwas schl\u00e4frigen Wesens, geht gern zeitig zu Bett und schl\u00e4ft fr\u00fch lange\".\n\u201eSeit etwa drei Jahren ist sie im Besitze ihres Herrn; ihren Z\u00e4hnen nach ist sie vier Jahre alt, obschon man sie nach ihrem altrunzeligen Gesichte f\u00fcr einen hundertj\u00e4hrigen Greis halten m\u00f6chte.\"\nW\u00e4hrend die beiden ersten Gruppen der neuweltlichen Affen bis heutigen Tages noch zu den Seltenheiten in Thierg\u00e4rten geh\u00f6ren, sieht man diesen oder jenen Vertreter einer andern Sippe, einen Rollaffen (Cebus), fast in jeder Thierschaubude. Eine der gemeinsten Arten dieser Gruppe, der Kapuziner- oder Winselaffe, d\u00fcrfte wohl Jedermann bekannt geworden sein.\nDie Roll affen unterscheiden sich von den bisher genannten zun\u00e4chst durch ihren einhelligem Leibesbau und dann sicher durch den allenthalben behaarten,-sehr langen Rollschwanz, welcher zwar noch um Aeste gewickelt werden kann, aber als Greifwerkzeug nichts mehr taugt. Der Scheitel ist rundlich; die Arme sind nur mittellang, die H\u00e4nde \u00fcberall f\u00fcnffingerig. Ein mehr oder minder entwickelter Bart ziert das Gesicht; im Uebrigen ist der Pelz dicht und kurz.\nMan kann die Rollaffen die Meerkatzen Amerikas nennen. Mit jener lustigen Gesellschaft haben sie gro\u00dfe Aehnlichkeit, wenn auch mehr in ihrem Betragen, als in ihrer Gestalt. Sie sind echte Affen, d. h. lebhafte, gelehrige, muthwillige, neugierige und launenhafte Thiere. Gerade deshalb werden sie von den Menschen viel h\u00e4ufiger gez\u00e4hmt, als alle \u00fcbrigen, und kommen demnach auch viel h\u00e4ufiger zu uns her\u00fcber. Ihrer weinerlichen, sanften Stimme verdanken sie den Namen \u201eWinselaffe\". Diese Stimme h\u00f6rt man aber nur, so lange sie bei guter Laune sind. Bei der geringsten Erregung schreien und kreischen sie abscheulich. Sie leben ausschlie\u00dflich auf B\u00e4umen und sind hier ebenso daheim, wie ihre \u00fcberseeischen Vettern auf den Mimosen und Tamarinden. Schon in der Vorwelt in Brasilien heimisch, bewohnen sie noch gegenw\u00e4rtig und zwar in bedeutender Anzahl alle gr\u00f6\u00dferen Waldungen des eigentlichen S\u00fcdens. Man findet sie in ziemlich zahlreichen Gesellschaften und h\u00e4ufig untermischt mit anderen ihnen verwandten Arten. Ihre Geselligkeit ist so gro\u00df, da\u00df sie sich gern mit allen ihnen nahestehenden Affen, denen sie zuf\u00e4llig begegnen, verbinden, um dann gemeinschaftlich umherzuschweifen. Manche Naturforscher glauben deshalb die verschiedenen Ab\u00e4nderungen mehr oder weniger als Blendlinge ansehen zu d\u00fcrfen. \u201eKeine Affensippe,\" sagt Schomburgk, \u201ezeigt in Bezug auf Gr\u00f6\u00dfe, Farbe und Haarwuchs mehr Ab\u00e4nderung, als die Rollaffen, und eben deshalb sind eine Menge von Arten aufgestellt worden, welche weiter Nichts als Ab\u00e4nderungen sind, die aus einer Vermischung des Kapuziners und des Apella entstanden. Ich bin fast nie einer Herde der ersteren begegnet, unter","page":107},{"file":"p0108.txt","language":"de","ocr_de":"108\nDie Affen. Rollaffen. \u2014 Cay.\nwelcher sich nicht einige Apellas befunden h\u00e4tten. Aus diesem fortw\u00e4hrenden Zusammenleben beider Arten scheint auch die Vermischung derselben herzur\u00fchren, und aus dieser Vermischung entstand eine solche Menge von Verschiedenheiten in Bezug auf Behaarung und F\u00e4rbung, da\u00df die Thierkundigen\t|\n.in Verlegenheit gesetzt wurden.\"\nIn der Gefangenschaft zeigen die Rollafsen fast alle Eigenschaften der Meerkatzen und manche andere noch dazu. (Sie sind Lieblinge der Indianer, und deshalb findet man sie auch am h\u00e4ufigsten ( bei ihnen gez\u00e4hmt. Aber sie sind im h\u00f6chsten Grade unreinlich und lassen sich Dinge zu Schulden kommen, welche selbst unter den Affen beispiellos dastehen. So lassen sie sich z. B. den Harn in die H\u00e4nde laufen und waschen sich dann damit den ganzen K\u00f6rper. Wie die Paviane lieben auch sie bet\u00e4ubende oder berauschende Gen\u00fcsse. \u201eWurde ein gez\u00e4hmter Rollaffe,\" sagt Schomburgk, \u201emit Tabaksrauch angeblasen oder ihm etwas Schnupftabak vorgehalten, so rieb er sich den ganzen K\u00f6rper ^ unter wahrhaft woll\u00fcstigen Verzuckungen und schlo\u00df dabei die Augen. Der Speichel lief ihm dabei aus dem Munde; er fing ihn aber mit den H\u00e4nden auf und rieb ihn dann \u00fcber den ganzen Leib. Manchmal war der Speichelflu\u00df so stark, da\u00df der Affe zuletzt wie gebadet aussah; dann war er ziemlich ersch\u00f6pft. Dieselben Entz\u00fcckungen rief auch eine angerauchte Cigarre hervor, die man ihm gab, und 1 es scheint mir also, da\u00df der Tabaksrauch in ihm ein ziemlich woll\u00fcftiges Gef\u00fchl errege.\" Thee, Kaffee, Branntwein und andere erregende Getr\u00e4nke bringen Bet unseren Affen fast dieselbe Erscheinung hervor.\n4\nUnter allen Rollaffen d\u00fcrfte f\u00fcr uns der Cay oder Sai (Cebus capucinus) eben der Kapuziner der wichtigste sein, und zwar aus dem einfachen, sicherlich aber schlagenden Grunde, weil er an Rengger einen Beobachter gefunden hat und uns hierdurch am genauesten bekannt geworden ist.\nCay bedeutet in der Sprache der Guaraner \u201eBewohner des Waldes\"; das Wort ist aber von den Europ\u00e4ern vielfach verst\u00fcmmelt worden und uns gegenw\u00e4rtig weniger gel\u00e4ufig, als der erw\u00e4hnte deutsche Name.\nDer Cay geh\u00f6rt zu den gr\u00f6\u00dften seiner Familie. Sein Leib wird bis 16 Zoll, der Schwanz etwas \u00fcber einen Fu\u00df lang. Der Pelz ist dicht, die F\u00e4rbung wechselt, wie bemerkt, au\u00dferordentlich. j Junge Thiere sind hell, etwa br\u00e4unlichgelb; auf dem Scheitel, den Armen, Beinen und am Schw\u00e4nze braun; an den nackten Theilen, wie das Gesicht, br\u00e4unlich fleischroth; an den H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen mehr veilchenfarben. Wenn das Thier erwachsen ist, ver\u00e4ndert sich die Farbe: der Kopf wird gelb, Arme, Scheitel, Backen, Schwanz und H\u00e4nde werden schwarzbraun oder schwarz, und im Gesicht j zeigen sich kurze, anliegende, gl\u00e4nzend wei\u00dfe, blauspitzige Haare, welche an der Stirn einen gro\u00dfen lichten Fleck bilden. Ganz alte Kapuziner tragen einen Pelz von schwarzer, nur an Brust und Bauch brauner F\u00e4rbung und einen sehr langen Bart. Die Weibchen sind schm\u00e4chtiger und immer mehr\nbr\u00e4unlich gef\u00e4rbt.\t^\nDer Verbreitungskreis des Kapuziner reicht \u00fcber den s\u00fcdlichen Wendekreis und \u00fcber die Andes hin\u00fcber. Von Bahia bis Columbien ist der Affe \u00fcberall gemein. Er zieht Waldungen vor, deren Boden nicht mit Gestr\u00fcpp bewachsen ist. Den gr\u00f6\u00dften Theil seines Lebens verbringt er auf den B\u00e4umen; denn diese verl\u00e4\u00dft er \u00fcberhaupt nur dann, wenn er trinken oder ein Maisfeld besuchen will. Sein Aufenthalt ist nicht bestimmt. Bei Tage streift er von Baum zu Baum, um sich Nahrung zu suchen, bei Nacht ruht er zwischen den verschlungenen Aesten eines Baumes. Gew\u00f6hnlich trifft man ihn in kleinen Familien von f\u00fcnf bis zehn St\u00fcck, von denen die gr\u00f6\u00dfere Anzahl Weibchen sind. Selten findet man wohl auch .einzelne alte M\u00e4nnchen. Das Thier l\u00e4\u00dft sich schwer beobachten, weil es sehr furchtsam und scheu ist. Rengger versichert, da\u00df er nur zuf\u00e4llig zu Beobachtungen habe gelangen k\u00f6nnen. Einmal machten ihn angenehm fl\u00f6tende T\u00f6ne aufmerksam, und er sah ein altev M\u00e4nnchen, furchtsam herumblickend auf die h\u00f6chsten Baumgipfel, n\u00e4her kommen; ihm folgten zw\u00f6lf oder dreizehn andere Affen beiderlei Geschlechts, von denen drei Weibchen theils auf dem R\u00fccken, theils unter einem Arme Junge trugen. Pl\u00f6tzlich erblickte eines dieser Thiere einen nahestehenden","page":108},{"file":"p0109.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Lebensweise. Betragen.\n109\nPomeranzenbaum mit reifen Fr\u00fcchten, gab einige Laute von sich und sprang auf den Baum zu. Nach wenigen Augenblicken war die ganze Gesellschaft dort versammelt und besch\u00e4ftigte sich mit Abrei\u00dfen und Fressen der s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchte. Einige fra\u00dfen gleich auf dem Baume; die anderen sprangen, mit je zwei Fr\u00fcchten beladen, auf einen der n\u00e4chsten B\u00e4ume, dessen starke Aeste ihnen eine bequeme Tafel abgaben. Sie setzten sich auf einen Ast, umschlangen diesen mit ihrem Schw\u00e4nze, nahmen dann eine der Pomeranzen zwischen die Hinterbeine und versuchten nun bei dieser die Schale in der Vertiefung des Stielansatzes mit den Fingern zu l\u00f6sen. Gelang es ihnen nicht sogleich, so schlugen sie unwillig und knurrend die Fr\u00fcchte zu wiederholten Malen gegen den Ast, wodurch die Schale dann einen Ri\u00df erhielt. Kein einziger versuchte,. die Schale mit den Z\u00e4hnen zu l\u00f6sen, wahrscheinlich weil ihnen der bittere Geschmack derselben bekannt war: sobald aber eine kleine Oeffnung in derselhen\nDer Cat) oder Sai (Cebus capucinus).\ngemacht worden war, zogen sie mit der Hand rasch einen Theil davon ab, leckten gierig an dem herabtr\u00e4ufelnden Saft, nicht nur an der Frucht, sondern auch den, der an ihrem Arm oder der Hand war, und verzehrten dann das Fleisch.. Der Baum war bald geleert, und jetzt suchten die st\u00e4rkeren Assen die schw\u00e4cheren um das Ihrige zu berauben, und dabei schnitten beide die seltsamsten Gesichter, fletschten mit den Z\u00e4hnen, fuhren einander in die Haare und zausten sich t\u00fcchtig herum. Andere durchsuchten die abgestorbene Seite des Baumes, hoben die trockene Rinde vorsichtig auf und fra\u00dfen die darunter hausenden Kerbthierlarven. Als sie sich ges\u00e4ttigt hatten, legten sie sich in der bei den Br\u00fcllaffen beschriebenen Stellung der L\u00e4nge nach \u00fcber einen wagerechten Ast weg, um zu ruhen. Die J\u00fcngeren aber begannen mit einander zu spielen und zeigten sich dabei sehr behend. An ihrem Schw\u00e4nze schaukelten sie sich oder stiegen an ihm, wie an einem Stricke in die H\u00f6he.","page":109},{"file":"p0110.txt","language":"de","ocr_de":"110\nDie Affen. Rollaffen. \u2014 Cay.\nDie M\u00fctter hatten ihre Noth mit den Kindern, welchen nach den s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchten gel\u00fcstete. Anfangs schoben sie ihre Spr\u00f6\u00dflinge noch langsam mit der Hand weg, sp\u00e4ter zeigten sie ihre Ungeduld durch Grunzen, dann fa\u00dften sie das ungehorsame Kind bei dem Kopfe und stie\u00dfen es mit Gewalt auf den R\u00fccken zur\u00fcck. Sobald sie sich aber ges\u00e4ttigt hatten, zogen sie das Junge wieder sachte hervor und legten es an die Brust. Die Mutterliebe zeigte sich durch die gro\u00dfe Sorgfalt, mit welcher jede Alte ihr Junges behandelte, durch das Anlegen desselben an die Brust, durch best\u00e4ndiges Beobachten, durch das Absuchen seiner Haut und durch die Drohungen gegen die \u00fcbrigen Affen, welche sich ihm nahten. Als die Jungen der drei M\u00fctter gesogen hatten, kehrten zwei der gr\u00f6\u00dferen auf den R\u00fccken ihrer Pflegerinnen zur\u00fcck, das kleinste und schw\u00e4chste aber blieb seiner Mutter an der Brust h\u00e4ngen. Die Bewegungen der Jungen waren weder leicht noch gef\u00e4llig, sondern plump und unbeholfen, und die Thierchen waren sehr schl\u00e4frig.\nEin anderes Mal stie\u00df Rengger auf eine Affenfamilie, welche sich eben anschickte, ein dicht am Walde gelegenes Maisfeld zu pl\u00fcndern. Sie stiegen sachte, sorgf\u00e4ltig sich umsehend, von einem Baume herab, brachen sich zwei oder drei Fruchtkolben ab und kehrten, dieselben mit der Hand an die Brust dr\u00fcckend, so schnell als m\u00f6glich in den Wald zur\u00fcck, um daselbst ihre Beute zu verzehren. Als Rengger sich zeigte, floh der ganze Trupp mit kr\u00e4chzendem Geschrei durch die Gipfel der B\u00e4ume; jeder aber nahm wenigstens einen Kolben mit sich weg. Rengger scho\u00df nun auf die.Fliehenden und sah ein Weibchen mit einem S\u00e4ugling auf dem R\u00fccken von einem Aste zum andern st\u00fcrzen. Schon glaubte er, es in seine Gewalt bekommen zu haben, als es, schon mit dem Tode ringend, sich noch mit dem Schw\u00e4nze um einen Ast schlang und an ihm wohl eine Viertelstunde h\u00e4ngen blieb, bis der Schwanz schlaff wurde und sich durch das Gewicht des Assen aufrollte. Das Junge hatte seine Mutter nicht verlassen, sich vielmehr, obgleich einige Unruhe zeigend, fest an sie angeklammert. Nachdem sie erstarrt und es von der Mutter gedr\u00fcckt worden war, suchte das arme verwaiste Thierchen dieselbe noch mit kl\u00e4glichen T\u00f6nen zu rufen und kroch nach ihr hin, sobald es freigelassen wurde. Erst nach einigen Stunden, bei eingetretener Todesk\u00e4lte, schien es dem S\u00e4ugling vor seiner Mutter zu grauen, und er blieb willig in der Busentasche seines nunmehrigen Besch\u00fctzers sitzen.\nUnser Berichterstatter sagt, da\u00df auch in der Familie des Cay die Zahl der Weibchen die der M\u00e4nnchen \u00fcbertr\u00e4fe, und vermuthet wohl mit vollstem Recht, da\u00df dieser Asse in Vielweiberei lebe. Im Januar wirft das Weibchen ein Junges und tr\u00e4gt es die ersten Wochen an der Brust, sp\u00e4ter aber auf dem R\u00fccken. Niemals verl\u00e4\u00dft die Mutter ihr Kind, nicht einmal, wenn sie verwundet wird. Rengger beobachtete zwar, da\u00df ein Weibchen, welchem sein Jagdges\u00e4hrte den einen Schenkel durch einen Schu\u00df zerschmettert hatte, seinen S\u00e4ugling von der Brust ri\u00df und auf einen Ast setzte; doch ist wohl wahrscheinlich, da\u00df das mehr deshalb geschah, um den S\u00e4ugling der Gefahr zu entr\u00fccken, als um sich selbst eine Erleichterung zu verschaffen.\nDer junge Cay wird h\u00e4ufig eingefangen und gez\u00e4hmt; alte lassen sich nicht an die Gefangenschaft gew\u00f6hnen: sie werden traurig, verschm\u00e4hen, Nahrung zu sich zu nehmen, lassen sich niemals z\u00e4hmen und sterben gew\u00f6hnlich nach wenig Wochen. Der junge Cay dagegen vergi\u00dft leicht seine Freiheit, schlie\u00dft sich an den Menschen an und theilt sehr bald, wie viele andere Affen, mit dem Menschen Speisen und Getr\u00e4nke. Er hat, wie alle seiner Gattung Verwandten, ein sanftes Aussehen, welches mit seiner gro\u00dfen\tGewandtheit nicht\tim Einkl\u00e4nge zu stehen scheint. Gew\u00f6hnlich\tstellt\ner sich aus alle vier H\u00e4nde und\tstreckt dabei den\tam Ende etwas\teingerollten Schwanz aus.\tDer\nGang auf ebenem Boden ist sehr\tverschieden, bald\tim Schritt, bald\tim Trapp, bald ein H\u00fcpfen\toder\nendlich ein Springen. Aus den\tHinterf\u00fc\u00dfen geht\ter aus eigenem\tAntriebe h\u00f6chstens drei oder\tvier\nSchritt weit; doch zwingt man ihn zum aufrechten Gang, indem man ihm die Vorderh\u00e4nde auf den R\u00fccken bindet; Anfangs f\u00e4llt er freilich oft aus das Gesicht und mu\u00df deshalb durch eine Schnur hinten gehalten werden. Zum Schlafen rollt er sich zusammen und bedeckt das Gesicht mit dem Arme und dem Schw\u00e4nze. Er schl\u00e4ft des Nachts, und wenn die Hitze gro\u00df ist, in den Mittagsstunden; die \u00fcbrige Tageszeit ist er in best\u00e4ndiger Bewegung.","page":110},{"file":"p0111.txt","language":"de","ocr_de":"Betragen in der Gefangenschaft.\n111\nUnter den Sinnen des Thieres steht der Tastsinn oben an; die \u00fcbrigen sind schwach. Er ist kurzsichtig und steht bei Nacht gar nicht; er h\u00f6rt schlecht, denn man kann ihn leicht beschleichen. Noch schw\u00e4cher ist sein Geruch; denn er h\u00e4lt jeden zu beriechenden Gegenstand nahe an die Nase und wird noch immer oft genug durch den Geruch get\u00e4uscht und verleitet, Sachen zu kosten, welche ihm der Sinn des Geschmacks als ungenie\u00dfbar bezeichnet. Bei gro\u00dfem Hunger oder Durst nimmt er seinen eignen Koth zu sich und trinkt seinen eignen Harn. Der Tastsinn ersetzt die Schw\u00e4chen der \u00fcbrigen Sinne wenigstens einigerma\u00dfen. Er zeigt sich haupts\u00e4chlich in den Vorderh\u00e4nden, weniger in den Hinterh\u00e4nden und gar nicht im Schw\u00e4nze. Durch Uebung und Erziehung wird dieser Sinn einer gro\u00dfen Vervollkommnung f\u00e4hig. Rengger's Cay brachte es so weit, da\u00df er seinen Herrn in der dunkelsten Nacht erkannte, sobald er nur einen Augenblick dessen gew\u00f6hnliche Kleidung betastet hatte.\nDie Laute, welche der Cah von sich giebt, wechseln im Einkl\u00e4nge mit seinen Gem\u00fcthsbewegungen. Man h\u00f6rt am h\u00e4ufigsten einen fl\u00f6tenden Ton von ihm, welcher, wie es scheint, aus Langeweile ausgesto\u00dfen wird. Verlangt er dagegen Etwas, so st\u00f6hnt er. Erstaunen oder Verlegenheit dr\u00fcckt er durch einen halb pfeifenden Ton aus; im Zorn schreit er mit tiefer und grober Stimme mehrmals \u201eHu, hu!\" Bei Furcht oder Schmerz kreischt, bei freudigen Ereignissen dagegen kichert er. Mit diesen verschiedenen T\u00f6nen theilt der Leitasfe seiner Herde auch in der Freiheit seine Empfindungen mit. Diese sprechen sich \u00fcbrigens nicht allein durch Laute und Bewegungen, sondern zuweilen auch durch eine Art von Lachen und Weinen aus. Das Erstere besteht im Zur\u00fcckziehen der Mundwinkel; er giebt dabei aber keinen Ton von sich. Beim Weinen f\u00fcllen sich seine Augen mit Thr\u00e4nen, welche jedoch niemals \u00fcber die Wangen herabflie\u00dfen.\nWie alle Assen ist auch der Cah sehr unreinlich. Er l\u00e4\u00dft seinen Koth \u00fcberall fallen und be-schmuzt sich auch h\u00e4ufig damit und zwar um so mehr, je weniger Freiheit man ihm l\u00e4\u00dft; mit seinem Harn besudelt er sich unaufh\u00f6rlich.\nAuch dieser Affe unterscheidet m\u00e4nnliche und weibliche Menschen, und der M\u00e4nnliche Affe liebt mehr Frauen oder M\u00e4dchen, der weibliche mehr M\u00e4nner und Knaben.\nEs kommt nicht selten vor, da\u00df sich die Cah's in der Gefangenschaft begatten und dort Junge geb\u00e4ren. Ihre Z\u00e4rtlichkeit f\u00fcr dieselben scheint hier noch gr\u00f6\u00dfer zu sein, als in der Freiheit. Sie geben sich den ganzen Tag mit ihrem Kinde ab, lassen es von keinem Menschen ber\u00fchren, zeigen es blos Leuten, welchen sie gewogen sind, und vertheidigen es muthig gegen jeden Andern.\nDer Cah ist sehr empfindlich gegen K\u00e4lte und Feuchtigkeit und mu\u00df gegen sie gesch\u00fctzt sein, wenn er nicht erkranken soll. DiesIst leicht, weil er sich gern in eine lvollene Decke einwickelt. In das Wasser geht er aus freien St\u00fccken niemals. Auch hat man nie beobachtet, da\u00df er sich durch Schwimmen zu retten versuchte. Wohl'aber wei\u00df man, da\u00df er bald untergeht, wenn man ihn in das Wasser wirft. In der Gefangenschaft ist er vielen Krankheiten, namentlich dem Schnupfen und Husten ausgesetzt und leidet, wie seine altweltlichen Vettern, ebenfalls oft genug an der Schwindsucht. Gegen die leichten Krankheiten helfen \u00e4rztliche Mittel oder bringen wenigstens dieselben Wirkungen hervor wie beim Menschen. Nach Rengger's Sch\u00e4tzung d\u00fcrfte sich das Alter, welches er erreichen kann, auf etwa f\u00fcnfzehn Jahre belaufen.\nDie geistigen Eigenschaften des Cah sind unserer vollsten Beachtung w\u00fcrdig. Er lernt schon in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft seinen Herrn und W\u00e4rter kennen, sucht sich bei ihm Nahrung, W\u00e4rme, Schutz und Hilfe, vertraut ihm vollst\u00e4ndig, freut sich, wenn dieser mit ihm spielt, l\u00e4\u00dft sich alle Neckereien gern von ihm gefallen, zeigt nach einiger Trennung beim Wiedersehen eine ausgelassene. Freude und giebt sich demselben zuletzt so hin, da\u00df er bald seine Freiheit ganz vergi\u00dft und zum halben Hausthier wird. Ein altes M\u00e4nnchen, welches Rengger besa\u00df, machte sich zuweilen von seinem Riemen los und entfloh im ersten Gef\u00fchl der Freude \u00fcber die erlangte Freiheit, kehrte aber nach Verlauf von zwei bis drei Tagen immer wieder in seine Gefangenschaft zur\u00fcck, suchte seinen W\u00e4rter wieder auf und lie\u00df sich nun ohne alle Umst\u00e4nde von diesem anbinden. Diejenigen","page":111},{"file":"p0112.txt","language":"de","ocr_de":"112\nDie Affen. Rollaffen. \u2014 Cay.\nAsien, welche niemals mi\u00dfhandelt worden sind, zeigen auch gern Zutrauen, besonders gegen die Neger, denen sie \u00fcberhaupt mehr zugethan sind, als den Wei\u00dfen.\nDer Cay schlie\u00dft sich nicht allein den Menschen an, sondern auch den Hausthieren, mit denen er aufgezogen wird. Es geschieht nicht selten in Paraguay, da\u00df man ihn mit einem jungen Hunde aufzieht, welcher ihm als Reitpferd dienen mu\u00df. Wird er von diesem getrennt, so bricht er in ein Geschrei aus; beim Wiedersehen \u00fcberh\u00e4uft er ihn mit Liebkosungen. Und dabei ist seine Liebe auch der Aufopferung f\u00e4hig, denn bei Balgereien mit anderen Hunden vertheidigt er seinen Freund mit gro\u00dfem Muthe.\nAber ganz anders zeigt sich das Thier, sobald es Mi\u00dfhandlungen erleben mu\u00df. Wenn es sich stark genug f\u00fchlt, sucht es, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, und bei\u00dft den Menschen derb, sobald er es beleidigt. Wenn es aber seinen Gegner f\u00fcrchtet, nimmt es seine Zuflucht zur Verstellung und versucht sich dann an ihm zu r\u00e4chen, wenn es ihn unvermuthet \u00fcberfallen kann. Renggers Cay bi\u00df Leute, die ihn vorher geneckt hatten, auf die heimt\u00fcckischste Weise und kletterte dann immer schnell auf einen hohen Balken, wo man ihm nicht beikommen konnte. Alle Asien, welche man fr\u00fcher neckte, sind gegen Jedermann \u00e4u\u00dferst mi\u00dftrauisch, und man mu\u00df sich vor ihnen in Acht nehmen. Sie selbst necken aber gern und lassen kein Thier unangefochten vor\u00fcbergehen. Hunde und Katzen zerren sie am Schw\u00e4nze, H\u00fchnern und Enten rei\u00dfen sie Federn aus; selbst Pferde, welche in ihrer N\u00e4he angebunden sind, ziehen sie am Zaume, und ihre Freude ist um so gr\u00f6\u00dfer, je mehr sie ein Thier ge\u00e4rgert oder ge\u00e4ngstigt haben.\nAuch der Cay ist h\u00f6chst naschhaft und lernt bald, wenn er dabei ertappt wird, heimlich stehlen, wobei er alle Kniffe und Pfiffe anwendet. Ertappt man ihn bei der That, so schreit er aus Furcht vor der Strafe schon im voraus laut auf, wird er aber nicht entdeckt, dann thut er so unschuldig und furchtlos, als ob Nichts geschehen w\u00e4re. Kleinere Gegenst\u00e4nde versteckt er, wenn er gest\u00f6rt wird, im Munde und fri\u00dft sie erst sp\u00e4ter. Seine Habsucht ist sehr gro\u00df. Was er einmal besitzt, l\u00e4\u00dft er sich so leicht nicht wieder nehmen, h\u00f6chstens von seinem Herrn, wenn er diesen sehr lieb hat. Diese Habsucht ist schuld, da\u00df man ihn in ausgeh\u00f6hlten K\u00fcrbissen (Seite 6) fangen kann. Au\u00dfer diesen Eigenschaften zeigt er noch Neugierde und Zerst\u00f6rungssucht im hohen Grade.\nDas Thier ist sehr selbstst\u00e4ndig und unterwirft sich nicht gern dem Willen des Menschen. Man kann ihn wohl von Etwas abhalten, nicht aber zu Etwas zwingen. Dagegen sucht er, andere Gesch\u00f6pfe seinem eigenen Willen zu unterwerfen und auch den Menschen, bald durch Liebkosungen, bald durch Drohungen. Diejenigen Thiere, denen er an Kraft und Gewandtheit \u00fcberlegen ist, m\u00fcssen sich in seinen Willen f\u00fcgen. Dies thut seiner Gelehrsamkeit bedeutenden Abbruch. Er lernt blos Das, was ihm Nutzen bringt, z. B. Schachteln \u00f6ffnen, Taschen seines Herrn untersuchen u. s. w. Mit den Jahren nimmt er an Erfahrung zu und wei\u00df diese wohl zu benutzen. Giebt man chm zum ersten Mal ein Ei, so zerbricht er es mit solchem Ungeschick, 'da\u00df er den gr\u00f6\u00dften Theil des Inhaltes verliert; sp\u00e4ter \u00f6ffnet er es blos an der Spitze und l\u00e4\u00dft Nichts mehr verloren gehen. Selten l\u00e4\u00dft er sich mehr als ein Mal durch Etwas t\u00e4uschen. Schon nach kurzer Zeit lernt er den Ausdruck bet-Gesichtsz\u00fcge und die verschiedenen Betonungen der Stimme seines Herrn verstehen und zeigt Furcht oder Freude, je nachdem er rauh oder sanft angeredet oder angesehen wird. Auslachen l\u00e4\u00dft er sich nicht, wahrscheinlich weil ihn das Gel\u00e4chter an fr\u00fchere unangenehme Lagen erinnert. Seine gemachten Erfahrungen wendet er auch bei verschiedenen Gegenst\u00e4nden geschickt an, d. h. er versteht Das, was er einmal gelernt hat, in der ausgedehntesten Weise zu benutzen. So lernt er den Hammer zum Zertr\u00fcmmern, den Hebel zum Aufbrechen brauchen. Entfernungen sch\u00e4tzt er auf das genaueste und richtet hiernach seine Bewegung ein. Sein treues Ged\u00e4chtni\u00df und seine Urtheilsf\u00e4higkeit machen sich oft bemerklich. Diese beiden Geisteskr\u00e4fte sind wohl bei allen gleichm\u00e4\u00dfig ausgebildet, bei \u00e4lteren aber entschiedener, als bei j\u00fcngeren.\nNur die Indianer benutzen das Fell und Fleisch des Thieres und stellen ihm deshalb mit Pfeil und Bogen nach. Die Wei\u00dfen halten den Affen h\u00f6chstens in der Gefangenschaft. Au\u00dfer den Menschen sind ihm noch die schon bei den fr\u00fcheren amerikanischen Asien genannten Katzen gef\u00e4hrlich.","page":112},{"file":"p0113.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Leben.\n113\nZwei andere Arten derselben Sippe sind der Apella (Cebus Apella) und der geh\u00f6rnte Rollaffe (Cebus fatuellus). Beide Arten werden von manchen Forschern nur als Ab\u00e4nderungen der vorhergehenden angesehen, d\u00fcrften sich aber denn doch hinl\u00e4nglich unterscheiden.\nDer Apella oder braune Rollasfe vertritt den Cay in Guiana und ist hier sehr gemein. Da er in seiner F\u00e4rbung vielfach ab\u00e4ndert, ist er nicht eben leicht zu beschreiben. Sein K\u00f6rperbau ist ziemlich gedrungen; der verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig reichliche Pelz besteht aus gl\u00e4nzenden Haaren, welche sich auf dem Scheitel zu einem Schopfe erheben und im Gesicht zu einem Barte verl\u00e4ngern; ihre allgemeine braunschwarze F\u00e4rbung geht auf R\u00fccken, Schwanz und Schenkeln in Schwarz \u00fcber; Gesicht und Kehle sind gew\u00f6hnlich lichter, und auf dem Scheitel verl\u00e4uft regelm\u00e4\u00dfig ein dunkler Streifen. Oft sind auch die Seiten und die Beine lebhaft kastanienbraun gef\u00e4rbt. In der Gr\u00f6\u00dfe kommt das Thier dem Cay etwa gleich.\nUeber das Freileben des Apella haben wir bis jetzt nur d\u00fcrftige Berichte erhalten, Schom-burgk giebt noch die ausf\u00fchrlichste und anziehendste Schilderung. \u201eDicht an einen Baum gedr\u00fcckt,\" so erz\u00e4hlt er, \u201ewarteten wir die Affenherde ab. Der Vortrab erschien jetzt vor uns, das Hauptheer\nfeer braune Nollaffe (Cebus Apella).\nfolgte bald und nach etwa einer Viertelstunde auch der letzte Trupp, den ich freilich durch mein nicht mehr zu unterdr\u00fcckendes Lachen in wilde Flucht zersprengte. Wer h\u00e4tte aber hier das Lachen unterdr\u00fccken k\u00f6nnen, wenn er die behenden Thiere mit ihrer \u00fcbertriebenen Eile und Lebhaftigkeit sich auf den Aesten h\u00e4tte hinbewegen sehen, wenn er das Klagen, Pfeifen und Singen der Schw\u00e4cheren geh\u00f6rt, die boshaften Blicke bemerkt, welche sie den St\u00e4rkeren zuwarfen, sobald sie diesen in den Weg kamen und nun von ihnen gebissen und geschlagen wurden; wenn er die altklugen Gesichter der f\u00f6rmlich auf den R\u00fccken der M\u00fctter angeleimten Jungen und zugleich die ernsthaften Mienen wahrgenommen h\u00e4tte, mit welchen auf der Reise jedes Blatt, jede Spalte nach Kerbthieren untersucht und hier und da ein fliegender Schmetterling, ein fliehender K\u00e4fer mit der \u00e4u\u00dfersten Geschicklichkeit gefangen wurde. Unter solchem Gesichterschneiden mochten etwa vier- bis f\u00fcnfhundert Kapuziner und Apellas \u00fcber uns weggeeilt sein (denn eine andere Bewegung scheinen sie gar nicht zu kennen), als ich jenem Drange nicht mehr widerstehen konnte. Wie vom Donner ger\u00fchrt, blieben die unmittelbar \u00fcber uns Be-stndlichen einen Augenblick bewegungslos sitzen, stie\u00dfen dann einen eigenth\u00fcmlichen Schrei aus, der vor, hinter und neben uns sein Echo fand; alle sahen sich \u00e4ngstlich nach allen Seiten um, bis sie uns bemerkten, starrten uns einen Augenblick an, wiederholten den Schrei noch greller, als das erste Mal,\nBrehm, Thicrleben.","page":113},{"file":"p0114.txt","language":"de","ocr_de":"114 Die Affen. Rollaffen. \u2014 Brauner und Geh\u00f6rnter Rollaffe. Springaffen. \u2014 Saimiri.\nund in doppelt gewaltigen Spr\u00fcngen flogen sie f\u00f6rmlich \u00fcber uns hin, ohne da\u00df auch nur ein anderer Ton, als das vermehrte Ger\u00e4usch in den Zweigen geh\u00f6rt worden w\u00e4re.\"\n\u201eBei einem solchen Vorfalle war ich Zeuge eines wirklich r\u00fchrenden Beispiels aufopfernder Mutterliebe. Schon wollte ich nach meinem Boote zur\u00fcckkehren, als die \u00e4ngstliche Stimme eines Affen in einem Baume \u00fcber mir es laut verk\u00fcndete, da\u00df er von seiner Mutter bei ihrer wilden Flucht vergessen worden war. Einer meiner Indianer erkletterte den Baum. Kaum sah das Thier die fremde Gestalt, als ihm die Angst einige lautere T\u00f6ne auspre\u00dfte, die pl\u00f6tzlich vom n\u00e4chsten Baum von der zur\u00fcckgekehrten Mutter beantwortet wurden. Kaum waren diese T\u00f6ne.von dem ge\u00e4ngstigten Thiere geh\u00f6rt, als es dieselben auch wieder mit einer ganz eigenen Stimme beantwortete, die nun andererseits ebenfalls ihren Wiederklang in dem Locken der Mutter fanden. Ein Schu\u00df verwundete die Arme; sie schickte sich wohl zur Flucht an,\" kehrte aber augenblicklich wieder zur\u00fcck, als ihr Liebling nochmals jene Angstt\u00f6ne ausstie\u00df, und sprang, ungeachtet eines zweiten Schusses, der sie fehlte, mit Anstrengung auf den Ast, welcher das klagende Junge trug. Schnell nahm sie dieses auf den R\u00fccken und wollte sich eben mit ihm entfernen, als sie, trotz meines strengen Verbotes, ein dritter Schu\u00df\nDer geh\u00f6rnte Rollaffe (Cebus fatuellus).\nt\u00f6dtete. Noch im Todeskrampfe dr\u00fcckte sie ihren Liebling fest an sich und versuchte die Flucht, st\u00fcrzte aber bei diesem Versuche auf den Boden herab.\"\nMan bringt den Apella sehr h\u00e4ufig zu uns, und er ist deshalb in Thierg\u00e4rten und Thierschaubuden oft genug zu finden. Die im ganzen S\u00fcden Europas umherpilgernden Savoyarden be-nutzen ihn, wie manche Meerkatzen, um das Herz wohlhabender Leute wirksamer zu bearbeiten, als sie es mit ihren Drehorgeln verm\u00f6gen. Die Musik dieser oft recht erb\u00e4rmlich verstimmten Werkzeuge ist in den Stra\u00dfen der St\u00e4dte Frankreichs, Spaniens und Italiens so gew\u00f6hnlich, da\u00df kein Mensch mehr auf den armen Bittsteller achtel, welcher die heitere Muse zu Hilfe ruft und mit Kl\u00e4ngen und Liedern Herzen r\u00fchre\u00fc will. Ach, gerade die T\u00f6ne verschlie\u00dfen ihm diese Herzen; sie rufen den Anmuth wach, und der Beutel bleibt geschlossen. Da gebietet der Tonk\u00fcnstler seiner zahmen Meerkatze, seinem Apella und Apollo zu seinem Besten an die verschlossenen Menschenherzen zu klopfen. Das Thier ist an einer langen, d\u00fcnnen Leine befestigt, welche sein Herr zum gr\u00f6\u00dfern Theile um die Hand gewickelt hat; jetzt lockert er die Bande, und unter den Kl\u00e4ngen der Marseillaise oder irgend eines Gassenhauers steigt der kleine Bettler an Dachrinnen und Gesimsen empor, von Stockwerk zu Stockwerk, bis zur Mansarde hinaus. 'Und nun erscheint er am Fenster, ein Kind entdeckt ihn, heller","page":114},{"file":"p0115.txt","language":"de","ocr_de":"Gefangenleben des Apella. Beschreibung des Saimiri.\n115\nJubel bricht los; es regnet Zucker- und anderes Backwerk \u2014 ach, wenn er doch Backentaschen h\u00e4tte! \u2014 aber auch manchen Sou, manchen Cuarto, manchen Soldo f\u00fcr seinen Herrn da unten: der Affe hat das Kinderherz ge\u00f6ffnet und der Kindermund der Eltern Geldbeutel. Jedes empfangene Geldst\u00fcck wirft das Thier seinem Herrn zu; der sammelt unten lustig auf, so lange noch Etwas niederf\u00e4llt, und dann zieht er f\u00fcrder mit seinem Bettelgehilfen, und wenige H\u00e4user weiter beginnt das Spiel von neuem.\nDer Apella vertr\u00e4gt die Gefangenschaft recht gut und hat sich schon mehrmals auch in Europa in ihr fortgepflanzt. Er ist aber ein nicht eben liebensw\u00fcrdiger Gesell; denn er ist schmuzig, frostig und traurig, wenigstens klagt oder winselt er fortw\u00e4hrend. Dabei schneidet er ohne Unterla\u00df gr\u00e4uliche Gesichter. Aber er ist auch sanft und gutm\u00fcthig, wenn auch blos gegen gr\u00f6\u00dfere Thiere. Kleinere, zumal V\u00f6gel, fri\u00dft er ohne Umst\u00e4nde auf, wenn er sie erwischt hat.\nDer geh\u00f6rnte Rollaffe oder Sapaju ist noch weniger bekannt, als der Apella. Das b\u00fcrstenartige Haar auf seinem Kopfe, welches einen gleichsam in zwei H\u00f6rner auslaufenden Schopf bildet, und der blonde Bart zeichnen ihn aus. Die F\u00e4rbung des Pelzes wechselt wie bei seinen \u00fcbrigen Sippschaftsverwandten. Gew\u00f6hnlich ist die braune Farbe am K\u00f6rper, die gelbliche im Gesicht vorherrschend. Die Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt 15, die Schwanzl\u00e4nge 17 Zoll. Seine Heimat ist der Osten S\u00fcdamerikas.\nIn der Gefangenschaft ist er lebhaft und unterhaltend. Seine Gutm\u00fcthigkeit erwirbt ihm gew\u00f6hnlich gro\u00dfe Zuneigung seiner Herren. Leider h\u00e4lt er nicht l\u00e4nge in Europa aus, und nur selten erreicht er das Alter, in welchem sein sonderbarer Kopfputz deutlich hervortritt.\nEin schlanker K\u00f6rper mit schlanken Gliedma\u00dfen und sehr langem, d\u00fcnnen und schlaffen Schw\u00e4nze, ein runder Kopf mit bartlosem Gesicht und kurzer Schnauze, hellen Augen und gro\u00dfen Ohren, sehr kleinen Eckz\u00e4hnen und f\u00fcnfzehigen Vorder- und Hinterh\u00e4nden kennzeichnet eine kleine Gruppe amerikanischer Affen, welche man wegen ihrer Beweglichkeit Springaffen und wegen ihrer geringen Gr\u00f6\u00dfe auch wohl Eichhornaffen (Callithrix) genannt hat. Es sind gesellige Thiere, welche in den Baumkronen der dichten W\u00e4lder den ganzen Tag munter und rasch herumklettern und springen. Furchtsam gr\u00f6\u00dferen Thieren gegen\u00fcber, werden sie selbst doch kleineren gef\u00e4hrlich. Ihre Liebensw\u00fcrdigkeit' in der Gefangenschaft macht sie zu gern gesehenen Genossen des Menschen; doch hindern uns die Z\u00e4rtlichkeit und Hinf\u00e4lligkeit der Thierchw, sie au\u00dfer ihrem eigentlichem Vaterlande zu halten. Ihr schmackhaftes Fleisch wird gern gegessen.\nSo viel im allgemeinen; zwei der hervorragendsten Arten m\u00f6gen uns die netten Gesch\u00f6pfe im besondern kennen lehren. Wir erw\u00e4hlen uns den gemeinen Saimiri oder Todtenkopfaffen (Callithrix sciurea) und den Titi oder die Witwe (Callithrix torquata), \u00fcber welche uns namentlich Alexander v. Humboldt Ausf\u00fchrliches berichtet hat.\nDer Erstere ist durch seine niedliche Gestalt und die sch\u00f6ne angenehme F\u00e4rbung ebenso ausgezeichnet, wie durch die Zierlichkeit der Bewegung und durch seine Heiterkeit. Er kann einer der sch\u00f6nsten aller neuweltlichen Affen genannt werden, tr\u00e4gt deshalb mit vollstem Rechte seinen Sippennamen, welcher Sch\u00f6nhaar bedeutet und schon von Plinius einem Assen gegeben wurde. Dagegen entspricht sein etwas abschreckender deutscher Name keineswegs dem wahren Ausdrucke seines Kopfes; er verdankt ihn vielmehr nur einer h\u00f6chst oberfl\u00e4chlichen und bei genauer Vergleichung sofort verschwindenden Aehnlichkeit. Der Saimiri ist sehr schlank gebaut und hat einen sehr langen Schwanz. Sein feiner Pelz ist oben r\u00f6thlich schwarz, bei sehr Alten aber lebhaft pomeranzengelb, an den Gliedma\u00dfen grau gesprenkelt und an der Unterseite wei\u00df. Bisweilen herrscht die graue Farbe vor; manchmal erscheint der Kopf kohlschwarz und der Leib zeisiggelb mit schwarzer Sprenkelung, und die Gliedma\u00dfen sind dann goldgelb: kurz, das Thierchen \u00e4ndert ungemein, ist aber immer schmuck und nett,\n8*","page":115},{"file":"p0116.txt","language":"de","ocr_de":"\\ t\u00df\tDie Affen. Sprmgaffen.\u2014 Saimiri. Titi.\ntote es auch gezeichnet fei. Seine K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt einen, die des Schwanzes aber beinahe anderthalb Fu\u00df.\nHaupts\u00e4chlich Guiana ist die Heimat des niedlichen Assen, und namentlich die Ufer der Fl\u00fcsse dieses reichen Erdstriches werden von ihm bewohnt. Er lebt dort sehr h\u00e4ufig in ziemlich gro\u00dfen Gesellschaften. Man sieht ihn den Tag \u00fcber in best\u00e4ndiger Bewegung. Die Nacht bringt er in Palmenkronen zu, welche ihm das sicherste Obdach bieten, und schon lange vor Sonnenuntergang begiebt er sich dorthin. Er ist sehr scheu und furchtsam und wagt es namentlich bei Nacht nicht, sich zu bewegen. Auch bei Tage ergreift er schon bei der leisesten Gefahr sogleich die Flucht; dabei sieht man die Herde in langen Reihen \u00fcber die Baumkronen hinwegziehen. Ein Leitaffe ordnet den ganzen Zug und bringt, Dank der Beweglichkeit dieser Thiere, seine Herde gew\u00f6hnlich auch sehr bald in Sicherheit. Alle Bewegungen der Eichhornaffen sind voll Anmuth und Zierlichkeit. Sie klettern ganz vortrefflich und springen mit unglaublicher Leichtigkeit \u00fcber ziemlich gro\u00dfe Zwischenr\u00e4ume.\nNur in ihrem warmen und sch\u00f6nen Heimatlande befinden sie sich wohl, bei K\u00e4lte und N\u00e4sse leiden sie au\u00dferordentlich. Wenn Regenwolken die Sonne verbergen, suchen sie sich gegen die K\u00e4lte\nDer Saimiri (Callithrix sciurea).\nzu sch\u00fctzen, indem sie sich zusammendr\u00e4ngen, H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe um einander schlagen und den Schwanz einander um den Hals legen. So sieht man an k\u00fchlen Morgen oft ganze Gruppen in einen Klumpen geballt auf einem Zweige sitzen. Jeder sucht mit traurigem Winseln sich in die Mitte zu dr\u00e4ngen, weil es dort am w\u00e4rmsten ist; diejenigen, welche den 'sch\u00f6nen Platz nicht erwischen konnten, erheben ein gar kl\u00e4gliches Geschrei. Und nicht blos gegen die K\u00e4lte sind sie empfindlich, sondern auch gegen trockene Hitze; deshalb sterben sie auch sehr bald, wenn sie ihren feuchten W\u00e4ldern entf\u00fchrt werden.\nDie Stimme des Eichhornaffen besteht in einem mehrmals wiederholten Pfeifen.. # Wenn ihm etwas Unangenehmes widerf\u00e4hrt, namentlich wenn er friert, beginnt er zu klagen und zu winseln. Auch Morgens und Abends vernimmt man derartige Laute, oft von einer ganzen Gesellschaft, und selbst in der Nacht noch gellt der Schrei der leicht erregten Thiere durch den Wald, das schlummernde Leben desselben weckend. \u201eBefragt man die Indianer,\" sagt Humboldt, \u201ewarum die Thiere des Waldes zu gewissen Stunden einen so gro\u00dfen L\u00e4rm erheben, so geben sie die lustige Antwort: \u201eSie feiern den Pollmond.\" Ich glaube, die Ursache r\u00fchrt meist daher, da\u00df sich im innern Walde irgendwo","page":116},{"file":"p0117.txt","language":"de","ocr_de":"Leben des Saimiri. Beschreibung des Titi.\n117\nein Kampf entsponnen hat. Die Jaguars z. B. machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapirs, welche nur Schutz finden, indem sie beisammenbleiben und, in gedr\u00e4ngten Rudeln dahinjagend, das ihnen in den Weg kommende Geb\u00fcsch niederrei\u00dfen. Die Affen, scheu und furchtsam, erschrecken ob dieser Jagd und beantworten von den B\u00e4umen herab das Geschrei der gr\u00f6\u00dferen Thiere. Sie wecken die gesellig lebenden V\u00f6gel auf, und nicht lange, so ist die ganze Gesellschaft in Aufruhr.\"\nDer Todtenkopf geh\u00f6rt zu den Furchtsamsten der Furchtsamen, so lange er sich nicht von seiner vollkommenen Sicherheit \u00fcberzeugt hat; er wird aber zu einem echten Affen, wenn es gilt, handelnd aufzutreten. Er ist ein Kind in seinem Wesen, und kein anderer Asse sieht auch im Gesicht einem Kinde so \u00e4hnlich, als er: \u201ees ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte L\u00e4cheln, derselbe rasche Uebergang von Freude zur Trauer.\" Sein Gesicht ist der treue Spiegel der \u00e4u\u00dferen Eindr\u00fccke und inneren Empfindungen. Wenn er erschreckt wird, vergie\u00dfen seine gro\u00dfen Augen Thr\u00e4nen, und auch den Schmerz giebt er durch Weinen zu erkennen. Seine Empfindlichkeit und Reizbarkeit ist gro\u00df; doch ist er nicht eigenwillig und seine Gutm\u00fcthigkeit bleibt sich fast immer gleich, so da\u00df es eigentlich schwer ist, das liebe Thierchen zu erz\u00fcrnen. Auf seinen Herrn achtet er mit gro\u00dfer Sorgfalt. Wenn man in seiner Gegenwart spricht, wird bald seine ganze Aufmerksamkeit rege. Er blickt Einem starr und unverwandt ins Gesicht, verfolgt und beobachtet mit seinen lebhaften Augen jede Bewegung der Lippen und sucht sich dann bald zu n\u00e4hern, klettert Einem auf die Schulter und betastet Zahn und Zunge sorgf\u00e4ltig, als wolle er dadurch die ihm unverst\u00e4ndlichen Laute der Rede zu entr\u00e4thseln suchen.\nSeine Nahrung nimmt er mit den H\u00e4nden, oft aber mit dem Munde auf. Mit seinem Schw\u00e4nze vermag er erreichbare Dinge an sich zu ziehen, kann sie aber nicht damit festhalten. Verschiedene Fr\u00fcchte und Blattknospen bilden wohl den gr\u00f6\u00dften Theil seiner Mahlzeiten; doch ist er auch ein eifriger J\u00e4ger von kleinen V\u00f6geln und Kerbthieren. Ein von Humboldt gez\u00e4hmter Eichhornaffe unterschied sogar abgebildete Kerbthiere von anderen bildlichen Darstellungen und streckte, so oft man' ihm die bez\u00fcgliche Tafel vorhielt, rasch die kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder Wespe zu erhalten.\nSein liebensw\u00fcrdiges Wesen macht ihn allgemein beliebt. Er wird sehr gesucht und zum Vergn\u00fcgen Aller gehalten. Auch bei den Wilden ist er gern gesehen und deshalb oft ein Gast ihrer H\u00fctten. Alt Gefangene \u00fcberleben selten den Verlust ihrer Freiheit, und selbst die, welche in der ersten Jugend dem Menschen zugesellt wurden, dauern nicht lange bei ihm aus.\nDie Indianer jagen am liebsten an k\u00fchlen, regnerischen Tagen nach dem Saimiri. \u201eSchie\u00dft man,\" erz\u00e4hlt Humboldt, \u201emit Pfeilen, welche in verd\u00fcnntes Gift getaucht sind, auf einen jener Kn\u00e4uel, so s\u00e4ngt man viele junge Affen auf einmal lebendig. Der junge Saimiri bleibt im Fallen an seiner Mutter h\u00e4ngen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von Schulter und Hals des todten Thieres. Die meisten, welche man in den H\u00fctten der Indianer antrifft, sind auf diese Weise von den Leichen ihrer M\u00fctter gerissen worden.\"\nSelbst diejenigen, welche schon l\u00e4nger in der Gefangenschaft gelebt haben, sind aus dem Innern schwer nur bis an die K\u00fcste zu bringen. Sobald man die W\u00e4lder hinter sich hat und die Steppen betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen und siechen allgemach dahin. In Europa geh\u00f6ren sie zu den gr\u00f6\u00dften Seltenheiten der Thierg\u00e4rten und Schaubuden.\nDer Titi oder die Viudita (kleine Witwe) der Spanier wird gegenw\u00e4rtig einer andern Sippe zugez\u00e4hlt, als der Saimiri, den man Chrysothrix genannt und abgetrennt hat, weil er sich von jenem und seinem Verwandten durch den Kopfbau und die Zahl der rippentragenden Wirbel unterscheidet.\nUnsere kleine Witwe (Chrysothrix torquata) ist ein \u00e4u\u00dferst niedliches und farbensch\u00f6nes Gesch\u00f6pf. Ihre Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt f\u00fcnfzehn, die Schwanzl\u00e4nge achtzehn Zoll. Das Haar ist fein und gl\u00e4nzend, fehlt aber in dem wei\u00dfen, ins Blaue spielenden Gesicht und auf den kleinen, wohlgebildeten Ohren. Von der schwarzen Grundfarbe hebt sich ein wei\u00dfes Kehlband scharf ab, und auch die Vorder-","page":117},{"file":"p0118.txt","language":"de","ocr_de":"118\nDie Affen. Spring affen. \u2014 Titi. Schweifaffen. \u2014 Judenaffe.\nH\u00e4nde haben dieselbe Farbe. Von diesen Abzeichen r\u00fchrt der Name her: die Spanier sehen in ihnen Schleier, Halstuch und Handschuh einer Witwe in Trauer. \u2014 Rothbraune und rothr\u00f6thliche Aeffchen derselben Gestaltung und Farbenvertheilung werden als Ab\u00e4nderungen derselben Art angesehen.\nWestbrasilien und Peru sind das Vaterland der Viudita. Humboldt fand sie namentlich am rechten Ufer des Orinoko im Granitgebirg. \u201eDie Gem\u00fcthsart dieses kleinen Affen,\" berichtet er, \u201everr\u00e4th sich durch seine Haltung nur wenig. Blos beim Fressen stellt er sich auf die Hinterbeine, sonst sitzt er wie ein Nager da. Er sieht sanft und sch\u00fcchtern aus; h\u00e4ufig ber\u00fchrt er das Fressen nicht, welches man ihm bietet, selbst wenn er starken Hunger hat. Die Gesellschaft anderer Affen liebt er nicht; wenn er des kleinsten Saimiri ansichtig wird, l\u00e4uft er davon. Sein Auge verr\u00e4th gro\u00dfe Lebhaftigkeit. Wir sahen ihn stundenlang regungslos dasitzen, ohne da\u00df er schlief, und auf Alles, was um ihn vorging, achten. Aber die Sch\u00fcchternheit und Sanftmuth der Viudita sind nur\nDer Titi (Callithrix torquata).\nscheinbar. Ist sie allein, sich selbst \u00fcberlassen, so wird sie w\u00fcthend, sobald sie einen Vogel sieht. Sie klettert und l\u00e4uft dann mit erstaunlicher Behendigkeit; sie macht einen Satz auf ihre Beute, wie die Katze, und erw\u00fcrgt, was sie erwischen kann.\"\nDie Schweifaffen (Pithecia) unterscheiden sich von den Vorhergehenden durch ihren gedrungenen Leib, welcher durch die sehr lange und lockere Behaarung noch plumper erscheint, als er wirklich ist, durch den langen und buschig behaarten Schwanz, ihre regelm\u00e4\u00dfig dunkle F\u00e4rbung und endlich durch den Zahnbau. Ihre Heimat sind die n\u00f6rdlichen L\u00e4nder S\u00fcdamerikas. Hier leben sie in dunklen W\u00e4ldern, nur zu kleinen Gesellschaften vereint, tr\u00e4g bei Tage, oft sich viele Stunden lang in den dichtesten Wipfeln bergend und hier regungslos verharrend, bis der k\u00fchle Abend hereinbricht und sie ermuntert. Hohe, trockene, von Unterholz freie Urw\u00e4lder scheinen ihnen besonders zuzusagen. Von den \u00fcbrigen Affen halten sie sich streng abgesondert. Ihre, laute Stimme verr\u00e4th sie von weitem dem J\u00e4ger, welcher ihnen gern nachgeht, um sich aus ihrer Schar einen Braten zu holen, obgleich ihre Jagd, wie die aller kleinen Affen, dem f\u00fchlenden Menschen manches Herzleid bringt.","page":118},{"file":"p0119.txt","language":"de","ocr_de":"Heimat. Beschreibung. Lebensweise.\n119\n\u201eUeberall, wo die Belaubung des Ufers dichter erschien,\" sagt R. Schomburgk, \u201efand ich auch Herden von Assen in den Zweigen versammelt, unter denen die wirklich netten Schweisassen die gr\u00f6\u00dfte Anzahl bildeten. Ihr sch\u00f6n gescheiteltes, langes Haar, die \u00fcppig stolzen Kinn- und Backenb\u00e4rte, ihre langbehaarten, fuchs\u00e4hnlichen Schw\u00e4nze verleihen den lebhaft- und klugblickenden Thieren ein ungemein freundliches, zugleich aber auch l\u00e4cherliches Aeu\u00dfere. Es waren die ersten, denen ich aus meiner Reise begegnete. Nat\u00fcrlich mu\u00dfte ich augenblicklich an das Land springen, um mein Jagdgl\u00fcck zu versuchen. Ich scho\u00df ein M\u00e4nnchen und ein Weibchen. Doch bereute ich fast meinen Schu\u00df, als ich die bittere, das Herz tief ergreifende Wehklage des Letztem h\u00f6rte, welches ich nur stark verwundet hatte. Diese Klaget\u00f6ne stimmen genau mit den bitteren Schmerzenslauten eines Kindes \u00fcberein.\" \u2014\nIn den gro\u00dfen W\u00e4ldern am obern Maranon und Orinoko sindet man die gemeinste Art der Sippe sehr h\u00e4ufig. Es ist dies der Juden- oder Satansafse (Pithecia Satanas), ein 15 Zoll\nD er Juden- oder S\u00e4t ans affe (Pithecia Satanas).\nlanges Thier mit fast ebenso langem Schw\u00e4nze. Der ganz runde Kopf ist durch eine Art von M\u00fctze ausgezeichnet, welche aus nicht sehr langen, dicht anliegenden Haaren besteht, die sich von einem gemeinsamen Wirbel auf der H\u00f6he des Hinterhauptes strahlenf\u00f6rmig ausbreiten und auf dem Vorderkopf gescheitelt sind. Die Wangen und das Kinn sind von einem dicken schwarzen Barte umgeben. Der Oberleib ist dicht, aber nicht lang, die untere Seite dagegen'nur d\u00fcrftig behaart; der Schwanz ist sehr buschig. Alte M\u00e4nnchen und Weibchen sind schwarz, am R\u00fccken rusig fahlgelb. Die Jungen haben eine br\u00e4unlich graue F\u00e4rbung. Uebrigens kommen sehr verschiedene Abweichungen vor.\nDer Iudenaffe ist ein bei Tage langsames, schl\u00e4friges Thier, welches erst des Abends und in der D\u00e4mmerung zum Vorschein kommt und dann eine gewisse Behendigkeit zeigt. Seine Stimme ist laut t\u00f6nend und wird in der Stille der Nacht weit geh\u00f6rt.\nEr lebt in einem sehr untergeordneten Verh\u00e4ltnisse zu den Rollaffen, welcke ihn nicht selten zwingen, von den B\u00e4umen herabzusteigen und sich in das Geb\u00fcsch zur\u00fcckzuziehen, wo sie ihn seiner erbeuteten Nahrung berauben, ja sogar ihn mi\u00dfhandeln. Seines langen Bartes wegen soll er das Wasser,","page":119},{"file":"p0120.txt","language":"de","ocr_de":"120 Die Affen. Schweifaffen. Wei\u00dfk\u00f6pfiger und Schwarzk\u00f6psiger Schweifaffe.\nwelches er zu sich nimmt, mit der hohlen Hand zum Munde bringen und nur wenn er sich beobachtet sieht, auf gew\u00f6hnliche Weise trinken. Diese Angabe bedarf wohl noch sehr der Best\u00e4tigung. Er ist kr\u00e4ftig und wild und in hohem Grade reizbar. Deshalb ist er schwer zu z\u00e4hmen und bleibt in der Gefangenschaft immer b\u00f6se. Seinen Unwillen zeigt er Lei der geringsten Veranlassung durch Z\u00e4hnefletschen, Gesichtverzerrungen und das lebhafte Funkeln seiner Augen. Wenn er wirklich gereizt wird, stellt er sich aufrecht, reibt das Ende seines Bartes und springt wild um den Gegenstand seines Zornes herum. Bisweilen wird er so w\u00fcthend, da\u00df er sich z. B. in einem ihm vorgehaltenen Stocke verbei\u00dft und sich denselben kaum entrei\u00dfen l\u00e4\u00dft. Die Indianer, welche sein Fleisch essen, nennen ihn Kuxio.\nEin anderes Mitglied dieser Sippe ist der wei\u00dfk\u00f6pfige Schweifaffe (Pithecia leiicocephala), ein Thier, welches sich unter Anderm durch seinen au\u00dferordentlichen Namenreichthum auszeichnet. M\u00e4nnchen und Weibchen n\u00e4mlich sind sehr abweichend gef\u00e4rbt und deshalb als verschiedene Arten aufgef\u00fchrt worden.\nDer wei\u00dfk\u00f6pfige Schweifaffe (Pithecia leucocephala).\nAlte M\u00e4nnchen sind am ganzen K\u00f6rper schw\u00e4rz, nur an den Vorderarmen etwas lichter gef\u00e4rbt; den Vorderkopf bis zu den Augenbrauen bekleiden kurze, helle Haare, welche in der Mitte der Stirn die schwarze Haut frei lassen und an den-Wangen sich bartartig verl\u00e4ngern. Zuweilen sind sie auch ockerfarben und da, wo sie das Gesicht einfassen, rostroth. Das schwarze Gesicht ist mit wei\u00dfen oder rostfarbigen Haaren besetzt. Die Ohren, Sohlen, Finger und N\u00e4gel sind schwarz. Bei den Weibchen sind die Haare an der Ober- und Au\u00dfenseite braunschwarz mit gelber Spitze, an der Unterseite licht rostr\u00f6thlich; der Backenbart ist am Grunde schwarz. Die Jungen \u00e4hneln den Weibchen. Im Allgemeinen ist der Pelz lang, straff und grob und nur an der Unterseite und den H\u00e4nden d\u00fcnn und sp\u00e4rlich. Ein lichter Haarkranz fa\u00dft das Gesicht ein und bildet einen Backenbart.\nDer wei\u00dfk\u00f6pfige Schweifaffe oder Saki lebt mehr auf B\u00fcschen, als auf hohen Waldb\u00e4umen. Seine Nahrung soll, wie Laborde berichtet, aus Beeren, Fr\u00fcchten und Honigwaben bestehen. Die Weibchen bringen ein Junges zur Welt und tragen dieses lange Zeit auf dem R\u00fccken. Genaueres wei\u00df man nicht.","page":120},{"file":"p0121.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung und Leben beider.\n121\ndas Leben des schwarzk\u00f6pfigen Schweifaffen (Pithecia melanocephala) ist noch sehr unbekannt, obgleich das Thier durch seinen Namenreichthum beweist, da\u00df es den Landeseingebornen oft vorkommen mu\u00df. Au\u00dfer dem wissenschaftlichen Namen f\u00fchrt der Affe n\u00e4mlich noch eine Menge andere; er hei\u00dft: Cacajao, Chucuto, Chucuzo und Caruiri, Mono-feo oder h\u00e4\u00dflicher Affe und Mono-Rabon oder Kurzschwanz. Letzterer Name ist in der Neuzeit der ma\u00dfgebende geworden; denn man hat den Cacajao nebst einigen anderen ihm \u00e4hnlichen Arten, welche sich durch ihren kurzen, dicht behaarten Schwanz allerdings wesentlich von allen \u00fcbrigen Neuweltsaffen unterscheiden, von\nDer schwarzk\u00f6pfige Schweifaffe (Pithecia melanocephala).\nfcett Schweifaffen getrennt, zu einer besondern Sippe vereinigt und diese geradezu Kurzschw\u00e4nze \u00bb (Brachyums) genannt. Anfangs, als man die Thiere nur in wenigen B\u00e4lgen kannte, war man geneigt zu glauben, da\u00df sie ihren Schwanz durch einen Zufall theilweise verloren h\u00e4tten. Die genauere Betrachtung ihrer breiten Schnauze, der sehr seitlich stehenden Nasenl\u00f6cher, des d\u00fcnnen Bartes, des kurzen, lockern Pelzes, sowie der langen, schmalen N\u00e4gel lie\u00df diese Meinung jedoch bald verschwinden und unsere Thiere als Mitglieder einer eigenen Sippe erscheinen. Wenn man will, kann man sie als die Vertreter der Makaken ansehen.\nDer Cacajao ist etwa achtzehn Zoll, mit dem Schw\u00e4nze aber zwei Fu\u00df lang. Sein dichter, glatter Pelz ist an den Schultern und Seiten verl\u00e4ngert, am Unterleib aber sehr d\u00fcnn. Im Nacken","page":121},{"file":"p0122.txt","language":"de","ocr_de":"122\nDie Affen. Nachtaffen. \u2014 Mirikina.\nbildet er einen Wirbel, von welchem aus die Haare gegen den Kopf gerichtet sind. Sein Bart ist an den Wangen sp\u00e4rlich. Der d\u00fcnne, kurze Schwanz tr\u00e4gt einen dicken, am Ende abgestutzten Haarbusch. Sehr lang und stark sind die Finger. Das Thier ist auf dem R\u00fccken graugelb, nach hinten rostroth, am Unterschenkel und den F\u00fc\u00dfen schwarz gef\u00e4rbt. Die Haare des Kopfes und der Vorderarme sind gl\u00e4nzend schwarz und ebenso die nackte Gesichtshaut.\nSpix berichtet, da\u00df dieser Affe in kleinen Gesellschaften an Flu\u00dfr\u00e4ndern vorkommt und w\u00e4hrend seiner Wanderung meist einen mi\u00dft\u00f6nenden Laut h\u00f6ren l\u00e4\u00dft. In der Gefangenschaft zeigt er sich gefr\u00e4\u00dfig, stumpfsinnig, aber nicht b\u00f6sartig, sondern furchtsam und gelassen. Humboldt besa\u00df lange Zeck einen solchen Affen und erz\u00e4hlt, da\u00df derselbe, ^wenn er gereizt wurde, das Maul auf die sonderbarste Art aufsperrte, sein Gesicht auf das \u00e4rgste verzog und in ein lebhaftes Lachen ausbrach. Er war sehr unbeholfen und nahm, wenn er Etwas ergreifen wollte, regelm\u00e4\u00dfig eine merkw\u00fcrdige Stellung ein, indem er sich mit gekr\u00fcmmtem R\u00fccken niedersetzte und beide Arme weit von sich streckte. Der Anblick eines Krokodils oder einer Schlange versetzte ihn in solche Furcht, da\u00df er am ganzen K\u00f6rper zitterte.\nSeine Heimat ist das nordwestliche Brasilien jenseits des Amazonenstromes, namentlich die Uferwaldungen der Fl\u00fcsse Neugranadas und Ecuadors; er soll aber nirgends h\u00e4ufig sein.\nBis jetzt ist er meines Wissens nur einmal lebend nach Europa gebracht worden.\nAzara ist der erste Naturforscher, welcher uns mit einem der merkw\u00fcrdigsten aller Vierh\u00e4nder bekannt gemacht hat. Wenig sp\u00e4ter, als er, berichtet Humboldt \u00fcber dasselbe Thier, darauf und am ausf\u00fchrlichsten Rengger und endlich Schomburgk. Dieser Vierh\u00e4nder ist der Nachtaffe, welcher als Vertreter einer eigenen Sippe (Nyctipithecus oder, wie sie Humboldt der kleinen Ohren wegen nennt, Aotus). In der Neuzeit hat man noch andere Arten derselben Sippe aufgefunden. Sie bilden gewisserma\u00dfen den Uebergang von den eigentlichen Affen zu den, wie sie, n\u00e4chtlichlebenden und ihnen auch sonst in vieler Hinsicht nicht un\u00e4hnlichen Halbaffen oder Aeffern. Ihr Kopf und ihr Gesichtsausdruck unterscheidet sie augenblicklich von allen bisher genannten und kennzeichnet sie sehr gut. Der Kopf ist klein uckd rundlich; die Augen sind gro\u00df und eulen\u00e4hnlich. Die Schnauze ragt wenig hervor und ist breit und gro\u00df; die Nasenl\u00f6cher \u00f6ffnen sich ganz nach unten, und die Ohren sind klein. Ihr Leib ist gestreckt, weich und locker behaart; der etwas buschige Schwanz ist l\u00e4nger, als der K\u00f6rper. Die N\u00e4gel sind zusammengedr\u00fcckt und gebogen. Alle Arten bewohnen Brasilien und seine Nachbarl\u00e4nder. Die Lebensweise der einen ist auch die der anderen, und wir k\u00f6nnen deshalb, um die ganze Sippschaft kennen zu lernen, diejenige Art f\u00fcr uns ausw\u00e4hlen, welche Rengger ausf\u00fchrlich beobachtet hat, den Mirikina (Nyctipithecus trivirgatus).\nDer schm\u00e4chtige Leib des Thieres ist dreizehn, der Schwanz aber achtzehn Zoll lang. Die F\u00e4rbung des Pelzes ist oben graubraun, mehr oder wenig rostfarbig; der Schwanz hat eine schwarze Spitze. Auf dem Scheitel finden sich drei gleichbreite, schwarze, mit einander gleichlaufende Streifen, und von dem Nacken bis zur Schwanzwurzel verl\u00e4uft ein breiter, hellgelblich brauner Streifen. Alle Haare sind fein und sehr weich anzuf\u00fchlen. Zwischen den Geschlechtern findet in der F\u00e4rbung kein\nUnterschied statt.\trvxt ^\nRengger behauptet, da\u00df sich der Mirikina blos am rechten Ufer des Rro-Paraguay finde und\nzwar nur bis zum 25. Grade s\u00fcdlicher Breite. Am linken Ufer hat ihn bis jetzt Niemand angetroffen. Von seinen Sitten im freien Zustande ist nur wenig bekannt. Er bringt sein Leben auf und in B\u00e4umen zu, geht w\u00e4hrend der Nacht seiner Nahrung nach und zieht sich am Morgen in eine Baumh\u00f6hle zur\u00fcck, um hier den Tag \u00fcber zu schlafen. Beim Sammeln- von Brennholz fanden die Leute unsers Naturforschers einmal ein P\u00e4rchen dieser Affen, welche in einem hohlen Baume schliefen. Die aufgescheuchten Thiere suchten sogleich, zu entfliehen, waren aber von dem Sonnenlicht so geblendet, da\u00df sie weder einen richtigen Sprung machen, noch sicher klettern konnten. Sie wurden deshalb leicht eingefangen, obwohl sie sich mit ihren scharfen Z\u00e4hnen zu vertheidigen suchten. Das Lager bestand","page":122},{"file":"p0123.txt","language":"de","ocr_de":"Vaterland. Frei- und Gefangenleben.\n123\naus Bl\u00e4ttern und war mit einer Art von Baummoos ausgelegt, woraus hervorzugehen scheint, da\u00df diese Thiere an einem bestimmten Orte leben und sich alln\u00e4chtlich in dasselbe Lager zur\u00fcckziehen. Man trifft immer ein P\u00e4rchen bei einander an, niemals aber gr\u00f6\u00dfere Gesellschaften. Nach Aussage der J\u00e4ger soll das Weibchen in unseren Sommermonaten ein Junges werfen und dieses erst an der Brust, sp\u00e4ter aber auf dem R\u00fccken mit sich herumtragen.\nDies ist Alles, was uns Rengger von dem Freileben des Mirikina mittheilen kann. Um so mehr aber berichtet er uns von gefangenen Affen dieser Art.\nDer junge Mirikina l\u00e4\u00dft sich leicht z\u00e4hmen, der alte hingegen bleibt immer wild und bissig. Mit Sorgfalt behandelt, vertr\u00e4gt er die Gefangenschaft gut; durch Unreinlichkeit aber geht er zu Grunde. Man h\u00e4lt ihn in einem ger\u00e4umigen K\u00e4fig oder im Zimmer und l\u00e4\u00dft ihn frei herumlaufen, weil er sich leicht in den Strick verwickelt, wenn man ihn anbindet. W\u00e4hrend des ganzen Tages zieht er sich in die dunkelste Stelle seiner Behausung zur\u00fcck und schl\u00e4ft. Dabei sitzt er mit eingezogenen Beinen und stark nach vorn gebogenem R\u00fccken und versteckt das Gesicht zwischen seinen gekreuzten Armen. Weckt man ihn auf und erh\u00e4lt ihn nicht durch Streicheln oder andere Liebkosungen wach, so schl\u00e4ft er sogleich wieder ein. Bei hellen Tagen unterscheidet er keinen Gegenstand; auch ist seine\nvorderen sind. Im Klettern aber zeigt er gro\u00dfe Fertigkeit, und im Springen von einem Baume zum andern ist er Meister. Rengger lie\u00df seinen gefangenen Mirikina zuweilen bei hellen Stern- und Mondn\u00e4chten in einem mit Pomeranzenb\u00e4umen besetzten, aber ringsum eingeschlossenen Hofe frei. Da ging es dann lustig von Baum zu Baum, und es war keine Rede davon, das Thier bei Nacht wieder einzufangen. Erst am Morgen konnte man ihn ergreifen, wenn er vom Sonnenlicht geblendet ruhig zwischen den dichtesten Zweigen der B\u00e4ume sa\u00df. Bei seinen n\u00e4chtlichen Wanderungen erhaschte er fast jedesmal einen auf den B\u00e4umen schlafenden Vogel. Andere, welche Rengger beobachtete, zeigten sich au\u00dferordentlich geschickt im Fangen von Kerbthieren.\nDes Nachts h\u00f6rte man oft einen starken dumpfen Laut von ihm, und er wiederholte dann denselben immer mehrmals nach einander. Reisende haben diesen Laut mit dem Br\u00fcllen des Jaguars verglichen, doch hat er damit nur dann Aehnlichkeit, wenn man dem Mirikina sehr nahe ist, den Jaguar aber in gro\u00dfer Entfernung h\u00f6rt. Seinen Zorn dr\u00fcckt er durch den wiederholten Laut: \u201egrr grr\" aus.\nUnter den Sinnen scheint sein Geh\u00f6r obenanzustehen. Er richtet aus das geringste Ger\u00e4usch sogleich seine Aufmerksamkeit. Sein Gesicht ist blos w\u00e4hrend der Nacht brauchbar, das Tageslicht blendet ihn so, da\u00df er gar nicht sehen kann. In sternhellen N\u00e4chten sieht er am besten. Die geistigen\nPupille alsdann kaum noch bemerkbar. Wenn man ihn aus der Dunkelheit pl\u00f6tzlich ans Licht bringt, zeigen seine Geberden und kl\u00e4glichen Laute, da\u00df ihm dasselbe einen schmerzlichen Eindruck verursacht. Sobald aber der Abend anbricht, erwacht er; .seine Pupille dehnt sich mehr und mehr aus, je\nmehr das Tageslicht schwindet, und wird 1\nDer Mirikina (Nyctipithecus trivirgatus).\nV\nzuletzt so gro\u00df, da\u00df man kaum noch die Regenbogenhaut bemerkt. Sein Auge leuchtet wie das der Katzen und der Nachteulen, und er s\u00e4ngt nun mit eintretender D\u00e4mmerung an, in seinem K\u00e4fig herumzugehen und nach Nahrung zu sp\u00e4hen. Dabei sind seine Bewegungen leicht, wenn auch auf ebenem Boden nicht besonders gewandt, weil seine Hinteren Glieder l\u00e4nger als die","page":123},{"file":"p0124.txt","language":"de","ocr_de":"124\nDie Affen. Krallenaffen. Seidenaffen.\nF\u00e4higkeiten des Asien sind gering; er lernt niemals seinen Herrn kennen, folgt seinem Rufe nicht und ist gegen seine Liebkosungen ganz gleichgiltig. Selbst zur Befriedigung ihrer Begierden und Leidenschaften sieht man sie keine Handlung ausf\u00fchren, welche auf einigen Verstand schlie\u00dfen lie\u00dfe. Nengger hat blos eine gro\u00dfe Anh\u00e4nglichkeit zwischen M\u00e4nnchen und Weibchen bemerkt. Ein eingesungenes Paar geht stets zu Grunde, wenn eins seiner Glieder stirbt, das andere gr\u00e4mt sich zu Tode. Die Freiheit lieben die Thiere \u00fcber Alles, und sie benutzen deshalb jede Gelegenheit, um zu entweichen, auch wenn man sie jung gefangen und schon Jahre lang in der Gefangenschaft gehalten hat.\nNach Europa scheint er nur einmal lebend gekommen zu sein: Weinland sah ihn (1861) im Regent's Park bei London.\nSchomburgks Bericht best\u00e4tigt die obigen Angaben. \u201eIn Ascurda,\" sagt er, \u201elernte ich auch eins der merkw\u00fcrdigsten Thiere Guianas, den Nachlassen oder Durukuli der Indianer, als zahmes Hausthier kennen. Es war der erste, den ich \u00fcberhaupt w\u00e4hrend meines Aufenthalts sah, einen zweiten fand ich sp\u00e4ter, Es ist ein niedliches, eigenth\u00fcmliches und ebenso lichtscheues Thier, wie die Eule und die Fledermaus. Sein kleiner runder Kopf, die gewaltig gro\u00dfen, gelben Augen, die kleinen, kurzen Ohren geben ihm ein \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdiges, possierliches Aeu\u00dfere. Die \u00e4ngstlichen hilflosen Bewegungen erregen f\u00f6rmliches Mitleid. Am Tage ist der, Durukuli fast vollkommen blind, taumelt wie ein Blinder umher, klammert sich an den ersten besten dunklen Gegenstand an und dr\u00fcckt an denselben das Gesicht, um dem schmerzhaften Eindr\u00fccke des Lichts zu entgehen. ^ Der dunkelste Winkel der H\u00fctte ist sein liebster Aufenthalt, und hier liegt er w\u00e4hrend des Tages in einem f\u00f6rmlichen Todtenschlafe, aus welchem ihn nur mehrere Schl\u00e4ge erwecken k\u00f6nnen. Kaum aber ist die Nacht hereingebrochen, so kommt der feste Schl\u00e4fer aus seinem Schlupfwinkel hervor, und nun giebt es kein muntereres Thier. Von H\u00e4ngematte geht's zu H\u00e4ngematte, dabei werden dem darin lregenden Schlafenden H\u00e4nde und Gesicht beleckt; vom Boden geht's bis zum \u00e4u\u00dfersten Balken, und was nicht fest genug steht, liegt am Morgen gew\u00f6hnlich auf der Erde umher. Verm\u00f6ge der L\u00e4nge der Hmter-f\u00fc\u00dfe gegen die der Vorderf\u00fc\u00dfe geh\u00f6rt der Durukuli zu den ausgezeichnetsten Springern. Merkw\u00fcrdig ist es, wenn das Thier Abends bei Tische seinen Tummelplatz unter diesem aufschl\u00e4gt, dann an den Leuten emporkriecht und wie von einer Tarantel gestochen zur\u00fcckprallt, sobald es von den Lichtstrahlen der auf dem Tische stehenden Kerzen getroffen wird. Im Dunkeln leuchten die Augen viel st\u00e4rker, als die des Katzengeschlechts. Obschon der Durukuli wie die Asien mit Allem vorlieb nimmt, so scheinen kleinere V\u00f6gel doch sein Lieblingssra\u00df zu sein. Das lichtscheue Wesen, wie die tiefen Verstecke in denen das Thier am Tage zubringt, scheinen mir die Hauptursache, da\u00df es so selten gesehen wird.\"\nFell und Fleisch werden blos von den wilden Indianern benutzt.\n* * *\nViele Naturforscher sehen in den Thieren, welche wir hier zu einer besondern Familie vereinigen, nur Sippen der vorhergehenden Familie und stellen sie deshalb mit dieser zusammen. Die unterscheidenden Merkmale zwischen ihnen und den vorhergehenden Affen sind aber immerhin betr\u00e4chtlich genug, um eine derartige Trennung, wie wir sie anwenden, zu rechtfertigen.\nDie Krallenaffen (Arctopitheci) sind kleine, niedliche Bewohner der Urw\u00e4lder S\u00fcdamerikas. Ihre Hinterf\u00fc\u00dfe sind mit einem den \u00fcbrigen Zehen entgegensetzbaren Daumen versehen; bte Vorderf\u00fc\u00dfe dagegen haben keinen eigentlichen Daumen, weil die Innenzehe nicht den \u00fcbrigen entgegengesetzt werden kann. Nur der Daumen der Hinterzehe hat einen platten Nagel, alle \u00fcbrigen Zehen dagegen besitzen Krallen. In diesen Unterschieden vornehmlich sind die Gr\u00fcnde zu suchen, welche einige Naturforscher bestimmten, die Krallenaffen als besondere Familie von den \u00fcbrigen Vierh\u00e4ndern der neuen Welt zu sondern. Die H\u00e4nde der Krallenaffen sind zu eigentlichen Pfoten geworden und unsere Thiere","page":124},{"file":"p0125.txt","language":"de","ocr_de":"Schilderung der Familie.\n125\nerinnern deshalb lebhaft an die Eichh\u00f6rnchen, mit denen sie auch im Betragen und in ihrer Lebensweise vielfach \u00fcbereinstimmen. Ihr Gebi\u00df sondert sie ebenfalls von den \u00fcbrigen amerikanischen Affen. Sie haben z. B. nur zwei anstatt drei Kauz\u00e4hne. So bilden sie ein eigenth\u00fcmlich vermittelndes Glied zwischen den Affen und den H\u00f6rnchen. Ihr Kopf ist rundlich, das kurze Gesicht platt; die Augen sind klein und die Ohren gro\u00df. Der K\u00f6rper ist schlank, der Schwanz lang und buschig, der Pelz seidenweich. Eigenth\u00fcmliche Haarb\u00fcschel an den Ohren zeichnen viele von ihnen besonders aus und erwerben ihnen hierdurch das Recht, eine eigne Sippe zu bilden.\nAlle Krallenaffen leben in den W\u00e4ldern und zwar meist in den dichtesten Urw\u00e4ldern; nur wenige kommen in den buschigen, sandigen Ebenen vor. Wie die Eichh\u00f6rnchen ziehen sie unter Umst\u00e4nden von einer Gegend in die andere. Sie f\u00fchren ein echtes Baumleben und klettern mit einer Gewandtheit auf den Aesten herum, welche bald an die Affen, bald an die Eichh\u00f6rnchen erinnert. Wie die letzteren rutschen sie, wie jene krallen sie sich beim Klettern haupts\u00e4chlich in \u00a3ie Rirrde der Aeste ein, obwohl sie auch wie die eigentlichen Affen einen Ast wenigstens mit ihren Hinterf\u00fc\u00dfen theilweise umklammern k\u00f6nnen. In der Ruhe nehmen sie ganz die Stellung der H\u00f6rnchen an und legen sich auch oft, wie diese, platt auf etneg Aste nieder. Man findet sie stets in Gesellschaften, oft in solchen von ziemlich bedeutender Anzahl. Bei Tage sind sie munter und lebendig, die Nacht bringen sie schlafend in Baumh\u00f6hlen zu. Dabei rollen sie sich gern mit Andern ihrer Art in einen Klumpen zusammen und decken sich gleichsam mit ihren Schw\u00e4nzen zu.\nSie gehen niemals auf zwei F\u00fc\u00dfen und treten immer mit der ganzen Sohle auf.\nIhre Nahrung besteht in Fr\u00fcchten, Kerbthieren und Spinnen; namentlich Kerbthieren stellen sie au\u00dferordentlich eifrig nach. S\u00e4mereien, Vogeleier, Pflanzen, Bl\u00e4ttchen und so weiter werden von ihnen wohl auch verzehrt.\nIn ihrem Wesen \u00e4hneln sie den Eichh\u00f6rnchen noch weit mehr, als den Affen. Sie sind scheu und furchtsam und stets auf ihrer Hut gegen die vielen Raubthiere, welche auf sie Jagd machen. Bei dem geringsten Ger\u00e4usch suchen sie sich zu verbergen, und beim Anblick fremdartiger Gegenst\u00e4nde huschen sie blitzschnell in die dichtesten Baumkronen hinauf und schauen von dort aus nur zuweilen sich \u00e4ngstlich um. Wenn sie gefangen werden, bei\u00dfen sie sehr heftig um sich herum und zeigen sich dabei als ebenso boshafte wie eigensinnige, mi\u00dftrauische und reizbare Thiere. Sobald sie gereizt werden, str\u00e4uben sie die M\u00e4hne ihres Halses oder Kopfes und weisen ihre Z\u00e4hne. Im Zimmer gefallen sie mehr durch ihre \u00e4u\u00dfere Erscheinung, als durch ihre Gelehrigkeit. Sie k\u00f6nnen leicht gez\u00e4hmt werden, gew\u00f6hnen sich an ihren Pfleger, werden auch zutraulich, sind aber ebensowohl in geistiger als in leiblicher Hinsicht au\u00dferordentlich empfindlich.\nDie Weibchen werfen ein, aber auch zwei, ja selbst drei Junge und tragen dieselben auf dem R\u00fccken und am Bauche, oft alle zugleich. W\u00e4hrend das eine saugt, sitzt das andere auf dem R\u00fccken. M\u00e4nnchen und Weibchen unterst\u00fctzen sich in der Erziehung der Jungen gegenseitig, und das M\u00e4nnchen nimmt seinem Weibchen wenigstens die Last des Herumschleppens seiner Kinder gern ab. Bei denjenigen Arten, welche mit Ohrenb\u00fcscheln versehen sind, klammern sich die Jungen an diese an.\nAls die schlimmsten Feinde der schmucken Gesch\u00f6pfe werden die Raubv\u00f6gel genannt. Den Baumkatzen entgehen sie, Dank ihrer Schnelligkeit und Behendigkeit und ihrer vorsichtigen Auswahl der Schlafstellen; vor den Adlern und Falken dagegen giebt es keine Flucht. Unz\u00e4hlige fallen diesen gef\u00e4hrlichen R\u00e4ubern zur Beute; ihr Tagleben ist eigentlich nur ein Kampf um Sein oder Nichtsein. Der Mensch stellt ihnen weniger ihres Nutzens, als ihrer Anmuth halber nach. Ihr Fleisch tvird zwar von den Eingebornen gegessen, aber dem anderer Affen nachgestellt, und das Fell wei\u00df auch Niemand zu verwerthen: um so h\u00e4ufiger aber sieht man die schmucken Gesellen als Gefangene in den H\u00fctten der Indianer.\nMan unterscheidet namentlich zwei Sippen: die Seidenaffen (Hapale oder Iacchus) und die Midasaffen (Midas). 23et ersteren ist der Schwanz buschig und sehr lang; die Ohren sind mit","page":125},{"file":"p0126.txt","language":"de","ocr_de":"126\nDie Affen. Krallenaffen. \u2014 Uistiti.\nHaarb\u00fcscheln versehen, und das Gesicht ist von keiner M\u00e4hne umgeben. Bei den.letzteren fehlen die B\u00fcschel an den Ohren: sie besitzen daf\u00fcr aber meistentheils eine ziemlich ausgebildete Gesichtsm\u00e4hne.\nUnter den Seidenaffen ist das Wei\u00dfohr oder der Marmoset, Saguin, Uistiti (Iacchus vulgaris) der bekannteste. Er ist ein sehr kleines, zierliches Thierchen von 8V2 Zoll K\u00f6rperl\u00e4nge und 13 Zoll Schwanzl\u00e4nge. Der ganze Leibesbau ist zierlich, aber nicht unkr\u00e4ftig; der Pelz sehr lang und weich. Die F\u00e4rbung des K\u00f6rpers besteht im Allgemeinen aus Schwarz, Wei\u00df und Rostgelb, und zwar wird diese F\u00e4rbung durch die eigenth\u00fcmliche Zeichnung der Haare selbst bewirkt, welche an der Wurzel schw\u00e4rzlich, dann rostgelb, hierauf wieder schwarz und endlich an der Spitze wei\u00dflich sind. Auf dem Oberr\u00fccken f\u00e4llt die F\u00e4rbung mehr in das Rostgelbe, auf dem Unterr\u00fccken wechseln schmale, schwarz und wei\u00dfe wellenf\u00f6rmige Querbinden mit einander ab. Am Unterleibe und den Gliedma\u00dfen sind.alle-Haare mit wei\u00dflichgrauen Spitzen versehen, weshalb an diesen Theilen die genannte Farbe vorherrschend wird. Ein wei\u00dflicher dreieckiger Stirnflecken und ein blendend wei\u00dfer Ohrpinsel stechen\nDer Marmoset oder Uistiti (Iacchus vulgaris).\nvon dem dunkelbraunen Kopf lebhaft ab. Das Gesicht ist dunkel fleischfarben und sp\u00e4rlich mit wei\u00dflichen H\u00e4rchen besetzt. Der Schwanz ist schwarz mit etwa zwanzig schmalen, wei\u00dflichen Ringen und wei\u00dfer Spitze.\nDer Uistiti findet sich nur in den mittlen Theilen der Ostk\u00fcste von Brasilien, hier aber in zahlreichen Gesellschaften, nicht selten auch in der N\u00e4he von St\u00e4dten uns D\u00f6rfern. Er ist ein echtes Baumthier und lebt durchauck'wie die Eichh\u00f6rnchen, denen er auch in seinen lebhaften Bewegungen, kurz in seinem ganzen Wesen \u00e4hnelt. Bei Tage ist er in best\u00e4ndiger Bewegung, des Nachts aber still und ruhig. Man sieht ihn selten aufrecht auf einem Baume sitzen, sondern gew\u00f6hnlich nach Eichh\u00f6rnchenart auf den Aesten ^ liegen. Nicht selten kommen kleine Gesellschaften unter lautem Pfeifen und Zischen bis in die Pflanzungen. Sie werfen zwei bis drei Junge, bringen davon aber gew\u00f6hnlich nur ein einziges auf.\nGegen K\u00e4lte und N\u00e4sse sind sie im h\u00f6chsten Grade empfindlich; gleichwohl aber sind sie h\u00e4ufig lebend nach Europa gebracht worden. Man kennt sie n\u00e4mlich schon seit Entdeckung von Amerika und hat sie stets in der Gefangenschaft gehalten. Sie lassen sich mit Obst, Gem\u00fcse, Ker-bthieren, Schnecken","page":126},{"file":"p0127.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Heimat. Gefangenleben.\n127\nund Fischen recht gut ern\u00e4hren und werden gew\u00f6hnlich sehr bald au\u00dferordentlich zutraulich, doch nur gegen Diejenigen, welche sie best\u00e4ndig Pflegen. Gegen Fremde sind sie mi\u00dftrauisch und reizbar, \u00fcberhaupt sehr eigensinnig, wie ein ungezogenes Kind. Ihren Unwillen geben sie dann immer durch pfeifende T\u00f6ne zu erkennen. Sie sind so furchtsam, da\u00df ihnen der Anblick einer vor\u00fcberfliegenden Wespe schon gro\u00dfe Angst einfl\u00f6\u00dft. Alles Fremdartige \u00fcberhaupt bringt sie in Aufregung. Alt gefangene Thiere zeigen sich anfangs ziemlich wild und schreien schon bei der geringsten Ann\u00e4herung. Es w\u00e4hrt auch ziemlich lange, bis man sie ber\u00fchren darf. Wenn sie einmal zahm geworden sind, befreunden sie sich nicht nur mit den Menschen, sondern auch mit den Hausthieren, vor allen anderen mit den Katzen, mit welchen sie spielen und in deren N\u00e4he sie gern schlafen, wahrscheinlich der W\u00e4rme wegen. Sie suchen sich n\u00e4mlich best\u00e4ndig sorgf\u00e4ltig gegen K\u00e4lte zu sch\u00fctzen und tragen die ihnen dargereichte Baumwolle und andere Stoffe, Lumpen, wollene Flecken u. s. w. gern in einen Winkel ihres K\u00e4figs, bereiten sich ein Lager daraus und h\u00fcllen sich dann dicht in dieses ein. Es sieht sehr h\u00fcbsch aus, wenn das kleine Thier sein zierliches K\u00f6pfchen aus seinem Bettchen hervorstreckt, sobald sich ihm Bekannte mit leckeren Bissen nahen.\nIn Paris paarten sich zwei dieser Aesichen Ende Septembers, und das Weibchen warf gegen Ende Aprils, also nach sieben Monaten, drei sehende Junge, ein m\u00e4nnliches und zwei weibliche. Die jungen Thierchen waren mit sehr kurzen, graulichen Haaren bekleidet, als sie zur Welt kamen. Sie hefteten sich sogleich an die Mutter und versteckten sich in deren Haare. Aber ehe sie zu saugen begannen, bi\u00df die Alte einem von ihnen den Kopf ab und fra\u00df denselben. Nachdem aber die beiden anderen sich angesaugt hatten, nahm sie sich ihrer an, und der Vater that dasselbe. Wenn der Mutter n\u00e4mlich die Jungen zu schwer wurden, streifte sie dieselben an einer Wand ab, und dann lie\u00df sie das M\u00e4nnchen sogleich auf seinen R\u00fccken klettern. Auch kam es vor, da\u00df sie sich ihrem Herrn Gemahl mit kl\u00e4glichen T\u00f6nen n\u00e4herte, als wolle sie ihn bitten, ihr ihre Last zu erleichtern, und auch dann zeigte sich das M\u00e4nnchen stets willf\u00e4hrig. Es trug, wie sein Weibchen, die Jungen entweder auf dem R\u00fccken oder unter dem Leibe und behielt sie solange bei sich, bis die Kleinen saugen wollten; dann gab es dieselben der Mutter wieder zur\u00fcck. Die Mutter schien weniger Sorge f\u00fcr ihre Spr\u00f6\u00dflinge zu haben, als der Vater, und daher mochte es wohl auch kommen, da\u00df beide nach einander dahin starben. Schon nach einigen Wochen n\u00e4mlich wurde die Alte sehr h\u00e4ufig m\u00fcde, ihre Kinder herumzuschleppen, und auch der geplagte Vater weigerte sich zuletzt, die Jungen zu tragen. Nun kletterte das kleine Volk an der Decke seines K\u00e4figs hinauf. Oft verstieg es sich hier und konnte nicht wieder herunterkommen, dann schrie es um Hilfe. Bisweilen leisteten ihm die Eltern dieselbe, oft aber lie\u00dfen sie sie auch schreien, ohne ftch um dieselben zu k\u00fcmmern, und die W\u00e4rter mu\u00dften nun ihr Flehen erh\u00f6ren.\nDas eben Mitgetheilte steht \u00fcbrigens nicht vereinzelt da; denn der Uistiti hat in Europa schon mehrmals Junge gezeugt, einmal sogar in Petersburg und unter Umst\u00e4nden, welche den Fall zu einem sehr merkw\u00fcrdigen machen. Man hielt die Thiere selbst bei ziemlich rauhen Herbst- und Fr\u00fchlingstagen im ungeheizten Zimmer und gab ihnen durchaus keine Freiheit; gleichwohl brachten sie in zwei Jahren dreimal Junge zur Welt und erzogen dieselben auch gl\u00fccklich bei geringer Wartung, welche ihnen zu Theil wurde. Wir verdanken den Bericht hier\u00fcber dem ausgezeichneten Naturforscher Pallas, und da dieser zugleich eine sehr ausf\u00fchrliche Beschreibung des Betragens der Thiere selbst in der Gefangenschaft beif\u00fcgt, will ich seine ganze Mittheilung im Auszuge hier folgen lassen.\n\u201eDer Saguin ist wie alle langschw\u00e4nzigen, kleinen Meerkatzensippen der neuen Welt, sozusagen weit weniger Affe, als die gr\u00f6\u00dferen Arten. Er springt und klettert zwar sehr schnell, wenn er will, allein er ist nicht wie andere Affen in so best\u00e4ndiger Unruhe und Bewegung, sondern zeigt zuweilen, zumal wenn er satt ist und der Sonne genie\u00dfen will, viel Tr\u00e4gheit und sitzt in Gesellschaft seiner Gespielen ganze Stunden lang still, am Draht des Vogelbauers h\u00e4ngend. Er klettert in allen Richtungen, oft mit dem Kopfe abw\u00e4rts, allezeit mit einem ziemlich phlegmatischen Anstande,","page":127},{"file":"p0128.txt","language":"de","ocr_de":"128\nDie Affen. Krallenaffen. \u2014 Uistiti.\nh\u00e4lt sich zuweilen mit den Hinterf\u00fc\u00dfen allein, abw\u00e4rts gerichtet, an oder dehnt den K\u00f6rper, an den Vorderf\u00fc\u00dfen befestigt, wie ein fauler Mensch. Bei warmem Sonnenschein reinigen sich die Gespielen gegenseitig mit den Vorderpfoten und Z\u00e4hnen nach Affenart, bald neben einander am Gitter h\u00e4ngend, bald auf dem Boden, wobei einer von beiden lang ausgestreckt auf dem R\u00fccken liegt. Dabei lassen sie ein geringes Zwitschern und einen girrenden Laut h\u00f6ren. Mit demselben Girren pflegten die Thiere des Abends beinahe auf Schlag sechs Uhr in eine ihrer blos mit Stroh gef\u00fctterten Seitenh\u00fctten ihres K\u00e4figs zusammenzukriechen und lie\u00dfen sich vor Morgens sechs oder sieben Uhr nicht wieder sehen, auch keinen Laut von sich h\u00f6ren. Selten kam einmal einer w\u00e4hrend der Schlafzeit hervor, um einige Noth-durft zu verrichten, wobei sie nie ihr Nest verunreinigten. Die \u00fcbrigen elf oder zw\u00f6lf Stunden waren sie immer munter und au\u00dferhalb der Nester besch\u00e4ftigt, bald mehr, bald weniger in Bewegung und dabei ziemlich laut. Au\u00dfer ihrem gew\u00f6hnlichen Girren lie\u00dfen sie, sonderlich, wenn sie auf Nahrung aufmerksam gemacht wurden, eine ihren franz\u00f6sischen Namen \u201eUistiti\" ziemlich genau ausdr\u00fcckende, st\u00e4rker t\u00f6nende Stimme h\u00f6ren, oft mehrere Male hinter einander. Wenn sie ges\u00e4ttigt ruhten oder sich sonnten, stie\u00dfen die Aeltesten zuweilen mit weit aufgesperrtem Rachen ein langes, eint\u00f6niges, au\u00dferordentlich durchdringendes und den Ohren wehthuendes Pfeifen aus und waren auc^ durch Scheuchen und Rufen davon nicht abzubringen. Sahen sie etwas'Ungew\u00f6hnliches, z. B. Hunde, Kr\u00e4hen rc., so machten sie ein wiederholtes, absetzendes Geschnatter, fast wie eine Elster, ytb warfen dabei den Obertheil des Leibes mit dem eingezogenen Kopfe jedesmal hin und her, wie ein Mensch, der lauernd nach etwas sieht und den rechten Gesichtspunkt sucht. Noch ein anderes knarrendes und zuweilen grunzendes Gescheite lie\u00dfen die alten M\u00e4nnchen vernehmen, wenn man sie \u00e4rgerte, oder ihnen Etwas von weitem darbot und nicht geben wollte. Dabei verl\u00e4ngerten sie das Gesicht, wie andere Affen, wenn sie zornig werden, stotterten in ungew\u00f6hnlicher Weise Und suchten den St\u00f6renfried mit den Vorderpfoten zu greifen und zu kratzen, wurden aber- sehr \u00e4ngstlich, wenn man die Pfote erhaschte und au\u00dfer dem K\u00e4fige festhielt. Fast ebenso knarrten die Kleinen, erst im selbigen Sommer Gebornen, welche den Alten weder an Vollhaarigkeit, noch an Gr\u00f6\u00dfe glichen, wenn sie sich unter einander oder mit den Alten um einen Leckerbissen zankten, und eben diese lie\u00dfen, wenn sie den K\u00fcrzern zogen, einen klagenden Laut h\u00f6ren, welcher dem Miauen einer jungen Katze \u00e4hnelte.\n\u201eAlle Nahrung nehmen diese Affen mit dem Maule an, und, wenn sie durch das Gitter nicht dazu kommen k\u00f6nnen, ist das Ergreifen derselben mit den Vordertatzen sehr ungeschickt, weil deren Daumen den anderen Fingern nicht entgegensteht. Bissen, welche sie nicht auf einmal genie\u00dfen k\u00f6nnen, halten sie daher mehr mit den eingeschlagenen Fingern gegen den Handballen (wie es die Eichh\u00f6rnchen thun), als mit dem Daumen fest, aber an den Hinterf\u00fc\u00dfen ist der st\u00e4rkere und allein mit einem Nagel versehene Daumen zum Anhalten sehr geschickt. Sie trinken auf allen Vieren sitzend mit ausgestrecktem oder zusammen gezogenem Leibe, entweder wie eine Katze leckend, oder mit eingetauchten Lippen und schl\u00fcrfend. So fra\u00dfen sie auch das erweichte Brod, welches man in die ihnen vorgesetzte Milch legte und eben als gew\u00f6hnliches Futter gab. Nach Zucker waren sie ungemein begierig und konnten ihn mit ihren stumpfen Z\u00e4hnen recht hurtig nagen, obgleich sie sonst nicht stark und auch im gr\u00f6\u00dften Zorne kaum durch die Haut bissen. Auf Fliegen, Schmetterlinge und Spinnen waren sie sehr begierig. Von allem andern Futter fra\u00dfen sie mit M\u00e4\u00dfigung, doch war ihr Geschmack dabei sehr verschieden; denn das, was einigen wohlschmeckte, wollten andere nicht annehmen. Namentlich ein in Petersburg gebornes und dort gro\u00df gewordenes Weibchen wollte verschiedene Dinge nicht genie\u00dfen, welche den anderen angenehm waren.\n\u201eDie sonst bei Affe.n so gemeine Schl\u00fcpfrigkeit war bei diesen Thieren gar nicht anst\u00f6\u00dfig. Man sah sie au\u00dferhalb ihrer Nester nie etwas Unanst\u00e4ndiges begehen; nur wenn man sie zornig machte oder reizte, spritzten sie ihren Harn von sich, und zwar die M\u00e4nnchen mehr gegen weibliche Personen, als gegen M\u00e4nner. Des Morgens waren sie alle sehr unsauber, weil sie ihren \u00fcber Nacht aufgesammelten Harn und Unrath, soweit sie konnten und oft einige Fu\u00df weit zu spritzen und zu schleudern suchten, w\u00e4hrend sie zu anderen Zeiten denselben ohne Umst\u00e4nde in das Heu des K\u00e4figs ablegten.","page":128},{"file":"p0129.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise. Fortpflanzung. Erziehung.\n129\nIhr Harn verunreinigt Alles, was er ber\u00fchrt, mit einem widerlichen, Moschus- oder amberartigen, aber zugleich fauligen Gestank, und so reinlich man sie auch mit fast t\u00e4glichem Wechsel des Heues und Auswaschen des K\u00e4figbodens zu halten sucht, verursachen sie doch, zumal in kleineren Zimmern, einen durchdringenden Uebelgeruch, welcher der Gesundheit sehr nachtheilig zu sein scheint. Wenigstens haben Leute, welche mit diesen Affen das Zimmer Tag und Nacht theilten, schon mehrere Male Faulsieber bekommen. Ihre Nester hielten die Thiere stets trocken und reinlich.\"\n\u201eAls Assen, die eigentlich in S\u00fcdamerika zu Hause sind, h\u00e4tte man die Saguinchen f\u00fcr weit frostiger halten k\u00f6nnen, als sie es wirklich sind. In den kalten Herbsttagen, in denen ich sie bei mir hatte, hielten sie im ungeheizten Zimmer, wo sie am Fenster standen, bei W\u00e4rmegraden aus, welche best\u00e4ndig dem Gefrierpunkt nahe waren. Freilich suchten sie alsdann die Sonne oder die Nachbarschaft des neben sie gestellten Feuerbeckens, bei welchem sie sich, am K\u00e4fig h\u00e4ngend, Stunden lang w\u00e4rmten. Sehr sonderbar ist, da\u00df ihnen hier in Petersburg die gro\u00dfe Hitze unangenehm ist. Ihr Herr versicherte, da\u00df er sie bei hei\u00dfen Sommertagen \u00f6fters in krampfhaften Zuckungen habe niederfallen sehen, welches ihnen sonst nur sehr selten widerf\u00e4hrt. Uebrigens ist es wahrhaft r\u00fchrend anzusehen, wie sich die Gesunden augenblicklich mit einem derartig Erkrankten besch\u00e4ftigen und wie sie bem\u00fcht sind, um ihm zu Hilfe zu kommen.\"\n\u201eDas Weibchen tr\u00e4gt ungef\u00e4hr drei (?) Monate und kann zweimal im Jahre werfen. Die Mutter hat hier nun schon seit nicht ganz zwei Jahren das dritte Mal, auf jeden Wurf zwei Junge, und zwar gr\u00f6\u00dftentheils M\u00e4nnchen gebracht, und diese sind alle gl\u00fccklich aufgewachsen, und nur zwei sind nach erreichtem vollkommenen Wachsthum gestorben. Die Jungen, welche die ersten Wochen hindurch ganz kahl sind, lassen sich von der Mutter immer umhertragen und klammern sich gleich hinter den gro\u00dfen, mit wei\u00dfen, langen Haaren umpflanzten Ohren so dicht und versteckt an, da\u00df man nur den Kopf mit'beit munteren Augen zu sehen glaubt. Wenn die Mutter ihrer \u00fcberdr\u00fcssig ist, rei\u00dft sie dieselben ab und wirst sie dem M\u00e4nnchen aus den Hals, oder schl\u00e4gt und zankt auf dieses los, feig, es die Jungen aufnimmt. Nachdem diese Haare bekommen haben, sucht sie die Alte, etwa nach einem Monat oder sechs Wochen, zu entw\u00f6hnen und sch\u00fctzt sie auch vor ihren erwachsenen Br\u00fcdern nicht mehr. Mit letzteren n\u00e4mlich und auch unter sich selbst gerathen sie oft in Streit, wobei der Schw\u00e4chere zuweilen unterliegt und manchmal von den anderen fast erw\u00fcrgt wird.\"\nDiese ausf\u00fchrliche Lebensschilderung der kleinen Assen ist besonders aus dem Grunde wichtig, weil sie das bisher Mitgetheilte, auf den Beobachtungen anderer Naturforscher Beruhende, theilweise widerlegt. Man sieht daraus, wie viele Beobachtungen \u00fcber ein einziges Thier gemacht werden m\u00fcssen, ehe der Naturforscher ein Klares und vollkommen richtiges Bild von dem Wesen und Treiben eines Thieres erh\u00e4lt.\nDie alten Uistitis zeigen sehr wenig Verstand, wohl aber viel Mi\u00dftrauen und achten deshalb auf Alles genau. Sie unterscheiden kaum die Personen und andere Wesen, selbst ihre W\u00e4rter nicht.\nLeider \u00fcberleben diese zierlichen Thiere bei uns selten mehrere Winter; denn gew\u00f6hnlich dauern sie nur bei vortrefflicher Pflege einige Jahre aus. In ihrer Heimat k\u00f6nnen sie ziemlich lange in der Gefangenschaft gehalten werden, und wenn sie sterben, ist es auch nicht schwer, andere zu bekommen. Man schie\u00dft die Alte mit der Kugel oder mit einem Pfeile und nimmt das Junge mit nach Hause. Es klammert sich augenblicklich nach dem Tode seiner Pflegerin fest an seinen neuen Besch\u00fctzer an und scheint schon nach wenig Tagen sich vollkommen an denselben gew\u00f6hnt zu haben.\nDer letzte Affe, welchen wir hier zu betrachten haben, ist ein Midasaffe und zwar der Bin che oder rothschw\u00e4nzige Midas (Midas Oedipus). Er und seine Verwandten sind kleine, sehr zierliche Thierchen. Der Binche ist blos sechs Zoll, sein Schwanz fast doppelt so lang. Alle Arten sind sehr sch\u00f6n gestaltete und auch h\u00fcbsch gezeichnete Gesch\u00f6pfe. Der Pelz des L\u00f6wen\u00e4ffchens z. B. ist falb oder r\u00f6thlichgelblich, die Spitzen der Haare goldig. Dieselbe Farbe hat auch die M\u00e4hne. Die Haare um das Gesicht herum aber sind braun, und vom Gesicht aus zieht sich ein schwarzbrauner\nBrehm, Thierleben.\t9","page":129},{"file":"p0130.txt","language":"de","ocr_de":"130\nDie Affen. Krallenaffen. \u2014 Binche.\nStreifen \u00fcber den Scheitel. Der rothschw\u00e4nzige Midas ist braun, an dem Kopfe, den Vorderarmen, der Unterseite und den H\u00e4nden aber wei\u00df. Die eine Wurzelh\u00e4lfte des Schwanzes ist rostroth, die andere schwarz.\nDie Midasaffen sind Bewohner Guianas und Brasiliens. Sie leben in kleinen Gesellschaften und selten einzeln, ebenso in den waldigen Gegenden, wie in den buschigen, sandigen Ebenen. Nirgends sind sie besonders h\u00e4ufig und deshalb immer noch ziemlich selten in unseren Sammlungen. Ihre Hauptnahrung d\u00fcrften Kerbthiere bilden; auch in der Gefangenschaft stellen sie diesen nach.\nAlle diese kleinen Assen sind \u00e4u\u00dferst lebendig und ebenso gewandt auf der Erde, als auf B\u00e4umen. Sie sind f\u00e4hig, weite Spr\u00fcnge von einem Ast zum andern oder von der H\u00f6he in die Tiefe hinab zu machen. Wie alle Mitglieder der Familie^ sind sie im h\u00f6chsten Grade furchtsam und verstecken sich, sobald sie etwas Fremdartiges gewahren. Im aufgeregten Zustande erheben sie die M\u00e4hne und suchen sich dadurch m\u00f6glichst furchtbar zu machen. Aengstigt man sie, so sto\u00dfen sie scharfe Schreie aus und drohen zu bei\u00dfen; sie sind aber friedlich und harmlos.\nDer Binche (Midas Oedipus).\nLeider ertragen sie die Gefangenschaft bei uns gew\u00f6hnlich nur sehr kurze Zeit; denn sie sind noch z\u00e4rtlicher, als die Seidenaffen. Nur wenn sie sich in Gesellschaft von ihres Gleichen befinden, sind sie munter und vergn\u00fcgt, allein f\u00fchlen sie sich sehr ungl\u00fccklich und halten deswegen einen solchen Zustand auch wirklich nicht lange aus. Einem gestorbenen Gef\u00e4hrten folgen sie in der Regel sehr bald nach. Sie zeigen zwar Zutraulichkeit gegen ihren Pfleger, niemals aber wahre Anh\u00e4nglichkeit und Dankbarkeit. Schmeicheleien nehmen sie, wie fast alle S\u00e4ugethiere, gern auf, ohne sie jedoch jemals zu erwidern. Gegen Fremde sind sie sehr mi\u00dftrauisch und zeigen ihnen augenblicklich die Z\u00e4hne, deren Schw\u00e4che und Kleinheit freilich keine Bef\u00fcrchtungen erregen kann. In der Freiheit sind sie nat\u00fcrlich vollkommen unsch\u00e4dlich, aber auch nicht eben n\u00fctzlich; denn ihr K\u00f6rperchen ist zu klein, als da\u00df es zur Speise dienen k\u00f6nnte, und ihr Fell ist viel zu zart, als da\u00df es zu Pelzwerk taugte.\nVon dieser wie von der vorigen Sippe giebt es ziemlich viele Arten, welche aber nicht nur dasselbe Vaterland haben, sondern auch ganz dieselbe Lebensweise f\u00fchren, wie die genannten. \u2014 Bereits in der Vorzeit lebten gewisse Arten in Brasilien.\n'-S55B-","page":130},{"file":"p0131.txt","language":"de","ocr_de":"Dritte Ordnung.\nDie Halbaffen oder Aeffer (Hemipitheci oder Prosimii).\n3e weiter eine Wissenschaft fortschreitet, um so genauer und sorgf\u00e4ltiger sucht sie festzustellen und zu ordnen. Fast alle fr\u00fcheren Naturforscher erblickten in den affen\u00e4hnlichen Thieren, zu denen uns nunmehr unsere Rundschau f\u00fchrt, blos die Mitglieder einer Familie der Affen; die neueren Bearbeiter der Thierkunde aber wollen alle Aeffer vollkommen von den Affen getrennt und in einer eigenen Ordnung vereinigt wissen. Ich glaube, da\u00df sie im Rechte sind, oder wenigstens beharrlich, folgerichtig verfahren. Die Umw\u00e4lzung der Naturwissenschaft, welche im Anfange dieses Jahrhunderts begann, ist noch nicht vollendet, und die allerwichtigsten Streitfragen sind noch ungel\u00f6st. Es scheint, als ob es jetzt wirklich keinen einzigen Forscher g\u00e4be, welcher uns mit Bestimmtheit sagen kann, was wir unter dem Begriffe der \u201eArt\" zu verstehen haben, und es ist sicher, da\u00df es mit den Ansichten \u00fcber \u201eSippen, Familien und Ordnungen\" nicht viel anders ist. Wir d\u00fcrfen absehen von allen Spitzfindigkeiten derartiger Fragen; denn uns kann es eigentlich ziemlich gleichgiltig sein, wo die Thiere, deren Leben uns besch\u00e4ftigt, von den Forschern eingereiht worden sind, oder welchem engern Theile des Ganzen sie zugetheilt werden.\nDie Aeffer sind als ein Bindeglied zwischen den eigentlichen Affen und den Flatterthieren zu betrachten. An jene reiht sie die Bildung ihrer vier H\u00e4nde, an diese die eigenth\u00fcmliche Flatterhaut, welche eine ihrer Familien auszeichnet. Im Uebrigen haben sie weder mit den Affen, noch mit den Flatterthieren viel Gemeinschaftliches. Ihr K\u00f6rperbau ist sehr schm\u00e4chtig oder auch klapperd\u00fcrr; der Kopf \u00e4hnelt durch seine Schnauze entfernt dem eines Fuchses, die hinteren Gliedma\u00dfen sind gew\u00f6hnlich^verl\u00e4ngert, haben aber, wie die vorderen, H\u00e4nde, deren Daumen den anderen Fingern regelm\u00e4\u00dfig gegen\u00fcbergestellt werden kann; die Finger haben gew\u00f6hnlich bis auf den Zeigefinger der Hinterh\u00e4nde platte N\u00e4gel, bei einer Familie aber Krallen; der Schwanz spielt in sehr verschiedenen L\u00e4ngen, ist aber niemals als Greifwerkzeug zu gebrauchen. Die Augen sind bei allen, die Ohren bei vielen Arten gro\u00df und f\u00fcr die n\u00e4chtliche Lebensweise der Thiere geeignet. Das Haarkleid ist weich, wollig und dicht. Das Gebi\u00df bildet geschlossene Zahnreihen, welche aber hinsichtlich der Anordnung, Form und Zahl der verschiedenen Z\u00e4hne bedeutend von einander abweichen. Die Zunge zeichnet sich vor der aller anderen S\u00e4ugethiere noch durch einen besondern Anhang aus, welchen man Unterzunge nennt. Die Augenh\u00f6hlen sind hoch umrandet, aber nicht vollst\u00e4ndig von einer Knochenwand eingeschlossen, sondern mit den Schl\u00e4fengruben verbunden. Der schmale Unterkiefer besteht aus zwei, am Kinn vollkommen getrennten Knochen, \u2014 und dergleichen Eigenth\u00fcmlichkeiten machen sich noch mehrere bemerklich. Die Leibesgr\u00f6\u00dfe der hierher geh\u00f6rigen Thiere ist durch-gehends nur unbedeutend.\nEs scheint, da\u00df die Halbaffen in der Vorzeit noch nicht da waren und also blos der Jetztzeit angeh\u00f6ren. Gegenw\u00e4rtig bewohnen sie Afrika, zumal seine \u00f6stlichen Inseln, und die gro\u00dfen Eilande S\u00fcdasiens. Ihre Artenzahl ist gering. Alle zeichnen sich durch ihre rein n\u00e4chtliche Lebensweise aus.","page":131},{"file":"p0132.txt","language":"de","ocr_de":"132\nDie Halbaffen. Kurzf\u00fc\u00dfer. \u2014 Jndri.\nMan k\u00f6nnte sie, wie es Oken auch gethan hat, die Nachtaffen der alten Welt nennen. Am Tage schlafen sie, mit Einbruch der Nacht aber werden sie lebendig und rege. Sie sind echte Baumthiere und fremd auf dem Boden. Ihre Bewegungen sind immer sicher und gr\u00f6\u00dftentheils langsam, dabei geisterhaft leise und unmerklich. Fr\u00fcchte, kleine Wirbel- und Kerbtbiere scheinen in der Freiheit ihre Hauptnahrung zu bilden; in der Gefangenschaft gew\u00f6hnen sie sich an allerlei Kost, wie die eigentlichen Affen. Sie werden zahm und zutraulich, sind reinlicher und weniger boshaft und k\u00f6nnen wie Hunde und Katzen im Zimmer gehalten werden. Einige Arten zeichnen sich durch ihre muntere Regsamkeit und ihre gro\u00dfe Anh\u00e4nglichkeit sehr zu ihrem Vortheile vor anderen aus, welche wegen ihres schl\u00e4frigen Wesens sich Lei Tage wenigstens nicht besonders angenkhm machen. In' ihrer Heimat bringen sie dem Menschen weder Schaden noch Nutzen, und Dies mag wohl eine der Hauptursachen sein, da\u00df wir noch so wenig von ihrem Freileben wissen: man kennt sie eigentlich nur aus der Gefangenschaft.\nFitzinger theilt die Ordnung in drei Familien ein, welche er Kurzf\u00fc\u00dfer, Langs\u00fc\u00dfer und Pelzflatterer nennt. Wir wollen sie einzeln betrachten, obgleich Dies \u2014 wenigstens f\u00fcr die beiden ersten Familien \u2014 eigentlich nicht gerade n\u00f6thig ist, weil alle Nachtaffen in ihrer Lebensweise sich au\u00dferordentlich \u00e4hneln.\nDie Kurzf\u00fc\u00dfer (Brachytarsi) kennzeichnen sich haupts\u00e4chlich durch folgende Merkmale: Ihre Vorder- und Hinterglieder sind f\u00fcnfzehig; der Daumen kann den \u00fcbrigen Fingern gegen\u00fcbergestellt werden. Der Zeigefinger der Hinterh\u00e4nde besitzt einen Krallennagel, alle \u00fcbrigen Finger-haben platte N\u00e4gel. Die Fu\u00dfwurzel ist k\u00fcrzer als das Schienbein. Der Kopf ist wegen seiner Fuchsschnauze lang; die Ohren sind klein, die Augen aber gro\u00df, bei manchen sehr gro\u00df. Ihre Leibesgr\u00f6\u00dfe schwankt zwischen der eines Eichh\u00f6rnchens und der einer Katze.\nMit Ausnahme einer einzigen Art, welche Indien bewohnt, sind alle hierher geh\u00f6rigen Thiere auf der Insel Madagaskar zu Hause. Dort vertreten sie die Affen, und eben deshalb hat man ihnen und ihren Verwandten den Namen Prosimii d. h. Stellvertreter der Affen gegeben.\nAlle Kurzf\u00fc\u00dfer leben gesellig in kleineren oder zahlreicheren Trupps auf den B\u00e4umen zusammenh\u00e4ngender W\u00e4lder. W\u00e4hrend des Tages ziehen sie sich in die dunkelsten Stellen des Waldes oder in Baumh\u00f6hlen zur\u00fcck, kauern oder rollen sich zusammen und schlafen. Ihre Stellungen dabei sind h\u00f6chst eigenth\u00fcmlich. Entweder sitzen sie auf dem Hintertheile, klammern sich mit den H\u00e4nden fest, senken den Kopf tief herab zwischen die angezogenen Vorderglieder und umwickeln ihn und die Schultern auch noch besonders mit dem Schw\u00e4nze, oder aber, sie rollen sich dicht neben einander, ja sogar zu zwei und zwei in einander zu je einer Kugel zusammen und umwickeln sich gegenseitig mit ihren Schw\u00e4nzen; st\u00f6rt man solch einen Haarball, dann kommen pl\u00f6tzlich zwei K\u00f6pfe aus demselben heraus und schauen gro\u00dfen Auges auf die unangenehmen Wecker.\nDer Schlaf der Halbaffen ist sehr leise. Schon das Summen einer vor\u00fcberschw\u00e4rmenden Fliege oder das Krabbeln eines herannahenden K\u00e4fers weckt sie auf: die Ohren spitzen sich und die gro\u00dfen Augen sp\u00e4hen wie tr\u00e4umerisch umher, \u2014 aber nur einen Augenblick lang. Denn ihre Lichtscheu ist au\u00dferordentlich gro\u00df, und ihre Augen scheinen gegen das Licht empfindlicher zu sein, als die aller \u00fcbrigen S\u00e4ugethiere. Sie sind todt f\u00fcr den Tag; ihr Leben beginnt mit der Dunkelheit.\nWenn die D\u00e4mmerung, hereinbricht ermuntern sie sich, putzen und gl\u00e4tten ihr Fell, lassen ihre gew\u00f6hnlich ziemlich laute, n\u00e4chtige und unangenehme Stimme vernehmen und beginnen dann die Wanderung durch ihr luftiges Jagdgebiet. Verstohlen und mit unh\u00f6rbaren Schritten schleichen sie langsam von Ast zu Ast. Ihre gro\u00dfen, runden Augen leuchten im D\u00e4mmerlicht wie feurige Kugeln, und sie allein sind es, welche von ihrem Dasein Kunde geben; denn die d\u00fcstere F\u00e4rbung ihres Fells verschwindet auch einem scharfen Blicke gar bald im Dunkel der Nacht, und die wei\u00dfe Unterseite wird hinl\u00e4nglich durch die Aeste verdeckt, auf welchen sie dahingleiten, oder l\u00e4\u00dft h\u00f6chstens an einen gebrochenen Lichtstrahl des Mondes denken. Alle ihre Bewegungen sind so bedachtsam und leise, da\u00df","page":132},{"file":"p0133.txt","language":"de","ocr_de":"Schilderung der Kurzf\u00fc\u00dfer. Beschreibung des Jndri.\t133\nauch nicht ein einziger Laut dem lauschenden Ohre das Vorhandensein eines lebenden Thieres vernehmbar macht.\nWehe jetzt dem sorglos schlafenden Vogel, aus welchen ein Blick dieser feurigen Augen f\u00e4llt! Kein Indianer schleicht leiser auf seinem Kriegspfade dahin; kein blutd\u00fcrstiger Wilder naht sich in furchtbarerer Absicht, als der Lori jetzt, seiner schlafenden Beute. Ohne jedes Ger\u00e4usch, fast ohne sichtbare Bewegung setzt er einen Fu\u00df nach dem andern f\u00fcrder und n\u00e4hert sich mehr und mehr, bis er sein Opfer erreicht hat. Dann erhebt er die eine Hand mit gleicher Lautlosigkeit und Bedachtsamkeit und streckt sie leise, leise vor, bis sie den Schl\u00e4fer beinahe ber\u00fchrt. Jetzt geschieht eine Bewegung, schneller, als das Auge ihr folgen kann, und ehe der schlummernde Vogel noch eine Ahnung von seinem furchtbaren Feinde erlangt hat, ist er erw\u00fcrgt, erdrosselt. Und Nichts gleicht der Gier, mit welcher der so harmlos erscheinende Vierh\u00e4nder nach vollbrachtem Morde seine Beute verzehrt.\nWie der schlafende Vogel ist auch seine Brut, das Ei in seinem Neste verloren, sobald der Halbaffe dies entdeckt. Das n\u00e4chtige Wesen des Thieres zeigt sich in seiner Raubgier; es scheint, da\u00df es Fleischnahrung ganz entschieden der Pflanzenkost vorzieht, obschon es auch diese nicht verschm\u00e4ht.\nAlle geschw\u00e4nzten Arten unserer Familie sind weit lebhafter und beweglicher, als die kurz- oder ungeschw\u00e4nzten, welche daf\u00fcr bed\u00e4chtig und berechnend vorsichtig sind. Erstere klettern mit viel Geschick und Schnelligkeit, springen auch wohl sechs bis acht Fu\u00df weit von einem Aste zum andern, letztere bewegen sich auf den B\u00e4umen nur langsam, aber sicher; ehe sie einen Zweig loslassen, vergewissern sie sich stets, da\u00df ihnen ein anderer verl\u00e4ssigen Halt giebt. Ihr Gang auf dem Boden ist immer schlecht und zwar bei den einen, wie bei den anderen. Sie treten stets auf alle vier F\u00fc\u00dfe auf, einige auf die Sohlen derselben, andere mehr auf die halbeingeschlagenen Finger, wenigstens auf die ihrer Vorderh\u00e4nde.\nEine gleichm\u00e4\u00dfige und ziemlich hohe W\u00e4rme ist ihnen Bed\u00fcrfni\u00df; die K\u00e4lte macht sie mi\u00dfmuthig und krank. Die gefangenen Aefser geben ihr Mi\u00dfbehagen haupts\u00e4chlich dann zu erkennen, wenn sie frieren oder im Schlafe gest\u00f6rt werden. F\u00fchlen sie sich aber behaglich, dann schnurren sie \u2014 wenigstens viele \u2014 nach Katzenart.\nIhre geistigen F\u00e4higkeiten sind gering: nur wenige machen eine r\u00fchmliche Ausnahme. Alle sind scheu und furchtsam, obgleich sie sich muthig wehren, wenn man sie f\u00e4ngt. Wenn sie sich an den Menschen gew\u00f6hnt haben, werden sie in gewissem Grade zutraulich und zeigen sich sanft, friedlich und gutm\u00fcthig, verlieren aber ihre Furchtsamkeit nur selten. Die ungeschw\u00e4nzten Arten sind still, fast schwerm\u00fcthig und vor allem ruheliebend. Eine Art soll von den Eingebornen zur Jagd abgerichtet werden k\u00f6nnen; ob Dies wahr ist, steht dahin.\nUeber ihre Fortpflanzung Hei\u00df man noch sehr wenig. Die Weibchen tragen etwa vier Monate und werfen ein Junges, welches sie l\u00e4ngere Zeit aus ihrem R\u00fccken mit sich f\u00fchren.\nZu den Kurzf\u00fc\u00dfern geh\u00f6rt ein sehr seltnes Thier, welches auf Madagaskar lebt, aber nur wenige Male ausgestopft nach Europa kam: der Jndri (Liehanotus brevicaudatiis). Er l\u00e4\u00dft sich mit seinen Verwandten nicht wohl vereinigen und bildet deshalb eine eigene Sippe f\u00fcr sich, welche der von den \u00fcbrigen Halbaffen abweichende Zahnbau, der gro\u00dfe, mehr dreieckige als runde Kopf mit seiner kurzen Schnauze, die langen Hinterbeine, die langen H\u00e4nde mit ganz freien Daumen und der sehr kurze Schwanz kennzeichnet.\nDer Jndri ist der gr\u00f6\u00dfte aller Halbaffen. Seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt zwei Fu\u00df, die L\u00e4nge des Schwanzes aber nur einen Zoll. Der K\u00f6rper ist mehr schlank, als gedrungen; der Pelz sch\u00f6n, wollig, weich und dicht; das Gesicht ist fast unbehaart. Stirn, Schl\u00e4fe, Kehle, Brust, Kreuzgegend, Schwanz, Unterseite der Schenkel, Fersen und Seiten sind wei\u00df, Ohren, Hinterkopf, Schultern, Arme und H\u00e4nde schwarz, Unterr\u00fccken und Oberschenkel braun, und die Vorderseite der hinteren Glieder endlich schwarzbraun.\nWir verdanken die geringe Kenntni\u00df, welche wir vom Leben des Jndri besitzen, dem Reisenden und Naturforscher Sonnerat. Er fand unser Thier auf Madagaskar und erz\u00e4hlt, da\u00df es sehr sauft-","page":133},{"file":"p0134.txt","language":"de","ocr_de":"134\nDie Halbaffen. Kurz s\u00fc\u00dfer. \u2014 Schleier-, Vlie\u00df-, Wollenmaki. \u2014 Die Makis.\nw\u00fcthig und daher leicht z\u00e4hmbar ist. In den s\u00fcdlichen Gegenden der Insel wird es von den Ein-gebornen von jung an aufgezogen und, wie unsere Hunde, zur Jagd abgerichtet. Sein Geschrei \u00e4hnelt der Stimme eines weinenden Kindes. Es ist, wie seine Gattungsverwandten, flink und gewandt und springt so rasch von einem Baume zum andern, da\u00df man ihm kaum mit den Augen folgen kann. Beim Fressen sitzt es aufrecht wie ein Eichh\u00f6rnchen und f\u00fchrt die Nahrung, welche haupts\u00e4chlich aus Fv\u00fcchten besteht, mit seinen vorderen H\u00e4nden zum Munde.\nHierauf beschr\u00e4nken sich die Nachrichten, welche wir \u00fcber den Indri haben. Seit Sonnerat hat kein europ\u00e4ischer Forscher \u00fcber ihn berichtet.\nDer Vlie\u00dfmciki (Propithecus diadema).\nDie Schleiermakis (Propithecus) unterscheiden sich von dem Indri durch ihre spitze Schnauze, ihre vollkommen in dem langen, weichwolligen Pelze versteckten Ohren, den langen oder sehr langen Schwanz, die Handbildung und den Zahnbau. Bis jetzt kennt man blos zwei Arten, welche zu dieser Sippe gez\u00e4hlt werden; beide leben auf Madagaskar.\nDer ausgezeichnetste von ihnen ist unzweifelhaft der Vlie\u00dfmaki (Propithecus diadema). Er ist eine der gr\u00f6\u00dften und sch\u00f6nsten Arten der ganzen Ordnung. Seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt 21, seine Schwanzl\u00e4nge 17 Zoll; der K\u00f6rper ist schlank und zierlich gebaut, die Hinterglieder sind noch einmal so lang, als die vorderen, und das Thier zeigt somit den Leibesbau der Langarmaffen gerade in um-","page":134},{"file":"p0135.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung.\n135\ngekehrter Weise. Die Behaarung ist lang, wallend und seidenartig fein, und die F\u00e4rbung des gl\u00e4nzenden Pelzes ziemlich bunt. Gesicht und H\u00e4nde sind fast g\u00e4nzlich nackt; gleich \u00fcber den Augen aber beginnt die Behaarung. Eine gelblichwei\u00dfe Binde zieht sich \u00fcber die Stirn und l\u00e4uft in schm\u00e4leren Streifen unter den Ohren hin nach dem Halse zu; Kopf und Hals sind schwarz, auf den Schultern und Seiten mischt sich Wei\u00df darunter und dieses nimmt so zu, da\u00df die Weichen nur noch schwarz gesprenkelt erscheinen; die Unterseite ist rein wei\u00df, die Wurzel des Schwanzes rothgelb, die Endh\u00e4lfte wei\u00df mit gelblichem Anfluge; die H\u00e4nde sind schwarz, an den Fingern sitzen aber lange rothgelbe Haarb\u00fcschel.\nUeber die Lebensweise des sch\u00f6nen Gesch\u00f6pfes wei\u00df man noch gar Nichts.\nIn dieselbe Sippe stellen die meisten Gelehrten noch den Avahi oder Wellenmaki (Propithecus laniger), welcher sich \u00fcbrigens sehr wesentlich von dem Vorigen unterscheidet. Der Avahi ist ein kleines Thier, welches etwa einen Fu\u00df, mit dem Schw\u00e4nze aber l2/3 Fu\u00df lang wird; er tr\u00e4gt einen krausen, weichen Pelz, welcher r\u00f6thlichgelb, unten aber m\u00e4usegrau gef\u00e4rbt ist, und hat sehr lange Hintere Gliedma\u00dfen mit theilweise verwachsenen Fingern. Er bewohnt die gr\u00f6\u00dferen Waldungen namentlich der Ostk\u00fcste Madagaskars, schl\u00e4ft bei Tage in hohlen B\u00e4umen und erscheint nach Einbruch der D\u00e4mmerung in kleinen Gesellschaften in den Kronen der B\u00e4ume, deren Rinde er besonders genau nach Kerfen absucht. Sein Geschrei ist klagend, weinerlich, wie das aller schwachen Nachtthiere.\nDie bisher Erw\u00e4hnten sind die uns weniger bekannten Mitglieder der ersten Familie, von den \u00fcbrigen wissen wir etwas mehr, obgleich noch immer nicht viel. Am besten kennen.wir noch zwei andere Sippen, die Makis und die Loris, weil von beiden einzelne selbst bei uns \u00f6fters in Gefangenschaft gehalten worden sind.\nDer Name Maki r\u00fchrt von dem Geschrei einiger hierher geh\u00f6riger Thiere her, welches wie die Silben \u201eMake, Make\" klingen soll. Die Wissenschaft hat ihnen den Namen Lemur zuertheilt, jedenfalls wegen ihrer n\u00e4chtlichen Lebensweise, obwohl jener Name, welcher bekanntlich den ungem\u00fcth-lichen Spukgeistern der alten R\u00f6mer zukam, vielleicht eher den Loris gelten d\u00fcrste, als ihnen. Die eigentlichen Makis \u00e4hneln, fl\u00fcchtig betrachtet, eigentlich eher kleinen, schlanken Wachtelh\u00fcndchen, als Affen; ihr Leib ist schm\u00e4chtig, ihre mittellangen Gliedma\u00dfen sind stark, der buschige Schwanz ist gew\u00f6hnlich l\u00e4nger, als der Leib. Die kurzen Ohren sind behaart, oft ganz im Pelze versteckt, die Augen sind mittelgro\u00df. Der Scheitel ist langgestreckt und die Schnauze fuchsartig zugespitzt; \u00fcberhaupt erinnert der ganze Kopf lebhaft an Freund Rein ecke: nur der Ausdruck der milden Augen ist ein ganz anderer, fast allzu harmloser. Die Hinteren Gliedma\u00dfen sind nicht viel l\u00e4nger, als die vorderen; die H\u00e4nde sind kurz, die Zeigefinger der Vorderh\u00e4nde aber ziemlich lang. Der Pelz ist immer fein und weich, zuweilen auch wollig; seine F\u00e4rbung ist sehr bunt.\nAlle Makis sind Bewohner Madagaskars und der n\u00e4chsten Inseln derselben Gruppe. Man hat etwa zehn Arten kennen gelernt; die Unterscheidung derselben ist aber schwierig und deshalb wohl noch nicht feststehend.\nUnter ihnen ist der Bari (Lemur Macaco oder Lemur varius) einer der bekanntesten. Seine L\u00e4nge betr\u00e4gt 16, seine Schwanzl\u00e4nge 18 Zoll; der reichliche, an den Kopf- und Halsseiten besonders verl\u00e4ngerte Pelz ist gro\u00dffleckig schwarz und wei\u00df, aber unregelm\u00e4\u00dfig und ungleich gezeichnet, so da\u00df eben nur das allgemeine Gepr\u00e4ge sich zeigt, w\u00e4hrend bei diesem das Schwarz, bei jenem das Wei\u00df \u00fcberwiegt. Einzelne sind ganz schwarz, andere ganz wei\u00df, bei manchen ist der ganze oder der halbe R\u00fccken wei\u00df und der- Bauch schwarz rc. Das Gesicht, der Schwanz und die Vorderglieder sind gew\u00f6hnlich schwarz, und die Ohrengegend ist gew\u00f6hnlich wei\u00df: etwas Genaueres l\u00e4\u00dft sich \u00fcber die Farbenvertheilung nicht sagen.","page":135},{"file":"p0136.txt","language":"de","ocr_de":"136\nDie Halbaffen. Kurzf\u00fc\u00dfer. \u2014 Bari. Makako. Mongoz.\nDer Bari ist einer der gr\u00f6\u00dften Makis, etwa einer starken Katze an Gr\u00f6\u00dfe gleich; seine \u00fcbrigen Verwandten sind ihm \u00fcbrigens an Gr\u00f6\u00dfe sehr \u00e4hnlich.\nDer Makako (Lemur Catta) ist hanpts\u00e4chlich durch seinen schwarz- und wei\u00dfgeringelten Schwanz ausgezeichnet; die Hauptf\u00e4rbung seines dichten, feinen, weichen und wolligen Pelzes ist grau, bald ins Aschfarbige, bald mehr ins Rostrothe ziehend; Gesicht, Ohren und Unterseite sind wei\u00dflich, ein Augenfleck und die Oberschnanze dagegen schwarz. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt 13, die Schwanzl\u00e4nge 19 Zoll.\nDer Mongoz endlich (Lemur Mongoz \u2014 Seite 138), ist oben dunkel aschgrau, unten licht-branngrau, am Oberkopfe beinah schwarz, an den Seiten des Unterhalses lichtgrau. Er \u00e4ndert \u00fcbrigens vielfach ab. In der Gr\u00f6\u00dfe giebt er dem Bari wenig nach.\nDer Varl (Lemur Macaco).\nAlle diese Makis leben gesellschaftlich in den W\u00e4ldern Madagaskars. Man begegnet ihnen nach Sonnenuntergang oft in Herden von drei\u00dfig bis f\u00fcnfzig St\u00fcck. Sie klettern dann rasch und gewandt und dabei ger\u00e4uschlos auf den Aesten umher. Bisweilen sieht man sie auch auf Felsen und zwar selbst bei Tage; wahrscheinlich wollen sie sich dann sonnen. Bei langsamen Gehen halten sie den Schwanz empor und biegen seine Spitze nach r\u00fcckw\u00e4rts, im Galopp aber legen sie ihn nach vorw\u00e4rts \u00fcber den R\u00fccken. W\u00e4hrend des Tages verbergen sie sich so gut als m\u00f6glich; die Sonnenw\u00e4rme, welche sie au\u00dferordentlich lieben, lockt sie aber doch \u00f6fters ans ihren Schlupfwinkeln hervor und bewegt sie, sich einen freiern Platz zu suchen, wo sie auch -schlafen k\u00f6nnen. Mit Einbruch der Nacht werden sie rege und schreien; ihrer zwei verstehen es, zuweilen einen L\u00e4rmen zu machen, als ob ihrer hundert w\u00e4ren.\nHinsichtlich der geistigen F\u00e4higkeiten erheben sich diese Thiere nicht \u00fcber ihre Verwandten; dennoch ist ihr Wesen angenehm. Gew\u00f6hnlich zeigen sie sich sehr sanft und friedlich; einzelne sind aber auch st\u00f6rrisch, wild und bissig. Sie lassen sich sehr gern schmeicheln, geben aber keine besondere","page":136},{"file":"p0137.txt","language":"de","ocr_de":"Leben und Eigenheiten. Gefangenleben.\n137\nZuneigung gegen ihren W\u00e4rter kund, sondern sind entweder gegen Alle gleich gut oder gegen Alle gleich ungezogen.\nManche Arten kommen \u00f6fters nach Europa, und einzelne halten sich lange in der Gefangenschaft. Dies bewies z. B. ein Bari, welcher neunzehn Jahre in Paris lebte. In den meisten F\u00e4llen werden sie bald zahm und gem\u00fcthlich. Auch lassen sie sich sehr leicht erhalten, denn sie gew\u00f6hnen sich rasch an allerlei Speisen. Ihre Nahrung nehmen sie h\u00fcbsch mit den Vorderh\u00e4nden auf und f\u00fchren sie dann zum Maule; einzelne heben das Futter aber auch gleich mit diesem auf. Wenn sie sich wohl befinden, schnurren sie wie die Katzen; gew\u00f6hnlich singen sie sich selbst in dieser Weise in den Schlaf.\nBuffon besa\u00df ein M\u00e4nnchen, welches durch seine raschen, gewandten und zierlichen Bewegungen erfreute, durch seine Unreinlichkeit und seinen Muthwillen aber oft auch recht l\u00e4stig wurde. Der Bursche lief nicht selten in die Nachbarh\u00e4user, stahl dort Obst, Zucker und dergleichen, \u00f6ffnete auch, als \u00e4chter Spitzbube, unter Umst\u00e4nden Th\u00fcren und Deckel von Schr\u00e4nken und Kisten. Man mu\u00dfte ihn deshalb anbinden, und wenn er entwischt war, hatte man seine gro\u00dfe Noth, ihn wieder zu fangen: er\nbi\u00df dann selbst Diejenigen, welche er genau kannte und sonst zu lieben schien. Sehr gern leckte er die Hand seines Pflegers; wenn aber seine Zunge, rauh, wie die einer Katze, die Oberhaut der Hand ge-r\u00f6thet hatte, bi\u00df er pl\u00f6tzlich, anstatt weiter zu lecken. Er murmelte best\u00e4ndig, lie\u00df man ihn jedoch allein, dann schien er Langeweile zu haben und dr\u00fcckte\u00bb Dies durch froschartiges Quaken aus. Vor K\u00e4lte und N\u00e4sse f\u00fcrchtete er sich ungemein und blieb deshalb w\u00e4hrend des Winters immer in der N\u00e4he des Feuers, stellte sich auch \u00f6fters aufrecht, um sich besser zu erw\u00e4rmen.\nDer Maki, welcher so lange in Paris lebte, liebte das Feuer in demselben Grade und setzte sich regelm\u00e4\u00dfig in unmittelbare N\u00e4he des Kamins; ja der arme frostige S\u00fcdl\u00e4nder hielt nicht blos die H\u00e4nde, sondern auch sein Gesicht so nahe an die Flamme, da\u00df er sich mehr als einmal den Schnurrbart verbrannte. Im Gegensatze zu dem oben erw\u00e4hnten, war er reinlich; er gl\u00e4nzte am ganzen Leibe und h\u00fctete sich sorgf\u00e4ltig, seinen Pelz zu beschmuzen. Au\u00dferdem war er ebenso lebendig und beweglich, wie neugierig. Er untersuchte Alles und Jedes, warf es aber dabei entweder um, oder zerri\u00df und zerstreute es. Seine Freundlichkeit erstreckte sich \u00fcber alle Personen, welche ihm\nDer Makako (Lernnr .Catta).","page":137},{"file":"p0138.txt","language":"de","ocr_de":"138\nDie Halbaffen. Kurzf\u00fc\u00dfer. \u2014 Der schlanke Lori.\nschmeichelten, und auch ganz Fremden sprang er ohne alle Umst\u00e4nde in den Scho\u00df. Gegen Abend sprang oder tanzte er wohl eine halbe Stunde lang ziemlich taktm\u00e4\u00dfig auf und nieder; dann legte er sich auf ein Bret \u00fcber der Th\u00fcre und spann sich in Schlaf. In seiner Jugend fra\u00df er alles Genie\u00dfbare und trank auch Wein; in seinem Alter wurde er w\u00e4hlerischer und damit verst\u00e4ndiger und stiller.\nVon den wei\u00dfstirnigen Makis besa\u00df man zu Paris ein Paar, welches sich sehr lieb gewann und schlie\u00dflich begattete. Nach viermonatlicher Tr\u00e4chtigkeit warf das Weibchen ein Junges von Rattengr\u00f6\u00dfe und mit offenen Augen. Das Thierchen klammerte sich sogleich an die Mutter an und zwar quer \u00fcber den Unterleib. Die Mutter zog die Schenkel so in die H\u00f6he, da\u00df sie es fast ganz bedeckte und vor den Blicken verbarg. Wenn sich Menschen n\u00e4herten, drehte sie denselben immer den R\u00fccken zu, damit ihr Kind nicht gesehen werden sollte. Sie war au\u00dferordentlich zahm gewesen; nachdem sie aber das Junge erhalten hatte, drohte sie Jedermann, der sich ihr n\u00e4hern wollte, mit den Z\u00e4hnen. Sechs Wochen nach seiner Geburt hatte das Thierchen schon ganz den Pelz und die F\u00e4rbung, wie\n\nDer Mongoz (Lemur Mongoz).\nseine Mutter. Um diese Zeit sing es auch an, die ihm hingestellte Nahrung zu versuchen: aber erst\nim sechsten Monat seines Alters entw\u00f6hnte es sich.\nEin Bari desselben Thiergartens lebte mit einem seiner Gattungsverwandten lange Zeit ganz friedlich in einem K\u00e4fig, bis man beide zuf\u00e4llig an einen andern Ort brachte. Hier \u00e4nderte sich die Sache; der starke Bari t\u00f6dtete seinen Gef\u00e4hrten in der ersten Nacht.\nAuf das Angegebene beschr\u00e4nkt sich die Kenntni\u00df, welche wir von dem Leben der gefangenen Makis besitzen; hinsichtliDhres Freilebens harren die Thiere noch ihres Rengger. \u2014\nW\u00e4hrend die Makis sammt und sonders, wenigstens zu gewissen Zeiten, eine gro\u00dfe Regsamkeit und Beweglichkeit kundgeben, zeichnen sich die Loris (Stenops) haupts\u00e4chlich durch die entgegengesetzten Eigenschaften aus. Sie sind die Faulthiere unter den Vierh\u00e4ndern und werden auch geradezu","page":138},{"file":"p0139.txt","language":"de","ocr_de":"Zahme Makis. \u2014 Beschreibung der Loris.\n139\nFaulaffen genannt. Man begreift unter ihnen kleine, zierliche Halbaffen mit schm\u00e4chtigem Leibe, gro\u00dfem, rundlichen Kopfe und d\u00fcnnen, schlanken Gliedma\u00dfen, deren hinteres Paar etwas l\u00e4nger, als das vordere ist. Der Schwanz fehlt g\u00e4nzlich, die Schnauze ist spitz, aber kurz; die Augen stehen sich nahe und sind sehr gro\u00df; die Ohren sind mittelgro\u00df und behaart. An ihren H\u00e4nden ist der Zeigesinger sehr verk\u00fcrzt, der vierte Finger aber verl\u00e4ngert und der hinterste mit scharfer und langer Kralle versehen. Das Weibchen besitzt nur zwei Brustdr\u00fcsen; aber jede derselben enth\u00e4lt zwei Zitzen. Sehr eigenth\u00fcmlich ist die b\u00fcschelartige Verzweigung der Schenkel- und Schl\u00fcsselbeinschlagadern: beide zertheilen sich in soviele Zweige, als Muskeln in den betreffenden Gliedern vorhanden sind. Dies ist \u2014 abgesehen von seiner Absonderlichkeit \u2014 namentlich auch aus dem Grunde merkw\u00fcrdig, weil bei dem Faulthiere die betreffenden Schlagadern ganz \u00e4hnlich zerspalten sind.\nDie wenigen Arten dieser Sippe bewohnen Indien und seine benachbarten Inseln; ihr Freileben ist uns aber fast noch g\u00e4nzlich unbekannt. Sie vertreten ihre munteren afrikanischen Vettern in S\u00fcdasien, aber nur hinsichtlich ihrer Gestaltung, nicht auch hinsichtlich ihres Wesens.\nDer schlanke Lori (Stenops graeilis).\nEin \u00e4u\u00dferst niedliches Mitglied unserer Sippe ist der schlanke Lori (Stenops graeilis), ein Thierchen, kaum so gro\u00df, wie ein Eichh\u00f6rnchen \u2014 nur acht Zoll lang! \u2014 mit schlankem Leibe, gro\u00df\u00e4ugigem und spitzschn\u00e4uzigem Kopfe, zarten Gliedern und langem, seidenweichen Pelze, dessen F\u00e4rbung oben r\u00f6thlich fahlgrau und gelblich braun, auf der Unterseite aber graulich oder bla\u00dfgelblich ist. Rund um die Augen herum ist das Fell dunkler und sticht deshalb um so mehr von der lichten Oberschnauze ab. Unsere Abbildung stellt es der Deutlichkeit halber in unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfiger Gr\u00f6\u00dfe dar.\nDas allerliebste Gesch\u00f6pf, dessen Landesname Tevangan ist, bewohnt die W\u00e4lder Ceylons. Es verschl\u00e4ft den Tag in Baumh\u00f6hlungen und kommt erst des Abends zum Vorschein. In seinem Freileben hat es noch Niemand beobachtet, und ebensowenig hat das zarte Wesen die Reise von Indien nach Europa ausgehalten. Gleichwohl haben es wenigstens Einige in IndMr lebend gesehen; leider aber sind die betreffenden Berichte unsicher oder mindestens unverst\u00e4ndlich.\nThevenot ist der Erste, welcher von den schlanken Loris spricht. Er sah einige von ihnen (gegen Ende des 17. Jahrhunderts) in Aurengabad, der Hauptstadt von Balagate, im Reiche des ehemaligen Gro\u00dfmoguls. Man machte viel Aufhebens davon, weil sie sich vor den eigentlichen Affen namentlich durch ihre Kleinheit auszeichneten. W\u00e4hrend die Thierchen beobachtet wurden, stellten sie sich auf die","page":139},{"file":"p0140.txt","language":"de","ocr_de":"140\tDie Halbaffen. Kurzf\u00fc\u00dfer. \u2014 Der schlanke und der plumpe Lori.\nHinterbeine, umarmten einander \u00f6fters und sahen die Leute dabei fest an. Ihr Herr nannte sie wilde Menschen.\nUm die Mitte des vorigen Jahrhunderts berichtet Seba \u00fcber den Tevangan und giebt zugleich eine vortreffliche Abbildung von ihm. Er nennt ihn \u201edas Faulthier Ceylons\", bemerkt aber, da\u00df er diesen Namen ganz unverdient trage, weil er \u2014 wie auch sein schlanker Bau schon beweisen m\u00fcsse \u2014 weder faul noch langsam, sondern im Gegentheile sehr flink im Gehen und \u00e4u\u00dferst gewandt und hurtig im Klettern sei. Er lebe von Fr\u00fcchten und Samen gro\u00dfer B\u00e4ume, welche das M\u00e4nnchen pfl\u00fccke, koste und dann dem Weibchen reiche; aber auch dieses sei dem M\u00e4nnchen gegen\u00fcber sehr artig. Die Zahl der Jungen solle zuweilen vier betragen.\nDer schlanke Lori im Erwachen und im Schlafe.\nDiese beiden alten Mittheilungen sind eigentlich die anziehendsten und ausf\u00fchrlichsten, welche wir \u00fcber den schlanken Lori erhalten haben; in der Neuzeit hat meines Wissens nur ^ennent in seinem Werke \u00fcber Ceylon des Thierchens Erw\u00e4hnung gethan. \u201eEs giebt, sagt er, \u201ezwei Spielarten des schlanken Lori auf der Insel; die eine, deren Fell braun ist, und eine andere, gr\u00f6\u00dfere, mit schwarzem Pelz. Ich erhielt einen lebenden \u201eTheivangu\" oder \u201eD\u00fcnnleib aus Chillav von der Westk\u00fcste. Er lebte einige Zeit bei mir in Colombo und fra\u00df Reis, Fr\u00fcchte und andere Pflanzen-theile, besonders gern aber auch Ameisen und \u00fcberhaupt Kerbthiere. Aus Milch und Gefl\u00fcgelfleisch war er \u00e4u\u00dferst begierig.\"\n\u201eSeine nnh\u00f6rbaren Bewegungen erleichtern ihm die Jagd aus Gefl\u00fcgel mehr, als man meint. Eingeborne haben mir versichert, da\u00df er Nachts sogar Pfauen \u00fcberf\u00e4llt, abw\u00fcrgt und sich dann an dem Gehirn seiner Beute erlabt.\"","page":140},{"file":"p0141.txt","language":"de","ocr_de":"Ihre Sitten und ihre Jagd. Gefangenleben.\n141\n\u201eMein Gefangener schlief den ganzen Tag in der sonderbaren Stellung, welche ich hier dargestellt habe; er fa\u00dfte dabei seine Stange mit allen H\u00e4nden, kr\u00fcmmte sich zu einem weichbehaarten Ball zusammen und verbarg seinen Kopf tief zwischen seinen Beinen.\"\n\u201eDie merkw\u00fcrdig gro\u00dfen und lebendigen Augen der Loris haben die Aufmerksamkeit der Singhalesen erregt. Sie fangen den Theivangu seiner Augen wegen, aus denen sie Zauber- und Liebesmittel zu bereiten glauben, und halten das arme Gesch\u00f6pf ans Feuer, bis die Aug\u00e4pfel bersten!\"\nEin anderer Lori, der plumpe (Stenops tardigradus), ist etwas mehr bekannt geworden, wahrscheinlich, weil er h\u00e4ufiger und verbreiteter ist, als sein schlanker Vetter. Soviel man wei\u00df, bewohnt der plumpe Lori die Waldungen des indischen Festlandes und die Sundainseln, wenigstens Sumatra. JnOstindien hei\u00dft er Tonger oder Schl\u00e4fer, und Tevang oder Schleicher; unter den\nHindus Lajja-Banar und auf Sumatra Bruh-Sa-mundi. Er ist gr\u00f6\u00dfer und untersetzter gebaut, als sein Verwandter; seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt etwas \u00fcber einen Fu\u00df. Der Kopf ist rund, die Schnauze stumpf, und die Nase springt nicht \u00fcber die Mund\u00f6ffnung vor; die eif\u00f6rmigen Ohren sind im Pelze versteckt. Gesicht und H\u00e4nde sind blos mit d\u00fcnnstehenden Haaren besetzt; im Uebrigen ist der Pelz dicht und weich, fast filzartig und oben br\u00e4unlichgelb, unten heller, an der Au\u00dfenseite aber r\u00f6thlich gef\u00e4rbt. Ueber den R\u00fccken verl\u00e4uft ein rostbrauner Streifen, welcher sich auch \u00fcber die Stirn, aber getheilt fortsetzt und durch wei\u00dfe Streifen unterbrochen wird.\nDer plumpe Lori ist ein \u00fcberall seltner Bewohner der einsamsten W\u00e4lder seiner Heimat. Er lebt in kleinen Familien zusammen, welche den Tag in Bauml\u00f6chern verschlafen, nach Einbruch der D\u00e4mmerung munter werden und nunmehr ihrer Nahrung nachgehen. In der Freiheit ist das Thierchen von Europ\u00e4ern noch nicht beobachtet worden; dagegen hat man es sehr oft zahm gehalten, auch einige Male lebend nach Europa gebracht. Die Reisenden Obsonville, Seba und Jones haben das Beste \u00fcber sein Leben berichtet. Der Tevang verdient seinen Namen. Er schleicht so langsam dahin, da\u00df er in einer Minute kaum mehr als vier Klaftern zur\u00fccklegt. H\u00f6chst selten geht er ein paar Schritte weit aufrecht, sonst immer nur auf allen Vieren. Das Klettern versteht er besser; seine Tr\u00e4gheit ist aber auch hierbei sehr auffallend. Gegen das Tageslicht ist er \u00e4u\u00dferst empfindlich; nachts aber sieht er vortrefflich und seine bei Tage glanzlosen Augen leuchten dann. Sein Geh\u00f6r ist so fein, da\u00df er, auch wenn er schl\u00e4ft, augenblicklich das Ger\u00e4usch eines sich ihm n\u00e4hernden Kerbthieres wahrnimmt und davon erweckt wird. Kerfe und kleine V\u00f6gel versteht er meisterhaft zu beschleichen und dann mit einem einzigen, blitzschnellen Griffe zu erhaschen. Seine gew\u00f6hnliche Stimme besteht in einem sanften Pfeifen, welches aber verschieden ist, je nachdem es Vergn\u00fcgen, Schmerz, Aerger oder Ungeduld ausdr\u00fccken soll; im Zorn l\u00e4\u00dft er durchdringende T\u00f6ne vernehmen.\nDie gefangenen Tevangs waren still, geduldig und schwerm\u00fcthig. Sie ruhten den ganzen Tag \u00fcber in. kauernder Stellung und st\u00fctzten den Kopf auf ihre zusammengelegten H\u00e4nde. Der eine war anfangs mit einem Strick angebunden und hob ihn mehrere Male mit trauriger Geberde auf, als klage er \u00fcber seine Fesseln: sie zu brechen, versuchte er nicht. Er bi\u00df in der ersten Zeit\nDer plumpe Lori (Sibdnops tardigradus).","page":141},{"file":"p0142.txt","language":"de","ocr_de":"142\nDie Halbaffen. Kurzf\u00fc\u00dfer. Loris. \u2014 Langf\u00fc\u00dfer.\nnach seinem W\u00e4rter; allein einige kleine Z\u00fcchtigungen reichten hin, solche Ausbr\u00fcche seines Zornes zu unterdr\u00fccken. Wenn man ihn streichelte, nahm er die ihn liebkosende Hand, dr\u00fcckte sie an seine Brust und richtete die halbge\u00f6ffneten Augen gegen seinen Wohlth\u00e4ter. Mit Einbruch der Nacht wurde er munter. Zuerst rieb er sich die Augen, wie ein schlaftrunkner Mensch; dann sah er sich um und begann umherzustreisen. Er wanderte dabei auch geschickt auf Seilen herum, welche man f\u00fcr ihn ausgespannt hatte. Fr\u00fcchte und Milch geno\u00df er sehr gern; besonders l\u00fcstern aber war er nur nach V\u00f6geln und Kerfen. Hielt man ihm zum Spa\u00df solch Wildpret vor, so kam er mit vorsichtigen Schritten herangeschlichen, oft das ganze Zimmer durch, gerade so, wie Jemand, welcher auf den Zehen geht, um einen Andern zu \u00fcberraschen. Wenn er sich dann seinem Raube etwa bis auf einen Fu\u00df gen\u00e4hert hatte, blieb er stehen, richtete sich in die H\u00f6he, r\u00fcckte noch n\u00e4her heran, streckte sachte die Arme aus, fuhr endlich blitzschnell aus seine Beute los und erdr\u00fcckte sie in wenigen Augenblicken.\nEin anderer Lori dieser Art, welchen man in Holland lebend beobachtete, wachte erst abends gegen neun Uhr aus seinem Schlummer auf und bewegte sich dann \u00e4u\u00dferst langsam und gleichf\u00f6rmig, lie\u00df sich auch nicht durch Antreiben zu einer schnellern Bewegung bringen. Wenn er kletterte, lie\u00df er niemals einen Fu\u00df los, bevor er sich mit dem andern wieder fest versichert hatte. V\u00f6gel und Kerfe fing er mit gro\u00dfem Geschick; sonst fra\u00df er gekochten Reis, B^od, Eier und Fr\u00fcchte. Seine Stimme, welche man nur nachts h\u00f6rte, klang kl\u00e4glich, ungef\u00e4hr wie Ai, Ai; im Unwillen murmelte oder knurrte er wie ein Eichh\u00f6rnchen.\nJones hielt einen Tevang w\u00e4hrend seines Aufenthaltes in Indien. Das Thier war sehr sanft w\u00e4hrend der warmen Jahreszeit, \u00e4nderte aber sein Betragen, nachdem K\u00e4lte eingetreten war. Diese verstimmte es sichtlich und machte es bei der unbedeutendsten Veranlassung zornig. W\u00e4hrend der hei\u00dfen Zeit zeigte es sich sehr dankbar, wenn es gebadet wurde, w\u00e4hrend der kalten Zeit unwillig, sobald man es \u00fcberhaupt st\u00f6rte. Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang fiel es in Schlaf und rollte sich dabei wie ein Igel zusammen; eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang erwachte es, leckte und putzte sich nach Katzenart, nahm ein kleines Fr\u00fchst\u00fcck, schlummerte noch ein wenig und ermunterte sich erst dann vollst\u00e4ndig, wenn die D\u00e4mmerung wirklich angebrochen war. Seine gew\u00f6hnliche Nahrung bildeten die s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchte Indiens mit wenigen Ausnahmen. Es war nicht gefr\u00e4\u00dfig, konnte aber gar nicht genug Heuschrecken oder andere Kerfe bekommen, und stellte ihnen, zumal in der hei\u00dfen Jahreszeit die ganze Nacht nach. Wenn sich ein Kerbthier in seiner N\u00e4he niederlie\u00df, heftete es seine leuchtenden Augen fest auf dasselbe, zog sich dann etwas zur\u00fcck, sprang pl\u00f6tzlich schnell vorw\u00e4rts und fing die Beute mit beiden H\u00e4nden. Gew\u00f6hnlich brachte es seine Speise nur mit einer Hand zum Munde; sonst aber brauchte es seine vier H\u00e4nde ohne Bevorzugung des vordem Paares. Oft hielt es sich mit einer Hand oben am K\u00e4sig, w\u00e4hrend die drei anderen sich unten Etwas zu thun machten; am liebsten aber hing es sich, den Leib verkehrt, nach unten gerichtet, mit allen vier H\u00e4nden an das obere Gitter seines Gef\u00e4ngnisses und schwang sich einige Minuten lang chin und her, als versuche es, sich die ihm fehlende Bewegung zu verschaffen. Gegen Tagesanbruch schien es am geneigtesten zu sein, mit seinem W\u00e4rter zu spielen, und wenn ihm dieser dann seinen Finger gab, leckte und saugte es recht artig daran. Mit Tagesanbruch verloren die Augen ihren Glanz, es wurde ruhiger und bereitete sich nun zu seinem zehn- bis zw\u00f6lfst\u00fcndigen Schlafe vor. \u2014 Eines Tages fand man es todt in seiner gew\u00f6hnlichen Stellung.\nDie einzige Unannehmlichkeit, welche das schmucke Thierchen in der Gefangenschaft verursacht, ist der widerliche Geruch, welchen es verbreitet: man vergi\u00dft Dies aber gern \u00fcber der Freude, welche das so seltne und zarte Gesch\u00f6pf seinem Herrn bereitet.\nAlle die hier mitgetheilten Beobachtungen finden sich bereits in Okens trefflicher Naturgeschichte, welche vor mehr als zwanzig Jahren erschien. Seit dieser Zeit scheint Niemand etwas Wesentliches dazu geliefert zu haben.\nNach Niederschrift des Vorstehenden sah ich den plumpen Lori zu meiner gro\u00dfen Freude lebend im Thiergarten zu Amsterdam, aber leider nur bei Tage. Er zeigte sich jedoch nicht ganz so freundlich,","page":142},{"file":"p0143.txt","language":"de","ocr_de":"Gefangenleben der Loris. \u2014 Beschreibung der Langf\u00fc\u00dfer.\n143\nals ich nach obigen Berichten erwartet hatte. Mochte ihn die St\u00f6rung, welche wir ihm anthaten, verstimmt haben oder er vom Hause aus ein reizbarer Gesell sein: er war augenscheinlich \u00e4u\u00dferst entr\u00fcstet \u00fcber die ihm zugef\u00fcgte Unbill. Der Gesichtsausdruck des eben erweckten Thieres hatte wohl etwas Fremdartiges, keineswegs aber etwas \u201eMitleidanrufendes\", wie Wein land von einem im Londoner Garten beobachteten Tevang sagt. Unser Amsterdamer Gefangener fauchte sehr verst\u00e4ndlich und erl\u00e4uterte seine Gesinnungen noch besonders durch die Bestrebungen, die st\u00f6rende Hand des W\u00e4rters mit Bissen zu z\u00fcchtigen, wie er fr\u00fcher schon einige Male gethan hatte. Heute gelang ihm seine Rache nicht, und \u00e4rgerlich dar\u00fcber, zog er sich langsam zur\u00fcck. Dies geschah in einer Weise, die mich, trotz der trefflichen Abbildung, welche Harvey schon vor drei\u00dfig Jahren gab, sehr \u00fcberraschte. Seine gro\u00dfen Augen starr auf uns geheftet, ging er \u00e4u\u00dferst langsam Schritt um Schritt r\u00fcckw\u00e4rts zur\u00fcck, und zwar nach ausw\u00e4rts an einem nur wenig von der senkrechten Linie abweichenden Pfahle. Er klettert also von unten nach oben mit niederw\u00e4rts gerichtetem Gesicht. Dies thut meines Wissens kein anderes Thier! An einer Gabel angelangt, machte er Halt und verharrte nunmehr so regungslos in seiner Stellung, da\u00df er unserm Zeichner seine Arbeit sehr erleichterte.\n* ^ *\nDie zweite Familie unserer Ordnung umfa\u00dft die Langf\u00fc\u00dfer (Macrotarsi).\nAlle hierher geh\u00f6rigen Thiere erscheinen als Mittelglieder zwischen den Affen und Bilchen oder Schlafm\u00e4usen. Ihre H\u00e4nde sind Affenh\u00e4nde, ihr Gebi\u00df zeigt noch seine geschlossenen Zahnreihen: in dem \u00fcbrigen Leibesbau aber und ihrem ganzen Wesen \u00e4hneln sie den Siebenschl\u00e4fern weit mehr, als den Aeffern. Der Leib der Langf\u00fc\u00dfer ist ziemlich gedrungen, und die Gliedma\u00dfen ffind kr\u00e4ftig. Ihre Fu\u00dfwurzeln sind l\u00e4nger, als das Schienbein; alle F\u00fc\u00dfe haben einen Daumen, welcher den \u00fcbrigen Zehen gegen\u00fcbergestellt werden kann. Nur der Ze^efinger, seltner auch noch der Mittelfinger besitzen krallenartige, alle \u00fcbrigen Finger dagegen platte N\u00e4gel. Ein gro\u00dfer, runder Kopf mit ziemlich langen, nackten Fledermausohren und dicht neben einander stehenden Augen, eine stumpfe Schnauze und ein echtes Halbaffengebi\u00df (4 Schneide- und 6 Backz\u00e4hne oben, 6 Schneide- und 5 Backz\u00e4hne unten) kennzeichnen sie noch au\u00dferdem.\nDie Langf\u00fc\u00dfer bewohnen, mit Ausnahme einer einzigen Art, welche wir kennen lernen werden, Afrika und namentlich wieder das durch seine Thierwelt \u00fcberhaupt so ausgezeichnete Madagaskar. Sie leben entweder paarweise \u00f6deren Gesellschaften auf den B\u00e4umen gr\u00f6\u00dferer Waldungen und verstecken sich hier bei Tage entweder in dem Gezweig oder in Baumh\u00f6hlen. Nachts kommen sie hervor und beginnen ihre Iagdwanderungen auf Kerfe oder kleine V\u00f6gel und Eier; wenn sie es haben k\u00f6nnen, fressen sie auch Fr\u00fcchte. Sie sind, abweichend von den Vorigen, rasch und behend und klettern mit der Gewandtheit unserer Eichh\u00f6rnchen, verstehen es auch, weite Spr\u00fcnge auszuf\u00fchren. Auch bei ihnen sind die langschw\u00e4nzigen Arten schneller und gewandter, als diejenigen, denen das zum Klettern wesentliche Steuer mangelt oder wegen seiner K\u00fcrze nicht vollkommen gen\u00fcgt wenn ich so sagen darf. W\u00e4hrend ihres Schlafes rollen sie ihre Ohren ein, wie es die Flederm\u00e4use auch thun: allein schon das geringste Ger\u00e4\u00fcsch ist ihnen Anregung genug, sie zu spannen und zum Auffangen des Schalles wieder vollkommen f\u00e4hig zu machen.\nIn ihrem geistigen Wesen \u00e4hneln die Langf\u00fc\u00dfer ganz den \u00fcbrigen Halbaffen. Sie sind sanft, friedlich, harmlos und wenig bef\u00e4higt; sie lassen sich leicht z\u00e4hmen, bleiben aber immer ziemlich gleich-giltig gegen ihren Pfleger, dessen Liebkosungen ihnen eben auch nicht mehr werth sind, als die fremder Leute. Wahrscheinlich verstehen sie nicht, zwischen diesem und anderen Menschen zu unterscheiden.\nIhr Fortpflanzungsgesch\u00e4ft erinnert an das der Eichh\u00f6rnchen. Einige bringen ein bis zwei Junge in Bauml\u00f6chern zur Welt, andere bauen sich zwischen Astgabeln ein Nest und kleiden es innen mit weichem Grase aus.","page":143},{"file":"p0144.txt","language":"de","ocr_de":"144\nDie Halbaffen. Langf\u00fc\u00dfer. \u2014 Der kleine und der gemeine Galago.\nDer ersten Sippe unserer Familie, den Ohrenaffen (Otolicnus), geh\u00f6rt der gemeine Galago (Otolicnus Galago) an. Das au\u00dferordentlich zierliche Thierchen besitzt, wie seine wenigen Verwandten, einen gedrungenen K\u00f6rperbau, mittellange und ziemlich starke Gliedma\u00dfen, einen langen, buschigen Schwanz, gro\u00dfe, nackte Ohren und einen Krallennagel an dem Zeigefinger der Hinterh\u00e4nde. In seiner Gr\u00f6\u00dfe kommt es unserm Eichh\u00f6rnchen etwa gleich; die L\u00e4nge seines K\u00f6rpers betr\u00e4gt sieben, die des Schwanzes neun Zoll. Sein kurzer, aber dichter und seidenweicher Pelz ist auf der Oberseite sahlgrau, am Kopfe und auf dem R\u00fccken schwach r\u00f6thlich, aber an der Innenseite der Gliedma\u00dfen, sowie am Bauche gelblich wei\u00df gef\u00e4rbt; eine \u00e4hnliche F\u00e4rbung zeigen auch die Wangen und eine zwischen den Augen entspringende und bis an das Nasenende verlausende L\u00e4ngsbinde. Die Ohren sind fleischfarben.\nMan findet den gemeinen Galago oder Moholi in einem gro\u00dfen Theile von Afrika. Adanson entdeckte ihn in den Waldungen des K\u00f6nigreichs Galam am Senegal; sp\u00e4tere Reisende beobachteten ihn in Mosambik, am Vorgebirge der guten Hoffnung und in Sudahn. Hier fand auch ich ihn mehrere Male, immer aber nur westlich von dem wei\u00dfen Nil und namentlich in Kordofahn. Den\nFig. 2.\tFig- 1.\nDer kleine und der gemeine Galago (Otolicnus minor und Otolicnus Galago).\nEingebornen ist er unter dem Namen Tendj wohlbekannt; sie glauben, da\u00df urspr\u00fcnglich ein Affe gewesen und nur wegen seiner Schlafsucht so herabgekommen sei. Wir fanden das Thier nur in Mimosenw\u00e4ldern und zwar in niederen ebensowohl, als in hochst\u00e4mmigen. Gew\u00f6hnlich war ein Mrchen beisammen. Die Thiere schliefen, auf dichten Aesten ganz n\u00e4he am Stamme sitzend, wurden aber augenblicklich munter, sobald sie unsere Fu\u00dftritte vernahmen. Wenn wir sie aufscheuchten, kletterten sie \u2014 bei Tage \u2014 rasch und gewandt an dem Ge\u00e4st umher, ergriffen aber niemals die Flucht, sondern blieben immer bald wieder ruhig und vertrauensvoll sitzen und lauschten und sp\u00e4hten durch das dichte Laubwerk nach uns hernieder. Durch die vielen scharfen Stacheln der Mimosen wu\u00dften sie sich sehr geschickt zu bewegen und verstanden eS auch, recht h\u00fcbsche S\u00e4tze von einem Baum zu machen. Nachts sollen sie, wie man uns sagte, sehr schnell ater vollkommen lautlos ihrer Kerbthierjagd oder wenigstens ihrer Fruchternte obliegen, und ihre Augen sollen dann schimmern \u201etote das brennende Feuer\". Man sagte, da\u00df die Thiere sehr leicht in Schlingen gefangen, ja, bei Tage von guten Kletterern sogar mit der Hand erhSscht werden k\u00f6nnen; denn der F\u00e4nger branche nur den Ast,","page":144},{"file":"p0145.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Vaterland. Nahrung. Nest.\n145\nauf welchem der Tendj sitzt, t\u00fcchtig zu sch\u00fctteln, dann klammere sich dieser, aus Furcht herabzufallen, fest an und lasse sich ergreifen. Ich glaube, da\u00df diese Fangart ergiebig ist, weil ich selbst sie \u00f6fters mit Erfolg auf junge Eichh\u00f6rnchen angewendet habe.\nUngeachtet meines langj\u00e4hrigen Aufenthaltes in Afrika wurde es mir erst in der neuesten Zeit m\u00f6glich, eigene Beobachtungen \u00fcber das Gefangenleben der Galagos zu sammeln. Der Hamburger Thiergarten besitzt gegenw\u00e4rtig den buschschw\u00e4nzigen Ohrenaffen (Otolicnus crassicaudatus) und setzt mich hierdurch in den Stand, die vor ungef\u00e4hr f\u00fcnfzig Jahren ver\u00f6ffentlichten und, soweit mir bekannt, alleinigen Beobachtungen anderer Forscher zu vervollst\u00e4ndigen.\nDer Kaufmann B acle, welcher Anfangs unsers Jahrhunderts in Senegambien reiste, erhielt ein P\u00e4rchen von einem Neger, welcher es in den Gummiw\u00e4ldern der s\u00fcdwestlichen Sahahra gefangen hatte. Man nannte die Galagos \u201eGummithiere\" und versicherte, da\u00df sie Mimosenharze sehr gern fr\u00e4\u00dfen. Das gefangene Paar best\u00e4tigte diese Angabe durch die That, zog aber doch Kerbthiere jeder andern Nahrung vor. W\u00e4hrend der Ueberfahrt geriethen beide augenblicklich in Bewegung, wenn ein Kerf an ihnen vor\u00fcbersummte; sie lauerten auf K\u00fcchenschaben und schnappten sie schnell und sicher weg, sobald sie ihnen nahe genug kamen. Man ern\u00e4hrte sie mit Eiern, gekochten Speisen und Milch, und sie befanden sich ganz wohl dabei. In ihrem Betragen erinnerten sie ebensosehr an die Makis, wie an die Flederm\u00e4use. Ihr Muthwille, ihre Lebhaftigkeit und namentlich ihre Kraft im Springen setzte alle Reisende in Erstaunen; das Merkw\u00fcrdigste blieb aber doch die Bewegung ihrer Ohren. Diese konnten sie, wenn sie schlafen wollten, g\u00e4nzlich verschlie\u00dfen. Zuerst runzeln und verk\u00fcrzen sich die Ohren am Grunde, dann schl\u00e4gt sich die Spitze derselben um und ein, so da\u00df man von dem ganzen Ohre kaum noch Etwas sehen kann. Beim geringsten Ger\u00e4usche aber schl\u00e4gt sich die Ohrspitze wieder auf und die ganze Muschel spannt und gl\u00e4ttet sich. Genau in derselben Weise verfahren einige Flederm\u00e4use, um ihren so \u00fcberaus feinen Geh\u00f6rssinn abzustumpfen und in dem Gel\u00e4rm des Tages ruhig zu schlafen.\nUnser Gefangener best\u00e4tigt im Wesentlichen diese Angaben. Wir beherbergen ihn seit einigen Monaten. Bei Tage ruht er in sehr zusammengerollter Haltung, halb liegend, halb kauernd in der dunkelsten Ecke seines K\u00e4figs. Er legt dabei seinen Kopf zwischen die Vorderh\u00e4nde, umh\u00fcllt ihn dicht mit seinem buschigen Schw\u00e4nze und packt diesen mit den beiden Hinterh\u00e4nden, welche er vorschiebt, so weit die langen Beine es gestatten. Auf diese Weise versteckt er den Kopf so vollst\u00e4ndig, da\u00df man au\u00dfer den Ohren, welche niemals bedeckt werden, nicht das Geringste sieht. Eine Schwanzbiegung schlie\u00dft gew\u00f6hnlich das eine Ohr ein und verdeckt dabei zugleich die Augen. Die Ohren werden in der Regel eingerollt; sie erscheinen dabei schlaff und zerknittert. Ungef\u00e4hr um f\u00fcnf Uhr abends erwacht er, dehnt und reckt sich und schaut sp\u00e4hend in die Runde, wobei er den Kopf abwechselnd vorschiebt und wieder zur\u00fcckzieht. Dann putzt er sich, und nun endlich beginnt er zu klettern. Seine Bewegungen sind stets langsam und bed\u00e4chtig, die Tritte vollkommen unh\u00f6rbar. Die Finger werden beim Auftreten weit gespreizt; der Schwanz schleift auf dem Boden nach. Auch beim Klettern ist unser Aeffer langsam, aber \u00e4u\u00dferst geschickt. Er klettert kopsoberst und kopfunterst, h\u00e4ngt sich an einem Vorderoder an einem Hinterbein fest und schaukelt sich dann, geht an der Decke seines K\u00e4figs hin re.\u2014 Wir f\u00fcttern ihn mit Milchbrod, Fleisch und Fr\u00fcchten. Feigen und Rosinen fri\u00dft er leidenschaftlich gern; auf Kerbthiere und deren Larven oder Puppen ist er erpicht. Er fa\u00dft die ihm vorgehaltene Nahrung mit dem Munde oder mit den H\u00e4nden; ihm noch Unbekanntes pflegt er leckend zu betasten. Unsere lebenden V\u00f6gel betrachtet er mit l\u00fcsternem, vielsagendem Auge. Auf seinen Wegen beschnuppert er zun\u00e4chst jeden Gegenstand; dann erst betastet er ihn mit der Zunge. \u2014 Er ist gutm\u00fcthig und l\u00e4\u00dft es sich gern gefallen, wenn man ihn kraut; nur wenn man ihn aufhebt, pflegt er zu bei\u00dfen. Sein Aussehen deutet auf Verstand; die h\u00fcbschen, braunen, stark gew\u00f6lbten Augen sehen klug ins Weite. Bei Tage ist der Stern bis aus eine sehr kleine, schmale Ritze zusammengezogen : nachts erweitert er sich bedeutend. -\u2014 Kurz nach dem Erwachen st\u00f6\u00dft das Thier gew\u00f6hnlich seinen eigenth\u00fcmlichen Ruf aus, welcher an das Rucksen mancher Tauben erinnert. Er beginnt mit dem leise hervorgesto\u00dfenen dumpfen\nBrehm, Thierleben.\t10","page":145},{"file":"p0146.txt","language":"de","ocr_de":"146 Die Halbaffen. Langf\u00fc\u00dfer. \u2014Madagaskarratte. M\u00e4use-und Koboldmaki. Fingerthier.\nLaut \u201edu\", steigert sich dann und endet mit dem schw\u00e4cheren, miauenden \u201edju\". Der ganze Ruf klingt ungef\u00e4hr wie \u201edu, tu tu, thu, tu tui dju dju\", sehr dumpf und hohl. \u2014 Wie es scheint, ist unser Gefangener die ganze Nacht hindurch munter; morgens sucht er erst, nachdem es vollkommen licht geworden ist, sein Lager. \u2014\nUeber die Fortpflanzung der Ohrenaffen wei\u00df man nur wenig. Sie bereiten sich in Baumh\u00f6hlen oder verlassenen Vogelnestern ein weiches, mit zartem Gras ausgelegtes Wochenbett und geb\u00e4ren, verbergen und erziehen dort \u00e4hr einziges oder ihre zwei Jungen. Sp\u00e4ter werden dieselben, wenn auch nicht mehr getragen, so doch noch lange von dem Weibchen gef\u00fchrt und gepflegt.\nIst nun schon der Tendj oder Moholi ein niedliches Thier, so sind doch zwei andere Mitglieder seiner oder, wie Andere wollen, einer eigenen Sippe \u2014 der Zwergmakis (Microcebus) noch weit zartere Gesch\u00f6pfe. Die eine Art ist als \u201eMadagaskar-Ratte\" vielleicht bekannter geworden, als unter ihrem wissenschaftlichen Namen Otolicnus minor \u2014 der kleinere Galago. (Seite 144, Fig. 2.) Das Thierchen hat die Gr\u00f6\u00dfe einer kleinen Ratte (5V2 Zoll Leibes-, 6 Zoll Schwanzl\u00e4nge) und auch einen licht m\u00e4usefarbigen Pelz, daher wohl entfernte Aehnlichkeit mit einem jener bekannten Nagethiere, dessen Namen ihm Unkundige gaben. Es lebt auf Madagaskar; bei Tage schl\u00e4ft es in zusammengerollter Stellung, des Nachts spring es mit gro\u00dfen S\u00e4tzen gewandt von Baum zu Baum, ganz nach Art der Haselm\u00e4use. In der Gefangenschaft kann man es mit\nsaftigen Fr\u00fcchten hinhalten.\ti-\nJn der neueren Zeit (1859) hat man aber noch einen andern Zwergmaki entdeckt, welcher seinem Namen mehr, als jeder andere entspricht. Er ist der Zwerg der Zwerge; denn er erreicht blos die Gr\u00f6\u00dfe einer Maus. Nur wenige Breitengrade n\u00f6rdlich von den Gegenden, in denen der Herkules aller Vierh\u00e4nder, der Gorilla, lebt, n\u00e4mlich zu Jkoneto, einem Ort am Kalabarflusse in Guinea, etwas oberhalb Creec-Town, fand der Mission\u00e4r Thomson das M\u00e4use\u00e4fschen auf und hielt eins l\u00e4ngere Zeit lebendig. Es wurde sehr zahm und zutraulich und lief frei in der Wohnung seines Besitzers umher. Sein beliebtester Zufluchtsort war der Rock\u00e4rmel seines Herrn oder auch dessen Hals, zwischen Backenbart und Rockkragen. Thomson behauptet, niemals ein zierlicheres Ge- j sch\u00f6pf gesehen zu haben. Als es gestorben, schickte er es an Murray nach London, welcher es beschrieb und M\u00e4usemaki (Otolicnus murinus) nannte. Seine Pelzf\u00e4rbung ist auch m\u00e4usegrau.\nDie schlechten Abbildungen, welche leider noch heut zu Tage die meisten volksth\u00fcmlichen und -selbst wissenschaftlichen thierbeschreibenden Werke verunreinigen, m\u00f6gen wohl eine der Hauptursachen gewesen sein, da\u00df man einen Maki vor allen anderen Gespenstthier oder Koboldmaki genannt hat. Uns zeigt die richtigere Abbildung, welche ich bieten kann, da\u00df der Koboldmaki eben auch nicht mehr Gespensterhaftes hat, als die bisher genannten; wir bemerken an ihm vielmehr eine sehr gro\u00dfe Aehnlichkeit mit den Galagos, welche wir soeben kennen lernten. Erst die genauere Vergleichung l\u00e4\u00dft Unterschiede auffinden, welche die Forscher berechtigen, das Kobold\u00e4ffchen einer eigenen Sippe unserer Familie zuzuz\u00e4hlen und es so von den \u00fcbrigen Langf\u00fc\u00dfern zu trennen. Der Name dieser Sippe ist Tarsius \u2014 Handwurzelthier \u2014, eben weil die Tarsen oder Handwurzeln auffallend verl\u00e4ngert sind und so gleichsam zu dem ersten Range in der Familie berechtigen.\nEin dicker Kopf mit gro\u00dfen, in der Dunkelheit leuchtenden Augen, mittelgro\u00dfe und l\u00f6ffelf\u00f6rmige, fein behaarte Ohren, eine sehr kurze Schnauze, ungew\u00f6hnlich verl\u00e4ngerte Hinterglieder und Fu\u00dfwurzeln, echte Krallen an dem Zeige- und Mittelfinger der Hinterh\u00e4nde und ein langer, d\u00fcnner, blos an seiner Spitze quasten\u00e4hnlich behaarter Schwanz bilden die hervorstechenden Kennzeichen der Sippe.\nDer Koboldmaki (Tarsius Spectrum) scheint die Galagos in Asien zu vertreten. Sein Vaterland sind die \u00e4u\u00dfersten Molukken, zumal Amboina. In der macassarischen Sprache wird er Podje genannt; auf Sumatra hei\u00dft er Singa-Poa oder kleiner L\u00f6we. Denn ein Leu, so erz\u00e4hlt die Sage des Landes, sei das Thierchen ehemals gewesen an Gestalt, Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke, und erst in der neuern","page":146},{"file":"p0147.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichen des Koboldmaki. Geltung im Vaterlande. Leben. \u2014 Aye-Aye.\n147\nZeit w\u00e4re es so klein geworden. Wahrscheinlich dieser Sage wegen f\u00fcrchten die Eingebornen noch heute das harmlose Gesch\u00f6pf und prophezeien derjenigen Familie sicheres Ungl\u00fcck, in deren N\u00e4he sich dasselbe sehen l\u00e4\u00dft; sie legen sogar ihre Felder an anderen Orten an, wenn sich ein Gespenstmaki einem derselben n\u00e4hert. Ob das Aussehen des Thieres den ersten Anla\u00df zu derartigen M\u00e4rchengebilden gegeben hat, ist schwer zu sagen. Das Gesicht des kleinen Kobolds soll allerdings wegen seines grinsenden Maules einen sonderbaren Ausdruck haben, derselbe soll jedoch mehr l\u00e4cherlich, als furchterregend sein; die Gestalt aber ist auch nicht wunderbarer, als hundert andere jener L\u00e4nder.\nUnser Thier ist f\u00fcnf bis sechs Zoll lang und besitzt einen neun Zoll langen Schwanz. Seine kurze und weiche Behaarung ist gelbbraungrau, oben dunkler als Heller. Die mittellangen Ohren sind nackt, wie die der Galagos, besitzen einen aus einer Falte gebildeten Deckel und k\u00f6nnen zusammengerollt werden. An den Fingerspitzen fallen dicke Schwielen auf, welche jedenfalls das Festhalten erleichtern. Der lange, nur an seiner Spitze behaarte Schwanz und die langen Fu\u00dfwurzeln lassen das Koboldchen gleichsam als Springmaus der B\u00e4ume erscheinen, und der Naturforscher Penn ant z\u00e4hlte es auch wirklich jenen Nagern zu. Es lebt in den tiefsten und dichtesten Waldungen und wird nur selten bemerkt, kommt deshalb auch gar nicht h\u00e4ufig in die Sammlungen. Von seiner Lebensweise kennt man noch soviel wie Nichts. Man wei\u00df, da\u00df es bei Tage schl\u00e4ft, bei Nacht aber munter mit k\u00fchnen S\u00e4tzen im Gezweig herumspringt, Knospen, wilde Fr\u00fcchte und Kerfe verzehrt, da\u00df es nur ein Junges zur Welt bringt und in der Gefangenschaft viel Sanftmuth und Zutraulichkeit zeigt. Hierauf beschr\u00e4nken sich die Angaben.\nBevor ich zur Schilderung der^Pelzflatterer \u00fcbergehe, mu\u00df ich einen Irrthum, den ich verbreiten hals, berichtigen. Die Ordnung der Halbaffen umfa\u00dft eine Familie mehr, als ich angab; zu ihr mu\u00df, wie mich die letzten Tage \u00fcberzeugend belehrten, noch ein, bisher kaum mehr als dem Namen nach, bekanntes Thier, hinzugez\u00e4hlt werden, ein wahres Zwitterwesen, welches eine eigene Familie vertritt.\nVor achtzig und einigen Jahren erhielt der Reisende Sonnerat aus einem Walde der Westk\u00fcste Madagaskars zwei h\u00f6chst sonderbare Thiere, von deren Dasein bis dahin noch Niemand Kunde gehabt hatte. Selbst auf der gegen\u00fcberliegenden K\u00fcste waren sie vollkommen unbekannt; wenigstens wurde unser Naturforscher von den dort lebenden Madagassen versichert, da\u00df die beiden, welche er lebend bei sich h\u00e4tte, die ersten w\u00e4ren, welche sie jemals gesehen h\u00e4tten. Sie schrieen bei Anblick derselben zur Bezeugung ihrer Verwunderung laut auf, und Sonnerat erhob diesen Ausruf, \u201eAye, Aye,\" zum Namen der von ihm entdeckten Gesch\u00f6pfe.\nBis in die neueste Zeit blieb das eine der beiden \u201eAye-Aye,\" welches genannter Forscher ausgestopft nach Paris sandte, das einzige, welches \u00fcberhaupt nach Europa kam, und die im Jahre 1783 erschienene Beschreibung des Reisenden die einzige Quelle f\u00fcr die Lebenskunde des seltenen Thieres. Man zeigte sich schon geneigt, es als ausgestorben anzusehen. Ueber seine Einordnung in die Reihen der S\u00e4ugethiere konnte man ebensowenig im Klaren sein, als Sonnerat dies gewesen war. Mit dem Balge wu\u00dfte man nicht viel anzufangen, mit der ersten Beschreibung ebensowenig; \u2014 \u201eDieses vierf\u00fc\u00dfige\n10*\nJE!\nDer Koboldmaki (Tarsius Spectrum).","page":147},{"file":"p0148.txt","language":"de","ocr_de":"148\nDie Halbaffen. \u2014 Fingerthier oder Aye-Aye.\nThier,\" sagt Sonnerat, \u201ehat viel Aehnlichkeit mit dem Eichh\u00f6rnchen, ist aber doch durch einige wesentliche Kennzeichen von demselben unterschieden: es gleichet auch einiger Ma\u00dfen dem Maki und dem Affen.\" \u2014 In allen sp\u00e4teren Naturgeschichten offenbart sich dieselbe Unsicherheit. Die Einen z\u00e4hlen es den Nachtaffen, die Anderen den Nagern zu; aber Jeder thut Dies mit Vorbehalt.\nDa empf\u00e4ngt die Zoologische Gesellschaft in London vor kaum Jahresfrist die freudige Nachricht, da\u00df zwei \u201eFingerthiere\" (Chiromys) oder \u201eNacktfinger\" (Psilodactylus), wie man das Zwitterwesen inzwischen genannt hat, auf Madagaskar gefangen worden und f\u00fcr den Thiergarten in Regents-Park unterwegs seien. Beide kommen wirklich an, wenn auch nur das eine noch lebend. Jetzt endlich ' bietet sich den Thierkundigen Gelegenheit, die r\u00e4thselhaften Gesch\u00f6pfe so genau als erforderlich zu untersuchen. Noch sind diese Untersuchungen nicht geschlossen, und deshalb ist es auch mir hier unm\u00f6glich, Vollst\u00e4ndiges zu bieten; doch bin ich im Stande, der von Sonnerat gegebenen Lebensbeschreibung unsers Thieres wenigstens Einiges hinzuzuf\u00fcgen.\nDas Fingerthier oder der Aye-Aye (Chiromys madagascarensis).\nDas Fingerthier oder der Aye-Aye (Chiromys madagascarensis) steht unzweifelhaft den Halbaffen insgemein weit n\u00e4her, als den Nagern. Die beiden schief von hinten nach vorn gestellten Schneidez\u00e4hne seiner Kiefer k\u00f6nnen nur bei fl\u00fcchtiger Betrachtung mit eigentlichen Nagez\u00e4hnen verglichen werden, und in allem klebrigen hat das Thier mit keinem Nager irgendwelche Aehnlichkeit. Die Finger an den Vorderh\u00e4nden sind das eigentlich Bezeichnende an ihm.\nSonnerats Beschreibung des Aye-Aye darf uns noch gen\u00fcgen; ich gebe sie deshalb hier dem Wortlaute des ersten Uebersetzers seines Reisewerkes nach:\n\u201eDer Aye-Aye hat an jedem Fu\u00dfe f\u00fcnf Finger, davon die an den Vorderf\u00fc\u00dfen sehr lang und ein wenig krumm sind; welches macht, da\u00df er sehr langsam geht: Diese Finger sind auch mit krummen N\u00e4geln versehen. Die zwey \u00e4u\u00dfersten Gelenke des Mittelfingers sind lang, d\u00fcnne und unbehaart: Er bedient sich derselben, um aus den Ritzen der B\u00e4ume die W\u00fcrmer hervorzuholen, von denen er sich n\u00e4hrt, und um diese W\u00fcrmer in seinen Schlund zu sto\u00dfen; dem Ansehn nach dienen sie ihm","page":148},{"file":"p0149.txt","language":"de","ocr_de":"Entdeckung und Wiederauffindung. Kennzeichen und Eigenschaften.\n149\nauch, sich an die Baum\u00e4ste zu h\u00e4ngen. Die Hinterf\u00fc\u00dfe haben vier mit krummen Klauen versehene Finger: Der f\u00fcnfte oder innere bildet den Daumen, und hat einen platten Nagel, gleich den N\u00e4geln des Menschen. \u2014 Der Aye-Aye hat in jeder Kinnlade zween Schneidez\u00e4hne, die sehr nahe beysammen stehen, und dem Schnabel eines Papageien \u00e4hnlich sehen: die untern sind viel st\u00e4rker als die obern.\u2014 Er hat gro\u00dfe, breite und flache Ohren: Sie sind schwarz, glatt, gl\u00e4nzend, und an der Au\u00dfenseite mit langen Haaren besetzt. \u2014 Ueber den Augen und der Nase, auf den Backen und am Kinn hat er B\u00fcschel von langen Haaren. \u2014 Das ganze Thier ist mit wei\u00dffalben Flaumen oder feinen Haaren bewachsen, aus denen gro\u00dfe (starke) schwarze Haare hervorstechen. Der Vordertheil des Kopfes und Halses sind von falbem Wei\u00df. Der Schwanz ist platt, buschig und mit langen Haaren besetzt. Ob es schon ganz schwarz scheint, sind die Haare desselben doch von ihrer Wurzel an bis zur Mitte ihrer ganzen L\u00e4nge wei\u00df.\u2014 Der Aye-Aye ist vom Kopf bis zum Schwanz 18 Zoll 6 Linien, und der Schwanz desselben 1V2 Fu\u00df lang.\"\nUeber Vorkommen und Aufenthalt des Thieres berichtet uns Sonnerat gar Nichts, \u00fcber sein Betragen in der Gefangenschaft sehr wenig: \u201eDieses Thier,\" sagt er, \u201escheint von der Art derjenigen-zu seyn, die sich in die Erde graben. Bei Tage sieht es nicht; sein Aug ist r\u00f6thlicht und starr, wie das Aug der Eule. Es ist sehr tr\u00e4ge, folglich auch sehr sanft. Ich hatte ein M\u00e4nnchen und ein Weibchen, aber beyde lebten nicht l\u00e4nger als zween Monate; ich n\u00e4hrte sie mit gekochtem Reis, und sie bedienten sich der d\u00fcnnen zween Finger ihrer Vorderf\u00fc\u00dfe, wie die Chineser ihrer St\u00e4bchen. Sie waren scheu, furchtsam, liebten sehr die W\u00e4rme, krochen immer zusammen, um zu schlafen, legten sich auf die Seite und verbargen ihren Kopf zwischen den Vorderf\u00fc\u00dfen. Sie lagen stets unbeweglich da; und nur durch vieles R\u00fctteln konnte man sie dahin bringen, da\u00df sie sich regten.\"\nZu meinem innigen Bedauern war mir die Zeit meines Aufenthaltes in London so kurz zugemessen, da\u00df ich dem jetzt dort lebenden Aye-Aye blos einen einzigen Abend widmen durfte. Dieser eine Abend belehrte mich aber, da\u00df vorstehende Beschreibung nicht nur einer Erweiterung, sondern auch, theilweise wenigstens, der Berichtigung bedarf. Ich nehme an, da\u00df auch der geringste Beitrag zur Vervollst\u00e4ndigung der Kunde eines so r\u00e4thselhaften Gesch\u00f6pfes willkommen ist und will deshalb meine d\u00fcrftigen Beobachtungen und Das, was ich den W\u00e4rtern abfragte, hier kurz zusammenstellen.\nDer Aye-Aye ist ein h\u00f6chst auffallendes Thier. Ich w\u00fcrde ihn, w\u00e4re ich sein Entdecker gewesen, Chiromys paradoxus genannt haben. Da\u00df die Madagassen bei seinem Anblick Ausrufe der Verwunderung ausstie\u00dfen, wurde mir sehr erkl\u00e4rlich; ich habe genau dasselbe gethan.\nDas Thier hat buchst\u00e4blich mit keinem andern S\u00e4uger eine beachtenswerthe Aehnlichkeit. Es erinnert in mancher Hinsicht an die Galagos; doch wird es schwerlich einem Forscher einfallen, es mit diesen in einer Familie zu vereiniget. Der dicke, breite Kopf mit den gro\u00dfen Ohren, welche den breiten Kopf noch breiter erscheinen lassen, die kleinen, gew\u00f6lbten, starren, regungslosen, aber gl\u00fchenden Augen mit viel kleinerm Stern, als das Nachtaffenauge ihn besitzt, der Mund, welcher in der That eine gewisse Aehnlichkeit mit einem Papageischnabel hat, die bedeutende Leibesgr\u00f6\u00dfe und der lange Schwanz, welcher, wie der ganze Leib, mit d\u00fcnn stehenden, aber langen, steifen, fast borstenartigen Grannenhaaren besetzt ist und die so merkw\u00fcrdigen H\u00e4nde endlich, deren Mittelfinger aussieht, als ob er zusammengedorrt w\u00e4re: diese Merkmale insgesammt verleihen der ganzen Erscheinung etwas so Eigenth\u00fcmliches, da\u00df man sich unwillk\u00fcrlich den Kopf zermartert, in der fruchtlosen Absicht, ein diesem Thiere verwandtes Gesch\u00f6pf aufzufinden.\nEs kann f\u00fcr den Thierkundigen, welcher dieses wundersame Wesen lebend vor sich sieht, gar keinem Zweifel unterliegen, da\u00df er es mit einem vollendeten Nachtfreunde zu thun hat. Der Aye-Aye ist lichtscheuer, als jedes mir bekannte S\u00e4ugethier. Ein Nachtaffe l\u00e4\u00dft sich wenigstens erwecken, tappt herum, schaut sich die helle Tageswelt verwundert an, lauscht theilnehmend auf das Summen eines vor\u00fcberfliegenden Kerbthieres, leckt und putzt sich sogar: der Aye-Aye scheint, bei Tage, wenn man ihn nach vieler M\u00fche wach ger\u00fcttelt, vollkommen geistesabwesend zu sein. Mechanisch, maschinenartig schleppt er sich wieder seinem Dunkelplatze zu, mechanisch rollt er sich zusammen, mechanisch verh\u00fcllt er mit dem dicken Schw\u00e4nze, den er wie einen Reifen um den Kopf schl\u00e4gt, sein Gesicht. Er","page":149},{"file":"p0150.txt","language":"de","ocr_de":"150\nDie Halbaffen. Fingerthier. \u2014 Pelzflatterer. \u2014 Flattermaki.\nbekundet eine Tr\u00e4gheit, eine Langweiligkeit ohne Gleichen in jeder Bewegung, jeder Handlung. Erst wenn die volle dunkle Nacht hereingebrochen ist, lange nach der D\u00e4mmerung, ermuntert er sich und kriecht aus seiner Dunkelkammer hervor, scheinbar noch immer mit Gef\u00fchlen der Angst, da\u00df irgend ein Lichtstrahl ihn behelligen m\u00f6chte. Der Schein einer Kerze, welcher andere Nachtthiere nicht im geringsten anficht, macht ihn eilig zur\u00fcckfl\u00fcchten.\nDie Bewegungen des Thieres sind langsam und tr\u00e4ge, obschon weniger, als man vermuthen m\u00f6chte. Wenn es gilt, dem st\u00f6renden Licht sich zu entziehen, beweist der Ahe-Ahe, da\u00df er unter Umst\u00e4nden sogar ziemlich flink sein kann. Der Gang \u00e4hnelt dem anderer Nachtaffen, nur ist er ungleich langsamer. Dabei steht das Thier hinten viel h\u00f6her, als vorn, wo es sich auf die sehr gebreiteten und stark gekr\u00fcmmten Finger st\u00fctzt, und streckt den buschigen Schwanz wagrecht von sich, ohne ihn auf dem Boden schleppen zu lassen. Jeder Schritt wird, wie es scheinen m\u00f6chte, mit Ueberlegung ausgef\u00fchrt; Zeit genug zur Ueberlegung nimmt sich das Thier wenigstens. Im Klettern konnte ich es nicht beobachten: es soll dies aber eben so langsam geschehen, wie das Gehen.\nWenn Sonnerat richtig beobachtet hat, mu\u00df er es mit einem besonders gutm\u00fcthigen Ahe-Ahe zu thun gehabt haben. Derjenige, welchen ich sah, war nichts weniger als sanft, sondern im Gegentheil sehr reizbar und ungem\u00fcthlich. Wenn man sich ihm n\u00e4herte, fauchtp er, wie eine Katze; wenn man ihm die Hand vorhielt, fuhr er unter Ausst\u00f6\u00dfen derselben Laute w\u00fcthend und sehr rasch auf die Hand los und versuchte, sie mit seinen beiden Vorderpfoten zu packen. Dabei zeigte er auffallend viel Verstand: er unterschied zwischen der Hand und einem eisernen St\u00e4bchen. Mit diesem lie\u00df er sich ber\u00fchren. ohne zu fauchen oder zuzugreifen. Die W\u00e4rter, welche gro\u00dfe Achtung vor dem Gebi\u00df ihres Schutzbefohlenen an den Tag legten, versicherten, von diesem Unterscheidungsverm\u00f6gen des Thieres \u00fcberzeugende Beweise erhalten zu haben: sie waren mehrer Male derb gebissen worden. Eigentlich furchtsam also darf man den Ahe-Ahe nicht nennen; er ist nur scheu und meidet jede Gesellschaft. Auch nachts bewegt ihn das geringste Ger\u00e4usch, so eilig als m\u00f6glich seinen Versteckplatz aufzusuchen.\nDie einzige Nahrung, welche man unserm Thiere reicht, ist frische Milch, mit welcher man das gekochte und zerriebene Dotter eines Eies zusammenr\u00fchrt. Eine kleine Sch\u00fcssel davon gen\u00fcgt f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf. Beim Fressen gebraucht der Ahe-Ahe seine beiden H\u00e4nde: er wirft die fl\u00fcssige Speise mit ihnen in seinen Muyd. Fleischkost hat er bis jetzt hartn\u00e4ckig verschm\u00e4ht; ob man versucht hat, ihn auch an andere Nahrungsmittel zu gew\u00f6hnen, wei\u00df ich nicht. Bei den genannten scheint er gut zu gedeihen; denn er lebt bereis seit dem 12. August vorigen Jahres (1862) in seiner neuen Heimat.\nBeachtenswerth scheint mir eine Beobachtung zu sein, welche gemacht wurde. Alle Zweige des K\u00e4figs, welchen dieser Ahe-Ahe bewohnt, sind von ihm abgesch\u00e4lt und angebissen worden. Er scheint also seine Schneidez\u00e4hne, welche den Naturforschern soviel Kopfzerbrechen verursacht haben, in ganz eigenth\u00fcmlicher Weise zu verwenden. Ich glaube aus dieser Verwendung schlie\u00dfen zu d\u00fcrfen, da\u00df das Thier in der Freiheit auf d\u00fcrren B\u00e4umen seine Nahrung sucht und wirklich Kerbthiere fri\u00dft, wie Sonnerat angiebt. Es sch\u00e4lt, so vermuthe ich, mit seinen dazu vortrefflich geeigneten Z\u00e4hnen die Baumrinde ab, legt damit die Schlupfwinkel gewiffer Kerbthiere oder deren Larven blo\u00df, und zieht diese dann mit seinen langen Fingern aus Ritzen und Spalten vollends hervor, um sie zu verspeisen.\n* *\n*\nDie Natur liebt keine Spr\u00fcnge \u2014 diese Wahrheit spricht sich bei einer vergleichenden Rundschau in allen drei Reichen hundertfach aus und wird auch dem Uneingeweihten verst\u00e4ndlich. Nicht einmal die Klassen scheinen streng geschieden zu sein; denn fast immer bemerken wir, da\u00df eine Gestalt gleichsam ein vermittelndes Bindeglied ist. Als solche sind denn auch alle Arten der letzten Familie unserer Ordnung anzusehen. Diese selbst ist eine vermittelnde, zwischen jener der Affen und vielen anderen stehende: kaum eine Familie oder Sippe aber zeigt so schlagende, allgemein verst\u00e4ndliche Uebergangsformen, wie die der Pelzflatterer. Die wenigen Arten, welche man kennt, bilden nur eine","page":150},{"file":"p0151.txt","language":"de","ocr_de":"151\nFamilienbeschreibung der Pelzflatterer.\neinzige Sippe, aber auch eine eigene Familie: sie lassen sich eben keiner andern Gruppe unterordnen. WederAffe oderHalbaffe noch Fledermaus, stehen sie einzig f\u00fcr sich allein zwischen beiden daund nur in anderen Ordnungen finden sich \u00e4hnliche Gestalten, welche aber mit ihnen durchaus keine er-wandtschaft haben. Der Familien- und Sippenname der Pelzflatterer oder Flattermakis ist Galeo-pithecus \u2014 Wiesel- oder Katzenaffe \u2014 und bezeichnet schon an und f\u00fcr sich die Unsicherheit der Ansichten jener ordnenden Forscher, welche den Namen f\u00fcr sie erw\u00e4hlten. H\u00e4ufig werden sie auch dem Namen Dermoptera \u2014 Hautfl\u00fcgler \u2014 im System aufgef\u00fchrt, obgleich dieser Name etgent\u00fcch \u00fcberfl\u00fcssig ist, weil jener immer der ma\u00dfgebende und zust\u00e4ndige bleibt. In den neueren Sprachen giebt es sehr viele Bezeichnungen f\u00fcr sie, in Folge ihrer Zwitterhaftigkeit. Sie hei\u00dfen im Deutschen noch fliegender Hund.oder Fuchs, fliegende Katze, gefl\u00fcgelter Affe, Flattermakt, wunderbare Fledermaus re. Auch ihre Stellung im System ist keine gesicherte. Linne bringt sie zu den Makis, Cuvier zu den Flederm\u00e4usen, Geoffroy zu den echten Raubthieren, Oken zu den Beutelratzen, und jeder Einzelne scheint sich wegen Dessen, was er gethan, besonders verwahren zu m\u00fcssen. So stehen die Armen allein und'verlassen an der Grenze zweier Ordnungen, verkannt oder wenigstens als nirgends hinpassende, einsame Gesellen in der Thierreihe da und m\u00fcssen froh sem, da\u00df ihnen nur \u00fcberhaupt ein stilles Pl\u00e4tzchen angewiesen wurde.\nDie Flattermakis sind katzengro\u00dfe Thiere von schlankem Leibesbau, deren mittellange Glted-ma\u00dfen durch eine breite und dick auf beiden Seiten behaarte Haut verbunden sind. Ihre f\u00fcnf Zehen haben zur\u00fcckziehbare Krallenn\u00e4gel und keinen der \u00fcbrigen Hand entgegensetzbaren Daumen. Der Schwanz ist kurz und steckt mit in der Flatterhaut. Der Kopf ist Verh\u00e4ltni\u00df m\u00e4\u00dfig klein, die Schnauze sehr verl\u00e4ngert und das Gebi\u00df von dem aller Affen und Aeffer abweichend; denn die Z\u00e4hne bilden eigentlich keine geschlossenen Reihen mehr, und die Schneidez\u00e4hne des Unterkiefers sind kammartrg gezackt oder an ihrer Krone vielfach getheilt. Die Augen sind m\u00e4\u00dfig gro\u00df, die behaarten Ohren^klem. Jede Brust hat zwei Zitzen. \u2014 Das Merkw\u00fcrdigste am ganzen Thiere ist seine Flatterhaut, ene ist keine Flughaut, sondern nur ein Fallschirm, welcher den Leib zu weiten Spr\u00fcngen und langsamerem Fallen bef\u00e4higt. Mit der Flughaut der Flederm\u00e4use hat sie keine Aehnlichkeit. Sre ist eme Fortsetzung der Leibeshaut, beginnt am Halse, verbindet sich mit dem Vorderbein, umh\u00fcllt dieses bts zur Hand, verl\u00e4uft in gleichm\u00e4\u00dfiger Breite nach der Hinterhand und geht nun endlich nach der Schwanzspitze. So stecken alle Glieder gleichsam in ihr.\nWir beschreiben alle Pelzflatterer, wenn wir eine Art schildern; denn die Unterschiede zwischen den zwei drei oder vier Arten \u2014 die Meinungen sind getheilt \u2014 beziehen sich nur auf Gr\u00f6\u00dfe, Zahnbau und Haarf\u00e4rbung, sind also ^unwesentlich zur Darstellung der Lebensverh\u00e4ltnisse unserer Thiere.\nDer gemeine oder rothe Flattermaki (Galeopithecus rufus oder volans) ist einen Fu\u00df und zehn Zoll lang, wovon vier Zoll auf den Schwanz zu rechnen sind, und von einem Saum der ausgebreiteten Flughaut zum andern zwei Fu\u00df breit. Die Behaarung ist auf dem R\u00fccken drcht, an den Vorderarmen aber sp\u00e4rlich; die Achfelgegend und die Seiten des Leibes sind nackt. Braunroth ist dre Hauptfarbe des erwachsenen Thieres; das Junge ist oben br\u00e4unlichgrau, an den Sellen dunkelbraun gewellt, und auf den Gliedma\u00dfen und der Flatterhaut lrcht gefleckt.\nDie Heimat des rothen Flattermaki und aller seiner Verwandten sind dre Sundamseln, Molukken und Filippinen, auch die Halbinsel Malakka und die sie umgebenden kleinen Eilande.\nBontius erw\u00e4hnt zuerst der sonderbaren Thiere in seiner Naturgeschichte Indiens. \u201eIn Gumrata \" sagt er, \u201egiebt es wunderbare Flederm\u00e4use, welche den Reisenden wegen ihrer Gr\u00f6\u00dfe wie ein Wunder vorkommen. Die Holl\u00e4nder nennen sie gefl\u00fcgelte Affen.\" Nach ihm haben andere Beobachter ziemlich genaue Schilderungen der Lebensweise dieser Thiere gegeben.\t-\nAlle Flattermakis sind Nachtthiere. Bei Tage sieht man sie, tote dre Flederm\u00e4use, mit den Hinter-deinen angeklammert, oft massenweise auf dichtbelaubten Banmkvnen h\u00e4ngen. Mit Einbruch der Nacht erwachen sie aus ihrem Schlummer, ver\u00e4ndern ihre Stellung, indem sie sich mit allen vier Be,neu an","page":151},{"file":"p0152.txt","language":"de","ocr_de":"152 Flattermaki. Beschreibung. Heimat. Nachtleben. Klettern und Flug. Wesen. Fortpflanzung.\ndie Aeste h\u00e4ngen, den Leib nach unten, putzen und gl\u00e4tten ihr Fell und steigen endlich auf die Zweige hinauf. Ihre scharfen Krallen bef\u00e4higen sie zu gewandtem und sicherem Klettern, und so k\u00f6nnen sie sich sehr rasch durch das Gezweig bewegen. Auf dem Boden kriechen sie m\u00fchsam und schwerf\u00e4llig dahin. Sie steigen, ihrer Nahrung nachgehend, Fr\u00fcchte pfl\u00fcckend und Kerbthiere suchend, ganz ger\u00e4uschlos immer aufw\u00e4rts, bis sie den Wipfel eines Baumes erklommen haben, dann schweben sie schief nach nach einer andern Baumkrone herab.\nW\u00e4hrend das Thier geht oder klettert ist seine Flatterhaut leicht gefaltet zusammen und an den Leib gelegt und hindert deshalb die Bewegung durchaus nicht; wenn es sich des Fallschirms bedienen will, l\u00e4uft es auf eine Astspitze hinaus, springt von dort mit einem kr\u00e4ftigen Satze ab, streckt in der Luft alle Glieder von sich und schwebt nun langsam, schief von oben nach unten, Hber Zwischenr\u00e4ume, deren Weite nicht selten zweihundert Fu\u00df betragen soll. Niemals erhebt sich der Flattermaki w\u00e4hrend seines Schwedens \u00fcber die H\u00f6he, aus welcher er seinen Sprung begann, sondern immer senkt er sich in einer sehr geneigten Ebene nach unten, und nur durch Klettern erreicht er von dort aus wiederum eine gewisse H\u00f6he, also nie eine gr\u00f6\u00dfere, als die eines Baumwipsels.\nDer gemeine oder rothe Flattermaki (Galeopithecus rufus oder volans).\nAlle Flattermakis sind ganz harmlose, sanftm\u00fcthige und bei dem Reichthum ihrer Heimat vollkommen unsch\u00e4dliche Gesch\u00f6pfe. Sie vertheidigen sich nicht einmal, wenn sie angegriffen werden. Unter sich leben sie h\u00f6chst friedlich. \u25a0\u2014 Das Weibchen wirft zwei Junge, welche sich bald nach der Geburt an seiner Brust festklammern und von ihm mit herumgetragen, sehr geliebt und mit vielem Vergn\u00fcgen beleckt und geputzt werden. \u2014 Die Eingebornen jagen den Thieren nach, um das Fleisch zu erhalten, welches sie als wohlschmeckend r\u00fchmen, w\u00e4hrend die Europ\u00e4er es h\u00f6chst widerlich nennen.\nUeber gefangen gehaltene Flattermakis fehlen uns leider noch ausreichende Beobachtungen.\n----------S2S2\"","page":152},{"file":"p0153.txt","language":"de","ocr_de":"vierte Ordnung.\nDie Flatterthiere (Chiroptera).\nehe bei uns an sch\u00f6nen Sommertagen die Sonne vollkommen zur R\u00fcste gegangen ist, beginnt eine der merkw\u00fcrdigsten Ordnungen unserer ganzen Klasse ihr eigenth\u00fcmliches Leben. Aus allen Ritzen, H\u00f6hlen und L\u00f6chern hervor kriecht eine d\u00fcstere, n\u00e4chtige Schar, welche sich bei Tage scheu zur\u00fcckgezogen hatte, als d\u00fcrste sie sich im Lichte der Sonne nicht zeigen, und r\u00fcstet sich zu ihrem n\u00e4chtlichen Werke. Je mehr die D\u00e4mmerung hereinbricht, um so gr\u00f6\u00dfer wird die Anzahl dieser dunklen Gesellen, bis mit eintretender Nacht alle munter geworden sind und nun ihr Wesen treiben. Halb S\u00e4ugethier, halb Vogel, stellen sie eines jener merkw\u00fcrdigen Bindeglieder zwischen einer Klasse zur andern dar, und dieser Halbheit entspricht auch ihr ganzer K\u00f6rperbau und ihre Lebensweise. Sie sind eben weder das Eine noch das Andere ganz: sie sind gleichsam ein Zerrbild der vollendeten Fluggestalt des Vogels, aber auch ein Zerrbild des S\u00e4ugethiers. Wir bezeichnen die betreffenden Thiere mit dem Namen Flederm\u00e4use, aber nur die allerwenigsten Mitglieder der ganzen Ordnung sind uns bekannt. Unser Vaterland liegt n\u00e4mlich an der Grenze ihres Verbreitungskreises und beherbergt blos noch kleine, zarte, schw\u00e4chliche Arten. Im S\u00fcden ist es anders.\nJe mehr wir uns dem hei\u00dfen Erdg\u00fcrtel n\u00e4hern, um so mehr nimmt die Zahl der Flatterthiere zu und mit der Zahl auch der Wechsel und Gestaltenreichthum. Der S\u00fcden ist die eigentliche Heimat der Flatterthiere. Schon in Italien, Griechenland und Spanien bemerken wir den auffallenden Reichthum an Flederm\u00e4usen. Wenn dort der Abend naht, kommen sie nicht zu Hunderten, sondern zu Tausenden aus ihren Schlupfwinkels hervorgekrochen und erf\u00fcllen die Luft mit ihrer Menge. Aus jedem Haus, aus jedem alten Gem\u00e4uer, aus jeder Felsenh\u00f6hle flattern sie heraus, als ob ein gro\u00dfes Heer seinen Auszug halten wolle, und schon w\u00e4hrend der D\u00e4mmerung ist der ganze Gesichtskreis buchst\u00e4blich erf\u00fcllt von ihnen. Wahrhaft \u00fcberraschend aber ist die Menge der Flatterthiere, welche man in hei\u00dfen L\u00e4ndern bemerkt. Es ist \u00e4u\u00dferst anziehend und unterhaltend, einen Abend vor den Thoren einer gr\u00f6\u00dfern Stadt des Morgenlandes oder Indiens zuzubringen. Die Schw\u00e4rme der Flederm\u00e4use, welche der Abend dort erweckt, verdunkeln buchst\u00e4blich die Lust. Sehr bald verliert man alle Sch\u00e4tzung; denn allerorts sieht man Massen der dunkeln Gestalten, welche sich durch die Luft fortw\u00e4lzen. Ueberall lebt es und bewegt es sich, zwischen den B\u00e4umen der G\u00e4rten, der Haine oder W\u00e4lder schwirrt es dahin, \u00fcber die Felder flattert es in geringer oder bedeutender H\u00f6he, durch die Stra\u00dfen der Stadt, die H\u00f6fe und Zimmer geht der bewegliche Zug. Hunderte kommen und Hunderte verschwinden. Man ist best\u00e4ndig von einer schwebenden Schar umringt!\nDie Flatterthiere oder Handfl\u00fcgler sind vorzugsweise durch ihre \u00e4u\u00dfere K\u00f6rpergestalt ausgezeichnet. Sie haben im Allgemeinen einen gedrungenen Leibesbau, kurzen Hals und einen dicken, l\u00e4nglichen Kopf mit weiter Mundspalte. In der Gesammtk\u00f6rperbildung stimmen sie am meisten mit den Affen \u00fcberein und haben wie diese zwei Brustzitzen. Allein in allem Uebrigen unterscheiden sie sich auffallend genug von den genannten Thieren. Ihre Vvrderh\u00e4nde sind zu Flugwerkzeugen","page":153},{"file":"p0154.txt","language":"de","ocr_de":"154\nDie Flatterthiere.\numgewandelt und deshalb riesig vergr\u00f6\u00dfert, der Leib aber ist auf das geringste Ma\u00df der Gr\u00f6\u00dfe zur\u00fcckgef\u00fchrt worden. So kommt es, da\u00df die Thiere wohl gro\u00df erscheinen, w\u00e4hrend sie in Wirklichkeit mit die kleinsten S\u00e4ugethiere sind. Die inneren Leibestheile zeigen eigenth\u00fcmliche Merkmale. Das Knochenger\u00fcst ist immer leicht gebaut, gleichwohl aber kr\u00e4ftig, und die Knochen selbst enthalten niemals luftgef\u00fcllte R\u00e4ume, wie bei den V\u00f6geln. Der Sch\u00e4del ist in einen zarten Hirn- und einen noch zartern Gesichtstheil deutlich geschieden; alle seine Theile sind ohne sichtbare N\u00e4hte mit einander verwachsen. Sehr auffallend ist die Bildung des Zwischenkiefers; denn die beiden Acste desselben sind entweder getrennt oder im Gaumen angeheftet. Die Wirbel sind breit und kurz, die Rippen lang, breit und stark gekr\u00fcmmt, die H\u00fcftknochen schmal und gestreckt, die Schl\u00fcsselbeine und Schulterbl\u00e4tter dagegen dick und stark. Am auffallendsten ist jedoch die Handbildung. Ober- und Unterarm und die Finger der H\u00e4nde sind au\u00dferordentlich verl\u00e4ngert, namentlich die hinteren drei Finger, denn diese sind l\u00e4nger, als der Oberarm. Hierdurch werden die Finger zum Verbreitern der zwischen ihnen sich ausspannenden Flughaut ebenso geschickt, wie zu anderen Dienstleistungen untauglich. Nur der Daumen, welcher an der Bildung des Flugf\u00e4chers keinen Antheil nimmt, hat mit den Fingern anderer S\u00e4uger noch Aehnlichkeit; er ist, wie gew\u00f6hnlich, zweigliedrig und kurz und tr\u00e4gt eine starke Kralle, welche dem Thiere beim Klettern und Sichfesth\u00e4ngen^die ganze Hand ersetzen mu\u00df. Die Oberschenkelknochen sind viel k\u00fcrzer und schw\u00e4cher, als die Oberarmknochen, wie \u00fcberhaupt alle Knochen des Beines auffallend hinter denen des Armes zur\u00fcckstehen. Die Beine sind ziemlich regelm\u00e4\u00dfig gebildet: der Fu\u00df theilt sich auch in f\u00fcnf Zehen, und diese tragen Krallenn\u00e4gel: allein sein Eigenth\u00fcmliches hat der Fu\u00df\t,\ndoch; denn von der Ferse aus l\u00e4uft ein nur bei den Flederm\u00e4usen vorkommender Knochen, das Spornbein, welches dazu dient, die Flughaut zwischen dem Schw\u00e4nze und dem Beine zu spannen.\nSo l\u00e4\u00dft, der Bau des Gerippes die Flatterthiere auch wiederum als Mittelglieder zwischen den V\u00f6geln und den vorweltlichen Fluchechsen erscheinen. Die Muskeln sind ebenfalls sehr eigenth\u00fcmlich, denn die Brustmuskeln sind ungew\u00f6hnlich stark, und zu den bei anderen S\u00e4ugethieren vorhandenen kommt ein g\u00e4nzlich neuer hinzu, welcher mit einem Ende am Sch\u00e4del, mit dem andern aber an der Hand angewachsen ist, und dazu dient, den Fl\u00fcgel spannen zu helfen. Das Gebi\u00df \u00e4hnelt dem der Ranbthiere, namentlich der kerffressenden. Es enth\u00e4lt alle Zahnarten in geschlossenen Reihen, die\tj\nAnzahl und die Form der Z\u00e4hne ist aber gro\u00dfem Wechsel unterworfen. Starke Kaumuskeln, eine ganz freie Zunge, innere Backentaschen, welche bei einigen vorkommen, ein runzeliger, schlauch-- f\u00f6rmiger Magen und ein weiter Darmschlauch ohne Blinddarm zeichnen die Thiere au\u00dferdem noch\nwesentlich aus.\t'\nF\u00fcr uns ist jedenfalls die Entwicklung der Haut am merkw\u00fcrdigsten. Die H\u00e4ute der Flatterthiere sind es, welche nicht nur die ganze K\u00f6rpergestaltung, sondern namentlich auch den Gesichtsbau bedingen und somit die Ursache werden, da\u00df die Fledermaus gesichter so ungeheuerliche stnd.\nDie breit ge\u00f6ffnete Schnauze tr\u00e4gt allerdings auch mit bei, da\u00df der Gesichtsausdruck em ganz eigenth\u00fcmlicher wird: die Hautwucherung an den Ohren und der Nase aber ist es, welche dem Gesicht sein eigenth\u00fcmliches Gepr\u00e4ge und \u2014 nach der Ansicht der Meisten wenigstens \u2014 ferne H\u00e4\u00dflichkeit giebt.\n\u201eKeine einzige Thiergruppe,\" sagt Blasius, \u201ehat eine solche Entwickelung des Hautsystems aufzuweisen. Es zeigt sich Dies in der Ausbildung der Ohren und der Nase, wie in der der Flugh\u00e4ute. Die Ohren haben bei allen Arten eine auffallende Gr\u00f6\u00dfe. Ihre L\u00e4nge wird bei einigen Arten von der des K\u00f6rpers \u00fcbertrosfen, und in der Breite dehnen sich beide Ohren in einzelnen F\u00e4llen zu einer einzigen, geschlossenen Ohrenmuschel aus. Bei manchen Arten nimmt die Umgebung der Nasenl\u00f6cher und der Nasenr\u00fccken in seltsamer Weise an dieser Wucherung den gr\u00f6\u00dften Theil, und hierdurch werden Gesichtsbildungen hervorgebracht, welche ihres Gleichen nicht auszuwerfen haben. In der Entwickelung der Flugh\u00e4ute nicht allein, sondern auch in aller \u00fcbrigen Hautbildung der Ohren- und Nasenhaut haben die Flederm\u00e4use Eigenth\u00fcmlichkeiten, durch die sie sich von allen \u00fcbrigen -hwr-ordnungen auffallend unterscheiden und durch welche ihre Bewegung und Lebensweise bis ins Einzelne bedingt scheint.\"","page":154},{"file":"p0155.txt","language":"de","ocr_de":"Verbreitung der Flatterthiere bei uns ittib im S\u00fcden. K\u00f6rperbau. Flugf\u00e4higkeit.\t155\n\u201eMit der Gestalt der Flugh\u00e4ute h\u00e4ngt die Flugf\u00e4higkeit und das Gepr\u00e4ge der Flugbewegung genau zusammen. Eine gr\u00f6\u00dfere Verschiedenheit in dieser Beziehung ist kaum unter den V\u00f6geln ausgebildet. Die Arten mit langen, schlanken Fl\u00fcgeln haben den raschen und gewandten Flug der Schwalben, die mit breiten, kurzen Fl\u00fcgeln erinnern im Fluge an die flatternde, unbeholfene Bewegung der H\u00fchner. Man kann die Gestalt des Fl\u00fcgels ziemlich genau nach dem Verh\u00e4ltni\u00df der L\u00e4nge des f\u00fcnften Fingers zur L\u00e4nge des dritten oder zur L\u00e4nge der ganzen Flughaut beurtheilen. Die L\u00e4nge der Flughaut umfa\u00dft au\u00dfer der des dritten Fingers noch die des Ober- und Unterarms. Die Breite der Flughaut ist ungef\u00e4hr durch die L\u00e4nge des f\u00fcnften Fingers dargestellt.\"\n\u201eWer die Flederm\u00e4use in der Natur beobachtet hat, wird eine auffallende Uebereinstimmung in diesen Verh\u00e4ltnissen mit der Schnelligkeit und Gewandtheit in der Flugbewegung der einzelnen Arten anerkennen m\u00fcssen. Die gr\u00f6\u00dfte Gewandtheit und Schnelligkeit im Fluge hat unter den deutschen Arten entschieden die fr\u00fch flieg ende Fledermaus. Man sieht sie zuweilen schon vor Sonnenuntergang thurmhoch und in raschen, k\u00fchnen Wendungen mit den Schwalben umher fliegen; und diese Art hat verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig den schlanksten und l\u00e4ngsten Fl\u00fcgel, \u00fcber dreimal so lang, als breit. Ihr schlie\u00dfen sich alle diejenigen Arten an, deren Fl\u00fcgel \u00e4hnlich gebildet sind. Sie fliegen s\u00e4mmtlich rasch und hoch, in den manchfaltigsten, oft pl\u00f6tzlichen Wendungen und sind in ihren Bewegungen so sicher, da\u00df sie sogar Sturm und Unwetter nicht scheuen. Der Fl\u00fcgel beschreibt im Fluge in der Regel einen kleinen, spitzen Winkel, und nur bei pl\u00f6tzlichen Wendungen holen sie weiter aus, und so ist der Flug h\u00f6chst manchfaltig und rasch bei einer leichten, weniger angestrengten Fl\u00fcgelbewegung.\"\n\u201eDie geringste Flugfertigkeit besitzen die Arten, welche zu den Sippen Vespertilio und Rhino-lophus geh\u00f6ren. Sie haben im Verh\u00e4ltni\u00df zu den \u00fcbrigen die breitesten und k\u00fcrzesten Fl\u00fcgel, meistens kaum drittehalbmal so lang, als breit. Die Fl\u00fcgel dieser Arten beschreiben einen gro\u00dfen, meist stumpfen Winkel. Der Flug ist flatternd, langsam und unsicher. Gew\u00f6hnlich fliegen sie niedrig und in gerader Richtung in Stra\u00dfen und Alleen hin,- ohne rasche Biegungen und Seitenbewegungen, einige sogar nur wenige Zoll \u00fcber dem Boden oder der Wasserfl\u00e4che.\"\n\u201eEs h\u00e4lt nicht schwer, nach der H\u00f6he des Fluges, der Art der Bewegung und der Gr\u00f6\u00dfe des Thieres jede Art im Fluge zu unterscheiden; und man kann nicht irre gehen, wenn man aus dem Bau des Fl\u00fcgels auf die Flugfertigkeit schlie\u00dft.\" Im Allgemeinen aber ist der Flug aller Handfl\u00fcgler keineswegs ein dauernder, sondern nur ein zeitweiliger. Er wird durch immerw\u00e4hrende Bewegung der Arme hervorgebracht. Der Vogel kann schweben, die Fledermaus nur flattern. \u00c4hr Flattern oder Schwirren wird durch ihren K\u00f6rperbau sehr erleichtert. Die starken Brustmuskeln des Vorderk\u00f6rpers, der leichte und eingezogene Unterleib, die bis zu dreifacher K\u00f6rperl\u00e4nge ausgedehnten Arme und H\u00e4nde und die zwischen Armen, H\u00e4nden und Fingern ausgespannte elastische Haut bef\u00f6rdern diese Bewegung, w\u00e4hrend das Schweben unm\u00f6glich wird, weil keiner der Fledermausknochen luftf\u00fchrend ist, die Leibesh\u00f6hle nicht die gro\u00dfen Lufts\u00e4cke des Vogelleibes enth\u00e4lt und vor Allem, weil das Flatterthier keine Steuer- und Schwingfedern besitzt. Sein Flug ist ein immerw\u00e4hrendes Schlagen auf die Luft, niemals ein l\u00e4ngeres Durchgleiten oder Durchschie\u00dfen derselben ohne Fl\u00fcgelbewegung.\nUm leichter ihre Flughaut breiten und aufflattern zu k\u00f6nnen, befestigen sich alle Handfl\u00fcgler w\u00e4hrend ihrer Ruhe mit den Krallen der Hinterbeine an irgend einen erhabenen Gegenstand und lassen ihren ganzen K\u00f6rper nach abw\u00e4rts h\u00e4ngen. Bevor sie aufflattern, ziehen sie den Kopf von der Brust ab, heben den Arm, breiten die Finger sammt dem Mittelarmknochen aus einander, strecken den in der Ruhe angezogenen Schwanz sammt den Sporen am Fu\u00dfe, lassen sich los und beginnen nun sogleich und ohne Unterbrechung schnell nach einander mit ihren Armen die Luft zu schlagen. Mit der Schwanzhaut wird gesteuert; aber dieses Steuer ist nat\u00fcrlich bei weitem unvollkommener, als das der V\u00f6gel. Eine solche Bewegung bedingt eine ganz eigenth\u00fcmliche Fluglinie, welche K\u00f6lenati sehr bezeichnend eine geknitterte nennt.\nVom Boden k\u00f6nnen sich die Flatterthiere nicht so leicht aufheben; sie helfen sich aber dadurch, da\u00df sie zuerst die Arme und die Flughaut ausbreiten und ihren K\u00f6rper durch Unterschieben der F\u00fc\u00dfe","page":155},{"file":"p0156.txt","language":"de","ocr_de":"156\nDie Flatterthiere.\netwas aufrichten, ein oder mehrere Male in die H\u00f6he springen und sich dann flatternd erheben. Ist Dies ihnen gegl\u00fcckt, dann geht der Flug ziemlich rasch vorw\u00e4rts. Wie erm\u00fcdend aber derselbe ist, sieht man am besten daraus, da\u00df die Flederm\u00e4use sich oft schon nach sehr kurzem Fluge zum Ausruhen an Baum\u00e4ste, 'Mauervorspr\u00fcnge und dergleichen anh\u00e4ngen und dann erst wieder ihre Bewegung fortsetzen. Keine Fledermaus w\u00fcrde im Stande sein, in so ununterbrochener Weise zu fliegen, wie z.B. ein Mauersegler, und aus diesem Grunde ist allen Flatterthieren auch eine Winterwanderung, wie V\u00f6gel sie unternehmen, geradezu unm\u00f6glich.\nUebrigens dienen die H\u00e4nde der Flatterthiere nicht einzig und allein zum Flattern, sondern auch zum Laufen auf der Erde. Der Gang aller Flatterthiere ist zwar nicht so schlecht, als man von vornherein annehmen m\u00f6chte, bleibt aber dennoch ein erb\u00e4rmliches Dahinhumpeln. Das Thier zieht dabei die Hinterf\u00fc\u00dfe unter den Leib, hebt bei seiner Bewegung den Hinterk\u00f6rper und st\u00f6\u00dft dadurch den ganzen Leib vorw\u00e4rts; denn die Handwurzel und namentlich die Daumenkralle dient dem Vorderende nur zur St\u00fctze. Einige Arten laufen \u00fcbrigens beinahe so schnell, wie eine Ratte. Beim Klettern h\u00e4keln sich die Flatterthiere mit der scharfen Kralke des Daumens oder der Hand an und schieben mit den Hinterf\u00fc\u00dfen wechselseitig nach. Geschickte Bewegungen und Wendungen, wie sie solche im Fluge auszuf\u00fchren f\u00e4hig sind, k\u00f6nnen sie im Gehen otzer Klettern nicht machen, und auf die Hinterbeine allein k\u00f6nnen sie sich gar nicht stellen, weil das Uebergewicht des K\u00f6rpers nach vorn liegt und die Hinterbeine ganz schw\u00e4chliche Gliedma\u00dfen sind. Gleichwohl sind dieselben stark genug, den Leib nicht blos den ganzen Tag, sondern w\u00e4hrend des Winterschlafs \u2014 oft vier volle Monate hindurch \u2014 fest zu halten und zu tragen. Sehr eigenth\u00fcmlich ist die Verschiedenheit der Stellungen und Richtungen, welche die Gliedma\u00dfen bei den verschiedenen Bewegungen annehmen k\u00f6nnen.\nNach diesen Bemerkungen m\u00fcssen wir noch einmal r\u00fcckw\u00e4rts blicken und jetzt ausf\u00fchrlicher die Beh\u00e4utung der Flatterthiere, nameutlich die Flatter- oder Flughaut betrachten. Sie ist die Fortsetzung der Oberhaut, der F\u00e4rbestoff- (Pigment-) Schichten und der Lederhaut beider Leibesseiten, besteht demgem\u00e4\u00df aus zwei Platten, von denen die eine vom R\u00fccken, die andere von der Bauchseite herr\u00fchrt. Au\u00dfer diesen beiden Platten sind in der Flatterhaut noch eine neue, elastische Haut und zwei Muskelfaserschichten enthalten, welche zwischen den \u00e4u\u00dferen Theilen liegen. Die erst vor Kurzem aufgefundene elastische Haut ist im hohen Grade dehnbar oder besser zusammenziehbar und zeigt bei etwa dreihundertmaliger Vergr\u00f6\u00dferung ein h\u00f6chst eigenth\u00fcmliches, filzartiges Gewebe. Sie ist f\u00fcr die ganze Flughaut von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit, weil durch sie die Ern\u00e4hrung derselben besorgt wird. Au\u00dferdem aber wird die \u00e4u\u00dfere Flatterhaut auch noch mit einer schmierigen, \u00f6ligen, starkriechenden Fl\u00fcssigkeit besonders eingerieben. Diese Schmiere wird von gelben, plattgedr\u00fcckten Dr\u00fcsen abgesondert, welche sich im Gesicht zwischen den Nasenl\u00f6chern und Augen befinden und einen oder mehrere Ausf\u00fchrungskan\u00e4le besitzen. Das Thier bestreicht seine Flughaut jedesmal nach dem Erwachen und unmittelbar vor dem Flattern und erh\u00e4lt sie so stets geschmeidig und fettig. Die ganze Haut selbst theilt man in die Vorarm-, Flanken-, Finger-, Schenkel- oder Schwanz- und Sporen-slatterhaut; die Fingerflatterhaut zerf\u00e4llt wieder in vier besondere F\u00e4cher. Ein Blick auf irgend eine Abbildung wird diese Eintheilungen leicht erkenntlich machen.\nSehr eigenth\u00fcmlich ist auch der Bau aller Haare der Handfl\u00fcgler. Man kann hier nicht von Grannen- und Wollhaar sprechen. Die einzelnen Haare vereinigen den Zweck beider in sich. An der Wurzel ist das einzelne Haar schmal und rissig, weiter oben zeigt es deutliche, schraubenartige Umg\u00e4nge, nimmt an Dicke zu, wird dann wieder schw\u00e4cher, die Umg\u00e4nge werden undeutlicher, das Haar wird nochmals dicker und verschm\u00e4lert sich dann endlich gegen die Spitze hin. Die Zahl der Umg\u00e4nge schwankt zwischen f\u00fcnf- und elfhundert. Der Zweck dieser merkw\u00fcrdigen Bauart ist leicht zu begreifen. Sie ersetzen das fehlende Wollhaar, indem sie die von dem K\u00f6rper ausstr\u00f6mende erw\u00e4rmte Luft an ihren breiteren Stellen abschlie\u00dfen, gleichsam stauen, und hierdurch dem Thiere seine W\u00e4rme erhalten. Es ist sehr zu beachten, da\u00df der Bau der einzelnen Haare bei den verschiedenen Arten ebenfalls ein verschiedener ist. \u2014","page":156},{"file":"p0157.txt","language":"de","ocr_de":"Gang. Bau der Flughaut und der Haare. Tag- und Nachtleben. Wohnung. Nahrung. 157\nAlle Flatterthiere schlafen bei Tage und schw\u00e4rmen bei Nacht. Die meisten kommen erst gegen die Abendd\u00e4mmerung zum Vorschein und ziehen sich schon lange vor Sonnenaufgang wieder in ihre Schlupfwinkel zur\u00fcck; einzelne Arten jedoch erscheinen schon viel fr\u00fcher, manche bereits Nachmittags zwischen drei und f\u00fcnf Uhr und schw\u00e4rmen trotz des hellsten Sonnenscheins lustig herum. Jede Art hat ihre eigenth\u00fcmlichen Jagdgebiete: in W\u00e4ldern, Baumg\u00e4rten, Alleen und Stra\u00dfen, \u00fcber langsam flie\u00dfenden oder stehenden Wasserfl\u00e4chen u. s. w., aber seltener im freien Felde, aus dem sehr einfachen Grunde, weil es dort f\u00fcr sie Nichts zu jagen giebt. In dem reichern S\u00fcden fiuden sie sich auch dort, namentlich \u00fcber Mais- und Reisfeldern, weil diese stets eine Menge von Kerbthieren beherbergen und hierdurch den Flederm\u00e4usen gute Beute liefern. Gew\u00f6hnlich streichen sie nur durch ein kleines Gebiet von vielleicht tausend Schritten im Durchmesser. Andere, d. h. die gr\u00f6\u00dferen, m\u00f6gen vielleicht \u00fcber eine halbe Stunde Wegs durchstreifen, und von den gro\u00dfen s\u00fcdlichen Arten, den sogenannten Flatterhunden, behauptet man, da\u00df sie wohl auch mehrere Meilen weit reisen k\u00f6nnten. Sobald sie m\u00fcde werden, h\u00e4ngen sie sich, wie ich schon bemerkte, eine Zeit lang auf und schw\u00e4rmen weiter, nachdem sie ausgeruht haben. Die Flederm\u00e4use scheinen sich gewisserma\u00dfen abzul\u00f6sen; denn die Fr\u00fchfliegenden schw\u00e4rmen blos in der D\u00e4mmerung, andere nach und vor der Morgend\u00e4mmerung, wieder andere blos in den mittleren Nachtstunden umher.\nBei Tage halten sich alle Flatterthiere versteckt in den verschiedenartigsten Schlupfwinkeln. Bei uns zu Lande sind hohle B\u00e4ume, leere H\u00e4user und seltener auch Felsenritzen oder H\u00f6hlen ihre Schlafpl\u00e4tze. Im S\u00fcden h\u00e4ngen sich viele Arten frei an die Baumzweige auf, sobald diese ein dichtes Dach bilden, bei weitem die meisten aber wohnen in H\u00f6hlen der Gebirge, in alten Ruinen, Tempeln und dergleichen. Geb\u00e4ude, in denen sie wenig gest\u00f6rt werden, sind ihnen stets erw\u00fcnschte Aufenthaltsorte. In S\u00fcdamerika, zuweilen auch bei uns, schlafen sie oft unter Baumrinden. Nicht selten ruhen sie auch in Schornsteinen, und daher ist die oft ausgesprochene und ebenso oft mit Recht bek\u00e4mpfte Meinung entstanden, da\u00df sie dem Speck und anderm ger\u00e4ucherten Fleische nachgingen. Sie sind in der Aufsuchung ihrer Schlupfwinkel keineswegs sehr w\u00e4hlerisch, nur m\u00fcssen diese trocken, warm, gesch\u00fctzt und besonders von oben gedeckt sein, wom\u00f6glich auch vom Eingang an in die H\u00f6he gehen.\nSie sind gesellig, doch nur unter gewissen Umst\u00e4nden. Manche veschiedene Arten hassen sich und fressen einander auf, wenn sich Dies pa\u00dft. Die blutsaugenden Blattnasen z. B. greifen, wie Kolenati sehr h\u00fcbsch beobachtete, die gro\u00df\u00f6hrigen Flederm\u00e4use an, um ihnen Blut auszusaugen, und diese fressen ihre Feinde daf\u00fcr auf, handeln also vern\u00fcnftiger, als Menschen, welche sich von Blutsaugern ihres Geschlechts ruhig brandschatzen lassen, ohne sie unsch\u00e4dlich zu machen.\ti\nDie Nahrung der Flatterthiere besteht in Fr\u00fcchten, in Kerbthieren, unter Umst\u00e4nden auch in Wirbelthieren und in dem Blute, welches sie gr\u00f6\u00dferen Thieren aussaugen. Die in Europa wohnenden Flatterthiere, bekanntlich nur echte Flederm\u00e4use, verzehren blos Kerbthiere, namentlich Nachtschmetterlinge, K\u00e4fer, Fliegen und M\u00fccken. Der Verdacht, da\u00df sie Speck fressen, ist ein vollkommen ungerechtfertigter; denn sie verhungern lieber, ehe sie denselben anr\u00fchren, w\u00e4hrend sie dagegen lebende Kerfe auch in der Gefangenschaft mit Gier verschlingen. Nachtschmetterlinge, K\u00e4fer, Fliegen und M\u00fccken bilden ihre Hauptnahrung, und wenn man am Morgen nach warmen Sommern\u00e4chten in Baumg\u00e4ngen hingeht, findet man gewi\u00df sehr h\u00e4ufig die Ueberbleibsel ihrer Mahlzeiten, namentlich abgefressene Fl\u00fcgel und dergleichen. Ihr Hunger ist au\u00dferordentlich; die gr\u00f6\u00dferen fressen bequem ein Dutzend Maik\u00e4fer, die kleinsten ein Schock Fliegen, ohne ges\u00e4ttigt zu sein. Gr\u00f6\u00dfere Kerfe stemmen sie, nachdem sie dieselben gefangen haben, an die Brust und fressen sie so langsam hinter; kleinere werden ohne weiteres verschlungen. Je lebhafter ihre Bewegung ist, um so mehr Nahrung bed\u00fcrfen sie, und aus diesem Grunde sind sie f\u00fcr uns au\u00dferordentlich n\u00fctzliche Thiere, welche die gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichste Schonung verdienen. Nicht so ist es mit den blutsaugenden Flederm\u00e4usen, welche zuweilen recht sch\u00e4dlich werden k\u00f6nnen, oder auch mit den Fruchtfressern aus unserer Ordnung, welche nicht selten ganze Fruchtpflanzungen, zumal Weinberge zerst\u00f6ren.","page":157},{"file":"p0158.txt","language":"de","ocr_de":"158\nDie Flatterthiere.\nEine recht h\u00fcbsche Beobachtung hat neuerdings Heuglin gemacht: die Flederm\u00e4use Afrikas ziehen ihrer Nahrung wegen den Herden nach!\n\u201eIn den Bogosl\u00e4ndern,\" sagt dieser Forscher, \u201ewird sehr starke Viehzucht getrieben, und die Herden kommen, wenn in ferneren Gegenden bessere Weide und mehr Trinkwasser sich finden, oft monatelang nicht zu den Wohnungen der Besitzer zur\u00fcck. Bei unserer Ankunft in Keeren waren alle Rinderherden sammt 'den Miriaden von Fliegen, welche sie \u00fcberall hin begleiten, in den Tiefl\u00e4ndern des Barka und Flederm\u00e4use hier au\u00dferordentlich selten. Gegen Ende der Regenzeit sammelten sich auf etwa einen Monat fast alle den hiesigen Bogos geh\u00f6rigen Herden in der n\u00e4chsten Umgebung, und gleichzeitig erschienen auch die kerbthierfressenden D\u00e4mmerungs- und Nachtflederm\u00e4use in ganz unglaublicher Zahl; mit Abzug der letzten Herde verschwanden auch sie wieder spurlos. In der Nacht vom 30. September auf den 1. \u00a3> dotier lagerten wir auf einer drei Stunden s\u00fcdlich von Keeren gelegenen Hochebene in der N\u00e4he von Umz\u00e4unungen, welche zu Aufnahme von Rindvieh bestimmt waren. Da sich die Herden in anderen Theilen des Gebirgs befanden, beobachteten wir nur ein oder zwei Flederm\u00e4use auf der f\u00fcr diese Familie \u00e4u\u00dferst g\u00fcnstigen Oertlichkeit. Tags darauf kehrten die Herden an die besagte Stelle zur\u00fcck und schon an demselben Abend hatte die Zahl der Flederm\u00e4use ganz auffallend zugenommen. Es entsteht nun die Frage, ob sie wirklich ihre Standorte \u00e4ndern oder von denselben aus allabendlich oft weite Jagdfl\u00fcge machen, um die Fliegen aufzusuchen, welche die Herden begleiten. Ich glaube an eine Ver\u00e4nderung der Standorte, weil an den betreffenden Stellen die Thiere Abends so zeitig erschienen, da\u00df sie unm\u00f6glich auf dem Platze sein k\u00f6nnten, ohne stundenlange Reisen bei Tag gemacht zu haben, und ich habe hier niemals Flederm\u00e4use vor der Abendd\u00e4mmerung fliegend entdecken k\u00f6nnen.\"\nIch meinestheils habe w\u00e4hrend meiner fr\u00fcheren Reisen in Afrika nicht eben sehr auf die Flederm\u00e4use geachtet, wohl aber auf meinem letzten Jagdausfluge nach ebendenselben Gegenden, von denen Heuglin spricht, und kann ihm nur Recht geben. Deshalb erscheint es mir nun auch durchaus nicht mehr unwahrscheinlich, da\u00df weit mehr unserer Flatterthiere, als wir annehmen^ wirklich wandern, wenn auch in beschr\u00e4nkterer Weise, als die V\u00f6gel. Da\u00df einige Flederm\u00e4use hei uns manchmal von der H\u00f6he zur Tiefe und umgekehrt zogen, ja, da\u00df sie gegen den Winter hin nach s\u00fcdlicher gelegenen Gegenden pilgerten, war l\u00e4ngst bekannt. \u2014\nDie Verdauung aller Flatterthiere ist sehr lebhaft. An ihren Schlupfwinkeln sammeln sich deshalb auch bald gro\u00dfe Kothhaufen an, und diese haben einen so durchdringenden Geruch, da\u00df ganze Geb\u00e4ude von den Thieren f\u00f6rmlich verpestet werden k\u00f6nnen. Sehr eigenth\u00fcmlich ist die Art und Weise, wie sie sich ihres Unraths entleeren. Man kann Dies von vornherein annehmen, wenn man eine aufgeh\u00e4ngte Fledermaus ansieht; doch mu\u00df man sie bei jenem Gesch\u00e4ft beobachtet haben, wenn man sich eine rechte Vorstellung machen will. Jede Fledermaus, welche ihren Koth von sich geben will, mu\u00df sich n\u00e4mlich in eine wagrechte Lage bringen, um misten zu k\u00f6nnen. Sie l\u00e4\u00dft dabei einen ihrer Hinterf\u00fc\u00dfe los und st\u00f6\u00dft mit ihm gegen die Decke, um in eine schaukelnde Bewegung zu gelangen. Nachdem sie geh\u00f6rig in Schwung gekommen ist, greift sie mit der Daumenkralle des ausgestreckten Armes an die Decke oder an eine andere, ihr nahe h\u00e4ngende Fledermaus und klammert sich hier an. Nunmehr ist sie in der geeigneten Lage, um ihr Bed\u00fcrfni\u00df verrichten zu k\u00f6nnen.\nW\u00e4rme ist f\u00fcr alle Flatterthiere eine durchaus nothwendige Bedingung. In dem kalten Erdg\u00fcrtel kommt keine Fledermaus vor, auch bei uns sind sie noch immer nicht besonders zahlreich, weder an Arten, noch an St\u00fcckzahl, w\u00e4hrend sie im S\u00fcden in ungeheuren Massen auftreten. Die meisten Arten werden schon durch Wind, Regen oder rauhe Witterung in ihren Schlupfwinkeln zur\u00fcckgehalten. Andere fliegen zwar an kalten Abenden, doch auch nur kurze Zeit, sie kehren immer so schnell als m\u00f6glich wieder nach ihren Schlupfwinkeln zur\u00fcck. Bei wirklichem Winde fliegen blos diejenigen Arten, welche einem starken Luftzug trotzen k\u00f6nnen, d. h. alle die schmalfl\u00fcgligen. Einige Arten verlassen, wie ich oben bemerkte, ihre Wohnorte bei Beginn der rauhern Jahreszeit und wenden sich mehr der Tiefe oder dem S\u00fcden zu; \u2014 leider aber fehlen uns \u00fcber solche Reisen noch gen\u00fcgende Beobachtuugen.","page":158},{"file":"p0159.txt","language":"de","ocr_de":"Wanderungen. W\u00e4rmebed\u00fcrfni\u00df. Winterschlaf. Zeugung. Sinne.\t159\nW\u00e4hrend des Sommers kehren unsere Flederm\u00e4use in der Regel t\u00e4glich nach demselben Schlupfwinkel zur\u00fcck, verlassen diesen jedoch nach einer St\u00f6rung f\u00fcr lange Zeit oder f\u00fcr immer.\nMit Eintritt der K\u00e4lte fallen alle Flederm\u00e4use, welche nicht wandern, m einen mehr oder weniger liefen Winterschlaf. Jede Art sucht sich hierzu einen m\u00f6glichst vor den Einfl\u00fcssen der Witterung gesch\u00fctzten Schlupfwinkel auf: H\u00f6hlen, Kellergew\u00f6lbe, warme D\u00e4cher, Dachsparren m der Nahe von Essen und dergleichen. Hier findet man sie in Klumpen, oft zu Hunderten, an den Hinterbeinen aufgeh\u00e4ngt und dicht zusammengedr\u00e4ngt, manchmal auch mit anderen Arten vereinigt, selbstverstan -lich nur mit solchen, mit welchen sie immer in freundschaftlichen Verh\u00e4ltnissen zusammenleben. Wjt selten gesellen sich auch Arten, welche sonst mit einander in offener Fehde leben. ^ Ihre Blutw\u00e4rme sinkt mit der W\u00e4rme der \u00e4u\u00dfern Luft herab, nicht selten bis auf vier, ja wie man sagt, bis auf einen Grad Reaumur, w\u00e4hrend die Blutw\u00e4rme sonst 24% Grad Reaumur ist, unb nun erstarren sie. Wenn aber die \u00e4u\u00dfere K\u00e4lte so gro\u00df wird, da\u00df das ohnehin nur noch gering erw\u00e4rmte Blut derselben nicht mehr widerstehen kann, erwachen die Flederm\u00e4use und beginnen, sich zu regen. Nicht selten erfrieren sie aber auch, zumal gefangene, welche man einer bedeutenden K\u00e4lte aussetzt. Solange die K\u00e4lte anh\u00e4lt, h\u00e4ngen sie gang ruhig, an w\u00e4rmeren Wintertagen aber beginnen sie, sich zu r\u00fchren, und manche Arten fliegen zuweilen mitten im Winter bei Thauwetter und Schnee umher. Wenn sie anfangen aufzuwachen, steigt ihre Blutw\u00e4rme rascher, als die W\u00e4rme der Luft. Nach der Witterung und der Verschiedenheit der Arten ist die Tiefe des Winterschlafs sehr verschieden. Nur wenige Arten schlafen ununterbrochen und, wie es scheint, die gr\u00f6\u00dferen Arten l\u00e4nger, als die kleineren. Die Zeit, in welcher die erwachenden Flederm\u00e4use im Fr\u00fchjahr wieder zum Vorschein kommen, ist sehr verschieden. Die kleineren Arten erscheinen zuerst, die gr\u00f6\u00dferen sp\u00e4ter.\nSchon wenige Wochen nach dem Ausfliegen im Fr\u00fchjahr macht sich die Liebe geltend. Die Thiere leben jetzt paarweise und begatten sich. Unter starkem und schwirrendem Geschrei verfolgen die M\u00e4nnchen ihre Weibchen, jagen und necken sie, st\u00fcrzen sich mit ihnen aus der Luft herab und treiben allerhand Kurzweil. Wahrscheinlich geschieht die Begattung selbst sitzend in L\u00f6chern; bisher hat sie noch kein Naturforscher beobachtet. Bald nach ihr trennen sich beide Geschlechter, und die Weibchen bewohnen nun gemeinschaftliche Schlupfwinkel, w\u00e4hrend die M\u00e4nnchen mehr einzeln, oft in ganz anderen Gegenden umherftreifen. Mein Vater beobachtete, da\u00df letztere nach der Begattung ganz f\u00fcr sich leben und stets einzeln, w\u00e4hrend die Weibchen sich zusammenrotten und gemeinschaftlich in den H\u00f6hlungen der B\u00e4ume oder in anderen Schlupfwinkeln wohnen; er h\u00e4lt es f\u00fcr sehr wahrscheinlich, da\u00df keine m\u00e4nnliche Fledermaus in die Frauengem\u00e4cher eindringen darf. Unter Dutzenden von Flederm\u00e4usen, welche zusammen gesunden wurden, fand er und sp\u00e4ter auch Kaup niemals ein\nM\u00e4nnchen, sondern immer nur tr\u00e4chtige Weibchen.\nWenige Wochen nach der Begattung (man nimmt an, nach f\u00fcnf bis sechs) werden, die Jungen geboren. Man hat Dies in der Gefangenschaft mehrere Male beobachtet. Das kreisende Weibchen h\u00e4ngt sich gegen seine Gewohnheit mit der scharfen Kralle beider Daumen der H\u00e4nde auf, kr\u00fcmmt den Schwanz mit seiner Flatterhaut gegen den Bauch und bildet somit einen Sack oder ein Becken, in welches das zu Tage kommende Junge f\u00e4llt. Sogleich nach der Geburt bei\u00dft die Alte den Nabelstrang durch, und das Junge h\u00e4kelt sich, nachdem es von der Mutter abgeleckt worden ist, an der Brust fest und saugt. Die blattn\u00e4sigen Fledermausweibchen haben in der N\u00e4he der Schamtheile zwei kurze, zitzenartige Anh\u00e4ngsel von dr\u00fcsiger Beschaffenheit, an welche sich die Jungen w\u00e4hrend der Geburt sofort ansaugen, um nicht auf die Erde zu fallen, weil diese Flederm\u00e4use w\u00e4hrend des Ge-b\u00e4rens ihren Schwanz zwischen den beiden eng an einander gehaltenen Beinen zur\u00fcck auf den R\u00fccken schlagen und keine Tasche f\u00fcr das an das Licht tretende Junge bilden. Sp\u00e4ter kriechen auch diese Jungen zu den Brustzitzen hinauf und saugen sich dort fest.\nAlle Flatterthiere tragen ihre Jungen w\u00e4hrend ihres Fliegens mit sich herum und zwar ziemlich lange Zeit, selbst dann noch, wenn die kleinen Thiere bereits selbst recht h\u00fcbsch flattern k\u00f6nnen und zeitweilig die Brust der Alten verlassen. Da\u00df Letzteres geschieht, habe ich an Flederm\u00e4usen","page":159},{"file":"p0160.txt","language":"de","ocr_de":"160\nDie Flatterthiere. Flughunde.\nbeobachtet, welche ich in den Urw\u00e4ldern Afrikas an B\u00e4umen aufgeh\u00e4ngt fand. \u2014 In etwa f\u00fcnf bis sechs Wochen haben die Jungen ihre volle Gr\u00f6\u00dfe erreicht.\nEs ist sehr m\u00f6glich, da\u00df die freilebenden Flederm\u00e4use, welche w\u00e4hrend ihrer Schwangerschaft zusammenwohnen, auch ihre Jungen in einer H\u00f6hlung zur Welt bringen; vielleicht schon deshalb, um sich gemeinschaftlich zu versorgen und zu erw\u00e4rmen. Wenn die Jungen slugbar sind, \u00e4ndert sich die Sache; dann haben nicht nur diese, sondern auch die M\u00e4nnchen im Frauengemache Zutritt.\nEine noch ungeborne Fledermaus hat ein sehr merkw\u00fcrdiges Ansehn. Wenn sie soweit ausgebildet ist, da\u00df man ihre Glieder erkennt, die Flughaut aber noch nicht wahrnehmen kann, hat sie mit einem ungebornen Menschenkinde viel Aehnlichkeit. Die Hinterf\u00fc\u00dfe sind n\u00e4mlich noch viel kleiner, als die vorderen, und die vortretende Schnauze zeigt das Thierische; aber der Bau des Leibes, der kurze, auf dem Brustk\u00f6rbe sitzende Hals, die breite Brust, die ganze Gestalt der Schulterbl\u00e4tter und besonders die Beschaffenheit der Vorderf\u00fc\u00dfe, welche mit ihren noch kurzen Fingern halbe H\u00e4nde bilden: alles Dies erinnert an den menschlichen Keim im ersten Zustande seiner Entwickelung.\nDie Sinne der Flatterthiere sind vortrefflich, aber bei den verschiedenen Arten sehr ungleichf\u00f6rmig entwickelt. Einzelne Sinneswerkzeuge zeichnen sich, wie ich bereits in der Einleitung andeutete, durch h\u00f6chst sonderbare Anh\u00e4ngsel und eigenth\u00fcmliche Vergr\u00f6\u00dferungen aus.\nWahrscheinlich steht der Geschmackssinn auf der tiefsten Stufe, doch ist auch er keineswegs stumpf zu nennen, wie die Beschaffenheit der Zunge, die Weichheit der Lippen und der Nervenreichthum beider schon im voraus schlie\u00dfen l\u00e4\u00dft. Au\u00dferdem hat man auch Versuche gemacht, welche die Sch\u00e4rfe des Sinnes beweisen. Wenn man n\u00e4mlich schlafenden, selbst halb erstarrten Flederm\u00e4usen einen Tropfen Wasser in die ge\u00f6ffnete Schnauze giebt, nehmen sie denselben ohne weiteres an und schlucken ihn hinter. Giebt mnn ihnen dagegen Branntwein, Tinte oder sonst eine \u00fcbelschmeckende Fl\u00fcssigkeit, so wird Alles regelm\u00e4\u00dfig zur\u00fcckgewiesen. Nicht minder ausgebildet ist das Auge. Im Verh\u00e4ltni\u00df zur Gr\u00f6\u00dfe des K\u00f6rpers mu\u00df man es gro\u00df nennen, namentlich der Stern ist einer bedeutenden Erweiterung f\u00e4hig. Allein das Auge kann manchen Arten ganz fehlen, ohne da\u00df sie eine bemerkliche Beeintr\u00e4chtigung dadurch erleiden. Der Gesichtssinn wiro \u00fcberhaupt durch Geruch, Geh\u00f6r und Gef\u00fchl wesentlich unterst\u00fctzt. Man hat mehrfach den Versuch gemacht, Flederm\u00e4use zu blenden, indem man ihnen einfach ein St\u00fcckchen englisches Pflaster \u00fcber die Augen klebte. Sie flogen aber trotz ihrer Blindheit noch genau ebenso geschickt im Zimmer umher, als sehend, und verstanden es meisterhaft, allen m\u00f6glichen Hindernissen, z. B. vielen, in verschiedenen Richtungen durch das Zimmer gezogenen Faden, auszuweichen. Der Sinn des Gef\u00fchls mag wohl gr\u00f6\u00dftentheils in der Flatterhaut liegen; wenigstens scheint Dies aus allen Beobachtungen hervorzugehen. Weit ausgebildeter aber als dieser Sinn sind Geruch und Geh\u00f6r. Die Nase ist bei allen echten Flederm\u00e4usen in hohem Grade vollkommen. Nicht blos, da\u00df sich die Nasenl\u00f6cher weit und breit \u00f6ffnen und durch eigenth\u00fcmliche Muskeln bald ge\u00f6ffnet, bald geschlossen werden k\u00f6nnen, besitzen die Thiere auch noch gro\u00dfe, bl\u00e4tterartige, ausgedehnte Anh\u00e4ngsel, welche jedenfalls nur dazu dienen k\u00f6nnen, den Geruch zu steigern. In \u00e4hnlicher Weise ist auch das Ohr gebaut. Es besteht aus einer sehr gro\u00dfen Ohrmuschel, welche oft bis gegen den Mundwinkel ausgezogen, mit besonderen Lappen und Ausschnitten versehen ist und au\u00dferordentlich leicht bewegt werden kann. Zudem ist noch eine gro\u00dfe, bewegliche, verschiedenartig geformte Klappe, der Ohrdeckel, vorhanden, welcher dazu dient, bei st\u00e4rkeren Ger\u00e4uschen oder T\u00f6nen, als sie die Fledermaus vertragen kann, das Ohr zu schlie\u00dfen und somit dem Thiere eine Qual zu ersparen, w\u00e4hrend dasselbe Anh\u00e4ngsel, wenn es gilt, ein sehr leises Ger\u00e4usch zu vernehmen, gerade auch dazu dient, den schwachen Schall noch aufzufangen. Es ist unzweifelhaft, da\u00df die Fledermaus vorbeifliegende Kerbthiere schon in ziemlicher Entfernung h\u00f6rt und durch ihr scharfes Geh\u00f6r wesentlich in ihrem Fluge geleitet wird. Schneidet man die blattartigen Ans\u00e4tze oder die Ohrlappen und Ohrdeckel ab, so werden alle Flatterthiere in ihrem Fluge ganz irre und sto\u00dfen \u00fcberall an.\nDie geistigen F\u00e4higkeiten der Flatterthiere sind keineswegs so gering, als man gern annehmen m\u00f6chte, und strafen den auf ziemliche Geistesarmuth hindeutenden Gesichtsausdruck L\u00fcgen. Ihr Gehirn","page":160},{"file":"p0161.txt","language":"de","ocr_de":"Geist. Nutzen, Schaden. Arten.\n161\nist gro\u00df und besitzt Windungen. Hierdurch ist schon angedeutet, da\u00df ihr Verstand kein geringer sein kann. Alle Flatterthiere zeichnen sich durch einen ziemlich hohen Grad von Ged\u00e4chtni\u00df und einige sogar durch verst\u00e4ndige Ueberlegung aus. Da\u00df sie nach dem Flattern stets dieselben Orte wieder aufsuchen und sich f\u00fcr den Winterschlaf immer \u00e4u\u00dferst zweckm\u00e4\u00dfige Orte w\u00e4hlen: Dies allein schon beweist, da\u00df sie nicht so dumm sind, als sie aussehen. Ihre Feinde kennen sie sehr gut und verstehen ihnen ganz schlau zu begegnen, wie sie ihrerseits wieder die kleineren Thiere, denen sie nachstellen, zu \u00fcberlisten wissen. So erz\u00e4hlt Kolenati, da\u00df eine Fledermaus, welche in einer Lindenallee jagte das Weibchen eines Schmetterlings verschonte, weil sie bemerkt hatte, da\u00df dieses viele M\u00e4nnchen heranlockte, welche sie nun nach und nach wegschnappen konnte. Da\u00df die Flederm\u00e4use bei guter Behandlung sehr zahm und ihrem Herrn zugethan werden k\u00f6nnen, ist von vielen Gelehrten und Naturfreunden beobachtet worden. Einzelne Forscher brachten die Thiere bald dahin, ihnen Nahrung aus der Hand wegzunehmen oder sich solche aus Gl\u00e4sern herauszuholen, sobald sie einmal bemerkt hatten, um was es sich handele. Mein Bruder hatte eine Ohrenfledermaus soweit gez\u00e4hmt, da\u00df sie ihm durch alle Zimmer folgte und, wenn er ihr eine Fliege hinhielt, sich augenblicklich auf seine Hand setzte,\" um jene zu fressen. Die gr\u00f6\u00dferen Flatterthiere sind wirklich liebensw\u00fcrdig in der Gefangenschaft; sie werden au\u00dferordentlich zahm und zeigen sich sehr verst\u00e4ndig. Wenn man Schmetterlinge an Angeln h\u00e4ngt, um sie damit zu fangen, wird man sich stets vergeblich bem\u00fchen. Sie kommen heran, untersuchen das schwebende Kerbthier, bemerken aber auch sehr bald das feine Ro\u00dfhaar, an welches die Angel befestigt ist, und lassen es dann vorsichtig unber\u00fchrt, selbst wenn sie wenig Futter haben sollten.\nDer Nutzen, welchen die meisten Mitglieder der sehr zahlreichen Ordnung dem Menschen leisten, \u00fcbertrifft den Schaden, welchen sie ihm unmittelbar zuf\u00fcgen, weit. Gerade w\u00e4hrend der Nachtzeit fliegen sehr viele von den sch\u00e4dlichsten Kerbthieren und zeigen sich somit dem Auge ihrer Feinde. Au\u00dfer den Ziegenmelkern, den Kr\u00f6ten, den Zieseln und Spitzm\u00e4usen stellen um diese Zeit nur noch die Flederm\u00e4use dem ewig kriegsbereiten, verderblichen Heere nach, und die auffallende Gefr\u00e4\u00dfigkeit, welche allen Flederm\u00e4usen eigen ist, vermag in der Vertilgung der Kerse wirklich Gro\u00dfes zu leisten. Jedermann, der Dies bedenkt, mu\u00df einsehen, welch gro\u00dfes Unrecht man thut, wenn man aus bloser Abneigung und ohne Zweck, wie es so h\u00e4ufig geschieht, die unsch\u00e4dlichen Thiere geradezu todt schl\u00e4gt, sobald man sie findet. Es w\u00e4re wirklich zu w\u00fcnschen, da\u00df auch von Regierungs wegen ihre Verfolgung streng untersagt w\u00fcrde. Da\u00df sie eine besondere Lust versp\u00fcren sollten, Frauen in die Haare zu fliegen, ist eine alberne Erfindung von Leuten, welche sich niemals mit Naturgeschichte besch\u00e4ftigt habend und die Zimperlichkeit, mit welcher viele Menschen, namentlich Frauen, die Thiere ansehen, ist einestheils nicht zu entschuldigen und auf der andern Seite doch wahrhaftig nicht bestimmend, um Vertilgungsma\u00dfregeln gegen so n\u00fctzliche Thiere irgendwie zu rechtfertigen. Die bei uns wohnenden Flederm\u00e4use bringen, wie eben bemerkt, nur Nutzen, und die, welche sch\u00e4dlich werden, gehen uns eben zun\u00e4chst Nichts an. Der Schaden dieser Wenigen ist \u00fcbrigens auch nicht so bedeutend, als gew\u00f6hnlich gesagt wird. Nach den neueren und zuverl\u00e4ssigsten Berichten tobten die blutsaugenden Flederm\u00e4use niemals gr\u00f6\u00dfere Thiere oder Menschen, selbst wenn sie mehrere N\u00e4chte nach einander ihre Nahrung aus deren Leibern sch\u00f6pfen sollten, und die fruchtfressenden Flatterthiere leben in L\u00e4ndern, wo die Natur ihre Nahrung so reichlich erzeugt, da\u00df der Verbrauch derselben durch sie eben nur da bemerklich wird, wo der Mensch mit besonderer Sorgfalt sich gewisse Fr\u00fcchte erzeugt, z. B. in G\u00e4rten; Fr\u00fcchte aber kann man durch Netze und dergleichen vor ihnen sch\u00fctzen. Somit d\u00fcrfen wir die ganze Ordnung als ein h\u00f6chst n\u00fctzliches Glied in der Kette der Wesen betrachten.\nDie Zahl der vorweltlichen Flederm\u00e4use, von denen man Kunde erlangt hat, ist sehr gering. In dem Bernsteine hat man Fledermaushaare und in verschiedenen Steinbr\u00fcchen versteinerte Knochen\u00fcberreste der Handfl\u00fcgler gefunden. Die Zahl der jetzt lebenden Flatterthiere aber ist sehr bedeutend. Man kennt etwa 250 sicher unterschiedene Arten, von denen auf Europa ungef\u00e4hr 30 kommen. Dabei\nBrehm, Thierleben.\t11","page":161},{"file":"p0162.txt","language":"de","ocr_de":"162\nDie Flatterthiere. Flughunde.\nherrscht eine au\u00dferordentlich gro\u00dfe Formverschiedenheit, trotz der Aehnlichkeit im Ganzen, und deshalb ist die Eintheilung der Flatterthiere und die Bestimmung derselben selbst f\u00fcr Forscher sehr schwierig. Uns gen\u00fcgt es vollkommen, wenn wir einige der eigenth\u00fcmlichsten Formen betrachten.\nDie erste Familie wird gebildet durch die fruchtfressenden Flederm\u00e4use (Pteropus).\nMe zu dieser Familie geh\u00f6rigen Thiere bewohnen ausschlie\u00dflich die w\u00e4rmeren Gegenden der alten Welt, namentlich den Osten Afrikas und den S\u00fcden Asiens. Ihrer Gr\u00f6\u00dfe wegen sind sie seit den \u00e4ltesten Zeiten als wahre Ungeheuer verschrien worden. Sie, die harmlosen und gem\u00fcthlichen Thiere, hat man als scheu\u00dfliche Harpien und furchtbare Vampire angesehen; unter ihnen suchte man die greulichen Wesen der Einbildung, welche sich auf den Menschen w\u00e4hrend des Schlafs setzen und ihm das Herzblut aussaugen sollten; in ihnen sah man die zur ewigen Verdammni\u00df verurtheilten Geister Verworfener, welche durch ihren Bi\u00df ganz unschuldige Menschen ebenfalls wieder zu Verworfenen verwandeln k\u00f6nnten. Kurz, der bl\u00fchendste Aberglaube besch\u00e4ftigte sich nach Kr\u00e4ften mit diesen S\u00e4ugethieren, welche weiter Nichts verschuldet haben, als etwas eigenth\u00fcmlich gebildet zu sein, und in ihrer Ordnung einige kleine und eben wegen ihrer geringe^ Gr\u00f6\u00dfe ziemlich unsch\u00e4dliche Mitglieder zu besitzen, die sich des Frevels der Blutaussaugung allerdings schuldig machen.\nDie Naturwissenschaft kann die abergl\u00e4ubischen Leute \u2014 denn heute noch giebt es gerade genug Unwissende, welche in der Natur vollkommen fremd sind und in unseren Thieren scheu\u00dfliche Vampire zu sehen glauben \u2014 besser \u00fcber die fruchtfressenden Flederm\u00e4use oder Flug Hunde belehren. Dieselben haben so ziemlich die Fledermausgestalt, aber eine viel bedeutendere Gr\u00f6\u00dfe und einen ganz anders gebildeten Kopf. Der ist n\u00e4mlich ein wirklich gem\u00fcthlicher Hunde- oder Fuchskopf, und deswegen haben die Thiere den Namen von Flughunden oder fliegenden F\u00fcchsen erhalten. Die Flatterhaut ist der anderer Flederm\u00e4use ganz \u00e4hnlich und deshalb auch die Gliederung der Arme und Beine. Au\u00dfer dem Daumen hat aber noch der Zeigefinger den krallens\u00f6rmigen Nagel. Der Nase fehlt der Hautansatz stets, und die Ohren sind niemals mit einer Klappe versehen. Hierdurch kennzeichnen sie sich also leicht von den \u00fcbrigen Flederm\u00e4usen.\nDie Flughunde bewohnen am liebsten dunkle Waldungen und bedecken bei Tage oft in unz\u00e4hlbarer Menge die B\u00e4ume; denn sie ziehen sich weniger in Spalten, L\u00f6cher, H\u00f6hlen, unter Baumrinden zur\u00fcck, sondern h\u00e4ngen frei, reihenweise an den Aesten, Kopf und Leib mit den Fl\u00fcgeln umh\u00fcllt. In hohlen B\u00e4umen findet man sie wohl auch und zwar zuweilen in einer Anzahl von mehreren hundert St\u00fcck. In den d\u00fcstern Urw\u00e4ldern fliegen sie manchmal auch bei Tage umher: ihr eigentliches Leben beginnt aber, wie das aller Flatterthiere, erst mit der D\u00e4mmerung. Ein scharfes Gesicht und eine vortreffliche Sp\u00fcrnase lassen sie bald die B\u00e4ume ausfindig machen, welche gerade saftige und reife Fr\u00fcchte besitzen, und zu diesen kommen sie nun zwar einzeln, sammeln sich aber bald in gro\u00dfen Scharen und sind im Stande, einen solchen 'Baum vollkommen kahl zu fressen. In Weinbergen erscheinen sie ebenfalls nicht selten in bedeutender Anzahl, und dann richten sie sehr gro\u00dfen Schaden an; denn sie wissen sehr wohl, was gut schmeckt, und nehmen blos die reifen und s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchte: die anderen \u00fcberlassen sie den \u00fcbrigen Fruchtfressern. Zuweilen unternehmen sie in dicht gedr\u00e4ngten Scharen weitere Wanderungen, ja man traut ihnen zu, da\u00df sie von einer Insel auf die andere fliegen, und in Wahrheit l\u00e4\u00dft sich wohl Nichts gegen diese Ansicht sagen. Die Fr\u00fcchte saugen sie mehr aus, als sie dieselben fressen, und einige sollen sogar mit dem Safte der Blumen vorlieb nehmen. Man sagt, da\u00df sie den Faserstoff der Fr\u00fcchte auszuspeien pflegen, doch ist es ausgemacht, da\u00df sie manche Fr\u00fcchte auch g\u00e4nzlich auffressen. S\u00fc\u00dfe und duftige Fr\u00fcchte werden von ihnen allen anderen entschiedenvorgezogen, und deshalb sind Bananen, Pandangs, Pfirsiche, Misteln, wohlschmeckende Beeren, zumal Trauben ihre Lieblingsnahrung. Wenn sie einmal tu einem Fruchtgarten eingefallen sind, fressen sie die ganze Nacht hindurch und machen dabei ein Ger\u00e4usch, da\u00df man sie schon aus weiter Entfernung vernehmen kann. Man mu\u00df bestimmte B\u00e4ume in Gegenden, wo die Flughunde h\u00e4ufig","page":162},{"file":"p0163.txt","language":"de","ocr_de":"Nahrung. Frei- und Gefangenleben. Nutzen.\n163\nsind, durch Netze oder Geflechte sch\u00fctzen; anders kann man sich vor ihren R\u00e4ubereien nicht verwahren, da sie ja mit Leichtigkeit \u00fcber alle Umz\u00e4unungen, die anderen Thieren Hindernisse sein k\u00f6nnten, hinwegfliegen. Durch Sch\u00fcsse und dergleichen lassen sie sich nicht vertreiben. Sie fliegen dann h\u00f6chstens von einem Baume auf den anderen und setzen dort ihre Mahlzeit fort.\nBei Tage sind sie sehr furchtsam und ergreifen augenblicklich die Flucht, sobald sie etwas Verd\u00e4chtiges bemerken. '(Stn Raubvogel bringt sie in die gr\u00f6\u00dfte Aufregung und ein heftiger Donnerschlag oder ein Schu\u00df geradezu in Verzweiflung. Sie st\u00fcrzen dann ohne weiteres von oben zur Erde herab, und hier rennt nun eine schwarze oder graue oder braune Schar im tollsten Eifer aus einander, klettert an allen erhabenen Gegenst\u00e4nden, selbst an Pferden und Menschen gewandt in die H\u00f6he, ohne sich beirren zu lassen, h\u00e4ngt sich fest, breitet die Fl\u00fcgel, thut einige Schl\u00e4ge und fliegt dahin, um sich ein anderweitiges Versteck zu suchen. Ihr Flug ist rasch und lebhaft des Nachts, aber nicht eben hoch; bei Tage jedoch treibt sie ihre Furchtsamkeit \u00f6fters in eine H\u00f6he von mehreren hundert Fu\u00df empor. Sie k\u00f6nnen nur von erhabenen Gegenst\u00e4nden abfliegen, niemals von der Erde, sind aber ganz geschickt auf dieser und laufen wie die Ratten umher, klettern auch vorz\u00fcglich an Baumst\u00e4mmen und Aesten bis in die h\u00f6chsten Wipfel hinauf. Sie schreien viel und zwar, wenn sie ruhig an einem Baume sitzen, ganz eigenth\u00fcmlich zischend und kreischend, zuweilen auch \u00e4hnlich wie die G\u00e4nse.\nDas Weibchen bringt\teinmal im Jahre ein oder\tzwei Junge zur Welt,\twelche sich an den\nBr\u00fcsten festhalten und von\tihr, wie Gleiches auch bei\tanderen Flederm\u00e4usen\tgeschieht,\tim Fluge\nherumgetragen werden. Die Jungen sollen von den M\u00fcttern sehr geliebt werden.\nIn der Gefangenschaft werden sie schon nach wenigen Tagen zahm und gew\u00f6hnen sich leicht an die Personen, welche sie pflegen, zeigen sogar eine gewisse Anh\u00e4nglichkeit f\u00fcr sie. Sie nehmen ihnen bald das Futter aus der Hand und versuchen weder zu bei\u00dfen, noch zu kratzen. Anders ist es, wenn man sie fl\u00fcgellahm geschossen hat oder sie pl\u00f6tzlich f\u00e4ngt; dann wehren sie sich und bei\u00dfen ziemlich derb. Man n\u00e4hrt sie in der Gefangenschaft mit gekochtem Reis, Brod und Zuckerrohr und kann sie lange erhalten. Besonders gern trinken sie Zuckerwasser mit Reis. Wenn man ihnen Speisen und Getr\u00e4nke in der hohlen Hand vorh\u00e4lt,\tgew\u00f6hnt man sie bald daran, diese wie ein Hund zu\tbelecken.\tBei Tage\nsind sie meist ruhig, Abends\taber geht ihr Leben an, und\tsie l\u00e4rmen dann t\u00fcchtig\tim K\u00e4fig\therum.\nDer Nutzen, welchen diese Flatterthiere bringen, mag den Schaden so ziemlich aufheben. Sie werden gegessen, und man behauptet, da\u00df das Fleisch trotz seines unangenehmen Bisamgeruchs wohlschmeckend und dem Kaninchen- oder Feldh\u00fchnerfleische \u00e4hnlich sein soll. Namentlich werden die jungen Thiere ger\u00fchmt, welche ersten Alter von f\u00fcnf Monaten erreicht haben. Selbst ihren Pelz soll man benutzen k\u00f6nnen.\nEs ist sehr anziehend und unterhaltend, die Ansichten der verschiedenen V\u00f6lker \u00fcber unsere Thiere kennen zu lernen. Schon Herodot spricht von gro\u00dfen Flederm\u00e4usen in Arabien, welche auf der in S\u00fcmpfen wachsenden Pflanze Casia sich aufhalten, sehr stark sind und f\u00fcrchterlich schwirren. Die Leute, welche die Casia sammeln, bedecken ihren ganzen Leib und das Gesicht bis auf die Augen mit Leder, um sie hierdurch von ihren Gesichtern abzuhalten, und dann erst k\u00f6nnen sie Ernte halten. Strabo erz\u00e4hlt blos, da\u00df es in Mesopotamien, in der N\u00e4he des Euphrat, eine ungeheure Menge Flederm\u00e4use g\u00e4be, welche viel gr\u00f6\u00dfer w\u00e4ren, als an anderen Orten. Er berichtet auch, da\u00df sie gefangen und gegessen wurden. Der Schwede K\u00f6ping behauptet, da\u00df die Flatterhunde des Nachts in ganzen Herden hervork\u00e4men, sehr viel Palmensaft s\u00f6ffen, davon ganz betrunken w\u00fcrden und dann wie todt auf den Boden fielen. Er selbst habe einen solchen gefangen und an die Wand genagelt. Er habe aber die N\u00e4gel benagt und sie so rund gemacht, als wenn man sie befeilt h\u00e4tte. Jeder unkundige, gebildete Europ\u00e4er, namentlich die weibliche H\u00e4lfte unsers Volks, erblickt in den Thieren, sobald sie dieselben zu Gesicht bekommen, augenblicklich die entsetzlichen Vampire und f\u00fcrchtet sich fast vor den Ungeheuern. Die Hindus dagegen sehen in ihnen heilige Wesen. Als sich H\u00fcgel bei Nurpur befand und Abends durch die Stra\u00dfen ging, sah er \u00fcber sich ein Thier fliegen, scho\u00df mit\nll*","page":163},{"file":"p0164.txt","language":"de","ocr_de":"164\nDie Flatterthiere. Kalong.\nseiner Doppelstinte nach ihm und erlegte eine Fledermaus von der Gr\u00f6\u00dfe eines Marders. Augenblicklich rotteten sich die Leute zusammen, erhoben ein furchtbares Geschrei und ein w\u00fcthendes Geheul und hielten ihm das gellende, kreischende Thier vor. Er sicherte sich dadurch, da\u00df er sich mit dem R\u00fccken an die Wand lehnte und die Flinte vorstreckte, konnte aber den Aufruhr nur dadurch beschwichtigen, da\u00df er sagte, er habe das Thier f\u00fcr eine Eule gehalten.\nDie gr\u00f6\u00dfte Art der Fruchtfresser ist der fliegende Hund oder Kalong (Pteropus edulis). Seine K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt l1/* Fu\u00df, seine Flugweite f\u00fcnf Fu\u00df und dar\u00fcber. Der K\u00f6rper ist\nDer fliegende Hund oder Kalong (Pteropus edulis).\nlang gestreckt, seine Behaarung rauh, bei alten Thieren, namentlich auf dem R\u00fccken, dicht, auf der Unterseite aber d\u00fcnner. Die Schnauze ist hundeartig, die nackten, langen Ohren sind zugespitzt. Die Flughaut ist, wie aus der Angabe der Breite hervorgeht, au\u00dferordentlich entwickelt, bildet aber zwischen den Schenkeln nur einen schmalen Hautsaum, w\u00e4hrend sie sich bei den Flederm\u00e4usen zu einem gro\u00dfen Lappen ausdehnt. Ein Schwanz fehlt den Flatterhunden g\u00e4nzlich. Die F\u00e4rbung des Pelzes ist auf dem R\u00fccken tief braunschwarz, am Bauche rostigschwarz oder selbst tiefschwarz, am Hals und Kopf aber rostiggelbroth. In der Jugend ist die Flatterhaut braun, mit zunehmendem Alter des Thieres wird sie dunkler.","page":164},{"file":"p0165.txt","language":"de","ocr_de":"Vorkommen, Frei- und Gefangenleben. Verleumdung.\n165\nDer Kalong ist auf den indischen Inseln, namentlich auf Java, Sumatra, Banda und Timor h\u00e4ufig und lebt wie alle seine Familienmitglieder in gr\u00f6\u00dferen W\u00e4ldern, wo er sich in der angegebenen Weise an den Zweigen aufh\u00e4ngt; Abends f\u00e4llt er in ungeheuren Scharen in die Obstg\u00e4rten ein und richtet daselbst gr\u00e4uliche Verw\u00fcstungen an, weil gew\u00f6hnlich Fl\u00fcge von Hunderten auf einen einzigen Baum sich st\u00fcrzen. Um sie von den B\u00e4umen abzuhalten, zieht man starke Netze dar\u00fcber, und Dies ist auch das einzige Mittel, um die gefr\u00e4\u00dfigen Thiere abzuhalten, denn an Klappern und dergleichen gew\u00f6hnen sie sich sehr bald. Gew\u00f6hnlich fliegt die ganze Gesellschaft, welche aus dem Walde kommt, in gerader Linie fort. Einer zieht voran und die anderen folgen ihm nun in langen Reihen nach. W\u00e4hrend des Flugs sind sie ungew\u00f6hnlich leicht zu schie\u00dfen, denn ihre Fl\u00fcgel verlieren augenblicklich das Gleichgewicht, wenn auch nur ein einziger Fingerknochen durch ein Schrotkorn zerschmettert worden ist. Schie\u00dft man aber am Tage auf sie, wenn sie schlafend an den Aesten h\u00e4ngen, so gerathen sie, wenn sie fl\u00fcchten wollen, in eine solche Unordnung, da\u00df einer den andern beirrt und die Getroffenen, welche ihre Fl\u00fcgel dann nicht entfalten k\u00f6nnen, sich gew\u00f6hnlich so fest an die Zweige klammern, da\u00df sie auch, nachdem sie verendet sind, nicht herabfallen. Man thut daher wohl, sie erst aufzuscheuchen und im Fluge auf sie zu schie\u00dfen. Ge\u00e4ngstigt sto\u00dfen sie ein scharfes, kreischendes Geschrei aus, welches dem einer Gans nicht un\u00e4hnlich sein soll. Uebrigens sind sie h\u00f6chst gem\u00fcthliche, harmlose Thiere. Dies zeigt sich namentlich in der Gefangenschaft. Sie werden auffallend bald zahm und sind auch sehr leicht zu erhalten. So w\u00e4hlerisch sie in der Freiheit sind, wo sie sich nur die saftigsten Fr\u00fcchte auslesen, so anspruchslos sind sie in der Gefangenschaft. Hier fressen sie jede Frucht, die man ihnen bietet, besonders gern aber auch Fleisch. Daher kommen sie nicht selten lebend nach Europa.\nRoch brachte ein M\u00e4nnchen des siiegenden Hundes lebend nach Frankreich. Er hatte ihn 109 Tage am Bord des Schiffes ern\u00e4hrt, anfangs mit Bananen, sp\u00e4ter mit eingemachten Fr\u00fcchten, dann mit Reis und schlie\u00dflich mit frischem Fleisch. Einen todten Papagei fra\u00df er mit gro\u00dfer Gier und als man ihm Rattennester aufsuchte und ihm die Jungen brachte, schien er sehr befriedigt zu sein. Schlie\u00dflich begn\u00fcgte er sich mit Reis, Wasser und Zuckerbrod. Bei der Ankunft in Gibraltar erhielt er wieder Fr\u00fcchte, und dann fra\u00df er kein Fleisch mehr. Nachts war er munter und plagte sich sehr, aus dem K\u00e4fig zu kommen; am Tage verhielt er sich ruhig und hielt sich wie unsere Flederm\u00e4use an einem Fu\u00dfe, eingeh\u00fcllt in seine Fl\u00fcgel, in denen er selbst den Kopf verbarg. Wenn er sich seines Unraths entleeren wollte, hing er sich ebenso wie die Flederm\u00e4use auch mit den Vorderklauen auf und brachte seinen K\u00f6rper so in eine wagrechte Lage. Er gew\u00f6hnte sich bald an die Leute, welche ihn pflegten; namentlich seinen Besitzer kannte erwor Allen, lie\u00df sich von ihm ber\u00fchren und das Fell krauen, ohne ihn zu bei\u00dfen. Ebenso hatte er sich gegen eine Negerin betragen, welche auf der Insel Moritz seine Pflegerin gewesen war. Ein anderer, jung eingefangener Kalong wurde bald gew\u00f6hnt. Jedermann zu liebkosen. Er leckte die Hand wie ein Hund und war auch ebenso zutraulich. Sicherlich w\u00fcrde man noch viele Beispiele dieser Art kennen, wenn man die Thiere \u00f6fter aufziehen wollte.\nUm so l\u00e4cherlicher ist es, wenn Thierbudenbesitzer das harmlose Gesch\u00f6pf heute noch in der abscheulichsten Weise verleumden. Die \u201eZeitung von Staats- und gelehrten Sachen\" in der gro\u00dfen \u201eHauptstadt der Bildung\" brachte unter den \u00fcbrigen wissenschaftlichen Nachrichten erst im Jahre 1858 ihrem gebildeten Leserkreise die \u00fcberraschende Nachricht, da\u00df der ber\u00fcchtigte Vampir oder Blutsauger zum ersten Mal lebend in Berlin sei, und da\u00df dieses entsetzliche Thier in der Nacht lebendiges Vieh morde und Blut sauge. Die Milch und Semmel, welche in dem K\u00e4fig des Ungeheuers aufgestellt war, um ihm als Nahrung zu dienen, wurde bei dieser Anzeige kl\u00fcglich nicht erw\u00e4hnt. Das treue Hundegesicht und die gro\u00dfe Sanftmuth des Thieres strafte den haarstr\u00e4ubenden Bericht allerdings L\u00fcgen, er kennzeichnete sich selbst aber unzweifelhaft als einen, wie er aus der Feder solcher Thierbesitzer hervorzugehen psiegt, welche es f\u00fcr n\u00f6thig halten, ihre Sehensw\u00fcrdigkeiten den Leuten in der pomphaftesten Weise anzupreisen. Da\u00df selbst unwissende Menschen noch hartn\u00e4ckig der Naturwissenschaft entgegentreten, darf uns nicht wundern; eben um so trauriger aber ist es, da\u00df wir heute noch","page":165},{"file":"p0166.txt","language":"de","ocr_de":"166\nDie Flatterthiere. Flughunde. Kalong. \u2014 Glattnasen.\ntrotz aller wissenschaftlichen Werke und Anstalten, die wir besitzen, uns durch so plumpe L\u00fcgen t\u00e4uschen, bez\u00fcglich herbeilocken lassen, und da\u00df es Herausgeber von Zeitungen giebt, welche solchen Unsinn unterst\u00fctzen, sich also selbst ein trauriges Zeugni\u00df ihrer eigenen Unwissenheit ausstellen.\nIch habe auf meinen Reisen in Afrika nur einen einzigen Flatterhund kennen lernen, den ezyprischen (Pteropus aegyptiacus). Derselbe steht allerdings weit hinter seinem asiatischen Verwandten zur\u00fcck. Er ist kaum halb so gro\u00df, \u00e4hnelt ihm aber in seinem Wesen und in seiner Lebensweise vollst\u00e4ndig. Namentlich im Delta ist er nicht selten. In den Naturgeschichten wird angegeben, da\u00df er bei Tage in den Gew\u00f6lben der Piramiden Herberge suche. Dies ist entschieden unwahr: er schl\u00e4ft wie seine Gattungsverwandten auf B\u00e4umen. In gro\u00dfen Z\u00fcgen kommt er niemals vor.\nEs war uns ein eigenth\u00fcmlicher Genu\u00df, an den sch\u00f6nen, lauen Sommerabenden Egyptens die Flughunde zu belauschen, wenn sie \u00fcber die sonst von Niemand benutzten Fr\u00fcchte der Sikomoren herfielen und in den laubigen, sch\u00f6nen Kronen dieser B\u00e4ume ihre Abendmahlzeit hielten. Meine Diener, zwei Deutsche, schienen anfangs auch gewillt zu sein, in den Thieren die entsetzlichen Blutsauger zu erblicken, und verfolgten sie zuerst'aus Rachegef\u00fchlen, sp\u00e4ter aber wirklich nur aus Freude an der anziehenden Jagd; sie standen oft bis Mitternacht auf dem Anstand. Wir erlegten sehr viele und anfangs ohne gro\u00dfe M\u00fche, sp\u00e4ter aber wurden die Flughunde scheu und kamen stets nur still und gew\u00f6hnlich voy entgegengesetzter Seite angeflogen, so da\u00df es sehr schwer hielt, sie in den dunklen Baumkronen wahrzunehmen. Die Fl\u00fcgellahmgeschossenen kreischten laut, bissen lebhaft und auch ziemlich empfindlich um sich. Meine Gefangenen starben immer nach sehr kurzer Zeit. Andere Forscher haben dasselbe Thier aber oft lang lebend erhalten und sehr zahm und zutraulich gemacht. Zelebor z. B. brachte ein P\u00e4rchen von ihnen nach Schr\u00f6nbrunn und hatte sie so an sich gew\u00f6hnt, da\u00df sie augenblicklich Herbeigeslogen kamen, wenn er ihnen eine Dattel vorhielt. Auch von Fremden lie\u00dfen sie sich streicheln und ihr Fell krauen.\nAlte ausgewachsene Flughunde dieser Art erreichen selten mehr als sechs Zoll K\u00f6rperl\u00e4nge und eine Flugweite von drei Fu\u00df. Sie zeichnen sich durch einen sehr kurzen Schwanz aus. Der kurze, weiche Pelz ist oben lichtgraubraun, unten viel Heller, an den Seiten und Armen bla\u00dfgelblich, die Flugh\u00e4ute sind graubraun.\nBis jetzt hat man ungef\u00e4hr drei\u00dfig Arten dieser Familie unterschieden, h\u00f6chst wahrscheinlich aber giebt es deren noch weit mehr.\n* *\n*\nEine zweite Familie unserer Ordnung hat den Namen Glattnasen (Gymnorhina) erhalten.\nBei ihnen ist die Nase und der Nasenr\u00fccken glatt ohne h\u00e4utigen Ansatz; im Innern des Ohres erhebt sich ein Bl\u00e4ttchen. Der Zwischenkieser ist durch eine tiefe Einbuchtung in zwei Aeste getrennt, die stets mit dem Oberkiefer verwachsen sind. Bei einigen Sippen sind die Ohren auf der Mitte des Scheitels in einander verwachsen, bei anderen getrennt; bei diesen \u00f6ffnen sich die Nasenl\u00f6cher oben auf der Schnauzenspitze, bei jenen vorn unter der Schnauzenspitze u. s. w. Wollten wir alle Merkmale der verschiedenen Sippen aufz\u00e4hlen, wir m\u00fc\u00dften seitenlange Beschreibungen geben. \u2014 Die Familie verbreitet sich \u00fcber die ganze Erde mit alleiniger Ausnahme der kalten G\u00fcrtel. Ihre Artenzahl ist au\u00dferordentlich gro\u00df, und bei weitem die meisten unserer einheimischen Flederm\u00e4use geh\u00f6ren ihr zu. Noch zahlreicher treten die Glattnasen in den s\u00fcdlicheren Gegenden aus. Der Aufenthalt ist sehr verschieden; doch werden dunkele, m\u00f6glichst einsame Orte anderen vorgezogen. Manche Arten finden sich in W\u00e4ldern oder auch in hohlen Feldb\u00e4umen zwischen dem Holze und der Rinde, leben in den Bl\u00e4ttern dicht belaubter Baumkronen, andere in Felsh\u00f6hlen und Schluchten, und wieder andere in unterirdischen Gew\u00f6lben alter verlassener, einsamer oder nur zeitweilig besuchter Geb\u00e4ude, namentlich Kirchen u. s. w. Sie wohnen ebensowohl in bergigen und felsigen, wie in ebenen Gegenden, ebenso in der N\u00e4he von Seen, als in der N\u00e4he von W\u00e4ldern, selbst an der K\u00fcste des Meeres. Die","page":166},{"file":"p0167.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Aufenthalt. Betragen.\n167\nmeisten bilden gro\u00dfe Gesellschaften, zumal w\u00e4hrend der Zeit ihres Winterschlafs. Man findet nicht selten Hunderte, ja selbst Tausende in einem Geb\u00e4ude. Viele Arten leben mit anderen in gr\u00f6\u00dfter Eintracht, und wohl nur die allerwenigsten sind einsiedlerische Thiere. Sie sind alle ziemlich empfindlich gegen die widerw\u00e4rtigen Einfl\u00fcsse der Witterung und ziehen sich im Herbste schon ziemlich fr\u00fch in ihre Winteraufenthaltsorte zur\u00fcck, wie sie auch im Fr\u00fchjahre erst sp\u00e4t zum Vorscheine kommen. Wenige stiegen schon vor der D\u00e4mmerung, die meisten blos w\u00e4hrend derselben und in den ersten Nachtstunden, um Mitternacht ruhen sie bis gegen Morgen, wo sie von neuem ihre Th\u00e4tigkeit beginnen. Ihr Flug ist ziemlich gewandt und durch sonderbare Wendungen ausgezeichnet, so da\u00df es Raubv\u00f6geln fast unm\u00f6glich ist, sie im Fluge zu fangen. Ihre Stellung w\u00e4hrend der Ruhe ist die gew\u00f6hnliche, ihr Lauf auf der Erde sehr ungeschickt, ihr Klettern dagegen geschickt und f\u00f6rdernd. Sie fressen blos Kerbthiere, namentlich Nachtschmetterlinge aller Art, Nachtm\u00fccken, Nachtjungfern, Hafte oder Uferaas, Wassermotten und Kaiserjungfern, Nachtk\u00e4fer und dergleichen, meist Thiere, welche uns sehr sch\u00e4dlich werden. Au\u00dfer diesen verspeisen sie ihre eignen Schmarotzer, wo sie dieselben nur immer erlangen k\u00f6nnen. Ihre Gefr\u00e4\u00dfigkeit ist sehr gro\u00df, und deshalb eben ist ihr Nutzen ein au\u00dferordentlich bedeutender. Die Stimme besteht in einem starken, pfeifenden Zwitschern, welches bei manchen Arten selbst zu einem durchdringenden Geschrei wird. Gesichts- und Geruchssinn sind nicht besonders, der Sinn des Geh\u00f6rs und des Gef\u00fchls aber auffallend entwickelt, wie auch schon aus ihren ungemein gro\u00dfen Ohren hervorgeht. Die Weibchen bringen ein bis zwei Junge zur Welt, welche sich an den Zitzen der Mutter festhalten und von ihr w\u00e4hrend des Flugs herumgetragen werden. Die Arten dieser Familie lassen sich noch am besten z\u00e4hmen und werden oft sehr zutraulich und deshalb angenehm.\nVon allen Glattnasen kennen wir die Sippe der Ohrenflederm\u00e4use (Plecotus) und die gew\u00f6hnlichste Art derselben, die gemeine Ohrenfledermaus (Plecotus auritus), am genauesten. Diese ist wie ihre wenigen Verwandten durch die verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dften oder l\u00e4ngsten aller Ohren sosehr ausgezeichnet, da\u00df sie nicht verwechselt werden kann. Unter den europ\u00e4ischen Flederm\u00e4usen ist sie eine der gr\u00f6\u00dften. Ihre K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt 3Vi Zoll, die Flugweite 9 Zoll, die L\u00e4nge ihrer Ohren 1 Vs Zoll. Das Gebi\u00df hat 36 Z\u00e4hne. Jedenfalls das Merkw\u00fcrdigste am ganzen Thiere ist das Ohr. Die Ohrsl\u00e4che ist der ganzen L\u00e4nge nach mit 22 bis 24 Querfalten gezeichnet; die Ohrwurzel und Ohrspitze aber sind glatt und gefaltet. Auf der Innenfl\u00e4che des Ohres, etwa \u00fcber der Grundlage des Ohrkieles, beginnt eine nach innen schr\u00e4g in die H\u00f6he laufende Hautleiste, welche am innern Ende des Ohres als ein zungenf\u00f6rmiger Lappen vorsteht. Die Flugh\u00e4ute sind breit, ihre Farbe ist, wie die der Ohren, lichtgraubraun. Der Pelz ist graubraun, auf der Unterseite etwas heller, das Gesicht ist bis an den Hinterrand der Nasenh\u00f6hle mit wei\u00dfen Haaren besetzt, und lange, wei\u00dfe Barthaare h\u00e4ngen auch \u00fcber den Lippenrand abw\u00e4rts. Junge Thiere sind etwas dunkler gef\u00e4rbt, als alte.\nDie lang\u00f6hrige Fledermaus findet sich durch ganz Europa, mit Ausnahme derjenigen L\u00e4nder, welche \u00fcber den 60. Grad n\u00f6rdlicher Breite hinausliegen. Au\u00dferdem hat man sie in Nordafrika, Westasien und Ostindien beobachtet. Sie ist nirgends eben selten, und im n\u00f6rdlichen oder im mittlern Deutschland eine der gew\u00f6hnlichsten Arten. Ueberall h\u00e4lt sie sich gern in nicht allzugro\u00dfer Entfernung von menschlichen Wohnungen auf. In den Berggegenden, am Harz und in den Alpen z. B., geht sie nicht \u00fcber den Waldg\u00fcrtel hinauf. Im Sommer sieht man sie an lichten Stellen im Walde, \u00fcber Waldwegen, Baumg\u00e4rten und Alleen am h\u00e4ufigsten fliegen. Sie fliegt ziemlich hoch, etwas flatternd und nicht eben schnell, ist jedoch einiger Manchfaltigkeit in der Bewegung f\u00e4hig. Im Fluge kr\u00fcmmt sie gew\u00f6hnlich das riesenm\u00e4\u00dfige, wegen seiner zahlreichen Querfalten leichtbewegliche weiche Ohr nach au\u00dfen und bogig abw\u00e4rts, so da\u00df dann blos die spitzen, langen Ohrdeckel vorw\u00e4rts in die H\u00f6he stehen. Wenn sie h\u00e4ngt, schl\u00e4gt sie meist die Ohren unter die Arme zur\u00fcck. Bei Tage und im Winter schl\u00e4ft sie in Geb\u00e4uden oder in hohlen B\u00e4umen. Sie erscheint erst ziemlich sp\u00e4t des Nachts oder im Fr\u00fchlinge.\nGew\u00f6hnlich wirft sie Ende Juni's oder Anfang Juli's zwei Junge.","page":167},{"file":"p0168.txt","language":"de","ocr_de":"168 Die Flatterthiere. Glattnasen. \u2014 Ohrenfledermaus, Mops - und fr\u00fch flieg ende Fledermaus.\nDie gro\u00df\u00f6hrige Fledermaus h\u00e4lt die Gefangenschaft l\u00e4nger, als andere Flederm\u00e4use aus; sie kann in ihr sogar mehrere Monate oder Jahre ausdauern, obgleich nur bei sorgsamster Pflege. Wegen dieser Eigenschaft w\u00e4hlt man sie gew\u00f6hnlich, wenn man Beobachtungen an Flederm\u00e4usen \u00fcberhaupt anstellen will. Man kann sie in gewissem Grade z\u00e4hmen und sie lernt auch ihren Herrn kennen, wenn auch nur in beschr\u00e4nktem Ma\u00dfstabe. Fab er besa\u00df eine mehrere Wochen lang und beobachtete sie sehr genau. Das Thier war \u00e4u\u00dferst munter, namentlich in der Abendd\u00e4mmerung. Sie flog \u00fcbrigens auch h\u00e4ufig bei Tage, war dagegen in den Mitternachtsstunden ruhig. In der Stube flog sie mit der gr\u00f6\u00dften Leichtigkeit anhaltend herum, meist mit stillgehaltenen Fl\u00fcgeln, jedoch konnte sie dieselben auch im Fluge zusammenziehen und wieder ausbreiten. Wenn sie Gegenst\u00e4nden ausweichen mu\u00dfte, machte sie einen Bogen, schwirrte hurtig auf dem Boden hin und hob sich ohne Schwierigkeit in die Luft\nDie Ohrenfledermaus (Plecotus auritus).\nAn den W\u00e4nden kletterte sie mit Hilfe des Daumens sehr geschickt herum. Die langen Ohren bewegte sie best\u00e4ndig bei dem geringsten Ger\u00e4usch, spitzte dieselben, wie Pferde es thun oder kr\u00fcmmte sie wie Widderh\u00f6rner, wenn das Ger\u00e4usch fortdauerte oder stark war. In der Ruhe legte sie die Ohren stets zur\u00fcck. Sie drehte oft den Kopf, leckte sich mit der Zunge und witterte mit der Nase. Wie alle Flederm\u00e4use wurde sie viel von Schmarotzern geplagt und kratzte sich oft au der Seite des Kopfes mit den N\u00e4geln. Bei kalter Witterung sa\u00df sie still. Sobald die Sonne auf sie schien, wurde sie munter und lief in ihrem K\u00e4fig hin und her. Der Geruch, welchen sie von sich gab, war unangenehm, doch weniger, als anderer Arten. Ihre Gefr\u00e4\u00dfigkeit war sehr gro\u00df, auch in der Gefangenschaft. Wenn man Stubenfliegen zu ihr setzte, machte sie augenblicklich Jagd darauf; zu einer einzigen ihrer Mahlzeiten bedurfte sie aber sechzig bis siebzig dieser Thiere. Sie verdaute fast ebenso schnell, als sie fra\u00df, und f\u00fcllte,","page":168},{"file":"p0169.txt","language":"de","ocr_de":"Leibes- und Lebensbeschreibung.\n169\nw\u00e4hrend sie noch fra\u00df, den K\u00e4fig mit ihrem schwarzen Unrath. Ihren Raub bemerkte sie nicht durch das Gesicht, sondern vermittelst ihres feinen Geh\u00f6rs und durch den Geruch. Sie wurde gleich unruhig, wenn sich Fliegen in ihrer N\u00e4he bewegten, ging witternd umher, spitzte und drehte die Ohren, machte Halt vor der Fliege und fuhr dann mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln auf sie los; um sie zu erwischen, suchte sie dieselbe unter ihre Fl\u00fcgel zu bringen, und ergriff sie dann mit der nach abw\u00e4rts gebogenen Schnauze. War es eine sehr gro\u00dfe Fliege, so bog sie den Kopf unter die Brust, um sie besser zu fangen. Sie kaute ihre Nahrung leicht und geschwind und leckte sie mit der Zunge hinein. Beine und Fl\u00fcgel, welche sie nicht gern fra\u00df, verstand sie pr\u00e4chtig auszuscheiden. Auf todte Fliegen ging sie nnr dann, wenn sie sehr hungrig war; sobald sich aber ihre Beute bewegte, fuhr sie rasch auf dieselbe los. Nach vollbrachter Mahlzeit sa\u00df sie ruhig und zog sich zusammen.\nDie gro\u00df\u00f6hrige Fledermaus ist diejenige, von welcher ich oben berichtete, da\u00df sie au\u00dfer von ihren schmarotzenden L\u00e4usen, Spinnenthieren und Milben, auch noch von Blutsaugern ihres eignen Geschlechts angefallen wird und dann diese aus Rache fri\u00dft.\nZu dieser Famlie geh\u00f6rt unter anderen auch die Sippe der Mopsflederm\u00e4use, von welchen in Europa nur eine Art (Synotus Barbastellus) vorkommt. Die Thiere sind lebenskr\u00e4ftig, aus-\nDie MoPsfledMmaus (Synotus Barbastellus).\nI\ndauernd und weniger gegen Witterungseinfl\u00fcsse empfindlich. Sie erscheinen im Fr\u00fchjahr wie auch abends fr\u00fchzeitig, fliegen gern in der N\u00e4he von Wohnungen umher und suchen ihre Nahrung am liebsten in Geb\u00e4uden, Kellern u. s. w.\nDie gemeine Mopsfledermaus ist auf der Oberseite ihres Pelzes dunkelschwarzbraun, auf der Unterseite hellgraubraun; die Haare sind an der Wurzel schwarz, die Spitzen aber fahlgrau. Die Bildung der Ohren zeigt unsere Abbildung. Man kennt sie aus England, Frankreich, Italien, Schweden und der Krim, Ru\u00dfland und Ungarn. Auf den Gebirgen geht sie bis zu den h\u00f6chsten Sennh\u00fctten hinauf. Sie ist nirgends sehr h\u00e4ufig, \u00fcbertrifft die Vorhergehende an Flugfertigkeit und z\u00e4her Ausdauer und scheut Sturm und Regen nicht. Ihr Flug hat reichere Biegungen und raschere Wendungen, als jener der Ohrenflederm\u00e4use. Auch die Mopsfledermaus l\u00e4\u00dft sich bis zu einem gewissen Grade z\u00e4hmen und so weit bringen, da\u00df sie aus der Hand ihres W\u00e4rters fri\u00dft, sich gern in derselben versteckt, um sich zu erw\u00e4rmen, und die Hand dankbarlich leckt.\nAu\u00dfer den Genannten d\u00fcrfte noch die fr\u00fchfliegende Fledermaus (Vesperugo Noctula) zu betrachten sein. Sie geh\u00f6rt, wie der Name zeigt, wieder einer andern Sippe an. Ihre L\u00e4nge betr\u00e4gt 4Vi Zoll, ihre Flugbreite 14 Zoll. Der Pelz ist r\u00f6thlichbraun auf der Ober- und Unterseite, das","page":169},{"file":"p0170.txt","language":"de","ocr_de":"170\nDie Flatterthiere. Blattnasen. \u2014 Kleine und gro\u00dfe Hufeisennase.\nHaar einfarbig, die Ohren und die Flugh\u00e4ute sind dunkelh\u00e4utig und dunkelschwarzbraun. Sie kommt von Norddeutschland und England an durch ganz Europa vor, findet sich selbst im nord\u00f6stlichen, ja sogar im s\u00fcdlichen Afrika und geht durch das ganze mittlere Asien, ist also fast \u00fcberall in der alten Welt verbreitet. Unter allen einheimischen Flederm\u00e4usen ist sie die kr\u00e4ftigste; sie fliegt am h\u00f6chsten und kommt abends am ersten zum Vorschein. Nicht selten sieht man sie schon einige Stunden vor Sonnenuntergang und oft genug im Kampfe, wenn man so sagen darf, mit Raubv\u00f6geln. Durch ihre schnellen Wendungen wei\u00df sie aber fast allen Angriffen sehr geschickt zu entgehen; nicht einmal der behende Baumfalke (Falco Subbnteo), welcher doch sogar die Schwalben f\u00e4ngt, vermag ihr beizukommen. Haupts\u00e4chlich die W\u00e4lder sind ihre Aufenthaltsorte, und nur dann n\u00e4hert sie sich den bewohnten Orten, wenn ausgedehnte Baum- oder Lustg\u00e4rten in deren N\u00e4he sind. In den Gebirgsgegenden geht sie nicht \u00fcber den Waldg\u00fcrtel hinauf. Sie ist gefr\u00e4\u00dfiger, als die \u00fcbrigen Arten, und verbreitet\nDie fr\u00fchfliegende Fledermaus (Vesperugo Noctula).\neinen ziemlich durchdringenden Geruch. Ihr Winterschlaf ist fest und lang und wird so leicht nicht gest\u00f6rt; gew\u00f6hnlich bringt sie zwei Junge zur Welt.\n* * *\nIn der dritten Familie finden sich nun wirklich\" diejenigen Flederm\u00e4use, welche der ganzen Ordnung der Flatterthiere einen so b\u00f6sen Leumund verschafft haben; n\u00e4mlich die Blutsauger. Man nennt sie naturwissenschaftlich auch Blattnasen (Phyllostoma) wegen des gro\u00dfen Hautansatzes an ihrer Nase; au\u00dfer diesem zeichnen sie sich noch dadurch aus, da\u00df der Unterrand ihrer Ohren durch einen tiefen Ausschnitt von dem Au\u00dfenrande abgetrennt ist und keinen vorspringenden Ohrdeckel enth\u00e4lt. Der Zwischenkiefer ist vorn in der Gaumenfl\u00e4che befestigt und nicht mit den Oberkiefer\u00e4sten verwachsen. \u2014 Die Blattnasen sind zahlreich \u00fcber alle Erdtheile verbreitet, kommen jedoch nur in hei\u00dfen , und gem\u00e4\u00dfigten L\u00e4ndern derselben vor. \u00c4hre Mehrzahl geh\u00f6rt unbedingt dem hei\u00dfen G\u00fcrtel der Erde an. Gegen die K\u00e4lte und Feuchtigkeit sind sie in hohem Grade empfindlich. Manche werden inmitten gro\u00dfer W\u00e4lder, in hohlen B\u00e4umen, an alten St\u00e4mmen und zwischen breiten Bl\u00e4ttern von Palmen nnd anderen gro\u00dfbl\u00e4ttrigen Pflanzen versteckt gefunden; viele verbergen sich bei Tage in den Tr\u00fcmmern verfallener Geb\u00e4ude und Felsen, in H\u00f6hlen oder in dunklen Begr\u00e4bni\u00dforten oder auch in dem Geb\u00e4lke der D\u00e4cher. Gewisse Arten der Familie leben einzeln, andere, namentlich die H\u00f6hlenbewohnenden, in ungeheuren Scharen zusammen. Mit Eintritt der D\u00e4mmerung erwachen sie aus ihrem Schlafe und fliegen oft die ganze Nacht durch. Der Flug ist bei den einen niedrig und schnell, bei den anderen h\u00f6her und langsamer. Auf dem Boden laufen sie sehr rasch dahin. Ihre Nahrung besteht noch immer haupts\u00e4chlich in Kerbthieren, zumal Abend- und Nachtschmetterlingen, K\u00e4fern, Haften, M\u00fccken, Ein-","page":170},{"file":"p0171.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Familienkriege.\n171\ntagsfliegen; einzelne fressen auch Fr\u00fcchte. Bei ihren Jagden kommen sie des nachts selbst bis in die Wohnungen der Menschen hinein, um deren Zimmer auszur\u00e4umen. Ziemlich viele Arten sind aber Blutsauger und \u00fcberfallen V\u00f6gel und S\u00e4ugethiere, auch selbst den Menschen w\u00e4hrend des Schlafes. Ihr Winterschlaf wird oft unterbrochen. Sie geb\u00e4ren gew\u00f6hnlich zwei Junge.\nIn Europa ist diese Familie durch die Sippe der Hufeisennasen vertreten, deren Gesicht man sich nach dem Bild aus S. 172 vorstellen kann. Der Nasenaufsatz, welcher das ganze Gesicht von der Schnauzenspitze bis zur Stirn bedeckt, ist entschieden das Merkw\u00fcrdigste am ganzen Thiere, wie es bei den fr\u00fcher erw\u00e4hnten die Bildung des Ohres war. Er besteht aus drei Theilen, dem Hufeisen, dem L\u00e4ngskamme und der Lanzette. Ersteres beginnt vorn auf der Schnauzenspitze, umschlie\u00dft die in einer tiefen Hautfalte auf dem R\u00fccken liegenden Nasenl\u00f6cher und endet mit seinen Seiten\u00e4sten vor den Augen. Der L\u00e4ngskamm erhebt sich in der Mitte des Hufeisens hinter den Nasenl\u00f6chern, hat vorn eine erweiterte Querfl\u00e4che und hinter derselben eine sattelartige Einbuchtung, in welcher der L\u00e4ngskamm in einer vorstehenden Spitze endet. Die zur Stirn querstehende Hautlanzette erhebt sich zwischen den Augen unter dem hintern Ende der Hufeisen\u00e4ste und hat jederseits der erh\u00f6hten Mittellinie drei zellenf\u00f6rmige Vertiefungen, welche durch Querh\u00e4ute von einander getrennt werden. Das Ohr ist weit einfacher. Ein h\u00e4utiger, entwickelter Ohrdeckel ist nicht vorhanden.\nDie Hufeisenflederm\u00e4use haben breite, verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig kurze Flugh\u00e4ute. Ihr Fl\u00fcgelschlag ist daher flatternd und der Flug weniger gewandt. Der Schwanz ist sehr kurz; hierdurch erscheint die Flughaut stumpfwinkelig. Fast bei allen Arten ist der Pelz hellfarbig, oben etwas dunkler, als unten, gew\u00f6hnlich mehr oder weniger rauchbraun \u00fcberflogen. Das einzelne Haar ist am Grunde schmuzig wei\u00dflich an den Spitzen aber dunkler rauchbraun. Junge Thiere sind gew\u00f6hnlich dunkler, als die alten.\nIn Europa kennt man vier Arten der genannten Sippe, welche sich in ihrem Wesen und auch in ihrem \u00e4u\u00dfern Gesicht sehr \u00e4hnlich sind und sich haupts\u00e4chlich durch die Gr\u00f6\u00dfe unterscheiden. Eine der gemeinsten ist die kleine Hufeisennase (Rhinolophus Hippocrepis). Sie ist eine der kleinsten unserer Flederm\u00e4use; denn ihre ganze L\u00e4nge betr\u00e4gt nur 21/2 Zoll, ihre Flugbreite 8y2 Zoll. Der Pelz ist hellfarbig, grauwei\u00dflich, oben ein wenig dunkler, als unten. Die Flugh\u00e4ute sind breit und erlauben dem Thiere nur einen sehr unsichern Flug. \u2014\nDie kleine Hufeisennase geht unter ihren Sippschaftsverwandten am weitesten nach Norden hinauf. Im mittlern Europa lebt sie fast \u00fcberall, und auch im S\u00fcden ist sie h\u00e4ustg. In den Gebirgen steigt sie bis \u00fcber den Waldg\u00fcrtel empor.\u00ab. Unter ihren Sippschaftsverwandten ist sie die geselligste; man findet sie in H\u00f6hlen, verlassenen Gr\u00e4bern, Ruinen und unter den D\u00e4chern unbewohnter Geb\u00e4ude oft zu Hunderten beisammen. Im Fr\u00fchjahr erscheint sie bei Zeiten, fliegt aber erst bei eintretender Dunkelheit. Die Zahl ihrer Jungen ist gew\u00f6hnlich zwei.\nSie ist auch schon ein Vampir, wie aus Beobachtungen, welche Kolenati gemacht hat, deutlich hervorgeht. Dieser Forscher fand im Winter in einer Kalkh\u00f6hle in M\u00e4hren 45 St\u00fcck schlafende Flederm\u00e4use und zwar gr\u00f6\u00dftentheils gemeine Ohrenflederm\u00e4use und kleine Hufeisennasen, nahm sie mit sich nach Br\u00fcnn und lie\u00df alle zusammen in einem gro\u00dfen Zimmer, in welchem seine Sammlung aufgestellt ist, herumfliegen und sich selbst eine Ruhest\u00e4tte suchen. Er \u00fcbernachtete in Gesellschaft der Flederm\u00e4use, um sie genauer beobachten zu k\u00f6nnen. Von sieben bis zw\u00f6lf Uhr abends flatterte die Ohrenfledermaus, dann ging sie zur Ruhe; von ein bis drei Uhr in der Nacht flatterte die Hufeisennase, und hieraus begab sie sich zur Ruhe; von drei bis f\u00fcnf Uhr morgens flatterten dann wieder einige Ohrenflederm\u00e4use. Diese hielten sich, selbst wenn der Beobachter ruhig stand, in einer Entfernung von drei bis f\u00fcnf Fu\u00df von ihm, w\u00e4hrend sich die Hufeisennasen seinem Gesicht bis auf zwei Zoll Entfernung n\u00e4herten, einige Augenblicke an einer Stelle sich flatternd hielten, aber auch oft zu seinen F\u00fc\u00dfen herab flogen und dort in \u00e4hnlicher Entfernung flatternd blieben. Als wenige Tage sp\u00e4ter der Naturforscher einem seiner Freunde die Flederm\u00e4use vorf\u00fchren","page":171},{"file":"p0172.txt","language":"de","ocr_de":"172\tDie Flatterthiere. Blattnasen. \u2014 Gro\u00dfe Hufeisennase. Vampir.\nwollte, fand er zu seinem nicht geringen Erstaunen sechs Hufeisennasen bis auf die Fl\u00fcgelspitzen und Krallen aufgefressen, und eine, deren Kopf auf das furchtbarste verst\u00fcmmelt war. Zahlreiche Blutspuren, blutige Schnauzen und die angeschwollenen B\u00e4uche, sowie die vielen Kothkl\u00fcmpchen verd\u00e4chtigten die noch vollz\u00e4hlig versammelten Ohrenflederm\u00e4use als M\u00f6rder der Verschwundenen, und die Untersuchung des Magens einer Get\u00f6dteten beseitigte jeden Zweifel gegen diese Vermuthung. Dagegen bemerkte man aber, da\u00df die Flatterh\u00e4ute der Ohrenflederm\u00e4use in der N\u00e4he des K\u00f6rpers frische Wunden erhalten hatten, deren R\u00e4nder schwammig aufgetrieben erschienen; auch halten sich diese Thiere dachziegelf\u00f6rmig an einander geh\u00e4ngt und in einen Klumpen zusammengedr\u00fcckt, w\u00e4hrend die Hufeisennasen immer vereinzelt die verborgensten Schlupfwinkel zu ihrer Ruhe benutzen. Die Schlu\u00dffolgerung dieser Beobachtung war sehr einfach. Die nicht freundlich gegen einander gesinnten Thiere hatten sich in der Nacht eine Schlacht geliefert. W\u00e4hrend der ersten Ruhe der Ohrenflederm\u00e4use waren die Hufeisennasen gekommen, hatten jene verwundet und ihnen Blut ausgesaugt; die Ohrenflederm\u00e4use aber halten sich f\u00fcr diese Sch\u00e4ndlichkeit w\u00e4hrend ihrer zweiten Flatterzeit ger\u00e4cht und die Uebelth\u00e4ter kurzweg aufgefressen! \u2014\nDie gro\u00dfe Hufeisennase (Rhinolophus femim-equinum).\nEin Grusier erz\u00e4hlte genanntem Beobachter, da\u00df seine Tauben \u00f6fters in der Nacht kleine Wunden mit aufgeworfenen R\u00e4ndern bek\u00e4men, welche er nicht zu deuten wisse, und Kolenati schlie\u00dft jedenfalls richtig, da\u00df diese Wunden ebenfalls von Bissen der Hufeisennase herr\u00fchren. So haben wir also auch in Europa wirkliche Vampire, obgleich sie freilich im Ganzen au\u00dferordentlich harmlos sind und wenigstens keine Veranlassung zu Furcht oder Entsetzen geben k\u00f6nnen.\nNoch h\u00e4ufiger als die kleine ist die gro\u00dfe Hufeisenn \u00e4se (Rhinolophus ferrum- equinum). Ihre Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt zwei Zoll zwei Linien, die des Schwanzes einen Zoll vier Linien, die Flugweite etwas \u00fcber einen Fu\u00df. Die Nasenplatte ist.sehr gro\u00df, das Ohr ziemlich gro\u00df. Die Behaarung reichlich und lang, die F\u00e4rbung bei den M\u00e4nnchen oben aschgrau mit wei\u00dflichen Haarwurzeln, auf der Unterseite hellgrau, bei den Weibchen oben lichtr\u00f6thlichbraun und unten r\u00f6thlichgrau. Bezeichnend sind die breiten Flugh\u00e4ute.","page":172},{"file":"p0173.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichen. Heimat. Nahrung, Blutsaugen.\n173\nDie gro\u00dfe Hufeisennase kommt in dem gr\u00f6\u00dften Theile des gem\u00e4\u00dfigten und s\u00fcdlichen Theiles Europas vor, auch fand man sie in Asien, am Libanon. In den Gebirgen geht sie im Sommer bis 6000 Fu\u00df in die H\u00f6he. Sie lebt gern gesellig, doch giebt es andere Arten ihrer Familie, welche in noch weit gr\u00f6\u00dferen Mengen zusammen vorkommen. Bisweilen findet man sie auch mit anderen ihrer Art vereinigt. Ihre Schlafpl\u00e4tze und Winterherbergen sind die gew\u00f6hnlichen. Im Fr\u00fchjahr erscheint sie bald, im Winter aber nur selten. Abends kommt sie erst sp\u00e4t. Ihre Fluggewandtheit ist im Vergleich mit anderen ihrer Familie nicht eben bedeutend, und sie erhebt sich keineswegs besonders hoch.\nDie wirklichen Vampire leben in Amerika und geh\u00f6ren mehreren besonderen Sippen an. Sie kennzeichnen sich durch einen dicken Kopf mit langer, dicker und abgestutzter Schnauze, scharfkantige, am Rande mit W\u00e4rzchen besetzte, inwendig gezackte Lippen, einen dreiseitigen, bewarzten Fleck am Kinn und einen ziemlich kreisf\u00f6rmigen Saum unter den schiefen Nasenl\u00f6chern. Das Nasenblatt erhebt sich stielartig von der Nasenscheidewand und ist durch zwei Fugen in drei Felder getheilt, ganz \u00e4hnlich, wie bei den Hufeisennasen. Die dicke, fleischige Zunge kann wenig vorgestreckt werden und ist hinten und vorn mit runden, in der Mitte mit r\u00fcckw\u00e4rts gewendeten, spitzen Warzen versehen. Die Ohren sind von mittlerer Gr\u00f6\u00dfe und stets weit von einander getrennt, die Flugh\u00e4ute sind sehr gro\u00df, der Schwanz und die Schenkelhaut aber verschieden gebildet.\nDie sehr zahlreichen Arten bewohnen S\u00fcdamerika und das s\u00fcdliche Nordamerika und geh\u00f6rten bereits zu den Vorweltsthieren dieses Erdtheils. Sie leben mehr einzeln, als gesellig, in W\u00e4ldern, n\u00e4hren sich vorz\u00fcglich von Kerbthieren, von saftigen Fr\u00fcchten und viele auch vom Blutsaugen.\nUnter ihnen ist diejenige Art, welcher die Wissenschaft den Namen Vampir (Phyllostoma Spectrum) gelassen hat, f\u00fcr uns die merkw\u00fcrdigste. Der Vampir ist der gr\u00f6\u00dfte aller brasilianischen Blutsauger, hat einen dicken und langen Kopf mit sehr vorgezogener Schnauze, gro\u00dfe, l\u00e4nglichrunde, schwach gebaute Ohren mit einem schmalen Ohrl\u00e4ppchen und ein kleines, schmales, lanzettenartiges Nasenpl\u00e4ttchen auf breitem Stiele. Die Oberlippe ist glatt, die Unterlippe hat vorn zwei gro\u00dfe, nackte Warzen. Der weiche und zarte Pelz ist oben dunkelkastanienbraun, unten gelblichgraubraun, die Flughaut, welche bis zu den Zehenwurzeln hinabreicht, ist braun. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt 5 Vs Zoll und die Flugweite 15 Zoll.\nHaupts\u00e4chlich Guiana ist die Heimat des Vampirs. Er wird in den einsamen Urw\u00e4ldern getroffen und umschw\u00e4rmt nicht selten die nahegelegenen H\u00fctten der Eingebornen; ja er verbirgt sich hier oft unter >den dichten Palmend\u00e4chern derselben w\u00e4hrend des Tages. Des Nachts jagt er den Kerbthieren nach, und diese bilden seine haupts\u00e4chliche Nahrung. Nebenbei soll er auch Fr\u00fcchte verzehren. \u201eBei hellem Mondschein,\" sagt Waterton, \u201ekonnte ich den Vampir nach den mit reifen Fr\u00fcchten beschwerten B\u00e4umen hinfliegen und diese Fr\u00fcchte ihn essen sehen. Aus dem Walde brachte er in das Geh\u00f6ft dann und wann eine runde Frucht von der Gr\u00f6\u00dfe einer Muskatnu\u00df, welche der wilden Guava glich, und als der Sawarrinu\u00dfbaum bl\u00fchte, trieb er sich um diesen herum. In einer mondhellen Nacht sah ich verschiedene Vampire um die Gipfel dieser B\u00e4ume flattern und beobachtete da\u00df von Zeit zu Zeit eine Bl\u00fcthe in das Wasser fiel. Ohne Ursache geschah Dies sicher nicht: denn alle Bl\u00fcthen, welche ich pr\u00fcfte, waren frisch und gesund. So schlo\u00df ich, da\u00df sie von den Vampiren gepfl\u00fcckt wurden, entweder, um die beginnende Frucht oder um die Kerbthiere zu verspeisen, welche so oft ihren Wohnort in Blumen nehmen.\" Wenn der Vampir aber Mangel leidet, f\u00e4llt er gr\u00f6\u00dfere Gesch\u00f6pfe, namentlich V\u00f6gel und S\u00e4ugethiere an, sucht sich eine Stelle aus, wo er leicht die Haut durchbei\u00dfen kann, und saugt sich hier voll Blut. Hier\u00fcber sind alle Beobachter einstimmig. Schon der Spanier Azara, welcher ihn \u201eMordedor\", zu deutsch Bei\u00dfer, nennt, berichtet Folgendes: \u201eZuweilen bei\u00dfen sie sich in den Kamm und die Kinnlappen der schlafenden H\u00fchner ein, um ihnen Blut auszusaugen, und die H\u00fchner sterben daran gew\u00f6hnlich, zumal wenn sich die Wunden, wie fast immer geschieht, entz\u00fcnden. Ebenso bei\u00dfen sie Pferde, Esel, Maulthiere und K\u00fche regelm\u00e4\u00dfig in die Seiten, die","page":173},{"file":"p0174.txt","language":"de","ocr_de":"174\nDie Flatterthiere. Blattnasen. \u2014 Vampir.\nSchultern oder in den Hals, weil sie dort mit Leichtigkeit sich festhalten k\u00f6nnen. Dasselbe thun sie mit dem Menschen, wie ich bezeugen kann, weil ich selbst vier Mal in die Zehen gebissen worden bin, w\u00e4hrend ich unter freiem Himmel oder in Feldh\u00e4usern schlief. Die Wunde, welche sie mir beibrachten, ohne da\u00df ich es f\u00fchlte, war rund oder l\u00e4nglichrund und hatte eine Linie im Durchmesser, aber so geringe Tiefe, da\u00df sie kaum die ganze Haut durchdrang. Man erkannte sie durch aufgetriebene R\u00e4nder. Meiner Sch\u00e4tzung nach betrug das Blut, welches nach dem Bisse flo\u00df, etwa 2y2 Unzen. Allein bei Pferden und anderen Thieren mag diese Menge gegen drei Unzen betragen, und ich glaube, da\u00df sie schon wegen des dicken Felles gr\u00f6\u00dfere und tiefere Wunden an ihnen hervorbringen. Das Blut kommt nicht aus den Hohl- oder Schlagadern, denn bis dahin dringt die Wunde nicht ein, sondern blos aus den Haargef\u00e4\u00dfen der Haut, aus denen sie es unzweifelhaft schl\u00fcrfend und saugend herausziehen. Obgleich die mir beigebrachten Bisse einige Tage ein wenig schmerzten, waren sie doch von so geringer Bedeutung, da\u00df ich weder ein Mittel dagegen anzuwenden brauchte, noch an meinem\nDer Vampir (Phyllostoma Spectrum).\nGehen verhindert wurde. Weil sie also keine Gefahr bringen und die Thiere blos in jenen N\u00e4chten Blut saugen, in denen ihnen andere Nahrung fehlt, f\u00fcrchtet und verwahrt sich Niemand vor ihnen. Man erz\u00e4hlt, da\u00df sie ihr Opfer mit den Fl\u00fcgeln an derjenigen Stelle, wo sie saugen wollen, f\u00e4chelen, damit die Thiere Nichts f\u00fchlen sollen.\" Die \u00fcbrigen volksth\u00fcmlichen Anschauungen \u00fcber den Vampir bestreitet Azara auf das nachdr\u00fccklichste.\nRengger f\u00fcgt Azara's Beobachtung Folgendes hinzu: \u201eIch habe wohl hundert Mal die Verletzung der Maulesel, Pferde und Ochsen untersucht, ohne \u00fcber die Art, wie sie hervorgebracht, zur Gewi\u00dfheit zu kommen. Die beinahe trichterf\u00f6rmige Wunde hat gew\u00f6hnlich einen Viertelzoll im Durchmesser, zuweilen etwas mehr und je nach dem Theile des K\u00f6rpers eine Tiefe von einer bis zu zwei Linien. Sie reicht niemals durch die Haut hindurch bis auf die Muskeln. Man bemerkt an ihr keinen Eindruck von Z\u00e4hnen, wie bei Bi\u00dfwunden, hingegen ist ihr Rand immer sehr aufgelockert und angeschwollen. Ich kann daher nicht glauben, da\u00df die Blattnasen und die Zungenfresser (Glossophaga)","page":174},{"file":"p0175.txt","language":"de","ocr_de":"Beobachtungen \u00fcber die Unthaten des Vampir.\n175\nzugleich vermittelst eines Bisses den Saumthieren diese Wunden beizubringen, wobei \u00fcbrigens jedes schlafende Thier erwachen und sich seines Feindes entledigen w\u00fcrde. Vielmehr vermuthe ich, da\u00df sie erst durch Saugen mit den Lippen die Haut unempfindlich machen, wie Dies durch Aufsetzen von Schr\u00f6pfk\u00f6pfen geschieht, und dann, wenn sie angeschwollen ist, mit den Z\u00e4hnen eine kleine Oeffnung zu Stande bringen. Durch diese bohren sie nun, wie mir wahrscheinlich ist, ihre ausdehnbare, gleichfalls zum Saugen dienende Zunge allm\u00e4lig in die Haut hinein, wodurch die trichterf\u00f6rmige Aush\u00f6hlung entsteht. Die Unm\u00f6glichkeit, da\u00df die Flederm\u00e4use zu gleicher Zeit saugen und ihre Fl\u00fcgel bewegen, ist uns durch die Beschaffenheit der letzteren vergegenw\u00e4rtigt. Da die Fl\u00fcgelhaut bis an das Fu\u00dfgelenk herab mit den Beinen verbunden ist, wird es dem Thiere unm\u00f6glich, sich mit den F\u00fc\u00dfen festzuhalten und zugleich die F\u00fc\u00dfe zu gebrauchen; es m\u00fc\u00dfte also in der Luft schwebend saugen. Ich wenigstens sah die Flederm\u00e4use immer sich auf die Pferde niedersetzen, wobei sie nothwendig die Fl\u00fcgel einziehen mu\u00dften. Auch w\u00e4hlen sie, um sich besser festhalten zu k\u00f6nnen, die behaarten oder die flachen Theile der Thiere und bringen daher den Pferden am Halse, auf dem Widerriste und an der Schwanzwurzel, dem Maulesel am Halse und aus dem Widerriste, den Ochsen auf den Schulterbl\u00e4ttern und am Halslappen die Wunde bei. Diese hat an sich nichts Gef\u00e4hrliches, da aber zuweilen vier, f\u00fcnf, sechs und noch mehr Flederm\u00e4use in der n\u00e4mlichen Nacht ein Saumthier ansaugen und Dies sich oft mehrere N\u00e4chte hinter einander wiederholt, so werden die Thiere durch den Blutverlust sehr geschw\u00e4cht und zwar umsovielmehr, als neben dem Blute, welches die Flederm\u00e4use aussaugen, immer noch zwei bis drei Unzen aus jeder Wunde nachflie\u00dfen. Auch legen die Schmei\u00dffliegen nicht selten in die Wunden, und diese werden dann zu gro\u00dfen Geschw\u00fcren. Davon, da\u00df Blattnasen auch Menschen ansaugen, kenne ich kein weiteres Beispiel, als dasjenige, welches Azara von sich selbst anf\u00fchrt.\"\nNachstehendes erz\u00e4hlt Waterton in seinen Wanderungen in S\u00fcdamerika: \u201eVor einigen Jahren kam ich mit einem Schotten Tarbot an den Flu\u00df Paumaron. Wir hingen unsere H\u00e4ngematten auf den mit Stroh gedeckten Boden in dem Hause eines Pflanzers. Am n\u00e4chsten Morgen h\u00f6rte ich diesen Herrn in seiner Matte murmeln und dann und wann eine Verw\u00fcnschung aussto\u00dfen.\"\n\u201eWas giebt's, Herr! fragte ich leise, ist irgend Etwas nicht recht?\"\n\u201eWas es giebt?\" antwortete er verdrie\u00dflich, \u201enun, die Flederm\u00e4use haben mich zu Tode gesogen.\"\n\u201eSobald es hell genug war, ging ich an seine H\u00e4ngematte und fand sie sehr mit Blut bedeckt.\"\n\u201eDa, sagte er, seine F\u00fc\u00dfe vorstreckend, sehen Sie, wie diese h\u00f6llischen Kobolde mein Lebensblut abgezapft haben.\"\n\u201eIch untersuchte seine F\u00fc\u00dfe unb fand, da\u00df der Vampir seine gro\u00dfe Zehe angebohrt hatte. Es war eine etwas geringere Wunde, als die, welche von Blutegeln herr\u00fchrt. Das Blut flo\u00df noch immer heraus; ich vermuthete, da\u00df er zehn bis zw\u00f6lf Unzen davon verloren haben konnte.\"\nEin nicht n\u00e4her bezeichneter Reisender lie\u00df sich, wie Cassell mittheilt, von einem Vampir Blut aussaugen, um ihn dabei beobachten zu k\u00f6nnen.\nDer Mann hatte sich in dem gro\u00dfen Zimmer eines Hauses zur Ruhe niedergelegt, aber, weil die Nacht hei\u00df war, die M\u00fcckennetze um sein Bett herum nicht niedergelassen. Vollkommen wach, schaute er auf die Mondstrahlen, welche durch die offenen Feuster in den Raum hereinleuchteten. Da erschien pl\u00f6tzlich ein gro\u00dfer Vampir in dem Zimmer. Unser Beobachter blieb vollkommen ruhig, um zu sehen, was die Fledermaus thun w\u00fcrde. Zuerst segelte sie ger\u00e4uschlosen Fluges von einem Ende des Zimmers zum andern; nachdem sie aber verschiedene Male den gleichen Weg gemacht hatte, flatterte sie zwischen dem Betthimmel und dem Ruhenden hin und her. Nach und nach verk\u00fcrzte sie ihre Windungen, senkte sich mehr und mehr hernieder, kam dicht \u00fcber ihn und bewegte ihre Schwingen au\u00dferordentlich schnell, aber ohne jedes Ger\u00e4usch. Sie f\u00e4chelte ihrem Opfer eine h\u00f6chst angenehme K\u00fchlung zu. Dann senkte sie sich vollends hernieder. Der Erz\u00e4hler versichert, da\u00df er den Augenblick, in welchem der Vampir in seine entbl\u00f6\u00dfte Brust bi\u00df, nicht bestimmen konnte, so schmerzlos war er und so angenehm das F\u00e4cheln mit den Schwingen. Nach und nach f\u00fchlte er aber doch ein leises","page":175},{"file":"p0176.txt","language":"de","ocr_de":"176\tDie Flatterthiere. Blattnasen. \u2014 Zier-, Leier- und Klappnase.\nSchmerzgef\u00fchl, an das von dem Bi\u00df eines Blutegels herr\u00fchrende erinnernd, griff zu und erw\u00fcrgte den Blutsauger.\nDiesen Berichten will ich noch die von Burmeister uns gegebene Schilderung der Vampire und ihrer Vlutsaugereien hinzuf\u00fcgen.\n\u201eDie ber\u00fcchtigten, oft besprochenen Blutsauger, denen man ohne Grund so viel Uebles nachgesagt hat, sind fast \u00fcberall in Brasilien zu Hause und verrathen ihre Anwesenheit fast t\u00e4glich durch Bisse an Reit- und Lastthieren. Allein sie richten hierdurch nur h\u00f6chst selten Schaden oder Verlust an, weil die Blutmasse, welche sie den Thieren entziehen, eine sehr geringe ist. Besonders in der kalten Jahreszeit, wo den Flederm\u00e4usen die Kerbthiere fehlen, bemerkt man die Bisse und zwar immer an ganz bestimmten Stellen, namentlich da, wo die Haare des Thieres einen Wirbel bilden und die Flederm\u00e4use leicht bis auf die nackte Haut kommen k\u00f6nnen. Ich fand die meisten Bi\u00dfwunden am Widerrist, besonders bei solchen Thieren, welche daselbst durch Reibung nackte oder blutr\u00fcnstige Stellen hatten. Ein zweiter Lieblingsplatz ist die Schenkelfuge oben neben dem Becken, wo die Haare aus einander stehen; auch unten am Beine bei\u00dfen sie gern, selten unter dem Halse. Am Kopfe, der\nDie Leiernase (Megaderma Lyra).\nNase und Lippen kommen nur ausnahmsweise Wunden vor. Solange der Gaul oder der Esel noch wach ist, l\u00e4\u00dft er die Flederm\u00e4use nicht heran; er wird unruhig, stampft, sch\u00fcttelt sich und verscheucht den Feind, welcher ihn umschwirrt; nur schlafende Thiere lassen sich ruhig besangen. Da\u00df die Blattnasen dabei mit den Fl\u00fcgeln f\u00e4cheln, ist eine Fabel. Mitunter werden saugende Flederm\u00e4use von den W\u00e4chtern der Tropa, die von Zeit zu Zeit nach den Thieren sehen, ergriffen, so eifrig und arglos sind sie bei ihrem Gesch\u00e4ft. Von Bissen an Menschen habe ich keine sichere Erfahrung; mir ist Niemand vorgekommen, der gebissen worden w\u00e4re. Wie die Fledermaus bei\u00dft, l\u00e4\u00dft sich nicht mit v\u00f6lliger Sicherheit angeben. Man wei\u00df nur, da\u00df sie sich mit halbge\u00f6ffneter Fl\u00fcgelweite niedersetzt, die Haare etwas aus einander schiebt, das warzige Kinn fest niederdr\u00fcckt und nun zu saugen beginnt. Die Wunde ist ein kleines, flaches Gr\u00fcbchen, welches nicht wie eine scharfe Stichwunde aussieht. Ich glaube, da\u00df die Oeffnung meist erst bemerkt wird, nachdem die Fledermaus eine Stelle der Haut etwas emporgesogen hat, und nun die Spitze ein- oder abbei\u00dft, aber mit den zwei spitzen Oberund mittleren Schneidez\u00e4hnen, nicht mit den Eckz\u00e4hnen, welche sich dazu gar nicht eignen. Die Nach-","page":176},{"file":"p0177.txt","language":"de","ocr_de":"Gestalt und Lebensweise.\n177\nMutung, welche erfolgt, ist nie stark. Ein schmaler, getrockneier Blutstreifeu ist alles, was man von ihr bemerkt. Bon F\u00e4llen, da\u00df das Thier an Blutverlust gestorben w\u00e4re, habe ich nie geh\u00f6rt. Geschw\u00e4cht werden sie wohl nach t\u00e4glich wiederholten Verlusten etwas, besonders weil gerade in der kalten Jahreszeit nirgends reichlich Futter zu haben ist; aber der Tod erfolgt bei solchen Thieren niemals, als durch Ueberladnng von seiten der Besitzer, woran das Thier wahrscheinlich ohne Blutverlust zu Grunde gegangen w\u00e4re.\"\nNach diesen Beobachtungen kann ich es nun jedem meiner Leser \u00fcberlassen, sich selbst ein Urtheil zu bilden. Absichtlich habe ich auch phantasiereiche Reisende neben Azara, Renggcr und Bnrmeistcr reden lassen; selbst deren Schilderungen beweisen die Haltlosigkeit der h\u00e4\u00dflichen und auch deshalb undichterischen Sage.\nAuch unter den \u00fcbrigen Sippen unserer Familie giebt cs noch einige merkw\u00fcrdige Thiere.\nDie Gruppe der Ziernasen (Megaderma) z. B. enth\u00e4lt eine Art, welche nicht blos Blut sangt, sondern auch kleine Frosche fressen soll. Ei\u00bb dreifacher Nasenbesatz, die gro\u00dfen \u00fcber der\nDie cgyplische Klappuase (Rhinopoma microphyllum).\nStirn mit einander verwachsenen Ohren und die lange Ohrenklappe kennzeichnen die hierher geh\u00f6rigen Flederm\u00e4use.\nDie Leiernase (Megaderma Lyra), welche als die ausgezeichnetste der ganzen Sippe betrachtet werden kann, ist durch die au\u00dferordentliche Hautwncherung an ihrer Nase, welche mit einer Leier entfernte Aehnlichkcit hat, besonders merkw\u00fcrdig.\nEine dritte Sippe enth\u00e4lt die Klappnasen (Rhinopoma). Bei ihnen ist der Nascnbesatz einfach und besteht aus einem aufrechtstehenden, lanzettf\u00f6rmigen Blatte. Die Ohren, ebenfalls auf der Stirn verwachsen, sind von mittlerer Gr\u00f6\u00dfe, der Schwanz aber ist f\u00fcr Flederm\u00e4use unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig lang.\nEine Art dieser Sippe ist die eghptische Klappnase (Rhinopoma microphyllum). Sie ist ein kleines Thier von zwei Zoll K\u00f6rperl\u00e4nge, fast ebensoviel Schwanzl\u00e4nge und 7 >/2 Zoll Flugweite,\nBrehm, Tbierliben.\tio","page":177},{"file":"p0178.txt","language":"de","ocr_de":"178 Die Flatterthiere. Blattnasen. \u2014 Zier- und Klappnasen. Gestalt und Lebensweise.\nan welchem der sehr lange und d\u00fcnne Schwanz entschieden das Merkw\u00fcrdigste ist. Es besteht aus elf Wirbeln und reicht weit \u00fcber die Schenkelflughaut hinaus. Das Thier lebt in au\u00dferordentlicher Anzahl in Egypten, namentlich in alten verlassenen Denkm\u00e4lern, in k\u00fcnstlichen und nat\u00fcrlichen H\u00f6hlen. Ich fand sie in ungeheurer Menge in der ausgedehnten Krokodilh\u00f6hle bei Monfalut, dem alten Begr\u00e4bni\u00dfplatze der heiligen Lurche. In einem gr\u00f6\u00dfer\u00bb Gew\u00f6lbe dieser H\u00f6hle hing sie in solchen Massen, da\u00df die eigentlich schwarze Decke graulich erschien. Unten aus dem Boden lag der Koth zollhoch aufgeschichtet, und der Gestank desselben hatte die ganze, lange H\u00f6hle verpestet. Als wir mit Licht in dies Schlafzimmer traten, erf\u00fcllte ein wirklich ohrbet\u00e4ubendes Ger\u00e4usch die Luft, und pl\u00f6tzlich sahen wir uns von einem dichten Gewirr der aufgescheuchten Thiere umringt, welche hastig einen andern Ruheort zu erlangen strebten. Das Ger\u00e4usch ihres Flatterns pflanzte sich weit durch die ganze H\u00f6hle fort und klang uns wie ferner Donner in die Ohren. Manchmal l\u00f6schten sie uns das Licht aus. Bei jedem Streiche, welchen wir mit den St\u00f6cken f\u00fchrten, schlugen wir wenigstens eine, gew\u00f6hnlich aber zwei oder drei zu Boden, und nunmehr wimmelten auch noch am Fu\u00dfboden die fl\u00fcgellahmen Thiere, welche so behend als m\u00f6glich dahinkrabbelten. Die Gefangenen bissen wehrhaft und ziemlich empfindlich um sich.\nIn der Abendd\u00e4mmerung erscheint diese Fledermaus h\u00e4ufig am Nile, noch h\u00e4ufiger \u00fcber den \u00fcberschwemmten Stellen desselben, und f\u00e4ngt hier dicht \u00fcber der Oberfl\u00e4che des Wassers die Kerbthiere weg. Sie geht \u00fcbrigens weit am Nil hinauf und findet sich noch vielfach bei Dongola. \u2014\nNach diesen fast etwas zu langen Beschreibungen der Ordnung und ihrer hervorragendsten Sippenmitglieder d\u00fcrfen wir getrost auf eine ausf\u00fchrliche Beschreibung der \u00fcbrigen Arten verzichten. Ihr Leben \u00e4hnelt dem der bisher genannten vollst\u00e4ndig; die Beschreibung der eigenth\u00fcmlichen Gestalten und des merkw\u00fcrdigen, so sehr verschiedenen Kopfputzes aber w\u00fcrde, so anziehend sie f\u00fcr einen vergleichenden Anatomen auch sein mag, die Geduld meiner Leser nur allzubald erm\u00fcden.\n\u25a0>2252\"","page":178},{"file":"p0179.txt","language":"de","ocr_de":"Zweite Aeihe.\nKrallenthiere (TJnguiculata),\n\u00ab\t\u00aeer altbekannte Ausspruch: \u201eDie Hand macht den Menschen leiblich zu Dem, was er ist,\"\ngiebt allen Forschern, welche sich mit der Einreihung der Thiere in einer gewissen Ordnung befassen, das vollste Recht, diejenigen S\u00e4uger, mit deren Leben wir uns bisher besch\u00e4ftigten, als die h\u00f6chststehenden anzusehen und sie demgem\u00e4\u00df an die Spitze unserer Klasse und damit an die Spitze aller \u00fcbrigen | zu stellen. Ihre Handbildung ist es, welche sie zu einem Ganzen einigt; die Aehnlichkeit der Handthiere mit den Menschen ist es, welche ihnen ihre Stellung sichert. Da\u00df mit dieser Handbildung der ganze \u00fcbrige L'eibesbau im Einkl\u00e4nge steht, haben wir verfolgen k\u00f6nnen: und so hat es uns nicht Wunder genommen, da\u00df wir auch die kleinen, unsch\u00f6nen und gleichsam verzerrten oder mi\u00dfgestalteten Flederm\u00e4use einer scheinbar so hohen Stellung w\u00fcrdig erachteten. Wohl keinem Naturforscher wird es einfallen, zu behaupten, da\u00df sie h\u00f6her gebildete, vollendetere Thiere seien, als der L\u00f6we, der Hund, das Pferd oder der Walfisch es sind; gleichwohl wird jeder ihnen gern eine so auffallende Voranstellung zugestehen: eben weil sie ihre Verwandtschaft mit den h\u00f6chstgebildeten Thieren i und mittelbar mit uns solcher Ehre w\u00fcrdig macht.\nEs wird immer ein Mi\u00dfgriff bleiben, wenn man ein \u201eSystem\" aufbaut, welches jedem einzelnen Thiere seine Stellung in fortlaufender Reihe anweisen soll. Ungleichm\u00e4\u00dfigkeiten und Ungerechtigkeiten sind dabei gar nicht zu vermeiden. Nicht einmal innerhalb einer einzigen Familie w\u00fcrde man s\u00e4mmt-:\tliche Mitglieder derselben zu -einer vollkommen gleichm\u00e4\u00dfigen Reihe ordnen k\u00f6nnen. Zwar finden sich\nfast \u00fcberall vermittelnde Bindeglieder: allein oft geh\u00f6rten gerade sie fr\u00fcheren Erdzeitr\u00e4umen an und sind deshalb gegenw\u00e4rtig-doch nur in sehr untergeordneter Weise zu gebrauchen, wenn wir mit ihnen die L\u00fccken ausf\u00fcllen wollen, welche \u00fcberall sich finden. So bleibt dem ordnenden Thierkundigen :\tnichts Anderes \u00fcbrig, als mehrere Reihen aufzustellen, welche unter sich mehr oder weniger gleich-\nwerthig sind, eine gewisse Zahl von Thieren in sich zusammenfassen und diese nach ihrer gr\u00f6\u00dfern oder geringern H\u00f6he der Ausbildung m\u00f6glichst folgerecht ordnen lassen.\n. Eine solche Reihe haben wir in den nachstehend zu besprechenden Thieren vor uns. \u201e Krallenthier e\" k\u00f6nnen s\u00e4mmtliche in ihr vereinigten S\u00e4uger mit Fug und Recht genannt werden; denn die Bildung ihrer N\u00e4gel ist ihnen allen gemeinsam, selbstverst\u00e4ndlich abgesehen von den Ab\u00e4nderungen, welche jede LeibesLildung unter einer so gro\u00dfen Menge verschiedenartiger Wesen erleiden mu\u00df. Die vier Gliedma\u00dfen aller Krallenthiere ragen vollst\u00e4ndig aus dem K\u00f6rper hervor, \u00e4ndern in ihrer Anlage aber sehr manchfaltig ab, je nachdem sie zum Gehen, Springen-oder Flattern dienen sollen. Immer haben die F\u00fc\u00dfe vollkommen bewegliche Zehen und diese Krallenn\u00e4gel, welche das Ende der Zehen nur theilweise bedecken, nicht aber vollst\u00e4ndig einhufen, wie bei anderen S\u00e4ugern, mit denen wir uns sp\u00e4ter besch\u00e4ftigen werden. Die Zitzen der Krallenthiere liegen entweder blos auf der Brust oder blos","page":179},{"file":"p0180.txt","language":"de","ocr_de":"180\nDie Raubthiere.\nam Bauche, in den Weichen oder an den Seiten, oder aber an mehreren dieser Theile zugleich; sie sind entweder frei oder beim Weibchen von einer Hautfalte, einem Beutel, eingeschlossen. Harn- und Geschlechtswerkzeuge m\u00fcnden bei der Mehrzahl abgesondert nach au\u00dfen, bei einigen wenigen aber in den untern Mastdarm. Dies w\u00fcrden etwa die Merkmale sein, welche bedingt den Thieren der zweiten Reihe gemeinsam sind: die besonderen Eigenth\u00fcmlichkeiten der Ordnungen und Familien wird uns deren Beschreibung kennen lehren.\nDie Reihe der Krallenthiere enth\u00e4lt Lei weitem die meisten aller S\u00e4uger. Sie zerf\u00e4llt in drei familien- und artenreiche Ordnungen, in die der Raubthiere, Beutler und Nager n\u00e4mlich. Jede dieser Ordnungen beansprucht als gro\u00dfes Ganze f\u00fcr sich eine eingehende Betrachtung ihrer Eigenth\u00fcmlichkeiten: \u2014 sehen wir jetzt, worin diese bestehen.\nF\u00fcnfte Ordnung.\nRaubthiere (Bapacia).\nKaum eine andere Abtheilung des Thierreichs umfa\u00dft bei verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gleicher Artenzahl einen gr\u00f6\u00dfern Gestaltenreichthum, als die Ordnung der Raubthiere, welche wir als die h\u00f6chststehenden der zweiten Reihe ansehen d\u00fcrfen. Fast alle Leibesgr\u00f6\u00dfen von der mittlern an bis zu der kleinsten herab, welche die ganze Klasse aufweist, sind in dieser Ordnung vertreten; die verschiedenartigsten Gestalten sind in ihr vereinigt. Von dem gewaltigen L\u00f6wen an bis zur Zwergspitzmaus herab \u2014 welche Zwischenstufen, welche Manchfaltigkeit der Ausbildung einer und derselben Grundform! Kaum kann der Laie glauben, da\u00df wirklich nur eine einzige Gestalt allen Raubthieren gemein ist, kaum ist er f\u00e4hig, den einen Gedanken \u00fcberall herauszufinden, welcher \u2014 falls ich so sagen darf \u2014 sich in jedem Raubthiere ausspricht: \u2014 die Unterschiede in der Leibesbildung der Raubs\u00e4uger sind gar zu gro\u00df! Hier der einhellig gebaute, anmuthige Katzenleib, dort der walzenf\u00f6rmige, plumpe K\u00f6rper des Maulwurfs; hier die schlanke, zierliche Schleichkatze mit dem feinen, glatten Felle, dort der an das w\u00fcste Schwein erinnernde Igel mit seinem Stachslkleide; hier der kr\u00e4ftige, derbe Hund, dort die schwache, zierliche Spitzmaus; hier der t\u00f6lpisch langsame, schwere B\u00e4r und dort das behende, schnelle, leichte Wiesel: wie k\u00f6nnen sie alle einem Ganzen angeh\u00f6ren? Und wie k\u00f6nnen sie sich alle vereinigen lassen, sie, von denen diese auf der Erde, jene unter ihr, die einen auf B\u00e4umen, die anderen im Wasser wohnen und leben? \u2014 Und doch sind sie alle nicht blos geistig, sondern auch leiblich innig verwandt.\nS\u00e4mmtliche Raubthiere zeigen in ihrer leiblichen Ausr\u00fcstung und in ihrer geistigen Bef\u00e4higung eine Einhelligkeit, wie kaum eine andere Ordnung; und diese Gleichm\u00e4\u00dfigkeit gerade stempelt sie zu ebenso hochstehenden, als sich innig verwandten Thieren. Schon die allen mehr oder weniger gemeinsamen Sitten, die gleiche Lebensweise und Nahrung deuten darauf hin, da\u00df Wesen und Sein der betreffenden Thiere, der Bau der Gliedma\u00dfen ebensowohl, wie der des Gebisses und der Verdauungswerkzeuge. wie die geistigen F\u00e4higkeiten wesentlich gleichartig sein m\u00fcssen. Und sie sind gleichartige Thiere! Verzerrungen und Absonderlichkeiten, fratzenhafte und widerliche Gestalten fehlen fast g\u00e4nzlich unter den Raubthieren, und deshalb eben zeigen sie eine viel gr\u00f6\u00dfere Einhelligkeit im Bau, als die Affen, Halbaffen oder Flederm\u00e4use.\n\u201eDie Gliedma\u00dfen der Raubthiere,\" sagt Giebel, \u201estehen im gleichen Verh\u00e4ltni\u00df zu einander und in einem einhelligen zum ganzen Leibe, Gewandtheit und Kraft in ihren Bewegungen verrathend. Immer sind die F\u00fc\u00dfe mit vier oder f\u00fcnf starkbekrallten Zehen versehen. So zeigen sie sich zum","page":180},{"file":"p0181.txt","language":"de","ocr_de":"Gemeinsames an Leib und Seele. Leibesbau. Sinne.\n181\nGraben, Klettern, Schwimmen, Ergreifen ohne erhebliche Aenderung ihres Baues ebenso geeignet, als zum Gange, ihrer eigentlichen Bestimmung. Alle Sinneswerkzeuge sind scharf und in einem gewissen Grade ebenfalls gleichm\u00e4\u00dfig entwickelt. Das Gebi\u00df ist noch aus allen Zahnarten zusammengesetzt und zeigt nur kr\u00e4ftige, scharfzackige und spitze Formen, wie sie zur Fleischnahrung allein zweckm\u00e4\u00dfig sind. Entsprechend sind die Kiefern und Kaumuskeln gebaut, welche die Th\u00e4tigkeit des Gebisses bedingen oder st\u00fctzen, und demgem\u00e4\u00df besonders kr\u00e4ftig sein m\u00fcssen.\" Der Magen ist stets einfach, der Darm gew\u00f6hnlich kurz oder m\u00e4\u00dfig lang, der Blinddarm ist immer kurz: Fleisch verdaut sich auch viel leichter, als rohe Pflanzenstoffe. Ganz eigenth\u00fcmlich sind die Afterdr\u00fcsen, welche hier und da vorkommen und stark riechende Fl\u00fcssigkeiten absondern, und ebensowohl zur Vertheidigung gegen st\u00e4rkere, wie zum Herbeilocken schw\u00e4cherer Gesch\u00f6pfe dienen k\u00f6nnen oder endlich eine Fettmasse zum Einreiben des Felles liefern m\u00fcssen.\nZergliedern wir die Thiere genauer, so finden wir noch folgende mehr oder weniger allgemeine Eigenth\u00fcmlichkeiten im Bane der Raubs\u00e4uger. Das Geripp ist bei aller Leichtigkeit und Zierlichkeit der Formen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kr\u00e4ftig. Der Sch\u00e4del ist gestreckt; sein Hirntheil steht mit dem Schnauzen-theil ziemlich in gleichem Verh\u00e4ltni\u00df, d. h. keiner \u00fcberwiegt den andern besonders auff\u00e4llig. Die starken K\u00e4mme und Leisten, sowie die gew\u00f6lbten und ziemlich weit vom Sch\u00e4del abstehenden Jochb\u00f6gen deuten auf kr\u00e4ftige Muskeln hin, welche hier vergr\u00f6\u00dferte Ansatzfl\u00e4chen finden; die Augenh\u00f6hlen sind gro\u00df, die Geh\u00f6rblasen aufgetrieben und die Nasenknochen und Knorpel ausgedehnt; die betreffenden Sinneswerkzeuge haben deshalb Raum zu vollkommener Entwickelung. An den Wirbeln finden sich starke Dornen und lange Forts\u00e4tze; die Lendenwirbel verwachsen oft fast vollst\u00e4ndig. Die Zahl der Schwanzwirbel schwankt ziemlich bedeutend, und die Glieder \u00e4ndern im Einkl\u00e4nge mit der verschiedenartigen Lebensweise manchfaltig ab; immer aber deutet ihr Bau auf gro\u00dfe Kraft und Beweglichkeit hin.\nBei vielen Raubthieren verl\u00e4ngert sich die Nase r\u00fcsself\u00f6rmig und ist oft noch mit besonderen Knorpeln und Kn\u00f6chelchen versehen: dann dient der R\u00fcssel zum W\u00fchlen. Die Gliedma\u00dfen verk\u00fcrzen und verdicken sich, und die betreffenden Thiere werden hierdurch geschickt, zu graben und eine unterirdische Lebensweise zu f\u00fchren; sie verl\u00e4ngern sich und gestatten einen eiligen Lauf; sie verbreitern sich durch Schwimmh\u00e4ute und bef\u00e4higen zum Aufenthalt im Wasser. Die Krallen sind ebenfalls au\u00dferordentlich verschieden gebaut. Sie sind einziehbar, werden hierdurch beim Gehen vor dem Abnutzen gesch\u00fctzt und k\u00f6nnen dann, wenn sie vorgestreckt werden, als vortreffliche Waffen und Greifwerkzeuge benutzt werden; bei anderen Raubs\u00e4ugern sind sie stumpf und unbeweglich: sie k\u00f6nnen deshalb auch blos zum Schutze des Fu\u00dfes oder h\u00f6chstens \u2014 jedoch nur, wenn sie sehr gebogen sind \u2014 zum Anklammern dienen; bei noch anderen Mitgliedern der Ordnung endlich sind sie unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig stark, breit und scharf: dann sind sie zum W\u00fchlen und Graben geeignet. Das Gebi\u00df'ist durch die sehr starken Eck- oder Rei\u00dfz\u00e4hne ebenso ausgezeichnet, wie durch die zackigen oder mehrspitzigen Kauz\u00e4hne und erm\u00f6glicht einen wirksamen Gebrauch zum K\u00e4mpfen, wie zum Festhalten und Zerfleischen der Beute. Kr\u00e4ftige Muskeln und Sehnen verleihen St\u00e4rke und Ausdauer, w\u00e4hrend ihre Anlage umfassende und gewandte Bewegungen zul\u00e4\u00dft.\nHierzu kbmmen nun noch die ausgezeichneten Sinne. Blos ausnahmsweise zeigt sich einer von ihnen verk\u00fcmmert: dann aber wird er gewi\u00df durch die \u00fcbrigen gen\u00fcgend ersetzt. Im Allgemeinen kann nicht behauptet werden, da\u00df ein Sinn besonders und \u00fcberall bevorzugt sei; denn bei den Einen ist der Geruch, bei den Anderen das Gesicht, bei noch Anderen das Geh\u00f6r bewunderungsw\u00fcrdig ausgebildet; bei Einigen spielt auch der Tastsinn eine gro\u00dfe Rolle. Zwei Sinne sind regelm\u00e4\u00dfig sehr scharf, und zwar sind Dies in den meisten F\u00e4llen Geruch und Geh\u00f6r, in seltneren Geh\u00f6r und Gesicht. Jedenfalls aber finden sich in keiner andern Ordnung scharfsinnigere Thiere, als in der unserer R\u00e4uber.\nDie geistigen F\u00e4higkeiten widersprechen den leiblichen Anlagen nicht. Wir finden unter den Raubthieren bewunderungsw\u00fcrdig kluge Gesch\u00f6pfe und d\u00fcrfen uns somit nicht wundern, da\u00df sie sich bald alle","page":181},{"file":"p0182.txt","language":"de","ocr_de":"182\nDie Raubthiere.\nList und Verstellungskunst aneignen, welche ihr R\u00e4uber- und Diebeshandwerk erfordert. Dazu verleiht ihnen das Gef\u00fchl ihrer St\u00e4rke gro\u00dfen Muth und ein Selbstbewu\u00dftsein, wie andere Thiere es niemals erlangen k\u00f6nnen. Aber eben diese Eigenschaften haben auch wieder andere im Gefolge, welche nicht sehr f\u00fcr die sonst so herrlichen Gesch\u00f6pfe einnehmen. Die Raubthiere werden gewohnt, zu siegen, und eignen sich deshalb bald mit der immer st\u00e4rker werdenden Herrschsucht Grausamkeit und h\u00e4ufig zuletzt un\u00fcberwindliche Mordlust, ja f\u00f6rmliche Blutgier an, \u2014 in einem Grade, da\u00df sie sogar als Sinnbilder f\u00fcr gewisse Menschen angesehen werden k\u00f6nnen.\nDie Anlagen und Eigenschaften des Leibes und Geistes bedingen nothwendig Aufenthalt und Lebensweise. Die Raubthiere wohnen und herrschen \u00fcberall: auf dem Boden, wie in den Kronen der B\u00e4ume, im Wasser, wie unter der Erde, auf den Gebirgen, wie in der Ebene, im Wald, wie auf dem Felde, im Norden, wie im S\u00fcden. Sie sind ebensowohl vollendete Nacht-, wie Tagethiere; sie gehen ebensogut in der D\u00e4mmerung, wie im Lichte der Sonne oder im Dunkel der Nacht ihrer Nahrung nach.\nDie Kl\u00fcgsten leben gew\u00f6hnlich gesellig, die weniger Verst\u00e4ndigen'einsam; die Flinken greifen offen an, die weniger Behenden st\u00fcrzen aus einem Hinterhalte vor \u2014 sie m\u00f6gen so stark sein, wie sie wollen. Diese gehen gerade, jene auf Schleichwegen auf ihr Zi\u00a7l los: alle aber verbergen sich so lange als m\u00f6glich, einzig in der Absicht, durch ihr Erscheinen nicht vorzeitig zu schrecken, und nur wenige suchen, im Bewu\u00dftsein ihrer Schw\u00e4che, eilig Schutz nnd Zuflucht, sobald sie irgend etwas Verd\u00e4chtiges, gef\u00e4hrlich Scheinendes bemerken. Je h\u00f6her sie leiblich begabt sind, und je mehr sie den Tag lieben, um so heiterer, lebendiger, fr\u00f6hlicher und geselliger zeigen sie sich; je niedriger sie stehen, je mehr sie Nachtthiere sind, um so stumpfer, m\u00fcrrischer, mi\u00dftrauischer, scheuer und ungeselliger werden sie. Der Erwerb der Nahrung tr\u00e4gt hierzu wesentlich mit bei; denn er vereinigt oder trennt, bildet den Geist oder stumpft dessen F\u00e4higkeiten.\nAlle Raubs\u00e4uger n\u00e4hren sich von anderen Thieren, und nur sehr ausnahmsweise verzehren einige auch Fr\u00fcchte, K\u00f6rner und anderweitige Pflanzenstofse. Man hat nach der verschiedenen Nahrung drei gr\u00f6\u00dfere Gruppen benannt, die Kerf-, Alles- und Fleischfresser n\u00e4mlich; diese Namen sind aber nicht stichhaltig: denn die Allesfresser oder die Kerfj\u00e4ger verschm\u00e4hen ebensowenig ein gediegenes St\u00fcckchen Fleisch, wie die gr\u00f6\u00dften und wildesten Raubthiere. S\u00e4mmtliche Mitglieder unserer Ordnung sind vom Hause aus geborne R\u00e4uber und M\u00f6rder, gleichviel, ob sie oder ihre Schlachtopfer gro\u00df oder klein sind; und selbst Die, welche Pflanzenkost lieben, zeigen bei Gelegenheit, da\u00df sie von der \u00fcbrigen Gesellschaft keine Ausnahme machen wollen, soweit es sich um Raub und Mord handelt. Hinsichtlich der Auswahl ihrer Nahrungsstoffe oder, bestimmter gesagt, ihrer Beute, unterscheiden sich die Raubs\u00e4uger erkl\u00e4rlicherweise in demselben Grade, wie hinsichtlich ihres Leibesbaues, ihrer Heimat, ihres Aufenthaltsortes und ihrer Lebensweise. Kaum eine einzige aller Klassen des Thierreichs bleibt vor den Angriffen und Brandschatzungen unserer Raubritter gesichert. Die gr\u00f6\u00dften und st\u00e4rksten Glieder der Ordnung halten sich zumeist an die ihnen zun\u00e4chststehende erste Klasse, jedoch ohne deshalb tieferstehende Thiere zu verschm\u00e4hen. Nicht einmal der L\u00f6we n\u00e4hrt sich ausschlie\u00dflich von S\u00e4ugethieren, und die \u00fcbrigen Katzen zeigen sich noch weit weniger w\u00e4hlerisch, als er. Die Hunde, eigentlich echte Fleischfresser, dehnen ihre Jagd noch weiter aus; unter den Schleichkatzen und Mardern finden wir bereits einige, welche sich ausschlie\u00dflich von Fischen oder gern von Lurchen n\u00e4hren; die B\u00e4ren sind eben die \u201eAllesfresser\" und lassen sich auch in der That Pflanzenkost so gut wie Thierfleisch munden; und in den Igeln, Spitzm\u00e4usen und Maulw\u00fcrfen endlich sehen wir wieder R\u00e4uber, die ohne Umst\u00e4nde alles Lebende, was sie bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen, angreifen und auffressen. Somit finden also die Wirbelthiere ebensogut ihre Liebhaber oder richtiger ihre Feinde, wie die niederen Thiere, deren Leib noch so gro\u00df ist, da\u00df er gesehen und gefa\u00dft werden kann. Und m\u00f6gen sich die einen wie die anderen auf dem festen Boden oder im Wasser, unter deb Erde oder im Gezweig der B\u00e4ume aufhalten, im Norden wie im S\u00fcden, in der H\u00f6he, wie in der Tiefe leben: den Tod verbreiten sie \u00fcberall um sich her, das Rauben und das Morden enden niemals.","page":182},{"file":"p0183.txt","language":"de","ocr_de":"Geistesgaben. Aufenthalt. Lebensweise. Verschiedenheit der Nahrung. Fortpflanzung. Familien. 183\nNur sehr wenige Raubs\u00e4ugethiere f\u00fchren ein wirkliches Eheleben, kein einziges ein solches auf Lebenszeit. Bei einigen Katzen, den Igeln und den Maulw\u00fcrfen leben w\u00e4hrend und nach der Paarungszeit beide Geschlechter enger zusammen, als im Verlaufe des \u00fcbrigen Jahres; hier stehen sich die Gatten eines Paares auch wohl gegenseitig bei, um die Kinder zu ern\u00e4hren oder zu besch\u00fctzen und zu vertheidigen: bei den \u00fcbrigen und zwar bei der gr\u00f6\u00dferen Anzahl, pflegt der Vater seine eigenen Spr\u00f6\u00dflinge als gute Beute zu betrachten und mu\u00df von der Mutter zur\u00fcckgetrieben werden, wenn er das Lager seiner Nachkommenschaft zuf\u00e4llig aufgefunden hat. Unter derartigen Umst\u00e4nden ist die Mutter nat\u00fcrlich die einzige Pflegerin. \u2014 Die Zahl der Jungen eines Wurfes schwankt erheblich, sinkt aber niemals (oder blos ausnahmsweise) bis auf Eins herab. Die Jungen werden regelm\u00e4\u00dfig blind geboren und sind l\u00e4ngere Zeit sehr hilflos, entwickeln sich dann aber verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig rasch. Ihre Mutter unterrichtet sie ziemlich ausf\u00fchrlich in ihrem Gewerbe und begleitet und sch\u00fctzt sie jedenfalls so lange, als sie noch unf\u00e4hig sind, selbstst\u00e4ndig f\u00fcr sich zu sorgen. Bei Gefahr tragen einige, aber sehr wenige M\u00fctter die Brut in den Armen oder auf dem R\u00fccken fort; die \u00fcbrigen schleppen sie mit dem Maule weg. \u25a0\u2014\nDer Mensch lebt mit fast allen Raubthieren in offener Fehde. Nur h\u00f6chst wenige von ihnen hat er sich durch Z\u00e4hmung nutzbar zu machen gesucht, \u2014 eine Gruppe (oder wenn man lieber will: ein Wesen) freilich in einem Grade, wie kein anderes Thier \u00fcberhaupt. Die gr\u00f6\u00dfere Anzahl wird mit mehr oder weniger Recht als sch\u00e4dlich angesehen und leidenschaftlich geha\u00dft, deshalb auch unerbittlich verfolgt; ein ganz unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig kleiner Theil wird geschont. Ziemlich viele Mitglieder der Ordnung werden get\u00f6dtet, um benutzt werden zu k\u00f6nnen. Das Fleisch oder Fett der einen wird gegessen, das kostbare Fell der andern zu werthvollen Kleiderstoffen verwendet: und hier l\u00e4\u00dft sich gegen ihre T\u00f6dtung nicht wohl Etwas einwenden; sehr unrecht ist es aber, da\u00df auch die nicht blos unschuldigen, sondern sogar n\u00fctzlichen Raubs\u00e4uger verkannt werden und der blinden Zerst\u00f6rungswuth unterliegen m\u00fcssen. Schon aus diesem Grunde verdient unsere Ordnung von allen Menschen sorgf\u00e4ltiger studirt zu werden, als bisher: denn es ist doch wahrhaftig wichtig genug, seine Freunde von seinen Feinden unterscheiden zu lernen. \u2014\nMan kann die Ordnung der Raubthiere in acht Familien eintheilen, \u2014 in dieselben, welche ich im Eing\u00e4nge nannte. Dann mag man, wenn man will, doch drei Hauptabtheilungen annehmen und also von Fleisch-, Alles- und Kerbthierfressern reden. Die erstere Abtheilung w\u00fcrde hiernach die Familien der Katzen, Hunde, Schleichkatzen, Marder und B\u00e4ren in sich fassen \u2014 doch ziehen Einige vor, die Letzteren als Vertreter einer besonderen Unterordnung anzusehen und als \u201eAllesfresser\" zu bezeichnen. Alle hierher geh\u00f6rigen Thiere zeichnen sich aus durch ihre ebenm\u00e4\u00dfige, zum Theil sogar sehr sch\u00f6ne Gestalt, ihre Gr\u00f6\u00dfe, die lebendigen Farben, welche einzelne zieren, ihre Beweglichkeit, Gewandtheit, Raub- und Mordlust, Entschiedenheit des Charakters und vor Allem durch gro\u00dfe Klugheit, welche bei Einigen nur dem menschlichen Verst\u00e4nde nachsteht. Sie sind Bewohner des Festlandes und leben vorzugsweise auf d^m Boden, obgleich es auch ebenso vortreffliche Schwimmer, wie Kletterer und auch H\u00f6hlenbewohner unter ihnen giebt. Im Allgemeinen kennzeichnen sie folgende Merkmalen der Leib, welcher von der plumpen, kurzen Gestalt des B\u00e4ren an bis zur zierlichen, langen Schleichkatzenform alle Zwischenstufen des Baues aufweist, ruht auf mittelhohen Beinen, deren vier- oder f\u00fcnfzehige F\u00fc\u00dfe immer scharf bekrallt sind; der Kopf ist rundlich, die Nasenspitze nackt, die Augen sind gro\u00df und scharfblickend, die Ohren aufrecht gestellt, die Lippen stark be-schnurrt. Im Gebi\u00df finden sich \u00fcberall, oben wie unten, sechs Schneidez\u00e4hne, zwei sehr starke, kegelf\u00f6rmige Eck- oder Fangz\u00e4hne, hinter ihnen einige scharfgezackte L\u00fcckz\u00e4hne, hierauf die unseren Thieren eigenth\u00fcmlichen Fleischz\u00e4hne, deren Kronen scharfe Zacken und stumpfh\u00f6ckerige Ans\u00e4tze zeigen, und endlich ein oder mehrere stumpfh\u00f6ckerige Mahlz\u00e4hne. \u2014 Diese Raubthiere sind \u00fcber alle Theile der Erde verbreitet und waren schon in der Terti\u00e4rzeit auf ihr heimisch. Ihr unmittelbar uns zugef\u00fcgter Schaden \u00fcbersteigt den Nutzen, welchen sie, meist nur mittelbar, leisten, bei weitem, und deshalb wird die gro\u00dfe Menge der hierher zu z\u00e4hlenden Thiere mit Recht kr\u00e4ftig verfolgt.","page":183},{"file":"p0184.txt","language":"de","ocr_de":"184\nDie Raubthiere. Katzen.\nDer Laie wird keinen Augenblick im Zweifel sein, welcher Familie er die Ehre geben soll, die Reihe aller Raubthiere zu beginnen. Er gedenkt an den schon von den Alten zu der Thiere K\u00f6nig gekr\u00f6nten L\u00f6wen und r\u00e4umt ihm gern jede Bevorzugung ein, sogar auf Kosten des liebsten und getreuesten Hausfreundes Hund, dessen geistiges Wesen einer andern, weit werthvollern Krone w\u00fcrdig ist. Diesmal darf auch der Forscher mit dem Laien \u00fcbereinstimmen, und somit vereinigen wir in der ersten Familie die Katzen (Felinae).\nIn der zweiten Reihe der S\u00e4ugethiere nehmen die Katzen beinah dieselbe Stellung ein, welche dem Menschen in der ersten Reihe zukommt. Sie sind nicht blos die vollendetsten Raubthiergestalten, sondern, mit alleiniger Ausnahme des Menschen, die vollendetsten Thiere \u00fcberhaupt. Ein gleiches Ebenma\u00df zwischen Gliedern und Leib, gleiche Regelm\u00e4\u00dfigkeit und Einhelligkeit des Baues, wie bei ihnen, finden wir in der ganzen Klasse nicht wieder. Bei ihnen ist jeder einzelne Leibestheil an-muthig und zierlich, und eben deshalb befriedigt das ganze Thier unser Sch\u00f6nheitsgef\u00fchl in so hohem Grade. Wir d\u00fcrfen, ohne fehlzugreifen, unsere Hauskatze als Bild der gesammten Gesellschaft betrachten; denn in keiner zweiten Familie ist die Grundform bei allen Mitgliedern so streng wiederholt, in keiner andern Thiergruppe unterscheiden sich die einzelnen Sippen und Arten so wenig von einander, wie bei den Katzen. Alle Sippenkennzeichen erscheinen hwr als nebens\u00e4chliche, \u00e4u\u00dferliche Merkmale im Vergleich zu den Unterschieden, welche die verschiedenen Gruppen und Arten anderer Familien aufweisen: der L\u00f6we mit seiner M\u00e4hne oder der Luchs mit seinen Ohrpinseln und dem Stumpfschwanze bleiben ebenso gut Katzen, wie der Hinz oder der Leopard. Selbst dem Jagd-panther oder Gepard, welcher das allgemeine Gepr\u00e4ge am wenigsten zeigt, mu\u00df man scharf auf die Finger sehen, bevor man ihn ganz kennen lernt: als halbe Katze nur, als Zwitter von Katze und Hund. Eine so vollkommene Uebereinstimmung wird blos bei Thieren gefunden, welche eine hohe Stellung einnehmen. Dies beweist am schlagendsten der Mensch selbst: kann man doch die einzelnen Arten seines Geschlechtes kaum mehr trennen!\nDer Bau des Katzenleibes darf als bekannt vorausgesetzt werden. Der kr\u00e4ftige und doch zierliche Leib, der kugelige Kopf auf dem starken Halse, die m\u00e4\u00dfig hohen Beine mit den dicken Pranken, der lange Schwanz und das weiche Fell mit seiner immer angenehmen, der Umgebung sich innig anschmiegenden F\u00e4rbung find Kennzeichen, welche sich Jedermann eingepr\u00e4gt haben d\u00fcrften; sind doch selbst die inneren oder wenigstens versteckteren Leibestheile ziemlich allgemein bekannt. Vollendet am Katzenleibe m\u00fcssen die Waffen erscheinen. Das Gebi\u00df ist furchtbar. Die Eck- oder Rei\u00dfz\u00e4hne bilden gro\u00dfe, starke, kaum gekr\u00fcmmte Kegel, welche alle \u00fcbrigen Z\u00e4hne weit \u00fcberwiegen und eine wahrhaft vernichtende Wirkung \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen. Ihnen gegen\u00fcber verschwinden die auffallend kleinen Schneidez\u00e4hne; ihnen gegen\u00fcber erscheinen selbst die starken, durch scharfe, gegenseitig in einander eingreifende Zacken und Spitzen ausgezeichneten Kauz\u00e4hne, welche ganz aufgeh\u00f6rt haben, Mahlz\u00e4hne zu sein, schwach und unbedeutend. Mit diesem Gebi\u00df steht die rauhe, scharfe Zunge im Einkl\u00e4nge. Sie ist dick und fleischig und besonders merkw\u00fcrdig wegen ihrer feinen, hornigen Stacheln, welche auf krausen Warzen sitzen und nach hinten gerichtet sind. So ist das Maul gleichsam noch einmal bewaffnet, wie das mancher Schlangen und der raubgierigsten Fische, bei denen au\u00dfer den Kinnladen der Gaumen mit Z\u00e4hnen gespickt ist. Wenn nun auch die Stacheln der Katzenzunge keine Z\u00e4hne sind, haben sie doch noch immer Sch\u00e4rfe genug, um bei fortgesetztem Lecken eine, zarte Haut blutig zu ritzen, und \u00fcbrigens dienen sie wirklich beim Fressen zur Unterst\u00fctzung der Z\u00e4hne, welche wegen ihrer Sch\u00e4rfe und Zackung nur einen einseitigen Gebrauch zulassen, zum Zermahlen der Speise aber fast unf\u00e4hig geworden sind. Die Z\u00e4hne sind jedoch nicht die eigentlichen Angriffswasien der Katzen: in ihren Klauen besitzen sie noch furchtbarere Werkzeuge zu sicherem Ergreifen und t\u00f6dlichem Verwunden ihrer Beute oder zur Abwehr im Kampfe. Ihre breiten und abgerundeten F\u00fc\u00dfe zeichnen sich besonders durch die verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfige K\u00fcrze aus, und diese hat ihren Grund darin, da\u00df das letzte Zehenglied aufw\u00e4rts gebogen ist. So kann es beim Gange den Boden gar nicht ber\u00fchren und bewirkt dadurch die m\u00f6glichste Schonung der auf ihm sitzenden sehr starken und \u00e4u\u00dferst spitzen Sichelkrallen. In der Ruhe und bei","page":184},{"file":"p0185.txt","language":"de","ocr_de":"Vollendeter Bau. Uebereinstimmung unter den Gruppen. Fu\u00dfbau. St\u00e4rke. Sinne.\n185\ngew\u00f6hnlichem Gange erhalten zwei dehnbare B\u00e4nder, von denen das eine oben und das andere seitlich befestigt ist, das Glied in seiner aufrechten Stellung; bei Zorn und im Augenblick der Benutzung zieht es der starke, tiefe Beugemuskel, dessen Sehne sich unten ansetzt, gewaltsam nach unten und vorn, streckt dadurch den Fu\u00df und verwandelt ihn in die f\u00fcrchterlichste Tatze, welche es \u00fcberhaupt geben kann. Der Ausstreckmuskel bewirkt dann die Wiederaufrichtung des Krallengliedes. Dieser Fu\u00dfbau ist die Ursache, da\u00df die gehenden Katzen niemals eine F\u00e4hrte hinterlassen, in welcher Abdr\u00fccke der Krallen bemerklich sind. \u2014 Die Unh\u00f6rbarkeit des Ganges hat ihren Grund in den weichen, oft dichtbehaarten Ballen an den Sohlen. \u2014\nMit den angegebenen Merkmalen habe ich die gr\u00f6\u00dften Eigenth\u00fcmlichkeiten des Katzenleibes hervorgehoben. Um jedoch wo m\u00f6glich allen Lesern gerecht zu werden, will ich noch folgende Kenm zeichen der Katzen angeben: Die Wirbels\u00e4ule z\u00e4hlt 20 Brust- und Lendenwirbel, zwei bis drei Kreuzbein- und 15 bis 29 Schwanzwirbel; das Gebi\u00df besteht aus 30 Z\u00e4hnen und zwar sechs Vorderz\u00e4hnen, oben und unten, je zwei L\u00fcck- und je vier Backz\u00e4hnen im Oberkiefer und je drei Backz\u00e4hnen im Unterkiefer; die Knochen der Gliedma\u00dfen sind durchgehends sehr kr\u00e4ftig, die Schulterbeine aber verk\u00fcmmert; die Vorderf\u00fc\u00dfe haben f\u00fcnf, die Hinteren vier Zehen. Der Darm erreicht die drei- bis f\u00fcnffache Leibesl\u00e4nge. Beim Weibchen stehen vier Zitzen am Bauche oder noch vier an der Brust.\u2014 Alle \u00fcbrigen unwesentlicheren Merkmale des Katzenleibes findet man in den strengwissenschastlichen Lehrb\u00fcchern angegeben; ich will deshalb auf sie verwiesen haben.\nDie Katzen sind starke und \u00e4u\u00dferst gewandte Thiere. Jede ihrer Bewegungen zeigt von ebensoviel Kraft, wie anmnthiger Behendigkeit. Fast alle Arten der Familie \u00e4hneln sich in ihren leiblichen, wie in ihren geistigen Eigenschaften, wenn auch diese oder jene Art Etwas vor der anderen voraus zu haben oder hinter ihr im Nachtheile zu stehen scheint. Alle Katzen gehen gut, aber langsam, vorsichtig und ganz ger\u00e4uschlos; sie laufen schnell und sind f\u00e4hig, wagrechte Spr\u00fcnge zu machen, welche die L\u00e4nge ihres Leibes verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig um zehn bis f\u00fcnfzehn Mal \u00fcbertreffen. Nur h\u00f6chst wenige der gr\u00f6\u00dferen Arten sind nicht im Stande, zu klettern, w\u00e4hrend diese Kunst von der Mehrzahl mit viel Geschick betrieben wird. Obgleich von Haus aus gro\u00dfe Feinde des Wassers, schwimmen sie doch recht gut, wenn es sein mu\u00df; wenigstens kommt keine einzige Katze leicht im Wasser um. Zudem verstehen alle ihren schmucken Leib zusammenzudr\u00fccken oder zusammenzurollen, gebrauchen ihre Pfoten mit gro\u00dfer Fertigkeit und wissen mit unfehlbarer Sicherheit vermittelst derselben ein Thier selbst in seinem Laufe oder Fluge zu erfassen. Hierzu kommt noch die verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfige St\u00e4rke ihrer Glieder und ihre Ausdauer. Die gr\u00f6\u00dften Arten strecken mit einem einzigen Schlage ihrer furchtbaren Pranken ein Thier zu Boden, welches gr\u00f6\u00dfer ist, als sie selbst, und schleppen ohne M\u00fche unglaubliche Lasten meilenweit fort.\nUnter den Sinnen der Katzen stehen wohl Geh\u00f6r und Gesicht obenan. Ersteres ist unzweifelhaft das Werkzeug, welches sie bei ihren Raub- und Streifz\u00fcgen leitet. Sie verm\u00f6gen Ger\u00e4usch auf gro\u00dfe Entfernungen hin wahrzunehmen und ganz richtig zu beurtheilen. Sie vernehmen den leisesten Fu\u00dftritt, das schw\u00e4chste Rascheln im Sande und finden durch ihr Geh\u00f6r selbst nicht gesehene Beute auf. Diese Sinnessch\u00e4rse scheint schon \u00e4u\u00dferlich angedeutet zu sein; denn obschon die Ohrmuscheln fast nirgends besonders gro\u00df zu sein pflegen, zeigen sie doch hier und da besondere Verzierungen oder Anh\u00e4ngsel durch steife Haare u. s. w., welche zwar weniger zur Aufsaugung des Schalles dienen, aber doch den hervorragendsten Sinn kennzeichnen d\u00fcrften. \u2014 Das Gesicht ist weniger beg\u00fcnstigt, obwohl keineswegs schwach zu nennen. Ihr Auge reicht wahrscheinlich nicht in gro\u00dfe Fernen, ist aber f\u00fcr die N\u00e4he ganz vortrefflich. Der Stern, welcher bei den gr\u00f6\u00dferen Arten rund ist und sich im Zorn kreisf\u00f6rmig erweitert, nimmt bei den kleineren Arten die Gestalt einer Ellipse an und zeigt sich hier einer gro\u00dfen Ausdehnung f\u00e4hig. Bei Tage zieht er sich unter Einwirkung des zu grellen Lichtes bis auf einen ganz seinen Spalt zusammen, in der Aufregung oder in der Dunkelheit aber rundet er sich fast bis zu einem vollen Kreise aus. In letzterm Falle wird auch das schw\u00e4chste Licht derartig gesammelt, da\u00df seine Strahlen von dem Tapetum lucidum, welches in der Tiefe des Auges einen Hohlspiegel dar-","page":185},{"file":"p0186.txt","language":"de","ocr_de":"186\nDie Raubthiere. Katzen.\nstellt, aufgefangen und zur\u00fcckgeworfen werden, wodurch das Leuchten des Katzenauges entsteht. \u2014 Auf das Gesicht d\u00fcrfen wir wohl das Gef\u00fchl folgen lassen, welches sich ebensowohl als ausgebildete Tastf\u00e4higkeit, wie als Empfindungsverm\u00f6gen kund giebt. Zu Tastwerkzeugen dienen haupts\u00e4chlich die Bartschnurren zu Leiden Seiten des Maules und \u00fcber den Augen, vielleicht auch die Ohrpinsel am Ohre der Luchse. Schneidet man einer Katze ihre Bartschnurren weg, so versetzt man sie in eine h\u00f6chst ungem\u00fcthliche Lage; sie wird f\u00f6rmlich rath - und thatlos oder zeigt zum mindesten eine ziemliche Unruhe und Ungewi\u00dfheit, welche sp\u00e4ter, aber blos nach dem Wiederwachseu jener Borsten, sich verliert. Aber auch die Pfoten sind zum Tasten ganz geeignet. Die Empfindlichkeit ist \u00fcber den ganzen K\u00f6rper verbreitet. Alle Katzen sind h\u00f6chst empf\u00e4nglich f\u00fcr Einfl\u00fcsse von au\u00dfen und zeigen eine unverkennbare Mi\u00dfstimmung bei unangenehmen oder gro\u00dfe Behaglichkeit bei angenehmen Reizen. Wenn man ihnen ihr seidenweiches Haar streichelt, wird man sie stets in eine fast freudige Aufregung versetzen, w\u00e4hrend sie, wenn dies Haar befeuchtet wird oder sie sonstigen widerw\u00e4rtigen Einfl\u00fcssen ausgesetzt sind, gro\u00dfen Mi\u00dfmuth an den Tag legen. \u2014 Geruch und Geschmack d\u00fcrften so ziemlich auf gleicher Stufe stehen. Vielleicht ist der Geschmack noch besser, als der Geruch. Die meisten Katzen sind trotz ihrer rauhen Zunge f\u00fcr Gaumenkitzel sehr empf\u00e4nglich und erfreuen sich 'besonders an schwach gesalzenen und s\u00fc\u00dflichen Speisen, vor allem an thierischen Fl\u00fcssigkeiten, wie an Blpt und an Milch, w\u00e4hrend dem Geruchswerkzeuge schon sehr starkriechende Dinge geboten werden m\u00fcssen, wenn es sich befriedigt zeigen soll. Die merkw\u00fcrdige Vorliebe gewisser Katzen f\u00fcr stark duftende Pflanzen, wie f\u00fcr Baldrian und Katzengamander l\u00e4\u00dft jedenfalls die Schlu\u00dffolgerung zu, da\u00df ihr Geruch nur ein sehr untergeordneter sein kann; denn alle feinriechenden Thiere w\u00fcrden sich mit Abscheu von derartigen Gegenst\u00e4nden abwenden: die Katzen aber w\u00e4lzen sich wie sinnlos, gleichsam im h\u00f6chsten Rausche, auf jenen Pflanzen herum.\nHinsichtlich ihrer geistigen F\u00e4higkeiten stehen die Katzen ziemlich weit hinter den Hunden zur\u00fcck, jedoch nicht soweit, als man gew\u00f6hnlich anzunehmen pflegt. Bei der Mehrzahl der Arten zeigen sich allerdings die h\u00f6heren oder edlen Geisteskr\u00e4fte weit weniger, als die niederen; doch liefert uns unser Hinz, wenn er gut behandelt wird, den Beweis, da\u00df auch die Katzen einer Erziehung und Geistesveredelung f\u00e4hig sind. Die Hauskatze giebt uns oft genug Beispiele von treuer Anh\u00e4nglichkeit an den Menschen und von gro\u00dfem Verst\u00e4nde. Der Mensch nimmt sich gew\u00f6hnlich gar nicht die M\u00fche, ihre F\u00e4higkeiten genauer zu erforschen, sondern l\u00e4\u00dft sich von dem einmal feststehenden Urtheile \u00fcber sie einnehmen und von selbstst\u00e4ndiger Pr\u00fcfung zur\u00fcckschrecken. Der Charakter der meisten Arten ist allerdings ein Gemisch von ruhiger Besonnenheit, ausdauernder List, Blutgier und Tollk\u00fchnheit; doch giebt es auch sehr edelstolze, muthige Katzen, wie den L\u00f6wen, oder sanfte, wie den Iagdleoparden. In Gesellschaft des Menschen zeigen sie sich bald durchaus anders, als in der Freiheit; sie erkennen die menschliche Herrschaft an, f\u00fchlen Dankbarkeit f\u00fcr ihren Herrn, wollen, da\u00df er ihnen schmeichele, sie liebkose; kurz, sie werden oft r\u00fcckhaltslos zahm, wenn auch zuweilen ihre tief eingewurzelten nat\u00fcrlichen Begabungen pl\u00f6tzlich wieder durchbrechen. Hierin beruht haupts\u00e4chlich der Grund, da\u00df man die Katzen falsch und t\u00fcckisch nennt; denn nicht einmal derjenige Mensch, welcher Thiere zu qu\u00e4len oder zu mi\u00dfhandeln pflegt, will ihnen das Recht zugestehen, einmal auf Augenblicke das ihnen auferlegte Joch der Sklaverei abzusch\u00fctteln.\nDie Katzen sind gegenw\u00e4rtig in allen Theilen der alten Welt und in Amerika zu finden. Sie bewohnen die Ebenen, wie die Gebirge, d\u00fcrre, sandige Stellen, wie feuchte Niederungen, den Wald, wie das Feld. Einige steigen selbst in das Hochgebirge hinaus und werden dort in betr\u00e4chtlichen H\u00f6hen getroffen; andere treiben sich auf freien, offenen, mit Gestr\u00e4uch bewachsenen Steppen oder in W\u00fcsten herum; noch andere ziehen die schilfreichen Ufer von Fl\u00fcssen, B\u00e4chen und S\u00fcmpfen vor: bei weitem der gr\u00f6\u00dfte Theil aber geh\u00f6rt dem Walde an. Die B\u00e4ume bieten ihnen alles Erforderliche. Sie liefern vortreffliche Verstecke, in denen sie sich leicht verbergen k\u00f6nnen, ebensowohl, um \u00fcber ihre Beute herzufallen, als auch, um sich den Blicken ihrer Feinde zu entziehen. Zu solchen Verstecken dienen den kleineren Arten Felsspalten, hohle B\u00e4ume, verlassene Baue von anderen S\u00e4ugethieren","page":186},{"file":"p0187.txt","language":"de","ocr_de":"Geistesbegabung. Aufenthaltsorte. Ihre Nahrung und deren Erbeutung.\t187\nund dergleichen, w\u00e4hrend sich die gr\u00f6\u00dferen im Geb\u00fcsch zu verbergen Pflegen. Obwohl den wildlebenden Katzen diejenigen Gegenden am liebsten sind, in welchen der Mensch noch nicht zur vollen Herrschaft gelangen konnte, kommen sie doch oft in unversch\u00e4mt dreister Weise zu den Wohnungen des Menschen heran, um hier \u00fcber ihn selbst herzufallen oder seinen Viehstand zu berauben. Zu diesem Behufe verlassen sie ihr Lager mit Einbruch der Nacht und streifen nun entweder ziemlich weit umher, oder legen sich an belebten Pa\u00dfstra\u00dfen der Menschen oder Thiere auf die Lauer. Bei Tage fallen nur h\u00f6chst wenige auf Beute, und ebenso ziehen sie sich zu dieser Zeit feig zur\u00fcck, wenn sie angegriffen werden. Ihr wahres Leben beginnt und endigt mit der Dunkelheit, und hierzu weist sie ihre Ausr\u00fcstung auch vollst\u00e4ndig an. Besonders gut gelegene Versteckpl\u00e4tze werden ziemlich regelm\u00e4\u00dfig bewohnt; die Mehrzahl hat aber kein bestimmtes Lager und w\u00e4hlt sich, sobald der Morgen sie auf dem Streiszuge \u00fcberrascht, zum Versteck den ersten besten Ort, welcher Sicherheit verhei\u00dft.\nIhre Nahrung nehmen sich die Katzen aus allen vier Klassen der Wirbelthiere, wenn auch die S\u00e4ugethiere unzweifelhaft ihren Verfolgungen am meisten ausgesetzt sind. Einige Arten stellen mit Vorliebe V\u00f6geln nach, andere, aber wenige, verzehren auch das Fleisch mancher Lurche, namentlich der Schildkr\u00f6ten, wieder andere gehen sogar aus den Fischfang aus. Die wirbellosen Thiere werden im Ganzen wenig von ihnen behelligt, und wohl nur zuf\u00e4llig f\u00e4ngt sich diese oder jene Art einen Krebs oder ein Kerbthier. S\u00e4mmtliche Katzen fressen vorzugsweise die Beute, welche sie sich selbst erworben haben, nur sehr wenige fallen auf das Aas und dann gew\u00f6hnlich auch blos auf solches, welches von selbst gemachter Beute herr\u00fchrt. Dabei zeichnen sich die meisten durch uners\u00e4ttlichen Blutdurst aus, und es giebt Arten, welche sich, wenn sie es k\u00f6nnen, blos von Blut n\u00e4hren und sich f\u00f6rmlich in diesem \u201eganz besonderen Safte\" berauschen.\nIn der Art und Weise ihres Angriffs \u00e4hneln sich alle Arten mehr oder weniger. Sie schleichen leisen, unh\u00f6rbaren Schrittes \u00e4u\u00dferst aufmerksam durch ihr Jagdgebiet und \u00e4ugen und lauschen scharf nach allen Richtungen hin. Das geringste Ger\u00e4usch erregt ihre Aufmerksamkeit und bewegt sie, der Ursache desselben nachzugehen. Dabei gleiten sie in geduckter Stellung vorsichtig auf dem Boden hin, regelm\u00e4\u00dfig unter dem Winde, und fallen, wenn sie sich nahe genug glauben, pl\u00f6tzlich mit einem oder mehreren S\u00e4tzen \u00fcber ihr Schlachtopfer her, schlagen ihm die furchtbaren Tatzen in das Genick oder in die Seiten, rei\u00dfen es zu Boden, erfassen es mit dem Maule und bei\u00dfen einige Male schnell nach einander heftig zu. Hierauf \u00f6ffnen sie das Gebi\u00df ein wenig, ohne jedoch das erfa\u00dfte Thier fahren zu lassen, sie beobachten es vielmehr scharf und bei\u00dfen von neuem, sowie sich noch ein F\u00fcnkchen Leben in ihm regt. Viele sto\u00dfen w\u00e4hrend dem ein Br\u00fcllen oder Knurren aus, welches ebensogut Behaglichkeit, als Gier oder Zorn ausdr\u00fcckt. Did meisten haben die abscheuliche Gewohnheit, ihre Schlachtopfer noch lange Zeit zu qu\u00e4len, indem sie ihnen scheinbar etwas Freiheit gew\u00e4hren und sie oft auch wirklich ein St\u00fcckchen laufen lassen, jederzeit aber im rechten Augenblick sie wieder erfassen, von neuem niederdr\u00fccken, nochmals laufen lassen u. s. w., bis die Gepeinigten endlich ihren Wunden erliegen. Auch die gr\u00f6\u00dften Arten scheuen die Thiere, von denen sie bedeutenden Widerstand erwarten, und greifen sie blos dann an, wenn sie sich durch Erfahrung \u00fcberzeugt haben, da\u00df sie trotz der St\u00e4rke ihrer Gegner als Sieger aus einem etwaigen Kampfe hervorgehen. Selbst der L\u00f6we, Tiger und Jaguar f\u00fcrchten anfangs den Menschen und gehen ihm fast feig aus dem Wege; nachdem sie aber gelernt haben, welch schwaches, wehrloses Gesch\u00f6pf er ist, werden sie seine furchtbarsten Feinde, und es scheint fast, als ob sie dann das Menschensleisch dem aller \u00fcbrigen S\u00e4ugethiere entschieden vorz\u00f6gen. Obgleich beinah alle Katzen gute L\u00e4ufer sind, stehen sie doch von weiterer Verfolgung eines Schlachtopfers ab, wenn ihnen der Angriffssprung mi\u00dflang.\nNur an sehr gesch\u00fctzten Orten verzehren die Katzen eine -gemachte Beute gleich an Ort und Stelle; gew\u00f6hnlich schleppen sie das erfa\u00dfte Thier, nachdem sie es get\u00f6dtet oder wenigstens widerstandslos gemacht haben, an einen stillen, versteckten Ort und verzehren es hier in aller Ruhe und Behaglichkeit. Wenn ihre Wohngegend reich an Beute ist, zeigen sie sich au\u00dferordentlich lecker und \u00fcberlassen bei weitem den gr\u00f6\u00dften Theil der von ihnen erjagten Gesch\u00f6pfe anderen Thieren, den","page":187},{"file":"p0188.txt","language":"de","ocr_de":"188\tDie Raubthiere Katzen. \u2014 L\u00f6we.\nSchmarotzern und Bettlern an ihrer Tafel, und blos im Nothfalle kehren sie auch noch am folgenden Tage zu dem Leichnam zur\u00fcck.\nIn der Regel werfen die weiblichen Katzen mehr als ein Junges, wenn auch Dies ausnahmsweise vorkommt. Man kann sagen, da\u00df die Zahl ihrer Jungen zwischen Eins und Sechs schwankt; einige Arten sollen sogar noch mehr zur Welt bringen. Die Jungen werden bei der einen sehend, bei der andern blind geboren. Ihre Pflegerin ist die Mutter; der Vater bek\u00fcmmert sich nur gelegentlich um sie. \u2014 Eine Katzenmutter mit ihren Zungen gew\u00e4hrt ein h\u00f6chst anziehendes Bild. Man sieht die m\u00fctterliche Z\u00e4rtlichkeit und Liebe in jeder Bewegung der Alten ausgedr\u00fcckt, h\u00f6rt sie in jedem Ton, welchen man vernimmt. Da liegt eine Zartheit und Weiche in der Stimme, welche man gar nicht vermuthet h\u00e4tte! Dabei beobachtet die Alte ihre Kleinen mit so viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit, da\u00df man gar nicht zweifeln kann, wie sehr ihr die Kinderschar ans Herz gewachsen ist. Besonders wohlthuend ist bei einem solchen Katzengehecke auch die Reinlichkeitsliebe, in welcher die Mutter ihre Jungen schon in der fr\u00fchesten Jugend unterrichtet. Sie hat ohne Unterla\u00df zu putzen, zu lecken, zu gl\u00e4tten, zu ordnen und duldet nicht den geringsten Schmuz in der N\u00e4he des Lagers. Gegen feindliche Besuche vertheidigt sie ihre Spr\u00f6\u00dflinge mit Hintansetzung ihres eigenen Lebens, und alle gr\u00f6\u00dferen Arten der Familie werden, wenn sie Junge haben, inz h\u00f6chsten Grade furchtbar. Bei den kleineren Arten mu\u00df die Mutter ihre Brut oft genug gegen den Vater vertheidigen, welcher die Jungen, so lange sie noch blind sind, ohne weiteres auffri\u00dft, wenn er in das unbewachte Lager kommt. Daher r\u00fchrt wohl auch haupts\u00e4chlich die gro\u00dfe Sorgfalt aller Katzen, ihr Geheck m\u00f6glichst zu verbergen. Nachdem die Jungen etwas mehr herangewachsen sind und sich schon als echte Katzen zeigen, \u00e4ndert sich die Sache. Dann thut auch der Kater oder das Katzenm\u00e4nnchen \u00fcberhaupt ihnen Nichts mehr zu Leide. Und nun beginnt ein gar lustiges Kindheitsleben der kleinen, zu Spiel und Scherz jeder Art immer geneigten Thiere. Die nat\u00fcrliche Begabung zeigt sich schon bei den ersten Bewegungen und Regungen, deren die K\u00e4tzchen f\u00e4hig sind. Ihre Kinderspiele sind bereits nichts Anderes, als Vor\u00fcbungen zu der ernsten Jagd, welche die Erwachsenen betreiben. Alles, was sich bewegt, zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Kein Ger\u00e4usch entgeht ihnen\u2014 die kleinen Lauscher spitzen sich bei dem leisesten Rascheln in der N\u00e4he. Anfangs ist der Schwanz der Alten die gr\u00f6\u00dfte Kinderfreude der Jungen. Jede seiner Bewegungen wird beobachtet, und bald macht sich die \u00fcberm\u00fcthige Gesellschaft daran, diese Bewegungen durch ihre Fangversuche zu hemmen und zu hindern. Doch die Alte l\u00e4\u00dft sich durch solche Neckereien nicht im geringsten st\u00f6ren und f\u00e4hrt fort, ihrer innern Seelenstimmung durch die Schwanzbewegungen Ausdruck zu geben, ja sie bietet ihren Kleinen f\u00f6rmlich dieses Glied zu beliebigem Spiele dar. Wenige Wochen sp\u00e4ter sieht man die ganze Familie bereits mit den lebhaftesten Spielen besch\u00e4ftigt, und nun wird die Alte geradezu kindisch, die L\u00f6wenmutter ebensogut, wie die Erzeugerin unserer Hauskatzen. Ost ist die ganze Gesellschaft zu einem scheinbaren Kn\u00e4uel geballt, und Eins f\u00e4ngt und h\u00e4kelt nach dem Schw\u00e4nze des Andern. Mit dem zunehmenden Alter werden die Spiele immer ernstlicher. Die Kleinen lernen erkennen, da\u00df der Schwanz doch nur ein St\u00fcck ihres eigenen Selbst ist; sie wollen aber ihre Kraft bald an etwas Anderm versuchen. Jetzt schleppt ihnen die Alte kleine Thiere zu, oft noch halb, ja ganz lebendig. Diese werden frei gelassen, und nun \u00fcbt sich die junge Brut mit Eifer und Ausdauer in dem r\u00e4uberischen Gewerbe, welches sie sp\u00e4ter betreiben werden. Schlie\u00dflich nimmt sie die Alte oder bei manchen Arten das Elternpaar mit auf die Jagd hinaus; da lernen sie nun vollends alle Listen und Schleichwege, die ruhige Beherrschung ihrer selbst, die pl\u00f6tzlichen Angriffe, kurz, die ganze Kunst des Raubes. Erst wenn sie ganz selbstst\u00e4ndig geworden sind, trennen sie sich von der Mutter oder den Eltern und f\u00fchren nun l\u00e4ngere Zeit ein einsames, herumschweifendes Leben.\nDie Katzen stehen der ganzen \u00fcbrigen Thierwelt als Feinde gegen\u00fcber, und deshalb ist der Schaden, welchen sie anrichten, au\u00dferordentlich bedeutend. Freilich mu\u00df man bedenken, da\u00df die gro\u00dfen Arten der Familie fast s\u00e4mmtlich in L\u00e4ndern leben, welche unglaublich reich an Beute sind, ja man kann sogar behaupten, da\u00df einige geradezu einer sch\u00e4dlichen Vermehrung mancher Wieder-","page":188},{"file":"p0189.txt","language":"de","ocr_de":"Fortpflanzung und Erziehung. Schaden. Nutzen.\n189\nk\u00e4uer und Nager hindernd in den Weg treten, und da\u00df somit auch sie uns mittelbar n\u00fctzlich werden. Bei den kleineren Arten \u00fcberwiegt der Nutzen, welchen sie leisten, den von ihnen angerichteten Schaden bei weitem. Ihre Jagd beschr\u00e4nkt sich auf kleinere S\u00e4ugethiere und V\u00f6gel, und namentlich die dem menschlichen Haushalte so \u00fcberaus l\u00e4stigen und sch\u00e4dlichen kleinen Nager finden in ihnen das wirksamste Gegengewicht und die gef\u00e4hrlichsten Feinde. Unser Hinz ist uns ja geradezu unentbehrlich geworden. Auch die wildlebenden kleineren Katzenarten bringen viel mehr Nutzen, als Schaden. Au\u00dferdem verwerthet der Mensch das Fell und hier und da auch das Fleisch unserer Thiere. In China dient das Katzenfell geradezu als Standeszeichen. Die \u00fcbrigen V\u00f6lker sch\u00e4tzen es mehr seiner Farbensch\u00f6nheit, als seiner wirklichen G\u00fcte wegen; denn diese ist nicht eben hoch anzuschlagen.\nJagd und Fang der sch\u00e4dlichen Arten werden \u00fcberall mit gro\u00dfem Eifer betrieben, und es giebt Leute, welche gerade in der Gef\u00e4hrlichkeit dieser Jagd das erste Vergn\u00fcgen der Erde finden. \u2014\nZur Sonderung der verschiedenen Katzenarten in kleinere Gruppen oder Sippen sind, wie bemerkt, ziemlich nebens\u00e4chliche Merkmale ma\u00dfgebend. Man ordnet die Thiere schon nach ihrer F\u00e4rbung oder nach \u00e4u\u00dferen Haarwucherungen. Einzelne Arten bieten durch ihren ziemlich abweichenden Leibesbau, durch die stumpfkralligen Zehen oder den kurzen Schwanz z. B., bessere Anhaltspunkte zur Unterscheidung dar: aber auch diese Unterschiede berechtigen kaum zur Trennung von den \u00fcbrigen Arten. Gleichwohl folgen wir auch hier der hergebrachten Eintheilung und stellen dem L\u00f6wen die einfarbigen Katzen Amerikas, dem Tiger die Pardelkatzen, den Luchsen dieBuschkatzen undHinze gegen\u00fcber, r\u00e4umen dem Bindeglied zwischen Katze und Hund, dem Jagdleoparden oder Gepard, eine gewisse Selbstst\u00e4ndigkeit ein und geben allen diesen Unterscheidungsformen etwa den Werth der Sippen aus anderen Familien. Die nachstehenden Bl\u00e4tter werden aber durch Wort und Bild beweisen, da\u00df das ganze k\u00fcnstliche Geb\u00e4ude der Systematik bei den Katzen auf sehr schwachem Grunde fu\u00dft, und jeden Leser \u00fcberzeugen, da\u00df alle Katzen der Erde Geschwisterkinder sind.\nEin einziger Blick auf den Leib des L\u00f6wen, auf den Ausdruck seines Gesichts gen\u00fcgt, um der uralten Auffassung aller V\u00f6lker, welche das k\u00f6nigliche Thier kennen lernten, von Grund des Herzens beizustimmen. Der L\u00f6we ist der K\u00f6nig der Raubthiere, ist der Herrscher im ganzen Reiche der S\u00e4ugethiere. Und wenn auch der ordnende Thierkundige diese k\u00f6nigliche W\u00fcrde eben nicht achten will und den L\u00f6wen nur f\u00fcr eine Katze von besonders kr\u00e4ftigem Bau erkennen mu\u00df: der Gesammteindruck, welchen das herrliche Thier macht, wird auch den Forscher zwingen, ihm unter allen seinen Verwandten die h\u00f6chste Stelle einzur\u00e4umLN.\nDie L\u00f6wen (Leo) sind leicht von s\u00e4mmtlichen \u00fcbrigen Katzen zu unterscheiden. Ihre Hauptkennzeichen liegen in dem stark gebauten, kr\u00e4ftigen Leibe mit der kurzen, glatt anliegenden, einfarbigen Behaarung, in dem breiten, klein\u00e4ugigen Gesicht, in dem Herrschermantel, welcher sich um ihre Schultern schl\u00e4gt, und in der Quaste, welche ihre Schwanzspitze ziert. Im Vergleich zu den anderen Katzen ist der Rumpf der L\u00f6wen kurz, der Bauch eingezogen, und der ganze K\u00f6rper erscheint deshalb sehr kr\u00e4ftig, nicht aber plump. An der Spitze des Schwanzes, in der Quaste verborgen, steckt ein horniger Nagel, den schon Aristoteles beachtete, aber viele der neueren Naturforscher leugneten. Die Augen sind klein und haben runde Sterne, die Schnurren sind in sechs bis acht Reihen geordnet. Vor Allem ist es die M\u00e4hne, welche die m\u00e4nnlichen L\u00f6wen auszeichnet und ihnen das stolze, k\u00f6nigliche Ansehen verleiht.\n\u201eEin K\u00f6nigsmantel, dicht und sch\u00f6n,\nUmwallt des L\u00f6wen Brust und M\u00fchn',\nEine K\u00f6nigskrone, wunderbar,\nStr\u00e4ubt sich der Stirne straffes Haar.\"\nDiese M\u00e4hne bekleidet in vollster Ausbildung den' Hals und die Vorderbrust, \u00e4ndert aber so verschieden ab, da\u00df man aus ihr allein die Heimat des L\u00f6wen erkennen kann, da\u00df man nach ihr und, wie ich glaube, mit Recht, mehrere Arten des Thieres unterschieden hat. So ist sie beim persischen","page":189},{"file":"p0190.txt","language":"de","ocr_de":"190\nDie Raubthiere. Katzen.\u2014 Der L\u00f6we der Berberei.\nL\u00f6wen lang aus schwarzen und braunen Haaren zusammengesetzt, bei dem L\u00f6wen von Guzurate aber nur aus kurzen, d\u00fcnnen, gekr\u00fcmmten Haaren gebildet, bei diesem einfarbig, bei jenem gemischt. Ich will die verschiedenen Formen des L\u00f6wen weiter unten kurz beschreiben und darf es dann jedem meiner Leser \u00fcberlassen, sich selbst ein Urtheil zu bilden: einstweilen wenden wir unsere Aufmerksamkeit der stolzesten und k\u00f6niglichsten Art, dem L\u00f6wen der Berberei zu; denn er ist es, welcher seit den \u00e4ltesten Zeiten wegen seines Muthes, seiner K\u00fchnheit und Kraft, wegen seiner Tapferkeit, seiner St\u00e4rke, seines Heldensinnes, seines Adels und seiner Gro\u00dfmuth, seines Ernstes und seiner Ruhe bekannt geworden ist, und den Namen K\u00f6nig der Thiere erhalten hat. Er ist in der That das st\u00e4rkste, muthigste und ber\u00fchmteste aller Raubthiere, die gewaltigste Katze unter allen, der gef\u00e4hrlichste und wildeste aller \u00fcbrigen L\u00f6wen. Unbezwingliche Kraft, Selbstvertrauen, k\u00fchler, sicherer Muth und Siegesgewi\u00dfheit im Kampfe spiegelt sich in seinem Aussehen. Hoch aufgerichtet ist der Rumpf, noch h\u00f6her gehalten der Kopf, majest\u00e4tisch ist sein Blick, w\u00fcrdevoll, achtunggebietend seine Haltung. Alles an ihm zeugt von Adel, jede Bewegung ist gemessen und w\u00fcrdig, K\u00f6rper unb Geist stehen im vollsten Einkl\u00e4nge.\nDer L\u00f6we der Berberei (Leo barbarus) hat einen starken ^gedrungenen Leibesbau, wie die \u00fcbrigen, sein Vorderleib ist viel st\u00e4rker, als der Hinterleib, denn die Brust ist breit und die Weichen sind schlank. Der dicke, fast viereckige Kopf verl\u00e4ngert sich in eine breite und stumpfe Schnauze, die Ohren sind abgerundet, die Augen nur mittelgro\u00df, aber lebendig und feurig; der lange Schwanz endigt mit einem kurzen Stachel und wird von einer flockigen Quaste bedeckt; die Glieder sind gedrungen und au\u00dferordentlich kr\u00e4ftig, die Pranken die gr\u00f6\u00dften, vielleicht auch verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig die gr\u00f6\u00dften aller Katzen. Ein glatter, kurzer Pelz von lebhaft r\u00f6thlichgelber oder fahlbrauner Farbe bedeckt das Gesicht, den R\u00fccken, die Seiten, die Beine und den Schwanz; hier und da endigen die Haare mit schwarzen Spitzen oder sind v\u00f6llig schwarz, und hierdurch entsteht eben jene gemischte Farbe. Kopf und Hals sind von einer starken und dichten M\u00e4hne umgeben, welche aus langen, schlichten, in Flechten herabfallenden Haaren besteht, die vorn bis zur Handwurzel und hinten fast bis zur H\u00e4lfte des R\u00fcckens und der Seiten herabreichen. Auch der Unterleib tr\u00e4gt seiner ganzen L\u00e4nge nach dichtgestellte, schlichte Haare; selbst an den Ellbogen und den Vordertheilen der Schenkel stehen wenigstens noch Haarb\u00fcschel. Am Kopfe und am Halse ist die eigentlich fahlgelbe M\u00e4hne mit rostschwarzen Haaren untermengt, welche letztere namentlich an den Seitentheilen des Nackens reichlich herabfallen und, mit Fahlgelb gemischt, auch in der ganzen schwarzen Bauchm\u00e4hne und den schwarzen Haarb\u00fcscheln, an den Ellbogen und Schenkeln und an der Schwanzquaste sich finden. Dies gilt von dem m\u00e4nnlichen ausgewachsenen L\u00f6wen, dessen H\u00f6he am Widerrist \u00fcber 2% Fu\u00df, bei 5Va Fu\u00df K\u00f6rperl\u00e4nge und 21/2 Fu\u00df Schwanzl\u00e4nge betr\u00e4gt. Es ergiebt sich somit eine Gesammtl\u00e4nge des Thieres, von der Schnauzenspitze bis zum Schwanzende an gerechnet, von sieben vollen Fu\u00dfen. Neugeborne L\u00f6wen sind etwa einen Fu\u00df lang; sie haben weder eine M\u00e4hne, noch eine Schwanzquaste, sondern sind mit wolligen, graulichen Haaren bedeckt und am Kopfe und an den Beinen schwarz gefleckt, an den Seiten, \u00fcber dem R\u00fccken und am Schw\u00e4nze aber mit kleinen, schwarzen Querstrichen geb\u00e4ndert und auf der Firste des R\u00fcckens schwarz gezeichnet. Aber schon im ersten Jahre verschwinden die Flecken und Streifen, im zweiten Jahre ist die Grundfarbe ein gleichm\u00e4\u00dfiges Fahlgelb geworden, und im dritten Jahre erscheinen die Zeichen der Mannbarkeit. Die L\u00f6win \u00e4hnelt immer mehr oder weniger dem j\u00fcngern Thiere, namentlich der gleichlange oder nur \u00e4u\u00dferst wenig am Vorderk\u00f6rper verl\u00e4ngerte Haarpelz zeichnet sie vor dem M\u00e4nnchen aus.\nIn fr\u00fcheren Zeiten waren die L\u00f6wen weit verbreiteter, als gegenw\u00e4rtig, wo sie aus den stark bev\u00f6lkerten Gegenden schon beinah g\u00e4nzlich verdr\u00e4ngt worden sind. Sie fanden sich noch zu den R\u00f6merzeiten nicht nur in ganz Afrika und dem s\u00fcdwestlichen Asien, sondern auch in Griechenland und Macedonien, wo sie bereits seit mehr als anderthalbtausend Jahren vollst\u00e4ndig verdr\u00e4ngt worden sind. Der L\u00f6we der Berberei lebte fr\u00fcher im ganzen nord\u00f6stlichen Afrika und war in Egypten fast","page":190},{"file":"p0191.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung. Aufenthalt. Lebensweise.\n191\nebenso h\u00e4ufig, wie in Tunis oder in Fe\u00df und Marokko zu treffen. Die Zunahme der Bev\u00f6lkerung und Bildung aber verdr\u00e4ngte ihn mehr und mehr, so da\u00df er jetzt schon im ganzen untern Nilthale und fast an der ganzen s\u00fcdlichen K\u00fcste des Mittelmeeres nicht mehr getroffen wird. Aber noch heutigen Tages ist er in Algier und Marokko keine Seltenheit, und in Tunis und der Oase Fessan wenigstens noch eine st\u00e4ndige Erscheinung. Namentlich in Algier ist er gegen fr\u00fcher sehr d\u00fcnn gewor-\nDer L\u00f6we der Berberei (Leo barbarus).\nden; die h\u00e4ufigen Kriege der Franzosen mit den Arabern haben ihn verdr\u00e4ngt, und die franz\u00f6sischen L\u00f6wenj\u00e4ger, zumal der ber\u00fchmte Jules Gerard, haben seine Reihen sehr gelichtet.\nIm Betragen sind sich die verschiedenen L\u00f6wen vollkommen gleich, und wir k\u00f6nnen deshalb die Lebensweise von allen, wenn wir die von einer Art oder Abart kennen gelernt haben.\nDer L\u00f6we lebt einzeln, und nur von der Brunstzeit an bis zu einem gewissen Alter seiner Jungen h\u00e4lt er sich zu seinem Weibchen. Au\u00dfer der Brunstzeit bewohnt jeder L\u00f6we sein eignes Gebiet, ohne jedoch der Nahrung wegen mit anderen seiner Art in Streit zu gerathen. Vielmehr","page":191},{"file":"p0192.txt","language":"de","ocr_de":"192\nDie Raubthiere. Katzen.\u2014L\u00f6we.\nkommt es h\u00e4ufig vor, da\u00df sich zu gr\u00f6\u00dferen Iagdz\u00fcgen mehrere L\u00f6wen vereinigen: \u2014 die Paare gehen regelm\u00e4\u00dfig in Gemeinschaft auf die Jagd aus. Doch ist der L\u00f6we nirgends h\u00e4ufig, und Dies ist auch sehr leicht zu erkl\u00e4ren: denn er bedarf so viel Nahrung, da\u00df sich eine gro\u00dfe Anzahl von seines Gleichen in einer Gegend nicht lange w\u00fcrde ern\u00e4hren k\u00f6nnen. Breite waldige Th\u00e4ler an Fl\u00fcssen sind seine Lieblingsorte; auf Gebirgen scheint es ihm weniger zu behagen.\n\u2018 An irgend einem gesch\u00fctzten Orte scharrt sich jeder L\u00f6we eine flache Vertiefung zu seinem Lager und ruht hier einen oder mehrere Tage lang, je nachdem die Gegend arm oder reich, unruhig oder ruhig ist. In den gr\u00f6\u00dferen Waldungen bewohnt er oft lange ein und denselben Platz und verl\u00e4\u00dft ihn blos dann, wenn er hier seinen Wildstand gar zu sehr gemindert hat und nicht mehr mit Leichtigkeit Beute machen kann. Dann zieht er weiter, und wo ihn bei seinen Streifz\u00fcgen der Morgen \u00fcberrascht, bleibt er liegen, immer aber in den verborgensten Theilen des Dickichts.\nIm Ganzen \u00e4hneln seine Gewohnheiten denen anderer Katzen, doch weicht er in vielen St\u00fccken sehr wesentlich von denselben ab. Er ist tr\u00e4ger, als alle \u00fcbrigen Mitglieder seiner Familie, und liebt gr\u00f6\u00dfere Streifz\u00fcge durchaus nicht, sondern sucht es sich so bequem zu machen, als irgend m\u00f6glich; deshalb folgt er z. B. im Ostsudahn regelm\u00e4\u00dfig den Nomaden, sie m\u00f6gen sich wenden, wohin sie wollen. Er zieht mit ihnen in die Steppe hinaus und kehrt mit iHnen nach dem Walde zur\u00fcck; er betrachtet sie als seine steuerpflichtigen Unterthanen und erhebt von ihnen in der That die dr\u00fcckendsten aller Abgaben.\nSeine Lebensweise ist\teine\trein\tn\u00e4chtliche; denn nur gezwungen verl\u00e4\u00dft er am\tTage\tsein\nLager. Bei Tage begegnet\tman\tihm\t\u00e4u\u00dferst selten, im Walde kaum zuf\u00e4llig, sondern\terst dann,\nwenn man ihn ordnungsm\u00e4\u00dfig aufsucht und durch Hunde von seinem Lager auftreiben l\u00e4\u00dft. Die Araber behaupten, da\u00df er um die Mittagszeit entsetzlich vom kalten Fieber gepeinigt werde und deshalb so faul sei. Wolle man ihn jagen, so m\u00fcsse man ihn vorher durch Steinw\u00fcrfe auftreiben; den er selbst r\u00fchre sich nicht. So arg ist es freilich nicht; eine gro\u00dfe Tr\u00e4gheit ist ihm aber allerdings eigen, wenigstens so lange,\tals die Sonne am Himmel steht. Wie mich meine letzte\tReise\tnach\nHabesch belehrte, kommt es\tdoch\tvor,\tda\u00df man ihn auch bei Tage im Dickicht umherschleichen\toder\nruhig und still auf einem erhabenen Punkte sitzen sieht, von wo aus er das Treiben der Thiere seines Jagdgebietes beobachten will. So brachte mir ein Bote, welchen ich von Mensa aus dem Herzog nachsandte, die Nachricht, da\u00df er in der Mittagsstunde einen L\u00f6wen in dem von Mensa nach dem Ain-Saba abfallenden Thale haben sitzen sehen. Der L\u00f6we betrachtete ihn und sein Kamel mit gro\u00dfer Theilnahme, lie\u00df aber Beide ungef\u00e4hrdet ihres Weges ziehen. Man hat dieses Umschauhalten, welches schon von Le Vaillant beobachtet und von sp\u00e4teren Reisenden wiederholt berichtet wurde, f\u00fcr unwahr gehalten: allein auch wir haben uns davon \u00fcberzeugt. Denn ein anderer L\u00f6we, welchen wir in der Samchara auf der Spitze eines nackten, kiesbedeckten H\u00fcgels liegen sahen, konnte offenbar nur die eine Absicht haben, sein Jagdgebiet zu \u00fcberschauen, um den Ort zu ermitteln, welcher ihm bei dem abendlichen Ausgange am ehesten Beute liefern k\u00f6nne.\nErst mit der Nacht zeigt er sich und k\u00fcndet zun\u00e4chst durch donnerartiges Br\u00fcllen sein Wachsein und den Beginn seiner Streifz\u00fcge an.\nIn die N\u00e4he der D\u00f6rfer kommt der L\u00f6we nicht vor der dritten Nachtstunde. \u201eDrei Mal, so sagen die Araber, \u201ek\u00fcndet er durch Br\u00fcllen seinen Aufbruch an und warnt hierdurch alle Thiere, ihm aus dem Wege zu gehen.\" Diese gute Meinung ruht aber leider auf schwachen F\u00fc\u00dfen; denn ebenso oft, als ich das Br\u00fcllen des L\u00f6wen vernahm, habe ich in Erfahrung gebracht, da\u00df er lautlos zum Dorfe herangeschlichen war und irgend ein St\u00fcck Vieh weggenommen hatte. Der L\u00f6we, welcher kurz vor unserer ersten Ankunft in Mensa vier N\u00e4chte hinter einander das Dorf betreten hatte, war einzig und allein daran erkannt worden/da\u00df er beim versuchten Durchbruch einer Umz\u00e4unung einige seiner M\u00e4hnenhaare verloren hatte. Es wurde als sehr wahrscheinlich angenommen, da\u00df er auch in den ersten N\u00e4chten unseres Aufenthaltsortes das Dorf umschlich, dennoch vernahmen wir sein Gebr\u00fcll","page":192},{"file":"p0192s0002table5.txt","language":"de","ocr_de":"I","page":0},{"file":"p0193.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise. Eine Nacht im Sudahn.\n193\nnur zwei Mal und zwar in weiter Ferne, w\u00e4hrend ich dasselbe fr\u00fcher in Kordofahn nicht nur vor dem Dorfe, sondern mitten in demselben ert\u00f6nen geh\u00f6rt hatte.\nEs ist eigenth\u00fcmlich, da\u00df manche Jnnerafrikaner, z. B. die Mensa, wenig \u00fcber die Verluste klagen, welche sie durch den L\u00f6wen erleiden. Man spricht wohl von seinen Raubthaten, aber keineswegs mit Entr\u00fcstung \u00fcber die Einbu\u00dfe an Vieh, welche man erlitten hat, und es m\u00f6chte fast scheinen, als griffe er gr\u00f6\u00dfere Herdenthiere gar nicht an. Dies ist jedoch unzweifelhaft der Fall; ich selbst bin in Jnnerafrika hiervon mehr als einmal \u00fcberzeugt worden. W\u00e4hrend meiner Reisen habe ich den L\u00f6wen zwar nur zweimal im Freien gesehen, aber doch sehr oft wahrgenommen, und bin so mit ihm ziemlich vertraut worden. Mehrere Male hat er seine Einf\u00e4lle in den D\u00f6rfern gemacht:, in welchen ich mich gerade aufhielt, und alln\u00e4chtlich h\u00f6rte ich, w\u00e4hrend ich am obern blauen Flusse reiste, den Donner aus seiner Brust. Ehe ich nun sein Leben und Treiben schildere, m\u00f6chte ich wohl meinen Leser bitten, sich mit mir im Geiste in eines der Steppend\u00f6rfer Ostsudahns oder in die Umz\u00e4unung eines Lagers der Nomaden zu versetzen, um eine jener durch ihn gest\u00f6rten N\u00e4chte kennen zu lernen.\nMit Sonnenuntergang hat der Nomade seine Herde in der sichern Seriba eingeh\u00fcrdet, in jenem acht bis zehn Fu\u00df hohen und drei bis vjer Fu\u00df dicken, \u00e4u\u00dferst dichten, aus den stachlichsten Aesten der Mimosen geflochtenen Zaune, dem sichersten Schutzwalle, welchen er bilden kann. Dunkel senkt sich die Nacht auf das ger\u00e4uschvolle Lager herab. Die Schafe bl\u00f6ken nach ihren Jungen, die Rinder, welche bereits gemolken wurden, haben sich niedergethan. Eine Meute wachsamer Hunde h\u00e4lt die Wacht. Mit einem Male l\u00e4utet sie hell auf, im Nu ist sie versammelt und st\u00fcrmt nach einer Richtung in die Nacht hinaus. Man h\u00f6rt den L\u00e4rm eines kurzen Kampfes, w\u00fcthend bellende Laute und grimmig hei\u00dferes Gebr\u00fcll, sodann Siegesgel\u00e4ut \u2014 eine Hi\u00e4ne umschlich das Lager, mu\u00dfte aber vor den muthigen W\u00e4chtern der Herden nach kurzer Gegenwehr die Flucht ergreifen. Einem Leoparden w\u00fcrde es\" kaum besser ergangen sein. \u2014 Es wird stiller und ruhiger, der L\u00e4rm verstummt, der Frieden der Nacht senkt sich auf das Lager herab. Weib und Kind des Herdenbesitzers haben in dem einen Zelte die Ruhe gesucht und gefunden. Die M\u00e4nner haben ihre letzten Gesch\u00e4fte abgethan und wenden sich ebenfalls ihrem Lager zu. Von den n\u00e4chsten B\u00e4umen herab spinnen die stufen-schw\u00e4nzigen Ziegenmelker ihren Nachtgesang, oder tragen fliegend ihre Flederschleppe durch die L\u00fcfte, n\u00e4hern sich oft und gern der Seriba und huschen wie Geister \u00fcber die schlafende Herde hinweg. Sonst ist Alles still und ruhig. Selbst die kl\u00e4ffenden Hunde sind verstummt, nicht aber auch l\u00e4ssig oder schlaff geworden in ihrem treuen Dienste.\nUrpl\u00f6tzlich scheint die Erde zu dr\u00f6hnen: \u2014 in n\u00e4chster N\u00e4he br\u00fcllt ein L\u00f6we! Jetzt bew\u00e4hrt er seinen Namen \u201e Essed\", d. i. ter Aufruhrerregende: denn ein wirklicher Aufruhr und die gr\u00f6\u00dfte Best\u00fcrzung zeigt sich in der Seriba. Die Schafe rennen wie unsinnig gegen die Dornhecken an, die Ziegen schreien laut, die Rinder rotten sich mit lautem Angstgest\u00f6hn zu wirren Haufen zusammen, das Kamel sucht, weil es gern entfliehen m\u00f6chte, alle Fesseln zu zersprengen, und die muthigen Hunde, welche Leoparden und Hi\u00e4nen bek\u00e4mpften, heulen laut und kl\u00e4glich und fl\u00fcchten sich jammernd in den Schutz ihres Herrn, welcher selbst rath- und thatlos, an seiner eignen St\u00e4rke verzweifelnd, sie der ihm \u00fcberm\u00e4chtigen Gewalt unterordnend, in seinem Zelte zittert, es nicht wagt, nur mit seiner Lanze bewaffnet einem so furchtbaren Feinde gegen\u00fcberzutreten, und es geschehen lassen mu\u00df, da\u00df der L\u00f6we n\u00e4her und n\u00e4her herankommt, da\u00df die leuchtenden Augen zu dem Schrecken der Stimme noch einen neuen f\u00fcgen \u2014 der es geschehen lassen mu\u00df, da\u00df der L\u00f6we auch noch einen zweiten seiner arabischen Namen \u201eSabaa\", d. i. \u201eW\u00fcrger der Herden\", beth\u00e4tigt.\nMit gewaltigem Satze \u00fcberspringt der M\u00e4chtige die acht, ja selbst zehn Fu\u00df Dornenmauer, um sich ein Opfer auszuw\u00e4hlen. Ein einziger Schlag seiner furchtbaren Pranken f\u00e4llt ein zweij\u00e4hriges Rind, das kr\u00e4ftige Gebi\u00df zerbricht dem widerstandslosen Thiere die Wirbelknochen des Halses. Dumpfgrollend liegt der R\u00e4uber auf seiner Beute, die gro\u00dfen Augen funkeln hell vor Siegeslust und Raubbegier, mit dem Schw\u00e4nze peitscht er die Luft, l\u00e4\u00dft das verendende Thier auf Augenblicke los und fa\u00dft es mit seinem zermalmenden Gebi\u00df von neuem, bis es sich endlich\nBrehm, Thierleben.\t13\t'","page":193},{"file":"p0194.txt","language":"de","ocr_de":"194\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Der L\u00f6we.\nnicht mehr regt. Dann tritt er seinen R\u00fcckzug an. Er mu\u00df zur\u00fcck \u00fcber die hohe Umz\u00e4unung und will auch seine Beute nicht lassen. Seine ganze ungeheure Kraft ist erforderlich, um mit dem Rind im Rachen den R\u00fccksprung auszuf\u00fchren. Aber er gelingt: ich habe selbst eine neun Fu\u00df hohe Seriba gesehen, \u00fcber welche der L\u00f6we mit einem zweij\u00e4hrigen Rind im Rachen hinweggesetzt war; ich selbst den Eindruck noch wahrgenommen, welchen die schwere Last auf der Firste des Zaunes bewirkt ha-tte, und auf der andern Seite noch die Vertiefung im Sande bemerkt, welche das herabst\u00fcrzende Rind zur\u00fccklie\u00df, bevor es der L\u00f6we weiter schleppte. Mit Leichtigkeit tr\u00e4gt er eine solche Last seinem vielleicht eine halbe Meile entfernten Lager zu, und man sieht die Furche, welche ein so geschlepptes Thier im Sande zog, oft mit der gr\u00f6\u00dften Deutlichkeit bis zum Platze, an welchem es zerrissen wurde.\nErst nach Abzug des L\u00f6wen athmet alles Lebende in dem Lager freier auf; denn es schien geradezu durch die Furcht gebannt zu sein. Der Hirte ergiebt sich gefa\u00dft in sein Schicksal: er wei\u00df, da\u00df er in dem L\u00f6wen einen K\u00f6nig erkennen mu\u00df, der ihn fast ebenso arg brandschatzt, als der Menschenk\u00f6nig, unter welchem er steht.\nMan begreift, da\u00df alle Thiere, welche diesen f\u00fcrchterlichen R\u00e4uber kennen, vor Entsetzen fast die Besinnung verlieren, sobald sie ihn nur br\u00fcllen h\u00f6ren. Dieses Gebr\u00fcll ist bezeichnend f\u00fcr das Thier selbst. Man k\u00f6nnte es einen Ausdruck seiner Kraft nennen, es ist einzig in seiner Art und wird von keiner Stimme eines andern lebenden Wesens \u00fcbertroffen. Die Araber haben ein sehr bezeichnendes Wort daf\u00fcr: \u201eraad\", d. b. donnern. Beschreiben l\u00e4\u00dft sich das L\u00f6wengebr\u00fcll nicht. Tief aus der Brust scheint es hervorzukommen, es scheint diese zersprengen zu wollen. Es ist schwer, die Richtung zu erkennen, von woher es erschallt, denn der L\u00f6we br\u00fcllt gegen die Erde hin, und auf dieser pflanzt sich der Schall wirklich wie Donner fort. Das Gebr\u00fcll selbst besteht aus Lauten, welche zwischen O und U in der Mitte liegen und \u00fcberaus kr\u00e4ftig sind. In der Regel beginnt es mit drei oder vier langsam hervorgesto\u00dfenen Lauten, welche fast wie ein St\u00f6hnen klingen, dann folgen diese einzelnen Laute immer schneller und schneller, gegen das Ende hin aber werden sie wieder langsamer und dabei nehmen sie auch mehr und mehr an St\u00e4rke ab, so da\u00df die letzten eigentlich mehr einem Geknurr gleichen. Sobald ein L\u00f6we seine gewaltige Stimme erhebt, fallen alle \u00fcbrigen, welche es h\u00f6ren, augenblicklich mit ein, und so kommt es, da\u00df man im Urwalde zuweilen eine wirklich gro\u00df-artige Musik vernehmen kann.\nUnbeschreiblich ist die Wirkung, welche des K\u00f6nigs Stimme unter seinen Unterthanen hervorruft. Die heulende Hi\u00e4ne verstummt, wenn auch nur auf Augenblicke, der Leopard h\u00f6rt auf, zu grunzen, die Affen beginnen, laut zu gurgeln, und steigen angsterf\u00fcllt zu den h\u00f6chsten Zweigen empor. Die bl\u00f6kende Herde wird todtenstill; die Antilopen brechen in rasender Flucht durchs Gezweig; das beladene Kamel zittert, gehorcht keinem Zurufe seines Treibers mehr, wirft seine Lasten, seinen Reiter ab und sucht sein Heil in eiliger Flucht; das Pferd b\u00e4umt sich, schnauft, bl\u00e4st die N\u00fcstern aus und st\u00fcrzt r\u00fcckw\u00e4rts; der nicht zur Jagd gew\u00f6hnte Hund sucht winselnd Schutz bei seinem Herrn: kurz, Freiligraths Beschreibung ist vollkommen richtig:\n\u201eDem Panther starrt das Rosenfell,\nErzitternd fl\u00fcchtet die Gazell',\nEs lauscht Kamel und Krokodil Des K\u00f6nigs z\u00fcrnendem Gebr\u00fcll.\"\nUnd selbst der Mann, in dessen Ohr zum ersten Mal diese Stimme schl\u00e4gt, in der Nacht des Urwaldes, selbst er fragt sich, ob er auch Held genug sei Dem gegen\u00fcber, welcher diesen Donner hervorruft. \u2014 Dasselbe Angstgef\u00fchl, welches das L\u00f6wengebr\u00fcll hervorruft, bem\u00e4chtigt sich auch dann der Thiere, wenn sie den L\u00f6wen durch einen andern Sinn wahrnehmen, schon, wenn sie ihn blos wittern, ohne ihn zu sehen: sie wissen alle, da\u00df die N\u00e4he des L\u00f6wen f\u00fcr sie Tod bedeutet.\nWo es der L\u00f6we haben kann, siedelt er sich in der N\u00e4he der D\u00f6rfer an und richtet seine Streifz\u00fcge einzig und allein nach diesen hin. Er ist ein unangenehmer Gast und l\u00e4\u00dft sich nicht so leicht vertreiben, zumal weil er auch einen nicht unbedeutenden Grad von Schlauheit bei seinen Ueberf\u00e4llen","page":194},{"file":"p0195.txt","language":"de","ocr_de":"L\u00f6wengebr\u00fcll und seine Wirkung. L\u00f6wenjagd am Kap.\n195\nzeigt. Dies mag aus nachstehender Geschichte hervorgehen, welche von einem alten holl\u00e4ndischen Bauer erz\u00e4hlt wurde, der im Schatten des Draakenberges wohnte und haupts\u00e4chlich von dem Gelde lebte, das er aus der Jagd der Elefanten gewann.\nIn einem dichten Gestr\u00fcpp, welches ungef\u00e4hr eine englische Meile von der Besitzung des Bauers entfernt war, hatte sich ein L\u00f6we niedergelassen. Er fand dort Schutz und Wasser und konnte recht behaglich seinen Jagdz\u00fcgen von hier aus nachgehen. Unser Bauer merkte sehr bald, welchen Nachbar er erhalten hatte'; die unverkennbare F\u00e4hrte iry Sande sagte genug, und der Mann beschlo\u00df deshalb, auf seiner Hut zu sein. In der ersten Nacht erhoben die Hunde ein w\u00fcthendes Gebell; der L\u00f6we aber verhielt sich ruhig, und der Bauer gab sich bereits dem s\u00fc\u00dfen Traume hin, da\u00df Freund Leu, von den Hunden gewarnt, die Gegend verlassen habe. Aber Leu war kein Furchthase und hatte sich von dem Bischen Hundegebell nicht in die Flucht schlagen lassen.\nW\u00e4hrend der zweiten Nacht wurde R\u00f6berg, ein starker Ochse vom Lieblingsgespann, ohne Umst\u00e4nde von ihm weggef\u00fchrt. Am Morgen zeigte sich, da\u00df der L\u00f6we \u00fcber die Umz\u00e4unung, welche den Kraal umgab, gesprungen war, den Ochsen get\u00f6dtet hatte und mit ihm \u00fcber die Umz\u00e4unung zur\u00fcckgegangen sein w\u00fcrde, wenn diese unter dem gemeinsamen Gewicht des Ochsen und des L\u00f6wen nicht gebrochen w\u00e4re und ihm so einen bequemern Ausgang geboten h\u00e4tte.\nDer Bauer verfolgte augenblicklich im Geleit seines Hottentotten und eines halben Dutzend seiner besten Hunde die L\u00f6wenspur. Ohne Schwierigkeit erkannten die J\u00e4ger, da\u00df der L\u00f6we in jenem dicken Gestr\u00fcpp sein m\u00fcsse; doch Dies war an und f\u00fcr sich kein gro\u00dfer Vortheil: denn der Kloos \u25a0\u2014 so wird im Kaplande eine Schlucht genannt, welche dicht mit Dornen bewachsen ist \u2014 war ungef\u00e4hr eine Meile lang und 300 oder 400 Ellen breit. Die B\u00e4ume und Str\u00e4uche bestanden aus Stachelgew\u00e4chsen und Dornen; kriechendes Gestr\u00e4uch und langes Gras bedeckte den Boden in solcher Ueppigkeit, da\u00df es fast unm\u00f6glich schien, hindurchzudringen. Man kam deshalb \u00fcberein, da\u00df sich der Bauer an der einen, der Hottentotte an der andern Seite des Kloofs aufstellen und da\u00df die Hunde den L\u00f6wen heraustreiben sollten.\nDas lebhafte Bellen der R\u00fcden zeigte bald an, da\u00df sie den R\u00e4uber entdeckt hatten; aber man merkte auch, da\u00df sie unf\u00e4hig waren, ihn aus seiner Festung hinauszutreiben. Man h\u00f6rte, wie sie bald zur\u00fcckprallten, wenn das erz\u00fcrnte Ungeheuer einen Angriff machte, bald aber wieder vordrangen; im Ganzen jedoch blieb das Gebell auf einer und derselben Stelle. Endlich, als das Bellen schw\u00e4cher und immer schw\u00e4cher wurde, hielt man es f\u00fcr r\u00e4thlich, die Hunde zur\u00fcckzurufen. Doch alles Pfeifen und Rufen brachte nicht mehr als zwei von dem halben Dutzend zu ihrem Herrn zur\u00fcck, und einer von diesen war schrecklich verst\u00fcmmelt: \u2014 die anderen hatte der L\u00f6we get\u00f6dtet.\nDieser erste Versuch, des unangenehmen Nachbars habhaft zu werden, war g\u00e4nzlich mi\u00dflungen, und der Bauer kehrte, den Verlust seiner Hunde beklagend, nach Hause zur\u00fcck, um sich nach solcher Anstrengung zu erfrischen. W\u00e4hrend der Nacht wachte er an seinem Kraal, aber der L\u00f6we stattete ihm keinen zweiten Besuch ab. Am folgenden Abend machte unser Mann sich in Begleitung seines Hottentotten noch einmal nach dem Kloos auf. Man bestieg hier einen Baum in der N\u00e4he des Wechsels, und beide J\u00e4ger sp\u00e4hten die ganze Nacht nach ihrem Gegner. Der L\u00f6we war aber kl\u00fcger, als sie; er ging einen andern Weg, und w\u00e4hrend sie dort auf den B\u00e4umen sa\u00dfen, holte er sich, ohne sich zu f\u00fcrchten oder irgendwie einzuschr\u00e4ncken, ein sehr werthvolles Pferd aus dem Hofe, den Hinterhalt, welcher ihm gelegt worden war, gl\u00fccklich vermeidend. Die Wuth des heimgekehrten Bauers und sein Schelten auf die Hottentotten und Kaffern wegen ihrer Nachl\u00e4ssigkeit und Feigheit mag man sich selbst in Worte setzen. Der Bauer beruhigte sich endlich doch, und mit der Ruhe kam ihm ein neuer Plan. Derselbe war nicht wenig gefahrvoll. Der k\u00fchne Mann wollte den dichten Kloof zu Fu\u00df und ohne Hunde betreten, um den L\u00f6wen selbst aufzusuchen und zu tobten. Er war ein alter, erfahrner J\u00e4ger und verstand sich auf die F\u00fchrung seiner Doppelb\u00fcchse wie nur Einer. Das Werk aber, welches er vorhatte, war kein Kinderspiel, und all sein Mannesmuth war erforderlich, um es gl\u00fccklich zu Ende zu f\u00fchren.","page":195},{"file":"p0196.txt","language":"de","ocr_de":"196\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Der L\u00f6we.\nUngef\u00e4hr um zehn Uhr am Morgen nach dem neuen Unfall machte sich der J\u00e4ger auf. Er nahm seinen treuen Hottentotten nicht mit, weil er meinte, da\u00df dessen Ausd\u00fcnstung, welche, wie bei allen Schwarzen, sehr stark ist, dem L\u00f6wen die herannahenden Menschen verrathen und ihn vertreiben m\u00f6chte. Mit \u00e4u\u00dferster Vorsicht n\u00e4herte sich unser Mann dem Kloos und folgte der Spur, welche das fortgeschleppte Pferd zur\u00fcckgelassen hatte. Bald war er vom Dickicht umgeben und mu\u00dfte nun all seine An-fmerksamkeit darauf setzen, so ger\u00e4uschlos als m\u00f6glich vorw\u00e4rts zu gehen oder zu kriechen: eine Aufgabe, welche bei der Menge von trockenen Zweigen und Bl\u00e4ttern ihre gro\u00dfen Schwierigkeiten hatte. Doch unser J\u00e4ger l\u00f6ste sie. Die kleinen V\u00f6gel, welche wie gew\u00f6hnlich auf Alles achten und merken, flogen erst weg, wenn er unter ihnen dahinkroch, ein Zeichen, da\u00df nicht ihr Geh\u00f6r, sondern ihr Gesicht sie auf die Gegenwart eines Menschen aufmerksam gemacht hatte. V\u00f6gel und Affen sind, wie bekannt, in jedem dichten Walde die gr\u00f6\u00dften Hindernisse eines erfolgreichen Ueberfalls; denn die V\u00f6gel fliegen von Baum zu Baum und pfeifen oder zwitschern, w\u00e4hrend die Affen gurgeln oder Grimassen schneiden und durch alle Arten von Hanswurstbewegungen ausdr\u00fccken, da\u00df sich ein verd\u00e4chtiges Wesen n\u00e4hert.\nDer Bauer war kaum f\u00fcnfzig Schritte tief in den Busch vorgedruugen, als er Grund bekam, zu vermuthen, da\u00df er schon nahe an das Lager des L\u00f6wen hinanger\u00fcckt sei. Die Reste des erbeuteten Pferdes wurden zwischen den B\u00e4umen sichtbar, und unser erfahrner Buschj\u00e4ger wu\u00dfte sehr wohl, da\u00df der L\u00f6we sich nicht weit davon niedergethan haben w\u00fcrde. Er kauerte sich also hinter einen.Busch und nahm eine m\u00f6glichst bequeme Stellung ein, damit er sich ohne Beschwerde ruhig verhalten konnte. Nachdem er so einige Zeit gelauert hatte, sah er endlich, da\u00df sich etwas hinter einigen gro\u00dfen, breitbl\u00e4tterigen Pflanzen bewegte, ungef\u00e4hr zwanzig Schritte von ihm. Er erkannte nach und nach den Kopf des L\u00f6wen und bemerkte, da\u00df dieser mit gro\u00dfer Aufmerksamkeit die Gegend beobachtete, in welcher er, der J\u00e4ger, sich verborgen hatte. Es war augenscheinlich, da\u00df das Raubthier die Ann\u00e4herung eines Wesens vernommen hatte, aber noch nicht sicher war, wo dies sich verborgen hielt. Der Bauer wu\u00dfte, da\u00df jetzt ein bedenklicher Augenblick f\u00fcr ihn gekommen war, und verblieb deshalb so ruhig wie eine Bilds\u00e4ule. Er wollte keinen Schu\u00df nach der Stirn des L\u00f6wen wagen, denn es h\u00e4tte Dies ein sehr guter Schu\u00df sein m\u00fcssen, und die vielen Zweige und Aeste, welche die Schu\u00dflinie durchkreuzten, machten einen solchen mehr als unwahrscheinlich.\nNach einer sehr sorgf\u00e4ltigen Besichtigung schien der L\u00f6we zufriedengestellt und legte sich hinter den B\u00fcschen nieder. Jetzt spannte unser J\u00e4ger leise beide H\u00e4hne seines Gewehres und richtete dasselbe langsam nach der Gegend hin, wo der L\u00f6we lag; dabei \u00e4nderte er seine Lage nur umsoviel, als nothwendig war, um eines guten Schusses sicher sein zu k\u00f6nnen. Das leise Ger\u00e4usch, welches er dabei machen mu\u00dfte, war der Wachsamkeit des L\u00f6wen nicht entgangen. Er erhob sich augenblicklich, zeigte aber wieder blos die Stirnseite. Dor J\u00e4ger nahm die Stelle zwischen den Augen aufs Korn und feuerte, traf jedoch, wie Dies bei kurzen Entfernungen und starken Pulverladungen gew\u00f6hnlich ist, zu hoch. Zwar fiel der L\u00f6we auf den R\u00fccken, aber er sprang sogleich wieder auf und br\u00fcllte entsetzlich. Doch jetzt zeigte er dem sichern Sch\u00fctzen seine Breitseite, einen Augenblick sp\u00e4ter hatte er die zweite Kugel in der Brust und st\u00fcrzte jetzt, mit dem Tode k\u00e4mpfend, in das Dickicht der B\u00fcsche. \u2014 Vor Sonnenuntergang hing die Haut des-L\u00f6wen an der Th\u00fcre des Bauerhauses; s\u00e4mmtliche Hottentotten waren selig vor Entz\u00fccken \u00fcber den Erfolg ihres Herrn und \u2014 \u00fcber den ihnen gespendeten Branntwein. \u2014\nDer Mensch ist h\u00e4ufig genug fast der alleinige Ern\u00e4hrer des L\u00f6wen; doch auch die Steppe und der Wald bieten ihm hinreichende Nahrung. Kein S\u00e4ugethier ist ihm zu klein und geringf\u00fcgig, keins ist vor ihm sicher. Er ist kein Kostver\u00e4chter, obgleich er in der Regel sich leckere Braten auszusuchen wei\u00df. Bei seiner Jagd zeigt er au\u00dferordentlich viel Verstand, List und gro\u00dfe K\u00fchnheit. Es scheint durch glaubw\u00fcrdige Reisende verb\u00fcrgt zu sein, da\u00df er sich mitten unter die Lagerfeuer st\u00fcrzt und sich dort ein St\u00fcck Vieh wegnimmt, oder aber, da\u00df er dicht an das Lager herankommt und durch sein Br\u00fcllen die durch die Menschen gesch\u00fctzten Thiere solange \u00e4ngstigt, bis sie fast besinnungslos durch-","page":196},{"file":"p0197.txt","language":"de","ocr_de":"Der jagende L\u00f6we.\n197\nbrechen, um das Weite zu suchen, jetzt aber ihm erst recht zur Beute werden. Gegen diese Angabe spricht der feste Glaube aller Innerafrikaner, mit denen ich verkehrt habe, an die erw\u00fcnschte Wirksamkeit ihrer Lagerfeuer. Sie versichern, da\u00df Feuer stets gen\u00fcge, den L\u00f6wen abzuhalten und wissen kein Beispiel zu erz\u00e4hlen, da\u00df das Raubthier ein durch sorgsam unterhaltene Wachtfeuer gesch\u00fctztes Lager \u00fcberfallen habe. Vom Leoparden erz\u00e4hlen sie das Gegentheil.\nGanz anders, als bei Angriffen auf zahme Thiere, benimmt sich der L\u00f6we, wenn er es mit Wild zu thun hat. Er wei\u00df, da\u00df dieses ihn auf ziemliche Entfernung hin wittert und schnellf\u00fc\u00dfig genug ist, ihm zu entkommen. Deshalb lauert er auf die wildlebenden Thiere oder schleicht sich, oft in Gesellschaft mit anderen seiner Art, \u00e4u\u00dferst vorsichtig unter dem Winde an sie heran. Namentlich die Wasserpl\u00e4tze in den Steppen Mittel- und S\u00fcdafrikas sind ergiebige Jagdorte f\u00fcr ihn.\nWenn der hei\u00dfe Tag vor\u00fcber ist und die k\u00fchle Nacht sich allm\u00e4hlich herabsenkt, eilt die zierliche Antilope oder die mild\u00e4ugige Girafe, das gestreifte Zebra oder der gewaltige B\u00fcffel, um die lechzende Zunge zu erfrischen. Vorsichtig nahen sie sich alle der Quelle oder der Lache; denn sie wissen, da\u00df gerade diejenigen Orte, welche ihnen die meiste Labung bieten sollen, f\u00fcr sie die gef\u00e4hrlichsten sind. Ohne Unterla\u00df witternd und lauschend, scharf in die dunkle Nacht \u00e4ugend, schreitet das Leitthier der Antilopenherde dahin. Keinen Schritt thut es, ohne sich zu versichern, da\u00df Alles still und ruhig sei. Die Antilopen sind meistens schlau genug, ebenfalls unter dem Winde an die Quelle zu gehen, und so bekommt oft genug das Leitthier die Witterung noch zur rechten Zeit. Es stutzt, es lauscht, es \u00e4ugt, es wittert \u2014 noch einen Augenblick \u2014 und pl\u00f6tzlich wirst es sich herum und jagt in eiliger Flucht dahin. Die anderen folgen; weitaus greifen die zierlichen Hufe, hochauf schnellen die federnden L\u00e4ufe der unmuthigen Thiere. Ueber Busch und Grasb\u00fcschel setzen die Behenden dahin und sind gerettet. So naht sich auch das kluge Zebra, so naht sich die Girafe: aber wehe ihnen, wenn sie diese Vorsicht vers\u00e4umen. Wehe der Girafe, wenn sie mit dem Winde zur umbuschten Lache schreitet, wehe ihr, wenn sie \u00fcber der Begierde, die hei\u00dfe, schlaffe Zunge zu k\u00fchlen, ihre Sicherheit auch nur einen Augenblick vergi\u00dft! Dann wird Fr eiligrath s hochdichterische Beschreibung fast zur vollen Wahrheit:\n\u201ePl\u00f6tzlich regt es sich im Rohre; mit Gebr\u00fcll auf ihren Nacken \u201eSpringt der L\u00f6we. Welch ein Reitpferd! Sah man reichere Schabracken \u201eIn den Marslallkammern einer k\u00f6niglichen Hofburg liegen,\n\u201eAls das bunte Fell des Renners, den der Thiere F\u00fcrst bestiegen?\n\u201eIn die Muskeln des Genickes schl\u00e4gt er gierig seine Z\u00e4hne;\n\u201eUm den Bug des Riesenpserdes weht des Reiters gelbe M\u00e4hne.\n\u201eMit dem dumpfen Schrei des Schmerzes springt es auf und flieht gepeinigt;\n\u201eSieh, wie Schnelle des Kameles es mit Pardelhaut vereinigt!\n\u201eSieh, die mondbestrahlte Fl\u00e4che schl\u00e4gt es mit den leichten F\u00fc\u00dfen!\n\u201eStarr aus seiner H\u00f6hlung treten seine Augen; rie\u00dfelnd flie\u00dfen \u201eAn dem braun gefleckten Halse nieder schwarzen Blutes Tropfen,\n\u201eUnd das Herz des fl\u00fccht'gen Thieres h\u00f6rt die stille W\u00fcste klopfen.\n\u201eIhrem Zuge folgt der Geier; kr\u00e4chzend schwirrt er durch die L\u00fcfte;\n\u201eIhrer Spur folgt die Hi\u00e4ne, die Entweiherin der Gr\u00fcfte;\n\u201eFolgt der Panther, der des Kaplands H\u00fcrden r\u00e4uberisch verheerte;\n\u201eBlut und Schwei\u00df bezeichnen ihres K\u00f6nigs grausenvolle F\u00e4hrte.\n\u201eZagend auf lebend'gem Throne sehn sie den Gebieter sitzen,\n\u201eUnd mit scharfer Klaue seines Sitzes bunte Polster ritzen.\n\u201eRastlos, bis die Kraft ihr schwindet, mu\u00df ihn die Girafe tragen;\n\u2018 \u201eHegen einen solchen Reiter hilft kein B\u00e4umen und kein Schlagen.\"\nJa, diese Beschreibung enth\u00e4lt fast die volle Wahrheit! Nur den Geier mu\u00df der Forscher aus ihr streichen; denn er folgt dem L\u00f6wen nicht zur Nacht: er kommt blos bei Tage, um die Ueberreste der k\u00f6niglichen Tafel zu beanspruchen. Im Uebrigen hat der Dichter nur zu genau gezeichnet.","page":197},{"file":"p0198.txt","language":"de","ocr_de":"198\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Der L\u00f6we.\nGew\u00f6hnlich erliegt ein von dem L\u00f6wen erfa\u00dftes Thier schon dem ersten Angriffe. Die gewaltige Last, welche pl\u00f6tzlich auf seine Schultern f\u00e4llt, die Todesangst, welche es erfa\u00dft und die Wunden, welche es im n\u00e4chsten Augenblicke erh\u00e4lt, verhindern es, noch weit zu laufen. Kraftlos und muthlos bricht es zusammen, wenige Bisse gen\u00fcgen, die Halswirbelknochen zu zermalmen und den Nerv des Lebens abzuschneiden. Und der L\u00f6we liegt nun auf seiner Beute, wie ich es schon oben beschrieb, grollend, mit dem Schw\u00e4nze peitschend, die Augen starr auf sie geheftet, jede Bewegung verfolgend und durch neue Bisse noch das letzte Zucken beendend. Mi\u00dflingt aber der Sprung, so verfolgt der L\u00f6we seinen Raub nicht, sondern kehrt fast wie besch\u00e4mt nach seinem Hinterhalt zur\u00fcck, Schritt f\u00fcr Schritt, als ob er die rechte L\u00e4nge abmessen wolle, bei welcher ihm der Sprung gelungen w\u00e4re.\nNicht selten aber kommt es auch vor, da\u00df sich eine L\u00f6wenfamilie zur Jagd vereinigt und dann auch bei Tage einen Angriff versucht. Ein englischer L\u00f6wenj\u00e4ger erz\u00e4hlt Folgendes:\n\u201eEine kleine Herde von Zebras weidete ruhig und unbesorgt in einer Ebene, nicht ahnend, da\u00df sich ihr ein L\u00f6wenpaar mit seinen Jungen lautlos mehr und mehr n\u00e4herte. Der L\u00f6we und die L\u00f6win hatten einen ordentlichen Schlachtplan entworfen und stahlen sich so sacht und unbemerklich durch das hohe Gras, da\u00df sie der scharfen Aufmerksamkeit des Thieres entgingen. So krochen sie heran, bis sie fast zum Sprunge nahe waren; da bemerkte das Wachtthier pl\u00f6tzlich den f\u00fcrchterlichen Feind und gab das Zeichen zur Flucht. Aber es war zu sp\u00e4t. Mit einem einziges Sprunge setzte der m\u00e4nnliche L\u00f6we \u00fcber Gras und B\u00fcsche hinweg und fiel mit der ganzen Wucht seines Leibes auf das eine Zebra, welches augenblicklich unter ihm zusammenbrach. Die anderen stiebten angsterf\u00fcllt in alle Winde.\"\nGute Beobachter versichern, da\u00df der L\u00f6we, sobald er hungrig und raublustig ist, Dies durch Wedeln und Schlagen des Schwanzes auf den R\u00fccken oder durch Sch\u00fctteln der M\u00e4hne zu erkennen giebt. An Gefangenen und Gez\u00e4hmten, welche ich selbst besa\u00df, habe ich Dasselbe beobachtet und kann es mithin nur best\u00e4tigen. Kommt also ein Mensch einem im Geb\u00fcsch verborgenen L\u00f6wen zu nahe, so braucht man blos auf diese Bewegung zu achten, um zu erfahren, wessen man sich zu versehen hat. Sieht man einen L\u00f6wen, welcher den Schwanz nicht r\u00fchrt, so kann man \u00c4hnlich an ihm vorbeigehen, ja ihn sogar mit Werfen durch ein St\u00fcck Holz aus dem Wege treiben. Das Gerassel eines Wagens, das Geklatsche einer Peitsche verjagt ihn dann regelm\u00e4\u00dfig. Wedelt er aber mit dem Schw\u00e4nze, so darf man, wenn man nicht gut bewaffnet und ein t\u00fcchtiger Sch\u00fctze ist, auf seinen Tod gefa\u00dft sein. Das Gleiche, welches hier von dem Menschen gesagt wurde, gilt auch von den Thieren. Es kommt oft genug vor, da\u00df jagdbare Thiere ohne Gefahr an einem L\u00f6wen vor\u00fcbergehen k\u00f6nnen; denn ein ges\u00e4ttigter L\u00f6we bem\u00fcht sich niemals nach fernerm Raube und verdient schon aus diesem Grunde den Namen eines gro\u00dfm\u00fcthigen Raubthieres.\nJedes von einem L\u00f6wen erbeutete Thier wird, wenn Dies angeht, dem Versteck zugeschleppt und erst dort von ihm gefressen. Die ungeheure Kraft des k\u00f6niglichen Thieres zeigt sich wohl am besten gerade bei diesem Fortschaffen der Beute. Wenn man bedenkt, was dazu geh\u00f6ren will, mit einem Rinde im Rachen \u00fcber einen breiten Graben oder \u00fcber einen sechs, acht, ja zehn Fu\u00df hohen Zaun zu setzen, kann man einen richtigen Schlu\u00df auf die unglaubliche St\u00e4rke des L\u00f6wen machen. Blos ganz erwachsene B\u00fcffel und Kamele sind ihm zu schwer; diese fortzuschleppen, ist er nicht im Stande. Man behauptet sogar, da\u00df er f\u00e4hig w\u00e4re, einen Elefanten durch die Gewalt seines Sprunges niederzuwerfen, doch d\u00fcrfte Dies wohl in das Bereich der Fabel geh\u00f6ren und eher mit jener Erz\u00e4hlung der Araber zu vergleichen sein, welche die St\u00e4rke des L\u00f6wen zu beweisen sucht. \u201eEin L\u00f6we,\" so erz\u00e4hlte, man mir in Ostsudahn, \u201esprang auf ein zur Tr\u00e4nke gehendes Kamel und suchte es vom Ufer des Flusses weg nach dem Walde zu ziehen. Im gleichen Augenblicke aber scho\u00df ein riesiges Krokodil aus dem Wasser hervor und packte dasselbe Kamel am Halse. Der L\u00f6we zog nach oben, das Krokodil nach unten, keins lie\u00df nach; da ri\u00df das Kamel.mitten von einander.\" Ist es nun auch nach meinen eigenen Beobachtungen begr\u00fcndet, da\u00df das Krokodil wirklich einem Stier und also auch einem Kamele den Kopf abrei\u00dfen kann, so ist doch nicht wahrscheinlich, da\u00df es sich auf ein Kamel st\u00fcrzt, welches eben von einem L\u00f6wen gepackt wird, und vielleicht unm\u00f6glich, da\u00df die beiden Thiere durch","page":198},{"file":"p0199.txt","language":"de","ocr_de":"Der jagende L\u00f6we. Seine Nahrung. Schmarotzer an der k\u00f6niglichen Tafel.\n199\nvereinigte Kraft ein Kamel mittendurchzurei\u00dfen verm\u00f6chten. Soviel ist \u00fcbrigens auch gewi\u00df, da\u00df der L\u00f6we ein Kamel wenigstens ein St\u00fcck weit fortzuschleppen sucht. Dies habe ich bei dem Dorfe Melbe\u00df in Kordofahn am Morgen nach der T\u00f6dtung des Kamels selbst gesehen. Das Thier war etwa hundert Schritte weit geschleppt worden, und der L\u00f6we hatte dann nur einen sehr geringen Theil vom R\u00fccken abgefressen, wahrscheinlich, weil ihm die N\u00e4he des Dorfes zu gro\u00dfe Unruhe gemacht hatte. Mit einem ein- oder zweij\u00e4hrigen Kalbe l\u00e4uft ein starker L\u00f6we noch im Trabe davon. Thompson versichert, da\u00df berittene J\u00e4ger einen so belasteten L\u00f6wen f\u00fcnf Stunden lang verfolgt hatten, ohne ihn einholen zu k\u00f6nnen.\nDer L\u00f6we zieht unbedingt gr\u00f6\u00dfere Thiere den kleineren vor, obgleich er diese, wenn er sie nahe haben kann, auch nicht verschm\u00e4ht. Soll er doch, wie bestimmt versichert wird, bisweilen sich sogar mit Heuschrecken begn\u00fcgen! Alle Hsrdenthiere des Menschen, die wilden Zebras und s\u00e4mmtliche Antilopen, sowie die Wildschweine bleiben unter allen Umst\u00fcnden seine Hauptnahrung. Gew\u00f6hnlich fri\u00dft der L\u00f6we blos selbst erlegte Beute, in gewisser Beschr\u00e4nkung geht er jedoch auch das Aas an und zumal solches, welches von einem durch ihn erlegten Thiere herr\u00fchrt. Er kehrt, wenn er Beute gemacht, in der n\u00e4chstfolgenden Nacht zu ihr zur\u00fcck, in der dritten Nacht erscheint er aber niemals wieder am Aase und w\u00fcrde wohl auch vergeblich dahin zur\u00fcckkehren. Denn gew\u00f6hnlich finden sich schon in der Nacht, in welcher die Beute gemacht wurde, eine namhafte Anzahl von Schmarotzern ein, welche die g\u00fcnstige Gelegenheit wahrnehmen, um von des K\u00f6nigs Tafel zu schmausen. Die faule und feige Hi\u00e4ne und alle eigentlichen Hundearten erachten es f\u00fcr sehr bequem, einen Andern f\u00fcr sich Beute machen zu lassen, und fressen, sobald der L\u00f6we das Mahl verl\u00e4\u00dft, sich daran toll und voll. Freilich duldet sie der K\u00f6nig nicht immer gern an seinem Tische, sondern es kommen, wie bestimmt erwiesen worden ist, zuweilen t\u00fcchtige Bei\u00dfereien vor. So feig auch die Hi\u00e4nen dem L\u00f6wen ausweichen, wenn sie ihm begegnen, so tolldreist werden sie, wenn ihnen ein leckeres Mahl winkt.\nEiner meiner J\u00e4ger im Ostsudahn beobachtete einmal bei hellem Tage einen Kampf zwischen einem L\u00f6wen und drei Hi\u00e4nen, welchem eine derartige Ursache zu Grunde liegen mochte. Der L\u00f6we sa\u00df nach Hundeart an einer Waldlichtung hart am Flu\u00dfufer und erwartete mit der gr\u00f6\u00dften Seelenruhe drei gefleckte Hi\u00e4nen, welche sich ihm knurrend und kl\u00e4ffend mehr und mehr n\u00e4herten. Nach und nach wurden die Thiere immer unversch\u00e4mter und gingen n\u00e4her und n\u00e4her an den Gewaltigen heran. Endlich fiel es auch einer von ihnen ein, ihm bei\u00dfend nach der Brust zu fahren. In demselben Augenblicke aber bekam sie einen Schlag mit der linken Pranke, da\u00df sie augenblicklich auf den R\u00fccken st\u00fcrzte und wie leblos liegen blieb; die \u00fcbrigen zogen sich dann in das Dickicht des Waldes zur\u00fcck.\nAndere Beobachter versichern^, da\u00df zwischen den L\u00f6wen selbst zuweilen aus Futterneid K\u00e4mpfe entst\u00e4nden, und englische J\u00e4ger wollen sogar gesehen haben, da\u00df ein m\u00e4nnlicher L\u00f6we die von ihm get\u00f6dtete L\u00f6win zerfleischt und theilweise gefressen habe. In wieweit letztere Beobachtung richtig ist, wage ich nicht zu entscheiden; mir kommt die Sache au\u00dferordentlich unwahrscheinlich vor, obgleich ich wiederholt gesehen habe, da\u00df andere gro\u00dfe Katzenpaare, namentlich der Tiger unseres Thiergartens, durch das blose Erschauen einer vermeintlichen Beute in hohem Grade erregt wurden und w\u00fcthend mit einander k\u00e4mpften, so friedlich sie auch sonst zusammen lebten.\nDen Menschen greift der L\u00f6we nur \u00e4u\u00dferst selten an. Die hohe Gestalt eines Mannes scheint ihm Ehrfurcht einzufl\u00f6\u00dfen. In Sudahn wenigstens, wo doch der L\u00f6we in manchen Gegenden sehr h\u00e4ufig ist, sind so gut als gar keine F\u00e4lle bekannt, da\u00df ein Mensch von einem L\u00f6wen gefressen worden w\u00e4re. Dort fallen den Krokodilen, ja selbst den Hi\u00e4nen, weit mehr Menschen zum Opfer, als dem L\u00f6wen. In S\u00fcdafrika soll es anders sein; doch f\u00fcgt man auch hinzu, da\u00df die Kasfern daran haupts\u00e4chlich selbst schuld w\u00e4ren. Bei den best\u00e4ndigen Kriegen dieser V\u00f6lkerschaften kommt es n\u00e4mlich h\u00e4ufig vor, da\u00df die oft genug heimt\u00fcckisch erschlagenen Feinde mitten im Walde liegen bleiben, da, wo sie das t\u00f6dliche Gescho\u00df ereilte. Kommt nun der L\u00f6we des Nachts an einen solchen Leichnam, so lange dieser noch frisch ist, so findet er es erkl\u00e4rlicher Weise sehr bequem, an ihm seinen Hunger zu stillen; hat er einmal Menschenfleisch gekostet, so erf\u00e4hrt er, da\u00df dasselbe dem andern doch vorzuziehen","page":199},{"file":"p0200.txt","language":"de","ocr_de":"200\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Der L\u00f6we.\nsei, und nunmehr wird er ein \u201eMannesser\", wie die Kaffern ihn dann nennen. Diese versichern, da\u00df solche menschensressende L\u00f6wen auch nicht selten mitten unter die Lagerfeuer st\u00fcrzen und einen oder den anderen der schlafenden M\u00e4nner ohne weiteres mit sich nehmen. Unter den Eingebornen, wie unter den Ansiedlern herrscht der Glaube, da\u00df dunkelfarbige Menschen mehr seinen Angriffen ausgesetzt seien, als der Wei\u00dfe.\n/\t\u25a0 Man behauptet, da\u00df der L\u00f6we, w\u00e4hrend er alle von ihm angefallenen Thiere augenblicklich\ntobtet, den Menschen, welchen er \u00fcberw\u00e4ltigt und unter sich in seinen Krallen hat, nicht alsogleich morde, sondern ihm erst sp\u00e4ter und zwar unter f\u00fcrchterlichem Gebr\u00fcll den t\u00f6dtlichen Schlag mit seiner Tatze auf die Brust versetze. Dies ist wohl als glaubw\u00fcrdig anzunehmen; denn auch Livingstone, dessen einfache Berichte durchaus nicht den Stempel der Uebertreibung oder der L\u00fcgenhaftigkeit an sich tragen, behauptet Dasselbe. Bei einer Treibjagd, welche er mit den Bewohnern des Dorfes Mabotsa in Ostafrika anstellte, waren die L\u00f6wen bald auf einem kleinen, bewaldeten H\u00fcgel umstellt. \u201eIch befand mich,\" so erz\u00e4hlt Livingstone, \u201eneben einem eingebornen Schullehrer. Namens Mebalwe, als ich innerhalb des I\u00e4gerkreises einen der L\u00f6wen gewahrte, welcher auf einem Felsst\u00fcck lag. Mebalwe feuerte auf ihn, und die Kugel traf den Felsen. Der L\u00f6we bi\u00df auf die getroffene Stelle, wie ein Hund in einen Stock, der nach ihm geworfen wird. Dann sprang er weg, durchbrach den Kreis und entkam unbesch\u00e4digt. Als der Kreis wieder geschlossen war, sahen wir zwei aitbere L\u00f6wen innerhalb desselben, und diese brachen ebenfalls durch. Darauf gingen wir dem Dorfe wieder zu. Unterwegs bemerkte ich wiederum einen L\u00f6wen auf einem Felsen, aber diesmal hatte er einen kleinen Busch vor sich. Da ich etwa 30 Nards entfernt war, zielte ich gut auf seinen K\u00f6rper hinter dem Busch und feuerte beide L\u00e4ufe ab. \u201eEr ist getroffen!\" riefen einige der Leute und wollten zu ihm laufen. Ich sah den Schweif des L\u00f6wen hinter dem Busche emporgerichtet und rief den Leuten zu: \u201eWartet, bis ich wieder geladen habe!\" Als ich die Kugeln hinunterstie\u00df, h\u00f6rte ich einen Schrei und gewahrte den L\u00f6wen gerade im Begriff, auf mich zu springen. Er packte im Sprunge meine Schulter, und wir fielen beide zusammen zu Boden. Schrecklich neben meinem Ohre knurrend, sch\u00fcttelte er mich, wie ein Dachshund eine Ratte sch\u00fcttelt. Diese Ersch\u00fctterung brachte eine Bet\u00e4ubung hervor; ich f\u00fchlte weder Schmerz noch Angst, obgleich ich mir alles Dessen, was vorging, bewu\u00dft war. Ich suchte mich von der Last zu befreien und bemerkte, da\u00df seine Augen auf Mebalwe gerichtet waren, welcher auf ihn zu schie\u00dfen versuchte. Sein Gewehr versagte mit beiden L\u00e4ufen. Der L\u00f6we verlie\u00df mich augenblicklich und packte Mebalwe am Schenkel. Ein andrer Mann, dem ich fr\u00fcher das Leben gerettet hatte, als er von einem B\u00fcffel gesto\u00dfen wurde, versuchte, den L\u00f6wen mit dem Spie\u00dfe zu treffen, w\u00e4hrend derselbe Mebalwe bi\u00df. Er verlie\u00df Letzteren und packte diesen Mann bei der Schulter; aber in dem Augenblicke beendeten die zwei Kugeln, welche er bekommen hatte, ihre Wirksamkeit, und er fiel todt nieder. Das Ganze war das Werk weniger Minuten. Er hatte den Knochen meines Oberarms zerbissen, und mein Arm blutete aus elf Wunden, welche aussahen, als wenn Flintenkugeln eingedrungen w\u00e4ren. Beim Heilen wurde der Arm krumm. Meine zwei Kampfgenossen haben viele Schmerzen an ihren Wunden gelitten, und die an der Schulter des einen brachen genau nach einem Jahre wieder auf.\"\nOb es wahr ist, da\u00df sich der L\u00f6we jedesmal vor seinem Angriffe in einer Entfernung von etwa acht oder zehn Fu\u00df niederlege, um den Sprung abzumessen, lasse ich dahin gestellt sein. Ich meines Theils habe nach allen im Sudahn erhaltenen Nachrichten Ursache, daran zu zweifeln. Die Araber jener Gegenden versichern, da\u00df der Mensch, welcher einen ruhenden L\u00f6wen treffe, denselben durch einen einzigen Steinwurf verscheuchen k\u00f6nne, falls er Muth genug habe, aus ihn loszugehen. Wer dagegen entfliehe, sei unrettbar verloren. \u201eZweimal, so sagen sie, weicht jeder L\u00f6we dem Manne aus, denn er wei\u00df, da\u00df dieser das Ebenbild Gottes des Allbarmherzigen ist, den auch er, als ein gerechtes Thier, in Demuth anerkennt. Frevelt jedoch der Mensch an den Geboten des Erhaltenden, welche bestimmen, da\u00df Niemand sein Leben tollk\u00fchn wage, und geht er dem L\u00f6wen zum dritten Male entgegen, so mu\u00df er sein Leben lassen.\"\nDa\u00df die L\u00f6wen vor dem Menschen wirklich zur\u00fcckweichen, sagen auch andere Beobachter. \u201eEin","page":200},{"file":"p0201.txt","language":"de","ocr_de":"Der L\u00f6we als Gegner des Menschen.\n201\nLandmann, mit Namen Kock,\" so berichtet Sparrmann in seiner Reise nach S\u00fcdafrika, \u201estie\u00df bei einem Spaziergange auf einen L\u00f6wen. Er legte auf ihn an, verfehlte ihn aber und wurde von ihm verfolgt. Als er au\u00dfer Athem war, kletterte er auf einen Steinhaufen und hob den Flintenkolben hoch in die H\u00f6he. Der L\u00f6we legte sich auf zwanzig Schritte vor ihm hin; nach einer halben Stunde aber stand er auf, ging Anfangs Schritt f\u00fcr Schritt zur\u00fcck, als wenn er sich fortstehlen wollte, und erst als er ein St\u00fcck weit war, fing er an, aus allen Kr\u00e4ften zu laufen.\" Man behauptet, da\u00df er sich selbst dann, wenn er sich schon zum Sprunge niederlegt, nicht getraue, denselben auszuf\u00fchren, wenn ihm der Mensch unbeweglich ins Auge sieht. Wenn er den leichten Kampf mit einem Manne nicht schon einmal versucht, fl\u00f6\u00dft ihm die hohe Gestalt desselben Furcht und Mi\u00dftrauen in seine eigne St\u00e4rke ein, und eine ruhige Haltung des K\u00f6rpers, ein muthiges Auge kr\u00e4ftigt diesen Eindruck mit jedem Augenblick. Eine unbedachtsame Bewegung aber, welche ihm Furcht verr\u00e4th oder ihn zur Vertheidigung aufreizt, erweckt den Muth und das Selbstvertrauen des L\u00f6wen wieder, und dann ist auch der Mann verloren. Da\u00df er vor dem ruhig dastehenden Menschen die Flucht ergreift, ist ein Beweis, da\u00df er sich vor dem Menschen ebenso gef\u00fcrchtet hat, wie dieser sich vor ihm. Anders ist es freilich, wenn er schon mehrmals mit Menschen gek\u00e4mpft hat, oder wenn er sehr hungrig ist.\nEs kommt wirklich vor, da\u00df der L\u00f6we einen Menschen mit gro\u00dfer Hartn\u00e4ckigkeit verfolgt. So erz\u00e4hlt Barrow Folgendes: \u201eAm Kamiehsberge im Lande der Namaken wollte ein Hottentott eine Herde Rindvieh zum Wasser treiben, als er einen L\u00f6wen erblickte. Er floh mitten durch die Herde in der Hoffnung, da\u00df der L\u00f6we eher ein St\u00fcck Vieh ergreifen, als ihm folgen w\u00fcrde. Doch er irrte. Der L\u00f6we brach durch die Herde und folgte dem Hottentotten, welcher jedoch noch so gl\u00fccklich war, auf einen Aloebaum zu klettern und sich hier hinter einen Haufen Nester des Gesellschaftswebervogels (Ploceus socius) zu verstecken. Der L\u00f6we that einen Sprung nach ihm hinauf, verfehlte jedoch, sank zur\u00fcck und siel zu Boden. In m\u00fcrrischem Schweigen ging er um den Baum, warf dann und wann einen schrecklichen Blick hinauf, legte sich endlich nieder und ging nun 24 Stunden nicht von der Stelle. Endlich kehrte er zur Quelle zur\u00fcck, um seinen Durst zu stillen. Der Hottentott stieg herunter und lief nach seinem Hause, welches nur eine Viertelmeile entfernt war. Der L\u00f6we folgte ihm aber und kehrte erst 300 Schrittwor dem Hause um.\nUnter allen Umst\u00e4nden bleibt es mi\u00dflich, vor dem L\u00f6wen zu fliehen, denn er ist schnell genug zu Fu\u00df; man hat beobachtet, da\u00df er verwegene J\u00e4ger fast eingeholt h\u00e4tte, obgleich sie auf guten Jagdpferden sa\u00dfen. Wer bei einem Zusammentreffen mit dem L\u00f6wen Herz genug hat, ruhig stehen zu bleiben, den greift er so leicht nicht an. Aber zu einem solchen Wagst\u00fcck geh\u00f6rt ein besonnener Mannesmuth, der eben nicht Jedent-gegeben ist.\nEs ist sehr beachtenswerth, da\u00df der L\u00f6we, wie vielfache Beobachtungen dargethan haben, Kinder nur selten angreift. Man kennt Beispiele, da\u00df das furchtbare Raubthier ganz ruhig an die H\u00e4user heran kam, ohne dort irgend Jemandem Etwas zu Leide zu thun. Lichtenstein verb\u00fcrgt ein solches Beispiel:\n\u201eBei Rietrivierspoort kamen wir an die Wohnung eines gewissen van Wyck. Indessen wir unser Vieh ein wenig weiden lie\u00dfen und in der Th\u00fcr des Hauses den Schatten suchten, begann van Wyck folgenderma\u00dfen: \u201eEs ist etwas \u00fcber zwei Jahre, da\u00df ich auf der Stelle, wo wir hier stehen, einen schweren Schu\u00df gewagt habe. Hier im Hause, neben der Th\u00fcr, sa\u00df meine Frau. Die Kinder spielten neben ihr, und ich war drau\u00dfen zur Seite des Hauses an meinem Wagen besch\u00e4ftigt, als pl\u00f6tzlich am hellen Tage ein gro\u00dfer L\u00f6we erschien und sich ruhig auf der Schwelle in den Schatten legte. Die Frau, vor Schrecken erstarrt und mit der Gefahr des Fliehens bekannt, blieb auf ihrem Platze, die Kinder flohen in ihren Schos. Ihr Geschrei machte mich aufmerksam; ich eilte nach der Th\u00fcr, und man denke sich mein Erstaunen, als ich den Zugang auf diese Weise versperrt sah. Obgleich das Thier mich nicht gesehen hatte, so schien doch, unbewaffnet, wie ich war, alle Rettung unm\u00f6glich. Doch bewegte ich mich fast unwillk\u00fcrlich nach der Seite des Hauses zu dem Fenster des Zimmers, in welchem mein geladnes Gewehr stand. Gl\u00fccklicherweise hatte ich es zuf\u00fcllig in die n\u00e4chste","page":201},{"file":"p0202.txt","language":"de","ocr_de":"202\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Der L\u00f6we.\nEcke gestellt und konnte es mit der Hand erreichen, denn zum Hereinsteigen ist, wie Sie sehen, die Oeffnung zu klein, und zu noch gr\u00f6\u00dferm Gl\u00fccke war die Th\u00fcr des Zimmers offen, so da\u00df ich die ganze drohende Scene zu \u00fcbersehen im Stande war. Jetzt machte der L\u00f6we eine Bewegung, es war vielleicht zum Sprunge; da besann ich mich nicht l\u00e4nger, rief der Mutter leise Trost zu und scho\u00df in Gottes Namen hart an den Locken meines Knaben vorbei den L\u00f6wen \u00fcber den funkelnden Augen in die Stirn, da\u00df er sich weiter nicht regte.\"\nWenn man auch annehmen will, da\u00df dieser L\u00f6we ganz satt gewesen sei, als er an jenes Haus herankam, darf man doch nicht vergessen, da\u00df andere Katzenarten in \u00e4hnlichen F\u00e4llen ihrer Mordlust selten widerstehen k\u00f6nnen, und Dies w\u00fcrde nur ein Grund mehr sein, um den Adel der L\u00f6wenseele zu beweisen.\nDie ehrfurchteinfl\u00f6\u00dfende Gestalt des L\u00f6wen, seine gewaltige Kraft, sein k\u00fchner, ruhiger Muth ist von jeher anerkannt und bewundert worden. Und wenn nun auch die Bewunderung oft das rechte Ma\u00df \u00fcberschritten und dem L\u00f6wen Eigenschaften angedichtet hat, welche er wirklich nicht besitzt: im Grunde ist sie doch gerechtfertigt. Der L\u00f6we erscheint neben den \u00fcbrigen Katzen und selbst neben den meisten wilden Hundearten stolz, gro\u00dfm\u00fcthig und edel. Er ist blos dann ein R\u00e4uber, wenn er es sein mu\u00df, und nur dann ein W\u00fctherich, wenn er selbst zum Kampfe auf Leben und Tod herausgefordert wird. Man hat Unrecht, wenn man behauptet, da\u00df \u201edas Stolze und Edle seines Ausdrucks nichts Anderes, als ernste und besonnene Ueberlegung sei\", und mit diesen Worten der bewunderungsvollen Auffassung der L\u00f6wenseele, welche Andere ausgesprochen haben, entgegentreten will. In den von den geachtetsten Naturforschern dem L\u00f6wen zuerkannten Eigenschaften liegt meiner Ansicht nach Adel genug. Und wer den L\u00f6wen n\u00e4her kennen lernte, wer, wie ich, jahrelang tagt\u00e4glich mit einem gefangenen verkehrte, dem wird es ergehen, wie mir es erging. Er wird ihn lieben und ehren, wie nur jemals der Mensch ein Thier lieben und ehren kann. Ich will weiter unten von meinem Lieblingsthiere, einer gefangenen L\u00f6win, erz\u00e4hlen, welche mir manche Stunde vers\u00fc\u00dft und erheitert hat; hier will ich nur hervorheben, da\u00df ich mich fast vollkommen zu der Ansicht von Scheitlin hinsichtlich der geistigen F\u00e4higkeiten des L\u00f6wen hinneige. Deshalb kann ich diesen geachteten Thierfreund auch diesmal wieder f\u00fcr mich reden lassen.\n\u201eWer will des L\u00f6wen, des Helden, des K\u00f6nigsthieres Seele beschreiben! Welch ein Thier voll des kr\u00e4ftigsten Selbstbewu\u00dftseins! Welche Gestalt! Welche Majest\u00e4t! Welcher K\u00f6rper! Welche Brust! Welcher Leib! Welch ein Anblick der 600 L\u00f6wen, die Pompejus aus Afrika zu einem gro\u00dfen R\u00f6merspiele vorf\u00fchrte, und welch ein Ueberfall von einer Herde L\u00f6wen in das Heer des Xerxes!\"\n\u201eDer L\u00f6we wird vollkommen so zahm, wie ein guter Pudel. Sein Ged\u00e4chtni\u00df ist wie das eines solchen. Er erkennt nach vielen Jahren ehemalige W\u00e4rter augenblicklich, und kennt er ihr Gesicht und ihren Blick nicht mehr, so erkennt er doch schnell und sogleich ihr Wort, ihren Ton, die alte, geliebte Stimme, wie auch der Mensch alte Bekannte l\u00e4nger an der Stimme, als an dem Aussehen erkennt. Besonders gut ist sein Ged\u00e4chtni\u00df f\u00fcr Wohlthaten, wodurch er das alte Sprichwort der Menschen: \u201eUndank ist der Welt Lohn\", zur Unwahrheit macht; denn der L\u00f6we geh\u00f6rt, wie wir, zur Welt. Die Erz\u00e4hlung des C\u00e4lius von dem L\u00f6wen und Androklus hat gar nichts Unwahrscheinliches an sich, obgleich man sie unwahr machen wollte. Man nennt den L\u00f6wen den Gro\u00dfm\u00fcthigen; doch will man etwa seine Gro\u00dfmuth heruntersetzen: kleine Schwache schonen und ihnen Fehler verzeihen, ja nach Fehlern wohlthun, hei\u00dft gro\u00dfm\u00fcthig sein. Solches kann der L\u00f6we, wenn nicht jeder, so doch der vortrefflichere. Man sagt, wahrer Gro\u00dfmuth sei nur der Mensch f\u00e4hig. Da\u00df diese wahre Gro\u00dfmuth, deren manche Menschen f\u00e4hig sind, h\u00f6her steht, als die der edelsten L\u00f6wen, versteht sich sowohl von selbst, wie es sich von selbst versteht, da\u00df die des L\u00f6wen h\u00f6her steht, als die des Marders, falls dieser Etwas von dieser Tugend h\u00e4tte. Noch wird gesagt, da\u00df dem L\u00f6wen doch nicht zu trauen sei und er unerwartet seine Katzennatur hervorbrechen lasse. Unleugbar hat der L\u00f6we Launen. Tiefere Thiere haben keine, wohl aber die h\u00f6heren. Solche haben selbst die Menschen, die Kinder alle, nur wenig M\u00e4nner nicht. Nur sind die Launen der K\u00f6nige und des Starken gef\u00e4hrlich,","page":202},{"file":"p0203.txt","language":"de","ocr_de":"Geistige Eigenschaften. Paarung. Fortpflanzung.\n203\ndie der Schwachen verlacht man. Eitel ist der L\u00f6we nicht und zu K\u00fcnsten l\u00e4\u00dft er sich nicht abrichten. Er ist zu stolz und zu ernst. Er will nur, wann und wie er will. So sind die K\u00f6nigsnaturen. Er w\u00e4re verst\u00e4ndig und gelehrig genug zur Abrichtung; er w\u00e4re zum Lernen ganz in Besitz der Zeit- und Raumkenntnisse und deren Ma\u00dfe, denn er mi\u00dft, wenn er lauert, vollkommen genau, aber er thut Niemandem Etwas zu Gefallen. Man bez\u00fcchtigt ihn auch der Feigheit. Feigheit und L\u00f6we passen nie zusammen. Ernste sind nie feig und wenn der L\u00f6we dem Menschen weicht, so ist es nicht Feigheit. Er f\u00fcrchtet Nichts und mu\u00df Nichts f\u00fcrchten. Selbst in der Gefangenschaft benimmt er sich edler, als der Tiger und andere Katzen. Rasen die anderen um die kleinen Fleischbrocken, wenn sie ihnen an der Gabel ums Gitter hoch emporgehoben werden, so steht er nur auf und schaut dem Fleische unverwandten Blickes nach, hebt keine Tatze (?) und wartet heroisch, bis man ihm den Tisch reicht. Es lohnt sich ihm nicht der M\u00fche, sich wie die anderen Hungerleider darum zu bem\u00fchen...\"\n\u201eL\u00f6we und L\u00f6win m\u00f6gen das muntere, liebende Necken, wie Hunde und Katzen, wohl leiden. Es macht ihnen kleinen Spa\u00df, den sie lieben. Auch liebkosen und streicheln lassen sie sich gern, wie alle vollkommnere Thiere. Zupft man den L\u00f6wen am Bart, so macht er Geberden und Blicke, wie die Katzen. Wir haben unz\u00e4hlige Bilder von L\u00f6wen, doch noch kein vollkommnes. Seine ernste Seele hat noch kein K\u00fcnstler befriedigend dargestellt. Das Bild eines Schmetterlings ist leicht wiederzugeben, das eines L\u00f6wen ist vielleicht unm\u00f6glich. Gerade Dies deutet auf seine hohe Stellung. Gewi\u00df hat auch der Schmetterling seine Physiognomie, nur entgeht sie uns. Der L\u00f6we mu\u00df in solcher Seelensph\u00e4re ganz wie der Mensch in der seinigen behandelt werden. Er ist ein Menschenthier, so gewi\u00df es unter den Menschen noch Thiermenschen giebt.\"\nIch gebe zu, da\u00df diese Beschreibung sehr viel von der gro\u00dfen Liebe Scheitlins zu den Thieren athmet und hier und da mit der trocknen Auffassung der zergliedernden Thierkundigen nicht \u00fcbereinstimmen mag: im gro\u00dfen Ganzen aber ist sie richtig, und Jeder, der den L\u00f6wen kennt, wird Dies zugestehen m\u00fcssen. Schon das Eine macht den L\u00f6wen gro\u00df: er lebt gewisserma\u00dfen in der Ehe mit der L\u00f6win. Dies thut kein anderes Raubs\u00e4ugethier. Der L\u00f6we bleibt lange Zeit noch bei der s\u00e4ugenden L\u00f6win. Er geht mit ihr auf Nahrung aus und besch\u00fctzt sie und ihre Jungen. Ein solcher Zug des geistigen Wesens kann nicht verkannt werden.\nDie Zeit, in welcher sich der L\u00f6we zu der L\u00f6win findet, ist sehr verschieden nach den Gegenden, die er bewohnt; denn die Wurfzeit h\u00e4ngt mit dem Fr\u00fchling zusammen. Zur Zeit der Paarung folgen oft zehn bis zw\u00f6lf m\u00e4nnliche L\u00f6wen einer L\u00f6win, und es giebt auch unter ihnen viel Kampf und Streit um die Liebe. Hat jedoch die L\u00f6win sich ihren Gatten einmal erw\u00e4hlt, so ziehen die anderen ab, und beide leben nun treu zusamcken. F\u00fcnfzehn bis sechszehn Wochen (108) Tage nach der Begattung wirft die L\u00f6win ein bis sechs, gew\u00f6hnlich aber nur zwei bis drei Junge. Die Thiere kommen mit offenen Augen zur Welt und haben, wenn sie geboren werden, etwa die Gr\u00f6\u00dfe von einer halb erwachsenen Katze. Zu ihrem Wochenbett sucht sich die Mutter gern ein Dickicht in m\u00f6glichst gro\u00dfer N\u00e4he von einem Tr\u00e4nkplatze, um nicht weit gehen zu m\u00fcssen, wenn sie Beute machen will. Uebrigens hilft ihr der L\u00f6we Nahrung herbeischaffen, sch\u00fctzt sie und ihre Jungen, wenn es Noth thut, mit gro\u00dfer Aufopferung. Die L\u00f6win zeigt f\u00fcr ihre Jungen die gr\u00f6\u00dfte Z\u00e4rtlichkeit, und man kann wohl kaum ein sch\u00f6neres Schauspiel sich denken, als eine L\u00f6weumutter mit ihren Kindern. Die kleinen, allerliebsten Thierchen spielen wie muntere K\u00e4tzchen mit einander, und die Mutter sieht mit soviel Vergn\u00fcgen diesen kindlichen Spielen zu, als nur m\u00f6glich. Man hat Dies in der Gefangenschaft oft beobachtet, weil es gar nichts Seltnes ist, da\u00df eine L\u00f6win hier Junge wirst. Selbst in Thierschaubuden, wo die Thiere bekanntlich einen nur sehr geringen Spielraum zur Bewegung haben und gew\u00f6hnlich auch schlechte oder nicht gen\u00fcgende Nahrung erhalten, kommen solche F\u00e4lle vor.\nIn der Freiheit wird die L\u00f6win, solange ihre Jungen saugen, der ganzen Umgegend wahrhaft verderblich und ist dann sehr zu f\u00fcrchten. Sie verl\u00e4\u00dft ihr Lager h\u00f6chst selten, gew\u00f6hnlich blos, um zu trinken: denn der L\u00f6we sorgt f\u00fcr Nahrung, und wenn sie von den Jungen scheidet, tritt er f\u00fcr sie als W\u00e4chter ein.","page":203},{"file":"p0204.txt","language":"de","ocr_de":"204\nDie Raubthiere. Katzen.\u2014 Der L\u00f6we.\nDie jungen L\u00f6wen sind in der ersten Zeit ziemlich unbeholfen. Sie lernen erst im zweiten Monat ihres Lebens gehen und beginnen noch sp\u00e4ter ihre kindlichen Spiele. Anfangs miauen sie ganz wie die Katzen, sp\u00e4ter wird ihre Stimme st\u00e4rker und voller. Bei ihren Spielen zeigen sie sich ziemlich t\u00f6lpisch und plump, aber die Gewandtheit kommt mit der Zeit. Nach etwa sechs Monaten werden sie entw\u00f6hnt; schon vorher aber folgen sie ihren Eltern, wenn auch nur auf geringe Strecken hin, bei ihren Ausfl\u00fcgen. Gegen Ende des ersten Jahres haben sie die Gr\u00f6\u00dfe eines starken Hundes erreicht.\nAnf\u00e4nglich gleichen sich beide Geschlechter vollkommen, bald aber zeigt sich der Unterschied zwischen M\u00e4nnchen und Weibchen in den st\u00e4rkeren und kr\u00e4ftigeren Formen, welche sich bei ersterm auspr\u00e4gen. Gegen das dritte Jahr hin machen sich die Anf\u00e4nge der M\u00e4hne bei dem M\u00e4nnchen bemerklich; doch erst im sechsten oder achten Jahre sind beide vollkommen erwachsen und ausgef\u00e4rbt. Das Alter, welches sie erreichen, steht im Verh\u00e4ltni\u00df zu diesem langsamen Wachsthum. Man kennt schon F\u00e4lle, da\u00df L\u00f6wen sogar in der Gefangenschaft siebzig Jahre gelebt haben, obwohl sie dort auch bei der besten Pflege ziemlich bald greisenhaft werden und viel an ihrer Sch\u00f6nheit verlieren.\nEs wird wohl Niemand Wunder nehmen, da\u00df der Eingeborne Afrikas den L\u00f6wen in hohem Grade f\u00fcrchtet und ihn mit allen Mitteln zu vertilgen sucht, welche er in seiner Macht hat. So schlimm, als man es sich bei uns vorstellt, ist jedoch die Furcht vor dem L\u00f6wen nicht. Man begegnet dem Gewaltigen da, wo er st\u00e4ndig vorkommt, auch keineswegs allt\u00e4glich. Er bricht nicht einmal tagt\u00e4glich in die H\u00fcrden ein, sondern sucht sich auch im freien, gro\u00dfen Walde seine Nahrung. Immerhin aber wird er au\u00dfrordentlich sch\u00e4dlich nnd Dies um so mehr, je n\u00e4her er europ\u00e4ischen Ansiedlern wohnt, welche andere Begriffe von dem Werthe des Eigenthums hegen, als die harmlosen Afrikaner. Nach der Berechnung Jules Gerard's verursachten im Jahre 1855 etwa drei\u00dfig L\u00f6wen, welche sich in der Provinz Constantine aufhielten, allein an Hausthieren einen Schaden von 45,000 Thalern unseres Geldes; ein einziger L\u00f6we verbraucht demnach f\u00fcr 1500 Thaler Vieh zu seiner Nahrung. Im Jahre 1856 zu 1857 sollen sich nach demselben Berichterstatter in Bona allein sechzig L\u00f6wen aufgehalten und 10,000 St\u00fcck gro\u00dfes und kleines Vieh gefressen haben. Im Innern Afrikas ist der Schaden verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig ein weit geringerer, weil die Viehzucht, welche den einzigen Erwerb der Bewohner bildet, in ganz anderer Ausdehnung betrieben wird, als in den L\u00e4ndern, wo der Ackerbau die Grundlage des volklichen Bestehens bildet. Gleichwohl ist er noch immer empfindlich genug, und der arme Mittelafrikaner m\u00f6chte manchmal verzweifeln \u00fcber die Verw\u00fcstungen, welche der L\u00f6we anrichtet. In seiner kindlichen Anschauung rechnet er gew\u00f6hnlich auf Hilfe von oben und wendet sich deshalb an die Vermittler zwischen ihm und seinem Gotte: an die Geistlichen. Von diesen erkauft er f\u00fcr schweres Geld einen Hedjahb oder ein Schriftst\u00fcck, in welchem der Verfasser desselben die kr\u00e4ftig kernigen Worte des Korahn irgendwie gemi\u00dfbraucht und mit seinen Zuthaten verw\u00e4ssert hat, wie es ja eben der Pfaffen Weise ist. Dieser Schutzbrief wird vorn an der Seriba angebunden, und man lebt, im Sudahn wenigstens, allgemein in dem guten Glauben, da\u00df der L\u00f6we, welcher als ein gerechtes Thier vor den Augen des Herrn angesehen wird, so viel Ehrfurcht vor den Worten des Gottgesandten Mahammed an den Tag legen werde, um von ferneren Besuchen einer derartig gesch\u00fctzten H\u00fcrde abzustehen. Wie wenig Dies der Fall ist, sieht man alle Jahre unz\u00e4hlige Male. Allein die dortigen Fakte wissen ihren Unsinn ebensogut zu bem\u00e4nteln, wie viele unserer Pfaffen den ihrigen. Und die Demuth und Ungebildetheit der Sudahnesen macht es ihnen leicht, dann doch noch immer wieder Glauben zu finden, wenn sie auch wissen, da\u00df sie den sch\u00e4ndlichsten Betrug aus\u00fcben. \u2014 Auf das Erkaufen solcher Schutzbriefe beschr\u00e4nkt sich fast im ganzen Ost-Sudahn die Abwehr, welche der mahammedanische Afrikaner f\u00fcr n\u00f6thig erachtet. Die heidnischen Neger und die Kaffern sind freilich gescheiter und sehen ein, da\u00df einem L\u00f6wen gegen\u00fcber ein muthiger Manneskampf mehr ausrichtet, als jeder Mi\u00dfbrauch mit des Profeten Wort. Sie bedienen sich vor Allem ihrer vergifteten Pfeile und, wenn es Noth thut, auch ihrer Lanzen, um den L\u00f6wen zu erlegen.\n/ W\u00e4hrend meiner Anwesenheit in S\u00fcdnubien fand ein h\u00f6chst merkw\u00fcrdiger Jagdkampf mit einem L\u00f6wen bei Berber oder Mucheref statt. Das k\u00f6nigliche Thier hatte in der N\u00e4he der Stadt die","page":204},{"file":"p0205.txt","language":"de","ocr_de":"Schaden. Jagd.\n205\nganze Gegend unsicher gemacht und wochenlang Rinder und Schafe aus den n\u00e4chstgelegenen D\u00f6rfern und Seribas geraubt. Endlich wurde es den Nubiern doch zu toll, und sie beschlossen, einen gro\u00dfen Jagdzug auszuf\u00fchren. Vier muthige Morharbi'e*) oder Abendl\u00e4nder, welche mit Feuergewehren bewaffnet waren, vereinigten sich mit zw\u00f6lf Nubiern, deren Bewaffnung in Lanzen bestand, und zogen eines sch\u00f6nen Morgens nach dem Dickicht des Urwaldes hinaus, in welchem sich der L\u00f6we regelm\u00e4\u00dfig zu verstecken pflegte, wenn er Beute gemacht hatte. Man r\u00fcckte ohne weiteres auf das Lager des L\u00f6wen los, trieb ihn auf, und als er sich verwundert \u00fcber den Morgenbesuch ruhig den Leuten gegen\u00fcber stellte, feuerten die vier Morharbi'e zu gleicher Zeit ihre Gewehre ab. Ein Hagel von Lanzen folgte einen Augenblick sp\u00e4ter. Der L\u00f6we ward an mehreren Stellen verwundet, doch keine seiner Verletzungen war t\u00f6dlich, und deshalb st\u00fcrzte er sich auch sofort aus seine Angreifer. Zuf\u00e4lliger Weise bewahrte er dabei eine merkw\u00fcrdige M\u00e4\u00dfigung. Er brachte zun\u00e4chst dem Einen einen Tatzenschlag bei, welcher diesen gr\u00e4\u00dflich verwundete und zu Boden warf. Dann blieb er wieder stehen; ein Zweiter nahte sich mit einer frischen Lanze und erhielt, noch ehe er diese anwenden konnte, einen \u00e4hnlichen Tatzenschlag. Die Uebrigen dachten schon an die feige Flucht und w\u00fcrden ihre Gef\u00e4hrten dem nach und nach immer w\u00fcthender werdenden L\u00f6wen \u00fcberantwortet haben, wenn nicht ein junger Mensch alle anderen F\u00fcnfzehn besch\u00e4mt h\u00e4tte. Er f\u00fchrte au\u00dfer seiner Lanze noch einen starken und langen Stock, Nabuht genannt, bei sich und nahte sich mit dieser Waffe tolldreist dem L\u00f6wen. Dieser staunte ihn an, bekam aber, ehe er es sich versah, einen so gewaltigen Schlag in die Augengegend, da\u00df ihm H\u00f6ren und Sehen verging und er unter der Wucht des Schlages zu Boden st\u00fcrzte. Jetzt hatte der k\u00fchne Bursche freilich gesiegt, er schlug so lange auf den L\u00f6wen los, bis dieser sich nicht mehr regte.\nIch selbst bin mehrere Male von den Eingebornen aufgefordert worden, ihnen einen L\u00f6wen wegzuschie\u00dfen, welcher in der Nacht vorher in ihrer Seriba geraubt hatte und, wie anzunehmen, regungslos und faul im Schatten lag, um zu verdauen. Selbstverst\u00e4ndlich brannte ich vor Jagd-begierde und w\u00fcrde auch ganz entschieden diese Jagd ausgef\u00fchrt haben, h\u00e4tte mich nur ein einziger meiner Gef\u00e4hrten begleiten wollen. Bei denen war jedoch alles Zureden vergebens. Ihre Furcht war zu tief eingewurzelt, und nicht einmal meine europ\u00e4ischen Genoffen wollten das Wagst\u00fcck mit unternehmen helfen. Allein aber zum ersten Male auf eine L\u00f6wenjagd zu gehen, w\u00e4re doch tollk\u00fchn gewesen, und so mu\u00dfte ich zu meinem innigen Bedauern die g\u00fcnstige Gelegenheit vor\u00fcbergehen lassen, meine Jagden mit der edelsten aller zu kr\u00f6nen.\nAuf meinem letzten Jagdausfluge nach Hab esch hatte ich Ungl\u00fcck. Mein Freund, Baron van Arkel d'Ablaing und ich entdeckten bei hellem Tage in der Samchara, dem W\u00fcstenstreisen an der Westk\u00fcste des s\u00fcdlichen Rothen Meeres, einen L\u00f6wen, welcher von einem H\u00fcgel aus Umschau \u00fcber sein Jagdgebiet hielt. Sofort machten wir Anstalt, den k\u00f6niglichen Necken von der G\u00fcte unserer B\u00fcchsen einen Beweis zu Heben. Zur Aush\u00fclfe luden wir noch beide L\u00e4ufe unserer Doppelgewehre mit Kugeln, gaben diese unseren beiden Dienern gespannt in die Hand und befahlen ihnen, dicht neben uns her zu gehen. Unter Beobachtnng aller Jagdregeln nahten wir uns dem H\u00fcgel. Van Arkel, welcher sich zum ersten Male zu solcher Jagd anschickte, zeigte einen so k\u00fchlen M\u00e4nnesmuth, da\u00df mir das Herz vor Stolz und Freude schwoll; unsere afrikanischen Diener zitterten wie Espenlaub. Wir nahten uns langsam und h\u00f6chst vorsichtig, weil die Oertlichkeit eine mehr als w\u00fcnschenswerte Ann\u00e4herung bedingte. Wie Katzen schlichen wir an dem H\u00fcgel hinauf, die B\u00fcchsen erhoben, den Finger am Dr\u00fccker. Das Jagdfeuer wollte fast \u00fcberm\u00e4chtig werden. Wir hatten uns aber umsonst gefreut der edle Recke hatte feig den Platz verlassen und wahrscheinlich in dem n\u00e4chsten, uns undurchdringlichen Buschdickicht eine Zuflucht gefunden.\nIm Atlas wird der L\u00f6we auf sehr verschiedene Weise gejagt. Wenn er die N\u00e4he des Lagers eines Beduinenstammes aufsucht, verbreitet sich der Schrecken unter den Zelten, und \u00fcberall werden unter\n*) Unter diesem Namen bezeichnet man in ganz Ostafrika die Araber aus Marokko, Algier und Tunis, welche im Heere des Vicek\u00f6nigs freiwillige Dienste thun.","page":205},{"file":"p0206.txt","language":"de","ocr_de":"206\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Der L\u00f6we.\nden sonst so w\u00fcthigen M\u00e4nnern Klagen laut, bis sie sich endlich doch entschlie\u00dfen, den l\u00e4stigen Nachbar zu t\u00f6dten oder wenigstens zu vertreiben. Durch Erfahrung gewitzigt, hat man dem L\u00f6wen gegen\u00fcber eigne Kampfesweisen erfunden. Die s\u00e4mmtlichen waffenf\u00e4higen M\u00e4nner umringen das Geb\u00fcsch, in welchem sich ihr Hauptfeind verborgen hat, und bilden drei Reihen hinter einander, von denen die erste bestimmt ist, das Thier aufzutreiben. Wie bei Arabern gew\u00f6hnlich, versucht man Dies zun\u00e4chst durch Schimpfen und Scheltworte zu thun: \u201eO, du Hund und Sohn eines Hundes! Du von Hunden Gezeugter und Erzeuger von Hunden! Du W\u00fcrger der Herden und Erb\u00e4rmlicher! Du Sohn des Teufels! Du Dieb! Du Lump! Auf, wenn du so tapfer bist, wie du vorgiebst! Auf! zeige dich auch bei Tage, der du die Nacht zur Freundin hast! R\u00fcste dich! Es gilt M\u00e4nnern, S\u00f6hnen des Muths, Freunden des Kriegs, gegen\u00fcber zu treten!\" Helfen diese Schimpfworte nicht, so werden wohl auch einige Sch\u00fcsse nach dem Dickicht abgefeuert, bis endlich doch eine Kugel, die dem L\u00f6wen gar zu nahe vor\u00fcberpfeift, dessen Gleichmuth ersch\u00f6pft und ihn zum Ausstehen bringt. Br\u00fcllend und flammenden Blickes bricht er aus dem Geb\u00fcsch hervor. Wildes Geschrei empf\u00e4ngt ihn. Gemessenen Schritts, verwundert und zornig sich umschauend, sieht er auf die Menge, welche sich ihrerseits bereitet, ihn w\u00fcrdig zu empfangen. Die erste Reihe giebt Feuer. Der L\u00f6we springt vor und f\u00e4llt gew\u00f6hnlich unter den Kugeln der M\u00e4nner, welche die zweite Reihe bilden, jetzt aber sofort die erste abl\u00f6sen. Er verlangt t\u00fcchtige Sch\u00fctzen; denn nicht selten kommt es vor, da\u00df er, obgleich von zwei oder mehreren Kugeln durchbohrt, noch muthig fortk\u00e4mpft. Einzelne Araber suchen auf zuverl\u00e4ssigen F\u00e4hrten auch ganz allein den L\u00f6wen auf, schie\u00dfen auf ihn, fliehen, schie\u00dfen nochmals und tragen so zuletzt doch den Sieg davon. Trotz der Menge von Leuten, welche zu solcher Jagd aufgeboten werden, bleibt sie doch gef\u00e4hrlich.\n\u201eIm M\u00e4rz 1840,\" berichtet Gerard, \u201er\u00fcckten sechzig Araber aus, um einer L\u00f6win, w\u00e4hrend sie abwesend war, die Jungen zu rauben. Sie kam aber zur\u00fcck, gerade als die Leute abgezogen, und zerbi\u00df einem Manne den linken Arm. Trotzdem scho\u00df ihr der Muthige zwei Pistolenkugeln in den Leib. Darauf st\u00fcrzte sie auf einen Zweiten los, bekam von ihm einen Schu\u00df in den Rachen, warf ihn nieder, ri\u00df ihm ein St\u00fcck von den Rippen und verendete dann \u00fcber ihm.\"\nEs kommt gar nicht selten vor, da\u00df ein einziger L\u00f6we das ganze Araberheer in die Flucht schl\u00e4gt. Gerard versichert wenigstens, da\u00df im Jahre 1853 einmal ein L\u00f6we zweihundert gut mit Feuergewehren bewaffnete Leute vertrieb. Er hatte dabei einen Mann gelobtet und ihrer sechs verwundet.\nAu\u00dferdem fangen die Araber des Atlas den L\u00f6wen in Fallgruben, welche 15 Ellen tief und 7% Ellen breit sind. Sobald das k\u00f6nigliche Thier in der Grube liegt, l\u00e4uft von weither Alles zusammen, und es entsteht ein entsetzlicher L\u00e4rm ringsum. Jedes schreit, schimpft und wirft Steine hinunter. Am tollsten treiben es aber die Weiber und Kinder. Zuletzt schie\u00dfen die M\u00e4nner das Thier zusammen. Es empf\u00e4ngt die Kugeln ruhig, ohne zu klagen oder ohne mit den Wimpern zu zucken. Erst wenn es vollkommen regungslos daliegt, wagt man sich hinab und bindet ihm Stricke um die F\u00fc\u00dfe, an welchen man die Leiche m\u00fchselig heraufwindet; denn der ausgewachsene m\u00e4nnliche L\u00f6we wiegt oft \u00fcber 400 Pfund.\nAuch aus dem Anstand erlegt man den L\u00f6wen. Die Araber graben eine Grube, decken sie von oben fest zu, so da\u00df nur die Schie\u00dfl\u00f6cher offen sind, und werfen ein frisch get\u00f6dtetes Wildschwein davor; oder sie setzen sich auf B\u00e4ume und schie\u00dfen von dort herab. Jeder Knabe bekommt ein St\u00fcck vom Herzen zu essen, damit er muthig werde. Die Haare der M\u00e4hne benutzt man zu Amuleten, weil man glaubt, da\u00df derjenige, welcher dergleichen Haare bei sich trage, vom Zahne des L\u00f6wen verschont bleibe.\nEine sehr anziehende Beschreibung von dem L\u00f6wen Nordafrikas, der L\u00f6wenjagd und den L\u00f6wenj\u00e4gern verdanken wir auch meinem Freunde und Reisegef\u00e4hrten in Afrika vr. Buvry.\n\u201eIn dunklen Mchten,\" sagt er, \u201everl\u00e4\u00dft auch der K\u00f6nig der W\u00e4lder, der starke L\u00f6we, die waldbesetzten Schluchten des Gebirgs und steigt in die Ebene hinab, seinen Hunger und Durst zu stillen. Auf diesen Streifz\u00fcgen verfolgt er auch die ausgetrockneten Flu\u00dfbetten; keinem lebenden Wesen weicht","page":206},{"file":"p0207.txt","language":"de","ocr_de":"Jagden der Araber.\n207\ner aus, langsamen Schrittes zieht er dahin, und seine Augen leuchten wie zwei Feuerbecken durch die Nacht. Von Zeit zu Zeit erschallt sein Donnergebr\u00fcll und erschreckt die Araber, wie die Europ\u00e4er. Das Vieh beginnt zu zittern, die Hunde verkriechen sich winselnd in die Zelte, und der Wald verstummt vor seinem Gebr\u00fcll. Furchtlos n\u00e4hert sich der L\u00f6we dem Duar, mit einem gewaltigen Satze \u00fcberspringt er die Zeltreihe, packt mit den Vordertatzen ein Maulthier oder ein Rind und kehrt auf demselben Wege, Entsetzen und Angst verbreitend, mit seiner Beute zur\u00fcck. Solcher St\u00e4rke weicht jeder Widerstandsversuch, beklommenes Schweigen herrscht durch die tiefe Nacht.\"\n\u201eEs kommt nur noch selten vor, da\u00df die Araber frei und offen dem L\u00f6wen den Krieg erkl\u00e4ren und ihn in seinem Versteck aufst\u00f6ren, bis er den Kampf annimmt. Das heutige Geschlecht der Araber obwohl es ihm durchaus nicht an Muth fehlt, zieht es vor, ihn auf minder gefahrvolle Weise zu bek\u00e4mpfen. Man sp\u00fcrt seine F\u00e4hrte auf und gr\u00e4bt zur Seite derselben ein etwa sechs Fu\u00df tiefes Loch, welches nach oben zu sich verengert und den Getreidegruben \u00e4hnlich ist. In dieses Loch versteckt sich der Araber und \u00fcberdeckt die Oesfnung mit Zweigen. Dort lauert er viele N\u00e4chte, bis der L\u00f6we auf einem seiner Streifz\u00fcge wieder einmal diesen Weg aufnimmt. Ist das Raubthier nahe genug am Versteck, so zielt der J\u00e4ger nach dem Kopfe oder dem Herzen. Bei der herrschenden Finsterni\u00df ist der Schu\u00df immer unsicher, denn verwundet der J\u00e4ger den L\u00f6wen blos, so fa\u00dft der L\u00f6we alles Um-s stehende \u201emit seinen grimmigen Tatzen\"; bricht er doch ziemlich starke B\u00e4ume mit denselben um!\"\n\u201eGew\u00f6hnlich entfernt er sich nicht sobald von dem Orte, an dem er verwundet wurde, sondern sucht nach dem verborgenen Feinde und erh\u00e4lt so die zweite nun t\u00f6dliche Kugel. Jetzt kriecht der Araber aus seinem Versteck hervor, z\u00fcndet ein gro\u00dfes Feuer an, wickelt sich in seinen Burnus und | bringt auf diese Weise den Rest der Nacht zu.\"\n\u201eIst es inde\u00df um die Brunstzeit und hat der J\u00e4ger Grund, das Nachkommen der L\u00f6win zu gew\u00e4rtigen, so z\u00fcndet er vor allen Dingen auch ein Feuer an, befestigt aber nun an den Hinterbeinen des todten L\u00f6wen einen Strick, erklettert einen hohen Baum, schlingt den Strick um einen Ast und zieht seine Beute an demselben in die H\u00f6he bis oben in die Krone des Baumes, um sie der gefr\u00e4\u00dfigen Bande der Schakale und Hi\u00e4nen zu entziehen. Selbstverst\u00e4ndlich vermag er blos mittelgro\u00dfe L\u00f6wen auf diese Weise zu sichern; denn die gro\u00dfen sind, f\u00fcr einen Mann wenigstens, viel zu schwer, als da\u00df er sie bewegen k\u00f6nnte.\"\ni\t\u201eBricht nun endlich der langersehnte Morgen an, so macht unser Araber sich auf den Weg, um\nseinen Duar zu erreichen. Wenn er unterwegs an einer Quelle vor\u00fcberkommt, hockt er nieder und verrichtet die vorgeschriebenen Waschungen und das Dankgebet, dann eilt er so.schnell als m\u00f6glich weiter. Zu Hause angekommen, l\u00e4\u00dft er sich kaum Zeit, sich mit Speise und Trank zu erquicken, sondern nimmt einen starken Esel und schasst mit ihm den L\u00f6wen nach der Stadt. Pferde und Maulthiere lassen sich nicht zum Fortschaffen eines Raubthieres verwenden, weil sie vor solcher B\u00fcrde sich im h\u00f6chsten Grade scheuen und vor lauter Zittern und Zagen gar nicht in Gang zu bringen sind. Ist der L\u00f6we f\u00fcr die Kraft eines Esels zu stark, so miethet der Araber sich einen Karren - und holt mit diesem seine Beute herbei.\"\n\u201eNun beginnt der Triumph des J\u00e4gers; denn inzwischen hat sich die Nachricht von seiner That wie ein Lauffeuer verbreitet. Er f\u00e4hrt zuerst nach seinem Duar, wo M\u00e4nner, Weiber und Kinder aus den Zelten hervorkriechen und herbeikommen, ihn wegen seines Heldenmuthes zu begl\u00fcckw\u00fcnschen. Das unvermeidliche Pulver mu\u00df in Freudensch\u00fcssen sein Wort mit reden, und eine Diffa oder Freudenmahlzeit st\u00e4rkt den L\u00f6wenbesieger zu seiner Reise nach der Stadt. Einige Freunde begleiten ihn, und der Zug setzt sich in Bewegung. Ueberall, wo derselbe bei den Duars vorbeikommt, eilen die Araber herbei und preisen den Muth des J\u00e4gers und die St\u00e4rke des erlegten Thieres. Dieser und Jener schlie\u00dft sich wohl auch dem abenteuerlichen Zuge an, so da\u00df derselbe immer ansehnlicher wird, je mehr er sich der Stadt n\u00e4hert. Vor dem Bureau Arabe wird Halt gemacht. Der J\u00e4ger tritt hinein, um von dem Chef desselben die gesetzm\u00e4\u00dfige Belohnung zu empfangen. Dieselbe betrug urspr\u00fcnglich hundert Franken; seitdem aber die Jagd von den Einheimischen sowohl, als von den europ\u00e4ischen","page":207},{"file":"p0208.txt","language":"de","ocr_de":"208\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Der L\u00f6we.\nAnsiedlern regelrechter betrieben worden ist, hat man sie auf f\u00fcnfzig Franken herabgesetzt. Ebenso verh\u00e4lt es sich mit dem Schu\u00dfgelde f\u00fcr den Leopard. Nach Auszahlung der Pr\u00e4mie begiebt sich der Zug vor das Hotel des befehlshabenden Generals; diesem wird h\u00e4ufig in der Hoffnung auf ein entsprechendes Gegengeschenk das Fell \u00fcberlassen. Zeigt er aber keine Lust, das Fell zu besitzen, so begn\u00fcgt sich der Araber auch mit einer warmen Lobrede auf seine Tapferkeit, und die L\u00f6wenhaut wandert gegen einen Preis von 100 bis 150 Franken zu einem Gerber, der sie als Teppich verarbeitet und durchschnittlich f\u00fcr 400 Franken an Durchreisende oder Fremde verkauft. Das Fleisch wird dem Schl\u00e4chter \u00fcberlassen, welcher das Pfund zu einem halben Franken an Europ\u00e4er verkauft; in Algerien wird der L\u00f6we auch von diesen gern gegessen.\"\n\u201eAuf solche Weise verdient der J\u00e4ger durch seinen Schu\u00df ungef\u00e4hr 300 Franken: \u2014 f\u00fcr einen Araber eine ungeheure Summe. Gew\u00f6hnlich kauft er sich sogleich einen neuen Burnus, einen Ueber-wurf und Pantoffeln und kehrt dann freudigen Herzens in seinen Duar zur\u00fcck. Aber an diesem schnellen Verdienst hat der Teufel seinen Antheil; denn von nun an treibt den gl\u00fccklichen J\u00e4ger eine uners\u00e4ttliche Jagdlust. Er vernachl\u00e4ssigt fortan alle seine Gesch\u00e4fte, um nur nach wilden Thieren auf der Lauer liegen zu k\u00f6nnen. Doch das Gl\u00fcck ist sparsam mit seinen Gaben. Das wenige \u00fcbriggebliebene Geld wird nun nach und nach verausgabt, das Pulver wird knapp, der neue Burnus wird gegen einen alten vertauscht, die Pantoffeln werden verkauft, die r?ackten Sohlen m\u00fcssen wieder den gl\u00fchenden Sand empfinden, und der Ruhmgekr\u00f6nte von damals ist wieder ein Bettler. Auf meinen Z\u00fcgen habe ich viele solcher L\u00f6wenj\u00e4ger kennengelernt, welche au\u00dfer ihren Lorbeeren so gut wie Nichts besa\u00dfen. Ein Schu\u00df Pulver war f\u00fcr sie der Inbegriff aller W\u00fcnsche, die erste Staffel zur Erreichung ihrer hochfliegenden Pl\u00e4ne. Stundenlang, ja ganze Tage sa\u00dfen sie vor meiner Th\u00fcr und erz\u00e4hlten mir von ihren Heldenthaten; der Endreim aller Erz\u00e4hlungen war immer ein Betteln um Pulver. Niemals lie\u00dfen sie sich bewegen, f\u00fcr mich Jagd auf andere Thiere zu machen.\"\n\u201eDie jungen L\u00f6wen, von denen allj\u00e4hrlich einige in den St\u00e4dten der Regentschaft feilgeboten werden, bezahlen die Europ\u00e4er mit 50 bis 150 Franken. Die Araber fangen dieselben entweder in Fallgruben oder sie folgen in dem frischgefallenen Schnee der F\u00e4hrte der L\u00f6win bis zu ihrem Bau und rauben in ihrer Abwesenheit die Jungen. Da\u00df ein solches Unternehmen nicht ohne Gefahr ist, leuchtet ein. Sehr oft ruft die Stimme des jungen Thieres die Mutter herbei, und diese wirft sich dann mit furchtbarer Wuth und der Ausdauer der Verzweiflung auf den J\u00e4ger.\"\n\u201eIm Allgemeinen ist der Winter, besonders wenn derselbe von heftigen Schneef\u00e4llen begleitet ist, die geeignetste Jahreszeit f\u00fcr die Jagd auf wilde Thiere. Wenn der Schnee auf den h\u00f6chsten H\u00f6hen liegen bleibt und die Thiere sich veranla\u00dft sehen, in die Niederungen hinabzusteigen, um ihre Nahrung zu suchen, wird es dem J\u00e4ger leicht, ihnen bis zu ihrem Bau zur\u00fcckzufolgen. Uebrigens sind rei\u00dfende und selbst tiefe Fl\u00fcsse dem L\u00f6wen kein Hinderni\u00df auf seinem Wege. Mit einem gewaltigen Satze st\u00fcrzt er sich in das Wasser und durchschwimmt dasselbe.\"\n\u201eIst es um die Brunstzeit, so findet man die L\u00f6win stets im Gefolge des L\u00f6wen, und w\u00e4hrend dieser in einen Duar eindringt, ein Rind, Pferd oder Maulthier zu ergreifen, hat sich die L\u00f6win ruhig hingestreckt und wartet, bis ihr Gemahl zu ihr zur\u00fcckkehrt; dieser soll sogar die Artigkeit soweit treiben, da\u00df er ihr den ersten Antheil von der Beute \u00fcberl\u00e4\u00dft und erst dann, wenn sie vollst\u00e4ndig ges\u00e4ttigt ist, sich auch dar\u00fcber hermacht.\"\n\u201eIn unserem gesitteten Europa schl\u00e4gt man die Verdienste eines L\u00f6wenj\u00e4gers im Allgemeinen zu gering an. Man l\u00e4\u00dft sich wohl zur Anerkennung seiner Beharrlichkeit und seines Muthes herbei, bedenkt aber nicht, welchen au\u00dferordentlichen Vortheil eine solche k\u00fchne Besch\u00e4ftigung dem Lande bringt. Eine kurze Andeutung in Bezug hierauf mag gen\u00fcgen.\"\n\u201eDer L\u00f6we erreicht durchschnittlich ein Alter von 35 Jahren. Bei seinem gewaltigen Leibesbau entwickelt er nach kaum zw\u00f6lfst\u00fcndigem Fasten schon einen ganz vortrefflichen Appetit, und da er au\u00dferdem ein Leckermaul ist und nur ungern zu einem erlegten St\u00fcck Vieh zur\u00fcckkehrt, sondern auch f\u00fcr die Schakale und Hi\u00e4nen sorgt, vermehrt stch der Schaden nat\u00fcrlich noch bedeutender. Man kann","page":208},{"file":"p0209.txt","language":"de","ocr_de":"L\u00f6wenjagden in Nord- und Mittelafrika.\n209\ndiesen Schaden, weil sich der L\u00f6we meist in bestimmten Gegenden aufh\u00e4lt, ziemlich genau feststellen, indem man zusammenrechnet, welche Verluste er den Duars durch Wegrauben von Pferden, Maulthieren und Hammeln das ganze Jahr hindurch zuf\u00fcgt. Der Schaden nun, welchen ein L\u00f6we anrichtet, betr\u00e4gt durchschnittlich 6000 Franken im Jahre, f\u00fcr seine Lebensdauer also 210,000 Franken. Auf die Provinz Constantine kann man mit ziemlicher Gewi\u00dfheit 50 L\u00f6wen rechnen, welche zu ihrem Verbrauch w\u00e4hrend ihrer ganzen Lebenszeit die Kleinigkeit von Zehn Millionen f\u00fcnfmal-hunderttausend Franken erfordern! Man berechne nach diesem Ma\u00dfstabe, welchen Nutzen der k\u00fchne L\u00f6wenj\u00e4ger Jules Gerard auf seinen gl\u00fccklichen Jagden der Regentschaft Algier gebracht hat. Daf\u00fcr wird aber auch dieser Offizier der Spahis von den Arabern und Europ\u00e4ern wie ein Halbgott verehrt.\"\nDie Neger am wei\u00dfen Flusse und die Hottentotten tobten den L\u00f6wen mit vergifteten Pfeilen. Doch m\u00fcssen diese f\u00fcrchterlichen Waffen im Innern Afrikas noch keineswegs sehr verbreitet und gekannt sein, da man an vielen Orten so gro\u00dfe Mengen von L\u00f6wen findet und oft ganze D\u00f6rfer ihretwegen mehr auf den B\u00e4umen, als auf der Erde erbauen mu\u00df. \u2014 Die gro\u00dfartigsten L\u00f6wenjagden hat jedenfalls der Schotte Gordon Cumming ausgef\u00fchrt, welcher f\u00fcnf Jahre lang S\u00fcdafrika durchreiste, blos in der Absicht, um zu jagen. Er war auf das vortrefflichste eingerichtet und namentlich mit ausgezeichneten Hunden versehen, von denen bei seinen Jagden siebzig St\u00fcck umkamen. Seine Berichte sind sehr anziehend; doch scheint es mir, da\u00df nicht alle vollkommenen Glauben verdienen. Die zuverl\u00e4ssigen Berichte und meine eigenen Erfahrungen im Sudahn stimmen etwa im Folgenden \u00fcberein:\nJeder pl\u00f6tzlich im Schlafe erwachte L\u00f6we verliert seine Besonnenheit und flieht vor dem Menschen, und wenn er dabei nicht verwundet wird, thut er keinem Etwas zu Leide. Anders verh\u00e4lt es sich, sobald er sich gef\u00e4hrdet sieht. Dann wird sein Muth gleichsam herausgefordert, und nur vor einer gro\u00dfen Uebermacht zieht er sich dann zur\u00fcck, vollkommen ruhig, langsam, Schritt vor Schritt. Wenn er sehr stark verfolgt wird, beginnt er wohl auch, zu laufen, aber immer nur in Ausnahmsf\u00e4llen. Gew\u00f6hnlich h\u00e4lt er blos dann Stand, wenn er zur Vertheidigung gedr\u00e4ngt wird. Von diesem Augenblicke an aber beweist er den unersch\u00fctterlichsten Muth, selbst gegen die gr\u00f6\u00dfte Uebermacht. Gute, muthige Hunde stellen ihn am ersten, weil sie ihn von allen Seiten umringen und mit herausforderndem Gebell begr\u00fc\u00dfen. Diejenigen, welche ihm zu nahe auf den Leib kommen, werden durch einen einzigen Schlag mit der Tatze von seiner St\u00e4rke belehrt. Allein viele Hunde sind nicht blos des Hasen, sondern auch des L\u00f6wen Tod, da sie ihn so lange besch\u00e4ftigen und festmachen, bis die J\u00e4ger herbeikommen, welche ihrerseits dann ein verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig leichtes Spiel haben. Uebrigens ist der L\u00f6we leichter zu tobten, als manches andere Wild. Trifft ihn z. B. nur eine Kugel in den Bauch, so stellt sich augenblicklich Erbrechen bei ihm ein, und er ist dann unverm\u00f6gend zu laufen. Mit einer \u00e4hnlichen Verwundung k\u00f6nnen Wiederk\u00e4uer noch tagelang leben, der L\u00f6we abergeht an ihr zu Grunde.\nEin alter m\u00e4nnlicher L\u00f6we vertheidigt regelm\u00e4\u00dfig die L\u00f6win und auch die Jungen; deshalb ist es sehr schwer, sich der letzteren zu bem\u00e4chtigen. Gew\u00f6hnlich f\u00e4ngt man die Thiere, solange sie noch klein und liebensw\u00fcrdig sind, zu der Zeit, in welcher die Mutter ausgegangen ist, um das Wild, dem mit Anbruch der Nacht die Jagd gelten soll, zu beobachten. Gelingt der Raub, ohne da\u00df die L\u00f6win zur\u00fcckkehrt, so ist gleichwohl noch nicht alle Gefahr verschwunden; denn beide Eltern sollen in rasender Wuth noch tagelang das Land durchstreifen und nach ihren Kindern suchen.\nJung eingefangene L\u00f6wen werden bei verst\u00e4ndiger Pflege sehr zahm. Sie erkennen in dem Menschen ihren Pfleger und gewinnen ihn um so lieber, jemehr er sich mit ihnen besch\u00e4ftigt. Man kann sich kaum ein liebensw\u00fcrdigeres Gesch\u00f6pf denken, als einen so gez\u00e4hmten L\u00f6wen, welcher nach kurzer Zeit seine ganze Freiheit, ich m\u00f6chte sagen, sein L\u00f6wenthum, vergessen hat und sich dem Menschen mit voller Seele hingiebt. Ich habe eine L\u00f6win zwei Jahre lang gepflegt und ihr liebensw\u00fcrdiges Wesen, sowie viele Eigenheiten von ihr bereits ausf\u00fchrlich in der \u201eGartenlaube\" beschrieben, weshalb ich hier blos Folgendes kurz erw\u00e4hnen will:\nBrehm, Thierleben.\t14","page":209},{"file":"p0210.txt","language":"de","ocr_de":"210\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Der L\u00f6we der Berberei.\nBachida, so hie\u00df bte1 L\u00f6win, hatte fr\u00fcher Latif-Pascha, dem egyptischen Statthalter im Ostsudahn, angeh\u00f6rt und war einem meiner Freunde zum Geschenk gemacht worden. Sie gew\u00f6hnte sich in k\u00fcrzester Zeit in unserm Hofe ein und durfte dort frei herumlaufen. Bald folgte sie mir wie ein Hund, liebkoste mich bei jeder Gelegenheit und wurde blos dadurch l\u00e4stig, da\u00df sie zuweilen auf den Einfall kam, mich nachts auf meinem Lager zu besuchen und dann durch ihre Liebkosungen aufzuwecken.\nNach wenigen Wochen hatte sie sich die Herrschaft \u00fcber alles Lebende auf dem Hofe angema\u00dft, jedoch mehr in der Absicht, mit den Thieren zu spielen, als um ihnen Leid zu thun. Nur zweimal t\u00f6dtete und fra\u00df sie Thiere; einmal einen Affen, das andere Mal einen Widder, mit welchem sie vorher gespielt hatte. Die meisten Thiere behandelte sie mit dem gr\u00f6\u00dften Uebermuthe und neckte und \u00e4ngstigte sie auf jede Weise. Ein einziges Thier verstand es, sie zu b\u00e4ndigen. Dies war ein Marabu, welcher, als beide Thiere sich kennen lernten, ihr mit seinem gewaltigen Keilschnabel zu Leibe ging und sie dergestalt abpr\u00fcgelte, da\u00df sie ihm, wenn auch nach langem Kampfe, den Sieg zugestehen mu\u00dfte. Oft machte sie sich das Vergn\u00fcgen, sich nach Katzenart auf den Boden zu legen und Einen von uns auf das Korn zu nehmen, \u00fcber welchen sie dann pl\u00f6tzlich herfiel, wie eine Katze \u00fcber die Maus, aber blos in der Absicht, um uns zu necken. Gegen uns benahm sie sich stets liebensw\u00fcrdig und ehrlich. Falschheit kannte sie nicht; selbst als sie einmal gez\u00fcchtigt worden n?ar, kam sie schon nach wenigen Minuten wieder und schmiegte sich ebenso vertraulich an mich an, wie fr\u00fcher. Ihr Zorn verrauchte augenblicklich, und eine Liebkosung konnte sie gleich bes\u00e4nftigen.\nAuf der Reise von Charthum nach Kairo, welche wir auf dem Nile zur\u00fccklegten, wurde sie, solange das Schiff in Fahrt war, in einen K\u00e4sig eingesperrt, sobald wir aber anlegten, jedesmal freigelassen. Danp sprang sie wie ein \u00fcberm\u00fcthiges F\u00fcllen lange Zeit umher und entleerte sich jedesmal ihres Unraths; denn ihre Reinlichkeitsliebe war so gro\u00df, da\u00df sie niemals ihren K\u00e4sig w\u00e4hrend der Fahrt beschmuzte. Bei diesen Ausfl\u00fcgen lie\u00df sie sich mehrere Male dumme Streiche zu Schulden kommen. So erw\u00fcrgte sie unter Anderm in einem Dorfe ein Lamm und sing sich in einem andern einen kleinen Negerknaben: doch konnte ich zum Gl\u00fcck den Bedr\u00e4ngten leicht befreien, da sie sich gegen mich \u00fcberhaupt nie widerspenstig zeigte. In Kairo konnte ich, sie an der Leine f\u00fchrend, mit ihr spaziren gehen, und auf der Ueberfahrt von Alexandrien nach Triest holte ich sie tagt\u00e4glich auf das Verdeck herauf zur allgemeinen Freude aller Mitreisenden. Sie kam nach Berlin, und ich sah sie zwei Jahre nicht wieder. Nach dieser Zeit besuchte ich sie und wurde augenblicklich von ihr erkannt. \u2014 Ich habe nach allem Diesen keinen Grund, an den vielen \u00e4hnlichen anderen Berichten, welche wir schon \u00fcber gefangene L\u00f6wen haben, zu zweifeln.\nBei guter Nahrung dauert, wie schon bemerkt, der L\u00f6we viele Jahre in der Gefangenschaft aus. Er bedarf etwa acht Pfund gutes Fleisch t\u00e4glich. Dabei befindet er sich wohl und wird beleibt und fett. Schlechtes Fleisch verursacht ihm leicht Krankheiten, und deshalb gehen den Thierbudenbesitzern viele von ihren L\u00f6wen zu Grunde.\nEs h\u00e4lt nicht gerade schwer, ein L\u00f6wenpaar in der Gefangenschaft zur Begattung zu bringen. Ja selbst der L\u00f6we und der Tiger paaren sich. Bis jetzt ist es aber immer nur ausnahmsweise gelungen, in der Gefangenschaft geborne Junge gro\u00df zu ziehen; sie sterben gew\u00f6hnlich am Zahnen. Die wenigen aber, welche aufkamen, wurden zahm wie Hunde, so zahm, da\u00df man sie sogar auf der B\u00fchne auftreten lassen konnte. Ein in Europa geborner L\u00f6we wenigstens wurde im Convent-Garden-Theater in London, und zwar in der Oper Alexander und Darius, mehrere Male verwendet.\nUeber wenige Thiere ist von jeher soviel gefabelt worden und wird noch heutigen Tages soviel gefabelt, als \u00fcber den L\u00f6wen. Die Nachrichten \u00fcber ihn laufen, wie leicht begreiflich, bis in das graueste Alterthum zur\u00fcck. Die Bibel erw\u00e4hnt ihn an vielen Orten, und die Hebr\u00e4er haben nicht weniger als zehn Namen f\u00fcr ihn. So soll das Wort Gur vorzugsweise einen jungen L\u00f6wen bedeuten, welcher noch saugt oder noch bei der Mutter wohnt; denn die Ableitung ist nicht ganz sicher. Mit Kephir bezeichnet man einen jungen L\u00f6wen und zwar einen solchen, welcher schon auf","page":210},{"file":"p0211.txt","language":"de","ocr_de":"Gez\u00e4hmte L\u00f6wen. Sagen und Geschichtliches.\t211\nRaub ausgeht. Unter Ari versteht man einen erwachsenen L\u00f6wen, da das Wort von einer Wurzel herr\u00fchrt, welche gl\u00fchen oder brennen bedeutet, weshalb also der L\u00f6we als der Feurige, Gl\u00fchende oder Grimmige zu betrachten ist. Eigentlich lautet das Wort Ari eh oder Arjeh, darunter versteht man jedoch gew\u00f6hnlich blos einen in Erz gegossenen und vergoldeten L\u00f6wen. Schachal, der f\u00fcnfte Name, bedeutet der Br\u00fcller; Sch ach az der Hohe, Stolze oder sich Erhebende; Oten einen erwachsenen L\u00f6wen; Labi eine L\u00f6win; Zobb\u00fc, dasselbe Wort, welches auch im Arabischen gebraucht wird, W\u00fcrger der Herden; und Lajisch endlich den in schauerlicher W\u00fcste Lebenden. Die Bibel lehrt uns auch, da\u00df fr\u00fcher die L\u00f6wen in Pal\u00e4stina vorkamen, namentlich am Libanon; an anderen Orten waren sie sogar h\u00e4ufig.\nDie Griechen und R\u00f6mer erz\u00e4hlen sehr ausf\u00fchrlich von ihnen und berichten dabei eine Masse von M\u00e4rchen mit. So sollen die Knochen des L\u00f6wen so hart sein, da\u00df sie Feuer geben. Er soll die kleinen Thiere verachten, die Weiber schonen u. s. w. Die starke und grausame L\u00f6win soll nur ein einziges Junges in ihrem ganzen Leben werfen, weil dasselbe mit seinen scharfen Krallen den Tragsack zerrei\u00dfe, genau wie es der Viper auch gehe. Aristoteles wei\u00df bereits, da\u00df die L\u00f6win keine M\u00e4hne hat, sondern nur der L\u00f6we; er wei\u00df auch, da\u00df sie mehrmals Junge wirft, da\u00df die jungen L\u00f6wen sehr klein sind und erst im zweiten Monat gehen k\u00f6nnen. Die alte Behauptung, da\u00df der L\u00f6we das Feuer f\u00fcrchte, widerlegt er. Au\u00dferdem berichtet er von des L\u00f6wen gro\u00dfem Muthe, von seinem Ged\u00e4chtni\u00df und dergleichen. Ja er wei\u00df sogar, da\u00df es zwei Arten L\u00f6wen giebt: k\u00fcrzere mit krauserer M\u00e4hne, welche die furchtsameren, und l\u00e4ngere mit dichterer M\u00e4hne, welche die st\u00e4rkeren sind. Plinius sagt, da\u00df die jungen L\u00f6wen anf\u00e4nglich unf\u00f6rmliche Fleischklumpen seien, nicht gr\u00f6\u00dfer, als ein Wiesel, da\u00df sie sich nach zwei Monaten kaum r\u00fchren k\u00f6nnten und erst nach dem sechsten gehen lernten. Sie s\u00f6ffen selten, fr\u00e4\u00dfen nur einen Tag um den andern und k\u00f6nnten dann wohl drei Tage fasten. Sie verschl\u00e4ngen Alles ganz; k\u00f6nnte es der Magen nicht fassen, so z\u00f6gen sie es wieder mit den Klauen aus dem Rachen, um n\u00f6thigenfalls entfliehen zu k\u00f6nnen. Unter allen rei\u00dfenden Thieren sei der L\u00f6we allein gn\u00e4dig gegen Bittende. Er verschone Die, welche sich vor ihm niederwerfen, und lie\u00dfe seinen Grimm mehr gegen die M\u00e4nner, als gegen die Weiber aus, gegen die Kinder nur beim \u00e4rgsten Hunger. In Libyen glaubte man, da\u00df er das Bitten verstehe; denn eine gefangene Frau erz\u00e4hlte, sie sei von vielen L\u00f6wen angefallen worden, habe sie aber alle durch Zureden bes\u00e4nftigt und immer gesagt, da\u00df sie nur eine Frau w\u00e4re, fl\u00fcchtig und krank, eine Bittende vor dem Gro\u00dfm\u00fcthigsten, \u00fcber alle \u00fcbrigen Thiere Befehlenden, eine Beute, welche seines Ruhmes nicht w\u00fcrdig w\u00e4re: da habe sie der L\u00f6we gehen lassen.\nDen ersten L\u00f6wenkampf gab her Aedil Sc\u00e4vola, einen zweiten der Dictator Sylla. Dieser hatte schon hundert L\u00f6wen, Pompejus lie\u00df aber sechshundert und Julius C\u00e4ser wenigstens vierhundert k\u00e4mpfen. Der Fang war fr\u00fcher eine b\u00f6se Arbeit und geschah meistens in Gruben. Unter Claudius aber entdeckte ein Hirt durch Zufall ein leichtes Mittel, den L\u00f6wen zu fangen. Er warf ihm seinen Rock \u00fcber den Kopf, und der L\u00f6we wurde hierdurch so verbl\u00fcfft, da\u00df er sich ruhig fangen lie\u00df. Im Circus wurde dieses Mittel dann oft angewendet. M. Antonius fuhr nach der pharsa-lischen Schlacht mit einer Schauspielerin durch die Stadt in einem Wagen, welchen L\u00f6wen zogen. Hanno, der uns schon bekannte Karthager, war der Erste, welcher einen gez\u00e4hmten L\u00f6wen mit seinen H\u00e4nden regierte. Er wurde deshalb jedoch aus seinem Vaterlande vertrieben, weil man glaubte, da\u00df Derjenige, welcher sich mit der Z\u00e4hmung eines L\u00f6wen abgebe, sich auch die Menschen zu unterwerfen strebe! Hadrian t\u00f6dtete im Circus oft hundert L\u00f6wen auf einmal. Marcus Aurelius lie\u00df ihrer hundert mit Pfeilen erschie\u00dfen. Auf diese Weise wurden die L\u00f6wen so vermindert, da\u00df man die Einzeljagden in Afrika verbot, um immer hinl\u00e4nglich viele f\u00fcr den Circus zu haben. Doch erst mit der Erfindung des Feuergewehres schlug dem k\u00f6niglichen Thiere die Stunde des Verderbens, und von jenem Tage an ist er auch mehr und mehr zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden. \u2014\nEs ist durchaus nicht unwahrscheinlich, da\u00df die L\u00f6wen, welche im S\u00fcden und Westen Afrikas oder in Asien wohnen, von dem L\u00f6wen der Berberei artlich verschieden sind, wenn auch die\n14*","page":211},{"file":"p0212.txt","language":"de","ocr_de":"212\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Der L\u00f6we vom Senegal und von Guzerate.\nmeisten Naturforscher die noch zu erw\u00e4hnenden L\u00f6wen nicht als Arten, sondern als Ab\u00e4nderung gelten lassen wollen.\nAls solche Ab\u00e4nderungen betrachtet man namentlich den L\u00f6wen aus Westafrika (Leo sene-galensis), welcher sich durch die lichte starke M\u00e4hne auszeichnet, w\u00e4hrend die des L\u00f6wen vom Kap (Leo capensis) sehr stark und dunkel ist. Der persische L\u00f6we (Leo persicus) ist kleiner und tr\u00e4gt eine M\u00e4hne, welche aus braunen und schwarzen Haaren gemischt ist. Er ist derselbe, welcher in fr\u00fcheren Zeiten nicht blos in Pal\u00e4stina, sondern auch in Griechenland oder wenigstens auf der griechischen Halbinsel vorkam. Herodot berichtet uns, da\u00df bei einem Heerzuge des Werpes in Macedonien L\u00f6wen \u00fcber die Kamele herfielen, welche das Gep\u00e4ck trugen. Sie kamen des Nachts\nDer L\u00f6we vom Senegal (Leo senegalensis).\naus ihren Lagern, griffen aber blos diese Thiere an, ohne anderes Vieh oder Menschen zu ber\u00fchren. M\u00e4nniglich wunderte sich \u00fcber diesen Unfall, weil man voher die Thiere dort noch nie beobachtet hatte. Die Fl\u00fcsse Resfus und Achelous werden als Grenze des L\u00f6wengebietes in Europa angegeben, und Aristoteles sagt ausdr\u00fccklich, da\u00df es in Europa nirgends anders, als dort L\u00f6wen g\u00e4be. Wann die edlen Thiere in unserm Erdtheile ausgerottet worden sind, wei\u00df man nicht zu sagen.\nAlle die bisher genannten Arten oder Abarten tragen starke M\u00e4hnen \u2014 nicht so der L\u00f6we von Guzerate in Indien, welcher durch Kapit\u00e4n Smee entdeckt und nach feiner Heimat Leo Googratensis genannt worden ist. Dieses Thier ist etwas kleiner, als der afrikanische L\u00f6we und am ganzen Leibe gleichm\u00e4\u00dfig r\u00f6thlichfahlgelb, nur die starke Schwanzquaste ist wei\u00df. Die M\u00e4hne ist blos noch angedeutet und wirklich kaum nennenswerth. Aus diesem Grunde hei\u00dft das Thier auch wohl der m\u00e4hnenlose L\u00f6we. Der Entdecker berichtet etwa Folgendes \u00fcber das Vorkommen und die Lebensweise dieses Thieres.","page":212},{"file":"p0213.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichen verschiedener L\u00f6wenarten.\n213\nDer m\u00e4hnenlose L\u00f6we findet sich in Guzerate l\u00e4ngs der Ufer der Fl\u00fcsse und lebt dort in den niederen Gras- und Schilfdickichten, welche wir unter dem Namen Dschungeln kennen. W\u00e4hrend der hei\u00dfen Jahreszeit vertreiben ihn die Einwohner aus diesen Schlupfwinkeln durch das Anz\u00fcnden der Steppenwaldungen, welches bezweckt, da\u00df der Boden f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr ged\u00fcngt wird und frisches, gr\u00fcnes, saftiges Weidegras giebt. Sie sind dort so h\u00e4ufig, da\u00df Slyee elf von ihnen in einem Monat erlegen konnte. Gleichwohl wissen die Eingebornen nicht viel von ihnen zu erz\u00e4hlen, h\u00f6chstens mit Ausnahme der Hirten, welche sie kennen. Die Herden werden freilich oft genug von ihnen heimgesucht und besteuert, aber diese Ueberf\u00e4lle schreibt man dann dem Tiger zu, welcher in jenen Gegenden gar nicht vorkommt. Diejenigen Eingebornen, welche den L\u00f6wen kennen, nennen ihn Ondiabauch oder Kameltiger, wegen der Aehnlichkeit seines Felles mit jenem Thiere. Wie es scheint, f\u00fcgen diese L\u00f6wen den Herden gro\u00dfen Schaden zu. Innerhalb zehn Tagen wurden in einem\nDer L\u00f6we von Guzerate (Leo Googratensis).\neinzigen Dorfe vier Esel gestohlen. Ob sie Menschen angreifen, ist sehr fraglich; Smee konnte davon Nichts erfahren. Die durch eine Kugel Verwundeten zeigten gro\u00dfen Muth. Sie stellten sich und bereiteten sich zum Widerstand vor oder gingen stolz und langsam davon, w\u00e4hrend der Tiger unter solchen Umst\u00e4nden so schnell als m\u00f6glich ausrei\u00dft. Au\u00dfer in genannter Gegend kommt dasselbe Thier auch noch weiter in Indien vor, und es ist sehr m\u00f6glich, da\u00df der s\u00fcdpersische L\u00f6we dieser Abart zuzu-' rechnen sein d\u00fcrfte. Jedenfalls ist es derselbe, von welchem schon die Alten behaupteten, da\u00df er keine M\u00e4hne tr\u00fcge.\n*\nDie neue Welt erinnert durch ihre Erzeugnisse oft in eigenth\u00fcmlicher Weise an die ihr entgegengesetzten Erdtheile. Erhaben und herrlich sind die lebendigen Gebilde, welche ihr ureigen sind: ver-","page":213},{"file":"p0214.txt","language":"de","ocr_de":"214\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Puma.\nk\u00fcmmert, verschw\u00e4chlicht erscheinen die Gesch\u00f6pfe, welche als Vertreter anderer, in der alten Welt lebender angesehen werden k\u00f6nnen. Auch Amerika hat seine L\u00f6wen: aber sie sind Zwerge, wahre Kinder im Vergleich zu dem gewaltigen Verwandten in Afrika. Der gr\u00f6\u00dfte von ihnen verh\u00e4lt sich zu dem K\u00f6nige der Thiere, wie sich der Tapir zum Elefanten verh\u00e4lt. Ihm fehlt der Herrschermantel, welcher sich um des L\u00f6wen Schultern schl\u00e4gt; er entbehrt der Krone, welche bei jenem W\u00fcrdezeichen ist: nur in seiner F\u00e4rbung zeigt er einige Aehnlichkeit mit dem \u201eW\u00fcrger der Herden\", und deshalb ist ihm von den Gauchos der Name Leon geworden, den unsere Thierschausteller passend mit Silberl\u00f6we wiederzugeben pflegen\nDer Puma (Puma) und seine Verwandten k\u00f6nnten, obgleich man sie noch nicht in eine besondere Sippe vereinigt hat, ebensogut wie die Pardel von den \u00fcbrigen Katzen getrennt werden. Die ihnen g\u00e4nzlich fehlenden Streifen, Ringel und Flecken, der runde Augenstern und der auffallend kleine, ganz bart- oder m\u00e4hnenlose Kopf w\u00fcrden dann als Merkmale dieser Gruppe zu betrachten sein.\nAls die bekannteste Art dieser Gruppe ist der obengenannte Kuguar, Silberl\u00f6we oder Puma (Puma concolor) anzusehen. Er ist ein Thier, welches von sich reden gemacht hat: Dies beweist schon sein Namenreichthum. Denn au\u00dfer den drei genannten Namen f\u00fchrt er noch viele andere. Die Guaraner nennen ihn Guazuara, die Creolen Aaguapyta oder \u201erothen Hund\", die Chilesen Papi, die Mejikaner Mitzli, die Nordamerikaner Panther und die Gauchos, wie bemerkt, Leon; \u2014 Niemand aber kann sagen, welche Titel ihm sonst noch wurden. Dieser Namenreichthum deutet auf etwas K\u00f6nigliches hin: und wirklich ist auch der amerikanische L\u00f6we kein zu verachtendes Mitglied seiner Familie.\nDie Leibesl\u00e4nge des erwachsenen Puma betr\u00e4gt nicht selten bis S1/^, ja 3% Fu\u00df, die des Schwanzes zwei Fu\u00df und die H\u00f6he am Widerrist ungef\u00e4hr ebensoviel. Der Leib ist schlank, der runde Kopf aber so klein, da\u00df er fast im Mi\u00dfverh\u00e4ltni\u00df zur ganzen Gr\u00f6\u00dfe steht. Stark sind eigentlich nur die F\u00fc\u00dfe, welche auch kr\u00e4ftige Pranken besitzen. Die Behaarung ist dicht, kurz und weich, am Bauche etwas reicher, als auf der Oberseite, nirgends aber m\u00e4hnenartig verl\u00e4ngert. Ihre gew\u00f6hnliche F\u00e4rbung ist dunkelgelbroth, auf dem R\u00fccken am dunkelsten, wobei die einzelnen Haare in schwarze Spitzen endigen. Der Bauch ist r\u00f6thlichwei\u00df, die Innenseite der Gliedma\u00dfen und die Brust sind noch Heller, die Kehle und die Innenseite der Ohren wei\u00df, ihre Au\u00dfenseiten schwarz, in der Mitte ins R\u00f6thliche ziehend. Ueber und unter dem Auge steht ein kleiner, wei\u00dfer Flecken, und die Lippen sind mit kurzen, feinen Haaren und langen, wei\u00dfen Schnurren bedeckt. Ein anderer Flecken vor dem Auge ist schwarzbraun. Der Kopf ist grau, die Schwanzspitze dunkel. Bisweilen fehlen auch die Augenflecken, namentlich die schwarzen. Zwischen den M\u00e4nnchen und Weibchen findet sich kein Unterschied in der Farbe; die ganz jungen hingegen haben auf den Seiten des K\u00f6rpers und den Hinterschenkeln einige kaum bemerkbare, runde Flecken, die sich von der Grundfarbe nur durch dunklere Schattirungen unterscheiden und schon nach dem ersten Jahre g\u00e4nzlich verschwinden.\nDer Kuguar ist sehr weit verbreitet. Er findet sich nicht blos in ganz S\u00fcdamerika, von Patagonien an bis Neu-Granada, sondern geht auch noch \u00fcber die Landenge von Panama hinweg und bewohnt Mejiko, die Vereinigten Staaten, ja streift sogar bis Kanada. Daher kommt auch sein gro\u00dfer Namenreichthum: er hei\u00dft fast in jedem Lande anders. Auch auf die verschiedene F\u00e4rbung mag diese weite Verbreitung einen gewissen Einflu\u00df \u00fcben. In manchen Gegenden ist das Thier sehr h\u00e4ufig, in anderen aber bereits fast ausgerottet und war dies auch schon zu Zeiten Azara's (Ende vorigen Jahrhunderts), welcher die erste gute Beschreibung von ihm lieferte.\nSeine Aufenthaltsorte w\u00e4hlt sich der Puma ganz nach des Landes Beschaffenheit. In waldreichen Gegenden zieht er den Wald dem freien Felde entschieden vor; am meisten aber liebt er den Saum der W\u00e4lder und die mit sehr hohem Grase bewachsenen Ebenen, obgleichxer diese blos der Jagd wegen zu besuchen scheint; wenigstens fl\u00fcchtet er, sowie er hier von Menschen verfolgt wird, sogleich dem Walde zu. Allein er befindet sich auch best\u00e4ndig in den Pampas von Buenos-Ayres,","page":214},{"file":"p0215.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Heimat. Aufenthalt. Nahrung. Eine Affenjagd.\t215\nwo es gar keine W\u00e4lder giebt, und versteckt sich dort sehr geschickt zwischen den Gr\u00e4sern, ohne sich jemals in eine H\u00f6hle zur\u00fcckzuziehen. \u201eIm Walde besteigt er die B\u00e4ume,\" wie Azara sagt, \u201emit einem Satze, selbst solche mit senkrechten St\u00e4mmen und springt dann auch in Einem wieder von oben nach unten.\" Gerade hierdurch unterscheidet er sich von anderen Katzen und namentlich vom Jaguar, welcher nach Art unsers Hausgenossen Hinz klettert. Die Ufer der Str\u00f6me und Fl\u00fcsse, sowie Gegenden, welche \u00f6fters \u00fcberschwemmt werden, scheint der Kuguar nicht zu lieben.\tEr hat weder\nein Lager, noch einen bestimmten Aufenthalt. Den Tag bringt er schlafend auf B\u00e4umen, im Geb\u00fcsch oder im hohen Grase zu, des Abends und des Nachts geht er auf Raub aus und legt bei seinen Streifereien oft in einer einzigen Nacht mehrere Stunden zur\u00fcck, so da\u00df ihn die J\u00e4ger nicht immer nahe der Stelle antreffen, wo er erst Beute gemacht hat.\nHinsichtlich seines Aussehens n\u00e4hert sich der Kuguar den altweltlichen Katzen mittlerer Gr\u00f6\u00dfe. Seine schlanke Gestalt, der kleine Kopf und der lange Schwanz geben schon im voraus zu erkennen, da\u00df er ein behendes Thier ist. Alle seine Bewegungen sind leicht und kr\u00e4ftig, er kann Spr\u00fcnge von zwanzig und mehr Fu\u00df machen. Das Auge ist gro\u00df und ruhig, und der Blick hat keinen Ausdruck von Wildheit. In der Nacht und bei der D\u00e4mmerung sieht er besser, als bei hellem Tage, doch scheint ihn das Sonnenlicht nicht eben sehr zu blenden. Sein Geruch ist schwach, sein Geh\u00f6r dagegen \u00e4u\u00dferst scharf. Nur in der h\u00f6chsten Noth zeigt er Muth; sonst entflieht er immer vor den Menschen und vor Hunden. Aber gegen wehrlose Thiere ist er h\u00f6chst grausam, grausamer, als alle \u00fcbrigen Katzen der neuen Welt.\nAlle kleineren, schwachen S\u00e4ugethiere dienen ihm zur Nahrung: die Agutis und Paccas, Rehe, Koatis, Schafe, ganz junge K\u00e4lber und F\u00fcllen, wenn die letzteren von ihrer Mutter getrennt sind. Selbst die behenden Affen und der leichtf\u00fc\u00dfige Strau\u00df sind vor seinen Angriffen nicht sicher; denn er beherrscht die H\u00f6he, wie den Boden. Nur sehr selten kann man ihn bei seinen Jagden beobachten. Sein scharfes Geh\u00f6r verk\u00fcndet ihm rechtzeitig die Ankunft des Menschen, und dann entflieht er zu schnell, als da\u00df man sich ihm unvermerkt n\u00e4hern k\u00f6nnte. Zudem geht er auch meistens erst nachts auf Raub aus, und dann ist es f\u00fcr den Menschen nicht gerathen, sich in seinem Gebiete herumzutreiben. Er beschleicht sein Wild nach Katzenart und erhascht es, wenn er sich gen\u00e4hert hat, durch einen Sprung. Verfehlt er seine Beute, so verfolgt er dieselbe, gegen Gewohnheit seiner Verwandten, in weiten Spr\u00fcngen, wenn auch nicht lange. Rengger beobachtete ihn einmal auf der Affenjagd. Der fl\u00f6tende Ruf einiger Kapuzineraffen machte den Forscher aufmerksam, und er ergriff sein Gewehr, um einen oder mehrere zu erlegen. Pl\u00f6tzlich aber erhob die ganze Affengesellschaft ein kr\u00e4chzendes Geschrei nutz. floh auf ihn zu. Mit der ihnen eigenen Behendigkeit schwangen sich die Thiere von Ast zu Ast, von Baum zu Baum; aber sie dr\u00fcckten durch ihre kl\u00e4glichen T\u00f6ne und mehr noch dadurch, da\u00df sie unaufh\u00f6rlich ihren Koth entfallen lie\u00dfen, gro\u00dfes Entsetzen aus. Ein Kuguar verfolgte sie und setzte in Spr\u00fcngen von 15 bis 20 Fu\u00df von Baum zu Baum ihnen gierig nach. Mit unglaublicher Gewandtheit schl\u00fcpfte er durch die von Schlingpflanzen umwundenen und verwickelten Aeste, wagte sich auf denselben hinaus, bis sie sich niederbogen und nahm dann einen sichern Sprung auf ein Astende des n\u00e4chsten Baumes.\nWenn der Kuguar eine Beute ergriffen hat, rei\u00dft er ihr sofort den Hals auf und leckt, ehe er von derselben zu fressen anf\u00e4ngt, zuerst ihr Blut. Kleine Thiere zehrt er ganz auf, von gr\u00f6\u00dferen fri\u00dft er einen Theil, gew\u00f6hnlich den vordem, und bedeckt das Uebrige, wie Azara beobachtete, mit Stroh oder Sand. Ges\u00e4ttigt zieht er sich nach einem Schlupfwinkel zur\u00fcck und \u00fcberl\u00e4\u00dft sich dem Schlafe; selten aber bleibt er in der N\u00e4he seiner Beute, sondern entfernt sich oft eine halbe Meile und noch weiter davon. In der folgenden Nacht kehrt er, falls ihm kein neuer Raub aufst\u00f6\u00dft, zu dem Reste seines gestrigen Mahles zur\u00fcck; findet er aber Beute, so l\u00e4\u00dft er das Aas ruhig liegen. In F\u00e4ulni\u00df \u00fcbergegangenes Fleisch ber\u00fchrt er niemals. Das Blut liebt er weit mehr, als das Fleisch, und deshalb begn\u00fcgt er sich nicht, ein einziges Thier zu erlegen, wenn er mehrerer habhaft werden kann. Diese Blutgier macht ihn zu einem au\u00dferordentlich sch\u00e4dlichen Feinde der Hirten. Ein Kuguar t\u00f6dtete","page":215},{"file":"p0216.txt","language":"de","ocr_de":"216\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Puma.\nin einer Meierei achtzehn Schafe in einer Nacht und fra\u00df von ihrem Fleische auch nicht einen einzigen Bissen, sondern ri\u00df ihnen blos den Hals auf und trank ihr Blut. Am andern Tage wurde er im nahen Walde erlegt; sein Magen war noch strotzend von Blut, aber kein Fleisch fand sich darin. Wenn sich der Puma \u00fcberm\u00e4\u00dfig mit Blut angef\u00fcllt hat, entfernt er sich gegen seine Gewohnheit niemals weit von dem Schauplatze seiner Metzeleien und \u00fcberl\u00e4\u00dft sich sogleich dem Schlafe. Nach den Erz\u00e4hlungen der Landleute aus Paraguai und nach den Berichten Azara's soll er in einer Nacht manchmal bis f\u00fcnfzig Schafe erw\u00fcrgen! Niemals schleppt er eine gemachte Beute weit von dem Orte weg, an welchem er sie t\u00f6dtete. Gr\u00f6\u00dfere Thiere, als Schafe, greift er nicht an: Pferde, Maulesel, Stiere und K\u00fche sind vor ihm sicher, ebenso auch die Hunde, obgleich er oft dicht an die Wohnungen heranstreift.\nNur ungern bleibt der Kuguar lange in dem gleichen Gebiete. Gew\u00f6hnlich streift er ruhelos umher. Dabei scheut er sich aber vor dem Wasser und schwimmt nur im Nothfalle \u00fcber Fl\u00fcsse, obwohl er das Schwimmen sehr gut versteht.\nZur Begattungszeit, welche in S\u00fcdamerika in den Februar und M\u00e4rz f\u00e4llt, sucht sich das M\u00e4nnchen ein Weibchen auf. Die \u00fcbrige Zeit leben die Geschlechter getrennt und jagen f\u00fcr sich allein. Die Tragzeit mag etwa drei Monate w\u00e4hren. Das Weibchen wirft zwei, seltener drei Junge, welche blind zur Welt kommen. Sie werden von der Mutter im hohelNGrase, im Dickicht des Waldes oder wohl auch in einem hohlen Baume versteckt und beh\u00fctet, wenn auch die Alte bei ihren Raubz\u00fcgen sich oft weit von ihnen entfernt. Gegen Menschen und Hunde wagt sie ihre Brut \u00fcbrigens nicht zu vertheidigen, sondern l\u00e4\u00dft sie feig im Stiche. Die Jungen begleiten die Mutter nach einigen Wochen auf ihren Streifereien und werden dann von ihr verlassen.\nWegen der blutd\u00fcrstigen Grausamkeit und der damit im Zusammenhange stehenden, ganz un-verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfigen Sch\u00e4dlichkeit des Kuguars wendet man alle Mittel an, um seiner sobald als m\u00f6glich los zu werden. Seine Jagd ist kaum gef\u00e4hrlich zu nennen: denn falls man vorsichtig ist, hat man selbst von einem verwundeten Puma, welcher von Schmerz gepeinigt auf seinen Angreifer losgeht, nicht viel zu f\u00fcrchten. Gew\u00f6hnlich sucht der feige Gesell, sobald er einen Menschen erblickt, sein Heil in der Flucht und entschwindet, weil er sich trefflich zu verstecken wei\u00df, fast immer bald dem Auge. Im Walde ist er schwer zu erreichen, weil er, sobald er von den Hunden aufgescheucht wurde, auf B\u00e4ume klettert und in dem Gezweig seinen Weg mit gr\u00f6\u00dfter Schnelligkeit weiter verfolgt. Nur im ersten Schlafe ist es leicht, ihn mit Hunden zu \u00fcberraschen. Dann vertheidigt er sich auch wohl gegen dieselben, doch erliegt er ihnen regelm\u00e4\u00dfig, wenn sie gro\u00df, stark und ge\u00fcbt sind. Im Nothfalle sind dann auch die J\u00e4ger immer bei der Hand und k\u00f6nnen dem von den Hunden festgehaltenen R\u00e4uber leicht ihre Lanze in das Herz sto\u00dfen oder ihm eine Kugel durch den Kopf jagen. Die Gauchos, jene prachtvollen Reiter der Steppen oder Pampas von La Plata, finden ein besonderes Vergn\u00fcgen in seiner Jagd. Sie hetzen ihn auf offenem Felde mit gro\u00dfen Hunden und tobten ihn, nachdem die Hunde ihn gestellt haben, mit ihren Bolas oder Wurfkugeln oder schleudern ihm, indem sie ihm auf ihren fl\u00fcchtigen Pferden nachsetzen, die niemals fehlende Wurfschlinge um den Hals, setzen ihr Pferd in Galopp und schleifen ihn hinter sich her, bis er erw\u00fcrgt ist. In Nordamerika wird er gew\u00f6hnlich durch die Hunde auf einen Baum gejagt und dann von dort herabgeschossen. Auch f\u00e4ngt man ihn in Schlagfallen.\nUnter vielen Iagdgeschichten, welche man erz\u00e4hlt, scheint mir folgende das Wesen des Thieres gut zu bezeichnen. Ein englischer Reisender, welcher auf den Pampas wilden Enten nachjagte, kroch auf dem Boden mit seiner leichten Vogelflinte an die V\u00f6gel heran. Er hatte Kopf und K\u00f6rper in das gew\u00f6hnliche Volkskleid, den Poncho, eingeh\u00fcllt, um nicht aufzufallen. Pl\u00f6tzlich vernahm er ein kurzes Gebr\u00fcll und f\u00fchlte sich in demselben Augenblick ber\u00fchrt. Er sch\u00fcttelte schnell die Decke von sich ab und sah zu seiner nicht geringen Ueberraschung einen Kuguar auf Armesl\u00e4nge vor sich. Dieser aber war auch nicht wenig erstaunt, blickte den J\u00e4ger verwundert einige Augenblicke an, wich langsam auf zehn Schritte zur\u00fcck, blieb nochmals stehen und nahm dann pl\u00f6tzlich mit gewaltigen Spr\u00fcngen Rei\u00dfaus.","page":216},{"file":"p0217.txt","language":"de","ocr_de":"Blutdurst des Puma. Fortpflanzung. Jagd und Fang. Gez\u00e4hmte Pumas.\t217\nIn der Provinz St. Louis und in der Sierra von Mendoza sah G\u00f6r in g auf den Umz\u00e4unungen, in welche nachts die Weidethiere getrieben werden, viele Pumak\u00f6pfe aufgespie\u00dft und erfuhr, da\u00df man dieses Siegeszeichen hier aufstecke, um andere Pumas von dem Besuch der H\u00fcrden abzuhalten: \u2014 gerade so, wie man in fr\u00fcheren Zeiten die K\u00f6pfe der gerichteten Verbrecher vor die Thore der Stadt zu pflanzen pflegte, innerhalb deren Weichbildes sie den Lohn ihrer S\u00fcnden empfangen. Die Besitzer der Pumak\u00f6pfe hielten dieselben au\u00dferordentlich werth und erlaubten G\u00f6ring nicht, einen einzigen von dem Pfahle herabzunehmen. Nicht einmal f\u00fcr Geld waren die Leute zu bewegen, einen der K\u00f6pfe zu ver\u00e4u\u00dfern. Die H\u00fcrdenbesitzer haben n\u00e4mlich den sonderbaren Aberglauben, da\u00df der Puma sicherlich eine Herde angreifen wird, welche nicht durch den Kopf eines seiner Artgenossen gefeit ist. Dabei ist es merkw\u00fcrdig, da\u00df der Gaucho, wenn er seine H\u00fcrde nicht durch einen Kopf verziert hat, keineswegs \u00e4ngstlich ist; er wird dies aber, wenn er bereits einen besessen und ihn ver\u00e4u\u00dfert hat. Wird ein solcher Kopf gestohlen, so entsteht f\u00f6rmliche Best\u00fcrzung unter allen Herdenbesitzern. Der Dieb w\u00fcrde seine That sicherlich mit dem Leben bezahlen m\u00fcssen.\nAlt eingefangene Kuguars nehmen selten in der Gefangenschaft Futter an, sondern opfern sich. freiwillig dem Hungertode; sehr jung eingefangene dagegen werden bald und zwar au\u00dferordentlich zahm. Rengger versichert, da\u00df man den Puma zum Hausthier machen k\u00f6nnte, wenn ihn nicht hin und wieder die Lust anwandelte, seine Blutgier an dem zahmen Gefl\u00fcgel auszulassen. Man zieht ihn mit Milch und gekochtem Fleische auf; Pflanzennahrung ist ihm sehr zuwider und mu\u00df wenigstens mit Fleischbr\u00fche gekocht werden, wenn er sie genie\u00dfen soll; auch erkrankt er sehr bald, wenn man ihm kein Fleisch giebt. Seine Lieblingsspeise ist warmes Blut, und davon kann er, wie unser Gew\u00e4hrsmann sagt, f\u00fcnf bis sechs Pfund auf einmal ohne Nachtheil trinken. Das rohe Fleisch beleckt er, wie viele Katzen es thun, bevor er es verzehrt; beim Fressen h\u00e4lt er, wie unsere Hauskatze, den Kopf auf die Seite. Nach der Mahlzeit leckt er sich zun\u00e4chst die Pfoten und einen Theil des Leibes; dann legt er sich schlafen und bringt so einige Stunden des Tages zu. Man mu\u00df dem gefangenen Kuguar viele Fl\u00fcssigkeiten reichen, besonders im Sommer, weil ihm nicht einmal frisches Blut das Wasser g\u00e4nzlich ersetzen kann und er auch, wenn er durstig ist, weit eher unter dem zahmen Federvieh Schaden anrichtet, als wenn man ihn reichlich mit Wasser versorgt. Erlernt seine Hausgenossen, sowohl Menschen, als Thiere, nach und nach kennen und f\u00fcgt ihnen keinen Schaden zu. Mit Hunden und Katzen lebt und vertr\u00e4gt er sich gut und gaukelt mit ihnen; dagegen ist er niemals im Stande, der Lust zu widerstehen, Federvieh aller Arten anzugreifen und abzuw\u00fcrgen. \u2014 Nach Katzenart spielt er oft stundenlang mit beweglichen Gegenst\u00e4nden, zumal mit Kugeln.\nManche Kuguare l\u00e4\u00dft man frei im ganzen Hause herumlaufen. Sie suchen chren W\u00e4rter auf, schmiegen sich an ihn, belecken ihm die H\u00e4nde und legen sich ihm z\u00e4rtlich zu F\u00fc\u00dfen. Wenn man sie streichelt, schnurren sie in \u00e4hnlicher Weise, wie die Katzen. Dies thun sie wohl auch sonst, wenn sie sich recht behaglich f\u00fchlen. Ihre Furcht geben sie durch eine Art von Schn\u00e4uzen, ihren Unwillen durch einen murrenden Laut zu erkennen; ein Gebr\u00fcll hat man aber niemals von ihnen vernommen. Zwei Pumas, welche sich in unserm Thiergarten befinden, begr\u00fc\u00dfen ihre Bekannten stets durch ein nicht allzulautes, aber scharfes und dabei kurz ausgesto\u00dfenes Pfeifen, wie ich es von andern Katzen nie h\u00f6rte. Nur durch eins wird der zahme Kuguar unangenehm. Er pflegt sich, wenn er seinen Herrn erst liebgewonnen hat und gern mit ihm spielt, bei seiner Ann\u00e4herung zu verstecken und springt dann unversehens auf ihn los \u2014- gerade so, wie Dies zahme L\u00f6wen auch zu thun pflegen. Man kann sich leicht denken, wie ungem\u00fcthlich solche, zu unrechter Zeit angebrachte Z\u00e4rtlichkeit manchmal werden kann. Zudem gebraucht der Kuguar, wenngleich nur spielend, seine Krallen und Z\u00e4hne auf unangenehme Weise. Einzelne sollen so zahm geworden sein, da\u00df man sie geradezu zur Jagd abrichten konnte; doch bedarf diese Angabe wohl noch sehr der Best\u00e4tigung. Azara besa\u00df einen jung aufgezogenen Kuguar \u00fcber vier Monate lang und erz\u00e4hlt au\u00dfer \u00e4hnlichen Thatsachen auch noch, da\u00df das Thier seinen W\u00e4rtern zum Flu\u00df folgte und dabei die ganze Stadt durchkreuzte, ohne sich mit den Hunden auf der Stra\u00dfe in Streit einzulassen. Wenn er frei im Hofe herumlief, sprang er zuweilen","page":217},{"file":"p0218.txt","language":"de","ocr_de":"218\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Jaguarundi.\n\u00fcber die Umz\u00e4unung hinweg, lustwandelte nach seinem Vergn\u00fcgen in der Stadt herum und kehrte dann in das Haus zur\u00fcck, ohne da\u00df man ihn suchte. Das Fleisch, welches er bekam, bedeckte er nicht selten mit Sand; ehe er es aber fra\u00df, wusch er es im Wasser ab, und dabei verzehrte er es gleich mit. Wenn er es rein erhielt, legte er es immer h\u00fcbsch auf ein Bret, und dort fra\u00df er es ganz nach Art der Katzen, indem er das ganze St\u00fcck nach und nach Hinterkante, ohne es zu zerst\u00fcckeln oder zu zerrei\u00dfen.\n- Das Fell des Puma wird in Paraguai nicht benutzt, wohl aber im Norden von Amerika. An einigen Orten i\u00dft man sein Fleisch und behauptet, da\u00df es sehr wohlschmeckend und dem Kalbfleische ganz \u00e4hnlich w\u00e4re, ja die Pflanzer in Carolina haben es sogar f\u00fcr einen Leckerbissen gehalten.\nDer Kuguar hat, soviel man bis jetzt wei\u00df, noch zwei Verwandte, den Uaguarundi und den Ehra, wie die Indianer diese Thiere nennen oder fr\u00fcher nannten.\nErsterer (Puma Yaguarundi) ist ein schlankes, schm\u00e4chtiges Thier, welches durch seinen gedehnten K\u00f6rper und seinen langen Schwanz beinahe an die Marder erinnert. Der Kopf ist klein, die Ohren sind abgerundet, die Behaarung ist kurz, dicht und von schwarzgraubrauner Farbe; die einzelnen Haare\nDer Aaguarundi (Puma Yaguarundi).\naber sind an der Wurzel tiefschwarzgrau und vor der dunkelbraunen Spitze schwarz. Diese Haarf\u00e4rbung verleiht dem Paguarundi die F\u00e4higkeit, bald heller und bald dunkler zu erscheinen. Wenn er sich n\u00e4mlich im Zustande vollster Ruhe befindet, liegen die Haare glatt auf, und dann treten nat\u00fcrlich die schwarzen Spitzen mehr hervor, das Fell wird also dunkler; erregt er sich aber, so str\u00e4ubt sich, wie Dies bei Katzen ja ganz gew\u00f6hnlich, sein Fell, und damit wird nun auch die lichtere Wurzel des Haares sichtbar, die Gesammtf\u00e4rbung also lichter. Die Pfoten und die Lippen sind heller, mehr ins Gr\u00e4uliche fallend, die Schnurren braun. Bisweilen sind die Haare schwarz oder gelblich geringelt und ihre Spitzen grau. Das Weibchen unterscheidet sich von dem M\u00e4nnchen regelm\u00e4\u00dfig durch etwas lichtere F\u00e4rbung. Die Gr\u00f6\u00dfe des Aaguarundi ist viel geringer, als die des Kuguars, denn die L\u00e4nge des Leibes betr\u00e4gt blos iy9 bis l3/4 Fu\u00df und die L\u00e4nge des Schwanzes nur einen Fu\u00df, die H\u00f6he am Widerrist einen Fu\u00df einen Zoll.\nDer Paguarundi bewohnt das w\u00e4rmere Brasilien, G\u00fciana und Paraguai. Hier haust er in den W\u00e4ldern, doch liebt er mehr den Saum derselben, dichtes Gestr\u00e4uch und die Hecken, als den eigentlichen, tiefern Wald. Auf offenem Felde trifft man ihn nie. Er hat ein bestimmtes Lager und bringt in ihm die Mittagsstunden gew\u00f6hnlich schlafend zu. Namentlich morgens und abends, doch","page":218},{"file":"p0219.txt","language":"de","ocr_de":"Leibes- und Lebensbeschreibung.\n219\nauch nicht selten bei Tage, geht er auf Raub aus; bei sehr st\u00fcrmischem Wetter aber verl\u00e4\u00dft er seinen Schlupfwinkel nicht und wartet lieber, bis die Gelegenheit g\u00fcnstiger geworden ist. Seine Hauptnahrung besteht aus V\u00f6geln, sowie aus kleinen und jungen S\u00e4ugethieren, aus M\u00e4usen, Agutis, Kaninchen, jungen Rehen, ja wohl auch jungen Hirschen re. Doch erfuhr Azara auch, da\u00df er sich auf gr\u00f6\u00dfere Thiere st\u00fcrze, nach Art des Luchses sich in deren Halse festbei\u00dfe und sich nun von dem Thiere nicht absch\u00fctteln lasse, sondern h\u00e4ngen bleibe, bis es verendet sei. Bei weitem den gr\u00f6\u00dften Theil seiner Nahrung holt er sich aus den Geh\u00f6ften der Menschen und n\u00e4hert sich deshalb sehr h\u00e4ufig den Wohnungen. Rengger beobachtete ihn und seine Raubz\u00fcge nicht selten und gab ihm sogar Gelegenheit, Jagden vor seinen Augen auszuf\u00fchren. In der N\u00e4he einer Bromelienhecke, in welcher sich ein Aaguarundi aufhielt, band dieser Beobachter eine Henne an einer langen Schnur fest und stellte sich dann auf die Lauer. Nach einiger Zeit streckte der R\u00e4uber bald hier, bald dort den Kopf zwischen den Bromelien hervor und sah sich vorsichtig um. Hierauf suchte er sich unvermerkt der Henne zu n\u00e4hern, duckte dabei den K\u00f6rper ganz auf die Erde und schlich so sorgf\u00e4ltig, da\u00df sich kaum die Grashalme bewegten. Als er sich seinem Schlachtopfer bis auf sechs oder acht Fu\u00df gen\u00e4hert hatte, zog er den K\u00f6rper zusammen und machte einen Sprung nach der Henne, packte sie sofort mit den Z\u00e4hnen beim Kopfe oder am Halse und versuchte, sie nach der Hecke zu tragen. \u2014 Die H\u00fchnerarten scheinen mit sein Lieblingsfutter zu sein, und er soll dieselben , wie genannter Forscher versichert, auch von den B\u00e4umen herabholen, w\u00e4hrend sie schlafen. Niemals aber tobtet der Aaguarundi mef,r als ein Thier auf einmal. Macht er nur kleine Beute, welche ihn nicht vollkommen s\u00e4ttigt, so zieht er zum zweiten Male auf den Raub aus und holt sich wieder ein St\u00fcckchen, bis er seinen Hunger gestillt hat.\nGew\u00f6hnlich lebt der Auaguarundi paarweise in einem bestimmten Gebiete und macht von hier aus nur kurze Streifereien. Nicht selten theilt er seinen Jagdgrund auch mit anderen Paaren, was sonst nicht die Art der Wildkatzen ist. Renggers Hunde jagten einmal sechs erwachsene Aaguarundis aus einer einzigen Hecke heraus. Zur Zeit der Begattung, welchem die Monate November und Dezember f\u00e4llt, kommen nat\u00fcrlich immer mehrere M\u00e4nnchen zusammen, und man h\u00f6rt sie sich dann in dem Bromeliengestr\u00fcpp herumbalgen und dabei fauchen und kreischen. Etwa neun bis zehn Wochen nach der Begattung wirst das Weibchen zwei bis drei Junge auf ein Lager im dichtesten Gestr\u00e4uche, in einem mit Gestr\u00fcpp \u00fcberwachsenen Graben oder in einem hohlen Baumstamme. Niemals entfernt sich die Mutter weit von ihren Jungen. Sie versorgt dieselben, sowie sie gr\u00f6\u00dfer werden, mit V\u00f6geln und kleinen Nagethieren, bis sie die hoffnungsvollen Spr\u00f6\u00dflinge selbst zum Fange anleiten und deshalb mit sich hinaus auf die Jagd nahmen kann. Bei herankommender Gefahr aber \u00fcberl\u00e4\u00dft sie ihre Kinder feig dem Feinde, uud niemals wagt sie, dieselben gegen Menschen oder Hunde zu vertheidigen. Der N^guarundi greift \u00fcberhaupt den Menschen nicht an, und seine Jagd ist deshalb auch ganz gefahrlos. Man schie\u00dft ihn entweder auf dem Anstande, f\u00e4ngt ihn in Fallen oder jagt ihn mit Hunden, denen er sich nur im \u00e4u\u00dfersten Nothfalle widersetzt. Gew\u00f6hnlich sucht er seinen Verfolgern zwischen den stacheligen Bromelien zu entschl\u00fcpfen; kommen sie aber zu nahe, so b\u00e4umt er oder springt selbst ins Wasser und sucht sich schwimmend zu retten.\nRengger hat mehrere jung aufgezogene Aaguarundis in der Gefangenschaft gehalten. Sie wurden so zahm, wie die sanfteste Hauskatze. Ihre Raubsucht war aber doch zu gro\u00df, als da\u00df unser Gew\u00e4hrsmann ihnen h\u00e4tte gestatten k\u00f6nnen, frei im Hause herumzulaufen. Deshalb hielt er sie in einem K\u00e4fig oder an einem Seile angebunden, welches sie niemals zu zerbei\u00dfen versuchten. Sie lie\u00dfen sich sehr gern streicheln, spielten mit der Hand, die man ihnen darhielt, und \u00e4u\u00dferten durch ihr Entgegenkommen und durch Spr\u00fcnge ihre Freude, wenn man sich ihnen n\u00e4herte; doch zeigten sie f\u00fcr Niemanden insbesondere weder Anh\u00e4nglichkeit, noch Widerwillen. Sobald man sie auch nur einen Augenblick frei lie\u00df, sprangen sie auf das Federvieh im Hofe los und singen eine Henne -oder eine Ente weg. Selbst angebunden suchten sie diese Thiere zu erhaschen, wenn sie in ihre N\u00e4he kamen, und versteckten sich vorher recht schlau zu diesem Zwecke. Keine Z\u00fcchtigung konnte","page":219},{"file":"p0220.txt","language":"de","ocr_de":"220\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Jaguarundi. Eyra. Tiger.\nihnen ihre Raubsucht benehmen, nicht einmal sie bewegen, ihren schon gemachten Raub fahren zu lassen. Rengger hob Aaguarundis, die ein K\u00fcchlein im Munde hatten, beim Halsbande aus und schleuderte sie mehrere Male in der Luft herum, ohne da\u00df sie ihren Raub aus den Z\u00e4hnen lie\u00dfen! Entri\u00df man ihnen denselben mit Gewalt, so bissen sie w\u00fcthend um sich und sprangen nach der Hand, die ihnen den Fra\u00df abgenommen hatte. Dem Fleische gaben die Gefangenen immer vor dem Blute den Vorzug, und Pflanzenkost fra\u00dfen sie blos, wenn sie der w\u00fcthendste Hunger dazu zwang. Wenn man ihnen ein St\u00fcck Fleisch vorwarf, suchten sie dasselbe zu verstecken, ehe sie es fra\u00dfen. Sie kauen ganz wie unsere Hauskatze, halten dabei ihre Speise aber mit den Vorderpranken fest. Wenn sie ges\u00e4ttigt sind, belecken sie ihre Tatzen und legen sich schlafen. Ist es kalt, so rollen sie sich dabei zusammen und schlagen den Schwanz \u00fcber Rumpf und Kopf zur\u00fcck, ist es aber warm, so strecken sie alle vier Beine und den Schwanz gerade von sich. Wenn man ihnen morgens nichts zu fressen giebt, bleiben sie fast den ganzen Tag wach und gehen unaufh\u00f6rlich am Gitter ihres K\u00e4figs auf und nieder; werden sie hingegen am Morgen gut gef\u00fcttert, so schlafen sie den Mittag und den gr\u00f6\u00dften Theil der Nacht \u00fcber.\nDer Eyra (Puma Eyra).\nZwei Aaguarundis, welche man in ein und denselben K\u00e4fig einsperrt, leben in der gr\u00f6\u00dften Eintracht mit einander. Sie belecken sich gegenseitig, spielen zusammen und legen sich gew\u00f6hnlich neben einander schlafen. Nur beim Fressen setzt es zuweilen einige Schl\u00e4ge mit den Tatzen ab. Uebrigens kennt man bis jetzt noch kein Beispiel, da\u00df sie sich in der Gefangenschaft fortgepflanzt h\u00e4tten, und auch Renggers Bem\u00fchungen, Dies zu bewerkstelligen, blieben vergeblich.\nDie letzte dieser einfarbigen Katzen Amerikas ist der Eyra (Puma Eyra), unzweifelhaft eins der merkw\u00fcrdigsten Glieder der Familie. Alle s\u00fcdamerikanischen Katzen sind schlank gebaute Thiere; der Eyra aber ist so lang gestreckt, da\u00df er gleichsam als Bindeglied der Katzen und Marder erscheint. Man k\u00f6nnte ihn bezeichnend \u201eWieselkatze\" nennen. Hinsichtlich seiner Gr\u00f6\u00dfe \u00e4hnelt er dem Naguarundi, mit dem er auch dieselben Gegenden bewohnt; doch ist er, in Paraguai wenigstens, weit seltener. Die F\u00e4rbung seines weichen Haares ist ein gleichm\u00e4\u00dfiges Lichtgelblichroth; nur auf der Oberlippe befindet sich auf jeder Seite ein geblichwei\u00dfer Flecken, da, wo die dem Flecken gleichgef\u00e4rbten Schnurrenhaare stehen. Die K\u00f6rperl\u00e4nge des Thieres betr\u00e4gt 20 Zoll, die des Schwanzes etwas \u00fcber einen Fu\u00df.","page":220},{"file":"p0221.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung des Eyra.\n221\nDer Eyra beth\u00e4tigt sein vielversprechendes Aeu\u00dfere nicht. Man m\u00f6chte glauben, da\u00df er alle Eigenschaften der Katzen und Marder in sich vereinige: aber er ist auch nicht gewandter, als der Naguarundi, und nur sein uners\u00e4ttlicher Blutdurst, seine Grausamkeit stellt ihn, vom Raubthierstandpunkte betrachtet, \u00fcber jenen und beweist, da\u00df seine Marder\u00e4hnlichkeit denn doch noch anderweitig begr\u00fcndet ist. Auch er lebt paarweise in einem bestimmten Gebiete und hat so ziemlich dasselbe Betragen, wie der Paguarundi. Rengger hielt einige in der Gefangenschaft, ohne sie eigentlich z\u00e4hmen zu k\u00f6nnen. Sie waren noch so klein, da\u00df sie sich kaum auf den Beinen halten konnten, und griffen doch bereits das Gefl\u00fcgel an, obwohl es ihnen an Kraft fehlte, dasselbe zu \u00fcberw\u00e4ltigen, ja, einer der kleinen Raubm\u00f6rder wurde vom Haushahn durch einen Spornschlag in den Hals get\u00f6dtet. Der andere mu\u00dfte wegen seiner unbez\u00e4hmbaren Raubsucht immer eingesperrt werden, und als er einmal frei kam, w\u00fcrgte er in einem Augenblicke mehrere junge Enten ab. Diese Raubsucht abgerechnet, war er sehr zahm, spielte in seiner Jugend mit Katzen und Hunden, mit Pomeranzen und Papier und war besonders einem Affen zugethan, wahrscheinlich, weil dieser ihn immer von den Fl\u00f6hen befreite. Mit zunehmendem Alter wurde er unfreundlicher gegen die anderen Thiere, blieb aber zutraulich und sanft gegen die Menschen, sobald man ihn nicht bei dem Fressen st\u00f6rte. Uebrigens machte er keinen Unterschied zwischen seinen W\u00e4rtern und ganz fremden Personen, und zeigte weder Ged\u00e4chtni\u00df f\u00fcr empfangene Wohlthaten, noch f\u00fcr erlittene Beleidigungen.\nAzara, der Entdecker des Eyra, versichert, da\u00df keine andere Katze dieses kleine Raubthier hinsichtlich der Schnelligkeit \u00fcbertreffen k\u00f6nne, mit welcher es einer einmal gefa\u00dften Beute den Garaus zu machen wisse.\nVor wenigen Jahren kamen zwei dieser sch\u00f6nen Katzen nach London. Von ihnen nahm I. Wolf die Abbildung, welche wir hier benutzt haben.\nL\u00f6we, Tiger und Jaguar gelten mit Recht als die Herrscher im Katzengeschlecht, und jeder von ihnen hat sich auch einen eignen Erdtheil zu seiner Herrschaft auserkoren. Aber wie sehr unterscheiden sie sich von einander, und namentlich die beiden letzteren von dem erstem! Tiger und Jaguar sind vollst\u00e4ndigere Katzen, als der L\u00f6we, aber aus demselben Grunde auch blut- und raubgierigere Thiere, als jener. Der L\u00f6we ist trotz seines R\u00e4uberthums ein edles, gro\u00dfartiges Thier, ein offner Gewaltherrscher: Tiger und Jaguar aber sind schleichende, heimt\u00fcckische und deshalb doppelt gef\u00e4hrliche Feinde aller gr\u00f6\u00dferen S\u00e4ugethiere, den Menschen mit inbegriffen. Ich nannte Tiger und Jaguar vollendetere Katzen, als den L\u00f6wen, und ein einziger Blick auf Gestalt und Zeichnung des Thieres mu\u00df bewirken, da\u00df man mir hierin beipflichtet. Man hat den Tiger in der Neuzeit zum Vertreter einer eignen Sippe erhoben und will h\u00f6chstens noch den Nebelparder in sie einordnen. Allein die Kennzeichen dieser Sippe sind doch nur sehr untergeordneter Art. Der Tiger ist eine echte Katze ohne M\u00e4hne, mit etwas starkem Backenbart und mit Querstreifen auf seinem bunten Felle. Aber er ist die furchtharste aller Katzen, ein Thier, welchem selbst der Mensch bisher noch machtlos gegen\u00fcber steht. Kein Gesch\u00f6pf kann mit seiner verf\u00fchrerischen Sch\u00f6nheit soviel T\u00fccke und Furchtbarkeit verbinden, keins die alte Fabel von der jungen naseweisen Maus, welche in der Katze ein so sch\u00f6nes und liebensw\u00fcrdiges Thier bewundert, besser best\u00e4tigen. Wollte man seine Gef\u00e4hrlichkeit als Ma\u00dfstab seiner Gr\u00f6\u00dfe anlegen, so m\u00fc\u00dfte man ihn unbedingt als das erste aller S\u00e4ugethiere erkl\u00e4ren; denn er hat, bisher wenigstens, dem Herrscher der Erde noch in einer Weise gegen\u00fcbergestanden, wie kein anderes Gesch\u00f6pf. Anstatt vertrieben und zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden zu sein durch den Anbau des Bodens und den weiter und weiter vordringenden Menschen, ist er gerade hierdurch mehr zu ihm hingezogen worden und hat stellenweise den Menschen verscheucht, anstatt von ihm vertrieben worden zu sein. Er zieht sich nicht so wie der L\u00f6we aus bev\u00f6lkerten Gegenden zur\u00fcck, der Gefahr, welche ihm Vernichtung droht, kl\u00fcglich ausweichend, sondern geht ihr vielmehr dreist","page":221},{"file":"p0222.txt","language":"de","ocr_de":"222\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tiger.\nentgegen und stellt sich muthig dem Menschen als Feind gegen\u00fcber: aber als heimlicher, unvermuthet herbeischleichender und deshalb um so gef\u00e4hrlicherer Feind. Man hat seine Grausamkeit und seinen Blutdurst vielfach \u00fcbertrieben oder wenigstens mit sehr grellen Farben geschildert; allein wir d\u00fcrfen uns dar\u00fcber nicht wundern; denn f\u00fcr Diejenigen, welche ihn schildern konnten, ist er allerdings der Inbegriff aller Grausamkeit. Noch heutigen Tages ist die Zahl der Tiger, welche Indien bewohnen, ganz ungeheuer, und noch heutigen Tages m\u00fcssen dort Tausende von Menschen aufgeboten werden, um eine Gegend, welche sonst der Ver\u00f6dung anheimfallen w\u00fcrde, zeitweilig von dieser schlimmsten aller Landplagen zu befreien.\nDer K\u00f6nigstiger (Tigris regalis) ist eine herrliche, wundersch\u00f6n gezeichnete und gef\u00e4rbte Katze. Seine Gestalt ist h\u00f6her, schlanker und leichter, als die des L\u00f6wen; in der Gr\u00f6\u00dfe aber steht der Tiger keineswegs hinter jenem zur\u00fcck. Ein erwachsener m\u00e4nnlicher Tiger erreicht regelm\u00e4\u00dfig sieben bis acht Fu\u00df Gesammtl\u00e4nge von der Schnauze bis zur Schwanzspitze; es sind aber nicht selten einzelne sehr alte erlegt worden, bei welchen die in derselben Weise gemessene L\u00e4nge neun Fu\u00df ergiebt. Die gew\u00f6hnliche K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt etwas \u00fcber f\u00fcnf Fu\u00df, die L\u00e4nge des Schwanzes 24/4 Fu\u00df, die H\u00f6he am Widerrist 2y2 Fu\u00df. Der Leib ist etwas mehr verl\u00e4ngert und gestreckter, der Kopf runder, als der des L\u00f6wen, der Schwanz ist lang und quastenlos, die Behaarung kurz und glatt und nur an den Wangen bartm\u00e4\u00dfig verl\u00e4ngert. Das Weibchen ist kleiner und hat auch einen k\u00fcrzern Backenbart. Alle Tiger aber, welche in n\u00f6rdlicher gelegenen L\u00e4ndern wohnen, tragen ein viel dichteres und l\u00e4ngeres Haarkleid, als diejenigen, deren Heimat die hei\u00dfen Tiefl\u00e4nder Indiens sind. Die Zeichnung des Thieres zeigt die sch\u00f6nste Anordnung von Farben und einen lebhaften Gegensatz zwischen der hellen, rostgelben Grundfarbe und den dunklen Streifen, welche \u00fcber sie hinweglaufen. Wie bei allen Katzen ist die Grundf\u00e4rbung auf dem R\u00fccken dunkler, an den Seiten lichter und auf der Unterseite, der Innenseiten der Gliedma\u00dfen, dem Hinterk\u00f6rper, den Lippen und dem Untertheile der Wangen wei\u00df. Vom R\u00fccken aus ziehen sich nun weit auseinanderstehende, unregelm\u00e4\u00dfige, schwarze Querstreifen in schiefer Richtung theils nach der Brust, theils nach dem Bauche herab, etwas von vorn nach hinten. Einige dieser Streifen sind doppelt, der gr\u00f6\u00dfere Theil aber einfach und dann dunkler. Der Schwanz ist lichter, als die Oberk\u00f6rpertheile, aber auch er ist durch dunkle Ringel ausgezeichnet. Die Schnurren sind wei\u00df, die Nase ist ungefleckt und die Iris gelblichbraun. Die Jungen sind genau so gezeichnet, wie die Alten, nur hat ihre Grundf\u00e4rbung einen etwas Hellern Ton. Auch bei dem Tiger kommen verschiedene Ab\u00e4nderungen in der F\u00e4rbung vor; die Grundfarbe ist dunkler oder lichter und in seltenen F\u00e4llen sogar wei\u00df mit nebligen Seitenstreifen.\nMan sollte meinen, da\u00df ein so prachtvoll gezeichnetes Thier schon von weitem allen Gesch\u00f6pfen auffallen m\u00fc\u00dfte, denen es nachstrebt. Allein dem ist nicht so. Ich habe schon oben darauf hingewiesen, wie die Gesammtf\u00e4rbung aller Thiere und die der Katzen insbesondere auf das innigste mit ihrem Aufenthaltsort \u00fcbereinstimmt, und brauche blos deshalb hier nochmals an die Dschungeln oder Rohrw\u00e4lder, an die Grasdickichte und die farbenreichen Geb\u00fcsche zu erinnern, in welchen der Tiger haupts\u00e4chlich seine Wohnung aufschl\u00e4gt, \u2014 um eine solche Meinung zu widerlegen. Selbst ge\u00fcbten J\u00e4gern geschieht es nicht selten, da\u00df sie einen Tiger, welcher ganz nahe vor ihnen liegt, vollkommen \u00fcbersehen.\nDer Tiger ist, wie bemerkt, der K\u00f6nig aller Katzen Asiens; denn der L\u00f6we, welcher an einigen Orten dieselben Steppen mit ihm bewohnt, ist viel schw\u00e4cher, als er, und kann sich keinesfalls mit ihm messen. Wollte man dem K\u00f6nig einem K\u00f6nige gegen\u00fcberstellen, so m\u00fc\u00dfte man den afrikanischen L\u00f6wen w\u00e4hlen; aber auch dann w\u00e4re es noch fraglich, ob der Herrscher in Afrika seinen lieben, aber nach K\u00f6nigsart gro\u00dfm\u00fcthig geha\u00dften Vetter in Asien \u00fcberwinden m\u00f6chte.\nDie Verbreitung des Tigers ist eine auffallend gro\u00dfe; denn er ist keineswegs, wie man gew\u00f6hnlich annimmt, blos auf die hei\u00dfen L\u00e4nder Asiens, zumal auf Ostindien, beschr\u00e4nkt, sondern zieht sich \u00fcber eine Strecke des gewaltigen Erdtheils hinweg., welche unser Europa bei weitem an","page":222},{"file":"p0223.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Heimat.\n223\nAusdehnung \u00fcbertrifft. Vom achten Grade s\u00fcdlicher Breite an, bis zum 52. oder 53. n\u00f6rdlicher Breite kommt der Tiger \u00fcberall vor, und mit dieser einzigen Angabe ist die Meinung, da\u00df er blos innerhalb des warmen G\u00fcrtels leben k\u00f6nne, hinl\u00e4nglich widerlegt. Seine n\u00f6rdliche Verbreitungsgrenze geht \u00fcber eine Breite hinaus, unter welcher Berlin liegt, aber man mu\u00df dabei bedenken, da\u00df Sibirien ein ganz anderes und verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig k\u00e4lteres Klima besitzt, als unser Europa, welches, wie bekannt, der Segnungen des Golfstromes theilhaftig ist. Als die westlichen Grenzen des Verbreitungskreises unsers Raubthieres ist der S\u00fcdrand des westlichen Kaukasus anzusehen; die \u00f6stliche bildet das gro\u00dfe Weltmeer, die s\u00fcdliche Java und Sumatra und die n\u00f6rdliche das s\u00fcdliche Sibirien oder etwa der Baikalsee und seine Breite. Sein Hauptsitz ist Ostindien und zwar ebensowohl Vorder-als Hinterindien. Von hier aus erstreckt er sich durch Tibet, Persien, die ganze Steppe zwischen\nDer K\u00f6nigstiger (Tigris regalis).\nIndien, China und Sibirien bis zum Ararat im Westen von Armenien. Er verbreitet sich weit \u00fcber das im S\u00fcden von Kabul liegende Solimangebirge und findet sich \u00fcberall in der waldreichen und bergigen Provinz Mazanderan am S\u00fcdrande des Kaspischen Sees. Von hier aus reicht er nm die S\u00fcdspitze des Aralsees s\u00fcdlich bis in die Bucharei, von dort gegen Nordosten an den Saisangsee-in die Songorei, nach Osten hin aber vom Baikalsee durch die Mandschurei bis nach Korea an die Meeresk\u00fcste. In China findet er sich fast \u00fcberall, und nur an dem h\u00f6hern Mongolenlande oder den waldlosen und d\u00fcrftigen Ebenen von Afganistan ist er nicht zu treffen. Auch auf den Inseln des indischen Archipels, mit Ausnahme von Java und Sumatra, scheint er zu fehlen. Einzelne verlaufene oder versprengte Tiger gehen jedoch weit \u00fcber ihre Grenze hinaus. Man hat solche auf der Westk\u00fcste des Kaspischen Sees, in den kirgisischen Steppen zwischen den Fl\u00fcssen Jrtisch und Jschim im Altai, ja selbst bei Jrkuzk an der Lena gefunden.","page":223},{"file":"p0224.txt","language":"de","ocr_de":"224\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tiger.\nEbensowohl als in den Dschungeln oder Rohr- und Grasw\u00e4ldern mit wenigen B\u00e4umen, aber viel Gestr\u00e4uch, begegnet man dem Tiger in gro\u00dfen, hochst\u00e4mmigen W\u00e4ldern, wenn auch immer nur bis zu einer gewissen H\u00f6he \u00fcber dem Meeresspiegel. Nach den herdenreichen Alpenweiden in den Hochgebirgen Asiens geht er niemals empor; um so \u00f6fter kommt er dicht an die D\u00f6rfer, ja selbst an die St\u00e4dte heran. Die schilfbewachsenen Ufer der Fl\u00fcsse, die ungeheuren, schilfartigen Bambusgeb\u00fcsche und andere Dickungen sind seine Lieblingspl\u00e4tze; allen \u00fcbrigen Orten aber soll er den Schatten unter einem buschigen Strauche, Korintha genannt, vorziehen, weil dessen Krone so dicht ist, da\u00df sich kaum ein Sonnenstrahl zwischen den Zweigen hindurchstehlen kann. Die Zweige sind n\u00e4mlich nicht blos sehr verflochten, sondern h\u00e4ngen auch nach allen Seiten \u00fcber und fast bis zur Erde herab, bilden also eine dunkle und \u00e4u\u00dferst schattige Laube, welche das Thier ebensogut vor dem Auge verbirgt, als sie ihm K\u00fchlung gew\u00e4hrt. Diese Liebhaberei des Tigers f\u00fcr die Korintha I ist so bekannt, da\u00df bei den Jagden die Treiber stets zuerst ihr Augenmerk auf jene B\u00fcsche richten.\nHier verbirgt er sich, um zu ruhen, und von hieraus schleicht er an seine Beute heran, bis er so nahe gekommen ist, da\u00df er sie mit wenigen S\u00e4tzen erreichen kann. Er hat alle Sitten und Gewohnheiten der Katzen, aber sie stehen bei ihm im gleichen Verh\u00e4ltni\u00df zu seiner Gr\u00f6\u00dfe. Seine Bewegungen sind jedoch noch anmuthig, wie die kleinerer Katzen, und dabei ungemein rasch, gewandt und zu-gleick ausdauernd. Er schleicht unh\u00f6rbar dahin, versteht gewaltige S\u00e4tze zu machen, klettert trotz seiner Gr\u00f6\u00dfe rasch und geschickt an B\u00e4umen empor, schwimmt meisterhaft schnurgerade \u00fcber breite Str\u00f6me und zeigt dabei immer die bewunderungsw\u00fcrdige Sicherheit in der Ausf\u00fchrung jeder \\ einzelnen Bewegung.\nEr ist kein eigentliches Nachtthier, sondern streift, wie die meisten Katzen, zu jeder Tageszeit umher, wenn er auch den Stunden vor und nach Sonnenuntergang den Vorzug giebt. An Tr\u00e4nkpl\u00e4tzen, Landstra\u00dfen, Dorfwegen, Waldpfaden und dergleichen legt er sich auf die Lauer; am allerliebsten in dem Geb\u00fcsch an den Flu\u00dfufern, weil hier entweder die Thiere zur Tr\u00e4nke kommen oder die Menschen herabsteigen, um ihre frommen Uebungen und Waschungen zu verrichten. Von den B\u00fc\u00dfern, welche zeitweilig an den heiligen Str\u00f6men leben, werden stets sehr viele durch die Tiger gelobtet. Eigentlich ist kein Thier vor dem entsetzlichen R\u00e4uber sicher; er greift selbst den jungen j Elefanten und das junge Nashorn an, wenn er sich auch an die alten Thiere nicht wagt und einem ausgewachsenen Elefanten unterliegen mu\u00df. S\u00e4mmtliche S\u00e4ugethiere, vielleicht mit Ausnahme der anderen Raubthiere und der \u00fcbrigen Katzenarten, fallen ihm zur Beute, und er st\u00fcrzt sich ebensowohl auf die st\u00e4rksten, wie auf die schw\u00e4chsten. Au\u00dferdem holt er sich auch aus der Klasse der V\u00f6gel,\t\\\nja selbst aus der Klasse der Lurche hier und da eine Beute. In denselben Dickungen, in welchen er sich aufh\u00e4lt, wohnen auch viele H\u00fchnerarten, namentlich die Pfauen. Gerade sie haben es sehr h\u00e4ufig mit den Tigern zu thun und kennen ihn deshalb genau. Sie werden auch gew\u00f6hnlich zum Verr\u00e4ther des still dahinschleichenden Raubthieres, indem sie entweder ger\u00e4uschvoll auffliegen und Schutz vor ihm suchen oder, wenn sie bereits geb\u00e4umt haben, ihre weitt\u00f6nende Stimme aussto\u00dfen, den \u00fcbrigen Gesch\u00f6pfen gleichsam zur Warnung. Auch die Affen verleiden ihm oft seine Jagd.\nDer Tiger belauert und beschleicht schlangenartig seine Beute, st\u00fcrzt dann pfeilschnell mit wenigen S\u00e4tzen auf dieselbe los und schl\u00e4gt die Krallen mit solcher Kraft in den Nacken ein, da\u00df auch das st\u00e4rkste Thier sofort zu Boden st\u00fcrzt. Die Wunden, welche er schl\u00e4gt, 'sind immer au\u00dferordentlich gef\u00e4hrlich; denn nicht blos die N\u00e4gel, sondern auch die Zehen dringen bei dem f\u00fcrchterlichen Schlage ein. Johnson hat solche Wunden gesehen, welche f\u00fcnf Zoll tief waren. Selbst wenn die Verwundung eine verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig leichte ist, geht das Opfer gew\u00f6hnlich zu Grunde, weil bekanntlich alle Wunden, welche gerissen werden, ungleich gefahrvoller sind, als solche, die durch ein scharfschneidiges Werkzeug hervorgebracht worden sind. Kapit\u00e4n Williamson, ein Offizier, welcher zwanzig Jahre in Bengalen gelebt und au\u00dfergew\u00f6hnliche Erfahrungen gesammelt hatte, versichert, da\u00df er niemals einen von dem Tiger Verwundeten habe sterben sehen, ohne da\u00df dieser vorher von Starrkr\u00e4mpfen befallen worden sei, und f\u00fcgt dem hinzu, da\u00df auch die leichtesten Verwundungen, welche geheilt werden,","page":224},{"file":"p0224s0002table7.txt","language":"de","ocr_de":"$WK","page":0},{"file":"p0225.txt","language":"de","ocr_de":"Aufenthalt. Lebensart. Jagdweise. K\u00fchnheit.\n225\nBet der geringsten Veranlassung wieder aufspringen. Solche leichte Wunden kommen aber nur \u00e4u\u00dferst selten vor; denn gew\u00f6hnlich sind die Schl\u00e4ge, welche der Tiger ertheilt, t\u00f6dlich.\nEin Tiger, welcher bei dem Marsche eines Regiments ein Kamel angriff, brach diesem mit einem Schlage den Schenkel. Ein anderer soll sogar einen Elefanten umgeworfen haben. Pferde, Rinder und Hirsche wagen gar keinen Widerstand, sondern ergeben sich, wie der Mensch, schreckerf\u00fcllt in das Unvermeidliche. Blos die muthigen m\u00e4nnlichen B\u00fcffel gehen zuweilen auf den Tiger los und wissen ihm mit ihren t\u00fcchtigen H\u00f6rnern auch erfolgreich zu begegnen. Deshalb betrachten sich die indischen Viehhirten, welche auf B\u00fcffeln reiten, f\u00fcr ganz gesichert, w\u00e4hrend alle \u00fcbrigen Reiter Dies nicht sind. Denn selbst auf die Elefanten springt der Tiger zuweilen und holt sich von dort einen Menschen herab.\nDie Frechheit des furchtbarsten aller Raubthiere \u00fcbersteigt alle Begriffe. Manche Engp\u00e4sse , durch waldreiche Schluchten sind ber\u00fcchtigt wegen der Raubthaten des Tigers; Forbes versichert, da\u00df ohne die gro\u00dfe Furcht des Tigers vor dem Feuer kaum hier und da eine Verbindung im Lande m\u00f6glich sein k\u00f6nne. Man reist in Indien gew\u00f6hnlich des Nachts, der gro\u00dfen Hitze wegen, und da kommt es noch rmmer vor, da\u00df der Tiger einen seiner k\u00fchnen Angriffe nicht nur wagt, sondern auch erfolgreich . ausf\u00fchrt, ungeachtet der Menschenmenge, welche einen Reisetrupp bildet, und trotz der Fackeltr\u00e4ger und Trommelschl\u00e4ger, welche das Raubthier durch Feuer und Ger\u00e4usch zu schrecken suchen; nicht einmal die Truppen sind gesichert/ Forbes erlebte es, da\u00df in einer einzigen Nacht drei gut bewaffnete Schildwachen von den Tigern gefressen wurden. Die Nachz\u00fcgler der Heere fallen dem Tiger regel-m\u00e4\u00dfig in Menge zur Beute. Ebenso wie unter Reisetrupps, dringt der Tiger in D\u00f6rfer, ja selbst 1 in St\u00e4dte ein und holt sich dort zuweilen am hellen lichten Tage einen Menschen weg. Hierdurch hat er an einigen Orten es wirklich dahin gebracht, da\u00df ganze D\u00f6rfer ausgewandert sind oder andere sich blos durch best\u00e4ndig brennende Feuer und hohe Dornenhecken zu sch\u00fctzen verm\u00f6gen. Aus einer einzigen Ortschaft haben die Tiger, wie Buchanan berichtet, binnen zwei Jahren achtzig Einwohner weggeschleppt und aufgefressen! In anderen Ortschaften hatten sie noch \u00e4rger aufger\u00e4umt, die \u00dcbriggebliebenen waren ausgewandert und hatten ihre Wohnpl\u00e4tze den Tigern \u00fcberlassen, welche jetzt ihr Lager dort aufschlugen. Die Angriffe des Raubthieres geschehen so schnell und so pl\u00f6tzlich, da\u00df , an ein Ausweichen kaum zu denken ist, und die Uebrigbleibenden bemerken den Tiger gew\u00f6hnlich erst in dem Augenblicke, in welchem er seine unrettbar verlorne Beute bereits gefa\u00dft und weggeschleppt hat. Dann ist das Nachsetzen meist vergeblich; denn wenn auch hier und da ein Mensch oder ein Thier dem Tiger wieder abgejagt wird^ sind die Wunden, welche sie empfangen, derart, da\u00df sie daran zu Grunde gehen. Man hat Beispiele, da\u00df sich Leute, welche durch einen Tiger vom Pferde herabgerissen worden waren, selbst von ihrem R\u00e4uber befreiten. So sprang ein Tiger mit einem furchtbaren Satze auf den R\u00fccken eines Elefanten, ri\u00df dort einen Engl\u00e4nder aus dem Sattelstuhl, schleuderte ihn zur Erde herab und entfloh mit ihm. Zwar hatten alle Begleiter des Ungl\u00fccklichen , Gewehre auf das fliehende Thier gerichtet, wagten aber nicht, zu schie\u00dfen, weil sie bef\u00fcrchten mu\u00dften, anstatt des Raubthieres ihren Gef\u00e4hrten zu treffen, und mu\u00dften diesen seinem Schicksale \u00fcberlassen. Und Dies geschah zu dessen Gl\u00fcck. Durch den hohen Sturz vom Elefanten und den entsetzlichen Schrecken besinnungslos, erwachte er, als ihm Dornen das Gesicht blutig rissen. Seine gef\u00e4hrliche Lage erkennend, hatte er Geistesgegenwart genug, eine in seinem G\u00fcrtel steckende Pistole : hervorzuziehen und diese auf den Tiger abzuschie\u00dfen. Der Schu\u00df ging fehl, und sein R\u00e4uber bi\u00df nur noch heftiger zu. Der muthige Mann verlor jedoch noch immer seine Hoffnung nicht, sondern zog eine zweite Pistole und scho\u00df diese auf das Schulterblatt des Raubthieres ab. Gl\u00fccklicherweise traf die zweite Kugel das Herz des Tigers, welcher alsbald todt zur Erde st\u00fcrzte. Die beiden Sch\u00fcsse hatten seine Freunde ihm nachgezogen, und man fand den wackern K\u00e4mpen halb besinnungslos auf seinem Feinde liegend. Man konnte ihm bald die beste Pflege zu Theil werden lassen, und so kam er mit dem\nLeben davon. Nur ein lahmes Bein ist ihm zur Erinnerung an jenen gewagten und zweifelhaften Kampf geblieben.\nBrehm, Thierleben.","page":225},{"file":"p0226.txt","language":"de","ocr_de":"226\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tiger.\nAls echte Katze verfolgt der Tiger eine einmal verfehlte Beute nicht weiter, sondern kehrt grollend und brummend nach dem vergeblichen Sprunge in die Dschungeln zur\u00fcck und sucht sich einen neuen Platz zur Lauer aus. Man sagt, da\u00df blos die schnellf\u00fc\u00dfigen Hirsche und die achtsamen Pferde oder Wildesel zuweilen Gelegenheit finden, diese Thatsache zu erproben. Doch sind wirklich ein paar F\u00e4lle bekannt, da\u00df sich auch Menschen vor einem auf sie anspringenden Tiger unversehrt gerettet haben.\nEbenso selten als die Rettung aus den Klauen des Tigers, sind die F\u00e4lle, in welchen sich derselbe vor dem Menschen zur\u00fcckzieht, ohne \u00fcberhaupt einen Angriff zu machen. Uebers\u00e4ttigung und damit zusammenh\u00e4ngende Faulheit sind die gew\u00f6hnlichen Ursachen eines solchen R\u00fcckzugs; zuweilen l\u00e4\u00dft auch der Schreck den Tiger seine St\u00e4rke vergessen. Am allerschlimmsten sind jedenfalls die Leute daran, welche nur von dem Ertrag der W\u00e4lder leben m\u00fcssen, z. B. die Hirten oder die Sammler des Sandelholzes. Erstere m\u00fcssen nicht nur in best\u00e4ndiger Sorge um ihre Herden, sondern auch um sich selbst sein, und von diesen verliert bei weitem der gr\u00f6\u00dfte Theil durch den Tiger das Leben. Ungl\u00fcckliche M\u00fctter setzen, wenn sie sich von Tigern bedroht sehen, ohne auf die Hilfe ihrer M\u00e4nner rechnen zu k\u00f6nnen, ihre unm\u00fcndigen Kinder als Opfer in den Wald und hoffen, dadurch ihre eigne Rettung zu erlangen, ein Mittel der Abwehr, zu welchem gewi\u00df blos die Verzweiflung greifen kann. Auch die Brieftr\u00e4ger leben in best\u00e4ndiger Gefahr. Forbes berichtet, da\u00df die Briefboten, welche nachts das Felleisen durch die W\u00e4lder tragen, ohne ihr Geleit von Lanzen- und Fackeltr\u00e4gern, sowie durch den L\u00e4rm von den Trommeln, welche best\u00e4ndig ger\u00fchrt werdenj nie sicher seien, nnd ungeachtet dieser Begleitung noch immer oft genug weggeschleppt w\u00fcrden. An den beschwerlichen Ueberg\u00e4ngen des Gumeahstromes in Guzerate wurden einmal vierzehn Tage lang diese Brieftr\u00e4ger regelm\u00e4\u00dfig weggeschleppt; einmal sogar, anstatt eines Menschen, das Felleisen. In dem Engp\u00e4sse Kutkum-Sandi lag eine Tigerin auf der Lauer und erw\u00fcrgte mehrere Monate hindurch jeden Tag Menschen, unter welchen wohl ein Dutzend Brieftr\u00e4ger waren. Dieses eine Thier hatte allm\u00e4hlich fast alle Verbindungen der Pr\u00e4sidentschaft mit den oberen Provinzen unterbrochen, so da\u00df sich die Regierung veranla\u00dft sah, einen bedeutenden Preis auf seine Erlegung zu setzen. Sie that es aber vergebens; denn Niemand wollte sich an das Unthier wagen.\nBei gro\u00dfem Hunger scheut der Tiger selbst das Feuer nicht, sondern springt mitten unter die Lagerfeuer und holt sich dort einen Menschen weg. \u2014 Ein Tiger in Java brach sogar nachts durch das Dach einer H\u00fctte ein und packte einen von den acht Javanesen, welche dort um ein Feuer sa\u00dfen, erw\u00fcrgte ihn und schleppte ihn ungeachtet des Geschreis der Uebrigen auf demselben Wege, den er gekommen war, mit sich fort.\nAuf der Insel Singapore ist nach Berthold Schumann die Zahl der Tiger sehr gro\u00df, und es vergeht kaum eine Woche, wo nicht mehrere Leute gelobtet werden. In den verrufensten Tigergegenden hat deshalb gegenw\u00e4rtig die Regierung die W\u00e4lder zu beiden Seiten der Stra\u00dfen aushauen und an gewissen Ruhepl\u00e4tzen ringsum den Wald ausbrennen lassen, um die Schlupfwinkel der Tiger zu zerst\u00f6ren. Und sobald diese Vorsichtsma\u00dfregel zu erneuern vergessen wird und das hohe Gras wieder jene Stellen bedeckt, siedeln sich die Tiger auch wieder an und rauben nach wie vor.\nEbensowenig als das Feuer den Tiger schreckt, h\u00e4lt ihn das Wasser ab, sich seiner ausersehenen Beute zu bem\u00e4chtigen; denn mehr als ein Reisender berichtet, da\u00df er Augenzeuge war, wie die Tiger sich in die Str\u00f6me st\u00fcrzten und auf K\u00e4hne zuschwammen, um einen der Ruderer von dort herauszurei\u00dfen.\nM\u00f6ckern schiffte mit seinem Freunde Tirer von Calcutta nach der Insel San gar. Ehe noch das Ziel erreicht worden war, stieg Letzterer an das Land, ging vorw\u00e4rts und bemerkte einen Tiger. Augenblicklich floh er zum Flusse zur\u00fcck und sprang, da ihm der Tiger nachsetzte, in die Wellen und suchte sein Heil in der Flucht, denn er war ein vorz\u00fcglicher Schwimmer. Der Diger sprang ebenfalls ins Wasser, schwamm hinter ihm her und kam ihm n\u00e4her und n\u00e4her. Tirer, welcher das Tauchen ebenfalls vorz\u00fcglich verstand, suchte jetzt seine Rettung unter der Oberfl\u00e4che des Wassers und schwamm, soweit er konnte, tief im Strome dahin. Als er wieder auftauchte, sah er denn auch mit Freuden, da\u00df","page":226},{"file":"p0227.txt","language":"de","ocr_de":"Belege f\u00fcr die Furchtbarkeit des Tigers. Tafelfreuden und Schmarotzer.\n227\nder Tiger, ohne Zweifel, weil er seine Beute nicht mehr erblickte, auf der R\u00fcckkehr war. Der Verfolgte gelangte gl\u00fccklich an den Kahn, in welchem sich sein Freund befand.\nEin anderer Tiger schwamm quer \u00fcber einen Strom einem Boote zu und erkletterte es trotz alles Schreiens der entsetzten Schiffer. Einige von diesen st\u00fcrzten sich augenblicklich in die Wellen, die anderen verrammelten sich in der kleinen Kaj\u00fcte am Hintertheile des Fahrzeuges. Der Tiger, jetzt alleiniger Herr des Bootes, sa\u00df stolz am Vordertheile und lie\u00df sich ruhig stromabw\u00e4rts treiben; da er aber sah, da\u00df die beabsichtigte Beute ihm entgangen war, sprang er endlich mit einem Satze in den Flu\u00df, stieg ans Ufer, sch\u00fcttelte sich ein wenig und verschwand bald darauf in den Dschungeln.\nDie St\u00e4rke des Tigers ist unglaublich gro\u00df. Er schleppt mit Leichtigkeit nicht blos einen Menschen oder einen Hirsch, sondern selbst ein Pferd oder einen B\u00fcffel meilenweit mit sich fort; dabei zeigt er zugleich viel Klugheit. Niemals oder nur h\u00f6chst ungern schleift er ein solches Thier \u00fcber eine breite Stra\u00dfe weg, wahrscheinlich, um sich nicht selbst zu verrathen. Dennoch kann er aber die Spuren, die ein solcher Streifzug hinterl\u00e4\u00dft, nicht verdecken. Wenn er ein gro\u00dfes Thier schl\u00e4gt oder tobtet, z. B. einen Ochsen, springt er auf den R\u00fccken, schl\u00e4gt seine f\u00fcrchterlichen Klauen ein und leckt das Blut, welches aus der Wunde str\u00f6mt. Dann erst tr\u00e4gt er das Thier weiter in das Dickicht, bewacht es dort bis zum Abend und fri\u00dft dann w\u00e4hrend der Nacht ungest\u00f6rt und ruhig, soviel er fressen kann. Er beginnt bxi den Schenkeln, von dort aus fri\u00dft er weiter gegen das Haupt hin. Er ist unm\u00e4\u00dfiger, als der Wolf, und fri\u00dft, soviel als er kann; dabei geht er ab und zu nach den benachbarten Duellen oder Fl\u00fcssen, um zu trinken. Man versichert, da\u00df er keineswegs ein Leckermaul sei, sondern Alles fresse, was ihm vorkomme, das Fell und die Knochen ebenfalls mit. Nur diejenigen Tiger, welche einmal Menschenfleisch gekostet haben, sollen dies dem aller \u00fcbrigen Thiere vorziehen und werden deshalb, wie die L\u00f6wen in Afrika, geradezu Menschenfresser genannt. Die Jagd auf den t\u00f6lpischen und unbehilslichen Menschen behagt ihnen mehr, als andere.\nNach einer sehr guten Mahlzeit f\u00e4llt der Tiger in Schlaf und liegt manchmal l\u00e4nger als einen ganzen Tag in einem halb bewu\u00dftlosen Zustande. Er bewegt sich blos, um zu trinken, und giebt sich mit einer gewissen Wollust der Verdauung hin. Die Inder behaupten, da\u00df er zuweilen sogar drei Tage an einer und derselben Stelle liege, w\u00e4hrend andere versichern, da\u00df er am n\u00e4chsten Morgen, sp\u00e4testens am n\u00e4chsten Abende wieder zu seiner fr\u00fcher gemachten Beute zur\u00fcckkehre, um nochmals von ihr zu fressen, falls er noch Ueberreste finden sollte: \u2014 denn auch an seiner k\u00f6niglichen Tafel speist das hungrige Bettelgesindel, wie an der Tafel des L\u00f6wen. Die Schakale, F\u00fcchse und wilden Hunde, welche bei Nacht den Wald durchstreifen, verfolgen die blutige F\u00e4hrte des geschleiften Thieres und fressen sich an den Ueberbleibseln^des Leichnams toll und voll. Bei Tage aber entdecken die Aasgeier bald die Leiche und kommen scharenweise herbeigeflogen. Nicht selten entsteht sogar noch Kampf und Streit auf ihr zwischen diesen Thieren. Die vierf\u00fc\u00dfigen Schmarotzer sind so regelm\u00e4\u00dfige G\u00e4ste an der Tafel des Tigers, da\u00df sie, zumal die Schakale, geradezu als seine Boten und Kundschafter angesehen werden und wie die Pfauen oder Affen, welche aus Furcht vor dem Tiger ihn verrathen, dazu dienen, seine Aufsuchung zu erleichtern.\nEs wird uns nach dem Mitgetheilten nicht Wunder nehmen, da\u00df alle Inder, und die europ\u00e4ischen Bewohner des sch\u00f6nen Tropenlandes nicht minder, den Tiger als den Inbegriff alles Entsetzlichen ansehen und ihn f\u00fcr ein Scheusal halten, welches die H\u00f6lle selbst ausgespieen. Damit steht nicht im Widerspr\u00fcche, da\u00df das Ungeheuer an vielen Orten Indiens geradezu geschont, ja an einigen sogar als Gottheit betrachtet wird, wie ja das Ueberm\u00e4chtige und Eigenth\u00fcmliche von Unverst\u00e4ndigen immer f\u00fcr etwas Erhabenes gehalten wird. Der Inder sucht eben aus jedem Thiere, welches sich einigerma\u00dfen bemerklich macht, etwas Besonderes zu machen und sieht in solchen, welche sehr sch\u00e4dlich werden, eine Art von strafendem Gotte. Man hat die Gewohnheit, an den Orten, wo ein Mensch von einem Tiger get\u00f6dtet worden ist, eine hohe Stange mit einem farbigen Tuche als Warnungszeichen aufzupflanzen und errichtet daneben auch gew\u00f6hnlich eine H\u00fctte, in welcher sich die Reisenden zum Gebet versammeln. Ereignet es sich nun, da\u00df an derselben Stelle zum zweiten Male ein Mensch dem Tiger als Opfer","page":227},{"file":"p0228.txt","language":"de","ocr_de":"228\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tiger.\nf\u00e4llt, so wird er als ein S\u00fcnder und sein Tod als ein gottgerechter betrachtet. Fr\u00fcher ging man noch weiter. In Siam n\u00e4mlich fanden noch vor etwa sechzig Jahren Tigerproben zur Ermittlung des Schuldigen statt. Man warf zwei Gleichverd\u00e4chtige einem Tiger vor, und derjenige, welchen er fra\u00df, galt f\u00fcr schuldig! Dieser abscheuliche Aberglaube ist nat\u00fcrlich nur geeignet, die Tiger zu vermehren. Ebenso gute Gelegenheiten zur Vermehrung bieten ihm die best\u00e4ndigen Kriege, welche in Indien gef\u00fchrt werden, und namentlich Hyder Ali hat sich durch seine Kriege auch hierin einen Namen gemacht; denn w\u00e4hrend der Zeit seiner Ber\u00fcchtigung nahmen die Tiger in unglaublicher Weise \u00fcberhand. Einige F\u00fcrsten Indiens verbieten noch heutigen Tags die Tigerjagd, indem sie dieselbe als ein k\u00f6nigliches Vergn\u00fcgen f\u00fcr sich selbst aufsparen, ganz unbek\u00fcmmert darum, ob solchem Vergn\u00fcgen Hunderte oder Tausende von ihren Unterthanen aufgeopfert werden oher nicht. So ist es erkl\u00e4rlich, da\u00df in der einzigen Provinz Candesch in Dekan in dem kurzen Zeitraume von vier Jahren durch die Engl\u00e4nder 1032 Tiger erlegt werden konnten. Noch h\u00e4ufiger, als hier, sollen die Tiger in Siam und Birma sein, zumal an den Rohrw\u00e4ldern am Jrawaddi. Auf Java und Sumatra leben die Eingebornen der Ueberzeugung, da\u00df die Tiger blos die H\u00fcllen verstorbener Menschen sind, und wagen es deshalb gar nicht, sie zu todten. Hierzu kommt nun noch die Unzul\u00e4nglichkeit der Waffen, welche die Eingebornen besitzen. Der Mensch ohne Feuerwaffen ist vollkommen' macht- und wehrlos dem furchtbaren Feinde gegen\u00fcber; laufen doch selbst Wohlbewaffnete immer noch Gefahr. In neuerer Zeit hat die englische Regierung in den ihr unterworfenen Landstrichen viel f\u00fcr Verminderung der Tiger gethan; aber noch immer giebt es deren gerade genug. Man bezahlt seit geraumer Zeit zehn Rupien f\u00fcr jeden Tigerkopf, und schon vor ungef\u00e4hr sechzig Jahren hatte man auf diese Weise 30,000 Pf. St. verausgabt. Diese Summe hat \u00fcbrigens Zinsen getragen, wie kaum eine andere; denn in allen Gegenden, wo sich viel englische Niederlassungen befinden und von den Engl\u00e4ndern die Ausrottung ernstlich betrieben wird, ist der Tiger fast vernichtet. Die Insel Cossin-bazar ist durch den unersch\u00fctterlichen Muth eines Deutschen, welcher mehrere Male in einem einzigen Tage f\u00fcnf von den Ungeheuern t\u00f6dtete, vollkommen gereinigt worden. Aber dieser Held steht immer noch hinter dem Richter Heinrich Ramus zur\u00fcck; denn dieser hat w\u00e4hrend seines Lebens nicht weniger als 360 Tiger eigenh\u00e4ndig erlegt. Man hat gelernt, gegenw\u00e4rtig die Jagd regelrecht zu betreiben und erzielt dadurch vortreffliche Erfolge. In fr\u00fcheren Zeiten hielten blos die F\u00fcrsten und Kaiser Indiens gro\u00dfe Jagden ab, bei denen aber der Pomp und L\u00e4rm des Jagdzuges das Haupts\u00e4chlichste war. Gegen die Tiger wurde sehr wenig ausgerichtet. Noch heutigen Tags sendet der Kaiser von China viele Tausende von J\u00e4gern in die W\u00e4lder, trat Tiger, Panther, L\u00f6wen, W\u00f6lfe u.s.w. zu erlegen; gleichwohl wurden in einem Jahre Sei einem so gewaltigen Jagdzuge, an dem 5O00Mann Theil genommen halten, achtzig Menschen zerrissen. Im 17. Jahrhundert zog nach dem Bericht des Jesuiten Verbtest der Kaiser von China einmal mit Heeresmacht in die Provinz Leao-Tong, lie\u00df dort von seinen Soldaten gro\u00dfe Strecken umstellen und den Kreis immer mehr und mehr verengern. Bei der einen Jagd wurden auf einmal \u00fcber tausend Hirsche, viele B\u00e4ren, Wildschweine und sechzig Tiger erlegt. Im Jahre 1683 r\u00fcckte der Kaiser mit 60,000 Mann und 10,000 Pferden zur Jagd aus, ohne jedoch sonderlichen Erfolg zu erzielen. Aehnliche Jagden werden von den indischen F\u00fcrsten noch heutigen Tags abgehalten, und f\u00fcr dieselben hegen und pflegen eben die F\u00fcrsten ihre Tiger, wie bei uns zu Lande hohe Herren die ihren Unterthanen ebenfalls sehr sch\u00e4dlichen Wildschweine oder Edelhirsche.\nM\u00f6ckern beschreibt eine gro\u00dfe Jagd, welche der Nab ob von Audh veranstaltete. Der F\u00fcrst hatte ein ganzes Heer von Fu\u00dfvolk, Reiterei, Gesch\u00fctze, \u00fcber tausend Elefanten, eine un\u00fcbersehbare Reihe von Karren, 'Kamelen, Pferden und Tragochsen bei sich. Die Weiber sa\u00dfen in bedeckten Wagen. Jagdleoparden, Falken, Kampsh\u00e4hne, Nachtigallen, Tauben, Bajaderen, S\u00e4nger, Possenrei\u00dfer und Marktschreier geh\u00f6rten zu dem gro\u00dfen Gefolge. Nicht weih von der Nordgrenze Indiens wurde eine gro\u00dfe Menge Wild erlegt. Endlich ward auch ein Tiger entdeckt und sein Versteck augenblicklich mit 200 Elefanten umstellt. Beim Vorr\u00fccken h\u00f6rte man ein Knurren und","page":228},{"file":"p0229.txt","language":"de","ocr_de":"Verg\u00f6tterung des Tigers. Der Mensch im Kampfe gegen ihn.\n229\nBellen im dichten Geb\u00fcsch, und ehe noch ein Schu\u00df- gefallen, sprang der Tiger auf den R\u00fccken eines Elefanten, welcher drei J\u00e4ger trug. Dieser sch\u00fcttelte sich gewaltig und warf den Tiger und die drei Reiter ab, so da\u00df alle vier ins Geb\u00fcsch flogen. Schon gab man die Reiter verloren, da krochen sie zum Erstaunen der Anwesenden zwar mit \u00e4ngstlichen Gesichtern, aber unversehrt aus dem Geb\u00fcsch hervor. Der Nabob lie\u00df jetzt gr\u00f6\u00dfere Massen von Elefanten ins Geb\u00fcsch r\u00fccken und den Tiger nach der Stelle treiben, wo er selbst, von Bewaffneten umgeben, ihn auf seinem Elefanten erwartete. Beim Vorgehen ward der Tiger angeschossen, dann gegen den Nabob hingedr\u00e4ngt und dort erlegt.\nKarl von G\u00f6rtz hat bei Seharunpore eine Tigerjagd mitgemacht, welche von dem Oberbefehlshaber des indischen Heeres veranstaltet ward. Vierzig Elefanten standen in Bereitschaft, acht davon waren f\u00fcr die J\u00e4ger bestimmt. Jeder Elefant hatte einen von Rohrgeflecht umgebenen, bequemen Sitz f\u00fcr einen Sch\u00fctzen und hinter diesem einen kleinern f\u00fcr einen Diener, welcher zwei bis drei Gewehre in Bereitschaft hielt. Um hinaufzukommen, kletterte man, w\u00e4hrend der Elefant niederkauerte, an ihm empor. Vorn auf dem Halse des Thieres sa\u00df der Mahnt. Die \u00fcbrigen 32 Elefanten waren zum Treiben bestimmt; auf mehreren von ihnen sa\u00dfen au\u00dfer dem Lenker zwei bis drei Eingeborne. Schilf und Gras war da, wo sich die Reihe von vierzig Elefanten vorw\u00e4rts bewegte, oft 15 bis 20 Fu\u00df hoch. Zum untr\u00fcglichen Zeichen von der N\u00e4he eines Tigers erhoben die Elefanten den R\u00fcssel und stie\u00dfen zu wiederholten Malen den bekannten trompetenartigen Laut aus, welchen sie h\u00f6ren lassen, wenn sie irgendwie erregt sind. Der erste Tiger ward von einem gewissen Harvey, dem besten Sch\u00fctzen, welcher schon dem Tode von hundert Tigern beigewohnt hatte, ersp\u00e4ht und verwundet. Gleich darauf hing das Thier an dem R\u00fcssel des Elefanten. Dieser stand unbeweglich. Harvey gab dem Tiger einen zweiten Schu\u00df, worauf er zu Boden fiel, noch eine Kugel bekam, starb und auf einen Elefanten gebunden wurde, welcher ihn jedoch nur mit gro\u00dfem Widerwillen aufnahm.\nDie indischen F\u00fcrsten wenden zuweilen auch die Lappjagd in gro\u00dfartigem Ma\u00dfstabe an. Man setzt n\u00e4mlich, auf 13 bis 14 Fu\u00df Entfernung, hohe Bambusstangen mit au\u00dferordentlich gro\u00dfen, starken Netzen, welche an einem gewissen Punkte gegen einander laufen, und treibt dahin den Tiger. In dem Winkel, welchen die Netze bilden, werden dann f\u00fcr die hohen Herren Ger\u00fcste errichtet und mit den besten Sch\u00fctzen, namentlich mit den k\u00f6niglichen Hoheiten, besetzt. Die Netze sind an ihrer niedrigsten Stelle etwa 11 Fu\u00df hoch, aber \u00fcberall nur locker an die Stangen geh\u00e4ngt, damit sie augenblicklich herab-fallen, wenn ein Tiger gegen sie springt, und diesen dann verwickeln. Die eigentliche Jagd erfordert ebenfalls ein gro\u00dfes Heer von Menschen und wird wenigstens gegenw\u00e4rtig nicht h\u00e4ufig mehr angewandt; dabei mu\u00df man sich auch noch vorsehen, da\u00df nicht etwa Elefanten oder andere gro\u00dfe Thiere in dem begrenzten Theile der Dschungeln sich befinden, da sie sonst durch ihr blindes Anrennen die Netze augenblicklich zerrei\u00dfen und somit, trotz den l\u00e4ngs der Netze aufgestellten Wachen, die Jagd auf den Tiger vereiteln w\u00fcrden.\nUm den Tiger an die Schie\u00dfst\u00e4nde zu treiben, werden alle m\u00f6glichen Arten von Schreckmitteln angewandt. Man schie\u00dft, trommelt, z\u00fcndet Feuer an, wirft brennende Fackeln in das Rohr, benutzt mit dem besten Erfolge sehr gro\u00dfe Raketen, welche man in geringer H\u00f6he \u00fcber den Rohrwald dahinsausen l\u00e4\u00dft 2c. Wenn eine solche Rakete zu fliegen beginnt und zischend und leuchtend \u00fcber die Dschungeln dahinf\u00e4hrt, versetzt sie alle Gesch\u00f6pfe und auch den Tiger in einen namenlosen Schrecken. Die Feuerstrahlen und das Gezisch und Gebrause sind f\u00fcrchterliche Dinge f\u00fcr das Raubthier, und kein Tiger kann einem solchen feurigen Drachen, der mit soviel Wuth und Kraft dahinrauscht, widerstehen. Schon nach kurzer Zeit gewahrt man ein Bewegen der Dschungeln und sieht, wie sich das erschreckte Raubthier feig aus dem Staube machen will. Von hinten her kommt der L\u00e4rm, nach vorw\u00e4rts also mu\u00df esst\u00fcrmen! Da erreicht es die Netze; sie sind zu hoch, um \u00fcber sie wegsetzenzu k\u00f6nnen, und zu gef\u00e4hrlich, um den Versuch zu wagen, sie zu durchbrechen; die Stangen aber, an welchen sie befestigt sind, sind viel zu leicht und biegsam, als da\u00df der Fl\u00fcchtende an ihnen emporklimmen k\u00f6nnte, und so ist er gen\u00f6thigt, sich l\u00e4ngs derselben fortzuschleichen und den in sicherer H\u00f6he thronenden Sch\u00fctzen zur Zielscheibe zu werden. Diese an und f\u00fcr sich treffliche Jagdweise hat aber einen sehr","page":229},{"file":"p0230.txt","language":"de","ocr_de":"230\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tiger.\nwichtigen Grund gegen sich: sie erfordert einen zu gro\u00dfen Aufwand von Kraft und Geld und kann deshalb nicht regelm\u00e4\u00dfig betrieben werden, sondern immer nur als Festtag gelten. Deshalb ist ihr Erfolg verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gering.\nWeit ergiebiger, als alle die gro\u00dfen Treiben, wenn auch weniger pomphaft, sind die Einzeljagden, welche Engl\u00e4nder allein oder mit wenigen Gehilfen 'unternehmen. Wie Afrika seine L\u00f6wenj\u00e4ger, hat Ostindien seine besonderen Tigerj\u00e4ger, und eine der ersten Stellen unter ihnen d\u00fcrfte der Lieutenant Rice einnehmen. Derselbe hat ein besonderes Werk herausgegeben, unter dem Titel \u201eTiger Shooting in India\u201c, und erz\u00e4hlt darin, da\u00df er 68 Tiger, drei Panther und 25 B\u00e4ren erlegt und au\u00dferdem noch viele.derselben verwundet habe. Da mir das Werk nicht zur Hand ist, entnehme ich Einiges aus demselben, welches Hartwig in seiner \u201eTropenwelt\" mittheilt.\nMit vortrefflichen Doppell\u00e4ufen versehen und von wohl bezahlten Treibern und einer Koppel muthiger Hunde begleitet, drang Rice herzhaft in das Dickicht und suchte selbst den aufgescheuchten Tiger auf. Voran ging gew\u00f6hnlich der Schikari oder Haupttreiber, welcher, mit Aufmerksamkeit die Spuren des Tigers beobachtend, die einzuschlagende Richtung angab. Rechts und links schritten neben ihm die Engl\u00e4nder, stets schu\u00dffertig, und dicht hinter ihnen die sichersten ihrer Leute mit geladenen Gewehren zum Austausch. Dann folgte die Musik, welche aus vier oder f\u00fcnf Trommeln verschiedener Gr\u00f6\u00dfe, Zimbeln, H\u00f6rnern und ein Paar Pistolen bestand, welch letztere fort und fort abgeschossen wurden. M\u00e4nner, welche mit S\u00e4beln und langen Iagdspie\u00dfen bewaffnet waren, dienten der Musik zum Geleite; den Nachtrupp bildeten 'Schleuderer, welche best\u00e4ndig \u00fcber die K\u00f6pfe der Vorderen hin- j weg Steine in die Dschungeln warfen und damit noch viel besser, als durch den H\u00f6llenl\u00e4rm jener Werkzeuge, den Tiger aufscheuchten. Ab und zu kletterte auch ein Mann auf einen Baum, die Bewegung des Thieres zu beobachten. Der ganze Trupp bildete einen dicht geschlossenen Haufen.\nNiemals wagt es der Tiger, eine Menschenmasse anzugreifen, welche sich auf eine so ger\u00e4uschvolle Weise ank\u00fcndigt. So wild und verwegen er ist, wenn es sich um das Beschleichen und Ueber-fallen einer ahnungslosen Beute handelt, so wenig Muth beweist er bei Gefahr. Einem Kampfe mit dem Menschen sucht er immer auszuweichen, und sobald er sich verfolgt sieht, ergreift er fast feig die Flucht, w\u00e4hrend der L\u00f6we unter \u00e4hnlichen Umst\u00e4nden gerade am furchtbarsten wird. Wird der Tiger j verwundet, so st\u00fcrzt er allerdings augenblicklich mit der blindesten Wuth auf seine Feinde los; gehen diese aber in der eben angegebenen Weise durch die Dschungeln, so ist mit ziemlicher Sicherheit darauf zu rechnen, da\u00df das Leben der Treiber bei der Untersuchung eben keine gro\u00dfe Gefahr l\u00e4uft, die Rohr-best\u00e4nde m\u00f6gen so dick sein, wie sie wollen. Am schwierigsten ist es, die Leute immer geh\u00f6rig zu- 4 sammenzuhalten, weil dieselben oft, von ihrem eignen Muthe hingerissen, bei dem geringsten g\u00fcnstigen Erfolge geneigt sind, sich zu zerstreuen.\nSo warf sich einer von Rice's Treibern, alle Geduld \u00fcber einen Tiger verlierend, welchen weder der L\u00e4rm, noch Steinw\u00fcrfe, noch Feuerbr\u00e4nde von seinem Lager aufjagen konnten, mit gezogenem S\u00e4bel ganz allein in das Dickicht; aber wenige Augenblicke sp\u00e4ter war er auch von dem Tiger ergriffen und gr\u00e4\u00dflich zerfleischt. Ohne sich zu bedenken, st\u00fcrzten ihm seine Gef\u00e4hrten zur Hilfe nach und n\u00f6thigten den Tiger, ihn wieder fahren zu lassen. Seine Wunden, obgleich schrecklich anzusehen, waren gl\u00fccklicherweise nicht lebensgef\u00e4hrlich, und er machte noch manches Treiben mit.\nBei einer solchen Jagd gerieth der F\u00e4hndrich Elliot, ein Freund des Tigert\u00f6dters, in gro\u00dfe Gefahr. Von vierzig Treibern unterst\u00fctzt, hatten beide Engl\u00e4nder eine Dschungel in Angriff genommen, welche nicht viel zu versprechen schien, und waren mit ihren Gewehren auf kleine B\u00e4ume gestiegen, um den Erfolg der Untersuchung abzuwarten. Pl\u00f6tzlich scheuchten die Leute einen sch\u00f6nen Tiger auf, und dieser schritt langsam auf sie zu. Sie schwiegen ganz still, aber einer ihrer Begleiter, welcher auf einem andern Baume Wache hielt und f\u00fcrchtete, da\u00df sie von dem Tiger \u00fcberrascht werden m\u00f6chten, schrie ihnen zu, auf ihrer Hut zu sein. Dies war genug, den Tiger von der eingeschlagenen Richtung abzulenken, so da\u00df die Engl\u00e4nder kaum Zeit hatten, ihm eine Kugel nachzusenden. Sein lautes Gebr\u00fcll verk\u00fcndete, da\u00df er verwundet sei, doch hatte er sich schon zu weit in die Rohrw\u00e4lder","page":230},{"file":"p0231.txt","language":"de","ocr_de":"Der Tigert\u00f6dter Rice und seine Jagden.\n231\nzur\u00fcckgezogen, als da\u00df man ihn noch mit Sicherheit h\u00e4tte treffen k\u00f6nnen. Er wurde nun von den ungeduldigen J\u00e4gern mit mehr Hitze als Vorsicht verfolgt. An der Spitze ihres geordneten Jagd-trupps durchzogen sie das Dickicht, von den Blutspuren geleitet, bis sie nach etwa 300 Schritten auf eine offene Gegend kamen, wo alle Zeichen verschwanden. Vergebens waren einige Leute auf die h\u00f6chsten B\u00e4ume geklettert, sie hatten weder in den B\u00fcschen, noch im hohen Grase Etwas bemerkt. Die beiden Engl\u00e4nder gingen ihren Begleitern etwa 20 Schritte langsam voran mit auf den Boden gerichteten Blicken, um hier nach den Blutspuren zu sp\u00e4hen. Da l\u00e4\u00dft sich pl\u00f6tzlich ein w\u00fcthendes Gebr\u00fcll h\u00f6ren, und der Tiger springt aus einer unter dem Grase verborgenen H\u00f6hlung hervor und gerade auf Rice los. Dieser hat kaum Zeit, auf zwei oder drei Schritt Entfernung seine beiden L\u00e4ufe auf den Kopf des Unthiers loszubrennen, und durch den Knall, den Rauch und vielleicht auch durch die Kugeln abgelenkt, springt es nun mit einem ungeheuern Satze auf den Jagdgef\u00e4hrten, noch ehe derselbe seine B\u00fcchse anlegen kann. Mit der Schnelligkeit des Blitzes war Dies geschehen, und als Rice dem Tiger nacheilte, sah er schon seinen ungl\u00fccklichen Freund zu den F\u00fc\u00dfen des grimmigen Gegners hingestreckt. In demselben Augenblicke reichte ihm der Haupttreiber mit bewundernsw\u00fcrdiger Kaltbl\u00fctigkeit und Ruhe ein zweites geladenes Doppelgewehr. Er scho\u00df sogleich den ersten Laus ab, aber erfolglos; \u2014 jetzt mu\u00dfte er iune halten: der Tiger hatte seinen ohnm\u00e4chtig gewordenen Gef\u00e4hrten beim Oberarm gepackt und schleppte ihn nach dem Loche zu, aus welchem er hervorgesprungen war. Der n\u00e4chste Schu\u00df mu\u00dfte also nothwendig das Thier in das Gehirn treffen, denn eine jede andere, nicht augenblicklich t\u00f6dliche Wunde w\u00fcrde die rasende Wuth der furchtbaren Katze nur noch mehr gereizt haben. Rice folgte deshalb dem Thiere in ganz kurzer Entfernung, um den g\u00fcnstigsten Augenblick abzuwarten. Nachdem er einige Male vergeblich gezielt, glaubte er endlich diesen Augenblick gekommen zu sehen, feuerte ab und traf den Sch\u00e4del des Tigers, welcher sterbend \u00fcber sein Opfer hinrollte. Ein zweiter Schu\u00df t\u00f6dtete ihn vollends, und jubelnd befreite er jetzt seinen Freund von dem erdr\u00fcckenden Gewicht des Raubthiers.\nDie Treiber waren in der gr\u00f6\u00dften Aufregung. Bei dem ersten Angriffe waren sie unwillk\u00fcrlich zur\u00fcckgewichen, bald aber traten sie muthig herbei und baten den Lieutenant um Erlaubni\u00df, mit ihren Lanzen einen Angriff zu machen. Vor allen Anderen machte sich Elliots Diener durch seine Verzweiflung bemerklich. Er schrie laut auf, da\u00df sein Herr verloren sei und scho\u00df zu dessen gro\u00dfer Gefahr auf den Tiger. Zum Gl\u00fcck war Elliot nicht t\u00f6dlich verwundet; denn die Tatze des R\u00e4ubers, welche nach seinem Kopfe gezielt hatte, war an der B\u00fcchse abgeglitten, und der J\u00e4ger kam mit einer schrecklichen Armverletzung davon. Der Schlag war so heftig gewesen, da\u00df er den Kolben der B\u00fcchse tief eingefurcht und den Hahn derselben abgeplattet hatte! \u2014\nAu\u00dfer dieser Jagdart giebt es noch viele andere, zum Theil sehr eigenth\u00fcmliche, um sich des Raubthieres zu entledigen. Fallen aller Art werden gestellt, um den Tiger zu fangen; namentlich leisten die Fallgruben gute Dienste. Von vortrefflicher Wirkung ist auch das Feuer. Man z\u00fcndet n\u00e4mlich von Zeit zu Zeit die Hauptversteckpl\u00e4tze des Tigers an, zieht an der dem Feuer entgegengesetzten Seite starke Netze quervor und stellt dort in Zwischenr\u00e4umen auf erh\u00f6hten Ger\u00fcsten sichere Sch\u00fctzen auf. Kann man den Ort auskundschaften, an welchem ein Tiger seine Beute verzehrt hat, so errichtet man rasch in der N\u00e4he eine Schie\u00dfh\u00fctte und erlegt ihn, wenn er zur\u00fcckkommt, um den Rest seiner Beute zu verzehren.\nManche Jagdarten sind h\u00f6chst sonderbar und eigenth\u00fcmlich. So streut man auf einen h\u00e4ufig begangenen Wechsel des Tigers eine gro\u00dfe Menge von Bl\u00e4ttern, welche mit Vogelleim bestrichen find. Der Tiger erscheint, tritt auf die klebrigen Bl\u00e4tter und hat im n\u00e4chsten Augenblick eine Menge dieser unangenehmen Anh\u00e4ngsel an seinen F\u00fc\u00dfen. Dies reizt seinen Zorn; er versucht,'dieselben loszumachen, bewegt sich heftiger und leimt sich im gleichen Verh\u00e4ltni\u00df immer mehr Bl\u00e4tter an. Schlie\u00dflich wird er so w\u00fcthend, da\u00df er sich w\u00e4lzt, und nun ist er nat\u00fcrlich in sehr kurzer Frist vollkommen mit den widerw\u00e4rtigen Bl\u00e4ttern bedeckt. Dabei kommt es vor, da\u00df er sich auch die Augen und Ohren beklebt und geradezu unf\u00e4hig wird, sich nach Willk\u00fcr weiterzubewegen. Jetzt","page":231},{"file":"p0232.txt","language":"de","ocr_de":"232\tDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tiger.\nerhebt er ein furchtbares Gebr\u00fcll und ruft damit seine Gegner herbei, welche nun leichtes Spiel haben.\nEin sehr gef\u00e4hrlich scheinender, aber in Wahrheit ungef\u00e4hrlicher Iagdplan besteht auch in Folgendem: Man baut einen K\u00e4fig aus sehr starkem Bambus und stellt ihn auf den Wechsel des Tigers. In diesen K\u00e4fig verbirgt sich ein bewaffneter Mann und giebt sich somit selbst als K\u00f6der hin. Mit Anbruch der Nacht erscheint der Tiger und gewahrt nat\u00fcrlich sehr bald den Menschen, welcher seinerseits alle Mittel gebraucht, um ihn herbeizulocken, und klagt und jammert oder anderes Ger\u00e4usch hervorbringt. Die Sache n\u00e4her zu untersuchen, kommt der Tiger heran, sieht sein vermeintliches Opfer durch die St\u00e4be des Gitters und versucht jetzt, diese mit seinen Tatzen zu zerbrechen. Dabei mu\u00df er sich aber nothwendigerweise so stellen, da\u00df seine Brust nach dem Manne zugekehrt wird, und dieser benutzt den g\u00fcnstigen Augenblick, um ihm seine Lanze mit Macht in das Herz zu rennen. Da nun die Lanze, in einigen Gegenden wenigstens, vergiftet ist, wird das Raubthier fast regelm\u00e4\u00dfig mit dem ersten Sto\u00df erlegt.\nBei allen Jagden gebrauchen die Schikaris die Vorsicht, eine besondere Kleidung anzulegen. Durch langj\u00e4hrige Erfahrung hat man gesunden, da\u00df in den Tigergegenden kein Kleid bessere Dienste leistet, als ein den abgefallenen Bl\u00e4ttern in der F\u00e4rbung \u00e4hnelndes. Ein solches steht in so vollkommenem Einkl\u00e4nge mit der Umgebung, da\u00df der J\u00e4ger schon auf kurze Entfernung hin g\u00e4nzlich zu verschwinden scheint und auch dem scharfen Auge eines Tigers weit weniger sichtbar ist, als wenn er in grellen und von der Umgebung abstechend gef\u00e4rbten Kleidern in die Dschungeln dringen wollte.\nEs ist merkw\u00fcrdig, da\u00df ein so gewaltiges Thier, wie der Tiger, gew\u00f6hnlich auch einer leichten Verwundung erliegt. Ein angeschossener Tiger geht fast regelm\u00e4\u00dfig zu Grunde. Dabei wirken freilich noch andere Ursachen mit. In jtnen hei\u00dfen L\u00e4ndern ist das Heer der stechenden und blutsaugenden Kerbthiere selbstverst\u00e4ndlich ein weit gr\u00f6\u00dferes, als bei uns. Hunderte von Fliegen beeilen sich, ihre Eier an den R\u00e4ndern der Wunde abzulegen. Da entstehen denn schon am zweiten Tage die b\u00f6sartigsten Geschw\u00fcre. Es stellt sich Wundfieber ein, und das Thier geht zu Grunde, selbst wenn die Kugel keinen einzigen der edleren Theile getroffen hat. Die ge\u00fcbten J\u00e4ger sehen \u00fcbrigens augenblicklich, ob sie einen Tiger so verwundet haben, da\u00df er bald verendet, oder ob er blos leicht getroffen worden ist. Bei Sch\u00fcssen n\u00e4mlich, deren Kugel das Herz, die Lungen oder die Leber durchbohrt hat, streckt der fliehende Tiger beim Gehen gleichsam krampfhaft alle seine Klauen aus, und diese hinterlassen jetzt eine auch dem Unkundigen besonders auffallende F\u00e4hrte, w\u00e4hrend er, wenn er blos leicht verwundet wird, wie gew\u00f6hnlich auftritt d. h. gar keine F\u00e4hrte zur\u00fcckl\u00e4\u00dft. An den Blutspuren ist selten die Verwundung zu erkennen, ja in den meisten F\u00e4llen verlieren die durch die Brust geschossenen Tiger kaum einen Tropfen Blut. Das leicht aufliegende und verschiebbare Fell bedeckt bei den Bewegungen des Thieres die Wunde so vollst\u00e4ndig, da\u00df es den Austritt des Blutes verwehrt.\nDer Leichnam des Tigers soll, wie allgemein versichert wird, au\u00dferordentlich leicht in F\u00e4ulni\u00df \u00fcbergehen. Man h\u00fctet sich deshalb sorgf\u00e4ltig, einen erlegten Tiger den Strahlen der Sonne auszusetzen oder aus einen von ihr beschienenen, freien Platz zu legen. Schon nach wenigen Minuten, so behauptet man, gehen, wenn man diese Vorsicht verabs\u00e4umt, die Haare in gro\u00dfen Ballen aus, und bereits wenige Stunden nach dem Tode macht sich die vollst\u00e4ndigste F\u00e4ulni\u00df bemerklich. Jeder ge-t\u00f6dtete Tiger wird deshalb sogleich mit einem dichten Haufen von belaubten Zweigen bedeckt und sobald als m\u00f6glich abgestreift.\nDer Nutzen, welchen ein ge\u00fcbter Tigerj\u00e4ger aus seinen Jagden zieht, ist nicht unbedeutend. Ganz abgesehen von der Belohnung, welche dem gl\u00fccklichen Sch\u00fctzen wird, kann er fast alle Theile des Tigers verwerthen. Das Fleisch wird allerdings nicht gegessen, wie man in Anbetracht der Gewohnheiten vieler V\u00f6lker, welche alle erlegten wilden Katzen als gute Beute betrachten, vermuthen m\u00f6chte: wohl aber benutzt man das Fell, die Klauen, die Z\u00e4hne und das Fett. Das Fell wird mit irgend einem Gerbstoffe und Schutzmittel gegen die Kerbthiere getrocknet und wandert dann zumeist in die H\u00e4nde der Europ\u00e4er oder nach China. Es wird weniger gesch\u00e4tzt, als das Pantherfell","page":232},{"file":"p0233.txt","language":"de","ocr_de":"Verschiedene Jagdarten. Ertrag der Jagd. Fortpflanzung.\n233\nund entweder zu Pferde-, Sattel- oder Schlittendecken, in China aber zu Polstern verwendet. In Europa ist es in der Neuzeit ganz aus dem Gebrauch gekommen; dagegen sch\u00e4tzen es die Kirgisen hoch. Sie benutzen es zur Verzierung ihrer K\u00f6cher und bezahlen gew\u00f6hnlich ein Fell mit einem Pferde. Die Z\u00e4hne und Klauen aber gelten unter den Schikaris nicht blos als besonders werthvolle Siegeszeichen, sondern zugleich als Schutzbriefe oder Amulete gegen Tigeranf\u00e4lle in vollster W\u00fcrdigung des hom\u00f6opathischen Grundsatzes \u201eGleiches durch Gleiches zu heilen\". Auch die Zunge und Leber haben gro\u00dfen Werth. Diese Theile werden n\u00e4mlich von den Arzneik\u00fcnstlern Indiens unter mancherlei Schwindel, wie ihn die Heilkunde \u00fcberhaupt verlangt, zubereitet und dann als unfehlbares Mittel an die gl\u00e4ubigen Abnehmer theuer verhandelt. Das Fett gilt als das beste Mittel gegen gichterische Beschwerden und wird deshalb sorgf\u00e4ltig aufbewahrt. Bei der Hitze der bevorzugten Tigerl\u00e4nder w\u00fcrde dasselbe in kurzer Zeit ranzig werden und dann verderben, verst\u00e4nden die Ein-gebornen nicht, es nach ihrer Weise zu kl\u00e4ren und dann f\u00fcr mehrere Jahre zur Aufbewahrung geeignet zu machen. Sobald n\u00e4mlich ein get\u00f6dteter Tiger abgestreift wird, trennen die J\u00e4ger das Fett sorgf\u00e4ltig von dem Fleische und werfen es in besonders dazu bestimmte Flaschen, welche sie mit sich herumtragen. Diese setzen sie, nachdem sie verkorkt worden sind, einen vollen Tag der Sonnenhitze aus; und sobald der Inhalt einmal st\u00fcssig geworden ist, kann das Fett dann leicht gekl\u00e4rt und f\u00fcr sp\u00e4tere Zeiten aufbewahrt werden. Auch die Europ\u00e4er benutzen es, aber freilich zu anderen Zwecken; sie wenden es vorz\u00fcglich zum Einschmieren ihrer Gewehre an.\nDie Paarungszeit der Tiger ist verschieden nach den Klimaten der betreffenden L\u00e4nder, in welchen der Tiger lebt. Sie tritt regelm\u00e4\u00dfig etwa ein Vierteljahr vor Beginn des Fr\u00fchlings ein. W\u00e4hrend dieser Zeit h\u00f6rt man mehr als sonst das eigenth\u00fcmlich dumpfe Gebr\u00fcll des Tigers, welches am besten durch die Silben \u201eHa-ub\" ausgedr\u00fcckt werden kann. Nicht selten finden sich dann auch mehrere m\u00e4nnliche Tiger bei einem Weibchen ein, obgleich behauptet wird, da\u00df im Ganzen die Tigerinnen h\u00e4ufiger seien, als die Tiger. Man schreibt Dies den K\u00e4mpfen zu, welche die m\u00e4nnlichen Tiger unter einander f\u00fchren, eben gerade w\u00e4hrend der Paarungszeit. Etwa 100 Tage nach der Begattung wirft die Tigerin zwei bis drei Junge an einem unzug\u00e4nglichen Orte zwischen Bambus oder Schilf, am liebsten unter der dichten und schattigen Laube einer Korintha. Die Thierchen sind, wenn sie zur Welt kommen, halb so gro\u00df wie eine Hauskatze und nach Art aller jungen Katzen ganz reizende Gesch\u00f6pfe. In den ersten Wochen verl\u00e4\u00dft die Mutter ihre geliebten Kleinen nur, wenn sie den nagendsten Hunger f\u00fchlt. Sobald sie aber etwas gr\u00f6\u00dfer geworden sind und auch nach fester Nahrung verlangen, streift sie weit umher und wird dann doppelt gef\u00e4hrlich. Der Tiger bek\u00fcmmert sich gar nicht um seine Brut, unterst\u00fctzt jedoch die Alte bei etwaigen K\u00e4mpfen f\u00fcr dieselbe. Nicht selten gelingt es, die jungen Tiger zu rauben. Dann h\u00f6rt man das rasende Gebr\u00fcll der Alten mehrere N\u00e4chte hindurch erschallen, und sie erscheint tollk\u00fchn in der N\u00e4he der D\u00f6rfer und Wohn-pl\u00e4tze, in denen sie ihre Nachkommenschaft vermuthet. Findet sie die Spur der R\u00e4uber, so sucht sie dieselben auf, und nun hei\u00dft es auf der Hut sein, weil die gereizte Mutter dann gar keine Gefahr mehr kennt und sich tolldreist aus die R\u00e4uber ihrer Kinder st\u00fcrzt. Gew\u00f6hnlich leiten die Jungen ihre Mutter durch ihr Geschrei selbst auf die rechte Spur.\nZwei junge Tiger, welche von den Eingebornen einem englischen Kapit\u00e4n gebracht wurden, heultend so laut und anhaltend, da\u00df nicht blos die Alte, sondern auch ein m\u00e4nnlicher Tiger dadurch herbeigelockt wurden. Beide beantworteten nun das Geschrei der Jungen mit dem f\u00fcrchterlichsten Gebr\u00fclle. Aus Besorgni\u00df vor einem Ueberfall lie\u00df der Engl\u00e4nder die kleinen Tiger frei und bemerkte am folgenden Morgen, da\u00df sie von den alten geholt und in das nahe Geb\u00fcsch gebracht worden waren. Wie h\u00e4ufig junge Tiger gefangen werden m\u00fcssen, sieht man am besten daraus, da\u00df nicht nur alle Thierg\u00e4rten, sondern auch fast alle Thierschaubuden Tiger besitzen; denn man mu\u00df hierbei bedenken, da\u00df gerade in der Gefangenschaft sehr viele dieser sch\u00f6nen Thiere zu Grunde gehen.\nJung eingefangene und verst\u00e4ndig behandelte Tiger werden sehr zahm, zeigen sich aber niemals so zutraulich und t\u00fcckelos, wie L\u00f6wen unter \u00e4hnlichen Umst\u00e4nden. Man hat es in neuester Zeit sehr","page":233},{"file":"p0234.txt","language":"de","ocr_de":"234\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tiger. Nebelparder.\nweit in der Z\u00e4hmung des Tigers gebracht; sehr h\u00e4ufig wagen die Thierb\u00e4ndiger, selbst zu ihnen in den K\u00e4fig zu gehen und allerlei Spiele oder sogenannte Kunstst\u00fccke mit ihnen zu treiben. Allein eine gef\u00e4hrliche Sache bleibt das immer. Als echte Katze zeigt der Tiger an Diejenigen, welche ihm schmeicheln, eine gewisse Anh\u00e4nglichkeit und erwiedert auch wohl Liebkosungen oder l\u00e4\u00dft sie sich wenigstens gefallen: doch bleibt seine Freundschaft stets zweifelhaft, und wohl blos solange, als er die Herrschaft des Menschen anerkennt, l\u00e4\u00dft er sich von diesem mancherlei anthun, was seiner eigentlichen Natur zuwider ist. Volles Vertrauen verdient er nie. \u2014 Die beiden sch\u00f6nen Tiger unseres Thiergartens begr\u00fc\u00dfen mich durch ein eigenth\u00fcmliches Schnauben, sobald ich mich zeige, und lecken mir z\u00e4rtlich die Hand; dennoch darf ich mich niemals verleiten lassen, die ihnen gegen\u00fcber n\u00f6thige Vorsicht zu vergessen: es liegen hierf\u00fcr zu viele warnende Thatsachen vor. Ein jung aufgezogener Tiger in Batavia, welcher aus seinem K\u00e4fig entkam und entflohen war, t\u00f6dtete sofort ein Pferd, obgleich er sich den Menschen und Thieren bisher als sehr freundlich gesinnt gezeigt hatte. Er mu\u00dfte erschossen werden. Von anderen, welche im K\u00e4fig sich befanden, erfuhr man leider nur zu h\u00e4ufig Beweise ihrer Unb\u00e4ndigkeit und Grausamkeit, und mehr als ein Thierw\u00e4rter oder neugieriger Beschauer hat durch den Tiger sogar hier in Europa sein Leben eingeb\u00fc\u00dft.\nDagegen sind auch Beispiele bekannt, da\u00df zahme Tiger gro\u00dfe Anh\u00e4nglichkeit an ihre W\u00e4rter bewiesen. Ein junger Tiger, welcher einstmals nach England gebracht wurde, hatte w\u00e4hrend der Reise in den Schiffszimmermann einen Freund gefunden, der ihn pflegte und wartete, aber, wenn er sich ungeb\u00fchrlich bezeigte, auch z\u00fcchtigte. In Anerkennung des Erster\u00bb lie\u00df sich der Tiger das Letztere wie ein Hund gefallen, und als sein Pfleger ihn nach zwei Jahren wiedersah, erkannte er ihn nicht nur sogleich, sondern legte so gro\u00dfe Freude an den Tag, da\u00df der Zimmermann zu ihm in den K\u00e4fig ging, wo er mit Schmeicheleien aller Art empfangen wurde. Erst nach drei Stunden gelang es ihm, von seinem \u00fcberz\u00e4rtlichen Freunde wieder loszukommen.\nAuch an Hunde gew\u00f6hnt sich der gefangene Tiger, und man kennt ebenso wie bei dem L\u00f6wen Beispiele, da\u00df einer oder der andere einen Hund, der zu ihm in den K\u00e4fig geworfen wurde, pl\u00f6tzlich in Gnaden aufnahm und sp\u00e4ter sogar z\u00e4rtlich lieben lernte.\nAlt gefangene Tiger werden niemals zahm.\nBisweilen pflanzt sich der Tiger selbst in der Gefangenschaft fort, und man kennt Beispiele, da\u00df er sich mit dem L\u00f6wen begattet und Blendlinge zur Welt gebracht hat, welche zwischen beiden in der Mitte stehen, immer aber die Streifen des Tigers tragen.\nDie indischen F\u00fcrsten scheinen noch vor wenigen Jahrhunderten die Kunst verstanden zu haben, Tiger vollkommen zu z\u00e4hmen, ja sogar zur Jagd abzurichten. \u201eDer Khan der Tartarei,\" sagt Marco Polo, \u201ehatte in seiner eroberten Stadt Kambalu viele Leoparden und Luchse, womit er jagte, desgleichen viele L\u00f6wen, welche gr\u00f6\u00dfer sind, als die von Babylon, sch\u00f6ne Haare haben und sch\u00f6ne Farben, n\u00e4mlich wei\u00dfe, schwarze und rothe Striemen, und brauchbar sind, wilde Schweine, Ochsen, wilde Esel, B\u00e4ren, Hirsche, Rehe und viele andere Thiere zu fangen. Es ist wunderbar anzuschauen, wenn ein L\u00f6we dergleichen Thiere f\u00e4ngt, mit welcher Wuth und Schnelligkeit er es ausf\u00fchrt. - Der Khan l\u00e4\u00dft sie in K\u00e4figen auf Karren f\u00fchren neben einem H\u00fcndlein, an da\u00df sie sich gew\u00f6hnen. Man mu\u00df sie in K\u00e4figen f\u00fchren, weil sie sonst gar zu w\u00fcthend dem Wilde nachlaufen, soda\u00df man sie nicht halten k\u00f6nnte. Auch mu\u00df man sie gegen den Wind bringen, weil sonst das Wild sie riechen und fliehen w\u00fcrde. Der gro\u00dfe Khan hat auch Adler, welche Rehe, F\u00fcchse, W\u00f6lfe und Dammhirsche fangen, und gebraucht oft zu einer einzigen Jagd 10,000 Menschen, 500 Hunde und eine Menge Falken. Er reitet abwechselnd auf zehn Elefanten und hat im Walde eine H\u00fctte von pr\u00e4chtig ausgearbeitetem Holze, inwendig mit Goldt\u00fcchern, auswendig mit L\u00f6wenh\u00e4uten bedeckt. Seine J\u00e4ger, Aerzte und Sternkundigen tragen Kleider mit Hermelin und Zobel, wovon ein Kleid 2000 Goldgulden kostet.\"\nDie indischen F\u00fcrsten lassen die gefangenen Tiger zuweilen auch mit anderen starken Thieren k\u00e4mpfen, namentlich mit Elefanten. Tachard sah einem solchen Kampf in Siam. In eine Um-","page":234},{"file":"p0235.txt","language":"de","ocr_de":"Gefangenleben. Z\u00e4hmung. Tigerk\u00e4mpfe mit- Elefanten.\n235\nz\u00e4unung von Pfahlwerk f\u00fchrte man drei Elefanten, denen der Kopf mit einer Art Panzer bedeckt war. Der Tiger befand sich bereits dort, wurde aber noch an zwei Seilen gehalten. Er geh\u00f6rte nicht zu den gr\u00f6\u00dften und suchte sich, als er den Elefanten sah, zu dr\u00fccken, bekam aber von ihm sofort einige Schl\u00e4ge mit dem R\u00fcssel auf den R\u00fccken, da\u00df er umst\u00fcrzte und einige Zeit wie todt liegen blieb. Als man ihn jedoch losgebunden hatte, sprang er auf, br\u00fcllte f\u00fcrchterlich nnd wollte sich nach dem R\u00fcssel des Elefanten st\u00fcrzen. Diesen hob der Riese aber in die H\u00f6he und gab dem Tiger einen Sto\u00df mit den Hauern, da\u00df er hoch emporgeschleudert wurde und nun keinen Angriff mehr wagte, sondern an den Pf\u00e4hlen hinlief und daran hinaufsprang gegen die Zuschauer. Zuletzt trieb man alle drei Elefanten gegen ihn, und sie versetzten ihm derartige Schl\u00e4ge, da\u00df er wieder einmal wie todt liegen blieb und sie nachher vermied. H\u00e4tte man den Kampf nicht beendet, so w\u00fcrden ihn die erbosten Dickh\u00e4uter wahrscheinlich todtgeschlagen haben. So geschah es wenigstens in Paris, wo man einmal dem persischen Gesandten ein \u00e4hnliches Vergn\u00fcgen bereiten wollte.\nMan sagt, da\u00df der Elefant verloren w\u00e4re, wenn es dem Tiger gel\u00e4nge, ihn am R\u00fcssel fest zu fassen; doch soll sich der kluge Riese sehr in Acht nehmen, dieses wichtige Werkzeug in Gefahr zu bringen. Ungeachtet des Bewu\u00dftseins seiner St\u00e4rke l\u00e4\u00dft der wildlebende Elefant einen Tiger im Freien ungeschoren, ja er flieht sogar vor ihm, und das Gleiche thut das Nashorn, von dessen Freundschaft mit dem Tiger man fr\u00fcher vielerlei fabelte.\nDie Alten lernten den Tiger erst sehr sp\u00e4t kennen. In der heiligen Schrift scheint er gar nicht vorzukommen, und auch die Griechen wissen noch sehr wenig von ihm. Nearch, der Feldherr Alexanders, hat zwar ein Tigerfell gesehen, nicht aber das Thier selbst, von dem er durch die Inder erfahren hat, da\u00df es so gro\u00df, wie das st\u00e4rkste Pferd sei und an Schnelligkeit und Kraft alle \u00fcbrigen Gesch\u00f6pfe \u00fcbertreffe. Erst Strabo spricht etwas ausf\u00fchrlicher von ihm. Den R\u00f6mern war der Tiger bis zu Varro's Zeiten vollkommen unbekannt; als sie jedoch ihr Reich bis zu den Parthern ausdehnten, lieferten diese auch Tiger und brachten sie nach Rom. Plinius schreibt, da\u00df zuerst Scaurus im Jahr 743 der Stadt einen gez\u00e4hmten Tiger im K\u00e4fig gezeigt habe. Claudius besa\u00df vier. Sp\u00e4ter kamen die Thiere \u00f6fter nach Rom, und Heliogabalus spannte sie sogar vor seinen Wagen, um den Bachus vorzustellen. Avitus endlich lie\u00df in einem Schauspiele ihrer f\u00fcnf tobten, was fr\u00fcher nie gesehen worden war. \u2014\nDer K\u00f6nigstiger ist unter den Katzen eine ebenso vereinzelte Erscheinung, wie der L\u00f6we, und hat nicht einmal einen entfernten Verwandten, wie dieser in dem Puma. In der fr\u00fcheren Sch\u00f6pfung gab es allerdings mehr unzweifelhafte Tigerarten, von denen diejenige, welche am h\u00e4ufigsten gefunden wird, der H\u00f6hlentiger n\u00e4nflich, das mittlere Europa bewohnte. Gegenw\u00e4rtig giebt es nur noch eine Katze, welche ihm entfernt \u00e4hnelt. Dies ist der\nNebelparder oder Rimau Dahan (Tigris macroscelis). Der lang gestreckte Rumpf mit den kr\u00e4ftigen, niedrigen Beinen, der kleine, sehr stumpfe Kopf mit den gerundeten Ohren und der lange, weiche Pelz \u00e4hneln noch am meisten dem K\u00f6nigstiger. Das Thier ist aber nicht nur bei weitem kleiner, als dieser, sondern auch durch die auffallend niederen Beine und den k\u00f6rperlangen Schwanz unterschieden. Die Grundfarbe seines Pelzes ist ein ins Aschgraue oder Br\u00e4unlichgraue, bisweilen auch ins Gelbliche oder R\u00f6thliche ziehendes Wei\u00dfgrau, welches an den Untertheilen ins Lohfarbene spielt. Das Haar ist lang und wunderbar fein. Kopf, F\u00fc\u00dfe und Unterleib sind mit vollen, schwarzen, rundlichen oder gekr\u00fcmmten Flecken und Streifen gezeichnet. Beiderseits des Halses verlaufen drei unregelm\u00e4\u00dfige L\u00e4ngsbinden. Auf dem R\u00fccken ziehen sich zwei \u00e4hnliche hinab. Die Mundr\u00e4nder sind schwarz ges\u00e4umt, die Ohren au\u00dfen schwarz mit grauen Flecken. Schm\u00e4lere Binden finden sich auch an den Seiten des Kopfes. Auf der Schulter, den Leibesseiten und H\u00fcften liegen unregelm\u00e4\u00dfig, winklig ges\u00e4umte schwarze Flecken, ebenso auch auf dem Schw\u00e4nze. Die L\u00e4nge des Leibes betr\u00e4gt 3 Fu\u00df, des Schwanzes 24/2 Fu\u00df.\nBis noch vor wenigen Jahren war der Nebelparder ebenso selten in den Museen, als in den","page":235},{"file":"p0236.txt","language":"de","ocr_de":"236\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Nebelparder. Jaguar.\nThierg\u00e4rten, und erst seit einiger Zeit sieht man ihn in den gr\u00f6\u00dferen Anstalten, doch noch immer sehr einzeln. Die Eingebornen Sumatras, in deren Lande diese Katze am h\u00e4ufigsten lebt, versichern, da\u00df sie nichts weniger -ls wild sei und sich blos von kleineren S\u00e4ugethieren und V\u00f6geln n\u00e4hre. Unter die Letzteren m\u00fcssen freilich auch die Haush\u00fchner gerechnet werden, denen der Rimau Dahan oft / gro\u00dfen Schaden zuf\u00fcgt. Dieser eigenth\u00fcmliche Landname deutet, wie man sagt, auf das Baumleben des Nebelparder hin. Es wird behauptet, da\u00df er den gr\u00f6\u00dften Theil seines Lebens auf den Zweigen der B\u00e4ume verbringe, dort auf seine Beute laure und als geschickter Kletterer sie haupts\u00e4chlich in dem Ge\u00e4st und Gezweige verfolge. Weder in Siam noch in Borneo soll er h\u00e4ufig sein, und die s\u00fcdlichen Theile von Sumatra sind noch diejenigen Orte, wo er am meisten sich aufh\u00e4lt.\nDer Nebelparder oder Rimau Dahan (Tigris macroscclis).\nAllem Anscheine nach ist der Nebelparder ein so gem\u00fcthlicher Gesell, als dies ein Mitglied des Katzengeschlechts nur immer sein kann. Hinsichtlich seiner Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke, welche nahezu der des Leoparden gleichkommt, ist er auffallend mild in seinem Wesen. Zwei St\u00fcck, welche Raffles besa\u00df, waren au\u00dferordentlich behagliche Thiere und zeigten besonders viel Lust zum Spielen. Ihre langen Schw\u00e4nze, welche sie ganz nach Art unserer Hauskatzen zu bewegen und als Dolmetscher ihrer Seelenstimmung zu gebrauchen verstanden, bildeten den Hauptgegenstand ihrer gegenseitigen Belustigung. Au\u00dferdem waren aber auch rollende oder schnell sich bewegende Sachen f\u00fcr sie Dinge, werth ihrer h\u00f6chsten Theilnahme. Man konnte sie streicheln und liebkosen, ohne bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, irgend welche Unbill von ihnen zu erleiden. Sie erwiederten die Freundlichkeit, welche man ihnen spendete. Auch befreundeten sie sich mit anderen Thieren, und einer von ihnen schlo\u00df, als er sich am sichern Bord des Schiffes befand, innige Freundschaft mit einem kleinen Hunde, seinem Mitreisenden, und","page":236},{"file":"p0237.txt","language":"de","ocr_de":"Gestalt und Wesen des Nebelparders. Beschreibung des Jaguar.\t237\n\u00fcbte seine Spiellust an diesem kleinen Gef\u00e4hrten in h\u00f6chst r\u00fccksichtsvoller Weise aus, indem er \u00e4ngstlich besorgt war, ihm durch seine bedeutende St\u00e4rke nicht zu schaden. W\u00e4hrend er im Schisse war, bestand seine haupts\u00e4chlichste Nahrung in H\u00fchnern, und niemals verfehlte er es, seine Fertigkeiten zu zeigen, wenn man ihm ein Huhn hinhielt. Vor dem Verspeisen st\u00fcrzte er sich jedesmal nach echter Katzenart mit einem pl\u00f6tzlichen Sprunge auf das Huhn hin, gerade als wenn es lebend gewesen w\u00e4re, bi\u00df es in den Hals und versuchte, das Blut zu saugen. Manchmal spielte er stundenlang mit dem Vogel, gerade so, wie es die Katzen mit M\u00e4usen zu thun psiegen, und erst, nachdem er sich eine geraume Zeit mit ihm vergn\u00fcgt gemacht hatte, ging er an das Fressen.\nEin sehr sch\u00f6ner und gesunder Nebelparder befindet sich gegenw\u00e4rtig in dem Thiergarten zu London und ist best\u00e4ndig ein Gegenstand der Anziehung und Theilnahme f\u00fcr alle Beschauer. Ich sah ihn dort in diesem Fr\u00fchjahre (1863). Er ist ein pr\u00e4chtiges, zahmes, liebensw\u00fcrdiges Thier, mit welchem der W\u00e4rter umgeht, wie mit einer gutm\u00fcthigen Hauskatze. Nur im Gepard noch kenne ich eine ihm geistig verwandte Katze. \u2014 Auf einem dicken Zweige, welcher in seinem K\u00e4sig aufgestellt ist, nimmt er die allersonderbarsten und zum Theil sehr unbequeme Stellungen ein. Einmal sah man ihn seiner vollen L\u00e4nge nach auf einem fast wagrechten Zweige liegen, alle. vier Beine zu den Seiten des Astes herabh\u00e4ngend, wie man Dies niemals von einer andern Katze gesehen hat.\nDie sch\u00f6nsten Mitglieder der sch\u00f6nen Katzenfamilie sind diejenigen Arten, deren F\u00e4rbung sich durch ges\u00e4umte, d. h. ringf\u00f6rmig einen Hof umschlie\u00dfende, oder durch volle Flecken auszeichnet. Man gab ihnen den Namen nach ihrem buntesten und am l\u00e4ngsten bekannten Mitgliede, dem Leopard oder Pardel, und dieser Name gen\u00fcgt bei dessen Allbekanntschaft allein schon zur Bezeichnung der ganzen Familie.\nAlle Pardelkatzen (Leopardus) sind gro\u00dfe oder mittelgro\u00dfe Katzen mit kurzhaarigem, sehr buntem Fell, ohne M\u00e4hne, Quasten und Pinsel an irgend einer Stelle, mit kurzen Ohren und sch\u00f6nen, gro\u00dfen und leuchtenden Augen, deren Stern rund ist. Die Flecken stehen gew\u00f6hnlich rosettenartig zusammen, \u00e4ndern aber selbst bei den einzelnen Arten vielfach in Stellung und Gestalt ab und verwandeln sich bei anderen in l\u00e4ngliche Streifen. Die Pardel bewohnen die alte und die neue Welt und sind ziemlich zahlreich vertreten. In ihrem Leben, Lebensverh\u00e4ltnissen und ihren Sitten stimmen sie im wesentlichen mit einander \u00fcberein; gleichwohl hat fast jede Art ihr Eigenth\u00fcmliches, und deshalb macht sich eine Einzelbeschreibung der ausgezeichnetsten Mitglieder dieser Gruppe nothwendig.\nc\nUnter ihnen steht das gef\u00fcrchtetste aller Raubthiere der neuen Welt, der Jaguar oder die Unze (Leopardus Onza), obenan.\nEr ist der gr\u00f6\u00dfte und st\u00e4rkste der ganzen Gruppe, zugleich aber auch einer der sch\u00f6nstgezeichneten. Wir kennen ihn schon aus den ersten Nachrichten, welche uns \u00fcber Amerika zugekommen sind; doch hat auch jetzt noch immer fast jeder Reisende Etwas \u00fcber ihn zu berichten. Da\u00df bei den Beschreibungen auch viele Fabeln untergelaufen sind, ist leicht erkl\u00e4rlich. Sie beweisen eben nur die Furchtbarkeit, oder besser noch das Ansehen, in welchem das Thier bei den einheimischen und eingewanderten Amerikanern steht. Durch Azara, Humboldt, Prinz von Wied und vor Allem durch Rengger sind wir mit dem Thiere genau bekannt geworden, und eine Bschreibung desselben ist daher sehr leicht; man braucht eben nur die Worte dieser ausgezeichneten Gelehrten wiederzugeben. Dies ist denn auch hier geschehen.\nDer Jaguar steht hinsichtlich seiner Gr\u00f6\u00dfe kaum hinter dem Tiger zur\u00fcck und \u00fcbertrifft somit alle \u00fcbrigen Mitglieder der Familie, selbstverst\u00e4ndlich noch mit Ausnahme des L\u00f6wen. Seine Gestalt zeigt mehr den Ausdruck von Kraft, als von Gewandtheit; denn das Thier erscheint etwas schwerf\u00e4llig. Der K\u00f6rper ist nicht so lang, wie der des Leoparden oder Tigers, und die Gliedma\u00dfen sind im Verh\u00e4ltni\u00df zum Rumpfe k\u00fcrzer, als bei jenen Katzen. Ein vollkommen erwachsener","page":237},{"file":"p0238.txt","language":"de","ocr_de":"238\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Jaguar.\nJaguar mi\u00dft nach Rengger 4 Fu\u00df 7 Zoll von der Schnauzenspitze bis zur Schwanzwurzel und 2 Fu\u00df 2 Zoll von da bis zur Schwanzspitze; Humboldt berichtet aber auch von einzelnen, welche mindestens ebensogro\u00df wie der K\u00f6nigstiger waren. Am Widerrist wird die Unze etwa 2^ Fu\u00df hoch, etwas dar\u00fcber oder darunter. Der Pelz ist kurz, dicht, gl\u00e4nzend und weich, und an der Kehle, dem Untertheile des Halses, der Brust und dem Bauche etwas l\u00e4nger, als an dem \u00fcbrigen K\u00f6rper. Die Pelz-f\u00e4rbung \u00e4ndert vielfach ab, ebensowohl was die Grundfarbe, als was die Fleckenzeichnung anbelangt. Bei den meisten ist jene r\u00f6thlichgelb, ausgenommen im Innern des Ohres, an der untern Schnauze, den Kinnladen, der Kehle und der \u00fcbrigen Unterseite, sowie an der Innenseite der vier Beine, wo sie wei\u00df ist. Das ganze Fell ist theils mit kleineren, schwarzen, kreisf\u00f6rmigen, l\u00e4nglich oder auch unregel-\nDer Jaguar oder die Unze (Leopardus Onza).\nm\u00e4\u00dfig gestalteten Flecken, theils mit gr\u00f6\u00dferen Flecken und Ringen besetzt, welche gelblichroth und schwarz umrandet sind und in ihrer Mitte einen oder zwei schwarze Punkte tragen. Die vollen Flecken befinden sich besonders am Kopfe, am Halse, an der Unterseite des Leibes und an den Gliedma\u00dfen. Sie sind da, wo die Grundfarbe die wei\u00dfe ist, sp\u00e4rlicher, aber gr\u00f6\u00dfer und unregelm\u00e4\u00dfiger, als an den \u00fcbrigen Theilen, und bilden zuweilen an der innern Seite der Beine Querstreifen. Auch an der hintern K\u00f6rperh\u00e4lfte sind sie gr\u00f6\u00dfer, als an der vordem, und am hintern Drittheile des Schwanzes, welches schwarz ist, bilden sie zwei bis drei volle Ringe. Bei allen Ab\u00e4nderungen findet sich immer ein schwarzer Flecken an jedem Mundwinkel und ein anderer mit einem wei\u00dfen oder gelben Punkte in der Mitte an dem hintern Theile des Ohres. Auf dem R\u00fccken stie\u00dfen die unregelm\u00e4\u00dfigen Streifen,","page":238},{"file":"p0239.txt","language":"de","ocr_de":"Aufenthalt. Nahrung und Jagdweise.\n239\nwelche sich auf dem Kreuze entzweitheilten, zusammen; an den Seiten des K\u00f6rpers bilden sie Reihen, welche mehr oder minder gleichlaufend sind. Etwas Genaueres l\u00e4\u00dft sich nicht sagen: denn man findet kaum zwei oder drei Felle, welche durchaus gleichm\u00e4\u00dfig gezeichn/t sind. Der weibliche Jaguar ist im allgemeinen von etwas bl\u00e4sserer Farbe, als der m\u00e4nnliche, und hat auch weniger ringf\u00f6rmige Flecken am Halse und auf den Schultern, daf\u00fcr aber mehr und deshalb nat\u00fcrlich kleinere an den Seiten des Leibes.\nDer Name Jaguar stammt aus der Sprache der Guaraner, welche das Thier \u201eJaguarette\" d. h. \u201eK\u00f6rper des Hundes\" nennen. Die Spanier nennen ihn Tiger und die Portugiesen gemalte Onze oder Unze; und unter diesem Namen wird er auch oft von den Reisebeschreibern erw\u00e4hnt. Seine Heimat besitzt eine gro\u00dfe Ausdehnung; denn sie reicht von Buenos-Ayres und Paraguay durch ganz S\u00fcdamerika bis nach Mejiko und in den s\u00fcdwestlichen Theil der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Am h\u00e4ufigsten findet er sich in den gem\u00e4\u00dfigten Theilen von S\u00fcdamerika, l\u00e4ngs der Str\u00f6me Panama, Paraguay und Uruguay, am seltensten in den Vereinigten Staaten, wo ihn der vordringende Wei\u00dfe mehr und mehr verdr\u00e4ngt. Gegenw\u00e4rtig ist er \u00fcberall weit seltener, als er es fr\u00fcher war, auch schon weit seltener, als zu Ende des vorigen Jahrhunderts, um welche Zeit, wie Humboldt angiebt, allj\u00e4hrlich noch zweitausend Jaguarfelle nach Europa gesandt wurden. Er bewohnt die bewaldeten Ufer der Str\u00f6me, Fl\u00fcsse und B\u00e4che, den Saum der Waldungen, welche nahe an S\u00fcmpfen liegen, und das Moorland, wo \u00fcber sechs Fu\u00df hohe Gras- und Schilfarten wachsen. Auf offenem Feld und im Innern der gro\u00dfen W\u00e4lder zeigt er sich selten und nur, wenn er aus einer Gegend in die andere zieht. Er hat kein bestimmtes Lager und gr\u00e4bt sich keine H\u00f6hlen. Wo ihn die Sonne \u00fcberrascht, legt er sich nieder, im Dickicht des Waldes oder im hohen Grase, und verweilt dort den Tag \u00fcber. In.den gr\u00f6\u00dferen Steppen, zumal in den Pampas von Buenos-Ayres, wo ihm die W\u00e4lder mangeln, verbirgt er sich, wie Azara sagt, im hohen Grase oder in den unterirdischen H\u00f6hlen, welche die dort sich herumtreibenden wilden oder verwilderten Hunde anlegen; wo er W\u00e4lder hat, zieht er diese jedem andern Aufenthaltsorte vor. In der Morgen- und Abendd\u00e4mmerung, oder auch bei hellem Mond- und Sternenschein geht er auf Raub aus, nie aber in der Mitte des Tages oder bei sehr dunkler Nacht.\nAlle gr\u00f6\u00dferen Wirbelthiere, deren er habhaft werden kann, bilden die Nahrung des Jaguars. Er ist ein in jeder Hinsicht furchtbarer R\u00e4uber. So plump sein Gang auch erscheint, so leicht und geschwind wei\u00df er sich im Falle der Noth zu bewegen. Seine Kraft ist f\u00fcr ein Thier von seinem W\u00fcchse au\u00dferordentlich gro\u00df; sie kann nur mit der des Tigers und des L\u00f6wen verglichen werden. Die Sinne sind scharf und gleichm\u00e4\u00dfig ausgebildet; das unst\u00e4te Auge, welches in der Nacht oft leuchtet, ist lebendig und wild und sieht sehr scharf in der D\u00e4mmerung: es wird nur vom hellen Sonnenschein geblendet; das Geh\u00f6r ist vortrefflich, der Geruch aber, wie bei allen Katzen, nicht eben besonders: doch vermag er immerhin noch eine Beute auf gewisse Entfernung zu wittern. So ist er leiblich vollkommen ausger\u00fcstet, um als \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrliches Raubthier auftreten zu k\u00f6nnen. Er verschm\u00e4ht blos das Fleisch seiner eigenen Art; Dies glaubt man wenigstens annehmen zu d\u00fcrfen, weil Jaguare, die in der Gefangenschaft gehalten wurden und weder Katzen- noch Hundefleisch liegen lie\u00dfen, niemals das.Fleisch eines get\u00f6dteten Jaguars verzehren wollten. Das ist aber auch die einzige Ausnahme, welche er macht! Azara fand im Kothe des Thieres die Stacheln eines Stachelschweins; Rengger im Magen Theile von Ratten und Agutis, woraus hervorgeht, da\u00df er auch auf kleinere Thiere Jagd machen mu\u00df. Ebenso beschleicht er im Schilfe Sumpfv\u00f6gel und wei\u00df Fische sehr gewandt aus dem Waffer zu ziehen. Ja, es ist wiederholt behauptet worden, da\u00df er sogar den Kaiman nicht verschone, wenn auch Hamiltons Erz\u00e4hlung von diesen beiden Thieren als ein albernes M\u00e4rchen angesehen werden mu\u00df. Dieser Reisende n\u00e4mlich berichtet Folgendes: \u201eDer Jaguar und Alligator sind Todfeinde und leben im best\u00e4ndigen Kriege mit einander. Wenn der Jaguar den Alligator auf den hei\u00dfen Sandb\u00e4nken schlafend antrifft, packt er ihn unterhalb des Schwanzes, wo er weiche und verwundbare Theile hat. Die Best\u00fcrzung des Alligators ist dann so gro\u00df, da\u00df er nicht leicht an","page":239},{"file":"p0240.txt","language":"de","ocr_de":"240\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Jaguar.\nFlucht oder Gegenwehr denkt; gelingt es aber dem Alligator, den Feind im Wasser, seinem eigentlichen Elemente, zu \u00fcberfallen, so ist er im Vortheile; gew\u00f6hnlich gl\u00fcckt es ihm dann, den Jaguar zu ers\u00e4ufen, worauf er ihn fri\u00dft. Der Jaguar, seine Ohnmacht im Wasser wohl erkennend, erhebt, wenn er dnrch einen Flu\u00df schwimmen will, zuvor am User ein f\u00fcrchterliches Geheul, um die etwa in der N\u00e4he befindlichen Alligatoren zn verscheuchen.\" Man braucht eben nicht Naturforscher zu sein, um die Abgeschmacktheit solcher Erz\u00e4hlungen zu erkennen und sie ohne weiteres zu widerlegen. Da\u00df die Unze \u00fcbrigens Lurche verzehrt, ist nach den Beobachtungen Humboldts und des Prinzen von Wied nicht in Zweifel zu ziehen. \u201eDer Jaguar,\" sagt Ersterer, \u201eder grausamste Feind der Arrua-Schild-kr\u00f6te, folgt dieser an die Gestade, wo sie ihre Eier legt. Er \u00fcberf\u00e4llt sie auf dem Sande und, um sie desto bequemer verzehren zu k\u00f6nnen, wendet er dieselbe um. Die Schildkr\u00f6te kann sich nicht wieder aufrichten, und weil der Jaguar ungleich mehr derselben mordet, als er in einer Nacht fri\u00dft, so benutzen die Indianer \u00f6fters seine List zu ihrem Vortheil. Man kann \u00fcbrigens die Gewandtheit der Pfote des Tigers nicht genug bewundern, die den gedoppelten Panzer der Schildkr\u00f6te ausleert, als w\u00e4ren die Muskularbande mit einem chirurgischen Instrumente gel\u00f6st worden.\" \u201eDie rein ausgeleerten Panzer der Waldschildkr\u00f6te findet man,\" so erz\u00e4hlt der Prinz von Wied, \u201eh\u00e4ufig in den gro\u00dfen W\u00e4ldern, und die brasilianischen J\u00e4ger wenigstens behaupten, da\u00df es die Unze gethan habe.\nOesters waren diese Schalen der Schildkr\u00f6te ausgeleert, wahrscheinlich mit den Klauen, und dabei \u00fcbrigens nicht besch\u00e4digt, \u00f6fters aber ein Theil des Panzers weggebissen.\"\n\u201eF\u00fcr einen ge\u00fcbten J\u00e4ger,\" sagt Rengger, \u201eist es nichts Seltenes, den Jaguar auf seinen Jagden beobachten zu k\u00f6nnen, besonders l\u00e4ngs der Str\u00f6me. Man sieht ihn dann langsam und leisen Schrittes nach dem User heranschleichen, wo er von Zeit zu Zeit den gr\u00f6\u00dferen Halbhufern oder Meerschweinchen und den Fischottern nachstellt. Von Zeit zu Zeit bleibt er wie horchend stehen und sieht aufmerksam um sich; niemals aber konnte ich bemerken, da\u00df er, durch den Geruch geleitet, mit zur Erde gestreckte Nase die Spur eines Wildes verfolgt h\u00e4tte. Hat er z. B. ein Meerschweinchen bemerkt, so ist es unglaublich, mit welcher Geduld und Umsicht er sich demselben zu n\u00e4hern sucht. Wie eine Schlange windet er sich auf dem Boden hin, h\u00e4lt sich dann wieder Minuten lang ruhig, um die Stelle seines Opfers zu beobachten, und macht oft weite Umwege, um derselben von einer andern Seite, wo er weniger bemerkt werden kann, beizukommen. Ist es ihm gelungen, sich ungesehen dem Wilde zu n\u00e4hern, so pringt er in einem, selten in zwei S\u00e4tzen auf dasselbe hin, dr\u00fcckt es zu Boden, rei\u00dft ihm den Hals auf und tr\u00e4gt das noch im Todeskampfe sich str\u00e4ubende Thier im Munde in das Dickicht. Oesters aber verr\u00e4th ihn das Knistern der unter seinem Gewichte brechenden d\u00fcrren Reiser, ein Ger\u00e4usch, auf welches auch die Fischer achten, wenn sie Abends am Ufer des Stromes ihr Nachtlager aufschlagen, oder die Meerschweinchen wittern ihn schon von ferne und st\u00fcrzen sich mit einem lauten Schrei ins Wasser. Man will aber schon Jaguare gesehen haben, welche hinter den Thieren her ins Wasser sprangen und sie im Augenblicke des Untertauchens erhaschten. Hat er seinen Sprung auf das Wild verfehlt, so geht er sogleich und wie besch\u00e4mt schnellen Schrittes weiter, ohne sich nur umzusehen. Im Augenblicke, wo er ein Thier beschleicht, ist seine Aufmerksamkeit sosehr auf dasselbe gerichtet, da\u00df er nicht achtet, was um ihn her vorgeht und sogar starkes Ger\u00e4usch nicht wahrnimmt. Kann er sich dem Wilde nicht n\u00e4hern, ohne bemerkt zu werden, so legt er sich im Geb\u00fcsch auf die Lauer. Seine \u00abStellung ist alsdann die einer Katze, welche auf eine Maus pa\u00dft, niedergeduckt, doch zum Sprunge fertig, das Auge unverwandt nach dem Gegenst\u00e4nde seiner Raubgier gerichtet und nur den ausgestreckten Schwanz hin und wieder bewegend. Aber nicht immer geht der Jaguar dem Wilde nach, oft versteckt er sich blos in das R\u00f6hricht der S\u00fcmpfe und am Ufer kleinerer B\u00e4che und erwartet hier ruhig die zur Tr\u00e4nke gehenden Thiere. Aus B\u00e4umen lauert er niemals, obgleich er sehr gut klettert.\"\nIn Viehherden richten die Jaguare oft bedeutenden Schaden an. Sie stellen besonders dem jungen Hornvieh, den Pferden und Mauleseln nach. Azara behauptet, da\u00df er diese Thiere in ganz au\u00dfergew\u00f6hnlicher Weise tobte, indem er auf den Hals seiner Beute springe, eine Klaue in den Nacken","page":240},{"file":"p0241.txt","language":"de","ocr_de":"Jagdweise des Jaguar. Bettler an seiner Tafel.\n241\noder an das Geh\u00f6rn setze, mit der andern die Spitze der Schnauze packe und den Kopf jetzt so schnell herumdrehe, da\u00df er dem Thiere in einem Augenblicke das Genick breche. Rengger hat Dies nie beobachtet und auch bei todten Thieren keine Spur davon auffinden k\u00f6nnen. \u201eIm Gegentheil habe ich immer bemerkt,\" f\u00e4hrt er fort, \u201eda\u00df der Jaguar seiner Beute, wenn sie in einem gro\u00dfen Thiere besteht, den Hals aufrei\u00dft oder, wenn sie nur ein kleines Thier ist, durch einen Bi\u00df im Nacken tobtet. Stiere und Ochsen greift er selten und nur in der Noth an; sie gehen muthvoll auf ihn los und verscheuchen ihn. In Paraguay h\u00f6rt man zuweilen sonderbare Erz\u00e4hlungen von solchen K\u00e4mpfen, und mehrmals sollen Menschen durch den Muth eines Stieres gerettet worden sein. Die K\u00fche sogar vertheidigen ihr Junges mit Vortheil gegen den schlimmen Feind, werden aber dabei immer schwer verwundet. Da\u00df sie bei dessen Ann\u00e4herung sich in einen Kreis stellten und die Jungen in die Mitte n\u00e4hmen, wie hier und da erz\u00e4hlt wird, ist ein M\u00e4rchen; die ganze Herde zieht sich im Gegentheil sogleich ins offene Feld zur\u00fcck, wenn ihr ein Jaguar naht, und blos die Stiere und Ochsen bleiben unter Gebr\u00fcll, mit ihren H\u00f6rnern und F\u00fc\u00dfen die Erde auswerfend, kampflustig in der N\u00e4he des Feindes. Pferde und Maulesel werden ihm zur leichten Beute, wenn sie sich den W\u00e4ldern n\u00e4hern. Die ersteren suchen sich noch hier und da durch die Flucht zu retten, die Maulesel aber werden durch den Mosen Anblick des Thieres so geschreckt, da\u00df sie ohne Bewegung bleiben oder gar zu Boden st\u00fcrzen, ehe sie noch angefallen werden. Dagegen haben sie einen weit feinern Geruch, als die Pferde, wittern den Feind bei g\u00fcnstigem Wetter von weitem und setzen sich somit weniger der Gefahr aus. Blos Hengste sollen sich durch Bei\u00dfen und Schlagen gegen den Jaguar vertheidigen, wenn sie nicht schon durch den ersten Sprung zu Boden geworfen werden.\"\nDer Jaguar erhascht seine Beute ebensowohl im Wasser, wie auf dem Lande. Man hat viel gefabelt \u00fcber die Art und Weise, wie er sich Fische zu verschaffen wei\u00df. So soll er z. B. diese Thiere durch den Schaum 'seines Speichels oder, indem er mit seinem Schw\u00e4nze aus die Oberfl\u00e4che des Wassers schl\u00e4gt, an sich heranlocken. \u201eEin verst\u00e4ndiger J\u00e4ger aber,\" sagt Rengger, \u201edem ich manche gute Beobachtungen und manchen guten Rath f\u00fcr meine Reisen verdanke, belehrte mich eines Bessern, und eigne Beobachtungen best\u00e4tigten mir sp\u00e4ter die Wahrheit seiner Aussage. Als ich an einem schw\u00fclen Sommerabend von der Entenjagd in meinem Nachen nach Hause fuhr, bemerkte mein Begleiter, ein Indianer, am Ufer des Stromes einen Jaguar. Wir n\u00e4herten uns demselben und versteckten uns hinter die \u00fcberh\u00e4ngenden Weidenb\u00e4ume, um sein Treiben zu beobachten. Zusammengekauert sa\u00df er an einem Vorsprunge des Ufers, wo das Waffer einen etwas schnellern Lauf hatte, dem gew\u00f6hnlichen Aufenthalt eines Raubfisches, welcher im Lande \u201eDorado\" hei\u00dft. Unverwandt richtete er seinen Blick aufs Wasser, Indern er sich hin und wieder vorw\u00e4rts bog, wie wenn er in die Tiefe sp\u00e4hen wollte. Etwa nach einer Viertelstunde sah ich ihn pl\u00f6tzlich mit der Pfote einen Schlag ins Wasser geben und einen gro\u00dfen Fisch ans Land werfen. Er sischt also ganz auf gleiche Art, wie die Hauskatze.\"\nHat der Jaguar ein kleines Thier erlegt, so zehrt er dasselbe mit Haut und Knochen sogleich auf; von gro\u00dfer Beute aber, wie von Pferden, Rindern und dergl. fri\u00dft er blos einen Theil, ohne Vorliebe f\u00fcr dieses oder jenes St\u00fcck des K\u00f6rpers zu zeigen; nur die Eingeweide ber\u00fchrt er alsdann nicht. Nach der Mahlzeit zieht er sich in den Wald zur\u00fcck, entfernt sich aber in der Regel nicht weiter, als eine Viertelstunde von der Stelle, wo er fra\u00df, und \u00fcberl\u00e4\u00dft sich dann dem Schlafe. Des Abends oder des andern Morgens kehrt er zu seiner Beute zur\u00fcck, zehrt zum zweiten Male davon und \u00fcberl\u00e4\u00dft dann den Rest den Geiern. Diese machen ihm, wie Humboldt beobachtete, auch schon w\u00e4hrend seiner Mahlzeiten seine Beute streitig. \u201eUnweit San Fernando,\" berichtet dieser ausgezeichnete Reisende, \u201esahen wir den gr\u00f6\u00dften Jaguar, der uns auf unserer ganzen Reise vorkam. Das Thier lag im Schatten hingestreckt und st\u00fctzte eine seiner Tatzen aus ein eben erlegtes Wasserschwein. Eine Menge Geier hatten sich um diesen amerikanischen Thierk\u00f6nig versammelt, um, wenn derselbe Etwas von seiner Mahlzeit \u00fcbrig lie\u00dfe, solches zu verzehren. Sie n\u00e4herten sich dem Jaguar wohl bis auf zwei Fu\u00df; aber die mindeste Bewegung desselben schreckte sie stets wieder zur\u00fcck. Das\nBrehm. Thierleben.\t16","page":241},{"file":"p0242.txt","language":"de","ocr_de":"242\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Jaguar.\nPl\u00e4tschern unserer Ruder bewog ihn, langsam aufzustehen und sich in die Geb\u00fcsche zur\u00fcckzuziehen. Die Geier benutzten den Augenblick, um das Wasserschwein zu verzehren, allein der Tiger sprang mitten unter sie und trug seine Mahlzeit z\u00fcrnenden Blickes in den Wald.\"\nMehr als zweimal fri\u00dft nach Renggers Angabe kein Jaguar von einem get\u00f6dteten Thiere, und noch weniger w\u00fcrde er ein Aas ber\u00fchren. Einige kehren, nachdem sie sich ges\u00e4ttigt haben, nicht einmal wieder zu ihrem Raube zur\u00fcck. Dies sind gew\u00f6hnlich die wildesten, welche zugleich schon \u00f6fters gejagt worden sind. Hat der Jaguar seinen Fang in einiger Entfernung vom Walde gemacht, so schleppt er das erlegte Thier, es mag auch noch so schwer sein, dem Geb\u00fcsche zu. Unter Umst\u00e4nden tr\u00e4gt er selbst eine sehr schwere Beute sogar \u00fcber einen Flu\u00df hinweg. Nahe bei Azara's Wohnung t\u00f6dtete ein Jaguar ein Pferd, schleppte dasselbe sechzig Schritte \u00fcber einen Brachacker hinweg, sprang dann mit ihm in einen tiefen und rei\u00dfenden Flu\u00df und brachte es auf der andern Seite im Walde in Sicherheit. Andere Reisende haben beobachtet, da\u00df der Jaguar von zwei zusammengekoppelten Mauleseln oder Pferden eines get\u00f6dtet und das todte Thier trotz dem Str\u00e4uben des lebenden eine gro\u00dfe Strecke Wegs fortgeschleppt hat. Niemals tobtet die Unze mehr als ein St\u00fcck Vieh aus einmal und unterscheidet sich hierdurch sehr zu ihrem Vortheile von anderen gr\u00f6\u00dferen Katzenarten. Wahrscheinlich ist der Grund darin zu suchen, da\u00df sie das Fleisch dem blosen Blute vorzieht.\nEin Jaguar, welcher den Menschen nicht kennen gelernt hat, weicht ihm, wenn er ihm begegnet, stets ehrfurchtsvoll aus, oder sieht ihn neugierig, aber blos aus der Ferne an. \u201eNicht selten,\" sagt Rengger, \u201estie\u00dfen wir w\u00e4hrend unserer Reise in die Wildni\u00df in das n\u00f6rdliche Paraguay auf eine oder mehrere Unzen, welche entweder in das Dickicht des Waldes flohen oder sich am Saume niedersetzten und unsern Zug ganz kaltbl\u00fctig von weitem betrachteten. Es ist auch ohne Beispiel, da\u00df in den unbewohnten Waldungen, wo das Paraguaykraut gesammelt wird, ein Mensch von einem Jaguar zerrissen-worden ist. Diejenigen Unzen aber, welche sich in bewohnten Gegenden oder an Fl\u00fcssen, wo viel Schifffahrt getrieben wird, aufhalten, verlieren gar bald die Scheu vor dem Menschen und greifen auch ihn an; hat ein Jaguar einmal Menschenfleisch gekostet, so wird ihm dies zur liebsten Speise, und nun f\u00e4llt er nicht nur den Menschen an, wenn er von ungef\u00e4hr auf den Menschen st\u00f6\u00dft, sondern er sucht ihn sogar gierig auf. Man hat j\u00e4hrlich der Beispiele genug, da\u00df unvorsichtige Schiffer von diesen Thieren zerrissen werden. Der allgemeinen Sage nach sollen sie sich sogar des Nachts auf die an das Ufer angebundenen Fahrzeuge gewagt und aufgeh\u00e4ngtes Fleisch oder Hunde weggeschleppt, ja selbst Matrosen t\u00f6dlich verwundet haben; gew\u00f6hnlich aber b\u00fc\u00dfen die Menschen nur durch Unvorsichtigkeit ihr Leben ein: die Vorsichtigen wissen sich regelm\u00e4\u00dfig zu retten. So laufen die Besuche, welche die Raubthiere den Fischern abstatten, w\u00e4hrend sie bei widrigem Wind ihre Abendmahlzeit bereiten, gew\u00f6hnlich unblutig ab, weil sich die Schiffer beim geringsten Ger\u00e4usch an Bord fl\u00fcchten. Sie \u00fcberlassen dem Jaguar das am Feuer bratende Fleisch, und dieser nimmt damit gew\u00f6hnlich auch gern vorlieb. Da\u00df er das Feuer keineswegs scheut, ist ganz sicher.\"\nAzara behauptet, da\u00df der Jaguar, wenn er einen Trupp schlafender Menschen antr\u00e4fe, erst die Neger oder die Indianer und nur nachher die Wei\u00dfen tobte. Dies ist, wie Rengger berichtet, ein Irrthum. Der Jaguar mordet, gleich wie bei den Thieren, nie mehr als einen Menschen auf einmal, wenn er sich n\u00e4mlich nicht vertheidigen mu\u00df. Soviel aber ist richtig, da\u00df er vorzugsweise den Neger, Mulatten oder Indianer anf\u00e4llt und den Farbigen dem Wei\u00dfen vorzieht. Dies geht so weit, da\u00df sich in Paraguay ein Wei\u00dfer, der unter freiem Himmel an einem gef\u00e4hrlichen Orte die Nacht zubringen mu\u00df, f\u00fcr ganz sicher h\u00e4lt, wenn er Schwarze oder Indianer zu Begleitern hat. Wahrscheinlich hat die starkriechende Hautausd\u00fcnstung der farbigen Menschen etwas Anziehendes f\u00fcr ihn, wie f\u00fcr manche andere Raubthiere. Man erz\u00e4hlt in Paraguay, da\u00df Menschen, welche am Tage unversehens auf einen Jaguar gesto\u00dfen sind, denselben im Augenblicke seines Sprunges durch einen lauten Zuruf oder durch unverwandtes und starres Anschauen zur\u00fcckgeschreckt h\u00e4tten; wahrscheinlich aber sind diese Jaguare, falls die Sache \u00fcberhaupt wahr ist, solche gewesen, welche noch kein Menschenfleisch gekostet oder sich eben vorher ordentlich satt gefressen hatten.","page":242},{"file":"p0243.txt","language":"de","ocr_de":"Angriffe auf Menschen. Streifz\u00fcge.\n243\nUeLrigens scheinen die Unzen manchmal auch ihre besonders gute Laune zu haben. \u201eIn Altures,\" erz\u00e4hlt Humboldt, \u201eh\u00f6rten wir einen eigenen Zug von einem Jaguar: Zwei Kinder, ein Knabe und ein M\u00e4dchen, von acht und neun Jahren hatten nahe beim Dorfe gespielt. Ein Jaguar war aus dem Walde zu ihnen gekommen und war um sie herumgeh\u00fcpft. Nach l\u00e4ngerem Hin- und Herh\u00fcpfen schlug er mit der einen Klaue den Knaben auf den Kopf, erst sanft, dann derber, so da\u00df das Blut in Masse ausstr\u00f6mte. Da das M\u00e4dchen Dies sah, ergriff sie einen Baumast, schlug damit auf das Thier ein und brachte es so zur Flucht. Der Knabe hatte noch die Narben von den Wunden.\" Es scheint, als habe hier der Jaguar mit den Kindern, wie die Katze mit den M\u00e4usen gespielt. Die Schw\u00e4che der Kinder hatte ihm wohl die Vertraulichkeit eingefl\u00f6\u00dft.\nAehnliche F\u00e4lle d\u00fcrften jedoch au\u00dferordentlich selten sein. In der Ebene von Maynas verstreicht nach P\u00f6ppig kein Jahr ohne Verlust eines Menschenlebens. Die Unzen kommen bei Hellem Tage in die Ortschaften, um Hunde zu holen, welche ihre Lieblingsspeise bilden. Besonders ber\u00fcchtigt ist der Weg durch die dicken W\u00e4lder von Sapuosa bis Moyobamba, indem auf ihm innerhalb eines Menschenalters gegen zwanzig Indianer zerrissen worden sind, welche man als Fu\u00dfboten versandt hatte. In einem dort gelegenen Meierhofe durften sich die Bewohner nach Sonnenuntergang gar nicht mehr aus den H\u00fctten wagen, und kurz vor P\u00f6ppigs Ankunft war ein Knabe lebensgef\u00e4hrlich i verwundet worden, welcher sich zu nahe an den starken Pfahlzaun des Hauses gelegt und deshalb eine Unze veranla\u00dft hatte, ihre Tatze durch die Zwischenr\u00e4ume zu stecken und ihm ein gro\u00dfes St\u00fcck Fleisch aus dem Schenkel zu rei\u00dfen. Einer von Schomburgks Indianern trug auf seiner Brust noch die Narben, welche ihm die Z\u00e4hne eines Jaguars verursacht hatten, der ihn, als er noch Knabe war, an [ der Brust gepackt und fortgeschleppt, aber doch wieder losgelassen hatte, als seine Mutter mit dem - Wildmesser auf ihn losgest\u00fcrzt war. In den Urw\u00e4ldern am Ufer der peruanischen Anden wohnt nach Tschudi die Unze am liebsten in der N\u00e4he der D\u00f6rfer und umkreist sie alln\u00e4chtlich, entf\u00fchrt auch Hunde, Schweine und nicht selten Menschen. Weit entfernt, sich vor den letztern zu f\u00fcrchten, st\u00fcrzt sie sich auf Einzelne und dringt, wenn dev Hunger sie treibt, selbst bei Tage in die Waldd\u00f6rfer.\nDie Furcht der Indianer vor dem gef\u00e4hrlichen R\u00e4uber ist im allgemeinen sehr gro\u00df; doch ist es vorgekommen, da\u00df ein Indianer, welcher in der Nacht sein einziges Schwein kl\u00e4glich schreien h\u00f6rte, hinausging, und wie er da eine Unze sah, die sein Eigenthum bei dem Kopfe gepackt hatte, seinerseits \u25a0 die Hinterf\u00fc\u00dfe des Schweins ergriff und solange an diesen zog, bis die Weiber mit Feuerbr\u00e4nden herbeieilten und den Jaguar vertrieben, der sich nun langsam und unter f\u00fcrchterlichem Gebr\u00fcll zur\u00fcckzog. \u2014 Von dieser Unversch\u00e4mtheit im Jagen k\u00f6nnte man noch weit mehr erz\u00e4hlen; doch scheinen mir die mitgetheilten Beispiele vollkommen zu gen\u00fcgen.\nDer Jaguar bleibt an ein und demselben Aufenthaltsorte, solange er dort Etwas erbeuten kann und nicht gar zu sehr beunruhigt wird. Wird ihm die Nahrung knapp oder die Verfolgung Seitens der Menschen zu arg, so verl\u00e4\u00dft er die Gegend und zieht in eine andere. Seine Wanderungen f\u00fchrt er w\u00e4hrend der Nachtzeit aus. Er scheut sich dabei nicht, durch die bev\u00f6lkertsten Gegenden zu streifen, und raubt bei einzelnstehenden H\u00fctten Hunde und Pferde weg, ohne sich viel um den Menschen zu k\u00fcmmern. Besonders die alten Jaguare n\u00e4hern sich gern den Wohnungen, weil sie erfahrungsm\u00e4\u00dfig wissen, da\u00df sie dort leichter Nahrung finden, als in der Wildni\u00df. Auf seinen Wanderungen oder auch auf der Flucht h\u00e4lt den Jaguar selbst der breiteste Strom nicht auf. Er ist, wie Rengger versichert, ein trefflicher Schwimmer und hebt dabei den Kopf und das ganze R\u00fcckgrat \u00fcber die Oberfl\u00e4che des Wassers empor, so da\u00df man ihn schon aus der Ferne von jedem andern schwimmenden Thiere unterscheiden kann. Fast schnurgerade setzt er \u00fcber den bei anderthalb Stunden breiten Parana. Wenn er aus dem Wasser steigt, sieht er sich zuerst um, sch\u00fcttelt dann den ganzen Leib und nachher jede Pfote f\u00fcr sich und setzt erst hierauf seinen Weg weiter fort.\nMan sollte glauben, ein schwimmender Jaguar w\u00e4re leicht zu tobten, aber auch im Wasser ist er noch furchtbar. Nur gewandte Kahnf\u00fchrer getrauen sich, ihn anzugreifen; denn sowie er sich verfolgt sieht oder gar verwundet f\u00fchlt, wendet er sich sogleich gegen den Nachen. Gelingt es ihm, eine Kralle","page":243},{"file":"p0244.txt","language":"de","ocr_de":"244\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Jaguar.\nan den Rand desselben zu setzen, so schwingt er sich an Bord und f\u00e4llt \u00fcber die J\u00e4ger her. \u201eIch war,\" sagte Rengger, \u201eim Jahre 1819 kurz nach meiner Ankunft in Assuncion Augenzeuge eines zum Gl\u00fcck blos l\u00e4cherlichen Auftritts bei einer solchen Jagd. Es kam ein Jaguar vom jenseitigen Ufer des Stromes dahergeschwommen. Drei Schisfsleute, Ausl\u00e4nder, sprangen, trotz der Warnung eines Paraguayers, mit einer geladenen Flinte in ihren Nachen und ruderten dem Thiere entgegen. In einer Entfernung von f\u00fcnf bis sechs Fu\u00df feuerte der vorderste die Flinte auf den Jaguar ab und verwundete ihn. Dieser aber ergriff, ehe sich's die Schiffer versahen, den Rand des Nachens und stieg trotz aller Ruder- und Kolbeuschl\u00e4ge an Bord. Nun blieb den Schiffsleuten Nichts \u00fcbrig, als ins Wasser zu springen und sich ans Land zu retten. Der Jaguar setzte sich im Kahn nieder und lie\u00df sich wohlgemuth stromabw\u00e4rts treiben, bis er, von einigen anderen J\u00e4gern verfolgt, seinerseits ins Wasser sprang und das nahe Ufer gewann.\"\n\u201eDas j\u00e4hrliche Anschwellen der Str\u00f6me und Fl\u00fcsse,\" f\u00e4hrt Rengger fort, \u201evertreibt die Jaguare von den Inseln und den mit Wald bewachsenen Ufern, so da\u00df sie sich zu dieser Zeit mehr den bewohnten Gegenden n\u00e4hern und Schaden unter Menschen und Vieh anrichten. Sind die Ueber-schwemmungen gro\u00df, so ist es nicht selten, einen Jaguar mitten in einer am hohen Ufer gelegenen Stadt oder in einem Dorfe zu sehen. In Villa-Real wurde im Jahre 1819 einer gelobtet, in der Hauptstadt im Jahre 1820 ein anderer, zwei in Villa del Pilaren Corrientes, Goya, Vajada wird fast alle vier bis f\u00fcnf Jahre einer erschossen. Als wir bei hohem Wasserstande im Jahre 1825 in St. Fe landeten, erz\u00e4hlte man uns, da\u00df vor wenigen Tagen ein Franziskanerm\u00f6nch, als er eben die Fr\u00fchmesse lesen wollte, unter der Th\u00fcr der Sakristei von einem Jaguar zerrissen worden sei. Es geschieht \u00fcbrigens nicht immer ein Ungl\u00fcck, wenn ein solches Raubthier sich in eine Stadt verirrt; denn das Gebell der verfolgenden Hunde und der Zulauf von Menschen verwirren dasselbe so sehr, da\u00df es sich zu verbergen sucht.\"\nDie Wunden, welche der Jaguar beibringt, sind immer h\u00f6chst gef\u00e4hrlich, nicht nur ihrer Gr\u00f6\u00dfe, sondern auch ihrer Art wegen. Weder seine Z\u00e4hne, noch seine Klauen sind sehr spitz und scharf, und so mu\u00df bei jeder Wunde Quetschung und Zerrei\u00dfung zugleich stattfinden. Von solchen Verwundungen aber ist in jenen hei\u00dfen L\u00e4ndern und bei dem g\u00e4nzlichen Mangel an \u00e4rztlicher Hilfe der Starrkrampf die gew\u00f6hnliche Folge. Was f\u00fcr Wunden ein Jaguar durch einen einzigen Griff mit der Tatze versetzen kann, mag man aus Folgendem sehen. Ein Indianer jagt am Ufer des Stromes; er begegnet einem Jaguar, wirft seine Lanze nach ihm, verfehlt ihn und st\u00fcrzt sich dann kopf\u00fcber ins Wasser; im Augenblicke des Sprunges aber hat ihm das Thier schon eine Tatze auf den Kopf gesetzt und skalpirt ihm den ganzen obern Theil des Sch\u00e4dels, da\u00df der Hautlappen in den Nacken herabh\u00e4ngt \u2014 und doch besitzt der Indianer noch Kraft genug, um \u00fcber den breiten Strom zu schwimmen. Von einer andern f\u00fcrchterlichen Verwundung erz\u00e4hlt Schomburgk. Ein Neger war in Begleitung eines Indianers und drei seiner Hunde auf die Jagd gegangen. Da trieben die letzteren einen Jaguar aus seinem Lager auf, jagten ihn auf einen halb entwurzelten Baum und verbellten ihn dort. Der Neger n\u00e4hert sich auf achtzehn Schritte, feuert ab, trifft aber nicht t\u00f6dlich. Mit zwei Spr\u00fcngen hat ihn der Jaguar erreicht und die Tatzen in seine Schultern geschlagen. In diesem grausigen Augenblicke mochte der ungl\u00fcckliche Waidmann unwillk\u00fcrlich in den Rachen des blutgierigen Raubthieres gefahren sein; denn, als er wieder zur Besinnung kam, lag die r\u00f6chelnde Katze und seine Hand neben ihm. Der Indianer war ihm zu Hilfe geeilt und hatte dem Jaguar sein langes Waidmesser durch das Herz gesto\u00dfen, ohne jedoch verhindern zu k\u00f6nnen, da\u00df dieser dem schon mit dem Tode k\u00e4mpfenden Neger noch das ganze Fleisch der Schultern herabri\u00df.\nDen gr\u00f6\u00dften Theil des Jahres lebt der Jaguar, nach Renggers Beobachtungen, allein; in den Monaten August und September aber, wo die Begattungszeit eintritt, suchen sich beide Geschlechter auf. \u201eSie lassen dann \u00f6fter, als in jeder andern Jahreszeit, ihr Gebr\u00fcll ert\u00f6nen, welches ein f\u00fcnf-bis sechsmal wiederholtes \u201eHu\" ist und wohl eine halbe Stunde weit vernommen wird. Sonst vergehen oft Tage, ohne da\u00df man die Stimme eines Jaguars h\u00f6rt, besonders wenn keine Wetter-","page":244},{"file":"p0245.txt","language":"de","ocr_de":"Fortpflanzung. Gefangenleben.\n245\nVer\u00e4nderung eintritt. Hat aber der Nordwind mehrere Wochen geweht, dann k\u00fcndigen die Jaguare durch ihr oft halbe N\u00e4chte fortdauerndes Gebr\u00fcll den baldigen Eintritt des S\u00fcdwindes an. Die Paraguayer, welche bei Aenderung des Wetters viel an Gichtschmerzen leiden, glauben, da\u00df Dies auch bei dem Jaguar dasselbe sei und sein Geschrei durch \u00e4hnliche Schmerzen erpre\u00dft werde.\"\n\u201eTreffen sich zur Begattungszeit mehrere M\u00e4nnchen bei einem Weibchen, so ensteht hier und da ein Kampf zwischen ihnen, obwohl sich der schw\u00e4chere Theil gew\u00f6hnlich von selbst zur\u00fcckzieht. Die Begattung geschieht unter fortw\u00e4hrendem eigenen Geschrei und wahrscheinlich nach l\u00e4ngerem Str\u00e4uben des Weibchens, indem man an der Stelle, wo sich zwei Jaguare begattet haben, immer das Gras und das niedere Geb\u00fcsch einige hundert Fu\u00df ins Gevierte theils zur Erde gedr\u00fcckt, theils ausgerauft findet. Die beiden Geschlechter bleiben nicht lange beisammen, h\u00f6chstens vier bis f\u00fcnf Wochen, und trennen sich dann wieder. W\u00e4hrend dieser Zeit sind sie f\u00fcr den Menschen sehr gef\u00e4hrlich. Obschon sie nicht mit einander aus den Raub ausgehen, bleiben sie sich doch den ganzen Tag \u00fcber nahe und helfen sich in der Gefahr. So wurde einer der besten J\u00e4ger in Entrerios durch ein aus dem Busche hervorspringendes M\u00e4nnchen zerrissen im Augenblicke, wo er am Saume des Waldes das Weibchen niederstie\u00df.\"\n\u201eDie Tragzeit des Jaguars kenne ich nicht bestimmt; jedoch nach der Begattungszeit und der Zeit, in welcher man schon Junge findet, mag sie von 3 bis 31/2 Monate sein. Das Weibchen wirft gew\u00f6hnlich zwei der Sage nach blinde Junge, selten drei, und zwar im undurchdringlichsten Dickicht des Waldes oder in einer Grube unter einem halbentwurzelten Baume. Die Mutter entfernt sich in den ersten Tagen nie weit von ihren Jungen und schleppt sie, sobald sie dieselben nicht sicher glaubt, im Maule in ein anderes Lager. Ueberhaupt scheint ihre Mutterliebe sehr gro\u00df zu sein, und sie vertheidigt die Jungen.anit einer Art von Wuth und soll stundenweit den R\u00e4uber derselben br\u00fcllend verfolgen. Nach ungef\u00e4hr sechs Wochen wird sie schon von der jungen Brut auf ihren Streifereien begleitet. Anfangs bleibt diese im Dickicht versteckt, w\u00e4hrend die Mutter jagt, sp\u00e4ter aber legt sie sich in Gesellschaft mit ihr auf die Lauer. Sind die Jungen zu der Gr\u00f6\u00dfe eines gew\u00f6hnlichen H\u00fchnerhundes herangewachsen, so werden sie von ihrer Mutter verlassen, bleiben aber oft noch einige Zeit bei einander.\" \u2014\nIn Paraguay und l\u00e4ngs des Parana zieht man nicht selten junge Jaguare in H\u00e4usern auf. Dazu m\u00fcssen sie aber als S\u00e4uglinge eingefangen sein, sonst sind sie nicht mehr zu b\u00e4ndigen. In der F\u00e4rbung unterscheiden sich ganz junge Thiere von den alten; doch schon im siebenten Monate sind sie denselben gleich. Rengger zog seine Jaguare mit Milch und gekochtem Fleisch auf. Pflanzenkost vertragen sie nicht lange, rohes Fleisch aber macht sie bald b\u00f6sartig. Sie spielen mit jungen Hunden und Katzen, besonders gern aber mit h\u00f6lzernen Kugeln. Ihre Bewegungen sind leicht und lebhaft. Sie lernen ihren W\u00e4rter sehr gut kennen, suchen ihn sogar auf und bezeugen bei seinem Wiedersehen ihre Freude. Jeder Gegenstand, welcher sich bewegt, zieht ihre Aufmerksamkeit aus sich. Sogleich ducken sie sich nieder, bewegen ihren Schwanz und machen sich zum Sprunge fertig. Wenn sie Hunger und Durst oder Langeweile haben, lassen sie einen eigenen miauenden Ton h\u00f6ren, doch blos, solange sie noch jung sind; denn von den Alten vernimmt man ihn nicht mehr. Beim Fressen knurren sie, besonders wenn sich Jemand ihnen n\u00e4hert; Dies mu\u00df man aber auch nicht thun, um das Thier nicht wild zu machen. Niemals h\u00f6rt man sie in der Gefangenschaft br\u00fcllen. An Wasser darf man sie nicht Mangel leiden lassen. Zum Fressen legen sie sich nieder, halten mit beiden Tatzen das Fleisch, biegen den Kopf auf die Seite, um auch die Backenz\u00e4hne gebrauchen zu k\u00f6nnen, und kauen nach und nach St\u00fccken davon ab. Nicht starke Knochen fressen sie, von gro\u00dfen dagegen blos die Gelenke. Nach der Mahlzeit legt sich der zahme Jaguar gern in den Schatten und schl\u00e4ft, und hat er sich satt gefressen, so erz\u00fcrnt er sich nicht so leicht, und man kann dann mit ihm spielen; auch Hausthiere und Hausgefl\u00fcgel, welches ihm sonst nicht nahen darf, kann dann unbeschadet an ihm vorbeigehen. Man h\u00e4lt die gefangenen Jaguare niemals in einem K\u00e4fig, sondern blos an einem ledernen Seil im Haushose oder auch vor dem Hause unter einem Pomeranzenbaum. Nie f\u00e4llt es ihnen ein, am Seile zu","page":245},{"file":"p0246.txt","language":"de","ocr_de":"246\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Jaguar.\nnagen. Ihr Athem hat, wie bei fast allen Raubthieren, einen \u00fcblen Geruch, ebenso das frische Fell, das Fleisch und das Fett, der Harn und der Koth. Der Geruch des Fettes ist so durchdringend, da\u00df man F\u00fcchse, Meerschweinchen und andere Thiere vertreiben kann, wenn man nur einige B\u00e4ume in deren Wohnkreise damit bestreicht. Auch selbst muthige Pferde springen scheu zur\u00fcck, wenn man ihnen solches Fett unter die N\u00fcstern h\u00e4lt. Schon ganz junge Jaguare haben scharfe und spitze Z\u00e4hne; im ersten Jahre werden dieselben gewechselt, nach zwei bis drei Jahren haben sie ihre ganze Gr\u00f6\u00dfe erreicht. Sobald die Unzen ihre Kraft f\u00fchlen, gegen das dritte Jahr hin und noch fr\u00fcher, ermangeln sie nicht, zum Schaden ihres Herrn von ihren Z\u00e4hnen Gebrauch zu machen. Vergebens werden ihnen die Eck- und Schneidez\u00e4hne bis auf die Wurzel abgefeilt und die Klauen von Zeit zu Zeit beschnitten, sie k\u00f6nnen verm\u00f6ge ihrer ungeheuern Kraft auch ohne Waffen Ungl\u00fcck stiften. So sah Rengger einen ganz zahmen und in dieser Weise verst\u00fcmmelten Jaguar, auf welchen sich die Kinder des Hauses ohne Scheu zu setzen pflegten, seine sonst geliebte W\u00e4rterin, ein zehnj\u00e4hriges Negerm\u00e4dchen, in einem Anfalle von b\u00f6ser Laune mit einem Schlage der Tatze in den Nacken zu Boden werfen und \u00fcber sie herfallen. Obwohl ihm das Kind sogleich entrissen wurde, hatte er mit seiner zahnlosen Kinnlade doch schon einen Arm ganz zerquetscht, und es dauerte mehrere Stunden, bis das M\u00e4dchen wieder zu sich kam. Die Weibchen sind etwas z\u00e4hmbarer, als die M\u00e4nnchen, ^nb wenn man den letzteren durch Beschneidung einen Theil ihrer Wildheit zu nehmen sucht, werden sie fast noch t\u00fcckischer, als vorher, gehen auch, weil sie sehr fett werden, gew\u00f6hnlich nach kurzer Zeit zu Grunde. Solange der Jaguar noch jung ist, kann man ihn durch Schl\u00e4ge b\u00e4ndigen; sp\u00e4ter h\u00e4lt es schwer, seiner Meister zu werden. Gro\u00dfmuth und Erkenntlichkeit sind ihm fremd; er zeigt keine ausdauernde Anh\u00e4nglichkeit f\u00fcr seinen W\u00e4rter oder f\u00fcr ein mit ihm auferzogenes Thier, und es ist daher immer eine gewagte Sache, ihn l\u00e4nger als ein Jahr, ohne ihn einzusperren, in der Gefangenschaft zu halten.\nSeines furchtbaren Schadens wegen wird der Jaguar in bewohnten Gegenden auf alle m\u00f6gliche Weise gejagt und gelobtet. Man glaubt, da\u00df er sein Leben auf zwanzig Jahre bringen k\u00f6nne; doch d\u00fcrfte er blos in den einsamsten Wildnissen ein derartiges Alter erreichen; denn in den \u00abbev\u00f6lkerten Theilen Amerikas stirbt wohl kein Jaguar eines nat\u00fcrlichen Todes. Gleichwohl trifft man auch noch hier sehr alte Thiere an. So scho\u00df ein Franzose ganz nahe bei einem Landhause ein altes Weibchen, dessen Haut kr\u00e4tzig und dessen Gebi\u00df ganz abgenutzt war; hier fehlten schon die hintersten oberen Backenz\u00e4hne. Solche F\u00e4lle sind \u00fcbrigens selten; die meisten Jaguare sterben in der Bl\u00fcthe ihrer Jahre. Die Jagd dieser Thiere kann wegen der Befriedigung, welche \u00fcberwundene Gefahren und Schwierigkeiten gew\u00e4hren, zur Leidenschaft werden, obschon gew\u00f6hnlich solche J\u00e4ger zuletzt ihr Leben unter den Krallen eines Jaguars aushauchen. Die \u00e4lteste Jagdart ist wohl die t\u00fcckischste und zugleich diejenige, welche am sichersten zum Ziele f\u00fchrt. Die Indianer n\u00e4mlich erlegen ihn mit ihren uralten Waffen, ohne ein Mi\u00dflingen bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Sie fertigen sich aus einer riesigen Bambusart ein Blasrohr und aus der Wedelrippe eines Palmbaumes oder aus Dornen kleine schm\u00e4chtige Pfeile, welche sicherer und tiefer treffen, als die Kugeln aus der besten B\u00fcchse. Die Pfeile sind mit dem furchtbaren Urarigift getr\u00e4nkt. Haben indianische J\u00e4ger Hunde bei sich, so erlegen sie den Jaguar ohne alle Gefahr. Die Hunde st\u00f6bern das Raubthier auf, jagen es gew\u00f6hnlich auf einen schiefstehenden Baum und verbellen es. Dort wird es dem Indianer zum bequemen Zielpunkt. Aus ziemlich weiter Entfernung sendet er seine f\u00fcrchterlichen Pfeile nach der gewaltigen Katze ab, einen nach dem andern. Diese achtet kaum des kleinen Ritzes, welchen die Geschosse ihr beibringen; sie h\u00e4lt vielleicht das Pfeilchen blos f\u00fcr einen Dorn, der sie verwundete: aber schon nach wenigen Minuten erf\u00e4hrt sie, mit welcher furchtbaren Waffe ihr der Mensch zu Leibe ging. Das Gift beginnt zu wirken, ihre Glieder erschlaffen, die Kraft erlahmt, [sie st\u00fcrzt mit einigen Zuckungen auf den Boden, richtet sich noch einige Male auf, versucht, sich fortzuraffen, und bricht dann pl\u00f6tzlich zusammen, zuckend, verendend.\nWeit verwegener, als diese heimt\u00fcckische Jagd ist folgende. Der J\u00e4ger umwickelt mit einem Schaffelle den linken Arm bis \u00fcber den Ellbogen und bewaffnet sich mit einem zweischneidigen Messer","page":246},{"file":"p0247.txt","language":"de","ocr_de":"Jagd mit B\u00fcchse, Keule, Gift und Dolch.\n247\nober Dolche, von etwa zwei Fu\u00df L\u00e4nge. So ausger\u00fcstet, sucht er mit zwei oder drei Hunden den Jaguar auf. Dieser bietet wenigen Hunden sogleich die Spitze; der J\u00e4ger naht sich ihm und reizt ihn gew\u00f6hnlich mit Worten und Geberden. Pl\u00f6tzlich springt der Jaguar mit einem oder zwei S\u00e4tzen auf den J\u00e4ger zu, richtet sich aber zum Angriffe, wie unser B\u00e4r, in die H\u00f6he, und \u00f6ffnet br\u00fcllend den Rachen. In diesem Augenblicke h\u00e4lt der J\u00e4ger den beiden vorderen Tatzen des Thieres den umwundenen Arm dar, und, mit dem K\u00f6rper in etwas nach rechts ausweichend, st\u00f6\u00dft er ihm den Dolch in die linke Seite. Der getroffene Jaguar f\u00e4llt durch den Sto\u00df um so eher zu Boden, da es ihm schwer f\u00e4llt, in aufrechter Stellung das Gleichgewicht zu bewahren, und die Hunde werfen sich \u00fcber ihn her. War die erste Wunde nicht t\u00f6dlich, so steht er mit Blitzesschnelle wieder auf, macht sich von den Hunden los und st\u00fcrzt sich von neuem auf seinen Gegner, der ihm alsdann einen zweiten Stich versetzt. Rengger kannte einen Indianer aus der Stadt Bajada, welcher \u00fcber hundert Jaguare auf diese Weise erlegt hatte. Er war ein leidenschaftlicher J\u00e4ger, b\u00fc\u00dfte aber im Jahr 1821 auf einer solchen Jagd das Leben ein. \u2014 G\u00f6ring h\u00f6rte von einem Gaucho erz\u00e4hlen, welcher wegen seiner Jagden den Namen \u201eMatador de Tigres\u201c (Tigert\u00f6dter) erhalten hatte. Dieser k\u00fchne Mann hatte sehr viele Jaguare ebenfalls mit dem Messer erlegt.\nWie man Rengger versicherte, giebt es sogar Menschen, die tollk\u00fchn genug sind, blos mit einer Keule bewaffnet den Jaguar anzugreifen. Auch diese sollen sich den linken Arm mit einem Schaffell umwinden und ihrem Feinde im Augenblicke, wo er gegen sie aufsteht, einen Schlag auf die Lendenwirbel versetzen, so da\u00df er zusammensinkt und des gebrochenen R\u00fcckgrates wegen nicht mehr aufstehen kann. Einige Schl\u00e4ge auf die Nasenwurzel vollenden dann seine Niederlage. \u201eDiese zweite Art, den Jaguar zu jagen, habe ich,\" sagt Rengger, \u201enie selbst gesehen; jedoch scheinen mir die dar\u00fcber erhaltenen Nachrichten nicht unglaubw\u00fcrdig, da ich bei mehreren zahmen Jaguaren beobachtet habe, da\u00df man sie durch einen nicht sehr starken Schlag auf die Lendenwirbel, wenigstens f\u00fcr einige Tage, an den hinteren Gliedern l\u00e4hmen kann.\" Nach demselben Beobachter wird der Jaguar in Paraguay auf folgende Art gejagt: Ein guter Sch\u00fctze, in Begleitung von zwei M\u00e4nnern, von denen der eine mit einer Lanze, der andere mit einer f\u00fcnf Fu\u00df langen, zweizackigen Gabel bewaffnet ist, sucht mit sechs bis zehn Hunden den Jaguar auf. Ist dieser schon \u00f6fter gejagt worden, so rei\u00dft er auf das erste Anschlagen der Hunde aus; sonst aber stellt er sich zur Gegenwehr oder klettert auf einen Baum. Widersetzt er sich den Hunden, so schlie\u00dfen diese einen Kreis um ihn und bellen ihn an. Sie m\u00fcssen schon sehr beherzt und ge\u00fcbt sein, um ihn anzugreifen, und werden dennoch gew\u00f6hnlich das Opfer ihres Muthes. Ohne M\u00fche bricht ihnen der Jaguar mit einem Schlage den R\u00fccken oder rei\u00dft ihnen den Bauch auf; denn nicht ei\u00fcmal zwanzig der besten Doggen k\u00f6nnen einen ausgewachsenen Jaguar \u00fcberw\u00e4ltigen. Sowie nun die J\u00e4ger das Raubthier ansichtig werden, stellen sie sich neben einander, den Sch\u00fctzen in der Mitte. Dieser sucht ihm einen Schu\u00df in den Kopf oder in die Brust beizubringen. Gelingt der Schu\u00df, so fallen die Hunde \u00fcber das Thier her und dr\u00fccken es zu Boden, wo seine Niederlage leicht vollendet wird. Fehlt aber der Schu\u00df oder wird der Jaguar nur leicht verwundet, so springt er unter f\u00fcrchterlichem Gebr\u00fcll auf den Sch\u00fctzen los. Sobald er sich aber auf die hinteren Beine stellt, h\u00e4lt ihm der mit der Gabel bewaffnete J\u00e4ger diese vor, und der Lanzentr\u00e4ger giebt ihm von der Seite einen Stich in die Brust, zieht aber die Lanze sogleich wieder zur\u00fcck und macht sich aus einen zweiten Sto\u00df gefa\u00dft, denn der niedergeworfene Jaguar steht mit der gr\u00f6\u00dften Schnelligkeit wieder auf und st\u00fcrzt sich auf seine Gegner, die ihn mit neuen St\u00f6\u00dfen empfangen, bis er seine Kraft verliert und endlich von den anspringenden Hunden auf dem Boden festgehalten wird. W\u00e4hrend dem Kampfe suchen die letzteren den Jaguar niederzurei\u00dfen, indem sie ihn beim Schw\u00e4nze fassen; nur sehr starke Hunde greifen ihn auch von der Seite an. Der Lanzenstich darf ja nicht von vorn gegeben werden, sondern mu\u00df von der Seite erfolgen, indem die Brust des Jaguars beinahe keilf\u00f6rmig und seine Haut durch lockeres Zellgewebe mit den Muskeln verbunden, also sehr beweglich ist; es k\u00f6nnte demnach das Eisen leicht zwischen der Haut und den Rippen durchglitschen. Auch mu\u00df man sich h\u00fcten, das umgeworfene Thier mit der Lanze an den Boden festnageln zu wollen; denn","page":247},{"file":"p0248.txt","language":"de","ocr_de":"248\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Jaguar. Ozelot.\nes ist ihm, obschon durchbohrt, ein Leichtes, durch einen Schlag mit der Tatze den Schaft der Lanze zu brechen. Ist dann kein zweiter Lanzentr\u00e4ger da, und hat der Jaguar noch einige Kraft, so kann er seine Gegner sehr \u00fcbel zurichten. Es f\u00e4llt auf, da\u00df der Jaguar, obschon ihm die Hunde Nichts anhaben k\u00f6nnen, sich doch \u00f6fters vor ihnen f\u00fcrchtet und, sowie er gejagt wird, auf einen Baum klettert. Nun hat der J\u00e4ger wohl einen sichern Schu\u00df auf das Thier, aber er wird nichtsdestoweniger von ihm angefallen, wenn er dasselbe verfehlt oder nur leicht verwundet. Blitzschnell l\u00e4\u00dft es sich vom Baume herunter und st\u00fcrzt br\u00fcllend mitten durch die Hunde auf den Sch\u00fctzen los, dessen Begleiter ihn dann empfangen. Diese Letzteren m\u00fcssen erprobte M\u00e4nner sein, sonst ist der Sch\u00fctze verloren. Fremde haben sich daher zu \u00fcberlegen, mit wem sie auf eine solche Jagd gehen. Es ist nicht daran zu denken, da\u00df man sich dann mit Kolbenschl\u00e4gen, Bayonnetst\u00f6\u00dfen oder S\u00e4belhieben vertheidigen k\u00f6nnte; denn, ehe sichs der Sch\u00fctze versieht, steht der Jaguar br\u00fcllend und mit offenem Rachen vor ihm, schl\u00e4gt mit einer Tatze nach dessen Kopf oder Schultern und wendet mit der andern die vorgehaltenen Waffen ab. In solchen Augenblicken verlassen oft die erprobtesten Jagdgef\u00e4hrten einander, und auch die beherztesten und ge\u00fcbtesten M\u00e4nner laufen immer einige Gefahr; denn, da der Kampfplatz gew\u00f6hnlich im Dickicht des Waldes ist, bedarf es nur eines geringen Hindernisses, um den Lanzentr\u00e4ger keinen sichern Sto\u00df thun zu lassen.\t^\nDie Paraguayer greifen den Jaguar \u00fcbrigens auch blos mit der Lanze an. Ist das Thier auf einen Baum geklettert, so suchen sie ihre Schlinge, die sie immer mit sich f\u00fchren, ihm um den Hals zu werfen oder dieselbe ihm vermittelst einer oben eingekerbten Stange anzulegen. Hiergegen scheint sich der Jaguar wenig zu str\u00e4uben; er mu\u00df aber bald sehen, wie unbedachtsam Dies war; denn, sobald ihm die Schlinge um den Hals geworfen ist, bringt der Reiter sein Pferd, an dessen Bauchriemen das andere Ende befestigt ist, in Galopp, rei\u00dft den Jaguar vom Baume herunter und schleift ihn aufs offene Feld hinaus. Hier wirft ein zweiter Reiter, wenn das Raubthier noch lebend und kr\u00e4ftig ist, ihm eine andere Schlinge um die Beine, und beide M\u00e4nner reiten nun in entgegengesetzter Richtung davon und erdrosseln den R\u00e4uber. Auf gleiche Weise, aber noch leichter, erw\u00fcrgt man ihn, wenn man ihn im offenen Felde antrifft; denn hier, vom Walde oder R\u00f6hricht entfernt, wagt er es gar nicht, sich zu vertheidigen, sondern sucht in gro\u00dfen Spr\u00fcngen zu entfliehen. Auf dem Anstande wird der Jaguar auch erlegt. Der Sch\u00fctze versteckt sich in der N\u00e4he eines lebenden Thieres oder eines von der Unze bereits get\u00f6dteten auf einem Baume und schie\u00dft von dort herab auf das zur\u00fcckkehrende Raubthier. Doch soll es vorgekommen sein, da\u00df Jaguare, welche auf diese Weise leicht verwundet wurden, den J\u00e4ger auf dem Baume angegriffen und zerrissen haben. Hier und da gr\u00e4bt man auch Fallgruben aus und f\u00e4ngt in ihnen die angek\u00f6derte Katze.\nDas Fell des Jaguars hat in S\u00fcdamerika nur geringen Werth und wird h\u00f6chstens zu Fu\u00dfdecken und dergleichen verwendet. Das Fleisch essen blos die Botokuden. Manche Indianer sollen auch sein Fett genie\u00dfen, trotz seines heftigen Geruches. Gewisse Theile des Jaguarleibes werden als Arzneimittel angewendet. So glaubt man, da\u00df sein Fett gegen Wurmkrankheiten und seine gebrannten Krallen gegen Zahnschmerzen gute Mittel seien. Au\u00dferdem wird das Fett von den Wilden zum Einreiben ihres K\u00f6rpers benutzt, und sie glauben, dadurch ebenso stark und muthig zu werden, wie das Raubthier selbst. Besonders gef\u00e4hrliche Jaguare, welche sich nur schwer aus der N\u00e4he der D\u00f6rfer vertreiben lassen und die Bewohner derselben stets mit ihren Ueberf\u00e4llen bedrohen, werden, wenn sie get\u00f6-dtet worden sind, nicht benutzt; denn die Indianer sind \u00fcberzeugt, da\u00df sie eigentlich gar keine Thiere, sondern zauberhafte Wesen, gleichsam die H\u00fcllen verstorbener lasterhafter Menschen seien.\nWeit weniger sch\u00e4dlich und furchtbar, als der Jaguar, ist eine zweite sehr sch\u00f6ne Katze S\u00fcdamerikas, vielleicht das farbensch\u00f6nste Mitglied der ganzen Familie, der Ozelot oder die Pantherkatze (Leopardus pardalis). Sie ist bedeutend kleiner, als der Jaguar, erreicht jedoch immer noch, wenn auch nicht die H\u00f6he, so doch die L\u00e4nge unsers Luchses; denn diese betr\u00e4gt 3 Fu\u00df und die L\u00e4nge des Schwanzes 1 Fu\u00df 3 Zoll, hie H\u00f6he am Widerrist dagegen kaum 1 Va Fu\u00df. Der K\u00f6rper","page":248},{"file":"p0249.txt","language":"de","ocr_de":"Gr\u00f6\u00dfe, F\u00e4rbung und Verbreitung des Ozelot.\n249\nist schlank, die Beine sind ziemlich hoch, obwohl viel niedriger, als beim Luchs, der Schwanz ist mittellang, von m\u00e4\u00dfiger Dicke, gegen die Spitze zu etwas verd\u00fcnnt. Die Ohren sind kurz, breit und abgerundet, der Augenstern ist beinahe rund. Dicht, gl\u00e4nzend und weich ist der Pelz und dabei ebenso bunt wie geschmackvoll gezeichnet. Seine Grundfarbe\u00bb ist auf der Oberseite ein br\u00e4unliches Grau oder R\u00f6thlichgelbgrau, auf der Unterseite ein gilbliches Wei\u00df. Von den Augen zieht sich jeder-seits ein schwarzer L\u00e4ngsstreifen zu den Ohren. Die Oberseite des Kopfes ist klein getupft, auf den Wangen verlaufen Querstreifen und von diesen aus ein Kehlstreif. Ueber den R\u00fccken ziehen sich L\u00e4ngsstreifen, meist vier, l\u00e4ngs des R\u00fcckens eine Reihe schmaler, schwarzer Flecken, unter denen gr\u00f6\u00dfere hervortreten, an den Seiten gekr\u00fcmmte L\u00e4ngsreihen breiter, bandf\u00f6rmiger L\u00e4ngsstreifen, welche von den Schultern bis zum Hintertheile reichen, lebhafter, als die Grundfarbe, schwarz ges\u00e4umt, und oft in der Mitte dunkel punktirt sind. Der Unterleib und die Beine sind mit vollen Flecken bedeckt, welche auf dem Schw\u00e4nze in Ringe \u00fcbergehen. Diese F\u00e4rbung \u00e4ndert \u00fcbrigens sehr\nDer Ozelot oder die Pantherkatze (Leopardus pardalis).\nab. Oft sind die schwarzen L\u00e4ngsstresfen des R\u00fcckens durch breitere fahle Streifen in acht getheilt, und breite ununterbrochene Streifen ziehen sich l\u00e4ngs den Seiten entlang; bei anderen zertheilen sich die Streifen in Flecke, auf den Wangen finden sich breite, schwarze T\u00fcpfel; noch andere sind am ganzen Unterleibe schwarz gestreift, der Schwanz ist vollst\u00e4ndig geringelt u. s. w. Die Weibchen unterscheiden sich von den M\u00e4nnchen durch schw\u00e4chere F\u00e4rbung der Flecken und kreisf\u00f6rmig gestellte Punkte auf den Schultern und dem Kreuze.\nDer Ozelot ist weit verbreitet. Er findet sich durch ganz Mittelamerika bis in das n\u00f6rdliche Brasilien und andrerseits bis Mejiko und Tejas und den s\u00fcdlichen Theil der Vereinigten Staaten. Hier lebt er mehr in den tieferen und menschenleeren W\u00e4ldern, als in der N\u00e4he von Ortschaften, obgleich er auch da vorkommt. Auf freiem Felde findet man ihn nie, immer nur in W\u00e4ldern und in sumpfigen Gegenden. An manchen Orten ist er recht h\u00e4ufig. Er scheint kein bestimmtes Lager zu haben. Den Tag \u00fcber schl\u00e4ft er im dunkelsten Theile des Waldes, zuweilen im hohlen Baume oder auch zwischen undurchdringlichen Bromelien, welche von dichtem Strauchwerk beschattet sind. In der","page":249},{"file":"p0250.txt","language":"de","ocr_de":"250\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Ozelot.\nMorgen- und Abendd\u00e4mmerung, besonders auch bei Nacht, geht er auf Raub aus und zwar ebensogut in Hellen, sternenklaren, als in dunkeln, st\u00fcrmischen N\u00e4chten. Letztere sind ihm sogar angenehm, weil er dann, unbemerkt von den Hunden, an die Bauernh\u00f6fe herankommen und dort nach Belieben w\u00fcrgen kann. In dunkeln N\u00e4chten gift es f\u00fcr den Hofbesitzer, das H\u00fchnerhaus wohl zu verschlie\u00dfen; denn wenn der Ozelot unter die H\u00fchner kommt, richtet er dort ein arges Blutbad an.\nIm Freien besteht die Nahrung unserer Katze aus V\u00f6geln, welche sie entweder auf dem Baume oder auf der Erde in ihren Nestern beschleicht, sowie aus allen kleineren S\u00e4ugethieren, jungen Rehen, Schweinen, Affen, Agutis, Paccas, Ratten, M\u00e4usen u. s. w. \u201eDa diese Katze meist nur des Nachts auf Raub ausgeht,\" sagt Rengger, habe ich sie niemals auf ihren Jagden beobachten k\u00f6nnen; sie scheint aber gro\u00dfe Streifz\u00fcge zu machen. Ich habe in den sogenannten Urw\u00e4ldern ihre F\u00e4hrte oft Stunden lang verfolgt. H\u00f6chst selten st\u00f6\u00dft man auf Ueberreste ihrer Mahlzeit, gew\u00f6hnlich sind es nur die Federn eines erlegten Vogels. Ich halte sie daher nicht f\u00fcr blutd\u00fcrstig und glaube, da\u00df sie nicht mehr Thiere auf einmal tobtet, als sie zu ihrer S\u00e4ttigung bedarf, und diese Meinung hat sich auch an Gefangenen, welche ich gehalten habe, best\u00e4tigt. Sie klettert nicht sehr gut und springt, wo die B\u00e4ume dicht stehen, wenn sie gejagt wird, mit Leichtigkeit von einem Baume zum andern, obwohl sie im Klettern noch immer nicht die Fertigkeit des Kuguars besitzt. Nur durch die Noth gezwungen, wagt sie sich durchs Wasser, z. B., wenn sie durch Ueber-schwemmung vom festen Lande abgeschnitten wird und das n\u00e4chste Ufer zu gewinnen suchen mu\u00df; allein sie ist ein vortrefflicher Schwimmer. Nicht selten kommt es vor, da\u00df ein durch Ueberschwem-mung aus den W\u00e4ldern vertriebener Ozelot mitten in einer Stadt ans Land steigt. Ich selbst sah einen, welcher \u00fcber einen Theil des Paraguaystromes geschwommen war, bei seiner Landung im Hafen von Assuncion erschie\u00dfen.\"\n\u201eDer Ozelot lebt paarweise in einem bestimmten Gebiet. Der J\u00e4ger kann gewi\u00df sein, nachdem er einen aufgescheucht hat, den andern in n\u00e4chster N\u00e4he zu treffen. Mehr als ein Paar trifft man jedoch niemals in dem n\u00e4mlichen Wald an. M\u00e4nnchen und Weibchen gehen nicht zusammen auf den Raub aus, sondern jedes jagt f\u00fcr sich; auch helfen sie einander nicht bei der Jagd oder bei feindlichen Angriffen.\n\u201eDie Begattnngszeit tritt bei ihnen im Oktober ein und dauert bis in den Januar; ihre Tragzeit ist unbekannt. Selten \u00fcbersteigt die Zahl ihrer Jungen zwei. Die Mutter versteckt ihre Spr\u00f6\u00dflinge in einen hohlen Baum oder in das Dickicht des Waldes und tr\u00e4gt ihnen, sobald sie fressen k\u00f6nnen, kleine S\u00e4ugethiere und V\u00f6gel zu.\"\nDem Menschen schadet der Ozelot nur wenig, er f\u00fcrchtet ihn und die Hunde zu sehr, als da\u00df er sich bev\u00f6lkerten Gegenden n\u00e4herte. Blos Wohnungen, welche nahe an W\u00e4ldern liegen, werden hin und wieder von ihm heimgesucht; doch auch dann nimmt er h\u00f6chstens zwei H\u00fchner oder eine Bisamente weg, tr\u00e4gt dieselben ins n\u00e4chste Geb\u00fcsch und verzehrt sie sofort. Wenn ihm seine erste Unternehmung gelingt, kommt er gew\u00f6hnlich die n\u00e4chsten N\u00e4chte wieder, bis er gefangen oder verscheucht wird. Man jagt ihn in Paraguay mit Hunden oder f\u00e4ngt ihn in Fallen. Er ist sehr scheu und fl\u00fcchtig und sp\u00fcrt den J\u00e4ger bei mondhellen N\u00e4chten, noch ehe derselbe ihn gewahr wird. Vor dem Hunde flieht er in gr\u00f6\u00dfter Eile auf die B\u00e4ume und versteckt sich dort im dichtesten Laube der Krone. Doch gelingt es dann zuweilen, ihn zum Schusse zu bekommen, da ihn das Leuchten seiner Augen verr\u00e4th. Am leichtesten f\u00e4ngt man ihn vermittelst Fallen, in deren Hintergrund ein K\u00e4fig mit einem eingesperrten Huhn gestellt oder auch Rindfleisch als K\u00f6der angebracht wird. Azara versichert, da\u00df man dasselbe Thier in derselben Falle und an der n\u00e4mlichen Stelle wiederfangen k\u00f6nne, denn seine Begierde nach dem Huhn ist so gro\u00df, da\u00df es die schon erprobte Gefahr g\u00e4nzlich vergi\u00dft.\nEin angeschossener Ozelot vertheidigt sich herzhaft mit seinen Krallen gegen die Hunde und kann auch wohl dem Menschen gef\u00e4hrlich werden. Man jagt ihn \u00fcbrigens weniger des Schadens wegen, den er anrichtet, als seines sch\u00f6nen Felles halber, aus welchem die Einwohner sich Winterstiefeln verfertigen.","page":250},{"file":"p0251.txt","language":"de","ocr_de":"Nahrung. Jagd und Fang. Betragen in der Gefangenschaft. Schaden.\n251\nDer junge Ozelot wird h\u00e4ufig eiugefangen und gez\u00e4hmt. Gew\u00f6hnlich verrathen die Jungen ihren Aufenthalt durch Miauen und werden somit, auch ohne Hilfe der Hunde, ziemlich leicht aufgefunden. Man zieht sie mit Milch auf und n\u00e4hrt sie sp\u00e4terhin gr\u00f6\u00dftentheils mit gekochtem Fleische; blose Pflanzennahrung macht sie krank. F\u00fcttert man sie aber nur mit rohem Fleische, so werden sie gr\u00f6\u00dfer und sch\u00f6ner am Fell, als wenn man ihnen das Fleisch gekocht giebt. Auch alte Ozelots werden nach einiger Zeit zahm, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grade; denn sie richten im Hofe immer noch allerlei Unheil an. K\u00f6nnen sie sich z. B. eines kleinen Hundes oder einer Katze bem\u00e4chtigen, so ergreifen sie das Thier beim Nacken, werfen es nieder, halten mit den Vorderpranken seine Vorderbeine, mit den Hinterpranken seine Hinterbeine fest und rei\u00dfen ihm den Hals auf. Bei fortgesetztem Genu\u00df von Katzenfleisch werden sie kr\u00e4tzig, sto\u00dfen w\u00e4hrend der Krankheit eigenth\u00fcmliche Klagelaute aus und sterben endlich. Dieselben Klagelaute h\u00f6rt man von ihnen, wenn sie irgendwie ihr Mi\u00dfbehagen ausdr\u00fccken wollen. So miauen sie z. B. auf kl\u00e4gliche Weise, wenn man sie durch Hunger gezwungen hat, Kr\u00f6ten oder Schlangen zu fressen. Diese Thiere verursachen ihnen heftiges Erbrechen und schw\u00e4chen ihre Verdauungskraft derartig, da\u00df sie jede andere Speise wieder herausbrechen, allm\u00e4hlich abmagern und endlich auch sterben. Das Hausgefl\u00fcgel k\u00f6nnen die gez\u00e4hmten Ozelots nicht ersehen. Sie ergreifen es, sobald sie es erreichen k\u00f6nnen, beim Kopfe oder beim Halse und tobten es durch den ersten Bi\u00df. Dann rupfen sie vor dem Genusse mit dem Maule den gr\u00f6\u00dften Theil der Federn aus und verspeisen es. Nach der S\u00e4ttigung belecken sie sich das Maul, die Pfoten und den \u00fcbrigen K\u00f6rper und legen sich schlafen. Ihren Koth verscharren sie nie, h\u00e4ufig aber legen sie denselben in ihrem Trinkgef\u00e4\u00dfe ab, sie m\u00f6gen nun in einem K\u00e4fig eingeschlossen sein oder frei im Hause herumgehen.\nDen gr\u00f6\u00dften'Theil des Tages bringt der gefangene Ozelot schlafend zu. Dabei liegt er in sich zusammengerollt, wie es unsere Hauskatzen auch thun. Gegen Abend wird er unruhig und bleibt nun die ganze Nacht hindurch wach. Wenn er noch jung ist, l\u00e4\u00dft er \u00f6fters einen miauenden Ton h\u00f6ren, besonders wenn er Hunger, Durst oder Langeweile versp\u00fcrt; sp\u00e4ter vernimmt man diesen Ton nur bei krankem Zustande. Wird er im Fressen gest\u00f6rt, so knurrt er. Seine Zufriedenheit legt er durch Schnurren, seine Furcht oder seinen Zorn durch ein Schn\u00e4uzen an den Tag. Alt eingefangene Ozelots unterwerfen sich wohl dem Menschen, schlie\u00dfen sich ihm aber niemals an. Der Verlust der Freiheit macht sie niedergeschlagen und gleichgiltig gegen gute oder schlechte Behandlung. Sie lassen sich schlagen, ohne sich zu vertheidigen, machen keinen Unterschied zwischen ihrem W\u00e4rter und anderen Menschen und bezeigen ihm weder Zutrauen noch Freude, wenn sie ihn sehen. Ganz jung und mit Sorgfalt aufgezogene hingegen werden im hohen Grade zahm. Gleich den jungen Hauskatzen gaukeln sie mit einander, spielen mit einem St\u00fcck Papier, mit einer kleinen Pomeranze und dergleichen. Ihren W\u00e4rter lernen sie bald kennen, springen ihm nach, belecken ihm die Hand, legen sich ihm zu F\u00fc\u00dfen nieder oder klettern an ihm hinauf. Gegen Liebkosungen sind sie sehr empf\u00e4nglich und beginnen augenblicklich zu spinnen, wenn man ihnen schmeichelt. Niemals zeigen sie Falschheit. Mit den Hunden und Katzen, in deren Gesellschaft sie leben, vertragen sie sich sehr gut; dem Gepfl\u00fcgel stellen sie aber doch noch nach. Aller fr\u00fcheren Strafen uneingedenk, springen sie, sobald ihnen die Lust ankommt, auf eine Henne und lassen sich im Augenblicke des Raubes durch keine Z\u00fcchtigung abschrecken, das Thier zu ermorden. Ihrer unvertilgbaren Raubsucht wegen h\u00e4lt man sie gew\u00f6hnlich in einem K\u00e4fig oder an einem Stricke angebunden.\nMan glaubt, da\u00df der Ozelot die Schuld von der Ver\u00f6dung der W\u00e4lder an H\u00fchnern und V\u00f6geln tr\u00e4gt, und jedenfalls ist es begr\u00fcndet, da\u00df er diesen Thieren gro\u00dfen Schaden thut. Auch den Affen soll er in ihrem laubigen Gebiet eifrig nachstellen. Man hat sogar hier\u00fcber das M\u00e4rchen in Umlauf gesetzt, da\u00df er sich bei seiner Jagd platt auf einen Ast lege und sich todt stelle, worauf dann die Affen erfreut herbeik\u00e4men, um sich an der Leiche ihres Todfeindes zu weiden, pl\u00f6tzlich aber sehen m\u00fc\u00dften, wie bitter sie sich geirrt h\u00e4tten.'","page":251},{"file":"p0252.txt","language":"de","ocr_de":"252\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Marguay. Mbaracaya.\nDem Ozelot sehr nahe verwandt sind zwei andere Katzen Amerikas: der Marguay und der Mbaracaya. Beide sind mehrfach als Spielarten von jenem angesehen worden; sie unterscheiden sich aber hinl\u00e4nglich durch ihre Gr\u00f6\u00dfe. Der Marguay (Leopardus tigrinus) erreicht nur die Gr\u00f6\u00dfe der Hauskatze. Seine K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt zwanzig, die des Schwanzes elf Zoll. Der weiche und sch\u00f6ne Katzenpelz hat oben und an den Seiten eine fahlgelbe Grundfarbe und ist unten, wie bei den meisten \u00fcbrigen Katzen, wei\u00df. Ueber die Wangen laufen zwei Streifen, zwei andere ziehen sich vom Augenwinkel \u00fcber den Kopf ins Genick. Hier schieben sich nun noch andere ein, und so ziehen sich \u00fcber den Nacken sechs derselben, weiter hinten sich in breitere Flecken aufl\u00f6send. An der Kehle stehen zwei schwarze Tupfflecke, vor der Brust breite Halbringe. In der Mitte des R\u00fcckens verl\u00e4uft ein unterbrochener Streif und jederseits daneben mehrere Reihen voller Flecken, von denen viele einen Hellern Hof umschlie\u00dfen. Die Beine und der Unterleib sind gefleckt, die Ohren schwarz mit wei\u00dfen Flecken. Der Schwanz ist an der Spitze buschiger, als an der Wurzel.\n, Der Marguay (Leopardus tigrinus).\nIn ihrer Lebensweise \u00e4hnelt diese Katze der vorhergehenden fast in allen St\u00fccken. Wenn sie jung eingefangen und ordentlich gehalten wird, ist sie ein h\u00f6chst gelehriges und anh\u00e4ngliches Thier; alt eingefangen, betr\u00e4gt sie sich allerdings sehr wild und ungest\u00fcm, nimmt jedoch nach einiger Zeit auch einen gewissen Grad von Z\u00e4hmung an. Waterson erw\u00e4hnt, da\u00df er in Guiana einen jung aufgezogenen Marguay l\u00e4ngere Zeit in der Gefangenschaft gehabt habe. Er hatte ihn mit gro\u00dfer Sorgfalt aufgezogen, und so wurde das Thier in kurzer Zeit mit seinem Herrn auf das innigste befreundet und folgte ihm sp\u00e4ter wie ein Hund. Gegen die Ratten und M\u00e4use, welche das Haus in Masse bev\u00f6lkerten, lag der Marguay in einem ewigen Streit und wu\u00dfte das von den verderblichen Nagern wahrhaft gepeinigte Haus in kurzer Zeit nach M\u00f6glichkeit zu reinigen. Er ging von Anfang an mit instinktm\u00e4\u00dfiger Kenntni\u00df der Ratten und ihrer Sitten zu Werke. Die letzten Stunden des Tages waren seine beste Jagdzeit: er schlich dann im ganzen Hause herum, vor jeder Oeffnung lauschend und jeden Winkel untersuchend, machte somit auch regelm\u00e4\u00dfig hinreichende Beute. Seine Hilfe wurde au\u00dferordentlich werthvoll; denn die Ratten hatten vor seiner Zeit nicht weniger als","page":252},{"file":"p0253.txt","language":"de","ocr_de":"Leibes- und Lebensbeschreibung beider.\n253\n32 Th\u00fcren zerfressen, und das langschw\u00e4nzige Ungeziefer lustwandelte nun im ganzen Hause nach Belieben umher. Diesem Vergn\u00fcgen that die Wildkatze den gr\u00fcndlichsten Eintrag und gewann sich auch aus diesem Grunde immer mehr die Liebe ihres Erziehers.\nDer Mbaracaya oder Tschati-Chati (Leopardus Maracaya) \u00e4hnelt in seinem Leibesbau mehr dem Jaguar, als dem Ozelot, unterscheidet sich aber nicht nur durch seine Zeichnung, sondern auch durch seine Gr\u00f6\u00dfe augenblicklich von dem gef\u00fcrchteten R\u00e4uber. Auch ist der Kopf verh\u00e4ltni\u00df-m\u00e4\u00dfig kleiner und der Schwanz verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig k\u00fcrzer. Der Tschati ist aber immerhin noch eine gro\u00dfe Katze; denn seine K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt 2^ Fu\u00df, die des Schwanzes 1 Fu\u00df und die Schulterh\u00f6he IV3 Fu\u00df. Der Grundton der F\u00e4rbung ist mehr gelblich, als r\u00f6thlich, der Grundfarbe des Leopardenfells ziemlich \u00e4hnlich: die Unterseite ist rein wei\u00df. Auf dem Kopfe, R\u00fccken, am Schw\u00e4nze und unten an den Beinen heben sich einfache, schwarze T\u00fcpfel ab, welche ebenso unregelm\u00e4\u00dfig in ihrer Gestalt, wie in ihrer Anordnung sind. Bald sind sie lang gezogen, bald rund, bald in Streifen geordnet, bald wirr durch einander gestreut. Ein Flecken \u00fcber dem Auge und die Backen sind rein wei\u00df, die Ohren sind innen wei\u00df, au\u00dfen schwarz mit wei\u00dfem oder gelbem Fleck. An den Seiten des Kopfes verlaufen zwei schwarze, unter der Kehle zieht ein brauner Streifen hin. Die Endh\u00e4lfte des Schwanzes hat schwarze Binden und einige Ringel vor der Spitze. Die Jungen haben ein struppigeres und streifig geflecktes Haarkleid; aber auch bei den Alten \u00e4ndert die Grundfarbe und die Beschaffenheit der Flecken und Streifen vielfach ab.\nDer Tschati ist ein h\u00f6chst eifriger J\u00e4ger und wagt sich schon an ziemlich gro\u00dfe Thiere. Den H\u00fchnerz\u00fcchtern, welche in der N\u00e4he ihrer Waldungen wohnen, ist er ein sehr unangenehmer und ungem\u00fcthlicher Nachbar, und jeder, welcher H\u00fchner hat, mag sich vor ihm in Acht nehmen; denn, wie es scheint, zieht er Gefl\u00fcgel aller \u00fcbrigen Speise vor und ist deshalb eben nicht l\u00e4ssig, den H\u00fchnerh\u00e4usern h\u00e4ufig Besuche abstatten. Eine Mauer oder ein Pfahlzaun rings um das Geh\u00f6ft sch\u00fctzt gar nicht gegen seine n\u00e4chtlichen Besuche; denn er versteht es ebensogut, sich durch die schm\u00e4lsten Oeffnungen zu dr\u00e4ngen, als \u00fcber hohe Umfassungen zu klettern. Dabei ist er so vorsichtig bei seinen n\u00e4chtlichen Ueberf\u00e4llen, da\u00df er gew\u00f6hnlich nicht das geringste Anzeichen von seinen Besuchen giebt und nur am n\u00e4chsten Morgen durch einige Blutspuren oder zerstreute Federn und noch mehr durch die fehlenden H\u00fchner verk\u00fcndet, da\u00df er wieder einmal da gewesen sei. Innerhalb zweier Jahren wurden nicht weniger als achtzehn Tschatis von einem Landeigner um sein Geh\u00f6ft herum gefangen, und hieraus mag hervorgehen, da\u00df sie an manchen Orten h\u00e4ufig genug sind.\nMan sagt, da\u00df er in Paaren Lebe und jedes derselben einen besondern Jagdgrund besitze, ohne da\u00df die beiden Gatten sich jedoch bei der Jagd behilflich w\u00e4ren. W\u00e4hrend des Tages liegen die Thiere sorMtig verborgen in dem dunkeln Schatten der W\u00e4lder und schlafen ihre Zeit ab, bis die Sonne zur R\u00fcste gegangen ist und die Dunkelheit sich \u00fcber das Land senkt. Dann machen sie sich auf, um ihren Weg der Zerst\u00f6rung zu wandeln. In Mondscheinn\u00e4chten verbleiben sie in ihren W\u00e4ldern, d. h. sie scheuen sich, an ein Geh\u00f6ft heranzuschleichen: je dunkler und st\u00fcrmischer aber die Nacht ist, umsomehr scheint sie dieser Katze geeignet, einen Ueberfall auf die von den Menschen gesch\u00fctzten Thiere zu versuchen. In solchen N\u00e4chten mag der Landeigner sich in Acht nehmen und gut nach seinen Thoren und L\u00e4den sehen, oder aber erwarten, da\u00df er am Morgen einen leeren H\u00fchnerstall findet.\nIn der Gefangenschaft ist der Tschati ein sehr liebensw\u00fcrdiges und anh\u00e4ngliches Wesen, welches seinen Herrn durch sein angenehmes Wesen und die h\u00fcbschen und unmuthigen Streiche erfreut. Einer, welcher von dem erw\u00e4hnten Landbesitzer gefangen worden war, wurde so vollst\u00e4ndig zahm, da\u00df man ihm zuletzt die Freiheit gab. Doch so liebensw\u00fcrdig und umg\u00e4nglich er sich auch gegen seinen Herrn bewiesen hatte, so mord- und rauflustig zeigte er sich gegen die H\u00fchner. Diese Eigenschaft war viel zu tief in ihm eingewurzelt, als da\u00df sie h\u00e4tte ausgerottet Werden k\u00f6nnen. Das Thier benutzte jeden Augenblick, um im eigenen Hause oder in der Nachbarschaft einen Ueberfall zu machen, und endete bald genug auf einem dieser Streifz\u00fcge durch den Sper eines erbosten P\u00e4chters sein Leben.","page":253},{"file":"p0254.txt","language":"de","ocr_de":"254\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tigerkatze. Colocolo.\nEine f\u00fcnfte Art dieser neuweltlichen Katzen, die langgeschw\u00e4nzte Tigerkatze (Leopardus macmrus), ist ein ziemlich unbekanntes und auch in Sammlungen noch seltenes Thier. Der Entdecker ist der um die Thierkunde Brasiliens hochverdiente Prinz Max von Neuwied. Er berichtet \u00fcber sie Folgendes:\n\u201eDie Tigerkatze lebt in allen von mir bereisten Gegenden. Anf\u00e4nglich wurde sie von mir f\u00fcr einen Mbaracaya gehalten, bis ich beide Thiere genauer verglich. Von dem Marguay und dem Ozelot ist sie verschieden. Ihre schlanke Gestalt, das bunte Fell, welches \u00fcbrigens mit dem des Mbaracaya h\u00f6chst \u00fcbereinstimmend gezeichnet ist, machen sie zu einem der sch\u00f6nsten Thiere der Katzen-samilie. Meine J\u00e4ger fanden die Tigerkatze an verschiedenen Orten, und ich kann deshalb sagen, da\u00df sie fast in allen gro\u00dfen Urw\u00e4ldern Brasiliens lebt. Bei den Brasilianern tr\u00e4gt sie den Namen der gefleckten Wildkatze und wird von ihnen ihres sch\u00f6nen Felles wegen oft geschossen. Da sie weit leichter und behender ist, als der Mbaracaya, steigt sie besonders gern an den Schlinggew\u00e4chsen auf und ab, durchsucht die B\u00e4ume nach mancherlei Thieren und Vogelnestern und erhascht und ver-\nDie langgeschw\u00e4nzte Tigerkatze (Leopardus macrurus).\nzehrt dabei alle kleineren Thiere, welche sie erreichen und bew\u00e4ltigen kann. Wilden und gez\u00e4hmten H\u00fchnern ist sie ebenfalls sehr gef\u00e4hrlich und kommt deshalb h\u00e4ufig genug an die Wohnungen heran, um Federvieh zu rauben. Ihr Lager schl\u00e4gt sie in hohlen St\u00e4mmen, Felsenkl\u00fcften oder Erdh\u00f6hlen auf und bringt dort auch ganz nach Art unserer Wildkatze ihre Jungen zur Welt.\nGew\u00f6hnlich f\u00e4ngt man sie in Schlagfallen. Ich erhielt in den gro\u00dfen Urw\u00e4ldern am Mukuri auf diese Art in vierzehn Tagen drei solche Katzen. Eine vierte scho\u00df einer meiner J\u00e4ger von einem Baum herab und wollte sie ergreifen, allein sie entsprang, da sie nur leicht verwundet war. Ein Hund, welcher sie findet, treibt sie augenblicklich auf einen Baum, und dann kann man sie leicht herabschie\u00dfen. Nur der Zufall bringt den J\u00e4ger in Besitz des sch\u00f6nen Thieres, weil man ihm auf seinen Streifz\u00fcgen, welche es ebensowohl bei Tage, als bei Nacht \u00fcbernimmt, nicht gut folgen kann.\nSeine K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt zwei Fu\u00df, die des Schwanzes einen Fu\u00df, die Schulterh\u00f6he zehn Zoll. Es ist also nicht viel gr\u00f6\u00dfer, als unsere Hauskatze. Der l\u00e4ngere Schwanz, der kleine Kopf, die gro\u00dfen Augen, die langf\u00f6rmig abgerundeten Ohren und die stark gekr\u00fcmmten, wei\u00dflichen Krallen unterscheiden es von dem Tschati. Seine Grundfarbe ist r\u00f6thlichbraungrau, an den Seiten Heller,","page":254},{"file":"p0255.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung beider Arten.\n255\nunten wei\u00df. Der ganze Leib ist unregelm\u00e4\u00dfig graubraun oder schwarzbraun gefleckt, und einzelne Flecke umschlie\u00dfen einen lichtern Hof. Ans dem Oberk\u00f6rper verlanfen f\u00fcnf dunkle L\u00e4ngsstreifen, an der Stirne zwei schwarze Streifen, dazwischen Punkte, an den Seiten des Kopfes zwei dunkle L\u00e4ngsstreifen, unter der Kehle ein dnnklerQuerstreifen. Die Fu\u00dfsohlen sind graubrann. Die Botokuden, welche das Thier Kuntiack nennen, essen sein Fleisch. Die Brasilianer benntzen das sch\u00f6ne Fell zu M\u00fctzen und zu Regenkappen ihrer Gewehrschl\u00f6sser.\nZum Schlu\u00df wollen wir noch zweier anderer Katzen der neuen Welt gedenken, welche sich von den bisher genannten durch die Streifenzeichnung leicht nnterscheiden lassen und gewisserma\u00dfen an die Buschkatzen der alten Welt, welche wir sp\u00e4ter betrachten werden, erinnern. Es sind Dies der Colocolo und die Pampaskatze. Beide sind sich in der Gr\u00f6\u00dfe so ziemlich gleich. Sie erreichen etwa zwei Fu\u00df K\u00f6rperl\u00e4nge und einen Fn\u00df Schwanzl\u00e4nge.\nDer Colocolo (Leopardus ferox) hat einen schm\u00e4chtigen Leib mit starken Gliedma\u00dfen und einen anffallend flachen, breiten Kopf mit gro\u00dfen, runden Ohren. Der Kopf, die Schultern, die\nDer Colocolo (Leopardus ferox).\nSeiten und die Untertheile sind wei\u00df, der Nacken und der R\u00fccken wei\u00dflichgran. Auf dieser Grundf\u00e4rbung zeigen sich, zumal auf dem R\u00fccken, schwarze, fahlgelbe, gerundete L\u00e4ngsstriche, welche gegen die Schultern und Schenkel hin immer lichter werden. Die Fu\u00dfwurzeln sind aschgran. An den Seiten der Schnauze verl\u00e4uft ein schwarzer Strich; der Schwanz endet in eine schwarze Spitze und hat viele dnnkle Halbringe. Die Nase und die Innenseite der Ohren sind nackt.\nDie Lebensweise des Colocolo ist noch ziemlich unbekannt. Man sagt, da\u00df es ein au\u00dferordentlich w\u00fcthendes, unz\u00e4hmbares Gesch\u00f6pf sei und als solches ein wahrhaft fnrchtbarer Feind auch schon ziemlich gro\u00dfer S\u00e4ugethiere. An den Ufern eines Flnsses in Guiana erlegte ein Offizier eine dieser Katzen, zog sie ab, stopfte sie aus um sie nach Europa zu versenden, und legte sie zum Trocknen auf das Hintertheil seines Boots. Dort blieb sie anch w\u00e4hrend der Fahrt liegen. Man fuhr eines Tages unter den weit \u00fcber den Flu\u00df h\u00e4ngenden Zweigen von gro\u00dfen B\u00e4umen dahin, welche mit einer zahllosen Menge von Affen bedeckt waren. Gew\u00f6hnlich zeigen diese Thiere, wenn ein Boot unter ihren Schausitzen weggeht, gro\u00dfe Neugierde und ein gewisses Vergn\u00fcgen und laufen soweit als","page":255},{"file":"p0256.txt","language":"de","ocr_de":"256\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Pampaskatze. Leopard.\nm\u00f6glich dem rasch dahineilenden Fahrzeuge nach, um ihrer Neugierde die gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichste Befriedigung zu gew\u00e4hren. Ehe der Colocolo gelobtet worden war, hatten die Affen in dieser Weise das Boot immer begleitet, das ausgestopfte Fell aber versetzte sie in eine so entsetzliche Angst, da\u00df sie, anstatt sich dem Fahrzeuge zu n\u00e4hern, mit lautem Schreien zornig und \u00e4ngstlich davonfl\u00fcchteten. Diese Beobachtung sagt genug, denn sie beweist, da\u00df die Assen in jenem Thiere ihren furchtbarsten Feind erblickt haben.\nDie Pampaskatze (Leopardus pajeros) \u00e4hnelt unserer wilden Katze am meisten, ist jedoch von mehr untersetzter Gestalt und hat einen kleinern Kopf und k\u00fcrzern Schwanz, sowie einen sehr langen, fast zottigen Pelz, dessen Haare hier und da sogar eine L\u00e4nge von f\u00fcnf Zoll erreichen. Die F\u00e4rbung des Pelzes ist bla\u00dfgelblichgrau mit zahlreichen und regelm\u00e4\u00dfig gelben oder braunen Binden, welche vom R\u00fccken aus schief gegen die Leibesseite verlaufen. Die einzelnen Haare sind an der Wurzel braun, dann gelb und endlich an dxr Spitze schwarz, die des Hinterr\u00fcckens aber an der\nDie Pampaskatze (Leopardus pajeros).\nWurzel schwarz, dann grau, dann gelblichwei\u00df und endlich vor der schwarzen Spitze rein wei\u00df. Von den Augen laufest jederzeit zwei gelbe oder zimmetfarbne Streifen \u00fcber die Wangen herab und vereinigen sich unten an der Kehle, sie halsbandartig umfassend. Die Schnauzenspitze, das Kinn, die Augenflecken und der Unterleib sind wei\u00df. Ein schwarzer Streifen liegt vor der Brust und verl\u00e4uft \u00fcber die Beine, zwei andere ziehen sich \u00fcber ihn hin. Die Vorderbeine sind dreimal, die hinteren f\u00fcnfmal breit schwarz geb\u00e4ndert. Die F\u00fc\u00dfe sind gelblich, der Unterleib ist unregelm\u00e4\u00dfig schwarz gefleckt, die m\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Ohren sind innen wei\u00dflich, au\u00dfen schwarz, der spitze und etwas buschige Schwanz hat die Farbe des R\u00fcckens.\nDie Pampaskatze findet sich in den Steppen S\u00fcdamerikas von Patagonien an bis zur Magelhaensstra\u00dfe herab, und ist namentlich an den Usern des Rio negro zu stnden. Sie lebt in unbewohnten Waldgegenden und Steppen, und erhielt ihren lateinischen Namen von dem spanischen Worte \u201ePaja\", welches Stroh bedeutet. Der eigentliche Name w\u00fcrde also in Strohkatze zu \u00fcbersetzen sein. Dieser Name pa\u00dft ebensogut auf die Farbe ihres Pelzes, als auf ihren Aufenthalt, da","page":256},{"file":"p0257.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung der Pampaskatze. \u2014 Parder, Panther und Pardel.\n257\nsie sehr h\u00e4ufig auch in den Graswaldungen getroffen wird. Hier lebt sie fast ausschlie\u00dflich von den kleinen Nagethieren, welche jene Steppen in au\u00dferordentlicher Menge bev\u00f6lkern. Sie ist vollkommen unsch\u00e4dlich und ziemlich harmlos. Besonders gro\u00dfe Kater sollen drei Fu\u00df lang und \u00fcber einen Fu\u00df hoch werden. \u2014\nUnter den altweltlichen Gliedern unserer Gruppe verdient, wie billig, der Leopard oder Parder (Leopardus antiquorum) die meiste Ber\u00fccksichtigung.\nSchon seit Aristoteles und Plinius besteht unter den Forschern ein noch heutigen Tages nicht ausgefochtener Streit, hinsichtlich der genauen Bestimmung dreier Katzen, welche man Leopard oder Parder, Panther, und Pardel oder Irbis genannt und bald als Ab\u00e4nderungen ein und\nDer Leopard oder Parder (Leopardus antiquorum).\ndesselben Thieres, bald als besondere Art betrachtet hat. Zumal die beiden Erstgenannten haben zu widersprechenden Meinungen Anla\u00df gegeben; \u00fcber den Irbis ist man so ziemlich im Reinen. Man h\u00e4lt Leopard und Panther f\u00fcr sogenannte Abarten, weil es bisher noch keinem Naturforscher gelungen ist, durchgreifende, zur Arttrennung Beider berechtigende Unterschiede festzustellen: allein man vergi\u00dft dabei, da\u00df die R\u00f6mer, welche beide Thiere unterschieden, weit bessere Gelegenheit hatten, sie kennen zu lernen, als wir. Uns m\u00f6chte es \u00e4u\u00dferst schwer werden, auch nur halb soviel Parder- und Pantherfelle zusammenzubringen, als die R\u00f6mer lebende Parder und Panther bei einem einzigen ihrer Kampfspiele verwendeten, und wir d\u00fcrfen deshalb, wenn wir auch inzwischen weit fortgeschritten sind, die Meinung der Alten doch wohl noch nicht so ganz verwerfen, bevor wir mit aller Sicherheit zum Endurtheil berechtigt sind. Ich meinestheils schlie\u00dfe mich der Anschauung der Alten unbedingt an,\nBrehm, Thierleben.\t17","page":257},{"file":"p0258.txt","language":"de","ocr_de":"258\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Leopard.\nund Dies thun auch alle \u00fcbrigen Naturforscher, welche Leopard und Panther lebend vor sich sahen. Der Leopard ist immer dunkler und entschieden kurzschw\u00e4nziger, als der Panther; sein Schwanz hat auch nur 22 Wirbel, w\u00e4hrend der Schwanz des Panthers aus 28 Wirbeln besteht. Bei jenem ist die Grundfarbe ein dunkles Gelb, welches auf dem R\u00fccken, der hier sehr dicht stehenden schwarzen Flecken wegen, kaum zum Vorschein kommt: bei diesem ist sie ein Helles Ockergelb, welches nach der Unterseite des Leibes in Reinwei\u00df \u00fcbergeht und allerorten deutlich sichtbar wird, weil die Flecken einzelner stehen, als beim Parder. Allerdings geh\u00f6rt ein scharfer Blick dazu, um beide so nahe verwandte Thiere zu unterscheiden, und namentlich den Thierkundigen, welche sich nur mit den B\u00e4lgen besch\u00e4ftigen, mag Dies oft schwer werden: wer aber im Leben beide Katzenarten beobachtet hat, lernt sie sp\u00e4ter auf den ersten Blick erkennen. W\u00e4hrend ich diese Zeilen \u00fcberlese, habe ich einen Leopard vom Kap und einen Panther aus Indien, welche beide unmittelbar aus ihrer Heimat uns \u00fcberbracht wurden, lebend vor mir: ich darf mir also wohl ein selbstst\u00e4ndiges Urtheil zutrauen, obgleich ich mir gar nicht anma\u00dfen will, den nun einmal bestenhenden Streit endg\u00fcltig zu entscheiden.\nUns insbesondere l\u00e4\u00dft dieser Streit hier unber\u00fchrt. Der asiatische Panther und der afrikanische Leopard \u00e4hneln sich in ihrer Lebensweise noch mehr, als hinsichtlich ihres Leibesbaues und der Zeichnung ihres Felles; wir lernen also sicherlich das Leben Beider gen\u00fcgend kennen, wenn wir uns nur mit Einem besch\u00e4ftigen. Ich erw\u00e4hle mir, wie leicht begreiflich, den Afrikaner zu meiner Schilderung.\nDer Leopard ist ganz unzweifelhaft die vollendetste aller Katzen auf dem Erdenrund. Wohl fl\u00f6\u00dft uns die Majest\u00e4t des L\u00f6wen alle Achtung vor der gesammten Familie ein, wohl sehen wir in ihm den K\u00f6nig der Thiere; wohl erscheint uns der Tiger als der Grausamste unter der grausamen Gesellschaft, wohl besitzt der Ozelot ein farbenreicheres und bunteres Kleid, als alle \u00fcbrigen Pardel: hinsichtlich der Einhelligkeit des Leibesbaues, hinsichtlich der Sch\u00f6nheit und Fellzeichnung und hinsichtlich der Anmuth und Zierlichkeit der Bewegung aber stehen sie und alle \u00fcbrigen Katzen weit hinter dem Leoparden zur\u00fcck. Er vereinigt Alles in sich, was die einzelnen Mitglieder der Familie im Besondern auszeichnet; er vereinigt deren Eigenschaften in leiblicher wie in geistiger Hinsicht. Seine sammtne Pfote wetteifert an Weiche mit der unsers Hinz: aber sie birgt eine Klaue, welche mit jeder andern sich messen kann; sein Gebi\u00df ist verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig viel gewaltiger, als das seines k\u00f6niglichen Verwandten. Ebenso sch\u00f6n als gewandt, ebenso kr\u00e4ftig als behend, ebenso klug als listig, ebenso k\u00fchn als verschlagen zeigt er das Raubthier auf der h\u00f6chsten Stufe, welche es zu erlangen vermag. .\nDie Leibesgr\u00f6\u00dfe des Leoparden ist nicht gerade sehr bedeutend: ein nordischer Luchs kommt ihm fast oder ganz gleich. Recht alte M\u00e4nnchen, welche immer viel gr\u00f6\u00dfer, als die Weibchen sind, haben wohl nur selten 6V2 Fu\u00df L\u00e4nge und am Widerrist 272 Fu\u00df H\u00f6he; der Schwanz nimmt von jener L\u00e4nge etwas \u00fcber ein Drittheil (2Va Fu\u00df) weg. In unseren Thierschaubuden sehen wir auch von dem Leoparden nur Kr\u00fcppel, welche h\u00f6chstens drei Viertheile der angegebenen Ma\u00dfe haben.\nVor den meisten anderen Katzen zeichnet sich der Leopard sofort durch die auffallende Schlankheit aus; sein Leib erscheint noch l\u00e4nger, als er ist. Der kleine Kopf ist rund, die Schnauze kurz; der Schwanz ist lang und d\u00fcnn, und nach neueren Beobachtungen \u2014 welche zu pr\u00fcfen ich leider vers\u00e4umte und an dem sehr b\u00f6sartigen Gefangenen des Hamburger Thiergartens nicht erproben kann \u2014 endigt er in eine hornige Spitze.*) Die Pranken sind ungemein kr\u00e4ftig. Wahrhaft prachtvoll und dabei dock-h\u00f6chst ansprechend gezeichnet ist das Kleid. Auf der hellorangenfarbenen, nach unten hin ins Wei\u00dfe \u00fcbergehenden Grundfarbe treten ringf\u00f6rmige, theils geschlossene, theils aus zwei, drei und vier im Ring stehenden Tupfen gebildete Flecken von kohl- oder br\u00e4unlichschwarzer F\u00e4rbung hervor. Sie umschlie\u00dfen je einen Hof, welcher immer etwas dunkler, als die Grundfarbe ist, mit dieser aber in gleicher Abstufung nach unten hin sich lichtet. Nur auf der Mittellinie des R\u00fcckens, zumal nach hinten zu, bilden diese Flecken drei, seltener vier regelm\u00e4\u00dfige, gleichlaufende Reihen; seitlich sind solche Reihen zwar auch noch zu verfolgen; aber nicht mehr auf eine bestimmte Zahl zur\u00fcckzuf\u00fchren; und\n*) Beim Panther ist bestimmt keine hornige Spitze am Schwanzende zu bemerken.","page":258},{"file":"p0259.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung, Heimat. Begabungen.\n259.\ndeshalb erscheinen hier die Flecken ganz unregelm\u00e4\u00dfig gestellt. Am Kopf und an den Beinen gehen die Ringflecken nach und nach in Punkte, am Bauche aber in gro\u00dfe (oft noch doppelte) Tupfen \u00fcber; die Punkte an den L\u00e4ufen bilden noch Reihen, die Tupfen stehen unregelm\u00e4\u00dfig. Der Schwanz ist den gr\u00f6\u00dften Theil seiner L\u00e4nge nach mit ringf\u00f6rmigen Flecken besetzt, welche gegen die Spitze hin voll werden und einige, durch schmale, lichte B\u00e4nder getrennte Halbringe bilden. Auf der Hinterseite der Ohren steht ein lichter Fleck. Mit zunehmendem Alter wird der Leopard oben dunkler, unten aber lichter.\nDem Kopfe geben die kleinen Ohren, welche er noch dazu gern zur\u00fccklegt, und die gro\u00dfen, funkelnden, goldgv\u00fcnen Augen einen Ausdruck furchtloser K\u00fchnheit, verbunden mit listiger T\u00fccke.\nAuf den ersten Blick hin will es scheinen, als w\u00e4re das Kleid des Leoparden viel zu bunt f\u00fcr einen R\u00e4uber, welcher durch ein lauerndes Verstecken und Anschleichen seine Beute gewinnen und sich vor dem scharfen Auge derselben decken mu\u00df. Allein bei einer oberfl\u00e4chlichen Betrachtung der Gegenden, welche das Thier bewohnt, mu\u00df jede derartige Meinung verschwinden. Wer Innerafrika aus eigener Erfahrung kennen lernte, erstaunt \u00fcber das bunte Gewand, welches dort die Erde tr\u00e4gt, und findet es ganz nat\u00fcrlich, da\u00df in derselben ein so farbenreiches Gesch\u00f6pf, selbst in sehr geringer Entfernung, \u00fcbersehen werden kann. Das Fell des Leoparden und der Boden stimmen in ihrer F\u00e4rbung aus das genaueste \u00fcberein!\nFast ganz Afrika ist die Heimat des Leoparden. Er findet sich \u00fcberall, wo es zusammenh\u00e4ngende, wenn auch nur d\u00fcnn bestandene Waldungen giebt, und zwar in verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sehr gro\u00dfer Menge. Unter den Waldungen behagen ihm besonders diejenigen, welche zwischen den h\u00f6heren B\u00e4umen mit dichtem Unterholz bestanden sind. Grasige Ebenen liebt er nicht, obwohl er in der Steppe eine keineswegs seltene Erscheinung ist. Sehr gern zieht er sich in das Gebirg zur\u00fcck, dessen reichbewachsene H\u00f6hen ihm nicht nur treffliche Versteckpl\u00e4tze, sondern auch reichliche Beute gew\u00e4hren. In Habesch bietet ihm noch ein H\u00f6heng\u00fcrtel von 8000 Fu\u00df \u00fcber dem Meere alle Annehmlichkeiten, welche er sich w\u00fcnschen kann. Gar nicht selten sucht er sich seinen Aufenthaltsort nahe an den menschlichen Wohnungen oder in diesen selbst und unternimmt von hier aus seine Raubz\u00fcge: So erz\u00e4hlte mir Schimper, da\u00df ein Leopard in einem Hause der Stadt Adoa in Habesch sogar Junge warf. Unter allen Umst\u00e4nden aber w\u00e4hlt sich der schlaue R\u00e4uber Pl\u00e4tze, welche ihn soviel als m\u00f6glich dem Auge entziehen. In den W\u00e4ldern wei\u00df er sich so vortrefflich zu bergen, da\u00df man gew\u00f6hnlich blos an den B\u00e4umen seine Spur auffindet: die eingekratzten Streifen, welche er beim Klettern in der Rinde zur\u00fcckl\u00e4\u00dft. Seine F\u00e4hrte sieht man nur \u00e4u\u00dferst selten, h\u00f6chstens auf dem feuchten Sande in der N\u00e4he seiner TrKnkpl\u00e4tze, wo der leise aufgesetzte Fu\u00df sich abdr\u00fcckt. Auf dem harten Waldboden nimmt auch das ge\u00fcbteste J\u00e4gerauge keine Spur von dem Schleicher wahr.\nWie die meisten Pardelkatzen, hat der Leopard keinen bestimmten Aufenthaltsort, sondern streift weit herum und ver\u00e4ndert seinen Wohnsitz nach Umst\u00e4nden. So verl\u00e4\u00dft er eine Gegend vollst\u00e4ndig, nachdem er sie ausgeraubt oder in ihr wiederholte Nachstellungen erfahren hat.\nUngeachtet seiner nicht eben bedeutenden Gr\u00f6\u00dfe ist der Leopard ein wahrhaft furchtbarer Feind aller Thiere und selbst des Menschen, obgleich er diesem gern ausweicht, wo es geht. In allen Leibes\u00fcbungen Meister und listiger, als andere Raubthiere, versteht er es auch, das fl\u00fcchtigste oder das scheueste Wild zu ber\u00fccken. Sein Lauf ist zwar nicht schnell, aber er kann durch gewaltige Spr\u00fcnge Das schon ersetzen, was ihm vor hochbeinigen Thieren abgeht. Im Klettern steht er nur wenig anderen Katzen nach. Man trifft ihn fast ebenso oft auf B\u00e4umen, als in einem Busch versteckt. Bei Verfolgung b\u00e4umt er regelm\u00e4\u00dfig. Wenn es sein mu\u00df, steht er auch nicht an, \u00fcber ziemlich breite Str\u00f6me zu schwimmen, obgleich er sonst das Wasser scheut. Erst bei seinen Bewegungen zeigt er sich in seiner vollen Sch\u00f6nheit. Denn jede einzelne ist so biegsam, so federnd, gewandt und behend, da\u00df man an dem Thiere seine wahre Freude haben mu\u00df, so sehr man auch den R\u00e4uber hassen mag. Da kann man Nichts gewahren, was irgend eine Anstrengung bekundet. Der K\u00f6rper windet und dreht sich nach allen Richtungen hin, und der Fu\u00df tritt so leise auf, als ob er den leichtesten K\u00f6rper tr\u00fcge.","page":259},{"file":"p0260.txt","language":"de","ocr_de":"260\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Leopard.\nJede Biegung ist zierlich, gerundet und weich: kurz, ein laufender oder schleichender Leopard wird f\u00fcr Jedermann zu einer wahren Augenweide.\nLeider steht sein geistiges Wesen mit seiner Leibessch\u00f6ne nicht im Einklang. Der Leopard ist listig, verschlagen, t\u00fcckisch, boshaft, wild, raub- und mordlustig, blutd\u00fcrstig und rachs\u00fcchtig. In Afrika nennt man ihn geradezu Tiger, weil man unter diesem Namen das Urbild eines blutd\u00fcrstigen Wesens bezeichnet. Und wahrhaftig, keine andere altweltliche Katze kann den Namen des furchtbarsten Gliedes der Familie mehr verdienen, als unser Leopard. Er mordet alle Gesch\u00f6pfe, welche er bew\u00e4ltigen kann, gleichviel, ob sie gro\u00df oder klein sind, ob sie sich wehren oder ihm ohne Abwehr zur Beute fallen. Antilopen, Ziegen und Schafe bilden wohl seine Hauptnahrung: aber er klettert auch den Affen auf den B\u00e4umen, den Klippschliefern auf den Felsen nach. Den Pavianen ist er best\u00e4ndig auf den Fersen. Er ist es, welcher ein gef\u00e4hrliches Ueberhandnehmen dieser Thiere ' verhindert: Dies sieht man in jenen H\u00f6hen, wo er nicht hinkommt. Nicht einmal das Stachelschwein ist vor ihm sicher. Er legt sich, wie Jules Gerard in Algerien beobachtete, auf den Wechsel dieses Nagers, lauert mit der gr\u00f6\u00dften Geduld und fa\u00dft, wenn der wohlbewehrte Stachelheld n\u00e4chtlich seines Weges geht, blitzschnell zu, giebt ihm einen Schlag auf die Nase und zermalmt ihm\t\"\ndann rasch den Kopf. Die Antilopen soll er, wie die Kaffern erz\u00e4hlen, durch einen eigenth\u00fcmlichen Kunstgriff zu ber\u00fccken versuchen. Er schleicht im Grase an sie 'heran und beginnt in einiger Entfernung ganz sonderbare Bewegungen zu machen, um die Neugierde dieser Thiere zu erregen. L\u00e4\u00dft es sich ein St\u00fcck des Rudels beikommen, dieser Neugierde Folge zu geben, so ist es verloren. Etwas \\ ist jedenfalls an der Sache, wenn auch die Deutung jener Bewegung kaum die richtige sein d\u00fcrfte.\nUnter den Herden richtet er oft ein f\u00fcrchterliches Blutbad an. Manche Leoparden haben in einer einzigen Nacht drei\u00dfig bis vierzig Schafe get\u00f6dtet. Deshalb wird er von den Viehz\u00fcchtern auch weit mehr gef\u00fcrchtet, als der L\u00f6we, welcher sich stets mit einem Wildpret begn\u00fcgt. Aus der Klasse der V\u00f6gel fallen ihm haupts\u00e4chlich die H\u00fchner zum Opfer; ihnen schleicht er ohne Unterla\u00df nach. Aber nicht einmal der Mensch ist vor ihm gesichert, und namentlich Kinder finden durch ihn gar h\u00e4ufig ihren Tod. So erz\u00e4hlte mir der Pater Filippini, ein sehr sorgsam beobachtender J\u00e4ger, welcher l\u00e4nger als zwanzig Jahre in Habesch gelebt hat, da\u00df unser, von ihm grimmig j geha\u00dftes Raubthier binnen drei Monaten aus dem Bogosdorfe Mensa allein acht Kinder weggetragen und verspeist hatte.\nMit der K\u00fchnheit, Raublust und Mordgier verbindet der Leopard \u00fcberdies die gr\u00f6\u00dfte Frechheit. Dreist und unversch\u00e4mt kommt er bis in das Dorf oder bis in die Stadt, ja selbst bis in die \\ bewohnten H\u00fctten hinein. Als sich R\u00fcppell in der abissinischen Provinz Simeen befand, packte ein gro\u00dfer Leopard unfern des Lagerplatzes und bei hellem Tage einen der Esel, wurde indessen noch zeitig genug durch das Geschrei der Hirtenknaben verscheucht. \u201eBei Gondar,\" sagt derselbe Naturforscher, \u201ewurden wir durch das Geschrei einer in unserm Haushofe befindlichen Ziege aus -dem Schlafe geweckt. Es zeigte sich, da\u00df ein Leopard \u00fcber die neun Schuh hohe Hofmauer geklettert war und die schlafende Ziege an der Kehle gepackt hatte. Ein Pistolenschu\u00df, der aber nicht traf, verscheuchte das Raubthier aus dem Hofe, in welchem es die sterbende Ziege zur\u00fccklie\u00df. Nach zwei Stunden kam der Leopard wieder in den Hof gesprungen und drang sogar bis in mein Schlafzimmer, wo die todte Ziege lag! Als er uns aber aufspringen h\u00f6rte, entfloh er abermals unverletzt. Sieben Tage sp\u00e4ter wurden wir nachts durch das Jammergeschrei unserer Haush\u00fchner geweckt, welche hoch oben an der Decke des Vorzimmers auf einer schwebend h\u00e4ngenden Stange sa\u00dfen. Drei Leoparden auf einmal hatten uns einen Besuch zugedacht. W\u00e4hrend nun mein Neger Abdallah mit gespanntem Gewehr das Knurren einer dieser Bestien in dem Vorhose bei den Maulthieren belauschte, sah ich die beiden anderen auf der Mauer des Hinterhofs, wohin ich mich begeben hatte, umhergehen und zwar mit leisem, aber sicherm Tritte, da\u00df ich dar\u00fcber ganz erstaunt war. Die zu gro\u00dfe Dunkelheit der Nacht machte einen sichern Schu\u00df unm\u00f6glich. Da es den Leoparden gelungen war, einige H\u00fchner zu erhaschen, so konnten wir einer baldigen Wiederholung ihres Besuchs gewi\u00df sein. Wirklich","page":260},{"file":"p0261.txt","language":"de","ocr_de":"Wesen. Nahrung. Frechheit.\n261\nerschienen sie auch schon in der n\u00e4chsten Nacht wieder. Einer aber, welcher bereits zwei St\u00fcck Gefl\u00fcgel ertappt hatte, mu\u00dfte mit dem Leben b\u00fc\u00dfen, indem Abdallah ihm durch einen gl\u00fccklichen Schu\u00df die Wirbels\u00e4ule zerschmetterte.\"\nVon seiner k\u00fchnen Mordlust lieferte der Leopard auch mir einen schlagenden Beweis. Wir ritten Vormittags durch einen Theil des Bogosgebirges. Da h\u00f6rten wir \u00fcber uns wieder einmal das stets zur Jagd herausfordernde Gebell der gro\u00dfen Paviane, und beschlossen sofort, unsere B\u00fcchsen an ihnen zu erproben. Unsere Leute, unter denen sich der egyptische Koch meines Freundes van Arkel d'Ablaing befand, blieben unten im Thale stehen, um die Maulthiere zu halten; wir kletterten langsam an der Bergwand empor, w\u00e4hlten uns einen ziemlich passenden Platz und feuerten von da aus nach den oben sitzenden Affen. Es war ziemlich hoch, und mancher von den Sch\u00fcssen ging fehl; einige hatten jedoch getroffen: die Opfer derselben brachen entweder zusammen oder suchten verwundet das Weite. So sahen wir einen uralten Hamadryas, welcher leicht am Halse verletzt worden war, taumelnd und unsicher den Felsen herabkommen und an uns vor\u00fcberschwanken, sich mehr und mehr dem Thale zuwendend, woselbst wir ihn als Leiche zu finden hofften. Wir beachteten ihn deshalb auch gar nicht weiter, sondern lie\u00dfen ihn ruhig seines Weges ziehen und feuerten unsere B\u00fcchsen wieder nach den anderen Asien ab, welche noch da oben sa\u00dfen. Urpl\u00f6tzlich entstand ein f\u00fcrchterlicher Aufruhr unter den Asien und wenige Sekunden sp\u00e4ter ein w\u00fcster L\u00e4rm unten im Thale. S\u00e4mmtliche m\u00e4nnliche Mantelpaviane r\u00fcckten auf der Felskante vor, grunzten, brummten, br\u00fcllten und schlugen w\u00fcthend mit den H\u00e4nden auf den Boden. Aller Augen richteten sich zur ^iefe, die ganze Bande rannte hin und her; einige besonders grimmige M\u00e4nnchen begannen an der Felswand herabzuklettern. Wir glaubten schon, da\u00df jetzt wir angegriffen werden sollten, und beeilten uns etwas mehr, als gew\u00f6hnlich, mit dem Laden der B\u00fcchse. Da machte uns der L\u00e4rm unten aus die Tiefe aufmerksam. Wir h\u00f6rten unsere Hunde bellen, die Leute rufen und vernahmen endlich die Worte: \u201ezu Hilfe! zu Hilfe! ein Leopard!\" An der Bergwand hinabschauend., erkannten wir denn auch wirklich das Raubthier, welches auf geradem Wege unseren Leuten zueilte, sich aber bereits mit einem Gegenstand besch\u00e4ftigte, welcher uns unkenntlich blieb, weil er durch den Leoparden verdeckt war. Gleich darauf fielen unten zwei Sch\u00fcsse. Die Hunde bellten laut auf, und die bis auf den Eghpter wehrlosen Leute riefen von neuem mehrmals zu Hilfe. Dann wurde es bis auf das fort und fort dauernde Gebell der Hunde ruhig.\nDie ganze Geschichte war so schnell vor\u00fcbergegangen, da\u00df wir noch immer nicht wu\u00dften, worum es sich eigentlich handelte. Wir stiegen deshalb ziemlich eilfertig an der Bergwand hinunter in das Thal. Hier trafen wir unsere Leute tVt den verschiedensten Stellungen. Der Eghpter hatte sich auf einen Felsblock gestellt, hielt krampfhaft die Doppelb\u00fcchse seines Herrn in der Hand und starrte nach einem ziemlich dichten Busche hin, vor welchem die Hunde standen, jedoch in achtungsvoller Ent-nung. Der eine Abissinier war noch immer besch\u00e4ftigt, die aufs \u00e4u\u00dferste erregten Maulthiere zu beruhigen, und der dritte Diener, ein junger Mensch von etwa 15 Jahren, war an der andern Thalseite empor geklettert und schien von dort aus das Ganze \u00fcberwachen zu wollen, seine eigne Sicherheit nat\u00fcrlich nebenbei auch im Auge behaltend.\n\u201eIm Busche liegt der Leopard,\" sagte mir der Eghpter; \u201eich habe auf ihn geschossen.\"\n\u201eEr ist, auf einem Asien reitend, den Berg heruntergekommen,\" f\u00fcgte der Abissinier hinzu; \u201egerade auf uns los kam er; wahrscheinlich wollte er die Maulthiere oder uns auch noch verschlingen.\"\n\u201eDicht an Euch vor\u00fcber ist er gelaufen,\" schlo\u00df der Dritte; \u201eich habe ihn schon oben auf dem Berge gesehen, als er aus den Affen sprang.\"\nVorsichtig die gespannte und abgestochne B\u00fcchse in der Hand haltend, n\u00e4herte ich mich dem Busche bis auf zehn, acht, f\u00fcnf Schritte, aber ich konnte, so sehr ich mich auch anstrengte, noch immer Nichts von dem Leoparden gewahren. Endlich verlie\u00df der W\u00e4chter oben, welcher durch mein Vorgehen Muth gefa\u00dft zu haben schien, seine Warte und deutete mit der Hand auf einen ganz bestimmten","page":261},{"file":"p0262.txt","language":"de","ocr_de":"262\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Leopard.\nFleck. Hier, dicht vor mir, sah ich den Leoparden endlich liegen. Er war todt. Etwa zehn Schritte weiter thalw\u00e4rts lag der ebenfalls get\u00f6dtete Hamadryas.\nNun kl\u00e4rte sich der Hergang auf. Beim Hinaufklettern waren wir unzweifelhaft au\u00dferordentlich n\u00e4he am Lagerplatze des Raubthieres vor\u00fcbergegangen. Dann hatten wir etwa zehn Sch\u00fcsse abgefeuert, deren Knall stets ein vielfaches Echo hervorgerufen hatte. Endlich war ein Affe verwundet worden, wie bemerkt, und den Berg herunterkommend, jedenfalls auch nicht weit von dem Lager des Raubthieres vor\u00fcbergegangen. Auf ihn hatte der Leopard sich gest\u00fcrzt, ungeachtet der Menschen, welche er gesehen und geh\u00f6rt, ungeachtet der alle Thiere schreckenden Sch\u00fcsse, ungeachtet des hellen, sonnigen Tages. Wie ein Reiter auf dem Rosse sitzend, war er auf dem Assen in das Thal hinabgeritten, und nicht einmal das Schreien und L\u00e4rmen der Leute hatte ihn zur\u00fcckschrecken k\u00f6nnen. Der Koch unten, welcher mit den Anderen weniger f\u00fcr das Leben des Affen, als f\u00fcr das eigene f\u00fcrchtete, ; hatte, wie er zugestand, \u201ein der Todesangst\" die zweite B\u00fcchse seines Herrn aufgenommen, nach der Gegend hingehalten und dem Leoparden auch gl\u00fccklich eine Kugel mitten durch das Herz gejagt. Dann hatte er auch den Affen erlegt, wahrscheinlich ohne eigentlich zu wissen, in welcher Absicht.\nWie sich sp\u00e4ter ergab, hatte der Leopard den Affen mit den beiden Vordertatzen gerade vorn an der Schnauze gepackt und hier tiefe L\u00f6cher eingerissen. Mit den Hinterbeinen hatte er sich im Ges\u00e4\u00df des Thieres fest einzuklammern versucht oder sie, ftettentoeife wenigstens, nachschleifen lassen. Unbegreiflich war es uns, da\u00df der Hamadryas, trotz seiner fr\u00fcher erhaltenen Verwundung, von seinen furchtbaren Z\u00e4hnen nicht Gebrauch gemacht hatte.\ts\nDie Bewohner Mittelafrikas und die Reisenden wissen eine Menge \u00e4hnlicher Geschichten zu erz\u00e4hlen. So kam ein Leopard an Gordon Cummings Wagen heran, holte neben dem Feuer ein gro\u00dfes St\u00fcck Fleisch weg, und als die.Hunde ihm nachsprangen, zerkratzte und zerbi\u00df er zwei derselben so f\u00fcrchterlich, da\u00df sie bald nachher starben.\nIn allen St\u00e4dten und D\u00f6rfern, welche nah am Walde liegen, besucht der Leopard die H\u00e4user nur allzu oft, raubt hier vor den Augen der Menschen irgend ein Thier und schleppt es fort, ohne sich durch das Geschrei der Leute beirren oder sein Wild sich entrei\u00dfen zu lassen. Ihm ist jedes Hausthier recht; er nimmt auch die Hunde mit,\tobgleich sich diese\tt\u00fcchtig wehren. In Abissinien\t]\nkann man seineihalben weder Hunde oder Katzen, noch H\u00fchner behalten und mu\u00df f\u00fcr die Ziegen und Schafe mindestens ebensogute Wohnungen herrichten, als f\u00fcr die Menschen. Glaubw\u00fcrdige M\u00e4nner erz\u00e4hlen, da\u00df er die Hunde erst f\u00f6rmlich von den\tOrten, welche sie\tbewachen sollten, weglocke und\nsich dann pl\u00f6tzlich von der andern Seite n\u00e4here,\tum seinen Raub\tungest\u00f6rt ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen.\t$\nW\u00e4hrend ich mich in den Waldd\u00f6rfern Ostsudahns befand, kamen die Leoparden in einer Woche beinahe jede Nacht bis an das Dorf heran, wurden aber von den in sehr gro\u00dfer Anzahl vorhandenen und vortrefflich eingeschulten Windspielen jedesmal zur\u00fcckgetrieben. In den Urw\u00e4ldern am Blauen Flusse h\u00f6rte ich die eigenth\u00fcmlich grunzende Stimme des Thieres mit Beginn der Nacht fast regelm\u00e4\u00dfig, und auch die F\u00e4hrten der n\u00e4chtlich'jagenden R\u00e4uber merkten wir sehr oft bei unseren Streifereien, doch hatte ich damals nie das Gl\u00fcck, einen Leoparden selbst zu sehen. Als ich den Arabern mein Befremden hier\u00fcber aussprach, erkl\u00e4rten sie mir die Sache nach ihrer Weise ganz einfach durch die gro\u00dfe Schlauheit des Thieres. Der Leopard, sagten sie, w\u00fc\u00dfte sehr wohl, da\u00df ich f\u00fcr ihn ein weit gef\u00e4hrlicherer Gegner sei, als sie selbst, und ihn todtschie\u00dfen w\u00fcrde, wenn er sich mir zeigen wollte, w\u00e4hrend sie ihm mit ihren Lanzen nicht viel anhaben k\u00f6nnten, und er sich auch deshalb vor ihnen nicht sonderlich in Acht zu nehmen brauche. \u2014 Mehrmals habe ich auf dem Anstand gelegen, und an solchen Orten, welche der Leopard nachts vorher besucht hatte, lebende Ziegen f\u00fcr ihn als K\u00f6der angebunden: allein immer lauerte ich vergebens. Hieraus glaube ich schlie\u00dfen zu d\u00fcrfen, da\u00df er bei seinen Streifereien doch nicht so oft an denselben Ort zur\u00fcckkehrt, als man gew\u00f6hnlich glaubt.\nIn der Regel greift der Leopard den Menschen nicht an; wird er aber angeschossen, so st\u00fcrzt er' sich wie rasend auf seinen Gegner. So erz\u00e4hlt Cumming, da\u00df einer seiner Freunde, welcher diese Katze nur verwundete, augenblicklich von ihr angesprungen, niedergeworfen und gr\u00e4\u00dflich von ihr","page":262},{"file":"p0263.txt","language":"de","ocr_de":"Angriffe auf Thiere und Menschen. Fortpflanzung.\n263\nzerfleischt, aber zum Gl\u00fcck doch gerettet wurde, weil das Raubthier den n\u00e4chsten Augenblick schon seiner eignen Wunde erlag. Der Diener des Geistlichen Stella in den Bogosl\u00e4ndern wurde, wie man mir mittheilte, durch einen einzigen Schlag eines Leoparden, auf welchen er geschossen hatte, get\u00f6dtet. Man kennt \u00fcbrigens auch Beispiele, da\u00df der Leopard, ohne irgend gereizt zu sein, den Menschen angriff. Kolbe berichtet, da\u00df der B\u00fcrgermeister der Kapstadt unversehens von einem Leoparden angesprungen wurde. Das Vieh schlug dabei dem Manne die Klauen in den Kopf und fuhr mit dem Maule nach dem Halse, um ihm die Schlagadern zu durchbei\u00dfen. Der Angegriffene aber wehrte sich tapfer, rang mit seinem Gegner und Beide fielen zu Boden. Schon ganz ermattet, strengte der Mann seine letzten Kr\u00e4fte an, dr\u00fcckte dem grimmigen Thiere den Kopf fest auf den Boden, zog sein Schnappmesser heraus und schnitt ihm den Hals ab; er selbst aber hatte an seinen Wunden noch lange zu leiden. In Abissinien kommen allj\u00e4hrlich Ungl\u00fccksf\u00e4lle vor, d. h. auch erwachsene, wehrhafte Leute werden von dem Leoparden angegriffen und umgebracht. Kinder geh\u00f6ren, wie wir sahen, mit unter das Wild, auf welches er geradezu Jagd macht!\nDie Paarungszeit des Leoparden f\u00e4llt in die Monate, welche dem Fr\u00fchlinge der betreffenden L\u00e4nder vorausgehen. Dann sammeln sich oft viele M\u00e4nnchen an einem Orte, schreien abscheulich, nach Art der verliebten Katzen, aber viel lauter und tiefer, und k\u00e4mpeen w\u00fcthend unter einander. Wie man an Gefangenen erfuhr, wirft das Weibchen nach neunw\u00f6chentlicher Tragzeit drei bis f\u00fcnf Junge, welche blind zur Welt kommen und am zehnten Tage ihre Augen \u00f6ffnen. Es sind dies kleine, wirklich reizende Gesch\u00f6pfe, ebensowohl ihrer sch\u00f6nen Zeichnung, als ihres h\u00fcbschen Betragens wegen. Sie spielen ganz allerliebst, wie die Katzen, unter einander und mit ihrer Mutter, welche sie z\u00e4rtlich liebt und muthvoll vertheidigt. Freilebend verbirgt diese ihre Nachkommenschaft in einer Felsenh\u00f6hle, unter den Wurzeln eines starken Baumes, im dichten Geb\u00fcschen oder in Baumh\u00f6hlen selbst; sobald die Kleinen aber einmal die Gr\u00f6\u00dfe einer starken Hauskatze erreicht haben, begleiten sie die Alte bei ihren n\u00e4chtlichen Raubz\u00fcgen und kommen, Dank des guten Unterrichts, welchen sie genie\u00dfen, bald dahin, sich selbst ihre Nahrung zu erwerben. Eine s\u00e4ugende Alte wird zu einer wahren Geisel f\u00fcr die ganze Gegend. Sie raubt und mordet mit der allergr\u00f6\u00dften K\u00fchnheit, ist aber dennoch vorsichtiger, als je, und so kommt es, da\u00df man nur in seltenen F\u00e4llen ihrer oder der Jungen habhaft werden kann.\nUebrigens richten die Leoparden auch schon w\u00e4hrend ihrer Paarungszeit an ein und demselben Orte viel Schaden an, wenn sie auch, solange sie durch die Liebe besch\u00e4ftigt werden, weniger blutgierig und r\u00e4uberisch sein sollen. Man hat nicht selten ihrer sechs bis acht zu gleicher Zeit bemerkt. Ein holl\u00e4ndischer Kapbauer hatte das-Vergn\u00fcgen, gegen sein Erwarten mit einer solchen Gesellschaft zusammenzukommen. Er reiste in der im Lande gebr\u00e4uchlichen Weise mit Ochsenwagen von einer Ortschaft zur andern. W\u00e4hrend die Genossen in einem unmuthigen Thale ihr Lager aufschlugen, ging er auf die Jagd hinaus, um ein Wildpret f\u00fcr die K\u00fcche zu erbeuten. Nach einem l\u00e4ngern, vergeblichen Streifzuge wollte er eben zum Lager zur\u00fcckkehren und war auch bereits in dessen N\u00e4he angelangt: da erblickte er zu seinem nicht geringen Entsetzen pl\u00f6tzlich sieben Leopardenk\u00f6pfe zwischen dem zerkl\u00fcfteten Gestein und dem Riedgras eines H\u00fcgels. In der Ueberraschung handelte er so albern, als er nur immer konnte: er scho\u00df sein einfaches Gewehr auf das Gerathewohl nach der Gruppe ab! Gl\u00fccklicher Weise machte sich das Ende besser, als zu vermuthen gewesen w\u00e4re. Die Leoparden blieben ruhig; nur ein einziger sprang auf und focht in der Luft umher, gleichsam, als wolle er nach der Kugel fangen, welche wahrscheinlich recht nahe an ihm vorbeigepfisfen war. Der Bauer schlich sich sachte davon.\nWo der Leopard vorkommt, f\u00fchrt man einen Vernichtungskrieg gegen ihn. Die Iagdweisen sind nat\u00fcrlich h\u00f6chst verschieden, weil das Feuergewehr nur hier und da eine Rolle spielt; im allgemeinen aber ist dieses doch die einzige Waffe, die den J\u00e4ger sichert und ihm zugleich Erfolg verspricht. Wer scharfe Hunde besitzt und die Jagd des Leoparden bei Tage betreibt, braucht sich nicht im geringsten vor ihm zu f\u00fcrchten. Die Hunde besch\u00e4ftigen ihn und geben dem J\u00e4ger Zeit, mit","page":263},{"file":"p0264.txt","language":"de","ocr_de":"264\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Leopard.\naller Mu\u00dfe eine gute Ladung Rehposten oder eine sichere Kugel ihm auf das bunte Fell zu brennen. Levaillant berichtet uns in erg\u00f6tzlicher Weise von einer derartigen Jagd, wo man mit vielen Hunden einen gro\u00dfen Busch umstellte und ruhig auf gut Gl\u00fcck hineinscho\u00df, bei jeder Bewegung des Parders zur\u00fcckprallte und endlich doch noch zum Ziele kam, indem er, der Erz\u00e4hler, einen guten Schu\u00df an- . bringen konnte. Nur sehr wenig J\u00e4ger sind so tollk\u00fchn, ohne Hunde auf die Leopardenjagd zu gehen.\nSie umwickeln sich dann gew\u00f6hnlich den einen Arm dick mit Fellen und tragen ein scharfes, breites Dolchmesser bei sich. Das Raubthier st\u00fcrzt sich, wenn es gefehlt wurde, augenblicklich auf den Angreifer, und dieser h\u00e4lt ihm den gesch\u00fctzten Arm entgegen. In demselben Augenblick, wo jener sich in demselben verkrallt, st\u00f6\u00dft der J\u00e4ger ihm das breite Messer in das Herz.\nSehr eigenth\u00fcmlich ist es, da\u00df auch unter den einfachsten Naturkindern \u00fcber solche Jagden die k\u00f6stlichsten M\u00fcnchhausiaden umlaufen. So erz\u00e4hlte mir ein Scheich in Roseeres:\t^\n\u201eIn der Umgegend unserer Stadt sind die Leoparden zwar sehr h\u00e4ufig, aber doch nicht gef\u00fcrchtet, weil unsere Leute S\u00f6hne der St\u00e4rke sind und mit Leichtigkeit jedes wilde Thier zu bew\u00e4ltigen verstehen. Die Jagd des Leoparden ist nun vollends eine Kleinigkeit. Wenn man wei\u00df, wo er aufgeb\u00e4umt hat, braucht man einfach in den Wald zu gehen und den Leoparden aufzufordern, vom Baume herabzukommen; dann sticht man ihn todt.\"\nIch sprach meine Verwunderung \u00fcber die Folgsamkeit des Thie?es unverhohlen aus; allein mein Berichterstatter blieb mir die Antwort nicht schuldig.\n\u201eEs ist ganz leicht,\" sagt er, \u201eeinen Leoparden vom Baume herabzubringen. Er betrachtet 5 n\u00e4mlich seinen sch\u00f6nen Namen \u201eNimmr\" als eine Verh\u00f6hnung und emp\u00f6rt sich auf das \u00e4u\u00dferste, wenn man ihn so ruft. Unsere vortrefflichen Knaben nehmen nun zwei scharfe Lanzen, gehen unter seinen Baum, halten beide Lanzen neben sich \u00fcber ihren K\u00f6pfen in die H\u00f6he, so da\u00df die Spitzen das Haupt decken, und rufen laut: \u201eKomm herab, Nimmr, komm herab, du Sohn der Feigheit, du Fleckiger, du Schelm, komm, wenn du Muth hast!\" Hier\u00fcber wird das Thier ganz w\u00fcthend, vergi\u00dft alle Vorsicht und springt blind auf den Angreifer, nat\u00fcrlich aber in beide Lanzen, welche er sich dann sofort durch das Herz st\u00f6\u00dft.\"\nPater Fillipini in Mensa hat w\u00e4hrend seines l\u00e4ngj\u00e4hrigen Aufenthalts in Habesch und den Bogosl\u00e4ndern viel Leoparden erlegt, die meisten freilich, nachdem er sie vorher gefangen hatte. Unter allen den Jagdberichten, welche er mir gab, hat mich der eine besonders angesprochen, und ihn will ich auch meinen Lesern nicht vorenthalten.\nIn Keeren, dem Hauptdorfe des eigentlichen Bogoslandes, hat die katholische Mission einen . festen Wohnsitz gegr\u00fcndet. Sie h\u00e4lt, wie die ganze Gebirgsbev\u00f6lkerung, ihre Herden, welche, wenigstens das kleine Vieh, nachts immer in einen wohlverwahrten Stall gebracht werden. Der Ziegenhirt, ein junger Bursch von 15 Jahren, schl\u00e4ft auf einer etwa 4^ Fu\u00df \u00fcber dem Boden erh\u00f6hten Lagerst\u00e4tte im Stalles\nIn einer Regennacht vernimmt der in der n\u00e4chsten H\u00fctte ruhende Pater pl\u00f6tzlich den lauten Angstschrei aller in dem Stall eingepferchten Ziegen und die Hilferufe ihres Hirten. Er schlie\u00dft sofort ganz richtig, da\u00df ein Leopard irgendwie eingedrungen sein m\u00fcsse, und eilt mit seinem treuerprobten Schweizerstutzen an den gef\u00e4hrdeten Stall.\n\u201eWas ist bei Dir los, Knabe?\"\n\u201e\u201eO, Vater, ein Leopard ist in dem Stall! Er hat eineZiege zusammengew\u00fcrgt und wird wahrscheinlich auch \u00fcber mich herfallen wollen. Seine Augen funkeln gr\u00e4\u00dflich.\"\"\n\u201eWie ist er eingedrungen?\"\n\u201e\u201eEr hat die Wand mit sein Tatzen aus einander geschlagen und sich so eine Th\u00fcr gebildet; auf der andern Seite ist sie.\"\"\nUnser Pater geht auf die andre Seite, findet gl\u00fccklich das Eingangsloch, holt einen gro\u00dfen Stein und legt diesen vor die Oeffnung.\n\u201eSei ruhig, mein Sohn! Dir wird Nichts geschehen; z\u00fcnde aber Licht an, damit ich sehen kann.\"","page":264},{"file":"p0265.txt","language":"de","ocr_de":"Eine Jagd in Habesch. Leopardenfallen.\n265\n\u201e\u201eIch habe kein Feuer, mein Vater!\"\"\n\u201e Wohl, so werde ich Dir welches bringen.\"\nDer J\u00e4ger geht zur\u00fcck, holt ein Wachslicht und Streichh\u00f6lzchen, macht eine kleine Oesinung durch die Strohwand und reicht Beides dem Knaben mit der Aufforderung, Licht anzuz\u00fcnden. Der arme Bursche ist aber durch den Ueberfall des gef\u00fcrchteten Thieres so erschreckt, da\u00df er nicht unter seinen Fellen, welche er als sch\u00fctzende Decke \u00fcber sich ausgebreitet hat, hervorkommt. Vater Fillipini mu\u00df also ein zweites Loch machen, durch welches er die zweite Hand hindurchsteckt. Er bittet den Knaben, ihm wenigstens die Hand zu reichen und die Kerze zu fassen, streicht Licht an, und einen Augenblick sp\u00e4ter ist der nicht allzugro\u00dfe Raum erhellt, wenn auch noch immer d\u00fcrftig genug.\nJetzt wird es dem Leoparden bedenklich. Er l\u00e4\u00dft die gemordete Ziege liegen und schleicht, den Leib dicht an die Wand des Stalles gedr\u00fcckt, unh\u00f6rbar dahin, seinem Ausgangsloche zu. Ein allgemeines Ausrei\u00dfen der ge\u00e4ngstigten Ziegen zeigt seine Bewegung dem Ohr unsers Paters an, welcher mit der B\u00fcchse in der Hand vor einem dritten durch die Wand gebohrten Schie\u00dfloche steht.\n\u201eLeuchte mehr nach dieser Seite, Talla!\"\nEs geschieht; allein der J\u00e4ger sieht nur einen Schatten, ohne im Stande zu sein, ihn aufs Korn zu nehmen. Der Junge fackelt mit dem Lichte hin und her; der Leopard wird \u00e4ngstlich und l\u00e4\u00dft ein s leises Knurren vernehmen. Nun strengt der Pater auch sein Geh\u00f6r an, um das Raubthier zu ersp\u00e4hen. Da f\u00e4llt ein Lichtstrahl gerade in die gl\u00e4nzenden Feueraugen des Leoparden: \u2014 im Nu ist die B\u00fcchse an der Wange \u2022 der Schu\u00df kracht in das Innere des Stalles; alle Ziegen rennen entsetzt umher; der Junge l\u00e4\u00dft vor Schreck das Licht zu Boden fallen, da\u00df es erlischt: \u2014 dann } wird es still.\n\u201eLebt der Leopard noch, Talla?\"\n\u201e\u201eIch wei\u00df es nicht, mein Vater; die Ziegen sind aber ruhig geworden.\"\"\n\u201eNun, dann ist er auch getroffen,\" sagt der muthige Geistliche, ladet, holt sich neues Licht, \u00f6ffnet die Th\u00fcr und tritt, allerdings immer noch mit gespannter B\u00fcchse \u2014 in den Stall. An der gegen\u00fcberstehenden Wand liegt der Leopard; die Kugel ist ihm zwischen den Augen in den Kopf gedrungen. \u2014\n33ei weitem die wenigsten Leoparden, welche get\u00f6dtet werden, enden ihr Leben durch die Kugel. Verschiedene Fallen sind weit ergiebiger, als das Feuergewehr. Wo Europ\u00e4er Hausen, wendet man F starke Tellereisen und Schlagfallen an oder h\u00e4ngt ein St\u00fcck Fleisch in ziemlicher H\u00f6he an einem Baumast auf und spickt den Boden dicht mit ziemlich langen, eisernen Spitzen. Das Raubthier springt nach dem Fleische, welches zu sicherm Sprunge zu hoch h\u00e4ngt, und st\u00fcrzt oft in eine der dort ausgepflanzten Spitzen. \u2014 Pater Fillipini. hatte schon gegen ein Viertelhundert Leoparden in Fallen gefangen, welche ganz nach Art der M\u00e4usefallen eingerichtet, aber nat\u00fcrlich viel gr\u00f6\u00dfer sind. Eine Henne oder eine junge Ziege wurde in der hintersten Abtheilung der Falle zum K\u00f6der benutzt. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter \u00fcberwog die Raublust doch alle Schlauheit, und der R\u00e4uber sa\u00df im Kerker, wo ihn der Pater dann am andern Morgen mit aller Ruhe und Sicherheit todtscho\u00df. Einmal fing sich auch ein L\u00f6we in einer solchen Falle; f\u00fcr ihn war aber noch keine.Kugel gegossen. Er schlug erz\u00fcrnt mit einem Prankenschlage die Fallth\u00fcre entzwei und entwich! \u2014\nGenau dieselbe Falle wendet man am Vorgebirge der guten Hoffnung an. Es ist f\u00fcr die ganze Umgegend ein gro\u00dfes Fest, wenn eine von ihnen ihren Zweck erf\u00fcllt und den geha\u00dften R\u00e4uber in die Gewalt des Menschen gebracht hat. Drayson schildert in sehr lebendiger Weise einen derartigen Fang.\n\u201eEin Haus in der N\u00e4he von Natal wurde mehrmals von einem Leoparden besucht und nach M\u00f6glichkeit ausgepl\u00fcndert. Das Thier hatte in kurzer Zeit einen Hund, unz\u00e4hlbare H\u00fchner und ein Ferkel weggetragen und bezeigte einen so verschiedenartigen und au\u00dferordentlichen Appetit, da\u00df es geradezu uners\u00e4ttlich schien. Man baute deswegen eine Falle und setzte eine alte Henne in den hintersten Theil des K\u00e4figs. Die Falle selbst war so fest, da\u00df sie auch den Kr\u00e4ften eines L\u00f6wen Widerstand geleistet haben w\u00fcrde. Der Leopard war zu schlau, als da\u00df er bei der ersten Gelegenheit,","page":265},{"file":"p0266.txt","language":"de","ocr_de":"266\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Leopard.\nwelche ihn mit der Falle bekannt gemacht hatte, in dieselbe gegangen w\u00e4re; er kehrte jedoch wenige N\u00e4chte sp\u00e4ter zur\u00fcck, verga\u00df seine List \u00fcber der Begierde nach der Henne und wurde so Gefangener.\nMan erz\u00e4hlte mir, da\u00df er kurz nach seiner Festnahme ganz rasend gewesen sei und, obwohl vergeblich, die allerkr\u00e4ftigsten Anstrengungen gemacht habe, um sich aus dem verha\u00dften Kerker einen Ausweg zu bahnen.\n\u201eIch besuchte ihn am Morgen nach seiner Gefangennahme und wurde mit dem abscheulichsten Z\u00e4hnefletschen und den w\u00fcthendsten Blicken empfangen; doch konnte er seinerseits auch meine Blicke nicht vertragen und suchte denselben sobald als m\u00f6glich zu entgehen. Wenn ich ihn stetig ansah, dr\u00fcckte er sich immer in eine Ecke. Es war wahrscheinlich, da\u00df er \u00fcber seine Ohnmacht und die Unf\u00e4higkeit, sich zu r\u00e4chen, \u00e4u\u00dferst w\u00fcthend war.\"\n\u201eVerschiedene Kaffern, welche viel von seinen spitzb\u00fcbischen Besuchen zu leiden gehabt hatten, -j kamen, um jetzt bei ihm vorzusprechen. Sie sch\u00fctteten ihren ganzen reichen Schatz von Verw\u00fcnschungen auf sein verruchtes Haupt. Rund um den K\u00e4fig stellten sie sich und begr\u00fc\u00dften ihn etwa mit folgenden Redensarten:\"\n\u201eO, Du niedertr\u00e4chtiger, feiger Hund, du erb\u00e4rmlicher H\u00fchnerfresser; bist du endlich gefangen, bist du es? Erinnerst du dich noch an das roth und wei\u00dfe Kalb, welches du mir letzten Monat todtgeschlagen hast? Dies Kalb war mein! Du muthloser Lump, wa?um hast du denn nicht gewartet, bis ich mit meinem Sper und Stecken kam? Du hast wohl geglaubt, da\u00df dein Fell besser werden m\u00f6chte, wenn du dich vorher h\u00e4ttest dick und voll fressen k\u00f6nnen? So, jetzt bist du gefangen!\"\t#\n\u201eSchau nach meinem Sper,\" sagte ein Anderer, \u201eden will ich dir ins Herz sto\u00dfen, wie ich ihn jetzt in den Grund sto\u00dfe. Ach, zeige mir nur deine Z\u00e4hne, sie sollen mir zum Halsband werden und dein Herz will ich r\u00f6sten.\"\n\u201ePl\u00f6tzlich, inmitten der r\u00fchrenden Ansprache, machte der Leopard einen m\u00e4chtigen Satz und r\u00fcttelte an dem Gitter des K\u00e4figs: \u2014 und in alle Winde zerstoben die Helden!\"\n\u201eMan hatte sich vorgenommen, das Thier nach der Kapstadt zu bringen, um es nach Europa zu versenden, aber w\u00e4hrend der zweiten Nacht w\u00e4re es beinah entkommen; und als mehrere Tage vergangen, ehe man einen zur Fortschaffung geeigneten K\u00e4fig fertig brachte, wurde es nothwendig, den jetzt sehr gedem\u00fcthigten Schelm zu erschie\u00dfen.\"\nReiche Ansiedler am Kap machen sich ein ganz besonderes Vergn\u00fcgen daraus, ihren Gefangenen durch die Hunde todtbei\u00dfen zu lassen. \u201eEiner von ihnen,\" so erz\u00e4hlt Lichtenstein, \u201efing einen gro\u00dfen, lebendigen Parder und machte Dies allen seinen Freunden bekannt, welche sich dann nach \u00ab Landessitte an einem bestimmten Nachmittag in gro\u00dfer Zahl bei ihm versammelten, um das Thier zu beschauen und Zeugen von dem Kanpfe mit den Hunden zu sein, die es zu Tode bei\u00dfen sollten. Nach vorhergegangener guter Bewirthung wurden die G\u00e4ste zur Falle gef\u00fchrt, in welcher das Thier noch steckte und woraus es erst sehr vorsichtig geholt werden mu\u00dfte, um auf den Kampfplatz gebracht zu werden. Diese Falle lag in der Tiefe einer Bergschlucht und war von rohen Felsst\u00fccken ausgemauert, doch so, da\u00df zwei gro\u00dfe, dem \u00fcbrigen Gem\u00e4uer \u00e4hnliche Felsen, den Eingang bildeten, \u00fcbrigens in Hinsicht der Bauart ganz wie eine gew\u00f6hnliche M\u00e4usefalle, nur Alles in sehr gro\u00dfem Verh\u00e4ltni\u00df.\nOben war die Falle mit rohem Geb\u00e4lk bedeckt, durch dessen Zwischenr\u00e4ume man das w\u00fcthende, sch\u00f6n gef\u00e4rbte Thier beobachten konnte. Die Leute, welche es jetzt fesseln sollten, suchten erst eine Pfote nach der andern in Schlingen zu sangen, dann zog man den Leoparden heraus und band ihm, trotz seines entsetzlichen Br\u00fcllens und vergeblichen W\u00fcthens, die vier Beine an einander. Hierauf begab sich Jemand in die Grube und warf auch eine Schlinge \u00fcber den Kopf, damit es m\u00f6glich werde, ihm einen festen Maulkorb anzulegen. Nun erst war man im Stande, den Leoparden nach dem Werft \u2014 so hei\u00dft bei allen Ansiedlern ein gro\u00dfer, freier Platz zwischen dem Wohnhaus und den Wirthschaftsgeb\u00e4uden \u2014 zu schaffen, woselbst jetzt der eine Hinterlauf, den man zwischen der Hackensehne und dem Unterschenkelbein durchstach, vermittelst eines Ringes an einer Kette befestigt ward, welche in einen freistehenden Pfahl eingeklammert war. Nack und nach l\u00f6ste man einen Riemen nach dem","page":266},{"file":"p0267.txt","language":"de","ocr_de":"Fang in Fallen. Kampf mit Hunden.\n267\nandern und lie\u00df das Thier sich endlich ganz frei an der Kette bewegen. Es erlangte bald seine ganze Kraft und Geschmeidigkeit wieder und gew\u00e4hrte in dem Wechsel seiner wilden Spr\u00fcnge und seiner behenden Seitenbewegungen in der That ein sehr sch\u00f6nes Schauspiel. Mehr kriechend, als schleichend pflegt der Parder seiner Beute nachzustellen, dr\u00fcckt den Bauch dabei fast auf die Erde, den Kopf mit aufw\u00e4rts gerichteten Augen zwischen den Vordertatzen ausgestreckt. In dieser Lage bewegte er sich auch jetzt imb,_ festgehalten von der Kette, streckte er sich so lang aus, da\u00df man ein ganz anderes Thier vor sich zu sehen glaubte. Dabei wand sich der Leib unaufh\u00f6rlich seit- und aufw\u00e4rts, so da\u00df man seine Bewegungen denen einer kriechenden Schlange zu vergleichen geneigt war. Fest \u00fcberzeugt, da\u00df die vorher untersuchte Kette nicht brechen k\u00f6nne, wagten sich die Zuschauer ganz nahe hinzu und reizten ihn durch W\u00fcrfe mit kleinen Kieseln und andere Neckereien zum Aufspringen und Br\u00fcllen. Dar\u00fcber ward es Abend. Man berathschlagte, ob man ihn jetzt den Hunden preisgeben sollte, die inzwischen s\u00e4mmtlich in einem Stalle eingesperrt waren, und eben gingen die Meisten hinweg, um den Kampf vorzubereiten, als pl\u00f6tzlich bei einem starken Rucke der Ring sich \u00f6ffnete, und das nunmehr freie Raubthier auf den Landdrost und nach Denen, die sich am vorwitzigsten gen\u00e4hert hatten, unb\u00e4ndig losst\u00fcrzte. Wir ergriffen in der ersten Best\u00fcrzung die Flucht und h\u00f6rten schon das gl\u00fccklicher Weise etwas abgemattete und seiner vollen Sprungkraft beraubte Ungeth\u00fcm dicht hinter uns schnauben, als unsere eignen mitgebrachten Hunde an uns vorbeist\u00fcrmten und ihn auch sogleich an Ohren und Kehle packten. Den besten von ihnen, welcher auf der Reise vor Alter einen Eckzahn verloren hatte, sch\u00fcttelte er leicht von den Ohren ab und t\u00f6dtete ihn mit einem einzigen kr\u00e4ftigen Bisse nach dem Kopfe. Indessen kamen auch die \u00fcbrigen Hunde herbei, welche ihn desto sicherer packten, und von denen sich zwei in die Gurgel so verbissen, da\u00df der Parder in weniger als einer Viertelstunde, ohne weiter ein Lebenszeichen zu geben, erw\u00fcrgt war. Bis dahin wehrte er sich noch verzweifelt mit seinen Krallen und verwundete noch einen der Hunde so schwer, da\u00df dieser ebenfalls am andern Tage starb. Bei dem Zerlegen des Thieres fanden sich alle Muskeln am Halse und Nacken zerbissen, aber in dem Felle selbst, welches \u00e4u\u00dferst z\u00e4h und von dichten Haaren gesch\u00fctzt ist, war auch nicht das kleinste Loch.\"\nWohl nirgends benutzt man von dem erlegten Raubthier etwas mehr, als das bunt gezeichnete Fell, welches seiner Sch\u00f6nheit halber \u00fcberall in hohem Werthe steht. Auch im Sudahn wird es sehr-gesch\u00e4tzt und zwar mehr von den Negern, als von den Mahammedanern, welche es h\u00f6chstens zu Fu\u00dfdecken gebrauchen, w\u00e4hrend die Neger in ihm ein Siegeszeichen erkennen. Ich erw\u00e4hne Dies besonders aus dem Grunde, weil auch die Kaffern genau dieselben Ansichten hegen. Der Krieger des Kaffern-landes, welcher so gl\u00fccklich gewesen ist, einen Leoparden zu tobten, wird mit Ehrfurcht und Bewunderung betrachtet. Er schm\u00fcckt sich stolz mit seinem Siegeszeichen, und Jeder, welcher nicht eine \u00e4hnliche Probe seines Muthes aufweisen kann, betrachtet ihn mit Neid und Schelsucht. Die Z\u00e4hne werden in eigenth\u00fcmlicher Weise mit Faden und Draht zusammengeschlungen und in Gemeinschaft mit Perlen zu einer Kette aufgereiht, welche \u00fcber die Brust des Kriegers herabh\u00e4ngt und von der dunkeln Haut des Mannes lebhaft absticht. Die Klauen werden in \u00e4hnlicher Weise verwendet und das Fell endlich wird zu dem Karro\u00df oder Deckmantel verarbeitet. Die Schwanzenden werden aufgeschnitten und an einer Schnur befestigt, welche sich der Held um den Leib schlingt. Wenn ein Kaffer etwa acht oder zehn solche Schw\u00e4nze aufzuweisen hat, welche rings um seinen K\u00f6rper h\u00e4ngen, d\u00fcnkt er sich der H\u00f6chsten einer zu sein und blickt fast verachtend auf seine Gef\u00e4hrten herab, welche nur, wie es allgemein gebr\u00e4uchlich ist, Asienschw\u00e4nze tragen k\u00f6nnen.\nObgleich nur die allerwenigsten der Leoparden, welche man jung oder alt f\u00e4ngt, nach Europa gebracht werden, ist die sch\u00f6ne Katze doch in allen Thierg\u00e4rten und Thierschaubuden eine gew\u00f6hnliche Erscheinung. Bei geh\u00f6riger Pflege h\u00e4lt der Leopard die Gefangenschaft lange aus. Wenn man ihn zahm haben will, mu\u00df man ihn von Jugend auf behandeln k\u00f6nnen; denn wenn auch alt eingefangene Thiere einen gewissen Grad von Sanftmuth und Zahmheit zeigen, bricht ihr nat\u00fcrliches Wesen doch von Zeit zu Zeit durch, und ihre T\u00fccke l\u00e4\u00dft immer einen niedertr\u00e4chtigen und gef\u00e4hrlichen Streich","page":267},{"file":"p0268.txt","language":"de","ocr_de":"268\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Leopard.\nbef\u00fcrchten. Man braucht blos das Gesicht eines Leoparden anzusehen: die Falschheit und Hinterlist spricht ihm aus den Augen. In den K\u00e4figen zeigen sich die jung gefangenen Leoparden gutm\u00fcthig und geduldig. Sie empfangen gern Liebkosungen von bekannten Personen, schnurren dabei wie die Katzen oder schmiegen sich wohl auch in schlangenartigen Windungen an ihre W\u00e4rter an und reiben sich an dem K\u00e4fig, was immer als ein Zeichen ihres Wohlbehagens anzusehen ist. Der Panther unseres Thiergartens ist ein \u00fcberaus zahmes und gem\u00fcthliches Thier. Er springt seinen Bekannten freudig entgegen, langt mit der Tatze nach ihnen, um sie zu sich heranzuziehen, l\u00e4\u00dft sich streicheln und liebkosen und leckt mit gro\u00dfer Zartheit die ihm gereichte Hand \u2014 ganz wie ein wohlerzogener Hund. Niemals denkt er daran, von seinen Klauen Gebrauch zu machen: seine gef\u00e4hrlichen Tatzen bleiben in der Hand seines Freundes immer weich und sammtig. Da\u00df Leoparden ebenso zahm werden k\u00f6nnen, unterliegt keinem Zweifel. \u2014 Bei besonders guter Laune springt der Leopard in eigenth\u00fcmlich k\u00fcnstlichen S\u00e4tzen, welche gew\u00f6hnlich zwei durch einander geschlungene Kreise bilden, unaufh\u00f6rlich im K\u00e4fig auf und ab und zwar so schnell, da\u00df das Auge seinen Biegungen kaum folgen kann. Mit Hunden gew\u00f6hnt er sich bald zusammen und gewinnt dieselben auch so lieb, da\u00df er mit ihnen spielt und selbst die Nahrung mit. ihnen theilt. Mit seines Gleichen vertr\u00e4gt er sich recht gut; er hat sich auch schon mehrere Male in Europa fortgepflanzt.\nGanz anders, als im K\u00e4fig, zeigt sich der Leopard, sobald er nur^einigerma\u00dfen Freiheit bekommt. Ich besa\u00df ein sehr sch\u00f6nes, aber noch nicht ordentlich ausgewachsenes M\u00e4nnchen einige Zeit lang lebendig, konnte es aber niemals zu einem nur ertr\u00e4glichen Verh\u00e4ltnisse zwischen mir und ihm bringen. Sobald ich mich dem K\u00e4fig n\u00e4herte, dr\u00fcckte er mir durch Grinsen und Z\u00e4hnefletschen, wohl auch durch ein heiseres Fauchen seine Unzufriedenheit aus, und wenn ich mich ihm nur einen Zoll weiter als gew\u00f6hnlich n\u00e4herte, durfte ich sicher darauf rechnen, da\u00df er mit einer seiner Tatzen nach mir schlug, nat\u00fcrlich regelm\u00e4\u00dfig dann, wenn ich es mir am wenigsten versah. Ich hatte ihn, wie alle die Raubthiere, welche ich bei mir f\u00fchrte, noch im K\u00e4fig an eine lange Kette fesseln lassen, und so durfte ich mir schon das Vergn\u00fcgen machen, ihn zuweilen aus dem K\u00e4fig herauszulassen. Sobald er auf den Hof trat, begann er f\u00f6rmlich zu rasen, sprang wie toll empor, dehnte sich, zog Gesichter, fauchte und warf die wildesten Blicke nach allen Seiten. Dabei ging er Jedem, welcher sich ihm n\u00e4herte, sofort zu Leibe und geberdete sich so sprechend, da\u00df wir wohl wu\u00dften, er w\u00fcrde uns niederrei\u00dfen, wenn er uns erlangen k\u00f6nnte. Iemehr ich die Kette durch einen angebundenen Strick verl\u00e4ngerte, um so toller wurden all seine Bewegungen, um so mehr steigerte sich seine Wuth. Die ganze Wildheit des freilebenden Thieres, welche jetzt lange gewaltsam unterdr\u00fcckt worden war, schien durchzubrechen, der Blutdurst regte sich und seine Augen drohten der ganzen \u00fcbrigen Thiergesellschaft Tod und Verderben. Gurgelnd flogen die Affen an den W\u00e4nden, St\u00f6cken und S\u00e4ulen empor; \u00e4ngstlich meckerten die Ziegen; wie toll rannten die Strau\u00dfe in ihrem K\u00e4fig auf und nieder; grollend blickte der L\u00f6we auf den rasenden Roland. Dieser versuchte auf alle nur m\u00f6gliche Weise freizukommen, und mehrmals wurde es uns angst und bange bei diesen Beobachtungsproben. Das Allerschwierigste war es, unser Thier jedesmal wieder in seinen K\u00e4fig zur\u00fcckzubringen. Aus freien St\u00fccken ging er nicht hinein, und gezwungen konnte er kaum werden. Das Einfachste w\u00e4re gewesen, ihn an dem Stricke, bez\u00fcglich der Kette, wieder in den K\u00e4fig zu ziehen; allein dieser stand so, da\u00df man in den Bereich seiner Spr\u00fcnge h\u00e4tte kommen m\u00fcssen, wenn man die Kette erreichen wollte. Drohungen vermochten gar Nichts \u00fcber ihn; wenn wir ihm die Peitsche vorhielten, zeigte er uns dagegen seine Tatzen; wenn wir ihn anschrien, fauchte er; wenn wir auf ihn losgingen, legte er sich zum Sprunge zurecht. Es galt jetzt, seinen Trotz zu brechen, ohne ihn dabei zu mi\u00dfhandeln; denn er war nicht mein Eigenthum und ich mu\u00dfte ihn nat\u00fcrlich schonen. Ich wagte nicht einmal, mich der aus dem Felle des Nilpferdes geschnittenen Peitsche zu bedienen, welche bei den anderen Thieren gew\u00f6hnlich vollkommen ausreichte; ich wagte es auch im Grunde nicht, weil mir die Peitsche nicht lang genug erschien und ich doch das Thier bis zu dem K\u00e4sig treiben mu\u00dfte. Deshalb nahm ich einen neuen Stallbesen und befestigte diesen an einer langen, d\u00fcnnen Stange; damit bekam er seine Pr\u00fcgel:","page":268},{"file":"p0269.txt","language":"de","ocr_de":"Gefangenleben. B\u00e4ndigungsversuche. Der Leopard bei den Alten.\n269\naber sie fruchteten Nichts; ich mu\u00dfte auf andere Mittel denken. Das beste von allen war, wie ich zuf\u00e4llig entdeckte, ihn mit Wasser zu begie\u00dfen, und dabei leistete mir nun wieder eine gro\u00dfe Spritze die allervortrefflichsten Dienste. Sobald er n\u00e4mlich einen Eimer Wasser \u00fcber den Kopf bekommen hatte oder durch den Strahl der Spritze dauernd eingen\u00e4\u00dft wurde, suchte er so schleunig als m\u00f6glich in seinen K\u00e4fig zu kommen; und sp\u00e4ter brachte ich ihn so weit, da\u00df ich ihm blos die Spritze und den Besen zu zeigen brauchte, um ihn augenblicklich dahin zu verm\u00f6gen, seinen Schlupfwinkel zu suchen, wenn Dies auch nur mit \u00e4u\u00dferstem Widerstreben geschah. Mancher meiner Leser mag diesen Leoparden wie viele andere von den Thieren, welche ich damals besa\u00df, sp\u00e4ter im Thiergarten von Berlin gesehen haben; die wenigsten aber werden sich vorgestellt haben, wie ungem\u00fcthlich das sch\u00f6ne Thier sein konnte. Wie er sich gegen andere Mitglieder seiner Familie benahm, will ich gelegentlich der Beschreibung des Jagdleoparden zu schildern versuchen.\nDer Leopard wurde, wie bemerkt, von den R\u00f6mern vielfach zu den Kampfspielen in Rom benutzt. Kleinasien war zu den R\u00f6merzeiten voll von diesen Thieren, und Caelius schrieb an Cicero, welcher damals Landvogt in \u00abSteiften war: \u201eWenn ich in meinen Spielen nicht ganze Herden von Panthern zeige, wird man die Schuld auf Dich werfen.\" Scaurus war der erste, welcher unter seiner Aedilit\u00e4tsw\u00fcrde 150 gescheckte Thiere schickte; dann sandte Pompejus 410, Augustus aber 420 St\u00fcck. Fr\u00fcher war es durch einen alten Senatsbeschlu\u00df verboten, die sogenannten \u201eafrikanischen Thiere\" nach Italien zu bringen; der Tribun Aufidius aber stellte einen Antrag an das Volk und erwirkte die Erlaubni\u00df, da\u00df sie zu den circensischen Spielen kommen d\u00fcrften. Dies geschah im Jahre 670 nach Erbauung Roms. Den Namen Leopard hat zuerst der Geschichtsschreiber Julius Capitolinus am Ende des dritten Jahrhunderts gebraucht, weil man glaubte, da\u00df das Thier ein Bastard von Panther und L\u00f6we sei. Hierauf bezieht sich wohl auch eine Stelle des Plinins, welcher die Thiere schon ziemlich gut kennt, aber sagt, da\u00df es der L\u00f6we rieche, wenn ein Parder mit einer L\u00f6win zu thun gehabt habe, und sich dann r\u00e4che. Derselbe Naturforscher erz\u00e4hlt auch, da\u00df die Parder durch ihren Geruch alle vierf\u00fc\u00dfigen Thiere anlocken, durch ihren garstigen Kops aber wieder abschrecken; deshalb verstecken sie sich, um die durch den Wohlgeruch herangezogenen Thiere zu fangen. An einer andern Stelle hei\u00dft es, da\u00df die L\u00f6wen, Parder und alle anderen des Geschlechts rauhe Zungen h\u00e4tten wie eine Feile und damit die Haut des Menschen ableckten. Daher w\u00fcrden auch die gez\u00e4hmten w\u00fcthend, wenn sie bis auf das Blut gekommen seien. Die Griechen nennen den' Leoparden Pardalis, und Aristoteles spricht einigemal von ihm. Er erz\u00e4hlt, da\u00df er vier Zitzen habe, da\u00df er gescheckt sei, da\u00df er in Asien, niemals aber in Europa vorkomme, da\u00df die Weibchen mehr Muth h\u00e4tten, als die M\u00e4nnchen; und da\u00df sie sich zu heilen w\u00fc\u00dften; wenn sie sich n\u00e4mlich mit dem Kraute Pardalianches vergiftet h\u00e4tten, suchten sie Menschenkoth, und dieser h\u00e4lfe ihnen. Das Kraut tobte auch die L\u00f6wen, und deshalb hingen die J\u00e4ger Menschenkoth an einen Baum, damit das Thier nicht weit weggehe; springe es darnach in die H\u00f6he, so gehe es zu Grunde. Opp ian unterscheidet zwei Arten von gef\u00e4hrlichen Pardalis, gr\u00f6\u00dfere, derbere, und kleinere, welche aber jenen an St\u00e4rke Nichts nachg\u00e4ben. In der Gestalt und der gescheckten F\u00e4rbung sind sie einander gleich, aber die kleineren haben einen l\u00e4ngern Schwanz, als die gr\u00f6\u00dferen (diese w\u00fcrden also unsere Panther sein). Sie laufen sehr schnell und greifen Alles tapfer an. Nach dem Dichter sind sie die Amme des Bachus gewesen und deshalb liebten sie auch den Wein. \u2014 Dies ist aber auch Alles, was die Alten uns hinterlassen haben.\nLeicht k\u00f6nnte ich noch viel von meinen eignen und von anderen Beobachtungen hier mittheilen; doch ich glaube, da\u00df die bereits erz\u00e4hlten Geschichten zur Beschreibung und Kennzeichnung des Thieres ausreichen d\u00fcrften. Ich will blos noch hinzuf\u00fcgen, da\u00df das Fleisch des Leoparden in vielen L\u00e4ndern von den Eingebornen gegessen und f\u00fcr sehr schmackhaft gehalten wird, und da\u00df das sch\u00f6ne Fell namentlich in fr\u00fcherer Zeit oft in den Handel kam und noch vor f\u00fcnfzig' Jahren am Kap mit zehn Thalern das St\u00fcck bezahlt wurde. Auch gegenw\u00e4rtig ist es unter dem Namen \u201eTigerfell\" noch bei unseren K\u00fcrschnern zu erhalten; denn es wird noch immer gesucht und gesch\u00e4tzt. Man","page":269},{"file":"p0270.txt","language":"de","ocr_de":"270 Die Raubthiere. Katzen. \u2014 Schwarzer Leopard. Pardel. Marmorleopard.\nverwendet es theils als Pelzwerk, theils zu M\u00e4nteln, Neberw\u00fcrfen, vorz\u00fcglich aber zu Pferde-, Fu\u00df- und Schlittendecken.\nDen vorstehend beschriebenen m\u00fcssen wir eine noch r\u00e4thselhafte Pardelkatze anreihen, welche namentlich in neuerer Zeit vielfach lebend nach Europa gebracht worden ist. Es ist dies der sogenannte schwarze Leopard oder schwarze Panther (Leopardus Melas), ein prachtvolles Thier von dunkleraschgrauer oder dunkelbrauner Farbe mit kleinen dunkelschwarzen Flecken. Delametherie beschrieb diesen Panther zuerst und Peron, welcher einen zweiten nach Europa brachte, gab ihm seinen wissenschaftlichen Namen. Man hielt ihn lange Zeit f\u00fcr eine besondere Art, bis Reinwardt und K\u00fchl die Behauptung aufstellten, da\u00df man in Java allgemein wisse, die schwarzen Leoparden w\u00fcrden mit bunten zusammen in einem Gew\u00f6lfe gefunden und w\u00e4ren nichts Anderes, als Abarten des langschw\u00e4nzigen Panthers.\nIch gestehe offen, da\u00df mir die letztere Ansicht durchaus nicht glaublich scheinen will. Man hat zwar auch in Afrika dunkle Pardelkatzen gefunden und dieselben sofort als Bastarde vom Leopard und wer wei\u00df welch anderer Katze erkl\u00e4ren wollen: aber auch diese dunkeln Leoparden bilden h\u00f6chst-\n\nDer schwarze Leopard oder schwarze Panther (Leopardus Melas).\nwahrscheinlich eine eigene Art; und Fitzinger hat auch keinen Anstand genommen, sie unter dem Namen Grauparder (Leopardus poliopardus) aufzustellen. Jedenfalls ist es sehr merkw\u00fcrdig, da\u00df der schwarze Panther regelm\u00e4\u00dfig kleiner ist, als der gew\u00f6hnlich gef\u00e4rbte. Ich selbst habe vielleicht ihrer zehn gesehen, unter ihnen allen aber auch nicht einen einzigen gefunden, welcher die gew\u00f6hnliche Gr\u00f6\u00dfe erreicht h\u00e4tte. Zudem kommt, da\u00df alle schwarzen Panther ausschlie\u00dflich in Java gefunden werden; wenigstens hat man bis jetzt diese sogenannte Abart anderswo nicht angetroffen. Diese Thatsachen bestimmen mich, den schwarzen Panther als besondere Art anzusehen; mindestens mu\u00df mir die Angabe der genannten Naturfoscher erst bewiesen werden, bevor ich die sch\u00f6ne Katze als blose Abart des Panthers anerkennen soll.\nDem Leoparden und dem Panther nah verwandt ist der Pardel oder Irbis (Leopardus Uncia). Er erreicht die Gr\u00f6\u00dfe der Vorhergehenden und \u00e4hnelt ihnen im Ganzen, ebensowohl hinsichtlich seiner Gestalt, als seiner Lebensweise. Der Pelz ist aber viel dichter und l\u00e4nger, besteht auch aus gekr\u00e4useltem, am Grunde wolligem Haar, welches nur am Bauche weich und schlaff ist. Die","page":270},{"file":"p0271.txt","language":"de","ocr_de":"Kurze Beschreibung dieser Arten.\n271\nGrundfarbe desselben ist wei\u00dflichgrau mit lichtgelblichem Anfluge; wie gew\u00f6hnlich ist sie auf dem R\u00fccken dunkler und an der Unterseite wei\u00df. Die schwarzen Flecken, welche sich deutlich an ihr abzeichnen, sind auf dem Kopfe klein und voll, am Halse gr\u00f6\u00dfer und ringf\u00f6rmig und am Rumpfe endlich zu einem T\u00fcpfelring mit dunkler Mitte ausgedehnt. Auf dem R\u00fccken verl\u00e4uft eine dunkle Linie, welche sich auf dem mattschwarz gefleckten Schw\u00e4nze unterbrochen fortsetzt: auf der Unterseite sind die Flecken ebenfalls wieder voll. Die kurzen, stumpfen Ohren sind am Grunde und an der Spitze schwarz, in der Mitte aber wei\u00df, der Rand der Schnauze ist schwarz, die Schnurren sind theils wei\u00df, theils schwarz; sie stehen in vier Reihen geordnet. Die K\u00f6rperl\u00e4nge des Thieres betr\u00e4gt vier Fu\u00df, die L\u00e4nge des Schwanzes drei Fu\u00df.\nDer Irbis zeigt durch seine Bekleidung, da\u00df er in k\u00e4lterer Gegend lebt, als der Leopard. Seine Heimat ist das mittlere Asien bis nach Sibirien hinein; er ist an den Quellen des Jenisei und am Baikalsee nicht gerade selten, h\u00e4ufiger aber noch zwischen den K\u00fcsten des persischen Golfs. Bis jetzt ist es noch eine der seltensten Katzenarten in den Sammlungen und Thierg\u00e4rten; auch selbst\nDer Irbis (Leopardus Uncia).\ndie Pelze kommen kaum auf unsere Lager. Die Lebensweise scheint ganz die des Leoparden zu sein; der Jtbis ist deshalb als Vertreter desselben in den Gebirgsgegenden Asiens zu nennen. In die hei\u00dfen Ebenen Indiens kommt er schwerlich herab. Wahrscheinlich w\u00fcrde man den Irbis auch nur als eine Ab\u00e4nderung des Leoparden betrachten, h\u00e4tte man nicht einmal in London ein lebendes M\u00e4nnchen seiner Art l\u00e4ngere Zeit gehabt und es so genau abbilden und beschreiben k\u00f6nnen. Buffon giebt dem Irbis den Namen Unze, doch d\u00fcrfte diese Benennung als unzweckm\u00e4\u00dfig angesehen werden, weil sie zu leicht zu Verwechselungen mit dem Jaguar, welcher in sehr vielen Schriften Unze hei\u00dft, f\u00fchren kann.\nLassen wir nun die noch \u00fcbrigen zweifelhaften Arten unber\u00fccksichtigt, so haben wir noch einer altweltlichen Pardelkatze zu gedenken, des Marmorleoparden (Leopardus marmoratus),\nEr kennzeichnet sich sogleich durch seine sehr geringe Gr\u00f6\u00dfe; denn sein Leib ist von der Schnauzenspitze bis zur Schwanzwurzel nur V/a Fu\u00df und der Schwanz nur 1 Fu\u00df lang; er hat also h\u00f6chstens die Gr\u00f6\u00dfe unserer Hauskatze. Die Hauptf\u00e4rbung seines Pelzes ist lehmgelb mit leichtr\u00f6thlichem An-","page":271},{"file":"p0272.txt","language":"de","ocr_de":"272\tDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Marmorleopard. Serwal.\nfluge, die Unterseite ist lichter und selbst wei\u00df. Von der Stirn aus laufen \u00fcber Sch\u00e4del und Nacken zwei schwarze L\u00e4ngsstreifen, welche sich vereinigen und als ein Streifen \u00fcber den R\u00fccken ziehen; hinten theilen sie sich wieder. Andere gewundene Streifen theilen sich in Flecken und ziehen schief vom Nacken gegen den Bauch herab. Die Schulter ist mit hufeisenartigen Flecken, die Glieder sind mit schwarzen, runden T\u00fcpfeln bedeckt. Am Unterleibe finden sich drei Reihen dunkelbrauner, runder 'Flecken, unter dem Halse Querbinden, \u00fcber und unter den Augen ein heller Fleck und auf den Wangen zwei schwarze Streifen. Die Ohren sind kurz und abgerundet, von au\u00dfen silbergrau mit schwarzen S\u00e4umen, innen rostgelb; der ziemlich buschige Schwanz ist graulich, rostgelb und deutlich geringelt.\nDer Marmorleopard ist ein Bewohner von Malakka und Java. Ueber seine Lebensweise ist uns gar Nichts bekannt.\nDer Marmorleopard (Leopardus marmoratus).\nDrer Katzenarten, von denen die eine Afrika, die anderen Ostindien bewohnen, zeichnen sich von den bisher genannten durch die einfache Flecken- und T\u00fcpfelzeichnung und ihren kurzen Schwanz wesentlich aus und verdienen deshalb unsere besondere Beachtung. Es sind dies der Serwal, der Tarai und der Kueruck. Namentlich die Beschreibung des Erstem mag hier eine Stelle finden; \u2014 mit den \u00fcbrigen sind wir zur Zeit kaum noch bekannt.\nDer Serwal (Serval Galeopardus) zeichnet sich durch seine schm\u00e4chtige Gestalt, die ziemlich hohen Beine und den kurzen Schwanz aus und \u00e4hnelt im Ganzen einigerma\u00dfen dem Luchse. Er unterscheidet sich von diesem aber haupts\u00e4chlich durch den Mangel der Ohrb\u00fcschel und den verh\u00e4ltni\u00df-m\u00e4\u00dfig immer noch l\u00e4nger\u00bb Schwanz. Sein K\u00f6rper ist schlank, der Kops verl\u00e4ngert und etwas zusammengedr\u00fcckt. Die Ohren sind gro\u00df und zugespitzt. Der Schwanz hat etwa halbe Leibesl\u00e4nge. Die Behaarung ist ziemlich reich, dicht und rauh. Ihre Grundf\u00e4rbung ist hellfahlgelb, bisweilen grau oder r\u00f6thlich, unten an dem Ende der Gliedma\u00dfen rein wei\u00df. L\u00e4ngs des Scheitels und des obern Halses treten vier schwarze, schmale Binden hervor, welche vom Widerrist sich nach r\u00fcckw\u00e4rts und abw\u00e4rts ziehen, nach hinten neue Streifen zwischen sich nehmen und nach und nach in lange Flecken zerfallen, w\u00e4hrend die Seiten einfach schwarz gefleckt oder get\u00fcpfelt sind. Auf den Vorderarmen und Hinterschenkeln flie\u00dfen die Flecken zusammen und bilden einige Querbinden. Von den Wangen, welche mit kleinen, schwarzen, punktf\u00f6rmigen Flecken bedeckt sind, zieht sich ein schwarzes Band","page":272},{"file":"p0273.txt","language":"de","ocr_de":"Leibes- und Lebensbeschreibung.\n273\num die Kehle von einer oder mehreren schmalen, schwarzen Binden umgeben. Der Schwanz ist sieben-bis achtmal dunkler geringelt, gew\u00f6hnlich aber blos auf der Oberseite. Der Serwal scheint \u00fcbrigens sehr in der F\u00e4rbung abzu\u00e4ndern: von den beiden, welche im Sommer des Jahres 1861 im Thiergarten von Frankfurt lebten, hatte blos der eine das beschriebene Aussehen; der andere war dunkler und viel fleckiger gezeichnet. Die L\u00e4nge des Leibes betr\u00e4gt gegen drei Fu\u00df, die des Schwanzes selten mehr als vierzehn Zoll, die H\u00f6he am Widerrist aber zwanzig Zoll. Diese Gr\u00f6\u00dfe erreichen jedoch blos sehr alte M\u00e4nnchen; gew\u00f6hnlich wird diese Katze nicht viel \u00fcber drei Fu\u00df einschlie\u00dflich des Schwanzes lang. \u2014\nObgleich der Serwal unter dem Namen Boschkatte den holl\u00e4ndischen Ansiedlern am Vorgebirge der guten Hoffnung sehr wohl bekannt ist, fehlt es uns doch noch ganz an seiner genauern Lebensbeschreibung. Wir wissen jetzt, da\u00df er nicht blos in S\u00fcdafrika ziemlich h\u00e4ufig ist, sondern sich auch im Westen und Osten weit verbreitet. H\u00f6chst wahrscheinlich kommt er in allen Steppenl\u00e4ndern Afrikas vor: in Algier z. B. findet er sich gewi\u00df. In unmittelbarer N\u00e4he der Kapstadt trifft man ihn gegenw\u00e4rtig nicht mehr, wohl aber in den W\u00e4ldern oder aus den mit Buschholz 6e=\nDer Serwal (Serval Galeoparclus).\ndeckten Bergen im Innern des Landes. Er jagt im Freien Hasen, junge Antilopen, L\u00e4mmer rc., namentlich aber Gefl\u00fcgel und geht deshalb nachts gern in die Meiereien, um in schlecht verwahrten H\u00fchnerst\u00e4llen seinen Besuch zu machen. Dann kann er gro\u00dfe Verheerungen anrichten. Bei Tage h\u00e4lt er sich verborgen und schl\u00e4ft. Erst mit der D\u00e4mmerung beginnt er seine Raubz\u00fcge. Dabei soll er sich als echte Katze zeigen und wie diese alle List und Schlauheit anwenden, um seinen Raub zu beschleichen und durch pl\u00f6tzliche Spr\u00fcnge in seine Gewalt zu bringen. Man sieht ihn sehr selten bei Jagden, eben weil er dann verborgen in irgend einem Schlupfwinkel liegt; er wird aber h\u00e4ufig in Fallen gefangen.\nWenn man sich einigerma\u00dfen mit ihm abgiebt und ihn gut behandelt, wird er nach kurzer Gefangenschaft sehr zahm, da sein Wesen \u00fcberhaupt ein mildes und gutartiges ist. Er zeigt sich bald sehr dankbar gegen seinen Pfleger, folgt ihm nach, schmiegt sich an ihn an, streift an seinen Kleidern hin und schnurrt dabei wie unsere Hauskatze. F\u00fcr Liebkosungen ist er sehr empf\u00e4nglich. Er spielt gern mit Menschen oder mit seines Gleichen, auch mit sich selbst und kann sich stundenlang mit Brehm, Thierleben.\t18","page":273},{"file":"p0274.txt","language":"de","ocr_de":"274\tDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tarai. Kueruck. Wildkatze.\nKugeln besch\u00e4ftigen, die man ihm zuwirft, oder sich durch Spielen mit seinem eignen Schw\u00e4nze vergn\u00fcgen. Dabei scheint er sich in seiner gro\u00dfen Beweglichkeit und Geschmeidigkeit zu gefallen und macht, ohne irgend welche Aufforderung, aus eignem Antriebe die sonderbarsten Spr\u00fcnge. Sicher ist aber, da\u00df diese Angaben sich immer nur auf einzelne beziehen; ich meinestheils habe mehrere gesehen, welche \u00e4u\u00dferst wild, ja geradezu blind w\u00fcthend waren, trotz einer schon ziemlich langen Gefangenschaft. M\u00f6glicher Weise werden diejenigen, welche man an Stricke bindet und in gewissem Grade frei l\u00e4\u00dft, eher zahm, als die in K\u00e4figen lebenden: diese geben aber auch einem frisch gefangenen Leoparden an Ingrimm nicht das Geringste nach. Mit rohem Fleische l\u00e4\u00dft sich der Serwal lange erhalten, ja man kann ihn sogar an Katzenfutter gew\u00f6hnen und ihm namentlich durch Milch einen gro\u00dfen Genu\u00df verschaffen. Vor Erk\u00e4ltung mu\u00df man ihn sehr in Acht nehmen. Einer, der in unserm Thiergarten lebte und schon so zahm geworden war, da\u00df er alle Beschauer aufs h\u00f6chste erfreute, starb wenige Stunden nach Eintritt eines Witterungswechsels, welcher den W\u00e4rmemesser um 15 Grad herabstimmte. Er r\u00fchrte von Stunde an kein Futter mehr an und war am andern Morgen eine Leiche. Drei andere Katzen, welche wir besa\u00dfen, starben zur selben Zeit, der gleichen Ursache halber. Des Fell des Serwal kommt in ziemlicher Menge in den Handel und wird als Pelzwerk benutzt. In Europa ist es unter dem Namen \u201e afrikanische Tigerkatze\" wohl bekannt.\nDer Tarai (Serval vivemnus) erreicht nur die Gr\u00f6\u00dfe unserer Wildkatze und ist k\u00fcrzer, als der Serwal. Seine F\u00e4rbung ist tief gelblichgrau. Die einzelnen Haare sind an der Wurzel dunkel, in der Mitte gelblich, an der Spitze schwarz. Die Unterkieferseite ist rein wei\u00df. L\u00e4ngs des R\u00fcckens ver.laufen vier Reihen schwarzer Flecken, welche auf der Stirn zu Streifen zusammenflie\u00dfen. Ueber die Wangen ziehen sich zwei Streifen, von denen ein Kehlband abgeht. Das Ohr ist hinten schwarz mit einem hellen Fleck. An den K\u00f6rperseiten finden sich runde Flecken, an den Beinen Querstreifen, der Schwanz hat acht bis neun Ringel. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt h\u00f6chstens 2Va Fu\u00df, die des Schwanzes zehn Zoll.\nDas Thier lebt in Indien, besonders in den Himalayagegenden. \u2014 Die Gefangenen, welche ich sah, waren w\u00fcthende, menschenfeindliche Gesch\u00f6pfe.\nDer Kueruck (Serval minutus) endlich \u00e4hnelt unserer Hauskatze, ist aber kleiner und durch seinen kurzen Schwanz und die kurzen, gerundeten Ohren wohl von ihr unterschieden. Der Pelz ist oben rothbraungrau, unten wei\u00df. Auf dem Scheitel und Halse finden sich ebenfalls die vier schwarzen L\u00e4ngsstreifen, welche sich nach hintenzu wieder aufl\u00f6sen. Neben den Augen verl\u00e4uft ein wei\u00dfer Streifen. Die Ohren sind au\u00dfen braun mit wei\u00dfen Flecken. Der Schwanz ist dunkel und undeutlich geringelt. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt 16 Zoll, die des Schwanzes 18 Zoll. Trotz der geringen Gr\u00f6\u00dfe soll der Kueruck eine der wildesten Katzen sein, welche man \u00fcberhaupt kennt. Gefangene, welche ich in den Thierg\u00e4rten von Amsterdam und Rotterdam sah, und andere, welche ich selbst pflegte, widersprachen Dem nicht. Ich gab mir die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, sie zu z\u00e4hmen; doch scheiterten meine Versuche an der tollen Wuth dieser Katze. Blindw\u00fcthend fauchte und zischte sie, sobald man sich ihrem Gef\u00e4ngnisse nahte. Auch der W\u00e4rter, welcher seine Thiere sehr gut behandelte, hatte sich nicht mit ihr befreunden k\u00f6nnen. Er mu\u00dfte sich bei dem F\u00fcttern sehr sorgf\u00e4ltig in Acht nehmen; denn der Kueruck hieb nach der Hand, anstatt nach dem Fleische. Sobald man ihn st\u00f6rte, pflegte er sich mit gekr\u00fcmmtem Katzenbuckel in eine Ecke zur\u00fcckzuziehen, str\u00e4ubte seinen Balg und knurrte und tobte mit w\u00fcthenden Blicken, bis man ihn wieder verlie\u00df. Sein Lieblingsaufenthalt war ein starker Baumast in seinem K\u00e4fig. Auf ihm verweilte er, in sehr zusammengekauerter Stellung sitzend, oft stundenlang, ohne sich zu r\u00fchren. Seine Bosheit machte ihn Jederman verha\u00dft, und sein Tod, welcher ebenfalls nach dem erw\u00e4hnten Witterungswechsel erfolgte, verursachte uns ungleich weniger Bedauern, als der Verlust des ihm verwandten Serwal. Wir hatten schlie\u00dflich allen Hoffnungen, das w\u00fcthende Thier zu z\u00e4hmen, vollst\u00e4ndig entsagt.","page":274},{"file":"p0275.txt","language":"de","ocr_de":"Kurze Beschreibung der (Genannten,\n275\nDie W\u00e4lder Javas, Sumatras, Siams und Bengaleus sind die Heimat des Kueruck. Bei Tage versteckt er sich in H\u00f6hlen, kommt aber des Nachts hervor und jagt kleine S\u00e4ugethiere und V\u00f6gel.\nHinze (Catus) nennt man alle kleineren, langschw\u00e4nzigen Katzen ohne Ohrpinsel. Ihr letzterer unterer Backenzahn ist zweispitzig, das Ohr ist am Rande gleichm\u00e4\u00dfig behaart; der Schwanz erreicht ungef\u00e4hr die halbe K\u00f6rperl\u00e4nge. Eine M\u00e4hne fehlt g\u00e4nzlich. Der Stern steht senkrecht und ist lang geschlitzt. Die wenigen Arten bewohnen blos die alte Welt, fehlen also in Amerika und Australien.\nUnter ihnen betrachten wir billig zuerst die europ\u00e4ische oder gemeine Wildkatze (Catus ferus). Lange Zeit hat dieses Thier f\u00fcr die Stammart unserer Hauskatze gegolten, und auch gegen-\nDie europ\u00e4ische oder gemeine Wildkatze (Catus ferus).\ntoartig wird es von vielen Naturforschern noch daf\u00fcr gehalten, obwohl die genaueren Beobachtungen und Untersuchungen diese Ansicht nicht zu st\u00fctzen verm\u00f6gen.\nDie Wildkatze ist bedeutend gr\u00f6\u00dfer und kr\u00e4ftiger, als die Hauskatze. Ihr Kopf und Leib sind k\u00fcrzer und dicker, und ihr Schwanz namentlich ist bedeutend st\u00e4rker, aber auch viel k\u00fcrzer, als bei der Hauskatze; zudem unterscheiden sich beider Schw\u00e4nze noch dadurch, da\u00df der eine von seiner Wurzel bis zum Ende gleichm\u00e4\u00dfig dick, der andere aber von der Wurzel bis zur Spitze allm\u00e4hlich verd\u00fcnnt ist. Eine erwachsene Wildkatze erreicht ungef\u00e4hr die Gr\u00f6\u00dfe eines Fuchses und ist also um ein Drit-theil gr\u00f6\u00dfer, als die Hauskatze. Von dieser unterscheidet sie sich auf den ersten Blick durch die st\u00e4rkere Behaarung, den reichlichern Schnurrbart, den wildern Blick und das st\u00e4rkere und sch\u00e4rfere Gebi\u00df. Als besonderes Kennzeichen gilt die schwarzgeringelte Ruthe und der gelblichwei\u00dfe Fleck an der Kehle. Ihre K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt in der Regel 2\\2 Fu\u00df, die L\u00e4nge ihres Schwanzes gew\u00f6hnlich einen Fu\u00df. Die H\u00f6he am Widerrist erreicht oft 14, ja sogar 16 Zoll, und ihr Gewicht 15 bis 18 Pfund.\n18*","page":275},{"file":"p0276.txt","language":"de","ocr_de":"276\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Wildkatze.\nEinzelne Kater werden unter besonders g\u00fcnstigen Umst\u00e4nden auch drei Fu\u00df lang. Der Pelz ist dicht und lang, Leim M\u00e4nnchen grau, bisweilen sogar schwarzgrau gef\u00e4rbt, bei dem Weibchen hingegen gelblich. Von der Stirn ziehen sich vier gleichlaufende, schwarze Streifen zwischen den Ohren hindurch, von denen die beiden mittleren sich auf dem R\u00fccken fortsetzen und, nachdem sie sich vereinigt haben, einen mittlen Streifen bilden, der l\u00e4ngs des R\u00fcckgrates und \u00fcber die Oberseite des Schwanzes l\u00e4uft. Von ihm gehen auf beiden Seiten viele, aber verwaschene Querstreifen aus, welche etwas dunkler, als die anderen, sind und nach dem Bauche hinabziehen. Letzterer ist gelblich, mit einigen schwarzen Flecken bet\u00fcpfelt, die Beine sind mit wenigen schwarzen Querstreifen gezeichnet, gegen die Pfoten zu gelber, an der Innenseite der Hinterbeine gelblich und ungefleckt. Der Schwanz ist gleichm\u00e4\u00dfig geringelt, die Ringe selbst von der Wurzel nach der Spitze hin immer dunkler. Das Gesicht ist rothgelb, das Ohr auf der R\u00fcckseite rostgrau, inwendig gelblichwei\u00df.\nNoch heutzutage ist die Wildkatze \u00fcber fast ganz Europa verbreitet; sie konnte bis jetzt nicht einmal in dem so raubthierarmen Gro\u00dfbritannien ausgerottet werden. Gegenw\u00e4rtig bewohnt sie \u00fcbrigens blos noch waldreiche Gegenden, namentlich Gebirge, und streift von da aus nur selten in das Tiefland herab. In ausgedehnten Waldungen wird sie jedes Jahr wenigstens gesp\u00fcrt, wenn auch nicht erlegt. In dem Th\u00fcringer Walde hat man aber in den letzten fahren immer noch zw\u00f6lf St\u00fcck erwachsene und eine viertelj\u00e4hrige Waldkatze erlegt, au\u00dferdem noch eine angeschossen und drei aus dem Neste genommen, im Ganzen also sechzehn St\u00fcck get\u00f6dtet. Soweit bis jetzt mit Sicherheit festgestellt ist, reicht ihr Verbreitungskreis nicht weit \u00fcber die Grenze Europas hinaus. S\u00fcdlich vom Kaukasus ist sie noch in Grusien vorgekommen; aus anderen asiatischen L\u00e4ndern erhielt man sie nicht. Merkw\u00fcrdig ist, da\u00df sie in Norwegen, Schweden und Ru\u00dfland nicht vorkommt; dort wird sie aber freilich durch den Vetter Luchs mehr als hinreichend ersetzt. Dichte, gro\u00dfe, ausgedehnte W\u00e4lder, namentlich dunkle Nadelw\u00e4lder, bilden ihren Aufenthalt; und je einsamer ihr Gebiet ist, um so st\u00e4ndiger ist sie in ihm. Felsreiche Waldgegenden zieht sie allen \u00fcbrigen vor, weil die Felsen ihr die sichersten Schlupfwinkel gew\u00e4hren. Au\u00dferdem bezieht sie auch Dachs- und Fuchsbauten und gro\u00dfe H\u00f6hlungen in starken B\u00e4umen.\nSie lebt einzeln oder h\u00f6chstens paarweise und scheint ihr Gebiet gegen andere ihrer Art zu behaupten. Ihre Lebensweise ist eine durchaus n\u00e4chtliche; sie \u00e4hnelt der des Luchses ebenso sehr, wie der unserer Hauskatze. Die Wildkatze ist geschickt im Klettern und ersteigt mit Leichtigkeit B\u00e4ume, auf deren st\u00e4rkeren Aesten sie ausruht, wenn sie sich nicht in einer H\u00f6hle verbergen kann. Hier dr\u00fcckt sie sich fest auf den ihrem Pelze gleichgef\u00e4rbten Ast und kann dann leicht \u00fcbersehen werden. Erst mit Einbruch der Nacht beginnt sie ihre Iagdz\u00fcge, ganz nach Art ihrer zahmen Schwester. Mit der allen Katzen eignen List beschleicht sie den Vogel in seinem Neste, den Hasen in seinem Lager und das Kaninchen in seinem Baue, vielleicht auch das Eichh\u00f6rnchen auf dem Baume. Gr\u00f6\u00dferen Thieren springt sie auf den R\u00fccken und zerbei\u00dft ihnen die Schlagadern des Halses. Nach einem Fehlsprunge verfolgt sie das Thier nicht weiter, sondern sucht sich lieber eine neue Beute auf: kurz, sie ist in jeder Hinsicht eine echte Katze. Zum Gl\u00fcck f\u00fcr die Jagd besteht ihre gew\u00f6hnliche Nahrung in M\u00e4usen aller Art und in kleinen V\u00f6geln. Wohl nur zuf\u00e4llig macht sie sich an gr\u00f6\u00dfere Thiere; aber sie \u00fcberf\u00e4llt wirklich sogar Reh- und Hirschk\u00e4lber und ist f\u00fcr diese noch immer stark genug. An den Seen und Wildb\u00e4chen lauert sie auch Fischen und Wasserv\u00f6geln auf und wei\u00df dieselben mit gro\u00dfer Schlauheit zu erbeuten. Sehr sch\u00e4dlich wird sie in allen Gehegen, am sch\u00e4dlichsten aber in Fasanerien. Hier gelingt es ihr in kurzer Zeit, alle Fasanen eines ganzen Geheges zu vernichten. Im Verh\u00e4ltni\u00df zu ihrer Gr\u00f6\u00dfe ist sie \u00fcberhaupt ein gef\u00e4hrliches Raubthier, welches leider den Blutdurst der meisten seiner Gattungsverwandten theilt und weit mehr Thiere tobtet, als es verzehren kann. Aus diesem Grunde wird die Wildkatze von den J\u00e4gern grimmig geha\u00dft und unerbittlich verfolgt \u2014 denn kein Waidmann rechnet den Nutzen, welchen sie durch Vertilgung von M\u00e4usen bringt, ihr zu Gute. Wie viele von diesen sch\u00e4dlichen Thieren sie vernichten kann, geht aus einer Angabe Tschudi's hervor, welcher berichtet, da\u00df man in dem Magen einer Wildkatze die Ueberreste von 26 M\u00e4usen gefunden hat. Im","page":276},{"file":"p0277.txt","language":"de","ocr_de":"Vorkommen. Lebensweise. Fortpflanzung. Jagd.\n277\nWinter tritt sie zuweilen gr\u00f6\u00dfere Wanderungen an und kommt dann auch, vom Hunger geplagt, bis in das Innere der D\u00f6rfer herein. Erst vor wenigen Jahren erlegte der Lehrer Schach in Ru\u00dfdorf bei Crimmitschau einen vollst\u00e4ndig ausgewachsenen, sehr starken Wildkater, welcher mehrere Tage lang in einer Scheuer dieses Dorfes Herberge genommen, aber noch wenig Schaden gethan hatte. In Ungarn, wo sie weit h\u00e4ufiger ist, soll sie, wie Lenz angiebt, im Winter vorzugsweise in Scheuern hausen.\nDie Zeit der Paarung der Wildkatze f\u00e4llt in den Februar, der Wurf in den April; die Tragzeit w\u00e4hrt neun Wochen. Das Weibchen w\u00e4hlt sich einen hohlen Baum, eine Felsenkluft oder auch einen verlassenen Dachs- oder Fuchsbau zum Wochenbett und wirft hier f\u00fcnf bis sechs Junge, welche brind geboren werden und ganz den jungen Hausk\u00e4tzchen gleichen. Wenn sie nicht mehr s\u00e4ugen, werden sie von der Mutter sorgf\u00e4ltig mit M\u00e4usen, Maulw\u00fcrfen und V\u00f6geln versehen. Nach kurzer Zeit sind sie schon im Stande, die B\u00e4ume zu erklettern, und deren Aeste bilden auch sp\u00e4ter ihren Spiel-und Tummelplatz, sowie ihre Zufiucht bei heranwachsender Gefahr. Dieser suchen sie in den meisten F\u00e4llen einfach dadurch zu entgehen, da\u00df sie sich auf den dichten Aesten niederdr\u00fccken und auf die Gleichfarbigkeit ihres Felles mit diesen vertrauen. Die Alte scheint sie nicht zu vertheidigen, wenigstens verl\u00e4\u00dft sie die Brut beim Herannahen des Menschen, vor welchem sie \u00fcberhaupt gro\u00dfe Furcht zeigt. Dies d\u00fcrfte aus folgendem Berichte von Lenz hervorgehen: \u201eIm Jahr 1856 ging mein Zimmermann etwa 500 Schritte von meinem Hause an der S\u00fcdseite des Hermannsteins, wo wilde Kaninchen oft in Menge wohnen, durch ein Dickicht und h\u00f6rte in einem erweiterten Kaninchenbau Stimmen, wie von kleinen Katzen. Er hatte wenige Tage zuvor welche von mir zu haben gew\u00fcnscht, und da ich keine hatte, so war er nun froh, hier selbst ein Nestchen zu finden. Er grub nach und fand drei St\u00fcck echter Wildkatzen, von Rattengr\u00f6\u00dfe. Wie er sie in seinen Ranzen gesteckt hatte und wegging, sah er die Alte in seiner N\u00e4he mit gespitzten Lauschern umherschleichen; sie ging aber ganz leise und machte keine Miene, ihn anzugreifen; sie hatte die Gr\u00f6\u00dfe eines t\u00fcchtigen Hasen, die echte wilde Farbe, den kurzen, dicken Schwanz. Ebenso waren die kleinen K\u00e4tzchen an ihrer Farbe und namentlich an dem auffallend von dem der zahmen abweichenden Schw\u00e4nze leicht als echt zu erkennen. Merkw\u00fcrdig genug war das angeborne wilde Naturell dieser kleinen Bestien: sie kratzten, bissen und fauchten mit entsetzlicher Bosheit. Vergeblich wurde alle m\u00f6gliche M\u00fche angewendet, sie zahm zu machen und gut zu verpflegen. Sie wollten weder fressen noch saufen und \u00e4rgerten und tobten sich zu Tode.\" \u2014\nDie Jagd der Wildkatze kann unter Umst\u00e4nden sehr gef\u00e4hrlich werden, weil das Thier, wenn es angeschossen wird, den Menschen nicht selten angreift. Man jagt sie am liebsten bei Schnee, weil man sie dann sp\u00fcren und bis zu ihrem Ruheplatze verfolgen kann. \u201eGew\u00f6hnlich,\" sagt Tschudi, \u201eliegt sie den ganzen Tag aus einem Aste ausgestreckt, von wo aus sie ihre Beute belauert. So sieht sie derJ\u00e4ger, wie sie ruhig daliegt und ihn nach Art des Baummarders und Luchses mit funkelnden Augen anstarrt. Nun nimm dich wohl in Acht, Sch\u00fctze, und fa\u00df die Bestie genau aufs Korn! vjft sie blos angeschossen, so f\u00e4hrt sie schnaubend und sch\u00e4umend aus, mit hochgekr\u00fcmmtem R\u00fccken und gehobenem Schw\u00e4nze naht sie zischend dem J\u00e4ger, setzt sich w\u00fcthend zur Wehr und springt auf den Menschen los; ihre spitzen Krallen haut sie fest in das Fleisch, besonders in die Brust, da\u00df man sie fast nicht losrei\u00dfen kann, und solche Wunden heilen sehr schwer. Die Hunde f\u00fcrchtet sie so wenig, da\u00df sie, ehe sie den J\u00e4ger gewahrt, oft freiwillig vom Baume herunterkommt; es setzt dann f\u00fcrchterliche K\u00e4mpfe ab. Die w\u00fcthende Katze haut mit ihrer Kralle oft Risse, sie zielt gern nach den Augen des Hundes und vertheidigt sich mit der hartn\u00e4ckigsten Wuth, solange noch ein Funke ihres h\u00f6chst z\u00e4hen Lebens in ihr ist. So k\u00e4mpfte im Jura ein wilder Kater, auf dem R\u00fccken liegend, siegreich gegen drei Hunde, von denen er zweien die Tatzen tief in die Schnauzen gehauen hatte, w\u00e4hrend er den dritten mit den Z\u00e4hnen fest gepackt hielt \u2014 eine Vertheidigung, zu der er den \u00e4u\u00dfersten Muth und die gr\u00f6\u00dfte Gewandtheit bedurfte, und welche gleichzeitig eine. hohe Klugheit verr\u00e4th, da er nur so sich der Hundebisse erwehren konnte. Ein starker Schu\u00df des herbeieilenden J\u00e4gers, der die Bestie durch und durch bohrte, errettete die schwer verwundeten Thiere, die sonst s\u00e4mmtlich erlegen w\u00e4ren.\"","page":277},{"file":"p0278.txt","language":"de","ocr_de":"278\tDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Wildkatze. Manul. Nubische Katze.\nMan kennt viele andere Iagdgeschichten dieses Thieres, welche zum Theil ein sehr trauriges Ende haben; ich will blos zwei mittheilen. \u201eAls ich,\" so sagt Hohberg, \u201eAnno 1640 zu Parduwitz auf die Entenpirsch gegangen, hat der Hund ungef\u00e4hr im wilden Rohr eine wilde Kaz gewittert und auf einen Baum hinaufgetrieben. Der Hund ist dann um den Baum herumgegangen und hat die Kaz darob angebellt, wie er denn ein sonderlicher Kazenfeind und ein starker, bissiger Hund gewesen. Als ich das mit gro\u00dfen Entenschroten geladene Rohr ergriff, den Anschlag auf die Kaz genommen und sie herabschie\u00dfen wollen, hat die Kaz einen Sprung in das n\u00e4chste R\u00f6hricht gethan, der Hund aber ist der Kazen nachgeeilt und hat sie ergriffen. Ich mochte im dicken Gezausicht nicht schie\u00dfen, nahm alsobald meinen Degen und stieg in das Ger\u00f6hricht, da ich den Hund mit der Kazen verwickelt funden und sie auf der Erden durch und durchgespie\u00dfet. Die Kaz, als sie sich verwundet empfunden, lie\u00df straks von dem Hunde ab und schwung sich also durchstochener, mit so gro\u00dfer Furie an der Klingen gegen meine Hand, da\u00df ich selbige nothwendig habe m\u00fcssen fallen lassen. Entzwischen aber ersah der von der Kazen befreyte Hund seinen Vortheil, ergriff sie bei dem Genick und hielt sie so feste, da\u00df ich Zeit hatte, mit dem Fu\u00df den Degen wieder aus der Kazen zu ziehen und ihr folgends den Rest zu geben.\"\nNahe meiner Heimat hei\u00dft noch heutigen Tages eine Forstabkheilung \u201edie wilde Katze\". Dieser Name verdankt einer ungl\u00fccklichen Jagdgeschichte seine Entstehung. Ein Kreiser oder Waldl\u00e4ufer sp\u00fcrte eines Wintermorgens im frischgefallenen Schnee eine Wildkatzenf\u00e4hrte und folgte ihr, erfreut \u00fcber das ihm zu Theil gewordene Jagdgl\u00fcck und die in Aussicht stehende, damals noch ziemlich bedeutende Ausl\u00f6sung. Die F\u00e4hrte verlies bis zu einer gewaltigen, hohlen Buche, auf welcher das Thier aufgeb\u00e4umt haben mu\u00dfte. Auf den Aesten war es nich't zu sehen, es mu\u00dfte also irgendwo im Innern des Baumes verborgen sein. Unser Kreiser macht sich schu\u00dffertig und nimmt seinen Revierhammer hervor, um durch 'Anklopfen mit demselben die Katze aus dem Baume zu vertreiben. Er thut einige Schl\u00e4ge und ergreift flugs sein Gewehr, um die etwa sich zeigende Katze sogleich beim Erscheinen mit einem wohlgezielten Schusse zu empfangen. Vergeblich; sie erscheint nicht. Er mu\u00df noch einmal anklopfen. Noch immer will sie sich nicht zeigen. Er klopft also zum dritten Male; aber \u2014 noch hat er nicht das Gewehr zum Anschlag erhoben, da sitzt ihm die Katze im Nacken, rei\u00dft ihm mit ihren Tatzen im Nu die dicke Pelzm\u00fctze vom Kopfe und haut sich fest in seinen Kopf ein, mit den Z\u00e4hnen das'dicke Halstuch zerrei\u00dfend. Dem Ueberraschten entf\u00e4llt das Gewehr, er vergi\u00dft fast, sich zu vertheidigen und sucht blos Hals und Gesicht vor den w\u00fcthenden Bissen zu sch\u00fctzen. Dabei schreit er laut um Hilfe seinem in demselben Walde befindlichen Sohne zu. Die Katze zerfleischt ihm die H\u00e4nde, zerbei\u00dft ihm das Gesicht, zerrei\u00dft das Tuch; \u00e4ngstlicher wird sein Hilferufen, gr\u00f6\u00dfer seine Augst. Da empf\u00e4ngt er einen grimmigen Bi\u00df in den Hals und st\u00fcrzt nieder. So findet ihn sein Sohn, die Katze noch w\u00fcthend auf ihm, die Nackenmuskeln zerrei\u00dfend. Er versucht das w\u00fcthende Thier wegzurei\u00dfen; er nimmt seinen Hammer und schl\u00e4gt auf die Katze los, sie faucht, bei\u00dft aber immer wieder auf ihr armes Schlachtofer los. Endlich trifft sie ein Hammerschlag auf den Kopf, und sie erliegt. Der L\u00e4rm hat Vor\u00fcbergehende herbeigezogen; man bringt den Bewu\u00dftlosen nach Hause, verbindet ihn, so gut es geht, und schickt nach einem Arzt. Inzwischen kommt der Zerschundene wieder zu sich und erz\u00e4hlt in kurzen, gebrochenen S\u00e4tzen seinen f\u00fcrchterlichen Kampf. Der Arzt erscheint; man wendet alle Mittel an: noch an demselben Tage aber verscheidet der Mann unter entsetzlichen Schmerzen.\nNach dieser einen Geschichte brauche ich wohl nicht mehr hervorzuheben, da\u00df in unserm mittlern Deutschland die Wildkatze, trotz ihrer geringen Gr\u00f6\u00dfe, das f\u00fcrchterlichste Raubthier ist. \u2014\nVon der eigentlichen Wildkatze sind die blos verwilderten Hauskatzen wohl zu unterscheiden. Solche trifft man nicht selten in unseren Waldungen an; sie erreichen aber niemals die Gr\u00f6\u00dfe der eigentlichen wilden, obwohl sie unsere Hauskatzen um vieles \u00fcbertreffen. In der Zeichnung und an Bosheit und Wildheit \u00e4hneln sie durchaus der eigentlichen Wildkatze.","page":278},{"file":"p0279.txt","language":"de","ocr_de":"K\u00fcmpfe der Wildkatze mit Hunden und Menschen. Beschreibung des Manul und der Falbkatze. 279\nIn felsigen Gegenden der tartarischen und mongolischen Steppen vertritt der Manul (Catus Manul) unsere Wildkatze. Er ist st\u00e4rker und hochbeiniger, als sie, und \u00fcbertrifft sogar den Fuchs an Gr\u00f6\u00dfe. Die wei\u00dflichgelb gef\u00e4rbten Haare seines Pelzes sind mit braunen Haaren untermischt; der Scheitel ist fein schwarz gefleckt; n\u00e4her \u00fcber die Wangen verlaufen zwei schwarze Streifen; die kurzen, breiten, abgerundeten Lauscher sind au\u00dfen gelblich; die lange, buschige Standare ist gleichlang behaart, vor der schwarzen Spitze 'geringelt. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt 19 Zoll, die des Schwanzes 10 Zoll. \u2014 Ueber die Lebensweise des Thieres habe ich bis jetzt noch nirgends eine gen\u00fcgende, ausf\u00fchrliche Beschreibung gefunden. Ihr Entdecker, der ber\u00fchmte Pallas, erw\u00e4hnt blos, da\u00df der Manul nach Art unserer Wildkatze an geeigneten Orten der mongolischen Steppe lebe.\nDenselben Mangel an gen\u00fcgender Kenntni\u00df der Lebensverh\u00e4ltnisse m\u00fcssen wir auch bei der nubischen Katze (Catus maniculatus) beklagen und Dies um so lebhafter, weil sich die neueren Naturforscher mehr und mehr zu der Ansicht hinneigen, da\u00df dieses Thier die Stammmutter unserer Hauskatze sei. Wenn man festh\u00e4lt, da\u00df die Hauskatze h\u00f6chst wahrscheinlich von Egypten aus \u00fcber\nDie nubische Katze (Catns maniculatus).\ndie Erde verbreitet worden ist, hat die Sache auch gewichtige Gr\u00fcnde f\u00fcr sich, und zudem sind auch die K\u00f6rperverh\u00e4ltnisse der einen und der andern beinahe dieselben.\nR\u00fcppell entdeckte unsere Katze in Nubien auf der Westseite des Nils bei Ambukol, in einer mir sehr wohlbekannten W\u00fcstensteppe, in welcher felsige Gegenden mit buschreichen abwechseln. Ihre L\u00e4nge betr\u00e4gt 20 Zoll, die des Schwanzes etwas \u00fcber neun Zoll. Dies sind zwar nicht genau die Verh\u00e4ltnisse unserer Hauskatze, aber doch solche, welche den ihrigen ziemlich nahekommen. Auch :in ihrer Zeichnung \u00e4hnelt die nubische oder Falbkatze manchen Ab\u00e4nderungen unsers zahmen Hinz au\u00dferordentlich. Ihr Pelz ist oben mehr oder weniger fahlgelblich oder fahlgrau, auf dem Hinterkopf und der R\u00fcckenfirste r\u00f6thlicher, an den Seiten Heller, am Bauche wei\u00dflich. Auf dem Rumpfe zeigen sich dunklere, schmale, verwaschene Querbinden, welche an den Beinen deutlich hervortreten, am Oberkopf und an dem Nacken acht schmalere L\u00e4ngsbinden. Gewisse Theile des Pelzes sind auch noch mit einer feinschwarzen Sprenkelung gezeichnet. Der Schwanz ist oben fahlgelb, unten wei\u00df; er endet in eine schwarze Spitze und hat vor ihr drei breite, schwarze Ringe.","page":279},{"file":"p0280.txt","language":"de","ocr_de":"280\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Hinz.\nDie Mumien und Abbildungen auf den Denkm\u00e4lern in Theben und in anderen egyptischen Ruinen stimmen mit dieser Katzenart am meisten \u00fcberein und scheinen zu beweisen, da\u00df sie es war, welche bei den alten Egyptern als Hausthier gehalten wurde. Vielleicht brachten die Priester das heilige Thier von Meroe in S\u00fcdnubien nach Egypten; von hieraus k\u00f6nnte sie nach Arabien und Syrien und sp\u00e4ter \u00fcber Griechenland oder Italien nach dem westlichen und n\u00f6rdlichen Europa verbreitet worden sein und in neuerer Zeit durch die wandernden Europ\u00e4er eine noch gr\u00f6\u00dfere Verbreitung erhalten haben. F\u00fcr mich erhalten diese Muthma\u00dfungen Gewicht durch Beobachtungen, welche ich auf meinem letzten Iagdausfluge nach Habesch machte. Die Hauskatzen der Iemenesen und der Araber der Westk\u00fcste des Rothen Meeres zeigen nicht nur eine ganz \u00e4hnliche F\u00e4rbung, wie die Falbkatzen, sondern auch dieselbe Schlankheit und Schm\u00e4chtigkeit, welche diese vor ihren Verwandten auszeichnet. Allerdings hat dort die Hauskatze nicht dasselbe Los, wie bei uns: ihre Herrschaft k\u00fcmmert sich kaum um sie und \u00fcberl\u00e4\u00dft es ihr auch selbst, sich zu ern\u00e4hren. Dies d\u00fcrfte aber schwerlich als Grund ihres schlechten Aussehens anzunehmen sein; denn an Nahrung fehlt es einem Raubthiere in dortiger Gegend nicht. Ich glaube, da\u00df die Katze Nordostafrikas am treuesten sich ihre urspr\u00fcngliche Gestalt erhalten hat, d. h. am wenigsten den Einfl\u00fcssen der Z\u00fcchtung unterworfen gewesen ist. Die gew\u00f6hnliche F\u00e4rbung der afrikanischen Hauskatze kommt der ihrer wahrscheinlichen Stammmutter am n\u00e4chsten; doch findet man auch hier schon, obgleich sehr selten, eine ausgeartete, n\u00e4mlich wei\u00dfe, schwarze, rothgelbe und sogenannte dreifarbige Hauskatze.\nIch war eine Zeitlang im Besitz einer.Falbkatze, habe mich aber vergeblich bem\u00fcht, ihr nur einigerma\u00dfen die Wildheit abzugew\u00f6hnen, welche sie zeigte. Das Thier war in den Steppen Ost-Sudahns alt gefangen worden und wurde mir in einem K\u00e4fig gebracht, welcher schon durch seine au\u00dferordentliche Festigkeit zeigte, da\u00df man ein bedenkliches Raubthier in ihm verwahre, und ich habe die Katze niemals aus diesem K\u00e4fig nehmen d\u00fcrfen, weil sie es \u00fcberhaupt nicht gestattete, da\u00df man sich ihr irgendwie n\u00e4herte. Sobald man an sie herankam, fauchte und tobte sie wie unsinnig und bem\u00fchte sich nach Kr\u00e4ften, Einem Etwas zu versetzen. Strafen fruchteten gar Nichts. Jung aus dem Neste genommene habe ich nie gesehen und kann deshalb auch nicht dar\u00fcber urtheilen, ob diese sich vollst\u00e4ndig z\u00e4hmen lassen.\nNach diesem Ueberblick der Wildkatzen k\u00f6nnen wir uns zu der f\u00fcr den Haushalt des Menschen n\u00fctzlichsten Katze, unserm Hausfreunde H\u00fcnz (Catus domesticus), wenden. Die Unterschiede zwischen ihm und der Wildkatze sind etwa folgende: Der Leib der Hauskatze ist um ein Drittheil kleiner und weniger kr\u00e4ftig, der Schwanz l\u00e4nger und schlanker und gegen das Ende zu allm\u00e4hlich verd\u00fcnnt, der Kopf st\u00e4rker abgeplattet und der Darm f\u00fcnf Mal \u2014 bei der Wildkatze nur drei Mal \u2014 so lang, als der K\u00f6rper. Die L\u00e4nge des Leibes betr\u00e4gt gew\u00f6hnlich einen Fu\u00df sechs Zoll, in seltneren F\u00e4llen aber noch drei bis vier Zoll mehr, die L\u00e4nge des Schwanzes durchschnittlich einen Fu\u00df und die H\u00f6he am Widerrist zehn Zoll.\nDie Katze hat als Hausthier eine sehr weite Verbreitung gefunden und zwar haupts\u00e4chlich seit der Einwanderung der Ratten, dieser abscheulichen, n\u00e4chtlichen Plagegeister des Hauses. Es ist wohl anzunehmen, da\u00df sie von Egypten aus zuerst verbreitet worden ist; wenigstens erhalten wir von dort aus die ersten geschichtlichen Nachrichten \u00fcber sie. Gegen das Jahr 430 v. Chr. berichtet Herodot \u00fcber den Aielurus, wie er Freund Hinz benennt, Folgendes: \u201eEntsteht in Egypten irgendwo eine Feuersbrunst, so k\u00fcmmern sich die Leute nicht ums Feuer, sondern um ihre Katzen. Sie stellen sich um sie herum und halten Wache. Entweicht aber eine Katze aus dem Kreise und st\u00fcrzt sich in die Flammen, so kommt \u00fcber die Egypter gro\u00dfe Trauer. Stirbt eine Katze von selbst, so scheren alle Bewohner des Hauses ihre Augenbrauuen ab. Die todten Katzen werden in heilige Gem\u00e4cher geschafft, einbalsamirt und dann in der Stadt Bubastis beigesetzt.\" Aristoteles beschreibt die Katze ums Jahr 330 v, Chr. so genau, da\u00df man unbedingt annehmen mu\u00df, er habe sie selbst beobachtet. Diodorus Siculus sagt ums Jahr 30 v. Chr.: \u201eWer in Egypten eine Katze ums","page":280},{"file":"p0281.txt","language":"de","ocr_de":"Katzenmumien. Verehrung der Hauskatze.\n281\nLeben Bringt, mu\u00df sterben, er mag die S\u00fcnde absichtlich begangen haben oder nicht; das Volk rottet sich zusammen und schl\u00e4gt ihn todt. Einen solchen ungl\u00fccklichen Katzenm\u00f6rder, welcher ein R\u00f6mer war und nicht einmal mit Vorsatz ges\u00fcndigt hatte, konnte weder der egyptische K\u00f6nig Ptolem\u00e4us, noch die Furcht vor Rom vom Tode befreien.\"\nVor der Zeit Herodots finden wir den Namen der Katze bei den alten griechischen Schriftstellern nicht, und daraus, sowie auch aus dem Umstande, da\u00df sie selbst sp\u00e4ter von den Griechen und Lateinern nur kurz erw\u00e4hnt wird, darf man schlie\u00dfen, da\u00df sie sich ganz allm\u00e4hlich von Egypten aus verbreitet hat. Von der Verehrung, welche sie dort geno\u00df, geben au\u00dfer den Schriften fast alle egyptischen Denkm\u00e4ler Kunde, ebenso wie die Mumien, welche man aufgefunden hat. Letztere geh\u00f6ren\n\nDer Hinz (Catus domesticus).\njedoch nicht blos der eigentlichen Hauskatze, sondern auch dem noch heute in Egypten wild lebenden Sumpfluchs an.\nVon Egypten aus ging die Katze zun\u00e4chst wahrscheinlich mehr \u00f6stlich. So erfahren wir, da\u00df sie ein besonderer Liebling des Propheten Mahammed gewesen ist. In dem n\u00f6rdlichen Europa war sie vor dem zehnten Jahrhundert fast noch gar nicht bekannt, und die Gesetzsammlung f\u00fcr Wales enth\u00e4lt eine Bestimmung des Howell Dha oder Howell Lebon, welcher gegen die Mitte des zehnten Jahrhunderts starb, worin die Werthbestimmung der Hauskatzen, sowie die Strafen, welche auf Mi\u00dfhandlung, Verst\u00fcmmelung oder T\u00f6dtung derselben gesetzt waren, festgesetzt sind. Darin wird die Summe bestimmt, wof\u00fcr eine junge Katze bis zu dem Augenblicke, wo sie eine Maus f\u00e4ngt,","page":281},{"file":"p0282.txt","language":"de","ocr_de":"282\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Hin;.\nverkauft werden darf, und Dem wird hinzugef\u00fcgt, da\u00df sie von jenem Augenblicke an des doppelten Preises werth sei. Der K\u00e4ufer hatte das Recht, zu verlangen, da\u00df Augen, Ohren und Krallen, voll, kommen w\u00e4ren und da\u00df sich das Thier aufs Mausen verst\u00e4nde, ebenso auch, da\u00df ein gekauftes Weibchen seine Jungen gut erziehe. War sie mit irgend einem Fehler behaftet, so konnte der K\u00e4ufer das Drittheil des Kaufpreises zur\u00fcckverlangen. Wer auf den f\u00fcrstlichen Kornb\u00f6den eine Hauskatze stahl oder t\u00f6dtete, mu\u00dfte sie mit einem Schafe sammt dem Lamm b\u00fc\u00dfen oder soviel Weizen als Ersatz f\u00fcr sie geben, als erforderlich war, um die Katze, wenn sie an dem Schw\u00e4nze so aufgeh\u00e4ngt wird, da\u00df sie mit der Nase den Boden ber\u00fchrt, vollkommen zu bedecken.\nDieses Gesetz ist f\u00fcr uns von hohem Werthe, denn es liefert uns den Beweis, da\u00df man zu damaliger Zeit die Hauskatze als eine sehr werthvolle Erwerbung betrachtete; zugleich aber sehen wir daraus, da\u00df die Wildkatze nicht wohl als die Stammmutter jener angesehen werden darf: denn zu damaliger Zeit gab es auch in England so viele Wildkatzen, da\u00df es jedenfalls nicht schwer gewesen sein w\u00fcrde, sich die Jungen davon in beliebiger Menge zu z\u00e4hmen.\nGegenw\u00e4rtig findet sich die Katze fast in allen L\u00e4ndern, in welchen der Mensch feste Wohnsitze hat. In Europa ist sie \u00fcberall zu treffen und in Amerika schon seit Entdeckung dieses Erdtheils verbreitet. Auch in Asien und in Australien ist sie ziemlich h\u00e4ufig, weniger jedoch in Afrika, zumal im Innern des Erdtheils, wo sie in vielen L\u00e4ndern g\u00e4nzlich fehlt. Manche V\u00f6lkerschaften Asiens, z. B. die Mandschu, treiben noch einen ziemlich bedeutenden Handel mit ihr. Sie geben den Giljaken junge Kater, niemals aber Miezen, und unterhalten sich somit immer ihre Absatzguelle offen. Die K\u00e4ufer tauschen solche Katzen mit Zobelfellen ein, und beide Theile machen ein sehr gutes Gesch\u00e4ft.\nIn den gesitteten L\u00e4ndern ist die Hauskatze das einzige Mitglied ihrer Familie, welches allgemein gez\u00e4hmt und im Hause gehalten wird. Gleichwohl bewahrt sich jede Katze immer in einem gewissen Grade ihre Selbstst\u00e4ndigkeit und unterwirft sich dem Menschen nur insoweit, als sie es f\u00fcr gut befindet. Je mehr sich dieser mit ihr besch\u00e4ftigt, um so treuere Anh\u00e4nglichkeit gewinnt sie an die Familie, je mehr man aber eine Katze sich selbst \u00fcberl\u00e4\u00dft, um so gr\u00f6\u00dfer wird ihre Anh\u00e4nglichkeit an das Haus, in welchem sie geboren wurde. Der Mensch bestimmt unter allen Umst\u00e4nden den Grad der Z\u00e4hmung und der H\u00e4uslichkeit einer Katze. Wo sie sich selbst \u00fcberlassen wird, kommt es nicht selten vor,' da\u00df sie zur Zeit des Sommers ganz dem Hause entl\u00e4uft und sich in die W\u00e4lder begiebt, in denen sie unter Umst\u00e4nden fast v\u00f6llig verwildern kann. Bei Eintritt des Winters kehrt sie gew\u00f6hnlich in ihre fr\u00fchere Wohnung zur\u00fcck und bringt dahin auch ihre Jungen, welche sie w\u00e4hrend ihres Sommeraufenthalts zur Welt gebracht hat; doch kommt es, zumal in warmen L\u00e4ndern, h\u00e4ufig genug vor, da\u00df sie sich, auch wenn sie zur\u00fcckgekehrt ist, fast gar nicht mehr um den Menschen k\u00fcmmert. Namentlich die Katzen in Paraguay leben, wie uns Rengger mittheilt, in der gr\u00f6\u00dften Selbstst\u00e4ndigkeit. Sie folgen, zumal in den wenig bev\u00f6lkerten Gegenden, ganz ihrem Triebe zur Unabh\u00e4ngigkeit, und selbst diejenigen, welche man als an das Haus gew\u00f6hnte betrachten kann, streifen Tage lang in den Waldungen und auf den Feldern umher, stellen allen'kleinen, wehrlosen S\u00e4ugethieren nach, beschleichen des Nachts die V\u00f6gel auf den B\u00e4umen und kommen blos bei regnerischem oder st\u00fcrmischem Wetter nach Hause. Man versichert, da\u00df auch die, welche doch sorgf\u00e4ltig von Jugend auf behandelt worden sind, mit zunehmendem Alter ihren Hang zur Freiheit zeigen, 'und da\u00df nur verschnittene M\u00e4nnchen guter M\u00e4usej\u00e4ger abgeben, welche wirklich im Hause bleiben und ihre Aufgabe vollst\u00e4ndig gen\u00fcgen Gleichwohl ist auch in Paraguay die Hauskatze noch nicht vollst\u00e4ndig verwildert; denn, sowie die Regenzeit eintritt, n\u00e4hert sie sich gew\u00f6hnlich wieder den Wohnungen und bringt dahin auch ihre Jungen mit. Letztere gehen regelm\u00e4\u00dfig zu Grunde, wenn sie in der rauhen Witterung m den W\u00e4ldern gelassen werden, und selbst die Alten scheinen den Regen nicht vertragen zu k\u00f6nnen. Jedenfalls findet man nirgends wirklich verwilderte Katzen dieser Art in den Waldungen; sie sind sogar aus den ehemals bewohnten Gegenden verschwunden, in denen sie beim Abz\u00fcge der Wei\u00dfen zur\u00fcckgelassen wurden.","page":282},{"file":"p0283.txt","language":"de","ocr_de":"Sch\u00e4tzung der Katze. Ihr h\u00e4usliches Leben. Sinnessch\u00e4rfe.\n283\nUnsere Hauskatze ist vortrefflich geeignet, ihre ganze Familie kennen zu lehren, eben weil Jedermann sie beobachten kann. Sie ist ein au\u00dferordentlich schmuckes, reinliches, zierliches und an-muthiges Gesch\u00f6pf. Jede ihrer Bewegungen ist nett und angenehm und ihre Gewandtheit wahrhaft bewunderungsw\u00fcrdig. Sie geht gemessen und tritt mit ihren Sammetpf\u00f6tchen, deren Krallen sehr sorgf\u00e4ltig eingezogen sind, so leise auf, da\u00df ihr Gang f\u00fcr den Menschen vollkommen unh\u00f6rbar wird. Bei jedem Schritte zeigt sie die Beweglichkeit, welche ihr eigenth\u00fcmlich ist, zugleich aber die gr\u00f6\u00dfte ' Anmuth und Zierlichkeit. Nur wenn sie von einem andern Thiere verfolgt oder pl\u00f6tzlich sehr erschreckt wird, beschleunigt sie ihren Gang zu einem Laufe in schnell hinter einander folgenden S\u00e4tzen oder Spr\u00fcngen, welche sie ziemlich rasch f\u00f6rdern und fast regelm\u00e4\u00dfig vor dem Verfolger retten, weil sie klug jeden Schlupfwinkel zu benutzen oder jede H\u00f6he zu gewinnen wei\u00df. Sie klettert durch Einh\u00e4keln ihrer Krallen sehr leicht und geschickt an B\u00e4umen und rauhen oder weichen Mauern empor und ist im Stande, mit einem einzigen Satze eine H\u00f6he von sechs, ja sogar von acht Fu\u00df zu gewinnen. Im freien Felde ist ihr Lauf nicht eben rasch, wenigstens wird sie dort von jedem Hunde eingeholt. Ihre gro\u00dfe Gewandtheit zeigt sich namentlich bei Spr\u00fcngen, welche sie freiwillig oder gezwungen ausf\u00fchren mu\u00df. Sie mag fallen, wie sie will, immer wird sie mit den Beinen den Boden erreichen und verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sanft auf die weichen Ballen der F\u00fc\u00dfe fallen. Mir ist es niemals gelungen, eine Katze, welche ich mit dem R\u00fccken nach unten dicht \u00fcber einen Tisch oder \u00fcber einen Stuhl hielt, so zu Falle zu bringen, da\u00df sie mit dem R\u00fccken aufschlug. Sie wendet sich, sobald man sie freil\u00e4\u00dft, blitzschnell um und steht dann ganz harmlos und fest auf allen vier Beinen. Wie sie Dies anstellt, ist, bei so kurzen Entfernungen wenigstens, geradezu unerkl\u00e4rlich; beim Herabfallen aus bedeutender H\u00f6he dagegen kann man es sich sehr wohl erkl\u00e4ren, weil dann die Katze ihren gerade emporgestreckten Schwanz als Steuer benutzt und hierdurch die Richtung des Falles regelt. Das Schwimmen versteht sie auch, sie macht aber von dieser Fertigkeit blos dann Gebrauch, wenn sie in die unangenehme Lage kommt, sich aus dem Wasser retten zu m\u00fcssen. Freiwillig geht sie niemals in das Wasser, ja sie meidet sogar den Regen mit der gr\u00f6\u00dften Aengstlichkeit. Sie sitzt, wie der Hund, auf dem Hintertheil und st\u00fctzt sich vorn mit beiden F\u00fc\u00dfen; im Schlafe rollt sie sich zusammen und legt sich auf eine Seite. Dabei sucht sie gern eine weiche und warme Unterlage auf, kann es 06er \u25a0 nur selten vertragen, wenn sie auch bedeckt wird. Vor allem Andern benutzt sie das Heu zum Pf\u00fchl, wahrscheinlich, weil sie den Duft desselben sehr gut leiden mag. Von diesem Lager nimmt auch ihr Fell einen h\u00f6chst angenehmen Geruch an.\nUnter den Sinnen der Katze sind Gef\u00fchl, Gesicht und Geh\u00f6r die ausgezeichnetsten. Am schlechtesten ist wohl der Geruch, wie man sich sehr leicht selbst \u00fcberzeugen kann, wenn man einer Katze irgendwelche Lieblingsnahrung so vorlegt, da\u00df sie dieselbe nur durch den Geruch ermitteln kann. Sie naht sich dann dem Gegenst\u00e4nde und wendet, wenn sie in seine n\u00e4chste N\u00e4he gekommen ist, den Kopf so vielfach hin und her, da\u00df man gleich an diesen Bewegungen sieht, wie wenig der Geruchsinn sie leitet. Und ist sie dann ganz nahe gekommen, so benutzt sie ihre Schnurrhaare, welche vortreffliche Tastwerkzeuge sind, noch immer weit mehr, als die Nase. Man mu\u00df ihr eine Maus, welche man in der Handh\u00f6hlung versteckt, schon nahe vorhalten, ehe sie dieselbe riecht. Weit feiner ist ihr Gef\u00fchl. Die Schnurrhaare zeigen Dies am besten; denn man darf blos ein einziges ganz leise ber\u00fchren, so wird man sehen, wie die Katze augenblicklich zur\u00fcckzuckt. Auch in den weichen Pfoten besitzt sie Tastgef\u00fchl, obschon in untergeordneterem Grade. Ausgezeichnet ist das Gesicht, und zwar sieht die Katze ebensogut bei Tage, als bei Nacht. Sie ist f\u00e4hig, bei verschiedenem Lichte ihren Augenstern passend einzurichten d. h. ihn bei gro\u00dfer Helligkeit so zu verkleinern und bei Dunkelheit so zu vergr\u00f6\u00dfern, da\u00df ihr das Sinneswerkzeug jederzeit vortreffliche Dienste leistet. Aber unter allen Sinnen steht das Geh\u00f6r obenan. \u201eIch hatte mich,\" sagt Lenz, \u201evor nicht gar zu langer Zeit bei warmer stiller Luft in meinem Hofe auf einer Bank im Schatten der B\u00e4ume niedergelassen und wollte lesen. Da kam eins von meinen K\u00e4tzchen schnurrend und schmeichelnd heran und kletterte mir nach alter Gewohnheit auf Schulter und Kopf. Beim Lesen war das st\u00f6rend; ich legte also ein zu solchem","page":283},{"file":"p0284.txt","language":"de","ocr_de":"284\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Hinz.\nZwecke bestimmtes Kissen auf meinen Schos, das K\u00e4tzchen darauf, dr\u00fcckte es sanft nieder, und nach zehn Minuten schien es fest zu schlafen, w\u00e4hrend ich ruhig las und um uns her V\u00f6gel sangen. Das K\u00e4tzchen hatte den Kopf, also auch die Ohren s\u00fcdw\u00e4rts gerichtet. Pl\u00f6tzlich sprang es mit ungeheurer Schnelligkeit r\u00fcckw\u00e4rts. Ich sah ihm erstaunt nach; da lief nordw\u00e4rts von uns ein M\u00e4uschen, von einem Busch zum andern \u00fcber glattes Steinpflaster, wo es nat\u00fcrlich gar kein Ger\u00e4usch machen konnte. Ich ma\u00df die Entfernung, in welcher das K\u00e4tzchen die Maus hinter sich geh\u00f6rt hatte; sie betrug volle 44 Fu\u00df nach hiesigem Ma\u00dfe.\"\nDie Lieblingsnahrung der Katze besteht in M\u00e4usen und kleinen V\u00f6geln; einzelne fangen auch Fische. In den H\u00e4usern f\u00fcttert man sie mit allerlei Kost, gekochtem Fleische, Pflanzenstoffen, vor Allem aber mit Milch, welche sie \u00fcberaus hochsch\u00e4tzt, obgleich sie sich sehr bem\u00fchen mu\u00df, eine Tasse voll auszulecken. Im Freien richtet sie, zuweilen auch unter gr\u00f6\u00dferen Thieren, arge Verw\u00fcstungen an. Sie wagt sich an ziemlich gro\u00dfe Hasen und fri\u00dft vollkommen ausgewachsene Rebh\u00fchner. Ihre Beute beschleicht sie mit bewunderungsw\u00fcrdiger Geschicklichkeit. \u201eIch habe sie,\" sagt Lenz, \u201e\u00f6fters beobachtet, wenn sie so auf der Lauer sitzt, da\u00df sie mehrere zusammengeh\u00f6rige Mausel\u00f6cher um sich hat. Sie k\u00f6nnte sich gerade vor ein am Rande des Ganzen stehendes hinsetzen und so alle leicht \u00fcberschauen; das thut sie aber nicht. Setzte sie sich vor das Loch, so w\u00fcrde auch das M\u00e4uschen sie leichter bemerken und entweder gar nicht herausgehen oder doch schnell zur\u00fcckzucken. Sie setzt sich also mitten zwischen die Eing\u00e4nge und wendet Auge und Ohr dem zu, in dessen N\u00e4he sich unter der Erde Etwas r\u00fchrt, wobei sie so sitzt, da\u00df das herauskommende Gesch\u00f6pf ihr den R\u00fccken kehren mu\u00df und desto sicherer gepackt wird. Sie sitzt so unbeweglich, da\u00df selbst die sonst so regsame Schwanzspitze sich nicht r\u00fchrt: es k\u00f6nnten auch durch ihre Bewegungen die M\u00e4uschen, welche nach hinten heraus wollen, eingesch\u00fcchtert werden. Kommt vor der Katze ein M\u00e4uschen zu Tage, so ist es im Augenblicke gepackt; kommt eins hinter ihr heraus, so ist es ebenso schnell ergriffen. Sie hat nicht blos geh\u00f6rt, da\u00df es heraus ist, sondern auch so genau, als ob sie s\u00e4he, wo es ist, wirft sie sich blitzschnell herum und hat es nie fehlend unter ihren Krallen.\"\nDas geistige Wesen der Katze wird in den meisten F\u00e4llen g\u00e4nzlich verkannt. Man betrachtet sie als ein treuloses, falsches, hinterlistiges Thier und glaubt, ihr niemals trauen zu d\u00fcrfen. Viele Leute haben sogar einen un\u00fcberwindlichen Abscheu gegen die Katzen und geberden sich wie nervenschwache Weiber oder ungezogene Kinder, sobald sie eine Katze erblicken. Dabei vergleicht man sie gew\u00f6hnlich mit dem Hunde, mit welchem sie gar nicht verglichen werden kann, und giebt sich, weil man nicht gleich in ihr dieselben lobenswerthen Eigenschaften findet, gar nicht weiter mit ihr ab, sondern betrachtet sie schon von vornherein als ein Wesen, mit welchem \u00fcberhaupt Nichts zu machen sei. Unter solchen Umst\u00e4nden kann man freilich nur ein einseitiges Urtheil \u00fcber sie f\u00e4llen. Ich habe mich seit meiner Jugend sehr viel mit ihr besch\u00e4ftigt und sie sehr lieb gewonnen, auch viele Z\u00fcge von ihr beobachtet, welche ihr die Zuneigung des Menschen unbedingt erwerben m\u00fcssen. Deshalb nehme ich auch keinen Anstand, mich vollkommen mit Scheitlins Ansichten \u00fcber das geistige Wesen der Katze einverstanden zu erkl\u00e4ren, und gebe, weil ich doch keine besseren Worte finden k\u00f6nnte, als dieser Thierfreund, dessen ebenso anziehende, als wahre Schilderung der Katzenseele oder des Wesens der Katze \u00fcberhaupt hier im Auszuge.\n\u201eDie Katze ist ein Thier hoher Natur. Schon ihr K\u00f6rperbau deutet auf Vortrefflichkeit. Sie ist ein kleiner, netter L\u00f6we, ein Tiger im verj\u00fcngten Ma\u00dfstabe. Alles ist an ihr einhellig gebaut, kein Theil ist zu gro\u00df oder zu klein; darum f\u00e4llt auch schon die kleinste Regelwidrigkeit an ihr auf. Alles ist rund; am sch\u00f6nsten ist die Kopfform, was man auch am entbl\u00f6\u00dften Sch\u00e4del wahrnehmen kann; kein Thierkopf ist sch\u00f6ner geformt. Die Stirn hat den dichterischen Bogen, das ganze Gerippe ist sch\u00f6n und deutet auf eine au\u00dferordentliche Beweglichkeit und Gewandtheit zu wellenf\u00f6rmigen oder anmuthigen Bewegungen. Ihre Biegungen geschehen nicht im Zickzack oder Spitzwinkel, und ihre Wendungen sind kaum sichtbar. Sie scheint keine Knochen zu haben und nur aus leichtem Teige gebaut zu sein. Auch ihre Sinnesf\u00e4higkeiten sind gro\u00df und passen ganz zum K\u00f6rper. Wir sch\u00e4tzen","page":284},{"file":"p0285.txt","language":"de","ocr_de":"Nahrung. Jagd. Geistesgabeu.\n285\ndie Katzen gew\u00f6hnlich viel zu niedrig, weil wir ihre Diebereien hassen, ihre Klauen f\u00fcrchten, ihren Feind, den Hund, hochsch\u00e4tzen und keine Gegens\u00e4tze, wenn wir sie nicht in einer Einheit aufl\u00f6sen, lieben k\u00f6nnen.\n\u201eRichten wir nun unsere Aufmerksamkeit auf ihre Haupteigenheiten. Zuv\u00f6rderst f\u00e4llt uns ihre Gewandtheit auf. K\u00f6rper und Seele sind gewandt, beide sind aus einem Gusse. Wie gewandt dreht sie sich in der Luft, wenn sie auch nur mit dem R\u00fccken abw\u00e4rts wenige Fu\u00df hoch f\u00e4llt. Schon der geringe Widerstand der Luft vermittelt ihr, wie bei den V\u00f6geln, die M\u00f6glichkeit der Drehung. Wie gewandt erh\u00e4lt sie sich auf schmalen Kanten und Baumzweigen, selbst wenn diese kr\u00e4ftig gesch\u00fcttelt werden! Halb k\u00f6rperlich und halb geistig ist ihre Liebe zur Reinlichkeit; sie leckt und putzt sich immerdar. Alle ihre H\u00e4rchen vom Kopfe bis zur Schwanzspitze sollen in vollkommener Ordnung liegen; die Haare des Kopfes zu gl\u00e4tten und zu k\u00e4mmen, beleckt sie die Pfoten und streicht dann diese \u00fcber den Kopf, selbst die Schwanzspitze vers\u00e4umt sie nicht. Den Unrath verbirgt sie, verscharrt ihn in selbstgegrabene Erdl\u00f6cher. Hat eine Katze, durch einen Hund erschreckt, ihre Haare gestr\u00e4ubt, so f\u00e4ngt sie an, sobald sie sich in Sicherheit wei\u00df, dieselben am ganzen Leibe wieder in Ordnung zu bringen. Sie will auch das Fell rein haben. Sie leckt sich allen Schmuz ab; sie ist des Schweines Gegentheil.\"\n\u201eSie hat k\u00f6rperlichen H\u00f6hesinn, der aber, weil er Schwindelfreiheit und t\u00fcchtige Nerven erfordert, mit dem geistigen verwandt ist. Sie klettert an senkrechten Tannen bis zum Wipfel, ungewi\u00df, ob und wie sie wieder herunterk\u00f6nne. Sie hat auch ein bischen Furcht und bleibt zuweilen, bis sie hungert, droben und ruft um Hilfe; endlich wagt sie sich, aber nur r\u00fcckw\u00e4rts, herunter. Sie will immer das H\u00f6chste, im Klettern die Vollendung, doch nicht, als ob sie die Gefahr nicht merke, was nur bei Thieren der unteren Klassen der Fall ist. Will man sie heruntersto\u00dfen, so klauet und klammert sie sich fest an.\"\n\u201eSie kennt den Raum und die Entfernungen, sowie die geraden, schiefen und senkrechten Fl\u00e4chen genau, sie schaut, wenn sie einen ungewohnten Sprung thun will, berechnend nach, vergleicht dann ihre Kraft und Geschicklichkeit und pr\u00fcft sich selbst. Sie wagt ihn vielleicht lange nicht. Hat sie ihn einmal gemacht und ist er gelungen, so ist er aus immer gemacht; gelang er nicht, so versucht sie ihn sp\u00e4ter mit vorw\u00e4rts geschrittener Kraft und Geschicklichkeit wieder. Minder gut kennt sie die Zeit. Da\u00df sie die Mittagszeit kenne, wei\u00df man wohl; denn sie kommt zur Stunde heim. Allein wegen ihres freiern Lebens auf den H\u00f6hen und ihrer Nachtaugen bedarf sie mehr Raum- und Ort-, als Zeit- und Stundensinn. Es mangelt ihr nicht an Farbensinn, ihrem Geh\u00f6rsinn nicht an Tonsinn. Sie kennt den Menschen an seiner Kleidung und an seiner Stimme. Sie will zur Th\u00fcr hinaus, wenn sie gerufen wird; sie hat ein vorz\u00fcgliches Ortstzed\u00e4chtni\u00df und \u00fcbt es. In der ganzen Nachbarschaft, in allen H\u00e4usern, Kammern, Kellern, unter allen D\u00e4chern, auf allen Holz- und Heub\u00f6den zieht sie herum. Sie ist ein v\u00f6lliges Ortsthier, daher ihre bekannte Anh\u00e4nglichkeit mehr ans Haus, als au die Bewohner. Sie zieht entweder nicht mit aus oder l\u00e4uft wieder ins alte Haus. Unbegreiflich ist es, da\u00df sie, stundenweit, in einem Sacke getragen, ihr Haus, ihre Heimat wiederfinden kann.\"\n\u201eAu\u00dferordentlich ist ihr Muth selbst gegen die allergr\u00f6\u00dften Hunde und Bullenbei\u00dfer, wie ung\u00fcnstig ihr Verh\u00e4ltni\u00df in Bezug auf Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke ist. Sobald sie einen Hund wahrnimmt, kr\u00fcmmt sie den R\u00fccken in einem ganz bezeichnenden Bogen, dem Katzenbuckel. Ihre Augen gl\u00fchen Zorn oder pl\u00f6tzlich aufwallenden Muth nebst einer Art Abscheu. Sie speit schon von fern gegen ihn; sie will vielleicht entweichen, fliehen; sie springt im Zimmer aufs Gesimse, auf den Ofen oder will zur Th\u00fcr hinaus. Hat sie aber Junge, so st\u00fcrzt sie, wenn er dem Neste nahe kommt, gr\u00e4\u00dflich auf ihn los, ist mit einem Satze auf seinem Kopfe und zerkratzt ihm die Augen, das Gesicht gar j\u00e4mmerlich. Geht unter dieser Zeit ein Hund sie an, so hebt sie die Tatzen mit hervorgestreckten Klauen und weicht nicht. Hat sie noch den R\u00fccken frei, so ist sie getrost; denn die Seiten kann sie mit ihren Hieben sichern; sie kann die Tatzen, die H\u00e4nde gebrauchen. Es k\u00f6nnen f\u00fcnf und noch mehr Hunde kommen, sie ordentlich belagern und gegen sie prallen, sie weicht nicht. Sie k\u00f6nnte mit einem Satze weit \u00fcber sie hinausspringen, aber sie wei\u00df, da\u00df sie aldann verloren sei; denn der Hund holte sie ein. Zieht sich dieser,","page":285},{"file":"p0286.txt","language":"de","ocr_de":"286\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Hinz.\nohne sie angegriffen zu haben, endlich zur\u00fcck, so bleibt sie oft ganz ruhig sitzen, erwartet, wenn die Hunde wollen, noch zehn Angriffe und h\u00e4lt alle aus. Andere ersehen den Vortheil und erklettern schnell eine nahe H\u00f6he. Dann sitzen sie droben und schauen in sich gekauert und mit halbverschlossenem Ange auf die Feinde, als wenn sie d\u00e4chten, wer seinen sichern Schatz im Herzen trage, der k\u00f6nne ins Spiel der niedern Welt ganz ruhig schauen. Sie wei\u00df, da\u00df der Hund nicht klettern und nicht so hoch springen kann. Will aber der Mensch sie erfassen, so klettert sie h\u00f6her und entspringt; ihn f\u00fcrchtet sie mehr.\"\n\u201eIm freiem Felde verfolgte Katzen kehren, wenn sie sich stark f\u00fchlen, augenblicklich um und packen den Hund an. Erschrocken nimmt nun dieser die Flucht. Manche Katzen springen aus unbedingtem Ha\u00df gegen alle Hunde, h\u00e4ngen sich am Kopfe fest und fahren ihnen mit den Klauen immer in die Augen. Es giebt Katzen, die nur in der K\u00fcche leben, nie in die Stube kommen. Diese lassen gewi\u00df keinen Hund einen Augenblick lang in der K\u00fcche: in dieser wollen sie Herren sein!\"\n\u201eZu ihrem Muthe geh\u00f6rt ihre Rauflust, ihre gro\u00dfe Neigung zu Balgereien unter sich. Es geht Dies schon aus ihrer Neigung zum Spiel und ihrem Muthwillen hervor; sie sind Nachtbuben. Zwar schlagen sie sich bei Tage auf dem Dache herum, zerzupfen einander gr\u00e4\u00dflich und rollen auch mit einander sich windend und kugelnd \u00fcber das Dach und durch die Luft auf die Stra\u00dfe herunter, sich sogar in der Luft rollend; dennoch f\u00fchren sie am meisten Krieg in der Nar^t, die Kater unter sich der Weiber willen. Mancher Kater kommt in gewissen Zeiten des Jahres beinahe alle Morgen mit blutigem Kopf und zerzaustem Kleide heim; dann scheint er gewitzigt und daheim bleiben zu wollen, nicht lange aber; denn er vergi\u00dft seine Wunden, so schnell als sie heilen, und f\u00e4llt dann in die alte S\u00fcnde zur\u00fcck. Der Kater lebt oft wochenlang au\u00dfer dem Hause in seiner grenzenlosen Freiheitssph\u00e4re; man h\u00e4lt ihn f\u00fcr verloren, unerwartet kommt er wieder zum Vorschein. Die Miez hat viel mehr Haussinn, Nestsinn, wie alle Thierarten. Nicht immer sind die Raufer die st\u00e4rksten, und nicht allemal sind die Kater die \u00e4rgsten Raufbolde; es giebt auch weibliche Haudegen, wilde Weiber. Solche rennen allen Katzen ohne Unterschied nach, f\u00fcrchten die st\u00e4rksten Kater nicht, fordern alle mit Worten und Tadel heraus und machen sich allen der ganzen, langen Stra\u00dfe furchtbar, soweit man von Dach zu Dach, ohne die Stra\u00dfe \u00fcberschreiten zu m\u00fcssen, kommen kann.\"\n\u201eMit ihrem Muthe ist ihre Unerschrockenheit und Gegenwart des Geistes vorhanden. Man kann sie nicht, sowie den Hund oder das Pferd, erschrecken, sondern nur verscheuchen. Diese haben mehr Einsicht, die Katze hat mehr Muth; man kann sie nicht stutzig machen, nicht in Verwunderung setzen. Man spricht viel von ihrer Schlauheit und List: mit Recht; listig harrt sie todtstill vor dem Mauseloche, listig macht sie sich klein, harrt lange, schon funkeln \u2014 das M\u00e4uschen ist erst halb heraus \u2014 ihre Augen und noch h\u00e4lt sie an. Sie ist Meister \u00fcber sich, wie alle Listige, und kennt den richtigen Augenblick.\"\n\u201eGef\u00fchl, Stolz, Eitelkeit hat sie nur im schwachen Grade; sie ist ja kein Geselligkeits-, sondern ein Einsamkeitswesen; sie freut sich keines Sieges und sch\u00e4mt sich auch nie. Wenn sie sich einer S\u00fcnde bewu\u00dft ist, f\u00fcrchtet sie einzig die Strafe. Ist sie derb ausgescholten und gepr\u00fcgelt worden, so sch\u00fcttelt sie den Pelz und \u2014 kommt nach wenigen Minuten unbehelligt wieder. Doch f\u00fchlt sie sich nicht wenig geschmeichelt, wenn man sie nach ihrem ersten Jagdmusterst\u00fcck auf eine Maus, die sie in die Stube bringt und vor die Augen der Leute legt, herzlich lobt. Sie kommt dann auch k\u00fcnftighin mit der Beute in die Stube und zeigt ihre gro\u00dfe Kunst jedesmal an.\"\n\u201eMan spricht von ihrer Schmeichelei und Falschheit, wohl gar von Rachsucht, doch viel zu viel. Gef\u00e4llt ihr Jemand vorzugsweise, denn sie kann sehr lieben und sehr hassen, so dr\u00fcckt sie sich oft mit der Wange und den Flanken an Wange und Seiten desselben, kost auf jede Weise, springt am fr\u00fchen Morgen auf sein Bett, legt sich ihm so nahe, wie m\u00f6glich, und k\u00fc\u00dft ihn. Manchen Katzen ist freilich immer nicht ganz zu trauen. Sie bei\u00dfen und kratzen oft, wenn man es sich gar nicht vermuthet. Allein in den meisten F\u00e4llen beruht ein solches Betragen nur auf Nothwehr, weil man sie ja doch auch gar zu oft falsch und hinterr\u00fccks plagt. Allerdings thut der Hund Solches nicht, der Hund aber ist ein guter","page":286},{"file":"p0287.txt","language":"de","ocr_de":"Charakter. Angebliche Falschheit. \u2022 Fortpflanzung, Mutterliebe, Erziehung.\n287\nNarr. Wir d\u00fcrfen die Ungutm\u00fclhigen doch nicht geradezu falsch nennen. Eigentlich falsche Katzen sind seltene Ausnahmen, deren es auch unter den Hunden giebt, wenn schon allerdings noch viel seltener. \u201eFalscher Hund\" ist doch f\u00fcr den Mann, wie \u201efalsche Katze\" f\u00fcrs Weib eine Art Sprichwort. Was den Mensch falsch macht, das macht auch die vollkommeneren Thiere falsch.\"\n\u201eIhre Liebeszeit ist interessant. Der Kater ist alsdann wild, die Weiber, die ihn aufsuchen, sitzen um ihn herum; er in der Mitte brummt seinen tiefen Ba\u00df hinzu, die Weiber singen Tenor, Alt, Diskant und alle m\u00f6glichen Stimmen. Das Konzert wird immer wilder. Zwischeninnen schlagen sie einander die F\u00e4uste ins Gesicht, und eben die Weiber, die ihn doch aufgesucht haben, wollen keineswegs, da\u00df er sich ihnen nahe. Er mu\u00df Alles erk\u00e4mpfen. In mondhellen N\u00e4chten l\u00e4rmen sie \u00e4rger, als die wildesten Nachtbuben.\"\nDie Paarung der Hauskatze erfolgt gew\u00f6hnlich zweimal im Jahre; zuerst Ende Februar oder Anfang M\u00e4rz, das zweite Mal zu Anfang des Juni. F\u00fcnfundfunfzig Tage nach der Paarung wirft sie f\u00fcnf bis sechs Junge, welche blind geboren werden und erst am neunten Tage sehen lernen. Gew\u00f6hnlich erfolgt der erste Wurf Ende Aprils oder anfangs Mai, der zweite anfangs August. Die Mutter sucht vorher immer einen verborgenen Ort auf, meist den Heuboden oder nicht gebrauchte Betten, und h\u00e4lt ihre Jungen so lange als m\u00f6glich verborgen, namentlich aber vor dem Kater, welcher dieselben auffri\u00dft, sobald er sie entdeckt. Merkt sie Gefahr, so tr\u00e4gt sie die Thierchen im Maule nach einem andern Orte. \u2014 Die jungen K\u00e4tzchen sind au\u00dferordentlich h\u00fcbsche, schmucke Thierchen. \u201eIhre erste Stimme,\" sagt Scheitlin, \u201eist auffallend zart; sie deutet auf sehr viel Kindisches. Sehr unruhig, wie sie sind, kriechen sie zuweilen noch blind aus dem Neste. Die Mutter holt sie wieder herein. Wenn nur ein Aeuglein ge\u00f6ffnet ist, ist ihres Bleibens nicht mehr, und sie kriechen \u00fcberall in der N\u00e4he herum, immer miauend. Sogleich fangen sie mit allem Rollenden, Laufenden, Schleichenden, Flatternden zu t\u00e4ndeln an; es ist der erste Anfang des Triebes, M\u00e4use und V\u00f6gel zu fangen. Sie spielen mit dem stets wedelnden Schw\u00e4nze der Mutter und mit ihrem eigenen, wenn er so lang gewachsen, da\u00df die Vorderpfote sein Ende erreichen kann; sie bei\u00dfen auch hinein und merken zuerst nicht, da\u00df er auch noch zu ihrem K\u00f6rper, auch noch zu ihnen geh\u00f6re, sowie das Menschenkind in die zum Munde heraufgebogenen Zehen bei\u00dft, weil es sie f\u00fcr etwas ihnen Fremdes h\u00e4lt. Sie machen die sonderbarsten Spr\u00fcnge und die artigsten Wendungen. Ihr Thun und Spielen, in welchem sie sich wie Kinder und als Kinder selbst unaussprechlich Wohlgefallen, kann sie und die ihnen wohlwollenden Menschen stundenlang besch\u00e4ftigen. Sobald ihre Augen aufgethan sind, k\u00f6nnen sie auch Gutes und B\u00f6ses. d. h. Freund und Feind, unterscheiden. Geht ein Hund sie bellend an, so machen sie schon einen Buckel und speien ihn an. Sie werden als kleine L\u00f6wen geboren.\" c\nDer Mutter Liebe zu den Jungen ist gro\u00dfartig. Sie bereitet den noch Ungebornen ein Nest und tr\u00e4gt sie augenblicklich von einem Orte zum andern, sowie sie Gefahr f\u00fcr sie f\u00fcrchtet; dabei fa\u00dft sie zart nur mit den Lippen ihre Haut im Genick an und tr\u00e4gt sie so sanft dahin, da\u00df die Miezchen davon kaum Etwas merken. W\u00e4hrend sie s\u00e4ugt, verl\u00e4\u00dft sie die Kinder blos, um f\u00fcr sich und sie Nahrung zu holen. Manche Katzen wissen mit ihren ersten Jungen nicht umzugehen, und es mu\u00df ihnen von den Menschen oder von alten Katzen erst f\u00f6rmlich gezeigt werden, wie sie sich zu benehmen haben. Mir hat ein sehr glaubw\u00fcrdiger Mann versichert, da\u00df er selbst gesehen habe, wie eine alte Katze einer j\u00fcngern w\u00e4hrend ihrer ersten Geburt behilflich war, indem sie die Nabelschn\u00fcren der Jungen abbi\u00df und anstatt der unkundigen Mutter sie auch gleich beleckte und erw\u00e4rmte. Eine andere Katze hatte sich gew\u00f6hnt, die M\u00e4uschen, welche sie gefangen hatte, immer am Schw\u00e4nze zu tragen, und wandte diese Art der Fortschaffung sp\u00e4ter auch bei den ersten ihrer eigenen Jungen an. Dabei ging es aber nicht so gut, wie bei den M\u00e4uschen; denn die jungen K\u00e4tzchen klammerten sich am Boden fest und verhinderten so die Alte, sie fortzuschaffen. Die Herrin der W\u00f6chnerin zeigte ihr, wie sie ihre Kinder zu behandeln habe. Sie begriff das nat\u00fcrlich augenblicklich und trug sp\u00e4ter ihre K\u00e4tzchen immer, wie andere Katzen sie tragen. \u2014 Da\u00df alle Katzen mit der Zeit viel besser lernen, wie sie ihre Kinder zu behandeln haben, ist eine ausgemachte Thatsache.","page":287},{"file":"p0288.txt","language":"de","ocr_de":"288\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Hinz.\nWenn sich einer s\u00e4ugenden Katze ein fremder Hund oder eine andre Katze n\u00e4hert, geht sie mit der gr\u00f6\u00dften Wuth auf den St\u00f6renfried los, und selbst ihren Herrn l\u00e4\u00dft sie nicht gern ihre niedlichen Kinderchen ber\u00fchren. Dagegen zeigt sie zu derselben Zeit gegen andere Thiere ein Mitleiden, welches ihr alle Ehre macht. Man kennt vielfache Beispiele, da\u00df s\u00e4ugende Katzen kleine H\u00fcndchen, Kaninchen, H\u00e4schen, Eichh\u00f6rnchen, Ratten, ja sogar M\u00e4use s\u00e4ugten und gro\u00df zogen, und ich selbst habe als Knabe mit meiner Katze derartige Versuche gemacht und best\u00e4tigt gefunden. Einer jung von mir aufgezogenen Katze brachte ich, als sie das erste Mal Junge geworfen hatte, ein noch blindes Eichh\u00f6rnchen, das einzige \u00fcberlebende von dem ganzen Wurf, welchen wir hatten gro\u00dfziehen wollen. Die \u00fcbrigen Geschwister des kleinen netten Nagers waren unter unserer Pflege gestorben, und deshalb beschlossen wir, zu sehen, ob nicht unsere Katze sich der Waise annehmen werde. Sie erf\u00fcllte das in sie gesetzte Vertrauen vollst\u00e4ndig. Mit Z\u00e4rtlichkeit nahm sie das fremde Kind unter ihre eigenen auf, n\u00e4hrte und w\u00e4rmte es aufs beste und behandelte es gleich von Anfang an mit wahrhaft m\u00fctterlicher Hingebung. Das Eichh\u00f6rnchen gedieh mit seinen Stiefbr\u00fcdern vortrefflich und blieb, nachdem diese schon weggegeben waren, noch bei seiner Pflegemutter. Nunmehr schien diese das Gesch\u00f6pf mit doppelter Liebe anzusehen. Es bildete sich ein Verh\u00e4ltni\u00df aus, so innig, als es nur immer sein konnte. Mutter und Pflegekind verstanden sich vollkommen, die Katze rief nach Katzena^rt, Eichh\u00f6rnchen antwortete mit Knurren. Bald folgte es seiner Pflegerin durch das ganze Haus und sp\u00e4ter auch in den Garten. Nun ereigneten sich oft ganz allerliebste Sachen. Dem nat\u00fcrlichen Triebe folgend, erkletterte z. B. das Eichh\u00f6rnchen leicht und gewandt einen Baum, die Katze blinzelte nach ihm empor, augenscheinlich h\u00f6chst verwundert \u00fcber die bereits so fr\u00fchzeitig ausgebildete Geschicklichkeit des Gr\u00fcnschnabels und kratzte wohl auch schwerf\u00e4llig hinter ihm drein. Beide Thiere spielten mit einander, und wenn auch H\u00f6rnchen sich etwas t\u00e4ppisch benahm, der gegenseitigen Z\u00e4rtlichkeit that Dies keinen Eintrag, und die geduldige Mutter wurde nicht m\u00fcde, immer von neuem wieder das Spiel zu beginnen. Es w\u00fcrde wirklich zu weit f\u00fchren, wenn ich das ganze Verh\u00e4ltni\u00df zwischen Beiden genau schildern wollte, und au\u00dferdem habe ich den Fall auch bereits in der \u201eGartenlaube\" mitgetheilt. So mag es gen\u00fcgen, wenn ich sage, da\u00df das H\u00f6rnchen durch einen ungl\u00fccklichen Zufall leider bald sein Leben verlor, die Katze aber ihre Liebe zu Pfleglingen trotzdem beibehielt. Sie s\u00e4ugte sp\u00e4ter junge Kaninchen, Ratten, junge Hunde gro\u00df, und Nachkommen von ihr zeigten sich der trefflichen Mutter vollkommen w\u00fcrdig, indem sie ebenfalls sich zu Pflegerinnen anderer verwaister Gesch\u00f6pfe hergaben. In jenem Aufsatze in der Gartenlaube habe ich auch noch eine sehr anziehende Geschichte mitgetheilt. Eine s\u00e4ugende Katze n\u00e4mlich wurde durch irgend einen Zufall pl\u00f6tzlich von ihren Kindern getrennt, und diese geriethen somit in Gefahr zu verk\u00fcmmern. Da kam der Besitzer der kleinen Gesellschaft auf einen guten Gedanken. Des Nachbars Katze hatte Junge gehabt, war aber derselben beraubt worden. Diese wurde nun als Pflegemutter ausersehen und gewonnen. Sie unterzog sich bereitwillig d.er Pflege der Stiefkinder und behandelte sie ganz wie ihre eigenen. Pl\u00f6tzlich aber kehrte die rechte Mutter zur\u00fcck, jedenfalls voller Sorgen f\u00fcr ihre lieben Spr\u00f6\u00dflinge. Zu ihrer h\u00f6chsten Freude fand sie diese in guten H\u00e4nden \u2014 und, siehe da! beide Katzenm\u00fctter vereinigten sich fortan in der Pflege und Erziehung der Kleinen und ern\u00e4hrten und vertheidigten sie gemeinschaftlich auf das kr\u00e4ftigste. Derartige Erz\u00e4hlungen k\u00f6nnte ich noch viele hier anf\u00fchren, doch denke ich, da\u00df die mitgetheilten vollkommen hinreichen d\u00fcrften, um das gute Gem\u00fcth der Katze zu beweisen.\nGew\u00f6hnlich nimmt man an, da\u00df die Katze nicht erziehungsf\u00e4hig sei; man thut ihr dabei aber gro\u00dfes Unrecht. Sie zeigt, wenn sie gut und verst\u00e4ndig behandelt worden ist, ebensoviel Zuneigung zu dem Menschen, als Verstand. Es giebt Katzen, und ich kannte selbst solche, welche schon mehrere Male mit ihren bez\u00fcglichen Herrschaften von einer Wohnung in die andere gezogen sind, ohne da\u00df es ihnen eingefallen w\u00e4re, nach dem alten Hause zur\u00fcckzukehren. Sie urtheilten eben, da\u00df der Mensch in diesem Falle ihnen mehr werth sei, als das Haus. Andere Katzen kommen, sobald sie ihren Herrn von weitem sehen, augenblicklich zu demselben heran, schmeicheln und liebkosen ihm, spinnen vertraulich und suchen ihm auf alle Weise ihre Zuneigung an den Tag zu legen. Sie unterscheiden dabei sehr wohl","page":288},{"file":"p0289.txt","language":"de","ocr_de":"Dte Katze als Pflegemutter. Ihre Bildungsf\u00e4higkeit.\n289\nzwischen ihnen bekannten und fremden Personen und lassen sich von ersteren, zumal von Kindern, unglaublich viel gefallen, freilich nicht soviel, wie alle Hunde, aber doch ebensoviel, wie manche. Andere Katzen begleiten ihre Herrschaft in sehr artiger Weise bei Spazierg\u00e4ngen durch Hos und Garten, Feld und Wald, und ich selbst kannte zwei Kater, welche sogar den G\u00e4sten ihrer Gebieterin in h\u00f6chst liebensw\u00fcrdiger Weise das Geleit gaben, 10 bis 15 Minuten weit, dann aber mit Schmeicheln und wohlwollendem Schnurren Abschied nahmen und zur\u00fcckkehrten. \u2014 Die Katzen befreunden sich aber auch mit Thieren. Man kennt genug Beispiele von den innigsten Freundschaften zwischen Hunden und Katzen, welche dem lieben Sprichwort oder der Redensart g\u00e4nzlich widersprechen. Von einer Katze wird sogar erz\u00e4hlt, da\u00df sie es gern gehabt habe, wenn sie ihr Freund, der Hund, im Maule in der Stube hin und her getragen. Von anderen wei\u00df man, da\u00df sie bei Bei\u00dfereien unter Hunden ihren Freunden nach Kr\u00e4ften beistanden, und ebenso auch, da\u00df sie von den Hunden bei Katzenbalgereien gesch\u00fctzt wurden. Manche liefern au\u00dferordentliche Beweise ihrer Klugheit: die Katzen von echten Vogelliebhabern werden nicht selten soweit gebracht, da\u00df sie den gefiederten Freunden ihres Herrn nicht das Geringste zu Leide thun. Giebel selbst beobachtete, da\u00df sein sch\u00f6ner Kater, Peter genannt, eine graue Bachstelze, welche genannter Naturforscher im Zimmer hielt, wiederholt mit dem Maule aus dem Hofe zur\u00fcckbrachte, wenn der Vogel seine Freiheit gesucht hatte, \u2014 nat\u00fcrlich, ohne ihm irgendwie zu schaden. Und ein ganz gleiches Beispiel ist mir aus meinem Heimatdorfe bekannt geworden. Dort brachte die Katze eines Vogelfreundes zur gr\u00f6\u00dften Freude ihres Herrn diesem ein seit mehreren Tagen schmerzlich vermi\u00dftes Rothkehlchen zur\u00fcck, welches sie also nicht nur erkannt, sondern auch gleich in der Absicht gefangen hatte, ihrem Gebieter dadurch eine Freude zu bereiten! \u2014 Gest\u00fctzt auf diese Thatsachen, glaube ich, da\u00df auch folgende Geschichte buchst\u00e4blich wahr ist: Eine Katze lebte.mit dem Kanarienvogel ihres Herrn in sehr vertrauten Verh\u00e4ltnissen und lie\u00df sich ruhig gefallen, da\u00df dieser sich auf ihren R\u00fccken setzte und f\u00f6rmlich mit ihr spielte. Eines Tages bemerkt ihr Gebieter, .da\u00df sie pl\u00f6tzlich mit gro\u00dfer Hast und scheinbarer Wuth auf den Kanarienvogel losst\u00fcrzt, ihn mit den Z\u00e4hnen fa\u00dft und knurrend und brummend ein Pult erklettert, den Kanarienvogel dabei immer fest in den Z\u00e4hnen haltend. Man schreit auf, um den Vogel zu befreien; dabei bemerkt man pl\u00f6tzlich eine fremde Katze, welche zuf\u00e4llig in das Zimmer gekommen ist und erkennt erst jetzt Miezchens gutes Herz. Sie hatte ihren Freund vor ihrer Schwester, welcher sie doch nicht recht trauen mochte, sch\u00fctzen wollen.\nEs giebt noch genug Belege f\u00fcr den Verstand dieses vortrefflichen Thieres. Unsere Hauskatze hatte in dem sch\u00f6nen Mai des Jahres 1859 vier allerliebste Junge auf dem Heuboden geworfen und dort sorgf\u00e4ltig vor aller Augen verborgen. Trotz der gr\u00f6\u00dften M\u00fche konnte das Wochenbett erst nach 10 bis 12 Tagen entdeckt Werder^. Als Dies aber einmal geschehen war, gab sich Miez auch weiter gar keine M\u00fche ihre Kinder zu verstecken. So mochten ungef\u00e4hr drei oder vier Wochen hingegangen sein, da erscheint sie pl\u00f6tzlich bei meiner Mutter, schmeichelt und bittet, ruft und l\u00e4uft nach der Th\u00fcr, als wolle sie den Weg weisen. Meine Eltern folgen ihr nach, sie springt erfreut \u00fcber den Hof weg, verschwindet auf dem Heuboden, erscheint \u00fcber der Treppe, wirft von oben herab ein junges K\u00e4tzchen aus ein Heub\u00fcndel, welches unten liegt, springt ihm nach und tr\u00e4gt es bis zu meiner Mutter hin, zu deren F\u00fc\u00dfen sie es niederlegt. Das K\u00e4tzchen wird nat\u00fcrlich freundlich auf- und angenommen und geliebkost. Mittlerweile ist die Katze wieder aus dem Heuboden angelangt, wirst ein zweites ihrer Kinder in gleicher Weise herab, tr\u00e4gt es aber blos einige Schritte weit und ruft und schreit, als verlange sie, da\u00df man es von dort abhole. Diese Bitte wird gew\u00e4hrt, und jetzt wirft die faule Mutter ihre beiden anderen Kinder noch herab, ohne sich aber nur im geringsten mit deren Fortschaffung zu befassen; und erst, als ihr ganz entschieden bedeutet wird, da\u00df man die Kleinen liegen lasse, entschlie\u00dft sie sich, dieselben fortzuschleppen. Wie sich ergab, hatte die Katze fast gar keine Milch mehr und klug genug, wie sie ist, sann sie deshalb darauf, diesem Uebelstande so gut als m\u00f6glich abzuhelfen, und brachte ihr ganzes Kindernest jetzt zu ihrem Brodherrn.\nAuch Lenz erz\u00e4hlt mehrere allerliebste Geschichten, welche die Klugheit der Katze beweisen. Ein Herr in Waltershausen besa\u00df einen Kater, welcher gew\u00f6hnt war, nie Etwas vom Tische zu\nBrehm, Thierleken.\t,-[9","page":289},{"file":"p0290.txt","language":"de","ocr_de":"290\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Hinz.\nnehmen. Einst kam ein neuer Hund ins Haus, der gern naschte und zu diesem Zwecke auch auf St\u00fchle und Tische sprang. Der Kater sah einige Male mit verdrie\u00dflichem Gesichte zu, dann setzte er sich nahe an den Tisch und war, sowie der Hund auf den Stuhl sprang, schon auf dem Tische und gab dem N\u00e4scher eine t\u00fcchtige Maulschelle. \u2014 Sehr klug war eine andere Katze, welche der Forstrath Salzmann besa\u00df. Durch einige gelinde Schl\u00e4ge und Drobungen war sie vermocht worden, die Stubenv\u00f6gel, deren K\u00e4fige in dem Fenster standen, in Ruhe zu lassen. Eines ihrer Jungen, welches Lei ihr blieb, zeigte bald ein Gel\u00fcste nach den V\u00f6geln. Es sprang auf den Stuhl, von da ins Fenster und wollte eben einen Braten aus dem K\u00e4fig holen, als es von einer menschlichen Hand bei dem Kopfe genommen, durch einige Hiebe eines Bessern belehrt und auf den Boden gesetzt wurde. Die Alte hatte den Versuch zum B\u00f6sen und die Abstrafung mit angesehen, war Leim Nothgeschrei herbeigeeilt und leckte jetzt ihrem Scho\u00dfkindchen mitleidig die Hiebe ab. Dasselbe geschah noch zweimal; jedoch das K\u00e4tzchen wollte seine Begierde nicht z\u00fcgeln und wandelte ferner auf dem Wege der S\u00fcnde. Aber die Alte lie\u00df es nun nicht mehr aus dem Auge, sondern sprang jedesmal, wenn es zum Fenster wollte, auf den Stuhl und gab dem unbesonnenen Dinge geh\u00f6rige Schl\u00e4ge. Da ersah sich das K\u00e4tzchen einen andern Weg, kroch auf ein Pult, das nahe am Fenster stand und ging von da grad auf die V\u00f6gel los. Die Alte aber, welche das verwegene Unternehmen bemerkt hatte, war mit einem Sprunge oben und brachte ihre Ohrfeigen so s\u00fcchtig an, da\u00df von nun an jeder Raubzug unterblieb!\nDie Klugheit der Katzen und ihre Anh\u00e4nglichkeit an ihre Gebieter mag auch aus folgendem Bericht hervorgehen, welchen ich aus Woodys \u201eNatural History\" entnehme.\n\u201eVor sestr kurzer Zeit,\" so sagt eine Katzenfreundin, \u201estarb eine der ausgezeichnetsten und vortrefflichsten Katzen, welche jemals eine Maus fing oder auf der Herdmatte sa\u00df. Ihr Name war Pret, eine Abk\u00fcrzung von Prettin a (H\u00fcbschchen), und sie trug diesen Namen mit vollster Berechtigung; denn sie war ebenso sch\u00f6n von Farbe, als seidenweich von Haar. Sie war die kl\u00fcgste, liebensw\u00fcrdigste, lebendigste Katze, welche mir jemals meinen Weg gekreuzt hat. Als sie noch sehr jung war, wurde ich am Nervenfieber krank. Sie vermi\u00dfte mich augenblicklich, suchte mich und setzte sich solange an die Th\u00fcr des Krankenzimmers, bis sie Gelegenheit fand, durch die Th\u00fcr zu schl\u00fcpfen. Hier that sie nun ihr Bestes,, um mich nach ihren Kr\u00e4ften zu unterhalten und zu erheitern. Da sie jedoch fand, da\u00df ich zu krank war, als da\u00df ich mit ihr h\u00e4tte spielen k\u00f6nnen, setzte sie sich an meine Seite und schwang sich f\u00f6rmlich zu meiner Krankenw\u00e4rterin auf. Wenige Menschen d\u00fcrften im Stande gewesen sein, es ihr in ihrer Wachsamkeit gleich zu thun, oder eine z\u00e4rtlichere Sorgfalt f\u00fcr mich an den Tag zu legen. Es war wirklich wunderbar, zu bemerken, wie schnell sie die verschiedenen Stunden kennen lernte, zu welchen ich Arznei oder Nahrung nehmen mu\u00dfte, und w\u00e4hrend der Nacht weckte sie meine W\u00e4rterin, welche zuweilen in den Schlaf siel, regelm\u00e4\u00dfig zur bestimmten Zeit dadurch auf, da\u00df sie dieselbe sanft in die Nase bi\u00df. Auf Alles, was mir geschah, gab sie genau Achtung, und sobald ich mich nach ihr umsah, erschien sie augenblicklich mit freundlichem Schnurren Lei mir. Das Allerwunderbarste war unbedingt der Umstand, da\u00df sie sich kaum um f\u00fcnf Minuten in ihren Berechnungen irrte, es mochte Tag oder Nacht sein. In dem Zimmer, in welchem ich,lag, war keine schlagende Uhr, und gleichwohl wu\u00dfte sie ganz genau, in welcher Zeit wir lebten.\"\n\u201eIch bezweifle, da\u00df irgend ein anderes Thier so sehr verlangt geliebt zu werden, wie die Katze, oder so f\u00e4hig ist, die ihr erwiesene Liebe zu erwiedern. Pret war gro\u00df in ihrer Liebe und ihr Ha\u00df galt nur Wenigen. Das grollende Rollen des Donners erf\u00fcllte sie mit Schreck, und von Herzen ha\u00dfte sie die gellenden, herzzerrei\u00dfenden T\u00f6ne von allerhand Drehorgeln. Bei Gewittern eilte sie zitternd in meinen Scho\u00df, um sich dort Hilfe zu erbitten, oder versteckte sich auch wohl unter den Kleidern. Die Musik liebte sie nicht, am allerwenigsten aber die Drehorgel; doch ist es m\u00f6glich, da\u00df mehr die schlechte Kleidung der Leute ihr Auge verletzte, als die abscheulichen T\u00f6ne ihr Ohr. Auffallend gekleidete Personen waren ihr ein Greuel, und, sobald sich Jemand zeigte, welcher h\u00e4\u00dflich gekleidet war, zeigte sie durch \u00e4rgerliches Brummen ihre Stimmung an.\"","page":290},{"file":"p0291.txt","language":"de","ocr_de":"Belege f\u00fcr den Verstand der Katzen. Nutzen.\n291\n\u201eIhre Klugheit zeigte sich auch bei anderen Gelegenheiten. W\u00e4hrend ihrer Kindheit lebte ein Zweites K\u00e4tzchen mit ihr in demselben Hause und \u00e4rgerte Pret best\u00e4ndig dadurch, da\u00df es in ihr Zimmer kam und ihr das f\u00fcr sie bestimmte Futter wegfra\u00df. Pret merkte bald, da\u00df mit dem kleinen Gesch\u00f6pfe nichts anzufangen sei, und war viel zu gutm\u00fcthig, um Gewalt zu gebrauchen. Deshalb leerte sie, sobald ihr Speise vorgesetzt wnrde, rasch ihren Teller ab und verbarg die besten Bissen unter dem Tische. Einiges lie\u00df sie aber immer auf dem Tische liegen, jedenfalls, um dem andern K\u00e4tzchen glauben zu machen, da\u00df Dies Alles sei, was \u00fcbrig geblieben. Dann bewachte sie ihre verborgenen Sch\u00e4tze nnd erlaubte dem K\u00e4tzchen ruhig die Reste auf dem Teller zu verzehren. Sobald jene aber ihren Hunger gestillt hatte, trug sie Alles, was'sie versteckt hatte, wieder aus den Teller und verzehrte es dort in Frieden. Zuweilen bedeckte sie den Teller sogar mit Papier, T\u00fcchern oder dergleichen. \u2014 Gegen manche Thiere war sie au\u00dferordentlich freundlich, und mit einem jungen Hunde, einem Kaninchen und einem Kampfhahn (Machetes pugnax) lebte sie in der gr\u00f6\u00dften Freundschaft. Mir aber blieb sie doch unter allen Umst\u00e4nden am meisten gewogen, und wenn ich zugegen war, fra\u00df sie blos dann, wenn sie dies in meiner unmittelbaren N\u00e4he thun konnte.\"\nUnzweifelhaft lie\u00dfe sich noch sehr viel Aehnliches sagen; denn die wahren Katzenfreunde, d. h. diejenigen Leute, welche die Katzen der Beobachtung f\u00fcr w\u00fcrdig halten, wissen genug Z\u00fcge aus ihrem Leben zu erz\u00e4hlen. Aus Allem geht hervor, da\u00df die Katzen die Freundschaft des Menschen im vollsten Grade verdienen, oder da\u00df es endlich einmal Zeit w\u00e4re, die ungerechten Meinungen und mi\u00dfliebigen Urtheile \u00fcber sie der Wahrheit gem\u00e4\u00df zu verbessern und zu mildern. Zudem, d\u00e4ucht mich, sollte man auch dem Nutzen der Katzen mehr Rechnung tragen, als gew\u00f6hnlich zu geschehen pflegt. Wer niemals in einem bauf\u00e4lligen Hause gewohnt hat, in welchem die Ratten und M\u00e4use nach Herzenslust ihr Wesen treiben, wei\u00df gar nicht, was eine gute Katze besagen will. Hat man aber jahrelang mit diesem Ungeziefer zusammengewohnt und gesehen, wie der Mensch ihm gegen\u00fcber vollkommen ohnm\u00e4chtig ist, hat man Schaden \u00fcber Schaden erlitten und sich tagt\u00e4glich wiederholt \u00fcber die abscheulichen Thiere ge\u00e4rgert, dann kommt man nach und nach zu der Ansicht, da\u00df die Katze eines unserer allerwichtigsten Hausthiere ist und deshalb nicht blos gr\u00f6\u00dfte Schonung und Pflege, sondern auch Dankbarkeit und Liebe verdient. Mir ist die allbekannte Geschichte von dem jungen Engl\u00e4nder, welcher mit seiner Katze in Indien ein gro\u00dfes Gl\u00fcck machte, gar nicht so unwahrscheinlich, weil ich mir recht wohl denken kann, wie innig erfreut der von den Ratten gepeinigte K\u00f6nig gewesen sein mag, als die Katze des Fremdlings eine so grausame Niederlage unter seinen bisher un\u00fcberwindlichen Feinden anrichtete. Schon das Vorhandensein einer Katze gen\u00fcgt, um die so \u00fcberm\u00fcthigen Nager zu verstimmen und sogar zum Auszuge zu n\u00f6thigen. Das ihnen auf Schritt und Tritt nachschleichende Raubthier mit den nachts so unheimlich leuchtenden Augen, das furchtbare Gesch\u00f6pf, welches sie am Halse gepackt hat, ehe sie noch Etwas von seiner Ankunft gemerkt haben, fl\u00f6\u00dft ihnen Grauen und Entsetzen ein, und sie ziehen vor, ein derartig gesch\u00fctztes Haus zu verlassen, und thun sie es nicht, so wird die Katze auch auf andere Weise mit ihnen fertig.\nEs ist unglaublich, was eine Katze leisten mag in der Vertilgung der Ratten und M\u00e4use. Zahlen beweisen, deshalb will ich das Ergebni\u00df der Lenz'schen Untersuchungen und Beobachtungen hier mittheilen: \u201eUm zu wissen, wie viel denn eigentlich eine Katze in ihrem Mausevertilgungsgesch\u00e4ste leisten kann, habe ich das \u00e4u\u00dferst mausereiche Jahr 1857 benutzt. Ich sperrte am 20. September zwei semmelgelbe, dunkler getigerte Halbangorak\u00e4tzchen, als sie 48 Tage alt waren, in einen kleinen, zu solchen Versuchen eingerichteten Stall, gab ihnen t\u00e4glich Milch und Brod, und daneben jeder vier bis zehn M\u00e4use, die sie jedesmal rein auffra\u00dfen. Als sie genau 56 Tage alt waren, gab ich jeder nur Milch und dazwischen vierzehn ausgewachsene oder zum Theil doch wenigstens halbw\u00fcchsige M\u00e4use. Die K\u00e4tzchen fra\u00dfen alle auf, spieen Nichts wieder aus, befanden sich vortrefflich und hatten am folgenden Tage ihren gew\u00f6hnlichen Appetit......... Kurz darauf sperrte ich, als die bewu\u00dften Mausefresser entlassen waren, in denselben Stall abends 9 Uhr ein dreifarbiges\tMo-\nnate altes Halbangorak\u00e4tzchen, und gab ihm f\u00fcr die Nacht kein Futter. Das Thierchen war,\n19*","page":291},{"file":"p0292.txt","language":"de","ocr_de":"292\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Hinz. Angorakatze und andere Abarten.\nweil es sich eingesperrt und von den Gespielen seiner Jugend getrennt sah, traurig. Am n\u00e4chsten Morgen setzte ich ihm eine Mischung von halb Milch, halb Wasser f\u00fcr den ganzen Tag vor. Ich hatte einen Vorrath von vierzig frischerlegten Feldm\u00e4usen und gab ihm davon in Zwischenr\u00e4umen ein Anzahl. Als abends die Glocke 9 Uhr schlug, also w\u00e4hrend der 24 Stunden ihrer Gefangenschaft, hatte sie 22 M\u00e4use gefressen, wovon elf ganz erwachsen, elf wenigstens halbw\u00fcchsig waren.\nDabei spie sie nicht, befand sich sehr wohl... In jenem Jahre waren meine Katzen Tag und Nacht\nmit Mausesang und Mausefra\u00df besch\u00e4ftigt, und dennoch fra\u00df am 27. September noch jede in Zeit\nvon einer halben Stunde acht M\u00e4use, die ich thr extra vorwarf........... Nach solchen Erfahrungen\nnehme ich bestimmt an, da\u00df in reichen Mausejahren jede mehr als halbw\u00fcchsige Katze im Durchschnitte t\u00e4glich zwanzig M\u00e4use, also im Jahre 7300 M\u00e4use verzehrt. F\u00fcr mittelm\u00e4\u00dfige Mausejahre rechne\nich 3650 oder statt der M\u00e4use ein Aequivalent an Ratten......... Uebrigens geht aus den soeben an- ;\ngef\u00fchrten Beobachtungen, sowie aus anderen, die man leicht bei Eulen und Busaaren, die man f\u00fcttert, machen kann, hervor, da\u00df M\u00e4use sehr wenig Nahrung geben; sie k\u00f6nnten sonst nicht in so ungeheurer Menge ohne Schaden verschluckt werden.\"\nAber die Katzen n\u00fctzen auch in anderer Weise. Sie fressen sch\u00e4dliche Kerbthiere, z. B. Maik\u00e4fer und Heuschrecken, sie todten sogar Giftschlangen, nicht blos Kreuzottern, sondern selbst die so \u00fcberaus furchtbare Klapperschlange. \u201eMehr als einmal habe ich gesehen,\" sagt Rengger, \u201eda\u00df die Katzen in Paraguay auf sandigem und graslosem Boden Klapperschlangen verfolgten und t\u00f6dteten. Mit der ihnen eigenen Gewandtheit geben sie denselben Schl\u00e4ge mit der Pfote und weichen hierauf dem \u00a7 Sprunge ihres Feindes aus. Rollt sich die Schlange zusammen, so greifen sie dieselbe lange nicht an, sondern gehen um sie herum, bis diese m\u00fcde wird, den Kopf nach ihnen zu drehen. Dann aber versetzen sie ihr einen neuen Schlag und springen zugleich auf die Seite. Flieht die Schlange, so ergreifen sie dieselbe beim Schw\u00e4nze,'gleichsam, um mit demselben zu spielen. Unter fortgesetzten Pfotenschl\u00e4gen erlegen sie gew\u00f6hnlich ihren Feind, ehe eine Stunde vergeht, ber\u00fchren aber niemals dessen Fleisch.\"\nIch denke nach allen diesen Angaben gewi\u00df im Rechte zu sein, wenn ich f\u00fcr die so oft ungerecht behandelten Katzen ein gutes Wort einlege. Nur nach genauer Abw\u00e4gung des Nutzens oder Schadens, j welchen ein Thier bringt, kann man es beurtheilen und danach seine Ma\u00dfregeln ergreifen. \u201eWer eine Katze hat, sagt Lenz, welche nach Kindern kratzt und bei\u00dft, \u00fcberall T\u00f6pfe und Tiegel zerbricht, Bratw\u00fcrstchen, Butter und Fleisch davontr\u00e4gt, K\u00fcchlein und junge Bachstelzen erw\u00fcrgt, nie und nirgends eine Maus und Ratte f\u00e4ngt, der thut sehr wohl daran, wenn er sie eher je lieber erschl\u00e4gt, erschie\u00dft,\t,\ners\u00e4uft. Besitzt aber Jemand ein K\u00e4tzchen, welches der Lieblingsgespiele der Kinder ist, nirgends im Hause den geringsten Schaden thut und Tag und Nacht auf Maus- und Rattenfang geht, der handelt sehr weise, wenn er es als seinen Wohlth\u00e4ter hegt und pflegt.\" \u2014\nUnter den Krankheiten der Katze ist die R\u00e4ude die h\u00e4ufigste und gef\u00e4hrlichste, weil sie stark ansteckt und oft t\u00f6dlich wird. Nach Lenz heilt man sie mit Schwefelblumen, die auf ein recht fettes Butterfl\u00e4dchen gestrichen werden: Dieses zerschneidet man dann in W\u00fcrfel und verf\u00fcttert es. Es soll sogar sehr gut sein, einer gesunden Katze einmal in ihrem Leben Schweselfl\u00e4dchen als Vorbeuge-mittel zu geben. Von Ungeziefer leiden die Katzen nicht bedeutend, und der Bandwurm kommt auch ziemlich selten vor. Man vertreibt ihn durch die K\u00f6rner von Hagebutten, welche man verf\u00fcttert, oder durch einen Absud von Kussobl\u00fcthen.\nDie Katze hat wenig Rassen oder Abarten; bei uns sind folgende F\u00e4rbungen gew\u00f6hnlich: Einfarbig schwarz mit einem wei\u00dfen Stern mitten auf der Brust; ganz wei\u00df; semmelgelb und fuchsroth; dunkler mit derselben F\u00e4rbung getigert; einfach blaugrau; hellgrau mit dunkelen Streifen und dreifarbig mit gro\u00dfen wei\u00dfen und gelben oder gelbbraunen und kohlschwarzen oder grauen Flecken. Die blaugrauen sind sehr selten, die hellgrauen oder Cyperkatzen gemein, doch m\u00fcssen die echten schwarze Fu\u00dfballen und an den Hinterf\u00fc\u00dfen schwarze Sohlen haben. Die sch\u00f6nsten oder die Zebrakatzen sind mit dunkelgrauer oder schwarzbrauner Tigerzeichnung. Eigenth\u00fcmlich ist, da\u00df die dreifarbigen Katzen,","page":292},{"file":"p0293.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung.\n293\nwelche \u00fcbrigens an einigen Orten f\u00fcr Hexen angesehen und deshalb erschlagen werden, immer weiblichen Geschlechts sind. Keine Farbe erbt \u00fcbrigens fort, und bei einem einzigen Wurfe k\u00f6nnell so viele verschiedene F\u00e4rbungen vertreten sein, als Junge sind. Daher haben diese F\u00e4rbungen auch keinen thierkundlichen Werth.\nAnders ist es mit gewissen Katzen, welche m\u00f6glicherweise von besonderen Stammeltern herkommen.\nHierzu geh\u00f6rt zun\u00e4chst die Angorakatze (Catus angorensis). Diese ist eine der sch\u00f6nsten Katzen, welche man sich \u00fcberhaupt denken kann. Sie ist sehr gro\u00df und durch langes, seidenweiches Haar, welches namentlich am Halse, unterm Bauche und am Schw\u00e4nze dicht steht, ausgezeichnet. Ihre F\u00e4rbung ist bald rein wei\u00df, bald gelblich oder graulich, seltener gemischt; die Sohlen und Lippen sind fleischfarbig. In ihren Sitten weicht sie am meisten von der gemeinen Hauskatze ab. Sie ist tr\u00e4ge, schl\u00e4frig und sehr eitel; ihre Klugheit soll jedoch die der anderen Katzen fast noch \u00fcbertreffen.\nDie Angorakatze (Catus angorensis).\nEine h\u00f6chst merkw\u00fcrdige Abart der gemeinen Hauskatze ist die Manskatze, wegen des g\u00e4nzlichen Mangels ihres Schwanzes, welcher blos durch einen kleinen Stummel angedeutet wird. Bis jetzt hat man noch gar keine Ahnung, wie dieser Fehler, denn f\u00fcr die Katze ist es ein solcher, wohl zu erkl\u00e4ren sei. Sie ist nichts weniger als h\u00fcbsch, weil sie Jedermann unwillk\u00fchrlich mit anderen Katzen vergleicht und eine wesentliche Zierde derselben bei ihnen vermi\u00dft. Eine schwarze Manskatze mit ihren gl\u00e4nzenden Augen und ihren Schwanzstummel erinnert lebhaft an die alten Sagenbilder, welche auf dem Blocksberge ihr Wesen treiben. Die Heimat dieses Thieres ist die Insel Man.\nAu\u00dfer den genannten spricht man nun noch von der Karth\u00e4userkatze, welche sich durch langes, weiches, fast wolliges Haar und einfarbig dunkelbl\u00e4ulich graue F\u00e4rbung auszeichnet. Ihr \u00e4hnlich ist die Khorassankatze aus Persien. Weniger bekannt sind die kuma.nischen Katzen aus dem Kaukasus, die rothe Tobolsker Katze aus Sibirien, die rothe und blaue Katze vom Kap der guten Hoffnung, die chinesische Katze, welche langes, seidenweiches Haar und h\u00e4ngende Ohren","page":293},{"file":"p0294.txt","language":"de","ocr_de":"294\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Luchs.\nwie ein Dachshund hat, von den Einwohnern gem\u00e4stet und gegessen wird und, wie ich oben berichtete, dieselbe ist, welche als Tauschwaare zu den Kiliaken geht u. s. w. Es ist h\u00f6chst wahrscheinlich, da\u00df viele dieser letztgenannten Abarten Blendlinge sind, von welchen Arten wei\u00df man freilich nicht. Da\u00df sich die Hauskatze ziemlich leicht mit anderen Katzen paart, ist erwiesen. Geachtete Naturforscher haben sogar behauptet, da\u00df sie sich mit einem Hausmarder paare und Junge erzeuge, welche diesem in Farbe und Zeichnung auffallend gleichen sollen.\nAuch unser kleines Europa besitzt Katzenarten, welche denen der hei\u00dfen Erdstriche an Raubsucht und Blutdurst vollkommen ebenb\u00fcrtig sind und vielen von ihnen in der Gr\u00f6\u00dfe nicht eben nachstehen. Es sind Dies die Luchse, von denen man in den \u00fcbrigen Erdtheilen ebenfalls mehrere Arten kennen lernte. In der neueren Thierkunde vereinigt man sie unter eine besondere Sippe, welche sich haupts\u00e4chlich durch folgende Merkmale von den eigentlichen Katzen unterscheiden:\nDer letzte Unterbackenzahn ist dreispitzig, bei den Katzen, wie wir sahen, nur zweispitzig. An dev Ohrspitze steht ein B\u00fcschel vereinigter Haare. Der Schwanz erreicht nur etwas mehr, als Kopfl\u00e4nge und noch nicht ganz den vierten Theil der Leibesl\u00e4nge. Letztere Heiden Merkmale sind diejenigen, welche auch den Laien sofort ins Auge fallen, und namentlich der Haarpinsel am Ohre ist der Sippe ganz eigenth\u00fcmlich.\nDie Luchse waren fr\u00fcher \u00fcber ganz Europa verbreitet, sind aber jetzt, zum Heil unserer Jagden und Herden, recht d\u00fcnn geworden und finden sich blos an den \u00e4u\u00dfersten Grenzen und auf den Hochgebirgen unseres Erdtheils und zwar nirgends mehr h\u00e4ufig. Wir beschreiben so ziemlich das Leben aller bekannten Arten, wenn wir das unseres Luchses schildern.\nDer europ\u00e4ische Luchs, wie er seiner weiten Verbreitung wegen gew\u00f6hnlich genannt wird, (Lynx vulgaris) ist ein weit gr\u00f6\u00dferes Thier, als man gew\u00f6hnlich annimmt. Ich selbst bin-erst durch d\u00fcs Museum von Christiania \u00fcber die Gr\u00f6\u00dfe belehrt worden, welche ein Luchs wirklich erreichen kann; denn in unseren deutschen Sammlungen findet man gew\u00f6hnlich nur mittelgro\u00dfe Thiere. Ein vollkommen ausgewachsener Luchs ist mindestens ebenso gro\u00df wie die Leoparden, welche wir in unseren Thierschaubuden zu sehen bekommen, nur ist er etwas k\u00fcrzer und hochbeiniger. Die L\u00e4nge seines Leibes betr\u00e4gt reichlich drei Fu\u00df und kann wohl auch bis zu vier Fu\u00df steigen, der Schwanz ist sechs bis neun Zoll lang, die H\u00f6he am Widerrist betr\u00e4gt zwei Fu\u00df. An Gewicht kann der Luchskater bis sechzig, ja wie man mir in Norwegen sagte, sogar bis neunzig Pfund erreichen, und selten erlegt man einen, welcher unter vierzig Pfund schwer ist. Das Thier hat einen au\u00dferordentlich kr\u00e4ftigen, gedrungenen Leibesbau und verr\u00e4th auf den ersten Blick seine gro\u00dfe Kraft und St\u00e4rke. Auch seine Gliedma\u00dfen sind sehr kr\u00e4ftig, und der Schwanz steht insofern mit ihnen im Einkl\u00e4nge, als er gleich dick und ziemlich stark ist. Besonders kraftvoll erscheinen die gro\u00dfen Pranken; sie erinnern lebhaft an die des L\u00f6wen oder Tigers. Die Ohren sind ziemlich lang und zugespitzt und enden in einen pinself\u00f6rmigen B\u00fcschel von fast zwei Zoll langen, schwarzen, dicht gestellten und aufgerichteten Haaren. Auf der dicken Oberlippe stehen mehrere Reihen steifer und langer Schnurren. Ein dichter, weicher Pelz, umh\u00fcllt den Leib und verl\u00e4ngert sich im Gesicht zu einem langen und starken Barte, welcher zweispitzig zu beiden Seiten herabh\u00e4ngt und im Verein mit den Ohrb\u00fcscheln dem Luchsgesichte ein ganz seltenes Gepr\u00e4ge giebt. Die F\u00e4rbung des Pelzes ist oben r\u00f6thlichgrau und wei\u00dflich gemischt, auf Kopf, Hals und R\u00fccken und an den Seiten dicht mit rothbraunen oder graubraunen Flecken gezeichnet. Die Unterseite des K\u00f6rpers, die Innenseite der Beine, der Vorderhals, die Lippen und die Augenkreise sind wei\u00df. Das Gesicht ist r\u00f6thlich, da\u00df Ohr ist inwendig wei\u00df, auf der R\u00fcckseite braun und schwarz behaart-Der Schwanz, welcher \u00fcberall gleichm\u00e4\u00dfig und gleichdick behaart ist, hat eine breite, schwarze Spitze, welche fast die H\u00e4lfte der ganzen L\u00e4nge einnimmt; die andere H\u00e4lfte ist undeutlich geringelt, mit Ler-wischten Binden, welche unten aber nicht durchgehen. Im Sommer ist der Balg kurzhaarig und mehr","page":294},{"file":"p0295.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung.\n295\nr\u00f6thlich, im Winter langhaarig und mehr grauwei\u00dflich gef\u00e4rbt; allein die ganze F\u00e4rbung \u00e4ndert in der manchfaltigsten Weise ab, und auch die Flecken erscheinen Lei verschiedenen Thieren ganz verschieden. Man hat deshalb nach den B\u00e4lgen mehrere Arten von Luchsen annehmen wollen, ist jedoch in der Neuzeit \u00fcberzeugt worden, da\u00df Dies unthunlich ist; denn man hat in einem Gew\u00f6lfe Junge von allen Farbenschattirungen, Ver\u00e4nderungen und Zeichnungen gefunden. Das Weibchen scheint sich st\u00e4ndig durch r\u00f6there F\u00e4rbung und undeutlichere Flecken von dem M\u00e4nnchen zu unterscheiden, und die neu-gebornen Jungen sind wei\u00dflich.\nDer Luchs ist den Alten bereits bekannt gewesen, denn schon Plinius erw\u00e4hnt ihn unter dem Namen Lpnx. In Rom wurde er unter Pompejus gezeigt. Man hatte ihn zuerst aus Gallien oder dem heutigen Frankreich eingef\u00fchrt. Sehr bekannt war er nicht, und deshalb war dem Aberglauben vielfacher Spielraum gelassen. So glaubte man, da\u00df er mit seinen funkelnden Augen durch eine Mauer zu sehen verm\u00f6ge, da\u00df sein Harn zu einem kostbaren Stein erh\u00e4rte, welchen man mit dem Namen Lpnkur bezeichnete, und andere dergleichen Sachen mehr. In Deutschland war er \u00fcberall wohl\nDer europ\u00e4ische Luchs (Lynx vulgaris).\nbekannt, denn er mochte wohl ziemlich h\u00e4ufig sein. Vielfache Berichte erw\u00e4hnen seiner. Noch in dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts wurde er gar nicht selten in unserm Mitteldeutschland erlegt: so wurden auch vom Jahre 1773 bis 1796 allein im Th\u00fcringer Walde noch f\u00fcnf St\u00fcck geschossen. Nach Glogers Angabe erlegte man zu Anfang dieses Jahrhunderts noch einen in Oberschlesien, seitdem sind in Deutschland aber blos noch drei St\u00fcck und zwar zwei.in den Jahren 1817 und 1818 im Harze und einer im Jahre 1846 in W\u00fcrtemberg get\u00f6dtet worden. Ganz anders ist es im Hochgebirge und im Norden Europas. Tschudi sagt, da\u00df der Luchs in der Schweiz wohl noch h\u00e4ufiger geschossen wird, als die eigentliche Wildkatze, und da\u00df er vor etwa drei\u00dfig Jahren noch keine Seltenheit gewesen sei, indem allein in B\u00fcnden in einem einzigen Jahre sieben bis acht Sl\u00fcck erlegt wurden, w\u00e4hrend gegenw\u00e4rtig nur zwei bis drei geschossen werden. In der Schweiz ist er unter dem Namen Thierwolf bekannt und findet sich noch in allen gr\u00f6\u00dferen Waldungen, besonders in dem Dubenwalde im Thurmansthale, einem herrlichen, finstern Urwalde, wo man Tausende von m\u00e4chtigen Tannen- und L\u00e4rchenst\u00e4mmen abgebrochen dastehen sieht und nie betretene, dicht verzweigte Schluchten k\u00f6stliche Schlupfwinkel gew\u00e4hren. Weit h\u00e4ufiger ist er im Norden Europas. In Schweden allein","page":295},{"file":"p0296.txt","language":"de","ocr_de":"296\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Luchs.\nwurden im Jahre 1835 noch 316 St\u00fcck von regierungswegen ausgel\u00f6st; in Norwegen werden jetzt noch j\u00e4hrlich \u00fcber zwanzig St\u00fcck geschossen, in Ru\u00dfland jedenfalls noch weit mehr. Auch die naturunkundigen Schweden unterscheiden mehrere Luchse nach der F\u00e4rb\u00fcng. Die eine Ab\u00e4nderung nennen sie Katlo, die andere R\u00e4flo, in Norwegen hei\u00dft er Gaupe, und unter diesen Namen ist er allgemein bekannt.\nDer Luchs h\u00e4lt sich nur in gro\u00dfen, dichten, dunklen Gebirgsw\u00e4ldern und in \u00f6den und felsigen Gegenden auf, wo er Kl\u00fcfte und H\u00f6hlen zu seinem Obdache findet oder sich im Schilfe und hohen Grase oder im Dickicht verstecken kann. Richt selten dienen ihm Fuchs- und Dachsbaue zu seinem Aufenthalte. Bei Tage sitzt er in einsamen Gegenden, wo er sich sicher glaubt, auf Felsspitzen und abgestumpften Baumst\u00e4mmen, um sich zu sonnen, nicht selten auf starken Aesten in ziemlicher H\u00f6he \u00fcber dem Boden; denn er ist im Stande, B\u00e4ume zu erklettern, und springt wohl auch von hier herab auf ein etwa vor\u00fcbergehendes Thier. Wenn er auf dem Aste liegt, pflegt er, wie die wilden Katzen, sich gern zu verstecken, so da\u00df man ihn schwer bemerkt.\nSeine Bewegungen sind ziemlich langsam, aber au\u00dferordentlich kr\u00e4ftig und ausdauernd; seine Sinnesf\u00e4higkeiten stehen mit seiner K\u00f6rperst\u00e4rke im besten Einklang. Er vernimmt sehr gut, wittert sch\u00e4rfer, als die anderen Katzenarten, und \u00e4ugt so ausgezeichnet, da\u00df sein Gesicht seit uralten Zeiten zum Sprichworts geworden ist. Seine Stimme ist scharft\u00f6nend und dem Geheul eines Hundes nicht un\u00e4hnlich.\nDer Luchs ist in unserem an Jagdthieren so armen Europa ein au\u00dferordentlich sch\u00e4dliches Raubthier. Seine gro\u00dfe St\u00e4rke bef\u00e4higt ihn, nicht blos kleineres Wild, sondern auch Edelwild aller Art, und zwar Jung wie Alt, zu bew\u00e4ltigen. Er lauert an den von ihm ausgesp\u00fcrten Wechseln, in Mitteleuropa den Hirschen und Rehen, im Norden auch den Renthieren, jaselbst Elenthieren auf, schleicht an sie heran und springt mit drei bis vier ungeheuren, zw\u00f6lf bis vierzehn Fu\u00df weiten S\u00e4tzen auf seine Beute los, fa\u00dft sie, sich fest einbei\u00dfend, im Genick, schl\u00e4gt seine Krallen tief ein, h\u00e4lt sich somit fest und bei\u00dft nun mit seinen scharfen Z\u00e4hnen die Schlagadern des Halses durch. Bis das Thier verendet, bleibt er auf ihm sitzen: ja man kennt ein Beispiel, da\u00df ein solcher furchtbarer Reiter-wider seinen Willen mit seinem Reitthier und Schlachtopfer weiter getragen worden ist, als ihm lieb war. Eine norwegische Zeitung berichtete, da\u00df eines Tages eine Herde Ziegen mitten am Tage aus dem benachbarten Walde in h\u00f6chster Eile nach dem Gute zugelaufen kamen. Ein Thier der Herde trug auf seinem R\u00fccken einen jungen Luchs, welcher seine Klauen so tief und fest in den Hals der Ziege eingeschlagen hatte, da\u00df er nicht wieder loskommen konnte. Die Ziege rannte in der Angst hin und her, bis es den inzwischen hinzugekommenen S\u00f6hnen des Gutsbesitzer gelang, da\u00df Raubthier zu erschie\u00dfen, ohne die Ziege zu verletzen. Fehlt der Luchs seinen Raub, so folgt er ihm nicht weiter, sondern legt sich abermals auf die Lauer und sucht sich eine andere Beute auf. Von einem gro\u00dfen Thiere fri\u00dft er nat\u00fcrlich verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig nur sehr wenig, zwei bis drei Pfund etwa, wenn er auch am n\u00e4chsten Tage noch einmal kommt, um eine zweite Mahlzeit zu halten. Das Uebrige l\u00e4\u00dft er liegen den F\u00fcchsen und W\u00f6lfen zur Beute, welche ihn bald als freigebigen Wirth erkennen lernen und ihm folgen. Deshalb ist der Schaden, welchen er verursacht, weit gr\u00f6\u00dfer, als man erwarten sollte, und er begn\u00fcgt sich nicht einmal mit- der T\u00f6dtung eines Thieres, sondern rei\u00dft in blinder Wuth und uners\u00e4ttlicher Mordgier soviel zu Boden, als er kann. Bechstein erz\u00e4hlt, da\u00df ein einziger Luchs in Th\u00fcringen in einer Nacht drei\u00dfig Schafe gelobtet habe, und Schinz kennt Beispiele, da\u00df er in der Schweiz in kurzer Zeit drei\u00dfig bis vierzig St\u00fcck kleines Vieh abgew\u00fcrgt hat. Die Art, wie er raubt, und \u00fcberhaupt seine Lebensweise hat Tschudi am besten beschrieben und ich will deshalb die bez\u00fcgliche Stelle aus dem mustergiltigen Werke des ausgezeichneten Naturforschers hier folgen lassen.\n\u201eWenn in den Alpen ein Luchs gesp\u00fcrt wird, so wird Alles aufgeboten, dieses rei\u00dfenden und gef\u00e4hrlichen R\u00e4ubers habhaft-zu werden; doch wei\u00df der sich gar gut zu verstecken. So lange er inseinen Hochw\u00e4ldern und Gebirgskl\u00fcften seine Nahrung findet, jagt er nicht weiter. Hier lebt er in den einsamsten und finstersten Schluchten mit seinem Weibchen und verr\u00e4th seinen Aufenthalt nur selten durch","page":296},{"file":"p0297.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise. Tschudi's Schilderung.\n297\nfein durchdringendes, widerliches Heulen. So lange es geht, liegt er in der tiefsten Verborgenheit und jagt, auf dem Anstand lauernd, der L\u00e4nge nach auf einem bequemen untern Banmast im Dickicht hingestreckt, wo ihn das Laubwerk halb verh\u00fcllt, ohne ihn beim Absprnnge zu hindern. Auge und Ohr in sch\u00e4rfster Spannung liegt er Tage lang auf dem gleichen Fleck und scheint mit halb gesenkten Lidern zu schlafen, wenn seine verr\u00e4therische Wachsamkeit am gr\u00f6\u00dften ist. Er lebt von der List, da sein (wie aller Katzen) stumpfer Gernchsinn, seine verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig geringe Schnelligkeit ihn zum offnen Angriff nicht bef\u00e4higen. Geduldiges Lauern, au\u00dferordentlich leises, katzenartiges Schleichen bringt ihn zu Bente. Er ist nicht so schlau, als der Fuchs, aber geduldiger; nicht so frech, als der Wolf, aber ausdauernder, von gewandterm Sprung; nicht so kr\u00e4ftig, wie der B\u00e4r, aber scharfsinniger, aufmerksamer. Seine gr\u00f6\u00dfte Kraft liegt in den F\u00fc\u00dfen, der Kinnlade und dem Nacken. Er wei\u00df sich die Jagd bequem zu machen und ist nur w\u00e4hlerisch in der Beute, wenn er F\u00fclle hat. Was er mit seinem langen, sichern Sprung erreicht, wird niedergerissen; erreicht er sein Thier nicht, so l\u00e4\u00dft er es gleichgiltig fliehen und kehrt ohne ein Zeichen von Gem\u00fcthsbewegung aus seinen Baumast zur\u00fcck. Er ist nicht gefr\u00e4\u00dfig, aber liebt das frische, warme Blut und wird durch diese Liebhaberei unvorsichtig. Erlauert er am Tage Nichts und wird er hungrig, so streift er des Nachts umher, oft ungeheuer weit, auf drei bis vier Alpen; der Hnnger macht ihn mnthig und sch\u00e4rft seine Klugheit und seine Sinne. Trifft er eine weidende Schaf- oder Ziegenherde, so schleicht er, schlangenartig auf dem Bauche sich windend, heran, schnellt sich im g\u00fcnstigen Augenblicke vom Boden auf, dem aufspringenden Thiere auf den R\u00fccken, zerbei\u00dft ihm die Pulsader oder das Genick und tobtet es so augenblicklich. Dann leckt er zuerst das Blut, rei\u00dft dann den Bauch auf, fri\u00dft die Eingeweide und etwas von Kopf, Hals und Schultern und l\u00e4\u00dft das Uebrige liegen. Da\u00df er den Rest verscharre, ist nicht erwiesen, wenigstens in unseren Alpen geschieht es nicht; auch fri\u00dft der Luchs schwerlich Aas. Seine eigenth\u00fcmliche Art der Zerfleischung l\u00e4\u00dft die Hirten \u00fcber den Th\u00e4ter nie im Zweifel. Nicht selten aber rei\u00dft er drei bis vier Ziegen oder Schafe auf einmal nieder, ja er f\u00e4llt im Hunger selbst K\u00e4lber und K\u00fche an. Ein im Februar 1813 im Kanton Schwyz am Axenberge geschossener hatte in wenigen Wochen an vierzig Schafe und Ziegen zerfleischt. Im Sommer 1814 zerrissen drei oder vier Luchse in den Gebirgen des Simmenthales 160 Schafe und Ziegen.\"\n\u201eHat der Luchs aber Wildpret genug, so h\u00e4lt er sich an dieses und scheint eine gewisse Scheu zu haben, sich durch Zerrei\u00dfung der Hausthiere zu verrathen. Die in den Alpen lebenden Gemsen f\u00e4llt er mit Vorliebe an; doch \u00fcbertreffen ihn diese an Feinheit der Witterung und entgehen ihm h\u00e4ufig, selbst wenn er sich an ihre Wechsel und Sulzen in Hinterhalt legt. H\u00e4ufiger erbeutet er Dachses Murmelthiere, Alpenhasen,^Hasel-, Schnee-, Birk- und Urh\u00fchner und greift im Nothfall selbst zu Eichh\u00f6rnchen und M\u00e4usen. Selten f\u00e4llt ihm bei uns im Winter, wo er sich oft in die unteren Berge und selbst in die Th\u00e4ler wagen mu\u00df, ein Reh zu; dagegen versucht er es wohl, sich unter der Erde nach den Ziegen- oder Schafst\u00e4llen durchzugraben, wobei einst ein Ziegenbock,' der den unterirdischen Feind bemerkte, als er eben den Kopf aus der Erde hob, diesem so derbe St\u00f6\u00dfe zutheilte, da\u00df der R\u00e4uber todt in seiner Mine liegen blieb.\"\n\u201eDie Luchse vermehren sich nicht stark. Im Januar oder Februar sollen sie sich ohne das gew\u00f6hnliche, abscheuliche Katzengeschrei begatten und nach zehn Wochen wirft das Weibchen in einer tiefverborgenen H\u00f6hle, oft auch in einem erweiterten Dachs- oder Fuchsbau, unter einer Baumwurzel oder einem Felsen zwei bis h\u00f6chstens drei blinde Junge, denen es M\u00e4use, Maulw\u00fcrfe, kleine V\u00f6gel und dergleichen zutr\u00e4gt.\"\n\u201eRegelm\u00e4\u00dfige Luchsjagden finden bei der Seltenheit des Raubthieres nicht statt. Findet man auch Spuren seiner Mordgier, so ist doch der Th\u00e4ter gew\u00f6hnlich sehr weit weg und flieht, wenn er f\u00f6rmlich gejagt wird, in ganz andere Gegenden. St\u00f6\u00dft ihm aber der J\u00e4ger unvermuthet auf, so weicht der Luchs nicht von der Stelle und ist sehr leicht zu schie\u00dfen. Er bleibt ruhig auf seinem Baume liegen und starrt den Menschen unverwandt an, wie die wilde Katze, ja der unbewaffnete J\u00e4ger \u00fcberlistet ihn sogar, indem er ein Paar Kleidungsst\u00fccke vor ihn hinpflanzt und inzwischen zu Hause seine Flinte holt.","page":297},{"file":"p0298.txt","language":"de","ocr_de":"298\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Luchs.\nDer Luchs sipirt die Kleider so lange, bis das Gewehr bei der Hand ist und der Schu\u00df f\u00e4llt. Aber auch hier hei\u00dft es: gut gezielt! Wird die Bestie blos verwundet, so springt sie sch\u00e4umend dem J\u00e4ger an die Brust, haut ihre scharfen Krallen tief ins Fleisch und bei\u00dft sich w\u00fcthend ein, ohne loszulassen. Manchmal springt sie aber nur auf den Hund, nnd der J\u00e4ger gewinnt Zeit zum zweiten Schu\u00df. Hunde m\u00fcssen dem Luchs unterliegen, da er viel sicherer im Angriff ist und mit gro\u00dfer Genauigkeit springt. Er f\u00fcrchtet sie darum auch nicht, flieht gem\u00e4chlich, klettert nicht bald aus einen Baum, eher in eine unzug\u00e4ngliche Schlucht und wird n\u00f6tigenfalls auch zweier'bis dreier gew\u00f6hnlicher Jagdhunde Meister. Die Pr\u00e4mien auf Erlegung eines Luchses sind ziemlich hoch, in Freiburg 125 alte Schweizerfranken, in Glarus 15 Gulden, im Tessin 1 Louis'dor.\"\nUeber den letzten Luchs, welcher in Deutschland geschossen wurde, theilt mir der Herr Oberf\u00f6rster Marz aus Wiesensteig in W\u00fcrtemberg durch Vermittelung eines meiner Freunde Folgendes mit: \u201eDer Winter von 1845 auf 46 war gelinde und schneearm, dennoch hauste zur Zeit in den w\u00fcrtem-bergschen W\u00e4ldern ein Wolf, welcher unter dem Namen \u201eAbd-el-Kader\" bei den Forstleuten wohl bekannt war, eifrig verfolgt und endlich auch erlegt wurde. Mitte Januars h\u00f6rte man wenig von ihm, aber gerade in dieser Zeit fand ich im Staatswalde Psanuenhalde unweit Rei\u00dfenstein eine Stelle, wo ein Reh zerrissen worden war. Die gro\u00dfen Fetzen, welche von der Haut dalagen, lie\u00dfen mich alsbald auf ein gr\u00f6\u00dferes Raubthier schlie\u00dfen, und nat\u00fcrlich hatte ich den Wolf in Verdacht und verdoppelte nun meine Aufmerksamkeit. Da es aber keinen Schnee gab, konnte ich nur an der steten Fl\u00fcchtigkeit der Rehe beobachten, da\u00df es im Revier nicht sauber sei, vermochte jedoch nicht, etwas Verd\u00e4chtiges zu bemerken. In der Nacht vom 11. zum 12. Februar 1846 fiel endlich ein neuer Schnee, und ich stellte alsbald meine Untersuchungen an. Am 13. Februar fand ich eine verd\u00e4chtige F\u00e4hrte; das Raubthier hatte auf einer lichten Stelle ein Reh geraubt und es den nahgelegenen Bergabhang gegen die Ruine Rei\u00dfenstein hingeschleppt. Das Reh hatte auf einer holzlosen Stelle Haide ge\u00e4\u00dft und war von seinem M\u00f6rder beschlichen worden. Derselbe hatte sich durch einen Buchenbusch verdeckt und von diesem aus, wie sich im Schnee deutlich zeigte, einen Satz von etwa 15. Fu\u00df Weite gemacht. Das Reh hatte zu entrinnen versucht, war aber durch einen zweiten Satz erreicht worden. Das Raubthier hatte es dann gelobtet und weiter geschleppt.\"\n\u201eDie F\u00e4hrte war mir r\u00e4thselhast, zumal ich an dem Gange wohl erkannte, da\u00df sie nicht von einem Wolfe herr\u00fchrte. In der Nacht vom \\ 4. auf den 15. Februar fiel Thauwetter mit Sturm ein, und der wenige Schnee war denn auch bald geschmolzen. Ich machte mich aber mit Anbruch des Morgens in Begleitung zweier Waldsch\u00fctzen schon vor Tagesanbruch auf den Weg, um zu kreisen. Lange Zeit sp\u00fcrten wir vergebens, nachmittags aber konnten wir sagen, da\u00df das fremde Thier in der Bergwand von der Neidlinger-Rei\u00dfensteiner Steige an bis zum sogenannten Pfarrensteig liege. Es war zweimal aus den Bergabh\u00e4ngen auf die Ebene und dreimal auf den Berg hinauf zu sp\u00fcren, doch entdeckten wir die F\u00e4hrte, welche in Folge des Sturmes verweht und theilweise schon ganz verwischt war, nur nach sehr langem Suchen; es war ein St\u00fcck sehr schwerer Waidmannsarbeit.\"\n\u201eIch schickte nun nach Neidlingen nach Sch\u00fctzen, diese aber antworteten mir, sie w\u00fcrden nicht mit gehen, au\u00dfer wenn man den Wolf frisch sp\u00fcre, nur dann wollten sie kommen. Ich wu\u00dfte gewi\u00df, da\u00df das Raubthier in der fraglichen Bergwand stecke, allein es war schon nachmittags drei Uhr und so blieb mir Nichts weiter \u00fcbrig, als den Verwalter von Rei\u00dfenstein um einen Knecht zu bitten, welchen ich als Treiber verwandte. Derselbe wurde unterrichtet, m\u00f6glichst still an den Felsen hinzugehen, ich aber stellte mich mit meinen zwei Waldsch\u00fctzen vor. Der erste Trieb blieb erfolglos, im zweiten jedoch und zwar ganz in der N\u00e4he der Ruine Rei\u00dfenstein kam mir das Raubthier auf der nord\u00f6stlichen Ecke der Ruine zu Gesicht. Es schlich sich so nahe an dem Felsen hin, da\u00df ich es nur einen Augenblick sehen konnte und zwar blos am Hintertheile, doch war mir Dies genug, zu erkennen, da\u00df es kein Wolf sei; denn f\u00fcr einen solchen war die Ruthe viel zu kurz. Gleichwohl wu\u00dfte ich noch immer nicht, welchen Gegner ich vor mir habe. Ich stand aus einem Felsen und hatte eine ziemlich weite Umschau, allein das Thier mochte mich wohl auch gesehen haben: denn es fiel pl\u00f6tzlich in eine gro\u00dfe Flucht; doch bekam ich","page":298},{"file":"p0299.txt","language":"de","ocr_de":"Jagd. Der letzte Luchs in Deutschland. Balg und Wilpret.\n299\nzwanzig Fu\u00df bergabw\u00e4rts Gelegenheit', in dem Augenblicke, als es wieder einmal auf den Boden sprang, zweimal zu feuern. Es st\u00fcrzte in die vorhandenen B\u00fcsche und verendete dort nach wenigen Schritten. Jetzt erkannte ich freilich, mit welchem Feinde meiner Schutzbefohlenen ich es zu thun gehabt hatte. Es war ein starker m\u00e4nnlicher Luchs von der Gr\u00f6\u00dfe eines mittlern H\u00fchnerhundes und sehr sch\u00f6ner Farbe, prachtvoll getigert an den Vorderl\u00e4ufen, dem Gebi\u00df nach h\u00f6chstens vier bis f\u00fcnf Jahre; sein Gewicht betrug 48 Pfund. Mein Schu\u00df war ihm durchs Herz gegangen.\"\nErst sp\u00e4ter konnte ich im Schnee noch aussp\u00fcren, da\u00df der Luchs auf der nordwestlichen Ecke der Ruine in einer kleinen Felsenh\u00f6hle sein Lager hatte. Dasselbe war vortrefflich gew\u00e4hlt; denn das Thier war versteckt und lag ganz trocken.\"' \u2014\nDer Balg des Luchses geh\u00f6rt zu den sch\u00f6nsten und theuersten Pelzwerken; leider aber sind die Haare spr\u00f6de und springen deshalb nach l\u00e4ngerm Gebrauch. Ein Balg kostet zwanzig bis drei\u00dfig\nDer Pardelluchs (Lynx pardinus).\nGulden, und die sch\u00f6nsten, n\u00e4mlich die, welche aus Sibirien kommen, werden selbst an Ort und Stelle mit sechs bis sechzehn Rubeln bezahlt, weil die reichen Jakuten sehr gern damit ihr Kleid verzieren. Dabei sind die H\u00e4ute der Vorderl\u00e4ufe noch nicht einmal mitgerechnet; denn diese werden abgenommen und mit 41/a bis 3/-z Rubel das Paar bezahlt. Ein Fell des Luchses wird dort drei Zobelfellen (ohne Schnauze) oder sechs Wolfs-, zw\u00f6lf Fuchs- und hundert Eichhornfellen im Werthe gleichgestellt. Die Jakuten halten auch das Fleisch des Fuchses f\u00fcr einen vorz\u00fcglichen Leckerbissen und stellen es gleich neben das von ihnen hochgeachtete Ro\u00dffleisch. Dies nimmt uns vielleicht Wunder/ allein weit merkw\u00fcrdiger noch ist es, da\u00df auch die Schweizer, wie uns Tschudi berichtet, Luchs-steisch essen und f\u00fcr sehr wohlschmeckend halten. Kobell erz\u00e4hlt, da\u00df bei der F\u00fcrstenversammlung in Wien mehrmals Luchsbraten auf die Tafel gekommen sein soll, und f\u00fcgt Dem hinzu, da\u00df noch im Jahre 1819 in Ettal Auftrag gegeben wurde, Luchswilpret zu liefern, weil dasselbe dem K\u00f6nige von Baiern als Arznei gegen den Schwindel angerathen worden war.","page":299},{"file":"p0300.txt","language":"de","ocr_de":"300 Die Raubthiere. Katzen. \u2014 Pardelluchs. Kanadischer Luchs. Karakal.\nJunge Luchse werden so zahm, als \u00fcberhaupt ein derartiges Raubthier werden kann. Man darf, ohne Gefahr sie zu verlieren, sie sp\u00e4ter frei in dem Hause laufen lassen, doch wird, nach Tschudi, ihre Neugier l\u00e4stig, da sie jeden fremden Gegenstand zu beriechen pflegen und ihn dabei nat\u00fcrlich nicht eben schonend behandeln. Die Katzen bleiben \u00fcbrigens ebensowenig im Hause neben den jungen Luchsen, als die Hunde neben einem jungen Wolfe. Man hat Beispiele, da\u00df zahme Luchse sich mit allerlei Thieren sehr befreundet und mit ihnen lange in Frieden gelebt haben. Wie schwer es aber ist, einen jungen Luchs f\u00fcr die Gefangenschaft zu erhalten, sieht man am besten in Thierschaubuden und Thierg\u00e4rten; hier wird man wohl niemals einen L\u00f6wen oder Leoparden vermissen, einen Luchs aber bekommt man nur \u00e4u\u00dferst selten zu sehen. Man sagt, da\u00df die zahmen Luchse gew\u00f6hnlich an allzu gro\u00dfer Fettigkeit sterben, und behauptet, da\u00df die wilden nicht \u00e4lter w\u00fcrden, als f\u00fcnfzehn Jahre.\nIm S\u00fcden Europas wird der gemeine Luchs durch den Pardelluchs (Lynx pardinus) \u2014 Seite 299 \u2014 vertreten. Dieser ist viel kleiner, als sein nordischer Verwandter; denn seine K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt h\u00f6chstens 21/2 Fu\u00df und die seines Schwanzes f\u00fcnf Zoll. Durch die K\u00fcrze seines Pelzes, den verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sehr gro\u00dfen Backenbart mnd die langen Ohrpinsel, sowie die ganz verschiedene, vielf\u00e4ltige Zeichnung unterscheidet er sich von jenem. Die F\u00e4rbung des Pelzes ist lebhaft gl\u00e4nzendroth und der ganze Rumpf mit l\u00e4nglich schwarzen Flecken besetzt, der Backenbart in der obern H\u00e4lfte fahl und schwarz, in der untern wei\u00df, die Ohrpinsel und Ohren schwarz mit gr\u00f6\u00dferen Flecken. Auf dem Halse finden sich schwarze L\u00e4ngstreifen; die Unterseite ist wei\u00df, der Schwanz fahl gefleckt und mit schwarzem Ende.\nSoviel man wei\u00df, bewohnt der Pardelluchs Sardinien, Sjcilien, Griechenland, die T\u00fcrkei, namentlich aber die pyren\u00e4ische Halbinsel. Hier ist er unter dem Namen Lobo cerval allgemein bekannt, und man erz\u00e4hlt viel von seiner St\u00e4rke, Grausamkeit und Blutgier. Zumal in den ausgedehnten Waldungen des ebenen Theils von Estramadura soll er recht h\u00e4ufig sein. Ich selbst habe ihn w\u00e4hrend meines Aufenthalts dort aber niemals zu sehen bekommen.\nIn Nordamerika ersetzt der Pischu oder kanadische Luchs (Lynx canadensis) die genannten europ\u00e4ischen Arten. Er ist etwas schw\u00e4cher, als sein europ\u00e4ischer Vetter; denn seine K\u00f6rperl\u00e4nge erreicht nur selten drei Fu\u00df, w\u00e4hrend die seines Schwanzes blos einen halben Fu\u00df betr\u00e4gt. Der Pelz ist k\u00fcrzer und reicher, als der des europ\u00e4ischen Luchses. Die R\u00fcckenhaare sind dunkelbraun mit grau oder braun geringelter Spitze, die der Seiten an der Wurzel grau, in der Mitte r\u00f6thlich-wei\u00df gewellt. Die Unterseite des Bauches und die Innenseite der Beine sind schmuzig wei\u00df, die Ohren wei\u00df ges\u00e4umt: der Backenbart ist schwarz gefleckt, die Schnurren sind schwarz und wei\u00df; der Schwanz ist r\u00f6thlichwei\u00df gewellt, mit schwarzer Spitze. Seine Heimat ist ganz Nordamerika, n\u00f6rdlich von den gro\u00dfen Seen und \u00f6stlich von den Felsengebirgen. Hier lebt er in waldigen Gegenden ganz nach Art unsers Luchses; doch kommt er diesem keineswegs an St\u00e4rke und Wildheit gleich. Nach der Schilderung von Richardson ist er erb\u00e4rmlich feig und wagt sich auch nicht einmal an gr\u00f6\u00dfere S\u00e4ugethiere, sondern jagt blos Hasen und kleine Nagethiere oder kleine V\u00f6gel. Vor dem Menschen und den Hunden flieht er stets; wird er aber gestellt, so str\u00e4ubt er im Angriff, wie alle Katzen, sein Haar, droht und faucht, l\u00e4\u00dft sich aber doch leicht besiegen, sogar mit einen Stock erschlagen. Wegen dieser Ungef\u00e4hrlichkeit und H\u00e4ufigkeit wird er sehr lebhaft gejagt. Audubon, welcher das Thier ausf\u00fchrlicher beschreibt, h\u00e4lt Richardsons Angabe theilweise f\u00fcr irrth\u00fcmlich. Er schildert auch diesen Luchs als ein starkes, wehrhaftes Thier, welches sich seiner Haut zu wehren wei\u00df. Ein Gefangener des Hamburger Thiergartens best\u00e4tigt seine Ansicht; mit ihm ist durchaus nicht zu scherzen. Ungeachtet aller Bem\u00fchungen von unserer Seite hat er sich noch nicht entschlie\u00dfen k\u00f6nnen, ein freundschaftliches Verh\u00e4ltni\u00df mit uns einzugehen. Er ist ernstruhig, aber unfreundlich, fast m\u00fcrrisch. Seine Bewegungen sind kr\u00e4ftig, jedoch leicht und gewandt. Bei Tage liegt er stundenlang regungslos auf seinem Baumaste, nachts wandert er gemachsam im K\u00e4fig auf und nieder. Niemals","page":300},{"file":"p0300s0002table8.txt","language":"de","ocr_de":"lumi\u00dfctss.","page":0},{"file":"p0301.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Lebensweise im Freien und in der Gefangenschaft.\n301\nsieht man ihn ohne Noth umherspringen, wie die meisten \u00fcbrigen Katzen Dies thun; er ist tr\u00e4ger, als seine s\u00e4mmtlichen Verwandten.\nDer kanadische Luchs ist neben dem Roth luchs (Lynx rufus) aus Amerika die n\u00fctzlichste Wildkatze, weil sein Fell vielfache Verwendung findet. Gerade von diesem Luchs kommen allj\u00e4hrlich viele Tausende von Fellen in den Handel, welche dann von unseren K\u00fcrschnern nach ihrer allgemeinen F\u00e4rbung und G\u00fcte in verschiedene Sorten geschieden und mit mancherlei Namen belegt werden. Das Wildpret wird in Amerika gegessen; doch meint Audubon, da\u00df ihm ein kr\u00e4ftiges St\u00fcck B\u00fcffellende unter allen Umst\u00e4nden lieber w\u00e4re, als Luchsfleisch, es m\u00f6ge zubereitet sein, wie es wolle.\nS>^\nDer Pischu oder kanadische Luchs (Lynx canadensis).\nVon allen bisher genannten Arten, zu denen ebensowohl in der alten, wie in der neuen Welt noch andere kommen d\u00fcrften, die man blos als Ab\u00e4nderungen ansieht, unterscheiden sich die Luchse des S\u00fcdens d. h. diejenigen, welche in den gem\u00e4\u00dfigten und warmen Theilen Asiens und Afrikas wohnen.\nAls echtes W\u00fcsten- und Steppenkind mu\u00df uns unter den s\u00fcdlichen Luchsen der Karakal (Lynx Caracal oder Caracal melanotis) erscheinen. Das Thier erreicht die Gr\u00f6\u00dfe der nordischen Vertreter seiner Sippe; denn seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt blos zwei Fu\u00df, seine Schwanzl\u00e4nge aber fast zehn Zoll. Der Name Karakal soll, wie man erkl\u00e4rt, aus dem T\u00fcrkischen stammen und Schwarzohr hei\u00dfen. Und in der That sind die dunkeln Lauscher eins der Kennzeichen der sch\u00f6nen Katze. Der Karakal unterscheidet sich aber noch au\u00dferdem so wesentlich von seinen Sippschaftsverwandten, da\u00df ihn die neuere Wissenschaft sogar zum Vertreter einer eignen Sippe hingestellt hat. Zwischen","page":301},{"file":"p0302.txt","language":"de","ocr_de":"302 Die Raubthiere. Katzen. \u2014 Karakal. Gestiefelter Luchs. Sumpfluchs.\ndem Karakal und den \u00fcbrigen Luchsen sind jedoch die Unterschiede zu unbedeutend, als da\u00df sie zu solch einer Trennung berechtigen k\u00f6nnten. Bei Ber\u00fccksichtigung der klimatischen und \u00f6rtlichen Verh\u00e4ltnisse, unter denen der Karakal lebt, mu\u00df er uns, wenn ich so sagen darf, sofort begreiflich erscheinen. Er ist ein echtes Kind der Steppe oder W\u00fcste, und als solches auf das zweckm\u00e4\u00dfigste ausger\u00fcstet. Seine Gestalt ist schm\u00e4chtig, namentlich schlanker, als die seiner nordischen Verwandten. Seine L\u00e4ufe sind h\u00f6her, bef\u00e4higen ihn also zu besonderer Schnelligkeit und Ausdauer im Laufen; die Lauscher sind ver-h\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfer und f\u00fcr Beherrschung weiterer Strecken geeignet. Die F\u00e4rbung endlich ist ein ; W\u00fcstenkleid d. h. ein dunkleres oder helleres Fahlgelb oder Braunroth ohne Flecken, welches nnr an der Kehle und am Bauche ins Wei\u00dfliche zieht und auf der Oberlippe durch einen gro\u00dfen, schwarzen Fleck, sowie durch einen schwarzen Streifen, welcher sich vom Nasenrande zum Auge zieht, und die schwarzen Ohren unterbrochen wird. Dieses Kleid ist durchaus geeignet, ihn bei seinen n\u00e4chtlichen -Streifereien zu verbergen. Dieselbe Gleichf\u00e4rbigkeit mit der Umgebung, welche ein Thier vorzugsweise bewohnt, spricht sich bei allen Katzen sehr deutlich aus, und so auch bei dem Karakal. Die nordischen Luchse, welche vorzugsweise W\u00e4lder bewohnen, tragen ein Baum- und Felsenkleid, d. h. ihre allgemeine F\u00e4rbung \u00e4hnelt der der Stzgmme und Aeste, sowie der der grauen Felsw\u00e4nde des jjj Nordens. Der Karakel ist nur in der Kindheit gefleckt, sp\u00e4ter aber ganz ungefleckt, und eine der- j artige Gleichfarbigkeit steht wiederum im vollst\u00e4ndigen Einklange^mit den Eigenth\u00fcmlichkeiten seiner Wohnkreise; denn ein geflecktes Thier, welches auf dem einfarbigen Sandboden der W\u00fcste dahin schleicht, w\u00fcrde in der Hellen Nacht gerade durch seine Fleckenzeichnung leichter sichtbar werden, als 4 durch jenes einfarbige Gewand.\nDer Verbreitungskreis des Karakal ist auffallend gro\u00df. Er bewohnt ganz Afrika, Vorderasien und Indien und zwar die W\u00fcsten ebensowohl wie die Steppen; in Waldungen findet er sich nicht.\nIrr seinem Leben \u00e4hnelt er seinen Verwandten. Er jagt alle kleineren S\u00e4ugethiere und V\u00f6gel der W\u00fcste, macht sich aber auch \u00fcber Antilopen her: Dies haben mir wenigstens die Araber, welche ihn Khut el Chala nennen, wiederholt versichert. Und hiermit steht denn auch die schon l\u00e4ngst bekannte Thatsache im vollsten Einkl\u00e4nge, da\u00df es in Asien nnd namentlich in Indien zur Antilopen-, Hasen- j und Kaninchenjagd abgerichtet werden kann. Freilich behauptet man auch, da\u00df er dem L\u00f6wen nach- | schleiche, um die Ueberbleibsel seines Raubes zu verzehren, oder da\u00df er sich in f\u00f6rmliche Meuten zusammenrotte und gemeinschaftlich jage. Die Angaben sind aber jedenfalls als falsch anzunehmen, und.ich habe auch nirgends in Afrika etwas Aehnliches vernommen, obgleich die sehr naturkundigen Steppenbewohner mir schwerlich eine so wichtige Thatsache verschwiegen haben w\u00fcrden, wenn sie . begr\u00fcndet w\u00e4re. Merkw\u00fcrdig bleibt es immerhin, da\u00df man diese Thiere z\u00e4hmen und zur Jagd ab- 1 richten kann. Von dem Gepard, der eigentlichen Iagdkatze im Dienste des Menschen, wird uns eine solche Abrichtungss\u00e4higkeit nicht Wunder nehmen, da wir ihn als die gem\u00fcthlichste und zahmste aller Katzen kennen lernen werden. Der Karakal aber ist nach meinen Beobachtungen, im Verh\u00e4ltni\u00df , zu seiner Gr\u00f6\u00dfe, das w\u00fcthendste und unb\u00e4ndigste Mitglied der ganzen Familie. Ich habe ihn \u00f6fters in Gefangenschaft gesehen und auch von meinem Freunde Heuglin, welcher ihn l\u00e4ngere Zeit gefangen hielt, Manches \u00fcber sein Leben im K\u00e4fig erfahren. Nach allen Beobachtungen nun, welche gemacht worden sind, geht hervor, da\u00df dieser kleine Bursche ein wahres Scheusal an Wuth und un- / z\u00e4hmbarer Wildheit ist. Man braucht sich blos dem K\u00e4fige zu n\u00e4hern, in welchem er scheinbar ruhig liegt, um seinen ganzen Zorn rege zu machen. Ungest\u00fcm springt er auf und f\u00e4hrt fauchend auf den Beschauer los, welchen er mit seinen scharfen Tatzen wom\u00f6glich zerrei\u00dfen m\u00f6chte, oder aber er legt sich in die hinterste Ecke seines Kerkers auf den Boden nieder, dr\u00fcckt seine langen Lauscher platt auf den Sch\u00e4del auf, zieht die Lippen zur\u00fcck und faucht und knurrt ohne Ende. Dabei schauen die blitzenden Augen so boshaft w\u00fcthend den Beschauer an, da\u00df man es den Alten nicht verdenken kann, wenn sie diesen Augen geradezu Zauberkr\u00e4fte beilegten: denn jedenfalls ist es der Karakal, welcher den Griechen und R\u00f6mern zuerst bekannt wurde und zu den eigenth\u00fcmlichen Fabeln Anla\u00df gab, deren ich oben gedachte. In keinem einzigen Thiergarten hat es bis jetzt gelingen wollen, das w\u00fcthende","page":302},{"file":"p0303.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung und Lebensschilderung.\n303\nVieh zu z\u00e4hmen. Ja man hat es kaum dahin gebracht, da\u00df es einem W\u00e4rter erlaubt h\u00e4tte, in seinen K\u00e4fig zu kommen. Einem gefangenen Karakal setzte man einen starken, bissigen Hund in sein Gef\u00e4ngni\u00df. Jener fiel den ihm Furcht einfl\u00f6\u00dfenden Gegner ohne Besinnen an und bi\u00df ihn unter f\u00fcrchterlichem Fauchen und Geschrei, trotz der muthvollsten und kr\u00e4ftigsten Vertheidigung des Hundes, nach kurzem Kampfe nieder und ri\u00df ihm die Brust auf. Sprechenderer Beweise bedarf es nicht, um die Wildheit und Mordlust dieses Thieres glaublich zu machen.\nSchon der Karakal zeichnet sich vor den nordischen Luchsen durch seine lange Standarte aus. Dieser Unterschied tritt bei den \u00fcbrigen, welche wir zu betrachten > haben, noch mehr hervor und sie bilden wieder Mittelglieder zwischen den langschw\u00e4nzigen Katzen und den eigentlichen Luchsen.\nEirker dieser Langschw\u00e4nze ist der gestiefelte Luchs (Lynx caligatus), ein Bewohner der Ge-birgsw\u00e4lder des \u00f6stlichen Afrika vom Kap bis Habesch, sowie Vorderasiens und Indiens. Die\nDer gestiefelte Luchs (Lynx caligatus).\nK\u00f6rperl\u00e4nge des Thieres betr\u00e4gt zwei Fu\u00df und die des Schwanzes etwa die H\u00e4lfte. Die langen, zugespitzten Ohren tragen nur noch einen kleinen, b\u00fcrsten\u00e4hnlichen Pinsel, die Pelzf\u00e4rbung \u00e4ndert manchfaltig ab. M\u00e4nnchen sind immer dunkler, als Weibchen, n\u00e4mlich bl\u00e4ulichgrau und aschgrau untermischt und dunkler gewellt. Die Weibchen sind bl\u00e4sser, fahlgelblich lichtr\u00f6thlich gewellt, die Jungen schwarz geb\u00e4ndert. Die Unterseite ist r\u00f6thlichwei\u00df oder lichtockergelb, die Kehle zuweilen wei\u00df, die Schnauze fahl. Auf den Wangen findet man oft zwei r\u00f6thliche und schw\u00e4rzliche Binden. Die Ohren sind au\u00dfen lebhaft roth, innen aber wei\u00df, auf den Beinen zeigen sich schwarze Querstreifen, welche sich aber mit dem Alter verwischen. Der Schwanz ist an seiner Endh\u00e4lfte wei\u00df und schwarz geringelt. Ueber die Lebensweise des Thieres ist so gut als Nichts bekannt.\nVon ihm unterscheidet sich der Sumpfluchs (Lynx Chans), welcher die sumpfigen und bewaldeten Gegenden am Kaspischen Meere und Aralsee, in Persien, Syrien, Egypten, Nubien und","page":303},{"file":"p0304.txt","language":"de","ocr_de":"304\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Sumpfluchs. Gepard.\nALissinien bewohnt und auch in seiner Lebensweise weit mehr Katze, als Luchs ist. Er ist, wie der Karakal, schlank gebaut und hochbeinig. Der Schwanz ist aber l\u00e4nger, die Ohrpinsel sind viel kleiner. Der Pelz ist reichlich behaart, im allgemeinen von gelblichgraulich oder gr\u00fcnlichgelbgraulicher F\u00e4rbung, auf welcher verwaschene, dunklere Streifen sich zeigen. Von der Nase bis zu den Augen l\u00e4uft ein schwarzer Streif; die Lippenr\u00e4nder sind schwarz, \u00fcber und unter den Augen befindet -sich ein wei\u00dfer Fleck. Die Ohren sind oben graubraun mit schwarzer Spitze, die Unterseite ist hellockergelb und selbst wei\u00dflich. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt zwei Fu\u00df und die des Schwanzes acht Zoll.\nIch bin dem Sumpfluchs im Nilthale mehrere Male begegnet. Er ist in Egypten eben keine seltene Erscheinung, man bemerkt ihn nur nicht oft. In jenem Lande fehlen gr\u00f6\u00dfere Waldungen, in welchen sich ein Raubthier verbergen k\u00f6nnte, fast g\u00e4nzlich, und dies ist deshalb auf andere Schlupfwinkel angewiesen. Wie die Hi\u00e4ne, welche eigentlich zwischen dem Gekl\u00fcft der W\u00fcste ihre H\u00f6hle hat, oft lange Zeit im R\u00f6hricht lebt; wie der Schakal und Fuchs das Riedgras und das Getreide be-\nDer Sumpfluchs (Lynx Chans).\nwohnen, so lebt auch der Sumpfluchs ruhig an \u00e4hnlichen Orten, ohne bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, leicht aufgest\u00f6rt zu werden. Auf B\u00e4ume klettert er, nach meinen Beobachtungen wenigstens, niemals. Die ausgedehnten Getreidefelder, welche auf dem vom \u00fcberwogenden Nile getr\u00e4nkten Erdreiche angelegt wurden und also nicht zeitweilig k\u00fcnstlich \u00fcberrieselt werden, sind vorzugsweise sein Aufenthalt. Au\u00dferdem aber bewohnt er die gro\u00dfen Fl\u00e4chen, welche dichter oder d\u00fcnner mit einem ziemlich hohen, scharfschneidigen Riedgrase, der Halfa (Poa cynosuroides), bedeckt sind, und endlich bieten ihm die trockenen Stellen im R\u00f6hricht, ja auch schon die Rohrdickichte, welche sich an den Ufern der Kan\u00e4le hinziehen oder manche Felder umz\u00e4unen, erw\u00fcnschte Aufenthaltsorte. Als ich einmal ganz nahe bei der Stadt Esneh durch einen Garten schlenderte, fiel mir eine in dem dichten Grase dahinschleichende Katze nur ihres gro\u00dfen Kopfes wegen- auf. Der \u00fcbrige K\u00f6rper war ganz in dem schossenden Getreide versteckt. Mehr, um zu untersuchen, als in der Meinung, eine wilde Katz vor mir zu haben, scho\u00df ich aus das Thier, welches mich eben keiner gro\u00dfen Beachtung w\u00fcrdig hielt. Es verendete nach wenigen, verzweiflungsvollen S\u00e4tzen, und ich fand zu meiner Ueberraschung, da\u00df ich unsern Sumpfluchs und zwar","page":304},{"file":"p0305.txt","language":"de","ocr_de":"Aufenthalt und Lebensweise.\n305\nein ziemlich ausgewachsenes M\u00e4nnchen erlegt hatte. Von nun an wurde ich aufmerksam und bemerkte deshalb unser Raubthier auch \u00f6fter. Einen gro\u00dfen Luchs fand ich ruhig sich sonnend in einem Rohrgeb\u00fcsche liegen. Er entkam mir aber trotz einer starken Verwundung, welche ich ihm beigebracht hatte. Die \u00fcbrigen, welche ich bemerkte, entflohen regelm\u00e4\u00dfig, noch ehe ich in Schu\u00dfweite an sie herangekommen war. Aus meinen Beobachtungen geht Folgendes hervor.\nDer Sumpfluchs schleicht an den beschriebenen Orten ebensowohl bei Tag als bei Nacht umher, um Beute zu machen. Dabei komnit er dreist bis dicht an die D\u00f6rfer heran, und die gr\u00f6\u00dferen G\u00e4rten in der N\u00e4he derselben scheinen ihm sogar besondere Lieblingspl\u00e4tze zu sein. Um ihn oder wenigstens seine Spuren zu bemerken, braucht man eben nicht lange auf der Jagd herumzustreifen. Wenn man an den R\u00e4ndern von Getreidefeldern, auf Rainen und Wegen, welche durch dieselben f\u00fchren, Acht haben will, gewahrt man ihn h\u00e4ufig genug. Er schleicht nach echter Katzenart leise und unh\u00f6rbar zwischen den Pflanzen dahin, welche ihn gew\u00f6hnlich zum gr\u00f6\u00dften Theile verstecken. Von Zeit zu Zeit bleibt er stehen und lauscht. Dabei bewegt er, wie unsere Hauskatzen, die Ohren nach allen Richtungen hin, beschreibt mit dem Schw\u00e4nze die verschiedenen Biegungen und Windungen, welche die Seelenruhe einer gem\u00fcthlich jagenden Katze bezeichnen, und \u00e4ugt mit jenem ruhigen, fast starren Blick, welcher unserm Hinz eigen ist, fast tr\u00e4umerisch gerade vor sich hin. Der Geh\u00f6rsinn scheint ihm bei Tage jedenfalls mehr zu leiten, als sein Gesicht; denn die Lauscher sind auch bei der gr\u00f6\u00dften Ruhe in best\u00e4ndiger Bewegung. Das geringste Ger\u00e4usch \u00e4ndert dieses tr\u00e4umerische Dahinschleichen: er erhebt den Kopf, die Lauscher richten sich nach kurzer, schneller Bewegung der bezeichneten Stelle zu, der ganze Leib duckt sich, verschwindet vollkommen im Grase, und schlangenartig schleicht das Thier auf dem Bauche an seine Beute heran, welche wohl auch in den meisten F\u00e4llen in seine Gewalt f\u00e4llt. Bisweilen sieht man auch wohl aus dem scheinbar ganz unbelebten Riedgrase heraus mit einem gewaltigen Satz ein Thier in die H\u00f6he springen und im n\u00e4chsten Augenblicke wieder verschwinden. Der Sumpfluchs hat einen Luftsprung nach irgend einem Vogel gemacht, welchen es aufgejagt hatte. Seine Beute besteht zumeist aus M \u00e4usen und Ratten, sodann aber aus kleinen Erd- und Schilfv\u00f6geln aller Art, namentlich W\u00fcstenh\u00fchnern, Lerchen, Regenpfeifern, Schilf- oder Riedgrasf\u00e4ngern (Cisticola) rc. In den G\u00e4rten stiehlt er den Bauern ihre H\u00fchner und Tauben, in den Fruchtfeldern schleicht er den Hasen und an den W\u00fcstenr\u00e4ndern den Springm\u00e4usen nach. An gr\u00f6\u00dfere Thiere wagt er sich niemals, wenigstens hat mir davon kein einziger Fellah Etwas erz\u00e4hlt; auch einem Menschen weicht er immer furchtsam aus, sobald er ihn bemerkt, und selbst derjenige, welchen ich verwundete, wagte nicht, mich anzuspringen. Gleichwohl wird er von den Arabern als ein sehr b\u00f6ses Thier gef\u00fcrchtet, und diese Furcht hat sich, was das L\u00e4cherlichste ist, auch auf die Europ\u00e4er \u00fcbertragen. Mein Diener erdreistete sich nicht, auf einen sehr sch\u00f6nen Sumpfluchs zu schie\u00dfen, den er im Getreide auftrieb, und ein nadelkundiger Reisegef\u00e4hrte des bekannten Schriftstellers Bogumil Goltz glaubte nun gar einen jungen L\u00f6wen in unserm \u201eTschaus\" zu erblicken, als er ihm auf der Jagd einmal begegnete. Ungeachtet dieser Meinung des k\u00fchnen J\u00e4gers meine ich, nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, da\u00df der Sumpfluchs ein durchaus ungef\u00e4hrlicher und ziemlich harmloser R\u00e4uber ist. Ja ich glaube sogar behaupten zu k\u00f6nnen, da\u00df er ebensoviel Nutzen stiftet, als Schaden anrichtet. \u2014 In der Gefangenschaft hat man ihn noch so gut als gar nicht beobachtet. Ein eingesperrter fra\u00df zw\u00f6lf Tage lang Nichts, sondern zerbi\u00df seinen Stock und seine eignen Vorderf\u00fc\u00dfe, welche ihm von dem Eisen zerschlagen worden waren. Ein anderer dagegen lebte drei Monate, fra\u00df viel Fische, sch\u00e4umte aber immer vor Zorn. Das ist Alles, was wir wissen.\nAm Ende der reichen Familie, welche wir im Vorstehenden \u00fcberblickten, steht ein eigenth\u00fcmliches Bindeglied zwischen ihr und der n\u00e4chstfolgenden, die Sippe der Iagdleoparden oder Gepards. Sie enth\u00e4lt, soviel man wei\u00df, blos zwei Arten, welche sich jedoch in ihrer Gestalt und in ihrer Lebensweise so \u00e4hneln, da\u00df ihre Unterscheidung nur f\u00fcr den strengen Forscher irgendwelche Wichtigkeit hat. Die Gepards tragen ihren Sippennamen Cynailurus \u2014 Hundekatze \u2014 mit vollem Brehm, Thierleben.\t20","page":305},{"file":"p0306.txt","language":"de","ocr_de":"306\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tschitah.\nRechte; denn sie sind wirklich halb Katzen und halb Hunde. Katzenartig ist noch der Kopf, katzenartig der lange Schwanz: hundeartig aber ist der ganze \u00fcbrige K\u00f6rper, hundeartig zumal sind die langen Beine, deren Pfoten nur noch halbe Pranken genannt werden k\u00f6nnen. Noch ist hier die ganze Einrichtung zum Einziehen und Hervorschnellen der Klauen vorhanden, aber die betreffenden Muskeln sind so schwach und kraftlos, da\u00df die Krallen fast immer hervorragen und deshalb, wie bei den Hunden, durch Abnutzung gestumpft werden. Das Gebi\u00df gleicht im wesentlichen dem der Katzen, die Eckz\u00e4hne aber sind \u00e4hnlich wie die der Hunde zusammengedr\u00fcckt. Auch der Pelz h\u00e4lt die Mitte zwischen dem der Hunde unv dem der Katzen. Von diesen hat er noch seine bunte F\u00e4rbung, von jenen die Rauhheit oder das Struppige der Haare. Dieser Zwischenstellung entspricht das geistige Wesen des Gepards vollkommen. Ihr Gesichtsausdruck ist noch katzen\u00e4hnlich, aber die Hundegem\u00fcthlichkeit spricht schon aus den Augen hervor, welche die Sanftheit des Geistes deutlich anzeigen.\nDer Tschitah (Cynailurus jubatus).\nDie beiden erw\u00e4hnten Arten sind der Tschitah (Cynailurus jubatus), welcher Asien und der Fahhad der Araber (Cynailurus guttatus), welcher Afrika bewohnt. Unsere Abbildung zeigt uns den Ersteren.\nDer Tschitah ist von etwas gedrungenerm K\u00f6perbau und niedriger auf den Beinen, als sein Sippschaftsverwandter, immer aber noch sehr schlank und schm\u00e4chtig, auch hochbeiniger, als die eigentlichen Katzen. Der Kopf ist sehr klein und mehr hundeartig gestreckt, als katzenartig gerundet. Die Ohren sind breit und niedrig, die Augen durch ihren runden Stern ausgezeichnet. Der Balg ist ziemlich lang und struppig, namentlich aus dem R\u00fccken, weshalb unser Thier auch den Namen \u201eder Gew\u00e4hnte\" erhielt. Die Grundf\u00e4rbung des Pelzes ist ein sehr lichtes Gelblichgrau, auf welchem schwarze und braune Flecken stehen, die auf dem R\u00fccken dicht gedr\u00e4ngt sind, ja fast zusammenflie\u00dfen,","page":306},{"file":"p0307.txt","language":"de","ocr_de":"Gestalt. Verbreitung. Ablichtung und Verwendung.\n307\nsich auch an dem Bauche fortsetzen und selbst den Schwanz noch theilweise bedecken, da sie sich nur gegen das Ende hin zu Ringeln verbinden. Die Leibesl\u00e4nge des Tschitah betr\u00e4gt drei Fu\u00df und zwei Zoll, die L\u00e4nge des Schwanzes zwei Fu\u00df, die H\u00f6he am Widerrist ebensoviel. Dem afrikanischen Verwandten fehlt die Nackenm\u00e4hne fast g\u00e4nzlich; die Grundfarbe seines Pelzes ist fast orangengelb, der Bauch aber wei\u00df und ungefleckt; auch die Flecken sind etwas anders, und die Spitze des Schwanzes ist wei\u00df, anstatt schwarz.\nDer Tschitah scheint einen ziemlich gro\u00dfen Verbreitungskreis zu haben; denn er findet sich im ganzen s\u00fcdwestlichen Asien. Er ist, wie seine Farbe und Gestalt anzeigt, ein echtes Steppenthier, welches sich seinen Unterhalt weniger durch seine Kraft, als durch seine Behendigkeit erwerben mu\u00df. Die Nahrung besteht haupts\u00e4chlich in den mittelgro\u00dfen und kleineren Wiederk\u00e4uern, welche in seinem Gebiete leben, und ihrer wei\u00df er sich mit gro\u00dfem Geschick zu bem\u00e4chtigen. Die Schnelligkeit und Ausdauer des Jagdleoparden sind nicht eben gro\u00df, und eine von ihm verfolgte Antilope w\u00fcrde ihn schon nach kurzem Laufe weit hinter ihren Fersen zur\u00fccklassen; der Tschitah mu\u00df also seine Schlauheit und List einsetzen, um zu seiner Beute zu gelangen. Sobald er ein Rudel weidender Antilopen oder Hirsche bemerkt, dr\u00fcckt er sich auf die Erde und kriecht nun schlangengleich, leise, aber behende auf dem Boden hin, um sich vor den wachsamen Augen seiner gew\u00fcnschten Beute zu verbergen. Dabei ber\u00fccksichtigt er alle Eigenth\u00fcmlichkeiten des Wildes und kommt z. B. niemals \u00fcber dem Winde angeschlichen, liegt auch still und regungslos, sobald das Leitthier des Rudels seinen Kopf erhebt, um zu sichern. So stiehlt er sich bis auf etwa f\u00fcnfzig Fu\u00df heran, sucht das bestgestellte Thier aus und springt nun mit wenigen S\u00e4tzen zu ihm heran, schl\u00e4gt es mit den Tatzen nieder und fa\u00dft es dann im Genick. Nach kurzem Widerst\u00e4nde, wobei er jedoch immerhin mehrere hundert Schritte mit fortgeschleppt werden kann, hat er sein Opfer bew\u00e4ltigt und trinkt nun gierig das rauchende Blut.\nSolche angeborne List und Jagdf\u00e4higkeit mu\u00dfte den achtsamen Bewohnern seiner Heimat auffallen und sie zu dem Versuche reizen, die Jagdknnst des Thieres f\u00fcr sich zu benutzen. Dies ist wirklich au\u00dferordentlich gut gelungen; denn der Jagdleopard ist durch einfache Abrichtung zu einem trefflichen Jagdthiere geworden, welches in seiner Art dem besten Edelfalken kaum nachsteht. In ganz Ostindien betrachtet man ihn allgemein als einen geachteten Jagdgehilfen. Der Schah von Persien l\u00e4\u00dft ihn sich aus Arabien kommen und h\u00e4lt ihn mit einer Menge Hunde in einem eignen Hause. Joseph Barbaro sah im Jahre 1474 bei dem F\u00fcrsten von Armenien hundert St\u00fcck solcher Jagdleoparden, Orlich fand das Thier noch 1842 bei einem indischen F\u00fcrsten, und Prinz Waldemar von Preu\u00dfen wohnte bei Delhi einer solchen Jagd bei. Auch in Deutschland ist der , Gepard als Jagdthier benutzt warden. Leopold der Erste, Kaiser von Deutschland, erhielt vom t\u00fcrkischen Kaiser zwei abgerichtete Tschitahs, mit denen er oftmals jagte. Die Herrscher der Mongolen trieben so gro\u00dfen Luxus mit unseren Thieren, da\u00df sie oft gegen tausend St\u00fcck mit auf die gro\u00dfen Jagdz\u00fcge nahmen, und noch heutigen Tags sollen die Meuten dieser Katzenhunde bei einigen einheimischen F\u00fcrsten Indiens einen nicht geringen Aufwand erfordern. Ihre Abrichtung mu\u00df von besonderen Leuten besorgt werden, und auch ihr Jagdgebrauch setzt die Begleitung sehr ge\u00fcbter J\u00e4ger voraus, welche ungef\u00e4hr die geachtete Stellung unserer fr\u00fcheren Falkner bekleiden: man kann sich also denken, da\u00df dieses Jagdvergn\u00fcgen eben nicht billig ist.\nEs wird behauptet, da\u00df auch der afrikanische Gepard von den Abissiniern zur Jagd abgerichtet w\u00fcrde; ich habe jedoch davon niemals Etwas geh\u00f6rt, und auch weder R\u00fcppel noch Heuglin best\u00e4tigen jene Erw\u00e4hnung. Dagegen versicherte mich Von der Decken, bei den Arabern der n\u00f6rdlichen Sahara gez\u00e4hmte und eingeschulte Jagdleoparden gesehen zu haben.\nBehufs dieser Jagd wird der Gepard behaubt und auf einen jener leichten, zweir\u00e4drigen Karren gesetzt, wie sie dem Lande eigenth\u00fcmlich sind; einzelne J\u00e4ger nehmen ihn wohl auch hinter sich auf das Pferd. Man zieht nun nach den Wildpl\u00e4tzen hinaus und sucht, sich einem Rudel Wild soviel als m\u00f6glich zu n\u00e4hern. Wie \u00fcberall, l\u00e4\u00dft auch das scheueste asiatische Wild einen Karren weit n\u00e4her an sich herankommen, als gehende Leute. Deshalb kann man mit dem Leoparden bis auf zwei- oder\n20 * -","page":307},{"file":"p0308.txt","language":"de","ocr_de":"308\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tschitah.\ndreihundert Ellen an das Rudel heranfahren. Sobald nun die J\u00e4ger nahe genug sind, enthauben sie den Tschitah und machen ihn durch sehr ausdrucksvolle Winke und leise Aufmunterungen auf seine Beute aufmerksam.\nKaum hat das vortreffliche Thier seine Beute ersehen, so erwacht in ihm das ganze Jagdfeuer, und all seine nat\u00fcrliche List und Schlauheit bekundet sich. Zierlich, ungesehn und ungeh\u00f6rt schl\u00fcpft er von dem Wagen und schleicht nun in der oben angegebenen Weise sorgf\u00e4ltig an das Rudel heran und rei\u00dft ein St\u00fcck von ihm zu Boden. Ein Augenzeuge erz\u00e4hlt eine solche Jagd mit folgenden Worten:\n\u201eKurz bevor wir unser Revier ber\u00fchrten, meldete uns der Kameltreiber (denn deren bedient man sich gew\u00f6hnlich zum Aufsuchen des Wildes und zum Vorbereiten der Jagdlust) da\u00df eine halbe Meile von unserm Stande eine Herde Gazellen weide, und wir beschlossen sogleich, sie mit unseren Gepards zu verfolgen. Jeder derselben befand sich auf einem offenen, mit zwei Ochsen bespannten Karren ohne Leitern, und jeder hatte ein Gefolge von zwei M\u00e4nnern. Die Gepards waren mit einem Halfter an ein leichtes Halsband oben auf den Karren gebunden und wurden noch von den Beileuten an einem Riemen gehalten, welcher um die Lenden ging. Eine lederne Kappe bedeckte ihnen die Augen. Da die Gazellen au\u00dferordentlich scheu sind, so ist die beste Weise an sie zu kommen, wenn der Treiber an der langen Seite des Jagdwagens sitzt, und man baut auch darum letztern so, wie die Karren der Bauern, weil an deren Anblick die Thiere gew\u00f6hnt sind, so da\u00df man'sich ihnen auf 100 bis 200 Ellen n\u00e4hern kann. Diesmal hatten wir drei Gepards bei uns und r\u00fcckten auf die Stelle, wo die Gazellen gesehen worden waren, in einer Linie vor, in welcher jeder 100 Ellen vom andern entfernt blieb. Als wir eben in ein Baumwollenfeld kamen, erblickten wir vier Gazellen und mein Kutscher bem\u00fchte sich, bis auf 100 Ellen an sie zu kommen. Schnell wurden dem Gepard die Kappe und die Fesseln abgenommen, und kaum erblickte er das Wild, als er sich nach der entgegensetzten Richtung, mit dem Bauche g\u00e4nzlich zur Erde gedr\u00fcckt, \u00e4u\u00dferst langsam und schmiegsam, hinter jedem Hindernisse, das im Wege lag, sich verbergend, fortschlich; sobald er indessen vermuthete, bemerkt zu werden, befl\u00fcgelte er seine Schritte und war nach einigen S\u00e4tzen pl\u00f6tzlich mitten unter den Thieren. Er fa\u00dfte ein Weibchen und rannte, indem er dieses gepackt, gegen 200 Ellen weit, gab ihm dann einen Schlag mit der Tatze, w\u00e4lzte es um, und in einem Augenblicke trank er das Blut aus der ge\u00f6ffneten Kehle. Einer der anderen Gepards war zu derselben Zeit losgelassen worden; nachdem er aber vier bis f\u00fcnf verzweifelte Spr\u00fcnge gemacht hatte, mit denen er die Beute verfehlte, gab er die Verfolgung auf, kehrte knurrend zur\u00fcck und setzte sich wieder auf den Karren. Als jenes Thier \u00fcberw\u00e4ltigt worden, lief einer vom Gefolge hin, setzte dem Gepard seine Kappe auf und schnitt der Gazelle die Kehle ab, sammelte Blut in ein h\u00f6lzernes Gef\u00e4\u00df und hielt es dem Gepard unter die Nase. Die Gazelle wurde fortgeschleppt und in ein Beh\u00e4ltni\u00df unter dem Wagen gebracht, w\u00e4hrend dem Gepard durch ein Bein des Thieres sein Wildrecht gegeben wurde.\"\nSehr auffallend ist es, da\u00df man von dem Freileben dieser so oft gez\u00e4hmten Katze noch wenig oder gar Nichts wei\u00df. Auf meinem Jagdausfluge nach Habesch erlegte mein Gef\u00e4hrte, van Arkel d'Ablaing, einen Gepard, welcher bei hellem Tage einer angeschossenen Gazelle nachgeschlichen war; aber er sah das Raubthier eben auch nur, ohne es l\u00e4nger beobachten zu k\u00f6nnen. Ueber die Fortpflanzung des Jagdleoparden ist gar Nichts bekannt. Ich habe mich in Afrika sogar bei den Nomaden vergebens hiernach erkundigt; diese Leute, welche das Thier ganz genau kennen, konnten mir eben blos sagen, da\u00df man es in Schlingen f\u00e4ngt und trotz seiner urspr\u00fcnglichen Wildheit binnen sehr kurzer Zeit z\u00e4hmt. Da\u00df die Z\u00e4hmung so gut als gar keine Schwierigkeiten macht, wird Jedem klar, welcher einen Gepard in der Gefangenschaft gesehen hat. Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, da\u00df es in der ganzen Katzenfamilie kein so gem\u00fcthliches Thier giebt, als unsern Jagdleoparden, und bezweifle, da\u00df (vielleicht mit alleiniger Ausnahme des L\u00f6wen) irgend eine Wildkatze so zahm wird, wie er. In Afrika hielt ich selbst Gepards l\u00e4ngere Zeit gefangen; im Hamburger Thiergarten besitzen wir sie auch. Unter allen, welche ich sah, war nicht ein einziger, welcher jemals auch nur die leisesten Spuren von Wildheit gezeigt h\u00e4tte. Gem\u00fcthlichkeit ist der Grundzug","page":308},{"file":"p0309.txt","language":"de","ocr_de":"Wildjagd mit dem Gepard. Sein Betragen in der Gefangenschaft. Kampf mit Hund und Leopard. 309\nbeS Wesens unsers Thieres. Dein angebundenen Gepard f\u00e4llt es gar nicht ein, den leichten Strick zu zerbei\u00dfen, an welchen man ihn gefesselt hat. Er denkt nie daran, dem Etwas zu Leide zu thun, welcher sich mit ihm besch\u00e4ftigt, und man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und liebkosen. Scheinbar gleichm\u00fcthig nimmt er solche Liebkosungen an, und das H\u00f6chste, was man erlangen kann, ist, da\u00df er etwas beschleunigter spinnt, als gew\u00f6hnlich. Solange er n\u00e4mlich wach ist, spinnt er ununterbrochen nach Katzenart, nur etwas tiefer und lauter. Oft steht er stundenlang unbeweglich da, sieht tr\u00e4umerisch starr nach einer Richtung und spinnt dabei h\u00f6chst behaglich. In solchen Augenblicken d\u00fcrfen H\u00fchner, Tauben, Sperlinge, Ziegen und Schafe an ihm vor\u00fcbergehen: er w\u00fcrdigt sie kaum eines Blickes. Nur andere Naubthiere st\u00f6ren seine \u201eungeheure Heiterkeit\" und Gem\u00fcthlichkeit. Ein vor\u00fcberschleichender Hund regt ihn sichtlich auf: das Spinnen unterbleibt augenblicklich; er \u00e4ugt scharf nach dem gew\u00f6hnlich etwas verlegenen Hunde, spitzt die Ohren und versucht wohl auch, einige k\u00fchne Springe zu machen, um ihn zu erreichen. Ich besa\u00df einen Gepard, welcher so zahm war, da\u00df ich ihn wie einen Hund am Stricke herumf\u00fchren konnte und es dreist wagen durfte, mit ihm in den Stra\u00dfen zu lustwandeln. So lange er es blos mit Menschen zu thun hatte, ging er immer ruhig zur Seite; anders aber wurde es, wenn uns Hunde begegneten. Er zeigte dann jedesmal eine so gro\u00dfe Unruhe, da\u00df ich auf dem Gedanken kam, einmal zu versuchen, was er denn machen w\u00fcrde, wenn er wenigstens beschr\u00e4nkt frei w\u00e4re. Ich band ihn also an eine Leine von ungef\u00e4hr f\u00fcnfzig oder sechzig Fu\u00df L\u00e4nge, wickelte mir diese leicht um Hand und Ellbogen und f\u00fchrte ihn spazieren. Zwei gro\u00dfe, faule K\u00f6ter kreuzten den Weg. Jack, so hie\u00df mein Gepard, \u00e4ugte verwundert, endigte sein gem\u00fcthliches Spinnen und wurde ungeduldig; jetzt fa\u00dfte ich das Ende der Leine und warf die Schlinge zu Boden, so da\u00df er Spielraum hatte. Augenblicklich legte er sich platt aus die Erde und kroch nun in der oben beschriebenen Weise an die Hunde hinan, welche ihrerseits ganz verdutzt und verwundert das sonderbare Wesen betrachteten. Je n\u00e4her er den Hunden kam, um so aufgeregter, aber zugleich auch vorsichtiger wurde er. Wie eine Schlange glitt er auf dem Boden hin. Endlich glaubte er nahe genug zu sein, und nun st\u00fcrzte er mit drei, vier gewaltigen S\u00e4tzen auf einen der Hunde los, erreichte ihn, trotzdem da\u00df dieser die Flucht ergriff, und schlug ihn mit den Tatzen nieder. Dies geschah in ganz eigenth\u00fcmlicher Weise. Er hieb seine Krallen nicht ein, sondern er pr\u00fcgelte blos mit seinen Vorderl\u00e4ufen auf den Hund los, bis dieser zu Boden fiel. Der arme K\u00f6ter bekam pl\u00f6tzlich Todtenangst, als er das Katzengesicht \u00fcber sich erblickte, und fing an, j\u00e4mmerlich zu heulen. S\u00e4mmtliche Hunde der Stra\u00dfe geriethen in Aufruhr und heulten und bellten aus Mitleiden; ein dichter Volkshause sammelte sich, und ich mu\u00dfte wohl oder \u00fcbel meinen Gepard an mich nehmen, ohne eigentlich zum Spiele gekommen zu sein d. h. ohne gesehen zu haben, was.er mit dem Hunde beginnen w\u00fcrde. Dagegen veranstaltete ich in unserm Hofe einen gro\u00dfen Thierkampf, welcher \u00fcberhaupt, zu meiner Schande will ich es gestehn, das Erg\u00f6tzlichste ist, was ich sehen kann. Ich besa\u00df zu derselben Zeit einen erwachsenen Leoparden, ein rasendes, w\u00fcthendes Thier ohne Gleichen, ich m\u00f6chte fast sagen, einen Teufel in Katzengestalt \u2014 doch ich habe ihn ja schon beschrieben. Die Kette des Leoparden wurde also durch einen darangebundenen Strick verl\u00e4ngert und er aus seinem K\u00e4fig heraus in den Hof gelassen. Der Gepard seinerseits war unge-fesselt und konnte nach Belieben den Kampf aufnehmen oder abbrechen. Er befand sich gerade in h\u00f6chst gem\u00fcthlicher Stimmung und schnurrte besonders ausdrucksvoll, als ich ihn herbeiholte. Kaum aber ersah er seinen Herrn Vetter, als nicht nur alle Gem\u00fcthlichkeit verschwand, sondern auch sein ganzes Aussehen ein durchaus anderes wurde. Die Seher traten aus ihren H\u00f6hlen heraus, die M\u00e4hne str\u00e4ubte sich, er fauchte sogar, was ich sonst niemals vernommen hatte, und nun st\u00fcrzte er sich muthig auf seinen Gegner los. Der hielt ihm auch Stand, und so begann jetzt ein Kampf und ein Fauchen, da\u00df mir, ich will es gern zugeben, angst und bange dabei wurde. Der Leopard war bald niedergetrommelt, aber gerade jetzt wurde er furchtbar. Er lag auf dem R\u00fccken und mi\u00dfhandelte meinen Jack mit seinen vier Tatzen, da\u00df ich mit Recht besorgt um ihn wurde. Jack achtete aber der Schmerzen nicht, sondern bi\u00df niuthig auf den heimt\u00fcckischen Vetter los und w\u00fcrde ihn jedenfalls","page":309},{"file":"p0310.txt","language":"de","ocr_de":"310\nDie Raubthiere. Katzen. \u2014 Tschitah. Hunde.\nbesiegt haben, wenn ich dem Kampfe nicht ein Ende gemacht h\u00e4tte. Zwei Eimer voll Wasser, welche ich \u00fcber die w\u00fcthenden K\u00e4mpen go\u00df, unterbrachen den Streit augenblicklich. Beide sahen sich h\u00f6chst verdutzt an, und der Leopard hielt es, der ihm h\u00f6chst verha\u00dften Wasserb\u00e4der sich pl\u00f6tzlich erinnernd, trotz aller Wuth und alles Fauchens doch f\u00fcr das Beste, so schnell als m\u00f6glich seinen K\u00e4fig zu suchen, \"welcher dann auch sofort verschlossen wurde. Zack war schon wenige Minuten nach dem Kampfe wieder ganz der Alte: er leckte, reinigte und putzte sich und begann wieder zu spinnen, als ob Nichts geschehen w\u00e4re.\nWie zahm, gem\u00fcthlich und liebensw\u00fcrdig mein Jack war, mag aus Folgendem hervorgehen. Einige deutsche Damen, welche sich gerade in Alexandrien befanden, waren gekommen, um meine Thiersammlung anzusehen, hatten mich aber nicht zu Hause gefunden und somit ihrem Wunsche auch nicht gen\u00fcgen k\u00f6nnen. Ich versprach ihnen jetzt scherzend, wenigstens einige von meinen Thieren zu ihnen zu bringen, und f\u00fchrte diesen Scherz auch wirklich einmal aus, als ich erfahren hatte, da\u00df die Damen just zusammen waren. Ich konnte mich auf Jack vollst\u00e4ndig verlassen und durfte schon Etwas wagen. Ihn an der Leine hinter mir fortf\u00fchrend, betrat ich also das betreffende Haus, beschwichtigte die entsetzten Diener, welche mich mit dem f\u00fcrchterlichen Raubthiere hatten sehen kommen und L\u00e4rm schlagen wollten, und stieg nun ruhig nach dem zweiten Stockwerke des Hauses empor. An dem rechten Zimmer angelangt, \u00f6ffnete ich die Th\u00fcre zur H\u00e4lfte und bat um Erlaubni\u00df, eintreten, zugleich aber auch meinen Hund mitbringen zu d\u00fcrfen. Dies wurde zugestanden, und Jack trat gem\u00e4chlich ein. Ein lauter Aufschrei begr\u00fc\u00dfte den Harmlosen und setzte ihn in h\u00f6chste Verwunderung. Die ge\u00e4ngstigten Damen suchten, sich so gut als m\u00f6glich zu retten, und sprangen in ihrer Verzweiflung auf einen gro\u00dfen, runden Tisch, welcher mitten im Zimmer stand. Dies aber diente blos dazu, Jack zu dem Gleichen aufzufordern, und ehe sich die Armen besannen, stand er mitten unter ihnen, spann h\u00f6chst gem\u00fcthlich und schmiegte sich traulich bald an Diese, bald an Jene an. Da war denn freilich die Furcht bald verschwunden. Die beherzteste Dame begann, den h\u00fcbschen Burschen zu liebkosen, und bald folgten alle \u00fcbrigen ihrem Beispiele. Jack wurde der erkl\u00e4rte Liebling und schien nicht wenig stolz zu sein auf die ihm gewordene Auszeichnung.\nAus Diesem und dem weiter oben Mitgetheilten geht unzweifelhaft hervor, da\u00df der Gepard auch in geistiger Hinsicht ein echtes Mittelding zwischen Katze und Hund ist, und in seinem Wesen jedenfalls mehr unserm treuen Hausfreunde entspricht, als seinen gew\u00f6hnlich t\u00fcckischen und hinterlistigen Verwandten. Er mag uns deshalb auch unmittelbar zu den Hunden f\u00fchren.\n* *\n*\nGemeinsame und gleichm\u00e4\u00dfige Ber\u00fccksichtigung aller Eigenth\u00fcmlichkeiten eines Thieres oder einer Thierfamilie sind f\u00fcr den Kundigen ma\u00dfgebend zur Beurtheilung und W\u00fcrdigung der betreffenden Gesch\u00f6pfe. Eben deshalb besch\u00e4ftigen uns die Hunde (Canes) erst in der zweiten Familie.\nWollten wir die geistigen Eigenschaften und F\u00e4higkeiten allein in Betracht ziehen, so m\u00fc\u00dften wir den Hunden unzweifehaft die erste Stellung unter allen Raubthieren einr\u00e4umen; denn die gro\u00dfe Mehrzahl dieser ausgezeichneten Gesch\u00f6pfe \u00fcbertrifft in geistiger Hinsicht die Katzen bei weitem. Aber die Katzen sind einhelliger gebaut, als die Hunde, und ihre Geisteskr\u00e4fte wenigstens nicht so germg, da\u00df sie eine Voranstellung in der Reihe der Raubthiere verbieten sollten. Einzelne Naturforscher stellen zwischen die Katzen und Hunde die Hi\u00e4nen als besondere Familie hin und wollen, auf den Bau des Gebisses sich st\u00fctzend, in ihnen Bindeglieder zwischen den Katzen und Hunden erblicken: allein die ordnenden Thierkundigen d\u00fcrfen ebensowenig das Gebi\u00df allein ber\u00fccksichtigen, als den Leibesbau oder das Wesen und den Verstand eines Thieres. Betrachtet man alle Eigenth\u00fcmlichkeiten der betreffenden Thiere zusammen, so wird man geradezu gen\u00f6thigt sein, die Hi\u00e4nen als verbildete, mi\u00dfgestaltete Hunde in leiblicher und geistiger Hinsicht anzusehen, und wird sie deshalb h\u00f6chstens an das Ende der","page":310},{"file":"p0311.txt","language":"de","ocr_de":"Allgemeine Kennzeichnung der Hunde.\n311\nHundefamilie verweisen m\u00fcssen, falls man nicht eine besondere Familie aus ihnen bilden will: man darf sie, die h\u00e4\u00dflichen Nachtgestalten, aber unm\u00f6glich den anmuthigen und liebensw\u00fcrdigen Hunden voranstellen.\nDie Hunde bilden eine ziemlich streng nach au\u00dfen hin abgeschlossene Familie. In dem oben \u00fcber die ganze Ordnung Mitgetheilten ist bereits hervorgehoben worden, da\u00df die Hunde in ihrem Leibesbaue nicht so sehr von den Katzen verschieden sind, als man auf eine fl\u00fcchtige Betrachtung hin wohl annehmen m\u00f6chte. So entschieden sie auch ihr eigenth\u00fcmliches Gepr\u00e4ge im \u00e4u\u00dfern wie im innern Bau und ihre Eigenth\u00fcmlichkeiten in der Lebensweise wie in ihren Sitten festhalten, so nahe kommen sie in leiblicher Hinsicht den Katzen. In der Gr\u00f6\u00dfe stehen sie s\u00e4mmtlich hinter den gr\u00f6\u00dferen Arten der vorigen Familie zur\u00fcck und besitzen demgem\u00e4\u00df auch nicht die St\u00e4rke und Furchtbarkeit jener vollendetsten R\u00e4uber. Ihre Gestalt ist mager, der Rumpf ruht auf d\u00fcnnen oder hohen Beinen mit kleinen Pfoten, der Kopf ist klein, die Schnauze spitz, die stumpfe Nase vorstehend. Der Hals ist ziemlich schwach und der Rumpf in den Weichen eingezogen, der Schwanz ist kurz und oft buschig behaart. An den Vorderf\u00fc\u00dfen finden sich regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcnf, an den Hinterf\u00fc\u00dfen vier Zehen, welche s\u00e4mmtlich mit starken, immer aber stumpfspitzigen und nicht zur\u00fcckziehbaren Krallen bewehrt sind. Die Augen sind gro\u00df und Hellem Lichte zug\u00e4nglicher, als die Katzenaugen; die Ohren sind meist spitzer und gr\u00f6\u00dfer, als bei der vorigen Familie, die Zitzen an Brust und Bauch zahlreicher. Das Gebi\u00df ist kr\u00e4ftig, die Schneidez\u00e4hne sind verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gro\u00df, zumal die der oberen Kinnlade, und die \u00e4u\u00dferen Z\u00e4hne sind fast eckzahnartig vergr\u00f6\u00dfert, die Rei\u00dfz\u00e4hne sind schlank und etwas gekr\u00fcmmt, die L\u00fcckz\u00e4hne, von denen im Oberkiefer drei, im untern vier sich finden, sind weniger scharf gezackt, als bei den Katzen, die Kauz\u00e4hne ziemlich stumpfe Mahlz\u00e4hne, welche die Speise ordentlich zermalmen. Der Sch\u00e4del ist gestreckt, namentlich die Kiefern sind verl\u00e4ngert. Zwanzig Brust-und Lendenwirbel, drei Kreuzbein- und achtzehn bis zweiundzwanzig Schwanzwirbel bilden die Wirbels\u00e4ule. Den Brustkasten umgeben dreizehn Rippenpaare, von welchen neun wahre und vier falsche sind. Das Schl\u00fcsselbein ist noch verk\u00fcmmert, das Schulterblatt schmal, das Becken kr\u00e4ftig. Der Darmschlauch zeichnet sich durch einen rundlichen Magen aus; der eigentliche Darm hat vier- bis siebenfache K\u00f6rperl\u00e4nge.\nDie Hunde zeigen in ihrer ganzen Anlage, da\u00df sie weit weniger ausschlie\u00dflich auf rein thierische Nahrung angewiesen sind, und lassen den Schlu\u00df zu, da\u00df sie demgem\u00e4\u00df auch weniger mordlustig und blutgierig sein werden, als die Katzen. In der That unterscheiden sie sich gerade hierin wesentlich von jenen. Sie stehen an Wildheit, an unb\u00e4ndiger Mordlust und an abscheulicher Blutgier s\u00e4mmtlich weit'hinter den Katzen zur\u00fcck und geben alle eine mehr oder minder gro\u00dfe Gutm\u00fcthigkeit kund. Der Gesichtsausdruck zeigt Dies recht deutlich; denn das Hundesicht spricht uns freundlich an und l\u00e4\u00dft niemals das trotzige Selbstvertrauen und die Wildheit, welche sich im Katzengesicht ausdr\u00fccken, besonders bemerklich werden.\nSchon in der Vorzeit waren die Hunde wenigstens in Europa weit verbreitete S\u00e4ugethiere, und es steht unzweifelhaft fest, da\u00df sie sehr fr\u00fch auf dex Erdoberfl\u00e4che erschienen. Gegenw\u00e4rtig verbreiten sie sich \u00fcber die ganze bewohnte Erde und sind in den meisten Gegenden auch h\u00e4ufig. Einsame, stille Gegenden und Wildnisse, dieselben m\u00f6gen im Gebirge oder in der Ebene gelegen sein, d\u00fcstere W\u00e4lder, Dickichte, Steppen und W\u00fcsten sind ihre Aufenthaltsorte. Einige schweifen fast best\u00e4ndig umher und halten sich h\u00f6chstens so lange an einem Orte auf, als sie durch ihre noch unm\u00fcndige Nachkommenschaft an ihn festgehalten werden, andere graben sich H\u00f6hlen in die Erde oder benutzen bereits gegrabene Baue zu festen Wohnungen. Die einen sind rein n\u00e4chtliche, die anderen blos halbn\u00e4chtliche Thiere und manche vollkommen Tagfreunde. Jene verbergen sich w\u00e4hrend des Tages in ihren Bauen oder in einsamen und gesch\u00fctzten Schlupfwinkeln, im Geb\u00fcsch, im Schilf oder hohen Getreide, zwischen \u00f6den und dunkelen Felsen u. s. w. und streifen zur Nachtzeit entweder einzeln oder in Gesellschaften durch das Land, durchwandern dabei unter Umst\u00e4nden viele Meilen, jagen w\u00e4hrend der Wanderung, besuchen dabei sogar gr\u00f6\u00dfere D\u00f6rfer und St\u00e4dte und ziehen sich bei Anbruch des Tages in den ersten","page":311},{"file":"p0312.txt","language":"de","ocr_de":"312\nDie Raubthiere. Hunde.\npassenden Schlupfwinkel zur\u00fcck, den sie auffinden. Nur die wenigsten leben paarweise, denn selbst diejenigen Arten, bei denen M\u00e4nnchen und Weibchen zeitweilig zusammenhalten, schlagen sich unter Umst\u00e4nden in st\u00e4rkere Meuten zusammen: man kann wohl behaupten, da\u00df alle Hunde ohne Ausnahme gesellige Thiere sind.\nHinsichtlich der Beweglichkeit geben die Hunde den Katzen wenig nach. Ihre stumpfen Krallen erlauben ihnen nicht, zu klettern, sie sind deshalb auf den Boden gebannt; auch verstehen sie nicht, so hohe und weite Spr\u00fcnge auszuf\u00fchren, wie die Katzen, im Uebrigen aber \u00fcbertreffen sie diese ganz entschieden. Sie sind vortreffliche L\u00e4ufer und besitzen eine unglaubliche Ausdauer; sie schwimmen ohne Ausnahme und zum Theil ganz meisterhaft, ja wir finden bei ihnen bereits f\u00f6rmliche Wasserthiere d. h. Hunde, welche sich mit wahrer Wonne in den Wellen herumtummeln. Beim Gehen treten sie blos mit den Zehen auf, wie die Katzen, ihr Gang ist aber eigenth\u00fcmlich schief, weil sie die Beine nicht gerade vor sich hinzusetzen pflegen.\nGanz vorz\u00fcglich sind die Sinne der Hunde. Das Geh\u00f6r steht dem der Katzen kaum nach, der Geruch dagegen ist zu einer bewunderungsw\u00fcrdigen Sch\u00e4rfe ausgebildet, und auch vom Gesicht darf man behaupten, da\u00df es besser, als bei den Katzen ist: denn die Nachthunde stehen den Katzen gleich und die Taghunde \u00fcbertreffen sie entschieden.\t^\nNoch viel ausgezeichneter sind die geistigen F\u00e4higkeiten der Hunde. Die tiefstehenden Arten bekunden \u00fcberaus gro\u00dfe List und Schlauheit, zum Theil sogar auf Kosten des Muthes, welchen andere im hohen Grade besitzen, die h\u00f6herstehenden Hunde aber und namentlich diejenigen, welche mit dem Menschen verkehren oder, besser gesagt, sich ihm hingegeben haben mit Leib und Seele, beweisen tagt\u00e4glich, da\u00df ihre Geistesf\u00e4higkeiten einer Ausbildung f\u00e4hig sind, wie bei keinem andern Thiere. Der zahme Hund und der wilde Fuchs handeln mit wahrhaft vern\u00fcnftiger Ueberlegung und f\u00fchren sorgf\u00e4ltig durchdachte Pl\u00e4ne aus, deren Ergebni\u00df sie mit gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Sicherheit im voraus absch\u00e4tzen. Dieser Verstand ist es, welcher die Hunde auf das innigste mit den Menschen verbunden hat und sie \u00fcber alle \u00fcbrigen Thiere stellt; denn man mu\u00df dabei immer bedenken, da\u00df der Hund ein Raubthier ist, gew\u00f6hnt, \u00fcber andere Gesch\u00f6pfe zu herrschen, und trotzdem seinen Verstanv bereitwillig und aus wirklich vern\u00fcnftigen Gr\u00fcnden dem h\u00f6hern Menschengeiste unterordnet! Auch bei den ganz wild lebenden Arten zeigt sich dieser hohe Verstand in der gro\u00dfen Vorsicht, Behutsamkeit und dem Argwohn, mit welchem sie alle Handlungen verrichten. Nur der w\u00fcthendste Hunger ist im Stande, solches Betragen zuweilen in das entgegengesetzte zu verwandeln. Dabei sind die Hunde gem\u00fcthliche Burschen, aufgelegt zu Spiel und Scherz, heiter und lustig, gutm\u00fcthig und verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sanft, wenn sich gleich nicht leugnen l\u00e4\u00dft, da\u00df es, wie \u00fcberall, so auch bei ihnen Ausnahmen giebt.\nDie Nahrung der Hunde besteht haupts\u00e4chlich aus thierischen Stoffen, zumal aus S\u00e4ugethieren und V\u00f6geln. Sie fressen frisch erlegte Beute ebenso gern, wie Aas, f\u00fcr welches alle Arten sogar eine gewisse Vorliebe zu haben scheinen. Einzelne verzehren auch sehr gern Knochen, und andere finden selbst in den schmuzigsten Auswurfsstosfen des menschlichen Leibes noch eine erw\u00fcnschte Speise. Au\u00dferdem fressen die Hunde Lurche, Fische, Schalthiere, Krebse, Kerbthiere oder Honig, Obst, Feld- und Gartenfr\u00fcchte, ja sogar Baumknospen, Pflanzensprossen, Wurzeln, Gras und Mos. Manche sind sehr gefr\u00e4\u00dfig und tobten mehr, als sie verzehren k\u00f6nnen, doch zeigt sich der Blutdurst niemals in der abschreckenden Gestalt, wie bei den Katzen, und keinen einzigen Hund giebt es, welcher sich im Blute der von ihm get\u00f6dteten Schlachtopfer mit Lust berauscht.\nDie Fruchtbarkeit der Hunde ist gr\u00f6\u00dfer, als die der Katzen; ja, die Zahl ihrer Jungen erreicht zuweilen beinahe die \u00e4u\u00dfersten Grenzen der Erzeugungsf\u00e4higkeit der S\u00e4ugethiere \u00fcberhaupt. Im Mittel darf man annehmen, da\u00df die Hunde zwischen vier bis neun Junge werfen; doch sind Ausnahmsf\u00e4lle bekannt, in welchen eine Mutter auf einen Wurf ihrer f\u00fcnfzehn, und selbst einundzwanzig zur Welt brachte. Es kommt vor, da\u00df der Vater seine Spr\u00f6\u00dflinge oder ein anderer m\u00e4nnlicher Hund die junge Nachkommenschaft einer H\u00fcndin mit Mordgedanken verfolgt und auffri\u00dft, wenn er es thun kann; zumal geschieht Dies beiden W\u00f6lfen und F\u00fcchsen, welche unter Umst\u00e4nden auch ihres Gleichen","page":312},{"file":"p0313.txt","language":"de","ocr_de":"Eigenschaften, Lebensweise und Betragen. Schaden und Nutzen.\n313\nnicht verschonen. Bei den meisten Arten macht sich die Geselligkeit, auch den ganz jungen gegen\u00fcber, geltend. Die M\u00fctter sorgen stets in wahrhaft aufopfernder Weise f\u00fcr ihr Gew\u00f6lfe.\nWegen der gro\u00dfen Anzahl in der manche Hundearten auftreten, ist der Schaden, den die ganze Familie durchschnittlich anrichtet, ein ziemlich bedeutender, und die den Menschen beeintr\u00e4chtigenden Arten werden deshalb auch \u00fcberall unbarmherzig verfolgt. Dagegen leisten die kleineren Arten durch Wegfangen sch\u00e4dlicher Nagethiere oder durch das Aufzehren von Aas und anderm Unrath gute Dienste und liefern zudem noch ihren Balg, ihre Haut und ihre Z\u00e4hne zur Benutzung. Und wenn man Schaden und Nutzen, den die ganze Familie bringt, gegen einander abw\u00e4gen will, kann man gar nicht in Zweifel bleiben, welcher von beiden der \u00fcberwiegende ist; denn die eine Gruppe oder, wenn man lieber will, die eine Art der Hunde, unserer treuesten Hausfreunde, leisten dem Menschen so viele unberechenbare und unersetzbare Dienste, da\u00df der Schaden, welchen die \u00fcbrigen Mitglieder anrichten, diesem Nutzen gegen\u00fcber kaum in Betracht zu ziehen ist.\nMan kann die Hunde in drei gro\u00dfe Abtheilungen bringen und diese, wenn man will, wieder in kleinere Gruppen zerf\u00e4llen. Diese Abtheilungen sind die W\u00f6lfe oder eigentlichen Hunde mit rundem Augenstern und mit kurzem Schwanz, die F\u00fcchse mit spaltenf\u00f6rmigem Augenstern und mit langem,\n' buschigen Schw\u00e4nze, und die Hi\u00e4nen, die eigentlichen Nachthunde, mit rundem Augenstern, plumpem Leibesbau und mit absch\u00fcssigem R\u00fccken, langem, lockern und rauhen Pelz und buschigem Schwanz. Will man noch genauer eintheilen, so kann man dann die eigenth\u00fcmlichen Uebergangsglieder von einer dieser Gruppen zur andern oder selbst zu anderen Familien von den \u00fcbrigen absondern, oder, wie Viele es thun, die Hi\u00e4ne als eigene Familie von den Hunden g\u00e4nzlich trennen.\n\u201eDurch den Verstand des Hundes besteht die Welt.\" So steht im Vendidad, dem \u00e4ltesten und echtesten Theile des Zend-Avesta, eines der \u00e4ltesten Werke der Menschheit.\nF\u00fcr die erste Bildungsstufe des Menschengeschlechts waren und sind noch heute diese Worte eine goldene Wahrheit. Der wilde, rohe, ungesittete Mensch ist undenkbar ohne den Hund \u2014 und der gebildete, gesittete Bewohner des angebautesten Theiles der Erde nicht minder. Mensch und Hund erg\u00e4nzen sich hundert- und tausendfach; der Mensch und der Hund sind die treuesten aller Genossen.\nKein einziges Thier der ganzen Erde ist der vollsten und ungetheiltesten Achtung, der Freundschaft und Liebe des Menschen w\u00fcrdiger, als der Hund. Er ist ein Theil des Menschen selbst; er ist zu dessen Gedeihen, zu dessen Wohlfahrt unentbehrlich.\n\u201eDer Hund,\" sagt Friedrich Cuvier, \u201eist die merkw\u00fcrdigste, vollendetste und n\u00fctzlichste Eroberung, welche der Mensch jemals gemacht hat, denn die ganze Art ist unser Eigenthum geworden; jedes Einzelwesen derselben geh\u00f6rt dem Menschen, seinem Herrn, g\u00e4nzlich an, richtet sich nach seinen Gebr\u00e4uchen, kennt und vertheidigt dessen Eigenthum und bleibt ihm ergeben bis zum Tode. Und alles Dieses springt weder aus Noth noch aus Furcht, sondern aus reiner Liebe und Anh\u00e4nglichkeit. Die Schnelligkeit, die St\u00e4rke des Geruchs haben f\u00fcr den Menschen aus ihm einen m\u00e4chtigen Gehilfen gemacht, und vielleicht ist er sogar nothwendig zum Bestand der Gesellschaft des Menschenvereins. Der Hund ist das einzige Thier, welches dem Menschen \u00fcber den ganzen Erdboden gefolgt ist.\"\nDer Hund ist wohl w\u00fcrdig, da\u00df wir ihn ausf\u00fchrlich behandeln, und trotz seiner scheinbaren All-bekanntschast, hier sehr mit Lust und Liebe seiner gedenken.\nIch sage \u201escheinbaren Allbekanntschaft,\" denn Jedermann glaubt ihn zu kennen, gr\u00fcndlich und hinl\u00e4nglich zu kennen, und nur der Naturforscher gesteht zu, da\u00df er, trotz aller Nachforschungen und Vergleichungen, eigentlich noch \u00e4u\u00dferst wenig und kaum irgend etwas Sicheres \u00fcber den Hund wei\u00df.\nDer Hund hat sich mit dem Menschen \u00fcber die ganze Erde verbreitet. Soweit sich das Menschengeschlecht ausgedehnt hat, soweit findet man auch ihn, und selbst die armseligsten, ungesittetsten und ungebildetsten V\u00f6lker haben ihn zu ihrem Genossen, Freund und Vertheidiger. Aber in keinem Lande der Erde ist er noch wild zu treffen: man findet ihn \u00fcberall nur gez\u00e4hmt, \u00fcberall blos in Gesellschaft","page":313},{"file":"p0314.txt","language":"de","ocr_de":"314\nDie Raubthiere. Hunde.\ndes Menschen. Nicht die dunkelste Sage kann uns \u00fcber seine Vorfahren Aufschlu\u00df geben, und auch die genaueste und sorgf\u00e4ltigste Forschung hat Dies bis jetzt noch nicht vermocht. Ueber die Abstammung des wichtigsten aller Hausthiere liegt ein scheinbar undurchdringliches Dunkel. Es giebt kein anderes Thier weiter, \u00fcber welches soviele Muthma\u00dfungen, soviele Annahmen herrschen, als \u00fcber den Hund. Nach der Ansicht der Einen geh\u00f6ren alle Hunde der ganzen Erde nur zu einer einzigen Art, die Anderen nehmen, und jedenfalls mit Recht, mehrere Stammeltern an. Die Ersteren betrachten alle Hunde als Abk\u00f6mmlinge vom Wolf, vom Schakal, vom Dingo, vom Dole und Buansu; die Anderen glauben, da\u00df er ein Erzeugni\u00df mehrfacher Kreuzungen zwischen diesen oder jenen der genannten, ein Blendling verschiedener wilder Hunde sei. Wo ist hier ein Ausweg zu finden, und wer hat Recht? Wir verm\u00f6gen Dies nicht zu entscheiden; wohl aber sind wir befugt, die verschiedenen Annahmen gegeneinander abzuw\u00e4gen, und getrost d\u00fcrfen wir uns f\u00fcr die wahrscheinlichste aussprechen. Nach dieser m\u00fcssen wir glauben, da\u00df das Geschlecht der zahmen Hunde in verschiedenen Arte zerf\u00e4llt, \u00fcber deren urspr\u00fcngliche Heimat keine Forschung und keine Sage irgend welchen Anhalt geben kann.\nIch halte es f\u00fcr unumg\u00e4nglich nothwendig, hier diese sich entgegenstehenden Meinungen zweier der gr\u00fcndlichsten Forscher anzugeben, damit sich jeder meiner Leser selbsteigen eine Ansicht bilden kann.\n\u201eWill man den Haushund,\" sagt Blasius, \u201eals Art von den \u00fcbrigen W\u00f6lfen trennen, so giebt es noch jetzt keine besseren Merkmale, als der links gekr\u00fcmmte Schwanz, wie es Linntz angiebt.\"\n\u201eDas naturgeschichtliche Schicksal des Hundes gleicht dem des Menschen. Da\u00df der Hund sich dem Herrn der Erde ganz unterworfen und angeeignet hat, ist von Folgen gewesen, wie wir ihres Gleichen in der Thierwelt nicht finden. Das Vorhandensein des Hundes ist mit dem des Menschen so eng verschmolzen, der Hund hat sich, wie der Mensch, den manchfaltigsten und gegens\u00e4tzlichsten Natureinfl\u00fcssen in einem solchen Ma\u00df unterwerfen m\u00fcssen, um den ganzen Erdkreis erobern und beherrschen zu helfen, da\u00df von seinem urspr\u00fcnglichen Naturzust\u00e4nde, wie von dem des Menschen, nur willk\u00fcrliche Vermuthungen uns Kunde geben k\u00f6nnen. Doch gilt Dies blos von seinen leiblichen Eigenth\u00fcmlichkeiten. Ueber sein geistiges Wesen k\u00f6nnen die Stimmen nicht getheilt sein.\"\n\u201eDer Hund ist nach seinem Geripp, nach Sch\u00e4del und nach Gebi\u00df ein Wolf; doch ist es nach Sch\u00e4del noch nach Gebi\u00df weder m\u00f6glich, ihn mit irgend einer wild vorkommenden Wolfsart zu vereinigen, noch von den bekannten Wolfsarten scharf zu trennen. Unsere europ\u00e4ischen Hunde schwanken in ihren Sch\u00e4deleigenth\u00fcmlichkeiten zwischen denen des Wolfes und des Schakals, doch so, da\u00df sich die Eigenth\u00fcmlichkeiten manchfaltigst kreuzen, verbinden und ab\u00e4ndern. Doch wenn auch der Sch\u00e4del \u00c4hnlichkeit mit dem des Wolfes und Schakals hat, sogar entfernt an den des Fuchses erinnert, h\u00e4lt er doch immer etwas Eigenth\u00fcmliches fest. Die Stirn tritt in der Regel etwas st\u00e4rker \u00fcber dem Scheitel und dem Nasenr\u00fccken hervor, als beim Wolf und Schakal. Doch darin zeigen sich erst recht gegens\u00e4tzliche Abweichungen bei den verschiedenen Hunderassen. Es versteht sich, da\u00df in diesen Eigenth\u00fcmlichkeiten nnr Sch\u00e4del von ungef\u00e4hr gleichem Alter mit einander erfolgreich verglichen werden k\u00f6nnen.\"\n\u201eDie Amerikaner haben Hunde gehabt, ehe durch die Spanier der europ\u00e4ische Hund nach Amerika gebracht wurde. In Mejiko fanden die Spanier stumme Hunde vor. Humboldt f\u00fchrt an, da\u00df von den Indianern von Iauja und Huanca, ehe sie der Inka Pachacutec zum Sonnendienste bekehrte, die Hunde g\u00f6ttlich verehrt wurden. Ihre Priester bliesen auf skelettirten Hundek\u00f6pfen, und Hundesch\u00e4del und Hundemumien fanden sich in den peruanischen Grabm\u00e4lern der \u00e4ltesten Zeit. Tschadi hat diese Sch\u00e4del untersucht, h\u00e4lt sie f\u00fcr verschieden von denen der europ\u00e4ischen Hunde und glaubt, da\u00df sie von einer eignen Art herr\u00fchren, die er Canis Ingae nennt; auch werden die einheimischen Hunde im Peruanischen mit dem Namen Ru na-all co bezeichnet um sie von den europ\u00e4ischen, die verwildert in S\u00fcdamerika vorkommen, zu unterscheiden. Diese Hunde sollen besonders gegen Europ\u00e4er feindlich gesinnt sein.\"\n\u201eMerkw\u00fcrdig ist es, da\u00df da, wo keine Vertreter der W\u00f6lfe wild vorkommen, auch der Haushund gefehlt zu haben scheint, obwohl, soweit die Geschichte des Menschen in der Vorzeit und seine Verbreitung \u00fcber den Erdkreis reicht, der Hund dem Menschen durchg\u00e4ngig als Gesellschafter treu gefolgt","page":314},{"file":"p0315.txt","language":"de","ocr_de":"Naturwissenschaftliche Streitfragen \u00fcber den Ursprung des Hundes.\n315\nist. Ritter macht darauf aufmerksam, da\u00df, wie Grawford bezeugt, in allen Gleicherl\u00e4ndern ostw\u00e4rts von Bengalen, in Hinterindien und seinen umliegenden Inseln nicht einmal irgend eine Art der. ganzen Hundefamilie aufgefunden worden ist. Es scheint demnach, da\u00df, ungeachtet der Einwirkung des Menschen, die Verbreitung der Hunde mit den wilden Wolfsarten in einem genauern Zusammenhang steht.\"\n\u201eWenn es schon auffallend ist, da\u00df die eingeborenen Hundearten sich in dem Sch\u00e4delbau den wilden Wolfsarten n\u00e4hern, so ist es noch auffallender, da\u00df sie auch im Aeu\u00dfern wieder den wilden Formen naher\u00fccken: wenn sie in den Zustand der Verwilderung \u00fcbergegangen sind. Das gilt nicht allein von der F\u00e4rbung, sondern auch von der Form des Thieres, den aufrechtstehenden, spitzen Ohren, der Behaarung und dergleichen. Schon Olivier bemerkte, da\u00df die Hunde in der Umgebung von Konstantinopel schakal\u00e4hnlich sind. Im s\u00fcdlichen und \u00f6stlichen Ru\u00dfland giebt es zahllose, halbverwilderte, in ganzen Gesellschaften umherlaufende Hunde, die dem Schakal in Farbe und Gestalt des K\u00f6rpers und der Ohren h\u00e4ufig t\u00e4uschend \u00e4hnlich sind. Die Beobachtung von Pallas, da\u00df die Hunde mit dem Schakal in entschiedener Freundschaft leben, ist bei diesen \u00e4u\u00dfern Aehnlichkeiten leicht zu begreifen.\"\n\u201eEs ist bekannt, da\u00df vom Hund und Wolf Bastarde in jeder Art der Kreuzung nachgewiesen sind. Bastarde zwischen Hund und Schakal sind nach Naturbeobachtungen keine Seltenheit. Pallas erw\u00e4hnt sogar, da\u00df unter den Russen Bastarde von Hund und Fuchs als eine bekannte Sache angenommen werden, doch gr\u00fcndet er diese Behauptung offenbar nicht auf eigene Beobachtungen.\"\n\u201eFragt man sich nun nach diesen Andeutungen, ob der Hund eine Art, eine selbstst\u00e4ndige und getrennte, wie der Wolf, Schakal und Fuchs, so ist es schwer, die Frage zu bejahen. Kein einziges wildes Thier zeigt solche Abweichungen im Sch\u00e4del, im ganzen K\u00f6rperbau, in den Verh\u00e4ltnissen der absoluten Gr\u00f6\u00dfe. Aber auch die Hausthiere, bei denen wir annehmen m\u00fcssen, da\u00df die Art an und f\u00fcr sich noch unverf\u00e4lscht erhalten, nur durch Z\u00e4hmung und Kultur ver\u00e4ndert ist, wie Pferd, Esel, Rind, Ziege, Schwein, haben solche Gegens\u00e4tze nicht auszuweisen, und noch weniger l\u00e4\u00dft sich sagen, da\u00df mehrere Arten unter dieser gro\u00dfen Manchfaltigkeit von Formen enthalten w\u00e4ren. Ebenso willk\u00fcrlich, wie die Aufstellung verschiedener Menschenarten, w\u00fcrde es bleiben, mehrere Hundearten unterscheiden zu wollen. Es liegt offenbar hier eine Thatsache vor, die mit den sonst in der Natur und Kultur beobachteten nicht gleichlaufend ist.\"\n\u201eDa\u00df in dem Sinne, wie beim Pferde und bei der Ziege, von einer Stammart des Hundes nicht die Rede sein kann, wird aus Allem wohl klar. Nach folgerichtigem Schlu\u00df ist kein Thier im wilden Zustand wahrscheinlich, welches gez\u00e4hmt eine solche Manchfaltigkeit der Formen hervorbringen k\u00f6nnte. Aber auch von allem Unwesentlichen, der Kultur Unterworfenen abgesehen, giebt es in der Natur kein Thier, welches ganz mit dem Hunde \u00fcbereinstimmte. Und doch ist es nicht wahrscheinlich, da\u00df der Stamm eines solchen Thieres \u00fcber die ganze Erdoberfl\u00e4che h\u00e4tte aussterben k\u00f6nnen. Es wird jetzt nicht einmal m\u00f6glich sein, die in verschiedenen Gegenden der Erdoberfl\u00e4che verwildert vorkommenden Hunde auszurotten. Es w\u00fcrde in fr\u00fcheren Zeiten noch viel schwerer geworden sein, die urspr\u00fcnglich wilden St\u00e4mme an allen Orten auszurotten. Es ist ebenso nicht wahrscheinlich, da\u00df eine solche Stammart bis jetzt unbeachtet und unentdeckt geblieben w\u00e4re.\"\n\u201eUnd so bleibt darin, solange man diese Fragpunkte auf dem Gebiete der Naturforscher erhalten will, kaum ein anderer Ausweg, als sich zu der Ansicht bekennen, welcher Pallas huldigt: da\u00df in Z\u00e4hmung und Vermischung der in verschiedenen L\u00e4ndern urspr\u00fcnglichen Wolfsarten der Ursprung des Haushundes zu suchen sei. Diese Ansicht ist nat\u00fcrlich, wie jede andere \u00fcber diesen Punkt, nur eine Annahme, aber es wird, wenn sie in der Natur begr\u00fcndet ist, m\u00f6glich sein, sie durch unmittelbare Vergleichung der Hunde- und Wolfssch\u00e4del bis zur vollen Ueberzeugung zu erheben. Man hat keine Veranlassung mehr, sich in solcher Auffassung durch die Lehren und Annahmen von Buffon beirren zu lassen. Da sich gleichzeitig die unbeschr\u00e4nkte Kreuzung der Hundearten unter sich und des Hundes mit Wolf und Schakal am besten mit dieser Ansicht vertr\u00e4gt,","page":315},{"file":"p0316.txt","language":"de","ocr_de":"316\nDie Raubthiere. Hunde.\nliegt auf der Hand. Da\u00df auch die gro\u00dfe Manchsaltigkeit der Hunde in Gestalt und Gr\u00f6\u00dfe allein dadurch eine Analogie erhielt z. B. in den manchfaltigen, zwitterhaften Pflanzen, sogar im Thierreich unter den H\u00fchnern, ist auch nicht ohne Gewicht. Ebenso ist die gro\u00dfe Verwandtschaft der verwilderten Hunde in Gestalt und Farbe mit dem Schakal und der Ann\u00e4herung und Freundschaft beider von gro\u00dfer Bedeutung. Auch die verwilderten Pferde n\u00e4hern sich urspr\u00fcnglich den wilden wieder. Ziegen, die sich von Geschlecht zu Geschlecht den gr\u00f6\u00dften Theil des Jahres frei im Gebirge umher- j treiben, wie in Dalmatien und manchen Gegenden Italiens, gleichen sehr der wilden Bezoarziege; 1 bunte Kaninchen, die im Freien ausgesetzt werden, haben im Verlauf von einigen Jahren Junge, die von wilden nicht zu unterscheiden und vollkommen wild sind.\"\n\u201eDa\u00df im Ganzen der Schakal in dieser Angelegenheit am meisten betheiligt sein mu\u00df, scheint mir aus der Bildung des Hundesch\u00e4dels hervorzugehen, und es mag schlie\u00dflich wohl nicht von blos zu- '4 f\u00e4lliger Bedeutung sein, da\u00df die alten Bildungsl\u00e4nder der Menschheit von Indien bis zum Mittell\u00e4ndischen Meer mit der Heimat des Schakals fast g\u00e4nzlich \u00fcbereinstimmen.\"\nGanz im entgegengesetzten Sinne l\u00e4\u00dft sich Giebel vernehmen:\n\u201eIn der That\", sagt dieser bekannte Forscher, \u201edie Aehnlichkeit gewisser Hunderassen mit dem Wolfe, anderer mit dem Fuchs, noch anderer mit dem Schakal, die vielfache Vermischung der verschiedensten K\u00f6rperformen mit einander, geben der Behauptung, da\u00df der Hund urspr\u00fcnglich ein Bastard von Wolf, Fuchs oder Schakal sein m\u00f6chte, f\u00fcr den ersten Augenblick viel Wahrscheinlichkeit. Allein, um bei dieser schnell gewonnenen Annahme sich beruhigen zu k\u00f6nnen, mu\u00df man die Bastard-\t\u00a7\nnatur genau erforschen. Von welchen Arten man auch Bastarde ziehen mochte, niemals vermehrten sich dieselben mit so erstaunlicher Fruchtbarkeit, wie der Hund, niemals sah man ihre Nachkommen k\u00f6rperlich und geistig so weit aus einander laufen, wie der Dachshund vom Windhund, der Bullenbei\u00dfer vom Neufundl\u00e4nder sich entfernt; im Gegentheil, die Bastarde bewahren entweder streng die Eigenth\u00fcmlichkeiten beider Eltern, oder sie fallen ganz in das Geschlecht des Vaters und der Mutter zur\u00fcck. Die nat\u00fcrlichen Gesetze, welche die Bastardbildung beherrschen, waren nun zu allen Zeiten und unab\u00e4nderlich dieselben. Der heutige Bastard von Wolf und Schakal ist derselbe, welcher er zu Adams Zeiten war. Gerade die verwilderten und wilden Hunde in Asien, Neuholland j und S\u00fcdamerika, welche ihren wilden Eltern am \u00e4hnlichsten sein m\u00fc\u00dften, weichen entschieden ab, und \u00fcberdies sind die Beispiele von Bastarden wilder Hundearten so sehr selten, da\u00df wir unm\u00f6glich eine den ganzen Erdboden bev\u00f6lkernde Nachkommenschaft aus ihnen herleiten k\u00f6nnen.\"\n\u201eEine andere Ansicht l\u00e4\u00dft den Haushund in gerader Linie vom Wolf abstammen und erkl\u00e4rt alle s Unterschiede der Hunderassen, selbst die auff\u00e4lligsten, kurzweg durch Z\u00fcchtigung, den Einflu\u00df der Kultur, der Lebensweise, der Nahrung und des Klimas. Z\u00e4hmen l\u00e4\u00dft sich der Wolf wohl und gewinnt dann auch Anh\u00e4nglichkeit an seinen Herrn: aber durch welche Z\u00fcchtigungsmittel w\u00e4re es m\u00f6glich, den Wolfskopf in einen Windhund- und Bullenbei\u00dferkopf umzuwandeln, die Beine dachs- j artig zu kr\u00fcmmen und zu verk\u00fcrzen, die K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe auf liliputanische Verh\u00e4ltnisse herabzudr\u00fccken?\nAn der Vielgestaltigkeit der Hunderassen scheitert jeder Versuch, dieselben von einer einzigen Art oder einer einzigen Urrasse abzuleiten, mag dieselbe nun ein Wolf oder ein echter Hund gewesen sein.\"\n\u201eDie Natur gr\u00fcndet die Eigenth\u00fcmlichkeit der Sippen und Arten der S\u00e4ugethiere, und also auch die der Raubthiere, nicht auf die An- und Abwesenheit eines farbigen Streifen, nicht auf verschiedene Farbent\u00f6ne \u00fcberhaupt, sondern auf wesentliche Eigenth\u00fcmlichkeiten, welche entweder in der gesammten innern und \u00e4u\u00dfern Leibesbildung ausgesprochen, also durchgreifend sind, oder aber in erheblichen Formab\u00e4nderungen der f\u00fcr das Wesen der Familie oder \u00fcberhaupt n\u00e4chst h\u00f6heren Gruppen wichtigsten Organe beruhen, also schlechthin auff\u00e4llige sind. Wird es uns m\u00f6glich sein, solche durchgreifende Eigenth\u00fcmlichkeiten an dem Haushunde nachzuweisen, oder nur im Gebi\u00df und allen davon unmittelbar abh\u00e4ngigen Organen, in den Sinneswerkzeugen oder in den Pfoten erhebliche Formverschiedenheiten aufzufinden, so sind sie artlich'verschieden und die Eigenth\u00fcmlichkeiten der Art sind in der Natur begr\u00fcndete, nicht k\u00fcnstliche. Diesen Nachweis und zwar der durchgreifenden Eigen-","page":316},{"file":"p0317.txt","language":"de","ocr_de":"Naturwissenschaftliche Streitfragen \u00fcber den Ursprung des Hundes.\n317\nth\u00fcmlichkeiten wird Jeder leicht verfolgen k\u00f6nnen, wenn er etwa den isl\u00e4ndischen Hund, Pudel, Bulldoggen, Spitz, Wind- und Jagdhund, Pintscher, Neufundl\u00e4nder und Dachshund neben einander stellt.\"\n\u201eWas zun\u00e4chst die K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe betrifft, so ist dieselbe bei den Hunderassen ungleich mehr verschieden, als in irgend einer andern Raubthiersippe. Die kleinste Rasse erreicht noch nicht die Gr\u00f6\u00dfe des Kopfes der riesigsten. Die gr\u00f6\u00dften, hinter diesen Hunderassen zur\u00fcckbleibenden Verschiedenheiten kommen bei der artenreichen Katzenfamilie vor und liegen zwischen dem Kueruck (Felis minuta) auf Java, welcher noch nicht 16 Zoll K\u00f6rperl\u00e4nge besitzt, und L\u00f6we und Tiger. Die F\u00e4rbung des Pelzes spielt bekanntlich bei den Hunden in den verschiedensten T\u00f6nen und Mischungen von Wei\u00df, Schwarz und Roth in einer Manchfaltigkeit, da\u00df man von jedem Versuche, sie zur Bestimmung der Art aufzunehmen, absehen mu\u00df. Im gleichen Grade \u00e4ndert die Behaarung sich ab, vom Straffen und Struppigen bis zum Feinen, Seidenartigen, Weichen, Wolligen, Glatten, Krausgelockten; sie ist sehr dicht bis ganz sp\u00e4rlich, ja selbst fehlend (wie bei dem sogenannten egyptischen Hunde, der aber aus Amerika stammt) sehr lang bis sehr kurz. Es ist keine Raubthiersippe bekannt, deren Arten eine gleiche Verschieden in der Beschaffenheit des Pelzes darb\u00f6ten. Diese Unterschiede wiederholen sich in den \u00e4u\u00dferen Formen des K\u00f6rpers. Die kleinen, aufrechtstehenden Ohren des Spitzes, die breiten, h\u00e4ngenden des Jagdhundes, die \u00fcber kopflangen und langbehaarten des Wachtelhundes sind Eigenth\u00fcmlichkeiten, die wir in \u00e4hnlichen Ausbildungen bei W\u00f6lfen, Schakals und F\u00fcchsen, bei allen Katzen, Mardern und Schleichkatzen vergebens suchen. Man vergleiche den fuchs\u00e4hnlichen, gestreckten, d\u00fcnnen, spitzschnauzigen Kopf des Windhundes mit dem kurzen, dicken des Mopses; die wechselnden Formen der Schnauze, der Nase und Lippe, der zarten Stirne und der Augen, die ganz auffallende, ver\u00e4nderlich lange Behaarung und Haltung des Schwanzes;\"die zarten und zierlichen Beine eines Scho\u00dfh\u00fcndchens mit den muskelkr\u00e4stigen des Doggen, die langen, d\u00fcnnen des Windhundes mit den kurzen, gekr\u00fcmmten des Dachshundes, die Krallen dieses mit den breiten und stumpfen des Sch\u00e4fer- und Fleischerhundes: \u00fcberall werden sich viel auffallendere Unterschiede, \u00fcberall eine gr\u00f6\u00dfere Manchfaltigkeit der Verh\u00e4ltnisse ergeben, als sonst bei den Arten irgend einer andern Raubthiersippe, auch wenn dieselben \u00fcber alle Klimate verbreitet leben.\"\n\u201eDie in der That f\u00fcr Raubthiere beispiellosen Verschiedenheiten im \u00e4u\u00dfern K\u00f6rperbau der Hunderassen lassen schon im voraus nicht minder erhebliche in der innern Organisation erwarten, und wirklich wird der Forscher schon bei der ersten Vergleichung der Zahnformen, des Sch\u00e4dels und des ganzen \u00fcbrigen Knochenger\u00fcstes von den augenf\u00e4lligsten, eigenth\u00fcmlichen Unterschieden \u00fcberrascht. Au\u00dfer in anderen Eigenth\u00fcmlichkeiten liegt bei den fleischfressenden Raubthieren eines der entschiedensten Kennzeichen in dem sogenannten Fleischzahn, welcher nur in dieser Familie \u00fcberhaupt vorkommt, und in dessen Verh\u00e4ltni\u00df zu den dahinter folgenden stumpfh\u00f6ckrigen Kauz\u00e4hnen. Wir erkennen darin die sichersten Sippen- und Artunterschiede. Je spitzzackiger der Fleischzahn ist, desto weniger entwickelt, kleiner und unbedeutender sind die Kauz\u00e4hne, und ebenso genau und sicher spricht sich dieses Verh\u00e4ltni\u00df der charakteristischen Z\u00e4hne in dem mehr oder weniger blutgierigen, b\u00f6sartigen und grimmigen Naturell der betreffenden Thiere aus. Man kann mit dem Millimeterma\u00df die Gr\u00f6\u00dfe der einzelnen Zacken der Zahnkronen und diese selbst messen, und wird noch an Dutzenden von Sch\u00e4deln st\u00e4ndige Eigenth\u00fcmlichkeiten in diesem Verh\u00e4ltni\u00df finden. Bei den Rassen des Haushundes ist eines Theils der Fleischzahn gr\u00f6\u00dfer, als beide Kauz\u00e4hne zusammen, bei anderen aber kleiner, bei noch anderen haben beide dieselbe Ausdehnung nach der L\u00e4ngsaxe des Kiefers. Solche Unterschiede weisen allein schon bei allen lebenden Raubthieren mit Entschiedenheit auf artliche Eigenth\u00fcmlichkeiten und berechtigen den Vorweltskundigen bei einzelnen versteinert vorkommenden Kiefern, mit befriedigender Sicherheit auf das Wesen des untergegangenen Thieres und dessen Verwandtschaft mit dem n\u00e4chststehenden lebenden und vorweltlichen zu schlie\u00dfen. Die Messung der einzelnen Kronenzacken der Z\u00e4hne wird stets das aus der bez\u00fcglichen Gr\u00f6\u00dfe der Z\u00e4hne selbst gefundene Ergebni\u00df weiter best\u00e4tigen. Wir k\u00f6nnen f\u00fcr die Hunderassen noch andere nicht minder erhebliche Verschiedenheiten im Gebi\u00df anf\u00fchren,","page":317},{"file":"p0318.txt","language":"de","ocr_de":"318\nDie Raubthiere. Hunde.\nso die Abwesenheit des letzten obern Kauzahns, auch die des ersten L\u00fcckzahns, die ver\u00e4nderliche L\u00e4nge, Dicke und Kr\u00fcmmung der Eckz\u00e4hne und andere.\"\n\u201eDie angedeuteten Unterschiede im Naturell der Hunderassen sprechen sich gleich auff\u00e4llig in der \u00fcbrigen Bildung des Sch\u00e4dels aus. Das raubgierige Thier mit starkem Gebi\u00df bedarf kr\u00e4ftigere Kiefermuskeln, und diese gr\u00f6\u00dfere und bezeichnetere Ansatzpunkte im Sch\u00e4del, als das sanftere und gutm\u00fcthigere mit feinen Zahnformen. Vergleichen wir die Sch\u00e4del der schon weit auseinandergehenden Hunderassen mit einander, so finden wir viel auffallendere Unterschiede, als bei den Arten irgend einer andern Raubthiersippe, ja erheblichere, als noch bei sonst verwandten Sippen. Der hirntragende Sch\u00e4deltheil geht von der Kugelgestalt, ohne hervortretende Leisten und Kamm, bis zu einer sehr stark zusammengedr\u00fcckten, mit ungemein stark entwickelten Leisten \u00fcber. Die Jochbogen sind entsprechend schw\u00e4cher und st\u00e4rker, weniger oder mehr abstehend; die Augenh\u00f6hlen gr\u00f6\u00dfer oder kleiner; der sie : hinten begrenzende obere Fortsatz ist v\u00f6llig fehlend, bis sehr stark entwickelt, die Stirn breit, gew\u00f6lbt, bis zur Schnauze abfallend, oder schmal, spitz, sanft abfallend, die Nasenbeine sind breit, stumpf oder spitz und schmal endend, die Zwischenkiefer bald k\u00fcrzer, bald l\u00e4nger, an denselben hinaufreichend rc.\nDie Eigenth\u00fcmlichkeiten des Sch\u00e4dels gehen auf den vordem Theil der Wirbels\u00e4ule \u00fcber, und die Ab\u00e4nderungen dieses Theils wirken wieder auf die Hintere Wirbelgegend ein. Da\u00df der Schwanz und die Gliedma\u00dfen \u00e4u\u00dferlich, wie auch im Geripp gleich gro\u00dfe Unterschiede im allgemeinen wie in den einzelnen Knochen bieten, brauche ich nun kaum noch zu erw\u00e4hnen. Sehr wichtig f\u00fcr die Systematik, doch lejder bisher wenig gew\u00fcrdigt, ist aber noch die Erscheinung, da\u00df einige Hunderassen an den i Hinterpfoten \u00e4u\u00dferlich sowohl als im Skelett f\u00fcnf vollkommen entwickelte Zehen haben, w\u00e4hrend die meisten anderen nur deren vier ausgebildet besitzen und statt der f\u00fcnften blos eine Afterzehe tragen, welche im Geripp v\u00f6llig fthlt. Eine Zehe mehr oder weniger bei Raubthieren reicht f\u00fcr die meisten Thierkundigen schon aus, die Thiere als Arten zu trennen, auch wenn dieselben in allem klebrigen viel geringere Unterschiede bieten, als die erw\u00e4hnten der Hunderassen.\"\n\u201eDie Unterschiede in den Weichtheilen der Hunderassen, in Form und Gr\u00f6\u00dfe des Magens und Darms, der Leber und Milz, der Lunge und des Herzens, der Nieren und der Geschlechtstheile, des Nerven- und Muskelsystems aufzuz\u00e4hlen: dazu fehlen hinl\u00e4ngliche Beobachtungen. Wir haben zwar | ausgezeichnete thier\u00e4rztliche Anstalten, reichbegabte Hochschulen, vortrefflich mit Hilfsmitteln und Kr\u00e4ften ausgestattete Zergliederungsanstalten, aber eine vergleichende Zergliederungskunde der Hunderassen fehlt der heutigen H\u00f6he der Wissenschaft noch g\u00e4nzlich. Kein ausgesetzter Preis f\u00f6rdert sie, kein Thierzergliederer stellt die charakteristischen Pr\u00e4parate auf; die Organisationen unserer Haus- . und Stubengenosfen, der treusten W\u00e4chter unsers Eigenthums, unserer ergebensten Diener, unserer theilnehmendsten Freunde aus dem Thierreiche finden noch keine ernstliche Theilnahme, obwohl ihre gr\u00fcndliche Erkenntni\u00df die h\u00f6chsten und wichtigsten Fragen der Wissenschaft ber\u00fchrt. Meine hierauf bez\u00fcglichen, erst nur an drei Rassen angestellten Untersuchungen, welche bei dem Mangel der n\u00f6thigen -Hilfsmittel und bei der nothwendig gewordenen weitern Ausdehnung meiner wissenschaftlichen Forschungen nur \u00e4u\u00dferst langsam fortschreiten, best\u00e4tigen inde\u00df schon als erste Versuche die Ergebnisse, welche aus dem Bau der Z\u00e4hne und des Geripps gewonnen sind, da\u00df n\u00e4mlich auch in den Weichtheilen die Hunderassen sehr weit \u00fcber die Grenzen der Rassenab\u00e4nderungen und Spielarten hinausgehen. Und sind dann nun nicht auch Naturell und Lebensweise, welche sich auf den verschiedenen Leibesbau gr\u00fcnden, in der gr\u00f6\u00dften Verschiedenartigkeit in den Hunderassen vertreten? Wir haben Allesfresser, Pflanzenfresser und Fleischfresser unter den Haushunden; die S\u00fcdseeinsulaner sind ent- . schiedene Pflanzenfresser, die kamtschadalischen und Eskimohunde entschiedene Fischfresser: die Hunde auf Juan Fernando fressen nur Seehunde, und dem aufmerksamen Beobachter wird es nicht entgehen, da\u00df selbst von unseren einheimischen Haushunden, obwohl dieselben meist von Jugend auf an gemischte Kost gew\u00f6hnt, einige Rassen entschiedene Fleischfresser sind, andere Gem\u00fcse vorziehen und dabei besser gedeihen. Das wilde, b\u00f6sartige Wesen des Bergamasker- und Punahirten-hundes, des Dingo und Nippon steht in auffallendstem Gegensatz zu dem sanften unsers Pudels,","page":318},{"file":"p0319.txt","language":"de","ocr_de":"Naturwissenschaftliche Streitfragen \u00fcber den Ursprung des Hundes:\n319\nbie Gelehrigkeit dieses im schroffen Gegensatz zu der Dummheit des gemeinen Hofhundes, in ebenso grellem der Gesichtsausdruck der verschiedenen Rassen. Und endlich das Vaterland, die geographische Verbreitung: auch ist sie keine allgemeine, das Vaterland kein einziges f\u00fcr alle Rassen. Wie der Neuholl\u00e4nder seinen Dingo hat, so hat S\u00fcd- und Nordamerika urspr\u00fcnglich seine ganz eigenth\u00fcmlichen Haushunde gehabt. In den bebauten L\u00e4ndern sind die Hunderassen seit Beginn der Bildung verwischt und ausgebreitet mit dem Menschen, soda\u00df es nunmehr nicht leicht m\u00f6glich ist, jedem Gebiet seine urspr\u00fcnglichen Hunde, jeder Rasse ihre urspr\u00fcngliche Heimat nachzuweisen. F\u00fcr unsern Zweck liegt an diesem Nachweis ebensowenig, wie an der Anzahl urspr\u00fcnglich verschiedener Rassen.\"\n\u201eWie also auch immerhin der Forscher seine Artenunterschiede macht, nach Farbe und Pelz, nach Gr\u00f6\u00dfe, Lebensweise und Vaterland, nach Z\u00e4hnen und Sch\u00e4del oder nach durchgreifenden Eigenth\u00fcmlichkeiten in dem gesammten Bau: jedenfalls mu\u00df er die sogenannten Hunderassen als ebenso viel von der Natur wirklich unterschiedene Arten anerkennen, und er wird es m\u00fcssen, selbst wenn er der eifrigste und blinde Anh\u00e4nger der zweifelhaften Lehre von der fruchtbaren Begattung ist. Er mu\u00df es, da es ja unm\u00f6glich ist, den gr\u00f6\u00dften Hund mit dem kleinsten zur Begattung zur bringen, da auch sonst die Abneigung der Haushunde unter einander, die Natur der freiwilligen Vermischung ein ebenso gewaltiges Hinderni\u00df entgegengesetzt hat, wie sonst unter verschiedenen Arten. Die hingeworfene Behauptung: alle Hunderassen geh\u00f6ren zu einer Art, weil sie sich fruchtbar begatten und ihre Jungen wiederum unter einander, ist leichtfertig, unwahr; die t\u00e4gliche Erfahrung widerspricht ihr geradezu. So ger\u00e4th der hochgepriesene, angeblich mit logischer Sch\u00e4rfe und wissenschaftlicher Augenscheinlichkeil gewonnene Artbegriff gerade in den allergemeinsten Arten mit sich selbst in offenen Widerspruch und verl\u00e4\u00dft uns schon in seinem ersten Ausgangspunkte v\u00f6llig. Alle thats\u00e4chlichen und auch lehrs\u00e4tzlichen Beweise der systematischen Thierkunde also stellen uns in dem Mops und Windspiel, in Dachs- und Jagdhund, Pintscher und Pudel, Spitz und Neufundl\u00e4nder, Wachtelhund undJsl\u00e4nder ebensoviel wirklich verschiedene Arten vor, und sie alle begatten sich erfahrungsm\u00e4\u00dfig fruchtbar mit einander, sobald die nat\u00fcrliche K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe kein leibliches Hinderni\u00df bietet und die Erziehung und der gesteigerte Geschlechtstrieb die Abneigung \u00fcberwunden hat. Die Jungen aus diesen Vermischungen pflanzen sich unter einander ebenso gut wie mit den Stammarten fort. Die Haushunde beweisen somit auf das Allerentschiedenste, da\u00df Bastarde aller verschiedenen Arten sich fruchtbar und Geschlechter hindurch miteinander begatten. Diese von der Natur selbst t\u00e4glich gebotenen Thatsachen sind schlagender, als alle jene vereinzelten Versuche und zuf\u00e4lligen Beobachtungen an Maulthieren und B\u00f6cken, an Wolf und Fuchs, an Zeisigen und Enten. Wer sich von ihrer einfachen Wahrheit nicht \u00fcberzeugen will oder nicht \u00fcberzeugen kann, der thut jedenfalls besser, statt in der Natur, in der Bibel zu lesen und aus dieser die Gr\u00f6\u00dfe und Weisheit seines Gottes zu erforschen, er mag aber auch seine Auffassung der g\u00f6ttlichen Offenbarung f\u00fcr sich behalten.\"\n\u201eWas nun den Einflu\u00df der Z\u00fcchtung betrifft, so beschr\u00e4nkt sich dieser bei den S\u00e4ugethieren auf dieselben, schlechtweg unwesentlich k\u00f6rperlichen Eigenth\u00fcmlichkeiten, n\u00e4mlich auf die Gr\u00f6\u00dfe, innerhalb enger, das Doppelte \u00fcberall niemals \u00fcbersteigender Grenzen, auf die Fett- und Milcherzeugung die Haarbildung und F\u00e4rbung, die bez\u00fcgliche Gr\u00f6\u00dfe der Ohren und Klauen, die Weite des Magens, die Dr\u00fcsenth\u00e4tlgkeit und dergleichen. Dem geschicktesten Thierz\u00fcchter, den gewaltsamsten \u00e4u\u00dferen, von Klima, Nahrung, Aufenthalt, Besch\u00e4ftigung gebotenen Einfl\u00fcssen ist es noch in keinem Fall gelungen, einen neuen K\u00f6rpertheil zu erzeugen oder die eigenth\u00fcmliche Form irgend eines Organes zu \u00e4ndern' Die Natur l\u00e4\u00dft ihren Kindern gewaltsam keinen Zahn und keine Zehe mehr aufdr\u00e4ngen oder rauben, nicht deren eigenth\u00fcmliche Formen verm\u00f6gen wir zu \u00e4ndern, kein Muskel, kein Knochen \u00e4ndert Lage und Gestalt, keiner tritt neu hinzu, keiner verschwindet spurlos. Der Magen und Darm-schlauch bleibt wesentlich derselbe, welche Nahrung wir auch dem Thiere geben m\u00f6gen, die Luftr\u00f6hre und der Kehlkopf, Gehirn und Sinneswerkzeuge, Herz, Lungen, kurz, jedes Organ bewahrt unter allen Umstanden, welche \u00fcberhaupt seine Th\u00e4tigkeit gestatten, die ihm urspr\u00fcnglich eigenth\u00fcmlich gewordene Gestalt und Bedeutung. Um dem einzelnen Wesen eine Eigenth\u00fcmlichkeit zu verleihen, um","page":319},{"file":"p0320.txt","language":"de","ocr_de":"320\t- Die Raubthiere Hunde. \u2014 Kolsun. Buausu.\ndie einzelnen Thiere von einander zu unterscheiden, hat die Natur gewisse K\u00f6rpertheile und Organe der Wandelbarkeit innerhalb ganz bestimmter Grenzen unterworfen, und solche Ver\u00e4nderungen sind eben das Zuf\u00e4llige, Oberfl\u00e4chliche, zur Bestimmung der Art Bedeutungslose. Dahin geh\u00f6ren die Farben, Dichtigkeit und L\u00e4nge der Behaarung, die durch Fett und \u00fcppige Muskelkraft bedingte K\u00f6rperform, die Einschnitte in den Leberlappen, die schwankende Anzahl der Schwanzwirbel und dergleichen.\"\n\u201eDie strengste Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der Gestaltung des thierischen Organismus, die bestimmte, wesentliche Form seiner vorherrschenden Organe, macht allein die Systematik des Thierreichs m\u00f6glich. W\u00e4ren die thierischen Gestalten nicht durchaus beharrliche, nicht unab\u00e4nderlich dieselben, w\u00e4ren sie statt strengen Bildungsgesetzen, dem blosen Spiel des Zufalls \u00fcberlassen, so w\u00fcrde jede Aufstellung von Klassen, Familien, Sippen und Arten geradezu unm\u00f6glich sein, und die ganze Thierkunde erschiene dem denkenden Menschen nur als ein l\u00e4cherliches Kinderspiel. So m\u00fcssen wir also zugestehen, da\u00df\nDer Kolsun oder Dole (Canis dukhunensis).\nweder durch Verbastardirung, noch durch Z\u00e4hmung sich derartige, den ganzen Organismus neu gestaltende Unterschiede, wie wir sie bei den Hunden finden, nie und nimmermehr erkl\u00e4ren lassen; wir m\u00fcssen annehmen, da\u00df die Hunderassen urspr\u00fcnglich im Sinne der heutigen Systematik scharf geschiedene, besondere Arten sind. Das Suchen nach einem wilden Urhunde, aus welchem sich alle \u00fcbrigen herleiten lie\u00dfen, oder nach wilden Arten, welche sie durch Kreuzung erzeugten, mu\u00df^unter allen Umst\u00e4nden ergebni\u00dflos bleiben und wird immer nur eine nutzlose Zeitverschwendung fern!\"\nSoweit Giebel. Sehen wir nun zu, ob die Betrachtung der einzelnen Hunde seine Anficht wahr oder wenigstens wahrscheinlich macht.\nBevor wir zu den eigentlichen Haushunden \u00fcbergehen, k\u00f6nnen wir uns zun\u00e4chst mit denjenigen Arten besch\u00e4ftigen, welche v.on den meisten Forschern entweder als Stammhunde oder als die n\u00e4chsten Verwandten der Haushunde angesehen worden sind.","page":320},{"file":"p0321.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung. Lebensweise.\n321\nHier haben wir zuerst den Kolsun oder Dole (Canis dukhunensis) zu ber\u00fccksichtigen. Das Thier bewohnt Dekan, die Gebirge Milagiri, Balaghad, Hyderabad und die \u00f6stlich der K\u00fcste Coro-mandel gelegenen Waldgegenden; in anderen Theilen des gro\u00dfen Reichs scheint es nicht vorzukommen. Auch in Gegenden, welche der Kolsun bevorzugt, ist er nicht eben eine h\u00e4ufige Erscheinung, und viele Besucher Indiens haben ihn als ein fabelhaftes Wesen, als ein M\u00e4rchen der Eingebornen angesehen. Er ist n\u00e4mlich ein sehr scheues Thier und h\u00e4lt sich immer fern von dem Menschen und seinen Wohnungen, daf\u00fcr jene dunkelen Rohrwaldungen vorziehend, welche uns unter dem Namen von Dschungeln bekannt sind, jene Dickichte, welche sich \u00fcber Hunderte von Meilen ausdehnen und dem Menschen nur hier und da den Zutritt gestatten.\nDer Entdecker des Kolsun, Oberst Sykes, h\u00e4lt ihn geradezu f\u00fcr den Stammvater unsers Haushundes, obgleich seine eigne Beschreibung dieser Ansicht widerspricht. Das Thier hat entfernte Aehnlichkeit mit dem Windspiel, aber keine mit dem Schakal, Fuchs und Wolf. Seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt gegen drei Fu\u00df und die des Schwanzes acht Zoll; die H\u00f6he am Widerrist 16 Zoll. Dies sind ungef\u00e4hr die Verh\u00e4ltnisse eines mittelgro\u00dfen Windhundes. Seine F\u00e4rbung ist ein sch\u00f6nes Braunroth, welches auf den F\u00fc\u00dfen, den Ohren oder der Schnauze und an der Schwanzspitze dunkler, unten aber bl\u00e4sser wird; der ziemlich behaarte Schwanz ist h\u00e4ngend.\nIn seinen Sitten zeigt der Kolsun viel Eigenth\u00fcmliches. Er schl\u00e4gt sich, wie seine Sippschafts-Verwandten, in st\u00e4rkere oder schw\u00e4chere Meuten, deren durchschnittliche Zahl aber doch f\u00fcnfzig bis sechzig sein soll, jagt abweichend von den anderen Hunden ganz still oder l\u00e4\u00dft wenigstens nur in gro\u00dfen Zwischenr\u00e4umen seine Stimme ert\u00f6nen. Diese ist kein Bellen, wie das der Haushunde, sondern eher ein \u00e4ngstliches Wimmern, welches dem Geheul des Haushundes \u00e4hnelt. Alle Berichte stimmen \u00fcberein, da\u00df er ein au\u00dferordentlich geschickter J\u00e4ger ist. Williamson, welcher ihn mehrmals bei der Verfolgung einer Beute beobachtet hat, glaubt, da\u00df kein einziges Thier bei einer langen Jagd diesem Hunde entkommen k\u00f6nne. Hinsichtlich der Jagd \u00e4hnelt er im Ganzen dem Wolf, unterscheidet sich von ihm aber durck seinen ungew\u00f6hnlichen Muth und sein freundschaftliches Zusammenhalten. ^ Sobald die Meute ein Thier aufgest\u00f6bert hat, jagt sie ihm mit der gr\u00f6\u00dften Ausdauer nach und theilt sich sogar, um ihm den Weg nach allen Seiten hin abzuschneiden. Dann packt es der eine an der Kehle, rei\u00dft es nieder und die \u00fcbrigen st\u00fcrzen nun \u00fcber den Leichnam her und fressen ihn in wenig Minuten auf. Mit Ausnahme des Elefanten und des Nashorn soll es, wie man sagt, kaum ein einziges indisches Thier geben, welches es mit dem Kolsun aufnehmen k\u00f6nne. Der w\u00fcthende Eber f\u00e4llt ihm zum Opfer, trotz seines gewaltigen Gewehres, und der schnellf\u00fc\u00dfige Hirsch ist nicht im Stande, ihm zu entrinnen. Am.besten ist noch der Leopard daran, weil die Meute des Kolsun ihm nicht in die Zweige folgen kann, welche er augenblicklich aufsucht, sowie er sich angegriffen sieht; wird ihm aber sein Zufluchtsort in den Baumkronen abgeschnitten, so ist auch er ein Kind des Todes, trotz aller Gegenwehr. Man versichert, da\u00df es der Meute vollkommen gleichgiltig sei, wenn ihre w\u00fcthigsten Genossen bei einem Angriff auf ein gef\u00e4hrliches Thier, wie es der Tiger oder der B\u00e4r ist, gelichtet w\u00fcrden; es k\u00f6nnen zehn und mehr unter den Tatzenschl\u00e4gen des Tigers verbluten oder an der B\u00e4renbrust erdr\u00fcckt werden, die \u00fcbrigen verlieren den Muth nicht, sondern st\u00fcrzen sich immer von neuem mit solcher K\u00fchnheit und solchem-Geschick auf ihren Gegner, da\u00df sie ihn zuletzt doch erm\u00fcden und dann sicher noch erw\u00fcrgen. Diesen blutigen K\u00e4mpfen zwischen gr\u00f6\u00dferen Raubthieren und dem Kolsun schreibt man die Seltenheit des Thieres zu; au\u00dferdem w\u00fcrde sich diese Hundeart, so glaubt man, in einer Weise vermehren, da\u00df es in Indien bald gar keine Jagd mehr geben w\u00fcrde. Den Menschen soll dieser Wildhund niemals angreifen: er geht ihm vielmehr aus dem Wege, solange er kann; wird er aber angegriffen, dann beweist er seinen Muth auch dem Menschen gegen\u00fcber und ist kein zu verachtender Gegner.\nEher noch als im Kolsun glaubte man in demBuansu oder im Buansuah den wilden Urhund\nzu finden und gab ihm deshalb geradezu den Namen Canis primaevus. In seiner Gestalt seinem Brehm, Thierleben\t'\t' 1","page":321},{"file":"p0322.txt","language":"de","ocr_de":"Der Buansu oder Buansuah (Canis prim-aevus).\nf\u00fctqt es der Nase entschieden mehr, als dem Auge. Wie gesagt wird, theilt der Buansu mit dem Hi\u00e4nenhund, welchen wir sp\u00e4ter kennen lernen werden, die Lust, gef\u00e4hrliche Raubthiere anzugreifen und zu todten oder wenigstens zu vertreiben; aber er liebt auch den Kampf mit Schafen unb Stegen, welcher ihm weniger Anstrengung kostet, und ist deshalb ein h\u00f6chst verha\u00dfter Besucher der Geh\u00f6fte\n^rntg eingefangene Buansus sollen sehr zahm werden. Sie zeigen bald gro\u00dfe Anhang\u00fcchkett an ihren Pfleger, und wenn dieser es versteht, kann er sie zu trefflichen Jagdgehtlfen abrichten. Lewer scheint der Buansu blos seinem Herrn Unterthan sein zu wollen; er rst f\u00fcr andere J\u00e4ger mcht nur unbrauchbar, sondern wegen seines scharfen Gebisses sogar gef\u00e4hrlich.\n322\tDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Buansu. Kaberu.\nWesen und seinen Sitten hat er gro\u00dfe Aehnlichkeit mit jenem. Er ist ebenso scheu und h\u00e4lt sich gerade so zur\u00fcckgezogen, wie der Kolsun. Die dicksten und unzug\u00e4nglichsten W\u00e4lder und andere Dickichte, mit welchen die so reiche Pflanzenwelt den dortigen Boden deckt, zieht er jedem andern Aufenthalt vor.\nDer Buansu jagt ebenfalls in Meuten, unterscheidet sich aber bei seiner Jagd von dem vorigen haupts\u00e4chlich dadurch, da\u00df er ununterbrochen Laute von sich giebt, w\u00e4hrend er l\u00e4uft, und zwar st\u00f6\u00dft 'er ein sonderbares Gebr\u00fcll aus, welches von der Stimme des Haushundes ganz verschieden ist und ebensowenig etwas gemein hat mit dem langen Geheul der W\u00f6lfe, des Schakals oder des Fuchses. Die Zahl der Mitglieder einer Meute ist nicht gro\u00df, sondern betr\u00e4gt h\u00f6chstens acht bis zw\u00f6lf. Nach allen Beobachtungen wird das jagende Thier durch seinen vorz\u00fcglichen Geruch geleitet; wenigstens","page":322},{"file":"p0323.txt","language":"de","ocr_de":"Sitten und Gewohnheiten.\n323\n3n diesen beiden Thieren sehen wir also schon durchaus wildlebende Hunde vor uns, von welchen man schwerlich sagen kann, da\u00df sie als Nachkommen von Haushunden betrachtet werden m\u00fcssen und deren Ahnen sich von den Menschen frei gemacht haben und verwildert sind; aber wir kennen noch mehr solch wilder Hunde. Ob der sehr b\u00f6sartige Nippon (Canis javanicus) und der unz\u00e4hmbare Adjak (Canis rutilans), der Hund von Sumatra (Canis sumatrensis) und andere \u00e4hnliche mit einem der genannten vereinigt werden m\u00fcssen, lasse ich dahingestellt sein; ganz entschieden aber widerspreche ich Denen, welche glauben, da\u00df alle wilden und unsere Haushunde zu einer und derselben Art geh\u00f6ren. Ich sah einenAdjak im Thiergarten von Amsterdam, wohin ervon Cheribon gebracht worden war. In mancher Hinsicht \u00e4hnelt er freilich dem zahmen Hunde. Er l\u00e4uft, sitzt, liegt zusammengekauert, wie dieser;\n\u201eEr knurrt und zweifelt, legt sich auf den Banch,\nEr wedelt \u2014 Alles Hundebrauch.\" \u2014\n\u2018\u00e4sfcer der erste Blick auf ihn gen\u00fcgt, um in ihm ein von unserm Hunde durchaus verschiedenes Thier zu erkennen. Allerdings l\u00e4\u00dft sich nicht so leicht beschreiben, worin der Unterschied liegt; allein der\nDer Kaberu (Canis simensis).\nvergleichende Blick eines Naturkundigen, welcher lebende Thiere zu beobachten gewohnt ist, will mir auch mehr sagen, als etwaige Ma\u00dfunterschiede oder ein kleines H\u00f6ckerchen zu viel und zu wenig auf einem beliebigen Zahn. Dem Adjak schaut der Wolf so klar aus dem Gesicht heraus, da\u00df man gar nicht zweifeln kann, we\u00df Geistes Kind man vor sich hat. Kein einziger Haushund hat einen solchen Gesichtsausdruck, wie die wilden; selbst der Hund der Eskimos ist, wenn man ihm ins Gesicht schaut, vom Wolf zu unterscheiden; der Adjak aber sieht so wild aus, wie nur irgend einer seiner freilebenden Verwandten.\nDer Gefangene in Amsterdam nun wird nur mit Fleisch gef\u00fcttert; andere Stoffe r\u00fchrt er gar nicht an. Gegen seine W\u00e4rter zeigt er nicht die geringste Anh\u00e4nglichkeit. Er lebt in Feindschaft mit Menschen und Thieren. Bei Tage schl\u00e4ft er fast immer, nachts soll er sehr lebendig sein und oft wie unsinnig im K\u00e4fig umherrasen. Mehr habe ich leider nicht erfahren k\u00f6nnen.\nAuch Afrika besitzt seine wilden Hunde, den von R\u00fcppell in Abissinien entdeckten Kaberu (Cams simensis) und den vom Senegal bis zum indischen Meere verbreiteten Dihb oder Wolfs-","page":323},{"file":"p0324.txt","language":"de","ocr_de":"324\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Kaberu. Dingo.\nHund (Canis Anthus), auf welchen ich zur\u00fcckkommen werde. Ersterer wird von den Balgforschern ohne Umst\u00e4nde als ein von dem Haushunde nicht zu unterscheidendes Thier angesehen; ist aber mindestens eine ebenso gute Art, wie der Wolf und der Schakal. Schon Eins d\u00fcrfte alle Wildhunde von den Haushunden unterscheiden: sie bellen nicht! Man wird schwerlich annehmen k\u00f6nnen, da\u00df die Haushunde erst in der Gefangenschaft des Menschen das Bellen erlernt haben, und ebensowenig kann man glauben, da\u00df sie es verlernten, nachdem sie wild geworden. Die Vogelkundigen unterscheiden mit vollstem Rechte manche sich t\u00e4uschend \u00e4hnliche Arten nach der Stimme und nach dem Gesang; warum sollte diese Unterscheidung f\u00fcr die S\u00e4ugethiere nicht zul\u00e4ssig sein? Alle wilden Hunde heulen und lassen nur zuweilen kurze, abgesto\u00dfene T\u00f6ne vernehmen, welche entfernt an ein Bellen erinnern und denen des Fuchses \u00e4hneln. In meinen Augen w\u00fcrde diese einzige Eigenth\u00fcmlichkeit hinreichend sein, sie von den Haushunden zu trennen.\nDer Kaberu ist \u00fcbrigens weiter verbreitet, als man glaubt. Man brachte mir ihn einmal in Kordofahn und zwar ganz im westlichsten Theile des Landes, hart an der Grenze von Dahr-el-Fuhr, woraus hervorgehen d\u00fcrfte, da\u00df er in einem gro\u00dfen Theile der inneren L\u00e4nder Afrikas zu finden ist. R\u00fcppell fand ihn in den meisten Gegenden Abissiniens, haupts\u00e4chlich aber in der Kulla oder Kolla, d. i. im hei\u00dfen Tiefland der afrikanischen Schweiz. Seine Nahrung besteht vorzugsweise in Herdenthieren, zumal in Schafen; er thut deshalb den Ei\u00fcgebornen gro\u00dfen Schaden. Au\u00dferdem mag er wohl auch Antilopen jagen und niederrei\u00dfen und wie die H-i\u00e4nen und andere wilden oder halbwilden Hunde Aas und Kerbthiere fressen. Dem Menschen wird er nicht gef\u00e4hrlich. Wie\tt\ndie vorige Art, schl\u00e4gt er sich in Meuten und jagt gesellschaftlich. Die Bewohner Kordofahns kennen ihn unter dem Namen Kelb el Chala oder Hund der Wildni\u00df, Hund der Steppen, und f\u00fcrchten ihn als argen Feind ihrer Herden noch weit mehr, als den ebenfalls dort fremden Simr oder Hi\u00e4nenhund. Keinem der scharf und gut beobachtenden Nomaden f\u00e4llt es ein, in diesem Thiere einen verwilderten Hund zu erblicken; sie halten sich einfach an das Leben und Wesen des Gesch\u00f6pfes und sind eben frei von aller Schulweisheit.\nDie Gr\u00f6\u00dfe des Kaberu ist die eines starken Sch\u00e4ferhundes. Seine ganze L\u00e4nge betr\u00e4gt etwas \u00fcber vier Fu\u00df, wovon fast ein Fu\u00df auf den Schwanz kommt; am Widerrist wird er 18 bis 19 Zoll\tj\nhoch; er ist schlank und am Kopfe ganz fuchsartig gebaut, tr\u00e4gt auch einen dicken, buschig behaarten Schwanz. Der R\u00fccken und die Seiten sind braunroth, Brust und Bauch wei\u00df, die Endh\u00e4lfte des Schwanzes ist schwarz.\ni\nDen Dingo oder Warragal (Canis Dingo), den wilden Hund Australiens und das einzige echte Raubthier dieses Erdtheils, welches nicht zu den Beutelthieren geh\u00f6rt, d\u00fcrfen wir ebensowenig, wie die Vorhergehenden, als verwilderten Haushund betrachten. Das Aussehen, die Farbe und die gesammte Erscheinung des Dingo erinnert an den Fuchs, obgleich jener viel st\u00e4rker und gr\u00f6\u00dfer ist, als Meister Reinecke. Seine F\u00e4rbung ist gemeiniglich ein lichtes Roth, welches hier und da, namentlich auf dem R\u00fccken und an den Seiten, mit schwarzen Haaren zierlich gesprenkelt ist. Sehr selten findet sich eine schwarze Spielart. Wie bei allen wilden Hunden ist die Schnauze lang und spitz, das Ohr kurz, der h\u00e4ngende Schwanz buschig, das Auge klein, schief gestellt und von b\u00f6sartigem Ausdruck. Der ganze Bau ist stark und kr\u00e4ftig, aber doch nicht unzierlich.\nNoch heutigen Tags findet sich der Dingo fast in allen dichteren W\u00e4ldern, den mit Buschwerk ausgekleideten Schluchten, in den Hainen, der park\u00e4hnlichen Steppen und in letzteren selbst. Er reicht \u00fcber das ganze Festland und ist \u00fcberall ziemlich h\u00e4ufig. Man h\u00e4lt ihn, und wohl mit Recht, f\u00fcr den schlimmsten Feind, welchen die herdenz\u00fcchtenden Ansiedler \u00fcberhaupt besitzen, und hat, um seinen R\u00e4ubereien zu steuern, schon mehrmals gro\u00dfe Kriegsz\u00fcge gegen ihn unternommen.\nIn seiner Lebensweise und in seinem Betragen \u00e4hnelt der Dingo mehr unserm Fuchs, als dem Wolfe. Wie dieser, liegt er da, wo es unsicher ist, den ganzen Tag in seinem Schlupfwinkel verborgen und streift dann erst zur Nachtzeit umher, r\u00e4uberisch fast alle australischen Erdthiere bedrohend. Dem","page":324},{"file":"p0325.txt","language":"de","ocr_de":"Gewohnheiten. Lebensschilderung.\n325\nFuchs \u00e4hnelt er auch darin, da\u00df er nur festen in gro\u00dfen Gesellschaften jagt. Gew\u00f6hnlich sieht man Trupps von f\u00fcnf bis sechs St\u00fcck, meistens eine Mutter mit ihren Kindern; doch kommt es auch vor, da\u00df sich bei einem Aase viele Dingos versammeln: manche Ansiedler wollen bei solchen Gelegenheiten schon ihrer achtzig bis hundert vereinigt gesehen haben. Man behauptet, da\u00df die Familien sehr treu zusammenhalten, ein eignes Gebiet haben und niemals in das einer andern Meute eintreten, aber ebensowenig leiden, da\u00df diese ihre Grenzen \u00fcberschreitet.\nEhe die Ansiedler regelrecht gegen diesen Erzfeind ihrer Herden zu Felde zogen, verloren sie durch ihn erstaunlich viel Schafe. Man versichert, da\u00df in einer einzigen Sch\u00e4ferei binnen drei Monaten nicht weniger als 1200 St\u00fcck Schafe und L\u00e4mmer von den Dingos geraubt wurden. Gr\u00f6\u00dfer noch, als die Verluste, welche ein Einsall des Raubthieres unmittelbar zur Folge hat, sind die mittelbaren.\nDer Dingo oder Warragal (Canis Dingo).\nweil die Schafe beim Erscheinen des Raubthieres wie unsinnig davon rennen, blind in die Steppe hinausjagen und dann entweder anderen Dingos oder dem Durst zum Opfer fallen. Au\u00dfer den Schafen fri\u00dft der \u201eWildhund\" K\u00e4ngurus aller Art und andere gr\u00f6\u00dfere und kleinere Buschthiere. Er greift jedes lebende, eingeborne Thier Australiens mit unbeschreiblicher Gier und Wuth an, nur vor den Hunden f\u00fcrchtet er sich. Die Hirten- und die Jagdhunde und die Dingos leben in ewiger Feindschaft: sie verfolgen sich gegenseitig mit wirklich beispiellosem Ha\u00df. Wenn mehrere Haushunde einen Dingo sehen, fallen sie \u00fcber ihn her und rei\u00dfen ihn in St\u00fccke; da\u00df Umgekehrte ist der Fall, wenn ein verirrter Haushund von Dingos gefunden wird. Doch kommt es vor, da\u00df sich zur Paarungszeit eine Dingoh\u00fcndin zu den Sch\u00e4ferhunden gesellt und mit diesen sich vertr\u00e4gt. \u201eAls ich eines Morgens aus meinem Zelte trat,\" sagt ein alter Buschmann in seinen \u201eForscherg\u00e4ngen durch den Wald, \u201esah ich einen weiblichen Dingo mit allen unseren Hunden spielen. Sobald sie mich sah ging sie davon. Einer unserer Hunde folgte ihr aber und blieb drei Tage lang aus; er kam zur\u00fcck,","page":325},{"file":"p0326.txt","language":"de","ocr_de":"326\nDie Raubthiere. Hunde \u2014 Dingo. Verwilderte Hunde.\nan allen Gliedern zerrissen, wahrscheinlich weil er die Eifersucht der berechtigteren Liebhaber erregt haben mochte.\"\nNicht selten kreuzt sich der Dingo mit zahmen H\u00fcndinnen. Diese bringen dann ein Gew\u00f6lfe, welches gr\u00f6\u00dfer und wilder zu sein pflegt, als alle \u00fcbrigen Haushunde. Die Dingoh\u00fcndin wirft sechs bis acht Junge gew\u00f6hnlich in einer H\u00f6hle oder unter Baumwnrzeln. Bei Gefahr schafft die Mutter ihre Jungen in Sicherheit. Ein Gew\u00f6lfe von Dingos wurde einst in einer Felsenspalte aufgefunden; da aber die Mutter nicht zugegen war, merkte sich der Entdecker den Ort, in der Absicht, bald zur\u00fcckzukehren, um der ganzen Familie auf einmal den Garaus zu machen. Als er nach einigex Zeit zur\u00fcckkam, fand er zu seinem gro\u00dfen Aerger die H\u00f6hle verlassen; die Alte mochte die Spur des fremden Besuchers gewittert und somit den Besuch unsch\u00e4dlich gemacht haben.\nVor dem Menschen nimmt der Dingo regelm\u00e4\u00dfig Rei\u00dfaus, wenn dazu noch Zeit ist. Er zeigt auf der Flucht alle List und Schlauheit des Fuchses und versteht es meisterhaft, jede Gelegenheit zu benutzen; wird er aber von seinen Feinden hart verfolgt und glaubt er nicht mehr entrinnen zu k\u00f6nnen, so dreht er sich mit einer wilden Wuth um und wehrt sich mit der Raserei der Verzweiflung; dabei sucht er aber immer sobald als m\u00f6glich davonzukommen.\nVon der Z\u00e4higkeit seines Lebens erz\u00e4hlt Ben nett geradezu ^unglaubliche Dinge. Ein Dingo war von seinen Feinden \u00fcberrascht und so geschlagen worden, da\u00df man meinte, alle seine Knochen m\u00fc\u00dften zerbrochen sein; deshalb lie\u00df man ihn auch liegen. Kaum aber hatten sich die M\u00e4nner von dem anscheinend leblosen K\u00f6rper entfernt, als sie zu ihrer Ueberraschung das Thier sich erheben, sch\u00fctteln und so eilig als m\u00f6glich nach dem Busch begeben sahen. Ein anderer, anscheinend todter Dingo war schon in eine H\u00fctte getragen worden, wo er abgezogen werden sollte. Der Arbeiter hatte ihm bereits das Fell von der halben Seite des Gesichts abgezogen, da sprang er pl\u00f6tzlich auf und versuchte nach dem Mann der Wissenschaft zu bei\u00dfen.\nGegenw\u00e4rtig gelten alle Mittel, um den Dingo auszurotten. Jedermanns Hand ist \u00fcber ihm. Man schie\u00dft ihn, f\u00e4ngt ihn in Fallen und vergiftet ihn mit Strychnin. Ein kleines St\u00fcck Fleisch, in welches eine Messerspitze dieses f\u00fcrchterlichen Giftes gebracht worden ist, h\u00e4ngt man an einem Busch auf, so da\u00df es ein paar Fu\u00df \u00fcber der Erde schwebt; dann findet man regelm\u00e4\u00dfig in n\u00e4chster N\u00e4he den armen Schelm, welcher seine Fre\u00dflust so schwer b\u00fc\u00dfen mu\u00dfte. Mit dem Gewehr erlegt man ihn nur zuf\u00e4llig; er ist zu scheu und listig, als da\u00df er \u00f6fters vor das Rohr kommen sollte, und nicht\neinmal auf Treibjagden kann man seiner so habhaft werden.\nGew\u00f6hnlich hat man den Dingo f\u00fcr unz\u00e4hmbar gehalten. In der Gesellschaft der Eingebornen Australiens findet man ab und zu Dingos, welche aber nur in einem halbwilden Zustande leben. Ihre Anh\u00e4nglichkeit an den Menschen ist kaum nennenswerth. Der Dingo bleibt bei ihm, Werl er ein bequemeres Leben f\u00fchren kann. Von Treue, Wachsamkeit, Eigenthumsrecht wei\u00df er nicht mehr, als sein Herr. Doch ist es zuweilen vorgekommen, da\u00df man Dingos fast ebenso zahm gemacht hat, wie die Haushunde es sind. Ein alter Sch\u00e4fer soll einen Dingo besessen haben, welcher auch viel Liebe und Anh\u00e4nglichkeit an ihn zeigte. Abrichtungsf\u00e4hig ist das Thier nicht, und das ist sehr schade; denn seine vortreffliche Nase w\u00fcrde ihn den besten Sp\u00fcrhund \u00fcbertreffen lassen.\nAlle Dingos, welche man bisher bei uns in der Gefangenschaft hielt, blieben wild und b\u00f6sartig, und ihre Wolfsnatur brach bei jeder Gelegenheit durch, so da\u00df sich ihre W\u00e4rter best\u00e4ndig vor ihnen zu h\u00fcten hatten. Auch gegen Thiere, die man zu ihnen brachte, zeigten sie sich unfreundlich und unduldsam. Nur mit M\u00fche vermochte man den Z\u00e4hnen eines nach England gebrachten Dingo einen friedlichen Esel zu entrei\u00dfen, und im Pariser Thiergarten sprang einer w\u00fcthend gegen die Elsengltter der B\u00e4ren, Jaguare und Panther. Ein in England geborner war schon in der fr\u00fchsten Jugend mi\u00dfmuthig und scheu, er verkroch sich in den dunkelsten Winkel des Zimmers und schwieg, wenn Menschen, gleichviel ob Bekannte oder Fremde, zugegen waren, stie\u00df aber, allein gelassen, em schwer-m\u00fcthiges Geheul aus. Den ihn pflegenden W\u00e4rter.lernte er kennen, zeigte sich aber niemals gegen denselben h\u00fcndisch schwanzwedelnd oder freundlich. Gegen Fremde war er m\u00fcrrisch und scheu, und oft","page":326},{"file":"p0327.txt","language":"de","ocr_de":"Die egyptischen Hunde in und bei den St\u00e4dten.\n327\nund gern bi\u00df er so recht heimt\u00fcckisch nach Vor\u00fcbergehenden. Nach jedem Angriff zog er sich in einen Winkel seines K\u00e4figs zur\u00fcck und blickte von hier aus mit boshaft funkelnden Augen sein Opfer an. Bei guter Laune gab er Proben von seiner Behendigkeit und Kraft. Gegen Haushunde war er stets \u00e4u\u00dferst unliebensw\u00fcrdig, und niemals zeigte er die geringste Lust, mit ihnen in ein z\u00e4rtlicheres Verh\u00e4ltni\u00df zu treten.\nVerlassen wir die Osth\u00e4lfte der Erde, um auch in Amerika nach den wilden Hunden uns umzusehen, so finden wir, da\u00df hier die Sage von den verwilderten Haushunden scheinbar nur neue Glaubw\u00fcrdigkeit erh\u00e4lt. Die Pampas von Buenos Ayres beherbergen starke Trupps von Hunden, welche mit gez\u00e4hmten hinsichtlich ihres Leibesbaues die gr\u00f6\u00dfte Aehnlichkeit haben, sich aber doch als durchaus verschiedene Thiere bekunden. Sie graben sich weite H\u00f6hlen in die Erde, theils um ihre Jungen darin aufzuziehen, theils zu ihrem eignen Schutz gegen K\u00e4lte und Regen; sie leben ganz selbstst\u00e4ndig von der Jagd und erbeuten Kaninchen, Rehe und Hirsche, besonders aber K\u00e4lber und F\u00fcllen der halbwilden und zahmen Herden. Entweder jagen sie allein oder in Meuten. Den Menschen greifen sie nicht an, )te fliehen ihn \u00e4ngstlich. Jung eingefangene lassen sich leicht z\u00e4hmen und unterscheiden sich dann, wie Rengger sagt, von den eigentlichen Haushunden nur durch ihren sch\u00e4rfern Sinn und gr\u00f6\u00dfern Muth. Der genannte Naturforscher h\u00e4lt sie f\u00fcr verwilderte Abk\u00f6mmlinge der von den ersten Ansiedlern zuf\u00e4llig zur\u00fcckgelassenen europ\u00e4ischen Hunde. Aber w\u00e4re Dies auch wirklich wahr, so w\u00fcrde man sich immer noch nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, wie die Stammeltern derjenigen Hunde nach Amerika gekommen sein sollten, welche die Spanier im Besitz der Urbev\u00f6lkerung fanden, als sie zum ersten Male in Amerika landeten. Gewisse Rassen dieser indianischen Hunde haben sich heute noch erhalten und leben mit den Rothh\u00e4uten, deren Ha\u00df gegen die Europ\u00e4er sie theilen. Alle diese Hunde lassen sich mit keiner der in Europa vorkommenden Rassen vereinigen und geben der Annahme Grund, da\u00df sie urspr\u00fcnglich besonderen Arten angeh\u00f6rt haben.\nVerwilderte Hunde kennt man meines Wissens nur in der alten Welt, zumal im Morgenlande. Sie leben aber immer noch in einem gewissen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse von dem Menschen und kennzeichnen sich sofort als Das, was sie wirklich sind.\nSchon im S\u00fcden Europas leben die Hunde auf ganz anderm Fu\u00dfe, als bei uns zu Lande. In der T\u00fcrkei und in Griechenland umlagern Massen von herrenlosen Hunden die St\u00e4dte und D\u00f6rfer kommen wohl auch bis in das Innere der Stra\u00dfen herein, betreten aber niemals einen Hof und w\u00fcrden auch von den Haushunden sofort vertrieben werden. Sie n\u00e4hren sich haupts\u00e4chlich von Aas oder jagen bei Gelegenheit wohl auch auf eigne Faust kleinere Thiere, namentlich M\u00e4use und dergleichen. Auch die Hunde der s\u00fcdspanischen Bauern werden nur sehr wenig zu Hause gef\u00fcttert; sie streifen zur Nachtzeit weit und breit umher und suchen sich selbst ihre Nahrung. Auf den Canaren ist es nach Bolle noch neuerdings vorgekommen, da\u00df einzelne Hunde verwilderten und unter den Schafherden bedeutenden Schaden anrichteten. So selbstst\u00e4ndig werden jene verwilderten Hunde des Morgenlandes nicht; aber sie m\u00fcssen durchaus f\u00fcr sich selbst sorgen und werden von keinem Menschen irgendwie unterst\u00fctzt. Ich habe diese Thiere vielfach in Egypten beobachtet und will in m\u00f6glichster K\u00fcrze mittheilen, was mir von ihrem Leben besonders merkw\u00fcrdig erscheint.\nAlle egyptischen St\u00e4dte stehen zum Theil auf den Tr\u00fcmmern der alten Ortschaften, also gewisserma\u00dfen auf Schutthaufen. Wahre Berge von Schutt umgeben auch die meisten und die gr\u00f6\u00dferen, wie Alexandrien oder Kairo, in sehr bedeutender Ausdehnung. Diese Berge nun sind es, welche den verwilderten Hunden haupts\u00e4chlich zum Aufenthalt dienen. Die Thiere selbst geh\u00f6ren einer einzigen Rasse an. Sie kommen in der Gr\u00f6\u00dfe mit einem Sch\u00e4ferhunde \u00fcberein, sind von plumper Gestalt und haben einen widerw\u00e4rtigen Gesichtsausdruck; die Ruthe ist lang und ziemlich buschig, wird auch in den meisten F\u00e4llen h\u00e4ngend getragen. Die F\u00e4rbung ihres rauhen, struppigen Pelzes ist ein schmuziges, r\u00f6thliches Braun, welches mehr oder weniger in das Graue oder in das Gelbe","page":327},{"file":"p0328.txt","language":"de","ocr_de":"328\tDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Verwilderte Hunde.\nziehen kann. Andersfarbige, namentlich schwarze und lichtgelbe kommen vor, sind aber immer ziemlich selten.\nSie leben in vollkommenster Selbstst\u00e4ndigkeit an den genannten Orten, bringen dort den gr\u00f6\u00dften Theil des Tages schlafend zu und streifen Lei Nacht umher. Jeder besitzt seine L\u00f6cher, und zwar sind diese mit eigenth\u00fcmlicher Vorsorge angelegt. Jedenfalls hat jeder einzelne Hund zwei L\u00f6cher, von denen eins nach Morgen, das andere nach Abend liegt; streichen die Berge aber so, da\u00df sie dem Nordwind auf beiden Seiten ausgesetzt sind, so graben sich die Thiere auch noch auf der andern Seite ein besonderes Loch, welches sie jedoch blos dann bewohnen, wenn ihnen der kalte Wind in ihrem Morgenoder Abendloche l\u00e4stig wird. Morgens findet man sie regelm\u00e4\u00dfig bis gegen 1.0 Uhr in dem nach Osten hin gelegenen Loche; sie erwarten dort nach der K\u00fchle des Morgens die ersten Strahlen der Sonne, um sich wieder zu erw\u00e4rmen. Nach und nach aber werden diese Strahlen ihnen zu hei\u00df, und deshalb suchen sie jetzt Schatten auf. Einer nach dem andern erhebt sich also, klettert \u00fcber den Berg weg und schleicht sich nach dem auf der Westseite gelegenen Loche, in welchem er seinen Schlaf fortsetzt. Fallen nun die Sonnenstrahlen nachmittags auch in diese H\u00f6hlung, so geht der Hund wieder zur\u00fcck nach dem ersten Loche, und dort bleibt er bis zum Sonnenuntergang liegen.\nUm diese Zeit wird es in den Bergen lebendig. Es bilden sich gr\u00f6\u00dfere und kleinere Gruppen, ja selbst Meuten. Man h\u00f6rt Gebell, Geheul, Gez\u00e4nk, je nachdem die Thiere gestimmt sind. Ein gr\u00f6\u00dferes Aas versammelt sie immer in zahlreicher Menge, und ein todter Esel oder ein verendetes Maulthier wird von der hungrigen Meute in einer einzigen Nacht bis auf die gr\u00f6\u00dften Knochen verzehrt. Sind sie sehr hungrig, so kommen sie auch bei Tage zum Aase, namentlich wenn dort ihre Unangenehmsten Gegner, die Geier, sich einsinden sollten, deren Beeintr\u00e4chtigung in der Nahrung sie f\u00fcrchten. Sie sind im h\u00f6chsten Grade brodneidisch und bestehen deshalb mit allen unberufenen G\u00e4sten heftige K\u00e4mpfe. Die Geier aber lassen sich so leicht nicht vertreiben und leisten ihnen unter allen .Aasfressern den entschiedensten und muthigsten Widerstand, deshalb haben sie auch von ihnen das Meiste zu leiden. Aas bleibt unter allen Umst\u00e4nden der Haupttheil ihrer Nahrung; doch sieht man sie auch katzenartig vor den L\u00f6chern der Rennm\u00e4use lauern und schakal- oder fuchsartig auch diesen oder jenen Vogel beschleichen. Wenn ihre Aastafel einmal nicht gespickt ist, machen sie gro\u00dfe Wanderungen und kommen dann auch in das Innere der St\u00e4dte herein und streifen in den Stra\u00dfen umher. Dort sind sie, weil sie allen Unrath wegfressen, geduldete, wenn auch nicht gern gesehene G\u00e4ste, und gegenw\u00e4rtig kommt es wohl nur sehr selten vor, da\u00df einzelne gl\u00e4ubige Mahammedaner sie, wie vormals, in ihren Verm\u00e4chtnissen bedenken und f\u00fcr ihre Erhaltung gewisserma\u00dfen Sorge tragen.\nDie Paarungszeit.f\u00e4llt in dieselben Monate, wie bei den \u00fcbrigen Hunden, einmal in das Fr\u00fchjahr, das andere Mal in den Herbst. Die H\u00fcndin w\u00f6lft in eines ihrer L\u00f6cher, gr\u00e4bt es aber etwas tiefer aus und bildet daraus einen f\u00f6rmlichen Bau, in welchem man das ganze Gew\u00f6lfe nach einiger Zeit lustig mit der Alten spielen sieht. Nicht selten kommt es vor, da\u00df eine solche H\u00fcndin, wenn die W\u00f6lfzeit kommt, sich in das Innere der St\u00e4dte begiebt und sich dort, mitten in der Stra\u00dfe oder wenigstens in einem nur einigerma\u00dfen gesch\u00fctzten Winkel derselben, eine Grube gr\u00e4bt, in welcher sie dann ihre Nachkommenschaft zur Welt bringt. Es scheint fast, als ob sie wisse, da\u00df sie aus die Mildth\u00e4tigkeit und Barmherzigkeit der mahammedanischen Bev\u00f6lkerung z\u00e4hlen d\u00fcrfe, und wirklich ist es auch r\u00fchrend, zu sehen, wie sich die gastfreien Leute einer solchen Hundew\u00f6chnerin annehmen. Ich habe mehr als einmal beobachtet, da\u00df vornehme T\u00fcrken oder Araber, welche durch solche Stra\u00dfen ritten, in denen H\u00fcndinnen mit ihren Jungen lagen, sorgf\u00e4ltig mit ihrem Pferde auf die Seite lenkten, damit dieses ja nicht die junge Brut besch\u00e4dige. Wohl selten geht ein Egypter vor\u00fcber, ohne der Hundemutter einen Bissen Brod, gekochte Bohnen, einen alten Knochen und dergleichen zuzuwerfen. Die Mahammedaner halten es \u00fcberhaupt f\u00fcr eine S\u00fcnde, ein Thier unn\u00f6thiger Weise zu tobten oder zu beleidigen. Aber die Barmherzigkeit geht zuweilen auch zuweit. Man findet n\u00e4mlich oft r\u00e4udige und kranke Hunde im gr\u00f6\u00dften Elend auf der Stra\u00dfe liegen, ohne da\u00df eine mitleidige Hand sich f\u00e4nde, ihrem traurigen Dasein ein Ende zu machen. So sah ich in einer Stadt Oberegpptens einen Hund","page":328},{"file":"p0329.txt","language":"de","ocr_de":"Die Hunde in Egypten und Konstantinopel.\n329\nm der Stra\u00dfe liegen und sich herumqu\u00e4len, welchem durch einen ungl\u00fccklichen Zufall beide Hinterbeine derart zerschmettert waren, da\u00df er sie gar nicht mehr gebrauchen konnte und sie, wenn er sich mit den Vorderbeinen m\u00fchsam weiterbewegte, hintennach schleifen mu\u00dfte. Ganz unzweifelhaft hatten alle Bewohner des Ortes dieses ungl\u00fcckliche, erb\u00e4rmliche Thier schon Monate lang t\u00e4glich gesehen, Niemandem aber war es eingefallen, ihm einen Gnadensto\u00df zu geben. Ich zog eine Pistole und scho\u00df ihm eine Kugel durch den Kopf, mu\u00dfte mich aber ordentlich gegen die Leute vertheidigen wegen meiner That.\nF\u00e4ngt man sich junge Hunde und h\u00e4lt sie lange Zeit in der Gefangenschaft, so werden sie vollst\u00e4ndig zu Haushunden und sind dann als wachsame und treue Thiere sehr gesch\u00e4tzt. Bei weitem der gr\u00f6\u00dfte Theil der jungen Stra\u00dfenhunde aber findet keinen Herrn und begiebt sich, nachdem er halberwachsen ist, mit der Alten ins Freie und lebt dort genau in derselben Weise, wie seine Vorfahren.\nInnerhalb ihrer eigentlichen Wohnkreise sind die verwilderten Hunde ziemlich scheu und vorsichtig, und namentlich vor dem fremdartig Gekleideten weichen sie jederzeit aus, sobald sich dieser ihnen n\u00e4hert. Beleidigt man einen, so erhebt sich ein wahrer Aufruhr. Aus jedem Loche schaut ein Kopf heraus, und nach wenigen Minuten sind die Gipfel der H\u00fcgel mit Hunden bedeckt, welche ein ununterbrochenes Gebell aussto\u00dfen. Ich habe mehrmals auf solche Hunde f\u00f6rmlich Jagd gemacht, theils um sie zu beobachten, theils um ihr Fleisch zu verwenden d. h. um es entweder als K\u00f6der f\u00fcr die Geier auszuwerfen, oder um es meinen gefangenen Geiern und Hi\u00e4nen zu verf\u00fcttern. Bei diesen Jagden habe ich mich von dem Zusammenleben und Zusammenhalten der Thiere hinreichend \u00fcberzeugen k\u00f6nnen und dabei auch unter andern die Beobachtung gemacht, da\u00df sie mich schon nach kurzer Zeit vollst\u00e4ndig kennen und f\u00fcrchten gelernt hatten. In Eharthum z. B. war es mir zuletzt unm\u00f6glich, solche herrenlose Hunde mit der B\u00fcchse zu erlegen, weil sie mich nicht mehr auf 400 Schritt an sich herankommen lie\u00dfen. Sie sind \u00fcberhaupt dem Fremden sehr abhold und kl\u00e4ffen ihn an, sobald er sich zeigt, aber sie ziehen sich augenblicklich zur\u00fcck, wenn man sich umwendet. Gleichwohl kommt nicht selten eine starke Anzahl auf Einen los, und dann ist es jedenfalls gut, dem naseweisesten Gesellen eine Kugel vor den Kopf zu schie\u00dfen. Mit den Muhammedanern oder morgenl\u00e4ndisch gekleideten Leuten leben sie in guter Freundschaft; sie f\u00fcrchten dieselben nicht im Geringsten und kommen oft so nahe an sie heran, als ob sie gez\u00e4hmt w\u00e4ren; mit den Haushunden dagegen liegen sie best\u00e4ndig in Streit, und wenn ein einzelner Hund aus der Stadt in ihr Gebiet kommt, wird er gew\u00f6hnlich so gebissen, da\u00df er sich nicht mehr r\u00fchren kann. Auch die Hunde eines Berges verkehren nicht friedlich mit denen eines andern, sondern gerathen augenblicklich mit allen in Streit, welche nicht unter ihnen gro\u00df geworden und sich sozusagen mit ihnen zusammengebissen haben.\nManchmal vermehren sich die verwilderten Hunde in das Unglaubliche, und dann werden sie zur wirklichen Landplage. Mahammed Aali lie\u00df einmal, um dieser Pest zu steuern, ein Schiff f\u00f6rmlich mit Hunden befrachten und diese dann auf hoher See \u00fcber Bord werfen, um sie sicher zu ertr\u00e4nken. Zum gr\u00f6\u00dften Gl\u00fcck sind sie der Wasserscheu nur \u00e4u\u00dferst selten ausgesetzt, ja man kennt wirklich kaum Beispiele, da\u00df Jemand von einem tollen Hunde gebissen worden w\u00e4re. Die verwilderten Hunde gelten den Mahammedanern, wie alle Thiere, welche Aas fressen, f\u00fcr unrein in Glaubenssachen, und es ist deshalb dem Gl\u00e4ubigen verwehrt, sich n\u00e4her mit ihnen zu befassen. Wird ein solches Thier aber gez\u00e4hmt, so \u00e4ndert sich die Sache, dann gilt blos seine best\u00e4ndig feuchte Nase noch f\u00fcr unrein:\nIn Konstantinopel soll das Verh\u00e4ltni\u00df des Menschen zu den Hunden ein ganz \u00e4hnliches sein. \u201eUnzertrennlich von den Gassen der Hauptstadt,\" sagt Hackl\u00e4nder, \u201eist der Gedanke an ihre best\u00e4ndigen Bewohner, die herrenlosen Hunde, welche man in zahlloser Menge auf ihnen erblickt. Gew\u00f6hnlich macht man sich von Dingen, von denen man oft liest, eine gro\u00dfe Idee und findet sich get\u00e4uscht. Nicht so bei diesen Hunden. Obgleich alle Reisenden dar\u00fcber einig sind, sie als eine Plage der Menschen darzustellen, so sind doch die meisten bei der Beschreibung dieses Unwesens zu gelinde verfahren.\"","page":329},{"file":"p0330.txt","language":"de","ocr_de":"330\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Haushund.\n\u201eDiese Thiere sind von einer ganz eignen Nasse; sie kommen in der \u00e4u\u00dfern Gestalt wohl am meisten unseren Sch\u00e4ferhunden nahe, doch haben sie keine gekr\u00fcmmte Ruthe und kurze Haare von schmuziggelber Farbe. Wenn sie faul und tr\u00e4ge umherschleichen oder in der Sonne liegen, mu\u00df man gestehen, da\u00df kein Thier frecher, ich m\u00f6chte sagen p\u00f6belhafter aussieht. Alle Gassen, alle Pl\u00e4tze sind mit ihnen bedeckt; sie stehen entweder an den H\u00e4usern gereiht und warten auf einen Bissen, der ihnen zuf\u00e4llig zugeworfen wird, oder sie liegen mitten in der Stra\u00dfe, und der T\u00fcrke, der sich \u00e4u\u00dferst in Acht nimmt, einem lebenden Gesch\u00f6pfe Etwas zu Leide zu thun, geht ihnen aus dem Wege. Auch habe ich nie gesehen, da\u00df ein Muselmann eins dieser Thiere getreten oder geschlagen h\u00e4tte. Vielmehr wirft der Handwerker ihnen aus seinem Laden die Ueberreste seiner Mahlzeit zu. Nur die t\u00fcrkischen Kaikschi und die Matrosen der Marine haben nicht diese Zartheit, weshalb mancher Hund im goldnen Horn sein Leben endet.\"\n\u201eJede Gasse hat ihre eignen Hunde, die sie nicht verlassen, wie in unseren gro\u00dfen St\u00e4dten die Bettler ihre gewissen Standorte haben, und Wehe dem Hunde, der es wagt, ein fremdes Gebiet zu besuchen. Oft habe ich gesehen, wie \u00fcber einen solchen Ungl\u00fccklichen alle anderen herfielen und ihn, wu\u00dfte er sich nicht durch schleunige Flucht zu retten, f\u00f6rmlich zerrissen. Ich m\u00f6chte sie mit den Stra\u00dfenjungen in gesitteten L\u00e4ndern vergleichen; wie diese, wissen sie ganz gut den Fremden vom Einheimischen zu unterscheiden. Wir brauchten nur in einer Ecke des Bazars etwas E\u00dfbares zu kaufen, so folgten uns alle Hunde, an denen wir vorbeikamen, und verlie\u00dfen uns erst wieder, wenn wir in eine andere Gasse traten, wo uns eine neue \u00e4hnliche Begleitung zu Theil wurde.\"\n\u201eSo ruhig bei Tage diese Abl\u00f6sung vor sich geht, so gef\u00e4hrlich werden die Hunde zuweilen dem einzelnen Franken, der sich bei der Nacht in den Gassen Stambuls verirrt, besonders wenn er keine Laterne tr\u00e4gt. Wir haben oftmals geh\u00f6rt, da\u00df ein solcher, den die Bestien f\u00f6rmlich anfielen, nur durch Muselm\u00e4nner gerettet wurde, die sein Hilferuf herbeizog; und obgleich wir stets in ziemlicher Gesellschaft und abends nie ohne Laterne ausgingen, hatten wir es doch oft nur unseren guten St\u00f6cken zu danken, mit denen wir kr\u00e4ftig dreinschlugen, da\u00df wir nicht mit zerrissenen Kleidern heimkamen.\"\n\u201eSultan Mahmud lie\u00df vor mehreren Jahren einige Tausend dieser Hunde auf einen bei den Prinzeninseln liegenden kahlen Fels bringen, wo sie einander auffra\u00dfen. Diese Verminderung hat aber Nichts gen\u00fctzt, denn die Fruchtbarkeit dieser Gesch\u00f6pfe ist gro\u00dfartig; fast bei jedem Schritt findet man auf der Stra\u00dfe runde L\u00f6cher in den Koth gemacht, worin eine kleine Hundefamilie liegt, die hungernd den Zeitpunkt erwartet, wo sie selbstst\u00e4ndig wird, um gleich ihren Vorfahren die Gassen Konstantinopels unangenehm und unsicher zu machen.\"\nAuch bei den nogayischen Tartaren am asowschen Meer ist es nach Schlatters Bericht nicht viel anders. \u201eDer Hund genie\u00dft dort nicht soviel Werthsch\u00e4tzung, wie die Katze, welche das Recht hat, im Hause zu wohnen, an Allem herumzunaschen, aus einer Sch\u00fcssel mit den Kindern und Erwachsenen zu essen und wohl auch auf einer Matratze mit dem Menschen zu schlafen. Sie wird zu den reinen Thieren gez\u00e4hlt, und der Tartar l\u00e4\u00dft es ihr, als dem Liebling des gro\u00dfen Profeten Mah ammed, an Nichts fehlen. Der Hund hingegen darf sich nicht im Hause blicken lassen.\"\n\u2022 \u201eDer nogayische Hund ist von mittler Gr\u00f6\u00dfe, gew\u00f6hnlich sehr mager, mit struppigen, langen Haaren von dunkler Farbe. In den D\u00f6rfern -findet man von ihnen eine \u00fcbergro\u00dfe und l\u00e4stige Anzahl, da kein junger Hund umgebracht wird. Sie erhalten zwar zu Zeiten, wenn ein St\u00fcck Vieh geschlachtet wird, oder wenn es Aas giebt, satt zu fressen, m\u00fcssen dann aber oft wieder lange hungern. Sehr h\u00e4ufig sieht man sie Menschenkoth fressen; sie werden sogar herbeigerufen, um den Boden davon zu s\u00e4ubern. Treibt Hunger den Hund in das Haus hinein, so wird er mit Stockschl\u00e4gen hinausgetrieben. Nicht nur den Fremden, sondern selbst den Tartaren sind diese grimmigey Thiere eine harte Plage, indem Alles unterschiedslos angegriffen wird. In fremder Tracht ist es kaum m\u00f6glich, ohne Begleitung von Tartaren durchzukommen, selbst zu Pferde hat man noch M\u00fche. Am besten ist es, recht langsam zu reiten; der Fu\u00dfg\u00e4nger mu\u00df jedenfalls langsam gehen und den langen Stock, der ihm unentbehrlich ist, nach hinten halten, weil die Hunde gew\u00f6hnlich hinten anpacken, dann aber","page":330},{"file":"p0331.txt","language":"de","ocr_de":"Linne's Beschreibung der Haushunde.\n331\nnur in den Stock bei\u00dfen; auch thut man wohl, wenn man ihnen etwas Speise zuwirft, womit sie sich besch\u00e4ftigen, bis man ein Haus erreicht hat. Schl\u00e4gt man mit dem Stocke drein, so kommen auf das jammernde Geheul des getroffenen Hundes alle Hunde des Dorfes zusammen, und die Sache wird ernster, als zuvor. Dasselbe ist der Fall, wenn man schnellen Gang einschl\u00e4gt oder wenn man durch Laufen sich zu retten sucht. Es sind mir mehrere Beispiele bekannt, da\u00df Personen niedergeworfen und sehr schwer verwundet wurden. Den Knall des Schie\u00dfgewehres f\u00fcrchten diese Hunde am meisten; sie sind daran nicht gew\u00f6hnt und werden wie bet\u00e4ubt davon. Hat man nichts Derartiges bei sich und will Nichts mehr helfen, so ist das Beste, wenn man sich noch zur Zeit ruhig niedersetzt. Dies hilft gew\u00f6hnlich. Es macht die Hunde stutzen; sich verwundernd stellen sie sich in einen Kreis herum, ohne anzupacken und gehen am Ende auseinander. Zur Bewachung der Herden werden sie nicht benutzt; kommen welche auf die Steppe, so fallen sie die Viehherden, denen sie im Dorfe kein Leid thun, w\u00fcthend an, schleppen die K\u00e4lber an der Gurgel herum, erw\u00fcrgen Schafe und fressen ihnen die Fettschw\u00e4nze ab.\"\nVon den Hunden des s\u00fcdlichen Ru\u00dfland erz\u00e4hlt Kohl. \u201eIm Winter,\" sagt er, \u201eziehen sich die Hunde scharenweise nach den St\u00e4dten, st\u00f6ren im weggeworfenen Unrath und zerren an verrecktem Vieh herum. In einigen St\u00e4dten, wie Odessa, gehen W\u00e4chter umher, die ein best\u00e4ndiges Blutbad unter den herrenlosen Hunden anrichten. Allein es hilft wenig, da man die Hundequellen in den D\u00f6rfern und St\u00e4dten nicht verstopfen kann. Die Hunde sind eine wahre Landplage, sie sind Allen zur Last und fressen selbst den G\u00e4rtnern Obst und Trauben weg.\"\nMan sollte wohl glauben, da\u00df diese Hunde, welche sich eigentlich blos, um sich bequemer n\u00e4hren zu k\u00f6nnen, an den Menschen anschlie\u00dfen, in g\u00fcnstigen Gegenden leicht vollkommen verwildern und dann denjenigen Arten durchaus gleich werden k\u00f6nnten, welche wir als wirklich wild, viele Naturforscher aber blos als verwilderte ansehen. Ebenso gut als Egypten Nahrung bietet f\u00fcr Hi\u00e4nen, Schakal und Fuchs, oder die Tartarei und Ru\u00dfland f\u00fcr Wolf, Schakal, Fuchs und Korsack, ebenso gut w\u00fcrden sich diese Hunde, wenn sie sich ganz von der Herrschaft des Menschen befreien wollten, selbstst\u00e4ndig machen und ern\u00e4hren k\u00f6nnen. Allein gerade da, wo die Hunde in diesem halbwilden Zustande leben, findet man niemals Meuten, welche in der Weise des Dingo, Buansah oder des Perro cimarron der amerikanischen Steppen jagen, und somit w\u00fcrden gerade sie nur dazu dienen, uns einen Zweifel mehr \u00fcber die Arteinheit der genannten wilden und unserer Haushunde wachzurufen.\nJene verwilderten Hunde des S\u00fcdens nun m\u00f6gen uns zu den eigentlichen Haushunden selbst f\u00fchren. Die Beschreibung ihres Wesens und Lebens mag die un\u00fcbertreffliche Kennzeichnung des Thieres er\u00f6ffnen, welche der Altvater der Thierkunde, Sinne, in seiner eigenth\u00fcmlich kurzen und schlagenden Weise geschrieben und uns hinterlassen hat. Ich habe mich bem\u00fcht, dieselbe so treu als m\u00f6glich im Deutschen wiederzugeben, obgleich Dies keine leichte Sache ist. Manche Stellen lassen sich gar nicht \u00fcbersetzen; das Uebrige lautet etwa also: \u201eFri\u00dft Fleisch, Aas, mehlige Pflanzenstoffe, kein Kraut, verdaut Knochen, erbricht sich nach Gras; lost auf einen Stein: Griechisch Wei\u00df, \u00e4u\u00dferst beizend. Trinkt leckend; w\u00e4ssert seitlich, in guter Gesellschaft oft hundertmal, beriecht des n\u00e4chsten After; Nase feucht, wittert vorz\u00fcglich; l\u00e4uft der Quer; geht auf den Zehen, schwitzt sehr wenig, in der Hitze l\u00e4\u00dft er die Zunge h\u00e4ngen; vor Schlafengehen umkreist er die Lagerst\u00e4tte; h\u00f6rt im Schlaf ziemlich scharf, tr\u00e4umt. Die H\u00fcndin ist grausam gegen eifers\u00fcchtige Freier; in der Laufzeit treibt sie es mit vielen; sie bei\u00dft dieselben; in der Begattung innig verbunden; tr\u00e4gt neun Wochen, w\u00f6lft vier bis acht, die M\u00e4nnchen dem Vater, die Weibchen der Mutier \u00e4hnlich. Treu \u00fcber Alles; Hausgenosse des Menschen; wedelt beim Nahen des Herrn, l\u00e4\u00dft ihn nicht schlagen; geht Jener, l\u00e4uft er voraus, am Kreuzweg sieht er sich um; gelehrig, erforscht er Verlornes, macht nachts die Runde, meldet Nahende, wacht bei G\u00fctern, wehrt das Vieh von den Feldern ab, h\u00e4lt Renthiere zusammen, bewacht Rinder und Schafe vor wilden Thieren, h\u00e4lt L\u00f6wen im Schach, treibt das Wild auf, stellt Enten, schleicht im Sprunge an das Netz, bringt das vom J\u00e4ger Erlegte, ohne zu naschen, dreht in Frankreich","page":331},{"file":"p0332.txt","language":"de","ocr_de":"332\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Haushund.\nden Bratspie\u00df, zieht in Sibirien den Wagen. Bettelt bei Tische; hat er gestohlen, zieht er \u00e4ngstlich den Schwanz ein; fri\u00dft gierig. Zu Hause Herr unter den Seinigen; Feind der Bettler; greift ungereizt Unbekannte an. Mit Lecken heilt er Wunden, Gicht und Krebs. Heult zur Musik, bei\u00dft in einen vorgeworfenen Stein; bei nahem Gewitter unwohl und \u00fcbelriechend. Hat seine Noth mit dem Bandwurm; Verbreitung der Tollwuth. Zuletzt wird er blind und benagt sich selbst. Der amerikanische vergi\u00dft das Bellen. Die Mahammedaner verabscheuen ihn; Opfer der Zergliederer f\u00fcr Blutumlauf rc.\"\nWir haben diese ausgezeichnete Beschreibung blos weiter auszuf\u00fchren. Alle Haushunde kommen in der Lebensweise und in ihren Sitten so ziemlich \u00fcberein, solange nicht die Beeinflussung, welche sie von den Sitten und Gewohnheiten des Menschen nothwendig mit erdulden m\u00fcssen, ihnen eine andere Lebensweise vorschreibt.\nDie Hunde sind mehr Tag- als Nachtthiere, obwohl sie f\u00fcr beide Zeiten gleich g\u00fcnstig ausger\u00fcstet sind und auch ebensowohl bei Tage als bei Nacht munter und lebendig sein k\u00f6nnen. Sie jagen, wenn sie es d\u00fcrfen, bei hellem Tage wie auch bei Nacht und vereinigen sich dazu gern in gr\u00f6\u00dferen Gesellschaften. Geselligkeit ist \u00fcberhaupt ein Grundzug ihres geistigen Wesens und hat auf ihre Sitten den entschiedensten Einflu\u00df. Sie fressen Alles, was der Mensch i\u00dft, thierische Nahrung ebensowohl als pflanzliche, und im rohen Zustand nicht minder als zubereitet. Vor Allem aber lieben sie Fleisch, und zwar etwas fauliges mehr noch, als das frische. Wenn sie es haben k\u00f6nnen, verzehren sie Aas mit wahrer Leidenschaft, und selbst die wohlerzogensten und bestgehaltenen Hunde fressen oft gierig die schmuzigsten Auswurfsstoffe des menschlichen Leibes. Einzelne Arten ziehen Fleisch aller \u00fcbrigen Nahrung vor, andere achten es weniger hoch. Von gekochten Speisen sind ihnen mehlige, besonders s\u00fc\u00dfe, die willkommensten, und auch wenn sie Fr\u00fcchte fressen, ziehen sie die zuckerhaltigen den s\u00e4uerlichen besonders vor. Knochen, gute Fleischbr\u00fche, Brod, Gem\u00fcse und Milch sind die eigensten Nahrungsstoffe eines Hundes; Fett und zuviel Salz sind ihm sch\u00e4dlich. Auch mit Brod allein kann man ihn f\u00fcttern und gesund erhalten, wenn man ihm nur immer seine Nahrung zu bestimmten Zeilen reicht. Keine Speise darf ihm hei\u00df gegeben werden; sie mu\u00df immer lau sein und ihm nur aus Geschirren gereicht werden, welche man best\u00e4ndig rein h\u00e4lt. Wenn ein alter Hund sich t\u00e4glich einmal recht sattfressen kann, hat er vollkommen genug Nahrung erhalten; besser jedoch ist es, wenn man ihn zweimal f\u00fcttert: und giebt man ihm abends soviel, da\u00df er gen\u00fcgend ges\u00e4ttigt ist, so h\u00fctet er eifriger und sicherer den ihm anvertrauten Posten, als ein hungriger, welcher leicht bestochen werden kann. Wasser trinken alle Hunde viel und oft; sie schlappen es sch\u00f6pfend mit der Zunge ein, indem sie dieselbe l\u00f6ffelf\u00f6rmig kr\u00fcmmen und die Spitze etwas nach vorn biegen. Das Wasser ist allen zur Erhaltung ihrer Gesundheit unbedingt nothwendig.\nIn gewissen Gegenden haben die Hunde nat\u00fcrlich ihre eigene Nahrung. So fressen sie, wie bemerkt, auf Kamtschatka und auch im gr\u00f6\u00dften Theile Norwegens blos Fische, hingegen gew\u00f6hnen sie sich da, wo viel Trauben gezogen werden, leicht an solche Kost und thun dann gro\u00dfen Schaden. Bei Bordeaux haben, wie Lenz angiebt, die Winzer das Recht, jeden Hund, der sich ohne Maulkorb in den Weinbergen sehen l\u00e4\u00dft, auf eine beliebige Art vom Leben zum Tode zu bringen. Man sieht daher dort viele Hundegalgen, an welche die Verbrecher aufgeh\u00e4ngt werden. Auch in den ungarischen Weinbergen sollen die Haushunde viel Schaden anrichten, weil dort die Trauben fast ganz bis auf die Erde herabh\u00e4ngen.\nWenn die Hunde \u00fcberfl\u00fcssige Nahrung besitzen, verscharren sie dieselbe, indem sie ein Loch in den Boden graben und dieses dann mit Erde zudecken. Bei Gelegenheit kehren sie dann zur\u00fcck und graben sich den verborgenen Schatz wieder aus, aber es kommt auch vor, da\u00df sie derartige Orte vergessen. Um Knochensplitter aus dem Magen zu entfernen, fressen sie gern Gras, namentlich solches von Quecken, und als Abf\u00fchrmittel gebrauchen sie Stachelkr\u00e4uter.\nDer Hund kann vortrefflich laufen und schwimmen, ja auch bis zu einem gewissen Grade klettern, aber nicht leicht, ohne Schwindel zu bekommen, an steilen Abgr\u00fcnden hingehen. Sein Gang geschieht","page":332},{"file":"p0333.txt","language":"de","ocr_de":"Nahrung. Seine Sinne, besonders der Geruch.\n333\nin seiner eigenth\u00fcmlichen schiefen Richtung, wie Jeder, der ihn genau beobachtet, bemerken kann. Bei eiligem Laufe ist er int Stande, gro\u00dfe Spr\u00fcnge zu machen, nicht aber auch j\u00e4he Wendungen, Kreuz-und Querbewegungen auszuf\u00fchren. Das Schwimmen versteht jeder Hund von Hause aus, obwohl einige Arten weit besser, als andere. Einige lieben das Wasser au\u00dferordentlich; verw\u00f6hnte Hunde scheuen es in hohem Grade. Das Klettern habe ich von den Hunden haupts\u00e4chlich in Afrika beobachtet. Hier erklimmen sie mit gro\u00dfer Gewandtheit Mauern und die wenig geneigten Hausd\u00e4cher, und laufen mit unfehlbarer Sicherheit wie Katzen auf den schm\u00e4lsten Abs\u00e4tzen hin.\u2014- In der Ruhe sitzt der Hund entweder auf den Hinterbeinen oder legt sich auf die Seite oder den Bauch, indem er die Hinterf\u00fc\u00dfe ausw\u00e4rtslegt, die Vorderf\u00fc\u00dfe vorw\u00e4rtsstreckt und zwischen sie seinen Kopf legt; selten streckt er die Hinterbeine dabei auch nach r\u00fcckw\u00e4rts aus. Gro\u00dfe, schwere Hunde legen sich im Sommer gern in den Schatten und zuweilen aus den R\u00fccken. Bei K\u00fchle ziehen sie die F\u00fc\u00dfe an sich und stecken die Schnauze zwischen die Hinterbeine. Die W\u00e4rme lieben alle und ebenso eine weiche Unterlage; dagegen vertragen sie nur \u00e4u\u00dferst selten eine Decke, welche sie birgt, und die Nase wenigstens mu\u00df stets unter einer solchen hervorschauen. Ehe sich der Hund niederlegt, geht er einige Male im Kreis umher und scharrt sein Lager auf, oder versucht Dies wenigstens zu thun. Das Scharren macht ihm Vergn\u00fcgen; er kratzt oft mit den Vorder- oder Hinterbeinen gleichsam zu seiner Unterhaltung.\nAlle Hunde schlafen gern und viel, aber in Abs\u00e4tzen, und ihr Schlaf ist sehr leise und unruhig, h\u00e4ufig auch von Tr\u00e4umen begleitet, welche sie durch Wedeln mit dem Schw\u00e4nze, durch Zuckungen, Knurren und leises Bellen kundgeben. Reinlichkeit lieben sie \u00fcber Alles, und der Ort, wo sie gehalten werden und namentlich, wo sie schlafen sollen, mu\u00df immer rein sein. Ihren Unrath setzen sie gern auf kahlen Pl\u00e4tzen, besonders auf Steinen ab und decken ihn zuweilen mit Mist oder Erde zu, welche sie mit den Hinterf\u00fc\u00dfen nach r\u00fcckw\u00e4rts werfen. Selten gehen die m\u00e4nnlichen Hunde an einem Haufen, Stein, Pfahl oder Strauch vor\u00fcber, ohne sich hierbei ihres Harns zu entledigen, und zwar thun sie Dies, wenn sie \u00fcber neun Monate alt geworden sind, nach Linne'scher Angabe. Dagegen schwitzen sie wenig am K\u00f6rper, selbst beim st\u00e4rksten und anhaltendsten Laufe; ihr Schwei\u00df sondert sich auf der Zunge ab, welche sie, wenn sie erhitzt sind, keuchend aus dem Munde strecken.\nDie Sinne des Hundes sind scharf, aber bei den verschiedenen Arten nicht gleichm\u00e4\u00dfig ausgebildet. Geruch, Geh\u00f6r und Gesicht scheinen obenanzustehen, und zwar zeichnen sich die einen durch besseres Geh\u00f6r, die anderen durch bessern Geruch vor den \u00fcbrigen aus. Auch der Geschmack ist ihnen nicht abzusprechen, obwohl sich derselbe in eigenth\u00fcmlicher Weise \u00e4u\u00dfert. Alle Reizungen, welche ihre Sinneswerkzeuge zu sehr anregen, sind ihnen verha\u00dft. Am unempfindlichsten sind sie noch gegen das Licht; sehr empfindlich ^aber gegen laute und gellende T\u00f6ne oder scharfe Ger\u00fcche. Glockengel\u00e4ute und Musik bewegt sie zum Heulen; k\u00f6lnisches Wasser, Salmiakgeist, Aether und dergleichen ruft wahres Entsetzen bei ihnen hervor, wenn man solche Dinge ihnen unter die Nase h\u00e4lt. Der Geruch ist bei manchen in wunderbarer Weise entwickelt und erreicht eine H\u00f6he, welche wir geradezu nicht begreifen k\u00f6nnen. Wie wichtig der Geruchsinn f\u00fcr das Leben der Hunde ist, geht schlagend aus Untersuchungen hervor, welche Bisst und nach ihm Schiff anstellten. Sie zerschnitten s\u00e4ugenden Hunden den Riechnerven (Tractus olfactorius) und den Riechkolben (Bulbus olfactorius). Nachdem Dies geschehen war, krochen die H\u00fcndchen scheinbar gesund im Lager umher; aber sie konnten die Zitzen der Mutter nicht mehr finden, und es blieb gar nichts Anderes \u00fcbrig, als sie mittelst einer Spritze zu ern\u00e4hren. Sie machten Saugversuche an einem erw\u00e4rmten Schafspelz, und merkten die N\u00e4he der Mutter gew\u00f6hnlich erst durch Ber\u00fchrung. Als sie zu lausen begannen, verirrten sie sich oft und fanden das Lager nicht wieder. Fleisch und Brod in der Milch lie\u00dfen sie liegen, zogen sp\u00e4ter das Fleisch dem Brod nicht vor, merkten das Futter nur durch das Gesicht und lie\u00dfen sich deshalb leicht t\u00e4uschen in der allersonderbarsten Weise. Die Feuchtigkeit und W\u00e4rme eines Gegenstandes leitete sie dabei oft g\u00e4nzlich falsch. Sie lie\u00dfen trocknes Fleisch liegen, leckten aber den eigenen Harn und den eigenen Koth aus. Schweflige S\u00e4ure und andere starke Ger\u00fcche beachteten sie garnicht; Ammoniak und Aether bewirkten nach l\u00e4ngerer Zeit Niesen, aber erst viel sp\u00e4ter, als bei","page":333},{"file":"p0334.txt","language":"de","ocr_de":"334\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Haushund.\nanderen Hunden. Als sie gr\u00f6\u00dfer wurden, zeigten sie nicht die geringste Anh\u00e4nglichkeit an den Menschen.\nUeber das geistige Wesen der Hunde lassen sich B\u00fccher schreiben; es d\u00fcrfte also schwer sein, dasselbe mit kurzen Worten zu schildern. Die beste Beschreibung der Hundeseele hat Scheitlin gegeben, und ich will deshalb aus dieser Bruchst\u00fccke hier folgen lassen;\n\u201eSo gro\u00df die leibliche Verschiedenheit der Hunde ist, die geistige ist noch viel gr\u00f6\u00dfer; denn die einen Hundearten sind v\u00f6llig ungelehrig, die anderen lernen alles M\u00f6gliche augenblicklich. Die einen kann man nicht, die anderen schnell ganz z\u00e4hmen, und was die einen hassen, das lieben andere. Der Pudel geht von selbst ins Wasser, der Spitz will immer zu Hause bleiben. Die Dogge l\u00e4\u00dft sich auf den Mann, der Pudel nicht hierzu abrichten. Nur der Jagdhund hat eine solche feine Sp\u00fcrnase; nur der B\u00e4renhund bei\u00dft den B\u00e4ren zwischen die Hinterbeine; nur der lange Dachshund, -dem in der Mitte ein paar-Beine zu mangeln scheinen, ist so niedrig gebaut und so krummbeinig, um in Dachsl\u00f6cher hineinkriechen zu k\u00f6nnen, und thut Dies mit derselben Wollust, mit welcher der Fleischerhund in Bogen l\u00e4uft und hinter den K\u00e4lbern und Rindern herhetzt.\"\n\u201eDer Hund von Neufundland ist es, der den Wolf nicht f\u00fcrchtet, daher vortrefflich zur Herdenbewachung dient und meisterhaft gr\u00e4bt, schwimmt, taucht und Menschen herausholt. Auch dxr Fleischerhund mi\u00dft sich mit dem Wolfe, ist ein guter Herdenw\u00e4cht?r, jagd auf wilde Schweine und jedes andere gro\u00dfe Thier, ist verst\u00e4ndig und dem Herrn treu zugethan, geht aber nicht ins Wasser, wenn er nicht mu\u00df. Man benutzt und mi\u00dfbraucht ihn zur Hetze, wodurch er gariz nach psychologischer 3 Ordnung immer sch\u00e4rfer und besonders gegen K\u00e4lber, die, weil sie nicht ausschlagen, von ihm nicht gef\u00fcrchtet werden, eine wahre Bestie wird. Sein Blutdurst ist \u00e4u\u00dferst widrig, und seine Wuth, zu bei\u00dfen,\nBlut zu trinken, Thier\u00fcberreste herumzuzerren und zu fressen, geh\u00f6rt zu seinen schlechtesten Eigenschaften. Dem Windhunde wird beinahe aller Verstand, Erziehungsf\u00e4higkeit und Treue an seinem Herrn ab-, daf\u00fcr kindische Neigung, von Unbekannten sich schmeicheln zu lassen, zugesprochen; doch kann man ihn zur Jagd auf Hasen re. abrichten. Die Wachtelhunde deuten mit ihrem Namen auf Das, wozu sie von Natur taugen. Denn der Hund und jedes andere Thier mu\u00df durch irgend Etwas von sich aus kundthun, wozu es Lust hat, ehe man es abrichten will. Zum blosen Vergn\u00fcgen, j sich im Arme sanft tragen zu lassen, mit der Dame auf dem Sopha zu schlafen, am warmen Busen zu liegen, Ung\u00fcnstlinge anzuknurren, in der Stube zu bleiben, mit der Dame aus einem Glase zu trinken, von einem Teller zu speisen und sich k\u00fcssen zu lassen, dazu wird das Bologneser- und L\u00f6wenh\u00fcndchen gehalten. Am Jagdhunde wird ein scharfer Geruch und viel Verstand und die , gr\u00f6\u00dfte Gelehrigkeit nebst treuer Anh\u00e4nglichkeit an seinen Herrn gelobt. Ebenso verst\u00e4ndig und ein guter W\u00e4chter ist der Haus- oder der Hirtenhund. Der Spitz oder Pommer soll kluger, gelehriger, lebhafter und geschickter Art sein und gern bei\u00dfen, als Haushund wachsam und in einzelnen Abarten t\u00fcckisch und falsch sein. Dem Menschen ergeben, aber ohne seinen Herrn zu kennen, Schl\u00e4ge nicht f\u00fcrchtend, uners\u00e4ttlich und doch mit Geschicklichkeit lange zu hungern f\u00e4hig, geh\u00f6rt zur Kennzeichnung des Nordhundes. Der Doggen Art ist Treue bei wenig Verstand: sie sind gute W\u00e4chter, wilde, muthige Gegner auf wilde Schweine, L\u00f6wen, Tiger und Panther; sie achten auch ihr eigenes Leben fast f\u00fcr Nichts, merken auf jeden' Wink des Auges und der Hand, wie vielmehr auf das Wort ihres Herrn, lassen sich auf den Mann abrichten, nehmen es mit drei, vier Mann auf, ber\u00fccksichtigen Sch\u00fcsse, Stiche und zerrissene Glieder nicht und balgen sich mit ihres Gleichen greulich herum. Sie sind sehr stark, rei\u00dfen den st\u00e4rksten Menschen zu Boden, erdrosseln ihn, bannen ihn, auf ihm herumspringend, auf eine Stelle, bis er erl\u00f6st wird, und halten rasende Wildschweine am Ohr unbeweglich fest. Leitsam sind sie im h\u00f6chsten Grade. Sie haben ein wenig mehr Verstand, als man meint. Am tiefsten unter den Hunden steht unleugbar der Mops. Er ist eigentlich dumm; er ist durch geistige Versinkung entstanden und kann sich begreiflich durch sich selbst nicht heben. Er erfa\u00dft den Menschen nicht und der Mensch ihn nicht.\"","page":334},{"file":"p0335.txt","language":"de","ocr_de":"Scheitlins Schilderung der Hundeseele.\n335\n\u201eDer vollkommenste Hund ist der Pudel, und was Gescheites und Braves am Hunde ger\u00fchmt wird, bezieht sich vereint auf ihn.\"\n\u201eDer Hundeleib ist f\u00fcr die Zeichnung und Ausstopfung schon zu geistig. Seine Seele ist unleugbar so vollkommen, als die eines S\u00e4ugethiers sein kann. Von keinem Thiere k\u00f6nnen wir so oft sagen, da\u00df ihm vom Menschen Nichts mehr, als die Sprache, mangelt, von keinem S\u00e4ugethiere haben wir so viele Darstellungen aller Ab\u00e4nderungen, von keinem so eine au\u00dferordentliche Menge von Erz\u00e4hlungen, die uns seinen Verstand, sein Ged\u00e4chtni\u00df, seine Erinnerungskraft, sein Schlie\u00dfungsverm\u00f6gen, seine Einbildungskraft oder sogar sittliche Eigenschaften, als da sind: Treue Anh\u00e4nglichkeit, Dankbarkeit, Wachsamkeit, Liebe zum Herrn, Geduld im Umgang mit Menschenkindern, Wuth und Todesha\u00df gegen die Feinde seines Herrn rc. kundthun sollen, weswegen kein Thier so oft, als er dem Menschen als Muster vorgestellt wird. Wie viel wird uns von seiner F\u00e4higkeit, zu lernen erz\u00e4hlt! Er tanzt, er trommelt, er geht auf dem Seile; er steht Wache; er erst\u00fcrmt und vertheidigt Festungen; er schie\u00dft Pistolen los; er dreht den Bratspie\u00df; zieht den Wagen; er kennt die Noten, die Zahlen, Karten, Buchstaben; er holt dem Menschen die M\u00fctze vom Kopfe; bringt Pantoffeln und versucht Stiefel und Schuhe wie ein Knecht auszuziehen; er versteht die Augen- und Mienensprache und noch gar vieles Andere.\"\n\u201eGerade seine Verderbtheit, gerade seine List, sein Neid, Zorn, Falschheit, Geiz, seine Zanksucht, sein Ha\u00df, seine Geschicklichkeit, sein Leichtsinn, seine Neigung zum Stehlen, seine F\u00e4higkeit, aller Welt freundlich zu sein rc. bringen ihm den gew\u00f6hnlichen Menschen nahe. W\u00fcrmer, K\u00e4fer und Fische lobt und tadelt man nicht, aber den Hund! Man denkt, es lohne sich der M\u00fche, ihn zu strafen und zu belohnen. Man gebraucht in Urtheilen \u00fcber ihn gerade die Ausdr\u00fccke, die man von dem Menschen braucht. Man macht ihn wegen seiner geistigen und sittlichen Vorz\u00fcge zum Reise- und Hausgenossen, zum Lebensgef\u00e4hrten und lieben Freunde; man lohnt ihm seine Liebe und Anh\u00e4nglichkeit durch Anh\u00e4nglichkeit und Liebe; man macht ihn zum Tischgenossen, man r\u00e4umt ihm wohl gar eine Stelle im Bette ein; man kost ihn, pflegt ihn sorgf\u00e4ltig, giebt ihn an den Arzt, wenn er leidend ist, trauert mit ihm, um ihn und weint, wenn er gestorben; man setzt ihm ein Denkmal.\"\n\u201eNicht ein einziger Hund ist dem andern weder k\u00f6rperlich noch geistig gleich. Jeder hat eigne Arten und Unarten. Oft sind sie die \u00e4rgsten Gegens\u00e4tze, so da\u00df die Hundebesitzer an ihren Hunden einen unersetzlichen Stoff zu gesellschaftlichen Gespr\u00e4chen haben. Jeder hat einen noch gescheitern! Doch erz\u00e4hlt etwa Einer von seinem Hunde hundsdumme Streiche, dann ist jeder Hund ein gro\u00dfer Stoff zu einer Charakteristik, und wenn er ein merkw\u00fcrdiges Schicksal erlebt, zu einer Lebensbeschreibung. Selbst in seinem sterben kommen Eigenheiten vor.\"\n\u201eNur wer kein Auge hat, sieht die ihm urspr\u00fcnglichen und entstandenen Eigenschaften nicht. Und welche Verschiedenheit einer und derselben Hundeart! Jeder Pudel z.B. hat Eigenheiten, Sonderbarkeiten, Unerkl\u00e4rbarkeiten; er ist schon viel ohne Anleitung. Er lehrt sich selbst, ahmt dem Menschen nach, dr\u00e4ngt sich zum Lernen, liebt das Spiel, hat Launen, setzt sich Etwas in den Kopf, will Nichts lernen, thut dumm, empfindet lange Weile, will th\u00e4tig sein, ist neugierig u. s. w. Einige k\u00f6nnen nicht hassen, andere nicht lieben; einige k\u00f6nnen verzeihen, andere nie. Sie k\u00f6nnen einander in Gefahren und zu Verrichtungen beistehen, zu Hilfe eilen, Mitleid f\u00fchlen, lachen und weinen oder Thr\u00e4nen vergie\u00dfen, zur Freude jauchzen, aus Liebe zum verlornen Herrn trauern, verhungern, alle Wunden f\u00fcr ihn verachten, den Menschen ihres Gleichen weit vorziehen, und alle Begierden vor den Augen ihres Herrn in dem Z\u00fcgel halten oder schweigen. Der Pudel kann sich sch\u00e4men, kennt Raum und Zeit vortrefflich, kennt die Stimme, den Ton der Glocke, den Schritt seines Herrn, die Art, wie er klingelt, kurz er ist kein halber, ein Zweidrittelmensch. Er benutzt ja seinen K\u00f6rper so gescheit, als der Mensch den seinigen, und wendet seinen Verstand f\u00fcr seine Zwecke vollkommen an, doch mangelt ihm das letzte Dritttheil.\"\n\u201eWir m\u00fcssen wesentlich verschiedene Geister, die nicht in einander verwandelt werden k\u00f6nnen, unter den Hunden annehmen. Der Geist des Spitzes ist nicht der des Pudels; der Mops denkt und","page":335},{"file":"p0336.txt","language":"de","ocr_de":"336\nDie Raubthiere. Hunde \u2014 Haushund.\nwill anders, als der Dachshund. Der Mops ist dumm, langsam, flegmatisch; der Metzgerhund melancholisch, bittergallig, blutdurstig; der Spitz heftig, j\u00e4hzornig, engherzig, bis in den Tod geh\u00e4ssig; der Pudel immer lustig, immer munter, alle Zeit durch der angenehmste Gesellschafter, aller Well Freund, treu und untreu, dem Genu\u00df ergeben, wie ein Kind nachahmend, zu Scherz und Possen stets aufgelegt, der Welt und Allen ohne Ausnahme angeh\u00f6rig, w\u00e4hrend der Spitz nur seinem Hause, der Metzgerhund nur dem Thiere, der Dachshund nur der Erdh\u00f6hle, der Windhund nur dem Laufe, die Dogge nur dem Herrn, der H\u00fchnerhund nur dem Feldhuhn angeh\u00f6rt. Blos der Pudel befreundet sich mit allen Dingen, mit der Katze, dem Gegensatz, mit dem Pferde, dem Kollegen, mit dem Menschen, dem Herrn, mit dem Hause, es bewachend, mit dem Wasser, aus dessen Tiefe er gern Steine holt, mit dem Vogel des Himmels, zu welchem er hoch hinaufspringt, ihn zu sangen, mit der Kutsche und dem Wagen, indem er unter ihnen herl\u00e4uft. Doggen vertreten W\u00e4chter, Soldaten, M\u00f6rder, bannen und erdrosseln Menschen. Die Windspiele und Jagdhunde vertreten die J\u00e4ger mit angeborenen J\u00e4ger-begabungen. Wie leicht sind sie an das Horn zu gew\u00f6hnen, wie achtsam sind sie auf den Schu\u00df und jedes Jagdzeichen! Wie verstehen sie so genau alle Stimmen und Bewegungen des Wildes, wie geschickt ist der H\u00fchnerhund, zu lernen, wie er das gefundene Thier anzeigen, festbannen, welches Bein er erheben oder vorstrecken mu\u00df, je nachdem er Dieses oder Jenes erblickt. Zwar lehrt ihm schon viel die Natur, und er mu\u00df gar nicht Alles vom Menschen lernen, er lehrt sich Manches selbst. Aber der Pudel lehrt sich selbst noch weit mehr, an ihm ist Alles Seele, er macht nichts Dummes, oder nur, wenn er selbst es will. In allen Hundearten ist mehr Trieb, in ihm mehr Verstand. Wie rast der Jagdhund der Jagd zu, wie tobt er keuchend athemlos dem Wild nach! Wie w\u00fcthet der Dogge auf den Feind los! Wie niedertr\u00e4chtig umrennt der Metzgerhund mit lechzender, herabh\u00e4ngender Zunge und falschem Auge im Halbkreis die vor ihm angstvoll trippelnden K\u00e4lber! Wie roh f\u00e4llt er sie an, wenn sie sich auf die Seite verirren; wie gleichgiltig ist er gegen ihren Schmerz, ja er scheint ihm noch zu gefallen! Wie st\u00fcrzt der H\u00fchnerhund auf die erlegten V\u00f6gel, hingerissen von der Wuth, sie zu erdrosseln! Nichts von allem diesen Unedlen, Unw\u00fcrdigen, Schimpflichen am Pudel, wenn er nicht verzogen wurde, wenn man ihn, sei es auch nur naturgem\u00e4\u00df, seinem eigenen Genius \u00fcberlassen hat. Der Pudel ist von Natur gut, jeder schlechte ist durch Menschen schlecht gemacht geworden.\"\nDoch ich mu\u00df ein Ende finden und darf selbst unserm Scheitlin nicht weiter folgen. Was lie\u00df sich \u00fcber den Verstand des Hundes nicht Alles noch sagen! F\u00fcrwahr, man darf es dem Zoroaster nicht verdenken, wenn er in diesem Thiere den Begriff alles thierisch Edlen und Vollkommenen vereinigt sieht. M\u00fcssen wir doch Alle am Hunde unsern treusten Freund, unsern liebsten Gesellschafter aus dem ganzen Thierreich erblicken; sind wir doch im Stande, uns mit ihm f\u00f6rmlich zu unterhalten.\n\u201eIch habe Hunde gekannt,\" sagt Lenz, \u201edie fast jedes Wort ihres Herrn zu verstehen schienen, auf seinen Befehl die Th\u00fcr \u00f6ffneten und verschlossen, den Stuhl, den Tisch oder die Bank herbei-brachten, ihm den Hut abnahmen oder holten, ein verstecktes Schnupftuch und dergleichen aussuchten und brachten, den Hut eines ihnen bezeichneten Fremden unter anderen H\u00fcten durch den Geruch hervorsuchten u. s. w. Ueberhaupt ist es eine Lust, einen klugen Hund zu beobachten, wie er die Ohren und Augen wendet, wenn er den Befehl seines Herrn erwartet, wie entz\u00fcckt er ist, wenn er ihm folgen darf, und wie j\u00e4mmerlich dagegen sein Gesicht, wenn er zu Hause bleiben mu\u00df; wie er ferner, wenn er voraus gelaufen und an einen Scheideweg gekommen, sich umsieht, um zu erfahren, ob er links oder rechts gehen m\u00fcsse; wie gl\u00fcckselig er ist, wenn er einen recht klugen, wie besch\u00e4mt, wenn er einen dummen Streich gemacht hat; wie er, wenn er ein Unheil angestellt hat und nicht gewi\u00df wei\u00df, ob sein Herr es merkt, sich hinlegt, g\u00e4hnt, den Halbschlafenden und Gleichg\u00fcltigen spielt, um jeden Verdacht von sich abzuw\u00e4lzen, dabei aber doch von Zeit zu Zeit einen \u00e4ngstlichen, ihn verrathenden Blick auf seinen Herrn wirft; wie er ferner jeden Hausfreund bald kennen lernt, unter den Fremden Vornehm und Gering leicht unterscheidet, vorz\u00fcglich einen Ingrimm gegen Bettler hegt u. s. w. H\u00fcbsch sieht sich's auch mit an, wenn ein Hund seinem Herrn zu Gefallen Tr\u00fcffeln sucht, f\u00fcr die er doch von","page":336},{"file":"p0337.txt","language":"de","ocr_de":"337\nSchilderungen von Scheitlin und Lenz. Erziehung und Sitten des Hundes.\nNatur eigentlich gar keine Liebhaberei hat; wie ein anderer seinem Herrn den Schubkarren ziehen hilft und sich umsomehr anstrengt, jemehr er sieht, da\u00df sein Herr es thut.\"\nAus diesem Allen geht hervor, da\u00df die Hundearten unter einander mindestens in eben demselben Grade geistig verschieden sind, wie sie leiblich von einander abweichen. Au\u00dferordentliche und unverw\u00fcstliche Treue und Anh\u00e4nglichkeit an den Herrn, unbedingte Folgsamkeit und Ergebenheit, strenge Wachsamkeit, Sanstmuth, Milde im Umgang, dienstfertiges und freundliches Betragen: dies sind die hervorragendsten Z\u00fcge ihres geistigen Wesens; allein kein einziger Hund vereinigt sie alle in gleich hoher Ausbildung. Der eine Zug tritt mehr zur\u00fcck, der andere mehr hervor. Mehr als man annimmt, thut dabei die Erziehung. Nur gute Menschen k\u00f6nnen Hunde gut erziehen, nur M\u00e4nner sind f\u00e4hig, sie zu etwas Vern\u00fcnftigem und Verst\u00e4ndigem abzurichten. Frauen sind keine Erzieher, und deshalb sind die Schoshunde auch stets verzogene, verz\u00e4rtelte, launenhafte und nicht selten heimt\u00fcckische Gesch\u00f6pfe. Der Hund wird ein treues Spiegelbild seines Herrn; je freundlicher, liebreicher, aufmerksamer er behandelt, je besser, reinlicher er gehalten wird, jemehr und je verst\u00e4ndiger man sich mit ihm besch\u00e4ftigt, um so verst\u00e4ndiger und ausgezeichneter wird er, und genau das Gegentheil geschieht, wenn er umgekehrt behandelt wird. Der Bauernhund ist ein roher, plumper, aber ehrlicher Gesell; der Sch\u00e4ferhund ein verst\u00e4ndiger Hirt, der Jagdhund ein vortrefflicher J\u00e4ger, welcher die Kunst der Jagd selbst auf eigne Faust betreibt. Der Hund eines vornehmen Nichtsthuers ist ein fauler, \u00fcppiger Gesell und eigentlich weit ungezogener, als der rohe, ungebildete des Bauern. Jeder Hund nimmt den Ton des Hauses an, in welchem er lebt; er ist verst\u00e4ndig, wenn er bei vern\u00fcnftigen Leuten wohnt; er wird zum hochm\u00fcthigen Narren, wenn sein Herr durch Stolz die Hohlheit seines Kopfes ausf\u00fcllen mu\u00df; er betr\u00e4gt sich freundlich gegen Jedermann, wenn es in seinem Haus gesellig hergeht, oder er ist ein gr\u00e4mlicher Einsiedler, wenn er bei einem alten Junggesellen oder bei einer \u00e4ltern Jungfrau wohnt, welche wenig Zuspruch hat. Unter allen Umst\u00e4nden f\u00fcgt er sich in die verschiedenartigsten Verh\u00e4ltnisse, und immer giebt er sich dem Menschen mit ganzer Seele hin. Diese hohe Tugend wird leider gew\u00f6hnlich nicht erkannt, und deshalb gilt heute noch das Wort \u201eh\u00fcndisch\" f\u00fcr entehrend, w\u00e4hrend es eigentlich gerade das Gegentheil bedeutet. Die Allseitigkeit der Bef\u00e4higung erhebt den Hund auf die h\u00f6chste Stufe, die Treue zum Menschen macht ihn zu dessen unentbehrlichsten Genossen. Er geh\u00f6rt ganz und gar seinem Herrn an und opfert ihm zu Liebe sich selbst aus. In seinem Gehorsam, mit welchem er alle Befehle seines Gebieters ausf\u00fchrt, in der Bereitwilligkeit, mit welcher er sich den schwersten Arbeiten unterzieht, er sich in Lebensgefahr begiebt, kurz, in dem best\u00e4ndigen Bestreben, dem Herrn unter allen Umst\u00e4nden zu n\u00fctzen und zu dienen: darin liegt sein Ruhm, seine Gr\u00f6\u00dfe. Wenn man ihn Speichellecker und Scchwanzwedler schimpft, vergesse man nicht, da\u00df der Hund sich dieser Kriecherei und Erniedrigung nur seinem Herrn und Wohlth\u00e4ter gegen\u00fcber schuldig macht; gegen diesen wedelnd und kriechend, weist er sofort dem eintretenden Fremden die Z\u00e4hne und ist sich jeden Augenblick seiner Stellung bewu\u00dft.\nManche eigenth\u00fcmliche Sitten sind fast allen Arten gemein. So heulen und bellen sie den Mond an, ohne da\u00df man daf\u00fcr eigentlich einen Grund auffinden k\u00f6nnte. Sie rennen Allem, was schnell an ihnen vor\u00fcbereilt, nach, seien es Menschen, Thiere, rollende Wagen, Kugeln, Steine oder dergleichen, suchen es zu ergreifen und festzuhalten, selbst wenn sie recht wohl wissen, da\u00df es ein durchaus unn\u00fctzbarer Gegenstand f\u00fcr sie ist. Sie sind gegen gewisse Thiere im h\u00f6chsten Grade feindlich gesinnt, ohne da\u00df dazu ein sicherer Grund vorhanden w\u00e4re. So hassen alle Hunde die Katzen und den Igel; sie machen sich bei letzterm f\u00f6rmlich ein Vergn\u00fcgen daraus, sich selbst zu qu\u00e4len, indem sie w\u00fcthend in das Stachelkleid bei\u00dfen, obgleich sie wissen, da\u00df Dies erfolglos ist und ihnen h\u00f6chstens blutige Nasen und Schnauzen.einbringt. Doch Jeder von uns kennt ja diese Eigenth\u00fcmlichkeiten aus eigner Erfahrung.\nMerkw\u00fcrdig ist ein sehr starkes Vorgef\u00fchl des Hundes bei Ver\u00e4nderung des Witterung. Er sucht deren Einfl\u00fcssen im voraus zu begegnen; ja, er zeigt sogar dem Menschen schon durch einen widerlichen Geruch, den er ausd\u00fcnstet, den kommenden Regen an.\nBrehm, Thierleben.\t90","page":337},{"file":"p0338.txt","language":"de","ocr_de":"338\nDie RauLthiere. Hunde \u2014 Haushund.\nIn feinem Umg\u00e4nge mit Menschen beweist der Hund ein Erkennnngsverm\u00f6gen, welches nns oft Wunder nehmen mu\u00df. Da\u00df alle Hunde den Abdecker kennen lernen und mit \u00e4u\u00dferstem Ha\u00df verfolgen, ist sicher. Ebenso gewi\u00df ist es aber auch, da\u00df sie augenblicklich missen, ob ein Mensch ein Freund von ihnen ist oder nickt. Da\u00df die Ausd\u00fcnstung gewisser Personen ihnen besonder\u00ab angenehm oder unangenehm ist, d\u00fcrfte wohl nicht zu bezweifeln sein: allein Dies w\u00fcrde immer noch Nichts f\u00fcr diesen Fall beweisen. Manche Menschen werden, sobald sie in ein Haus treten, augenblicklich mit gr\u00f6\u00dfter Freundlichkeit von allen Hunden begr\u00fc\u00dft, selbst wenn ihnen diese noch nicht vorgestellt worden und ganz fremd sind. Ich kenne Frauen, welche sich nirgends niederlassen k\u00f6nnen, ohne nach wenrgen\nMinuten von s\u00e4mmtlichen Haushunden umlagert zu werden.\nBei dem Umg\u00e4nge des Hundes mit dem Menschen kann man auch sehr gut den wechselnden Ausdruck des Hundegesichts beobachten. Die hohe geistige F\u00e4higkeit des Thieres spricht sich in seinem Gesicht ganz unverkennbar aus, und es wird wohl Niemand leugnen wollen, da\u00df jeder Hund fernen 'durchaus besondern Ausdruck hat, da\u00df man zwei Hundegesichter ebensowenig wird verwechseln k\u00f6nnen,\nwie zwei Menschengesichter.\t,\nUnter sich leben die Hunde gew\u00f6hnlich nicht besonders vertr\u00e4glich. Wenn zwei zusammenkommen, welche sich nicht kennen, geht's erst an ein gegenseitiges Beriechen, dann fletschen beide die Zahne, und die Bei\u00dferei beginnt, falls nicht zarte R\u00fccksichten obwalten. Um (3 auffallender sind Freundschaften von der gr\u00f6\u00dften Innigkeit, welche einzelne, gleichgeschlechtige Hunde zuweilen eingehen. Solche Freunde zanken sich nie, suchen sich gegenseitig, leisten sich Hilfe in der Noth K. Auch mit anderen gieren werden manchmal \u00e4hnliche B\u00fcndnisse geschloffen; selbst das beliebte Sprichwort von der Zuneigung\nzwischen Hund und Katze kann zu Schanden werden.\nDer Geschlechtstrieb ist bei de\u00bb Hunden sehr ausgepr\u00e4gt; er zeigt sich bei allen Arten als Aeu\u00dferung einer heftigen Leidenschaft, als ein Rausch, selbst als eine Art vor\u00fcbergehender Krankheit und macht sie mehr oder weniger n\u00e4rrisch. Wird er nicht befriedigt, so kann der Hund unter Umstanden krank, sogar toll werden. Dabei ist der m\u00e4nnliche Hnnd nicht \u00e4rger betheiligt, als der weibliche, obgleich sich bei diesem die Sache in einem andern Lichte zeigt. Die H\u00fcndin ist zweimal im Jahre l\u00e4usisch, zumeist im Februar und im August, und zwar w\u00e4hrt dieser Zustand jedesmal 9 bis 14 -vage. Um diese Zeit versammelt sie alle m\u00e4nnlichen Hunde der Nachbarschaft um sich, selbst solche, welche eine halbe Stunde weit von ihr entfernt wohnen. Wie diese von einer begattnngSlnstigen H\u00fcndin Sunde bekommen, ist geradezu unbegreiflich. Man kann nicht wohl annehmen, da\u00df sie durch den Geruch soweit geleitet w\u00fcrden, und gleichwohl ist eine andere Erkl\u00e4rung ebensowenig denkbar. Das Betragen beider Geschlechter unter sich ist ein h\u00f6chst eigenth\u00fcmliches. Es ist ebenso anziehend, als absto\u00dfend, es erregt ebenso unsere Heiterkeit, als unsern Widerwillen. Der m\u00e4nnliche Hund ist im h\u00f6chsten Grade aufgeregt und folgt der H\u00fcndin aus Schritt und Tritt. Dabei wirbt er mit allen m\u00f6glichen Kunstgriffen um deren Zuneigung. Sein ganzes Gesicht wird ein andere\u00ab; ,ede ferner Bewegungen ist gehobener, stolzer und eigenth\u00fcmlicher; er sucht sich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln liebensw\u00fcrdig zu machen. Dahin geh\u00f6rt das Beschnuppern, das freundliche Anschauen, das sonderbare Auswerfen des Kopfes, die wirklich z\u00e4rtlichen Blicke, das bittende Gekl\u00e4ff und dergleichem Gegen andere Hunde ist er mi\u00dfgelaunt und eifers\u00fcchtig. Finden sich zwei gleich starke aus gleichem Wege, so giebt es eine t\u00fcchtige Bei\u00dferei; sind mehrere vereinigt, so geschieht Dies nicht, aber nm^ ans dem Grunde, weil alle \u00fcbrigen m\u00e4nnlichen Hunde sofort auf ein paar Zweikampfer losst\u00fcrzen t\u00fcchtig aus sie hineinbei\u00dfen und sie dadurch auseinandertreiben. Gegen die H\u00fcndin sind alle aterf) gegen alle ihre Mitbewerber gleich abscheulich, und deshalb h\u00f6rt auch das Knurren und Klaffen, Zanken und Bei\u00dfen nicht auf. Die H\u00fcndin selbst zeigt sich \u00e4u\u00dferst spr\u00f6de und bei\u00dft best\u00e4ndig nach den sich ihr nahenden Liebhabern. Sie knurrt, zeigt die Z\u00e4hne und ist sehr unartig, ohne l-doch dadurch die hingebenden Liebhaber zu erz\u00fcrnen oder zu beleidigen. Endlich scheint sie doch \u00bb\u00bbt thuen Frieden zu schlie\u00dfen und giebt sich den Forderungen ihres nat\u00fcrlichen Triebes hm. Dabei ist es nun widerw\u00e4rtig, da\u00df sie in Vielm\u00e4nnigkeit lebt und mehr als einem Hunde die Beiwohnnng gestattet, und es","page":338},{"file":"p0339.txt","language":"de","ocr_de":"339\nSeine Geselligkeit. Paarung. Mutterpflicht.\nist deshalb unrichtig, wenn Scheitlin behauptet, da\u00df nur unter den Menschen, \u201ediesen Unnaturen,\" hier und da ein Weib viel M\u00e4nner habe. Eine wahre Ehe findet bei den Hunden niemals statt; denn sobald die Laufzeit vor\u00fcber ist, sind alle Hunde, wenn auch nicht gleichgiltig, so doch weit weniger f\u00fcr den Gegenstand ihrer so hei\u00dfen Liebe eingenommen.\n__ Dreiundsechzig Tage nach der Paarung w\u00f6lft die H\u00fcndin an einem dunkeln Orte drei bis zehn, gew\u00f6hnlich vier bis sechs, in \u00e4u\u00dferst seltenen F\u00e4llen aber f\u00fcnfzehn, ja selbst zwanzig Junge, welche schon mit den Vorderz\u00e4hnen zur Welt kommen, jedoch zehn bis zw\u00f6lf Tage blind bleiben. Die Mutter liebt ihre Kinder \u00fcber Alles, s\u00e4ugt, bewahrt, beleckt, erw\u00e4rmt, vertheidigt sie und tr\u00e4gt sie nicht selten von einem Ort zum andern, indem sie dieselben sanft mit ihren Z\u00e4hnen an der schlaffen Haut des Halses fa\u00dft. Ihre Liebe zu den Spr\u00f6\u00dflingen ist wahrhaft r\u00fchrend; man kennt Geschichten, welche nicht nur unsere vollste Hochachtung, sondern unsere Bewunderung erregen m\u00fcssen. So erz\u00e4hlt Bechstein eine Thatsache, welche fast unglaublich ist. \u201eEin Sch\u00e4fer in Waltershausen kaufte regelm\u00e4\u00dfig im Fr\u00fchjahr auf dem Eisfelde Schafe ein, und seine H\u00fcndin mu\u00dfte ihn nat\u00fcrlich auf dem achtzehn Meilen weiten Gesch\u00e4ftswege begleiten. Einst kam dieselbe in der Fremde mit sieben Jungen nieder, und der Sch\u00e4fer war gen\u00f6thigt, sie deshalb zur\u00fcckzulassen. Aber siehe! anderthalb Tage nach seiner R\u00fcckkehr zu Hause findet er die H\u00fcndin mit ihren sieben Jungen vor seiner Hausth\u00fcre. Sie hatte streckenweise ein H\u00fcndchen nach dem andern die weite Reise fortgeschleppt und so den langen Weg vierzehnmal zur\u00fcckgelegt und, trotz ihrer Entkr\u00e4ftung und Ersch\u00f6pfung, das \u00fcberaus schwere Werk gl\u00fccklich beendet.\"\nMan sagt, da\u00df die H\u00fcndin unter ihrem Gew\u00f6lfe immer einige bevorzugte Lieblinge habe, und da\u00df man genau zu erkennen verm\u00f6ge, welcher Hund eines Gew\u00f6lfes der vorz\u00fcglichste sein werde, wenn man der H\u00fcndin ihre s\u00e4mmtlichen Jungen wegtrage und dann beobachte, welches von ihren Kindern sie zuerst aufnehme und nach ihrem alten Lager zur\u00fcckbringe. Dieser Erstling soll, wie man versichert, immer der vorz\u00fcglichste Hund sein. Wahrscheinlich ist \u00fcbrigens die Sache nicht, so begr\u00fcndet, als man sie angenommen hat; denn die H\u00fcndin liebt alle ihre Kinder mit gleicher Z\u00e4rtlichkeit.\nGew\u00f6hnlich l\u00e4\u00dft man einer H\u00fcndin nur zwei bis drei, h\u00f6chstens vier Junge von ihrem Gew\u00f6lfe, um sie nicht zu sehr zu schw\u00e4chen; denn die kleinen Burschen brauchen viel Nahrung, und die Alte ist kaum im Stande, ihnen soviel Milch zu liefern, als sie bed\u00fcrfen. Da\u00df der Mensch, der Sckutzherr des Thieres, eine s\u00e4ugende H\u00fcndin besonders gut und kr\u00e4ftig f\u00fcttern mu\u00df, braucht wohl nicht erw\u00e4hnt zu werden. Jeder Hundebesitzer hat soviel Liebe zu seinem treuen Hausgenossen, da\u00df er der Hundemutter schon im voraus in einer stillen Ecke, an einem lauen Ort, ein weiches Lager zurecht macht und ihr dann in jeder Weise behilflich ist, ihre Kinder aufzuziehen. Solange die H\u00fcndin s\u00e4ugt, ist ihr Herz einer besonders gro\u00dfen Liebe f\u00e4hig, und deshalb duldet sie es auch, wenn man ihr fremde Hunde, ja sogar andere Thiere, wie Katzen und Kaninchen, anlegt. Ich habe Letzteres oft bei Hunden versucht, jedoch bemerkt, da\u00df s\u00e4ugende Katzen noch viel freundlicher gegen Pflegekinder waren, als die Hundem\u00fctter, welche bei aller Herzensg\u00fcte ein Zusammenrunzeln der Nasenhaut und ein leises Knurren selten unterdr\u00fccken konnten.\nGew\u00f6hnlich l\u00e4\u00dft man die jungen Hunde sechs Wochen lang an der Alten saugen. Ist sie noch kr\u00e4ftig und wohlbeleibt, so kann man auch noch ein paar Wochen zugeben; es schadet den Thieren nichts. Wenn man die Jungen entw\u00f6hnen will, f\u00fcttert man die Alte einige Zeit lang sehr mager, damit ihr die Milch ausgeht, dann duldet sie schon selbst nicht, da\u00df ihre Jungen noch l\u00e4nger an ihr saugen. Nunmehr gew\u00f6hnt man diese an leichtes Futter und h\u00e4lt sie vor allen Dingen zur Reinlichkeit an. Schon im dritten oder vierten Monate wechseln sie ihre ersten Z\u00e4hne, im sechsten Monate bek\u00fcmmern sie sich nicht viel mehr um die Alte, und nach zehn, bisweilen schon nach neun Monaten sind sie selbst zur Fortpflanzung geeignet. Will man sie erziehen oder, wie man gew\u00f6hnlich sagt, abrichten, so darf man nicht fr\u00fcher beginnen, als bis sie ein Jahr alt geworden sind. Fr\u00fcher sind sie noch zu schwach und zu klein, im hohen Alter aber begreifen sie schwer oder nicht. Was man Alles aus ihnen machen kann, geh\u00f6rt nicht hierher oder w\u00fcrde uns wenigstens zu weit von unserer Aufgabe ablenken. Wer\n22*","page":339},{"file":"p0340.txt","language":"de","ocr_de":"340\nDie RauLthiere. Hunde \u2014 Haushund.\nsich vom Hause aus nicht mit der Abrichtung von Thieren befa\u00dft hat, thut entschieden am besten, wenn\ner Dies von einem darauf einge\u00fcbten Mann besorgen l\u00e4\u00dft.\nDer Hund tritt schon im zw\u00f6lften Jahre in das Greisenalter ein. Dieses zeigt sich an seinem Leibe ebensowohl, als an seinem Betragen. Namentlich auf der Stirn und der Schnauze ergrauen die Haare, das \u00fcbrige Fell verliert seine Gl\u00e4tte und Sch\u00f6nheit, das Gebi\u00df wird sehr stumpf oder dre Z\u00e4hne fallen sogar aus. Der Hund selbst wird tr\u00e4ge, faul und gleichgiltig gegen Alles, was ihn fr\u00fcher erfreute oder entr\u00fcstete; manche verlieren die Stimme fast g\u00e4nzlich und werden blind. Man kennt \u00fcbrigens Beispiele, da\u00df Hunde ein Alter von zwanzig, ja sogar von sechsundzwanzig und drei\u00dfig Jahren erreicht haben. Doch sind Dies nur seltene Ausnahmen. Viele Hunde enden ihr Leben durch\nKrankheiten; denn sie sind solchen vielfach ausgesetzt.\nEine sehr h\u00e4ufig vorkommende Hundekrankheit ist die R\u00e4ude, gew\u00f6hnlich eine Folge von zu fetter und zu stark gesalzener Nahrung, schlechtem Wasser, wenig Bewegung und Unreinlichkeit. Junge Hunde leiden oft an der Staupe oder Hundeseuche, eine Erk\u00e4ltung, welche Entz\u00fcndung der Schleimh\u00e4ute herbeif\u00fchrt und am h\u00e4ufigsten zwischen dem vierten oder neunten Monat vorkommt. Wohl mehr als die H\u00e4lfte der europ\u00e4ischen Hunde erliegen dieser Krankheit oder verderben doch durch sie. Die entsetzlichste Krankheit aber ist die Tollheit oder Wuth, und sie ist schon aus dem Grunde \u00e4u\u00dferst verderblich, weil durch sie nicht blos die \u00fcbrigen Hunde und Hausthier?, sondern auch der Mensch aufs\nh\u00f6chste gef\u00e4hrdet wird.\t.\nGew\u00f6hnlich tritt diese f\u00fcrchterliche Seuche erst bei \u00e4lteren Hunden ein, zumeist im Sommer bei sehr gro\u00dfer Hitze oder im Winter bei allzu gro\u00dfer K\u00e4lte. Wassermangel und Unterdr\u00fcckung des Geschlechtstriebes scheinen die Hauptursachen ihrer Entstehung zu sein. Man erkennt die Wuth daran, da\u00df der Hund zun\u00e4chst sein fr\u00fcheres Betragen \u00e4ndert, t\u00fcckischfreundlich wird und gegen seinen Herrn knurrt, dabei eine ungew\u00f6hnliche Schl\u00e4frigkeit und Traurigkeit zeigt, best\u00e4ndig warme Orte aufsucht, \u00f6fters nach dem Futter schleicht, ohne zu fressen, begierig Wasser, aber immer nur in geringer Menge, zu sich nimmt und sich \u00fcberhaupt unruhig und be\u00e4ngstigt geberdet. Untr\u00fcgliche Kennzeichen sind auch, da\u00df er seine Stimme \u00e4ndert, indem der Anschlag gleich in ein rauhes, heiseres Heulen \u00fcbergeht, da\u00df er seine Fre\u00dflust verliert, nur mit Beschwerlichkeit schlucken kann, geifert, einen tr\u00fcben Blick bekommt, gern viel fortgeht, kalte K\u00f6rper beleckt und bei zunehmender Krankheit um sich schnappt und ohne Ursache bei\u00dft. Bei Ann\u00e4herung von Thieren und Menschen knurrt er. Im Verlauf der Krankheit tritt gew\u00f6hnlich Verstopfung ein, die Ohren werden schlaff, das kranke Thier l\u00e4\u00dft den Schwanz h\u00e4ngen, sein Auge wird matt, der Blick schielend. Sp\u00e4ter r\u00f6thet sich das Auge und wird entz\u00fcndet. Der Hund ist unempf\u00e4nglich f\u00fcr Liebkosungen, achtet nicht mehr des Herrn Befehl, wird immer unruhiger und scheuer, der Blick wird starr oder feurig, der Kopf senkt sich tief herab, Augen- und Backengegend schwellen an, die Zunge wird stark ger\u00f6thet und h\u00e4ngt aus dem Maule, an dessen Seiten z\u00e4her Schleim herabquillt. Bald knurrt er blos noch, ohne zu bellen, kennt auch Personen und zuletzt seinen eignen Herrn nicht mehr. So sehr er nach Getr\u00e4nk lechzt, so wenig vermag er es hinabzuschlingen; selbst wenn es ihm gewaltsam beigebracht wird, verursacht es ihm W\u00fcrgen und krampfhaftes Zusammenziehen der Schlundmuskeln. Nunmehr tritt Scheu gegen das Wasser und jede andere Fl\u00fcssigkeit ein. Er magert schnell ab, besonders in den Weichen; er legt sich nicht mehr nieder, sondern schleicht schielend mit gesenktem Schw\u00e4nze unruhig umher.\t,\nJetzt erst entwickelt sich die Krankheit, entweder zur stillen oder zur rasenden Wuth. Bei der stillen Wuth sind die Augen entz\u00fcndet, aber tr\u00fcbe und starr, die Zunge wird bl\u00e4ulich und h\u00e4ngt oft weit aus dem Maule heraus. Wei\u00dfer Schaum \u00fcberzieht die Mundwinkel; das Maul ist immer offen, der Unterkiefer ist gel\u00e4hmt und h\u00e4ngt schlaff herab. Mit eingezogenem Schw\u00e4nze und gesenktem Kopfe l\u00e4uft der Hund taumelnd und unstet oft Meilen weit den geraden Weg fort und bei\u00dft, was ihm in den Weg kommt, besonders aber andere Hunde. St\u00f6\u00dft er dabei auf ein Hinderni\u00df, welches ihm nicht gestattet, den geraden Weg zu verfolgen, so taumelt er im Kreise herum, f\u00e4llt \u00f6fters nieder und schnappt dabei nach Lust.","page":340},{"file":"p0341.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensdauer. Krankheiten. Schmarotzer.\t34 ^\n. m ber \u00e4senden Wuth funkelt das Auge, der Stern erweitert sich, das Maul steht offen, ist nur wenig von Geifer benetzt und die bl\u00e4uliche Zunge h\u00e4ngt aus dem Maule herab. Schon bei der Entwickelung dieser Krankheitsform zeigt der Hund einen gro\u00dfen Grad von Trotz und Falschheit, selbst gegen seinen Herrn, schnappt unwillk\u00fcrlich nach Fliegen oder nach Allem, was ihm in die N\u00e4he kommt, f\u00e4llt das Hausgefl\u00fcgel an und zerrei\u00dft es, ohne es zu fressen, lockt andere Hunde zu sich heran und f\u00e4llt dann w\u00fcthend \u00fcber sie her, fletscht dieZ\u00e4hne, verzerrt das Gesicht, winselt, leckt mit der entz\u00fcndeten Zunge seine Lippen und schnalzt awch mittelst derselben, wobei ihm oft schon w\u00e4\u00dfriger Geifer aus dem Munde tritt. Sp\u00e4ter verfolgt er mit aufgerichtetem Schw\u00e4nze und hoch aufgehobenen Beinen den geraden Weg im Freien, wobei ihm nur un\u00fcberwindliche Hindernisse von der einmal eingeschlagenen Richtung abzubringen verm\u00f6gen. Vom Wasser wendet er sich taumelnd ab, schwimmt aber doch noch zuweilen durch B\u00e4che und Pf\u00fctzen. Er bei\u00dft Alles, was ihm entgegen kommt, oft auch leblose Gegenst\u00e4nde; der angeh\u00e4ngte Hund bei\u00dft sogar in seine Kette. Wie es scheint, peinigen die f\u00fcrchterlichsten Schmerzen das arme Thier, denn es stirbt unter den gr\u00e4\u00dflichsten Zuckungen, gew\u00f6hnlich am sechsten oder achten, bisweilen am vierten, selten erst am neunten Tage.\nSchon die Griechen kannten die Tollwuth des Hundes, obwohl sie in S\u00fcdeuropa weit seltner ist, als bei uns. In den L\u00e4ndern des kalten oder gar des hei\u00dfen Erdg\u00fcrtels kommt die Seuche nur selten oder gar nicht zum Ausbruch, wahrscheinlich, weil weder hier noch da der Hund sich selbst \u00fcberlassen wird. Bisher hat man noch kein sicheres Mittel gegen die Wuthkrankheit aufgefunden, und Dies ist um so trauriger, weil leider noch immer viele Menschen in Folge der Ansteckung ihr Leben verlieren. Nach amtlichen Nachrichten sind vom Jahre 1810 bis 1819 im preu\u00dfischen Staate 1666 Menschen m Folge des Bisses von tollen Hunden gestorben. Geht der Wutbgeifer einmal in das Blut eines andern Thieres \u00fcber, so ist es in den allermeisten F\u00e4llen verloren, falls nicht augenblicklich ein ge\u00fcbter und erfahrner Arzt bei der Hand ist, welcher die Wunde mit gl\u00fchendem Eisen, H\u00f6llenstein oder anderen Aetzmitteln ausbrennt, durch Schr\u00f6pfk\u00f6pfe Blut entzieht, mit Salzwasser die Wunde ausw\u00e4scht, ausschneidet re. Ausbrennen des Giftes durch die eine oder die andere Art ist wohl das sicherste Mittel, denn die s\u00e4mmtlichen \u00fcbrigen, welche man bisher angewendet hat, haben sich noch nicht bew\u00e4hrt.\nIn der Neuzeit will man beobachtet haben, da\u00df unter Hunden, welche best\u00e4ndig Maulk\u00f6rbe tragen m\u00fcssen, die Wuth seltner ist, als unter jenen, welchen in gerechter W\u00fcrdigung des biblischen Gesetzes das Maul nicht verbunden wurde. In Berlin soll sich seit Einf\u00fchrung der Maulk\u00f6rbe im Jahre 1854 dre Wuth (der Hunde n\u00e4mlich) auffallend vermindert haben. W\u00e4hrend man 1845 drei\u00dfig und in den folgenden Jahren 17, 3, 17, 30, 19, 10, 68 und 83 tolle Hunde der Thierarzneischule zuf\u00fchrte, erhielt man 1854 nur von vie^, 1855 von einem, 1856 von zwei, und in den Jahren 1857 bis 1861 v\u00b0n gar keinem tollw\u00fcthigen Hunde Kenntni\u00df. Einstweilen ist noch nicht viel auf diese Zusammenstellung zu geben: die Beobachtungszeit ist noch zu kurz, als da\u00df sie Berechtigung zu richtigen Schl\u00fcssen gew\u00e4hren k\u00f6nnte.\nDas untr\u00fcglichste Kennzeichen von der Gesundheit eines Hundes ist seine kalte und feuchte Nase Wird diese trocken und hei\u00df. so tr\u00fcben sich die Augen, zeigt sich Mangel an Appetit ,c\u201e so kann man \u00fcberzeugt sein, da\u00df sich der Hund unwohl befindet. Man sperrt ihn dann in einen wohlverwahrten Stall, la\u00dft ihn dort hungern und giebt ihm zuletzt Lein\u00f6l, welches unter gut- Speise gemischt wird Ein gro\u00dfer Hund erh\u00e4lt einen E\u00dfl\u00f6ffel voll Oel, -in kleiner einen halben; Dies wiederholt man ewige Male. Leberthran leistet dieselben Dienste. Hilft das blos- Lein\u00f6l nicht, so streut man am folgenden Tag- einen halben Theel\u00f6ffel voll gesto\u00dfenen Schwefel auf ein Butterbr\u00f6dchen klappt es zusammen und giebt es dem Leidenden. F\u00fcttert man au\u00dferdem den Hund mit s\u00fc\u00dfer\noder saurer Milch und etwas gutem Brod. so braucht man bei keiner Krankheit -in anderes Mittel anzuwenden. \u2014\nSitte Hunde sind von Schmarotzern geplagt. Sie leiden oft entsetzlich an Flohen und L\u00e4usen und an gewiffen Orten auch an Holzb\u00f6cken oder Zecken. Di- Fl\u00f6he und L\u00e4ufe vertreibt man bald' wenn man unter das Strohlager des Hundes eine Schicht Asche auf den Boden streut, oder das Fell","page":341},{"file":"p0342.txt","language":"de","ocr_de":"342\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Haushund.\ndes Thieres mit persischem Insektenpulver dick einstreut. Die Zecken, welche die Hunde am meisten peinigen, vertreibt man, indem man etwas Branntwein, Salzwasser oder Tabaksaft auf sie tr\u00e4ufelt. Man mu\u00df sich h\u00fcten, sie gewaltsam auszurei\u00dfen, weil sonst leicht der Kopf in der Saugwunde stecken bleibt und dort Eiterung und Geschw\u00fcre verursacht. Schwieriger ist den Bandw\u00fcrmern beizukommen. Namentlich Jagdhunde leiden an diesen abscheulichen Schmarotzern, weil sie h\u00e4ufig das Fleisch und die Eingeweide von Hasen und Kaninchen verzehren, in denen der Bandwurm als Finne lebt. Er l\u00e4\u00dft sich, wie alle W\u00fcrmer, nur sehr schwer vertreiben, doch d\u00fcrfte in den meisten F\u00e4llen ein Absud der abissinischen Kussobl\u00fcthe dazu wohl hinreichend sein. Au\u00dferdem wird empfohlen, dem Hunde Hagebutten sammt den darin befindlichen K\u00f6rnern und H\u00e4rchen in das Fressen zu geben.\nDer Nutzen, welchen der Hund als Hausthier leistet, ist kaum zu berechnen. Was er den gesitteten und gebildeten V\u00f6lkern ist, wei\u00df jeder Leser aus eigner Erfahrung, fast noch mehr aber ist eiben ungebildeten oder wilden V\u00f6lkerst\u00e4mmen. Auf den S\u00fcdseeinseln wird sein Fleisch gegessen, ebenso bei den Tungusen, Chinesen, Gr\u00f6nl\u00e4ndern, Eskimos und den Indianern Nordamerikas. \u201eAuf der Goldk\u00fcste von Afrika,\" so erz\u00e4hlt Bosmann, \u201ewird der Hund ordentlich gem\u00e4stet zu Markte gebracht und lieber, als alles andere Fleisch, gegessen. Ebenso in Angola, wo man zuweilen f\u00fcr einen Hund mehrere Sklaven gegeben hat.\" In Neuseeland und auf deq kleinen Inseln des S\u00fcdmeeres h\u00e4lt man die Hunde f\u00fcr einen bessern Leckerbissen, als Schweinefleisch. In China sieht man oft Metzger, die mit geschlachteten Hunden beladen sind; sie m\u00fcssen sich aber immer gegen den Angriff anderer, noch frei herumlaufender Hunde vertheidigen, welche sie scharenweise anfallen. Noch neuerlich sah ein Reisender in China \u00fcberall in den L\u00e4den der Metzger geschlachtete Hunde. In dem n\u00f6rdlichen Asien giebt sein Fell Kleidungsstofse her, und selbst in Deutschland werden Hundefelle zu M\u00fctzen, Taschen und Muffen verarbeitet. Aus Knochen und Sehnen bereitet man Leim; das z\u00e4he und d\u00fcnne Hundeleder wird lohgar zu Tanzschuhen und wei\u00dfgar zu Handschuhen verwendet. Das Haar benutzt man zum Ausstopfen von Polstern; Hundefett dient zum Einschmieren von R\u00e4derwerk rc., fr\u00fcher galt es als Hausmittel gegen Lungenschwindsucht. Sogar der Hundekoth war als \u201eGriechisch-Wei\u00df (Album graecum) ein Arzneimittel; seinen eigenth\u00fcmlichen Namen erhielt dasselbe, weil die Griechen zuerst auf seine Benutzung aufmerksam machten.\nSchon seit den fr\u00fchesten Zeiten wurde der Nutzen der Hunde gew\u00fcrdigt, und deshalb r\u00fchmen auch die Schriften aller V\u00f6lker die trefflichen Thiere. Gleichwohl war die Behandlung, welche sie erfuhren, und die Achtung, in der sie standen, eine sehr verschiedene. Sokrates hatte die Gewohnheit, bei dem Hunde zu schw\u00f6ren. Alexander der Gro\u00dfe war \u00fcber den fr\u00fchzeitigen Tod eines Lieblmgs-tzundes so betr\u00fcbt, da\u00df er ihm zu Ehren eine Stadt mit Tempeln bauen lie\u00df. Homer besingt den Argus, den Hund des Ulysses, in wahrhaft r\u00fchrender Weise. Plutarch r\u00fchmt Melampithos, den Hund des Handelsmannes von Korinth, welcher seinem Herrn durch das Meer nachschwamm. \u00a7er treue Phileros ist durch griechische Grabschriften verewigt worden. In r\u00f6mischen Schriften wird des Hundes eines Verurtheilten gedacht, welcher dem in die Tiber geworfenen Leichnam semes Herrn unter traurigem Geheul schwimmend nachfolgte. Soter, der einzige \u00fcberlebende von den h\u00fcndischen W\u00e4chtern, welche Korinth vertheidigten, empfing auf Kosten des Staats em silbernes Halsband mit den darauf gestochenen Worten: \u201eKorinths Vertheidiger und Erretter . Plini.us stellt die R\u00fcden sehr hoch und erz\u00e4hlt viel Merkw\u00fcrdiges von ihnen. Wir erfahren z. B., da\u00df die Kolophonier wegen ihrer best\u00e4ndigen Kriege gro\u00dfe Hundeherden unterhielten, da\u00df die Hunde immer zuerst angegriffen und in keiner Schlacht ihre Dienste versagten. Als Alexander der Gro\u00dfe nach Indien zog hatte ihm der K\u00f6nig von Albanien einen Hund von ungeheurer Gr\u00f6\u00dfe geschenkt, welcher Alexander sehr wohl gefiel. Er lie\u00df deshalb B\u00e4ren, Wildschweine und dergleichen Thiere gegen ihn aber der Hund lag stockstill und wollte nicht aufstehen. Alexander glaubte, da\u00df er faul w\u00e4re, und lie\u00df ihn umbringen. Als solches der albanesische K\u00f6nig erfuhr, schickte er noch emen zweiten Hund gleicher Art und lie\u00df sagen, Alexander solle nicht schwache Thiere gegen die Dogge schicken, sondern L\u00f6wen und Elefanten, er, der K\u00f6nig, habe nur zwei solcher Hunde gehabt; lie\u00dfe Alexander diesen um-","page":342},{"file":"p0343.txt","language":"de","ocr_de":"Nutzen. Sch\u00e4tzung des Hundes bei verschiedenen V\u00f6lkern. Sein Arzneigebrauch bei den Alten. 343\nbringen, so habe er nicht einen gleichen. Alexander der Gro\u00dfe lie\u00df ihn also auf einen L\u00f6wen, dann auf einen Elefanten; der Hund aber erlegte beide. Iustinus berichtet, da\u00df die K\u00f6nige Habis und Cyrus in der Jugend von Hunden ern\u00e4hrt worden sind. Gar nicht zu z\u00e4hlen sind die Schriftsteller, welche die Treue des Hundes r\u00fchmen. Die Spartaner opferten dem Gott des Kriegs auch einen Hund; junge, s\u00e4ugende Hunde durften von dem Opferfleische fressen. Die Griechen errichteten ihnen sogar Bilds\u00e4ulen: demungeachtet war bei ihnen das Wort Hund ein Schimpfwort. Die alten Eghpter gebrauchten die Hunde zur Jagd und hielten sie, wie man aus den Abbildungen auf Denkm\u00e4lern sehen kann, sehr hoch. Bei den Juden hingegen war der Hund verachtet, was viele Stellen aus der Bibel beweisen; und heutigen Tages ist Dies bei den Arabern kaum anders. Hoch geehrt war der Hund bei den alten Deutschen. Als die Cimbern im Jahr 108 v. Chr. von den R\u00f6mern besiegt^ worden waren, mu\u00dften Letztere erst noch einen harten Kampf mit den Hunden bestehen, welche das Gep\u00e4ck bewachten. Bei den alten Deutschen galt ein Leithund zw\u00f6lf Schillinge, ein Pferd dagegen nur sechs. Wer bei den alten Burgundern einen Leithund oder ein Windspiel stahl, mu\u00dfte \u00f6ffentlich dem Hunde den Hintern k\u00fcssen oder sieben Schillinge zahlen. Die kanarischen Inseln haben, wie Plinius berichtet, ihren Namen von den Hunden erhalten. In Peru wurde, nach Humboldt, der Hund bei einer Mondfinsterni\u00df solange geschlagen, bis die Finsterni\u00df vor\u00fcber war.\nWirklich spa\u00dfhaft ist es, was die alten Schriftsteller noch Alles von der Benutzung des Hundes zu Arzneizwecken aufgef\u00fchrt haben. Der ganze Hund war eigentlich nur Ein Arzneimittel. Namentlich Plinrus ist unerm\u00fcdlich in Aufz\u00e4hlung der verschiedenen Heilkr\u00e4fte des Hundes. Au\u00dfer ihm leisten Sextus, Hipokrates, Galen, Faventius, Marellus, Bontius, Aeskulap und Amatos auch das Ihrige. Ein lebender Hund, bei Brustschmerzen aufgelegt, thut vortreffliche Dienste; wird er aufgeschnitten und einer schwerm\u00fcthigen Frau aus den Kopf gebunden, so Hilst er sicher gegen die Schwermuth. Nach Sextus heilt er sogar Milzkrankheiten. Mit allerlei Gew\u00fcrz gekocht und gegessen, dient er als Mittel gegen fallende Sucht; doch mu\u00df es dann ein s\u00e4ugender Hund sein, welcher mit Wern und Myrrhen zubereitet wurde. Ein junger Jagdhund hilft gegen Leberkrankheiten. Wird eine Frau, welche fr\u00fcher schon Kinder geboren hatte, unfruchtbar, dann befreit sie gekochtes Hundefleisch, welches ffe in reichlicher Menge genie\u00dft, von ihrer Schw\u00e4che. Sehniges Fleisch dagegen ist ein Vorkehrmittel gegen Hundebi\u00df. Die Asche eines zu Pulver gebrannten Hundes dient gegen Augenleiden, und werden mrt ihr die Augenbrauen gestrichen, so erhalten sie die sch\u00f6nste Schw\u00e4rze. Eingesalzenes Fleisch von tollen Hunden giebt ein Mittel gegen Hundewuth. Die Asche vom Sch\u00e4del eines gesunden Hundes vertreibt alles wilde Fleisch, heilt den Krebs, sch\u00fctzt gegen Wasserscheu, mildert, wenn man \u2022 sie mit Wasser zu sich nimmt, Seitenstechen und Geschw\u00fclste aller Art rc.; die Asche von dem Sch\u00e4del eines tollen Hundes ist gut gegen Gelbsucht und Zahnschmerz. Das Hundeblut wird vielfach angewandt. Gegen die Kr\u00e4tze ist es vortrefflich, den Pferden vertreibt es das Keuchen; wird es in reichlicher Menge getrunken, so ist es ein Gegengift, welches f\u00fcr Alles brauchbar ist; wird ein Haus damit angestrichen, so sch\u00fctzt es gegen die verschiedensten Krankheiten. Das Hundefett wird benutzt, um Mutterm\u00e4ler und Gesichtsbl\u00fcthen zu vertreiben, unfruchtbare Weiber fruchtbar zu machen: dazu mu\u00df aber der ganze Hund gekocht und das Fett oben von der Br\u00fche abgesch\u00f6pft werden; gegen L\u00e4hmung wird es zu einer Salbe verwandt: doch darf es dann blos von jungen Hunden herr\u00fchren; mit Wermuth versetzt heilt es die Taubheit. Das Hundegehirn ist, auf Leinwand gestrichen, bei Beinbr\u00fcchen^ gut; es hilft aber auch f\u00fcr Bl\u00f6digkeit der Augen. Hundemark vertreibt Ueberbeine und Geschw\u00fclste. Die Milz ist gegen Milzbrand und Milzschmerzen vortrefflich; am besten wirkt sie, wenn sie aus einem lebenden Hunde ausgeschnitten worden ist. Die rohe Leber wird gegen die Wuthkrankheit empfohlen; doch mu\u00df sie stets von einem Hunde von demselben Geschlecht genommen werden, welches der Bei\u00dfende hatte. Gegen dieselbe Krankheit brauchte man auch W\u00fcrmer aus dem Aase eines tollen Hundes. Das Leder wird angewandt gegen schwei\u00dfige F\u00fc\u00dfe; ein dreifaches Halsband davon sch\u00fctzt gegen Br\u00e4une; ein Gurt von Hundeleder vertreibt das Leibschneiden. Das Haar des Hundes in ein Tuch gewickelt und auf die Stirn gebunden, lindert Kopfschmerzen, sch\u00fctzt auch","page":343},{"file":"p0344.txt","language":"de","ocr_de":"344\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Afrikanischer Hund. Windhunde.\ngegen Wasserscheu und heilt dieselbe, wenn es auf die Wunde gelegt wird, die ein toller Hund verursachte. Die Galle mit Honig versetzt ist eine Augensalbe, hilft aber auch gegen Flechten, und wenn sie mit einer Feder, anstatt mit der Hand aufgestrichen wird, gegen die Fu\u00dfgicht, thut auch zur Bestreichung von H\u00e4usern treffliche Dienste. Die Milch ist sehr gut, wenn sie getrunken wird; mit Salpeter versetzt hilft sie gegen den Aussatz; mit Asche vermischt erzeugt sie Haarwuchs oder bef\u00f6rdert schwere Geburten. Der Harn von jungen Hunden ist, wenn er gereinigt worden, ein Mittel, \u00fcberfl\u00fcssigen Haarwuchs zu vertreiben. Mit den Z\u00e4hnen reibt man kleinen Kindern die Kinnlade und erleichtert dadurch das Zahnen. Wirft man den linken Oberrei\u00dfzahn ins Feuer, so vergehen die Zahnschmerzen, sobald der Rauch vergangen ist; wird der Zahn zu Pulver gerieben und mit Honig versetzt, so ist diese Mischung ein Mittel gegen dieselben Schmerzen. Der Koth giebt vortreffliche Pflaster* gegen Geschw\u00fcre; er kann sogar gegen die Br\u00e4une, die Ruhr benutzt werden \u2014 doch, wer wollte das Alles noch zusammenz\u00e4hlen! Bemerkenswerth ist es, da\u00df noch heutigen Tages manche dieser Mittel in Gebrauch sind, namentlich bei den Landleuten; schade dagegen, da\u00df sich die Hom\u00f6opathie bis jetzt dieser vortrefflichen Mittel noch nicht in w\u00fcnschenswerther Vollst\u00e4ndigkeit bediente.\nDer nackte oder afrikanische Hund (Canis africanus).\n\u00a90 haben wir denn den Hund im Allgemeinen verfolgt, von feinem Ursprung bis zu seinem Ende, soweit wir Dies konnten, und es wird mm wohl an der Zeit sein, wenn wir uns mit ewigen der H-mptart-n dieses merkw\u00fcrdigen Geschlechts besch\u00e4ftigen. Hierbei mu\u00df ich NN voraus bemerken, da\u00df wir an\u00bb dem zahllosen Heere der Formen - R-ich-nbach f\u00fchrt ihrer 195 (!) auf - blos die wichtigsten hervorheben k\u00f6nnen. Und auch Dies geschieht nur ausnahmsweise, gewisserma\u00dfen aus Dankbarkeit f\u00fcr di- riebe, welch- di- Hnnde uns beweisen. Bei allen \u00fcbrigen Hausth.-ren werde ich k\u00fcrzer sein k\u00f6nnen, als hier: \u2014 einfach deshalb, weil kein anderes Gesch\u00f6pf m dem Grad- Hausthier geworden ist, wie der Hund.\nEin bei uns sehr selten vorkommendes, s\u00e4st harmloses Thier ist der nackte oder afrikanische Hund (Canis africanus), so genannt, weil er, wie man annimmt, urspr\u00fcnglich dem innern von Asrika angeh\u00f6rte und von dort nach Nordafrika und \u00fcber Guinea nach Man, a, China, auf die Antillen und Bahama-Jnseln, sowie \u00fcber das Festland von S\u00fcd- und Mittel-mer, a v-rbre.tet wurde. Wegen seiner Merkmal-, di- durch den eilten seiner Namen schon ausgedruckt sind, ist er sehr leicht kenntlich. Der Leib ist etwas gestreckt, schm\u00e4chtig, gegen dl- Welchen stark -mg-i\u00b0g-n, der R\u00fccken stark gekr\u00fcmmt, die Brust schmal, der Hals mittellang. aber d\u00fcnn, der Kopf l\u00e4nglich und","page":344},{"file":"p0345.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung beider.\n345\nhoch, die Stirn stark gew\u00f6lbt, die Schnauze ziemlich lang, nach vorn verschm\u00e4lert und zugespitzt, die mittellangen, etwas breiten, zugespitzten und halb aufrechtstehenden Ohren sind nackt, wie der \u00fcbrige K\u00f6rper, und gegen die Spitze etwas umgebogen, die Lippen kurz und straff. Hohe, ziemlich schlanke und zarte Beine, deren Vorderhaar ganz gerade ist, ein sehr d\u00fcnner, ziemlich langer Schwanz, und der Mangel der Afterzehe an den Hinterf\u00fc\u00dfen sind seine \u00fcbrigen Kennzeichen. Nur in der N\u00e4he des Schwanzes, um den Mund herum und an den Beinen finden sich einige Haare; sonst ist die \u00fcbrige Haut vollkommen nackt und deshalb der Hund ein h\u00e4\u00dfliches Thier. Denn auch die schwarze Hautf\u00e4rbung, welche bei uns nach einiger Zeit ins Grauliche \u00fcbergeht und hier und da fleischfarbige Flecken zeigt, ist unsch\u00f6n. Die L\u00e4nge des K\u00f6rpers betr\u00e4gt zwei Fu\u00df, die des Schwanzes zehn Zoll, die H\u00f6he am Widerrist einen Fu\u00df.\nIn seinem eigentlichen Vaterlande soll der nackte Hund zur Antilopenjagd verwendet werden und f\u00fcr diese Jagd eine vorz\u00fcgliche Bewegung besitzen. Aeu\u00dferst leicht, beweglich und im Laufen ebenso schnell, als anhaltend, ist er unerm\u00fcdlich in der Verfolgung einer aufgefundenen Spur und versteht es vortrefflich, dem verfolgten Wild durch allerlei Abwege n\u00e4her zu kommen und es sicherer einzuholen. Seine geistigen F\u00e4higkeiten sollen gering sein; doch werden Gutm\u00fcthigkeit, Wachsamkeit und treueste Anh\u00e4nglichkeit an den Herren von ihm ger\u00fchmt. Unter den Sinnen scheinen Geruch-und Geh\u00f6rsinn am meisten ausgebildet zu sein, und deshalb ist er als Sp\u00fcrhund zu gebrauchen.\nIn unserm Klima kann der nackte Hund wegen seiner Zartheit und Empfindlichkeit gegen rauhe Witterung nur als Stubenthier gehalten werden und dauert in der Regel nicht sehr lange aus. Seine Z\u00e4rtlichkeit gegen\u00fcber den Einfl\u00fcssen der Witterung ist so gro\u00df, da\u00df er selbst an den w\u00e4rmsten Tagen noch oft zittert. Auch bei der sorgf\u00e4ltigsten Pflege und trotz aller k\u00fcnstlichen Mittel, um ihn gegen die Rauheit des Wetters zu sch\u00fctzen, unterliegt er h\u00e4ufig Krankheiten, welche er sich durch Erk\u00e4ltungen zugezogen hat.\nAuf den nackten Hund k\u00f6nnen wir die Windhunde (Canis Grajus) folgen lassen; auch schon deshalb, weil sie sich den wirklich wild vorkommenden Hunden am meisten n\u00e4hern.\nDie Gestalt der Windhunde ist bekannt und au\u00dferdem auf unserer Abbildung vortrefflich wiedergegeben. Ein \u00e4u\u00dferst schlanker, zierlicher Leib, mit d\u00fcnnen, hohen Gliedma\u00dfen, spitzem, zierlichem Kopfe und weitem Brustkasten kennzeichnen die Thiere. Der langausgestreckte Kopf, die lange Schnauze, die ziemljch langen, schmalen, zugespitzten, halbaufrechtstehenden, gegen die Spitze umgebogenen und mit kurzen Haaren besetzten Ohren, die kurzen und straffen Lippen geben dem Kopfe das eigenth\u00fcmliche, zierliche AnsShen, und bedingen zugleich die verschiedene Ausbildung der Sinne. Der Windhund vernimmt und \u00e4ugt vortrefflich, hat dagegen nur einen schwachen Geruchssinn, weil die Nasenmuscheln in der spitzen Schnauze sich nicht geh\u00f6rig auszubreiten verm\u00f6gen, und so die Nervenentwickelung des betreffenden Sinnes nie zu derselben Ansbildung gelangen kann, wie bei den anderen Hunden. An dem gestreckten Leib f\u00e4llt die Brust besonders auf. Sie ist breit, gro\u00df, ausgedehnt und giebt verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sehr gro\u00dfen Lungen Raum, welche auch bei dem durch eilige Bewegung au\u00dferordentlich gesteigerten Blutumlauf zur Reinigung des Blutes hinreichenden Sauerstoff aufnehmen k\u00f6nnen. Die Weichen dagegen sind aufs \u00e4u\u00dferste angezogen, gleichsam, um dem durch die Brust erschwerten Leib wieder das n\u00f6thige Gleichgewicht zu geben. Wir haben denselben Leibesbau schon bei den Langarmaffen und einen \u00e4hnlichen bei dem Gepard bemerken k\u00f6nnen und finden ihn bei vielen Thieren wieder; er ist ein untr\u00fcgliches Zeichen, da\u00df solche Gesch\u00f6pfe schneller und anhaltender Bewegung f\u00e4hig sind. Die L\u00e4ufe des Windhundes sind au\u00dferordentlich fein gebildet. Man sieht an ihnen jeden Muskel und namentlich auch die starken Sehnen, in welche diese Muskeln endigen. Aber auch an dem Brustkasten bemerkt man alle Zwischenrippenmuskeln, und manche Windhunde sehen aus, als ob ihre Muskeln von einem geschickten Zergliederer bereits blo\u00dfgelegt w\u00e4ren. Der Schwanz ist sehr d\u00fcnn, ziemlich lang und reicht weit unter das Fersengelenk herab; er wird entweder zur\u00fcckh\u00e4ngend getragen oder nach r\u00fcckw\u00e4rts gestreckt und etwas nach auf-","page":345},{"file":"p0346.txt","language":"de","ocr_de":"346\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Windhunde.\nw\u00e4rts \u00abBogen. Nur an ihm findet sich Bei einzelnen Abarten oder Rassen eine dichtere und l\u00e4ngere Behaarnnz. und zwar sind es regelm\u00e4\u00dfig die schnellsten Windhunde, welche einen dicker behaarten Schwanz tragen. Auf dem \u00fcbrigen K\u00f6rper ist die Behaarung dicht anliegend, fein und glatt; manche Rassen sind aber auch am K\u00f6rper verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig langhaarig. Ein r\u00f6thliches Gelb oder die bekannte Rehfarbe ist die allgemeine F\u00e4rbung dieses Haares, und gerade die vollendetsten Wmdhunde, n\u00e4mlich die persischen und innerafrikanischen, tragen fast ausschlie\u00dflich ein derartig gef\u00e4rbtes Haarkleid. Gefleckte Windspiele sind seltener; sie sind gleichsam unnat\u00fcrliche Gesch\u00f6pfe und regelm\u00e4\u00dfig schw\u00e4chlicher als die einfarbigen. Die K\u00f6rperl\u00e4nge eines gro\u00dfen Windhundes betr\u00e4gt zwei, ja selbst drei Fu\u00df, die des Schwanzes 11/2 Fu\u00df, die H\u00f6he am Widerrist zwei Fu\u00df drei Zoll, h\u00e4ufig\nnoch dar\u00fcber.\nDer Windhund (Canis grajus).\nHinsichtlich des geistigen Wesens unterscheidet sich der Windhund sehr von allen \u00fcbrigen Verwandten. Er ist ein in, h\u00f6chsten Grade selbsts\u00fcchtiges Gesch\u00f6pf. Aus diesem Grunde hangt er auch nicht mit besonderer Treue seinem Herrn an, sondern l\u00e4\u00dft sich von Jedermann schmeicheln und neigt sich zu Jedem hin. der ihm freundlich ist. Gegen Liebkosungen ist er empf\u00e4nglich, wie kein anderer Hund, er ist aber auch ebenso leicht erz\u00fcrnt und fletscht schon beider kleinsten Neckerei die Zahne. Eine gro\u00dfe Eitelkeit und ein gewisser Stolz ist ihm nicht abzusprechen! Zur\u00fccksetzungen vertragt er nicht. Bei lebhaster Erregung nimmt sein Herzschlag eine kaum glaub -che Unregelm\u00e4\u00dfigkeit und Schnelligkeit an, er zittert dabei oft am ganzen Seite. Alle diese Eigenschaften machen die Windhunde nur bis zu einem gewissen Grade als Gesellschafter des Menschen tauglich^ Haben sie -inen Herrn, welcher ihnen best\u00e4ndig schmeichelt, so befinden sie sich wohl und zeigen auch eine gewisse Anh\u00e4nglichkeit. Allein ihre Untreue wird augenblicklich kund, sobald ihnen ein anderer Mensch sich fteimdlicher\n","page":346},{"file":"p0347.txt","language":"de","ocr_de":"Charakter. Ihre Verwendung zur Jagd.\n347\nZeigt, als der eigene Herr. Ihre Untreue ist geschichtlich. Als Eduard III. starb, zog ihm seine Buhle noch schnell einen kostbaren Ring vom Finger, und sein Windspiel verlie\u00df ihn int Augenblicke\nTodes und schmiegte sich seinen Feinden an. Wie unendlich erhaben erscheinen uns diesen treulosen Thieren gegen\u00fcber die Hunde, welche ihr Leben auf dem Grabe ihres Herrn verhauchten und jahrelang einen geliebten Menschen nicht vergessen konnten! Wie gewaltig sticht dagegen das Betragen \u201edes Hundes vom Grabe\" ab, welcher sieben Jahre lang auf dem Todtenh\u00fcgel seines Lieblings wohnte und lebte und endlich aus demselben auch verschied!\nWie der Windhund gegen den Menschen sich zeigt, so benimmt er sich auch gegen andere Hunde. Er liebt sie nicht, sie sind ihm sogar fast gleichgiltig: \u25a0\u2014 kommt es aber zu einer Balgerei, so ist er sicher der Erste, welcher zubei\u00dft, und dann ist er sehr gef\u00e4hrlich. Denn trotz seiner schlanken, seinen Gestalt ist er stark, und sobald es zum Knurren kommt, benutzt er seine Gr\u00f6\u00dfe, h\u00e4lt dem Gegner seine Schnauze immer \u00fcbers Genick, packt, sobald sich jener r\u00fchrt, fest zu, sucht ihn empor zu heben und sch\u00fcttelt ihn, da\u00df ihm H\u00f6ren und Sehen vergeht. Dabei ist er so gemein, da\u00df er auch mit kleinen Hunden anbindet, welche andere, edeldenkende Hunde stets mit einer gewissen Herablassung behandeln und wenigstens niemals bei\u00dfen; ja, es kommt h\u00e4ufig genug vor, da\u00df ein Windhund kleinere Hunde in wenigen Augenblicken todtsch\u00fcttelt. Dennoch ist das Thier n\u00fctzlich und manchen V\u00f6lkerschaften zu ihrer Jagd geradezu unentbehrlich. Weit mehr n\u00e4mlich, als der Windhund im Norden benutzt wird, gebraucht man ihn im S\u00fcden, namentlich in allen Steppenl\u00e4ndern. Die Tartaren, Perser, Kleinasiaten, die Beduinen, Kabilen, die Araber, Sudahnesen, Inder und andere mittel-afrikanische und asiatische V\u00f6lkerschaften achten ihn \u00fcberaus hoch, im Werthe oft einem guten Pferde gleich. Unter den Araberst\u00e4mmen der W\u00fcste oder vielmehr der W\u00fcstensteppen am Rande der Sahara geht das Sprichwort:\n\u201eEin guter Falk, ein schneller Hund, ein edles Pferd,\nSind mehr- als zwanzig Weiber werth.\"\nDie Wahrheit dieses Sprichwortes begreift man, wenn man unter den Leuten gelebt hat.\nBei uns freilich wird der Windhund eben nicht h\u00e4ufig gebraucht. Die Jagd mit ihm ist f\u00fcr den Wildstand \u00e4u\u00dferst sch\u00e4dlich und deshalb auch an vielen Orten untersagt. Nur gro\u00dfe Gutsbesitzer machen sich ab und zu das Vergn\u00fcgen, mit ihm zu jagen. Dazu wird er leicht abgerichtet. Wenn er ein und ein halbes Jahr alt geworden, nimmt man ihn an die Leine und sucht es dahin zu bringen, da\u00df er an dieser ruhig geht. Anfangs bringt man ihn mit einem alten Windhund auf ein Revier, wo es wenig Hasen giebt, und hetzt erst blos junge Hasen, welche aber noch nicht weit von dem Hunde entfernt sein d\u00fcrfen. Die Gegend mu\u00df eben und frei sein, und man mu\u00df zu Pferde \u00fcberall hinkommen k\u00f6nnen, damit man auch zur rechten Zeit bei dem Hunde anlangt, wenn er einen Hasen gefangen hat.\nEs ist ein sch\u00f6nes Schauspiel, solche Jagd mit anzusehen. Der Hase ist so dumm nicht, wie er aussieht, und spielt dem unerfahrenen Hunde manche T\u00fccke. In rasender Eile jagt dieser seinem Wilde nach, er macht S\u00e4tze von wirklich unglaublicher Entfernung, nicht selten solche, welche mit denen der gr\u00f6\u00dferen Katzen wetteifern, von acht, zehn und zw\u00f6lf Fu\u00df, und so ist es kein Wunder, da\u00df er dem Hasen bald genug auf den Leib r\u00fcckt. Jetzt ist er dicht herangekommen, \u2014 im n\u00e4chsten Augenblick wird er ihn fassen \u2014 nein. so schnell geht das nicht! Der Hase hat pl\u00f6tzlich einen Haken geschlagen und rennt r\u00fcckw\u00e4rts; der Hund aber, der in gerader Flucht ihm nacheilte, ist weit \u00fcber ihn hinausgest\u00fcrzt, f\u00e4llt fast auf die Erde, sieht sich w\u00fcthend um, ger\u00e4th in \u00e4u\u00dfersten Zorn, sucht und sieht endlich den Hasen bereits auf anderthalbhundert Schritte Entfernung dahinlaufen. Jetzt wirft er sich herum, rast ihm nach, fa\u00dft ihn bereits wieder \u2014 da schl\u00e4gt der Hase einen zweiten Haken und dem Hunde ergeht es wie das erste Mal. In dieser Weise w\u00fcrde die Jagd ohne Ende fortdauern, wenn man nicht zwei Hunde auf einen Hasen laufen lie\u00df. Da freilich endet sie weit schneller; denn w\u00e4hrend der Eine den Hasen verfolgt, schneidet der Andere ihm den Bogen ab, und so trifft das Sprichwort ein: \u201eViele Hunde sind der Hasen Tod.\" Hat nun endlich der Hund den Hasen gefangen, so mu\u00df","page":347},{"file":"p0348.txt","language":"de","ocr_de":"348\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Windhunde.\nman sobald als m\u00f6glich zur Stelle sein; denn die allermeisten Windhunde schneiden ihre Beute an und haben sie manchmal bereits halb aufgefressen, wenn der J\u00e4ger herbeikommt. Ein Windhund, welcher die anderen hiervon abh\u00e4lt, wird Retter genannt, und Derjenige, welcher im Stande ist, einen Hasen allein ohne Hilfe zu erhaschen, Solof\u00e4nger; Beide werden au\u00dferordentlich theuer bezahlt und sind sehr gesucht.\nW\u00e4hrend im Norden die Windhunde sich vielfach durch ihren Leibesbau und ihre Behaarung unterscheiden, geh\u00f6ren die des S\u00fcdens, wie es scheint, mehr oder weniger einer Rasse an. Der persische Windhund mag sie uns kennen lernen. Er ist ein ebenso edles, als anmuthiges Thier. Die Behaarung ist seidenweich; ihre F\u00e4rbung ist ein leichtes Isabellgelb, welches nicht selten ins Wei\u00dfliche zieht, h\u00e4ufig aber bis zur echten Rehfarbe dunkelt. Auf den alten egyptischen Denkm\u00e4lern findet man diese Rasse unter anderen, namentlich gefleckten Windhunden abgebildet, woraus also hervorgeht, da\u00df dieses vortreffliche Thier schon im grauen Alterthum benutzt wurde. Ich meines-theils habe ihn in Kordofahn kennen gelernt.\nAlle Steppenbewohner, und zwar die festsitzenden ebensogut, wie die herumwandernden, verehren den Windhund in ganz ungew\u00f6hnlicher Weise. Es wurde mir nicht m\u00f6glich, ein Windspiel k\u00e4uflich an mich zu bringen, weil die Leute sich durchaus nicht auf den Handel einlassen wollten. Besondere Gebr\u00e4uche, welche zum Gesetz geworden sind, bestimmen gewisserma\u00dfen den Werth des Thieres. So mu\u00df, um ein Beispiel zu geben, in Jemen nach altem Brauch und Recht Jeder, welcher ein Windspiel erschl\u00e4gt, soviel Weizen zur S\u00fchne geben, als erforderlich ist, den Hund zu bedecken, wenn er so an der Standarte aufgeh\u00e4ngt ist, da\u00df er mit der Schnauzenspitze eben den Boden ber\u00fchrt. Bei dem verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig hohen Preise, welchen der Weizen in jener Gegend hat, beansprucht dies eine ganz au\u00dferordentliche Summe; denn ein derartig aufgehangener Windhund erfordert bei dem geringen Fallwinkel des Getreides, wenn er bedeckt sein will, einen Haufen von vielen Scheffeln.\nIm Jahre 1848 verlebte ich mehrere Wochen in dem Dorfe Melbe\u00df in Kordofahn und hatte hier vielfache Gelegenheit, den innerafrikanischen Windhund zu beobachten. Die Dorfbewohner n\u00e4hrten sich, obgleich sie Getreide bauten, haupts\u00e4chlich von der Viehzucht und der Jagd. Aus diesem Grunde hielten sie blos Sch\u00e4fer- und Windhunde, die ersteren bei den Herden, die letzteren im Dorfe. Es war eine wahre Freude, durch das Dorf zu gehen; denn vor jedem Hause sa\u00dfen drei oder vier der pr\u00e4chtigen Thiere, von denen einer immer den andern an Sch\u00f6nheit \u00fcbertraf. Sie waren wachsam und schon hierdurch von ihren Verwandten sehr verschieden. Sie sch\u00fctzten das Dorf auch gegen die n\u00e4chtlichen Ueberf\u00e4lle der Hi\u00e4nen und Leoparden; nur in einen Kampf mit dem L\u00f6wen lie\u00dfen sie sich nicht ein. Am Tage waren sie ruhig und still, nach Einbruch der Nacht aber begann ihr wahres Leben. Man sah sie dann auf allen Mauern herumklettern; selbst die Strohd\u00e4cher der Dokhahl oder runden H\u00fctten mit kegelf\u00f6rmigem Dache bestiegen sie, wahrscheinlich um dort einen geeigneten Standpunkt zum Ausschauen und Lauschen zu erhalten. Ihre Gewandtheit im Klettern erregte billig meine Verwunderung. Schon in Egypten hatte ich beobachtet, da\u00df die Dorfhunde nachts mehr auf den H\u00e4usern, als auf den Stra\u00dfen sich aufhalten. Hier aber sind alle H\u00fcttend\u00e4cher glatt und eben, in Melbe\u00df dagegen waren dies nur die wenigsten: gleichwohl waren auch hier die Hunde oben ebenso heimisch, als unten auf der flachen Erde. Wenn nun die Nacht hereinbrach, h\u00f6rte man anfangs wohl hier und da Gekl\u00e4ff und Gebell, bald jedoch wurde es ganz ruhig, und man vernahm h\u00f6chstens das Ger\u00e4usch, welches die Hunde verursachten, wenn sie \u00fcber die D\u00e4cher wegliefen, unter denen man lag. Doch verging w\u00e4hrend meines ganzen Aufenthaltes keine Nacht, ohne da\u00df sie Gelegenheit gefunden h\u00e4tten, dem Menschen zu dienen. Eine Hi\u00e4ne, ein Leopard oder ein Gepard, wilde Hunde und andere Raubthiere n\u00e4herten sich alln\u00e4chtlich dem Dorfe. Ein Hund bemerkte die verha\u00dften G\u00e4ste, schlug in eigenth\u00fcmlich kurzer Weise heftig an, und im Nu war die ganze Meute lebendig. Mit wenig S\u00e4tzen sprang jeder Hund von seinem erhabenen Standpunkte herab; in den Stra\u00dfen bildete sich augenblicklich eine Meute, und diese st\u00fcrmte nun eilig vor das Dorf hinaus,","page":348},{"file":"p0349.txt","language":"de","ocr_de":"349\nSchilderung der persischen Windhunde und ihrer Jagden.\num den Kampf mit dem Feinde zu bestehen. Gew\u00f6hnlich war schon nach einer Viertelstunde die ganze Gesellschaft wieder versammelt: der Feind war in die Flucht geschlagen und die Hunde kehrten siegreich zur\u00fcck. Blos wenn ein L\u00f6we erschien, bewiesen sie sich feig und verkrochen sich heulend in einen Winkel der Seriba oder der dornigen Umz\u00e4unung des Dorfes.\n* ^de Woche brachte ein Paar Festtage f\u00fcr unsere Thiere. Am fr\u00fchen Morgen vernahm man zuweilen mitten im Dorfe den Ton eines Hornes, und dieser rief ein Leben unter den Hunden hervor, welches gar nicht zu beschreiben ist. Als ich den eigenth\u00fcmlichen Klang des Hornes znm ersten Male vernahm, wu\u00dfte ich ihn mir durchaus nicht zu deuten; die Hunde aber verstanden sehr wohl, was er sagen sollte. Aus jedem Hause hervor eilten drei oder vier St\u00fcck mit wilden Spr\u00fcngen, jagten dem Klange nach, und in wenigen Minuten hatte sich um den Hornbl\u00e4ser eine Meute von wenigstens 50 ober 60 Hunden versammelt. Wie ungeduldige Knaben umdr\u00e4ngten sie den Mann; sie sprangen an ihm empor, heulten, bellten, kl\u00e4fften, wimmerten, rannten unter sich hin und her, knurrten einander an, dr\u00e4ngten eifers\u00fcchtig diejenigen weg, welche dem Mann am n\u00e4chsten standen: \u2014 kurz, sie zeigten in jeder Bewegung und in jedem Laut, da\u00df sie aufs \u00e4u\u00dferste erregt waren. Als ich nun aus den meisten H\u00e4usern die jungen M\u00e4nner mit ihren Lanzen und verschiedenen Schnuren und Stricken hervortreten sah, verstand ich freilich, was der Hornlaut zu sagen hatte: er war das Iagdzeichen. Nun sammelte sich die Mannschaft um die Hunde, und Jeder suchte sich seine eignen aus dem wirren Haufen heraus. Ihrer Vier bis Sechs wurden immer von einem Manne gef\u00fchrt; dieser hatte aber oft genug seine Noth, um die ungeduldigen Thiere nur einigerma\u00dfen z\u00fcgeln zu k\u00f6nnen. Das war ein Dr\u00e4ngen, ein Vorw\u00e4rtsstreben, ein Kl\u00e4ffen, ein Bellen ohne Ende! Endlich schritt der ganze Jagd-zug geordnet zum Dorfe hinaus, dabei ein wirklich prachtvolles Schauspiel gew\u00e4hrend. Man ging selten weit, denn schon die n\u00e4chsten W\u00e4lder boten eine ergiebige Jagd, und diese war, Dank dem Eifer und Geschick der Hunde, f\u00fcr die M\u00e4nner eine verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sehr leichte. An einem Dickicht angekommen bildete man einen weiten Kessel und lie\u00df dann die Hunde los. Diese drangen in das Innere des Dickichts ein und fingen fast alles jagdbare Wild, welches sich dort befand. Man brachte mir Trappen, Perlh\u00fchner, Frankoline, ja sogar.W\u00fcstenh\u00fchner, welche von den Hunden gefangen worden waren. Mehr brauche ich wohl nicht zu sagen, um die Gewandtheit dieser vortrefflichen Thiere zu beweisen. Eine Antilope entkam ihnen nie, weil sich jedesmal ihrer Vier oder Sechs vereinigten, um sie zu verfolgen. Die gew\u00f6hnliche Jagdbeute bestand aus Antilopen, Hasen und H\u00fchnern, doch wurden auch andere Thiere von den Hunden erbeutet, z. B. Wildhunde (Canis simensis), Steppenf\u00fcchse (Vulpes famelica) und andere Raubthiere, und man versicherte mich, da\u00df ein Leopards ein Gepard oder eine Hi\u00e4ne den Windhunden jedesmal er? liegen m\u00fcsse.\nDiese Hunde sind der Stolz der Steppenbewohner und werden deshalb auch mit einer gewissen Eifersucht von diesen unter sich festgehalten. Bei den festwohnenden Arabern in der Nilniederung findet man sie nicht, und nur selten kommt ein Steppenbewohner mit zwei oder drei seiner Lieblings-thiere bis zum Nil herab. Bei solchen Gelegenheiten verlieren die Leute gew\u00f6hnlich einen ihrer Hunde, und zwar durch die Krokodile. Die am Nil und seinen Armen gebornen und dort aufgewachsenen Hunde werden von den Krokodilen niemals \u00fcberrascht. Sie nahen sich, wenn sie trinken wollen, dem Strom immer nur mit der allerverst\u00e4ndigsten Vorsicht und tappen nie blindlings zu, wie die der Verh\u00e4ltnisse unkundigen Steppenhunde. Ein Nilhund, um Dies kurz zu beschreiben, kommt vorsichtig zum Flu\u00dfufer, beobachtet das Wasser von dort ganz genau, schreitet bedachtsam n\u00e4her bis zu dem Spiegel des Wassers heran, heftet die Augen fest auf das tr\u00fcgerische Element und trinkt in Abs\u00e4tzen, bei der geringsten Bewegung des Wassers sich eilig zur\u00fcckziehend; der Steppenhund dagegen denkt gar nicht daran, da\u00df im Wasser Etwas verborgen sein k\u00f6nne, springt unbesorgt in den Strom, um sich auch Brust und Leib zu k\u00fchlen, und f\u00e4llt so den Krokodilen sehr h\u00e4ufig zum Opfer. Ob Dies eine der Hauptursachen ist, da\u00df man unmittelbar am Nil selbst keine Windhunde h\u00e4lt, oder ob noch andere Ursachen mitwirken, wei\u00df ich nicht zu sagen.","page":349},{"file":"p0350.txt","language":"de","ocr_de":"350\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Windhunde.\nUeber die Windhunde des westlichen Theiles der W\u00fcste mag uns General Daumas belehren:\n\u201eIn der Sahara, wie in allen \u00fcbrigen L\u00e4ndern der Araber, ist der Hund nicht mehr, als ein vernachl\u00e4ssigter, beschwerlicher Diener, welchen man von sich st\u00f6\u00dft, wie gro\u00df auch die N\u00fctzlichkeit seines Amtes sei, gleichviel ob er die Wohnung bewachen oder das Vieh h\u00fcten mu\u00df: \u2014 nur der Windhund.allein genie\u00dft die Zuneigung, die Achtung, die Z\u00e4rtlichkeit seines Herrn. Der Reiche sowohl, als der Arme, betrachten ihn als den unzertrennlichen Genossen aller ritterlichen Vergn\u00fcgungen, welche die Beduinen mit so gro\u00dfer Freude \u00fcben. Man h\u00fctet diesen Hund, wie seinen eigenen Augapfel; man giebt ihm sein besonderes Futter, l\u00e4\u00dft ihn, so zu sagen, mit sich aus einer Sch\u00fcssel speisen und sieht mit gro\u00dfer Sorgfalt auf die Reinhaltung der Rassen. Ein Mann der Sahara durchreist gern seine zwanzig, drei\u00dfig Meilen, um f\u00fcr eine edle H\u00fcndin einen edlen Hund zu finden!\"\n\u201eDer Windhund der besten Art mu\u00df die fl\u00fcchtige Gazelle in wenig Zeit erreichen. \u201eWenn\t\u25a0\nder \u201e Slugui\" eine Gazelle sieht, welche weidet, f\u00e4ngt er sie, ehe sie Zeit hatte, den Bissen im Munde hinab zu schlingen,\" \u2014 sagen die Araber, um die Schnelligkeit und G\u00fcte ihrer Hunde zu versinnlichen.\"\n\u201eGeschieht es, da\u00df eine Windh\u00fcndin sich mit einem andern Hunde einl\u00e4\u00dft und tr\u00e4chtig wird, so todten die Araber ihr die Jungen im Leibe, sobald sie sich einigerma\u00dfen entwickelt haben. Und nicht allein ihre Kinder verliert solch eine ungerathene H\u00fcndin, sondern\u00bb unter Umst\u00e4nden auch das eigne Leben. Ihr Besitzer l\u00e4\u00dft sie ohne Gnade umbringen: \u201eWie,\" ruft er aus, \u201edu, eine H\u00fcndin von Erziehung, eine H\u00fcndin von edler Geburt, wirfst dich weg und l\u00e4\u00dft dich mit dem P\u00f6bel ein? Es ist\t^\neine Gemeinheit ohne Gleichen; stirb mit deinem Verbrechen!\"\n\u201eWenn eine Windh\u00fcndin Junge geworfen hat, verlieren die Araber keinen Augenblick, um diese Jungen geh\u00f6rig zu beobachten und sie zu liebkosen. Nicht selten kommen die Frauen herbei und lassen sie an ihren eignen Br\u00fcsten trinken. Je gr\u00f6\u00dfern Ruf die H\u00fcndin hat, um so mehr Besuche empf\u00e4ngt sie w\u00e4hrend ihres Wochenbettes, und Alle bringen ihr Geschenke, die Einen Milch, die Andern Kuskusu, und kein Versprechen, keine Schmeichelei giebt es, welche nicht angewandt w\u00fcrde, um ein junges, edles H\u00fcndchen zu erlangen. \u201eIch bin dein Freund, mein Bruder, thue mir den Gefallen und gieb mir das, worum ich dich bitte; ich will dich gern begleiten, wenn du zur Jagd hinausgehst; ich will dir dienen j und dir andere Freundlichkeiten erzeigen.\" Auf alle diese Bitten antwortet der Herr der H\u00fcndin, dem solche Bitten gespendet werden, gew\u00f6hnlich, da\u00df er noch nicht Gelegenheit gehabt habe, f\u00fcr sich selbst den ihm anstehenden Hund des Gew\u00f6lfes auszusuchen, und unter sieben Tagen gar Nichts sagen k\u00f6nne. Solche Zur\u00fcckhaltung hat ihren Grund in einer Beobachtung, welche die Araber gemacht , haben wollen. In dem Gew\u00f6lfe der Windh\u00fcndin giebt es immer ein H\u00fcndchen, welches auf allen \u00fcbrigen liegt, sei es zuf\u00e4llig oder in Folge seiner eigenen Anstrengungen. Um sich nun vollends von der G\u00fcte dieses Thieres zu versichern, nimmt man es von seinem Platze weg und beobachtet, ob es sich in den ersten sieben Tagen wiederholt denselben erobert. Geschieht Dies, so hat der Besitzer die gr\u00f6\u00dften Hoffnungen, einen vorz\u00fcglichen Hund in ihm zu erhalten, und es w\u00fcrde vergeblich sein, ihm den besten Negersklaven als Tauschmittel zu bieten: er verkauft den Hund sicherlich nicht. Eine andere Ansicht l\u00e4\u00dft diejenigen Hunde als die besten erscheinen, welche zuerst, zu dritt und zu f\u00fcnft geboren werden.\"\n\u201eMit dem vierzigsten Tage werden die jungen Windhunde entw\u00f6hnt; demungeachtet erhalten sie aber noch Ziegen- oder Kamelmilch, soviel sie m\u00f6gen, und dazu Datteln und Kuskusu. Nicht selten sieht man Araber, welche f\u00fcr die jungen, der Mutter entw\u00f6hnten Hunde milchreiche Ziegen festhalten, damit die hochgeachteten Thiere an denselben saugen k\u00f6nnen.\"\n\u201eIst der Windhund drei oder vier Monate alt geworden, so beginnt man, sich mit seiner Erziehung zu besch\u00e4ftigen. Die Knaben lassen vor ihm Spring- und Rennm\u00e4use lausen und hetzen den jungen F\u00e4nger auf dieses Wild. Es dauert nicht lange, so zeigt das edle Thier bereits gro\u00dfe Lust an dieser Jagd, und nach wenigen Wochen ist es schon soweit gekommen, da\u00df es auch auf andere, gr\u00f6\u00dfere Nager verwendet werden kann. Im Alter von f\u00fcnf und sechs Monaten beginnt man bereits","page":350},{"file":"p0351.txt","language":"de","ocr_de":"Daumas' Schilderung des Windhundes in der Sahara.\n351\nmit der Jagd des Hasen, welche ungleich gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten macht. Die Diener gehen zu Fu\u00df, den jungen Windhund an der Hand f\u00fchrend, nach einem vorher ausgekundschafteten Hasenlager, sto\u00dfen den Schl\u00e4fer auf, feuern den Hund durch einen leisen Zuruf zur Verfolgung an und fahren mit diesem Gesch\u00e4ft fort, bis der Windhund auch Hasen zu fangen gelernt hat. Von dem Hasen steigt man zu jungen Gazellen auf. Man n\u00e4hert sich diesen mit aller Vorsicht, wenn sie zur Seite ihrer M\u00fctter ruhen, ruft die Aufmerksamkeit der Hunde wach, begeistert sie, bis sie ungeduldig werden, und l\u00e4\u00dft sie dann los. Nach einigen Uebungen betreibt der Windhund auch ohne besondere Aufmunterung die Jagd leidenschaftlich.\"\n^ \u201eUnter solchen Uebungen ist das edle Thier ein Jahr alt geworden und hat beinahe seine ganze St\u00e4rke erreicht. Seine Sinne haben sich entwickelt, und namentlich der Geruch, welcher bei ihm nicht in dem Grade verk\u00fcmmert erscheint, als bei anderen Windhunden, hat seine volle Ausbildung erhalten, demohngeachtet wird der Slugui noch nicht zur Jagd verwandt, h\u00f6chstens, nachdem er 15 oder 16 Sonate alt geworden ist, gebraucht man ihn wie die \u00fcbrigen. Aber von diesem Augenblicke an muthet man ihm auch fast das Unm\u00f6gliche zu, und er macht das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich.\"\nWenn jetzt dieser Hund ein Rudel von 30 oder 40 Antilopen erblickt, zittert er vor Aufregung und Vergn\u00fcgen und schaut bittend seinen Herrn an, welcher erfreut ihm zu sagen pflegt: \u201eDu Judensohn, sage mir nur nicht mehr, da\u00df du sie nicht gesehen hast. Ich kenne dich, Freund, aber will dir gern zu Willen sein.\" Jetzt nimmt er seinen Schlauch herab und befeuchtet dem Judensohne und Freunde R\u00fccken, Bauch und Geschlechtstheile, \u00fcberzeugt, da\u00df der Hund hierdurch mehr gest\u00e4rkt werde, als durch alles Uebrige. Der Windhund seinerseits ist voll Ungeduld und wendet seine Augen bittend nach seinem Herrn. Endlich sieht er sich frei, jauchzt vor Vergn\u00fcgen auf und wirft sich wie ein Pfeil auf seine Beute, immer sich das sch\u00f6nste und stattlichste St\u00fcck des Rudels ausw\u00e4hlend. Sobald er eine Gazelle oder andere Antilope gefangen hat, erh\u00e4lt er augenblicklich sein Waidrecht, das Fleisch an den Rippen n\u00e4mlich, \u2014 Eingeweide w\u00fcrde er mit Verachtung liegen lassen.\"\n\u201eDer Windhund ist klug und besitzt sehr viel Eitelkeit. Wenn man ihm vor der Jagd eine sch\u00f6ne Antilope zeigt, er aber nicht im Stande ist, diese zu bekommen, sondern daf\u00fcr eine andere niederrei\u00dft und daf\u00fcr gescholten wird, ist er sehr ungl\u00fccklich und zieht sich schamvoll zux\u00fcck, auf sein Wildrecht verzichtend. Die Erziehung, welche er genie\u00dft, macht ihn unglaublich eitel. Ein edler Windhund fri\u00dft niemals von einem schmutzigen Teller und trinkt nie Milch, in welche Jemand seine Hand getaucht hat. Seme Erzieher haben ihn so verw\u00f6hnt, da\u00df er die beste Abwartung verlangt. W\u00e4hrend man anderen Hunden kaum Nahrung reicht, sondern sie vielmehr zwingt, sich mit dem Aase und mit den Knochen zu n\u00e4hren, welche die Windhunde verschm\u00e4hen, w\u00e4hrend man sie w\u00fcthend aus den Zellen st\u00f6\u00dft und vom Tisch wegjagt, schl\u00e4ft der Windhund zur Seite seines Herrn auf Teppichen und nicht selten in einem Bette mit seinem Besitzer. Man kleidet ihn an, damit er nicht von der K\u00e4lte leidet man belegt ihn mit Decken, wie ein edles Pferd, man giebt sich M\u00fche, ihn zu erheitern, wenn er m\u00fcrrisch ist, und alles Dies, weil seine Unarten, wie man sagt, ein Zeichen seines Adels sind. Man findet Vergn\u00fcgen darin, ihn mit allerlei Schmuck zu beh\u00e4ngen; man legt ihm Halsb\u00e4nder und Muscheln um und beh\u00e4ngt ihn, um ihn vor dem Blicke des L\u00f6sen Auges zu sch\u00fctzen, mit Talismanen; man besorgt seine Nahrung mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt und giebt ihm \u00fcberhaupt nur das Essen, welches man selbst f\u00fcr Leckerbissen h\u00e4lt. Und nicht genug damit; der Windhund begleitet seinen Herrn, wenn dieser seine Besuche macht und empf\u00e4ngt wie dieser die Gastfreundschaft im vollsten Ma\u00dfe; er erh\u00e4lt soaar seinen Theil von jedem Gericht.\"\n\u201eDer edle Windhund jagt nur mit seinem Herrn. Solche Anh\u00e4nglichkeit und die Reinlichkeit des Thieres vergilt die M\u00fche, welche man sich mit ihm giebt. Wenn nach einer Abwesenheit von einigen Tagen der Herr zur\u00fcckkommt, st\u00fcrzt der Windhund jauchzend aus dem Zelte hervor und springt mit einem Satze in den Sattel, um den von ihm schmerzlich Vermi\u00dften zu liebkosen; dann sagt der Araber zu ihm: \u201eMein lieber Freund, entschuldige mich, es war nothwendig, da\u00df ich dich verlie\u00df: aber ich gehe nun mit dir; denn ich brauche Fleisch, ich bin des Dattelnessens m\u00fcde, und du wirst wohl","page":351},{"file":"p0352.txt","language":"de","ocr_de":"352\nDie RauLthiere. Hunde. \u2014 Windhunde.\nso gut sein, mir Fleisch zu verschaffen,\" Der Hund benimmt sich Lei allen diesen Freundlichkeiten, als wisse er sie Wort f\u00fcr Wort in ihrem vollen Werthe zu w\u00fcrdigen.\"\n\u201eWenn ein Windhund stirbt, geht ein gro\u00dfer Schmerz durch das ganze Zelt. Die Frauen und Kinder weinen, als ob sie ein theures Familienglied verloren h\u00e4tten. Und oft genug haben sie auch viel verloren; denn der Hund war es, welcher die ganze Familie erhielt. Ein Slugui, welcher f\u00fcr den armen Beduinen jagt, wird niemals verkauft, und nur in h\u00f6chst seltenen F\u00e4llen l\u00e4\u00dft man sich herbei, ihn einem der Verwandten oder einem Marabut, vor dem man gro\u00dfe Ehrfurcht hat, zu schenken. ]\nDer Preis eines Slugui, welcher die gr\u00f6\u00dferen Gazellen f\u00e4ngt, steht dem eines Kameles gleich; f\u00fcr einen Windhund, welcher gr\u00f6\u00dfere Antilopen niederrei\u00dft, bezahlt man gern soviel, wie f\u00fcr ein sch\u00f6nes Pferd.\"\nDie Perser benutzen ihre Windhunde, welche den afrikanischen au\u00dferordentlich \u00e4hneln, ebenfalls --haupts\u00e4chlich bei der Antilopenjagd, stellen ihnen aber in ihren Baizfalken ganz vortreffliche Ge-\nDer italienische Hund (Canis Italiens).\nHilfen. Alle vornehmen Perser sind leidenschaftliche Freunde dieser gemischten oder vereinigten Hetzjagden und wagen bei wahrhaft haarstr\u00e4ubenden Ritten das 8eben mit Freuden bei solch edlem Vergn\u00fcgen. Sobald sie in ihrer Ebene eine Antilope erblicken, lassen sie den Baizfalken steigen, und dieser holt nat\u00fcrlich mit wenig Fl\u00fcgelschl\u00e4gen das sich fl\u00fcchtende S\u00e4ugethier ein und zwingt es auf eigenth\u00fcmliche' Weise zum Feststellen. Geschickt einem Sto\u00dfe des spitzen Hornes ausweichend, schie\u00dft er schief von oben herab auf den Kopf der Antilope, schl\u00e4gt dort seine gewaltigen F\u00e4nge ein, h\u00e4lt sich trotz alles Sch\u00fcttelns fest und verwirrt das Thier durch Fl\u00fcgelschl\u00e4ge, bis es nicht mehr wei\u00df, wohin es sich wenden soll, und solange im Kreise herumtaumelt, bis die Windhunde nachgekommen sind, um es f\u00fcr ihren Herrn festzumachen. Au\u00dferdem benutzt man denselben Hund auch noch zur Jagd des Ebers und des wilden Esels (Asinus hemionus), und namentlich der letzere soll dem J\u00e4ger und seinem schnellen, vierf\u00fc\u00dfigen Gehilfen viel zu schaffen machen. Seinem nat\u00fcrlichen Triebe folgend, eilt der aufgescheuchte wilde Esel augenblicklich den felsigen Abh\u00e4ngen zu, in welchen er den gr\u00f6\u00dften Theil","page":352},{"file":"p0353.txt","language":"de","ocr_de":"Der russische, schottische, irische, italienische Windhund.\n353\nseines Lebens verbringt und der Uebung im Klettern wegen die gr\u00f6\u00dften Vortheile vor dem persischen Pferde hat. Nur solche gewandte Gesch\u00f6pfe, wie die eingebornen Windhunde es sind, k\u00f6nnen ihm in jene Gebiete folgen, aber auch sie m\u00fcssen oft genug ihre Beute aufgeben, m\u00fcssen es thun, obleich man mehrere Hundemeuten in der Verfolgung des ebenso fl\u00fcchtigen als muthigen Esel abwechseln l\u00e4\u00dft.\nMan sagt, da\u00df der persische Windhund ein sehr zweifelhafter Begleiter seines Herrn sei und zuweilen denselben zur Flucht n\u00f6thige, indem er geradezu m\u00f6rderisch \u00fcber ihn herfalle. Doch bedarf Dies wohl noch sehr der Best\u00e4tigung. \u2014\nAndere Rassen dieser Art zeichnen sich durch eine dichtere Behaarung und buschigere Standarte aus. Hierher geh\u00f6rt haupts\u00e4chlich der russische, w\u00e4hrend der schottische und irische einen dicht behaarten Schwanz tragen. Wie andere werden sie vielfach bei Wolfsjagden oder auch bei B\u00e4renoder Schweinshatzen benutzt.\nDas zierlichste Mitglied der ganzen Windhundgesellschaft ist der sogenannte italienische Hund (Cards Italiens). Er verdient seines \u00fcberaus zarten und seinen Leibesbaues wegen der Erw\u00e4hnung. Anderen Windhunden gegen\u00fcber ist er ein Zwerg; aber er ist ein h\u00f6chst wohlgebildeter Zwerg, bei welchen jeder K\u00f6rpertheil im genauesten Verh\u00e4ltnisse steht. Sein Gewicht \u00fcbersteigt selten 6 oder 7 Pfund, und die ausgezeichnetsten wiegen sogar blos vier Pfund, trotz ihrer H\u00f6he von 14 oder 15 Zoll. Man hat zwar versucht, das niedliche Gesch\u00f6pf zur Jagd der Kaninchen abzurichten, allein es eignet sich hierzu weit weniger, als zu der Rolle eines Schosh\u00fcndchens oder Lieblings von Damen; denn der italienische Windhund l\u00e4\u00dft sich leichter und gr\u00fcndlicher verziehen, als jeder andere Hund. Ein liebebed\u00fcrstiges und erziehungslustiges Frauenherz findet in ihm geradezu einen un\u00fcbertrefflichen Gegenstand; ein Wesen, welches in kurzer Zeit an Eigenwillen, Empfindlichkeit und Empfindsamkeit selbst das verweichlichste Menschenkind \u00fcbertrifft. Abgesehen von diesen Eigenschaften ist der schmucke zierlich gebaute Hund aber ein wirklich reizendes Gesch\u00f6pf. Jeder K\u00f6rpertheil an ihm ist zierlich und fein gebildet, jede Bewegung von ihm ist leicht, gef\u00e4llig und aumuthig. Die F\u00e4rbung ist eine sehr wechselnde; am h\u00e4ufigsten sieht man ein eigenth\u00fcmliches Graubraun mit goldigem Schimmer.\nAls einfacher Blendling zwischen Windhund und Bullenbei\u00dfer wird der gro\u00dfe d\u00e4nische Hund (Canis danicus) \u2014 siehe Seite 354 \u20147'angesehen. Man sieht ihn in Deutschland selten, in England aber als den treuen Begleiter von Pferden und Wagen h\u00e4ufiger. Es ist ein gro\u00dfes sch\u00f6nes Thier von edler Form mit schlanken Beinen und glattem Schwanz, schmalen und kurzen Ohren und gro\u00dfen, lebhaften Augen; die Schnauze ist zugespitzt, aber, wie das ganze Thier, immer noch weit kr\u00e4ftiger, als die des Windhundes.^ Seine F\u00e4rbung spielt ins Braune, M\u00e4usefarbene und Schw\u00e4rzliche; die Brust und die Kehle sind jedoch immer wei\u00dflich. Fr\u00fcher wurde er viel zur Hatz auf Rothwild benutzt, gegenw\u00e4rtig ist bekanntlich diese Jagd au\u00dfer Gebrauch gekommen. Der d\u00e4nische Windhund gilt als ein treues, gutm\u00fcthiges und wachsames Thier.\nGenauer auf die manichfaltigen Rassen und Bastarde dieser Art einzugehen, m\u00f6ge mir nachgesehen werden, weil wir ohnehin nur bei genauester Behandlung dieser verschiedenen Abweichungen etwas Gen\u00fcgendes erhalten w\u00fcrden.\nAn den d\u00e4nischen Hund k\u00f6nnen wir die Bullenbei\u00dfer und die ihnen nahe stehenden Rassen der gro\u00dfen H\u00fchnerhunde anreihen.\nBei dem eigentlichen Bullenbei\u00dfer (Canis Molossus) ist der Leib gedrungen dick, gegen die Weichen nur wenig eingezogen, der R\u00fccken nicht gekr\u00fcmmt, die Brust breit und tiefliegend, der Hals ziemlich kurz und dick, der Kopf rundlich, hoch, die Stirne stark gew\u00f6lbt, die Schnauze kurz, nach vorn verschm\u00e4lert, und sehr stark abgestumpft. Die Lippen h\u00e4ngen zu Leiden Seiten \u00fcber (klaffen vorn aber nicht) und triefen best\u00e4ndig von Geifer; die ziemlich langen und mittelbreiten Ohren sind gerundet, halb aufrecht stehend, gegen die Spitze umgebogen und h\u00e4ngend. Die Beine sind von mittler H\u00f6he,\ndick und stark; an den Hinterpfoten ist keine Afterzehe vorhanden. Der Schwanz ist am Grunde dick, Brehm, Thierleben.\t\u00abo","page":353},{"file":"p0354.txt","language":"de","ocr_de":"354\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Bullenbei\u00dfer.\ngegen das Ende zu verschm\u00e4lert, ziemlich lang; er reicht bis an das Fersengelenl. Selten wird er gerade oder nach r\u00fcckw\u00e4rts gestreckt, sondern meistens in die H\u00f6he gerichtet und vorw\u00e4rts gebeugt. Die F\u00e4rbung ist entweder fahl oder br\u00e4unlichgelb, bisweilen mit einem schw\u00e4rzlichen Ueberfluge, oder auch br\u00e4unlich; die Schnauze, die Lippen und die \u00e4u\u00dferen Enden der Ohren sind schwarz: doch giebt es, wie bei allen Hunden, vielfache Ab\u00e4nderungen. Gew\u00f6hnlich betr\u00e4gt die K\u00f6rperl\u00e4nge 21/2 Fu\u00df, die des Schwanzes etwas \u00fcber 1 Fu\u00df, die H\u00f6he am Widerrist gegen 2 Fu\u00df.\nAls muthma\u00dfliche Heimat des Bullenbei\u00dfers kann Irland betrachtet werden; wenigstens finden sich dort die ausgezeichnetsten Rassen, welche man \u00fcberhaupt kennt. Die Thiere sind schwer und plump, und ihr Lauf ist deswegen weder anhaltend, noch rasch. Dagegen besitzen sie eine \u00fcberaus gro\u00dfe St\u00e4rke, viel Entschlossenheit und einen unglaublichen Muth, ja, man kann sagen, da\u00df sie mit wenigen\nDer d\u00e4nische Hund (Canis danicus).\nAusnahmen als die w\u00fcthigsten aller Thiere angesehen werden k\u00f6nnen. Diese hervorragende Eigenschaft ist so wohl bekannt, da\u00df sie zum Sprichwort geworden ist. Ihrer St\u00e4rke wegen sind die Bullenbei\u00dfer zu schwerer und gef\u00e4hrlicher Jagd und zu K\u00e4mpfen mit wilden Thieren besonders geeignet. Noch im Anfange dieses Jahrhunderts veranstalteten die Engl\u00e4nder Kampfspiele zwischen Bullenbei\u00dfern und Stieren; selbst gegen B\u00e4ren und L\u00f6wen k\u00e4mpften die Hunde mit vielem Gl\u00fcck: man rechnete nur drei Doggen auf einen B\u00e4ren, vier auf einen L\u00f6wen.\nDie geistigen F\u00e4higkeiten des Bullenbei\u00dfers sind nicht so ausgezeichnet, wie die der \u00fcbrigen gescheiten Hunde, keineswegs aber so tief stehend, wie man gew\u00f6hnlich angenommen hat. Man glaubte, in dem Bullenbei\u00dfer ein Thier der rohen St\u00e4rke vor sich zu sehen, und gab sich vom Anfang an dem Glauben hin, da\u00df es in geistiger Hinsicht durchaus Nichts leisten k\u00f6nne. Doch ist diese Ansicht unbegr\u00fcndet; denn jeder Bullenbei\u00dfer gew\u00f6hnt sich an den Menschen und opfert mit Vergn\u00fcgen sein Leben f\u00fcr ihn auf. Er eignet sich vortrefflich zum Wachen und H\u00fcten unsers Hauses oder unserer G\u00fcter","page":354},{"file":"p0355.txt","language":"de","ocr_de":"Schilderung nach Leib und Seele.\n355\nunb vertheidigt das ihm Anvertraute mit wirklich beispiellosem Muthe. Als Reisebegleiter in gef\u00e4hrlichen, einsamen Gegenden ist er gar nicht zu ersetzen. Es sind F\u00e4lle genug bekannt, da\u00df er seinen Herrn gegen f\u00fcnf bis sechs R\u00e4uber mit dem gr\u00f6\u00dften Erfolge vertheidigt hat; ja, man wei\u00df Geschichten, in denen er als Sieger aus solchen ungleichen K\u00e4mpfen hervorging, trotz unz\u00e4hliger Wunden, welche er erhalten hatte. Auch als W\u00e4chter bei Rinderherden wird er verwendet und versteht es, selbst den wildesten Stier zu b\u00e4ndigen; denn er ist geschickt genug, sich im rechten Augenblick in das Maul des Ochsen einzubei\u00dfen und so lange dort sich fest zu h\u00e4ngen, bis sich der Stier geduldig der Uebermacht des Hundes f\u00fcgt. Zum Kampf gegen gro\u00dfe Raubthiere, wie B\u00e4ren und W\u00f6lfe, Wildschweine, L\u00f6wen rc. l\u00e4\u00dft er sich leicht abrichten und steht deshalb bei allen V\u00f6lkern, welche mit derlei Raub-gez\u00fcchte zu thun haben, im hohen Ansehen. In den alten Thierhetzen auf Auerochsen und anderes schwere Wild wurde er vielfach verwendet, und in Amerika wird er noch heutigen Tages bei den Stier-\nDer Bullenbei\u00dfer (Canis Molossus).\ngefeiten benutzt. Anderen Hunden gegen\u00fcber betr\u00e4gt er sich sehr anst\u00e4ndig. Er sucht nur selten Streit und l\u00e4\u00dft sich besonders von kleineren Hunden viel gefallen. Auch ertr\u00e4gt er Neckereien lange. Bei fortgesetzter Reizung aber greift er, ohne vorher zu warnen oder viel zu bellen und ohne zu irgend welcher List seine Zuflucht zu nehmen, von vorn an, begn\u00fcgt sich aber gew\u00f6hnlich, seinen Gegner zu Boden zu werfen und ihn festzuhalten, falls dieser keinen fernern Widerstand versucht. Gegen seinen Herrn ist der Bullenbei\u00dfer treu und anh\u00e4nglich, ohne sich ihm inde\u00df aufzudr\u00e4ngen; gegen Fremde jedoch bleibt er immer gef\u00e4hrlich, er mag frei sein oder an der Kette liegen, und wenn er auf Beute gehetzt wird, ist er wahrhaft furchtbar.\nIhm sehr nahe stehen die eigentlichen Doggen. Es sind sehr gro\u00dfe und starke Thiere mit kurzer, dicker, vorn gerad abgestumpfter Schnauze, deren Oberlippen, obgleich sie an den Seiten herab-\n23*","page":355},{"file":"p0356.txt","language":"de","ocr_de":"356\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Doggen.\nh\u00e4ngen, vorn den Mund nicht schlie\u00dfen und so best\u00e4ndig das Gebi\u00df sehen lassen. Die Nase ist nicht selten gespalten, der Pelz ist kurzhaarig und gew\u00f6hnlich von Farbe einfach roth, oft aber auch bunt.\nIn fr\u00fcheren Zeiten, wo das Land noch unsicherer war, als gegenw\u00e4rtig, hielt man die Doggen noch in ziemlicher Menge, gegenw\u00e4rtig findet man sie nur bei Liebhabern. \u201eDie Englischen Docken,\" sagt v. Flemming in seinem Volkommenen teutschen J\u00e4ger, Leipzig 1717, \u201ewelche gro\u00dfe Herren anf\u00e4nglich aus England und Irrland mit vielen Unkosten bringen lassen, werden jetziger Zeit in Deutschland auferzogen. Und geben denen allergr\u00f6\u00dften und sch\u00f6nsten den Namen Cammer-Hunde, weil sie solche meistens des Nachts in ihrem Schlafs-Gemach bei sich haben, damit, wann M\u00f6rder einfallen sollten, diese solche B\u00f6sewichte niederrei\u00dfen, ihren Herrn aber erretten m\u00f6gten. N\u00e4chst diesen werden andere Englische Docken Leib-Hunde genennet, welche an Hirsche, Schweine und W\u00f6lfe gehetzt werden, sonderlich m\u00fcssen dieselben angewiesen werden, da\u00df sie ein wildes Thier ja nicht vor den Kopfs anfallen, sondern zur Seite an die Ohren fassen, und zu beiden Seiten sich anlegen. Denn sonst ein B\u00e4r sie zerrei\u00dfen, ein Hirsch sein Geh\u00f6rn vorwerffen und dieselben spie\u00dfen, das wilde Schwein hauen, der Wolf aber stetig umb sich schnappen und herrumb bei\u00dfen w\u00fcrde. Im Stall liegen sie ein jeder besonders vor sich an Ketten und hat jeder seinen Fra\u00df absonderlich vor sich stehen. \u2014 Die B\u00e4ren- oder Bollbei\u00dfer sind vor dieser vorgemeldeten Art eine besondere Gattung, welche zwar dicke und schwer, zum fangen aber ungemein hitzig erbittert sind. Sie sehen b\u00f6se und t\u00fcckisch auf, und werdet insgemein zur Podolischen und Ungarischen B\u00fcfsel-Ochsen-Hatz, wie auch zuweilen die B\u00e4re damit zu hetzen, gebraucht. Sie werden anf\u00e4nglich an m\u00e4\u00dfige Sauen gehetzet, endlich an kleine B\u00e4ren. Man mu\u00df dieselben, wenn sie sich * fest einbei\u00dfen und verfangen, geschwind mit einer starken rauhen G\u00e4nsefeder in die Kehle k\u00fctzeln, alsdann lassen sie selbst lo\u00df. Der B\u00e4r schmei\u00dfet mit Ohrfeigen umb sich, bis die Herrschaft \u00fcberdr\u00fcssig wird, sodann werden die Hunde an sich angeruffen, und der B\u00e4r entweder in einen Kasten gethan, oder von der Herrschaft ihme mit dem Fang-Eysen der Rest gegeben, nachdem die Cammer- oder Leibhunde vorger\u00fccket und denselben gefangen, darzu dann von anwesenden J\u00e4gern mit Wald- undH\u00fcfft-h\u00f6rnern geblasen wird.\"\nMit diesen Worten sind die Doggen fast hinl\u00e4nglich beschrieben. Bei uns sieht man gew\u00f6hnlich nur eine mittelgro\u00dfe Rasse, welche h\u00f6chstens die Gr\u00f6\u00dfe eines mittelm\u00e4\u00dfigen H\u00fchnerhundes erreicht, | ' oft aber nur halb so gro\u00df ist. Die Farbe dieses Thieres ist regelm\u00e4\u00dfig ein lichtes Isabellgelb; es finden sich aber auch, obwohl selten, Doggen, welche dunkler gef\u00e4rbt sind. Die starken Knochen, die breite Brust und vor Allem der ausgezeichnete Bau des Kopfes l\u00e4\u00dft die Doggen nie verkennen. Der Kopf ist hinten breit und dick, die Backenmuskeln sind ganz erstaunlich stark, die Schnauze ist kurz, die $ Nase eingedr\u00fcckt und wird dadurch sehr h\u00e4\u00dflich, oder aber sie ist gespalten, so da\u00df jedes Nasenloch fast f\u00fcr sich besonders zu liegen scheint; die Schneidez\u00e4hne stehen oft unregelm\u00e4\u00dfig, z. B. einige hinter den anderen; die Spitze der Unterkinnlade tritt vor die der Oberkinnlade; Eck- und Backz\u00e4hne sind\ngewaltig; die Augen sind gro\u00df und der Blick d\u00fcster.\nDer eigentliche Bulldogg wird zumal in England gehalten und hei\u00dft bei uns geradezu englische Dogge (Canis bellicosus). Man sieht ihn, noch mehr, als den Bullenbei\u00dfer, f\u00fcr ein w\u00fcthendes, unzug\u00e4ngliches und stumpfsinniges Thier an; doch kann man ihm diese Eigenschaften nur in beschr\u00e4nkter Weise zuschreiben. Seinem Herrn gegen\u00fcber zeigt der Bulldogg immer Treue und Anh\u00e4nglichkeit; doch mu\u00df er denselben vollkommen kennen gelernt und erfahren haben, da\u00df dessen geistige Kraft seine leibliche unter allen Umst\u00e4nden unterjochen kann; denn sonst glaubt das Thier nicht selten, Das auch an den Menschen versuchen zu d\u00fcrfen, was es an allen Thieren sich zu Schulden kommen l\u00e4\u00dft. Die Dogge ist sehr bissig und herrschs\u00fcchtig und zeigt unter Umst\u00e4nden eine wahre Freude, ein anderes Thier todtznbel\u00dfen. Dabei mu\u00df man ruhmend anerkennen, da\u00df ihr 3Nuth noch gr\u00f6\u00dfer ist, als ihre wirklich furchtbare St\u00e4rke. Sie wagt sich an jedes Thier, selbst an das gef\u00e4hrlichste: ein w\u00fcthender Ochse, ein hungriger, gef\u00e4hrlicher Wolf, ein L\u00f6we erscheinen einer echten Dogge noch keineswegs als un\u00fcberwindliche Gegner: sie versucht wenigstens, inwiefern sie jener Meister werden kann. Lenz erz\u00e4hlt in seinem vorz\u00fcglichen Werke mehrere Thatsachen, von denen ich nur die eine","page":356},{"file":"p0357.txt","language":"de","ocr_de":"v. Flemmings Schilderung. Muth und Mordlust der Dogge.\n357\nanf\u00fchren will. \u201e Im Jahre 1850 sah ich in Gotha eine Menagerie, bei der sich ein gro\u00dfer sch\u00f6ner Wolf befand. Am folgenden Tage zw\u00e4ngte sich der Wolf aus seinem K\u00e4fig und verbreitete unter den vielen Zuschauern gro\u00dfen Schrecken. Ein Bulldogg des Menageriebesitzers, der ruhig in einer Ecke gelegen, hatte Alles beobachtet, sprang pl\u00f6tzlich aus eignem Antrieb hervor und verbi\u00df sich fest in die Kehle des Wolfs. So gewann der Mann Zeit, aus einem vom Zelte geschnittenen Stricke eine Schlinge zu fertigen, die er dann dem Wolfe \u00fcber den Kopf warf. Hund und Mann schafften nun gemeinschaftlich den Wolf nach dem K\u00e4fig hin; dort kam er aber todt an, die Dogge hatte ihn in ihrem Diensteifer erw\u00fcrgt.\"\nWas dieser Hund gefa\u00dft hat, l\u00e4\u00dft er so leicht nicht wieder los. Dies sieht man deutlich, wenn man ihn in einen Stock oder in ein Tuch bei\u00dfen l\u00e4\u00dft; denn dann ckann man ihn an diesem Gegenstand in die H\u00f6he heben, auf den R\u00fccken werfen und andere Dinge mit ihm vornehmen, ohne da\u00df er ausl\u00e4\u00dft.\nVon der Mordlust des Thieres erz\u00e4hlt Lenz Folgendes: \u201eIch bekam ein erwachsenes Bulldogg-weibchen kleinster Sorte, das ein Fuhrmann von K\u00f6ln mitgebracht, das vor Hunger ganz elend aussah und nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Ich bewillkommnete die am ganzen Leibe zitternde Jammergestalt und sprach ihr Trost zu, den sie auch, da er von gutem Futter begleitet war, ohne Bedenken annahm. Dann wollte ich sie in einem Stalle unterbringen, wobei ich mit ihr durch einen Raum mu\u00dfte, in welchem ich eine Menge Kaninchen hielt. Sobald ich hineintrat, sprang die Bestie augenblicklich mit der Wuth eines Tigers auf ein gro\u00dfes Kaninchen und hatte es im 9ht im Aachen. Im n\u00e4chsten Augenblicke hatte ich das Ungeheuerchen mit der rechten Hand beim Kragen und in der Luft; mit der linken ri\u00df ich am Kaninchen, konnte es aber nur in Fetzen aus dem festgeschlossenen Maule zerren. Erst gab ich nun der schwebenden S\u00fcnderin einige t\u00fcchtige Ohrfeigen, die sie annahm, als ob sie gar Nichts davon merkte/ alsdann warf ich die bewu\u00dften Fetzen zur Th\u00fcr hinaus und setzte mein Bulld\u00f6ggchen, umsomehr an Reue und Besserung glaubend, weil es wieder zu zittern und zu beben begann, zur Erde. Sowie es diese ber\u00fchrte, that es zwei S\u00e4tze und hatte wieder ein Kaninchen im Maul, dessen Knochen ich brechen h\u00f6rte. Ich nahm sogleich die r\u00fcckf\u00e4llige S\u00fcnderin wieder beim Genick, ri\u00df ihr die Beute weg, theilte einige Ohrfeigen aus und sorgte nun daf\u00fcr, da\u00df der Kaninchenstall verschlossen blieb. Meinem Gefl\u00fcgel that sie gl\u00fccklicherweise Nichts, und Katzen, gegen die sie, wie ich sp\u00e4ter sah, sehr feindlich gesinnt war, hatte ich damals nicht. Mit mir vertrug sie sich \u00fcbrigens vortrefflich, sah bald bei gutem Futter ganz beh\u00e4big aus und zog mit mir zu Bekannten und Verwandten auf Rattenfang. In diesem Gesch\u00e4fte zeigte sie einen w\u00fcthenden Eifer, wie z. B. aus folgender Thatsache zu ersehen: Ich hatte ein gro\u00dfes, tiefes Fa\u00df mit Falldeckel aufgestellt und bald war eine gewaltige Ratte darin. Dieses Fa\u00df brachte ich auf einen freien Platz; es sammelte sich ein Kreis von Zuschauern, und ich holte eilig meinen Hund. Diesen mu\u00dfte ein Zuschauer beim Halsband fassen. Inde\u00df ging ich ans Fa\u00df, nahm leise den Deckel ab, warf ihn weg und wollte es nun so senken, da\u00df die Ratte pl\u00f6tzlich zur Freude der Umstehenden hervorspringen sollte. Sowie ich aber das Fa\u00df zu senken begann, hatte der Hund den Braten gemerkt, sich losgerissen, sauste an meinem Kopfe vorbei, hoch empor und hinab ins Fa\u00df, tumultuirte dort eine Zeit lang mit der zwischen seinen Beinen herumrasenden Ratte und erlegte sie, w\u00e4hrend eine Menge K\u00f6pfe\nherbeigeeilt waren und verwundert in den Abgrund des Fasses schauten.........\"\n\u201eNoch gr\u00f6ber trieben's zwei gro\u00dfe Bulldoggs, die einem meiner ehemaligen Sch\u00fcler, als er preu\u00dfischer Reiteroffizier war, von einem Freunde als Geschenk zugesandt wurden. Sie langten zusammengekoppelt an und waren von einem Steckbriefe begleitet, welcher besagte, \u201eihr bisheriger Herr k\u00f6nne sie nicht zum Guten bringen und wolle sie los sein.\" Der Offizier wollte die w\u00fcthend aussehenden Bestien auch nicht haben, stieg gleich am andern Morgen zu Pferde und lie\u00df die Hunde frei umherlaufen, um sie einem entfernt wohnenden Gutsbesitzer anzubieten. Unterwegs begegnete der Zug einer Schweineherde. Die Hunde fielen \u00fcber sie her, wollten ein St\u00fcck erw\u00fcrgen, aber die Leute sprangen zu, schlugen den einen todt, den andern halbtodt. Der Offizier verweilte einige Zeit,","page":357},{"file":"p0358.txt","language":"de","ocr_de":"358\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Doggen.\nverhandelte mit den Leuten \u00fcber den angerichteten Schaden, ritt dann weiter und freute sich, seine scheu\u00dflichen Begleiter los zu sein. Inde\u00df war der Halbtodte wieder auf die Beine gekommen, f\u00fchlte sich an dem Ort, wo er die Niederlage erlitten, nicht ganz sicher und zog seinem Herrn nach. Dieser ritt aus Mitleid langsam. Dem Hunde wurde es dennoch schwer, mitzukommen; er legte sich daher quer vor das Pferd, um es zum Stehen zu bringen. Der Herr ritt um ihn herum und langsam weiter. Das wiederholte sich einigemal. Endlich bekam's der Hund satt, sprang, wie das Pferd um ihn herum wollte, an dessen Schnauze und bi\u00df sich da fest ein. Der Herr zog eine Pistole und scho\u00df ihn todt.\"\nDie Eigenschaften der Doggen waren schon den R\u00f6mern bekannt und sie deshalb au\u00dferordentlich gesch\u00e4tzt, weil sie sich mehr, als alle \u00fcbrigen Hunde, eigneten, eine Hauptrolle in den blutigen Spielen des Circus zu \u00fcbernehmen. Nachdem England r\u00f6mische Provinz geworden war, gab es : daselbst besondere Beamte, welchen die Erziehung und Auswahl der nach Rom zu sendenden Doggen oblag. Dort k\u00e4mpften diese zur Freude des Volks mit zahlreichen wilden Thieren, und diese r\u00f6mische Belustigung erbte sich auch auf sp\u00e4tere Zeiten fort, indem namentlich in England noch zu Zeiten der Elisabeth und Jacobs I. gro\u00dfe Thierk\u00e4mpfe angestellt wurden. Stow schildert ein Gefecht, welches drei Doggen einem L\u00f6wen lieferten. Der erste Hund wurde sogleich am Nacken gefa\u00dft und umgebracht, dem zweiten erging's nicht besser; der dritte aber fa\u00dfte dest K\u00f6nig der Thiere an der Lippe, hielt ihn fest, bis er durch Krallenhiebe abzulassen gen\u00f6thigt wurde, \u00fcberlebte, obgleich schwer verwundet, allein den Sieg \u00fcber den Gegner, welcher, sobald er sich frei f\u00fchlte, ersch\u00f6pft\tund zu ferne-\t4\nrem Kampfe ungeneigt, \u00fcber die Hunde wegsprang und in\tdem geeignetsten Winkel\tseines K\u00e4figs\nSchutz suchte.\nIhre Eigenschaften machen die Doggen nicht gerade zu angenehmen Gef\u00e4hrten des Menschen.\nMan kennt viele Beispiele, da\u00df sie ihren eignen Herrn in Belagerungszustand erkl\u00e4rten und ihn nicht von der Stelle lie\u00dfen, und namentlich eine Geschichte, welche erz\u00e4hlt wird, ist sehr lustig. Ein einsam wohnender Junggesell n\u00e4mlich hatte eine gro\u00dfe Bulldogge gekauft und brachte sie hoch erfreut mit Hilfe ihres fr\u00fcheren Besitzers auf sein Zimmer. Am andern Morgen will er sich aus dem Bett erheben: in demselben Augenblick aber springt die Dogge auf ihn zu, stemmt trotzig beide F\u00fc\u00dfe j gegen das Bett und droht ihm mit ihrem furchtbaren Gebi\u00df so verst\u00e4ndlich, da\u00df er augenblicklich einsieht, nur die gr\u00f6\u00dfte Ruhe k\u00f6nne ihn vor dem Viehe sch\u00fctzen. So oft er den Versuch erneuert, sich anzukleiden, wiederholt sich dieselbe Geschichte, und so ist\ter gezwungen, hungernd\tund d\u00fcrstend\nim Bette zu bleiben. Nun will aber der Zufall, da\u00df ihn\tgerade an diesem Tage\tNiemand be-\tj\nsucht, und er hat das Vergn\u00fcgen, seinem sch\u00f6nen Hunde zu Liebe den ganzen Tag hungernd und d\u00fcrstend im Bette zu bleiben. Der fr\u00fchere Herr errettet ihn endlich von dem ungeschlachten und unh\u00f6flichen Thiere.\nMan begreift, warum die Bulldoggen gegenw\u00e4rtig wenig gehalten werden. So ganz geistesarm, als man gew\u00f6hnlich glaubt, sind sie jedoch nicht, es giebt sogar einzelne, welche an Verstand fast mit dem Pudel wetteifern. So kannte ich einen solchen Hund, welcher durch seine Verst\u00e4ndigkeit viel Vergn\u00fcgen machte. Er war auf alles M\u00f6gliche abgerichtet und verstand, so zu sagen, jedes Wort.\nSein Herr konnte ihn z. B. nach mancherlei Dingen aussenden, er brachte sie gewi\u00df. Sagte er: \u201egeh, hole eine Kutsche!\" so lief er auf den Warteplatz der Lohnfuhrwerke, sprang in einen Wagen hinein und bellte so lange, bis der Kutscher Anstalt machte fortzufahren; fuhr er nicht richtig, so begann der Hund von neuem zu bellen, und unter Umst\u00e4nden lief er wohl auch vor dem Wagen her bis vor die Th\u00fcr seines Herrn. Derselbe Hund trank bairisches Bier leidenschaftlich gern und unterschied es von anderen Biersorten mit untr\u00fcglicher Sicherheit. Hatte er nun eine geh\u00f6rige Menge zu sich genommen, so wurde er oft betrunken, und dann erg\u00f6tzte er Jedermann durch tolle Streiche aller Art.\nEine gro\u00dfe Rasse dieser Hunde benutzte man in fr\u00fcheren Zeiten in der scheu\u00dflichsten Weise.\nMan richtete sie ab, Menschen einzufangen, niederzuwerfen oder sogar umzubringen. Schon bei der Eroberung von Mejiko wandten die Spanier derartige Hunde gegen die Indianer an und einer der-","page":358},{"file":"p0359.txt","language":"de","ocr_de":"Geistesz\u00fcge. Doggen als Menschenj\u00e4ger. Dogge von Kuba und von Tibet.\n359\nselben, Namens Bezerillo, ist ber\u00fchmt oder ber\u00fcchtigt geworden. Ob er zu der eigentlichen Kuba--bog ge geh\u00f6rt hat, welche man als einen Bastard von Bullenbei\u00dfer und Bluthund ansieht, ist nicht mehr zu bestimmen. Er wird beschrieben als mittelgro\u00df, von Farbe roth, nur um die Schnauze bis zu den Augen schwarz. Hieraus l\u00e4\u00dft sich allerdings nicht feststellen, zu welcher Rasse er geh\u00f6rte. Seine K\u00fchnheit und Klugheit waren gleich au\u00dferordentlich. Er geno\u00df unter allen Hunden einen hohen Rang und erhielt doppelt soviel Fressen, wie die \u00fcbrigen. Beim Angriff pflegte er sich in die dichtesten Haufen der Feinde zu st\u00fcrzen, die Indianer beim Arm zu fasten und sie so gefangen wegzuf\u00fchren. Gehorchten sie, so that der Hund ihnen weiter Nichts, weigerten sie sich aber, mit ihm zu gehen, so ri\u00df er sie augenblicklich zu Boden und erw\u00fcrgte sie. Indianer, welche sich unterworfen hatten, wu\u00dfte er genau von den Feinden zu unterscheiden und ber\u00fchrte sie nie. So grausam und w\u00fcthend er auch war, bisweilen zeigte er sich doch viel menschlicher, als seine Herren. Man erz\u00e4hlt z. B. Folgendes: Eines Morgens wollte sich der Hauptmann Jago de Senadza den grausamen Spa\u00df machen, von Bezerillo eine alte, gefangene Indianerin zerrei\u00dfen zu lassen. Er gab ihr daher ein St\u00fcckchen Papier mit dem Auftr\u00e4ge, den Brief zu dem Statthalter der Insel zu tragen, in der Voraussetzung, da\u00df der Hund, welcher nach dem Abgehen der Alten gleich losgelassen werden sollte, die alte Frau ergreifen und zerrei\u00dfen werde. Als die arme, schwache Indianerin den w\u00fcthenden Hund auf sich losst\u00fcrzen sah, setzte sie sich schreckerf\u00fcllt auf die Erde und bat ihn mit r\u00fchrenden Worten, ihrer doch zu schonen. Dabei zeigte sie ihm das Papier vor und versicherte ihm, da\u00df sie es zum Befehlshaber bringen und ihren Auftrag doch erf\u00fcllen m\u00fc\u00dfte. Der Hund stutzte bei diesen Worten, und nach kurzer Ueberlegung n\u00e4herte er sich liebkosend der Alten. Dieses Ereigni\u00df erf\u00fcllte die Spanier mit Erstaunen und erschien ihnen als etwas Uebernat\u00fcrliches und Geheimni\u00dfvolles. Wahrscheinlich deshalb wurde auch die alte Indianerin von dem Statthalter nachher freigelassen. \u2014 Bezerillo endete sein Leben in einem Gefechte gegen die Karaiben, welche ihn durch einen vergifteten Pfeil erlegten. Da\u00df solche Hunde von den ungl\u00fccklichen Indianern als vierbeinige Gehilfen der zweibeinigen Teufel erscheinen mu\u00dften, ist leicht zu begreifen.\nZur Schande der Neuzeit benutzte man noch im Jahre 1798 diese Hunde zu gleichen Zwecken, und zwar waren es nickst die Spanier, sondern \u2014 die Engl\u00e4nder, welche die Menschenjagd vermittelst der Hunde betrieben. In englischen Naturgeschichten findet man freilich aus diesem Grunde den Bluthund von Kuba kaum erw\u00e4hnt: das gro\u00dfprahlerische Volk sch\u00e4mt sich, seine eignen schmachvollen S\u00fcnden zu bekennen. Dennoch ist es nur zu wahr, da\u00df auch die Engl\u00e4nder, welche gegenw\u00e4rtig vorgeben, die Sklaverei zu bek\u00e4mpfen, ihre eifrigsten Anh\u00e4nger waren. Die Maronneger auf Jamaika hatten sich emp\u00f6rt ckid waren mit gew\u00f6hnlichen Waffen nicht zu besiegen; der Aufstand wurde immer drohender und der Kr\u00e4mergeist zagte: da lie\u00df die englische Regierung Negerj\u00e4ger mit ihren Hunden kommen! Schon die Ankunft derselben gen\u00fcgte, um die gegen\u00fcber jeder andern Bek\u00e4mpfung furchtlosen Neger zur Unterwerfung zu veranlassen!\nIn Kuba gebraucht man die f\u00fcrchterlichen Thiere heute noch ebensowohl zur Verfolgung entlaufener Neger oder R\u00e4uber und Verbrecher, als zur Bew\u00e4ltigung wilder Ochsen und als Hatzhunde beim Stiergefecht. Man wendet auf die Erhaltung der reinen Rasse viel Aufmerksamkeit und bezahlt besonders t\u00fcchtige mit au\u00dferordentlich hohem Preise. Ihre Farbe ist gelblichbraun, schw\u00e4rzlich um die Schnauze.\nEine andere den R\u00f6mern ebenfalls bekannte Dogge ist die von Tibet (Canis thibetanus). Es ist ein herrliches, sch\u00f6nes und gro\u00dfes Thier von wahrhaft ehrfurchteinfl\u00f6\u00dfendem Aeu\u00dfern. Der Leib und alle seine Glieder sind stark und kr\u00e4ftig; die Lunte, welche gew\u00f6hnlich aufw\u00e4rts getragen wird, ist buschig; die Ohren h\u00e4ngen herab; die Lefzen schlie\u00dfen vorn den Mund nicht, h\u00e4ngen aber zu beiden Seiten der Schnauze tief herunter. Eine am Au\u00dfenwinkel des Maules entspringende, bis zur Schnauze reichende Hautfalte, welche.mit einer andern in Verbindung steht, die \u00fcber die Brauen schief herabh\u00e4ngt, verleihen dem Gesicht ein surchterweckendes Ansehen.","page":359},{"file":"p0360.txt","language":"de","ocr_de":"360\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Doggen.\nDie Griechen und R\u00f6mer geben eine genaue Beschreibung von diesem Hunde und sprechen mit Bewunderung von seinen Leistungen gegen Auerochsen, wilde Eber und selbst L\u00f6wen. Neuere Nachrichten erhielt man in den letztvergangenen Jahrzehnten, und erst vor kurzem gelangte eines dieser Thiere lebend nach England, wahrscheinlich dasselbe, von welchem unsere sch\u00f6ne Abbildung zeugt. Man sieht aus der ganzen Gestalt, da\u00df diese Dogge der Riese unter allen Hunden ist und sich gleichwohl dabei durch ebenso gro\u00dfe Sch\u00f6nheit, seiner Gestalt wie seiner Farbe auszeichnet. Letztere ist zum gr\u00f6\u00dften Theil schwarz, die Schnauze und die Brauengegend ist gelblich, die Behaarung ist lang und rauh.\nIn seiner Heimat gilt dieses pr\u00e4chtige Thier f\u00fcr ebenso brauchbar, als lenksam; man findet ihn deshalb in allen Gebirgsd\u00f6rfern Tibets (denn in der Hauptstadt des Landes kommt er nicht vor)\nDie Dogge von Tibet.\nund zwar ebensowohl als W\u00e4chter des Hauses, wie der Herden. Es geschieht sehr oft, da\u00df ein tibetanisches Dorf ganz allein der Wachsamkeit dieser Hunde \u00fcberlassen wird, w\u00e4hrend die s\u00e4mmtliche m\u00e4nnliche Bev\u00f6lkerung entweder drau\u00dfen bei den Herden in den Feldern oder auf der Jagd sich befindet. Dann dienen die Hunde zum Schutze der Frauen und Kinder und gew\u00e4hren beiden eine vollkommene Sicherheit. Neuere Berichterstatter behaupten, da\u00df der Muth des Thieres nicht im Verh\u00e4ltni\u00df mit seiner Kraft st\u00e4nde, Andere sagen, da\u00df er als verst\u00e4ndiges Thier blos wirklich furchtbare Feinde mit voller Kraft anfalle. Gegen Wei\u00dfe soll er einen unausl\u00f6schlichen Ha\u00df bewahren und aus diesem Grunde auch noch wenig bei uns verbreitet sein. Doch d\u00fcrfte diese Angabe wohl auf einem Irrthum beruhen, da es als ganz unzweifelhaft feststeht, da\u00df ein jung aufgezogener Hund sich seinem Herrn regelm\u00e4\u00dfig treu anschlie\u00dft und dann Nichts mehr von Ha\u00df gegen denselben wei\u00df.","page":360},{"file":"p0361.txt","language":"de","ocr_de":"Der Sankt-Bernhard sh und nach Tschudi's Beschreibung.\n361\nMit diesen sch\u00f6nen Hunden sind die ber\u00fchmten St. Bernhardshunde (Canis Sancti Bernhardi) in Gestalt und in Gr\u00f6\u00dfe nahe verwandt. Nach Ansicht der Einen sind diese trefflichen Thiere eine Mittelrasse von der englischen Dogge und dem spanischen Wachtelhund; nach Aussage Anderer sollen sie von einer d\u00e4nischen Dogge abstammen, welche ein neapolitanischer Graf Mazzini von einer nordischen Reise mitbrachte und mit dem wallisischen Sch\u00e4ferhunde paarte.\n\u201eDie Bernhardiner Doggen\", sagt Tschudi, \u201esind gro\u00dfe, langhaarige, \u00e4u\u00dferst starke Thiere, mit kurzer, breiter Schnauze und langem Behang, von vorz\u00fcglichem Scharfsinn und au\u00dferordentlicher -L.reue. Sie haben sich durch vier Geschlechter rein fortgepflanzt, sind aber jetzt nicht mehr rein vorhanden, nachdem sie durch ihren treuen Dienst bei Lawinen umgekommen sind. Eine nahverwandte Rasse wird nachgezogen und ein junges Thier zu 6 bis 10 Louisdor verkauft. Die Heimat dieser\nDer St. Bernhardshund (Canis Sancti Bernhardi).\nedlen Thiere ist das Hospiz des St. Bernhard, 7880 Fu\u00df \u00fcber dem Meere. Jener traurige Gebirgssattel, wo in der n\u00e4chsten N\u00e4he ein acht- bis neunmonatlicher Winter herrscht, indem der Ther-mometor sogar bis 27\u00b0 R. sinkt, w\u00e4hrend in den hei\u00dfesten Sommermonaten und im ganzen Jahre kaum zehn ganz Helle Tage ohne Sturm und Schneegest\u00f6ber oder Nebel kommen, wo, um es kurz zu sagen, die j\u00e4hrliche Mittelw\u00e4rme niedriger steht, als am europ\u00e4ischen Nordkap. Dort fallen blos im Sommer gro\u00dfe Schneeflocken, im Winter dagegen trockne', kleine, zerreibliche Eiskristalle, die so fein sind, da\u00df der Wind sie durch jede Th\u00fcr- und Fensterfuge zu treiben vermag. Diese h\u00e4uft der Wind oft, besonders in der N\u00e4he des Hospizes zu 30 bis 40 Fu\u00df hohen, lockeren Schneew\u00e4nden an, welche alle Pfade und Schl\u00fcnde bedecken und beim geringsten Ansto\u00df in die Tiefe st\u00fcrzen.\"\n\u201eDie Reise \u00fcber diesen alten Gebirgspa\u00df ist nur im Sommer bei ganz klarem Wetter gefahrlos, bei st\u00fcrmischem Wetter dagegen und im Winter, wo die vielen Spalten und Kl\u00fcfte verdeckt sind vom","page":361},{"file":"p0362.txt","language":"de","ocr_de":"362\nDie RauLthiere. Hunde. \u2014 Doggen. Mops.\nSchnee, dem fremden Wanderer ebenso m\u00fchvoll, als gefahrvoll. Allj\u00e4hrlich fordert der Berg eine kleine Anzahl von Opfern. Bald f\u00e4llt der Pilger in eine Spalte, bald begr\u00e4bt ihn ein Lawinenbruch, bald umh\u00fcllt ihn der Nebel, da\u00df er den Pfad verliert und in der Wildni\u00df vor Hunger und Erm\u00fcdung umkommt, bald \u00fcberrascht ihn der Schlaf, aus dem er nicht wieder erwacht. Ohne die echt christliche und aufopfernde Th\u00e4tigkeit der edlen M\u00f6nche w\u00e4re der Bernhardspa\u00df nur wenige Wochen oder Monate des Jahres gangbar. Seit dem achten Jahrhundert widmen sie sich der frommen Pflege und Errettung der Reisenden. Die Bewirthung der Letzteren geschieht unentgeltlich. Feste, steinerne Geb\u00e4ude, in denen das Feuer des Herdes nie erl\u00f6scht, k\u00f6nnen im Nothfall ein paar hundert Menschen beherbergen. Das Eigenth\u00fcmlichste ist aber der stets gehandhabte Sicherheitsdienst, den die weltber\u00fchmten Hunde wesentlich unterst\u00fctzen. Jeden Tag gehen zwei Knechte des Klosters \u00fcber die gef\u00e4hrlichsten Stellen des Passes: einer von der tiefsten Sennerei des Klosters hinauf in das Hospiz, der andere hinunter. Bei Unwetter oder Lawinenbr\u00fcchen wird die Zahl verdreifacht und eine Anzahl von Geistlichen schlie\u00dfen sich den \u201eSuchern\" an, die von den Hunden begleitet werden und mit Schaufeln, Stangen, Bahren und Erquickungen versehen sind. Jede verd\u00e4chtige Spur wird unaufh\u00f6rlich verfolgt, stets ert\u00f6nen die Signale; die Hunde werden genau beobachtet. Diese sind sehr fein auf die menschliche F\u00e4hrte dressirt und durchstreifen freiwillig oft tagelang alle Schluchten und Wege des Gebirgs. Finden sie einen Erstarrten, so laufen sie auf dem k\u00fcrzesten Wege nach dem Kloster zur\u00fcck, bellen heftig und f\u00fchren die stets bereiten M\u00f6nche dem Ungl\u00fccklichen zu. Treffen sie auf eine Lawine, so untersuchen sie, ob sie nicht die Spur eines Menschen entdecken, und wenn ihre feine Witterung ihnen davon Gewi\u00dfheit giebt, machen sie sich sofort daran, den Versch\u00fctteten freizuscharren, wobei ihnen die starken Klauen und die gro\u00dfe K\u00f6rperkraft wohl zustattenkommen. Gew\u00f6hnlich f\u00fchren sie am Halse ein K\u00f6rbchen mit St\u00e4rkungsmitteln oder ein Fl\u00e4schchen mit Wein, oft auf dem R\u00fccken wollene Decken mit sich. Die Zahl der durch diese klugen Hunde Geretteten ist sehr gro\u00df und in den Geschichtsb\u00fcchern des Hospizes gewissenhaft verzeichnet. Der ber\u00fchmteste Hund der Rasse war Barry, das unerm\u00fcdlich th\u00e4tige Thier, das in seinem Leben mehr als vierzig Menschen das Leben rettete.\"\nDiesen Hund hat ein Dichter verherrlicht, und Tschudi f\u00fchrt das sch\u00f6ne Gedicht in seinem ausgezeichneten Werke vollst\u00e4ndig an. Ich wei\u00df jedoch ein noch besseres Gedicht, wenn es gleich nicht in gebundener Rede geschrieben worden ist. Es ist die Beschreibung, welche Scheitlin von dem Barry giebt. \u201eDer allervortrefflichste Hund, den wir kennen\", sagt er, \u201ewar nicht derjenige, welcher die Wachmannschaft der Akropolis in Korinth aufgeweckt; nicht derjenige, der als Bezerillo Hunderte der nackten Amerikaner zerrissen; nicht der Hund des Henkers, der auf den Befehl seines Herrn einen \u00e4ngstlichen Reisenden zum Schutz durch den langen, finstern Wald begleitete; nicht Drydens \u201eDrache\", der, sobald sein Herr ihm winkte, auf vier Banditen st\u00fcrzte, etliche erw\u00fcrgte, und so seinem Herrn das Leben rettete; nicht derjenige, der zu Hause anzeigte, des M\u00fcllers Kind sei in den Bach gefallen; noch der Hund in Warschau, der von der Br\u00fccke in den Strom hinabsprang und ein kleines M\u00e4dchen dem Tode in den Wellen entri\u00df; nicht Aubry's, der w\u00fcthend den M\u00f6rder seines Herrn oft anpackte und im Kampfe vor dem K\u00f6nig zerrissen h\u00e4tte; nicht Benevenuto Cellini's, der die Goldschmiede, als man Juwelen stehlen wollte, sogleich aufweckte: sondernBarry, der Heilige auf dem St. Bernhard! Ja Barry, du h\u00f6chster der Hunde, du h\u00f6chstes der Thiere! Du warst ein gro\u00dfer, sinnvoller Menschenhund mit einer warmen Seele f\u00fcr Ungl\u00fcckliche. Du hast mehr als vierzig Menschen das Leben gerettet. Du zogst mit deinem K\u00f6rblein und Brod und einem Fl\u00e4schlein s\u00fc\u00dfer, st\u00e4rkender Erquickung am Halse aus dem Kloster, in Schneegest\u00f6ber und Thauwetter Tag f\u00fcr Tag, zu suchen Verschneite, Lawinenbedeckte, sie hervorzuscharren oder, im Falle der Unm\u00f6glichkeit, schnell nach Hause zu rennen, damit die Klosterbr\u00fcder mit dir kommen mit Schaufeln und dir graben helfen. Du warst das Gegentheil von einem Todtengr\u00e4ber, du machtest auferstehen. Du mu\u00dftest, wie ein feinf\u00fchlender Mensch, durch Mitgef\u00fchl belehren k\u00f6nnen, denn sonst h\u00e4tte jenes hervorgegrabene Kn\u00e4blein gewi\u00df nicht gewagt, sich auf deinen R\u00fccken zu setzen, damit du es in das","page":362},{"file":"p0363.txt","language":"de","ocr_de":"363\nScheitlins Verherrlichung des \u201eBarrys. \u2014 Der Altejungferhund.\nfreundliche Kloster tr\u00fcgest. Angelangt, zogst du an der Klingel der heiligen Pforte, auf da\u00df du den barmherzigen Br\u00fcdern den k\u00f6stlichen Findling zur Pflege \u00fcbergeben k\u00f6nntest. Und als die s\u00fc\u00dfe Last dir abgenommen war, eiltest du sogleich aufs neue zum Suchen aus, auf und davon. Jedes Gelingen belehrte dich und machte dich froher und theilnehmender. Das ist der Segen der guten That, da\u00df sie fortw\u00e4hrend Gutes mu\u00df geb\u00e4ren! Aber wie sprachst du mit den Gefundenen? Wie fl\u00f6\u00dftest du ihnen Muth und Trost ein? Ich w\u00fcrde dir die Sprache verliehen haben, damit mancher Mensch von dir h\u00e4tte lernen k\u00f6nnen. Ja, du wartetest nicht, bis man dich suchen hie\u00df, du erinnertest dich selbst cm fcetne heilige Pflicht, wie ein frommer, Gott wohlgef\u00e4lliger Mensch. Sowie du nur von fern die Ankunft von Nebel und Schneewetter sahst, eiltest du fort.\"\n\u201eWas w\u00e4re aus dir geworden, wenn du ein Mensch gewesen w\u00e4rst? Ein heiliger Vincenz, ein Stifter von hundert barmherzigen Orden und Kl\u00f6stern. So thatest du unerm\u00fcdlich, ohne Dank zu wollen, zw\u00f6lf Jahre. Ich hatte die Ehre, auf dem Bernhard dich kennen zu lernen. Ich zog den Hut, wie sich s geb\u00fchrte, ehrerbietig vor dir ab. Du spieltest soeben mit deinen Kameraden, wie Tiger mit einander spielen. Ich wollte mich mit dir befreunden, aber du murrtest, denn du kanntest mich nicht. Ich aber kannte schon deinen Ruhm und deinen Namen und seinen guten Klang. W\u00e4re ich ungl\u00fccklich gewesen, du w\u00fcrdest mich nicht angemurrt haben. Nun ist dein K\u00f6rper ausgestopft im Museum zu Bern. Die Stadt that wohl daran, da\u00df sie dich, da du alt und schwach geworden und der Welt nicht mehr dienen konntest, ern\u00e4hrte, bis du starbst. Wer deinen K\u00f6rper wohl ausgestopft nun in Bern sieht, ziehe den Hut ab und kaufe dein Bild daselbst, und h\u00e4nge es in Rahmen und Glas an die W\u00e4nde seines Zimmers, und kaufe dazu auch das Bild des zarten Knaben auf deinem R\u00fccken, wie du mit ihm vor der Klosterpforte stehst und klingelst, und zeige es den Kindern und Sch\u00fclern und sage: gehe hin und thue desgleichen, wie dieser barmherzige Samariter that, und werfe daf\u00fcr von den W\u00e4nden die Bilder von Robespierre, Maral, Hannickel, Abellino und andere M\u00f6rder- und Raubbildnisse zum Fenster hinaus, auf da\u00df das junge Gem\u00fcth von Hunden lerne, was es beim Menschen verlernte.\"\nAuch auf dem Gotthard, dem Simplon, der Grimsel, Furka und allen anderen Hospizen werden, nach Tschudi, vorz\u00fcgliche Hunde gehalten, welche eine \u00e4u\u00dferst feine Witterung des Menschen besitzen, \u00f6fters Neufundl\u00e4nder oder Bastarde von solchen. Die Hospizbewohner versichern \u00fcberall, da\u00df diese Thiere besonders im Winter das Nahen eines Wetters schon auf eine Stunde vern\u00e4hmen und durch unruhiges Umhergehen untr\u00fcglich anzeigten. So hoch ber\u00fchmt aber, wie Barry, ist kein anderer Hund geworden von ihnen allen. \u2014\nZu den eigentlichen Doggen geh\u00f6rt auch noch das Zerrbild der Hunde, wenn ich so sagen kann, derMops (Canis fricator), eigentlich ein Bullenbei\u00dfer im Kleinen mit eigenth\u00fcmlich abgestumpfter Schnauze und schraubenf\u00f6rmig gerolltem Schw\u00e4nze. Sein gedrungener, kr\u00e4ftiger Bau und das mi\u00dftrauische, b\u00f6sartige Wesen macht ihn den Bulldoggen sehr \u00e4hnlich, und deshalb hat man ihn oft auch f\u00fcr eine blose Spielart der Letzteren angesehen. Inwieweit Dies begr\u00fcndet ist, lassen wir dahingestellt fern und k\u00f6nnen es um so eher, als die M\u00f6pse gegenw\u00e4rtig fast ausgestorben sind. Nur in Ru\u00dfland finden sie sich noch einzeln: unserm Maler stand ein Paar, welches der Thierschausteller Kreuzberg im Innern Ru\u00dflands angekauft hatte. Der Mops ist oder war der echte Altejungferhund und ein treues Spiegelbild solcher Frauenzimmer, bei denen die Bezeichnung \u201eAlte Jungfer\" als Schm\u00e4hwort gilt. Er war n\u00e4mlich launenhaft, unartig, verz\u00e4rtelt und verh\u00e4tschelt im h\u00f6chsten Grade, und jedem vern\u00fcnftigen Menschen ein Greuel. Die Welt wird also Nichts verlieren, wenn dieses abscheuliche Thier mit sammt seiner Nachkommenschaft den Weg alles Fleisches geht. Bastarde vom Mops und anderen Hunden findet man noch h\u00e4uflg genug.\nEine von den Genannten sehr verschiedene Gruppe ist die der D\u00e4chsel. Der eigentliches ach s-hund (Canis vertagus) ist jedenfalls einer der eigenth\u00fcmlichsten und merkw\u00fcrdigsten aller Hunde.","page":363},{"file":"p0364.txt","language":"de","ocr_de":"364\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 D\u00e4chsel.\nDer lange, walzenf\u00f6rmige, nach unten eingekr\u00fcmmte Leib mit dem eingebogenen R\u00fccken, welcher auf so kurzen, gekr\u00fcmmten St\u00e4ndern ruht, der gro\u00dfe Kopf und die gro\u00dfe Schnauze mit dem t\u00fcchtigen Gebi\u00df, die h\u00e4ngenden Ohren, die gro\u00dfen Pranken mit den scharfen Krallen und das kurze, glatte, straffe Haar kennzeichnen das Thier. Das Merkw\u00fcrdigste am ganzen Hunde sind die Beine. Sie sind sehr kurz, plump und stark, die vorderen haben das Handgelenke nach einw\u00e4rts gebogen, so da\u00df sich beide fast ber\u00fchren, von da an aber sind sie pl\u00f6tzlich wieder nach ausw\u00e4rts gekr\u00fcmmt. An den Hinterpfoten ist eine etwas h\u00f6her gestellte, gekrallte Afterzehe vorhanden. Der Schwanz ist an der Wurzel dick, gegen das Ende zu verschm\u00e4lert; er reicht ziemlick bis an das Fersengelenk hinab und wird hoch nach aufw\u00e4rts gerichtet und stark nach einw\u00e4rts gebeugt, selten gerade ausgestreckt getragen. Die kurze\nM\u00f6pse.\nBehaarung ist grob, aber glatt und von ziemlich wechselnder F\u00e4rbung. Oben ist sie gew\u00f6hnlich schwarz oder braun, unten rostroth, nicht selten auch einfarbig braun oder gelblich, ja selbst grau oder gefleckt. In der Regel finden sich ein Paar hellrostrothe Flecken \u00fcber beiden Augen; doch kommen solche auch bei anderen Hunden vielfach vor. Die L\u00e4nge des K\u00f6rpers betr\u00e4gt 2\u00ab/2 Fu\u00df, die des Schwanzes fast einen Fu\u00df, die H\u00f6he am Widerrist aber selten mehr als elf Zoll.\nMan ist dar\u00fcber vollkommen im Unklaren, woher der Dachshund stammt, obgleich man ziemlich allgemein annimmt, da\u00df seine urspr\u00fcngliche Heimat in Spanien zu suchen sein b\u00fcrste. Im Verh\u00e4ltni\u00df zu seiner geringen Gr\u00f6\u00dfe ist der Dachshund ein au\u00dferordentlich starkes Thier, und mit dieser l\u00f6blichen St\u00e4rke steht auch sein gro\u00dfer Muth im besten Einkl\u00e4nge. Aufs Jagen ist er so erpicht, wie kaum ein anderer Hund, .und w\u00fcrde zu aller m\u00f6glichen Jagd verwendet werden k\u00f6nnen, wenn er nicht die Unart","page":364},{"file":"p0365.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung des eigentlichen Dachshundes. Gute und \u00fcble Eigenschaften.\n365\nbes\u00e4\u00dfe, unter keiner Bedingung auf seinen Herrn zu achten und das Erjagte gew\u00f6hnlich anzuschneiden. Alle D\u00e4chsel besitzen eine sehr feine Sp\u00fcrnase und ein au\u00dferordentlich gutes Geh\u00f6r, dagegen ein ver-h\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig schlechtes Gesicht. Muth und Verstand im hohen Grade, Tapferkeit und Ausdauer sind ihnen allen eigen. So k\u00f6nnen sie zu jeder Jagd gebraucht werden, denn selbst auf Schweine gehen sie tolldreist los und wissen sich auch pr\u00e4chtig vor dem w\u00fcthenden Eber zu sch\u00fctzen, welcher sie ihres niedern Baues halber ohnehin nicht so leicht fassen kann, wie einen gr\u00f6\u00dfern Hund. Ihre Klugheit ist au\u00dferordentlich. Sie sind gelehrig, treu, munter und angenehm, wachsam und von Fremden schwer zu Freunden zu gewinnen. Aber diesen vortrefflichen Eigenschaften stehen eine Menge anderer entgegen, welche dem Menschen unter Umst\u00e4nden die D\u00e4chsel verleiden k\u00f6nnen. Sie sind n\u00e4mlich auch listig und diebisch, und im Alter werden sie ernst, m\u00fcrrisch, bissig und oft t\u00fcckisch, ja sie knurren und fletschen die Z\u00e4hne sogar gegen ihren eignen Herrn. Gegen andere Hunde sind sie \u00e4u\u00dferst z\u00e4nkisch und kampflustig und streiten fast mit jedem, welcher sich ihnen naht, selbst mit den gr\u00f6\u00dften Hunden, die ihnen eine offenbare Niederlage in Aussicht stellen. Bei solchen Bei\u00dfereien mit gro\u00dfen Hunden sind sie wahrhaft niedertr\u00e4chtig listig; denn sobald der gro\u00dfe Hund es versucht, sich zu vertheidigen,\nD\u00e4chsel.\nwerfen sie sich auf den R\u00fccken und versuchen den Gegner in die empfindlichsten Theile des Unterleibes zu bei\u00dfen, um ihn hierdurch zu verscheuchen oder zu zwingen, von fernerm Kampfe abzustehen.\nBei der Jagd hat man nun vollends seine Noth mit ihnen. Der D\u00e4chsel nimmt die Verfolgung des Wildes mit einer unglaublichen Gier auf und begiebt sich mit Hast in die \u00e4rgsten Dickichte, sie m\u00f6gen aus einer Baumart bestehen, aus welcher sie wollen; er findet. Dank seiner vortrefflichen Sinne, auch bald ein Wild auf; aber nun vergi\u00dft er Alles. Er mag fr\u00fcher wegen seines Ungehorsams soviel Pr\u00fcgel bekommen haben, als er ertragen kann \u2014 gleichviel; der J\u00e4ger mag pfeifen, rufen, nach ihm suchen, \u2014 hilft Alles Nichts: solange er das Wild vor Augen hat oder dessen F\u00e4hrte verfolgt, geht er seinen eignen Weg mit einer Willk\u00fcr, welche bei Hunden geradezu beispiellos ist. Stundenlang folgt er dem aufgescheuchten Hasen, stundenlang scharrt und gr\u00e4bt er an einem Bau, in welchen sich ein Kaninchen gefl\u00fcchtet hat; unerm\u00fcdlich jagt er hinter dem Reh drein und vergi\u00dft dabei vollst\u00e4ndig Raum und Zeit. Erm\u00fcdet er, so legt er sich hin, ruht aus und setzt dann seine Jagd fort. Erwischt er ein Wild, z. B. ein Kaninchen, so schneidet er es an und fri\u00dft-im g\u00fcnstigsten Falle die Eingeweide, wenn er aber sehr hungrig ist, das ganze Thier auf. Er wei\u00df, da\u00df er daf\u00fcr bestraft werden wird, er versteht genau, da\u00df er Unrecht thut; doch das ist ihm ganz gleichgiltig: die Jagdbegierde \u00fcberwindet alle Furcht vor Strafe, alle besseren Gef\u00fchle.","page":365},{"file":"p0366.txt","language":"de","ocr_de":"366\nDie Raubthieve. Hunde. \u2014 D\u00e4chsel.\nAus allen diesen Gr\u00fcnden ist der Dachshund nur zur einer Jagdweise zu gebrauchen, n\u00e4mlich, unterirdisch wohnende Thiere aus ihren Wohnungen herauszutreiben. Schon sein niederer Bau, die krummgebogenen Beine und die kr\u00e4ftigen Pranken mit den scharfen Zehen deuten darauf hin, da\u00df er zum Graben und zum Befahren von Bauen unter Grund au\u00dferordentlich geeignet ist, und sein Muth, seine St\u00e4rke und seine Ausdauer sichern ihm bei solchen Jagden den besten Erfolg. D\u00e4chsel mit sehr gekr\u00fcmmten Beinen sind weniger gut, als die, deren St\u00e4nder mehr gerade sind. Sie sind unf\u00e4hig sehr zu laufen, oder erm\u00fcden wenigstens eher; die J\u00e4ger haben sie aber doch gern, eben wahrscheinlich, weil sie das Gepr\u00e4ge des Dachshundes am besten ausdr\u00fccken.\nEiner Abrichtung bedarf der Dachshund nicht. Man sucht sich Junge von einem recht guten Alten zu verschaffen und h\u00e4lt sie im Sommer in einem freien Zwinger, im Winter in einem warmen Stall, vermeidet dabei auch Alles, was sie einsch\u00fcchtern k\u00f6nnte; denn der ihnen angeborne Muth mu\u00df ihnen in allen Umst\u00e4nden gest\u00e4hlt oder wenigstens erhalten werden. \u201eF\u00fcr den Hauptzweck,\" sagt Lenz, \u201ezum Eindringen in Dachs- und Fuchsbaue, verwendet man den Dachshund nicht eher, als bis er ein Jahr alt ist. Das erste Mal f\u00fchrt man ihn an der Leine oder tr\u00e4gt ihn in einem Korbe im Mai an einen Fuchsbau, worin Junge sind, l\u00e4\u00dft einen guten alten Hund vorweg hinein und einen Jungen unter dem Zuruf: \u201efa\u00df das F\u00fcchschen\" hinterdrein. Weigert er sich, darf man ihn nicht zwingen wollen; man nimmt ihn auf, macht einen Einschlag \u00fcber dbm Fuchsbau bis zu den jungen F\u00fcchsen und l\u00e4\u00dft ihn hinab, um sie zu erw\u00fcrgen. Dies wiederholt man einige Male und braucht ihn erst dann allein. So oft er dabei aus dem Bau kommt, um nach seinem Herrn zu sehen, wird er schnell ein wenig aufgenommen. Dies macht ihn um so begieriger, wieder hineinzukriechen. Erst nach langer Zeit bringt man ihn an den alten Fuchs. An dem Bau mu\u00df der gute Dachshund den Fuchs in den Kessel treiben und dann in geringer Entfernung solange vor ihm liegen und laut sein, bis vor ihm eingeschlagen ist. Kann er den Fuchs nicht aus dem Kessel treiben, so mu\u00df er ihn aus dem Baue herausbei\u00dfen.\"\n\u201eIch jagte sonst \u00f6fters,\" f\u00e4hrt Lenz fort, \u201emit zwei Dachsh\u00fcndchen, die so klein waren, da\u00df sie bequem neben einander in die R\u00f6hre des Fuchsbaues gingen. Sie waren aber so scharf, da\u00df sie jeden Fuchs unbarmherzig austrieben. Einst brachten sie aus einem Loche, da\u00df von dichtem Geb\u00fcsch umgehen war, einen hervor. Der Fuchs kam so vor mich zu stehen, da\u00df die M\u00fcndung meiner Flinte nahe \u00fcberfeinem Kopfe war, konnte aber, von hinten durch die w\u00fcthenden Zwerge bedr\u00e4ngt, nicht r\u00fcckw\u00e4rts. Er hielt inne und sah mich starr an. Ich konnte mich nicht gleich entschlie\u00dfen, abzudr\u00fccken, sondern beobachtete ihn erst ungef\u00e4hr anderthalb Minuten lang, wobei seine Blicke jeden Bi\u00df verriethen, den ihm die Hunde von hinten gaben. Endlich dr\u00fcckte ich ab und zerschmetterte ihm den Kopf. Ein andermal trieben dieselben H\u00fcndchen einen Fuchs heraus; der eine hatte sich so fest in den Schenkel gebissen, da\u00df ihn der Fuchs eine Strecke und zwar soweit mit sich fortschleppte, bis er geschossen wurde.\"\nVon dem Dachs oder Fuchs wird unser Hund oft sehr heftig gebissen; Dies behelligt ihn aber gar nicht; er ist viel zu muthig, als da\u00df er sich aus dergleichen ruhmvollen, im Kampfe erworbenen Wunden Etwas machen sollte, und brennt nachher nur um so eifriger auf die Verfolgung der ihm unausstehlichen Gesch\u00f6pfe.\nWie neidisch die Dachshunde sein k\u00f6nnen, erfuhr ich an einem, welchen mein Vater besa\u00df. Der Hund war ein abgesagter Feind aller \u00fcbrigen Gesch\u00f6pfe, welche sich auf unserm Hofe befanden. Er lebte mit keinem Thiere in Frieden, und am meisten stritt er sich mit einem Pintscher herum, dessen erb\u00e4rmliche Feigheit ihm freilich regelm\u00e4\u00dfig den Sieg sicherte. Nur wenn sich beide Hunde in einander verbissen hatten, hielt auch der Pintscher ihm Stand, und dabei kam es vor, da\u00df sie f\u00f6rmlich zu einem Kn\u00e4uel geballt, nicht blos \u00fcber die Treppen, sondern auch von da \u00fcber eine Mauer hinabrollten, sich \u00fcber die Gartenbeete fortw\u00e4lzten und nun in lauter Purzelb\u00e4umen den ganzen Berg hiunterkollerten, aber doch ihren Kampf nicht eher einstellten, als bis sie im g\u00fcnstigern Falle von dem Zaune aufgehalten, im ung\u00fcnstigem Falle aber durch das Wasser des Baches, in welchen sie oft mit einander sielen, abgek\u00fchlt wurden. Dieser Todfeind sollte einmal die Arznei f\u00fcr den erkrankten D\u00e4chsel werden.","page":366},{"file":"p0367.txt","language":"de","ocr_de":"367\nUnterirdische Jagd des Dachshundes. Sein Neid. Rassen.\nLetzterer lag \u00e4u\u00dferst elend da und hatte schon seit Tagen jede Nahrung verschm\u00e4ht. Vergeblich waren die bisher angewandten'Hausmittel geblieben: der Hund n\u00e4h'erte sich, so schien es, schnell seinem Ende. Im Hause herrschte, trotz des Gedenkens an seine vielen unliebensw\u00fcrdigen Eigenschaften, gro\u00dfe Betr\u00fcbni\u00df, und namentlich meine Mutter sah seinem Hinscheiden mit Kummer entgegen. Endlich kam sie auf den Gedanken, noch einen Versuch zu machen. Sie brachte einen Teller voll des leckersten Freffens vor das Lager des Kranken. Er erhob sich, sah mit Wehmuth auf die saftigen H\u00fchnerknochen, auf die Fleischst\u00fcckchen, aber er war zu schwach, zu krank, als da\u00df er sie h\u00e4tte fressen k\u00f6nnen. Da brachte meine Mutter den andern Hund herbei und gebot diesem, den Teller zu leeren. Augenblicklich erhob sich der Kranke, wankte taumelnd hin und her, richtete sich fester und gerader auf, bekam gleichsam neues Leben und \u2014 st\u00fcrzte sich wie unsinnig auf den Pintscher los, knurrte, bellte, sch\u00e4umte vor Wuth, bi\u00df sich in seinem Feinde fest, wurde von dem t\u00fcchtig abgesch\u00fcttelt, blutig gebissen und jedenfalls so erregt, erz\u00fcrnt und ersch\u00fcttert, da\u00df er anfangs zwar wie todt zusammenbrach, allein von Stunde an sich besserte, und nach kurzer Zeit von seinem Fieber genas.\nDer englische Dachshund.\nIn Frankreich und England wurde der Dachshund h\u00e4ufig zum Wenden des Bratspie\u00dfes abgerichtet und verdankt diesem Gesch\u00e4fte sein- englische Benennung Turnfpit, Man versichert da\u00df die dazu benutzten Hunde ganz genau wu\u00dften, wenn ihre Zeit abgelaufen war, und da\u00df diejeuiqeu sich hartn\u00e4ckig weigerten, den Bratspie\u00df zu drehen, welch- nicht au der Reihe waren, w\u00e4hrend sie sonst\nGesch\u00e4ft gingen^\" ^\t6unben \u00bb\"K^rbert wurden, ohne Weigerung an ihr\nNoch gegenw\u00e4rtig giebt man sich m England viel M\u00fche mit der Zucht der D\u00e4chs-l, und hat dort auch viele Abarten erzielt. Namentlich unterscheidet man drei Unterrassen. Den kurzhaarigen Dachfel. welcher unserm deutschen \u00e4hnelt, den rauhen und stachelhaarigen schottischen Dachshund, welcher meist wei\u00df oder fandfarbig ist und sich besonders durch sein dichtes Haarkleid auszeichnet das oft d,e Augen ganz bedeckt, und den Ott-rhund, den kleinsten und h\u00e4\u00dflichsten von allen' Er wird, obwohl f\u00e4lschlich, oft auch Skp - Terrier genannt, weil er auf der Insel \u00a9ft, ernt h\u00e4ufigsten zu ftnben ist. Gegenw\u00e4rtig werden sie haupts\u00e4chlich zu der Jagd benutzt, von welcher ihr Name herr\u00fchrt. Fr\u00fcher wurden sie namentlich in Wales zur Hasenjagd gebraucht, und deshalb hei\u00dfen sie noch Welsh Harrier, Der Otterhund (Canis platyuma) ist ein k\u00fchnes, lebendiges Thier, und diese Eigenschaften bewahrt es auch bei der Jagd, zu welcher es haupts\u00e4chlich verwendet wird. Bei der","page":367},{"file":"p0368.txt","language":"de","ocr_de":"368\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Jagdhunde.\nVerfolgung des Fischotters mu\u00df der Hund oft int Wasser jagen und deshalb int Schwimmen und Tauchen Meister sein. Seinen Muth hat der Otterhund von N\u00f6then; denn sein Gegner versteht sein scharfes und kr\u00e4ftiges Gebi\u00df geh\u00f6rig zu gebrauchen und bringt dem Verfolger oft schwerere Wunden bei, als der Dachshund ihm. Dazu ist der Otter der glatthaarigste von allen Mardern und versteht es, selbst dann noch dem Hunde zu entgehen, wenn dieser ihn bereits gepackt hat. Aber das vortreffliche Thier, welches der Mensch benutzt, um den sehr gesch\u00e4tzten Pelz des schlauen Wasserj\u00e4gers zu erlangen, ist mit allen Eigenschaften ausger\u00fcstet, welche ihm einen gl\u00fccklichen Erfolg sichern. Mit Ausnahme des Bullenbei\u00dfers und Bulldoggen soll es wenig Thiere geben, welche mit so hohem Muthe k\u00e4mpfen, wie der Otterhund. Man versichert, da\u00df ein Angriff von Letzterem, so klein und unbedeutend das Thier auch scheint, gef\u00e4hrlicher ist, als vom Bulldoggen. Dieser l\u00e4\u00dft Das, was er ergriffen hat, allerdings so leicht nicht wieder los und wird aus diesem Grunde gef\u00e4hrlich. Der Otterhund aber bei\u00dft mindestens ebenso tief, wie jener, und oft und schnell hinter einander. Deshalb soll er nicht nur sehr viele, sondern auch sehr schlimme Wunden hervorbringen.\nDer Otterhund kann das allerschlimmste Wetter und die Ver\u00e4nderung der W\u00e4rme aushalten und ist bef\u00e4higt, auch in der k\u00e4ltesten Jahreszeit wiederholt B\u00e4der in dem eisigen Wasser ohne Gefahr zu ertragen. Sein hartes, rauhes und verwirrtes Kleid, welches den Einfl\u00fcssen der K\u00e4lte sehr widersteht, leistet ihm allerdings vortreffliche Dienste, und die Gew\u00f6hnung thut das Ihrige dazu. Namentlich auf den Felsen der Hebriden, wo die Ottern sich sehr h\u00e4ufig finden, werden diese Hunde benutzt. Die J\u00e4ger landen in K\u00e4hnen an irgend einer kleinen Insel und lassen hier ihre Hunde frei. Diese klettern \u00fcberall auf und in den Felsen herum und durchst\u00f6bern jede H\u00f6hle. Sobald ein Hund einen Otter findet, jagt er ihn aus seinem Schlupfwinkel hervor und packt ihn; die anderen Hunde eilen zur Hilfe: es entsteht eine w\u00fcthende, l\u00e4rmende Balgerei; der Otter wehrt sich f\u00fcrchterlich, wird aber doch zuletzt von der muthigen Schar todt gebissen und dann dem J\u00e4ger \u00fcberliefert. Dieser stellt sich \u00fcbrigens schon von vorn herein in der N\u00e4he des Meeres auf, um den zum befteundeten Elemente fl\u00fcchtenden Thieren den Weg abzuschneiden.\nlieber die Abstammung dieser Hunde ist man \u00fcbrigens noch keineswegs im Klaren, und auch die Ansicht, da\u00df der Otternhund Dachshund sei, bedarf noch sehr der Best\u00e4tigung. Namentlich widerspricht die ziemlich bedeutende Gr\u00f6\u00dfe des Thieres dieser Annahme. Seine H\u00f6he vom Fu\u00df bis zur Schulter betr\u00e4gt n\u00e4mlich nicht selten zwei Fu\u00df, aber es giebt auch kleinere und niedrigere, und gerade diese sollen die besten sein.\t___________________________\nWeit zahlreicher, als die Abtheilung der D\u00e4chsel ist die Gruppe der eigentlichen Jagdhunde. Es sind sch\u00f6ne, gro\u00dfe oder mittelgro\u00dfe Thiere, deren Leib etwas schwach, gestreckt, sogar etwas schlank, gegen die Weichen ein wenig eingezogen und auf dem R\u00fccken nicht gekr\u00fcmmt ist. Der Hals ist ziemlich lang und dick; die Brust breit und vorstehend; der Kopf l\u00e4nglich, ziemlich erhaben und mit starkem Knochenkamm. Die Stirne ist schwach gew\u00f6lbt, die Schnauze nicht sehr lang, nach vorn hin verschm\u00e4lert und etwas abgestumpft. Die F\u00fc\u00dfe sind von mittler H\u00f6he, schlank und voll und stark, die vorderen immer vollkommen gerade. An den Hinterpfoten ist eine gekrallte Afterzehe vorhanden. Der am Grunde dicke, gegen das Ende zu verd\u00fcnnte Schwanz reicht etwas unter das Fersengelenk und wird sehr verschiedenartig getragen. Die Behaarung ist bald kurz und fein, bald lang und grob, und der Schwanz bald eine sehr buschige Fahne, bald wieder d\u00fcnn und sp\u00e4rlich behaart. Kurz, es f\u00fcrten sich alle m\u00f6glichen Abstufungen und Ab\u00e4nderungen, und nur die gro\u00dfe Gestalt und nament\u00fcch das treue, gutm\u00fcthige Gesicht sind allen echten Jagdhunden gemein. Die F\u00e4rbung ist ebenfalls ganz verschiedenartig. Schwarz und Rothbraun, oder Wei\u00df mit Flecken kommt am h\u00e4ufigsten vor. Gew\u00f6hnlich befindet sich auch \u00fcber dem Auge ein rundlicher, br\u00e4unlichgelber Flecken.\nSchon bei uns ist die Zahl der Abarten dieser Gruppe eine au\u00dferordentlich gro\u00dfe, noch weit mehr von ihnen aber kennt man in England, wo f\u00fcr die Zucht dieser Thiere von jeher sehr viel gethan worden ist.","page":368},{"file":"p0369.txt","language":"de","ocr_de":"Diezels Schilderung des Vorstehhundes.\n369\nMe eigentlichen Jagdhunde sind geborene J\u00e4ger, und wenn sie Dies nicht sind, taugen sie eben Nichts. Mehr, als bei jedem andern Hunde, kommt es bei ihnen auf die Rasse oder Unterrasse an, und regelm\u00e4\u00dfig findet man hier, da\u00df gute M\u00fctter oder gute, geschickte Eltern auch vortreffliche Junge erzeugen. Alle sind kr\u00e4ftig, schnell und durch ihre ausgezeichneten Sinne, namentlich durch den \u00fcberaus feinen Geruch, vor den \u00fcbrigen Hunden zur Jagd bef\u00e4higt. Sie gehen nach der Spur und besitzen ein so scharfes Sp\u00fcrverm\u00f6gen, da\u00df sie die F\u00e4hrte eines Wildes noch nach Stunden, ja sogar nach Tagen durch den Geruch wahrnehmen k\u00f6nnen. Deshalb bedient man sich ihrer zum Aussp\u00fcren und Aufsuchen des Wildes und namentlich des Haarwildes und richtet sie zu diesem Zwecke besonders ab.\nEs ist ziemlich gleichgiltig, welche von den unz\u00e4hligen Rassen wir zuerst betrachten. Wir k\u00f6nnen die bekanntesten, die H\u00fchnerhunde, w\u00e4hlen. Sie sind mittelgro\u00df und ziemlich stark gebaut. Ihre Schnauze ist lang und dick, die Nase zuweilen gespalten; die Ohren sind breit, lang und h\u00e4ngend, weshalb man sie auch geradezu den Behang nennt. Das Haar ist kurz bei den Vorstehhunden, l\u00e4nger bei den eigentlichen H\u00fchnerhunden, ziemlich lang bei den sogenannten Wasserhunden, welche ihren Namen auch regelm\u00e4\u00dfig beth\u00e4tigen. Die F\u00e4rbung ist Lei uns zu Lande gew\u00f6hnlich wei\u00df mit braunen, seltner mit schwarzen Flecken, doch giebt es auch ganz wei\u00dfe, braune, schwarze oder gelbe. Die Ruthe wird gew\u00f6hnlich in der Jugend gestutzt, weil der Hund sie sp\u00e4ter, wenn er vor dem Wilde steht, bewegt und das Wild leicht verscheuchen w\u00fcrde, wenn man sie ihre volle L\u00e4nge erreichen lie\u00dfe.\nDie H\u00fchnerhunde sind ganz ausgezeichnete, kluge, gelehrige, folgsame und jagdbegierige Thiere und zur Jagd auf allerlei Wild geradezu unentbehrlich. Sie sp\u00fcren das Wild weniger durch scharfe Verfolgung der F\u00e4hrte aus, als vielmehr durch Wittern desselben, und zwar giebt es H\u00fchnerhunde, welche schon aus einer Entfernung von 16 bis 18 Schritten mit aller Sicherheit ein Jagdthier durch den Geruchssinn wahrnehmen. Bei der Jagd selbst gehen alle h\u00f6chst verst\u00e4ndig zu Werke.\n\u201e>5ch habe mich,\" sagt Diezel, \u201eseit einer langen Reihe von Jahren fortw\u00e4hrend damit be-sch\u00e4ftigt, die F\u00e4higkeit der bei uns vorkommenden Thiere zu vergleichen, und mich immer fester \u00fcber-zeugt, da\u00df sie alle bei weitem von einem \u00fcbertrosfen werden, n\u00e4mlich von dem gew\u00f6hnlichen Begleiter des J\u00e4gers, von dem Vorstehhund (Canis avicularius).\"\n\"Dieses Thier mu\u00df jedoch, wenn meine Behauptung auf ihn anwendbar sein soll, von ganz reiner Abkunft sein und alle seine nat\u00fcrlichen Anlagen, namentlich einen sehr scharfen Geruch besitzen. Es mu\u00df ferner nicht vereinzelt erzogen werden, sondern unmittelbar unter den Augen seines F\u00fchrers aufgewachsen sein, damit er gleich von Jugend an jedes Wort und jeden Wink verstehen lernt. Endlich mu\u00df auch sein Herr alle Eigenschaften eines guten Lehrers, worunter die Geduld keine der geringsten ist, im vorz\u00fcglichen Grade besitzen; ja er mu\u00df sogar ein sicherer Sch\u00fctze sein; denn nur wenn alle Erfordernisse mit einander vereinigt sind, kann der Lehrling jenen bewunderungsw\u00fcrdigen Grad von Folgsamkeit, Selbstbeherrschung und Geschicklichkeit erreichen, welchen ich hier in einigen kurzen S\u00e4tzen zu schildern versuchen will.\"\n\u201eEin vollkommen abgerichteter, stets zweckm\u00e4\u00dfig gef\u00fchrter Hund, im Alter von drei bis vier Jahren, sucht, seinem nat\u00fcrlichen Triebe folgend, mit immer dem Winde entgegengehaltener Nase das Wild auf, indem er bald rechts bald links sich wendet. Auch bleibt er von Zeit zu Zeit einmal stillestehen und sieht sich nach seinem Gebieter um, der nun durch eine Bewegung dem Hund die Gegend bezeichnet, welche er absuchen soll. Diese Winke werden aus das genaueste befolgt.\"\n\u201eKommt ihm nun die.Witterung irgend eines bedeutenden Wildes in die Nase, so h\u00f6rt auf einmal die sonst unaufh\u00f6rliche Bewegung des Schweifes auf. Sein ganzer K\u00f6rper verwandelt sich in eine Art von Bilds\u00e4ule. Oft auch schleicht er nach Katzenart und mit leichten Tritten dem Gegenstand n\u00e4her, ehe er ganz fest steht. Nach wenigen Augenblicken wendet er nun den Kopf nach seinem Herrn, um sich zu \u00fcberzeugen, ob dieser ihn bemerkt hat oder nicht, und ob er sich n\u00e4hert.\"\nBrehm, Thierleben.","page":369},{"file":"p0370.txt","language":"de","ocr_de":"370\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Jagdhunde.\n\u201eEs giebt sogar Hunde, welche, wenn der Oertlichkeit nach Solches nicht m\u00f6glich ist (z. B. im Walde oder im hohem Getreide, wo man es nicht sehen kann), das gefundene Wild auf kurze Zeit verlassen, um ihren Herrn aufzusuchen und an Ort und Stelle zu f\u00fchren. Doch thaten Dies von den vielen Hunden, welche ich in meinem Leben besessen und gef\u00fchrt, nur einige, und nicht schon in der ersten Zeit, sondern sie lernten es erst in sp\u00e4teren Jahren.\"\n\u201eEine der sch\u00f6nsten Gelassenheitsproben f\u00fcr junge, feurige Hunde ist die, wenn sie das dicht vor ihren Augen von dem J\u00e4ger getroffene Thiere flattern und dann fallen sehen, dasselbe aber nicht ergreifen d\u00fcrfen. Und auch dieser gro\u00dfen Versuchung lernt ein folgsamer Hund bald widerstehen und wagt es nicht eher, zu apportiren, als bis er von seinem Herrn die Erlaubni\u00df dazu erhalten hat.\"\n\u201eEin ebenso schwieriger und fast noch schwierigerer Punkt ist die tief in des Hundes Natur liegende Begierde, jeden ihm ins Gesicht kommenden Hasen zu verfolgen. Hier hat er einen um so\nDer Vorstehhund (Canis avicularius).\nschwerern Kampf zu bestehen, als es ja unstreitig die Bestimmung des Hundes ist, das Wild zu verfolgen und zu fangen. Es mu\u00df augenscheinlich der Hund seine Natur hier verleugnen, und er verleugnet sie auch wirklich, Denn nachdem er eine Viertelstunde lang vor dem Lager des Hasen gestanden hat, darf er, wenn dieser endlich aufsteht und entflieht, ihm dennoch keinen Schritt nachfolgen, viel weniger noch im Lager selbst oder im Augenblick des Entweichens ihn ergreifen oder t\u00f6dten. Er darf es sogar dann nicht thun, wenn ein in voller Flucht begriffener Hase sich seinen Z\u00e4hnen gleichsam freiwillig darbietet und, so zu sagen, in den Rachen hineinlaufen w\u00fcrde.\"\n\u201eDer unkundige Zuschauer, welcher Zeuge eines solchen Auftrittes ist, kann nicht anders glauben, als da\u00df ein solcher Hund ganz gleichgiltig und ohne alle Leidcklschaft sei, da\u00df der Hase f\u00fcr ihn gar keinen Reiz habe. Aber wie sehr tr\u00fcgt hier der Schein! Nicht Gleichgiltigkeit, nicht Mangel an Lust, anders zu handeln, wenn ich so sagen darf, ist es, was ihn davon abh\u00e4lt, sondern der Gehorsam, das Gef\u00fchl der Unterw\u00fcrfigkeit, die Furcht vor der Strafe.\"","page":370},{"file":"p0371.txt","language":"de","ocr_de":"Diezels Schilderung des Vorstehhundes.\n371\n\u201e3)te Natur scheint hier unter den H\u00e4nden der Kunst gleichsam untergegangen zu sein; allein sie\nist -s nicht, sie schlummert nur, ober vielmehr, sie schweigt, weil sie schweigen mu\u00df, weil ihre Stimme nicht laut werden darf.\"\n\u201eMan beobachte denselben Hund, der unmittelbar unter den Augen seines F\u00fchrers diesen hohen Grad von Selbstbeherrschung zeigte, wenn er allein oder sich selbst \u00fcberlassen ist, oder wenn er einen F\u00fchrer hat, den er nicht achtet. Er wird sich dann der Begierde zu jagen so gewi\u00df \u00fcberlassen, als jeder andere auch. Daher kommt es dann auch, da\u00df in der ersten Zeit der Abrichtung selbst Hunde, die in der N\u00e4he ihres Herrn schon ziemlich folgsam sind, noch manchen Fehler begehen, sobald man ihnen gestattet, sich weit zu entfernen. Es sei mir verg\u00f6nnt, einige Beispiele davon anzuf\u00fchren, wie gro\u00df der Hang dieser Hunde ist, das Wild zu verfolgen. Schon viele Hunde wurden mit Schrotsch\u00fcssen verwundet, weil sie, auf mehrmaliges Rufen uud Pfeifen nicht achtend, sich der Begierde gleichsam blindlings \u00fcberlassen hatten. Sie schrieen im Augenblick der Verwundung laut auf, lie\u00dfen sich aber dadurch doch nicht von der Fortsetzung der Verfolgung abhalten. Andere wurden so stark getroffen, da\u00df sie sogleich umkehren mu\u00dften. Aber kaum war eine Stunde verflossen, kaum hatten sie\nsich em wenig wieder erholt, als sie auch wieder jedem vorkommenden Hasen ebenso leidenschaftlich nachsetzten, wie zuvor.\"\n\u201eDer merkw\u00fcrdigste Fall dieser Art, welcher mir vorgekommen ist, war folgender: Eine Vorstehhundin, welche aber nicht von mir erzogen und abgerichtet, sondern blos meiner F\u00fchrung auf einige Zeit anvertraut war, stand am Rande eines ziemlich breiten Grabens dicht vor einer Rebh\u00fchnerkette. Als ich mich n\u00e4herte, um zu schie\u00dfen, stand unfern von uns ein junger Hase auf. Den Hund durchzuckte die Lust, hinter ihm herzujagen, wie ein elektrischer Schlag, und gewi\u00df w\u00fcrde er es augenblicklich gethan haben, h\u00e4tte nicht meine N\u00e4herung und ein lauter Waruungsruf ihn noch nothd\u00fcrftig zur\u00fcckgehalten. Er blieb daher in seiner fr\u00fchern Stellung, wandte aber, den zuerst gefundenen Gegenstand gleichsam aufgebend, den Kopf immer nach der Stelle hin, wo der Hase lief, und zitterte dabei sichtlich am ganzen Leibe. Jetzt stiebten die Rebh\u00fchner auf, und ich scho\u00df davon zwei. Allein anstatt wie gew\u00f6hnlich diese mit dem gr\u00f6\u00dften Eifer zu apportiren, sprang der Hund, ohne im geringsten auf die herabgefallenen V\u00f6gel zu achten, augenblicklich \u00fcber den Graben und setzte dem schon l\u00e4ngst entflohenen Hasen nach.\"\n\u201eSo sehr hatte Dies schon vom ersten Augenblick an seine ganze Seele besch\u00e4ftigt. Man berechne, welchen Kampf, welchen Grad von Selbst\u00fcberwindung es ihm gekostet haben mag, einer so reizenden Versuchung zu widerstehen!\" \u2014\n\u201eEinen h\u00f6chst anziehendew-Anblick gew\u00e4hrt es dem Zuschauer, sogar Dem, welcher nicht selbst ^ager oder Iagdkenner ist, wenn er die Vorsicht wahrnimmt, mit welcher sich der Vorstehhund deni aufgefundenen Federwild n\u00e4hert. Wenn er z. B. bei Mangel an g\u00fcnstigem Wind nicht ganz sicher wer\u00df, nach welcher Seite hin die Rebh\u00fchner gelaufen sind, so kehrt er schnell um, umkreist in gro\u00dfen Bogen, wo er sie vermuthet, und jede gro\u00dfe Ann\u00e4herung sorgf\u00e4ltig vermeidend, sp\u00fcrt er auf diese Weise endlich den Platz auf, wo sie festliegen, und hier erst bleibt auch er selbst augenblicklich feststehen. Beim Absuchen der Getreidest\u00fccken l\u00e4uft der erfahrne Hund nicht etwa in die Frucht selbst hinein, sondern blos an der Seite des Ackers hin, jedoch so, da\u00df ihm der Wind von dem Wilde her entgegenweht; Denn auf der entgegengesetzten Seite wird er den Zweck des Auffindens nicht so sicher erreichen.\"\n\u201eDen h\u00f6chsten Grad von Verstand dieser Art sah ich einst, als ich mit einigen Bekannten zu Anfang des Sommers einen Spaziergang machte, um deren Hunde, welche im Rufe vorz\u00fcglicher Bef\u00e4higung standen, mir vorf\u00fchren zu lassen. S\u00e4mmtliche Felder waren mit Frucht bedeckt; ich war daher nicht wenig gespannt daraus,, wie man es anfangen werde, um hier Gelegenheit zu haben, die drer Hunde, welche wir bei uns hatten, arbeiten zu sehen. Bald aber \u00fcberzeugte ich mich, da\u00df dieser Zweck ganz gut erreicht wurde; denn diese Hunde, einer wie der andere, suchten im sogenannten Sommerbau, n\u00e4mlich den Gersten-, Hafer- und Kartoffel\u00e4ckern, deren Frucht noch weiter zur\u00fcck war,\n24*","page":371},{"file":"p0372.txt","language":"de","ocr_de":"372\nDie Raubthiere. Hunde \u2014 Jagdhunde.\nganz unbefangen hin und her; sobald sie aber an einen Roggen- oder Weizenacker kamen, \u00e4nderte sich alsbald ihr ganzes Wesen und ihre Bewegungen; denn sie setzten jetzt nicht mehr hin und her, wie sie es-zuvor in der noch niedrigen Frucht gethan hatten, sondern es unterstand sich keiner mehr, einen solchen Acker mit hohem Getreide zu betreten. Vielmehr suchten sie jetzt nur noch im langsamen Trabe, und zwar immer nur in der \u00e4u\u00dfersten Furche, aus der Seite, wo sie den besten Wind hatten, um das Wild in die Nase zu bekommen. Als ich meine Verwunderung \u00fcber diese Vorsicht \u00e4u\u00dferte und zugleich den Wunsch aussprach, zu erfahren, auf welche Weise man sie dazu gebracht hatte, die Fruchtst\u00fccke so genau zu unterscheiden, erwiederte man, das Dies sehr leicht und bald dadurch bewerkstelligt worden w\u00e4re, indem man sie zwar sehr oft auf einen Spaziergang mitgenommen, ihnen aber nie gestattet habe, einen Acker mit schon hohem Getreide zu betreten, sowohl um jeden Verdru\u00df mit den Feldbesitzern zu vermeiden, als auch, um die Hunde stets im Auge zu behalten.\"\n\u201eIch besa\u00df einst einen Hund, welcher fast menschliche Ueberlegung zeigte, und ich will nur einen einzigen Fall davon hier mittheilen. Wenn ich in Dienstgesch\u00e4ften aus dem Walde zur\u00fcckkam, f\u00fchrte mich mein Weg gew\u00f6hnlich an einem kleinen, sumpfigen Weiher vor\u00fcber, wo in der Streichzeit, d. j. in den Fr\u00fchlings- und Herbstmonaten, fast immer Heerschnepfen (Telmatias gallinago) zu liegen pflegten. Dies wu\u00dfte mein Hund sehr wohl. Er eilte darum schon in der Entfernung von mehreren tausend Schritten vor mir voraus, suchte einen solchen Vogel auf u?id bljeb vor demselben stehen, drehte aber sogleich seinen Kopf nach mir, um sich zu \u00fcberzeugen, ob ich rechts ab die Stra\u00dfe verlassen und mich nach dem Weiher wenden oder meines Wegs gehen w\u00fcrde, da Letzteres jedesmal geschah, wenn ich entweder keine Lust oder keine Zeit zum Schie\u00dfen hatte. Solange nun dem Hunde noch Hoffnung \u00fcbrig blieb, da\u00df diese von ihm angezeigte Schnepfe von mir werde aufgesucht werden, blieb er fest und unbeweglich mit'immer nach mir gerichteten Augen stehen. Sobald ich aber, ohne mich zu n\u00e4hern, vor\u00fcber gegangen war, stie\u00df er sie heraus und verlie\u00df sogleich den Sumpf, ohne weiter aufzusuchen. Dieses Verfahren hat er mehr als drei\u00dfig Mal wiederholt, und viele meiner Bekannten waren Augenzeugen davon.\"\n\u201eSchon mehrmals ist mir auch der Fall vorgekommen, da\u00df, w\u00e4hrend meine Hunde im vollen Suchen begriffen oder doch \u00fcberhaupt in lebhafter Bewegung waren, pl\u00f6tzlich innehaltend, sie sich flach auf den Boden niederwarfen und in dieser Stellung liegen blieben. Wenn ich nun der Richtung ihrer Blicke folgend nachforschte, was wohl die Ursache ihres Benehmens sein m\u00f6ge, so war es gew\u00f6hnlich irgend ein Wild, gew\u00f6hnlich ein Hase, den ich oft noch in sehr gro\u00dfer Entfernung laufen oder vielmehr auf uns zukommen sah; denn nur in dem einzigen Falle, wenn er in gerader Linie sich uns n\u00e4herte, nicht aber, wenn er seine Richtung seitw\u00e4rts vorbei nahm, legten sich die Hunde nieder, wie ein Raubthier, welches auf die Ann\u00e4herung seines Opfers lauert, um dasselbe, wenn es nahe genug herangekommen, sicherer zu erhaschen, zuvor aber sich vor dessen Augen soviel als m\u00f6glich zu bergen sucht.\n\u201eEin H\u00fchnerhund, welcher einem meiner Freunde geh\u00f6rte, bemerkte einst, w\u00e4hrend er von weitem eine Jagd auf einer Insel von geringem Umfange mit ansah, da\u00df einer von den hin- und hergesprengten Hasen sich \u00fcber eine schmale Dr\u00fcckendem einzigen zu der Insel f\u00fchrenden Eingang, in das Freie gerettet hatte. Als er nun abermals'jenseits des Wassers einen Hasen erblickte, eilte er, auf jede Art der Verfolgung verzichtend, in vollem Laufe nach der Br\u00fccke hin, legte sich dort stach auf den Boden und erwartete in dieser Stellung den n\u00e4chsten Fl\u00fcchtling, um sich desselben so recht auf dem k\u00fcrzesten Wege zu bem\u00e4chtigen. Um zum Schlu\u00df zu kommen, erw\u00e4hne ich blos noch, da\u00df derselbe Hund, welcher die gesunden Hasen vor sich sieht, ohne sich zu r\u00fchren, die angeschossenen halbe Stunden weit unerm\u00fcdet verfolgt, sobald sein Herr es ihm befiehlt oder vielmehr es ihm erlaubt; denn der innere Trieb fordert ihn dazu auf, jede Schwei\u00dff\u00e4hrte so weit als m\u00f6glich zu verfolgen. Durch die Abrichtung hat er aber gelernt, das endlich gefangene oder aufgefundene Thier ohne die geringste Verletzung herbeizubringen. Auch als ausgestellter W\u00e4chter entspricht er jeder Erwartung; denn halbe Tage lang bleibt er unbeweglich neben dem Gewehr oder der Jagdtasche seines Herrn im Walde liegen. Kein Unbekannter darf es wagen, sich zu nahen oder sie zu nehmen.\"","page":372},{"file":"p0373.txt","language":"de","ocr_de":"Erziehung des Jagdhundes.\n373\nWie fest manche H\u00fchnerhunde vor dem Wilde stehen, mag aus folgender Thatsache hervorgehen, welche Lenz erw\u00e4hnt. In England hat man ein prachtvolles Gem\u00e4lde verfertigt, welches einen schwarzen Vorstehhund, Namens Pluto, und einen weiblichen, Namens Inno, darstellt, wie Beide vor einem Rebhuhn stehen. Der Maler zeichnete l1/* Stunde lang, und Beide standen w\u00e4hrend dieser Zeit wie versteinert.\nDer Hund lernt alle diese Iagdgriffe allerdings erst nach langer Abrichtung, aber wohl bei keinem andern Thiere sieht man besser, wieviel es leisten kann, wenn der Mensch es lehrt und gut behandelt, als bei dem H\u00fchnerhund. Ein gut abgerichteter Jagdhund ist ein wirklich wunderbares Thier und verdient seinen lateinischen Namen, Canis sagax, in vollem Ma\u00dfe. Er ist auch ein Menschenhund, wie Scheitlin sagt; denn er beweist wahren Menschenverstand. Er wei\u00df genau, was er zu thun hat, und ein schlechter J\u00e4ger, welchen ein gut geschulter Jagdhund begleitet, wird von diesem nicht selten in der allerempfindlichsten Weise getadelt. So kannte ich einen H\u00fchnerhund Namens Basko, welcher wohl Alles leistete, was man jemals von einem seiner Art verlangen konnte. Sein Herr war ein ganz vorz\u00fcglicher Sch\u00fctze, welcher gew\u00f6hnlich unter zwanzig Sch\u00fcssen auf fliegendes Wild keinen oder nur einen Fehlschu\u00df that. Dessen Hund war freilich verw\u00f6hnt und zu gleicher Zeit im h\u00f6chsten Grad ehrgeizig. Einst kommt der Sohn eines Freundes unsers Waidmanns zu ihm, ein junger Aktenmensch, welcher die Feder allerdings besser gebrauchen konnte, als das Gewehr, und bittet um die Erlaubni\u00df, ein wenig zu jagen. Der F\u00f6rster gew\u00e4hrt ihm Dies mit den Worten: Gehen Sie, aber schie\u00dfen Sie gut, sonst nimmt es Basko gewaltig \u00fcbel.\" Die Jagd beginnt, Basko wittert nach kurzer Zeit eine Kette H\u00fchner aus und steht wie ein Marmorbild vor derselben. Er erh\u00e4lt den Befehl, sie aufzutreiben. Die H\u00fchner fliegen, der Schu\u00df knallt, aber kein St\u00fcck von dem Wilde st\u00fcrzt herab. Basko sieht sich \u00e4u\u00dferst verwundert um und beweist augenscheinlich genug, da\u00df seine gute Laune verschwunden sei. Er geht aber doch noch einmal mit, findet eine zweite Kette H\u00fchner, und es geht wie das erste Mal. Da kommt er dicht an den Sch\u00fctzen heran, wirft einen Blick der tiefsten Verachtung auf ihn und eilt spornstreichs nach Hause. Noch nach Jahr und Tag war es demselben J\u00e4ger unm\u00f6glich, den Hund, welcher ein f\u00fcr die Jagd begeisterter war, mit sich auf das Feld zu nehmen: die Verachtung gegen den Sch\u00fctzen war zu tief in seinem Herzen eingewurzelt.\nEs ist leicht erkl\u00e4rlich, da\u00df ein so gut erzogener Hund auch einen vortrefflichen Erzieher haben mu\u00df, wenn aus ihm Etwas werden soll. Die Abrichtung ist ein sehr schwieriges Gesch\u00e4ft und wird blos von wenigen Erw\u00e4hlten verstanden. Wie schon bemerkt, sind gro\u00dfe Geduld, Ernst und Liebe zum Thiere Haupterfordernisft eines Erziehers, und deshalb l\u00e4\u00dft sich wohl mit voller Bestimmtheit behaupten, da\u00df eine Frau nun und nimmermehr einen Jagdhund w\u00fcrde erziehen k\u00f6nnen. Ich will versuchen, denjenigen meiner Leser, welche noch gar keinen Begriff von der Art und Weise der Erziehung eines Jagdhundes haben, eine kurze Beschreibung davon zu geben, und gestehe ganz ehrlich, da\u00df ich mich dabei auch auf andere Angaben und namentlich auf die Angaben Dietrichs aus dem Winckell st\u00fctzen mu\u00df, weil ich selbst schwerlich im Stande sein d\u00fcrfte, einen Hund so zu erziehen, wie er erzogen werden mu\u00df.\nWenn der junge H\u00fchnerhund ein Jahr alt geworden ist, beginnt man mit der Abrichtung, am liebsten im Februar, und wenn Dies nicht geht, im Juli oder August. W\u00e4hrend der ganzen Lehrzeit mu\u00df er an einem ganz ungest\u00f6rten Ort eingesperrt oder angebunden werden und darf durchaus keine Gelegenheit zu Zerstreuung oder Spielerei haben, dort auch von Niemandem, als von seinem Herrn besucht, gef\u00fcttert und getr\u00e4nkt werden. Eine Stunde vor jedem Unterricht erh\u00e4lt er eine m\u00e4\u00dfige Mahlzeit, dann nimmt man das Thier an eine zehn Fu\u00df lange Leine, deren Ende zugleich ein Halsband bildet, versieht sich mit einer kurzen Peitsche und lehrt dem Hunde zun\u00e4chst den Dressurbock (ein 1 Va Zoll dickes, 16 Zoll langes, fest mit Bindfaden umwickeltes Strohb\u00fcndel) aufnehmen. Man legt dem Hunde zuerst die Leine an, zieht ihn unter dem Zurufe \u201ehierher!\" und mit einem bestimmten Pfiffe an sich, lobt und streichelt ihn, wenn er von selbst kommt, oder schafft ihn mit Gewalt","page":373},{"file":"p0374.txt","language":"de","ocr_de":"374\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Jagdhunde.\nherbei, wenn er st\u00f6rrisch ist. Sobald er auf den Ruf folgt, wird er noch ein wenig herumgef\u00fchrt, und zwar, indem man sich bald rechts, bald links wendet und dabei \u201eherum!\" ruft. Dann wird er nach seinem Wohnplatz zur\u00fcckgebracht und ihm Gelegenheit gegeben, das Gelernte ordentlich durchzudenken. In einer andern Stunde beginnt das Apportiren. Man legt den Dressurbock auf die Erde, zieht den Hund an der Leine dicht herbei, dr\u00fcckt seinen K\u00f6rper platt auf den Boden und h\u00e4lt ihn dort in liegender Stellung, schiebt ihm mit der andern Hand den Bock ins Maul und ruft \u201eFa\u00df!\" greift ihn dabei von oben herab hinter die Eckz\u00e4hne, \u00f6ffnet ihm die Kinnlade und schiebt ihm den Bock bis unter die F\u00e4nge, ruft nochmals \u201eFa\u00df!\" und schlie\u00dft mittelst der Hand das Maul. Nach kurzer Zeit l\u00e4\u00dft man ihn los, und indem man \u201eAus!\" ruft, nimmt man ihm den Bock wieder ab. Wenn er das Maul nicht selbst \u00f6ffnet, reibt man ihm den Bock gegen das Zahnfleisch oder dreht ihm das Halsband derart zusammen, da\u00df er unwillk\u00fcrlich das Maul aufsperrt. In eilt er sp\u00e4tern Lehrstunde l\u00e4\u00dft man ihm, w\u00e4hrend er den Bock im Maule hat, aufstehen und einige Schritte weit gehen und nimmt ihm denselben unter dem Zurufe \u201eAus!\" wieder ab. Nach und nach h\u00f6rt man auf, ihm das Maul zuzuhalten, w\u00e4hrend er den Bock fa\u00dft und l\u00e4\u00dft ihn denselben aus immer gr\u00f6\u00dferen Entfernungen herbeiholen, wobei man immer \u201eApportez\u201c sagt. Will er Etwas nicht thun, so wird er jedesmal ohne Umst\u00e4nde dazu gezwungen und Dies solange, bis er es gern ausf\u00fchrt. Sp\u00e4ter nimmt man anstatt des Bockes St\u00fccken Holz und andere Dinge, endlich eitteh Hasenbalg und schlie\u00dflich Hasen, Rebh\u00fchner, zuletzt auch Raubthiere, Raubv\u00f6gel, Elstern nnd Kr\u00e4hen, kurz, lauter Thiere, welche er nur h\u00f6chst ungern aufnimmt und tr\u00e4gt. Nachdem er diese Kunst begriffen hat, wird ihm das Verlorensuchen beigebracht. Man geht mit dem Winde und l\u00e4\u00dft unbemerkt Etwas fallen, was er gern apportirt, wendet nach einigen Schritten mit dem Zuruf: \u201eSuch verloren!\" um, und leitet ihn auf demselben Wege gegen den Wind zu dem Gegenstand hin, indem man ihm denselben zeigt und \u201eApportez\u201c ruft. Diese Uebung wird weiter und weiter ausgedehnt, bis er auch Dieses begriffen hat. Hierauf mu\u00df er das Vorstehen lernen, wieder mit seinem Bock, welchen man vor ihm auf den Boden wirft, w\u00e4hrend man den Kopf ihm zur Erde dr\u00fcckt und \u201etont beau\u201c oder, wenn er es nach einiger Zeit ergreifen soll, \u201eAvancez\u201c ausruft. Alles Dies wird in einem umschlossenen Raum vorgenommen, erst mit, sp\u00e4ter auch ohne Leine. Hat nun der Hund die Sache gut begriffen, so nimmt man ihn mit sich auf das Feld hinaus, immer noch an der Leine und mit der Peitsche in dev andern Hand. Hier l\u00e4\u00dft man ihn an einem freien Orte, wo Wild ist, gegen den Wind suchen und schwenkt ihn dabei abwechselnd rechts und links, indem man \u201eherum\" ruft. Durch die Worte \u201eSuch, Such!\" feuert man ihn, durch ein leises \u201eSachte, Sachte\" beruhigt man ihn, wenn er zu hitzig ist, und durch einen starken Ruck an der Leine bezeichnet man ihm seine Unzufriedenheit, wenn er nicht gehorchen will. Sucht er nach M\u00e4usen, Lerchen und anderen kleinen Thieren, wird er unter dem Zuruf \u201ePfui\" abgehalten, und niemals schie\u00dft man ein solches Thier vor ihm. Ist er bei der Suche folgsam geworden, so bringt man ihn dann an Orte, wo es Rebh\u00fchner, aber wenig Hasen giebt, und l\u00e4\u00dft ihn an der Leine unter dem Winde sucken, ruft ihm, sobald er Etwas in die Nase bekommen hat, zu \u201eSuch!\" und l\u00e4\u00dft ihn, sobald er festliegt oder steht, kreisen, bis man die H\u00fchner erblickt. Hierauf geht man zur\u00fcck, f\u00fchrt ihn unter dem Zurufe \u201eHierher!\" ab, l\u00e4\u00dft ihn nochmals vorgehen, wieder kreisen und st\u00f6\u00dft endlich die H\u00fchner, ohne zu schie\u00dfen, auf, gestattet aber ihm das Nachfahreu durchaus nicht. Fallen die H\u00fchner wo anders ein, so verf\u00e4hrt man wie vorher und sucht endlich eins im Sitzen oder, wenn es aufsteht und der Hund nicht hinterdrein f\u00e4hrt, im Fluge zu schie\u00dfen, wobei man sich aber sehr vor einem Fehlsch\u00fcsse zu h\u00fcten hat. Ist das Huhn gefallen, so l\u00e4\u00dft man es sich bringen und sieht streng darauf, da\u00df er es nicht sch\u00fcttelt oder zerbei\u00dft. Nach dem Schusse darf er nie schw\u00e4rmen, sondern wird gleich herangerufen und mu\u00df, bis der J\u00e4ger geladen hat, ruhig neben ihm sitzen. Auf Hasen lehrt man ihn in \u00e4hnlicher Weise. Im Walde bringt man ihm zun\u00e4chst bei, da\u00df er sich nie weit von dem Sch\u00fctzen entfernen kann, und geht deshalb zuerst in buschreiche Orte, wo man ihn immer \u00fcbersehen kann. Zum Schlu\u00df endlich f\u00fchrt man ihn an das Wasser und l\u00e4\u00dft ihn hier zuerst in ganz seichtem Wasser apportiren und veranla\u00dft ihn, sp\u00e4ter immer tiefer und tiefer","page":374},{"file":"p0375.txt","language":"de","ocr_de":"Abrichtung der Jagdhunde.\n375\nin dasselbe hineinzugehen; niemals aber darf man einen jungen Hund in das Wasser werfen, weil er sonst leicht zu gro\u00dfe Scheu davor bekommt.\nDiese Bemerkungen gelten f\u00fcr die Abrichtung aller Jagdhunde, sie m\u00f6gen hei\u00dfen, wie sie wollen, und es kommt nur darauf an, da\u00df man gute Rassen bekommt, welche schon von Geburt an gr\u00f6\u00dfere Begabung zeigen, als andere. Die Zahl dieser Rassen oder Arten oder wie man sie sonst nennen will, ist sehr ansehnlich und, wie bemerkt, sind namentlich die Engl\u00e4nder gro\u00df im Z\u00fcchten der Hunde. Deshalb werde ich auch vorzugsweise die englischen Hunde zum Grunde legen, um meinen Lesern eine Ueberschau \u00fcber die vorz\u00fcglichsten derselben zu bieten. Unser Bild auf Seite 370 zeigt uns den eigentlichen englischen Vorstehhund, den Pointer, einen der vorz\u00fcglichsten aller Hunde. Ihm \u00e4hneln die Parforcehunde am meisten, obgleich sie gr\u00f6\u00dftentheils anders verwendet werden. Man gebraucht sie n\u00e4mlich in Meuten von 8 bis 40 St\u00fcck und l\u00e4\u00dft sie ein bestimmtes Wild solange verfolgen, bis sie dasselbe entweder einholen und festpacken oder doch wenigstens feststellen. Jede einzelne Meute wird blos aus eine und dieselbe Wildart abgerichtet, weil man die Erfahrung gemacht hat, da\u00df sie\nDer Hirschhund.\nverderben, wenn man diesen Grundsatz nicht befolgt. In fr\u00fcheren Zeiten wandte man gro\u00dfe M\u00fche auf die Zucht dieser Hunde, und auch gegenw\u00e4rtig werden in England noch Summen daf\u00fcr ausgegeben, welche geradezu ins Unglaubliche gehen. Die Hunde wohnen in f\u00f6rmlichen Schl\u00f6ssern und werden besser gen\u00e4hrt und erhalten, als manche Menschen. Mit Recht sagt ein englischer Schriftsteller deshalb, da\u00df es weit besser um das Land aussehen w\u00fcrde, wenn man die Summen, welche die Zucht und Haltung der Fuchshunde fordern, zum Vortheile der Schulen oder anderer gemeinn\u00fctzigen Anstalten, kurz zum Nutzen der Menschen ausgeben wollte. Die haupts\u00e4chlichsten Parforcehunde sind:\nDer Hirsch Hund (Canis acceptorius), der gr\u00f6\u00dfte dieser Unterabtheilung, wie man sagt, ein Abk\u00f6mmling von dem Bluthund und Windhund, deren beider Eigenschaften er auch in sich vereinigt. Er ist ausgezeichnet durch sein scharfes Sp\u00fcrverm\u00f6gen und seine au\u00dferordentliche Schnelligkeit. Gegenw\u00e4rtig befinden sich nur noch wenige Ueberreste im Besitz der K\u00f6nigin von England. Fr\u00fcher war es anders. Namentlich Georg III. war ein leidenschaftlicher Liebhaber der Hirschhetze, an welcher er oft pers\u00f6nlich theilnahm. Nicht selten hetzte man mit solchem Eifer, da\u00df von den hundert berittenen","page":375},{"file":"p0376.txt","language":"de","ocr_de":"376\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Jagdhunde.\nJ\u00e4gern, welche anfangs hinter dem Hirsche drein ritten, zuletzt nur noch zehn oder zwanzig \u00fcbrig waren, wenn das fl\u00fcchtige Wild von den Hunden gepackt wurde. Man durchritt in Windeseile unglaubliche Entfernungen und setzte die Jagd oft solange fort, da\u00df ein gro\u00dfer Theil der Pferde und selbst viele Hunde dabei zu Grunde gingen. F\u00fcnfzig englische Meilen hinter einem Hirsche herzureiten war keineswegs ein seltner Fall. Jetzt ist es freilich anders, da die Bebauung des Bodens dieser Jagd viel zu gro\u00dfe Hindernisse in den Weg legt.\nGegenw\u00e4rtig jagt man aber immer noch mit den Fuchshunden (Canis vulpicapus), welche als die vorz\u00fcglichsten aller englischen Jagdhunde angesehen werden. Ber\u00fchmte M\u00e4nner haben sich mehr\nDer Fuchshuud.\nmit thuen als mit anderen Dingen besch\u00e4ftigt, dicke B\u00fccher sind \u00fcber sie geschrieben worden, und noch heutigen Tages erwecken sie bei den Gro\u00dfen Englands weit mehr Theilnahme, als ganze V\u00f6lkerschaften. Der Ursprung des Fuchshundes ist ungewi\u00df. Man nimmt an, da\u00df er von dem alten englischen Hunde abstammt und durch verschiedene Kreuzung, an welcher eine ganze Menge anderer Hunde theil-nahmen, zu der Vollkommenheit gebracht worden ist, welche er zeigt. Er besitzt die Schnelligkeit des Windhundes, den Muth des Bulldoggen, die Feinheit des Geruchs vom Bluthund, die Klugheit des Pudels: k\u00fcrz, er vereint gleichsam alle guten Gaben der Hunde in sich. Seine Schnelligkeit ist wirklich unglaublich. Bei einem Wettrennen durchlief ein Hund, Blaum\u00fctze genannt, eine L\u00e4nge von fast 472 englischen Meilen in acht Minuten und wenigen Sekunden, und das bereits erw\u00e4hnte Rennpferd Flying-Childres, welches auf demselben Grunde lief, erreichte das Ziel kaum eine","page":376},{"file":"p0377.txt","language":"de","ocr_de":"Fuchs-, Hasen-, St\u00f6ber- und Bluthund.\n377\nh^be Minute fr\u00fcher, als er. Wenn man dabei die k\u00f6rperliche Beschaffenheit beider Thiere in Rech-nung zieht, mu\u00df man wahrhaft \u00fcber die Schnelligkeit des Hundes erstaunen; denn sie ist verh\u00e4ltni\u00df-m\u00e4\u00dfig eine ungleich gr\u00f6\u00dfere, als die jener un\u00fcbertrefflichen Pferde. Dabei ist nur zu verwundern, da\u00df das schnelle Thier immer noch Stunden braucht, um einen Fuchs wirklich zu erreichen; denn man mu\u00df wohl bedenken, da\u00df die Hunde in Meuten jagen, Reinecke aber sich vor allen zu decken hat. Jedenfalls wirft diese Thatsache auch ein helles Licht auf die Gewandtheit und Schnelligkeit des letztern.\negenw\u00e4rtig w\u00e4hrt eine Fuchshetze selten l\u00e4nger, als drei bis vier Stunden, w\u00e4hrend sie fr\u00fcher einen ganzen Tag in Anspruch nahm: zu solcher G\u00fcte bat man endlich die Fuchshunde gebracht.\nEtwas gr\u00f6\u00dfer, als der Fuchshund, ist derHasenhatzhund (Canis Bracca), welcher zu der Jagd verwendet wird, die sein Name andeutet. Er \u00e4hnelt in seiner Gestalt und in seinem Betragen dem Fuchshund vollst\u00e4ndig. Zur Zeit wird auf seine Zucht nur noch wenig M\u00fche verwendet.\nDer St\u00f6berhund (Beagle).\nDer kleinste von allen Parforcehunden ist der St\u00f6berhun d (Canis irritans). Er erreicht blos elf Zoll Schulterh\u00f6he. Man gebraucht ihn in voller Meute zur Hasenhetze und erfreut sich haupts\u00e4chlich an seiner wohlklingenden Stimme, welche, wenn die Meute stark ist, ein herrliches Gel\u00e4ute giebt. Sein Geruchsinn ist so fein, da\u00df er einen einmal verfolgten Hasen immer wieder auffindet und auftreibt, und er l\u00e4uft so ausdauernd, da\u00df er den Hasen trotz seiner Schnelligkeit und seiner Kreuz- und Querspr\u00fcnge doch einholt und niedermacht. Ber\u00fchmt war die Meute des Obersten Hardy. Sie bestand aus 22 St\u00fcck Hunden, welche s\u00e4mmtlich das angegebene Ma\u00df noch nicht einmal erreichten.\n\" Man trug sie zur Jagd hin und von derselben zur\u00fcck in K\u00f6rben, welche auf Pferde geladen wurdem Bei der Hetze liefen sie regelm\u00e4\u00dfig in Reih und Glied. In einer sch\u00f6nen Nacht wurden sie ihrem Eigenth\u00fcmer gestohlen, und derselbe hat nie wieder erfahren, was aus ihnen geworden ist. \u2014 Gegenw\u00e4rtig sind auch diese Hunde selten geworden.\nGanz das Gegentheil von diesen kleinen, zierlichen Thieren ist der Bluthund (Canis sangi\u00fc-narius), welchen man jetzt auch nicht oft mehr sieht. In den guten, alten Zeiten wurde das Thier h\u00e4ufig als Diebsf\u00e4nger benutzt und diente dem Lande zur Sicherung vor R\u00e4ubern, welcke in jener Zeit \u00fcberall","page":377},{"file":"p0378.txt","language":"de","ocr_de":"378\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Jagdhunde. Seidenhunde.\nihr Unwesen trieben. Er war so klug, da\u00df er die F\u00e4hrte eines Diebes selbst dann versolgte, wenn derselbe seinen Weg in einem Bach oder Fl\u00fc\u00dfchen fortgesetzt hatte, um den Hund zu t\u00e4uschen. Dieser suchte dann beide Ufer des Flusses solange ab, bis er die F\u00e4hrte des nach dem Lande zur\u00fcckgekehrten\nDiebes von neuem auffand und verfolgen konnte.\nAuch im Kriege wurden Bluthunde angewandt, so noch in den Kriegen zwischen England und Schottland. Heinrich VIII. brachte sie sogar auf seinen Kriegsz\u00fcgen mit nach Frankreich, und Graf Essex hatte allein 800 St\u00fcck von ihnen bei seinem Heere in Irland. Gegenw\u00e4rtig dienen sie zum Aufsuchen eines angeschossenen Wildes und nehmen den Schwei\u00df allerdings besser auf, als alle \u00fcbrigen Jagdhunde. Die Farbe der echten Bluthunde ist lohbraun nnd auf dem R\u00fccken fast schwarz. Sie haben 28 englische Zoll Schulterh\u00f6he oder dar\u00fcber, sind stark gebaut und zeichnen sich namentlich durch die breite und lange Schnauze aus, an welcher die Oberlippe \u00fcber die Unterlippe herabh\u00e4ngt.\nDer Bluthund.\nDie Ohren sind breit und h\u00e4ngen lang herunter, der Scheitel ist hoch und gew\u00f6lbt, der Bleck ernst, klug nnd edel. Man sagt, da\u00df sie hestigen Gem\u00fcthes w\u00e4ren und deshalb als gef\u00e4hrliche Thiere angesehen w\u00fcrden, Ihr Blutdurst soll so gro\u00df sein, da\u00df sie selbst auf ihren eignen Herrn losgehen, wenn sie einmal -in- Beute niedergemacht haben. Die Stimm- des Thieres ist so eigenth\u00fcmlich langgezogen, laut und tief, da\u00df man sie niemals vergessen kann, wenn man sie nur einmal geh\u00f6rt hat. Ueber seine Abkunst ist man v\u00f6llig im Unklaren,\nVon diesen glatthaarigen Hunden unterscheidet sich der eigentliche englische H\u00fchnerhund, der Setter (Cauis sequax). Eigentlich ist er -in Mittelding zwischen H\u00fchner- und Wachtelhund, Er hat ganz die Eigenschaften des Vorstehhundes, geht aber leichter, als dieser, ms Wasser, Man kennt auch von ihm -ine Menge von Abarten, deren ausf\u00fchrliche Beschreibung wir den wahren Hundefreunden \u00fcberlassen wollen.","page":378},{"file":"p0379.txt","language":"de","ocr_de":"Setter, Wasserhund, Saur\u00fcde.\n379\n~er eigentliche Wasserhund (Canis aquatilis), der Retriever der Engl\u00e4nder, ein st\u00e4mmiger und starker H\u00fchnerhund von dunkler Farbe ist, wie man sagt, ein Erzeugni\u00df der Kreuzung zwischen Neufundl\u00e4nder und H\u00fchnerhund oder zwischen Wasserwachtelhund, H\u00fchnerhund und Prntscher. Die H\u00f6he eines gro\u00dfen Wasserhundes schwankt zwischen 22 bis 24 Zoll. Sein Leib ist gedrungen, und seine Glieder sind stark. Das Fell ist langhaarig und dunkelfarbig, ein feiner Geruch\nzelchnet ihn aus. Man benutzt ihn ausschlie\u00dflich zur Jagd auf Wasferwild, und in dieser leistet er wirklich das Vorz\u00fcglichste.\nAu\u00dfer den genannten haben wir noch die Saur\u00fcde (Canis Rudo) zu erw\u00e4hnen. Sie ist ein Mischling von vielen ganz verschiedenen Hunden, wie man sagt, haupts\u00e4chlich von Bulldoggen mit Windhund und Pintscher. Die Kennzeichen der beiden ersten vereinigt sie wenigstens in sich. Sie\nDer Setter.\nist stark, ohne plump zu sein. schnell, kr\u00e4ftig und muthig. und diese Eigenschaften machen sie zur Jagd aus schweres Wild besonders geeignet. Auch sie ist gegenw\u00e4rtig im Aussterben begriffen, wie das Wild, zu dessen Jagd sie diente.\nMehrere sehr verschiedenartige Hunde pflegt man unter dem Namen der Seidenhunde zusammenzufassen. Zu ihnen geh\u00f6ren einige der ausgezeichnetsten Thiere der ganzen Gesellschaft welche wir haben: ich will zun\u00e4chst blos den Pudel und den Neufundl\u00e4nder nennen. Der eigentliche gro\u00dfe Seidenhund (Canis extrarius) scheint urspr\u00fcnglich in Italien zu Hause gewesen zu sein. Er Cm ^h^schEs Thier, von 2y2 Fu\u00df in der L\u00e4nge, mit mehr als Fu\u00df langer Fahne und einer Hohe am Widerrist von etwa 1 h2 Fu\u00df. Der Leib ist etwas gedrungen und gegen die Weichen eingezogen, der R\u00fccken nicht gekr\u00fcmmt, die Brust breit und kaum vorstehend; der Hals kurz und dick, der","page":379},{"file":"p0380.txt","language":"de","ocr_de":"380\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Seidenhunde.\nKopf l\u00e4nglich und ziemlich erhaben; die Schnauze nicht sehr lang, nach vorn etwas verschm\u00e4lert und zugespitzt. Die Ohren sind lang, breit, gerundet, vollst\u00e4ndig h\u00e4ngend und mit sehr langen Haaren besetzt, die Lippen kurz und straff. Die F\u00fc\u00dfe sind von mittler L\u00e4nge, nicht dick und ziemlich stark, die vorderen vollkommen gerade; die Hinterf\u00fc\u00dfe ohne Afterzehen. Der Schwanz ist mittelstark und mittellang, reicht etwas unter das Fersengelenk und wird, stark nach r\u00fcckw\u00e4rts gebeugt, aufw\u00e4rts getragen. Die Behaarung ist lang, zottig, aber seidenartig. Die Schnauze und die Vorderseite der F\u00fc\u00dfe sind kurz behaart, die Hinterseite derselben aber, der Kopf, der Bauch und der Schwanz, besonders an der Unterseite, mit langen, zottigen Haaren bedeckt. Die Oberseite des K\u00f6rpers ist gew\u00f6hnlich schwarz, Brust, Bauch, F\u00fc\u00dfe, die Lippen und Wangen br\u00e4unlichgelb, und auch \u00fcber den Augen findet sich ein br\u00e4unlicher Flecken. Au\u00dferdem kommen aber auch r\u00f6thlichbraune, schwarz und wei\u00dfe und sehr h\u00e4ufig gefleckte mit gelbbraunen, rothbraunen oder schwarzen Flecken auf wei\u00dfem Grunde vor. Diese\nDer Wasserhund (Siehe Seite 379.).\nKennzeichen gelten f\u00fcr die ganze Gruppe, welche wieder in eigentliche Seidenhunde, Wachtelb\u00fcndchen und Pudel zerf\u00e4llt. Die ersteren sind bei uns die seltensten, und zumal den gro\u00dfen Seidenhund sieht man wenig, eher den Malteserseidenhund, welcher seiner Kleinheit wegen oft als Schosh\u00fcndchen gehalten wird ist h\u00e4ufiger; von ihm unterscheidet sich der gro\u00dfe Serden-\nhund nur durch seine bedeutende Gr\u00f6\u00dfe.\t. ,\t, . m ,\nAlle Seidenhunde.sind leicht und schnell aber nicht ausdauernd. Sw haben femen Geruch und gro\u00dfen Verstand, ohne jedoch besonders gelehrig zu sein. Zur Jagd auf,kleines Wild und namentlich ans Federwild werden einige und vor allen die Wachtelhunde vielfach benutzt doch bed\u00fcrfen sie einer sehr sorgs\u00e4l.igen Erziehung, weil ihre urspr\u00fcnglich- Jagdbeg.erde so gro\u00df .st da\u00df sie h\u00e4ufig durch Dick und D\u00fcnn gehen und kaum durch Zurufe zu b\u00e4ndigen sind, selbst bei der besten Erziehung zittern sie vor Begierde bei Auffindung einer Spur und sind Nicht >m Stande, ihre Freude oder ihren Eis-r zu verbergen, sondern kl\u00e4ffen und bellen fast fortw\u00e4hrend. Sie. werden aus diesem","page":380},{"file":"p0381.txt","language":"de","ocr_de":"Verschiedenheit der Arten. Ihr Wesen.\n381\nGrunde noch weit h\u00e4ufiger in der Stube gehalten, als zur Jagd benutzt. Die Engl\u00e4nder hwben sich gro\u00dfe M\u00fche mit ihrer Zucht gegeben und deshalb auch eine Menge von Spielarten erzielt, welche sie in Jagd- und T\u00e4ndelhunde trennen. Unter den Wachtelhunden unterscheiden sie wieder Springer, das hei\u00dft solche, welche lustig durch Dick und D\u00fcnn und namentlich durch niederes Dorngestr\u00fcpp hindurchjagen, und Schnepfenhunde, welche haupts\u00e4chlich zur Jagd auf Waldschnepfen verwendet werden. Sie werden trotz ihres Lautgehens hochgeachtet, und in Wahrheit ist ein hinter der Beute dahinjagender Hund ein Gegenstand der Freude f\u00fcr Jeden, welcher Sinn f\u00fcr derartige Jagd hat.\nDie Schnepfenhunde sind kleiner, als die Springer. Sie wiegen selten mehr als 12 Pfund, sehr oft nur 9 oder 10 Pfund. Au\u00dferordentlich lebendig und th\u00e4tig, wie sie sind, verrichten sie ihre Arbeit mit einem geradezu unersch\u00f6pflichen Grade von Selbstbewu\u00dftsein und Vergn\u00fcgen. Dabei sind sie sehr muthig und behalten auch in anderen Klimaten ihre urspr\u00fcngliche K\u00fchnheit bei, selbst in dem hei\u00dfen Indien, welches die besten nordischen Hunde bald verdirbt. Kapit\u00e4n Williamson erz\u00e4hlt, da\u00df eines dieser kleinen tolldreisten Thiere einstmals sogar einem Tiger muthig entgegenging. Das gewaltige Raubthier schaute den kleinen Kl\u00e4ffer anfangs verwundert an, dann aber stand es auf, von dem Gebelfer des zudringlichen Naseweis gest\u00f6rt, und fl\u00fcchtete! Der Erz\u00e4hler versichert, da\u00df es einen unbeschreiblichen Anblick gew\u00e4hrt habe, die beiden in Gr\u00f6\u00dfe und Kraft so verschiedenen Thiere hinter einander zu sehen, den gro\u00dfen, gewaltigen Tiger mit gehobenem Schweife voran und den muthigen kleinen Hund zankend und bellend hinterdrein. Und Dies ist nicht der einzige Fall, in welchem man den Muth dieser niedlichen Thiere erprobt fand. Ein anderer Offizier von dem bengalischen Gesch\u00fctzwesen jagte in der N\u00e4he eines Rohrdickichts nach Trappen, Florikans und Pfauen, als pl\u00f6tzlich ein Tiger hervorbrach. Augenblicklich wurde derselbe von den H\u00fcndchen gestellt, und obgleich die muthigsten und k\u00fchnsten mit zwei Tatzenschl\u00e4gen niedergelegt wurden, hielten die anderen doch Stand und ruhten nicht eher, als bis sich der Tiger zur\u00fcckgezogen hatte.\nDie kleinsten Wachtelh\u00fcndchen, werden gew\u00f6hnlich K\u00f6nig-Karlsh\u00fcndchen genannt aus dem Grunde, weil K\u00f6nig Karl II. von England sie au\u00dferordentlich liebte und stets einige bei sich hatte. Sie sind durch ihre dunkle Farbe, welche \u00fcbrigens oft ins Br\u00e4unliche spielt, die wei\u00dfe Vorderbrust, das seidenweiche, lange Haar und das gro\u00dfe lange Beh\u00e4nge ausgezeichnet. Die allerbesten und gesch\u00e4tztesten von ihnen wiegen blos f\u00fcnf Pfund und die gr\u00f6\u00dften nicht mehr als sieben. Sie sind als Stubenhunde au\u00dferordentlich beliebt, denn sie sind schmuck, munter und gelehrig: wenn sie richtig behandelt werden, sind sie die unterhaltendsten Gesellschafter, welche man sich denken kann. Sie selbst sind ewig auf lustige Streiche bedacht und lassen sich mit sehr geringer M\u00fche erheiternde Kunstst\u00fccke lehren.\nNoch kleiner, als diese, sind die Blenheims-Wachtelh\u00fcndchen, welche gegenw\u00e4rtig in England vielfach als Schosh\u00fcndchen der Damen in gr\u00f6\u00dferem Ansehen stehen. Unangenehm ist, da\u00df ihre Augen best\u00e4ndig thr\u00e4nenfeucht sind, und ihnen von einem Winkel aus diese Thr\u00e4nen ohne Unterla\u00df \u00fcber die Wangen herablaufen.\nW\u00e4hrend wir sie mit Fug und Recht die Zwerge der ganzen Gruppe nennen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir den Neufundl\u00e4nder (Canis terrae novae) als den Riesen unter den Seidenhunden ansehen. Das gewaltige, pr\u00e4chtige Thier soll ein doppelter Bastard des gro\u00dfen Pudels mit dem franz\u00f6sischen Fleischerhund sein, welcher in Neufundland seine Rasse bis zur Stunde in ihrer urspr\u00fcnglichen Reinheit erhalten hat. Es ist sehr ungewi\u00df, um welche Zeit sich diese Rasse in Neufundland gebildet und wer hierzu Veranlassung zun\u00e4chst geboten hat. Man wei\u00df gewi\u00df, da\u00df die Engl\u00e4nder bei ihrer ersten Niederlassung in Neufundland im Jahre 1622 diese Hunde noch nicht vorfanden, und","page":381},{"file":"p0382.txt","language":"de","ocr_de":"382\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Seidenhunde.\nnimmt deswegen mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit an, da\u00df die Stammeltern, jedenfalls vortreffliche und ausgezeichnete Hunde, nach der Ansiedlung gebracht worden sind. \u201eDer Neufundl\u00e4nderhund,\" sagt Fitzinger, \u201etr\u00e4gt wie alle Bastarde die Kennzeichen seiner elterlichen Abstammung unverkennbar an sich. Er vereinigt mit der Gestalt, Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke des franz\u00f6sischen Fleischerhundes, welcher selbst ein Bastard des gro\u00dfen Windhundes und Jagdhundes ist, zum Theil die Behaarung und Gestalt der Ohren, welche zu den klimatischen Ab\u00e4nderungen des gro\u00dfen Seidenhundes geh\u00f6rt. Es ist ein gewaltiges, starkes und kr\u00e4ftiges Thier mit breitem, langen Kopfe, etwas verdickter Schnauze, mittelgro\u00dfen, h\u00e4ngenden, zottig behaarten Ohren, starker Brust, kr\u00e4ftigem Halse, mit ziemlich hohen, starken\n->\nDer Neufundland er.\nBeinen, mit dichter, langer, zottiger, krauslicher, weicher, fast seidenartiger Behaarung, mit ziemlich langem, zottigen Schw\u00e4nze und mit stark ausgebildeten Schwimmh\u00e4uten zwischen den Zehen. Seine F\u00e4rbung ist sehr verschiedenartig. Viele sind schwarz mit einem lebhaften, rostgelben Flecken \u00fcber jedem Auge und rostgelben Flecken an der Kehle und an den Fu\u00dfgelenken. Etwas weniger h\u00e4ufig ist er schwarz und wei\u00df, oder braun und wei\u00df gefleckt, oder einf\u00f6rmig schwarzbraun und wei\u00df.\"\nMit Recht gilt der Neufundl\u00e4nder f\u00fcr eine der sch\u00f6nsten Rassen und ist sehr gesucht; denn auch seine Eigenschaften stehen mit seiner \u00e4u\u00dfern Sch\u00f6nheit im Einklang und verk\u00fcnden den guten Stamm, von welchem er herr\u00fchrt. Seinem Herrn ist er im h\u00f6chsten Grade treu und anh\u00e4nglich; dabei ist er verst\u00e4ndig und au\u00dferordentlich gelehrig. Selbstverst\u00e4ndlich mu\u00df man darauf sehen, seine nat\u00fcrlichen Begabungen bei der Abrichtung auszubilden, um das Thier zu dem in seiner Art vollkommensten zu machen. Der Neufundl\u00e4nder ist n\u00e4mlich der beste aller Wasserhunde; das Wasser scheint sein eigentlich heimisches Element zu sein. Er schwimmt leidenschaftlich gern und mit der gr\u00f6\u00dften Leichtig-","page":382},{"file":"p0383.txt","language":"de","ocr_de":"Eigenschaften und Wesen des Neufundl\u00e4nders.\n383\nfett, taucht wie ein Seethier und kann Stunden lang im Wasser aushalten. Einmal fand man eines dieser Thiere in einer weiten Meeresbucht, Meilen vom Lande entfernt, und mu\u00dfte wohl annehmen, da\u00df es viele Stunden lang im Meere herumgeschwommen war. Dem Neufundl\u00e4nder ist es vollkommen gleichgiltig, in welcher Weise er schwimmen mu\u00df; denn er geht ebensogut gegen den Strom oder Wellenschlag, als mit beiden. Ohne irgend welche vorausgegangene Abrichtung holt er unerm\u00fcdlich jeden Gegenstand aus dem Wasser, selbst bei der strengsten K\u00e4lte, und bringt ihn seinem Herrn. Der Mensch kann ihn \u00fcberhaupt nicht mehr vergn\u00fcgen, als wenn er ihm Gelegenheit giebt, sich viel im Wasser aufzuhalten, und schwerlich d\u00fcrfte man etwas Lustigeres sehen k\u00f6nnen, als einen guten Schwimmer, welcher sich in Gesellschaft seines Neufundl\u00e4nders im Meere herumtreibt. Der Hund ist dann au\u00dfer sich vor Freude, da\u00df auch der Mensch gleich ihm mit dem Wasser vertraut ist, und bem\u00fcht sich nach Kr\u00e4ften, diese Freude an den Tag zu legen. Er macht dann Purzelb\u00e4ume und treibt das tollste Zeug aus lauter Uebermuth; schwimmt bald vor seinem Herrn, bald hinter ihm her, taucht unter ihm weg, thut, als wolle er ihn ein St\u00fcckchen tragen oder st\u00fctzen: kurz, er spielt f\u00f6rmlich im Wasser. Und wenn endlich der Herr erm\u00fcdet nach dem Ufer sich wendet, bem\u00fcht sich der Hund ihn noch zum neuen Wettschwimmen aufzufordern.\nDiese au\u00dferordentliche Bef\u00e4higung des Neufundl\u00e4nders f\u00fcr das Wasser macht ihn zu einem sehr n\u00fctzlichen Thiere an allen Seek\u00fcsten. Man kennt Hunderte von Beispielen, wo durch den Muth und die Kraft des vortrefflichen Gesch\u00f6pfes ertrinkende Menschen gerettet worden sind. Viele Schiffer haben ihn stets bei sich, weil er vorkommenden Falls die ganze Mannschaft zu retten im Stande ist. Bei Schiffbr\u00fcchen z. B. ist er oft mit einem Seile im Maule ans Land geschwommen, und hat so die Rettung der Mannschaft vermittelt, oder aber ist vom Lande aus in die See gegangen und hat einen der Schiffbr\u00fcchigen nach dem andern her\u00fcberbugsirt. Auch als Kinderw\u00e4rter ist er un\u00fcbertrefflich, namentlich in Ortschaften, welche in der N\u00e4he tiefer Gew\u00e4sser liegen. Man darf auch das kleinste Kind ganz dreist seiner Wachsamkeit und Treue anvertrauen, weil man sicher ist, da\u00df dem Kinde, solange der Hund sich bei ihm befindet, nicht das Geringste zu Leide geschieht. Die Beispiele, in denen er sich bei diesen Gesch\u00e4ften bew\u00e4hrt hat, sind gar nicht zu z\u00e4hlen. \u2014 Sobald er einen Menschen im Wasser in Gefahr sieht, st\u00fcrzt er sich augenblicklich in das ihm befreundete Element, eilt zu jenem hin, schiebt ihm die Schnauze unter die Achsel und hebt ihn mit derselben \u00fcber den Wasserspiegel empor. Auch halb erfrorne Leute hat er mehrmals vor dem sichern Tode bewahrt, indem er ganz nach Weise der Bernhardiner Hunde handelte. Das Land wittert er von Schiffen au\u00df in gro\u00dfer Entfernung, zuweilen auf mehr als zehn englische Meilen, und giebt Dies durch Bellen zu erkennen. Zu diesen vortrefflichen Eigenschaften kommt noch seine gro\u00dfe Gutm\u00fcthigkeit und Sanftheit, sowie die unausl\u00f6schliche Dankbarkeit f\u00fcr empfangene Wohlthaten; \u2014 ebenso bewahrt er freilich auch erlittene Unbill und Strafe in seinem Ged\u00e4chtni\u00df auf und wird Leuten, welche ihn mit Absicht qu\u00e4len, manchmal doch gef\u00e4hrlich.\nIn Neufundland selbst findet man fast nur die schwarzen Hunde dieser Art, welche um Nase, Kehle und Fu\u00dfgelenke gelblich sind und \u00fcber jedem Auge einen gelben Fleck haben. Dort erh\u00e4lt sich die Rasse sehr rein, w\u00e4hrend Dies bei uns leider nicht immer der Fall ist. Uebrigens wird das edle Thier in seiner Heimat sehr schlecht behandelt. Man spannt ihn vor einen kleinen Wagen oder Schlitten, l\u00e4\u00dft ihn Holz schleppen oder beladet seinen breiten R\u00fccken sogar mit Eselsb\u00fcrden, und dabei n\u00e4hrt man ihn mit dem erb\u00e4rmlichsten Futter, welches es geben kann, mit alten, halbverfaulten oder verdorbenen Fischen und dergleichen.. Viele der sch\u00f6nen Thiere gehen unter der elenden Behandlung zu Grunde, und andere lassen sich, wenn sie sich einmal von ihren Tyrannen befreien k\u00f6nnen, mancherlei Vergehen zu Schulden kommen, indem sie die Herden r\u00e4uberisch \u00fcberfallen und so gro\u00dfen Schaden anrichten. Au\u00dfer zu jenen Arbeiten benutzt man sie in Neufundland auch noch zur Vertreibung des amerikanischen Wolfes, und zwar mit dem besten Erfolg, weil das starke Thier jenen feigen und erb\u00e4rmlichen R\u00e4uber mit leichter M\u00fche bew\u00e4ltigt und gew\u00f6hnlich im Kampfe todtbei\u00dft.","page":383},{"file":"p0384.txt","language":"de","ocr_de":"384\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Seidenhunde.\nGegen andere Hunde benimmt er sich mit sehr gro\u00dfer W\u00fcrde und l\u00e4\u00dft sich erstaunlich viel ge-, fallen, doch spielt er den kleinen Kl\u00e4ffern, wenn es ihm zu bunt wird, manchmal einen schlimmen Streich. (So erz\u00e4hlt man, da\u00df ein Neufundl\u00e4nder einen kleinen Hund, der ihn best\u00e4ndig \u00e4rgerte, pl\u00f6tzlich Leim Kragen fa\u00dfte, mit ihm ins Meer sprang und ihn wohl eine halbe Meile weit hinausschleppte, ihn dann aber in das Wasser warf und es ihm \u00fcberlie\u00df, sich mit M\u00fche und Noth selbst wieder an das Land zu haspeln. Noch schlimmer erging es einem kampflustigen Bulldoggen, welcher den Neufundl\u00e4nder eines Schiffers ohne Ursache angriff und sich in dessen Kehle verbi\u00df. Vergebens versuchte der Gro\u00dfe, das w\u00fcthende Vieh abzusch\u00fctteln. Da kam er auf einen guten Gedanken. Er lief mit ihm nach dem Theerkessel, dessen Inhalt gerade lustig broddelte, und tauchte den Bulldoggen ge-lind mit den Hinterbeinen dahinein. Da\u00df dieser augenblicklich loslie\u00df, kann man sich denken, und schwerlich hat er jemals wieder einen Neufundl\u00e4nder angegriffen, nachdem ihn der erste, an dem er seinen Uebermuth versuchen wollte, f\u00fcr sein Leben gezeichnet hatte.\nDer Wasserwachtelhund.\nMan unterscheidet zweierlei Rassen des Neufundl\u00e4nders, die eine, welche uns unsere Abbildung (S. 382) zeigt, ein Thier von 32 Zoll H\u00f6he, und eine andere, kleinere, welche h\u00f6chstens 24 Zoll hoch wird. Letztere bezeichnet man auch wohl mit dem Namen Labradorhund oder Saint-Johns-Hund. Wenn man diesen mit dem langhaarigen H\u00fchnerhund kreuzt, erh\u00e4lt man den englischen Wasserhund.\nAls Uebergangsglied von dem Neufundl\u00e4nder zu den Pudeln oder aber zu den Wachtelhunden, wie man will, kann man den Wasserwachtelhund (C. crispus) betrachten, welcher haupts\u00e4chlich in England gez\u00fcchtet wird; in Deutschland wenigstens habe ich ihn noch nicht gesehen. Es ist ein mittelgro\u00dfes Thier von etwa 22 Zoll Schulterh\u00f6he mit h\u00fcbschem, ebenm\u00e4\u00dfigen K\u00f6rperbau, ausgezeichnet durch die verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig breiten Pranken, welche ihm das Schwimmen sehr erleichtern. Das Beh\u00e4nge ist sehr lang; denn die Ohren sammt ihren Haaren messen von einer Spitze zur andern mehr, als die Schulterh\u00f6he des Thieres betr\u00e4gt. Der Wasserwachtelhund verdient seinen Namen in der That. Er ist ein bewundernsw\u00fcrdiger Schwimmer und Taucher und geht zu jeder Zeit und bei jedem Wetter mit Lust in das Wasser, in welchem er sehr ausdauert. Sein Fell ist best\u00e4ndig merkw\u00fcrdig fett und","page":384},{"file":"p0385.txt","language":"de","ocr_de":"Der Pudel.\n385\nerleichtert ihm aus diesem Grunde den Aufenthalt im Wasser nicht wenig; denn ein wirklicher Wasserwachtelhund wird schon wenige Minuten, nachdem er den Fluthen entstiegen, wieder trocken. Diese Eigenschaften haben nat\u00fcrlich seit langer Zeit die Aufmerksamkeit der J\u00e4ger auf ihn gezogen und ihn zu einem Liebling aller Wasserj\u00e4ger gemacht.\nEiner der bekanntesten Seidenhunde und, seiner geistigen F\u00e4higkeiten wegen, auch der merkw\u00fcrdigste von ihnen ist der Pudel (Canis genuinus). Ihn zu beschreiben ist fast unn\u00f6thig, da er so ausgezeichnet ist, da\u00df Jedermann ihn kennt. Der gedrungene K\u00f6rperbau mit den langen, wolligen, zottigen Haaren, welche hier und da f\u00f6rmliche Locken bilden und den ganzen Hund dicht einh\u00fcllen, die langen und breiten Ohren kennzeichnen ihn vor seinen \u00fcbrigen Verwandten. Ein sch\u00f6ner Pudel mu\u00df ganz wei\u00df oder ganz schwarz sein, er darf h\u00f6chstens bei ganz schwarzer Farbe einen wei\u00dfen Stirnoder Bruststecken haben.\nDer Pudel.\nDer Pudel zeigt durch seine Liebe f\u00fcr das Wasser seine Verwandtschaft mit den \u00fcbrigen Seidenhunden an. Er schwimmt gut und gern und kann wohl auch zur Jagd abgerichtet werden. Weit mehr aber eignet er sich zum Gesellschafter des Menschen, und als solcher leistet er das Gr\u00f6\u00dfte, was \u00fcberhaupt ein Thier zu leisten vermag. Um ihn vollst\u00e4ndig zu kennzeichnen, borge ich mir Scheitlins Meisterprorte und zwar aus dem Grunde, weil ich es f\u00fcr Unrecht halte, etwas anerkannt Gutes, auf irgendwelche Weise umschrieben, als eigenes Erzeugni\u00df zu Markte zu tragen.\n\u201eDer Pudel ist unter allen Hunden am besten gebaut. Er hat die sch\u00f6nste Kopfform, den wohlgebildetsten Leib, die sch\u00f6nste Gestalt, eine volle, breite Brust, wohlgebaute Beine, ist nicht hoch und nicht niedrig, nicht lang und nicht kurz und stellt sich am w\u00fcrdigsten dar. Schon k\u00f6rperlich ist er zu allen K\u00fcnsten vorzugsweise geeignet. Xanten kann er von selbst lernen; denn seine halb-\nBrehm, Thierleben.\t9^","page":385},{"file":"p0386.txt","language":"de","ocr_de":"386\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Seidenhuude.\nmenschliche Natur treibt ihn, sich an seinem Herrn aufzurichten, auf zwei Beine zu stellen und aufrecht zu gehen. Bald genug merkt er, da\u00df er es k\u00f6nne, und er thut es sehr oft von selbst, wenn er will.\"\n\u201eSein Geschmacksinn ist fein; er unterscheidet zwischen Speisen sehr genau; er ist ein Leckermaul. Sein Geruchsinn ist ber\u00fchmt. Er kennt die Kinder seines Herrn durch ihn und findet mit Hilfe derselben seine verlorne Spur. Giebt man ihm von einem verlornen Kinde einen Schuh oder sonst Etwas zu riechen, so kann er durch die Festhaltung des Eindrucks dieses Geruchs das verlorne Kind von selbst finden. Kaum jemals t\u00e4uscht er sich, ihm ist der Geruch als Erkennungsverm\u00f6gen angewiesen. Er f\u00fchlt auch fein. F\u00fcr k\u00f6rperliche Schmerzen ist er sehr empfindlich; er ist wehleidig. Sein Geh\u00f6r ist vortrefflich. Von weitem kennt er die Stimme, unterscheidet sie auch dem Sinne nach, kennt den Unterschied der Glocken und Klingeln, kennt die Art und Weise und den Ton des Schrittes seiner Hausgenossen. Aber sein Gesicht ist zur\u00fcckgeblieben, er sieht nicht gut, er kennt seinen Herrn durch das Gesicht nur, wenn er ziemlich nahe ist.\"\n\u201eDer Ortsinn ist im Pudel ausgezeichnet. Er findet den Weg nach Hause Stunden und Tage weit her. Er l\u00e4uft in der Stadt oder auf dem Lande willk\u00fcrlich herum und besucht, mit der Gewi\u00dfheit zu finden, irgend ein Haus, in welchem er mit seinem Herrn, sei es auch nur einmal, gewesen, in welchem ihm wohlgethan worden ist. Deshalb kann er abgerichtet werden, Brod beim B\u00e4cker, Fleisch in der Fleischerei zu holen. Sein Zeitsinn ist merkw\u00fcrdig; er merkt an den Tagen, da\u00df der Sonntag kommt; er kennt, wie der hungrige Mensch, die Mittagsstunde und die Schlachttage im Schlachthause. Die Farben kennt er genau und unterscheidet die Dinge mit Hilfe derselben deutlich. Sonderbar ist der Eindruck der Musik auf ihn: manche Werkzeuge kann er wohl leiden, andere gar nicht.\"\n\u201eDer Pudel hat ein au\u00dferordentlich scharfes Wahrnehmungsverm\u00f6gen. Nichts entgeht ihm, und darum hei\u00dft er gescheit. Er ist ein vollkommner Beobachter und lernt deshalb nicht blos die Worte, sondern auch die Mienen und Blicke seines Herrn ausgezeichnet verstehen. Sein Ged\u00e4chtni\u00df ist im hohen Grade treu. Jahrelang bleibt ihm die Form und die Farbe seines Herrn in der Seele; jahrelang verliert er den Weg irgend wohin nicht. Man nennt den Hund schon wegen seines unterscheidenden Geruchsinns gescheit: wie vielmehr wird man ihn wegen seines getreuen Ged\u00e4chtnisses gescheit nennen, da man ja im t\u00e4glichen Leben jedes Kind mit gutem Ged\u00e4chtni\u00df f\u00fcr gescheit h\u00e4lt und selbst einen dummen Gelehrten, d. h. Vielwisser, f\u00fcr gescheit h\u00e4lt. Dieses Ged\u00e4chtni\u00df ist eine Hauptursache zur Gelehrigkeit des Pudels. Doch bedarf er auch dazu Geduld, Gutm\u00fcthigkeit und Folgsamkeit. Er kann wirklich trommeln, Pistolen losschie\u00dfen, an Leitern hinaufklettern, frei mit einer Schar Hunde eine Anh\u00f6he, die von anderen Hunden vertheidigt wird, erst\u00fcrmen und mit Kameraden eine Kom\u00f6die spielen lernen. Wir wissen, da\u00df man auch Pferden und Elefanten (aber blos diesen!) Aehnliches und Gleiches lehren kann.\"\n\u201eZwei Dinge kommen noch dazu: des Pudels Nachahmungssucht und sein Ehrgef\u00fchl d. h. seine Eitelkeit. Immer schaut er seinen Herrn an, immer schaut er, was er thut, immer will er ihm zu Diensten stehen. Er ist der rechte Augendiener; er denkt, wie ein Kind vom Vater, was Dieser thut, sei recht, er m\u00fcsse oder d\u00fcrfe es ebenfalls thun. Nimmt der Herr eine Kegelkugel, so nimmt er zwischen seine Pfoten auch eine, will sie anbei\u00dfen und plagt sich, wenn es ihm nicht gelingen will. Sucht jener Steine behufs wissenschaftlicher Behandlung, so sucht auch der Pudel Steine. Gr\u00e4bt der Herr irgendwo, so f\u00e4ngt auch er mit den Pfoten zu graben an. Sitzt Jener im Fenster, so springt auch Dieser auf die Bank neben ihn, legt beide Tatzen aufs Gesimse und guckt ebenfalls in die sch\u00f6ne Aussicht hinaus. Er will auch einen Stock oder Korb tragen, weil er den Herrn oder die K\u00f6chin einen tragen sieht. Er tr\u00e4gt ihn sorgf\u00e4ltig, stellt ihn vor die Leute hin, geht von einer Person zur andern, um zu zeigen, wie geschickt er sei, und wedelt mit dem Schw\u00e4nze selbstgef\u00e4llig. W\u00e4hrend des Tragens bek\u00fcmmert er sich gar nicht um andere Hunde; er scheint sie als Taugenichtse zu verachten, sie aber scheinen ihn zu achten.\"","page":386},{"file":"p0387.txt","language":"de","ocr_de":"Das Lebensbild des Pudels, von Scheitlin.\n387\n\" \u00aeer ^udel ist der geartetste (aber nicht der gef\u00fcrchtetste) und auch beliebteste Hund, weil er der gutm\u00fcthigste ist. Kindern ist er ganz besonders lieb, weil er sich auf jede Weise necken und auf sich reiten, sich zupfen und zerren l\u00e4\u00dft, ohne zu knurren, zu bei\u00dfen und ungeduldig zu werden. So gefr\u00e4\u00dfig er ist, so kann man ihm doch das Fressen oft aus seinem Nachen wieder hervorholen, was sehr wenige Hunde zulassen. Den, welcher ihn einmal geschoren, kennt er f\u00fcr sein ganzes Leben und schaut ihn darum an, wo er ihn trifft. Kommt er nach Jahresfrist wieder ins Haus, um ihn zu scheren, so rennt er augenblicklich weg und verbirgt sich: er will nicht geschoren sein. Aber seinen Mann kennend, l\u00e4\u00dft er sich willig aus dem Winkel und Dunkel hervorziehen und f\u00fcgt sich ohne Widerspruch in die Nothwendigkeit. Wird er von einem tollen Hund gebissen und kommt der Henker ihn zu holen, so wei\u00df er augenblicklich, was ihm droht. Er verbirgt sich, sein Auge wird sogleich tr\u00fcbe und erschrocken, doch wehrt er sich nicht. Den Todesstich oder Schlag empf\u00e4ngt er, wie die Pferde, mit ruhigem Herzen. Wird er krank und einem Arzt \u00fcbergeben, so unterzieht er sich der Kur sehr gutwillig, und wie der Orang merkt er schnell, was ihm dienlich sei. Kein Thier erkennt so schnell die Meisterschaft des Menschen, da\u00df es ihm gehorchen solle und m\u00fcsse, und da\u00df der Gehorsam das Beste f\u00fcr ihn sei.\"\n\u201eSehr artig ist zu sehen, wie er seinen Herrn sucht. Er l\u00e4uft mit gesenktem Kopfe die Stra\u00dfe lang, steht still, besinnt sich, kehrt wieder um, bleibt an der andern Ecke der Stra\u00dfe wieder still stehen, denkt mehr, als er schaut, beschreibt Diagonalen, um schneller irgendwo zu sein rc. Artig zu sehen ist auch, wenn er ausgehen will und nicht soll, seinen Herrn \u00fcberlisten will, wie er ihn zu \u00fcberschleichen sucht, thut, als wenn er nicht fort wolle, wenn man ihn nicht anschaut, pl\u00f6tzlich den Rei\u00dfaus nimmt oder mit f\u00fcchsischer, \u00fcberh\u00fcndischer List an der Wand ein Bein aushebt, als ob er pissen m\u00fcsse, damit man ihn hinausjage, und wenn man ihn hinausjagt, augenblicklich, ohne zu pissen, zum Schlachthause oder zu einer von seinen Buhlen l\u00e4uft; wenn man ihm aber nicht glaubt, endlich alle Hoffnung entwischen zu k\u00f6nnen aufgiebt, mit vollkommener Entsagung sich unter den Tisch legt und das Pissen l\u00e4\u00dft und vergi\u00dft. Er hat vollkommen wie ein Mensch gelogen.\"\n\u201eEs darf uns nicht Wunder nehmen, wenn viele Beobachter dem Pudel menschliche Verstandsgeschicklichkeit zuschreiben. Und wirklich ist kein Mensch in Beobachtungsumst\u00e4nden geschickter, keiner \u00e4u\u00dfert seine Ungeduld, wenn man ihn nicht ber\u00fccksichtigt, besser, als der Pudel. Er pr\u00fcft vorher sorgf\u00e4ltig, ehe er entscheidet, und er will sich nicht t\u00e4uschen und auch nicht ausgelacht werden.\"\n, \"Mit Pr\u00fcgeln kann man dem Pudel Nichts lehren; er ist nur \u00e4ngstlich, verwirrt, thut immer weniger, ganz wie ein Kind, das weinend lernen mu\u00df. Doch listig thut er auch bisweilen ganz dumm. Mit Gutem kann man ihn sogar ans Widrige gew\u00f6hnen und Dinge essen oder trinken lehren, welche er sonst verschm\u00e4ht. Manche Pudel werden und sind so recht eigentliche Kaffeefraubasen und ziehen das Getr\u00e4nk unbedingt allen anderen vor.\"\n\u201eSonderbar ist es, da\u00df der Pudel, je gutm\u00fcthiger und verst\u00e4ndiger er ist, um so minder ein guter Hausw\u00e4chter ist, desto minder auf den Menschen abgerichtet werden kann. Er liebt und sch\u00e4tzt alle Menschen; will man ihn gegen einen Menschen reizen, so schaut er nur seinen Herrn und dessen Gegner an, als ob er denke, es k\u00f6nne seinem Herrn nicht m\u00f6glich sein, ihn auf einen seines Gleichen zu hetzen. Man k\u00f6nnte seinen Herrn mordeu, ohne da\u00df er sich f\u00fcr ihn wehrte. Gegen seinen Herrn rst er stets unterw\u00fcrfig im h\u00f6chsten Grade, er f\u00fcrchtet nicht nur die Schl\u00e4ge, sondern schon den Unwillen, das Wort, den drohend verweisenden Finger.\"\n\u201ePferde und Hunde scheinen unter allen Thieren am ersten erschreckt werden zu k\u00f6nnen, der Pudel kann sogar erstaunen, d. h. es kann seine Beurtheilungskraft pl\u00f6tzlich stillgestellt werden. ' Ein\nverfolgte einen Naben auf einer Wiese. Der Rabe stellt sich gegen ihn, auf einmal ruft er den Hund an: \u201eSpitzbube, Spitzbube\"! \u2014 erschrocken f\u00e4hrt der Hund zur\u00fcck, sein Verstand stand ihm still: ein Thier, ein Vogel und \u2014 eine Menschenstimme!\"\n\"Der Pudel ist nie gern allein; immer sucht er Menschen auf. Die ersten sind ihm die besten Er grebt stch nicht gern mit Hunden anderer Art ab, und will er spielen, so thut er's mit Pudels\n25*","page":387},{"file":"p0388.txt","language":"de","ocr_de":"388\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Seidenhunde. Pintscher.\nwenigstens vorzugsweise. Mil solchen erfreut er sich dann sehr. Andere Hunde scheint er zu hassen oder sie ihn, wahrscheinlich, weil sie ihn als einen besondern Menschenfreund und Vorgezogenen oder als den h\u00f6chstbegabten unter den Hunden ansehen und ihn darum nicht leiden m\u00f6gen.\"\n\u201eDer Pudel liebt die Freiheit ungemein. Er kommt und geht wieder. An der Kette ist kein Hund gern, am allerwenigsten der Pudel, er versteht, sich davon auf alle Weise loszumachen, und erprobt darin seine K\u00fcnste, Stricke zu zerrei\u00dfen und zu zerbei\u00dfen. Aus Schleifen zieht er den Kopf; er kann gerade so wie ein Mensch jauchzen, wenn er entfettet wird, und vor Freude ganz unsinnig thun.\" \u2014\nVon seinen Erfindungsgaben, um sich freizumachen, erz\u00e4hlt Giebel eine anmuthige Geschichte. \u201eIn einer der Hundesteuer unterworfenen, gro\u00dfen Stadt fing der Abdecker, wie \u00fcblich, alle markenlose Hunde ein und steckte Gro\u00df und Klein, Alt und Jung, Sch\u00f6n und H\u00e4\u00dflich in einen weiten Schuppen, wo sie ihr unverschuldetes Ungl\u00fcck in dem lautesten Jammergeheul beklagten. Der verst\u00e4ndige Pudel allein sa\u00df ruhig, in sein Schicksal ergeben, im Winkel des Gef\u00e4ngnisses und sah bald, auf welche Weise die Th\u00fcre ge\u00f6ffnet wurde. Der Weg zur Freiheit war ihm damit gezeigt. Er ging flugs an die Th\u00fcre, zog mit der Pfote den Dr\u00fccker nieder, \u00f6ffnete die Th\u00fcr, und auf seinen Wink folgte die ganze Schar der Gefangenen. Im Sturmschritt und l\u00e4rmend eilte sie, im Thore die Wache unter das Gewehr rufend, in die Stadt hinein, und jeder kehrte zu seinem Herrn vergn\u00fcgt zur\u00fcck.\"\nDoch was lie\u00dfe sich nicht \u00fcber den Pudel noch Alles sagen! Man k\u00f6nnte ja \u00fcber ihn allein ein\nganzes Buch schreiben!\nAus einer Kreuzung zwischen Pudel und Spitz oder Wachtelhund sollen die beliebtesten aller Schosh\u00fcndchen hervorgehen, der Zwergpudel, das L\u00f6wenh\u00fcndchen und der Bologneser-^ Hund. Ersterer verdient seinen Namen in der That und Wahrheit; denn er ist so klein, da\u00df man ihn fast zu den fabelhaften Thieren rechnen m\u00f6chte. Er wei\u00df sofort die Aufmerksamkeit aller Menschen auf sich zu ziehen und findet mindestens ebensoviel Theilnahme, als das merkw\u00fcrdigste, aus fremden L\u00e4ndern zu uns gekommene Thier. Seine Farbe ist gew\u00f6hnlich wei\u00df und der wollige Pelz so zart und fein, da\u00df man sich kaum etwas Sch\u00f6neres denken kann. Er mu\u00df sich durch sein Gebell ordentlich ausweisen, da\u00df er ein wirklicher Hund ist: man ist sonst versucht, ihm Dies kaum'zu glauben/ Dieses Gebell ist aber so eigenth\u00fcmlich, so h\u00fcndisch kindlich, da\u00df man es, einmal geh\u00f6rt, nie wieder vergessen kann.\nAu\u00dfer diesen Genannten giebt es nun noch eine Menge von Abarten, welche wir unber\u00fccksichtigt lassen wollen. Wenden wir daf\u00fcr unsere Aufmerksamkeit einer andern, sehr merkw\u00fcrdigen Gruppe zu, den Pintschern (Canis Gryphus) n\u00e4mlich. Viele Naturforscher z\u00e4hlen sie noch zu der vorigen Gruppe, und in der That haben wenigstens einige wegen ihres Haarkleides und der Bildung der Schnauze, der Ohren und des Schwanzes, wegen ihrer Gutm\u00fcthigkeit und Treue, ihrer Munterkeit und Spiellust Vieles mit dem Pudel gemein. Der Bau des Sch\u00e4dels und des Geripps weicht jedoch entschieden ab und l\u00e4\u00dft sie als eigenth\u00fcmliche Hunde erscheinen. Man unterscheidet haupts\u00e4chlich die glatthaarigen und stachelhaarigen oder die Ratten- und Affenpintscher. Erstere \u00e4hneln in ihrem Gesammtbau dem Dachshund, unterscheiden sich von ihm aber durch die h\u00f6heren und geraden Beine und die ganz aufrechtstehenden oder nur mit der Spitze \u00fcberh\u00e4ngenden Ohren. Die meisten sind dunkelfarbig, gefleckte kommen schon seltner vor. Ihr K\u00f6rper ist ziemlich schlank, der Kopf stark, die Schnauze ist lang und gerade abgestumpft, die Beine sind mittelhoch und gerade, der Schwanz ist glatt, er wird nach r\u00fcckw\u00e4rts oder vorw\u00e4rts gekr\u00fcmmt getragen. In der Jugend schneidet man den Pintschern gew\u00f6hnlich den Schwanz und die Ohren ab und verh\u00e4\u00dflicht hierdurch die Thiere in unverantwortlicher Weise.\nAlle Pintscher sind \u00e4u\u00dferst kluge, h\u00f6chst muntere und \u00fcber alle Ma\u00dfen jagdbegrerrge Hunde. Sie fangen mit der gr\u00f6\u00dften Liebhaberei Ratten, M\u00e4use, aufw\u00fchlende Maulw\u00fcrfe, und find geradezu","page":388},{"file":"p0389.txt","language":"de","ocr_de":"Zwergpudel. L\u00f6wenh\u00fcndchen. Bologneser. \u2014 Rattenpintscher.\n389\nunerm\u00fcdlich in der Verfolgung dieser Thiere. Als Hausgenosse des Menschen sind sie eben nicht zu empfehlen, weil sie wegen ihrer steten Unruhe ihrem Herrn oft mehr Verdru\u00df, als Freude machen; dagegen eignen sie sich vortrefflich f\u00fcr Leute, welche reiten oder mit schnellen Pferden fahren; denn am allerliebsten begleitet der Pintscher seinen Herrn, wenn er t\u00fcchtig rennen und laufen mu\u00df. Doch selbst bei den schnellsten Ritten macht er sich noch immer Zeit, jedes Mauseloch zu untersuchen und jeden Maulwurf im Auswerfen seiner Haufen zu st\u00f6ren. Die Nase hoch gegen den Wind getragen, sp\u00e4ht er nach allen Seiten hin, und wo Etwas raschelt, naht er sich vorsichtig und leise, steht eine Zeit lang unbeweglich, thut pl\u00f6tzlich einen Sprung, schl\u00e4gt mit den Vorderf\u00fc\u00dfen in die Erde und hat im n\u00e4chsten Augenblicke das unterirdisch lebende Gesch\u00f6pf im Maule. Genau auf dieselbe Weise jagt er Maulw\u00fcrfe, und zwar mit solchem Eifer, da\u00df er bei einem l\u00e4nger\u00bb Spaziergang, wie Lenz sagt, regelm\u00e4\u00dfig vier bis f\u00fcnf und zuweilen 14, ja 18 St\u00fcck f\u00e4ngt. Die Maulw\u00fcrfe fri\u00dft er nicht, sondern begr\u00e4bt sie, von den M\u00e4usen dagegen fri\u00dft er soviel, bis er vollkommen ges\u00e4ttigt ist, die \u00fcbrigen wirft er weg.\nDie F\u00e4higkeit im Fangen von Ratten hat nat\u00fcrlich die Aufmersamkeit der Engl\u00e4nder besonders auf ihn gezogen, und weil dieses launenhafte und grillige Volk, d.h. die reichen Nichtsnutzer desselben, ohnehin nicht wissen, was sie anfangen sollen, um die liebe Zeit todtzuschlagen, sind sie fr\u00fchzeitig darauf verfallen, gro\u00dfe Rattenjagden abzuhalten und dabei ihre Hunde in Th\u00e4tigkeit zu setzen. Damit die Sache doch auch nach Etwas Klang hat, werden dabei au\u00dferordentlich hohe Wetten gemacht, und das Vergn\u00fcgen bekommt hierdurch, wie Dies bei den Engl\u00e4ndern \u00fcberhaupt gew\u00f6hnlich, durchaus das Gepr\u00e4ge des Gl\u00fcckspiels. Man kreuzt den Pintscher noch mit dem kleinen Bulldoggen und erh\u00e4lt dann den wahren Rattenpintscher, welcher unter dem englischen Namen \u201eBullterrier\" oder Bulldoggpintscher bekannt geworden ist. Dieser leistet allerdings Unglaubliches im Fangen und Todtbei\u00dfen der Ratten; denn seine Ausdauer und Geschicklichkeit ist wirklich bewunderungsw\u00fcrdig. Gewisse Leute der City Londons \u00fcbernehmen es, f\u00fcr die vornehmen, jungen Nichtsthuer die n\u00f6thige Anzahl von Ratten herbeizuschaffen. Mit diesen Thieren begiebt man sich in eine alte Niederlage, in einen Keller oder andere derartige Orte, stellt sich ringsum an den W\u00e4nden auf, um dem Wild und seinen Verfolgern gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Spielraum zu gew\u00e4hren, und l\u00e4\u00dft nun die Ratten zu Dutzenden, oft zu Hunderten auf einmal laufen. Eine bestimmte Anzahl von Hunden, gew\u00f6hnlich aber doch nur zwei, werden hierauf ausgesetzt. In einigen verrufenen Stadtvierteln Londons giebt es sogar f\u00f6rmliche Kampfpl\u00e4tze f\u00fcr diese Ratten: Sandpl\u00e4tze, ringsum mit Planken umhegt, hinter denen die Zuschauer Platz nehmen. Der Besitzer derselben geh\u00f6rt regelm\u00e4\u00dfig den untersten Volksschichten an und empf\u00e4ngt von tzen Zuschauern, au\u00dfer einem gewissen Eintrittsgeld, auch noch eine Summe f\u00fcr jeden Rattenkopf. Sobald sich eine Anzahl von Zuschauern gesammelt hat, bringt er seine Rattenk\u00e4fige herbei und l\u00e4\u00dft die Thiere laufen. Es giebt zun\u00e4chst ein unerh\u00f6rtes Durcheinander; die ungl\u00fcckseligen Ratten durchst\u00f6bern den ganzen Raum des Sandplatzes, in der Hoffnung, einen Ausweg zu finden; rennen in schrecklicher Weise an einander und geberden sich, als empf\u00e4nden sie eine Vorahnung ihres gr\u00e4\u00dflichen Endes. Sobald sie sich einigerma\u00dfen beruhigt haben, bringt der Vorsteher der Arena die Pintscher herbei und l\u00e4\u00dft sie laufen. Und nun beginnt ein Schlachten und Morden ohne Gleichen. Wood berichtet, da\u00df er einen dieser Bulldoggpintscher gekannt habe, welcher unter dem Namen Tiny wahrhaft ber\u00fchmt geworden ist. Derselbe wog blos 5y2 Pfund, und gleichwohl war er der aller\u00e4rgste Feind der Ratten, den man sich denken konnte. In einem Zeitraume von 28 Minuten 5 Sekunden \u2014 mit solcher Gewissenhaftigkeit beobachteten die Zuschauer das gro\u00dfartige Schauspiel! \u2014 hatte er 50 Ratten erbissen, und man berechnet, da\u00df dieses ausgezeichnete Thier w\u00e4hrend seines Lebens mehr als 5000 Ratten erlegt habe, eine Menge, welche, wie mein Berichterstatter hinzuf\u00fcgt, iy2 Tonne an Gewicht gehabt haben mag. Er konnte nicht zur\u00fcckgescheucht werden, weder durch die Zahl, noch die Gr\u00f6\u00dfe seines Wildes, und freute sich am meisten, wenn er recht starken Ratten zu Leibe konnte. Seine Jagd betrieb er in einer sehr regelrechten und klugen Weise. Zuerst suchte er sich die st\u00e4rksten und kr\u00e4ftigsten Ratten aus, um so die schwierigste Arbeit zu","page":389},{"file":"p0390.txt","language":"de","ocr_de":"390\nDie Raubthiere Hunde. \u2014 Seidenhunde.\nverrichten, w\u00e4hrend seine Kr\u00e4fte noch frisch waren; dann wurde es ihm leicht, die \u00fcbrigen zu vertilgen, selbst wenn er schon etwas angegriffen von seiner Arbeit war. In seinen jungen Jahren rannte er mit solch au\u00dferordentlicher Behendigkeit auf dem Sandplatze herum, da\u00df es hie\u00df, man k\u00f6nne den Schwanz von seinem Kopfe nicht unterscheiden. In seinen alten Tagen sa\u00df er jeden Abend an g\u00fcnstigen Stellen, wie eine Katze, lauernd an den Rattenl\u00f6chern und pa\u00dfte an ihnen mit gro\u00dfer Sorgfalt auf. Selten blieb seine Jagd erfolglos. Die Jagdbegierde auf sein Wild wurde der Grund zu seinem Tode. Er war in einem Zimmer eingesperrt und h\u00f6rte in einem andern Raum eine Ratte nagen, welche er nicht bekommen konnte. Dies versetzte ihn in so gro\u00dfe Aufregung, da\u00df er schlie\u00dflich ein hitziges Fieber davon trug'und an diesem zu Grunde ging.\nDieser Hund geh\u00f6rte einem Reichen und hatte es deshalb verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gut, w\u00e4hrend es den gew\u00f6hnlichen Schaustellerhunden oft, nachdem sie ihre Pflicht und Schuldigkeit im vollsten Ma\u00dfe gethan haben, ebenso zu ergehen pflegt, wie es den Ratten durch sie erging. Die biedern Engl\u00e4nder sind n\u00e4mlich noch nicht zufrieden, die M\u00f6rderei unter den Ratten mit angesehen zu haben, sondern verlangen noch mehr und kaufen am Ende des Schauspiels regelm\u00e4\u00dfig dem Besitzer seinen Hund ab, verschaffen sich einen gr\u00f6\u00dfern Bulldoggen und lassen durch diesen nunmehr den kleinen Hund zerrei\u00dfen. Da\u00df an solcher Barberei nicht gew\u00f6hnliche Leute, nicht blos die niederen Volksklassen, sondern gerade die Vornehmen und Hochstehenden besondern Gefallen finden, versteht sich von selbst; denn gerade sie pflegen der Barbarei und Unmenschlichkeit nach besten Kr\u00e4ften Vorschub zu leisten.\nEine gr\u00f6\u00dfere Abart des Bullenpintschers wurde fr\u00fcher angewandt, um F\u00fcchse aus ihrem Bau zu treiben, und einer oder zwei von ihnen gen\u00fcgten vollkommen zu diesem Zweck. Man nannte sie Fuchspintscher und hielt sie in gro\u00dfen Ehren. Gegenw\u00e4rtig sind sie au\u00dfer Gebrauch gekommen.\nDie geistigen F\u00e4higkeiten aller Pintscher sind sehr beachtenswerth. Sie zeigen einen gro\u00dfen * Verstand, viel Selbst\u00fcberlegung und Geschicklichkeit, sich in alle Lagen m\u00f6glichst gut zu finden. Man kennt viel Beispiele, da\u00df solche Hunde den Werth des Geldes zu w\u00fcrdigen und sich daher M\u00fcnzen zu verschaffen wu\u00dften, um daf\u00fcr E\u00dfwaaren zu kaufen. Ein Hund mit Namen Peter stahl kleine Geldm\u00fcnzen, wo er sie nur finden konnte und lief damit zum B\u00e4cker hin, um sich dort Geb\u00e4ck zu kaufen. Als ihm einmal der B\u00e4cker, dessen eifriger Kunde er war, einen angebrannten Zwieback hinlegte, verlie\u00df er ihn im Augenblick und besuchte fortan einen auf der andern Seite der Stra\u00dfe, welcher seinen neuen Kunden nach Verdienst ehrte.\nDer Muth der Pintscher ist wirklich gro\u00dfartig, und zumal der Bulldoggpintscher beweist sich hierin ganz als echter Abk\u00f6mmling des Bulldoggen. Anderson erz\u00e4hkt in seinem Werk \u00fcber den See Ngami einige sehr anziehende Thatsachen. Einer dieser Hunde, Namens Venus, wagte sich sogar an ein verwundetes Nashorn, welches fliehen wollte, und verbi\u00df sich so geschickt in dessen Oberlippe, da\u00df der gewaltige Riese nicht im Stande war, den kleinen Kl\u00e4ffer abzusch\u00fctteln, und so den J\u00e4gern zu einem zweiten Schusse, welcher t\u00f6dlich wurde, Gelegenheit geben mu\u00dfte. In einer sehr jagdreichen Gegend, in welcher es namentlich viele Schakale gab, erlegte dieser kleine Hund einen seiner wilden und bedeutend st\u00e4rkern Vettern auf sehr listige Art. An demselben Ort, welchen er sich zum Baden und Trinken auserkoren hatte, streifte eines Tages ein Schakal vorbei und erblickte den kleinen Hund. Dieser verkroch sich augenblicklich vor ihm und sah so kl\u00e4glich aus, da\u00df dem Schakal der Gedanke kommen mochte, hier sei mit leichter M\u00fche eine Mahlzeit zu gewinnen. Er nahte sich also k\u00fchn seiner vermutheten Beute, mu\u00dfte aber sehr bald einsehen, da\u00df er es mit einem Wesen zu thun hatte, das ihm nicht nur gewachsen, sondern \u00fcberlegen war. Denn kaum war er nahe genug, als Venus ihm mit einem geschickten Satz an die Gurgel sprang und sich hier so fest verbi\u00df, da\u00df der Schakal nach wenigen Minuten erstickend verendete.\nSehr verschieden von dem gew\u00f6hnlichen Pintscher ist einer der sonderbarsten Hunde, was Gestalt und Aussehen anlangt- der Affenpintscher n\u00e4mlich. Ihn macht seine H\u00e4\u00dflichkeit sch\u00f6n, und deshalb","page":390},{"file":"p0391.txt","language":"de","ocr_de":"Rattenpintscher in Kampsspielen. \u2014 Der Affenpintscher.\n391\nwird er von Liebhabern eifrig gesucht und hochgeachtet. Wenn er von guter Rasse ist, ist sein K\u00f6rper au\u00dferordentlich lang im Verh\u00e4ltni\u00df zu seinen Gliedern, und der ganze Hund erscheint fast dachshundartig gebaut. Der Hals ist sehr stark, der Leib verl\u00e4ngert, so da\u00df die ganze L\u00e4nge des Thieres dreimal gr\u00f6\u00dfer ist, als seine H\u00f6he. Das Haar ist lang und straff, es f\u00e4llt \u00fcber den ganzen K\u00f6rper und die Glieder, sowie dick und verworren \u00fcber das Gesicht herab, so da\u00df die Augen und die Nase unter der \u00fcppigen Bedeckung kaum sichtbar sind. Bei gewissen Rassen ist das Haar allerdings weicher immer aber bleibt diese eigenth\u00fcmliche Verworrenheit und Ungleichm\u00e4\u00dfigkeit. Bei uns zu Lande findet man diese echte Rasse seltner, sondern sieht zumeist Affenpintscher, welche ebenso hochbeinig sind, als die Rattenpintscher; das struppige Gewand der eigentlichen Affenpintscher haben sie jedoch ebenfalls. Wenn ich sagte, da\u00df die H\u00e4\u00dflichkeit diesen Hund sch\u00f6n mache, meine ich nat\u00fcrlich blos die des Leibes,\nDer Affenpintscher.\ndenn geistig betrachtet mu\u00df der Hund als einer der besten angesehen werden. Es ist ein sehr munteres und unterhaltendes Thier, dem Menschen im h\u00f6chsten Grade zugethan, schmeichelnd und liebkosend gegen seine Freunde und sehr brav im Kampf mit anderen Hunden. Auch er eignet sich vortrefflich zur Rattenjagd und wird sogar hier und da zur Kaninchen- oder Wachteljagd mit Erfolg verwendet.\nDie letzte. Gruppe der Hunde, welche wir betrachten wollen, umfa\u00dft diejenigen, welche dem Menschen am treuesten dienen und am meisten von ihm geknechtet werden, die Haushunde.\nZu dieser Gruppe geh\u00f6rt der Pyren\u00e4enhund, der Pommer, der Spitz, der ungarische Wolfshund, der Hund in Lappland, in Kamtschatka, der Hund der Hasenindianer, der","page":391},{"file":"p0392.txt","language":"de","ocr_de":"392\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Haushunde.\nEskimos und der Hund von der Baffinsbay; ebenso auch derZigeunerhund, der chinesische, der isl\u00e4ndische, der sibirische Hund und andere. Als allgemeine Kennzeichen der Thiere gelten solgende Eigenschaften: der Leib ist etwas gedrungen, ziemlich dick, nur gegen die Weichen ein wenig eingezogen, der R\u00fccken ist leicht gekr\u00fcmmt, die Brust kaum vorstehend; der Hals ist ziemlich kurz und dick, der Kopf l\u00e4nglich, wenig erhoben; die Stirn ist schwach gew\u00f6lbt, die Schnauze nicht sehr lang, nach vorn ziemlich stark verschm\u00e4lert und zugespitzt; die F\u00fc\u00dfe sind von mittler H\u00f6he, dick und stark, die vorderen vollkommen gerade; der Schwanz ist nicht sehr d\u00fcnn, oft sogar Luschig, ziemlich lang, reicht etwas unter das Fersengelenk und wird entweder gerade nach r\u00fcckw\u00e4rts gestreckt oder nach links geringelt aufw\u00e4rtsgebogen getragen; die Ohren sind kurz, nicht sehr schmal, zugespitzt und aufrechtstehend mit mittellangen Haaren besetzt; die Lippen sind kurz und straff; an den Hinterpfoten ist keine Afterzehe vorhanden; eine zottige, lange und grobe Behaarung, welche auf der Schnauze und der Vorderseite der Beine sich bedeutend verk\u00fcrzt, sind noch Gemeingut aller hierhergeh\u00f6rigen Hunde. Die F\u00e4rbung ist nat\u00fcrlich sehr verschieden: bei allen dunkleren aber befindet sich \u00fcber dem Auge jeder-seits ein rundlicher, br\u00e4unlichgelber Flecken. Als mittle Gr\u00f6\u00dfe des K\u00f6rpers gilt etwa eine L\u00e4nge von zwei Fu\u00df drei Zoll, die H\u00f6he am Widerrist betr\u00e4gt 20 bis 22 Zoll. Der Schwanz mi\u00dft etwas\n\u00fcber einen Fu\u00df.\t\u2022>\nDer eigentliche Haushund wird als einer von den Hauptstammarten aller Hunde angesehen, und von einigen Naturforschern als urspr\u00fcnglich in Frankreich heimisches Thier betrachtet. Er ist ein starker, aber keineswegs besonders schwerer Gesell; deshalb ist er in seinem Laufe ziemlich rasch und ausdauernd. Dabei besitzt er Verstand in hohem Grade und zeichnet sich ebenso durch seinen Scharfsinn und seine Klugheit, wie durch seine Wachsamkeit, Anh\u00e4nglichkeit, Treue oder seinen Muth und seine Tapferkeit aus. Alle diese Eigenschaften stempeln ihn ganz von selbst zu Dem, was er ist. Man verwendet ihn mit dem gr\u00f6\u00dften Vortheil als W\u00e4chter des Hauses, wie als H\u00fcter und Lenker der Herden oder aber auch als Zugthier, und jede seiner Aufgaben wei\u00df er zur gr\u00f6\u00dften Zufriedenheit seines Herrn zu l\u00f6sen. Er ist derjenige Hund, welcher vielen V\u00f6lkerschaften geradezu unentbehrlich ist und die Leistungen der verschiedenartigsten Hausthiere in sich vereinigt. Einige V\u00f6lker halten ihn wie ein Kind, andere mi\u00dfhandeln ihn auf die schn\u00f6deste Weise: und gleichwohl bleibt sich seine Treue und sein Diensteifer \u00fcberall gleich. Er lernt alle seine Fertigkeiten von selbst, ohne seinem Herrn besondere M\u00fche zu machen, und zeigt dabei eine Geduld, eine Ausdauer, eine Lust an seinen eignen Fortschritten und zu gleicher Zeit einen Muth, welcher manchem Menschen als Vorbild dienen k\u00f6nnte.\nVon allen diesen Hunden verdient der eigentliche Sch\u00e4ferhund (Canis pecuarius) zun\u00e4chst genannt zu werden. Er zeichnet sich vor den anderen Haushunden dadurch aus, da\u00df die Spitzen seiner Ohren nicht \u00fcberh\u00e4ngen; im Uebrigen \u00e4hnelt er seinen n\u00e4chsten Verwandten. Er ist ein ganz vortreffliches Thier, welches nach kurzer Zeit jeden Blick und Wink des Sch\u00e4fers kennen und mit seltner Ausdauer jegliche Beschwerde ertragen lernt. Es giebt solche Sch\u00e4ferhunde, welche wirklich jedes Wort ihres Herrn verstehen. Ein glaubensw\u00fcrdiger Beobachter erz\u00e4hlte mir, da\u00df er selbst geh\u00f6rt habe, wie ein Sch\u00e4fer seinem Hund befahl, den \u201eRaps\" besonders in Acht zu nehmen. Das Thier stutzte einen Augenblick, wahrscheinlich, weil er das Wort fr\u00fcher noch nicht geh\u00f6rt hatte. Weizen und Roggen, Gerste und Hafer, Wiese und Feld waren ihm bekannte Dinge: vom Raps jedoch wu\u00dfte er noch Nichts. Nach kurzer Ueberlegung machte er die Runde um die Herde, untersuchte die einzelnen Felder und blieb endlich bei demjenigen stehen, dessen Frucht sich von den ihm bekannten Getreidearten unterschied: \u2014 das mu\u00dfte das Rapsseld sein, und dem war auch wirklich so! Man verwendet den Hund gew\u00f6hnlich schon im ersten Jahre seines Alters als W\u00e4chter der Herden, mu\u00df ihn aber in der Jugend seiner ihm angebornen Bissigkeit und Heftigkeit wegen zuweilen z\u00fcchtigen. Mit der Zeit lernt er seinen ganzen Wirkungskreis vollst\u00e4ndig ausf\u00fcllen. Es ist keineswegs gleich-giltig, welches Thier er zu h\u00fcten hat; denn er mu\u00df nach den verschiedenen Hausthieren sein Betragen einrichten. Der Hund des Kuhhirten mu\u00df stets seinen Herrn beobachten und aufmerken, was er be-","page":392},{"file":"p0393.txt","language":"de","ocr_de":"Der Sch\u00e4ferhund. Seine Leistungen.\n393\nstehlt. Rinder, welche nicht sogleich gehorchen, mu\u00df er wirklich bei\u00dfen; denn sonst haben sie keine Furcht vor ihm. Treibt er die Kuh vor sich her, so darf er ihr nur nach den Hinterbeinen bei\u00dfen, nie nach dem Schw\u00e4nze oder an die Seiten, am allerwenigsten nach dem Euter. Schl\u00e4gt eine Kuh nach ihm aus, so mu\u00df er sich gut in Acht nehmen, aber dennoch bei\u00dfen; widersetzt sich ein Ochse oder eine Kuh geradezu mit den H\u00f6rnern, so tr\u00e4gt er, wenn er seinem Amte gewachsen ist, dennoch den Sieg davon, indem er das Thier in die Schnauze bei\u00dft und sich daran festh\u00e4ngt. Die spanischen Hirten benutzen w\u00e4hrend des H\u00fctens auch noch die Schleuder und wissen sie mit unfehlbarer Sicherheit zu gebrauchen. Ein Ochse, welcher einige Mal durch einen ihm an den Kopf geworfenen Stein vom Hirten gestraft worden ist, darf sich vor dem Hunde in Acht nehmen, denn dieser merkt sich den st\u00f6rrischen sehr bald und erlaubt ihm schon nach kurzer Zeit blos die allerbeschr\u00e4nktesten Bewegungen\nDer Sch\u00e4ferhund (Canis pecuarius).\ninnerhalb eines gewissen Kreises. Starke Hammel mu\u00df der Sch\u00e4ferhund auch bei\u00dfen, jedoch blos in die Hinterbeine; L\u00e4mmer, tr\u00e4chtige oder s\u00e4ugende Schafe aber darf er niemals bei\u00dfen, sondern er mu\u00df dann blos so thun, als ob er bei\u00dfen wollte.\nUebrigens wird der Hirtenhund ab und zu auch mit zur Jagd benutzt, mu\u00df Tr\u00fcffeln suchen, in gef\u00e4hrlichen Gegenden mit W\u00f6lfen oder Schakalen k\u00e4mpfen rc. Und alles Dieses lernt er in wirklich bewundernsw\u00fcrdiger Weise: \u2014 kurz sein Verstand ist au\u00dferordentlich und der Nutzen, welchen er leistet, gar nicht zu berechnen. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn behauptet wird, da\u00df ohne ihn das H\u00fcten des Viehes unm\u00f6glich sein w\u00fcrde. Trotz seiner au\u00dferordentlichen Arbeiten erreicht dieser Hund immerhin ein durchschnittliches Alter von 10 bis 12 Jahren.\nIhm gegen\u00fcber ist der Spitz ein gro\u00dfer Herr. Dieser in seiner Art ebenfalls ganz vortreffliche Hund wird in vielen Gegenden Deutschlands, zumal in Th\u00fcringen, als W\u00e4chter auf Bauerh\u00f6fen zum","page":393},{"file":"p0394.txt","language":"de","ocr_de":"394\nDie Raubthiere Hunde. \u2014 Haushunde.\nBewachen des Hauses und Hoses, oder von Fuhrleuten als H\u00fcter ihrer Wagen benutzt. Bei den Letzteren fehlt er wohl selten und \u00fcbernimmt hier zugleich noch eine andere Rolle: er erheitert und erfreut durch sein munteres Wesen den in gleichm\u00e4\u00dfiger Weise seinen Tag verbringenden Mann bei dem schwierigen Gesch\u00e4ft. Der Pommer gilt f\u00fcr die beste Rasse, weil er bei gro\u00dfer Treue und Anh\u00e4nglichkeit besonders aufmerksam und lebhaft ist, dabei weder Regen noch K\u00e4lte scheut, ja gew\u00f6hnlich im Hause oder Hofe dort am liebsten zu liegen pflegt, wo der Wind am sch\u00e4rfsten pfeift. Nach ihm ist die Rasse Canis Pomeranus zubenannt worden. Nebrigens \u00e4hneln ihm die \u00fcbrigen Spitze s\u00e4mmtlich mehr oder weniger. Sie alle zeigen einen gro\u00dfen Hang zur Freiheit und taugen deshalb gar nicht als Kettenhunde, w\u00e4hrend sie als herumstreifende W\u00e4chter unersetzbar sind, ihrer Treue und Unbestechlichkeit wegen.\nDer Spitz.\nDie Gr\u00f6\u00dfe des Spitzes ist mittelm\u00e4\u00dfig oder klein; die Schnauze ist spitz, die Ohren stehen aufrecht, und der Schwanz ist gerollt. Ein echter Spitz mu\u00df einfarbig wei\u00df, schwarz, grau, gelb oder fuchsroth sein, kann aber dabei eine wei\u00dfe Bl\u00e4sse auf Stirn und Brust und wei\u00dfe Pfoten haben; beim rothen sieht man es gern, wenn er ein schwarzes Gesicht hat. Der Pelz ist etwas kurz oder lang, fein oder stachelhaarig, bei dem Pommer ist er immer sehr weich und stets reinwei\u00df.\nNicht minder n\u00fctzlich, als die beiden genannten, ist der Eskimohund (Canis borealis), welcher im ganzen Norden der Erde von den ungesitteten V\u00f6lkerschaften, die dort ihre Heimat haben, als das wichtigste aller Hausthiere angesehen werden mu\u00df. Er bekundet durch seine ganz ausrechtstehenden","page":394},{"file":"p0395.txt","language":"de","ocr_de":"Spitz. Eskimohund.\n395\nOhren die gr\u00f6\u00dfere Freiheit, in welcher er lebt. Allerdings ist Dies nur bez\u00fcglich zu nehmen; denn die Freiheit beschr\u00e4nkt sich- blos auf einen Theil des Jahres, w\u00e4hrend er zu gewissen Jahreszeiten in der allersch\u00e4ndlichsten Knechtschaft lebt, welche man sich denken kann. Der Eskimohund hat im ganzen Norden der alten Welt, also auch in Asien und Lappland, h\u00f6chst \u00e4hnliche Verwandte und wird ebenso zum H\u00fcten des Viehes wie zum Ziehen von Schlitten benutzt. Wir wollen uns bei seinen Arbeiten als Renthierhirt nicht aufhalten, sondern mehr auf letztere Besch\u00e4ftigung R\u00fccksicht nehmen.\nDer Eskimohund, welchen unsere Abbildung mit ausgezeichneter Treue darstellt, bringt fast sein ganzes Leben unter dem Joche zu. Entweder mu\u00df er Schlitten ziehen oder kleine Lasten tragen, und im Norden von Amerika und seinen benachbarten Inseln ist er wirkliches oder einziges Iochthier, welches der Mensch dort sich zu eigen gemacht hat. Nur w\u00e4hrend der kurzen Sommerzeit gestattet ihm sein eigenn\u00fctziger Herr eine gewisse Freiheit, w\u00e4hrend des Winters ist er vollendeter Sklave.\nDer Eskimohund ist gr\u00f6\u00dfer, als unser gew\u00f6hnlicher Sch\u00e4ferhund. Wenn er wohl gen\u00e4hrt ist, mu\u00df man ihn einen sch\u00f6nen Hund nennen, aber leider wird ihm die Nahrung, wenn er sich nicht selbst solche verschafft, von seinem Herrn so sparsam zugemessen, da\u00df er viele Monate hindurch mehr einem Geripp, als einem lebenden Wesen, \u00e4hnelt. Sein Verh\u00e4ltni\u00df zu dem Menschen ist eigenth\u00fcmlicher Art. Er wei\u00df, da\u00df er Sklave ist, und versucht, die Kette der Sklaverei zu brechen. Es ist etwas vom w\u00f6lfischen Wesen in ihm, in leiblicher Hinsicht sowohl, wie in geistiger. Dem arktischen Wolf gleicht er so sehr durch seine dichte Behaarung, die aufrechtstehenden Ohren, die Breite des Oberkopfes und die spitzige Gestalt der Schnauze, da\u00df beide, aus einiger Entfernung gesehen, gar nicht unterschieden werden k\u00f6nnen. W\u00e4hrend Parry's zweiter Polarreise wagte einst eine Jagdgesellschaft nicht, auf einen Trupp von zw\u00f6lf W\u00f6lfen zu feuern, welche einige Eskimos bedrohten, weil sie, \u00fcber die Art der Thiere im Ungewissen, f\u00fcrchteten, einige von den Hunden zu tobten, die den einzigen Reichthum jener gutm\u00fcthigen Menschen ausmachen. Der Eskimohund raubt und stiehlt, wie nur Einer, aber auf der andern Seite ist er auch wieder so h\u00fcndisch dem\u00fcthig, wie nur ein von Furcht gepeinigter Sklave es sein kann. Vor den Schlitten wsrd immer blos ein ziemlich starker Trupp gespannt, welcher unter Leitung eines \u00e4ltern und erfahrenen Hundes seinen Weg verfolgt; von einer Lenkung des Schlittens nach unsern Begriffen seitens des Menschen kann keine Rede sein. Jeder einzelne Hund ist an einen Lederriemen gespannt, welcher vermittelst eines h\u00f6chst einfachen Kummts an ihm befestigt ist. Eine Weile geht Alles gut. Pl\u00f6tzlich aber gerathen zwei von dem Gespann aus irgend welcher Ursache in Feindschaft. Aus dem Knurren entsteht bald eine Bei\u00dferei, das ganze Gespann verwirrt sich in einen undurchdringlichen Kn\u00e4uel, Alles knurrt, bellt, bei\u00dft, w\u00fcthet durch einander, und nicht einmal die mit Macht geschwungene Peitsche des Schlittenf\u00fchrers bringt Ordnung in den Haufen. Endlich hat sich der Hundeballen so arg verwirrt, da\u00df an keine freie Bewegung mehr zu denken ist, und nun hat der Eskimo seine liebe Noth, die Thiere wieder zu entwirren und von neuem einzuspannen. Dann geht die Fuhre weiter, und die Peitsche wird etwas \u00f6fter gebraucht.\nOhne dieses Hausthier w\u00fcrden die Eskimos gar nicht bestehen k\u00f6nnen. Die Hunde leisten ihnen alle nur m\u00f6glichen Dienste. Mit einer B\u00fcrde von 30 Pfund beladen, begleiten sie ihre Herren, wenn sie zu ihren langdauernden Jagden ausziehen. Ihrer sechs bis acht ziehen einen Schlitten, welcher mit f\u00fcnf bis sechs Personen oder einem Gewicht von 600 bis 800 Pfund besetzt ist, acht bis zehn Meilen weit in einem Tage. Nach langer Ruhe und guter F\u00fctterung vor einen Schlitten gespannt, sind sie kaum zu z\u00fcgeln und durchlaufen auf ebener Bahn mehr als zwei geographische Meilen in einer Stunde. Sp\u00fcren sie ein Renthier unterwegs, so laufen sie wie rasend in der Richtung desselben und ruhen nicht eher, als bis sie den J\u00e4ger schn\u00dfgerecht an das Wild gebracht haben. Au\u00dferdem helfen sie bei der Seehund-, B\u00e4ren- und Otterjagd, halten Wache, vertheidigen ihren Herrn in Gefahr und leisten noch hundert andere Dienste. Und gleichwohl f\u00fchlen die Eskimos nicht die geringste Liebe zu ihnen, sondern betrachten sie h\u00f6chstens als belebte Maschinen, welche einzig und allein zu dem Zwecke geschaffen worden sind, ihnen Dienste zu leisten. Aus diesem Grunde sind sie auch die unnachsichtigsten und grausamsten Herren, welche die armen Thiere geradezu regelrecht qu\u00e4len, sie Hunger und Durst leiden","page":395},{"file":"p0396.txt","language":"de","ocr_de":"396\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Haushunde.\nlassen, peitschen, mit Fu\u00dfst\u00f6\u00dfen behandeln und ihrer Geduld Dinge zumuthen, welche selbst einem Engel zu toll sein d\u00fcrften. Da\u00df die Hunde nun nicht gro\u00dfe Zuneigung zu ihrem Herrn besitzen, versteht sich ganz von selbst.\nMerkw\u00fcrdig ist die starke H\u00e4rung, welche sich Lei diesen echt nordischen Thieren zeigt. W\u00e4hrend des Winters ist ihr Pelz dick und wollig, und bei der Fr\u00fchjahrh\u00e4rung h\u00e4ngt die Wolle in gro\u00dfen dicken Flocken um sie herum, bis der glatte, sch\u00f6ne Sommerpelz durchgebrochen ist. \u2014\nUnter ganz \u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnissen leben die Hunde der Hasenindianer, und auch an der n\u00f6rdlichen K\u00fcste Asiens kennt man kein anderes Zugthier als den Hund. \u201eUnter den zahmen Thieren auf Kamtschatka,\" sagt Steller, \u201egeb\u00fchrt den Hunden wegen Alterthums und Nutzens das Vorrecht, und machen sie allein die ganze Klasse der kamtschadalischen zahmen Thiere aus. Die Kamtschadalen behaupten, da\u00df sich ihr Adam, Kuttka, vormals der Hunde nicht bedient, sondern den Schlitten selber gezogen habe. Damals h\u00e4tten die Hunde wie Menschen geredet. Es sei aber einstmals geschehen, da\u00df Kuttka's Nachkommen in einem Kahne den Flu\u00df abw\u00e4rts getrieben. Als sie nun am Ufer einige zottige Hunde erblicket und diese ihnen zugerufen: \u201eWas seid ihr f\u00fcr Leute?\" so h\u00e4tten sie nicht geantwortet, sondern w\u00e4ren hurtig vorbeigeschwommen. Dar\u00fcber h\u00e4tten sich die Hunde dergestalt erz\u00fcrnet, da\u00df sie beschlossen, ins k\u00fcnftige kein verst\u00e4ndiges Wort mehr mit irgend einem Menschen zu sprechen, welches sie auch bis zu dieser Stunde gehalten. Doch w\u00e4ren sie noch so neugierig, da\u00df sie alle Fremden anbellten und befragen wollten, wer sie seien und woher sie k\u00e4men.\"\n\u201eOhne diese Hunde kann Niemand, so wenig, als an anderen Orten ohne Pferd und Rindvieh leben. Die kamtschatkischen Hunde sind verschiedenfarbig, haupts\u00e4chlich aber dreierlei: wei\u00df, schwarz und wolfsgrau, dabei sehr dick- und langhaarig. Sie ern\u00e4hren sich von alten Fischen. Vom Fr\u00fchjahr bis in den sp\u00e4ten Herbst bek\u00fcmmert man sich nicht im geringsten um sie, sondern sie gehen allenthalben frei herum, lauern den ganzen Tag an den Fl\u00fcssen auf Fische, die sie sehr behend und artig zu fangen wissen. Wenn sie Fische genug haben, so fressen sie, wie die B\u00e4ren, nur allein den Kopf davon, das Andere lassen sie liegen. Im Oktober sammelt Jeder seine Hunde und bindet sie an den Pfeilern der Wohnung an. Dann l\u00e4\u00dft man sie weidlich hungern, damit sie sich von dem Fett entledigen, zum Laufen fertig und nicht engbr\u00fcstig werden m\u00f6gen, und alsdann gehet mit dem ersten Schnee ihre Noth an, so da\u00df man sie Tag und Nacht mit gr\u00e4\u00dflichem Geheul und Wehklagen ihr Elend bejammern h\u00f6rt. Ihre Kost im Winter ist zweifach, die zur eine Erg\u00f6tzung und Erst\u00e4rkung, n\u00e4mlich stinkende Fische, die man in Gruben verwahrt und vers\u00e4uren l\u00e4\u00dft, weil auf Kamtschatka Nichts stinkend wird (denn wenn auch die Jt\u00e4lmen und Kosacken solche Fische mit gro\u00dfem Appetit verzehren, die wie Aas stinken, bei welchen ein Europ\u00e4er in Ohnmacht fallen oder die Pest besorgen m\u00f6chte, sprechen sie, es sei gut sauer, und pflegen daher zu sagen, da\u00df in Kamtschatka Nichts stinke). Diese sauern Fische werden in einem h\u00f6lzernen Trog mit gl\u00fchenden Steinen gekocht und dienen ebensowohl zur Speise der Menschen, als zum Hundefutter. Die Hunde werden mit diesen Fischen allein zu Hause, wenn sie ausruhen, oder auf der Reise des Abends, wenn sie die Nacht \u00fcber schlafen, gef\u00fcttert; denn wenn man sie des Morgens damit f\u00fcttert, werden sie von diesen Leckerbissen so weichlich, da\u00df sie auf dem Wege erm\u00fcden und nur Schritt f\u00fcr Schritt gehen k\u00f6nnen. Das andere. Futter besteht in trockner Speise, von verschimmelten und an der Luft getrockneten Fischen. Damit f\u00fcttert man sie des Morgens, um unterwegs ihnen einen Muth zu machen. Weil nun das Meiste daran Gr\u00e4ten und Z\u00e4hne, die Hunde aber mit der gr\u00f6\u00dften Begierde dar\u00fcber herfallen, verrichten sie mehrentheils die Mahlzeit mit einem blutigen Maule. Uebrigens suchen sie sich selber Speise auf und stehlen grausam, fressen Riemen und ihrer Herrn eigne Reisekost, wo sie dazukommen k\u00f6nnen; steigen wie Menschen auf den Leitern in die Bala-gans oder Wohnungen und pl\u00fcndern Alles, ja, was das L\u00e4cherlichste ist, Niemand ist im Stande, seine Nothdurft zu verrichten, ohne immer mit einem Pr\u00fcgel um sich zu schlagen. Sobald man die Stelle verl\u00e4\u00dft, sucht einer den andern unter vielem Bei\u00dfen um das Depositum zu \u00fcbervortheilen. Dem-ungeachtet fri\u00dft kein kamtschatkischer Hund Brod, wo er auch noch so hungrig. Der Koth von den Hunden ist wegen der vielen, unter best\u00e4ndigem Ziehen ausgepre\u00dften Galle gelb und auch an Be-","page":396},{"file":"p0396s0001table9.txt","language":"de","ocr_de":"fl\nHunde (Eskimos).\n","page":0},{"file":"p0397.txt","language":"de","ocr_de":"Stellers Schilderung des Eskimohundes.\n397\nschaffenheit von dem menschlichen nicht zu unterscheiden, stinkt dabei aber so heftig, da\u00df man sich kaum davor auf dem Schlitten erhalten kann. Von dem heftigen Ziehen und Anstrengen wird das Gebl\u00fct, sowohl in den inwendigen als \u00e4u\u00dferlichen Theilen, mit solcher Gewalt gepre\u00dft, da\u00df auch die Haut zwischen den Zehen der F\u00fc\u00dfe r\u00f6thlich wie Blut wird, und man kann daran einen guten Hund erkennen, da\u00df sein After so hochroth, wie das sch\u00f6nste Scharlach, ist. Dabei sind die kamtschatkischen Hunde sehr leutescheu, unfreundlich, fallen keinen Menschen an und bek\u00fcmmern sich nicht im Geringsten um des Herrn G\u00fcter, gehen auch auf kein Thier oder Wild, aber stehlen, was sie bekommen, sind sehr furchtsam und schwerm\u00fcthig und sehen sich best\u00e4ndig aus Mi\u00dftrauen um, sie m\u00f6gen thun, was sie wollen. Sie haben nicht die geringste Liebe und Treue f\u00fcr ihren Herrn, sondern suchen denselben allezeit um den Hals zu bringen; mit Betrug mu\u00df man sie an die Schlitten spannen. Kommen sie an einen schlimmen Ort, an einen steilen Berg oder Flu\u00df, so ziehen sie aus allen Kr\u00e4ften, und ist der Herr gen\u00f6thigt, um nicht Schaden zu nehmen, den Schlitten aus den H\u00e4nden zu lassen, so darf er sich nicht einbilden, solchen eher wieder zu erhalten, bis sie an einen Ruheplatz kommen, es sei denn, da\u00df der Schlitten zwischen den B\u00e4umen stecken bleibt, wo sie jedoch keine M\u00fche sparen, Alles in St\u00fccke zu zerbrechen und zu entlausen. Woraus man siehet, wie sehr die Lebensart unvern\u00fcnftige Thiere ver\u00e4ndert und welchen gro\u00dfen Einflu\u00df sie auf die Hundeseele hat.\"\n\u201eMan kann sich nicht genug \u00fcber die St\u00e4rke der Hunde verwundern. Gew\u00f6hnlich spannt man nur vier Hunde an einen Schlitten; diese ziehen drei erwachsene Menschen mit iy2 Pud Ladung behend fort. Auf vier Hunde ist die gew\u00f6hnliche Ladung f\u00fcnf bis sechs Pud. Leicht beladen kann ein Mensch in einem Tage in schlimmen Wegen und tiefem Schnee 30 bis 40 Werste zur\u00fccklegen, bei gutem Wege 80 bis 100 Werste, und hat man sich sowohl an dem pentschinischen See, als Werchnoi Ostrog und an den Fl\u00fcssen Kamtschatkas landeinw\u00e4rts nimmermehr Hoffnung zu machen, da\u00df man bei dem gr\u00f6\u00dften Ueberflu\u00df von Pferden sich derselben auf Winterreifen werde bedienen k\u00f6nnen, obwohl im Sommer sich sowohl geschwinder als bequemer damit w\u00fcrde reisen lassen. Im Winter sind die Pferde nicht zu gebrauchen wegen des allzutiesen Schnees, \u00fcber welchen die Hunde hinlaufen, ein Pferd aber bis an den Leib einf\u00e4llt, wie auch wegen der vielen steilen Gebirge und engen Th\u00e4ler, unwegsamen, dicken und grausen W\u00e4lder und vieler Str\u00f6me und Quellen, so entweder gar nicht zufrieren oder doch wenigstens nicht so hart, als da\u00df es ein Pferd ertragen k\u00f6nne. Wegen der erschrecklichen und \u00f6stern Sturmwinde hat man auch niemals oder selten auf einen gebahnten Weg zu hoffen. Allein auf dem Flu\u00df Kamtschatka, so fest gefrieret, bleibet gro\u00dfe Hoffnung \u00fcbrig, da\u00df daselbst die Pferde im Winter sehr n\u00fctzlich k\u00f6nnen verwendet werden.\"\n\u201eDieser Ursachen wegen werden die Hunde allezeit n\u00f6thige und n\u00fctzliche Thiere bleiben und ihnen niemals bei aller Kultivirung die Last, zu ziehen, abgenommen werden. Man findet ebenso gro\u00dfe Liebhaber von Hunden, als anderswo von Pferden, und kann leicht Jemand an einen kamtschada-lischen Schlitten f\u00fcr Hund und Hundegeschirr 60 bis 80 Rubel anwenden.\"\n\u201eUngeachtet nun die Reise mit Hunden sehr beschwerlich und gef\u00e4hrlich und man fast mehr entkr\u00e4ftet wird, als wenn man zu Fu\u00dfe ging, und man bei den Hundef\u00fchren und Fahren so m\u00fcde, als ein Hund selber wird, so hat man doch dabei diesen Vortheil, da\u00df man \u00fcber die unwegsamsten Stellen damit von einem Ort zum andern kommen kann, wohin man weder mit Pferden noch, Wegendes tiefen Schnees, sonst zu Fu\u00dfe kommen k\u00f6nnte. Sie sind au\u00dfer dem Ziehen gute Wegweiser und wissen sich auch in den gr\u00f6\u00dften St\u00fcrmen, wo man kein Auge aufmachen kann, zurecht und nach den Wohnungen zu finden. Sind die St\u00fcrme so hart, da\u00df man liegen bleiben mu\u00df, was sehr oft geschieht, so erw\u00e4rmen und erhalten sie ihren Herrn, liegen neben demselben ein bis zwei Stunden ruhig und still, und hat man sich unter dem Schnee um Nichts zu bek\u00fcmmern, als da\u00df man nicht allzutief vergraben und ersticket werde. Ost kommet es vor, da\u00df ein Sturm einige Tage, ja eine ganze Woche fortw\u00e4hret. Die Hunde liegen w\u00e4hrend dieser Zeit best\u00e4ndig still, wenn sie aber die \u00e4u\u00dferste Hungersnoth treibt, so fressen sie Kleider und alle Riemen vom Schlitten ab, und man kann sich nicht genug \u00fcber ihre starke Natur verwundern, worin sie die Pferde bei weitem \u00fcbertreffen. So hat man auch vor den St\u00fcrmen","page":397},{"file":"p0398.txt","language":"de","ocr_de":"398\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Haushund.\nallezeit die sicherste Nachricht von dem herannahenden oder kommenden Ungewitter durch die Hunde: denn wenn sie im Schnee graben und sich dabei legen, mag man sich sicherlich einen Ort aufsuchen, wo man sich vor dem Sturm verbergen kann, wofern man zuweit von Wohnungen entfernt.\"\n\u201eDie kamtschatkischen Schlitten sind nach Kr\u00e4ften der Hunde und nach der gebirgigen Gegend dergestalt ausgedacht, da\u00df solche der geschickteste Mechanikus nicht besser h\u00e4tte erfinden k\u00f6nnen. Sie scheinen ihren Grund aus der Anatomie und Bildung des menschlichen K\u00f6rpers zu haben. Oben ist ein l\u00e4nglichhohler Korb, der aus lauter gebogenen H\u00f6lzern und zwei d\u00fcnnen, langen St\u00f6cken besteht, daran dieselben mit Riemen festgebunden sind. Dieses Gegitter nun ist \u00fcberall und auf allen Seilen mit Riemen umwunden und biegt sich Alles daran, ohne zu zerbrechen; bricht auch ein H\u00f6lzchen, so lassen doch die Riemen den Korb nicht auseinandersallen. In diesen Korb packt man f\u00fcnf Pud schwer, und wenn ein Mensch darauf sitzt, kann man noch zwei Pud sehr bequem mit sich f\u00fchren. Dieser Korb ist auf zwei krummgebogene H\u00f6lzer aufgebunden, welche wiederum auf den Schlittenl\u00e4ufern festgemacht sind. Letztere sind nicht \u00fcber y3 Zoll dick, der ganze Schlitten aber wiegt nicht \u00fcber 16 Pfund. Obgleich nun daran Alles so d\u00fcnn und biegsam ist, so widerstehen die Schlitten doch solcher Gewalt, da\u00df man sich nicht genug dar\u00fcber wundern kann. Man f\u00e4hret damit \u00f6fters dergestalt an B\u00e4umen an, da\u00df sich der Schlitten fast doppelt zusammenbiegt und doch keinen Schaden leidet. Man f\u00e4hret damit \u00fcber die h\u00f6chsten Gebirge und steilsten Klippen und beh\u00e4lt allezsjt soviel Kr\u00e4fte, da\u00df man den Schlitten erhalten oder vor allem Sturz und Fall bewahren kann. Man sitzet darauf mehrentheils auf einer Seite, um zugleich bei einer gef\u00e4hrlichen Stelle von demselben herabspringen zu k\u00f6nnen. Zuweilen setzet man sich auf mehreren Orten darauf, wie auf ein Pferd. Die Hunde laufen ihren Weg, will man zur Linken, so schl\u00e4gt man mit dem Stock zur rechten Seite an die Erde oder an den Schlitten, will man zur Rechten, schl\u00e4gt man an die linke Seite des Schlittens; will man still halten, steckt man den Stock vor den Schlitten in den Schnee; f\u00e4hrt man einen steilen Berg hinab, so steckt man den Stock in Schnee zwischen das Vorderbogenholz und hemmt dadurch ein. Ungeachtet man nun f\u00e4hrt, so wird man doch ebenso m\u00fcde, als wenn man zu Fu\u00df ginge, weil man die Hunde best\u00e4ndig zur\u00fcckhalten, bei schlimmen Wegen vom Schlitten abspringen, daneben herlaufen und den Schlitten halten mu\u00df; f\u00e4hrt man einen Berg hinauf, so mu\u00df man ohnedies zu Fu\u00dfe gehen. Au\u00dfer den Sturmwinden werden die Hundereisen gef\u00e4hrlich und beschwerlich wegen der vielen Fl\u00fcsse, die selten in dem h\u00e4rtesten Winter zufrieren, oder bei gelinder Witterung aller Orten gleich wieder auf-thauen, und hat man folglich immer zu bef\u00fcrchten, hineinzufallen und zu ertrinken, welches auch alle Jahre geschieht. Noch eine Beschwerde verursachen die dichten W\u00e4lder, durch welche man fahren mu\u00df. Selten trifft man einen geraden Baum an, sondern f\u00e4hrt zwischen den Aesten und Zweigen immer hin, dabei man immer in Sorge steht, Arme und Beine zu zerbrechen oder die Augen aus dem Kopfe zu verlieren. Ueberdies haben die Hunde die schelmische Eigenschaft, da\u00df sie aus allen Kr\u00e4ften ziehen und laufen, wenn sie an einen solchen Wald, Flu\u00df oder steilen Abhang kommen, weil sie wissen, da\u00df sie ihren Herrn herabwerfen, den Schlitten zerbrechen und auf diese Art von der Last, zu ziehen, befreit werden k\u00f6nnen.\"\n\u201eDer andre Hauptnutzen der Hunde, weshalb sie auch so h\u00e4ufig gehalten und gezogen werden, ist, da\u00df man sowohl den abgelebten Schlittenhunden, als den zur Fahrt untauglichen, die H\u00e4ute abnimmt und zweierlei Kleider daraus machet, welche in dem ganzen Lande von gro\u00dfem Nutzen und gro\u00dfem Werth sind. Diese Kleider haben vor dem \u00fcbrigen Pelzwerk folgende Vorz\u00fcge: erstens sind sie die pr\u00e4chtigsten Staats- und Feiertagskleider von uralten Zeiten her, und pfleget sich Einer gegen den Andern, seine Ehre zu retten, also vernehmen zu lassen, wo es zu Rangstreitigkeiten und R\u00fchmen kommt: \u201eWo warst Du Kerl, da ich und meine Vorfahren schon Hundskuklanken trugen? Was hattest Du dazumal f\u00fcr Kleider an?\" Bis zur Stunde kann man allezeit einen Hundskuklanken f\u00fcr Bitten aus Fuchs oder Biber gemachten vertauschen. Zweitens sind die Hundefelle sehr warm, drittens sehr dauerhaft, da sie in den gr\u00f6\u00dften Strapazen wenigstens vier Jahre aushalten, w\u00e4hrend ein Renthier- oder Musflonfell einen Winter dient und dann kahl wird; viertens brauchen diese Kleider","page":398},{"file":"p0399.txt","language":"de","ocr_de":"Stellers und Wrangels Schilderungen des Eskimohundes.\t399\nnicht so sehr, wie andere, in Acht genommen zu werden, sie lassen die Haare nicht fahren und sind allezeit trocken.\"\n\u201eJe l\u00e4ngere Haare die Hunde haben, je h\u00f6her werden sie gesch\u00e4tzt. Diejenigen Hunde aber, so hohe F\u00fc\u00dfe, lange Ohren, spitzige Nasen, ein breites Kreuz, unten breite F\u00fc\u00dfe und nach den Ohren zu dicke K\u00f6pfe haben, stark fressen und munter sind, werden von Jugend auf zu Schlittenhunden auserlesen und auf folgende Art belehrt und abgerichtet. Sobald sie sehen, werden sie sammt der Mutter in eine tiefe Grube gelegt, da\u00df sie weder Menschen noch Thiere zu sehen bekommen, und ern\u00e4hren selbe dadrinnen. Wenn sie von der H\u00fcndin abgew\u00f6hnt sind, legen die Kamtschadalen solche abermals in eine Grube, bis sie erwachsen. Nach einem halllen Jahre spannen sie dieselben mit andern gelernten an den Schlitten und fahren mit ihnen einen kurzen Weg. Weil die jungen Thiere nun Hund - und leutescheu sind, so lausen sie aus allen Kr\u00e4ften. Sobald sie wieder nach Hause kommen, m\u00fcssen sie wieder in die Grube, solange und soviel, bis sie von nichts Anderm wissen, des Ziehens gewohnt werden und eine weite Reise verrichtet haben. Alsdann werden sie unter den Wohnungen neben andere gebunden und erhalten als Ausstudirte im Sommer ihre Freiheit. Aus dieser Erziehung sind hernach ihre mores herzuleiten.\"\n\u201eDer gr\u00f6\u00dfte Verdru\u00df bei der Hundefahrt ist der, da\u00df sie, sobald sie angespannt werden, den Kops gegen den Himmel erheben und erschrecklich zu heulen und zu wehklagen anfangen, nicht anders, als wenn sie den Himmel wegen ihrer harten Umst\u00e4nde anrufen wollten. Sobald sie aber in das Laufen kommen, schweigen sie auf einmal Alle still. Darauf geht der andere Verdru\u00df an, da\u00df Einer um den Andern zur\u00fcckspringet, seine Nothdurft verrichtet, und w\u00e4hrend sie diese Zeit ausruhen, so brauchen sie hierin die List, da\u00df allezeit einer nach dem andern seine Nothdurft verrichtet, auch wohl manchmal nur halb, und geben sie \u00f6fters umsonst dieses Gesch\u00e4ft vor. Kommen sie an Ort und Stelle, so liegen sie erm\u00fcdet da, als wenn sie todt w\u00e4ren.\"\n\u201eDiejenigen Hunde aber, welche die Kamtschadalen zur Hasen-, Zobel-, Fuchs- und Mufflonsjagd abrichten, f\u00fcttern sie \u00f6fters mit Kr\u00e4hen, die man in Ueberflu\u00df hat, wovon sie den Geruch bekommen und nach diesen, wie nach allem Wild und V\u00f6geln laufen. Mit solchen Hunden treiben die Kamtschadalen im Juli Enten, G\u00e4nse und Schw\u00e4ne, wenn sie in die Felder fallen, und auch in den gro\u00dfen Jnseeen in ziemlicher Menge zusammen.\"\nIm \u00fcbrigen Sibirien werden die Hunde etwas besser behandelt. \u201eDer sibirische Hund,\" sagt Wrangel, \u201ehat auffallende Aehnlichkeit mit einem Wolf, sein Gebell gleicht ganz dem Geheul desselben. Im Sommer bringt er die gr\u00f6\u00dfte Zeit im Wasser zu, um gegen Stechfliegen in Sicherheit zu sein; im Winter hat er sein Lager tief im Schnee. Das vollst\u00e4ndige Gespann eines Schlittens besteht aus zw\u00f6lf K\u00f6pfen. Ein besonders gut abgerichteter Hund befindet sich an der Spitze und leitet die \u00fcbrigen. Hat dieses Thier nur ein einziges Mal einen Weg zur\u00fcckgelegt, so erkennt es nicht nur aufs genaueste die zu nehmende Richtung, sondern auch die Orte, wo man zu verweilen pflegt, selbst wenn die H\u00fctten tief unter dem Schnee verborgen sind. Er h\u00e4lt pl\u00f6tzlich auf der gleichf\u00f6rmigen Oberfl\u00e4che still, wedelt mit dem Schw\u00e4nze und scheint dadurch seinen Herrn einzuladen, die Schaufel zu ergreifen, um den engen Gang in die H\u00fctte zu finden, welche einen Rastort gew\u00e4hren soll. Im Sommer mu\u00df derselbe Hund Boote stromaufw\u00e4rts ziehen; hindert ihn ein Felsen, weiter vorw\u00e4rts zu gehen, so st\u00fcrzt er sich ins Wasser und setzt seinen Weg am andern Ufer fort. Daf\u00fcr werden ihm t\u00e4glich zehn halbverfaulte H\u00e4ringe als Futter gereicht!\"\n\u201eDer Hund ist den Sibiriern unentbehrlich. Als im Jahre 1821 eine Seuche unter den Thieren w\u00fcthete und eine jukagirische Familie Alles verlor, mit Ausnahme von zwei ganz kleinen Hunden, welche noch nicht sehen konnten, da theilte die Hausfrau ihre eigne Milch zwischen diesen beiden H\u00fcndchen und ihrem Kinde und hatte die Freude, da\u00df diese beiden Hunde die Stammeltern einer sehr starken Rasse wurden. Im Jahre 1822 waren die Einwohner am Kolymaflusse, nachdem sie ihre meisten Hunde durch die Seuche eingeb\u00fc\u00dft hatten, in die. traurigste Lage versetzt. Sie mu\u00dften ihr Brennholz selbst herbeischleppen; dabei fehlte ihnen sowohl Zeit als Kr\u00e4fte, die an verschiedenen, weit","page":399},{"file":"p0400.txt","language":"de","ocr_de":"400\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Wolf.\nentfernten Orten gefangenen Fische nach Hause zu bringen. Endlich waren sie gezwungen, w\u00e4hrend aller dieser Arbeiten, welche \u00e4u\u00dferst langsam vonstattengingem, die Jagd der V\u00f6gel und Pelzthiere fast ganz zu verabs\u00e4umen. Eine furchtbare Hungersnoth, welche viele Menschen hinraffte, war die Folge des Mangels an Hunden, welche hier nie ersetzt werden k\u00f6nnen, weil es bei dem rauhen Klima und kurzen Sommer ganz unm\u00f6glich ist, das n\u00f6thige Futter f\u00fcr die Pferde anzuschaffen, und endlich, weil der Hund ganz fl\u00fcchtig \u00fcber den Schnee hinwegl\u00e4uft, wo das schwere Pferd best\u00e4ndig ver-\u25a0 sinken w\u00fcrde.\"\nVon diesen Thieren kann man in Wahrheit das Wort Zoroasters anwenden: \u201eDurch den Verstand des Hundes besteht die Welt.\"\nDer Hund hat uns bewiesen, was die Erziehung eines Thieres \u00fcber dasselbe vermag: der Wolf, unsers treuen Hausfreundes n\u00e4chster Verwandter, macht uns mit dem Hunde im Urzust\u00e4nde bekannt. Zwischen jenem erzogenen und diesem wilden Hunde ist der Unterschied so gro\u00df, da\u00df wir den Einen in dem Andern nicht wiedererkennen, und so ist es erkl\u00e4rlich, wenn wir den Wolf regelm\u00e4\u00dfig im h\u00f6chsten Grade einseitig auffassen und beurtheilen. Der Haushund schwebt uns vor, wenn wir uns mit dem Wolfe besch\u00e4ftigen; wir denken an Bildung und Gesittung, wo wir es mit Wildheit zu thun haben: es wird also, ganz abgesehen von der mit ins Spiel kommenden Selbstsucht, unser Urtheil ein falsches.\nWenige Thiere sind, mindestens dem Namen nach, so allgemein bekannt geworden, als der Wolf. Von ihm berichtet die \u00e4lteste Geschichte und das \u00e4lteste M\u00e4rchen, er spielt seine Rolle in den fr\u00fchsten V\u00f6lkersagen und in heutigen Ammengeschichten, er ist den wilden V\u00f6lkern nicht weniger verha\u00dft, als den gesitteten. Wo er auch erscheint, tritt er als Feind des Menschen auf, und dieser hat seine Feinde wenn auch nicht richtiger beurtheilt, so doch oft sch\u00e4rfer beobachtet, als die meisten seiner Freunde unter den Thieren.\nDer Wolf (Canis Lupus oder Lupus vulgaris) hat etwa die Gestalt eines gro\u00dfen, hochbeinigen, d\u00fcrren Hundes, welcher den Schwanz h\u00e4ngen l\u00e4\u00dft, anstatt ihn aufgerollt zu tragen. Bei sch\u00e4rferer Vergleichung zeigen sich die Unterschiede namentlich im Folgenden: Der Leib ist hager, der Bauch eingezogen, die L\u00e4ufe sind klapperd\u00fcrr und schmalpfotig. Die langhaarige Lunte h\u00e4ngt bis auf die Fersen herab, die Schnauze ist im Verh\u00e4ltni\u00df zu dem dicken Kopf gestreckt und spitzig, die breite Stirn f\u00e4llt schief ab, die Seher stehen schief, die Lauscher immer anstecht. Der Pelz ist nach dem Klima der L\u00e4nder, welche der Wolf bewohnt, verschieden, ebensowohl hinsichtlich seines Haarwuchses, als seiner F\u00e4rbung. In den n\u00f6rdlichen L\u00e4ndern ist die Behaarung lang, rauh und dicht, am l\u00e4ngsten am Unterleib und an den Schenkeln, buschig am Schw\u00e4nze, dicht und austechtstehend am Halse und an den Seiten; in s\u00fcdlichen Gegenden ist der Pelz k\u00fcrzer und rauher. Die F\u00e4rbung ist gew\u00f6hnlich fahlgraugelb mit schw\u00e4rzlicher Mischung, welche an der Unterseite lichter, oft wei\u00dflichgrau erscheint. Im Sommer spielt die Gesammtf\u00e4rbung mehr in das R\u00f6thliche, im Winter mehr in das Gelbliche, in n\u00f6rdlichen L\u00e4ndern mehr in das Wei\u00dfe, in s\u00fcdlichen mehr in das Schw\u00e4rzliche. Die Stirne ist wei\u00dflichgrau, die Schnauze gelblichgrau, immer aber mit Schwarz gemischt. Die Lippen sind wei\u00dflich, die Wangen gelblich und zuweilen undeutlich schwarz gestreift. Ein ausgewachsener Wolf erreicht gew\u00f6hnlich f\u00fcnf Fu\u00df Leibesl\u00e4nge, wovon l4/a Fu\u00df auf den Schwanz kommen. Die H\u00f6he am Widerrist betr\u00e4gt etwa 2% Fu\u00df. Das Weibchen unterscheidet sich von dem M\u00e4nnchen durch einen etwas schw\u00e4chern K\u00f6rperbau, eine spitzere Schnauze und einen d\u00fcnnern Schwanz.\nSehr fraglich ist es \u00fcbrigens, ob man alle W\u00f6lfe Europas als verschiedene Auspr\u00e4gungen ein und derselben Art oder als wirklich verschiedene Arten anzusehen hat. Auch beim Wolf werden feststehende Unterscheidungsmerkmale der nordischen und s\u00fcdlichen Thiere bemerklich, welche mindestens","page":400},{"file":"p0401.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung. Verbreitung.\t40 -j\nebenso gewichtig sind, als gewisse Unterschiede, von denen aus man auf Artverschiedenheit anderer Hunde schlie\u00dfen zu d\u00fcrfen glaubt.\nNoch heutigen Tages ist der Wolf weit verbreitet, so sehr auch sein Gebiet gegen fr\u00fchere Zeiten beschr\u00e4nkt worden ist. Er findet sich gegenw\u00e4rtig noch in ganz Europa, obgleich er sich in den bev\u00f6lkertsten L\u00e4ndern dieses Erdtheils nur in den Hochgebirgen aufh\u00e4lt. In Spanien ist er in allen Gebirgen und selbst in den gr\u00f6\u00dferen Ebenen eine st\u00e4ndige Erscheinung; in Griechenland, Italien und Frankreich findet er sich h\u00e4ufig genug; in der Schweiz ist er seltener geworden, im mittlern und n\u00f6rdlichen Deutschland g\u00e4nzlich ausgerottet, im Osten aber mitunter sehr gemein. Polen, Ru\u00dfland, Schweden, Norwegen und Lappland sind diejenigen L\u00e4nder, in welchen er jetzt noch in namhafter Menge auftritt. Au\u00dferdem findet er sich im ganzen n\u00f6rdlichen und mittlern Asien, und ein ihm sehr\nDer Wolf (Canis Lupus),\nnaher Verwandter auch in Nordamerika, von Mejiko und Florida bis an die K\u00fcste des Eismeers. Nach Angabe einzelner Reisenden soll er in Nordwestafrika vorkommen. In Asien geht er bis Nepal. Auf Island und auf den Inseln des Mittelmeers hat man ihn nie gefunden, und in Gro\u00dfbritannien ist er schon vor Jahrhunderten g\u00e4nzlich ausgerottet worden.\nDie Alten kannten den Wolf sehr genau. Alle Naturforscher der R\u00f6mer und Griechen gedenken seiner: schon ihnen erscheint er als ein gespensterhaftes Ungeheuer, wie sp\u00e4ter unter dem Namen Wehrwolf uns Deutschen. Im vorigen Jahrhundert wurden selbst in Deutschland sehr viel W\u00f6lfe get\u00f6dtet, und auch in diesem Jahrhundert sind nach amtlichen Angaben immerhin noch Tausende erlegt worden. Innerhalb der Grenzen Preu\u00dfens wurden im Jahre 1819 noch 1080 St\u00fcck geschossen. In Pommern allein wurden erlegt im Jahre 1800 hundertachtzehn St\u00fcck, 1801 hundertneun St\u00fcck, 1802 hundertzwei, 1803 sechsundachtzig, 1804 hnndertzw\u00f6lf, 1805 f\u00fcnfund achtzig, 1806 sechsund-\nBrehm, Thierleben.\t26","page":401},{"file":"p0402.txt","language":"de","ocr_de":"Die Raubthiere. Hunde. \u2014 Wolf.\n402\n\\ 807 zw\u00f6lf, 1808 siebenunddrei\u00dfig, 1809 dreiundvierzig. Sie wurden dann seltener, folgten .jedoch im Jahre 1812 den sich aus Ru\u00dfland zur\u00fcckziehenden Franzosen und kamen nun wieder in sehr gro\u00dfer Menge vor. So wurden im K\u00f6sliner Regierungsbezirk im Jahre 1816 bis 1817 hundert-dreimldfunfzig St\u00fcck gelobtet. Jetzt sind sie sehr selten geworden. Die Zahl der W\u00f6lfe, welche j\u00e4hrlich in Ru\u00dfland erlegt und von den Beh\u00f6rden ausgel\u00f6st werden, ist nicht genau bekannt, jedenfalls ist es aber eine sehr erhebliche Menge. Dasselbe ist in Schweden und Norwegen der Fall. In diesen drei n\u00f6rdlichen Reichen sind sie die haupts\u00e4chlichsten St\u00f6rer der \u00f6ffentlichen Ruhe und Sicherheit Fnd bringen j\u00e4hrlich ungeheuren Schaden: \u2014 ich will weiter unten dar\u00fcber ausf\u00fchrlicher reden.\nDer Wolf bewohnt einsame, stille Gegenden und Wildnisse, namentlich dichte, d\u00fcstere W\u00e4lder, Br\u00fcche mit morastigen und trockenen Stellen und im S\u00fcden die Steppen. In Mitteleuropa findet er sich nur in den Hochgebirgen, schon in Spanien aber liegt er h\u00e4ufig genug in den Getreidefeldern und oft gar nicht sehr entfernt von bewohnten Geb\u00e4uden. Bei Tage h\u00e4lt er sich in versteckten Pl\u00e4tzen auf und vermeidet es mit Sorgfalt, sich irgendwie bemerklich zu machen. Zur Nachtzeit streift er einzeln oder paarweise nach Nahrung umher. Im Sommer ist er selten zu gro\u00dfen Gesellschaften vereinigt, im Winter aber bildet er Rudel von bedeutender Anzahl. Seine Beweglichkeit bedingt einen bedeutenden Nahrungsverbrauch, und deshalb wird er empfindlich sch\u00e4dlich, getrieben vom Hunger sogar gef\u00e4hrlich. Im Winter f\u00e4llt er alle Thiere und zuweilen auch den Menschen an, und rei\u00dft Alles nieder, was er erreichen kann. Seine Beute erm\u00fcdet er durch eifrige Verfolgung, seltner beschleicht er einzelne Thiere. Zuweilen tobtet er mehr, als er verzehrt; namentlich unter den wehr- \u00a7 losen, in Herden lebenden Thieren richtet er manchmal entsetzliche Verw\u00fcstungen an: der \u201eWolf im Schafstall\" ist ja zum Sprichwort geworden. Unter Schafherden w\u00fcthet er nicht selten in erschrecklicher Weise: es kann vorkommen, da\u00df er in einer Nacht den dritten Theil einer ziemlich zahlreichen Herde niederw\u00fcrgt und tobtet. Seine liebste Nahrung bilden die gr\u00f6\u00dferen Jagd- und Hausthiere, doch verschm\u00e4ht er auch kleine Wirbelthiere, ja selbst niedere Thiere nicht. Er fri\u00dft ebensowohl S\u00e4ugethiere, als Gefl\u00fcgel von jeder Gr\u00f6\u00dfe, \u00fcberhaupt Alles, was er fassen und \u00fcberw\u00e4ltigen kann: Hirsche ebensogut wie M\u00e4use, G\u00e4nse wie kleinere V\u00f6gel, Fr\u00f6sche, Maik\u00e4fer u. s. w. Den Z\u00fcgen der Lemminge folgt er in den nordosteurop\u00e4ischen Tundren, wie Jslawin berichtet, oft j durch Hunderte von Wersten und n\u00e4hrt sich dann einzig und allein von jenen W\u00fchlm\u00e4usen. Das Aas liebt er, wie alle Hunde, leidenschaftlich; es will scheinen, als z\u00f6ge er es dem frischen Fleische vor.\nIm Winter durchstreift er mit anderen seiner Art gemeinschaftlich bedeutende Strecken. So folgt er Gebirgsz\u00fcgen mehr als f\u00fcnfzig Meilen weit und wandert \u00fcber Ebenen von hundert Meilen Durch- t messer. Dabei legt er in einer Nacht bedeutende Strecken zur\u00fcck und \u00e4ndert erst dann seine Wanderung, wenn er einen passenden Versteck f\u00fcr den Tag findet. Bei diesen Raubz\u00fcgen bildet er gew\u00f6hnlich lange Rotten; die einzelnen Thiere laufen dabei nicht blos in einer Reihe hinter einander her, sondern treten, wie die Indianer auf ihren Kriegsz\u00fcgen, auch gew\u00f6hnlich in dieselben Fu\u00dftapfen, und es wird dann schwer, zu erkennen, wie stark eine solche Meute ist. Sobald die Bande eine Beute bemerkt, umringt sie dieselbe und sucht ihr auf der Flucht immer soviel als m\u00f6glich den Weg abzuschneiden, bis sie Einer erreicht und niederrei\u00dft. Dann f\u00e4llt die ganze Gesellschaft unter w\u00fcthendem Knurren und Heulen \u00fcber das verendende Thier her und fri\u00dft es bis auf die Knochen auf. Wenn der Hunger den Wolf peinigt, ist er ein abscheuliches Thier, obgleich er dann gerade eine ihm sonst g\u00e4nzlich mangelnde, r\u00fchmenswerthe Eigenschaft zeigt: Muth n\u00e4mlich. Der hungrige Wolf \u00fcberw\u00e4ltigt Pferde und Rinder, deren Hufen und H\u00f6rnern er im Sommer sorgf\u00e4ltig ausweicht, und greift manchmal, obschon \u00e4u\u00dferst selten, r\u00fccksichtslos auch den bewehrten Menschen an, selbst wenn er sieht,^ da\u00df dieser mehrere seiner Gef\u00e4hrten mit seiner Feuerwaffe niedergestreckt hat. Gew\u00f6hnlich bleibt bei diesen Todten ein Theil des Rudels zur\u00fcck, um sie in der scheu\u00dflichsten Weise zu begraben \u2014 in dem Innern ihres bellenden Magens. Auch kranke W\u00f6lfe werden unter Umst\u00e4nden von ihren Mitbr\u00fcdern aufgefressen.\nIm allergr\u00f6\u00dften Nothfalle, d. h. nur dann, wenn ihm thierische Kost gebricht, nimmt der Wolf seine Zuflucht zu Pstanzennahrung und begn\u00fcgt sich mit Mos und Baumknospen. Im hohen Norden,","page":402},{"file":"p0403.txt","language":"de","ocr_de":"Seine Sch\u00e4dlichkeit.\n403\nt\u00fco ihm auch diese Kost mangelt, verzehrt er oft unverdauliche Stoffe, um seinen Hunger zu stillen, z. B. alte Kleidungsst\u00fccke, Garn, altes Schuhwerk und dergleichen, welche Dinge er sich in der N\u00e4he der Wohnungen aus dem Kehricht hervorsucht. Den Menschen f\u00e4llt er unter allen Umst\u00e4nden nur dann an, wenn ihn der w\u00fcthendste Hunger dazu zwingt. Hat er aber einmal gesehen, wie leicht der Mensch zu \u00fcberw\u00e4ltigen ist, so zieht er sp\u00e4ter sein Fleisch dem aller \u00fcbrigen Thiere vor. Er schleicht sich dann oft in die D\u00f6rfer hinein, selbst bei hellem Tage, um Kinder zu rauben. H\u00e4ufig genug soll vs vorgekommen sein, da\u00df er auch Leichen aus der Erde gegraben und diese gefressen hat.\nAus allen diesen Angaben mag hervorgehen, wie sch\u00e4dlich dieses Raubthier ist oder werden kann. Bei den Nomadenv\u00f6lkern oder allen denen, welche Viehzucht treiben, ist er entschieden der schlimmste ihrer Feinde. Es kommt vor, da\u00df er die Viehzucht wirklich unm\u00f6glich macht. So wurde vin Versuch, das so n\u00fctzliche Ren auch auf den s\u00fcdlichen Gebirgen Norwegens zu z\u00fcchten, oder in Herden zu halten, durch die W\u00f6lfe vereitelt. Man hatte Renthiere aus Lappland gebracht und der Obhut einiger Lappen \u00fcbergeben, welche ihrem Gesch\u00e4fte auch wirklich so gut vorstanden, da\u00df nach wenigen Jahren die Herden von Hunderten auf Tausende gewachsen waren. Mit der Vermehrung der Renthiere nahm aber die Zahl der W\u00f6lfe derart \u00fcberhand, da\u00df man zuletzt gezwungen war, die Renthiere theils zu tobten, theils verwildern zu lassen, um nur die Plage wieder loszuwerden. In der russischen Provinz Liefland wurden in dem Jahre 1823 bei den Beh\u00f6rden als den W\u00f6lfen zur Beute gefallene Thiere angemeldet: 15,182 Schafe, 1807 Rinder, 1841 Pferde, 3270 L\u00e4mmer und Ziegen, 4190 Schweine, 703 Hunde und 1873 G\u00e4nse und H\u00fchner. Im Gro\u00dfherzogthum Posen wurden im Jahre 1820 neunzehn Erwachsene und Kinder zerrissen, und doch hatte die preu\u00dfische Regierung in den vorhergehenden Jahren 4618 Thaler Schu\u00dfgeld f\u00fcr erlegte W\u00f6lfe bezahlt. Dem R\u00fcckzug der Franzosen folgten die vierbeinigen Raubm\u00f6rder durch ganz Deutschland bis an den Rhein und richteten \u00fcberall namhaften Schaden an. In Lappland ist das Wort Friede gleichbedeutend mit \u201eRuhe wor den W\u00f6lfen\". Man kennt blos einen Krieg, und dieser gilt den Raubthieren, welche das lebendige Besitzthum der armen Nomaden des Nordens oft in der empfindlichsten Weise sch\u00e4digen. Auch in Spanien verursachen die W\u00f6lfe bedeutende Verluste. W\u00e4hrend meiner Anwesenheit in diesem sch\u00f6nen Lande, im Winter von 1856 zu 1857, fand man einmal zwei jener w\u00fcthigen Sicherheitsbeamten, welche Spanien von menschlichen R\u00e4ubern befreit haben, todt inmitten einer Schar von W\u00f6lfen, welche sie vorher erlegt hatten. Die tapferen M\u00e4nner hatten gek\u00e4mpft, solange ihr Pulver und Blei ausgereicht hatte, und selbst dann noch mit dem Bayonnet sich vertheidigt, waren aber endlich doch unterlegen, vielleicht mehr der Ermattung und der K\u00e4lte, als den hungrigen W\u00f6lfen.\nEs ist kein Wunder, wenn^diese gef\u00e4hrlichen Thiere, zumal da, wo sie in Menge auftreten, nicht blos unter den Menschen, sondern auch unter den Thieren Angst und Schrecken verursachen. Die Pferde werden im hohen Grade unruhig, sobald sie einen Wolf wittern, die \u00fcbrigen Hausthiere, mit Ausnahme der Hunde, ergreifen die Flucht, wenn sie nur die geringste Wahrnehmung von ihrem Hauptfeinde erlangt haben. F\u00fcr gute Hunde aber scheint es kein gr\u00f6\u00dferes Vergn\u00fcgen zu geben, als die Wolfsjagd, wie ja \u00fcberhaupt die Hunde sich dadurch auszeichnen, da\u00df sie gerade diejenige Jagd am liebsten betreiben, welche die gef\u00e4hrlichste ist. Dabei ist es merkw\u00fcrdig, da\u00df der Ha\u00df zwischen zwei so nahen Verwandten, wie es der Hund und Wolf sind, eine so unbeschreibliche H\u00f6he erreichen kann. Ein Hund, welcher auf eine Wolfsf\u00e4hrte gesetzt wird, vergi\u00dft Alles, ger\u00e4th in die namenloseste Wuth und ruht nicht eher, als bis er seinen Feind am Kragen hat. Dann achtet er keine Verwundung, nicht einmal den Tod seiner Gef\u00e4hrten. Noch sterbend sucht er sich an dem Wolf festzubei\u00dfen. Aber auch andere Hausthiere wissen sich gegen den Wolf zu vertheidigen. \u201eIn den s\u00fcdrussischen Steppen,\" sagt Kohl, \u201ewohnen die W\u00f6lfe in selbst gegrabenen H\u00f6hlen, die oft klaftertief sind. Kaum sind sie irgendwo h\u00e4ufiger, als in den waldigen und buschigen Ebenen der Ukraine und Kleinru\u00dflands. Jede menschliche Wohnung ist dort eine wahre Festung gegen die W\u00f6lfe, und mit 12 bis 14 Fu\u00df hohen Dornmauern umgeben. Diese Thiere umschleichen in der Nacht immerfort die Herden der russischen Steppen. Den Pferdeherden nahen sie sich mit Vorsicht, suchen einzelne F\u00fcllen wegzuschnappen, die sich zuweit\n26*","page":403},{"file":"p0404.txt","language":"de","ocr_de":"404\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Wolf.\nvon der Herde weggewagt haben, oder beschleichen auch einzelne Pferde, springen ihnen an die Gurgel und rei\u00dfen sie nieder. Merken die \u00fcbrigen Pferde den Wolf, so gehen sie ohne weiteres auf ihn zu und hauen, wenn er nicht weicht, mit den Vorderhufen auf ihn los, ja die Hengste packen ihn auch mit den Z\u00e4hnen. Oft wird der Wolf schon auf den ersten Schlag erlegt, oft aber macht er eine schnelle Wendung, packt das angreifende Pferd an der Gurgel und rei\u00dft es zu Boden. Auch viele zugleich erscheinende W\u00f6lfe sind nicht im Stande, eine Pferdeherde zum Weichen zu bringen; sie sind im Gegentheil, wenn sie sich nicht bald zur\u00fcckziehen, in Gefahr umringt und erschlagen zu werden.\" In Spanien erz\u00e4hlte man mir, da\u00df auch die Schweine, welche dort in den gro\u00dfen Eichwaldungen geh\u00fctet werden, sich muthig vertheidigen, wenn sie von W\u00f6lfen angefallen werden. Eine starke Bache hatte in einem solchen Kampfe zwei ihrer Feinde niedergerissen, war aber schlie\u00dflich doch unterlegen, und man fand die drei verendeten Thiere neben einander. Anders, als die Pferde, benehmen sich die Schafe dev Steppen gegen den Wolf, wie Kohl ebenfalls berichtet. \u201eHat dieser bemerkt, da\u00df Sch\u00e4fer und Hunde nicht zur Hand sind, so packt er das erste, beste Schaf und rei\u00dft es nieder. Die \u00fcbrigen fliehen zwei-bis dreihundert Schritt weit, dr\u00e4ngen sich dicht zusammen und gaffen mit den d\u00fcmmsten Augen dev Welt nach dem Wolfe hin, bis er kommt und sich noch eins holt. Nun rei\u00dfen sie wieder einige hundert Schritt aus und erwarten ihn abermals.\" An die Rindviehherden wagt sich gew\u00f6hnlich kein Wolf, weil der ganze Schwarm sich gleich \u00fcber ihn hermacht und ihn mit den'tH\u00f6rnern zu spie\u00dfen sucht. Ev trachtet nur darnach, abgesonderte K\u00e4lber oder auch erwachsene Rinder zu erlegen, und springt diesen ebenso an die Kehle, wie dem Pferde. Schw\u00e4chere Hausthiere sind verloren, wenn sie nicht rechtzeitig einen sichern Zufluchtsort erreichen k\u00f6nnen, und der Wolf folgt ihnen auf seiner Jagd durch Sumpf und Mor, ja selbst durch das Wasser.\nDer Wolf besitzt alle Begabungen und Eigenschaften des Hundes: dieselbe Kraft und Ausdauer, dieselbe Sinnessch\u00e4rfe und denselben Verstand. Aber er ist einseitiger und erscheint weit unedler, als der Hund, \u2014 unzweifelhaft einzig und allein deshalb, weil ihm der Erzieher seines Verwandten, dev Mensch, fehlt. Der Haushund ohne den Menschen ist auch nicht mehr, als ein Wolf! Dieser ist einzig und allein auf sich selbst angewiesen; seine guten Eigenschaften werden nicht geweckt: deshalb kommt er uns oft als das gerade Gegentheil des Hundes vor. Sein Muth steht in gar keinem Verh\u00e4ltni\u00df mit seiner Kraft. So lange der Wolf nicht hungrig ist, ist er eines der feigsten und furchtsamsten Thiere, die es giebt. Er flieht dann nicht blos vor Menschen und Hunden, vor einer Kuh oder einem Ziegenbock, sondern auch vor einer Herde Schafe, sobald sich die Thiere zusammenrotten und ihre K\u00f6pfe gegen ihn richten. H\u00f6rnerklang und anderes Ger\u00e4usch, das Klirren einer Kette, lautes Schreien u. s. w. vertreibt ihn regelm\u00e4\u00dfig. Der ihm fehlende Muth wird aber durch seine nat\u00fcrliche Schlauheit und List ersetzt. Bei seinen Jagden legt er oft genug Zeugni\u00df ab von seinem Verst\u00e4nde. Er wei\u00df die Thiere, deren er sich bem\u00e4chtigen will, so zu \u00fcberraschen, da\u00df es denselben nur selten gelingt, ihm zu entgehen, und auch die, welche ihm an St\u00e4rke \u00fcberlegen sind, \u00fcberw\u00e4ltigt er durch seine List. Den Pferden, Rindern, Hirschen und Elenthieren springt er in den Nacken, denn er kennt ihre Waffen und wei\u00df diesen sorgf\u00e4ltig auszuweichen. Es ist wiederholt von guten Beobachtern versichert worden, da\u00df der einzeln jagende Wolf, ehe er sich an Pferde schleicht, sich oft in Schlamm oder wenigstens in Wasser w\u00e4lze und dann dieses den Pferden in die Augen schleudere, um sie auf Augenblicke zu blenden, worauf er ihrer leicht Meister werden kann. Die muthigen Pferde und Rindev werden, wenn eine Meute W\u00f6lfe sie \u00fcberf\u00e4llt, schlie\u00dflich doch die Beute der Raubthiere, weil sie sich nicht nach allen Seiten hin gleichm\u00e4\u00dfig vertheidigen k\u00f6nnen. Und so geschieht es, da\u00df deO feige R\u00e4uber sogar das Auerkalb trotz der kr\u00e4ftigsten und gefahrdrohendsten Vertheidigung seiner Mutter in seine Gewalt bekommt.\nDie Sinne des Wolfes sind ebenso scharf, wie die des zahmen Hundes. Geruch, Geh\u00f6r und Gesicht sind gleich vortrefflich. Es wird behauptet, da\u00df er nicht blos sp\u00fcre, sondern auch auf gro\u00dfe Strecken hin wittere. Da\u00df er auch leises Ger\u00e4usch in bedeutender Entfernung vernimmt und zu deuten wei\u00df, ist sicher. Ebenso versteht er es genau, welchem Thiere eine F\u00e4hrte angeh\u00f6rt, die er zuf\u00e4llig","page":404},{"file":"p0405.txt","language":"de","ocr_de":"Seine Jagden. Fortpflanzung. Kreuzung mit Hunden.\n405\nauf seinen Streifereien gefunden hat. Er folgt dieser dann, ohne sich um andere zu bek\u00fcmmern: es wird behauptet, da\u00df er, wenn er einer F\u00e4hrte folgt, oft an anderen Thieren vor\u00fcberl\u00e4uft. Seine elende Feigheit, seine List und die Sch\u00e4rfe seiner Sinne zeigt sich bei seinen Ueberf\u00e4llen. Er ist dabei \u00fcberaus vorsichtig und behutsam, um ja seine Freiheit und sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen. Niemals verl\u00e4\u00dft er seinen Hinterhalt, ohne vorher genau ausgesp\u00fcrt zu haben, da\u00df er auch sicher sei. Mit gr\u00f6\u00dfter Vorsicht vermeidet er jedes Ger\u00e4usch bei seinem Zuge. Sein Argwohn sieht in jedem Stricke, jeder Oeffnung, in jedem unbekannten Gegenst\u00e4nde eine Schlinge, eine Falle oder einen Hinterhalt. Deshalb vermeidet er es immer, durch ein offnes Thor in einen Hos einzudringen, falls er irgendwie \u00fcber die Einfriedigung springen kann. Angebundene Thiere greift er ebenfalls nur im \u00e4u\u00dfersten Nothsall an, jedenfalls weil er glaubt, da\u00df sie nur als K\u00f6der f\u00fcr ihn hingestellt worden sind.\nAnders benimmt er sich freilich, wenn ihn der qu\u00e4lende Hunger zur Jagd treibt. Dieser ver\u00e4ndert das Betragen und l\u00e4\u00dft den Wolf namentlich seine Vorsicht und List ganz vergessen, stachelt aber auch seinen Muth am Der hungrige Wolf ist geradezu tollk\u00fchn und f\u00fcrchtet sich vor gar Nichts mehr. Es giebt dann f\u00fcr ihn wirklich kein Schreckmitttel, und eine Rotte solcher Thiere ist deshalb f\u00fcr Mensch und Thier im h\u00f6chsten Grad gef\u00e4hrlich. Gew\u00f6hnlich fri\u00dft der Wolf seine Beute gleich auf einmal auf, und seine Fre\u00dff\u00e4higkeit ist so gro\u00dfartig, da\u00df er ein ganzes Schaf oder Reh recht gut bew\u00e4ltigen kann. Hat er sich ges\u00e4ttigt, ohne seine Beute aufgezehrt zu haben, so nimmt er von dieser entweder noch einen t\u00fcchtigen Schl\u00e4gel mit oder kehrt am n\u00e4chsten oder zweiten Tage zu derselben zur\u00fcck, um weiter zu fressen. Seinen Magen reinigt er, wie die Hunde, von den Knochensplittern durch Grasfressen.\nBei \u00e4lteren W\u00f6lfen beginnt die Ranzzeit Ende Dezembers und w\u00e4hrt bis Mitte Januars; bei j\u00fcngeren hingegen tritt sie erst Ende Januars ein und w\u00e4hrt bis Mitte Februars. Die M\u00e4nnchen k\u00e4mpfen aus Tod und Leben um die Weibchen, und ein im Zweikamps unterliegender liebesbr\u00fcnstiger Wolf wird ohne gro\u00dfe Umst\u00e4nde von seinem Nebenbuhler aufgefressen. Abweichend von dem Hunde tragen die W\u00f6lfe ziemlich lange, n\u00e4mlich dreizehn, nach Anderen vierzehn Wochen. Das Weibchen w\u00f6lst in einsamen d\u00fcsteren W\u00e4ldern, entweder in einem selbstgegrabenen Loche, unter Baumwurzeln, an einem Ufer, auch in einem alten verlassenen Dachs- oder Fuchsbau, welchen es vergr\u00f6\u00dfert hat, auf ein mit Mos ausgelegtes Lager, je nach ihrem Alter drei bis neun, gew\u00f6hnlich aber vier bis sechs Junge. Das Gew\u00f6lse bleibt neun bis vierzehn Tage lang blind und saugt f\u00fcnf bis sechs Wochen. Die Mutter verbirgt es so lange, bis die Jungen lausen k\u00f6nnen, sorgf\u00e4ltig vor anderen W\u00f6lfen; denn der Herr Gemahl fri\u00dft ohne weiteres seine eigne Nachkommenschaft aus, wenn er sie erwischen kann. In der N\u00e4he des Gew\u00f6lfes vermeidet die Alte jede R\u00e4uberei, um das Lager ja nicht zu verrathen. Wittert sie bei der Zur\u00fcckkunft von einem Ausfl\u00fcge etwas Verd\u00e4chtiges, so tr\u00e4gt sie die Jungen nach Hundeart weg in ein anderes Lager. Sie liebt und pflegt ihre Kinder mit gro\u00dfer Z\u00e4rtlichkeit und vertheidigt sie aufopfernd gegen jede Gefahr, am allermuthigsten gegen die Angriffe, welche ihnen von anderen W\u00f6lfen drohen. Anf\u00e4nglich kaut sie. ihnen die Fleischnahrung vor, sp\u00e4ter bringt sie ihnen kleine Thiere, rupft diese und legt sie ihnen so vor, bis die jungen W\u00f6lfe im Stande sind, die ihnen lebend gebrachten Thiere selbst zu tobten und zu verzehren. Wie die F\u00fcchse, spielen auch die W\u00f6lfe vorher lange mit ihrer Beute und \u00fcben sich an ihr im Fangen. Nachdem das Gew\u00f6lse soweit gekommen ist, da\u00df es selbst w\u00fcrgen kann, sucht die Mutter mit ihm die Gesellschaft anderer W\u00f6lfe wieder auf, und diese sollen den jungen Nachwuchs nunmehr mit gro\u00dfer Artigkeit und Liebe empfangen. Die Jungen wachsen bis ins dritte Jahr und werden in diesem fortpflanzungsf\u00e4hig. Das Alter, welches sie \u00fcberhaupt erreichen, d\u00fcrfte sich auf 12 bis 15 Jahr belaufen. Viele m\u00f6gen dem Hungertode erliegen; andere sterben an den vielen Kankheiten, welchen die Hunde \u00fcberhaupt ausgesetzt sind. \u2014 Durch vielfache Versuche ist es zur Gen\u00fcge festgestellt, da\u00df durch Paarung des Wolfes mit der H\u00fcndin, oder des Hundes mit der W\u00f6lfin Bastarde entstehen, welche wahrscheinlich wiederum fruchtbare Junge erzeugen. Diese Bastarde halten nicht immer die Mitte zwischen Wolf und Hund, und auch die Jungen eines Wurfes sind sehr verschieden. In der Regel sind sie mehr dem Wolfe \u00e4hnlich, obwohl","page":405},{"file":"p0406.txt","language":"de","ocr_de":"406\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Wolf.\nauch hund\u00e4hnliche vorkommen. Manche Naturforscher haben deshalb geglaubt, den gemeinen Wolf als die Stammart unsers Hundes ansehen zu m\u00fcssen. Sie haben aber dabei vergessen, sich von ihrer unseligen Einpaarlertheorie frei zu machen, zu deren Gunsten \u00fcberhaupt schon der gro\u00dfartigste Unsinn in die Welt geschwatzt worden ist. Die Verbastardirung von Wolf und Hund ist niemals eine freiwillige gewesen; denn die nat\u00fcrliche Abneigung, welche zwischen beiden Thieren besteht, ist so gro\u00df, da\u00df sie nur unter seltenen Umst\u00e4nden \u00fcberwunden werden kann. Gew\u00f6hnlich suchen sich Beide stets sorgf\u00e4ltig zu meiden, und zur Begattung im Freien kommt es wohl niemals, w\u00e4hrend Dies z. B. zwischen wilden und zahmen Kaninchen, zwischen wilder und zahmer Ente, Gans, Truthahn und Perlhuhn, kurz zwischen solchen wilden und zahmen Thieren, welche jetzt noch im Freien und in der Gefangenschaft leben, gar keine Schwierigkeit hat.\nJung aufgezogene und verst\u00e4ndig behandelte W\u00f6lfe werden sehr zahm und zeigen gro\u00dfe Anh\u00e4nglichkeit zu ihrem Herrn. Cuvier berichtet von einem solchen, welcher ganz wie ein junger Hund aufgezogen worden war und nach erlangtem Wachsthum von seinem Herrn dem Pflanzengarten geschenkt wurde. \u201eHier zeigte er sich einige Wochen lang ganz trostlos, fra\u00df \u00e4u\u00dferst wenig und benahm sich ganz gleichgiltig gegen seinen W\u00e4rter.- Endlich aber fa\u00dfte er eine Zuneigung zu Denen, die um ihn waren und sich mit ihm besch\u00e4ftigten, ja es schien, als h\u00e4tte er seinen alten Herrn vergessen. Letzterer kehrte nach einer Abwesenheit von achtzehn Monaten nach Paris zur\u00fcck. Der Wolf vernahm seine Stimme trotz dem ger\u00e4uschvollen Gedr\u00e4nge mitten in den G\u00e4rten der Menagerie, und \u00fcberlie\u00df sich, da man ihn in Freiheit gesetzt, den Ausbr\u00fcchen der ungest\u00fcmsten Freude. Er wurde hierauf von seinem Freunde getrennt, und von neuem war er, wie das erste Mal, ganz trostlos. Nach dreij\u00e4hriger Abwesenheit kam der Herr abermals nach Paris. Es war gegen Abend, und der K\u00e4sig be& Wolfes war v\u00f6llig geschlossen, so da\u00df das Thier nicht sehen konnte, was au\u00dferhalb seines Kerkers vorging; allein sowie es die Stimme des nahenden Herrn vernahm, brach es in \u00e4ngstliches Geheul aus, und sobald man die Th\u00fcre des K\u00e4figs ge\u00f6ffnet hatte, st\u00fcrzte es auf seinen Freund los, sprang, ihm auf die Schultern, leckte ihm das Gesicht und machte Miene seine W\u00e4rter zu bei\u00dfen, wenn diese versuchten, ihn wieder in sein Gef\u00e4ngni\u00df zur\u00fcckzuf\u00fchren. Als ihn endlich sein Erzieher wieder verlassen, erkrankte er und verschm\u00e4hte alle Nahrung. Seine Genesung verz\u00f6gerte sich sehr lange; es war dann aber immer gef\u00e4hrlich f\u00fcr einen Fremden, sich ihm zu n\u00e4hern.\"\nAehnliches wird in der schwedischen \u201eZeitschrift f\u00fcr J\u00e4ger und Naturforscher\" von einer Jagdfreundin, Katharine Bedoire, erz\u00e4hlt: \u201eBei Gpsinge kaufte mein Mann im Jahr 1837 drei junge W\u00f6lfe, welche eben das Verm\u00f6gen, zu sehen, erhalten hatten. Ich w\u00fcnschte, diese kleinen Gesch\u00f6pfe einige Zeit behalten zu d\u00fcrfen. Sie blieben ungef\u00e4hr einen Monat bei einander und hatten w\u00e4hrend dieser Zeit ihre Wohnung in einer Gartenlaube. Sobald sie mich im Hose rufen h\u00f6rten: \u201eIhrH\u00fcndchen!\" kamen sie mit Geberden von Freude und Zuthulichkeit, die zum Verwundern waren. Nachdem ich sie gestreichelt und ihnen Futter gegeben hatte, kehrten sie wieder in den Garten zur\u00fcck. Nach Verlauf eines Monats wurde das eine M\u00e4nnchen an den Gutsbesitzer v. Uhr und das Weibchen an den Gutsbesitzer Thore Petree verschenkt. Da dasjenige, welches wir selbst behielten, nun einsam und verlassen war, nahm es seine Zuflucht zu den Leuten des Geh\u00f6ftes; meistens jedoch folgte es mir und meinem Manne. Sonderbar war es, wie dieser Wolf zutraulich wurde, da\u00df er sich^sobald wir zusammen ausgingen, neben uns legte, wo wir ruheten, aber nicht duldete, da\u00df irgend Jemand sich uns auf mehr als zwanzig Schritte nahete. Kam Jemand n\u00e4her, so knurrte er und wies die Z\u00e4hne. Sowie ich nun auf ihn schalt, leckte er mir die H\u00e4nde, behielt aber die Augen auf die Person gerichtet, welche sich uns n\u00e4hern wollte. Er ging in den Zimmern und in der K\u00fcche umher, wie em Hund, war den Kindern sehr zugethan, wollte sie lecken und mit ihnen spielen. Dies dauerte fort, bis er f\u00fcnf Monate alt und bereits gro\u00df und stark war, und mein Mann beschlo\u00df, ihn anzubinden, aus Furcht, da\u00df er bei seinem Spielen mit den Kindern dieselben mit seinen scharfen Klauenwitzen oder sie einmal blutend finden und dann Lust bekommen k\u00f6nnte, schlimm mit ihnen zu verfahren. Inde\u00df ging er auch nachher noch oftmals mit mir, wenn ich einen Spaziergang machte. Er hatte seine H\u00fctte","page":406},{"file":"p0407.txt","language":"de","ocr_de":"Z\u00e4hmung. Vertilgungsarten.\n407\nbei der Eisenniederlage, und sobald im Winter Kohlenbauern kamen, kletterte er auf die Steinmauern hinauf, wedelte mit dem Schw\u00e4nze und schrie laut, bis sie herzukamen und ihn streichelten. Hierbei war er jederzeit angelegentlich besch\u00e4ftigt, ihre Taschen zu untersuchen, ob sie Etwas bei sich h\u00e4tten, was zum Fressen taugte. Die Bauern wurden Dies so gewohnt, da\u00df sie sich damit besch\u00e4ftigten, Brodbissen blos zu dem Zwecke in ihre Rocktaschen zu stecken, um sie den Wolf darin suchen zu lassen. Dies verstand er denn auch recht gut, und er verzehrte Alles, was man ihm gab. Au\u00dferdem fra\u00df er t\u00e4glich drei Eimer Futter. Bemerkenswerth war es auch, da\u00df unsere Hunde anfingen, mit ihm aus dem Eimer zu fressen; kam aber irgend ein fremdes Thier und wollte die Speise mit ihm theilen, so wurde er wie unsinnig vor Zorn. Jedesmal, wenn er mich im Hofe zu sehen bekam, trieb er ein arges Wesen, und sobald ich zur H\u00fctte kam, richtete er sich auf die Hinterl\u00e4ufe empor, legte die Vorderpfoten auf meine Schultern und wollte mich in seiner Freude belecken. Sowie ich wieder von ihm ging, heulte er vor Leidwesen dar\u00fcber. Wir hatten ihn ein Jahr lang; da er aber, als er ausgewachsen war, des Nachts arg heulte, so beschlo\u00df Bedoire, ihn todtschie\u00dfen zu lassen. -\u2014 Mit dem Wolfe, welchen der Gutsbesitzer v. Uhr erhielt, ereignete sich der merkw\u00fcrdige Umstand, da\u00df er mit einem der Jagdhunde seines Besitzers in derselben H\u00fctte zusammen wohnte. Der Hund lag jede Nacht bei ihm, und sobald er Fleisch zu fressen bekam, vermochte er es niemals \u00fcber sich, dasselbe ganz aufzuzehren, sondern trug es in die H\u00fctte zum Wolfe, welcher ihm dabei alle Zeit mit freundlicher Geberde entgegenkam. Nicht selten geschah es, da\u00df auch der Wolf seinen Freund auf dieselbe Weise belohnte.\"\nIch habe diese Geschichten ausf\u00fchrlich mitgetheilt, weil mir die W\u00f6lfe des Hamburger Thiergartens genug Belege f\u00fcr die Wahrheit jener Mittheilungen gegeben haben und geben. Soviel steht fest: der Wolf ist der Erziehung f\u00e4hig und der Z\u00e4hmung d. h. des Umgangs mit vorurtheilsfreien Menschen w\u00fcrdig. Wer ihn zu behandeln versteht, kann aus ihm ein Thier bilden, welches dem Haushunde im Wesentlichen \u00e4hnelt. Ein freies Thier mu\u00df aber freilich anders behandelt werden, als ein seit undenklichen Zeiten unter Botm\u00e4\u00dfigkeit des Menschen stehender Sklave.\nEs ist erkl\u00e4rlich, da\u00df die Wolfsjagd schon seit den \u00e4ltesten Zeiten in einen wahren Vertilgungskrieg ausartete. Nach den Gesetzen Karls des Gro\u00dfen durfte Jedermann W\u00f6lfe und B\u00e4ren tobten. \u201eWolffen und Beeren, 'an den brichet nyemand keynen Frid,\" so lautet das Gesetz deutsch \u00fcbersetzt in der zu Stra\u00dfburg 1507 erschienenen Ausgabe des \u201eSachsenspiegels\". Wer einen zahmen Wolf, oder Hirsch oder B\u00e4ren oder einen bissigen Hund hielt, mu\u00dfte nach Karls des Gro\u00dfen Gesetz den Schaden, welchen ein solches Thier anrichtete, bezahlen: \u201eWer behaltet einen anfelligen Hund oder einen ezamen Wolfs oder Hir\u00df, oder Beeren, wa sig icht schaden thund, das soll der gelten (bezahlen), des sy seind.\"\nIn fr\u00fcheren Zeiten wurden die meisten W\u00f6lfe in Schlingen und Fallen gefangen. In Tellereisen f\u00e4ngt man ihn, wie den Fuchs. Man mu\u00df aber die Vorsicht gebrauchen, st\u00e4rkere Tellereisen zu nehmen und diese mittelst einer Kette fest anzubinden. Auch gegenw\u00e4rtig ist die erstere Fangart noch nicht au\u00dfer Gebrauch gekommen; allein man hat doch erst seit Ausbildung des Feuergewehrs einen wirklichen Ausrottungskrieg mit Erfolg unternehmen k\u00f6nnen. Es w\u00fcrde zu weit f\u00fchren, wenn ich die verschiedenen Iagdarten hier ausf\u00fchrlich angeben wollte. Gleichwohl halte ich es f\u00fcr nicht unn\u00f6thig, wenigstens die merkw\u00fcrdigsten kurz zu schildern.\nZur Vertilgung des Wolfes gelten alle Mittel. Pulver und Blei ebensogut, wie das t\u00fcckisch gestellte Gift, die verr\u00e4therische Schlinge und Falle, der Kn\u00fcppel und jede andere Waffe. Die meisten W\u00f6lfe werden gegenw\u00e4rtig wohl mitBrechnu\u00df und in der neuern Zeit haupts\u00e4chlich mit Strychnin, bekanntlich den eigentlichen wirksamen Bestandtheilen der Brechnu\u00df, get\u00f6dtet. Wenn im Winter die Nahrung zu mangeln beginnt, bereitet man f\u00fcr den Wolf ein get\u00f6dtetes Schaf zu und legt es aus. Das Thiere wird abgestreift und das Gift in kleinen Mengen \u00fcberall in das aufgeschnittene Fleisch eingestreut. Dann zieht man die Haut wieder dar\u00fcber und wirft den K\u00f6der nun auf den bekannten Wechselstellen der W\u00f6lfe aus. Die Wirkung ist furchtbar. Kein Wolf fri\u00dft sich an einem derartig vergifteten Thiere satt, sondern bezahlt gew\u00f6hnlich schon in den ersten Minuten seine Fre\u00dfgier mit dem","page":407},{"file":"p0408.txt","language":"de","ocr_de":"408\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Wolf.\nTode. Sobald er die Wirkung des Giftes versp\u00fcrt, l\u00e4\u00dft er das Fleisch liegen und sucht sich durch die Flucht zu retten. Allein schon nach wenigen Schritten versagen ihm die Glieder ihren Dienst. Furchtbare Kr\u00e4mpfe rei\u00dfen ihn zu Boden. Der Kopf wird von den Zuckungen in das Genick zur\u00fcckgeworfen, der Rachen weit aufgerissen, und in einem solchen Anfalle endet das Thier sein Leben. Diese Vertilgungsart ist wohl die ergiebigste, weil der Wolf mit blinder Gier auf solches Fleisch st\u00fcrzt. Vortheilhaft sind auch die Fallgruben. Sie sind etwa zehn Fu\u00df tief und haben acht Fu\u00df im Durchmesser. Man \u00fcberdeckt sie mit einem leichten Dach aus schmalen, biegsamen Zweigen, Mos und dergleichen, und bindet in ihrer Mitte einen K\u00f6der an. Damit der Wolf nicht Zeit habe, vorher lange Untersuchungen zu machen, wird die Grube mit einem etwa 3y2 Fu\u00df hohen Zaun umgeben, und dieser dient auch gleich noch dazu, die Menschen gegen das Hinabfallen in solche Gruben zu sichern. So mu\u00df der Wolf, um zu seiner Beute zu gelangen, mit einem Satze \u00fcber den Zaun wegspringen, bricht dann augenblicklich durch und f\u00e4llt hinab in die Tiefe. Der schweizer Naturforscher Ge\u00dfner berichtet einen wirklich lustigen Fall, welcher zugleich von der Feigheit des Wolfes Zeugni\u00df ablegt. Er erz\u00e4hlt, da\u00df der J\u00e4ger Gobler in einer solchen Wolfsgrube einmal einen dreifachen Fang auf einmal gemacht habe: einen Wolf, einen Fuchs und ein altes Weib, von denen Jedes aus Furcht vor den Anderen die ganze Nacht sich nicht ger\u00fchrt hatte!\nIn volkreichen Gegenden bietet man die Mannschaft zu gro\u00dfem Treibjagden auf. Die Auffindung einer Wolfsspur war das Zeichen zum Aufbruch ganzer Gemeinden. Die schweizer Chronik erz\u00e4hlt: \u201eSobald man einen Wolf gewahr wird, schlecht man Sturm \u00fcber ihn, alsdann emp\u00f6rt sich eine ganze Landschaft zum Gej\u00e4gt, bis er umgebracht oder vertrieben ist.\" Jeder waffenf\u00e4hige Mann war verpflichtet, und \u00fcbte gern diese Pflicht, an der Wolfsjagd Theil zu nehmen. In den gr\u00f6\u00dferen F\u00f6rstereien Polens, Posens, Ostpreu\u00dfens, Litthauens u. s. w. hat man eigens zur Wolfsjagd breite Schnei\u00dfen durch den Wald gehauen und diesen dadurch in kleinere Vierecke abgetheilt. Die drei Seiten eines solchen Vierecks, welche unter dem Winde liegen, werden, sobald W\u00f6lfe gesp\u00fcrt worden sind, mit Sch\u00fctzen bestellt und auf der andern Seite die Treiber hineingeschickt. Gew\u00f6hnlich erscheint der Wolf schon nach dem ersten L\u00e4rm fuchsartig und pfeilschnell an der Sch\u00fctzenlinie, wo ihm ein schlimmer Empfang bereitet wird. Bei solchen Jagden gebrauchen blos die ausgezeichnetsten Sch\u00fctzen die Kugel, die meisten anderen J\u00e4ger laden ihre Doppelgewehre mit gro\u00dfen Schroten, sogenannten Posten, welche man in Norwegen geradezu Wolfs schrote nennt, und schie\u00dfen ihn damit, wenn sie ordentlich gezielt haben, auch regelm\u00e4\u00dfig zusammen. Bei einem Aase auf der Schie\u00dfh\u00fctte wird der Wolf ebenfalls oft erlegt. Ja, es giebt Leute, welche einen dick vollgefressenen Wolf aufsuchen und ohne weiteres mit dem Kn\u00fcppel todtschlagen.\nDiese Jagdart erinnert am lebhaftesten an die Jagden, welche die Bewohner der russischen Steppe auf die W\u00f6lfe abhalten. Bei diesen erscheint das Gewehr n\u00e4mlich geradezu als Nebensache. Der aufgetriebene Wolf wird von den berittenen J\u00e4gern solange verfolgt, bis er nicht mehr laufen kann und dann todtgeschlagen. Schon nach einer Jagd von ein paar Stunden versagen dem Wolf die Kr\u00e4fte. Er st\u00fcrzt, rafft sich von neuem zu verzweifelten S\u00e4tzen auf, schie\u00dft noch eine Strecke weiter vorw\u00e4rts und giebt sich endlich verzweiflungsvoll seinen Verfolgern hin. Man kann sich keinen scheu\u00dflichern Anblick denken, als den des mattgehetzten Wolfs. Die Zunge h\u00e4ngt ihm einen halben Fu\u00df lang aus dem geifernden Maule; der wei\u00dfgelbe, zottige Pelz steht vom K\u00f6rper ab und ein abscheulicher Geruch str\u00f6mt von ihm aus. Mit eingeknickten Hinterl\u00e4ufen macht er Kehrt gegen die Verfolger. Diese aber, welche ihren Gegner genau kennen, steigen vom Pferde und schlagen ihn entweder todt oder schieben ihm einen Lappen, einen alten Hut in den Rachen und packen ihn am Genick, knebeln ihn und nehmen ihn mit sich nach Hause. So berichtet Hamm, welcher die Steppen Ru\u00dflands mehrfach durchreiste. Kohl erz\u00e4hlt, da\u00df die Pferdehirten eine au\u00dferordentliche Geschicklichkeit in der Wolfsjagd bes\u00e4\u00dfen. Ihre ganze Waffe besteht au\u00a7. einem Stock mit eisernem Knopf. Diesen werfen sie dem gejagten Wolf, selbst wenn ihr Pferd im schnellsten Lause begriffen ist, mit solcher Geschicklichkeit auf den Pelz, da\u00df der Feind regelm\u00e4\u00dfig schwer getroffen niedersinkt.","page":408},{"file":"p0409.txt","language":"de","ocr_de":"Vertilguugsarten: Gift, Fallen, Jagden.\n409\nSehr eigenth\u00fcmlich ist die Jagdweise der Lappen. Wie ich oben bemerkte, ist der Wolf f\u00fcr sie der Schrecken aller Schrecken, ich m\u00f6chte sagen, ihr einziger Feind. Und wirklich bringt ihnen kein anderes Gesch\u00f6pf so vielen Schaden, wie er. W\u00e4hrend des Sommers und auch mitten im Winter sind ihre Renthiere den Angriffen des Raubthieres preisgegeben, ohne da\u00df sie viel dagegen thun k\u00f6nnten. Die Meisten besitzen zwar das Feuergewehr und wissen es auch recht gut zu gebrauchen: allein die Jagd mit diesem ist bei weitem nicht so erfolgreich, als eine andere, welche sie aus\u00fcben. Sobald n\u00e4mlich der erste Schnee gefallen ist und noch nicht jene feste Kruste erhalten hat, welche er im Winter regelm\u00e4\u00dfig bekommt, machen sich die M\u00e4nner zur Wolfsjagd auf. Ihre einzige Waffe besteht in einem langen Stock, an welchem oben ein scharfschneidiges Messer angef\u00fcgt wurde, so da\u00df der Stock hierdurch zu einem Sper umgewandelt worden ist. An die F\u00fc\u00dfe schnallen sie sich die langen Schneeschuhe, welche ihnen ein sehr schnelles Fortkommen erm\u00f6glichen. Jetzt suchen sie den Wolf auf und verfolgen ihn laufend. Das Thier, welches bis an den Leib im Schnee waten mu\u00df, erm\u00fcdet sehr bald und kann auch einem Skyl\u00e4ufer nicht entkommen. Der Verfolger n\u00e4hert sich dem gehetzten Wolf mehr und mehr, und wenn er ihn auf eine waldlose Ebene herausgebracht hat, ist derselbe verloren. Das Messer war anf\u00e4nglich mit einer Hornscheide \u00fcberdeckt; diese sitzt aber so locker auf, da\u00df ein einziger Schlag auf das Fell des Wolfs gen\u00fcgt, sie abzuwerfen, und nunmehr bekommt das Raubthier soviel Stiche, als erforderlich sind, ihm seine Lebenslust f\u00fcr immer zu verleiden. Bei weitem die meisten Wolssfelle, welche aus Rorwegen kommen, r\u00fchren von den Lappen her und werden auf diese Weise erlaugt.\nDer gr\u00f6\u00dfte Nutzen, welchen wir vom Wolf ziehen k\u00f6nnen, besteht in Erbeutung seines Winterfells, welches, wie bekannt, als gutes Pelzwerk vielfach angewendet wird. Die sch\u00f6nsten Felle kommen aus Schweden, Ru\u00dfland, Polen, Frankreich und werden mit sechs bis acht Thaler bezahlt. Au\u00dferdem bezahlen alle Regierungen noch ein besonderes Schu\u00dfgeld f\u00fcr den get\u00f6dteten Wolf, gleichviel ob derselbe erschossen, erschlagen, gefangen oder vergiftet worden ist. In Norwegen z. B. betr\u00e4gt dies heute noch beinahe ebensoviel, als das Fell werth ist. Die Felle werden umsomehr gesch\u00e4tzt, je wei\u00dfer sie sind, und deshalb sind die n\u00f6rdlichen immer besser, als die aus s\u00fcdlichen L\u00e4ndern. Au\u00dfer dem Pelz verwendet man aber auch die Haut hier und da zu Handschuhen, Pauken- und Trommelfellen. Das grobe Fleisch, welches nicht einmal die Hunde fressen wollen, wird blos von den Kalm\u00fccken und Tungusen gegessen.\nIn Spanien, wo das Fell, wie erkl\u00e4rlich, keinen gro\u00dfen Werth hat, macht sich der J\u00e4ger auf andere Weise bezahll. Sobald er n\u00e4mlich einen Wolf erlegt hat, ladet er denselben auf ein Maulthier und zieht nun mit diesem von Dorf zu Dorf, zun\u00e4chst zu den gr\u00f6\u00dferen Herdenbesitzern, sp\u00e4ter aber, nachdem der Wolf vielleicht bereits ausgestopft worden ist, auch von Haus zu Haus zum gr\u00f6\u00dften Entz\u00fccken der lieben Jugend. Die gr\u00f6\u00dferen Herdenbesitzer bezahlen ganz bedeutende Summen f\u00fcr einen erlegten Wolf: und somit kann es kommen, da\u00df der J\u00e4ger von einem erlegten Wolfe einen Gewinn zieht, welcher 20 bis 25 Thaler unsers Geldes \u00fcbersteigt.\nIm waadtl\u00e4ndischen Jura besteht heute noch, wie Tschudi berichtet, eine ganz eigenth\u00fcmliche Ausbildung der Wolfsjagd. Dieselbe geh\u00f6rt n\u00e4mlich ausschlie\u00dflich einer bestimmten Jagdgesellschaft an, welche ihre Beamten, Sitzungen und Gerichtsbarkeiten hat. Von dem Anf\u00fchrer werden die J\u00e4ger in zwei Rotten getheilt. Die Einen, mit Flinten bewaffnet, stellen sich auf den Anstand, w\u00e4hrend die blos mit Kn\u00fctteln Bewehrten das Wild mit L\u00e4rm den Anderen zujagen. Sobald es erlegt ist, verk\u00fcnden Posaunen den Tod des Raubthieres im Dorfe. Nun folgt auf Kosten seines Pelzes ein sehr gro\u00dfes Fest und dabei wird Derjenige, welcher den Befehlen des F\u00fchrers zuwidergehandelt hat, mit Wassertrinken bestraft und mit strohernen Ketten gebunden. Da man nur dann Mitglied dieser Gesellschaft werden kann, wenn man schon drei gl\u00fcckliche Wolfsjagden mitgemacht hat, pflegen die V\u00e4ter schon kleine Kinder auf dem Arm zur Wolfsjagd mitzunehmen.\nBlos die Kamtschadalen jagen, wie Steller erz\u00e4hlt, den Wolf nicht, sondern bezeigen ihm eher eine gewisse Verehrung. Sie behaupten sogar, da\u00df der Wolf die Ursache sei, wenn ein Weib","page":409},{"file":"p0410.txt","language":"de","ocr_de":"410 Die Raubthiere. Hunde. \u2014 Amerikanischer Wolf. Abu el Hossein. Gemeiner Schakal.\nZwillinge geb\u00e4re, und halten ihn gewisserma\u00dfen f\u00fcr den Vater des zweiten Kindes. Diese Annahme entschuldigt das betreffende Weib aber nicht; man rechnet es ihr als Strafe der S\u00fcnde an, wenn sie Zwillinge geb\u00e4rt.\nDer Iagdgeschichten, welche vom Wolfe handeln, giebt es so viele, da\u00df wir sie hier g\u00e4nzlich unbeachtet lassen m\u00fcssen. Wer Freude daran hat, mag in der \u00fcberhaupt vortrefflichen Naturgeschichte von Lenz, im Tschudi, Winckell und an anderen Orten nachlesen.\nMehrere Naturforscher unterscheiden gegenw\u00e4rtig den schwarzen amerikanischen Wolf (Lupus occidentalis), als Art von den \u00fcbrigen, w\u00e4hrend man ihn fr\u00fcher als blose Ab\u00e4nderung ansah. Die Unterschiede zwischen Beiden sind in Wahrheit nicht eben bedeutend; sie begr\u00fcnden sich haupts\u00e4chlich auf die dunklere Farbe des Pelzes.\nDer amerikanische Wolf \u00e4hnelt seinem \u00f6stlichen Verwandten in jeder Hinsicht. Er besitzt dasselbe Wesen, dieselbe Kraft und dieselbe Feigheit, wie Jener. Im K\u00e4fig macht er die sonderbarsten Bewegungen und fl\u00fcchtet sich gew\u00f6hnlich furchtsam in die Ecken, wagt auch nie, seinen W\u00e4rter an-\nDer Ahu el Hesse'ln (Canis Lupaster).\nzugreifen. Dieselbe Feigheit zeigt er am ersten Tage seiner Einkerkerung. Hiervon erz\u00e4hlt uns Audubon als Augenzeuge ein Beispiel. \u201eEin Landwirth, welcher sehr viel von diesen Strolchen auszustehen gehabt hatte, legte endlich mehrere Gruben um seine Besitzungen an. In eine derselben waren eines Tages drei gro\u00dfe W\u00f6lfe gefallen, zwei schwarze und ein gefleckter. Zum nicht geringen Erstaunen des ber\u00fchmten Forschers ging der P\u00e4chter ruhig in die Grube, packte die W\u00f6lfe an den Hinterl\u00e4ufen, als sie zitternd auf dem Boden lagen, durchschnitt mit seinem Messer die Achillessehnen, um die Thiere an der Flucht zu hindern, und t\u00f6dtete sie erst dann mit gr\u00f6\u00dfter Ruhe. Die Eskimos fangen die amerikanischen W\u00f6lfe in eigenth\u00fcmlichen Fallen, welche eigentlich nichts Anderes, als vergr\u00f6\u00dferte M\u00e4usefallen sind. Das Innere wird mit einem K\u00f6der versehen, zu welchem der Wolf nur m\u00fchsam gelangen kann. Sobald er sich gefangen hat, wird er von au\u00dfen mit Speren zusammengestochen.\"\nIn Ostafrika lebt ein diesem Wildhunde nicht un\u00e4hnlicher Wolf, der \u201eAbu el Hossein\" der Araber (Canis Lupaster). Er ist bedeutend kleiner, als unser Isegrimm, diesem aber \u00e4hnlich, von","page":410},{"file":"p0411.txt","language":"de","ocr_de":"Kurze Beschreibung der Genannten.\n411\naschgrau gelblichem Grunde, schwarz und fuchsroth gezeichnet, mit deutlich hervortretendem, dunklen Halsbande. Ueber sein Freileben ist wenig bekannt, und auch \u00fcber die Gefangenen, welche in Thierg\u00e4rten lebten, fehlen Beobachtungen. Nach den Berichten, welche mir wurden, gleicht das Leben des Thieres anderen kleineren W\u00f6lfen.\nAlle kleinen W\u00f6lfe pflegt man unter dem gemeinsamen Namen Schakale zu vereinigen. Es finden sich die zu dieser Gruppe geh\u00f6rigen Mitglieder ebensowohl in der alten, wie in der neuen Welt. Afrika und Asien sind jedoch reicher an Arten, als Amerika. Unter den Naturforschern herrscht \u00fcber die Schakale eine gro\u00dfe Unklarheit, ja vollst\u00e4ndige Verwirrung; zumal die altweltlichen Arten bed\u00fcrfen noch sehr der genaueren Bestimmung. Einem Laien w\u00fcrde es ganz unm\u00f6glich sein, sich durch den Wust von widersprechenden Ansichten, welche \u00fcber diese Thiere g\u00e4ng und gebe sind, hindurchzuarbeiten, und selbst der Forscher mu\u00df sich sehr bem\u00fchen, wenn er nach den vorhandenen Beschreibungen das betreffende Thier bestimmen will.\nDer gemeine Schakal (Canis aureus).\nDer gemeine Schakal (Canis aureus) ist dasselbe Thier, welches die Alten Thos und Goldwolf nannten, und wahrscheinlich der bei dem Bubenstreiche Simsons erw\u00e4hnte \u201eFuchs\", welchen jener edle Recke benutzte, um den Philistern ihr Getreide anzuz\u00fcnden. Sein Name ist persischen Ursprungs, er r\u00fchrt vom Worte Sjechal her, welches die T\u00fcrken in Schikal umgewandelt haben. Bei den Arabern hei\u00dft er Dieb oder Dihb, der Heuler, \u2014 und einen bessern Namen k\u00f6nnten auch wir ihm nicht geben. Er ist irrt Morgenlande \u00fcberall bekannt; man spricht mit demselben Wohlgefallen von seinen Thaten, mit welchen wir des Fuchses gedenken. Nordafrika und Nordasien bilden seine eigentliche Hejmat, nach neueren Beobachtungen kommt er aber auch in Europa und zwar in Dalmatien und Griechenland vor. In Mittel-, Ost-, West- und S\u00fcdafrika sowie in Indien wird er durch andere, ihm mehr oder weniger \u00e4hnliche Arten vertreten.\nDer Schakal ist kr\u00e4ftig gebaut, hochbeinig und kurzschw\u00e4nzig; seine Schnauze ist spitzer, als die des Wolfes, aber stumpfer, als die des Fuchses. Die buschige Standarte h\u00e4ngt bis zu den F\u00fc\u00dfen herab. Die Lauscher sind ziemlich klein, die Augen haben einen runden Stern. Ein mittellanger, rauher Balg von schwer beschreiblicher F\u00e4rbung deckt den Leib. Die Grundfarbe ist ein schmuziges Fahl- oder Graugelb, welches auf dem R\u00fccken und an den Seiten mebr ins Schwarze zieht, bisweilen","page":411},{"file":"p0412.txt","language":"de","ocr_de":"412 Die Raubthiere. Hunde. \u2014 Gemeiner, indischer und Schabrakenschakal.\nauch schwarz gewellt erscheint. Die Unterseite ist gelblichroth oder lichtgelb, die Kehle wei\u00dflich, der Kopf aber r\u00f6thlich, mit Grau gemischt. Die Lippen sind schwarz, die Lauscher an der Innenseite wei\u00df. Die L\u00e4ufe sind ebenfalls fahl oder gelbroth. Seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt zwei Fu\u00df und etwas dar\u00fcber, die des Schwanzes zehn Zoll, die H\u00f6he am Widerrist 11/2 Fu\u00df.\nNamentlich in Kleinasien, Persien und den Euphratl\u00e4ndern, in Pal\u00e4stina und Nordeghpten ist der Schakal einer der h\u00e4ufigsten Wildhunde \u00fcberhaupt. In Europa findet er sich nur in Morea und aus wenigen Halbinseln Dalmatiens, \u00fcberall selten. Er bewohnt bergige Gegenden lieber, als Ebenen. W\u00e4lder bilden seine bevorzugte Heimatsst\u00e4tte.\nIn seiner Lebensweise stellt er sich so recht eigentlich als Bindeglied zwischen Wolf und Fuchs dar. Dem Letztem \u00e4hnelt er mehr, als dem Erstem. Bei Tage h\u00e4lt er sich zur\u00fcckgezogen; gegen Abend begiebt er sich auf seine Jagdz\u00fcge, heult laut, um andere seiner Art herbeizulocken, und streift nun mit diesen umher. Er liebt die Geselligkeit sehr, obwohl er auch einzeln umherjagt. Man darf ihn vielleicht den dreistesten und zudringlichsten aller Hunde nennen. Er scheut sich nicht im geringsten vor menschlichen Niederlassungen, sondern dringt frech in das Innere der D\u00f6rfer, ja selbst der Geh\u00f6fte und Wohnungen ein und nimmt dort weg, was sich grade findet. Durch diese Zudringlichkeit wird der Schakal weit unangenehmer und l\u00e4stiger, als durch seinen ber\u00fchmten Nachtgesang, welchen er mit einer bewunderungsw\u00fcrdigen Ausdauer vorzutragen Pflegt. Sobald die Nacht wirklich hereingebrochen ist, vernimmt man ein vielstimmiges, im h\u00f6chsten Grade kl\u00e4gliches Geheul, welches dem unserer Hunde \u00e4hnelt, sich aber durch gr\u00f6\u00dfere Vielseitigkeit auszeichnet. Wahrscheinlich dient dieses Geheul haupts\u00e4chlich anderen der gleichen Art zum Zeichen: die Schakale heulen sich gegenseitig zusammen. Jedenfalls ist es nicht als ein Ausdruck der Wehmuth unsrer lieben Thiere anzusehen; denn der Schakal heult auch bei reichlicher Mahlzeit, z. B. in der N\u00e4he eines gro\u00dfen Aases, gar erb\u00e4rmlich und kl\u00e4glich, da\u00df man meint, er habe seit wenigstens acht Tagen keinen Bissen zu sich genommen. Sobald der eine seine Stimme erhebt, fallen die anderen regelm\u00e4\u00dfig ein, und so kann es kommen, da\u00df man von einzelnliegenden Geh\u00f6ften aus zuweilen die allersonderbarste Musik vernehmen kann, weil die T\u00f6ne aus allen Gegenden der Windrose heranschallen. Unter Umst\u00e4nden wird man ordentlich erschreckt durch das Geheul; denn es \u00e4hnelt manchmal dem Hilferuf oder Schmerzenslaut eines Menschen. Durch die Ausdauer, mit welcher die Schakale ihre Nachtges\u00e4nge vortragen, k\u00f6nnen sie unertr\u00e4glich werden. Zumal wenn man im Freien schl\u00e4ft, verderben sie oft die Nachtruhe vollst\u00e4ndig. Somit kann man es den Morgenl\u00e4ndern nicht verdenken, wenn sie die \u00fcberall h\u00e4ufigen Thiere sehr hassen und diesem Ha\u00df durch grauenvolle Fl\u00fcche Ausdruck geben.\nZum Ha\u00df berechtigen \u00fcbrigens auch noch andere Thaten der Schakale. Der geringe Nutzen, welchen sie bringen, steht mit dem Schaden, den sie verursachen, in gar keinem Verh\u00e4ltnisse. N\u00fctzlich werden sie nur durch Wegr\u00e4umen des Aases und Vertilgung allerhand Ungeziefers, haupts\u00e4chlich durch M\u00e4usefang, sch\u00e4dlich aber wegen ihrer unversch\u00e4mten Spitzb\u00fcbereien. Sie fressen nicht nur alles Genie\u00dfbare weg, sondern stehlen noch allerhand Ungenie\u00dfbares aus Haus und Hof, Zelt und Zimmer, Stall und K\u00fcche. Sie nehmen mit, was ihnen gerade pa\u00dft, und ihre Freude am Diebstahl ist vielleicht ebenso gro\u00df, als ihre Gefr\u00e4\u00dfigkeit. Im H\u00fchnerhofe spielen sie ganz die Rolle unsers Reinecke. Sie morden mit der Gier des Marders und stehlen, wenn auch nicht mit der List, doch mit derFrechheit des Fuchses. Unter Umst\u00e4nden machen sie sich \u00fcbrigens auch \u00fcber ein vereinzeltes Herdenthier, \u00fcber L\u00e4mmer und Ziegen her, verfolgen ein kleines Wild oder pl\u00fcndern die Obstg\u00e4rten und Weinberge. An der Meeresk\u00fcste n\u00e4hren sie sich von todten Fischen, Weichthieren und dergleichen. Den gr\u00f6\u00dferen Raubthieren folgen sie in Rudeln nach, um alle Ueberreste seiner Mahlzeit zu vertilgen. Die Reisez\u00fcge begleiten sie oft Tage lang, dr\u00e4ngen sich bei jeder Gelegenheit ins Lager hinein und stehlen und pl\u00fcndern hier nach Herzenslust. Bei ihren Raubz\u00fcgen gehen sie Anfangs langsam, in Abs\u00e4tzen, heulen dazwischen einmal, wittern, lauschen, \u00e4ugen und folgen dann, sowie sie eine Spur aufgefunden haben, irgend welchem Wilde mit gro\u00dfem Eifer, fallen, wenn sie nahe genug sind, pl\u00f6tzlich \u00fcber ihre Beute her und w\u00fcrgen sie ab. Tritt ihnen bei solchen Jagdz\u00fcgen ein Mensch in den Weg, so weichen","page":412},{"file":"p0413.txt","language":"de","ocr_de":"Geheul. Nutzen und Schaden. Fortpflanzung. Z\u00e4hmung. Unterscheidende Kennzeichen.\n413\nsie ihm zwar aus und zerstreuen sich nach rechts und links, finden sich aber bald wieder zusammen und verfolgen ihren Weg, wie fr\u00fcher. Die Morgenl\u00e4nder sagen ihnen nach, da\u00df sie unter Umst\u00e4nden auch den'Menschen angriffen, zwar nicht den Erwachsenen und Gesunden, wohl aber Kinder und Kranke. Jedenfalls richten sie Unfug genug an, um die Abwehr des Menschen hervorzurufen. In manchen Gegenden werden sie buchst\u00e4blich zur Landesplage. Nur ihre nahen Verwandten, die Hunde, verm\u00f6gen sie im Zaum zu halten, und diese sind dann auch ihretwegen in allen D\u00f6rfern massenhaft vorhanden, st\u00fcrmen, sobald ihnen das Geheul der Schakale deren Ankunft verk\u00fcndet, denselben entgegen und treiben sie mit Vergn\u00fcgen in die Flucht.\nDie Ranzzeit des Schakal f\u00e4llt in den Fr\u00fchling und giebt nat\u00fcrlich den verliebten M\u00e4nnchen zu den allergro\u00dfartigsten Heulereien Grund und Ursache. \u2014 Sieben bis neun Wochen sp\u00e4ter w\u00f6lft die H\u00fcndin f\u00fcnf bis acht Junge auf ein wohl verborgenes Lager, ern\u00e4hrt, sch\u00fctzt und unterrichtet diese nach Wolfs- oder Fuchsart im Gewerbe und zieht nach ungef\u00e4hr zwei Monaten mit ihnen in das Land hinaus. Die hoffnungsvollen Sprossen haben sich um diese Zeit schon fast alle Fertigkeiten der Alten erworben; namentlich das Heulen verstehen sie bereits meisterhaft, und das Stehlen lernen sie, Dank ihren guten Anlagen, auch rasch genug.\nJung eingefangene Schakale werden bald sehr zahm, jedenfalls weit zahmer, als F\u00fcchse. Sie gew\u00f6hnen sich ganz an den Herrn, folgen ihm, wie ein Hund, lassen sich liebkosen oder verlangen Liebkosungen, wie dieser, h\u00f6ren auf den Ruf, wedeln freundlich mit dem Schw\u00e4nze, wenn sie gestreichelt werden, kurz, zeigen eigentlich alle Sitten und Gewohnheiten der Haushunde. Selbst alt gefangene gew\u00f6hnen sich mit der Zeit an den Menschen, so bissig sie auch anf\u00e4nglich sich zeigen.\nEinige Naturforscher glauben, da\u00df der indische Schakal (vanis In\u00e4ious) nichts Anderes, als eine Spielart des europ\u00e4ischen sei, und Andere wollen auch den in S\u00fcd- und Mittelafrika h\u00e4ufigen Schabrakenschakal (Canis mesomelas) nicht als besondere Art erkennen. Ueber den Ersteren enthalte ich mich des Urtheils. Ich habe ihn zwar lebend vor mir, kann ihn aber nicht mit dem europ\u00e4ischen vergleichen und kenne keine Beschreibung, welche mir gen\u00fcgend w\u00e4re. Der Schabrakenschakal hingegen kann nur, von Dem mit dem eigentlichen Schakal zusammengestellt werden, welcher beide Thiere niemals gesehen hat. Es geh\u00f6rt keineswegs ein besonders ge\u00fcbter Blick dazu, um die beiden Thiere sofort von einander zu unterscheiden; denn nicht blos Gr\u00f6\u00dfe und F\u00e4rbung, sondern auch Gestalt und Gliederung sind verschieden. Der Schabrakenschakal wird etwas gr\u00f6\u00dfer, als der gemeine, und zeichnet sich vor diesem haupts\u00e4chlich durch seine auffallend gro\u00dfen Lauscher und die beinahe bis zum Boden, jedenfalls weit \u00fcber die Ferse herabh\u00e4ngende Lunte aus. Seine F\u00e4rbung ist ein sch\u00f6nes, lebhaftes Rostroth, welches nach unten zu in Gelblichwei\u00df \u00fcbergeht. Die ganze Oberseite deckt eine seitlich scharf begrenzte Schabrake von schwarzer F\u00e4rbung mit wei\u00dflicher Fleckenzeichnung. Auf dem Halse wird diese Schabrake durch eine wei\u00dfe Linie eingefa\u00dft, welche nach hinten hin undeutlich wird. Die Fleckenzeichnung \u00e4ndert sich, je nach der Lage der Haare, da sie \u00fcberhaupt nur durch das Zusammenfallen einer Menge von Haarspitzen entsteht, welche s\u00e4mmtlich licht gef\u00e4rbt sind. Die Kehle, die Brust und der Bauch sind wei\u00df oder lichtgelb. An den Innenseiten der L\u00e4ufe dunkelt diese Farbe, und zwischen den Vorderl\u00e4usen geht sie in grau \u00fcber. Das Kinn ist r\u00f6thlich, aber sehr hell, wenig von der lichtern Kehle abstechend. Auf dem Kopfe mischt sich Grau unter die allgemeine rostrothe F\u00e4rbung. Der R\u00fccken der sehr spitzen, fuchsartigen Schnauze ist schwarz, w\u00e4hrend die Lippen sehr licht, fast wei\u00df erscheinen. Die Lippen sind au\u00dfen und am Rande lebhaft rostroth, innen mit gilblichen Haaren besetzt. Vor ihnen steht jederseits ein gelber Fleck, und ein \u00e4hnlich gef\u00e4rbter umrandet auch das braune, rund-sternige Auge, unter dem sich dann noch ein dunklerer Streif hinzieht. Ein dunkles Halsband, wie es die meisten \u00fcbrigen Hunde und namentlich die Schakale zeigen, fehlt dem Schabrakenschakal g\u00e4nzlich. Die Lunte ist an der Wurzel rostfarben, wie der \u00fcbrige Leib, sodann aber, in den letzten Zweidritteln der L\u00e4nge, schwarz. Der Balg ist sehr dick, die Haare fein und kurz, der Wollflaum schimmert \u00fcberall durch.","page":413},{"file":"p0414.txt","language":"de","ocr_de":"414\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Schabrakenschakal. Wolfshund.\nNach meinen Erfahrungen beginnt die Heimat des schwarzr\u00fcckigen oder Schabrakenschakals in Mittelnnbien. Von hier aus reicht er l\u00e4ngs der Ostk\u00fcste Afrikas hinauf bis zum Kap, und wahrscheinlich auch quer durch den ganzen Erdtheil bis zur Westk\u00fcste. Er findet sich ebensowohl in der Steppe, als in den W\u00e4ldern, vorzugsweise jedoch in Gebirgsl\u00e4uderu. Am Kap und in Habesch ist er sehr h\u00e4ufig. An der Ostk\u00fcste des rothen Meeres breitet sich eine schmale W\u00fcstensteppe, die Samchara, aus, welche vielfach von Regenstrombetten durchfurcht ist, deren Ufer gew\u00f6hnlich \u00fcppige Dickichte bilden. Hier darf man ihn regelm\u00e4\u00dfig vermuthen; denn diese Dickichte sind reich an Hasen und Frankolinen und gew\u00e4hren ihm somit vielfache Gelegenheit, Beute zu machen. Er ist frecher und zudringlicher, als jeder andere Wildhund. Seine eigentliche Jagdzeit ist zwar die Nacht, doch sieht man ihn auch bei Tag h\u00e4ufig genug umherlungern, selbst unmittelbar in der N\u00e4he der D\u00f6rfer. In den Fr\u00fchftnnden begegnet man ihm \u00fcberall, im Geb\u00fcsch ebensowohl, als in der pflanzenleeren Ebene. Erst in den Vormittagsstunden trabt er seinem Lager zu. Nachts ist er ein regelm\u00e4\u00dfiger Gast in den D\u00f6rfern und selbst in der Mitte des Lagerplatzes; denn nicht einmal das Feuer scheint ihn auf seinen Diebesz\u00fcgen zu hindern. Ich habe ihn wiederholt zwischen den Gep\u00e4ckst\u00fccken und den lagernden Kamelen umher-streisen sehen, und ans meiner ersten Reise in Afrika hat er mir sogar auf dem nur vermittelst eines Bretes mit dem Lande verbundenen Schiffe einen Besuch gemacht. Bei den Eingebornen Afrikas ist er \u00e4u\u00dferst verha\u00dft, weil er alle nur denkbaren Sachen aus den H\u00fctten wegschleppt und unter dem Hausgefl\u00fcgel, und sogar unter den kleinen Herdenthieren, manchmal arge Verheerungen anrichtet. Die Somali versichern, da\u00df er ihren Schafen die Fettschw\u00e4nze abfresse; in Sndahn wei\u00df man davon aber Nichts: hier kennt man ihn nur als sehr eifrigen J\u00e4ger der kleinen Antilopen, der M\u00e4use, Erdeichh\u00f6rnchen und anderer Nager. Bei dem Aas ist er ein regelm\u00e4\u00dfiger Gast; er scheint solche Speise leidenschaftlich gern zu fressen. Wie Bnrton berichtet, betrachten die Somali das Geheul des Schabrakenschakal als ein Vorzeichen des kommenden Tages: sie schlie\u00dfen von ihm aus auf gutes oder-schlechtes Wetter. In Abissinien oder im Sndahn beachtet man diese Musik nicht, obgleich man sie oft genug zu h\u00f6ren bekommt. Ich meinestheils mu\u00df gestehen, da\u00df mir das Geheul dieser Schakale niemals l\u00e4stig geworden ist, sondern mir immer eine erg\u00f6tzliche Unterhaltung gew\u00e4hrt hat.\nUeber die Fortpflanzung unsers Wildhnndes fehlen zur Zeit noch gen\u00fcgende Beobachtungen. Mir wurde erz\u00e4hlt, da\u00df die Zahl des Gew\u00f6lfes vier bis f\u00fcnf betrage, und da\u00df man die Jungen zu Anfang der gro\u00dfen Regenzeit finde. Im Innern Afrikas f\u00e4llt es Niemand ein, das wirklich nette Thier zu z\u00e4hmen; wir erhalten deshalb auch nur aus dem Kaplande ab und zu einen dieser Schakale lebendig. Wenn man sich viel mit einem'solchen Gefangenen besch\u00e4ftigt, gewinnt man bald sein Vertrauen. Der Schabrakenschakal ist im Grunde ein gutm\u00fcthiger, vertr\u00e4glicher Bursche, welcher jedenfalls mehr, als der Fuchs, zur Geselligkeit und zum Frieden geneigt ist. So scheu und wild er sich anf\u00e4nglich auch geberdet, so rasch erkennt er liebevolle Behandlung an und sucht sie durch dankbare Anh\u00e4nglichkeit zu vergelten. Ein fast ausgewachsenes M\u00e4nnchen dieses Wildhnndes, welches ich f\u00fcr unsern Thiergarten in London ankaufte, war anf\u00e4nglich im h\u00f6chsten Grade scheu und bissig, tobte beim Mosen Erscheinen des W\u00e4rters wie unsinnig im K\u00e4fig umher, machte Spr\u00fcnge von vier bis sechs Fu\u00df H\u00f6he und suchte auf alle Arten, vor dem Menschen sich zu verbergen oder ihm zu entkommen. Ein \u00e4hnliches Entsetzen bewies es gegen verwandte Wildhnnde, mit denen es zusammen gehalten wurde, und oftmals kam es eben dieser Scheu und Furchtsamkeit wegen zu argen Bei\u00dfereien unter der sehr gemischten Gesellschaft. Das Alles aber verlor sich bald. Der Schabrakenschakal erkannte das Vergebliche seines Str\u00e4ubens und befli\u00df sich fortan eines anst\u00e4ndigen Betragens. Schon nach wenig Wochen nahm er, vielleicht durch das gute Beispiel seiner Mitgefangenen ermuntert, dem W\u00e4rter das ihm vorgehaltene Fleisch oder Brod ans der Hand; nach etwa Monatsfrist hatte sich seine Scheu soweit verloren, da\u00df er traulich ans den Ruf herbeikam und die dargebotene Hand liebevoll beleckte. Auch zu seinen Mitgefangenen fa\u00dfte er allgemach Vertrauen, und mit dem Vertrauen stellte sich eine gewisse Freundschaft ein, welche freilich durch einen vorgehaltenen fetten Bissen zuweilen kleine Unterbrechungen erhielt, im Ganzen aber doch thats\u00e4chlich bestand.","page":414},{"file":"p0415.txt","language":"de","ocr_de":"R\u00e4ubereien. Z\u00e4hmung. Haarwechsel. Beschreibung.\n415\nW\u00e4hrend des Haarwechsels, welcher im September vor sich ging, bekam unser Schakal vor\u00fcbergehend ein ganz eigenth\u00fcmliches Aussehen. Seine schwarze Schabrake verlor sich in wenig Tagen bis auf sp\u00e4rliche Ueberbleibsel. Das neue Grannenhaar wuchs aber sehr rasch wieder heran, und bereits nach vier Wochen hatte er sein neues, sch\u00f6neres Kleid angelegt.\nDem eigentlichen Schakal nahe verwandt ist ein noch sehr wenig bekannter Wildhund Mittelafrikas, welchen ich f\u00fcr den von Cuvier aufgestellten Wolfshund (Canis Anthus) halten mu\u00df. Auch dieser Hund gilt, wie bereits bemerkt, als eine Abart des Schakal, und ein verdorrter Balg oder eine schlechte Abbildung von ihm mag wohUauch mit einem zusammengeschrumpften Schakalbalge oder mit einem fehlerhaften Schakalbilde eine gewisse Aehnlichkeit haben. Das lebende Thier aber zeigt mit dem Schakal eben nur soviel Aehnlichkeit, wie mit jedem andern Hunde. Seine Gestalt ist ebenso bezeichnend f\u00fcr ihn, als die Behaarung und die F\u00e4rbung. Ich habe den Wolfshund auf meinen fr\u00fcheren Reisen in Afrika einigemal zu sehen bekommen, und gegenw\u00e4rtig besitzen wir eine\nDer Wolfshund (Canis Anthus).\nH\u00fcndin, welche in Sansebar eingefangen wurde und von dort aus uns unmittelbar zukam. Sie ist, obgleich noch nicht vollst\u00e4ndig erwachsen, doch schon bedeutend gr\u00f6\u00dfer, namentlich h\u00f6her, als der Schakal, vor diesem aber haupts\u00e4chlich durch die Schlankheit ihres Leibes- und Gliederbaues ausgezeichnet. Der Kopf ist lang und schmal, die Schnauze sehr verl\u00e4ngert, jedoch nicht fuchsartig zugespitzt. Die Lunte reicht bis auf den Boden herab, die Lauscher sind mittelgro\u00df, spitzig, die Seher schief gestellt von lichtbrauner F\u00e4rbung, der Stern, wie beim Fuchs, eif\u00f6rmig und senkrecht. Der Balg besteht aus langen, locker aufliegenden, straffen Grannen, welche das d\u00fcnne Wollhaar vollst\u00e4ndig bedecken.\nDie allgemeine F\u00e4rbung ist ein schwer zu bestimmendes fahles Graubraun, welches auf den Seiten dunkelt, aus dem R\u00fccken dagegen stark ins Rothbraune schimmert. Der R\u00fccken wird jeder-seits durch einen entschieden hervortretenden lichten, zollbreiten Streifen von der dunkeln Seite getrennt. Ueber dem Hintern Schenkel, welcher oben und vorn lichtbraun, hinten und unten fahlgrau ist, verl\u00e4uft eine dunkle Binde. Ein \u00e4hnlich gef\u00e4rbtes Band zieht sich um die Vorderbrust. Im Uebrigen ist die Unterseite lichtgelb, fast wei\u00df, mit Unterbrechung eines dreieckigen, dunklern Fleckes zwischen","page":415},{"file":"p0416.txt","language":"de","ocr_de":"416\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Wolfshund. Karasissi.\nden Vorderl\u00e4ufen und einer graulichen Stelle zwischen den Hinterschenkeln. Der Kops ist r\u00f6thlichfalb mit wei\u00dfem Schimmer, die Oberlippe seitlich, wie das Kinn, dunkelgrau, der Lippenrand wei\u00df. Die L\u00e4ufe sind rostfarben, die Vorderl\u00e4ufe, wie bei den meisten Hunden, vorn am Handgelenke schwarz gestreift. Der Schwanz ist an der Wurzel grau, an der Spitze wei\u00df, im \u00fcbrigen aber schwarz.\nDer Wolfshund geh\u00f6rt nicht gerade zu den h\u00e4ufigen Erscheinungen des innern Afrika. Er findet sich einzeln wahrscheinlich in allen Steppenl\u00e4ndern, kommt aber weit seltner zu Gesicht, als irgend ein anderer Wildhund. Seine Lebensweise unterscheidet ihn von dem Schakal. Er ist viel vorsichtiger, scheuer und ein vollkommenes Nachtthier. Bei Tage liegt er im sichern Schlupfwinkel wohl verborgen, und nur der Zufall bringt ihn vor das Auge des J\u00e4gers. Seine Hauptnahrung scheint aus M\u00e4usen und anderen kleinen Nagern zu bestehen; zuweilen soll er jedoch auch, wie mir von den Sudahnesen versichert wurde, kleine Herdenthiere angreifen. Auf V\u00f6gel ist er, wie man an unserm Gefangenen sehen kann, sehr erpicht; H\u00fchnern zumal, welche an seinem K\u00e4fig vor\u00fcbergehen, folgt er mit gr\u00f6\u00dfter Theilnahme.\nUnsere gefangene Wolfsh\u00fcndin ist scheu und furchtsam, obwohl sie sich ihrer Haut zu wehren wei\u00df. Anfangs setzte sie meinen Liebkosungen Mi\u00dftrauen entgegen, allgemach aber verlor sich ihre Scheu, und nach einigen Wochen hatte ich ihr Vertrauen wirklich gewonnen. Sie kam auf meinen Ruf herbei und gestattete, da\u00df ich sie ber\u00fchrte, und wenn auch anfangs bedenkliches Nasenr\u00fcmpfen zur Vorsicht mahnte, erreichte ich endlich doch meinen Zweck und durfte sie streicheln. Gegenw\u00e4rtig ist sie zahm und freundlich, mir jedenfalls sehr zugethan, obgleich sie ihr Mi\u00dftrauen noch nicht vollst\u00e4ndig \u00fcberwunden hat. Mit den Genossen ihres K\u00e4figs h\u00e4lt sie ihrerseits Frieden; Zudringlichkeiten derselben weist sie aber entschieden zur\u00fcck. Eine Stimme habe ich von, ihr noch nicht vernommen. Auf kleine Thiere, Ratten und Sperlinge z. B., ist sie sehr gierig, nicht minder gern fri\u00dft sie Fr\u00fcchte: Pflaumen, Kirschen, Birnen und Milchbrod geh\u00f6rt zu ihren ganz besonderen Leckereien. Gegen die rauhe Witterung unseres Nordens scheint sie h\u00f6chst empfindlich zu sein: sie liegt an kalten Tagen nach Hundeart zusammengerollt regungslos und erhebt sich dann, auch wenn man sie ruft, nur ungern, w\u00e4hrend sie sonst augenblicklich ans Gitter kommt. Am lebendigsten ist sie an warmen Sommerabenden, dann l\u00e4uft sie ohne Unterla\u00df im K\u00e4fig auf und nieder.\nAuch Amerika besitzt Hunde, welche dem altweltlichen Schakal sehr \u00e4hnlich sind. Ein solcher ist der Karasissi oder Maikong, der Savannenhund der Ansiedler (Canis cancrivorus), welchen die Indianer S\u00fcdamerikas seit uralten Zeiten gez\u00e4hmt und als Iagdgehilfen benutzt haben. Wir besitzen in unserm Thiergarten gegenw\u00e4rtig auch diesen Hund, und ich kann daher das lebende Thier meiner Beschreibung zu Grunde legen. Der Maikong ist schlank gebaut und hochl\u00e4ufig, sein Kops ist kurz, breit und ziemlich stumpfschnauzig. Die Lunte h\u00e4ngt fast bis zum Boden herab, die Lauscher sind mittelgro\u00df, die Seher schief gestellt, dunkelrothbraun gef\u00e4rbt, der Stern ist l\u00e4nglichrund. Der Balg besteht aus mittellangen, rauhen Grannen, welche das sp\u00e4rliche Wollhaar vollst\u00e4ndig bedecken. Seine Gesammtf\u00e4rbung ist ein ziemlich gleichm\u00e4\u00dfiges Fahlgrau, welches auf dem R\u00fccken, zumal in der Schultergegend, wegen der hier schwarz endenden Haare dunkelt und nach unten durch Fahlgrau in Gelblichwei\u00df und Reinwei\u00df \u00fcbergeht. Die Augengegend ist lichter, gelblichwei\u00df, die Lauscher au\u00dfen am Grunde r\u00f6thlichfahl, an der Spitze braunschwarz, innen mit gelbwei\u00dfen Haaren besetzt, licht ge-randet. Sehr dunkel sind au\u00dfer dem R\u00fccken' die Lippen und die Schnauzenspitze, ein Kinnfleck und die L\u00e4ufe bis zum Hand- oder Fersengelenke, licht, d. h. gelblichwei\u00df, au\u00dfer den schon genannten Theilen die Umrandung der Augen und ein vollst\u00e4ndiges Kreuz an der Schl\u00fcsselbeingegend, welches von der Kehle an bis zur Oberbrust herabreicht und seitlich in ziemlich breiten Streifen bis gegen die Achseln hin sich fortsetzt. Die einzelnen Haare sind gelblich oder wei\u00dflich an der Wurzel, sodann grau und endlich dunkel zugespitzt.\nSchon die Spanier fanden diesen Wildhund auf den Antillen als Hausthier vor. Seitdem ist er von dort verschwunden; gegenw\u00e4rtig aber wird er noch immer von vielen Indianern wenigstens","page":416},{"file":"p0417.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung Beider. Z\u00e4hmung des Wolfshundes. Schomburgk \u00fcber den Karasissi. 417\nals halbes Hausthier benutzt. \u201eBergreiche Gegenden,\" sagt Robert Schomburgk, \u201emit dazwischen gestreuten waldigen Steppen, sowie die Ums\u00e4umung der Savannenst\u00fcsse scheinen der Lieblingsaufenthalt des schlauen und klugen Thieres zu sein. Dort lebt und jagt es in ganzen Koppeln. In der offenen Savanne scheinen die Thiere ihre Jagdbeute mehr mit den Augen, als mit der Nase auszusp\u00e4hen. Im Walde ist das Gegentheil der Fall: hier verfolgen sie auch ihre Beute jedesmal unter lautem Gebell. Gelingt es einer Koppel, eine Niederung zu beschleichen und unbemerkt in diese einzudringen, so entgehen ihr nur einige der auf den D\u00e4chern und nahen Gestr\u00e4uchen schlafenden H\u00fchner und Papageien. Ein solcher Ueberfall des Federviehstandes und die ihn begleitende W\u00fcrgerei unter demselben geschieht so ger\u00e4uschlos, da\u00df die beraubten Besitzer meist erst ihren Verlust mit anbrechendem Morgen kennen lernen. Die Beute verzehren die R\u00e4uber niemals an dem Orte, wo sie dieselbe gew\u00fcrgt, sondern immer erst im Walde oder in einem sonstigen Schlupfwinkel. Die Indianer versicherten uns, da\u00df sie selbst Rehe und die Nachz\u00fcgler der Wasserschweinherden jagen, um das endlich ermattete Thier niederzurei\u00dfen.\"\nDer Karasissi oder Maikong (Canis cancrivorus).\n\u201eF\u00fcr die Indianer hat der Maikong namentlich aus dem Grunde besondern Werth, da\u00df aus der Kreuzung desselben mit ihren Hunden sehr gesuchte Jagdhunde hervorgehen. Die Bastarde schlagen in ihrer Gestalt mehr nach dem Hunde, als nach dem Maikong. Sie sind ungemein schlank, tragen die Ohren immer aufgerichtet und \u00fcbertreffen in Bezug auf Ausdauer, Fertigkeit und Gewandtheit im Aufsuchen und Jagen des Wildes jeden andern Hund. In der Ansiedlung wird ein solcher Blendling, welcher zur Jagd auf Rehe, Wasserschweine und Tapire abgerichtet ist, gew\u00f6hnlich mit zehn bis zw\u00f6lf Thalern bezahlt. Der Besitz eines gez\u00e4hmten Maikong geh\u00f6rt daher zu den besonderen Reichth\u00fcmern der Indianer. Doch mu\u00df das Thier fortw\u00e4hrend an Stricken gehalten werden, da ihm keine Abrichtung seine Raubgel\u00fcste abgew\u00f6hnen kann. Schrankenlose Verwirrung bringt er unter dem Federvieh seines Herrn hervor, sobald ihm die Nachl\u00e4ssigkeit des Besitzers den Strick nicht festgebunden. Gekochtes Fleisch, Fische und Fr\u00fcchte sind das Futter, womit ihn der Indianer erh\u00e4lt.\"\n\u201eDer von mir auf das Schie\u00dfen oder Fangen des Maikongs eingesetzte Preis trieb die versammelten Indianer fast t\u00e4glich zu allgemeinen Treibjagden in die Niederungen und Th\u00e4ler am\nBrehm, Thierleben.","page":417},{"file":"p0418.txt","language":"de","ocr_de":"418\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Prairiewolf.\nTorong und Yauwise, bei denen jedesmal das Gras des Gebietes, welches abgejagt werden sollte, in Brand gesetzt wurde. Hatte das prachtvolle Schauspiel f\u00fcr uns auch schon seit l\u00e4ngerer Zeit den Reiz der Neuheit verloren, so wurde dieser hier doch immer wieder durch die wunderbare Beleuchtung erneuert, die es \u00fcber die lieblichen Th\u00e4ler und Felsenschluchten warf,. wenn die Feuers\u00e4ule sich in ununterbrochenem Wechsel \u00fcber H\u00fcgel und Berge, durch Th\u00e4ler und Schluchten w\u00e4lzte.\"\nUeber unsern Gefangenen brauche ich nach vorstehender Schilderung kaum noch Etwas zu sagen: das Thier erinnert durch sein ganzes Wesen und Betragen so vollst\u00e4ndig an den altweltlichen Schakal, da\u00df ich wenigstens keinen Unterschied herauszufinden vermag. Er n\u00e4hrt sich nach anderer Wildhuyde Art von allerlei Futter, obwohl er das Fleisch jeder andern Nahrung vorzuziehen scheint; doch fri\u00dft er auch Fr\u00fcchte und Milchbrod sehr gern. Uns gegen\u00fcber zeigte er sich anf\u00e4nglich scheu und mi\u00dftrauisch, wie der Schabrakenschakal, sp\u00e4ter aber in gleicher Weise freundlicher und liebensw\u00fcrdiger, je gr\u00f6\u00dferes Zutrauen er gewann. W\u00e4hrend ich diese. Zeilen schreibe, ist er schon recht zahm, und jedenfalls l\u00e4\u00dft sich erwarten, da\u00df er mit der Zeit sich innig an uns anschlie\u00dfen wird.\nDer Prairiewolf (Canis latrans)\nEin sehr bekannter amerikanischer Hund ist derPrairiewolfsv\u00c4nisIatraus). Er bildet gewisserma\u00dfen ein Uebergangsglied von den W\u00f6lfen zu den F\u00fcchsen. Seine Gestalt ist noch wolfartig, der Kopfbau, die niederen L\u00e4ufe und der ziemlich lange dicke Schwanz aber erinnern an den Fuchs. Der Leib ist dick und erscheint wegen des ungew\u00f6hnlich reichen Balges noch dicker, als er wirklich ist. Der Hals ist kurz und kr\u00e4ftig, der Kopf schlanker, als der des Wolfes, oben breit, an der Schnauze zugespitzt. Das Ohr ist ziemlich gro\u00df, unten breit, oben aber nicht gerundet. Das Auge, dessen F\u00e4rbung ein lichtes Braun ist, besitzt einen runden Stern. Die F\u00e4rbung des Balges ist ein schmutziges Gelblichgrau, welches auf Obr und Nasenr\u00fccken in das Rostfarbene, auf Oberhals und R\u00fccken aber in das Schw\u00e4rzliche \u00fcbergeht, weil hier alle Haare in schwarzen Spitzen endigen. Die Seiten des Halses, der Vorderbl\u00e4tter, der Hinterschenkel und die L\u00e4ufe an ihrer \u00e4u\u00dfern Seite sind hellrostroth oder hellgelb. Die Unterseite und die innere Seite der Beine sind wei\u00dflich. Die Lauscher sind rostfarben, hier und da mit schw\u00e4rzlichen Haarspitzen; ihre innere Seite ist mit wei\u00dflichen Haaren dicht bedeckt. Der Lippenrand ist wei\u00dflich, die Umgebung der Augen hellfahl oder br\u00e4unlichgrau mit wei\u00dfen Haarspitzen. Ueber das Handgelenk zieht sich ein schmaler, schwarzer Streifen; der Schwanz ist an der Wurzel fahl","page":418},{"file":"p0419.txt","language":"de","ocr_de":"Der Prairiewolf, frei und gefangen.\n419\nimb schwarz gemischt, an der Spitze tiefschwarz. Auf dem R\u00fccken werden die Haare im Winter \u00fcber vier Zoll lang. Sie sind an ihrer Wurzel aschgrau, hierauf gelbroth, dann schwarzbraun geringelt, hierauf wei\u00dflich und an der Spitze wieder schwarzbraun. Verschiedene Ab\u00e4nderungen kommen vor.\nDer Prairiewolf ist weit \u00fcber das Innere Nordamerikas verbreitet und reicht wahrscheinlich nach S\u00fcden hin bis Mejiko; wenigstens nimmt man an, da\u00df der dort unter dem Namen \u201eCayote\" bekannte Wildhund derselben Art angeh\u00f6rt. Besonders gemein ist er in den Ebenen des Missouri, in Kalifornien und Kolumbien. Englische Naturforscher behaupten, da\u00df er in gro\u00dfen Rudeln lebe und dem Wilde sehr gef\u00e4hrlich werde; namentlich folge er den Bisonherden und falle mit unversch\u00e4mter Frechheit \u00fcber jeden kranken, ermatteten oder verwundeten Stier her, um ihn aufzufressen. Prinz Max von Wied, dem wir, neben Audubon, die beste Beschreibung verdanken, sagt dagegen, da\u00df der Prairiewolf nur einzeln oder paarweise vorkommt und nach Art unserer europ\u00e4ischen W\u00f6lfe lebt. Er raubt Alles, was er bezwingen kann, und gleicht auch hinsichtlich der Schlauheit vollst\u00e4ndig unseren W\u00f6lfen und F\u00fcchsen. Des Nachts kommt er oft bis in die indianischen D\u00f6rfer hinein, und im Winter sieht man ihn auch nicht selten am Tage herumtraben, wie unsern Wolf Lei tiefem Schnee und K\u00e4lte. In der Ranzzeit bewohnt er selbstgegrabene Baue oder H\u00f6hlen, und hier soll im April die W\u00f6lfin ihre sechs bis zehn Junge werfen. Die Ranzzeit f\u00e4llt in den Januar und Februar und erregt die Prairiew\u00f6lfe, wie alle Hunde, aus das h\u00f6chste. Um diese Zeit vernimmt man ihre Stimme in der Prairie: ein sonderbares, am Ende etwas-gezogenes Bellen, welches demLautgeben unserer F\u00fcchse \u00e4hnelt.\nIn die-Falle geht der Prairiewolf weit seltener, als der Wolf oder Fuchs, und wenn er es thut, geschieht es nicht zu der Freude des J\u00e4gers, weil der Pelz keinen Werth hat und von den Pelzh\u00e4ndlern nicht beachtet wird. Diesem f\u00fcgt der genannte Naturforscher noch hinzu, da\u00df viele indianische Hunde den Prairiew\u00f6lfen in der Gestalt nicht wenig gleichen, und es zu vermuthen sei, da\u00df Vermischungen zwischen beiden Thieren zuweilen vorkommen.\nUeber das Gefangenleben kann ich auch aus eigener Anschauung berichten. Wir besitzen in unserm Garten einen Prairiewolf, welcher im Zimmer aufgezogen wurde und ebenso artig ist, wie ein gutm\u00fcthiger Hund, obgleich nur gegen Bekannte. Er hat ganz das Wesen des Haushundes. Bei dem Anblick seiner Freunde springt er vor Freuden hoch aus, wedelt mit dem Schw\u00e4nze und kommt dann an das Gitter heran, um sich liebkosen zu lassen. Die ihm schmeichelnde Hand leckt er jedoch nicht: er beriecht sie h\u00f6chstens. Wenn er allein ist, langweilt er sich und s\u00e4ngt dann j\u00e4mmerlich zu heulen an. Giebt man ihm aber Gesellschaft, so mi\u00dfhandelt er diese, falls er es nicht mit besseren Bei\u00dfern zu thun hat, als er einer i)t. Aus Raummangel mu\u00dfte e;r mit einem Wolfshunde, einem (Lchabrakenschakal und einem indischen Schakal zusammengesperrt werden. Da gab es anfangs arge Raufereien. ^ Sp\u00e4ter zeigte er sich \u00fcbellaunisch gegen seine Genossen-, hielt sich auch immer zur\u00fcckgezogen. Einen Nasenb\u00e4r, welcher den Nebenk\u00e4fig bewohnte, erwischte er einmal am Schw\u00e4nze bi\u00df diesen in der Mitte seiner L\u00e4nge ab und verspeiste ihn ohne Umst\u00e4nde. Lebende Thiere, welche an seinem K\u00e4fig vor\u00fcbergehen, versetzen ihn stets in gro\u00dfe Aufregung, H\u00fchnern namentlich folgt er mit der gr\u00f6\u00dften Begierde, so' lange er sie sehen kann. Er ist an Hausmannskost gew\u00f6hnt worden und zieht Brot entschieden dem Fleische vor, verachtet aber auch dieses nicht. Kleine S\u00e4ugethiere und V\u00f6gel schlingt er mit Haut und Haar oder Federn hinab. Dabei ist er so gierig, da\u00df er sich leicht \u00fcberfri\u00dft und dann die Speise wieder erbricht; er fri\u00dft das Ausgebrochene aber, wie es die Hunde zu thun pflegen, unter Umst\u00e4nden auch wieder auf. Reicht man ihm mehr Nahrung, als er wirklich zu sich nehmen kann, so verscharrt er diese geschwind in eine Ecke seines K\u00e4figs und h\u00fctet diese Speise dann mit Argusaugen, jeden seiner Kameraden mit Knurren bedrohend, sobald dieser dem Winkel nur halbwegs zu nahe kommt.\nH\u00f6chst empf\u00e4nglich zeigt er sich gegen die Klagen anderer Thiere. In das Geheul der W\u00f6lfe stimmt er stets mit ein, und selbst das Gebr\u00fcll oder Gebrumm der B\u00e4ren beantwortet er. Redet man ihn mit klagender Stimme an, ihn gleichsam bedauernd, so heult und winselt er, wie mancher Haushund unter gleichen Umst\u00e4nden Dies zu thun pflegt. Er zeigt ein au\u00dferordentliches Verst\u00e4ndni\u00df","page":419},{"file":"p0420.txt","language":"de","ocr_de":"420\nDie RauLthiere. Hunde. \u2014 Prairiewolf. Gemeiner Fuchs.\nf\u00fcr die Betonung verschiedener Laute und bez\u00fcglich Worte, ganz wie ein Hund. Er f\u00fcrchtet sich, wenn man ihn hart anredet; er versteht Schmeicheleien und l\u00e4\u00dft sich durch klagende oder bedauernde Worte zur tiefsten Wehmuth hinrei\u00dfen. Auch die Musik pre\u00dft ihm stets laute Klagen aus; doch ist es mit seiner Heulerei nicht so ernsthaft gemeint. Er l\u00e4\u00dft sich f\u00f6rmlich zureden, wie ein Mensch, und schweigt, sobald man die Stimme ver\u00e4ndert und ernsthaft ruhig mit ihm spricht. Sein Ged\u00e4chtni\u00df ist bewundernsw\u00fcrdig. Er vergi\u00dft ebensowenig Liebkosungen, als Beleidigungen. Gegen Letztere sucht er sich zu r\u00e4chen, auch nach l\u00e4ngerer Zeit, Erstere nimmt er mit gr\u00f6\u00dftem Dank entgegen. Sein W\u00e4rter mu\u00dfte ihn einmal von einem K\u00e4fig in den andern bringen und dazu nat\u00fcrlich fangen. Dies nahm er \u00dcbel und bi\u00df pl\u00f6tzlich nach dem sonst sehr geliebten Manne. Hierauf wurde er von Rechts wegen bestraft. Seit dieser Zeit aber hegt er einen tiefen Groll gegen seinen W\u00e4rter, obgleich dieser ihn fortan gut und freundlich behandelte und regelm\u00e4\u00dfig f\u00fctterte. Mir dagegen ist er, obgleich ich ihm nur selten Etwas zu fressen reichte, im hohen Grade zugethan, und niemals denkt er daran, nach mir zu bei\u00dfen. Seinen alten Herrn liebt er noch immer, obwohl dieser ihn sehr selten besucht. Er erkennt mich von Weitem und begr\u00fc\u00dft mich regelm\u00e4\u00dfig durch ein \u00e4u\u00dferst freundliches Gesicht und einladendes Schwanzwedeln, sobald ich mich zeige. Wenn ich ihn mit der Hand streichle, legt er sich gern auf den R\u00fccken, wie Hunde Dies thun, und ich darf dann mit ihm spielen, ihm die Hand zwischen das kr\u00e4ftige Gebi\u00df schieben, ja ihn selbst an dem Felle zausen, ohne da\u00df er Solches jemals \u00fcbelnehmen sollte.\nDie eigentlichen F\u00fcchse unterscheiden sich von den Haushunden, W\u00f6lfen und Schakalen durch den Sch\u00e4delbau, den l\u00e4nglichrunden, etwas schiefstehenden Augenstern und den langen, buschigen, behaarten Schwanz, noch mehr aber durch ihre geistigen F\u00e4higkeiten und ihre Lebensweise, Jedes Mitglied der th-ilnahmSwerthen Gesellschaft verdient -ine besondere Beschreibung; denn jeder Fuchs ist -in durchaus selbstst\u00e4ndig handelndes Gesch\u00f6pf und hat mehr oder weniger seine Eigen-th\u00fcmlichkeiten, obgleich selbstverst\u00e4ndlich einer dem andern mehr oder weniger \u00e4hnelt. Mir thut es ordentlich leid, da\u00df ich mich beschr\u00e4nken mu\u00df und nur von den Ausgezeichnetsten der Ausgezeichneten\nreden darf.\nUnter den in Europa einheimischen und wildlebende\u00bb S\u00e4ugethieren steht der gemeine Fuchs (Vulpes vulgaris) unzweifelhaft obenan. Kaum ein einziges anderes Mitglied der ersten Klafse qenie\u00dft -inen so hohen Ruhm und erfreut sich einer so gro\u00dfen Bekanntschaft, wie Freund R-lnecke. das Sinnbild der List, Verschlagenheit, T\u00fccke, Frevelhaftigkeit und, wie ich sagen m\u00f6chte, gemeinen Ritterlichkeit, Ihn r\u00fchmt das Sprichwort, ihn preist die Sage, ihn verherrlicht das Gedicht, und einer unserer gr\u00f6\u00dften Meister hielt ihn f\u00fcr w\u00fcrdig, seinen Gesang ihm zu widmen. Es ist gar Nicht anders m\u00f6glich: der Gegenstand einer so allgemeinen Theilnahme mu\u00df -l\u00bb ausgezeichnetes Gesch\u00f6pf sein Und das ist denn auch unser Schlankops und Strauchdieb in jeder Hinsicht, Wir m\u00fcssen ihm unsere Achtung zollen seiner geistigen, wie leiblichen Eigenschaften wegen, wir muffen ihn gewifferma\u00dfen liebgewinnen, Gleichwohl erfreut sich R-ineck- keineswegs unserer Freundschaft. Trotz der Achtung, welch-seiue F\u00e4higkeiten uns einfl\u00f6\u00dfen, wird er von uns verfolgt und befehdet, wo sich nur tmmer Gelegenheit dazu bietet, Es scheint fast, als best\u00e4nde zwischen dem Menschen und Thiere ein Wettstreit, als bem\u00fche sich der Mensch, ihm gegen\u00fcber zu zeigen, da\u00df die geistigen F\u00e4higkeiten des Erd-nb-herrschers denn doch noch die des Fuchses \u00fcbertr\u00e4fen - und R-iueck- seinerseits la\u00dft es sich angelegen sein, seinem V-rsolger immer und immer wieder zu zeigen, da\u00df man auch trotz aller Hindernisse noch\nzu ^verstehe, ^ ^ ^detes Thier in seiner Art, \u201eZierlicher, als seine Verwandten in Tracht und Haltung\", sagt Tschudi, \u201efeiner, vorsichtiger, berechnender, biegsamer, von gro\u00dfem Ged\u00e4chtni\u00df und Ortsinn, erfinderisch, geduldig, entschlossen, gleich gewandt im Springen, Schleichen, Kriechen","page":420},{"file":"p0421.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung des Fuchses.\n421\nund Schwimmen, scheint er alle Erfordernisse des vollendeten Strauchdiebes in sich zu vereinigen und macht, wenn man seinen geistreichen Humor hinzunimmt, den angenehmen Eindruck eines abgerundeten Virtuosen in seiner Art.\" Neinecke ist unbedingt der allervollendetsten Spitzbuben einer. Mit seinen leiblichen Begabungen stehen seine geistigen F\u00e4higkeiten nicht blos im Einkl\u00e4nge, sondern diese ersetzen ihm gewisserma\u00dfen die M\u00e4ngel seiner leiblichen Ausr\u00fcstung, anderen, besser begabten Raubthieren gegen\u00fcber. So versteht auch Reinecke sein Handwerk zu treiben und wahrlich, er l\u00e4\u00dft sich kaum von einem zweiten Gesch\u00f6pfe \u00fcbertreffen. Ihm scheint Nichts unerreichbar, seiner List und T\u00fccke kein Wild zu schnell oder zu stark, seiner Behendigkeit Nichts zu rasch, seiner Leichtigkeit Nichts zu gewandt zu sein. Die Gefahr w\u00fcrdigt er vollkommen, aber er f\u00fcrchtet sie nicht; denn f\u00fcr ihn sind alle Netze, Fallen, Schlingen und Iagdwaffen eigentlich kaum da; f\u00fcr ihn findet sich aus jeder Verlegenheit noch ein Ausweg, und nur die noch gr\u00f6\u00dfere Menschenlist oder die durch Verbindung mit des Fuchses eigenen Familiengenossen unberechenbar vermehrte Macht des Menschen kostet unserm Strauchdieb Haut und Haar.\nDer gemeine Fuchs (Vulpes vulgaris).\nReinecke lebt, hundertfach durch Wort und Bild gezeichnet, in Jedermanns Anschauung und ist deshalb wohl bekannt. Dennoch verdient er den weniger mit der Natur Vertrauten besonders vorgestellt zu werden. Sein Kopf ist breit, die Stirn platt, die Schnauze, welche sich pl\u00f6tzlich verschm\u00e4lert, lang und d\u00fcnn. Die Seher sind schief und die Lauscher, welche am Grunde sich verbreitern und nach oben zuspitzen, aufrecht gestellt. Der Leib erscheint seines ziemlich dichten Haarkleides wegen dick, ist in Wahrheit aber ungemein schlank, jedoch \u00e4u\u00dferst kr\u00e4ftig und der umfassendsten Bewegungen f\u00e4hig. Die L\u00e4ufe sind d\u00fcnn und kurz, die Standarte oder Lunte aber lang und buschig; der Balg ist sehr reichlich, dicht, weich, und hinsichtlich seiner F\u00e4rbung ein wirklich vollendeter zu nennen. Neinecke sammt seiner ganzen edlen Sippschaft tr\u00e4gt ein Kleid, welches seinem R\u00e4uberthum in der allervortrefflichsten Weise entspricht. Die F\u00e4rbung desselben pa\u00dft ebenso zum Laubwalde, als zum Nadelholzbestande, er sei hoch oder niedrig; sie ist f\u00fcr die Haide, wie f\u00fcr das Feld, f\u00fcr das Stein- oder Felsengekl\u00fcst gleich geeignet. Es ist ein fahles, grauliches Roth, welches sich der Bodenf\u00e4rbung f\u00f6rmlich anschmiegt und mit ihr wirklich auch mehr oder weniger wechselt. Mehr als anderen Thieren scheint dem Fuchse der Rock nach dem Lande angepa\u00dft zu sein; denn der s\u00fcdliche Fuchs ist","page":421},{"file":"p0422.txt","language":"de","ocr_de":"422\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Gemeiner Fuchs.\nvon dem n\u00f6rdlichen und der Gebirgsfuchs von dem der Ebene nicht unwesentlich in der F\u00e4rbung verschieden. Seine im Norden in der Steppe und W\u00fcste lebenden Verwandten zeigen uns ihre Gleich-f\u00e4rbigkeit mit dem Boden noch deutlicher, wie wir sp\u00e4ter sehen werden. Wenn wir das Gewand unsers Raubgesellen genau pr\u00fcfen, finden wir, da\u00df die Farbenvertheilung etwa folgende ist: Auf der ganzen Oberseite ist der Pelz rost- oder gelbroth gef\u00e4rbt, die Stirn, die Schultern und der Hinter-theil des R\u00fcckens bis zur Schwanzwurzel sind mit Wei\u00df \u00fcberlaufen, weil die einzelnen Haare an dieser Stelle in eine wei\u00dfe Spitze endigen; die Lippen, Wangen und die Kehle sind wei\u00df und ein wei\u00dfer Streifen zieht sich auch an den Beinen herab. Brust und Bauch sind aschgrau, die Weichen wei\u00dfgrau, die Vorderl\u00e4ufe roth, die Lauscher wie die Pranken oder Zehen schwarz, die Standarte rostroth oder gelbroth, schw\u00e4rzlich \u00fcberlaufen und ihre Blume oder Spitze wei\u00df. Alle diese F\u00e4rbungen gehen ganz unmerklich in einander \u00fcber, keine sticht grell von der andern ab: und daher kommt es eben, da\u00df das ganze Kleid f\u00fcr alle Verh\u00e4ltnisse so au\u00dferordentlich geeignet ist. Der vorsichtig dahinschleichende Fuchs ist kaum zu bemerken, eben weil seine ganze Umgebung ihm \u00e4hnlich gef\u00e4rbt ist und ihn dadurch deckt. Alle Verwandten unsers schlauen Burschen haben mehr oder weniger dieselbe F\u00e4rbung, nur, da\u00df sie nach der Oertlichkeit verschieden und den durch sie bedingten Abweichungen entsprechend ist. So ist der Balg der W\u00fcstenf\u00fcchse sandgelb, der der Steppenf\u00fcchse fahlgelb gef\u00e4rbt, und die Schnee- oder Eisf\u00fcchse tragen je nach der Breite ihrer Heimat tm Winter ein bl\u00e4uliches oder schneewei\u00dfes, im Sommer aber ein grauliches Gewand. Jede einzelne Fuchsart weicht hinsichtlich ihrer F\u00e4rbung vielfach ab und so auch unser Reinecke.\nDer sch\u00f6nste Rothfuchs ist der n\u00f6rdliche, welcher jedoch ebenfalls sehr ab\u00e4ndert. Je weiter man nun von dem Norden nach S\u00fcden herabkommt, um so kleiner, schw\u00e4cher und weniger roth zeigt sich der Fuchs. In flachen, sumpfigen Gegenden ist er am schlechtesten, finden sich aber bergige Strecken, dazwischen, so zeigt er sich in diesen wieder etwas besser. In Deutschland findet man die sch\u00f6nsten F\u00fcchse in der n\u00f6rdlichen Schweiz und Tirol. Im s\u00fcdlichen Theile Tirols und der Schweiz ist er als Bergfuchs noch immer ziemlich gro\u00df und rauh, aber schon mehr grau, und es kommen auch einzelne sogenannte Kohlf\u00fcchse vor. In der Lombardei und dem Venetianischen zeigt der Fuchs ein ganz anderes Gepr\u00e4ge; er ist hier kleiner, grauer und fahlgelber, und es finden sich bereits viel Kohlf\u00fcchse. Ebenso ist er in S\u00fcdfrankreich, und in Spanien ist er nun schon ganz klein und fahl geworden. Aus diesem Grunde hat man die s\u00fcdlichen F\u00fcchse als Art von den unsrigen und namentlich von den nordischen unterschieden, ob mit Recht oder Unrecht, lassen wir dahingestellt sein. Tie Unterschiede sind jedenfalls ziemlich hervorstechend, da sie sich auch auf die Gr\u00f6\u00dfe beziehen.\nUnser Fuchs ist etwa 21/4, einschlie\u00dflich der Lunte aber etwas \u00fcber B1,7^ Fu\u00df lang. Die H\u00f6he am Widerrist betr\u00e4gt etwas \u00fcber einen Fu\u00df. Die F\u00fcchsin ist schlanker gebaut und hat gew\u00f6hnlich eine spitzere Schnauze.\nReinecke bewohnt den gr\u00f6\u00dften Theil der n\u00f6rdlichen H\u00e4lfte unserer Halbkugel. Er geht durch ganz Europa, Nordafrika, West- und Nordasien, ja selbst nach Amerika hin\u00fcber. Man vermi\u00dft ihn nirgends ganz und trifft ihn in manchen Gegenden sehr h\u00e4ufig an. Seine Allseitigkeit l\u00e4\u00dft ihn aller Orten passende Wohnpl\u00e4tze finden, wo andere Raubthiere, aus Mangel an solchen, sich nicht aufhalten k\u00f6nnen, und seine List, Schlauheit und Gewandtheit bef\u00e4higt ihn, diese Wohnsitze mit einer Hartn\u00e4ckigkeit und Starrsinnigkeit zu behaupten, welche geradezu ohne Beispiel dasteht. Auf kein Thier wird so eifrig und unerbittlich Jagd gemacht, wie auf den Fuchs, und gleichwohl ist es den Menschen bisher noch durchaus nicht gelungen, ihn zu vermindern: er ist nicht auszurotten.\nDie Geselligkeit scheint der Fuchs nicht besonders zu lieben, denn er lebt' paarweise und am liebsten einzeln. Seine Wohnpl\u00e4tze werden immer mit \u00e4u\u00dferster Vorsicht gew\u00e4hlt. Es sind tiefe, gew\u00f6hnlich verzweigte H\u00f6hlen im Gekl\u00fcft, zwischen Wurzeln oder anderen g\u00fcnstigen Stellen, welche am Ende in einen ger\u00e4umigen Kessel m\u00fcnden. Wenn es nur irgend angeht, gr\u00e4bt er sich diese Baue nicht selbst, sondern bezieht alte, verlassene Dachsbaue oder zwingt Grimbart, den m\u00fcrrischen Einsiedler, , seine Wohnung zu r\u00e4umen, sei es, da\u00df er ihn hinausbei\u00dft oder durch seinen abscheulich riechenden","page":422},{"file":"p0423.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. F\u00e4rbung je nach Wohnort. Nahrung.\n423\nUnrath austreibt, indem er denselben dem reinlichen Gesellen vor die Th\u00fcre setzt. Der Hauptbau, neben welchem der Fuchs noch mehrere Nothbaue von geringerer Ausdehnung zu besitzen, bez\u00fcglich anzulegen pflegt, hat nicht selten eine Tiefe von zehn Fu\u00df, einen Umfang bis zu f\u00fcnfzig Fu\u00df und einen Kessel von drei Fu\u00df Durchmesser. Seine G\u00e4nge oder R\u00f6hren stehen durch vielfach sich durchkreuzende Querr\u00f6hren mit einander in Verbindung und m\u00fcnden auch an verschiedenen Orten nach au\u00dfen; nur zu dem eigentlichen Kessel f\u00fchrt eine einzige R\u00f6hre. Bei Verfolgung flieht der Fuchs in die erste, -beste R\u00f6hre, welche er kennt, jedoch niemals geraden Weges, sondern stets auf Umwegen, umseine Feinde zu t\u00e4uschen. Dabei ist es ihm dann vollkommen gleichgiltig, ob er seine Wohnung oder die eines seiner Mitbr\u00fcder betritt.\nBei Platzregen, Sturm, kalter Witterung und w\u00e4hrend der Paarungszeit, auch im Sommer w\u00e4hrend der gr\u00f6\u00dften Hitze, oder solange die F\u00fcchsin kleine Junge hat, findet man unsern Buschklepper regelm\u00e4\u00dfig in seinem Bau; bei g\u00fcnstiger Witterung aber schleicht er durch sein Gebiet und ruht da aus, wo sich gerade ein passendes Pl\u00e4tzchen findet, gew\u00f6hnlich im Dickicht, im Rohr, im Getreide, im Riedgrase. Die egyptischen F\u00fcchse besitzen nur h\u00f6chst selten wirkliche Baue, sondern leben unter dem milden Himmel des Landes jahraus, jahrein-im Freien, und blos die F\u00fcchsin bereitet sich f\u00fcr ihre Jungen eine nicht eben gro\u00dfe R\u00f6hre mit einem ger\u00e4umigen Kessel, um ihre Lieblinge wenigstens die erste Zeit zu verbergen.\nDer Fuchs scheint zu seinen Iagdz\u00fcgen die Nacht dem Tage vorzuziehen; jedoch jagt er auch recht gern angesichts der Sonne, an stillen Orten lieber noch, als in der Dunkelheit. Wie der Hund, h\u00e4lt auch er die W\u00e4rme sehr hoch. Bei sch\u00f6nem Weiter legt er sich auf einen alten Baumstamm oder Stein, um sich zu sonnen, und vertr\u00e4umt in behaglichster Gem\u00fcthsruhe manches St\u00fcndchen. Mit Einbruch der D\u00e4mmerung oder schon gegen Abend endigt diese Beschaulichkeit, und er beginnt nun einen seiner Schleich- und Raubz\u00fcge. Aeu\u00dferst vorsichtig strolcht er langsam dahin, \u00e4ugt und wittert von Zeit zu Zeit, sucht sich best\u00e4ndig zu decken und w\u00e4hlt deshalb immer die g\u00fcnstigsten Wege zwischen Gestr\u00fcpp, Steinen, hohen Gr\u00e4sern und dergleichen. Er achtet auf Alles und bemerkt auch das Geringste, noch ehe andere Thiere davon eine Ahnung bekommen. Seine Sinnesf\u00e4higkeiten kommen ihm dabei vortrefflich zu statten: er vernimmt, \u00e4ugt und wittert au\u00dferordentlich scharf und wei\u00df mit \u00fcberraschender Schlauheit jede gemachte Beobachtung zu benutzen. List und Verstellung sind ihm zur zweiten N\u00e4tur geworden. Ein aus die Jagd gehender Fuchs sieht harmlos aus und ist doch entschieden eins der gef\u00e4hrlichsten Raubthiere, welche wir in bewohnten Gegenden noch besitzen. Seine Jagd gilt allem m\u00f6glichen Gethier, von dem jungen oder kranken Reh an bis zu dem K\u00e4fer oder der Raupe herab, wenn auch M\u00e4use wohl*den Haupttheil seiner Mahlzeiten bilden d\u00fcrften. Der J\u00e4gerei wird er ungemein verha\u00dft, denn er verschont weder Jung noch Alt, verfolgt die Hasen und Kaninchen aufs eifrigste, pl\u00fcndert die Nester aller an der Erde br\u00fctenden V\u00f6gel aus und fri\u00dft die Eier, wie die Jungen und die Eltern. Er wagt es sogar, ein Reh- oder Hirschk\u00e4lbchen zu beschleichen, wenn er glaubt, da\u00df dieses einen Augenblick lang unbewacht ist, obgleich er wei\u00df, da\u00df ihn die Mutter, sobald sie ihn bemerkt, abtreibt und, wenn sie ihn erreichen kann, mit den starken Vorderl\u00e4ufen dergestalt durchpr\u00fcgelt, da\u00df er lendenlahm davonhinkt. Er versucht es sogar, die flugbegabten, alten V\u00f6gel zu \u00fcberlisten und kommt nicht selten zum Ziele. Au\u00dferdem pl\u00fcndert er die Herden des zahmen Gefl\u00fcgels und schleicht zur Nachtzeit bis in die H\u00f6fe einzelnstehender Bauerng\u00fcter ein. Er schwimmt und wadet durch Sumpf und Mor, um den auf dem Wasser br\u00fctenden V\u00f6geln beizukommen: es sind F\u00e4lle bekannt, da\u00df er br\u00fctende Schw\u00e4ne erw\u00fcrgt hat. Wenn er ein gutes Versteck besitzt, schleicht er dem Hausgefl\u00fcgel selbst bei hellem Tage nach. In gro\u00dfen G\u00e4rten ist er sicherlich ein viel h\u00e4ufigerer Gast, als man gew\u00f6hnlich glaubt. Dort f\u00e4ngt er sich Heuschrecken, Maik\u00e4fer und deren Larven, Regenw\u00fcrmer 2C., oder sucht sich s\u00fc\u00dfe Birnen, Pflaumen, Wein und andere Beeren zusammen. An dem Bache lungert er herum, um eine sch\u00f6ne Forelle oder einen dummen Krebs zu \u00fcberraschen; am \u00abi Meeresstrande fri\u00dft er den Fischern die Netze aus; im Walde entleert er die Schnei\u00dfen der J\u00e4ger. Im Nothfalle verzehrt er Aas und, wenn er dieses nicht hat, Kerfe aller Art: K\u00e4fer, Wespen,","page":423},{"file":"p0424.txt","language":"de","ocr_de":"424\nDie Naubthiere. Hunde. \u2014 Gemeiner Fuchs.\nBienen, Fliegen rc. So kommt es, da\u00df seine Tafel fast immer wohl bestellt ist und er nur dann in einige Noth ger\u00e4th, wenn sehr tiefer Schnee ihm seine Jagd besonders erschwert.\nEs w\u00fcrde selbst den Raum unsers Buches \u00fcberschreiten, wollte ich alle die Listen und Verstellungsk\u00fcnste hier anf\u00fchren, deren er sich bedient, um sein Wild zu beschleichen. Dagegen mu\u00df ich wohl erw\u00e4hnen, da\u00df er, falls er sich ungest\u00f6rt glaubt, mit den gefangenen Thieren, und namentlich mit den M\u00e4usen, erst lange spielt, bevor er sie tobtet, und da\u00df, wenn er Junge hat, er die Thiere diesen wo m\u00f6glich lebendig zutr\u00e4gt, um die junge R\u00e4uberbrut im Fangen zu unterrichten.\nBei allen seinen Jagdz\u00fcgen, gilt ihm die eigene Sicherheit als erstes Gesetz; ihr ordnet er alle seine L\u00fcste und Begierden unter, und eben deshalb entgeht er so vielfachen Nachstellungen. Niemals greift er eine Herde an: er weicht den Schafen fast ebenso \u00e4ngstlich aus, wie den Hunden; niemals raubt er in der N\u00e4he seines Aufenthaltsortes oder gar in der Umgebung seines Baues. Verd\u00e4chtige Beute untersucht er vorher genau, und l\u00e4\u00dft sie weit lieber im Stiche, ehe er sich der Gefahr aussetzt; deshalb schleppt er nimmermehr todte K\u00f6rper weg. Aus demselben Grunde geht er so schwer die K\u00f6der an, welche man ihm stellt, um ihn zu ber\u00fccken. Erst nachdem er Alles sorgf\u00e4ltig gepr\u00fcft hat, wendet er sich rascher, doch auch jetzt noch auf Umwegen, seinem Ziele zu.\nGanz anders benimmt er sich, wenn er sich vollkommen sicher wei\u00df. Dann verwandelt sich seine Furcht in eine wirklich unversch\u00e4mte Frechheit. Er kommt bei hellem Tage in den Hof, holt sich angesichts der Bewohner ein Huhn, eine Gans, macht sich mit seiner Beute ganz offen davon und tr\u00e4gt sie ruhig seines Weges, selbst wenn ihm die Hunde auf den Balg kommen. Nur im \u00e4u\u00dfersten Nothfalle l\u00e4\u00dft er so schwer Errungenes im Stiche, und regelm\u00e4\u00dfig kommt er dann zur\u00fcck, um zu sehen, ob er es nicht noch wegbringen k\u00f6nne. Dieselbe Frechheit bemerkt man bei ihm auch unter Umst\u00e4nden, welche ihm die schleunigste Flucht zur Nothwendigkeit machen. So packte ein Fuchs, welcher in einem Treiben von Hunden gejagt wurde und schon zweimal die Schrote um sich herum hatte pfeifen h\u00f6ren, in vollster Flucht einen kranken Hasen und trug ihn eine Strecke weit fort. Ein anderer hob sich bei einem Kesseltreiben aus dem von den J\u00e4gern umstellten Felde, packte einen verwundeten Hasen, erw\u00fcrgte ihn vor den Augen der Jagdgesellschaft, verscharrte ihn rasch noch im Schnee und entfloh dann mitten durch die Linie der Treiber und Sch\u00fctzen. Ein dritter, welcher in einer Scheune gefangen war und dort mit Knitteln und Heugabeln erschlagen werden sollte, entwischte der drohenden Gefahr gl\u00fccklich, rannte lustig davon, bemerkte auf der n\u00e4chsten Wiese G\u00e4nse, w\u00fcrgte schnell zwei von ihnen und nahm eine mit sich hinweg, gleichsam zum Hohne Derer, welche ihm den Hals brechen wollten. Forstrath Liebig erz\u00e4hlt, da\u00df ein Fuchs in M\u00e4hren auf den Hof eines Bauern kam, um H\u00fchner zu w\u00fcrgen, mit dem Stocke verjagt wurde, wiederkehrte, nochmals vertrieben wurde und zum dritten Male einr\u00fcckte, dabei aber sein Leben lassen mu\u00dfte. Aehnliche Beispiele lie\u00dfen sich wohl noch mehrere auffinden. Solche Z\u00fcge aus dem Leben des Thieres, solche Beweise von Geistesgegenwart k\u00f6nnen dem Unbetheiligten nur Vergn\u00fcgen gew\u00e4hren und eine gewisse Hochachtung f\u00fcr den schlauen Burschen abn\u00f6thigen. Die Achtung verliert sich aber bald, wenn man daran denkt, da\u00df der vortrefflichste aller Raubritter bei seinen Z\u00fcgen mehr umbringt, als er wirklich auffressen kann, und da\u00df er, wenn er es vermag, ein entsetzliches Blutbad unter der wehrlosen Herde anrichtet.\nDer Lauf des Fuchses ist schnell, ausdauernd, behend und im h\u00f6chsten Grade gewandt. Er versteht zu schleichen, unh\u00f6rbar auf dem Boden dahinzugleiten, aber auch zu laufen, zu rennen und au\u00dferordentlich weite S\u00e4tze zu machen. Selbst gute Jagdhunde sind selten im Stande, ihn einzuholen. Bei rascherem Laufe tr\u00e4gt er die Lunte gerade nach r\u00fcckw\u00e4rts gestreckt, w\u00e4hrend er sie beim Gehen auf der Erde schleppt. Wenn er lauert, liegt er fest auf dem Bauche, wenn er ruht, legt er sich nicht selten, wie der Hund, zusammengerollt auf die Seite, oder auch selbst auf den R\u00fccken; sehr h\u00e4ufig sitzt er auch ganz nach Hundeart auf dem Hintern und schl\u00e4gt dabei die Luschige Standarte zierlich um seine Vorderl\u00e4ufe. 'Sein Schlaf ist ziemlich fest; wenigstens ist es m\u00f6glich, sich dem schlafenden Fuchs einigerma\u00dfen zu n\u00e4hern. Freilich ist er bei Treibjagden immer noch der Erste, welcher an der Sch\u00fctzenreihe erscheint und sp\u00e4hend umherschaut, wo ein Ausweg zu gewinnen. Seine Stimme ist ein","page":424},{"file":"p0425.txt","language":"de","ocr_de":"i'ift und Frechheit bei seinen Jagden. Familienleben.\n425\nkurzes Gekl\u00e4ff, welches mit einem st\u00e4rkern und H\u00e4hern Kreischen endet. Man vernimmt es \u00fcbrigens von erwachsenen F\u00fcchsen blos vor st\u00fcrmischem Wetter, bei Gewittern, bei gro\u00dfer K\u00e4lte und zur Zeit der Paarung; die Jungen freilich schreien und kl\u00e4ffen, sobald sie hungrig sind oder sich langweilen. Im Zorn oder bei gro\u00dfer Gefahr knurrt oder heult der Fuchs; einen Schmerzenslaut vernimmt man von ihm blos dann, wenn er von einer Kugel getroffen worden ist: bei jeder andern Verwundung schweigt er hartn\u00e4ckig still. Im Winter, namentlich bei Schnee und Frost, schreit er laut und klagend, am \u00f6ftersten aber h\u00f6rt man ihn zur Zeit der Paarung.\nDie Ranzzeit f\u00e4llt auf das Ende Februars und dauert einige Wochen. Dabei werden unter den verschiedenen Mitbewerbern lebhafte H\u00e4ndel ausgek\u00e4mpft. Zwei F\u00fcchse bei\u00dfen sich oft mit gro\u00dfer Wuth einer F\u00fcchsin wegen. In Egypten, wo sie bei weitem nicht so vorsichtig sind, als bei uns, treiben sie die Paarung ganz offen im Felde und vergessen sich in der Liebesaufregung so weit, da\u00df sie den Menschen oft nahe herankommen lassen. Ich selbst habe einmal die F\u00fcchsin eines sich gerade begattenden Paares mit der Kugel erlegt und Dasselbe von einem meiner dortigen Jagdges\u00e4hrten gesehen. Sechszig Tage oder auch neun Wochen nach der Begattung, n\u00e4mlich Ende Aprils oder Anfangs Mai, w\u00f6lft die F\u00fcchsin im hintersten Kessel ihres Baues drei bis sechs, zuweilen aber acht bis neun Junge, welche zehn bis vierzehn Tage blind bleiben. Sie verl\u00e4\u00dft nun den Bau fast gar nicht mehr, und wird anfangs durch den Fuchs mit Nahrung versehen und auch sp\u00e4ter bei den Jagden zu Gunsten ihrer Jungen von ihm unterst\u00fctzt. Schon einen Monat nach ihrer Geburt wagen sich die netten, mit r\u00f6thlichgrauer Wolle bedeckten Raubjunker in stiller'Stunde heraus vor den Bau, um sich zu sonnen und unter einander oder mit der gef\u00e4lligen Alten zu spielen. Beide Eltern tragen ihnen Nahrung in Menge zu, von allem Anfange an auch lebendiges Wildpret: M\u00e4use, V\u00f6gelchen, Fr\u00f6sche und K\u00e4fer; die Mutter lehrt die hoffnungsvollen Spr\u00f6\u00dflinge, diese Thiere zu fangen, zu qu\u00e4len und zu verzehren. Sie ist jetzt vorsichtiger, als je, sieht in dem unschuldigsten Dinge schon Gefahr f\u00fcr ihr Gew\u00f6lse und f\u00fchrt es bei dem geringsten Ger\u00e4usche in den Bau zur\u00fcck. Daher kommt es, da\u00df es nur h\u00f6chst selten dem Beobachter gelingt, die spielende Familie zu bemerken. Wenn die Kleinen eine gewisse Gr\u00f6\u00dfe erlangt haben, liegen sie bei gutem Wetter gern morgens und abends vor dem Baue und erwarten die Heimkunft der Alten: w\u00e4hrt ihnen diese zu lange, so bellen sie und verrathen sich hierdurch zuweilen selbst. Sobald die Alte irgend eine Nachstellung merkt, tr\u00e4gt sie die Jungen im Maule nach einem andern Baue, oft ziemlich weit weg. Schon im Juli begleitet das Gew\u00f6lse die jagende Alte oder macht sich wohl auch allein auf die Jagd, sucht in der D\u00e4mmerung ein junges H\u00e4schen, M\u00e4uschen, V\u00f6gelchen und andere Thierchen zu \u00fcberraschen, und w\u00e4re es auch nur ein K\u00e4fer. \u201eSie haben,\" sagt Tschudi, \u201eschon gknz die Art der Alten. Die l\u00e4ngliche, spitze Schnauze sucht emsig am Boden die F\u00e4hrte, die feinen Oehrchen stehen gerade ausgerichtet, die kleinen, graugr\u00fcnen, schief blitzenden Aeuglein visiren scharf das Revier, die reichwollige Standarte folgt leise dem leisen Auftritte der Sohlen. Bald steht der junge J\u00e4ger mit den Vorderf\u00fc\u00dfen auf einem Steine und sp\u00fcrt umher, bald duckt er sich in den Busch, um die Ankunft der Nestv\u00f6gel zu erwarten, bald steht er heuchlerisch harmlos am Bergstalle, um den n\u00e4chtlicher Weile das muntere Volk der M\u00e4use das Heuges\u00e4me durchsucht.\" Schon Ende Juli verlassen die jungen F\u00fcchslein den Bau g\u00e4nzlich, und beziehen mit ihrer Mutter die Getreidefelder, welche ihnen reichen Fang versprechen und vollkommene Sicherheit gew\u00e4hren. Nach der Ernte suchen sie dichte Geb\u00fcsche, Haiden und R\u00f6hricht aus, bilden sich inzwischen zu vollkommen gerechten J\u00e4gern und schlauen Strauchdieben aus, und trennen sich endlich im Sp\u00e4therbst g\u00e4nzlich von der Mutter, um auf eigene Faust ihr Heil zu versuchen.\nLenz theilt Beobachtungen mit, welche die Mutterliebe der alten F\u00fcchsin auf das gl\u00e4nzendste beweisen. \u201eAm 19. April 1830 grub der J\u00e4ger des Herrn von Mergenbaum zu Nilsheim, in Gesellschaft des Hauptmanns De.\u00dfloch, Hofg\u00e4rtners Resserl und mehrerer Andrer, einen Bau mit jungen F\u00fcchsen aus. Nachdem ein scharfer Dachshund eine kurze Zeit den F\u00fcchsen vorgelegen hatte und die R\u00f6hren mit Sch\u00fctzen besetzt waren, wurde an der Stelle, wo der Hund die F\u00fcchse verrathen, stark auf den Bau geklopft, welches Klopfen die F\u00fcchsin zu dem schnellen Entschlu\u00df brachte,","page":425},{"file":"p0426.txt","language":"de","ocr_de":"426\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Gemeiner Fuchs.\ndie Flucht zu ergreifen. Sie verga\u00df aber dabei ihrer Jungen nicht, nahm eins derselben ins Maul brach neben dem vorliegenden Hunde durch, sprang aus dem Baue und lie\u00df auch jetzt das kleine nicht, fallen, obgleich mehrere Flinten ganz aus der N\u00e4he, jedoch ohne zu treffen, auf sie abgefeuert wurden.\" ___\u201eIn der N\u00e4he eines Gutes,\" erz\u00e4hlt Eckstr\u00f6m, ein schwedischer Naturforscher, \u201ehatte ein Fuchspaar seinen Bau und Junge darin. Der Verwalter stellte eine Jagd auf die alten F\u00fcchse an, erwischte sie aber nicht. Da wurden Tagel\u00f6hncr aufgeboten, den Bau zu graben. Zwei Junge wurden get\u00f6dtet, und das dritte nahm der Verwalter mit sich auf den Hof, legte ihm ein Hundehalsband an und band es dicht vor seinem Kammerfenster an einen Baum. Dies wurde am Abend des n\u00e4mlichen Tages bewerkstelligt. Am Morgen, als die Leute im Geh\u00f6fte erwachten, wurde sogleich ein Mensch hinausgeschickt, um nachzusehen, wie es mit dem jungen Fuchse st\u00e4nde. Er stand sehr tr\u00fcbselig an derselben Stelle, hatte aber einen fetten Truthahn mit abgebissenem Kopfe vor sich. Nun wurde die Magd herbeigerufen, welche die Aufsicht \u00fcber das H\u00fchnerhaus hatte, und mit Thr\u00e4nen im Auge mu\u00dfte sie gestehen, da\u00df sie vergessen hatte, die Truth\u00fchner einzutreiben. In Folge angestellter Untersuchung fand sich, da\u00df der alle Fuchs w\u00e4hrend der Nacht vierzehn Truth\u00fchner geschlachtet hatte, deren zerst\u00fcckte K\u00f6rper hier und da im Wohn- und Viehhofe herumlagen; eins hatte er, wie schon gesagt, vor sein\nangefesseltes Junge gelegt.\"\t. ? .\nSehr jung eingefangene F\u00fcchse lassen sich leicht aufziehen, weil sie sich ohne M\u00fche an Hundekost gew\u00f6hnen. Sie werden, wenn man sich viel mit ihnen abgiebt, bald und sehr zahm unb- erfreuen uti3 durch ihre Munterkeit und Beweglichkeit. W\u00e4hrend meines Aufenthalts in Egypten besa\u00df ich eine Zeit lang einen, welcher mir innerhalb meiner Wohnung wie ein Hund auf dem Fu\u00dfe nachlies und mich sehr liebte. Gleichwohl schien er Ls nicht gern zu haben, wenn ich ihn auf den Arm nahm und ihm wie den Hunden schmeichelte. Er that zwar so, als ob er vor Z\u00e4rtlichkeit und Gl\u00fcck ganz au\u00dfer sich sei, leckte mich und f\u00e4chelte wie ein Hund bei gro\u00dfer Hitze: es war aber Alles blos Heuchelei; denn er bezweckte durch seine Schmeicheleien nichts Anderes, als so schnell wie m\u00f6glich wieder wegzukommen. Dann lie\u00df er sich auch so leicht nicht wieder fangen, obwohl er immer jene heuchlerische Miene annahm, wenn ich mich ihm n\u00e4herte. Auf den H\u00fchnerh\u00f6fen meiner Nachbarn wu\u00dfte er in der allerk\u00fcrzesten Zeit sehr genau Bescheid und verfehlte auch nicht, so oft er konnte, sich von dort ein H\u00fchnchen zu holen. Bei dem geringen Preise, welchen die H\u00fchner in Egypten haben, war die Bezahlung der durch ihn umgebrachten H\u00fchner eben keine gro\u00dfe Ausgabe f\u00fcr mich, und ich leistete sie schon aus dem Grunde sehr gern, um meinem Fuchs auch sein Vergn\u00fcgen zu lassen und die Leute nicht gar zu sehr gegen ihn aufzubringen. Leider schien er die Zuneigung, welche er fr\u00fcher trotz seiner Diebereien genossen hatte, endlich doch verscherzt zu haben: man brachte ihn eines Tages als Leiche.\n\u201eVon mehreren F\u00fcchsen, welche ich aufgef\u00fcttert habe,\" erz\u00e4hlt Lenz, \u201ewar der letzte, ein Weibchen, der zahmste, weil ich ihn am kleinsten bekam. Er fing eben an, selbst zu fressen, war aber doch schon so boshaft und bei\u00dfig, da\u00df er, wenn er eine Lieblingsspeise vor sich hatte, dabei immer knurrte und, wenn ihn auch Niemand st\u00f6rte, doch rings um sich in Stroh und Holz bi\u00df. Durch freundliche Behandlung ward er bald so zahm, da\u00df er sichs gern gefallen lie\u00df, wenn ich ihm ein eben gemordetes Kaninchen aus dem blutigen Rachen nahm und statt dessen den Finger hineinlegte. Ueberhaupt spielte er, selbst 'als er erwachsen war, au\u00dferordentlich gern mit mir, war au\u00dfer sich vor Freude, wenn ich ihn besuchte, wedelte wie ein Hund und sprang winselnd um mich herum. Ebenso freundlich war er gegen jeden Fremden; ja, er unterschied Fremde schon auf f\u00fcnfzig Schritt weit, wenn sie um die Hausecke kamen sogleich von mir und lud sie mit lautem Gewinsel ein, zu ihm zu kommen, eine Ehre, welche er mir und meinem Bruder, die wir ihn f\u00fcr gew\u00f6hnlich f\u00fctterten, in der Regel nicht erwies, wahrscheinlich, weil er wu\u00dfte, da\u00df wir doch k\u00e4men. Kam ein Hund, so sprang er, jener mochte gro\u00df oder klein sein, ihm mit feuerspr\u00fchenden Augen und grinsenden Z\u00e4hnen entgegen. Er war am Tage ebenso munter, wie bei Nacht. Sein Liebstes war, wenn er an mit Fett geschmierten Schuhen nagen oder sich darauf w\u00e4lzen konnte. Anfangs befand er sich frei in einem eigens f\u00fcr ihn gebauten Stalle. Gab ich ihm da z. B. einen recht gro\u00dfen, bei\u00dfigen Hamster, so kam er gleich mit funkelnden Augen","page":426},{"file":"p0427.txt","language":"de","ocr_de":"Mutterliebe. Z\u00e4hmung.\n427\nleise geschlichen und legte sich lauernd nieder. Der Hamster faucht, fletscht die Z\u00e4hne und f\u00e4hrt grimmig auf ihn los. Er weicht aus, springt mit den geschmeidigsten Wendungen rings um den Hamster herum oder hoch \u00fcber ihn tyeg und zwickt ihn bald mit den Pfoten, bald mit den Z\u00e4hnen. Der Hamster mu\u00df sich unaufh\u00f6rlich nach ihm wenden und drehen und wirst sich endlich, wie er Das satt kriegt, auf den R\u00fccken und sucht mit Krallen und Z\u00e4hnen zugleich zu fechten. Nun wei\u00df aber der Fuchs, da\u00df sich der Hamster auf dem R\u00fccken nicht drehen kann; er geht daher in engem Kreise um ihn herum, zwingt ihn dadurch aufzustehen, packt ihn, w\u00e4hrend er sich wendet, beim Kragen und bei\u00dft ihn todt. Hat sich ein Hamster in einer Ecke festgesetzt, so ist es dem Fuchs unm\u00f6glich,' ihm beizukommen; er wei\u00df ihn aber doch zu kriegen, denn er neckt ihn so lange, bis er vor Bosheit einen Sprung thut, und packt ihn im Augenblick, wo er vom Sprunge niederf\u00e4llt. \u2014 Einst, da er kaum die H\u00e4lfte seiner Gr\u00f6\u00dfe erreicht hatte und noch nie ins Freie gekommen war, benutzte ich die Gelegenheit, wo bei einem Feste wohl achtzig Menschen versammelt waren, und setzte ihn zur Schau auf den drei Fu\u00df breiten Rand eines runden, kleinen Teiches. Die ganze Gesellschaft versammelte sich sogleich rings um das den Teich umgebende Gel\u00e4nder, und der Fuchs schlich nun, betroffen \u00fcber den unbekannten Platz und den Anblick der vielen Menschen, behutsam um den Teich herum, und w\u00e4hrend er die Ohren bald anlegte, bald aufrichtete, bemerkte man in seinem kummervollen Blicke deutlich die spuren ernsten Nachdenkens \u00fcber seine gef\u00e4hrliche Lage. Er suchte, wo gerade Niemand stand, Auswege durch das Gel\u00e4nder, fand aber keinen. Dann fiel es ihm ein, da\u00df er gewi\u00df in der Mitte am sichersten sein w\u00fcrde, und weil er nicht wu\u00dfte, da\u00df man im Wasser sinkt, so that er vom Ufer, das etwa einen Fu\u00df hoch war, einen gro\u00dfen Satz nach der Mitte zu, erschrak aber nicht wenig, wie er pl\u00f6tzlich untersank, suchte sich inde\u00df doch gleich durch Schwimmen solange zu halten, bis ich ihn herz vorzog, worauf er sich den Pelz t\u00fcchtig aussch\u00fcttelte. \u2014 Einstmals fand er Gelegenheit, bei Nacht und Nebel seinen Stall zu verlassen, ging in den Wald spazieren, gelangte am folgenden Tage nach Reinhardsbrunn, lie\u00df sich aber dort ganz gem\u00fcthlich von Leuten anlocken, aufnehmen und zu mir zur\u00fcckbringen. \u2014 Das zweite Mal, wo er ohne Erlaubni\u00df spazieren gegangen, traf er mich zuf\u00e4llig mi Walde wieder und sprang voller Seligkeit an mir empor, so da\u00df ich ihn aufnehmen konnte. \u2014 Das dritte Mal suchte ich ihn in Begleitung von sechzehn Knaben in den Ibenhainer Bergg\u00e4rten. Als wir in Masse kamen, hatte er keine Lust, sich einsangen zu lassen, sa\u00df mit bedenklicher Miene an einem Zaun und sah uns mit Mi\u00dftrauen an. Ich ging ihm von unten her langsam entgegen, redete ihm freundlich zu; er ging ebenso langsam r\u00fcckw\u00e4rts bis zur obern Ecke des Zauns, wo ich ihn zu erwischen hoffte. Dort hielt ich ihm die Hand entgegen, b\u00fcckte mich, ihn aufzunehmen, aber wupp! da sprang er mit einem Satze \u00fcber meinen Kopf hin, ri\u00df aus, blieb aber auf etwa f\u00fcnfzig Schritt stehen und sah mich an. Jetzt schickte ich alle die Knaben in weitere Ferne, parlamentirte und hatte ihn bald auf dem Arme. \u2014 Als ich ihm zum erstenmal ein Halsband umthat, machte er vor Aerger drei Ellen hohe Spr\u00fcnge, und als ich ihn nun gar anlegte, wimmerte, wand und kr\u00fcmmte er sich ganz verzweiflungsvoll, als wenn er das schrecklichste Bauchweh h\u00e4tte, und wollte Tage lang weder essen noch trinken. \u2014 Als ich einmal einen recht gro\u00dfen Kater in seinen Stall warf, war er wie rasend, fauchte, grunzte, str\u00e4ubte alle Haare, machte ungeheure Spr\u00fcnge und zeigte sich feig. Gegen mich aber bewies er sich desto tapferer; denn als ich einmal seine Geduld ersch\u00f6pft hatte, gab er mir einen Bi\u00df in bte Hand, ich ihm eine Ohrfeige, er mir wieder einen Bi\u00df und ich ihm wieder eine Ohrfeige; beim dritten Bisse packte ich ihn am Halsband und hieb ihn j\u00e4mmerlich mit einem St\u00fcckchen durch; er wurde aber desto rasender, war ganz au\u00dfer sich vor Wuth und wollte immer auf mich losbei\u00dfen. Das ist das einzige Mal gewesen, wo er mich oder sonst Jemand absichtlich gebissen hat, obgleich\nJahre lang't\u00e4glich mit ihm Leute spielten und manche ihn neckten.\"_____\nAmecke steckt jahraus, jahrein im Waldbann und ist vogelfrei; f\u00fcr ihn giebt es keine Zeit der Hegung, keine Schonung. Man schie\u00dft, f\u00e4ngt, vergiftet ihn, gr\u00e4bt ihn aus'seinem sichern Bau und schl\u00e4gt ihn mit dem gemeinen Kn\u00fcppel nieder, hetzt ihn zu Tode, holt ihn mit Schraubenziehern aus der Erde heraus, kurz, sucht ihn zu vernichten, wo immer nur m\u00f6glich und zu jeder Zeit. W\u00e4re","page":427},{"file":"p0428.txt","language":"de","ocr_de":"428\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Gemeiner Fuchs.\ner nicht so gescheit und schlau: der Mensch h\u00e4tte ihn l\u00e4ngst vollkommen ausgerottet. Er aber setzt List gegen List und seine Klugheit gegen den Menschenverstand ein und lebt so, trotz aller Befehdung, ungeachtet seiner Vogelfreiheit, sein gem\u00fcthliches Waldleben fort. Wollte ich hier alle Arten des Fuchsfanges ausf\u00fchrlich beschreiben, ich m\u00fc\u00dfte noch mehrere Seiten f\u00fcllen. Es giebt kaum eine Fangart, welche man nicht schon versucht, und keine Waffe, welche man nicht gegen den Fuchs gebraucht h\u00e4tte. Wenn man sehr vorsichtig ist, schie\u00dft man ihn auf dem Anstande, indem man ihn durch Nachahmung des Lautes eines jungen Hasen oder einer Maus herbeilockt, oder auf Treibjagden und erlegt ihn bei hellem Mondschein von der Schie\u00dfh\u00fctte aus \u2014 einem in die Erde gegrabenen, von dichtem Geb\u00fcsch verdeckten und oben mit Erde und Moos bedachten Gemacke, vor dem ein freier, wom\u00f6glich von Geb\u00fcsch umgebener Platz sich befindet, auf welchem der Fuchs geludert d. h. durch Aas gek\u00f6dert wird. \u2014 Lebendig f\u00e4ngt man ihn in Fallen aller Art, am h\u00e4ufigsten aber noch im Schwanenh\u00e4lse und Tellereisen oder auch in dem sogenannten Kunstbau. Dieser wird in der N\u00e4he des eigentlichen Fuchsbaues angelegt und besteht nur aus einer R\u00f6hre, welche in einem Bogen hufeisenf\u00f6rmig uml\u00e4uft und f\u00fcr beide Enden nur einen einzigen Eingang hat. Der hinterste Theil dieser R\u00f6hre wird etwas erweitert und h\u00f6her angelegt, als der Eingang, damit sich kein Wasser dort ansammle. Die R\u00f6hre selbst ist mit Steinplatten allseitig ausgekleidet und liegt etwa zwei Fu\u00df in der Erde. Ueber dem Kessel liegt eine gr\u00f6\u00dfere Platte dicht unter dem^Voden, welche man mit leichter M\u00fche abheben kann. Wenn nun feer. Fuchs nachts auf seine Jagd ausgegangen ist, schleicht man leise zu seinem Bau und verstopft hier alle R\u00f6hren. Der Heimkehrende versucht vergeblich, in das Innere seiner Wohnung einzudringen und fl\u00fcchtet sich, weil ihm der Tag \u00fcber den Hals kommt, in den nebenanstehenden Kunstbau, aus welchem er dann mit geringer M\u00fche ausgehoben wird. Der Fang mit dem Schwanenh\u00e4lse erfordert einen echten J\u00e4ger, welcher mit der Lebensweise und den Sitten des Thieres genauer vertraut ist. Er gl\u00fcckt nur vom Anfang Novembers bis Ende Januars, wo die Nahrung knapp ist; denn wenn der Fuchs viel zu fressen hat, f\u00e4llt es ihm gar nicht ein, den K\u00f6der anzugehen. Schon mehrere Tage, .bevor man das Eisen stellt, mu\u00df man Lockspeise oder, wie die J\u00e4ger sagen, Vorwurf auf den Platz legen und somit den Fuchs an diesen gew\u00f6hnen. Erst wenn er mehrere N\u00e4chte die Speise aufgenommen hat, wird das gereinigte und mit etwas Witterung bestrichene Eisen sangbar gestellt, mit frischer F\u00fcllung und frischem Vorwurfe versehen und sorgf\u00e4ltig den Blicken verborgen. Die gr\u00f6\u00dfte Vorsicht ist hierbei erforderlich; man darf niemals sichtbare Spuren seiner Anwesenheit zur\u00fccklassen; kein Fuchseisen darf fest angekettet werden, sonst bei\u00dft sich der Fuchs, der sich nur mit dem Laufe gefangen hat, denselben ab und entflieht rc.\nBei allen Fuchsjagden hat man Gelegenheit, die Schlauheit, den Muth und die Selbstbeherrschung des Thieres zu beobachten. \u201eUnglaublich ists,\" sagt Dietrich aus dem Winckell, \u201ewie vorsichtig der Fuchs auf f\u00fcr ihn eingerichteten Fangpl\u00e4tzen zu Werke geht. Ich hatte einst die Freude, Augenzeuge zu sein, als im harten Winter nach einem fest angekirrten Fuchs das Eisen gelegt worden war. Es fing eben an zu d\u00e4mmern, als Reinecke, durch Hunger getrieben, herangetrabt kam. Emsig und ohne Arg nahm er die entferntesten Vorwurfsbrocken an, setzte, so oft er einen verzehrte, sich gem\u00e4chlich nieder und wedelte mit der Standarte. Je n\u00e4her er dem Orte kam, wo das Eisen lag, desto behutsamer wurde er, desto l\u00e4nger besann er sich, ehe er Etwas nahm, desto \u00f6fter kreisete er den Platz. Gewi\u00df zehn Minuten blieb er unbeweglich vor dem Abzugsbissen sitzen, sah ihn mit unbeschreiblicher L\u00fcsternheit an, wagte es aber dennoch nicht zuzugreifen, bis er wieder drei- oder viermal das Ganze umkreist hatte. Endlich, als er ganz sicher zu sein glaubte, ging er wieder vor das Elsen, streckte den einen Vorderlauf nach dem Brocken aus, konnte ihn aber nicht erreichen. Wieder eine Pause, w\u00e4hrend welcher er wie vorher unverwandt den Abzugsbissen anstarrte. Endlich, wie in Verzweiflung, fuhr er rasch daraus los, und in dem Augenblicke war er mit der Halskrause geziert.\nDer Fuchs zeigt einen unglaublichen Muth und gro\u00dfe, bewunderungsw\u00fcrdige Selbstbeherrschung bei Gefahr und im Elend. Winckell hatte einst einem Fuchs den Vorderlauf dicht unterm Blatt mit der B\u00fcchse entzweigeschossen. Beim Ansrei\u00dfen schlug ihm dieser immer um den Kopf; dar\u00fcber","page":428},{"file":"p0429.txt","language":"de","ocr_de":"Jagd und Fang. Feinde. Krankheiten.\n429\n\u00e4rgerlich, fuhr er mit der Schnauze herum, bi\u00df den Lauf schnell ab und war nun eben so fl\u00fcchtig, als fehlte ihm Nichts. Ueberhaupt besitzt der Fuchs eine \u00fcberraschende Lebensz\u00e4higkeit. Es sind mehrere Beispiele bekannt, wo f\u00fcr todt gehaltene F\u00fcchse pl\u00f6tzlich wieder auf- und davonsprangen. Ganz scheintodte bissen die Leute, welche sie l\u00e4ngere Zeit schon getragen hatten, pl\u00f6tzlich f\u00fcrchterlich; Wildungen sah sogar, da\u00df ein Fuchs, dem man den Balg schon bis zu den Ohren abgestreift hatte, den Abstreifer noch t\u00fcchtig in die Finger bi\u00df. Auf drei Beinen lausen verwundete F\u00fcchse noch ebenso schnell, als auf vieren, ja sie sind selbst dann noch weggelaufen, wenn man sie angeschossen und ihre Hinterl\u00e4ufe eingehesset d. h. durch einander gesteckt hatte, wie man es bei den erlegten Hasen zu thun pflegt.\nNur wenn der Fuchs sehr hungrig ist, l\u00e4\u00dft er sich baizen oder k\u00f6dern, und auch dann erscheint er selten vor zehn Uhr des Nachts auf dem Luderplatze. Der Hunger l\u00e4\u00dft ihn zuletzt seine Klugheit g\u00e4nzlich aus den Augen setzen: er macht schlie\u00dflich einen wahren Wolf aus ihm. Es ist ein ganz gew\u00f6hnlicher Fall, da\u00df von hungrigen F\u00fcchsen schwer Verwundete ihrer eigenen Art zerrissen und aufgefressen worden sind. Ein Bekannter Winckells traf einen Fuchs dar\u00fcber an, einen andern, welcher sich \u00fcber Nacht im Schwanenh\u00e4lse gefangen hatte, zu verzehren, und zwar that er das mit so vieler L\u00fcsternheit, da\u00df der J\u00e4ger im Freien herangehen und sich durch Erlegung des R\u00e4ubers f\u00fcr den zerrissenen Balg des gefangenen Fuchses bezahlt machen konnte. Die jungen F\u00fcchse fressen zuweilen'ihre Br\u00fcder, ja selbst ihre Mutter auf. F\u00f6rster M\u00fcller sah mit an, wie sechs junge F\u00fcchse miteinander spielten, dann zankten und dabei den einen blutig bissen. Der Verwundete suchte zu entkommen, wurde aber augenblicklich von der ganzen Schar m\u00f6rderisch angefallen, umgebracht und aufgefressen. Aehnlich erging es einem jungen Fuchse, welcher angeschossen worden war, sich aber noch bis zu seinem Baue fortschleppte. Als man letztern kurze Zeit darauf \u00f6ffnete, hatten ihn seine Br\u00fcder bereits verzehrt. Wildmeister Euler scho\u00df eine s\u00e4ugende F\u00fcchsin und legte sie neben dem Bau in ein Loch, fand aber am andern Morgen nur noch den Balg und die Knochen: das Uebrige hatten die jungen F\u00fcchschen verzehrt. Gefangene F\u00fcchsinnen haben sogar ihre Kinder aufgefressen.\nAu\u00dfer dem Menschen hat der Fuchs \u00fcbrigens immer noch eine Anzahl von Feinden. Wenn ihn der Wolf fangen kann, fri\u00dft er ihn ohne Umst\u00e4nde auf, und die Hunde haben so gro\u00dfen Groll ans ihn, da\u00df sie ihn wenigstens zerrei\u00dfen. Merkw\u00fcrdig ist es aber, da\u00df tr\u00e4chtige oder s\u00e4ugende F\u00fcchsinnen h\u00e4ufig von den m\u00e4nnlichen Hunden geschont und gar nicht verfolgt werden. Die \u00fcbrigen S\u00e4ugethiere k\u00f6nnen Reinecke Nichts anhaben: unter den V\u00f6geln hat er aber mehrere sehr gef\u00e4hrliche Feinde. Der Habicht nimmt junge F\u00fcchse ohne Z\u00f6gern weg, der Jagdedelfalke (?) des Nordens halberwachsene und der Steinadler sogar erwachsene, obgleich ihm Dies zuweilen sehr schlecht bekommt. Tschudi berichtet einen solchen Fall. \u201eEin Fuchs lief \u00fcber den Gletscher und wurde blitzschnell von einem Steinadler gepackt und hoch in die L\u00fcfte gef\u00fchrt. Der R\u00e4uber fing bald an, sonderbar mit den Fl\u00fcgeln zu schlagen und verlor sich hinter einem Grat. Der Beobachter stieg zu diesem heran \u2014 da lief zu seinem Erstaunen der Fuchs pfeilschnell an ihm vorbei: \u2014 auf der andern Seite fand er den sterbenden Adler mit aufgebissener Brust. Dem Fuchs war es gelungen, den Hals zu strecken, seinen R\u00e4uber bei der Kehle zu packen und diese durchzubei\u00dfen. Wohlgemuth hinkte er nun von dannen, mochte aber wohl sein Leben lang die sausende Luftfahrt nicht vergessen. In den \u00fcbrigen Thierklassen hat der Fuchs keine Feinde, welche ihm gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnten, wohl aber solche, welche ihn bel\u00e4stigen, so namentlich viel Fl\u00f6he. Da\u00df er diese durch ein sorgf\u00e4ltig genommenes Bad in ein im Maule getragenes B\u00fcndel Mos treibe und dann durch Wegwerfen dieses B\u00fcndels sich jene unangenehmen G\u00e4ste vom Halse schasse, ist eine Fabel.\nEs ist erwiesen, da\u00df der Fuchs fast alle Krankheiten des Hundes theilt und auch von der f\u00fcrchterlichen Tollwuth befallen wird. Ja, man kennt'sogar Beispiele, da\u00df er, von dieser entsetzlichen Seuche getrieben, bei Hellem Tage in das Innere der D\u00f6rfer kam und hier Alles bi\u00df, was ihm in den Weg lief. Gl\u00fccklicher Weise sind solche F\u00e4lle selten, wie denn \u00fcberhaupt wohl auch die wenigsten F\u00fcchse ihr Leben durch Krankheiten enden d\u00fcrften. Ebenso selten m\u00f6gen sie aber wohl","page":429},{"file":"p0430.txt","language":"de","ocr_de":"430\tDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Gemeiner Fuchs. Aguarachay.\ndas h\u00f6chste Ziel ihres Alters, zw\u00f6lf bis f\u00fcnfzehn Jahre, erreichen; denn der Mensch ist ihnen doch gar zu aufs\u00e4ssig.\nIn fr\u00fcheren Zeiten vergn\u00fcgten sich die hohen Herrschaften noch ganz besonders mit dem Prellen der gefangenen F\u00fcchse. Man brachte die Thiere in einen rings umschlossenen Hof und trieb sie \u00fcber schmale und lange Netze hinweg, welche an dem einen Ende von einem Herrn, an dem andern von einer. Dame gehalten wurden. Die Mitte des Netzes lag am Boden auf, und \u00fcber sie mu\u00dften die F\u00fcchse weglaufen. Sobald sich nun einer gerade auf dem Netze befand, wurde dieses schnell straff gezogen, das Thier flog in die H\u00f6he und fiel derb auf den Boden nieder, oder unter Umst\u00e4nden auch auf einen Herrn, auf eine Dame, auf andere Netze rc., bis es endlich doch sich auf einem harten Gegenst\u00e4nde zerschmetterte. Wenn im Freien geprellt wurde, umhegte man den Platz mit hohen T\u00fcchern und bildete innerhalb derselben mehrere Gassen, durch welche die F\u00fcchse getrieben wurden, um auf die Netze zu kommen. \u201eDie gn\u00e4digsten Herrschaften sehen,\" rote Flemming erz\u00e4hlt, \u201edem Prellen mit Vergn\u00fcgen zu und delectiren sich an den vielf\u00e4ltigen Luftspr\u00fcngen und Capriolen der F\u00fcchse und Hasen, und dem Umfallen und Stolpern der Cavalliers und Dames, welche s\u00e4mmtlich in gr\u00fcner, mit Gold und Silber verchamarirter Kleidung erschienen sind. Ste schicken mit vielf\u00e4ltigem Prellen die F\u00fcchse und Hasen nach mancherley wunderlichen Figuren in die Luft, da\u00df die Herrschaft ihr Vergn\u00fcgen haben kann. Soll es nun bald zu Ende gehen, so werden junge SaueA herausgelassen, und die machen denn bey den Dames unter den Reifr\u00f6cken einen solchen Rumor, da\u00df nicht zu beschreiben....\"\nEs ist immer anziehend, die Lebensweise \u00e4hnlicher Thiere vergleichend zu betrachten: deshalb glaube ich, der langen Beschreibung des Lebens unsers Fuchses noch die Lebensschilderung anderer, engerer oder weiterer Verwandten hinzuf\u00fcgen zu d\u00fcrfen, gleichsam zur Erg\u00e4nzung des Fuchsbildes \u00fcberhaupt. Ein solcher Verwandter Neineckes ist der Aguarachay der Guaraner oder der brasilianische Fuchs (Vulpes Azarae). Das Thier \u00e4hnelt im Ganzen seinem nordamerikanischen Vertreter und auch unserm gemeinen Fuchs, ist aber kleiner, als Beide, dabei verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig kr\u00e4ftiger gebaut und besitzt einen runden Augenstern. Seine L\u00e4nge betr\u00e4gt 2 bis 21/2 Fu\u00df, die der Lunte 14 Zoll. Die F\u00e4rbung wechselt. Gew\u00f6hnlich sind Nacken und R\u00fccken schwarz, Scheitel und Kopfseiten grau, die Seiten dunkelgrau, weil aus schwarzen und wei\u00dfen Haaren gemischt, Brust und Bauch schmuzig? isabellgelb, die L\u00e4ufe vorn braun, hinten schwarz, die Pfoten braun. Eine wei\u00dfe Bl\u00e4\u00dfe im Gesicht, ein hellgelber Augenring, ein ockergelber Ohrfleck und die gleichgef\u00e4rbte Gurgel stechen von jener F\u00e4rbung ab. Die langen Borsten im Gesicht, eine Augenbinde und alle nackten Theile sind schwarz. Der Pelz besteht aus weichem Wollhaar und etwas gekr\u00e4uselten, ziemlich rauhen Grannen, welche verschieden geringelt sind und an den verschiedenen K\u00f6rpertheilen die betreffende F\u00e4rbung durch ihre helleren oder dunkleren Spitzen hervorbringen. Manchfaltige Ab\u00e4nderungen in der F\u00e4rbung und Zeichnung erschweren es, diese Art immer zu erkennen; auch sind die Forscher noch verschiedner Ansicht: die Einen vereinigen, die Anderen trennen die Abweichungen.\nDas Vaterland des Aguarachay (sprichAgaratschai) ist ganz S\u00fcdamerika, vom stillen bis zum atlantischen Weltmeer, vom Gleicher bis zur S\u00fcdspitze Patagoniens. Er findet sich in der H\u00f6he, wie in der Tiefe, scheint aber gem\u00e4\u00dfigte Landstriche den hei\u00dfen Gegenden vorzuziehen. In den Andes steigt er bis zu 16,000 Fu\u00df \u00fcber die Meeresfl\u00e4che empor. In Paraguay bewohnt er das offene Gestr\u00fcpp und meidet ebensowohl die gro\u00dfen Waldungen, wie die offenen Stellen, obgleich er beide auf seinen Iagdz\u00fcgen besucht. Er ist \u00fcberall h\u00e4ufig, h\u00e4lt sich in einem bestimmten Gebiete auf, im Sommer und Herbst allein, im Winter und Fr\u00fchling paarweise, verschl\u00e4ft den Tag und zieht abends aus, um Agutis, Pakas, Kaninchen, junge Rehk\u00e4lber, wildes und zahmes Gefl\u00fcgel zu ber\u00fccken, soll auch dem Jaguar als Bettler und Schmarotzer folgen, verschm\u00e4ht selbst Fr\u00f6sche und Eidechsen nicht, f\u00e4ngt Krebse und Krabben und wird seiner H\u00e4ufigkeit, Raubgier und Dieberei wegen zur Landplage.\nWir verdanken Azara, Rengger und Tschudi treffliche Lebensbeschreibungen des Thieres, die beste hat Rengger gegeben:","page":430},{"file":"p0431.txt","language":"de","ocr_de":"Fuchsprellen. Renggers Schilderung des Aguarachay.\n431\n\"Zch h^be zuweilen auf meinen Reisen, wenn ich die Nacht im Freien zubrachte, auf Augenblicke diesen Fuchs im Mondschein beobachten k\u00f6nnen. War ich bei einer H\u00fctte gelagert, wo Bisamenten gehalten wurden, so sah ich ihn sich mit der gr\u00f6\u00dften Vorsicht n\u00e4hern, immer unter dem Winde, damit er Menschen und Hunde schon von weitem wittern k\u00f6nnte. Mit leisem, ganz unvernehmbaren Tritt schlich er l\u00e4ngs der Umz\u00e4unung oder durch das Gras, machte oft gro\u00dfe Umwege, bis er in die N\u00e4he der Enten kam, sprang dann pl\u00f6tzlich auf eine derselben los, ergriff sie mit den Z\u00e4hnen beim Halse, so da\u00df sie kaum einen Laut von sich geben konnte und entfernte sich schnell mit seinem Raube, ihn hoch empor haltend, um im Laufe nicht gehindert zu werden. Erst in einiger Entfernung, wenn er sich ge-lichert glaubte, verzehrte er die Beute, wie man an den zur\u00fcckgelassenen Federn und Knochen wahr-\nter Aguarachay oder brasilianische Fuchs (Vnlpes Azarae).\nnehmen konnte. Wurde er durch Ger\u00e4usch gest\u00f6rt, so zog er sich sogleich in das dichteste Geb\u00fcsch zur\u00fcck, kam aber sp\u00e4ter von einer andern Seite wieder und versuchte von neuem. Manchmal erschien er vier bis f\u00fcnf mal in der N\u00e4he einer H\u00fctte, bis er den g\u00fcnstigsten Augenblick wahrgenommen hatte. Gelingt ihm der Fang nicht in einer Nacht, so macht er die folgende neue Versuche. Ich hatte einem Fuchse, welcher mir eine Ente geraubt hatte, mehrere N\u00e4chte hinter einander auflauern lassen. Er zeigte sich aber nicht, obschon wir jeden Morgen die frische F\u00e4hrte in der N\u00e4he fanden. Die erste Nacht hingegen, wo er Niemanden aus der Lauer bemerkte, besuchte er den H\u00fchnerhof.\"\n\u201eIm Walde und auf offenem Felde ist der Aguarachay in der Verfolgung der Beute weniger behutsam, weil er hier weniger Feinde zu bef\u00fcrchten hat und die kleinen S\u00e4ugethiere, welche er nicht unversehens \u00fcberfallen kann, bald einholt. Bei der Verfolgung h\u00e4lt er, wie die Jagdhunde, die Nase","page":431},{"file":"p0432.txt","language":"de","ocr_de":"432\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Aguarachay. Eisfuchs.\nnahe am Boden, sp\u00fcrt auf der F\u00e4hrte hin und windet dann mit emporgehaltener Nase von Zeit zu Zeit. Sind die Zuckerrohre ihrer Reise nahe, so besucht er die Pflanzung, und zwar nicht allein der vielen dort lebenden M\u00e4use, sondern auch des Zuckerrohrs selbst wegen. Er fri\u00dft nur einen kleinen Theil der Pflanzen, denjenigen n\u00e4mlich, der sich gleich \u00fcber der Wurzel findet und den meisten Zucker enth\u00e4lt, bei\u00dft aber jedesmal zehn und mehr Pflanzen an oder ab und richtet bedeutenden Schaden an.\"\nIn weniger bewohnten Gegenden wird der Aguarachay oder die Zorra der spanischen S\u00fcdamerikaner, oft au\u00dferordentlich frech. G\u00f6ring erz\u00e4hlte mir, da\u00df er unsern Fuchs auch bei Tage ganz in der N\u00e4he der Geh\u00f6fte gesehen habe. Das Thier besitzt ein ganz vortreffliches Ged\u00e4chtni\u00df und merkt es sich genau, wo es einmal Beute gemacht hat. Auf dem H\u00fchnerhofe, welchem es einen Besuch abstattete, mag man die H\u00fchner gut h\u00fcten: sonst kommt die Zorra sicherlich so lange wieder, als noch ein Huhn zu finden ist.\nWo er sich ungest\u00f6rt wei\u00df, treibt er sich \u00fcberhaupt ebensoviel bei Tage, als bei Nacht umher. In den S\u00fcmpfen wei\u00df er mit gro\u00dfer Geschicklichkeit Wege zu finden. Dort stellt er eifrig dem Wasser- und Sumpfgefl\u00fcgel, namentlich den Enten, Rallen, W'asserh\u00fchnchen und Wehrv\u00f6geln (Palamedea) nach und wei\u00df immer eins oder das andere der t\u00f6lpischen Jungen, ja selbst die Alten zu ber\u00fccken. Die Gauchos, welche ihn vortrefflich kennen, erz\u00e4hlten G\u00f6ring, da\u00df er sich gerade dann nach den S\u00fcmpfen verf\u00fcge, wenn J\u00e4ger dort w\u00e4ren: die Leute glauben, er4v\u00e4re so klug, um zu wissen, da\u00df die J\u00e4ger doch einen oder den andern Vogel f\u00fcr ihn erlegen w\u00fcrden.\nEinzelnen Reitern gegen\u00fcber zeigt er sich oft sehr neugierig: er kommt, wenn er den Tritt emes Pferdes vernimmt aus dem Geb\u00fcsch hervor, stellt sich offen mitten auf die Stra\u00dfe und schaut Reiter und Pferd unverwandt an, l\u00e4\u00dft auch Beide manchmal bis auf f\u00fcnfzig Schritte und noch n\u00e4her an sich herankommen, bevor er sich zur\u00fcckzieht. Ein solcher R\u00fcckzug geschieht keineswegs mit gro\u00dfer Eile, sondern langsam, Schritt f\u00fcr Schritt. Der Fuchs trollt in aller Gem\u00fcthlichkeit davon und schaut sich noch viele Male nach der ihn fesselnden Erscheinung um, fast als wolle er Ro\u00df und Reiter verh\u00f6hnen. Merkt er dagegen, da\u00df man Miene macht, ihn zu verfolgen, so sucht er so eilig als m\u00f6glich sein Hell in der Flucht und ist dann in k\u00fcrzester Frist im dichten Gestr\u00fcpp verschwunden.\n,Jm Winter, zur Zeit der Begattung,\" f\u00e4hrt Rengger fort, \u201esuchen sich belle Geschlechter auf, und lassen dann h\u00e4ufig abends und bei Nacht den Laut A-gua-a vernehmen, welchen man sonst nur h\u00f6rt, wenn eine Wetterver\u00e4nderung bevorsteht. M\u00e4nnchen und Weibchen bauen sich nun em gemem-schaftliches Lager im Geb\u00fcsch, unter losen Baumwurzeln, in den verlassenen H\u00f6hlen des Tatu u. s. w. Einen eignen Ban graben sie nicht. 3m Fr\u00fchjahr, d. h. im Weinmonat, wirst das Weibchen h,er drei bis f\u00fcnf 3unge. welche sie in den ersten Wochen mit selten verla\u00dft. Das M\u00e4nnchen tragt ihnen Rand m. Sobald die Jungen fteffen k\u00f6nnen, gehen beide Alten ans die Jagd ans und versorgen ihre Brut gemeinschaftlich. Gegen End- de\u00ab Christmonds trifft man schon junge Aguarachay\u00ab an. welche der Mutter aus ihren Streifereien folgen. Um diese Zeit trennt sich der Fuchs von der Familie, und\nspater v^rla\u00dft^auch da\u00ab W-nbch-n^dw In 9^ ^ ^ Egling -ingefangen nnd gez\u00e4hmt Geschieht\ndas Letztere mit Sorgsalt. so kann er zum Hausthier gemacht werden. Ich sah ihrer zwei. \u00ab\u00b0lch\u00b0 s\u00e4st zahm waren, wie Haushunde, obgleich nicht so folgsam. Beide waren ganz ,ung einer saugenden H\u00fcndin angelegt nnd mit deren Gew\u00f6lse aufgezogen worden. Ihren Herrn lernten siebaw kennen kamen ans seinen Rus zu ihm. suchten ihn zuweilen von selbst ans. frtetten mit .ljmum H\u00e4nde. Gegen unbekannte Personen waren sie gleichgiltig. Mit ihren Stiefgeschwistern hatten s sich gut vertragen; beim Anblick fremder Hunde str\u00e4ubten sie ihr Haar und fingen au zu bellen. \u00a9 liefen frei umher, ohne da\u00df sie zu entfliehen suchten, obgleich sie oft ganze Nachte hindurch d\u00b0ni Haus-abwesend waren. Durch Schl\u00e4ge konnten sie von einer Handlung abgeh-ilten aber weder dnr^ noch durch Gewalt zu Etwas gezwungen werden. Die Gefangenschaft hatte ihre anges\t\u2019\nweise nur wenig ver\u00e4ndert. Sie schliefen den gr\u00f6\u00dften Theil des Tages hindurch, \u00abachkn g-g n Abend aus. liefen dann einig- Zeit im Hans- herum und suchten sich ihre Nahrung aus spielte","page":432},{"file":"p0433.txt","language":"de","ocr_de":"Frei- und Gefangenleben des Aguarachay.\n433\nmit ihrem Herrn. Mit einbrechender Nacht verlie\u00dfen sie das Haus und jagten, wie die wilden, in Wald und Feld oder stahlen von den benachbarten H\u00fctten H\u00fchner und Enten weg; gegen Morgen kehrten sie nach Hause zur\u00fcck. Allein auch da war das zahme Gefl\u00fcgel nichts weniger als sicher vor ihnen, falls sie dasselbe unbemerkt rauben konnten; sowie sie sich aber beobachtet glaubten, warfen sie keinen Blick auf die H\u00fchner.\"\n\u201eDa beide Thiere ihren Stiefgeschwistern sehr zugethan waren, begleiteten sie dieselben gew\u00f6hnlich, wenn ihr Herr mit ihnen auf die Jagd ritt, und halfen das Wild aufsuchen und verfolgen. Ich selbst habe mit diesen F\u00fcchsen mehreremal gejagt und war erstaunt \u00fcber ihren \u00e4u\u00dferst feinen Geruch, indem sie im Aufsuchen und Verfolgen einer F\u00e4hrte die besten Hunde \u00fcbertrafen. War ein Wild aufgestochen, so verloren sie nie die Spur, dieselbe mochte auch noch so oft durch andere gekreuzt sein. Am liebsten jagten sie Rebh\u00fchner, Agutis, Tatus und junge Feldhirsche, alles Thiere, welchen sie auf ihren n\u00e4chtlichen Streifereien nachzustellen gew\u00f6hnt waren. Auch gro\u00dfe Hirsche, Pekaris und selbst den Jaguar halsen sie jagen. W\u00e4hrte aber die Jagd mehrere Stunden fort, so erm\u00fcdeten sie viel fr\u00fcher, als die Hunde, und kehrten dann nach Hause zur\u00fcck, ohne aus das Zurufen ihres Herrn zu achten.\"\n\u201eBei dieser Gelegenheit beobachtete ich eine sonderbare Gewohnheit des Aguarachay, von welcher mir schon J\u00e4ger gesprochen hatten. Wenn er n\u00e4mlich ein St\u00fcck Leder oder einen Lappe\u00fc Tuch oder sonst einen ihm unbekannten Gegenstand auf seinem Wege antrifft, ergreift er denselben mit den Z\u00e4hnen, tr\u00e4gt ihn eine Strecke weit und versteckt ihn dann in einem Geb\u00fcsch oder im hohen Grase, worauf er seinen Lauf fortsetzt, ohne sp\u00e4ter zu der Stelle zur\u00fcckzukehren. Dieser Sitte wegen m\u00fcssen die Reisenden, welche die N\u00e4chte unter freiem Himmel zubringen, ihre Z\u00e4ume, S\u00e4ttel und Gurte gut verwahren, sonst werden sie ihnen leicht von dem Aguarachay weggetragen, nicht aber, wie Azara behauptet, gefressen. Mir wurde aus meiner Reise ein Zaum, einem meiner Reisegef\u00e4hrten ein Schnupftuch entwendet: Beides fanden wir am andern Morgen in einiger Entfernung von unserm Lager unversehrt im dichten Gestr\u00fcpp wieder. (Tschudi fand in einer H\u00f6hle des Thieres ein St\u00fcck Steigb\u00fcgel, einen Sporen und ein Messer, welche ebenfalls von dem Aguarachay herbeigeschleppt worden waren).\nDer Balg des Aguarachay wird nur selten, das Fleisch aber, seines widrigen Geruches und Geschmackes wegen, niemals von den Eingebornen Paraguays benutzt. Dennoch wird ihm des Schadens wegen, den er anrichtet, h\u00e4ufig nachgestellt. Man s\u00e4ngt ihn in Fallen oder schie\u00dft ihn abends auf der Lauer oder hetzt ihn mit Hunden, zu Tode. Zu diesem Ende sucht man ihn aus dem Geb\u00fcsch, in dem er sich versteckt hat, ins Freie zu treiben, damit ihn die berittenen J\u00e4ger zugleich mit den Hunden verfolgen k\u00f6nnen. Anfangs l\u00e4uft er sehr schnell, so da\u00df ihn die Reiter beinahe aus den Augen verlieren. Nach einer Viertelstunde aber f\u00e4ngt er au, m\u00fcde zu werden, und wird nun bald eingeholt. Gegen die Hunde sucht er sich zu vertheidigen, wird aber sogleich von ihnen in St\u00fccke zerrissen. Es h\u00e4lt \u00fcbrigens schwer genug, einen Aguarachay aus seinem Schlupfwinkel hinaus ins Freie zu treiben, indem ihm die Hunde in der Gewandtheit weit nachstehen, durch das verschlungene Geb\u00fcsch und die stachlichen Bromelien durchzuschl\u00fcpfen. In Peru zahlt der Grundbesitzer f\u00fcr jeden Fuchs, welcher ihm abgeliefert wird, ein Schaf. Die Indianer stellen deshalb dem Aguarachay, welcher dort Atoj hei\u00dft, eifrig nach, und die Herdenbesitzer ihrerseits suchen eine Ehre darin, ihre Geb\u00e4ude mit m\u00f6glichst vielen ausgestopften Fuchsb\u00e4lgen zu verzieren. \u00c4u\u00dfer dem Menschen mag der Aguarachay keinem andern Feinde unterliegen. Sein scharfes Geh\u00f6r und seine \u00e4u\u00dferst feine Nase sichern ihn vor jedem unversehenen Ueberfall, und der Verfolgung entgeht er dann leicht durch seine Schnelligkeit.\nAuch im Thierreich giebt es ausgeartete Mitglieder guter Familien; auch hier finden sich Verwandte, welche sich leiblich au\u00dferordentlich nahe stehen und geistig doch in jeder Hinsicht unterscheiden. Ein solcher, wirklich aus der Art geschlagner Bursch ist der Eis-, Polar- oder Steinfuchs (Vulpes lagopus), einer der n\u00e4chsten Vettern unsers Reinecke und ihm gleichwohl in Sitten und Lebensweise durchaus un\u00e4hnlich, eines der einf\u00e4ltigsten und zugleich zudringlichsten, der d\u00fcmmsten und doch auch\nschlausten Glieder der Fuchsfamilie. Ich selbst bin auf meinen vielj\u00e4hrigen Reisen von keinem Thier Brehm, Thierleben.\t'\toe","page":433},{"file":"p0434.txt","language":"de","ocr_de":"434\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Eisfuchs.\nmehr \u00fcberrascht oder in Erstaunen versetzt worden, als gerade von dem Eisfuchse. Kein anderes mir bekanntes S\u00e4ugethier, kein Vogel, ja kein Wirbelthier \u00fcberhaupt, scheint in gleich st\u00f6rrischer Weise an dem einmal Gewohnten festzuhalten und alle Erfahrungen so hartn\u00e4ckig in den Wind zu schlagen, wie dieser nordische Fuchs, der Verwandle des unsrigen, welcher sich bekanntlich mit \u00fcberraschender F\u00e4higkeit in jede Ortsgelegenheit zu schicken und alle Erfahrungen auf das beste zu benutzen wei\u00df.\nDen Eisfuchs kennzeichnen seine geringere Gr\u00f6\u00dfe (sein Leib ist h\u00f6chstens zwei Fu\u00df und seine Standarte nur einen Fu\u00df lang), seine kurzen L\u00e4ufe, seine stumpfe und starke Schnauze, seine kurzen, rundlichen Lauscher und der sehr dichte, langhaarige, fast filzige Balg, welcher im Sommer wie im Winter eine der Oertlichkeit vollkommen entsprechende F\u00e4rbung hat. Wie die meisten nordischen ^Thiere, wechselt auch er zweimal sein Kleid und erscheint so im Sommer entweder felsen- oder erdfarbig, im Winter aber schnee- oder eisfarbig. Vielfache Ab\u00e4nderungen kommen nun vor. Es giebt reinwei\u00dfe mit schwarzer Schwanzspitze, eisblaue, bleifarbige, braune oder r\u00f6thlichbraune, auch im Winter, und im Sommer schmuziggraue, braunr\u00f6thliche, braune u. s. w.\nDer Eisfuchs (Vulpes lagopus).\nWie der Name sagt, bewohnt der Eisfuchs die Polargegenden oder die L\u00e4nder, in denen es viel Eis giebt, und zwar die der alten Welt ebensogut, wie die der neuen, die Inseln nicht seltner, als das Festland. Bei ihm ist es wirklich anzunehmen, da\u00df er sich mit den Eisbergen \u00fcber die gayze n\u00f6rdliche Erde verbreitet hat; wenigstens sah man sehr viele oft auf solchen nat\u00fcrlichen F\u00e4hren im Meere schwimmen oder fand ihn, als einziges Lands\u00e4ugethier, auf Eilanden, welche weit von anderen entfernt sind, in \u00fcberraschender Menge vor, konnte also nur annehmen, da\u00df er hier einmal eingewandert. Aus freiem Antriebe geht er nicht leicht \u00fcber den sechzigsten Grad n\u00f6rdlicher Breite nach dem S\u00fcden hinab; ausnahmsweise kommt er nur in Sibirien s\u00fcdlicher vor. An allen Orten, welche ihn beherbergen, ist er h\u00e4ufig, am h\u00e4ufigsten aber doch auf Inseln, von denen er nicht so leicht wieder auswandern kann. So ist er denn auch allen nordischen V\u00f6lkern sehr bekannt. Die Russen nennen ihn \u201eH\u00fcndchen (Pessez), die Tartaren Wei\u00dffuchs (Aik-tilkoe), die Jakuten Kyrrsa, die Samojeden Noga und\nSellero, die Ostj\u00e4ken Ki\u00f6n, die Turgusen Tschitara rc.\nMan kann eben nicht sagen, da\u00df der Eisfuchs bei dem Menschen besonders beliebt sei. Seme Dreistigkeit und Unversch\u00e4mtheit erbittern vielmehr alle Leute gegen ihn; man betrachtet ihn geradezu als Landplage.","page":434},{"file":"p0435.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Aufenthalt. Geistesf\u00e4higkeiten. Stellers Schilderung.\n435\nNur bei bevorstehendem Unwetter oder an Orten, an denen er sich nicht recht sicher f\u00fchlt, zieht er sich in H\u00f6hlen im Gekl\u00fcft oder auch in selbstgegrabene R\u00f6hren zur\u00fcck und wagt sich dann blos des Nachts heraus, um auf Raub auszugehen. An allen Orten jedoch, wo er auch bei Tage nicht n\u00f6thig hat, sich vor dem Menschen zu verbergen, nimmt er sich nicht die M\u00fche, selbst Gruben und H\u00f6hlen f\u00fcr sich zu scharren, sondern lauert unter Steinen, B\u00fcschen, abgeworfenen Argalih\u00f6rnern und \u00e4hnlichen Verstecken aus Beute. Er ist kein Kostver\u00e4chter und nimmt mit aller thierischen Nahrung vorlieb. Unter den S\u00e4ugethieren f\u00e4llt ihm Alles zur Beute, was er bew\u00e4ltigen kann; am liebsten jagt er auf M\u00e4use. Die Z\u00fcge der Lemminge verfolgt er oft Meilen weit und setzt ihnen auch \u00fcber die Fl\u00fcsse und Meere nach. Man versichert, da\u00df oft der vierte Theil des Zuges solcher M\u00e4use ihm zur Beute wird. Aus der Klasse der V\u00f6gel raubt er Schneeh\u00fchner, Regenpfeifer, Strand- und Seev\u00f6gel, sobald er diese erwischen kann, und. namentlich den Bruten dieser Thiere wird er sehr verderblich. Au\u00dferdem beansprucht er Alles, was das Meer von Thieren auswirft, sie m\u00f6gen einer Klasse angeh\u00f6ren, welcher sie wollen. Im Nothfall fri\u00dft er selbst thierischen Auswurf und dergleichen, oder er dringt in das Innere der H\u00e4user ein und stiehlt hier weg, was sich forttragen l\u00e4\u00dft, selbst ganz unn\u00fctze Dinge. Wenn er viel Nahrung hat, vergr\u00e4bt er einen Theil derselben und sucht ihn zu gelegener Zeit wieder auf. Dasselbe thut er auch, wenn er f\u00fcrchtet, von dem Menschen gest\u00f6rt zu werden. Diese Vorrathskammern werden, nachdem sie gef\u00fcllt sind, wieder zugescharrt und mit der Schnauze so glatt geebnet, da\u00df man sie nicht im geringsten bemerken kann.\nMan trifft den Eisfuchs h\u00e4ufig in Gesellschaften; gleichwohl herrscht keine gro\u00dfe Eintracht unter diesen: es finden vielmehr blutige K\u00e4mpfe statt, welche f\u00fcr den Zuschauer sehr viel Erg\u00f6tzliches haben. Einer fa\u00dft dabei den Andern, wirft ihn zur Erde, tritt mit den F\u00fc\u00dfen auf ihm herum und h\u00e4lt ihn so lange fest, bis er ihn hinreichend gebissen zu haben glaubt. Dabei schreien die K\u00e4mpen, wie die Katzen. Wenn sie ungeduldig werden, heulen sie mit heller Stimme; ein freiwilliges Bellen dagegen hat man selten von ihnen geh\u00f6rt.\nDie geistigen F\u00e4higkeiten des Thieres sind keineswegs gering; demungeachtet zeigen sich gerade bei der Beobachtung des Geistigen die sonderbarsten Widerspr\u00fcche, und man ger\u00e4th oft in Zweifel, wie man diese oder jene Handlung zu beurtheilen habe. List, Verschlagenheit, Kunstfertigkeit, kurz, Verstand zeigten Alle, welche beobachtet wurden: dabei aber bemerkte man eine Dummdreistigkeit, wie bei kaum einem andern Thiere. Hiervon habe ich mich selbst \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Wir, mein norwegischer J\u00e4ger und ich, begegneten nach Sonnenuntergang einem dieser F\u00fcchse auf dem Dover-sjeld itt Norwegen und schossen siebenmal nach ihm, ohne ihn bei der herrschenden D\u00e4mmerung genau auf das Korn nehmen undIomit auch erlegen zu k\u00f6nnen. Anstatt nun die Flucht zu ergreifen, folgte uns dieser Fuchs noch wohl zwanzig Minuten lang, wie ein gutgezogner Hund seinem Herrn, und erst da, wo das felsige Gebiet endete, hielt er es f\u00fcr gerathen, umzukehren. Er lie\u00df sich durch gutgezielte Steinw\u00fcrfe ebensowenig vertreiben, als er sich von den hart vor\u00fcberpfeifenden Kugeln hatte in die Flucht schlagen lassen. Mein J\u00e4ger erz\u00e4hlte mir, da\u00df er das Thier mehrmals mit den H\u00e4nden gefangen h\u00e4tte, weil es ohne Umst\u00e4nde auf ihn zugekommen und sich neugierig fragend vor ihm hingesetzt habe. Einmal wurde ihm sogar von Eisf\u00fcchsen die Renthierdecke angefressen, unter welche er sich gelegt hatte. Seine einsam im Gebirg stehende H\u00fctte wurde des Winters regelm\u00e4\u00dfig von ihnen gepl\u00fcndert, und er mu\u00dfte f\u00f6rmliche Vorsichtsma\u00dfregeln ergreiftn, um diese zudringlichen Thiere los zu werden. Ich erw\u00e4hne diese Thatsachen nur fl\u00fcchtig, und zwar haupts\u00e4chlich aus dem Grunde, um zu beweisen, da\u00df der Eisfuchs sich \u00fcberall gleichbleibt.\nDie ausf\u00fchrlichste und zugleich anziehendste Schilderung dieser Thiere hat schon im vorigen Jahrhundert der ber\u00fchmte Seefahrer Steller gegeben; und wenn dieselbe auch vielfach im Auszuge nacherz\u00e4hlt worden ist, halte ich es doch f\u00fcr angemessen, sie hier vollst\u00e4ndig folgen zu lassen.\n\u201eVon vierf\u00fc\u00dfigen Landthieren giebt es auf Behringseiland nur die Stein- oder Eisf\u00fcchse, welche ohne Zweifel mit dem Treibeis dahingebracht worden und, durch den Seeauswurf gen\u00e4hrt, sich unbeschreiblich vermehrt haben. Ich habe die Natur dieser an Frechheit, Verschlagenheit und Schalkhaftig-","page":435},{"file":"p0436.txt","language":"de","ocr_de":"436\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Eisfuchs.\nfeit den gemeinen Fuchs weit \u00fcbertreffenden Thiere nur mehr als zu genau w\u00e4hrend unsers ungl\u00fcckseligen Aufenthalts auf diesem Eilande kennen zu lernen Gelegenheit gehabt. Die Geschichte der unz\u00e4hligen Possen, die sie uns gespielt, kann wohl der Affenhistorie des Albertus Julius auf der Insel Sarenburg die Waage halten. Sie dr\u00e4ngten sich in unsere Wohnungen sowohl bei Tage, als bei Nacht ein, und stahlen Alles, was sie nur fortbringen konnten, auch Dinge, die ihnen gar Nichts nutzten, als Messer, St\u00f6cke, S\u00e4cke, Schuhe, Str\u00fcmpfe, M\u00fctzen u. s. w. Sie wu\u00dften so unbegreiflich k\u00fcnstlich eine Last von etlichen Pud von unseren Vorrathsf\u00e4ssern herabzuw\u00e4lzen und das Fleisch daraus zu stehlen, da\u00df wir es anfangs kaum ihnen zuschreiben konnten. Wenn wir einem Thier das Fell abzogen, so geschah es oft, da\u00df wir zwei bis drei St\u00fcck F\u00fcchse dabei mit Messern erstachen, weil sie uns das Fleisch aus den H\u00e4nden rei\u00dfen wollten. Vergruben wir Etwas noch so gut und beschwerten es mit Steinen, so fanden sie es nicht allein, sondern schoben, wie Menschen,. mit den Schultern die Steine weg und halfen, unter denselben liegend, einer dem andern aus allen Kr\u00e4ften. Verwahrten wir Etwas auf einer S\u00e4ule in der Luft, so untergruben sie dieselbe, da\u00df sie umfallen mu\u00dfte, oder einer von ihnen kletterte wie ein Affe oder Katze hinauf und warf das darauf Verwahrte mit unglaublicher Geschicklichkeit und List herunter. Sie beobachteten all unser Thun und begleiteten uns, wir mochten vornehmen, was wir wollten. Warf die See ein Thier aus, so verzehrten sie es, ehe noch ein Mensch dazu kam, zu unserm gr\u00f6\u00dften Nachtheil; und konnten sie nicht Alles gleich auffressen, so schleppten sie es st\u00fcckweise auf die Berge, vergruben es vor uns unter Steinen und liefen ab und zu, solange noch was zu schleppen war. Dabei standen andere auf Posten und beobachteten der Menschen Ankunft. Sahen sie von fern Jemand kommen, so vereinigte sich der ganze Haufe und grub gemeinschaftlich in den Sand, bis sie einen Biber oder Seeb\u00e4ren so sch\u00f6n unter der Erde hatten, da\u00df man keine Spur davon erkennen konnte. Zur Nachtzeit, wenn wir auf dem Felde schliefen, zogen sie uns die Schlafm\u00fctzen und Handschuh von und unter den K\u00f6pfen und die Biberdecken und H\u00e4ute unter dem Leibe weg. Wenn wir uns auf die frisch geschlagenen Biber legten, damit sie nicht von ihnen gestohlen w\u00fcrden, so fra\u00dfen sie unter dem Menschen ihnen das Fleisch und Eingeweide aus dem Leibe. Wir schliefen daher allezeit mit Kn\u00fctteln in den H\u00e4nden, damit wir sie, wenn sie uns weckten, damit abtreiben und schlagen k\u00f6nnten.\"\n\u201eWo wir uns auf dem Wege niedersetzten, da warteten sie auf uns, und trieben in unserm Angesicht hunderterlei Possen, wurden immer frecher, und wenn wir still sa\u00dfen, kamen sie so nahe, da\u00df sie die Riemen von unsern neumodischen, selbstverfertigten Schuhen, ja die Schuhe selbst auffra\u00dfen. Legten wir uns, als ob wir schliefen, so berochen sie uns bei der Nase, ob toft todt oder lebendig seien; hielt man den Athem an sich, so zupften sie wohl gar an der Nase und wollten schon anbei\u00dfen. Bei unserer ersten Ankunft fra\u00dfen sie unsere Todten, w\u00e4hrend da\u00df Gruben f\u00fcr sie gemacht wurden, die Nase und Finger an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen ab, machten sich auch wohl gar \u00fcber die Schwachen und Kranken her, da\u00df man sie kaum abhalten konnte. Einen Matrosen, der in der Nacht auf den Knien sitzend zur Th\u00fcr der H\u00fctte hinausharnen wollte, haschte ein Fuchs an dem entbl\u00f6\u00dften Theil und wollte seines Schreiens ungeachtet nicht bald loslassen. Niemand konnte, ohne einen Stock in der Hand, seine Nothdurft verrichten, und den Koth fra\u00dfen sie gleick so begierig, wie die Schweine oder hungrigen Hunde weg. Jeden Morgen sah man diese unversch\u00e4mten Thiere unter den am Strande liegenden Seel\u00f6wen und Seeb\u00e4ren herumlaufen und die schlafenden beriechen, ob nichts Todtes darunter sei: fanden sie solches, so ging es gleich an ein Zerfleischen, und man sah sie alle mit Schleppen bem\u00fcht. Weil auch besonders die Seel\u00f6wen des Nachts im Schlaf ihre Jungen erdr\u00fccken, so untersuchten sie, dieses Umstands gleichsam bewu\u00dft, alle Morgen ihre Herden St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck und schleppten die todten Jungen wie Schinder davon.\"\n\u201eWeil sie uns nun weder Tag noch Nacht ruhen lie\u00dfen, so wurden wir in der That dergestalt auf sie erbittert, da\u00df wir Jung und Alt todtschlugen, ihnen alles Herzeleid anthaten und, wo wir nur konnten, sie auf die grausamste Art marterten. Wenn wir des Morgens vom Schlaf erwachten, lagen immer zwei oder drei Erschlagene vor unseren F\u00fc\u00dfen, und ich kann wohl w\u00e4hrend meines","page":436},{"file":"p0437.txt","language":"de","ocr_de":"Stellers Schilderung. Fortpflanzung. Das Fell.\t437\nAufenthalts auf der Insel auf mich allein \u00fcber zweihundert ermordete Thiere rechnen. Den dritten Tag nach meiner Ankunft erschlug ich binnen drei Stunden \u00fcber siebenzig mit einem Beil, aus deren Fellen das Dach \u00fcber unserer H\u00fctte verfertigt ward. \u2014Aufs Fressen sind sie so begierig, da\u00df man ihnen mit der einen Hand ein St\u00fcck Fleisch vorhalten und mit der andern die Axt oder den Stock f\u00fchren konnte, um sie zu erschlagen. Wir legten einen Seehund hin, standen mit einem Stock nur zwei Schritte davon und machten die Augen zu, als ob wir sie nicht s\u00e4hen: bald kamen sie angestiegen, fingen an zu fressen und wurden erschlagen, ohne da\u00df sich daran die andern h\u00e4tten spiegeln und entlaufen sollen. Wir gruben ein Loch oder Grab und warfen Fleisch oder ihre todten Kameraden hinein; ehe man sichs versah, war die ganze Grube voll, da wir denn mit Kn\u00fctteln Alles erschlugen. Obgleich wir ihre sch\u00f6nen Felle, deren es hier wohl \u00fcber ein Drittheil der bl\u00e4ulichen Art giebt, nicht achteten, auch nicht einmal abzogen, lagen wir doch best\u00e4ndig gegen sie, als unsere geschwornen Feinde, zu Felde. Alle Morgen schleppten wir unsere lebendig gefangenen Diebe bei den Schw\u00e4nzen zur Hinrichtung oder Bestrafung vor die Kaserne auf den Richtplatz, wo einige enthauptet, anderen die Beine zerschlagen oder eines nebst dem Schw\u00e4nze abgehauen wurde. Einigen stach man die Augen aus, andere wurden bei den F\u00fc\u00dfen paarweise und lebendig aufgehangen, da sie sich einander todt-bei\u00dfen mu\u00dften. Einige wurden gesenget, andere mit Katzen zu Tode gepeitscht. Das Allerl\u00e4cherlichste ist, wenn man sie erst beim Schw\u00e4nze festh\u00e4lt, da\u00df sie aus allen Kr\u00e4ften ziehen, und dann den Schwanz abhaut; da fahren sie einige Schritte voraus und drehen sich, wenn sie den Schwanz misten, \u00fcber zwanzigmal im Kreise herum. Dennoch lie\u00dfen sie sich nicht warnen und von unsern H\u00fctten abhalten, und zuletzt sah man unz\u00e4hlige ohne Schwanz oder mit zwei oder drei Beinen auf der Insel herumlaufen.\"\n\u201eWenn diese gesch\u00e4ftigen Thiere einer Sache Nichts anhaben k\u00f6nnen, wie z. B. Kleidern, die wir zuweilen ablegten, so loseten und harnten sie darauf, und dann geht selten einer vorbei, der Dies nicht thun^sollte. Aus Allem ersah man, da\u00df sie hier nie einen Menschen mu\u00dften gesehen haben, und da\u00df die Furcht vor den Menschen den Thieren nicht angeboren, sondern auf lange Erfahrung gegr\u00fcndet sein m\u00fcsse.\"\nDiese Ansicht Stellers ist jedenfalls unrichtig; denn wenn die Eisf\u00fcchse \u00fcberhaupt Erfahrung befolgen wollten, m\u00fc\u00dften sie sich in Norwegen ganz anders zeigen, als auf Behringseiland. Sie sind aber hier und da dieselben. Genau an den n\u00e4mlichen Orten, wo in Skandinavien Eisf\u00fcchse leben, kommen auch Rothf\u00fcchse vor, und Freund Reinecke zeigt sich in Lappland gerade ebenso listig und verschlagen, wie bei uns zu Lande.\nDie Ranzzeit des Eisfuchses f\u00e4llt, seinen heimatlichen Verh\u00e4ltnissen entsprechend, etwas sp\u00e4ter, als die des Rothfuchses, n\u00e4mlich in die Monate April und Mai. Die Begattung verrichten die Eisf\u00fcchse mit vielem Geschrei, wie die Katzen. Sie rammeln Tag und Nacht und bei\u00dfen sich aus Eifersucht grausam, wie die Hunde. Mitte oder Ende Juni w\u00f6lft das Weibchen in H\u00f6hlen und Felsen-ritzen neun bis zehn, ja selbst zw\u00f6lf Junge. Den Bau pflegen die F\u00fcchsinnen am liebsten oben auf den Bergen oder am Rande derselben anzulegen. Sie lieben ihre Jungen au\u00dferordentlich, fast zu sehr; denn sie verrathen dieselben, in der Absicht, sie vor Gefahren zu sch\u00fctzen. Sobald sie n\u00e4mlich einen Menschen auch nur von fern erblicken, beginnen sie zu bellen, wie die Hunde, wahrscheinlich, um die Leute von ihrem Bau abzuhalten. Und hiervon mag wohl ihr russischer Name \u201eH\u00fcndchen\" herkommen. Bemerken sie, da\u00df man ihren Bau entdeckt hat, so tragen sie die Jungen im Maule nach emem verborgenen Ort, t\u00f6dtet man aber die letzteren, so verfolgen Einen die M\u00fctter mit gro\u00dfer Be-. Zier Tag und Nacht durch viele Meilen und lasten, wie Steller sagt, nicht eher ab, bis sie ihrem Feind einen Posten gespielt haben oder selbst erschlagen worden sind.\nMan jagt die Eisf\u00fcchse theils, um sie auszurotten, theils, um ihren Balg zu verwerthen, obgleich dieser nicht eben sehr gesch\u00e4tzt wird. Die meisten Felle gehen von Ru\u00dfland nach China, und Ende vorigen Jahrhunderts bettug die durchschnittliche Zahl immer noch Tausende j\u00e4hrlich. Aus Mangasea allein sind in gewissen Jahren 40,000 Felle ausgef\u00fchrt worden. Je dunkelblauer die Felle sind,","page":437},{"file":"p0438.txt","language":"de","ocr_de":"438\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Eisfuchs. Korsack.\num so gro\u00dfem Werth haben sie im Handel; und man unterscheidet ungef\u00e4hr zwischen den dunkelen und hellen f\u00fcnf Abstufungen. Der Fang ist eigenth\u00fcmlich. Bei hohem Schnee graben sich die F\u00fcchse in diesen eine R\u00f6hre und 'wohnen in der Tiefe derselben. Das ist die Zeit, in welcher ihnen die Ostj\u00e4ken und Samojeden am meisten nachstellen. Wo man sie erlangen kann, graben sie die Leute mit einem breiten Spaten aus Renthierhorn heraus, fassen sie ohne weiteres beim Schw\u00e4nze und schleudern sie mit dem Kopfe gegen den Moden, um sie hierdurch zu todten. Der J\u00e4ger erf\u00e4hrt sehr bald, ob sich ein Fuchs in einer solchen R\u00f6hre befindet oder nicht. Er legt das Ohr an die M\u00fcndung, und wenn sich das Thier darin r\u00fchrt, scharrt er mit dem Spaten den Schnee weg; hierdurch wird der schlafende Fuchs aufgeweckt und verr\u00e4th durch G\u00e4hnen und Niesen seine Gegenwart. Vor Erdr\u00f6hren stellt man wohl auch Netze und Schlingen. Au\u00dfer dem Menschen besitzen die Eisf\u00fcchse in den Seeadlern und Jagdedelfalken gef\u00e4hrliche Feinde. Steller beobachtete, da\u00df ein Seeadler einen Eisfuchs mit den Klauen erfa\u00dfte, ihn emporhob und dann fallen lie\u00df, um ihn aus der Erde zu zerschmettern.\nJung eingefangene Eisf\u00fcchse werden ziemlich zahm und k\u00f6nnen dahin gebracht werden, ihrem Herrn wie ein Hund nachzufolgen. Sie sind aber immer reizbar, und sobald sie anger\u00fchrt werden, knurren sie boshaft, wie Hunde, und ihre gr\u00fcnen, gl\u00e4nzenden Augem, blitzen dann feurig und t\u00fcckisch. Mit anderen ihrer Art vertragen sie sich nicht gut in einem K\u00e4stg. Zwei Eisf\u00fcchse des Hamburger Thiergartens sielen \u00fcber den dritten her und bissen ihn todt, wobei der Bruder des Ermordeten eifrig mit half.\nAuch in der Gefangenschaft tritt der Farbenwechsel in der Behaarung regelm\u00e4\u00dfig ein, gleichviel, ob das Thier in seinem eignen Klima oder ob es warm oder kalt gehalten wird. Ein in Petersburg best\u00e4ndig in einem warmen Zimmer eingesperrter Eisfuchs erhielt seinen Winterpelz genau um die bestimmte Zeit, wie in der Freiheit.\nVon den \u00fcbrigen Fuchsarten will ich blos noch die hier erw\u00e4hnen, welche sich durch besondere Eigenth\u00fcmlichkeiten in 'der Lebensweise oder durch auffallende F\u00e4rbung wesentlich unterscheiden. Zu den kleinsten und wildesten Arten aller F\u00fcchse geh\u00f6rt der Vertreter unseres Reinecke in Asien, der Korsack, wie ihn die Russen nennen, die Kirsa der Mongolen (Vulpes Corsac). Das Thier bewohnt alle tartarischen Steppen, von der Wolga und dem Kaspischen Meere an durch das ganze mittlere Asien hindurch bis an den Baikalsee. Seine Gr\u00f6\u00dfe steht ungef\u00e4hr in der Mitte zwischen der des Eisfuchses und der unserer Hauskatze: er ist 20, der Schwanz 12 Zoll lang. In der Gestalt ist er dem Fuchs ganz \u00e4hnlich. Die F\u00e4rbung seines Balges ist rothgelb im Sommer, br\u00e4unlichgelb oder wei\u00dffahl im Winter; die Lunte ist unten schwarz und grau gefleckt.\nDer Korsack liebt einsame und trockne Stellen, namentlich solche in der N\u00e4he von Fl\u00fcssen als Aufenthalt und verbirgt sich hier bei Tage in H\u00f6hlen und unterirdischen G\u00e4ngen, welche er sich selbst, aber nicht eben tief, in die Erde gr\u00e4bt und mit zwei, drei oder vier Ausg\u00e4ngen versieht. Abweichend von der Sitte unsers Fuchses finden sich in diesen Bauen immer zwei oder mehrere Korsacks zusammen: sie scheinen also die Geselligkeit besonders zu lieben. Das Thier verfolgt haupts\u00e4chlich einige M\u00e4usearten und gr\u00f6\u00dfere Nager, V\u00f6gel, welche nachts auf der flachen Erde schlafen, Eidechsen und Fr\u00f6sche oder auch Fische. Wasser soll der Korsack im Freileben niemals trinken, m der Gefangenschaft trinkt er aber wenigstens Milch sehr gern. Hier fri\u00dft er Schaf- und Rindfleisch, aber nur gekocht, und l\u00e4\u00dft es stehen, wenn er lebendige oder frisch get\u00f6dtete V\u00f6gel und Fische haben kann.\nSeines weichen, dichten, warmen und gut aussehenden Winterbalges wegen wird er etfng gejagt, besonders von den Kirgisen, Karakalpaken, Truchmenen und. anderen diesseits des Urals wohnenden Nomadenst\u00e4mmen. Man wendet alle nur denkbare Mittel an, um sich seiner zu bem\u00e4chtigen. Au\u00dfer den Fallen und Schlingen, welche man vor einen Ausgang seiner H\u00f6hlen stellt, jagt man ihn auch mit Hunden, welche man vor den R\u00f6hren seines Baues aufstellt. Der Fuchs selbst","page":438},{"file":"p0439.txt","language":"de","ocr_de":"Fang und Z\u00e4hmung des Eisfuchses. \u2014 Frei- und Gefangenleben des Korsack.\n439\nwird ausger\u00e4uchert und sucht sein Heil nat\u00fcrlich in schnellster Flucht, ist aber dann auch regelm\u00e4\u00dfig verloren. Aber die Tartaren haben noch viel gef\u00e4hrlichere Iagdthiere f\u00fcr ihn abgerichtet. Sie bedienen sich n\u00e4mlich gez\u00e4hmter Steinadler, wohl auch Iagdedelfalken, zu seinem Fang, und solchen gefl\u00fcgelten R\u00e4ubern kann der arme Bursche nat\u00fcrlich nicht entgehen. Die Kirgisen fangen ihn h\u00e4ufig mit dem Kr\u00e4tzer d. h. einem Werkzeug, welches einem doppelten Korkzieher \u00e4hnelt und an einer Stange befestigt wird. Mit diesem fahren sie in den Bau des Fuchses und bohren durch Drehen die beiden Spitzen fest in den Balg des armen Schelms und ziehen ihn dann gewaltsam hervor. Ein so eingekr\u00e4tzerter Fuchs zittert, wenn er an das Tageslicht kommt, am ganzen Leibe und l\u00e4\u00dft Alles \u00fcber sich ergehen, ohne auch nur einen Versuch zu machen, sich zu wehren!\nG.W^'SL\"\nD er Korsack (Vulpes Corsac).\nDie gedachten St\u00e4mme allein bringen j\u00e4hrlich 40 bis 50,000 Felle in den Handel, ohne diejenigen, welche sie selbst verbrauchen. In Ru\u00dfland tr\u00e4gt man den Korsack weniger, um so \u00f6fterer aber in China, wo er \u00fcber Ki\u00e4chta eingef\u00fchrt wird.\nUeber den gefangenen Korsack hat namentlich Hablitzel h\u00fcbsche Beobachtungen gemacht. Ungeachtet aller Versuche ist es ihm niemals gelungen, einen Korsack zu z\u00e4hmen, und selbst derjenige, welchen er ganz jung erhalten und best\u00e4ndig unter seiner Aufsicht hatte, gestattete seinem Herrn nie, ihn anzugreifen, ohne sich nach Kr\u00e4ften dagegen zu wehren. Nur seinem W\u00e4rter, der ihn f\u00fctterte, erlaubte er Dies. Sobald sich aber ein Anderer ihm n\u00e4herte, empfing er denselben mit funkelnden Augen, zeigte ihm murrend die Z\u00e4hne und bi\u00df um sich, soviel er nur konnte. Sah er ein, da\u00df er","page":439},{"file":"p0440.txt","language":"de","ocr_de":"440\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Kama. W\u00fcstenf\u00fcchse.\nmit seinem Bei\u00dfen Nichts ausrichten konnte, so begann er vor lauter Angst zu zittern und verrichtete auf beiderlei Art seine Nothdurft. Bei Tage verhielt er sich ruhig und schlief gew\u00f6hnlich, mit Eintritt der Nacht aber wurde der Trieb nach Freiheit in ihm rege, und er bem\u00fchte sich dann unaufh\u00f6rlich, von der Kette sich loszuarbeiten. Dabei winselte er, beinahe wie ein Fuchs. Die Gesellschaft anderer Thiere verabscheute er g\u00e4nzlich, mit Seinesgleichen dagegen vertrug er sich sehr gut. Drei Korsacks, welche Hablitzel besa\u00df, lagen fast best\u00e4ndig dicht neben einander, oft einer f\u00f6rmlich in den Andern gerollt. \u2014\nIn der N\u00e4he der Kapstadt, h\u00e4ufiger aber noch in der Karn, jener \u00f6den W\u00fcstensteppe S\u00fcdafrikas, lebt ein kleiner, schmucker Fuchs von fahler Farbe: der Kama (Vulpes Caama). Seines vortrefflichen Felles wegen stellen die Kaffern und Hottentotten dem h\u00fcbschen Thiere lebhaft nach; denn aus den Fellen bereiten sich jene Afrikaner Karosse oder Decken, f\u00fcr sie das H\u00f6chste ihrer W\u00fcnsche,\nDer Kama (Vulpes Caama).\nweil der Karo\u00df als das Vorz\u00fcglichste aller ihrer Kleidungsst\u00fccke gilt. Man kann sich denken, wie viele dieser kleinen F\u00fcchse ihr Leben lassen m\u00fcssen, bevor nur eine einzige solche Decke fertig wird. Doch der Balg ist so werthvoll, da\u00df viele St\u00e4mme der Kaffern die Fuchsjagd f\u00fcr die lohnendste halten von allen denen, welche sie \u00fcberhaupt betreiben.\nDer Kama soll ein eifriger und gef\u00e4hrlicher Feind aller Erdv\u00f6gel und noch mehr von deren Brut sein. Gro\u00dfe Gewandtheit setzt ihn in den Stand, auch nachts die schlafenden V\u00f6gel zu \u00fcberrumpeln, ja man behauptet, da\u00df er sich selbst an Strau\u00dfeneier mache und wirklich f\u00e4hig w\u00e4re, ein ganzes Ei des Riesenvogels auf eine Mahlzeit zu stessen. Diese Behauptung aber beruht wohl blos auf den Anschauungen der Kaffern \u00fcber die E\u00dff\u00e4higkeit eines Gesch\u00f6pfes, soweit solche durch die eigenen Erfahrungen begr\u00fcndet sind: denn bekanntlich ist ein einziges Strau\u00dfenei hinreichend, um vierMenschen zu s\u00e4ttigen, und es ist unm\u00f6glich, anzunehmen, da\u00df ein F\u00fcchslein, welches kaum halb so gro\u00df ist, als unser Reinecke, eine gr\u00f6\u00dfere E\u00dflust zeigen sollte, als vier Menschm zusammengenommen. Das kleine","page":440},{"file":"p0441.txt","language":"de","ocr_de":"Frei- und Gefangenleben.\n441\nThierchen ist nicht einmal im Stande, ein so gro\u00dfes Ei fortzuschleppen; aber es wei\u00df sich doch zu helfen, wie unsre in jeder Hinsicht vortreffliche Zeichnung es recht h\u00fcbsch darstellt. Der Fuchs rollt das Ei einfach vom Neste aus bis zu seinem Baue hin und \u00f6ffnet es hier in einer ebenso einfachen als gescheiten Weise. F\u00fcr sein schwaches Gebi\u00df ist die harte Schale viel zu stark; sie erlaubt den scharfen Z\u00e4hnen wegen der Gl\u00e4tte und des gro\u00dfen Durchmessers des Eies nicht einmal eine ordentliche Ansatzfl\u00e4che. So mu\u00df der Kama auf andere Mittel denken, um sie zu zerschellen. Im Bau angekommen, rollt er das Ei \u00fcber einige Steine hinab, bis es zerbricht; dann ist er geschwind bei der Hand und leckt den herausstie\u00dfenden Inhalt gierig auf.\nDie best\u00e4ndige Verfolgung, welcher der Kama ausgesetzt ist, hat ihn weiter und weiter zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. In der N\u00e4he der Kapstadt ist er bereits g\u00e4nzlich vertrieben, und auch im Innern kann er nicht eben h\u00e4ufig sein, weil man ihn so selten in Sammlungen findet. Viele unserer Lehrb\u00fccher f\u00fchren ihn nicht einmal auf; vielleicht verwechseln sie ihn mit anderen Arten Mittelafrikas, welche Manche ebenfalls nicht als selbstst\u00e4ndig anerkennen wollen, einfach deshalb, weil \u2014 ihre Z\u00e4hne merkw\u00fcrdigerweise mit denen anderer F\u00fcchse \u00fcbereinstimmen. So Etwas ist f\u00fcr einen Museumsmenschen ein hinl\u00e4nglicher Grund, um an der Artselbstst\u00e4ndigkeit eines Thieres zu zweifeln.\nVon allen bisher genannten F\u00fcchsen unterscheiden sich zwei afrikanische Arten durch ihren au\u00dferordentlich zierlichen Bau und die gro\u00dfen Lauscher, welche bei beiden Arten (oder Sippen, wie man in der Neuzeit mit Fug und Recht bestimmt) alles gew\u00f6hnliche Ma\u00df weit \u00fcbertreffen. Eine dieser Arten bewohnt die W\u00fcste, die andre die Steppe, und beide geben sich als treue Kinder ihrer Heimat kund. Wer auch nur oberfl\u00e4chlich mit den Erzeugnissen des Landes bekannt ist, welches sie beherbergt, mu\u00df sie augenblicklich als W\u00fcsten- oder Steppenthiere erkennen und wird sogar im Stande sein, ohne von ihrem Aufenthalt Etwas zu wissen, sie sofort unter den \u00fcbrigen W\u00fcsten- oder Steppenthieren einzureihen. Ich habe schon einmal erw\u00e4hnt, da\u00df alle Thiere, welche die W\u00fcste hervorbrachte, eigenth\u00fcmlich gestaltet und gezeichnet sind. Die gro\u00dfe Allmutter giebt den Gesch\u00f6pfen, welche sie in ihrem Schose hegt, das entsprechendste Gewand: alle W\u00fcstenthiere zeichnen sich vor den \u00fcbrigen nicht blos durch das Kleid aus, sondern noch mehr durch den leichten und sch\u00f6nen Leibesbau. Das Kleid hat unter allen Umst\u00e4nden mehr oder weniger die F\u00e4rbung des Sandes; denn alle Abweichungen von dem Sandgelb, welche vorkommen, sind unwesentlich. Der Leib ist verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig klein, dabei aber \u00e4u\u00dferst zierlich und leicht gebaut, und gleichwohl zu den schnellsten Bewegungen und zu \u00fcberraschender Ausdauer bef\u00e4higt. Dazu besitzen s\u00e4mmtliche W\u00fcstenthiere eine Sch\u00e4rfe der Sinne, wie sie in solcher Einhelligkeit nur bei wenig anderen Gesch\u00f6pfen gefunden wird, und allen endlich wohnt ein frischer, fr\u00f6hlicher Geist inne, eine Liebe zur Freiheit, ein Hang zur Unabh\u00e4ngigkeit und ein Selbstbewu\u00dftsein ohne Gleichen. Nicht blos der gelbbraune Beduine ist frei, leiblich, wie geistig, auch die h\u00f6heren Thiere seiner Heimat sind es; auch sie leben und athmen blos, wenn sie ihre W\u00fcste um sich haben. In der F\u00e4rbung kommen Abweichungen, Ver\u00e4nderungen vor: in dem geistigen Wesen sind sich alle W\u00fcstenthiere gleich.\nMan m\u00f6chte versucht werden, bei Betrachtung der W\u00fcstenthiere einmal gl\u00e4ubiger Nachbeter der unheilvollen Zweckm\u00e4\u00dfigkeitslehre zu sein; denn wirklich sind die W\u00fcstenthiere auf das allerzweckm\u00e4\u00dfigste eingerichtet. Die W\u00fcste ist zu arm an Nahrung, als da\u00df sie gro\u00dfe Thiere ern\u00e4hren k\u00f6nnte. Es finden sich deshalb in ihr nur verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig kleine, zierliche Gesch\u00f6pfe, deren geringe K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe wenig Nahrung bedarf. Und auch diese sp\u00e4rliche Nahrung kann nicht so ohne Beschwerde errungen werden: deshalb verlieh die W\u00fcste ihren Kindern die n\u00f6thige Behendigkeit und Ausdauer; deshalb sch\u00e4rfte sie ihnen die Sinne, um auch das Wenige wahrzunehmen, was sie ihnen bieten konnte. Gro\u00dfe Lauscher setzen unsern Fuchs oder alle W\u00fcstenthiere \u00fcberhaupt in den Stand, auch das geringste Ger\u00e4usch zu vernehmen, die scharfen Seher gestatten ihm und ihnen einen weiten Ueberblick, die feine Nase bringt jeden Geruch zum Bewu\u00dftsein. Ihr dem Erdboden gleichgef\u00e4rbter Balg verbirgt sie selbst","page":441},{"file":"p0442.txt","language":"de","ocr_de":"442\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 genes.\nauf ganz kahlen Stellen den Blicken in \u00fcberraschender Weise. So sind sie alle wohlbef\u00e4higt, in ihrer Heimat zu leben und gl\u00fccklich zu sein. Auch unsere kleinen R\u00e4uber sind ganz vortrefflich ausger\u00fcstet, auf dem Gebiet als J\u00e4ger aufzutreten. Sie machen immer noch genug Beute, um sich ohne gro\u00dfe Sorge ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen.\nWenn die gluthstrahlende Sonne sich zur Erde neigt und alle Tagesgesch\u00f6pfe noch einmal neulebendig geworden sind in der K\u00fchle des Abends, da denkt eine mehr oder weniger d\u00fcstere und dennoch so schmucke Schar daran, ihr Tage- oder besser Nachtwerk zu beginnen. Von den greulichen Hi\u00e4nen und den heulenden Schakalen, welche um diese Zeit hungrig nach Nahrung umherstreifen, will ich hier nicht reden, und der Karakal, der W\u00fcstenluchs, ist uns bereits bekannt geworden. Es gilt jetzt, noch einen dieser R\u00e4uber, und zwar den zierlichsten und schmucksten von allen, meinen Lesern vorzustellen. Das ist der genes oder W\u00fcstenfuchs (Megalotis Zerda), ein Thier, welches noch besser, als die Gazelle selbst, die W\u00fcste kennzeichnet. Man denke sich ein Fuchsgesicht, zart und fein, listig, pfiffig und schlau im Ausdruck, wie das unsers Reinecke. Aus diesem Fuchsgesicht treten aber ein Paar ungew\u00f6hnlich gro\u00dfe Augen hervor, und zu beiden Seiten dieses Gesichts strecken sich gewaltige Lauscher, so gro\u00dfartige Ohren heraus, wie sie nicht nur in der ganzen^Fuchssippe, sondern nicht einmal in der Hundefamilie wiederzufinden sind. Auf ungemein zarten, zierlichen F\u00fc\u00dfchen ruht der schlanke Leib, und eine dicke, lange und buschige Lunte endet ihn. Das ganze Thier zeigt augenblicklich an, da\u00df es ebenso gewandt, als behend sein mu\u00df, und giebt schon \u00e4u\u00dferlich die vorz\u00fcgliche Sch\u00e4rfe seiner Sinne kund.\nMit der D\u00e4mmerung h\u00f6rt man zuweilen ein leises Kreischen, das nicht wohl beschrieben werden kann, und sieht, wenn man gl\u00fccklich ist, zwischen den Sandh\u00fcgeln, zwischen dem Gekl\u00fcft oder in den Niederungen zwischen dem Grase unsern Fenek dahinschleichen, \u00e4u\u00dferst bedachtsam, \u00e4u\u00dferst vorsichtig, lauernd, Lugend, witternd, lauschend nach allen Seiten*hin. Da ist Nichts, was der Aufmerksamkeit dieses durchgebildeten Raubgesellen entginge. Die Heuschrecke dort, welche den letzten ALendsprung macht, hat soviel Ger\u00e4usch hervorgebracht, da\u00df es die gro\u00dfen Lauscher des Fenek wohl vernommen haben, und mehr neugierig, als e\u00dflustig, schleicht die zierliche Gestalt herbei, um ihr den Garaus zu machen. Oder die gewandte Eidechse hat sich geregt, und im Nu ist der Fenek bei der Hand, um zu sehen, was es gebe. Doch seine Hauptnahrung besteht in anderen Thieren, namentlich in V\u00f6geln. Wehe der W\u00fcstenlerche, welche zuf\u00e4llig nahe des Weges sitzt, den der Fenek wandelt! Sie ist verloren, wenn sie nur einmal den Fl\u00fcgel regt; sie ist ein Kind des Todes, wenn sie, tr\u00e4umerisch an ihr einfaches Lied gedenkend, einen einzigen Ton vernehmen l\u00e4\u00dft! Wehe auch dem Flughuhn, gerade ihm strebt der Fuchs am eifrigsten nach! Er braucht nicht viel zu fangen: ein einziges giebt einen leckern Braten, hinreichend f\u00fcr ihn und vielleicht auch f\u00fcr seine hungrige Sippschaft. Da mu\u00df man ein Schleichen sehen, wenn in die feine Nase des feinen Stromers eine Witterung gekommen ist von einer Flughuhnkette! Vielleicht hat blos eines oder das andere den Pfad gekreuzt, auf welchem der Gaudieb dahinstrolcht, aber Das gen\u00fcgt. Sorgf\u00e4ltig wird die F\u00e4hrte aufgenommen, mit tiefgesenkter Nase geht es weiter, lautlos, unh\u00f6rbar und unsichtbar. Der Fenek kennt die Flugh\u00fchner wohl, und sein Auge ist sch\u00e4rfer, als das der meisten Reisenden. Er l\u00e4\u00dft sich nicht t\u00e4uschen von \u00e4hnlich gef\u00e4rbten Steinen oder Erdhaufen, denn auch seine Nase und sein herrliches Geh\u00f6r sprechen ein W\u00f6rtchen mit beim Aufsp\u00fcren. So gering auch das Ger\u00e4usch ist, welches ein Flughuhn hervorbringt, wenn es in seinem Federwamse nestelt, so wenig sichtbar die Bewegung scheint, welche ein sorgenvolles M\u00e4nnchen macht, auch im halben Schlafe noch, um zu sichern, und so unbedeutend, f\u00fcr uns unbegreiflich der Geruch ist, welchen die F\u00e4hrte eines Huhnes zur\u00fccklie\u00df: dem Fenek entgeht es nicht. Sieh da! er hat die volle Ueberzeugung gewonnen: und jetzt schleicht er heran, fast aus dem Bauche kriechend, unwahr-nehmbar f\u00fcr Auge, wie f\u00fcr Ohr. Dort, hinter dem letzten Busche macht er Halt. Wie gl\u00fchen die Augen, wie sind die Lauschet gebreitet und vorgespannt, wie gierig sp\u00fcrt er nach den sich sicher tr\u00e4umenden, schlummerm\u00fcden V\u00f6geln hin. Die ganze Gestalt ist lebendig, und doch sieht man keine Bewegung. Die","page":442},{"file":"p0442s0001.txt","language":"de","ocr_de":"\u00bb\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n#\n\n\n\n","page":0},{"file":"p0442s0002table10.txt","language":"de","ocr_de":"'\u2022\nU\nI\n\u20223s\ni","page":0},{"file":"p0443.txt","language":"de","ocr_de":"Zeichnung. Sein Jagen. Ausf\u00fchrliche Schilderung von Vuvry.\n443\nganze Seele des Fuchses liegt in seinem Gesicht, und doch erscheint das so starr und ruhig, wie er selbst, welcher aus W\u00fcstensand geformt zu sein scheint. Da, ein einziger Sprung, ein kurzes Flattern: das Flughuhn hat geendet. Schnell st\u00fcrmen die anderen empor, schallend klatschen die Fl\u00fcgelschl\u00e4ge. Sie irren unsicher in der Nacht umher und fallen nach kurzer Zeit wieder ein im Riedgrase, vielleicht kaum wissend, welcher n\u00e4chtliche Besucher sie aufgescheucht.\nDer Fenek ist der kleinste aller F\u00fcchse. Er ist sammt seiner Standarte, deren L\u00e4nge sieben bis acht Zoll betr\u00e4gt, h\u00f6chstens zwei Fu\u00df lang und am Widerrist kaum acht Zoll hoch. Der ganze Leibesbau ist ungemein fein, der Kopf sehr zugespitzt, die Augen sind gro\u00df und wegen ihrer runden Augensterne, die von einer braunen Regenbogenhaut eingefa\u00dft werden, besonders merkw\u00fcrdig. Das Ausgezeichnetste am ganzen Thiere sind aber unzweifelhaft die Lauscher. Sie haben fast Kopfesl\u00e4nge und sind etwas mehr als halb so breit. Das Thier gewinnt durch sie ein wahrhaft abenteuerliches Ansehen. Die Lauscher machen den Fenek gewisserma\u00dfen den Flederm\u00e4usen \u00e4hnlich und sind zu seiner Kennzeichnung durchaus wesentlich. Ihre Jnnenr\u00e4nder sind wei\u00df behaart und zwar derartig, da\u00df von der Ohr\u00f6sfnung zwei Haarb\u00fcschel aufsteigen, welche sich, so zu sagen, in einem Bart fortsetzen nach der obern Spitze hin, dort aber k\u00fcrzer und d\u00fcnner werden. Die kleine Schnauze zieren lange, borstenartige Sckmurren, welche ebenfalls wesentlich zu dem \u00e4u\u00dfern Gepr\u00e4ge des Thieres geh\u00f6ren. Der Balg ist seidenweich und verst\u00e4rkt sich zur Winterzeit durch ein sehr dichtes Wollhaar, welches sich w\u00e4hrend der Raue durch Anstreichen des K\u00f6rpers an Aesten u. s. w. flockenartig l\u00f6st. Man sollte eigentlich nicht glauben, da\u00df der Fenek in seiner warmen Heimat einen dichten Balg n\u00f6thig h\u00e4tte, allein der kleine Gesell ist gegen die K\u00e4lte \u00e4u\u00dferst empfindlich und verlangt des gen\u00fcgenden Schutzes. Die F\u00e4rbung der ganzen Oberseite \u00e4hnelt durchaus der des Sandes, die Unterseite ist wei\u00df, und auch \u00fcber dem Auge befindet sich ein wei\u00dfer Flecken, vor demselben aber ein dunklerer Streifen. Die sehr lange buschige Standarte ist fast ockerfarben, ein Fleck an der Wurzel und die Blume sind schwarz. Bei dem Weibchen ist der Balg immer mehr strohgelb, wie er auch bei zunehmendem Alter bei weitem lichter wird.\nDas merkw\u00fcrdige Thier wurde zuerst von Skj\u00f6ldebrand, dem schwedischen Consul in Algier, bekannt gemacht und sp\u00e4ter von Bruce beobachtet und abgebildet. Die Mauren nennen es Zer da, die Araber Fenek, und diesen Namen f\u00fchrt unser F\u00fcchschen auch in allen Nill\u00e4ndern. Es bewohnt den ganzen Norden Afrikas, findet sich aber blos in den echten W\u00fcsten, und zwar in den Niederungen, welche reich an Wasser sind und mehr das Gepr\u00e4ge der Steppen tragen, obwohl sie nicht den Reichthum dieser Letzteren nachweisen k\u00f6nnen.\nAn geeigneten Orten ist befc Fenek nicht grade selten, aber er wird, weil er sehr vorsichtig und fl\u00fcchtig ist, gar nicht h\u00e4ufig gefangen; wenigstens kommt er in Thierg\u00e4rten und Thierschaubuden immer nur \u00e4u\u00dferst selten und einzeln vor, ja selbst in den Museen ist er noch keineswegs eine gew\u00f6hnliche Erscheinung.\nSeine Naturgeschichte war bis in die neueste Zeit sehr unklar. Anf\u00e4nglich berichtete man die allersonderbarsten Dinge \u00fcber ihn. Es wurde erz\u00e4hlt, da\u00df er gar nicht wie andere F\u00fcchse in Bauen, sondern wie Katzen auf B\u00e4umen lebe. Man behauptete, da\u00df er weniger kleinen V\u00f6geln nachstelle, als vielmehr Datteln und anderen Fr\u00fcchten, welche seine Hauptnahrung ausmachen sollten, und dergleichen mehr. R\u00fcppell ist der Erste, welcher diesen Angaben widerspricht und den Fenek als echten Fuchs hinstellt; seine Beschreibung ist aber noch immer kurz und f\u00fcr uns unvollst\u00e4ndig und ungen\u00fcgend. Da hat mir nun mein lieber Freund und Reisegef\u00e4hrte Dr. L. Buvry, welcher den Fenek sowohl im Freien, als in der Gefangenschaft genau beobachtete, eine gar aumuthige und nette Beschreibung ausdr\u00fccklich f\u00fcr dieses Werk mitgetheilt. Einen guten Theil von dieser Schilderung habe ich bereits im Vorstehenden verwendet, das Uebrige ist Folgendes:\n\u201eDas Wesen des Fenek ist durch seine eigenth\u00fcmliche Leibesgestalt genugsam ausgepr\u00e4gt; denn die zarten, d\u00fcnnen L\u00e4ufer zeigen die Behendigkeit und Schnellf\u00fc\u00dfigkeit, welche er besitzen mu\u00df, auf den ersten Blick, und das Gesicht spricht so deutlich von der Scharfsichtigkeit, Feinh\u00f6rigkeit, Klugheit und","page":443},{"file":"p0444.txt","language":"de","ocr_de":"444\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Fenek. L\u00f6ffelhund.\nSchlauheit des Fuchses, da\u00df sein Ausdruck nicht falsch verstanden werden kann. Man darf wohl sagen, da\u00df es kaum einen vollendetern Fuchs, als dieses W\u00fcstenkind, giebt.\"\n\u201eWie der Fuchs legt auch der Fenek einen Bau unter der Erde an, am liebsten in der N\u00e4he des schachtelhalm\u00e4hnlichen Psriemenkrauts, welches den sp\u00e4rlichen Pslanzenwuchs der W\u00fcstengegend Algeriens bezeichnet, wahrscheinlich, weil in der N\u00e4he desselben der Boden immer etwas fester ist und den vielen R\u00f6hren, welche zu dem Kessel im Baue des Fenek f\u00fchren, einige Haltbarkeit gew\u00e4hrt. Gew\u00f6hnlich sind diese R\u00f6hren nur flach, und auch der Kessel liegt nicht tief unter der Oberfl\u00e4che der Erde. Er ist unten mit Palmenfasern, Federn und Haaren ausgef\u00fcttert und besonders ausgezeichnet durch seine gro\u00dfe Reinlichkeit. Das Graben versteht der Fenek meisterhaft. Seine Vorderl\u00e4ufe arbeiten dabei so schnell, da\u00df man den Bewegungen derselben mit den Augen nicht folgen kann. Dieser Gewandtheit verdankt das Thier zuweilen die Rettung sei\u00fces Lebens; denn bei Verfolgung scharrt sich der Fenek geradezu in die Erde ein, wie ein G\u00fcrtel- oder Schuppenthier. In Begleitung eines Haufens berittener Araber verfolgte ich einstmals einen W\u00fcstenfuchs, welcher in geringer Entfernung vor uns hertrabte, und sah mit Verwunderung, da\u00df er pl\u00f6tzlich vor unseren Augen entschwunden war. Aber ich kannte seine Kniffe, und sein Kunstst\u00fcckchen sollte ihm diesmal schlecht bekommen. Ich stieg vom Pferde, grub ihm nach und zog nun das \u00fcberraschte Thier unter dem Jubel meiner Begleiter lebendig aus seinem Schlupfwinkel hervor.\"\n\u201eNach den Berichten der Eingebornen soll die F\u00fcchsin im Monat M\u00e4rz drei bis vier Junge W\u00f6lfen. Dieselben sollen blind zur Welt kommen, ein ungemein zierliches Aussehen haben und mit gelblichen Haaren bedeckt sein. Allen Aussagen zufolge liebt die Mutter, das kleine reizende Ge-w\u00f6lfe mit derselben Z\u00e4rtlichkeit, wie unsre F\u00fcchsin ihre Nachkommenschaft.\"\n\u201eBei Tage schl\u00e4ft der Fenek in seinem Bau. Dabei rollt er sich zusammen und verbirgt seinen feinen Kopf fast ganz unter der buschigen Standarte, nur die Lauscher bleiben frei. Das geringste Ger\u00e4usch schreckt das schlafende Thier augenblicklich auf. Wird der W\u00fcstenfuchs \u00fcberrascht, so wimmert er wie ein kleines Kind und bezeugt dadurch gewisserma\u00dfen einen unangenehmen Eindruck der gest\u00f6rten Ruhe. Mit sinkender Sonne verl\u00e4\u00dft er den Bau und wendet sich zun\u00e4chst den Tr\u00e4nkpl\u00e4tzen zu. Dabei hat man bemerkt, da\u00df er niemals geradenwegs \u00fcber die Sandd\u00fcne geht, sondern immer die Tiefen derselben aufsucht und sich somit m\u00f6glichst gedeckt fortschleicht. Die Brunnen der Niederungen bestehen zumeist aus einfachen trichterartigen L\u00f6chern, weil der sandige, von Thonerde durchsetzte Boden senkrecht eingeteufte Schachte unm\u00f6glich macht. Um diese L\u00f6cher herum ist die Erde meistens etwas feucht, und hier pr\u00e4gt sich die F\u00e4hrte des Fenek gew\u00f6hnlich so deutlich aus, da\u00df man den eigenth\u00fcmlichen Bau der eng zusammenstehenden Pranken mit den \u00fcberragenden, namentlich an den Hinterl\u00e4ufen stark hervortretenden Krallen deutlich wahrnehmen kann.\"\n\u201eDer auf Jagd ausziehende Fenek kommt zuerst zum Brunnen und s\u00e4uft hier anhaltend und begierig, bis er vollkommen ges\u00e4ttigt ist. Nach diesem ersten Gesch\u00e4fte sucht er seinen Hunger zu stillen, und dabei kommt ihm seine feine Nase trefflich zu Statten. Hier \u00fcberrascht er eine gro\u00dfe W\u00fcstenlerche, da eine Isabellenlerche, und wenn dieselbe auch auffliegt, er versteht es dennoch, ihr wieder aufzulauern, und erlangt sie schlie\u00dflich gewi\u00df. Kleine V\u00f6gel sind seine Lieblingsspeise. Deshalb schont er auch kein Nest, dasselbe mag Eier oder Junge enthalten. Fehlen ihm V\u00f6gel oder Eier, so nimmt er mit Eidechsen, K\u00e4fern und Heuschrecken vorlieb, ja er verschm\u00e4ht es auch nicht, mit den Renn-m\u00e4usen (Meriones) oder Springm\u00e4usen (Dipus) anzubinden, obgleich ihm diese kaum weniger Arbeit verursachen, als die V\u00f6gel. Von Ersteren fand ich oftmals Haare und Ueberreste in dem Baue des Fenek. Gelegentlich stattet unser F\u00fcchslein auch den Palmenhainen einen Besuch ab, und hier gew\u00e4hren ihm die umherliegenden Datteln einen Leckerbissen; denn, wie unser Reinecke, verschm\u00e4ht auch er Fr\u00fcchte keineswegs, ja er verspeist selbst Wassermelonen.\"\n\u201eMan f\u00e4ngt den Fenek in Haarschlingen, welche bei Tage in den Ausgang seines Baues befestigt werden, oder man gr\u00e4bt ihn aus; doch ist die letztere Fangart oft erfolglos. Sehr eigenth\u00fcmlich ist es, da\u00df der Fuchs die Schlinge, in welcher er sich gefangen hat, nicht entzwei bei\u00dft, was unser","page":444},{"file":"p0445.txt","language":"de","ocr_de":"Schilderung von Buvry. Beschreibung des L\u00f6ffelhundes.\n445\nReinecke ganz unzweifelhaft thun w\u00fcrde. Er versucht es selbst dann nicht, wenn bei seinen Anstrengungen, frei zu werden, sich die Schlingen so fest zusammenschn\u00fcren, da\u00df die Lederhaut zerrieben und das rohe Fleisch des Laufes blo\u00dfgelegt wird. Der Grund ist wahrscheinlich in dem allzufeinen Gebi\u00df zu suchen; denn dies ist \u00fcberhaupt nicht dazu eingerichtet, feste K\u00f6rper zu bew\u00e4ltigen, und die Muskelkraft der Kiefern ist auffallend gering. Einen Beweis hierzu lieferten mir drei lebende Feneks, welche, wenn sie nicht frei waren, d. h. in der Stube umherlaufen durften, in einem leichten K\u00e4fig eingesperrt wurden. Dieser war vorn blos durch ein Gitter von ungef\u00e4hr zollstarken Fichtenst\u00e4ben verschlossen, und obwohl die F\u00fcchse an den St\u00e4ben bei Nacht fortw\u00e4hrend arbeiteten, ist es ihnen doch niemals gelungen, sich durchzubei\u00dfen.\"\n\u201eIn der Gefangenschaft ist der Fenek, vorz\u00fcglich wenn er jung in die Gewalt des Menschen kam, ein \u00e4u\u00dferst lebendiger, h\u00f6chst vergn\u00fcglicher Gesellschafter. Er wird sehr bald zahm und mit seinem neuen Herrn vertraut. Manche werden so anh\u00e4nglich, da\u00df sie dem Menschen folgen, aus - und eingehen und abends in ihren K\u00e4fig zur\u00fcckkehren. Weniger vertr\u00e4glich ist er mit anderen seiner Art. Mehrere Feneks bei\u00dfen sich wohl sogar gelegentlich, und die Weibchen haben nicht selten unter der schlechten Laune des M\u00e4nnchens zu leiden; ja, bei mir ereignete es sich sogar, da\u00df ein unzarter und unh\u00f6flicher Mann ein reizendes Weibchen umbrachte. Alle meine Gefangenen liebten die W\u00e4rme \u00fcber Alles, und oftmals ist es vorgekommen, da\u00df sie sich in noch gl\u00fchender Kaminasche den Pelz und die Pfoten verbrannten, ohne den Platz zu verlassen. Bor offnem Feuer mu\u00df man sie sch\u00fctzen; denn ich erlebte es mehrmals, da\u00df sie ohne weiteres in dasselbe hineinsprangen. Wenn ich speiste, sa\u00df mein Lieblingsfenek stets zu meinen F\u00fc\u00dfen und las sorgsam Alles auf, was ich vom Tische warf. Milch und Semmel geh\u00f6rten zu seinen bevorzugten Speisen. In meiner Stube hatte.ich auch K\u00e4fige mit V\u00f6geln h\u00e4ngen, welche das Thier lebhaft anzogen. Es war seine Hauptbesch\u00e4ftigung, stundenlang den Be-wegungen der V\u00f6gel zu folgen. Er entwickelte dabei ein bewunderungsw\u00fcrdiges Mienenspiel, bei welchem die Begierde nach den fr\u00f6hlichen V\u00f6geln entschieden sehr deutlichen Ausdruck gewann.\"\n\u201eBei zweckm\u00e4\u00dfiger Behandlung und guter Pflege kann der Fenek lange in der Gefangenschaft aushalten. Mein Liebling lebte noch zwei Jahre im Berliner Thiergarten und endete nur durch ein trauriges Mi\u00dfverst\u00e4ndni\u00df sein Dasein. Er folgte n\u00e4mlich heimlich dem W\u00e4rter, als dieser seinen K\u00e4sig verlie\u00df, und ging mit ihm in den Beh\u00e4lter des Schakals. Dieser ungastliche Gesell erw\u00fcrgte ihn aber augenblicklich zum gr\u00f6\u00dften Leidwesen Aller, welche den liebensw\u00fcrdigen und eigenth\u00fcmlichen Burschen kennen gelernt hatten. Vor Erk\u00e4ltung mu\u00df man diese echten S\u00f6hne der gl\u00fchenden Sahara besonders in Acht nehmen, weil sie in Folge einer Erk\u00fchlung von einer Augenkrankheit befallen werden, welche fast immer mit ddm Tode endet.\" \u2014\n-3n den letzten Jahren habe ich den Fenek in verschiedenen Thierg\u00e4rten gesehen. Einer mir sehr auffallenden Beobachtung, welche ich in Paris machte, mu\u00df ich hier Erw\u00e4hnung thun. Im Raubthierhause des Jardin des Plantes lebte ein P\u00e4rchen, welches der K\u00e4lte wegen noch in dem heizbaren Raume gehalten und von den W\u00e4rtern selten besucht wurde. Um so gr\u00f6\u00dfer schien die Freude der Thiere zu sein, wenn endlich Jemand kam. Sie geberdeten sich wie unsinnig, h\u00fcpften und sprangen lebhaft umher, lie\u00dfen freudige T\u00f6ne h\u00f6ren und kamen zuletzt so in Aufregung, da\u00df sie sich begatteten! Ich besuchte sie mehrere Male: es geschah jedes Mal Dasselbe, und ich darf also wohl vermuthen, da\u00df die schlie\u00dflich eintretende Brunst nichts Anderes war, als die Folge der ma\u00dflosen Aufregung der Thiere. Dieses merkw\u00fcrdigen Gebahrens ungeachtet, mu\u00df ich meinem Freunde beistimmen: der Fenek ist der liebensw\u00fcrdigste Fuchs der Erde.\nDas letzte Mitglied der zahlreichen Fuchsgesellschaft ist der L\u00f6sselhund (Otocyon megalotis), welcher S\u00fcdafrika angeh\u00f6rt. Er gleicht seiner \u00e4u\u00dfern Erscheinung nach einem Fuchse und zwar ant weiften unserm Fenek, ist sogar mit diesem mehrmals verwechselt worden. Allein er ist bedeutend gr\u00f6\u00dfer und hochbeiniger, als der Fenek; seine Schnauze ist viel k\u00fcrzer, und nur die Ohren sind denen des Fenek gleich und fast ebenso gro\u00df.","page":445},{"file":"p0446.txt","language":"de","ocr_de":"446\nDie Raubthiere. Hunde, \u2014 L\u00f6ffel- und Steppenhund.\nBis jetzt kennt man blos eine einzige Art dieser Sippe, deren Kennzeichen die folgenden sind: Kleiner, dicker Kopf, kurze Schnauze, au\u00dfergew\u00f6hnlich dem Kopf gleichlange, aufrechtstehende Lauscher; gelblichgrau auf dem R\u00fccken, die Pfoten und die buschige Standarte dunkler, an der Unterseite wei\u00dflicher Pelz. Die Ohren sind au\u00dfen grauwei\u00df ger\u00e4ndert und schwarz gespitzt, der Kopf grau mit schwarzem Nasenr\u00fccken.\nUeber die Lebensweise des L\u00f6ffelhundes ist Nichts bekannt; man wei\u00df blos, da\u00df auch er in unterirdischen Bauen lebt, wie seine \u00fcbrigen Verwandten. De Lalande brachte einige lebend mit sich nach Paris, und aus diesem Grunde tr\u00e4gt das Thier wohl auch in einigen Lehrb\u00fcchern den Namen Canis Lalandii.\t__________________\nDen Uebergaang von den eigentlichen Hunden zu den in dieselbe Familie geh\u00f6renden oder wenigstens innig verwandten Hi\u00e4nen bildet eines der merkw\u00fcrdigsten und zugleich am sch\u00f6nsten gezeichneten Thiere, der Hi\u00e4nen-, Steppen- oder gemalte Hund (Lycaon pictus). Man hat auch ihn, weil er nirgends hin recht passen will, zum Vertreter einer eignen Sippe erhoben. Er ist ein echtes Mittelglied zwischen Hund und Hi\u00e4ne nicht blos leiblich, sondern auch geistig, obschon das H\u00fcndische vorwiegend sein d\u00fcrfte. Da wir die Kennzeichen der Sippe zugleich beschreiben, wenn wir die des Thieres selbst angeben, k\u00f6nnen wir uns kurz fassen. Der Leibesbau >e\u00a7 Hi\u00e4nenhundes ist schlank, aber dennoch kr\u00e4ftig. Die Gliedma\u00dfen sind fast von gleicher L\u00e4nge und vierzehig. Der Kops ist stark und stumpfschnauzig. Die Lauscher sind gro\u00df und namentlich breit, sie stehen, wie bei allen wilden Hunden und Hi\u00e4nen, ausrecht; die Seher sind gro\u00df, und ihr Stern ist rund. Die Standarte ist mittellang und nicht sehr buschig. Eine R\u00fcckenm\u00e4hne fehlt g\u00e4nzlich, wie denn auch blos der Kopf an die Hi\u00e4ne erinnert, w\u00e4hrend alles Uebrige eigentlich den Hunden \u00e4hnelt.\nDer Steppen- oder Hi\u00e4nenhund hat ungef\u00e4hr die Gr\u00f6\u00dfe eines schm\u00e4chtigen Wolfes oder mittelgro\u00dfen Fleischerhundes, und in seiner Gestalt die gr\u00f6\u00dfere Aehnlichkeit mit Letzterm. Bei aller Schlankheit und Leichtigkeit des Baues macht er doch den Eindruck eines kr\u00e4ftigen und starken Thieres; und\nhiermit stimmen auch alle Beobachtungen \u00fcberein.\nEs giebt kaum zwei von diesen Hunden, welche vollkommen gleich gezeichnet w\u00e4ren; nur am Kopf und am Nacken hat die Zeichnung eine gewisse Best\u00e4ndigkeit. Wei\u00df, Schwarz und Ockergelb bilden die Hauptsarben. Bei dem Einen ist die wei\u00dfe, bei dem Andern die schwarze Farbe vorherrschend und so gleichsam Grundfarbe, von welcher die lichteren oder dunkleren Flecken ziemlich grell abstechen. Auch die Flecken sind unregelm\u00e4\u00dfig, bald kleiner, bald gr\u00f6\u00dfer, sehr verschieden gestaltet und oft \u00fcber den ganzen Leib vertheilt, und nur der eine kehrt regelm\u00e4\u00dfig wieder. Die wei\u00dfen und ockerfarbenen Flecken sind immer schwarz ges\u00e4umt. Best\u00e4ndiger ist, wie gesagt, die F\u00e4rbung des Gesichts. Hier ist die Schnauze bis zu den Augen hinauf schwarz, und diese F\u00e4rbung setzt sich auch noch in langen Streifen zwischen den Augen und Ohren, l\u00e4ngs des Scheitels, des Ober-kopfes und Nackens fort. Die Lauscher sind schwarz, die Seher braun; in der Regel ist auch die Lunte ziemlich gleichm\u00e4\u00dfig gezeichnet. Ihre Wurzel ist ockerfarben, ihre Mitte schwarz und ihre buschige Blume wei\u00df oder ockergelb. Die Leibesl\u00e4nge des erwachsenen Thieres betr\u00e4gt drei Fu\u00df drei Zoll, die des Schwanzes einen Fu\u00df und vier Zoll, die H\u00f6he am Widerrist einen Fu\u00df und zehn Zoll. Unsere Abbildung bekundet eine treue Auffassung des Thieres.\nDer Steppenhund ist, wie die neuen Forschungen lehren, \u00fcber einen gro\u00dfen Theil Afrikas verbreitet. Fr\u00fcher kannte man ihn nur aus der Kapgegend. Sp\u00e4ter fand ihn R\u00fcppell in derBahiuda-w\u00fcste auf, und neuere Reisende haben ihn am Kongo, wie im Mozambik beobachtet. Er ist ein echtes Steppenthier, bunt am Leibe und lebendig vom Geiste. Das H\u00fcndische spricht sich in seinem Wesen vorwiegend aus. Er ist Tag- und Nachtthier und liebt zahlreiche Gesellschaften; deshalb findet man ihn stets in Meuten oder Rudeln von 30 bis 40 St\u00fcck vereinigt. In fr\u00fcheren Zeiten war er am Kap eine h\u00e4ufige Erscheinung, und vielfache Berichte erw\u00e4hnen seiner. Da\u00df dabei manchfaltige Ausschm\u00fcckungen seiner Naturgeschichte mit unterliefen, versteht sich von selbst, und noch heute sind wir","page":446},{"file":"p0447.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung beider Thiere.\n447\nnicht im Stande, das Wahre immer und \u00fcberall von dem Unwahren zu s\u00e4ubern. Der Kapuziner Zucchelli giebt in seiner \u201eMissions-und Reisebeschreibung nach Kongo\", welche anfangs des vorigen Jahrhunderts erschien, eine ziemlich ausf\u00fchrliche Beschreibung von ihm. \u201eEs wird nicht undienlich sein,\" sagt er, \u201ehier Etwas derjenigen Thiere zu gedenken, welche einen nat\u00fcrlichen Ha\u00df gegen alle anderen Thiere im Walde haben und dieselben verfolgen und jagen, n\u00e4mlich die Mebbien. Diese Mebbien sind eine Art wilder Hunde, welche jagen, aber doch von den W\u00f6lfen sehr verschieden sind, ^ie scheinen vielmehr die Eigenschaft der Sp\u00fcrhunde zu haben und vorder Natur erschaffen zu sein, die anderen sch\u00e4dlichen Thiere wegzutreiben. Befinden sie sich in dem Walde, so braucht sich kein Wandersmann vor rei\u00dfenden Thieren zu f\u00fcrchten. Als einst einer von unsrer Mission zu Barnba\nDer Steppenhund (Lycaon pictus).\ndurch die W\u00fcste reisen wollte, besprach er sich vorher mit deni F\u00fcrsten, ob er Dies der L\u00f6wen und Panther wegen wohl wagen d\u00fcrste, und der F\u00fcrst erwiderte ihm, da\u00df er ganz ohne Gefahr reisen k\u00f6nne, weil er vor etlichen Tagen in jener Gegend die Mebbien gesehen habe, welche den Weg von allen grimmigen Thieren gereinigt haben w\u00fcrden. Sie vertreiben also die wilden Thiere, obschon sie selbst solche sind, und gleichwohl sind sie dem Menschen \u00fcberaus zugethan und f\u00fcgen ihnen nicht den geringsten Schaden zu; deshalb l\u00e4\u00dft man sie auch ohne Scheu in die D\u00f6rfer und sogar bis in die H\u00f6fe kommen.\"\n\u201eIhr Widerwille gegen andere wilde Thiere ist so gro\u00df, da\u00df sie die grausamsten Raubthiere, wie L\u00f6wen und Panther, anfallen und trotz deren St\u00e4rke durch ihre Menge \u00fcberw\u00e4ltigen und nieder-","page":447},{"file":"p0448.txt","language":"de","ocr_de":"448\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Steppenhund.\nrei\u00dfen. Was sie des Tags \u00fcber an Beute gemacht haben, das theilen sie des Abends unter einander, und wenn Etwas \u00fcbrig geblieben ist, so schleppen sie es bis in die D\u00f6rfer hinein, damit auch die Menschen Etwas zu genie\u00dfen bekommen. So fahren sie einen Tag und eine Woche fort, bis die Gegend von allen wilden Thieren gereinigt ist; dann gehen sie an einen andern Ort und setzen ihre Jagd in derselben Weise fort.\"\nMan erkennt aus dieser Darstellung leicht die Zeit, in welcher sie geschrieben wurde, und die Unklarheit der Beobachtung.' Gleichwohl habe ich sie hier mittheilen wollen, weil ich es f\u00fcr sehr lehr-' reich und unterhaltend ansehe, auch die ersten Nachrichten \u00fcber ein Thier zu ber\u00fccksichtigen. Ganz anders ist der Bericht von Kolbe, welcher dieselben Thiere an dem Vorgebirge der guten Hoffnung bemerkte. Hier hei\u00dfen sie \u201ewilde Hunde\", welche oft in die D\u00f6rfer der Hottentotten und in die H\u00e4user der Europ\u00e4er laufen. Sie f\u00fcgen dem Menschen kein Leid zu, richten aber unter den Schafen gro\u00dfen\t-*\nSchaden an, wenn sie nicht vertrieben werden; denn sie rei\u00dfen oft 60 bis 100 St\u00fcck Schafe nieder, bei\u00dfen ihnen den Bauch auf, fressen ihnen die Eingeweide aus und laufen dann davon.\nNun vergeht eine lange Zeit, bis desselben Thieres wieder Erw\u00e4hnung geschieht. Erst Burchell fand den Hi\u00e4nenhund in der N\u00e4he des Kigariep wieder auf und beobachtete ihn vielfach, brachte auch ein St\u00fcck lebendig mit nach England. Dieser Forscher, welcher unsern gemalten Hund Jagd-hi\u00e4ne nennt, best\u00e4tigt, da\u00df er bei Tage und in Gesellschaft jagt unfeine Art von Gebell h\u00f6ren l\u00e4\u00dft, welches lebhaft an das der Hunde erinnert. Er r\u00fchmt auch d-en Muth und die Munterkeit des Thieres den Hi\u00e4nen gegen\u00fcber, welche nur bei Nacht wie feige Diebe herumschleichen.\ti\nR\u00fcpell brachte sieben St\u00fcck von seiner ersten afrikanischen Reise mit nach Hause. Er hatte.sie in der Bahiudaw\u00fcste in S\u00fcdnubien erbeutet. Sie waren dort unter dem Namen Simr wohlbekannt und wurden als sehr sch\u00e4dliche Thiere betrachtet. Man redete ihnen sogar nach, da\u00df sie den Menschen angriffen, obwohl Dies unwahrscheinlich ist. Gew\u00f6hnlich lagen sie in der N\u00e4he der Brunnen im Hinterhalt, um auf Antilopen und andere kleine Thiere zu lauern.\nIch selbst habe mich vergeblick bem\u00fcht, eines der sch\u00f6nen Thiere habhaft zu werden, obgleich mir wiederholt von seinem Vorhandensein erz\u00e4hlt wurde.\nDas Neueste, welches wir \u00fcber das Leben der in mehr als einer Hinsicht merkw\u00fcrdigen Thiere | haben, berichtet Gordon Cumming, ein sehr eifriger J\u00e4ger und guter Beobachter. Er lernte die Steppenhunde im Norden der Kapansiedelung genau kennen. Als er einstmals in einem Versteck bei einer Quelle auf Wild lauerte, sah er ein von vier gemalten Hunden verfolgtes, von Blut triefendes Gnu heranspringen und sich in das Wasser st\u00fcrzen. Hier machte es Halt und bot den Hunden die Stirn. Alle\t,\nvier waren an Kopf und Schultern mit Blut bedeckt, ihre Augen gl\u00e4nzten in gieriger Mordlust, und sie wollten eben ihre Beute packen, als Cumming mit dem einen Lauf seiner Doppelb\u00fcchse das Gnu, mit dem andern einen Hund niederscho\u00df. Die drei noch \u00fcbriggebliebenen Steppenhunde begriffen nicht, woher das Unheil gekommen, und umkreuzten \u00e4ugend und sichernd den Ort; da scho\u00df Cumming einen zweiten an, und alle drei eilten davon. \u201eDiese Hunde\", erz\u00e4hlt er, \u201ejagen im Innern der Ansiedelung in Meuten, deren Zahl bis auf sechzig steigt, mit einer ungeheuern Ausdauer, so da\u00df sie selbst die gr\u00f6\u00dfte und st\u00e4rkste Antilope ermatten und \u00fcberw\u00e4ltigen. An die B\u00fcffel wagen sie sich, soviel ich wei\u00df, nicht. Sie verfolgen das Wild, bis es nicht weiter kann, rei\u00dfen es dann augenblicklich zu Boden und verzehren es in wenigen Minuten. Vor dem Menschen f\u00fcrchten sie sich weniger, als irgend ein rei\u00dfendes Thier. Die Weibchen erziehen ihre Jungen in gro\u00dfen H\u00f6hlen, die sie in den \u00f6den Ebenen graben. N\u00e4hert sich der Mensch den H\u00f6hlen, so laufen die Hunde weg, ohne ihre Brut zu vertheidigen. Die Verheerung, welche sie unter den Herden der Boers anrichten, sind unglaublich. Sie tobten und verst\u00fcmmeln viel mehr Schafe, als sie verzehren k\u00f6nnen. Ihre Stimme ist dreifach verschieden: sehen sie pl\u00f6tzlich einen gef\u00e4hrlich scheinenden Gegenstand, so bellen sie laut; des Nachts, wenn sie in Menge beisammen und durch irgend Etwas aufgeregt sind, geben sie T\u00f6ne von sich, welche klingen, als ob Menschen spr\u00e4chen, denen dabei die Z\u00e4hne vor Frost klappern; wenn sie sich sammeln, so sto\u00dfen sie einen wohlklingenden Laut aus, der etwa so klingt, wie der zweite Laut des","page":448},{"file":"p0449.txt","language":"de","ocr_de":"keltere und neuere Nachrichten \u00fcber seine Eigenschaften. Wesen eines gefangenen Steppenhundes. 449\nKutukrufes. Sie behandeln alle zahmen Hunde mit der \u00e4u\u00dfersten Verachtung, warten ihren Angriff ab, k\u00e4mpfen aber dann mit vereinten Kr\u00e4ften und zerrei\u00dfen die Feinde gew\u00f6hnlich. Die Haushunde erwiedern die Feindseligkeit mit Ingrimm und bellen stundenlang, wenn sie die Stimme der wilden auch nur von fern h\u00f6ren.\"\nEinst hatte sich Cumming in der N\u00e4he eines Wasserbeh\u00e4lters in mondheller Nacht versteckt, ein Wildebeest niedergestreckt, auch eine Hi\u00e4ne angeschossen und war eingeschlafen, bevor er wieder geladen. Nach einiger Zeit ward er durch sonderbare T\u00f6ne geweckt, tr\u00e4umte, da\u00df L\u00f6wen ihn umlagerten, erwachte mit einem lauten Schrei und sah sich rings von einer Masse knurrender und z\u00e4hnefletschender, wilder Hunde umgeben. Sie spitzten die Ohren, streckten die H\u00e4lse nach ihm aus, w\u00e4hrend ein Trupp von ungef\u00e4hr vierzig in etwas gr\u00f6\u00dferer Entfernung hin- und hersprang, ein anderer unter Zank und Streit vom Wildebeest fra\u00df. Cumming erwartete, ebenfalls zerrissen zu werden, sprang aber schnell auf, schwenkte seine Decke und redete die wilde Versammlung mit lauter Stimme an. Dies wirkte. Die Thiere,zogen sich weiter zur\u00fcck und bellten aus Leibeskr\u00e4ften. Er\nbegann zu laden: aber der ganze Schwarm war verschwunden, ehe er Feuer geben konnte________________ Noch\nin derselben Nacht kamen 15 Hi\u00e4nen, machten sich an das Wildebeest, und am andern Morgen waren von diesem nur noch die gr\u00f6\u00dften Knochen \u00fcbrig. Im Lanve der Bakalaharis lief eine Meute wilder Hunde, ein Kudu verfolgend, an Cummings Wagen vorbei und rissen die Antilope ganz nahe bei den Zugochsen, die eben an einer Quelle getr\u00e4nkt wurden, nieder. \u2014 Ein geschickter und t\u00fcchtiger englischer J\u00e4ger versichert, da\u00df die Vortrefflichkeit der Nase und die Iagdf\u00e4higkeit der Thiere wahrhaft bewunderungsw\u00fcrdig sei. Eine Meute dieser wilden Hunde \u00fcbertrifft sogar die bestgeschulten Fuchshunde. L>ehr h\u00e4ufig entkommt diesen der Verfolgte, bei den wilden Hunden ist Dies nur \u00e4u\u00dferst selten oder niemals der Fall. Unser J\u00e4ger glaubt die Krone der Iagdf\u00e4higkeit den wilden Hunden ertheilen zu k\u00f6nnen. Er versichert, da\u00df ihre Bef\u00e4higung zur Jagd eine wirklich au\u00dferordentliche ist. Immer sind die Thiere \u00e4u\u00dferst vorsichtig, wenn sie sich einem wilden Ochsen, Zebra oder einem andern kr\u00e4ftigen Thiere n\u00e4hern; um so dreister und k\u00fchner aber fallen sie \u00fcber eine Herde von wehrlosen Wiederk\u00e4uern her. Sie scheinen besonderes Vergn\u00fcgen daran zu finden, den Ochsen die Schw\u00e4nze abzubei\u00dfen, und hiermit bringen sie den Thieren nicht blos eine schmerzliche Verletzung bei, sondern verursachen ihnen auch eine gro\u00dfe Unbequemlichkeit f\u00fcr sp\u00e4tere Zeiten. Denn das Klima von Afrika ist, wie das aller hei\u00dfen L\u00e4nder, geeignet, eine wahrhaft wunderbare Vermehrung l\u00e4stiger Fliegen zu beg\u00fcnstigen. Und so kommt es, da\u00df der arme Ochse, welcher seinen Wedel verloren, von den Schnaken und anderen beschwingten Schmarotzern im h\u00f6chsten Grade leiden mu\u00df. Aber die Hi\u00e4nenhunde sind nicht eben vorsichtig im Gebrauch ihrer Z\u00e4hne, sondern bei\u00dfen manchmal auch mehr ab, als den Schwanz.\nSehr schade ist es, da\u00df alle Versuche, den pr\u00e4chtigen Hi\u00e4nenhund zu z\u00e4hmen, bis jetzt erfolglos geblieben sind. Man hat zwar jung aufgezogene fast g\u00e4nzlich ihrer Wildheit entw\u00f6hnt, und sie sogar dahin gebracht, mit anderen Thieren in Frieden und Freundschaft zu leben, selbst mit dem von ihnen so geha\u00dften L\u00f6wen oder der von ihnen wahrhaft verachteten Hi\u00e4ne: \u2014 allein zu einem eigentlichen Hausthier hat man ihn doch noch nicht umwandeln k\u00f6nnen. Im Jahre 1859 sah ich zu meiner gro\u00dfen Freude einen sehr sch\u00f6n gehaltenen und fast erwachsenen Steppenhund in einer Thierschaubude in Leipzig. Der Besitzer derselben besa\u00df au\u00dfer ihm auch noch zwei junge Nilpferde, die ersten, welche nach Deutschland gekommen waren, und bot somit dem Kundigen einen seltenen Genu\u00df. Der Hund erg\u00f6tzte Jedermann durch seine au\u00dferordentliche Lebendigkeit und Beweglichkeit. Bei meinen vielfachen Besuchen in jener Bude habe ich ihn kaum eine Minute ruhig gesehen. Allerdings konnte er auch nur diejenigen Bewegungen ausf\u00fchren, welche ihm seine Kette zulie\u00df: allein niemals sprang er in derselben einf\u00f6rmigen Weise hin und her, in welcher sich andere eingesperrte Raubthiere zu bewegen pflegen: er wu\u00dfte vielmehr die manchfaltigsten Abwechslungen in seine Spr\u00fcnge zu bringen. Die Lust, gr\u00f6\u00dfere Thiere anzugreifen, war bei ihm sehr ausgepr\u00e4gt; denn so oft sich ihm\ndie Nilpferde n\u00e4herten oder 'ihm auch nur einen Theil ihres K\u00f6rpers n\u00e4her wandten, versuchte er es, Brehm, Thierleben.\t\u00abo","page":449},{"file":"p0450.txt","language":"de","ocr_de":"450\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Steppenhund. Hi\u00e4nen.\nsie wenigstens zu zwicken, da ihm das dicke Fell seiner Genossen nat\u00fcrlich undurchdringlich war. Aeu\u00dferst * spa\u00dfhaft sah es aus, wenn er ein Nilpferd am Kopfe angriff. Der ungeschlachte Riese \u00f6ffnete dann gutm\u00fcthig ernst seinen ungeheuern Rachen, als wolle er dem \u00fcberm\u00fcthigen Hund anrathen, sich in Acht zu nehmen, und dieser versuchte es dann auch wirklich nicht, den gar zu gef\u00e4hrlich aussehenden, aber im Grunde doch ganz harmlosen Wasferbewohner anzugreifen. Er war so gut gez\u00e4hmt, als er vielleicht gez\u00e4hmt werden kann, und freute sich ungemein, wenn sein W\u00e4rter sich ihm n\u00e4herte und ihn liebkoste. Gleichwohl waren die H\u00e4nde dieses Mannes \u00fcber und \u00fcber mit Bi\u00dfwunden bedeckt, welche der Hund ihm beigebracht hatte, wahrscheinlich gar nicht in b\u00f6ser Absicht, sondern eben nur aus reinem Uebermuth und besonderer Lust zum Bei\u00dfen.\nDie Betrachtung des lebenden Steppenhundes lie\u00df sogleich jede Aehnlichkeit zwischen ihm und der Hi\u00e4ne verschwinden. Schon das kluge, geweckte, muntere und listige, ja \u00fcberm\u00fcthige Gesicht des behenden Gesellen zeigte einen ganz andern Ausdruck, als das dumme, st\u00f6rrische und geistlose der Hi\u00e4ne. Noch auffallender aber wurde der Unterschied zwischen Leiden, wenn man die leichten und zierlichen Bewegungen des Hundes mit denen der Hi\u00e4ne verglich. Der Hund erschien auch dem Uneingeweihten gleichsam als ein vollendetes Erzeugni\u00df des freundlichen, hellen Tages, w\u00e4hrend die Hi\u00e4ne ein echtes Kind der Nacht in jeder Hinsicht ist.\nUnter den Thieren der Schaubuden finden sich regelm\u00e4\u00dfig einige, denen sich, Dank den vortrefflichen Erl\u00e4uterungen der erkl\u00e4renden Thierw\u00e4rter, die besondere Aufmerksamkeit der Schaulustigen zuzuwenden pflegt! Der Erkl\u00e4rer pflegt diese Thiere als wahre Scheusale darzustellen und dichtet ihnen die f\u00fcrchterlichsten Eigenschaften an. Mordlust, Raubgier, Grausamkeit, Blutdurst, Hinterlist und T\u00fccke ist gew\u00f6hnlich noch das Geringste, was der Mann ihnen, den Hi\u00e4nen, zuschreibt. Er lehrt sie regelm\u00e4\u00dfig auch noch als Leichensch\u00e4nder und Todlenausgr\u00e4ber kennen und erweckt sicherlich ein gerechtes Entsetzen in den Gem\u00fcthern aller naturunkundigen Zuschauer. Die Wissenschaft hat es bis jetzt noch nicht vermocht, solchen Unwahrheiten zu steuern; diese haben sich vielmehr allen Belehrungen zum Trotz seit uralter Zeit frisch und lebendig erhalten.\nEs giebt wenig Thiere, deren Kunde mit so vielen Fabeln und abenteuerlichen Sagen ausgeschm\u00fcckt worden w\u00e4re, als die Geschichte der Hi\u00e4nen. Schon die Alten haben die unglaublichsten Sachen von ihnen erz\u00e4hlt. Man behauptete, da\u00df die Hunde Stimme und Sinne verl\u00f6ren, sobald sie der Schatten einer Hi\u00e4ne tr\u00e4fe; man versicherte, da\u00df die scheu\u00dflichen Raubthiere die Stimme des Menschen nachahmen sollten, um ihn herbeizulocken, dann pl\u00f6tzlich zu \u00fcberfallen und zu ermorden; man glaubte, da\u00df ent und dasselbe Thier beide Geschlechter in sich vereinige, ja selbst nach Belieben das Geschlecht \u00e4ndern und sich bald als m\u00e4nnliches, bald als weibliches Wesen zeigen k\u00f6nne. Das Merkw\u00fcrdigste bei der Sache ist, da\u00df diese Fabelei Wiederklang findet bei allen V\u00f6lkerschaften, welche die Hi\u00e4nen kennen lernten. Namentlich die Araber sind reich an Sagen \u00fcber die Hi\u00e4ne. Man glaubt steif und fest, da\u00df Menschen von dem Genusse des Hi\u00e4nengehirnes rasend werden, und vergr\u00e4bt den Kopf des erlegten Raubthieres, um b\u00f6sen Zauberern die Gelegenheit zu \u00fcbernat\u00fcrlichen Beschw\u00f6rungen zu nehmen. Ja, man ist sogar fest \u00fcberzeugt, da\u00df die Hi\u00e4nen selbst nichts Anderes sind, als verkappte Zauberer, welche bei Tage in Menschengestalt umherwandeln, bei Nacht aber die Hi\u00e4nenmaske ann\u00e4hmen, allen Gerechten zum Verderben. Ich selbst bin mehrere Male von meinen arabischen Dienern herzlich und dringend gewarnt worden, auf Hi\u00e4nen zu schie\u00dfen, und schauerliche Geschichten wurden mir \u00fcber die Gewalt der verlarvten, h\u00f6llischen Geister mitgetheilt.\n\u201eDiese verzauberten Menschen, die von Allah, dem Erhabenen Verdammten^, so sagte mir mein Diener Aali, \u201ek\u00f6nnen durch den Biofett Blick ihres b\u00f6sen Auges das Blut in den Adern des Gottseligen zum Stocken und das Herz zum Stillstehen bringen, die Eingeweide austrocknen und den Verstand verwirren. Einer unserer Herrscher, Churschid Pascha, lie\u00df viele von den D\u00f6rfern verbrennen, \u2014 Gott segne ihn daf\u00fcr! \u2014 in denen sich solche Zauberer befanden, und dennoch ist ihre","page":450},{"file":"p0451.txt","language":"de","ocr_de":"Sagen \u00fcber die Hi\u00e4ne. Kennzeichnung. Stimme.\n451\nAnzahl immer noch gro\u00df genug, und sie sind \u00fcberm\u00e4chtig, zum Schaden der Gl\u00e4ubigen. Zwar wird sie Allah in den tiefsten Pfuhl der H\u00f6lle schleudern: allein w\u00e4hrend sie leben, thut der Gl\u00e4ubige wohl, ihnen aus dem Wege zu gehen und den Bewahrer zu bitten, da\u00df er ihn vor den aus seinem Himmel herabgeschleuderten Teufeln in Gnaden bewahre. Jener F\u00fcrst starb eines fr\u00fchen Todes, denn er verfuhr hart gegen alle Zauberer, und wahrlich! \u2014 nur der Blick des b\u00f6sen Auges hat ihn unter die Erde gebracht. Glaube mir, ich selbst war in gro\u00dfer Gefahr; nur der Allm\u00e4chtige hat mir geholfen und mein Herz gutem Rath ge\u00f6ffnet. Meine Ohren waren bereit, die Stinlme des Warners zu meinem Herzen zu f\u00fchren. Ich wollte mit einem meiner Br\u00fcder Jagd anstellen auf jene n\u00e4chtlichen Geister der H\u00f6lle, die sich gar heftig auf dem Leichnam eines Kameles stritten. Allein noch zur rechten Zeit wurde ich durch den Sohn eines weisen Scheich davon abgehalten. \u201eH\u00f6rt, o Ihr Gl\u00e4ubigen, auf die Stimme der Wesen, welche Ihr f\u00fcr Hi\u00e4nen haltet; gleicht sie wohl der Stimme eines Thieres? Sicherlich nicht! Gleicht sie nicht vielmehr dem Weherufe eines jammernden Menschen? Gewi\u00df! O, so glaubet mir, da\u00df diese, welche Ihr f\u00fcr Thiere haltet, nichts Anderes, als gro\u00dfe S\u00fcnder sind, welche \u00fcber ihre entsetzliche Missethat jammern und klagen. Und wird diese Stimme nicht zugleich dem Gel\u00e4chter eines Teufels gleich? So glaubet, da\u00df der Verworfene aus ihnen spricht! Wisset, da\u00df von diesen Zauberwesen schon gro\u00dfes Unheil gestiftet worden ist. Ich kenne einen jungen Mann, der eine Hi\u00e4ne t\u00f6dtete. Er f\u00fchlte sich am andern Tage schon vollkommen entmannt; er war zu einem Weibe gewandelt worden. Ich kenne einen Andern, dessen Gebein von Stunde an vertrocknete, nachdem er einen solchen Zauberer get\u00f6dtet hatte. La\u00dft ab, meine Br\u00fcder!\" Wir thaten es, und die ganze Nacht hindurch h\u00f6rte ich das Heulen der Hi\u00e4nen. Es war, als ob sich die Diener des Teufels (Gott sch\u00fctze uns vor ihm!) gestritten h\u00e4tten. Das waren keine Thiere, das waren wirkliche Zauberer, das waren die S\u00f6hne des Verfluchten. Meine Glieder zitterten vor Schrecken, meine Zunge ward d\u00fcrr; meine Augen dunkelten, ich schlich mich unter Zagen hinweg und suchte mein Lager. So glaube auch Du mir, da\u00df Du Uebles thust, wenn Du Dein Gewehr auf Jene abfeuerst, die Du f\u00fcr Thiere h\u00e4ltsll Zwar sind sie, die h\u00f6llischen Zauberer, verflucht und die S\u00f6hne des Verfluchten, ihnen wird nie das 'Gl\u00fcck bl\u00fchen, sie werden nimmermehr die Freuden des Vaters genie\u00dfen und bes\u00e4\u00dfen sie einen Harem gleich dem des Sultan; sie werden das Paradies nie zu sehen bekommen, sondern in der tiefsten Nacht der H\u00f6lle wimmern und ewig verloren sein: aber dem Frommen ist es nicht zutr\u00e4glich, sie aufzusuchen, und Dich, o Herr, habe ich als gerechten Mann erkannt; darum vernimm denn meine Warnung!\"\nDas M\u00e4rchen und die Sage sucht sich immer seine Gestalten. Ein Thier, von welchem soviel Wunderbares berichtet oder geglaubt wird, mu\u00df irgend etwas Absonderliches in seiner Gestalt zeigen. Dies finden wir denn auch bei t^en Hi\u00e4nen best\u00e4tigt. Sie \u00e4hneln den Hunden und unterscheiden sich gleichwohl in jedem St\u00fccke von ihnen. Sie geh\u00f6ren zur ganzen Familie und stehen vereinzelt f\u00fcr sich da. Ihr Anblick ist keineswegs unmuthig, sondern entschieden absto\u00dfend. Alle Hi\u00e4nen sind h\u00e4\u00dflich, weil sie eben blos Andeutungen von einer Gestalt sind, welche wir in viel vollendeterer Weise kennen. Einzelne Forscher sehen sie als Zwittergestalten zwischen Hund und Katze an. Wir aber k\u00f6nnen dieser Anschauung nicht beipflichten, weil die Hi\u00e4nen eine ganz eigenth\u00fcmliche Gestalt f\u00fcr sich selbst haben. Der Leib ist gedrungen, der Hals dick, der Kopf stark und die Schnauze kr\u00e4ftig und unsch\u00f6n. Die krummen, vorderen L\u00e4ufe sind l\u00e4nger, als die hinteren, der R\u00fccken wird dadurch absch\u00fcssig, das Thier hinten niederer, als es am Widerrist ist. Die Lauscher sind nur sp\u00e4rlich behaart und unedel geformt, die Seher liegen schief, funkeln unheimlich, sind unst\u00e4t und zeigen einen absto\u00dfenden Ausdruck. Der dicke, scheinbar steife Hals, die buschig behaarte Lunte, welche nicht \u00fcber das Fersengelenk hinabreicht, und der lange, lockere, rauhe Pelz, welcher sich l\u00e4ngs des R\u00fcckens in eine schweine\u00e4hnliche Borstenm\u00e4hne verl\u00e4ngert, die d\u00fcstere, n\u00e4chtige F\u00e4rbung der Haare endlich, dies Alles vereinigt sich, den ganzen Eindruck zu einem recht unangenehmen zu machen. Zudem sind alle Hi\u00e4nen Nachtthiere, besitzen eine widerw\u00e4rtige, mi\u00dft\u00f6nende, kreischende oder wirklich gr\u00e4\u00dflich lachende Stimme, sind gierig, gefr\u00e4\u00dfig, verbreiten einen \u00fcblen Geruch und haben nur unedle, fast hinkende Bewegungen, offenbaren auch gew\u00f6hnlich etwas ganz Absonderliches in ihrem Wesen: \u2014 kurz, man kann sie unm\u00f6glich sch\u00f6n","page":451},{"file":"p0452.txt","language":"de","ocr_de":"452\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Hi\u00e4ne.\nnennen. Die vergleichende Forschung findet noch andere ihnen eigenth\u00fcnlliche Merkmale auf. In dem sehr kr\u00e4ftigen Gebi\u00df sind die Schneidez\u00e4hne sehr entwickelt, die gro\u00dfen Eckz\u00e4hne aber plump und kegelf\u00f6rmig, die drei L\u00fcckz\u00e4hne haben starke eingedr\u00fcckte Kronen. Am Sch\u00e4del ist der Schnauzentheil breit und stumpf, der Hirnkasten eng, die Iochb\u00f6gen und Leisten sind stark und abstehend, die Halswirbel, von denen die Alten glaubten, da\u00df sie zu einem einzigen St\u00fccke verschm\u00f6lzen, sehr kr\u00e4ftig; sie bieten den hier besonders entwickelten Muskeln vielfache Ansatzfl\u00e4chen. M\u00e4chtige Kaumuskeln, gro\u00dfe Speicheldr\u00fcsen, die 'hornigbewarzte Zunge, eine weite Speiser\u00f6hre und eigenth\u00fcmlich ausgedehnte Dr\u00fcsen in der Aftergegend kennzeichnen die Thiere noch anderweitig.\nDer Verbreitungskreis der Hi\u00e4nen ist ein. sehr ausgedehnter. Sie finden sich in dem gr\u00f6\u00dften Theile S\u00fcd - und Westasiens bis zum Altai, besonders h\u00e4ufig sind sie jedoch in ganz Afrika, und dieser Erdtheil ist deshalb auch als ihr eigentliches Vaterland anzusehen.\nBei Tage sieht man sie nur, wenn sie durch einen Zufall aufgescheucht wurden; freiwillig verl\u00e4\u00dft keine Hi\u00e4ne ihren Schlupfwinkel. Die Nacht mu\u00df schon vollst\u00e4ndig hereingebrochen sein, ehe sie daran denken, ihre Raubz\u00fcge zu beginnen. In stark bewohnten Gegenden wagen sie sich selten bis in die N\u00e4he der Menschen heran; in d\u00fcnner bev\u00f6lkerten Landstrichen aber kommen sie auf ihren n\u00e4chtlichen Wanderungen dreist bis in das Innere der Ortschaften herein. Etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang vernimmt man in den einsamsten Gebirgs- oder Waldgegenden, in der Steppe oder selbst in der W\u00fcste das Geheul der einzeln oder in kleinen Gesellschaften herumschweifenden Thiere. In den Urw\u00e4ldern Mittelafrikas und namentlich in den Uferwaldungen des blauen Flusses bilden diese Heuler einen f\u00f6rmlichen Chor; denn sobald die eine mit ihrem abscheulichen Nachtgesange beginnt, stimmen die anderen augenblicklich ein. Das Geheul der gew\u00f6hnlichen (gestreiften) Hi\u00e4ne ist sehr mi\u00dft\u00f6nend, aber nicht so widerlich, als man gesagt hat. Ich und meine ganze Reisegesellschaft sind durch dasselbe stets im hohen (^rade belustigt worden. Das Geschrei oder Geheul selbst ist sehr verschieden. Heisere Laute wechseln mit hocht\u00f6nenden, kreischende mit murmelnden oder knurrenden ab. Dagegen zeichnet sich das Geheul der gefleckten Art durch ein wahrhaft f\u00fcrchterliches Gel\u00e4chter aus, ein Lachen, wie es die gl\u00e4ubige Seele und die rege Phantasie etwa dem Teufel und seinen h\u00f6llischen Gesellen zuschreibt, scheinbar ein Hohnlachen der H\u00f6lle selbst. Wer diese T\u00f6ne zum ersten Male vernimmt, kann sich eines gelinden Schauders kaum entwehren, und der unbefangene Verstand erkennt in ihnen sofort einen der haupts\u00e4chlichsten Gr\u00fcnde f\u00fcr die Entstehung der verschiedenen Sagen \u00fcber unsere Thiere. Es ist sehr wahrscheinlich, da\u00df sich die Hi\u00e4nen mit ihren Nachtges\u00e4ngen gegenseitig zusammenheulen, und soviel ist sicher, da\u00df die Musik augenblicklich in einer Gegend verstummt, sobald einer der Heuler irgend welchen Fra\u00df gefunden hat. Besondere Erscheinungen, welche Verwunderung erregen oder Schrecken verursachen, werden von der gestreiften Hi\u00e4ne immer mit Geheul, von der gefleckten mit Gel\u00e4chter begr\u00fc\u00dft. So erschien, als wir in der Neujahrsnacht von 1850 zu 1851 mitten im Urwald am blauen Flu\u00df ein gro\u00dfes Feuer angez\u00fcndet hatten, um nach unsrer Weise das Fest zu feiern, auf der H\u00f6he des steilen Uferrandes mit einem Male eine gestreifte Hi\u00e4ne, trat so weit vor, da\u00df sie grell von den Flammen beleuchtet und hierdurch Allen sichtbar wurde, begann nun ein wahrhaft j\u00e4mmerliches Geheul, blieb aber ganz feststehen und starrte in das Feuer. Erst die Antwort, welche wir ihr durch ein schallendes Gel\u00e4chter gaben, vertrieb sie von ihrem Schaupl\u00e4tz und jagte sie in das Dunkel der W\u00e4lder zur\u00fcck. Das Hi\u00e4nengeheul ist geradezu unzertrennlich von einer Nacht im Urwalde; es ist immer das tonangebende, und die einzelnen anderen Stimmen sind gleichsam begleitende; denn die \u00fcbrigen Raub- oder Nachtthiere des Waldes, wie L\u00f6we, Panther, Elefant, Wolf und Nachteule stimmen blos zuweilen in das endlose Nachtlied der Hi\u00e4nen.\n'Solange die Nacht w\u00e4hrt, sind die herumstreifenden Thiere in steter Bewegung, und erst gegen den Morgen hin ziehen sie sich wieder nach ihren Ruhepl\u00e4tzen zur\u00fcck. In die St\u00e4dte und D\u00f6rfer kommen sie, nach meinen Beobachtungen, selten vor zehn Uhr nachts, dann aber auch ohne Scheu, selbst ohne sich durch die Hunde beirren zu lassen. In der Stadt Sennaar am blauen Flusse traf ich, von einem Gastmahle heimkehrend, um Mitternacht eine sehr zahlreiche Gesellschaft von Hi\u00e4nen","page":452},{"file":"p0453.txt","language":"de","ocr_de":"Feigheit. Ihre Beute.\n453\nan und hielt sie, weil mich die Thiere sehr nahe an sich herankommen lie\u00dfen, zuerst f\u00fcr Hunde., bis mich der kreischende, heisere Laut, den die eine ansstie\u00df, belehrte, mit welchen Gasten ich es zu thun hatte. Ein einziger Steinwnrf verjagte sie augenblicklich, und sie stoben nun wie dunkle Geister nach allen Seiten hin durch die Stra\u00dfen der Stadt.\nBei ihren Wanderungen wird die Hi\u00e4ne ebensowohl durch den Geruch, wie durch das Geh\u00f6r und Gesicht geleitet. Ein stinkendes Aas versammelt regelm\u00e4\u00dfig zwei oder mehrere Hi\u00e4nen. Ebenso werden die h\u00e4\u00dflichen Gesellen durch eine eingez\u00e4unte Herde von Schafen, Ziegen oder Rindern herbeigelockt und umschleichen dann mit l\u00fcsternen Blicken, bez\u00fcglich mit unheimlich gr\u00fcnlichfunkelnden Angen \u00e4rgerlich die dichte Umz\u00e4unung, welche sie nicht zu dnrchdringen verm\u00f6gen, und setzen durch ihr Geheul die eingeschlossenen Hansthiere in gewaltigen Schreck. Die wachsamen Hunde jener Gegenden treiben sie stets ohne gro\u00dfe M\u00fche zur\u00fcck; sie sind trefflich eingeschult, augenblicklich nach der Seite hinzust\u00fcrzen, von welcher ihren Schutzbefohlenen eine Gefahr drohen k\u00f6nnte. Es kommt niemals vor, da\u00df eine Hi\u00e4ne den mnthigen W\u00e4chtern Stand hielte; sie ergreift vielmehr immer die Flucht vor der Mente, kommt aber nach sehr kurzer Zeit wieder zur\u00fcck. Sobald sie eine Bente gewittert hat, verstummt sie und trottet nun, so leise sie kann, \u2014 denn zum Schleichen bringt sie es nicht, \u2014 in kurzen Abs\u00e4tzen n\u00e4her und n\u00e4her, \u00e4ugt, lauscht und wittert, so oft sie stillsteht, und ist jeden Augenblick bereit, die Flucht wieder zu ergreifen. Die gefleckte Art ist etwas muthiger, als die gestreifte, verh\u00e4ltni\u00df-m\u00e4\u00dfig zu ihrer Gr\u00f6\u00dfe aber immer noch ganz erb\u00e4rmlich feig und furchtsam. Alle Hi\u00e4nen greifen nur Thiere an, welche sich gar nicht wehren, namentlich Schafe, Ziegen, junge Schweine und dergleichen, und auch diese regelm\u00e4\u00dfig von der Seite. Einen Ochsen oder ein Pferd zerrei\u00dfen sie \u00e4u\u00dferst selten, und h\u00e4ufig genug sind F\u00e4lle vorgekommen, da\u00df sie sogar ein muthiger Esel in die Flucht geschlagen hat. Sie richten also blos unter den schw\u00e4cheren Hansthieren Schaden an. In diesem Kreise aber sind die Verw\u00fcstungen, welche sie verursachen, sehr bedeutend. Am liebsten ist es ihnen unter allen Umst\u00e4nden, wenn sie ein Aas finden. Um dieses herum beginnt regelm\u00e4\u00dfig ein Gewimmel, welches kaum zu schildern ist. Sie sind die Geier unter den S\u00e4ngethieren, und ihre Gefr\u00e4\u00dfigkeit ist wahrhaft gro\u00dfartig. Dabei vergessen sie alle R\u00fccksichten und auch die Gleichgiltigkeit, welche sie sonst zeigen. Man h\u00f6rt es sehr oft, da\u00df die Fressenden in harte K\u00e4mpfe gerathen; es beginnt dann ein Kr\u00e4chzen, Kreischen und Gel\u00e4chter, da\u00df Abergl\u00e4ubische wirklich glauben k\u00f6nnen, alle Teufel der H\u00f6lle seien los und ledig. Durch die Aufr\u00e4umung des Aases werden sie n\u00fctzlich; der Schaden, welchen sie den Herden zuf\u00fcgen, \u00fcbertrifft jedoch jenen geringen Nutzen weit, weil das Aas auch durch andere, viel bessere Arbeiter ans der Klasse der V\u00f6gel und der Kerbthiere weggeschafft werden w\u00fcrde. Im tiefen Innern Afrikas sind die Hi\u00e4nen noch heutigen Tages die Bestatter der Leichname armer oder unfreier Leute, welche ihnen gleichsam zum Fra\u00dfe vorgeworfen werden, und noch w\u00e4hrend der t\u00fcrkischen Herrschaft war es gar nichts Seltenes, da\u00df in Sennar und Obeid w\u00e4hrend der Nachtzeit menschliche Leichname von den Hi\u00e4nen gefressen wurden. In S\u00fcdostafrika graben sie die nur leicht verscharrten Leichen der Hottentotten ans, und hierauf m\u00f6gen sich alle die b\u00f6sen Nachreden gr\u00fcnden, an denen sie noch jetzt zu leiden haben. Den Reisez\u00fcgen durch Steppen und W\u00fcsten folgen sie in gr\u00f6\u00dferer oder geringerer Zahl, gleichsam, als ob sie w\u00fc\u00dften, da\u00df ihnen aus solchen Z\u00fcgen doch ein Opfer werden m\u00fcsse. Im Nothfalle begn\u00fcgt sich das gefr\u00e4\u00dfige Vieh aber auch mit thierischen Ueberresten aller Art, selbst mit trocknem Leder und dergleichen. Ans den Schlachtpl\u00e4tzen, welche im Innern Afrikas immer vor der Ortschaft liegen, raffen sie das am Boden vertrocknete, stinkende Blut gierig auf und verschlingen dabei h\u00e4ufig eine Menge von Erde oder Stra\u00dfenschmnz; um die Kothhanfen der Dorfbewohner sieht man sie regelm\u00e4\u00dfig besch\u00e4ftigt.\nVon der Bente, welche eine Hi\u00e4ne gefa\u00dft hat, l\u00e4\u00dft sie sich nicht wieder abtreiben. Sie nimmt dann wenigstens ein St\u00fcck derselben mit, und was sie einmal im Rachen tr\u00e4gt, giebt sie lebendig ' nicht wieder her, selbst wenn sie geschlagen oder sonst wie gemi\u00dfhandelt wird. Vielfach ist hin-und hergestritten worden, ob die Hi\u00e4nen auch den Menschen angreifen oder nicht. Die gestreifte thut es ganz entschieden nicht, die gefleckte aber greift Kinder oder schlafende Erwachsene wirklich an und schleppt sie mit sich weg; denn ihre Kraft ist so gro\u00df, da\u00df sie bequem einen Menschen forttragen","page":453},{"file":"p0454.txt","language":"de","ocr_de":"454\nDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Hi\u00e4ne.\nkann. An erwachsene M\u00e4nner wagt aber auch sie sich wohl nur \u00e4u\u00dferst selten, und deshalb f\u00fcrchtet Niemand die leibliche St\u00e4rke des Thieres, umsomehr freilich ihre unheilvollen, zauberischen Kr\u00e4fte.\nUm die Zeit, in welcher es die meiste Beute giebt, im Innern Afrikas also zu Anfang der Regenzeit und im Norden im Fr\u00fchlinge, w\u00f6lft die Hi\u00e4ne in einer selbstgegrabenen kunstlosen R\u00f6hre oder Felsenh\u00f6hle auf den nackten Boden drei, h\u00f6chstens vier Junge, welche sie, solange diese blind und klein sind, z\u00e4rtlich liebt und mit vielem Muthe vertheidigt, sp\u00e4ter aber, nachdem die Jungen gr\u00f6\u00dfer geworden, feig verl\u00e4\u00dft, sobald Gefahr droht. Die Jungen haben eine dichte, feine, aschgraue Behaarung mit einem schwarzen Stteifen auf der Firste des R\u00fcckens, von welcher gleichgef\u00e4rbte auf die Seite herablausen, und zwischen denen sich zerstreutstehende Flecken befinden.\nIm fr\u00fchester Kindheit eingefangene Hi\u00e4nen kann man sehr leicht z\u00e4hmen und sie halten auch die Gefangenschaft sehr gut und dauernd aus, werden aber meistens im Alter staarblind.\nDes Schadens wegen, welchen diese Raubthiere anrichten, werden sie von den europ\u00e4ischen Ansiedlern und auch von einigen andern V\u00f6lkerschaften ziemlich regelm\u00e4\u00dfig und lebhaft verfolgt. Man schie\u00dft sie, f\u00e4ngt sie in Fallen oder Fallgruben, vergiftet sie und greift sie lebendig. Letztere Fangart wird namentlich in Egypten angewandt, und ich kann sie den \u00fcbereinstimmendsten Nachrichten vieler glaubw\u00fcrdigen M\u00e4nner zufolge verb\u00fcrgen. Der Hi\u00e4nenf\u00e4nger begiebt sich mit einem wei\u00dfen Teppich an einen Felsspalt des Gebirges, in welchen er Hi\u00e4nen zu finden hosten darf, weil ihm derselbe als Schlupfwinkel seit Jahren bekannt ist. Vorsichtig weiterschreitend oder, wenn es eine H\u00f6hle ist, kriechend, dringt er nach dem Lager des Thieres vor, bis die gr\u00fcnlichfunkelnden Augen ihm seine Beute verrathen. Sobald er sich n\u00e4hert, zieht sich die Hi\u00e4ne zornig schreiend zur\u00fcck, soweit sie kann. Am hintern Ende der H\u00f6hle endlich macht sie Halt, der F\u00e4nger n\u00e4hert sich ihr, wirft ihr den Teppich \u00fcber den Kopf und sich dann selbst auf ihn und die Hi\u00e4ne, sucht, das Thier soviel als m\u00f6glich in denselben zu verwickeln und bringt es dahin, da\u00df der w\u00fcthende N\u00e4chtling sich im Teppich festbei\u00dft. Dann hat er leichtes Spiel: er bindet die Beine zusammen und wirft schlie\u00dflich eine Schlinge \u00fcber den Hals, um daran die Hi\u00e4ne zu erdrosseln, oder auch blos auf die Schnauze, um diese zuzuschn\u00fcren. Ist Dies einmal geschehen, dann wird die Hi\u00e4ne, so sehr sie sich auch wehrt, leicht wehrlos gemacht. Von den Maham-medanern wird kein einziger Theil einer Hi\u00e4ne benutzt, weil das ganze Thier mit Recht als unrein gilt. Bei den kriegerischen St\u00e4mmen der W\u00fcste h\u00e4lt man es sogar f\u00fcr entehrend, sich mit einer Hi\u00e4ne in Kampf einzulassen, und jede Waffe, welche gebraucht worden ist, ein solches Thier zu tobten, hat damit in dev Meinung der Krieger eine Scharte erhalten, welche niemals wieder ausgewetzt werden kann; sie gilt wenigstens zum fernern Gebrauch der Krieger f\u00fcr unf\u00e4hig. Deshalb benutzen auch die Araber des Westens, wie Jules Gerard erz\u00e4hlt, eine ganz eigenth\u00fcmliche Waffe gegen die Hi\u00e4nen, welche wohl sonst niemals mehr angewendet werden d\u00fcrfte. Sie fassen n\u00e4mlich eine Hand voll feuchten Schlamm oder einen \u00e4hnlichen Stoff und stellen sich dann vor die liegende Hi\u00e4ne, strecken ihre Hand aus und sagen spottend: \u201eSieh, mein Thierchen, wie sch\u00f6n ich dich schm\u00fccken will mit dieser Henna!\" (Bekanntlich die rothf\u00e4rbenden Bl\u00e4tter eines Strauches, welche die arabischen Weiber benutzen, um sich ihre N\u00e4gel und inneren Handfl\u00e4chen roth zu f\u00e4rben.) Sobald dann die Hi\u00e4ne sich erhebt, werfen sie ihr geschickt die Salbe in die Augen, h\u00fcllen sie in den Teppich und fesseln sie, bevor sie wieder vollkommen zu Sinnen gekommen ist; dann bringen sie die Beute in ihre D\u00f6rfer und \u00fcberantworten das ungl\u00fcckliche Gesch\u00f6pf hier den Frauen und Kindern, welche es zu Tode steinigen.\nIn der Borwelt waren die Hi\u00e4nen \u00fcber einen weit gr\u00f6\u00dfern Theil der Erde verbreitet, als gegenw\u00e4rtig, und fanden sich auch in Deutschland ziemlich h\u00e4ufig, wie die vielfach aufgefundenen Knochen dev H\u00f6hlen- und der Vorweltshi\u00e4nen hinl\u00e4nglich beweisen. Gegenw\u00e4rtig leben, so viel man wei\u00df, vier Arten der Gruppe, von denen drei echte, die vierte aber ein vermittelndes Bindeglied zwischew diesen und den Zibetkatzen ist.\nZu der ersten Sippe geh\u00f6ren die gefleckte Hi\u00e4ne (Hyaena crocnta), derStrandwolf (Hyaena brunnea) und die gestreifte Hi\u00e4ne (Hyaena striata). Erstere ist, wie ich bereits bemerkte, die","page":454},{"file":"p0455.txt","language":"de","ocr_de":"Fortpflanzung. Verfolgung. Fang. Lebende Arten.\n455\ngr\u00f6\u00dfte und st\u00e4rkste der jetzt lebenden, obgleich sie noch lange nicht die Gr\u00f6\u00dfe der vorweltlichen H\u00f6hlen-hi\u00e4ne erreicht. Sie zeichnet sich durch ihren kr\u00e4ftigen K\u00f6rperbau und den gefleckten Pelz vor der viel h\u00e4ufigern, oder wenigstens viel h\u00e4ufiger zu uns kommenden, gestreiften Hi\u00e4ne und dem einfarbigen Strandwolf aus. Die Grundfarbe dieses Pelzes ist wei\u00dflichgrau, etwas mehr oder weniger ins Fahlgelbe ziehend. Auf dieser finden sich an den Seiten und an den Schenkeln braune Flecken. Der Kopf ist braun, auf den Wangen und auf dem Scheitel r\u00f6thlich, die Branten sind wei\u00dflich; die Standarte ist braun, geringelt und ihre Blume schwarz. Uebrigens wechselt diese F\u00e4rbung nicht unbedeutend: man findet bald dunklere, bald hellere. Die Leibesl\u00e4nge des Thieres betr\u00e4gt \u00fcber drei und einen halben, ja selbst \u00fcber vier Fu\u00df, ihre H\u00f6he am Widerrist dritthalben Fu\u00df.\nDie gefleckte Hi\u00e4ne bewohnt das s\u00fcdliche und \u00f6stliche Afrika vom Vorgebirge der guten Hoffnung an bis zum siebzehnten Grad n\u00f6rdlicher Breite und verdr\u00e4ngt, wo sie sehr h\u00e4ufig vorkommt,\nDie gefleckte Hi\u00e4ne (Hyaena crocuta).\ndie gestreifte Hi\u00e4ne fast g\u00e4nzlich. In Abissinien und Ostsudahn lebt sie mit dieser an gleichen Orten, wird aber nach S\u00fcden hin immer h\u00e4ufiger und ist schlie\u00dflich die einzig vorkommende. In Abissinien ist sie gemein und geht hier in den Gebirgen sogar bis 12,000 Fu\u00df \u00fcber die Meeresh\u00f6he hinauf. Ihre ganze Lebensweise \u00e4hnelt der der gestreiften. Sie wird aber ihrer Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke halber weit mehr gef\u00fcrchtet und wohl deshalb auch haupts\u00e4chlich als unheilvolles, verzaubertes Wesen betrachtet. Die Araber nennen sie Marrafil. Viele Beobachter versichern einstimmig, da\u00df sie wirklich auch Menschen angreife, namentlich \u00fcber Schlafende und Ermattete herfallen. Dasselbe behaupten die Abissinier, wie wir von R\u00fcppell erfahren. \u201eDie gefleckten Hi\u00e4nen,\" sagt dieser Forscher, \u201esind von Natur sehr feig, haben aber, wenn sie der Hunger qu\u00e4lt, eine unglaubliche K\u00fchnheit. Sie besuchen dann selbst zur Tageszeit die H\u00e4user und schleppen kleine Kinder fort, wogegen","page":455},{"file":"p0456.txt","language":"de","ocr_de":"456 Die Raubthiere. Hunde. \u2014 Gefleckte Hi\u00e4ne. Strandwolf. Gestreifte Hi\u00e4ne.\nsie jedoch nie einen erwachsenen Menschen angreifen. Ost wissen sie, wenn abends die Herde heimkehrt, eins der letzten Schafe derselben durch einen Sprung zu erhaschen, und meist gelingt es ihnen, trotz der Verfolgung der Hirten, ihre Beute fortzuschleppen. Hunde werden hier nicht gehalten. Die Einwohner fingen f\u00fcr uns mehrere gro\u00dfe Hi\u00e4nen lebendig in Gruben, die in einem von Dornb\u00fcschen umgebenen Gange angebracht werden, an dessen Ende eine nach ihrer Mutter bl\u00f6kende Ziege angebunden wird. Man mu\u00df sie m\u00f6glichst bald tobten, weil sie sich sonst einen Ausweg aus dem Gef\u00e4ngnisse w\u00fchlen.\" \u2014 Ich habe sie \u00fcberall nur als feiges, dem Menschen scheu aus dem Wege gehendes Thier kennen gelernt.\nAm Kap ist diese Art unter dem Namen Tigerwolf bekannt. \u201eSie ist dort,\" sagt Lichtenstein, \u201ebei weitem das h\u00e4ufigste unter allen Raubthieren und findet sich selbst noch in den Schluchten des Tafelberges, so da\u00df die P\u00e4chtereien ganz in der N\u00e4he der Kapstadt nicht selten von ihr beunruhigt werden. Sie h\u00e4lt sich im Winter aus den Bergh\u00f6hen, im Sommer aber in den ausgetrockneten Stellen gro\u00dfer Ebenen aus, wo sie in dem hohen Schilf denHasen, Schleichkatzen und Springm\u00e4usen auflauert, die an solchen Stellen Wasser, K\u00fchlung oder Nahrung suchen. Die G\u00fcterbesitzer in der N\u00e4he der Kapstadt stellen fast j\u00e4hrlich Wolfsjagden an. Es giebt dort mehrere solcher mit Schilfrohr bewachsener Niederungen; eine jede derselben wird umzingelt und an mehreren Stellen unter dem Winde in Brand gesteckt. Sobald die Hitze das Thier zweigt, seinen Hinterhalt zu verlassen, fallen es die ringsum aufgestellten Hunde an, und der Anblick dieses Kampfes ist der Hauptzweck der ganzen Unternehmung. Inzwischen bringen die Hi\u00e4nen in der N\u00e4he der Stadt weniger Schaden, als Nutzen; sie verzehren manches Aas und vermindern die Zahl der diebischen Paviane und der listigen Ginsterkatzen. Man h\u00f6rt es sehr selten, da\u00df die Hi\u00e4ne in diesen dichter bewohnten Gegenden ein Schaf gestohlen, denn sie ist scheu von Natur und flieht vor dem Menschen, und man wei\u00df kein Beispiel, da\u00df sie Jemanden angefallen. Den Kopf tr\u00e4gt sie niedrig mit gebogenem Nacken, der Blick ist boshaft und scheu. Fast auf jeder P\u00e4chterei findet man in einiger Entfernung von dem Wohnhause eine Hi\u00e4nenfalle, ein von Stein roh aufgef\u00fchrtes Geb\u00e4ude von sechs bis acht Fu\u00df im Geviert mit einer schweren Fallth\u00fcr versehen, die von innen ganz nach Art einer Mausefalle mit der Lockspeise in Verbindung steht und zuschl\u00e4gt, sobald das Raubthier das hingelegte Aas von der Stelle bewegt. Aehnliche Fallen werden auch den Pardern gestellt, doch unterscheiden sich diese dann dadurch, da\u00df sie von oben durch aufgelegtes Geb\u00e4lk geschlossen sind, dahingegen die Wolfsfallen oben offen sind, weil dies Thier weder springt, noch klettert. In manchen Gegenden stellt man den Raubthieren auch wohl Selbstsch\u00fcsse, die besonders geschickt angelegt sind. Man gr\u00e4bt n\u00e4mlich eine tiefe Rinne, in welcher das Gewehr liegt und der Strick bis zu der Lockspeise fortl\u00e4uft. Diese selbst liegt am Ende der Rinne, da wo sie in einen breiten Graben ausl\u00e4uft, so da\u00df das Thier nicht anders dazu gelangen kann, als gerade an der Stelle, wohin die Kugel treffen mu\u00df. Nur dem listigen und gewandten Schakal gelingt es zuweilen, das Fleisch von der Seite herauszuholen und dem Schusse auszuweichen. In der Gegend von Olifantsrevier pflegt man die Hi\u00e4nen mit vergiftetem Fleische zu tobten.\"\nNoch zu Sparrmans Zeiten (1780) kamen sie, wie gegenw\u00e4rtig im Sudahn, in das Innere der St\u00e4dte und verzehrten hier alle thierischen Abf\u00e4lle, welche auf den Stra\u00dfen lagen. Wahrhaft schrecklich sind die Erz\u00e4hlungen, welche Strodtman in seinen s\u00fcdafrikanischen Wanderungen giebt. Er erfuhr, da\u00df die n\u00e4chtlichen Angriffe dieser Thiere vielen Kindern und Halberwachsenen das Leben kosteten, und seine Berichterstatter h\u00f6rten in wenigen Monaten von vierzig solchen verderblichen Ueberf\u00e4llen erz\u00e4hlen. Die Mambukis, ein Kafferstamm, behaupten, da\u00df die Hi\u00e4ne Menschenfleisch jeder andern Nahrung vorziehe. Ihre H\u00e4user haben die Gestalt eines Bienenkorbes von achtzehn bis zwanzig Fu\u00df im Durchmesser. Der Eingang ist ein enges Loch und f\u00fchrt zun\u00e4chst in eine rinnenf\u00f6rmige Abtheilung, welche des Nachts zur Bewahrung der K\u00e4lber dient, und erst innerhalb dieser Abtheilung befindet sich ein erh\u00f6hter Raum, auf welchem die Familie zu ruhen pflegt. Hier schlafen die Mambukis, im Kreise um ein Feuer herumgelagert. Die eingedrungeuen Hi\u00e4nen sind nun, wie man","page":456},{"file":"p0457.txt","language":"de","ocr_de":"^\u00fcPPell, Lichtenstein, Strodtmann \u00fcber die Hi\u00e4ne in verschiedenen L\u00e4ndern.\t457\nversichert, immer zwischen den K\u00e4lbern hindurchgegangen, haben das Feuer umkreist und die Kinder unter der Decke der M\u00fctter so leise herausgezogen, da\u00df die ungl\u00fccklichen Eltern ihren Verlust erst dann erfuhren, als das Wimmern des von dem Unthiere gepackten Kindes aus einer Ferne zu ihnen gelangte, wo Rettung nicht mehr m\u00f6glich war. Shepton, welcher diese Geschichten verb\u00fcrgt, bekam ein Paar Kinder zur Heilung, welche von dem Raubthiere fortgeschleppt und f\u00fcrchterlich zugerichtet, gl\u00fccklicher Weise aber ihm dennoch wieder abgejagt worden waren. Das eine der Kinder war ein zehnj\u00e4hriger Knabe, das andere ein achtj\u00e4hriges M\u00e4dchen. Schlingen, Gruben und Selbstsch\u00fcsse werden nach diesem Bericht nur mit geringem Erfolge angewendet, weil die listigen Hi\u00e4nen die Fallen merken und ihnen ausweichen. \u2014 Ich habe Grund, diesen Bericht f\u00fcr \u00fcbertrieben zu halten.\nDie gefleckte Hi\u00e4ne ist diejenige Art, mit welcher sich die Sage am meisten besch\u00e4ftigt. Viele Sudahnesen behaupten, da\u00df die Zauberer blos ihre Gestalt annehmen, um ihre n\u00e4chtlichen Wanderungen zum Verderben aller Gl\u00e4ubigen auszuf\u00fchren. Die h\u00e4\u00dfliche Gestalt und die schauderhaft lachende Stimme der gefleckten Hi\u00e4ne wird die Ursache dieser Meinung gewesen sein. Auch wir m\u00fcssen dieser Hi\u00e4ne den Preis der H\u00e4\u00dflichkeit zugestehen. Unter s\u00e4mmtlichen Raubthieren ist sie unzweifelhaft die mi\u00dfgestaltetste, garstigste Erscheinung, und dazu kommen nun noch die geistigen Eigenschaften um das Thier gewisserma\u00dfen verha\u00dft zu machen. Sie ist d\u00fcmmer, b\u00f6swilliger und roher, als ihre gestreifte Verwandte, obwohl sie bei ihrer grenzenlosen Feigheit sich vermittelst der Peitsche bald bis zu einem gewissen Grade z\u00e4hmen l\u00e4\u00dft. Wie es scheint, erreicht sie jedoch niemals die Zahmheit der gestreiften Art, denn die Kunstst\u00fccke in Thierschaubuden sind eben nicht ma\u00dfgebend zur Beurtheilung hier\u00fcber, und andere Leute, als solche herumziehende Thierkundige, machen sich schwerlich das Vergn\u00fcgen, sich mit der gefleckten Hi\u00e4ne zu besch\u00e4ftigen. Sie ist allzuh\u00e4\u00dflich, zu ungeschlacht und zu unliebenswurdig tm K\u00e4fig! Stundenlang liegt sie auf ein und derselben Stelle, wie ein Klotz; dann springt sie empor,, schaut unglaublich dumm in die Welt hinaus, reibt sich an den St\u00e4ben ihres K\u00e4figs und st\u00f6\u00dft von Zeit zu Zeit ihr abscheuliches Gel\u00e4chter aus, welches, wie man zu sagen pflegt, durck dringt. Mir hat es immer scheinen wollen, als wenn dieses eigenth\u00fcmliche und im h\u00f6chsten Grade widerw\u00e4rtige Geschrei eine gewisse Wollust des Thieres ausdr\u00fccken sollte; wenigstens benahm sich die lachende Hi\u00e4ne dann auch in anderer Weise so, da\u00df man Dies annehmen konnte.\nDer Strandwolf zeichnet sich namentlich durch seine lange, rauhe, breit zu beiden Seiten herabhangende R\u00fcckenm\u00e4hne vor seinen \u00fcbrigen Verwandten aus. Die F\u00e4rbung seiner \u00fcberhaupt langen Behaarung ist einf\u00f6rmig dunkelbraun bis auf wenige braun und wei\u00df gew\u00e4sserte Punkte an den ;?eme*\u2018 HE der R\u00fcckenEhne sind im Grunde wei\u00dflichgrau, \u00fcbrigens schw\u00e4rzlichbraun gef\u00e4rbt. Der Kopf ist dunkelbraun und grau, die Stirn schwarz mit wei\u00dfer und r\u00f6thlichbrauner Sprenkelunq Er ist bedeutend kleiner, als die gefleckte Hi\u00e4ne, und wird h\u00f6chstens so gro\u00df, wie die gestreifte Art.\nDas Threr bewohnt den S\u00fcden von Afrika und zwar gew\u00f6hnlich die N\u00e4he des Meeres. Es ist \u00fcberall wert weniger h\u00e4ufig, als die gefleckte Hi\u00e4ne, lebt so ziemlich wie diese, jedoch haupts\u00e4chlich von Aas, zumal von solchem, welches vom Meere an den Strand geworfen wird. Wenn den Strandwolf der Hunger qu\u00e4lt, f\u00e4llt er auch die Herden an und wird deshalb ebenso gef\u00fcrchtet, als die anderen Arten. Man glaubt, da\u00df er weit listiger sei, als alle \u00fcbrigen Hi\u00e4nen, und versichert, da\u00df er sich nach jedem Raube weit entferne, um seinen Aufenthalt nicht zu verrathen.\nDie gestreifte Hi\u00e4ne endlich ist das uns wohlbekannte Mitglied der Thierschaubuden Sie kommt, weil sie uns am n\u00e4chsten wohnt und \u00fcberall gemein ist, auch am h\u00e4ufigsten zu uns und wird gewohnlrch Su den beliebten Kunstst\u00fccken abgerichtet, welche man in Thierbuden zu sehen bekommt und welche, wie aus dem Folgenden hervorgehen wird, weit gef\u00e4hrlicher aussehen, als sie sind Das Thwr ist so bekannt da\u00df eine Beschreibung desselben kaum n\u00f6thig ist oder sich mindestens auf wenige\nM ist straff und ziemlich langhaarig, seine F\u00e4rbung ein gelb-lrches Wei\u00dfgrau, auf welchem sich schwarze Querstreifen finden. Die M\u00e4hnenhaare haben ebenfalls","page":457},{"file":"p0458.txt","language":"de","ocr_de":"458\tDie Raubthiere. Hunde. \u2014 Gestreifte Hi\u00e4ue.\nschwarze Spitzen, und der Vorderhals ist nicht selten ganz schwarz, die Standarte ist bald einfarbig, bald gestreift, der Kopf ist dick, die Schnauze verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig d\u00fcnn, obgleich immer noch plump genug, die aufrechtstehenden Lauscher sind gro\u00df und ganz nackt. Drei Fu\u00df, etwas mehr oder wemger, ist das gew\u00f6hnliche Ma\u00df der Leibesl\u00e4nge.\nDiese Hi\u00e4ne ist Wohl die verbreitetste unter allen, wenigstens geht sie von der Sierra Leona an quer durch Afrika und fast ganz Asien hindurch bis zum Altai. Sie ist nirgends selten, an menschenleeren Orten sogar au\u00dferordentlich h\u00e4ufig, aber sie ist auch die am w-nigsten sch\u00e4dlich- unter allen und wird deshalb wohl nirgends besonders gef\u00fcrchtet. In ihrer Heimat giebt es gemeiniglich soviel Aas oder wenigstens Knochen, da\u00df sie nur selten durch den Hunger zu k\u00fchnen Angrlfsen ans lebendig- Thiere gezwungen wird. Ihre Feigheit \u00fcbersteigt alle Grenzen; doch kommt auch st- \u00ab d--S Innere der D\u00f6rfer herein und in Egypten schon wenigstens bis ganz nahe an di-selten heran. Aus dem Aase, welches wir auslegten, um sp\u00e4ter Geier ans ihm zu schie\u00dfen, erschienen d-S Nachts regelm\u00e4\u00dfig Hi\u00e4nen und wurden uns deshalb sehr l\u00e4stig. Wenn wir im Freien rasteten, kamen sie h\u00e4ufig biS in das Lager geschlichen, und mehrmals haben wir von unserer Lagerst\u00e4tte aus, ohne auszustehen, ans sie feuern k\u00f6nnen. Bei einem Ausflnge nach dem Sinai erlegte mein Freund Heuglin eine gestreifte Hi\u00e4ne vom Lager aus mit H\u00fchuerschroten. Trotz ihrer Zudringlichkeit f\u00fcrchtet sich cm Mensch vor ihr, und sie wagt auch wirklich niemals, auch nur Schlafende anzugreifen. Ebensowenig gr\u00e4bt sie Leichen ans, und deshalb eben ist st- an den schauerlichen Erz\u00e4hlungen, welche man in Schaubuden von ihr h\u00f6rt, vollkommen unschuldig. In ihrer Lebensweise \u00e4hnelt sie \u00fcbrigens den vorhin genannten Arten vollst\u00e4ndig und ist auch deshalb nicht besonders zu schildern; dagegen kann _ \u25a0_____________ntiit______JHV\u201e, ...SU, miftMm. welche icfi in Afrika l\u00e4ngere Zeit besatz.\nGroschen unsers Geldes. Die Thierchen hatten etwa \u00b0,e i-,ro,,e eine\u00bb halb erwachsenen Dachshundes und waren noch mit sehr weichem, feinen, dunkelgranen Wollhaar bedeckt. Sie hatten schon eine Zeitlang die Gesellschaft der Menschen genoffen, waren aber noch sehr ung-zogxn. Wir sperrten sie in -inen Stall, und hier besuchte ich sie t\u00e4glich. Der Stall war dunkel; ich sah deshalb b-m, Hineintreten gew\u00f6hnlich nur vier gr\u00fcnliche Punkte in irgend einer Ecke leuchte\u00bb Sobald ich Mich nahet-, begann -in eigenth\u00fcmliches Fauche\u00bb und Kreischen, und wenn ich unvorsichtig nach -wem Thierchen griff, wurde ich regelm\u00e4\u00dfig t\u00fcchtig in di- Hand g-bisi-n. Schlag- sruchttten IM Ansauge wenig jedoch bekamen die jungen Hi\u00e4nen mit zunehmendem Alter mehr und mehr Begriffe von der Oberherrschaft, welche ich \u00fcber sie erskebte, bis ich ihnen eines Tag-S ihre und meine Stellung vollkommen klar zu machen suchte. Mein Diener hatte st- gef\u00fcttert, mit ihnen gespielt Niid war so heftig von ihnen gebissen worden, da\u00df er seine H\u00e4nde in den n\u00e4chsten vier Wochen Nicht g-branch-n konnte Di- Hi\u00e4nen hatten inzwischen das Doppelt- ihrer sr\u00fcheru Gr\u00f6\u00dfe erreicht und konnten d-sha b auch eine derbe Lehr- vertragen. Ich beschlo\u00df, ihnen diese zu geben, und indem ich bedachte, da\u00df es weck b-ff-r sei, eines dieser Thiere todtzuschlagen, als sich der Gefahr auszusetzen, von ihnen erheblich verletzt zu werden, pr\u00fcgelte ich sie beide so lang-, bis \u00abein- mehr fauchte oder knurrte, wem, ich mich ihnen wieder n\u00e4herte Um zu erproben, ob die Wirkung vollst\u00e4ndig gewesen s\u00b0>, hielt ich ihnen ->n\u00b0 halbe Stunde sp\u00e4ter di- Hand vor die Schnauzen. Eine beroch dieselbe ganz ruhig, die andere b,\u00df un bekam von neuem ihr- Pr\u00fcgel. Denselben Versuch macht- ich noch einmal an dem n\u00e4mlichen Tage, und die st\u00f6ckisch- bi\u00df zum zweiten Male. Sie bekam also ihre dritten Pr\u00fcgel, \u00bb\u00bbd dwse sch.-uen d-nn auch wirklich hinreichend gewesen zu sein. Sie lag elend und regungslos m d\u00b0m Wmkel und blieb so w\u00e4hrend des ganzen folgenden Tages liegen, ohne Speise anzur\u00fchren. Etwa 24 S\u00fcnden \u00bbach der Bestrafung ging ich wieder in den Stall \u00bbnd besch\u00e4ftigte Mich nun langer- Z-it Mit ihnen. Jetzt lie\u00dfen sie sich Alles gefallen \u00bbnd versuchten gar nicht mehr, nach meiner Hand zu schnappem Von diesem Augenblicke an warStrenge bei ihnen nicht mehr nothwendig; ihr Kotziger\tgebrochen\nund sie beugten sich vollkommen unter meine Gewalt. Nur -\u00bb' -mzig-s Mal noch mu\u00dfte ich da\u00bb Waff rbad bei ihnen anwenden, bekanntlich das allerbeste Z\u00e4hmungSm.ttel wilder Thiere \u00fcberhaupt.","page":458},{"file":"p0458s0001table11.txt","language":"de","ocr_de":"\nmm\niytttim und Schakals.","page":0},{"file":"p0459.txt","language":"de","ocr_de":"Gefangenleben und Z\u00e4hmung.\n459\nWir hatten n\u00e4mlich eine dritte Hi\u00e4ne gekauft, und diese mochte ihre schon gez\u00e4hmten Kameraden wieder verdorben haben; indessen bewiesen sie sich nach dem Bade, und nachdem sie von einander getrennt worden waren, wieder ganz freundlich und liebensw\u00fcrdig.\nNach Verlauf eines Vierteljahres, vom Tage der Erwerbung an, konnte ich mit ihnen spielen, wie mit einem Hunde, ohne bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, irgend welche Mi\u00dfhandlung von ihnen zu erleiden. Sie gewannen mich mit jedem Tage lieber und freuten sich ungemein, wenn ich zu ihnen kam. Dabei benahmen sie sich, nachdem sie mehr, als halberwachsen waren, h\u00f6chst sonderbar. Sobald ich in den Raum trat, fuhren sie unter fr\u00f6hlichem Geheul auf, sprangen an mir in die H\u00f6he, legten mir ihre Vorderpranken auf beide Schultern, schn\u00fcffelten mir im ganzen Gesicht herum, hoben endlich ihre Standarte steif und senkrecht empor und schoben dabei den umgest\u00fclpten Mastdarm gegen IV2 bis 2 Zoll weit aus dem After heraus. Diese Begr\u00fc\u00dfung wurde mir stets zu Theil, und ich konnte bemerken, da\u00df der sonderbarste Theil derselben jedesmal ein Zeichen ihrer freudigsten Erregung war.\nWenn ich sie mit' mir auf das Zimmer nehmen wollte, \u00f6ffnete ich den Stall und beide folgten mir; die dritte hatte ich in Folge eines Anfalles ihrer Raserei todtgeschlagen. Wie etwas zudringliche Hunde sprangen sie wohl hundert Mal an mir empor, dr\u00e4ngten sich zwischen meinen Beinen hindurch und beschn\u00fcffelten mir H\u00e4nde und Gesicht. In unserm Geh\u00f6ft konnte ich so mit ihnen \u00fcberall herumgehen, ohne nur bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, da\u00df eine oder die andere ihr Heil in der Flucht suchen w\u00fcrde. Sp\u00e4ter habe ich sie in Kairo an leichten Stricken durch die Stra\u00dfen gef\u00fchrt zum Entsetzen aller gerechten Bewohner derselben. Sie zeigten sich so anh\u00e4nglich, da\u00df sie ohne Aufforderung mich zuweilen besuchten, wenn einer meiner Diener es vergessen hatte, die Stallth\u00fcre hinter sich zu verschlie\u00dfen. Ich bewohnte den zweiten Stock des Geb\u00e4udes, der Stall befand sich im Erdgescho\u00df. Dies hinderte die Hi\u00e4nen aber gar nicht; sie kannten die Treppen ausgezeichnet und kamen regelm\u00e4\u00dfig auch ohne mich in das Zimmer, welches ich bewohnte. F\u00fcr Fremde war es ein ebenso \u00fcberraschender, als spa\u00dfhafter Anblick, uns beim Theetisch sitzen zu sehen. Jeder von uns hatte n\u00e4mlich eine Hi\u00e4ne zu seiner Seite, und diese sa\u00df so verst\u00e4ndig, ruhig auf ihrem Hintern, wie ein wohlerzogener Hund bei Tische zu sitzen pflegt, wenn er um Nahrung bettelt. Letzteres thaten die Hi\u00e4nen auch und zwar bestanden ihre zarten Bitten in einem h\u00f6chst leisen, aber ganz heiserklingenden Kreischen und ihr Dank, wenn sie sich aufrichten konnten, in der vorhin erw\u00e4hnten Begr\u00fc\u00dfung oder wenigstens in einem Beschn\u00fcffeln der H\u00e4nde.\nSie verzehrten Zucker leidenschaftlich gern, fra\u00dfen aber auch Brod und zumal solches, welches wir mit Thee getr\u00e4nkt hatten, mit vielem Behagen. Ihre gew\u00f6hnliche Nahrung bildeten Hunde, welche wir f\u00fcr sie erlegten. Die gro\u00dfe Menze der im Morgenlande herrenlos herumschweifenden Hunde machte es uns ziemlich leicht, das n\u00f6thige Futter f\u00fcr sie aufzutreiben; doch durften wir niemals lange an einem Orte verweilen, weil wir sehr bald von den Thieren bemerkt und von ihnen gemieden wurden. Auch w\u00e4hrend der dreihundert Meilen langen Reise von Charthum nach Kairo, welche wir allen Stromschnellen des Nils zum Trotze in einem Boote zur\u00fccklegten, wurden unsere Hi\u00e4nen mit herrenlosen Hunden gef\u00fcttert. Gew\u00f6hnlich bekamen sie blos den dritten oder vierten Tag zu fressen; einmal aber mu\u00dften sie freilich auch acht Tage lang fasten, weil es uns ganz unm\u00f6glich war, ihnen Nahrung zu schaffen. Da h\u00e4tte man nun sehen sollen, mit welcher Gier sie \u00fcber einen ihrer get\u00f6dteten Familienverwandten herfielen. Es ging wahrhaft lustig zu: sie jauchzten und lachten laut auf und st\u00fcrzten sich dann wie rasend auf ihre Beute. Wenige Bisse rissen die Bauch- und Brusth\u00f6hle auf, und mit wahrer Wollust w\u00fchlten die schwarzen Schnauzen in den Eingeweiden herum. Eine Minute sp\u00e4ter erkannte man keinen Hi\u00e4nenkopf mehr, man sah blos zwei dunkle, unregelm\u00e4\u00dfiggestaltete und \u00fcber und \u00fcber mit Blut und Schleim bekleisterte Klumpen, welche sich immer von neuem wieder in das Innere der Leibesh\u00f6hle versenkten und frisch mit Blut getr\u00e4nkt auf Augenblicke zum Vorschein kamen. Niemals hat mir die Aehnlichkeit der Hi\u00e4nen mit den Geiern gr\u00f6\u00dfer scheinen wollen, als w\u00e4hrend solcher Mahlzeiten. Sie standen dann in keiner Hinsicht hinter den Geiern zur\u00fcck, sondern \u00fcbertrafen sie wom\u00f6glich noch in ihrer entsetzlichen Fre\u00dfgier. Eine halbe Stunde nach Beginn ihrer Mahlzeiten fanden","page":459},{"file":"p0460.txt","language":"de","ocr_de":"460\nDie RauLthiere. Hunde. \u2014 Erdwolf. \u2014 Schleichkatzen.\nwir regelm\u00e4\u00dfig von den Hunden blos noch den Sch\u00e4del und die Lunte, alles Uebrige, auch die L\u00e4ufe mit, waren gefressen worden, wie Haare und Haut, Fleisch und Knochen. Sie fra\u00dfen alle Fleischsorten mit Ausnahme des Geierfleisches. Dieses verschm\u00e4hten sie hartn\u00e4ckig, selbst wenn sie sehr hungrig waren, w\u00e4hrend die Geier selbst es mit gr\u00f6\u00dfter Seelenruhe verzehrten. Ob sie, wie behauptet wird, auch das Fleisch ihrer eignen Br\u00fcder fressen, konnte ich nicht beobachten; ich bezweifle es aber, aus dem eben angef\u00fchrten Beispiele folgernd. Fleisch blieb immer ihre Lieblingsspeise, und Brod schien ihnen nur als Leckerbissen zu gelten.\nUnter sich hielten meine Gefangenen gute Freundschaft. Manchmal spielten sie lange Zeit nach Hundeart miteinander, knurrten, kl\u00e4fften, grunzten, sprangen \u00fcbereinander weg, warfen sich abwechselnd nieder, balgten und bissen sich u. s. w. War eine von der andern l\u00e4ngere Zeit entfernt gewesen, so entstand jedesmal gro\u00dfer Jubel, wenn sie wieder zusammenkamen; kurz, sie bewiesen deutlich genug, da\u00df auch Hi\u00e4nen hei\u00df und innig lieben k\u00f6nnen.\nDer Erdwols oder die Zibethi\u00e4ne (Proteles Lalandii) stellt sich als ein echtes Bindeglied zwischen den Hi\u00e4nen und den Schleichkatzen dar und gilt deshalb mit Recht als Vertreter einer eignen Sippe. In seiner \u00e4u\u00dfern Erscheinung \u00e4hnelt das im Ganzen noch wenig beobachtete Thier auffallend der gestreiften Hi\u00e4ne; denn es hat dieselben hohen Vorderbeine, denselben absch\u00fcssigen R\u00fccken, dieselbe R\u00fcckenm\u00e4hne und denselben buschigen Schwanz; nur die Schnauze ist etwas gestreckter und spitziger, die Ohren sind gr\u00f6\u00dfer, und die Vorderpfoten tragen einen kurzen Daumen nach Art der Afterzehen bei manchen Hunden. Das Geripp zeigt im Ganzen das entschiedenste Hi\u00e4nengepr\u00e4ge, doch weicht der Bau des Sch\u00e4dels hiervon ab und noch mehr das Gebi\u00df, welches geradezu einzig dasteht in der ganzen Reihe der Raubthiere. In jeder Backzahnreihe sind n\u00e4mlich blos vier Z\u00e4hne vorhanden, welche so klein sind, da\u00df immer einige im Zahnfleische stecken bleiben. Es fehlt dem Thiere deshalb nicht blos der \u00e4chte Rei\u00dfzahn, sondern auch der Mahlzahn, und es kann eigentlich dem Gebi\u00df nach gar mcht kauen. Die \u00fcbrigen Merkmale erinnern lebhaft an die der Schleichkatzen, und wie diese, hat der Erd wolf eine Zibetspalte am After.\t_\nBis jetzt ist die Zibethi\u00e4ne die einzige bekannt Art ihrer Sippe. Ihre L\u00e4nge betr\u00e4gt 2 /2 Fu\u00df und die des Schwanzes einen Fu\u00df. Der Pelz, welcher aus weichem Wollhaar und langen, starken Grannen besteht, ist bla\u00dfgelblich gef\u00e4rbt mit schwarzen Seitenstreifen. Der Kopf ist schwarz mit gelblicher Mischung; die Schnauze, das Kinn und der Augenring sind dunkelbraun, btc Ohren unten gelblichwei\u00df, au\u00dfen braun, die Unterseite wei\u00dflichgelb und die Endh\u00e4lfte des Schwanzes schwarz. Vom Hinterkopfe an l\u00e4ngs des ganzen R\u00fcckens bis zur Schwanzwurzel verl\u00e4ngern sich die Grannen zu einer M\u00e4hne, welche in dem Luschigen Schw\u00e4nze ihre Fortsetzung findet. Diese M\u00e4hne ist schwarz und ebenfalls gelblich gemischt. Die Seiten der Schnauze sind sehr kurz behaart, dre Schnurren aber lang und stark, die Nasenkuppe und der Nasenr\u00fccken sind nackt.\nDer Erdwolf ist ein Bewohner des Kaplandes. Er wurde schon von fr\u00fcheren Reisenden mehrfach erw\u00e4hnt, doch erst von Isidor Geoffroy genauer beschrieben. Den lateinischen Artnamen erhielt er zu Ehren seines Entdeckers, wenn auch dessen Begleiter, Verreaux, das Meiste von dem Wenigen mittheilt, was wir \u00fcber die Lebensweise des Thieres wissen. Sparrmann meint unter seinem grauen Schakal, mit welchem die holl\u00e4ndischen Ansiedler am Vorgebirge der guten Hoffnung das Thier zu bezeichnen pflegen, wahrscheinlich die Zibethi\u00e4ne. Levaillant fand rm Lande der Namaken nur die Felle zu M\u00e4nteln verarbeitet, ohne das Thier selbst erlangen zu k\u00f6nnen. Seme Begleiter nannten ihm den Erdwolf aber sp\u00e4ter als einen der n\u00e4chtlichen Besucher fernes Lagers, da sie dessen Stimme von der der gefleckten Hi\u00e4nen und der Schakale unterschreden.\nAus allen Angaben, welche sich auf unser Thier beziehen lassen, geht hervor, da\u00df es n\u00e4chtlich lebt und sich bei Tage in Bauen verbirgt, welche mit denen unserer F\u00fcchse Aehnlichkeit haben, aber ausgedehnter sind und von mehreren Erdw\u00f6lfen zugleich bewohnt werden. Verreaux trieb dre drei, welche von der Gesellschaft erlegt wurden, mit Hilfe seines Hundes aus einem Baue heraus,","page":460},{"file":"p0461.txt","language":"de","ocr_de":"Angaben \u00fcber den Erdwols.\n461\ntoenn auch nicht aus derselben R\u00f6hre. Sie erschienen mit zornig gestr\u00e4ubter R\u00fcckenm\u00e4hne, Ohren und Schwanz h\u00e4ngend, und liefen sehr schnell davon, einer suchte sich auch in aller Eile wieder einzugraben und bewies dabei eine merkw\u00fcrdig gro\u00dfe Fertigkeit. Die Untersuchung des Baues ergab, da\u00df alle R\u00f6hren in Verbindung standen und zu einem gro\u00dfen Kessel f\u00fchrten, welcher wohl zeitweilig die gemeinsame Wohnung f\u00fcr Alle bilden mochte. Der genannte Beobachter giebt an, da\u00df die Nahrung unserer Thiere haupts\u00e4chlich aus L\u00e4mmern best\u00e4nde, da\u00df sie aber auch ab und zu ein Schaf \u00fcberw\u00e4ltigten und t\u00f6dteten, von ihm aber haupts\u00e4chlich blos den fetten Schwanz verzehrten. Wenn Dies der Fall ist, w\u00fcrden sie allerdings kein starkes Gebi\u00df brauchen. Das \u00fcbrige Leben des Erdwolfs ist vollkommen unbekannt.\nDer Erdwolf (Proteles Lalandii).\nist wahrscheinlich, da\u00df der Verbreitungskreis weiter reicht, als man gew\u00f6hnlich annimmt. Wenigstens hat de Ioannis in Nubien eine Zibethi\u00e4ne todt gefunden, welche der am Kap lebenden vollkommen gleich zu sein schien.\n* *\n*\n$ie Familie der Schleichkatzen (Viverrae), zu welcher der Erdwolf uns f\u00fchrt, unterscheidet sich von allen bisher genannten Raubthieren durch ihren langgestreckten, d\u00fcnnen, runden Leib, welcher auf niedrigen Beinen ruht, durch den langen, d\u00fcnnen Hals und verl\u00e4ngerten Kopf, sowie durch den langen, meist h\u00e4ngenden Schwanz. Di- Augen sind gew\u00f6hnlich klein, die Ohren bald gr\u00f6\u00dfer, bald k\u00fcrzer, die F\u00fc\u00dfe meist f\u00fcnfzehig und die Krallen fast immer zur\u00fcckziehbar. Neben dem After befinden\n","page":461},{"file":"p0462.txt","language":"de","ocr_de":"462\nDie Raubthiere. Schleichkatzen. Zibetkatzen. \u2014 Civette.\nsich zwei oder mehrere Dr\u00fcsen, welche besondere, aber selten wohlriechende Fl\u00fcssigkeiten absondern und diese zuweilen in einer eigenth\u00fcmlichen Dr\u00fcsentasche aufspeichern.\nIm allgemeinen \u00e4hneln die Schleichkatzen unseren Mardern, welche sie in den s\u00fcdlicheren L\u00e4ndern der alten Welt vertreten. Sie haben einen \u00e4hnlichen Leibesbau, dieselbe Gewandtheit und Raublust und denselben Blutdurst, wie die echten Marder, kurz, sie \u00e4hneln ihnen leiblich und geistig. Beide Familien unterscheidet haupts\u00e4chlich das Gebi\u00df, welches bei den Schleichkatzen sch\u00e4rfer und spitzzackiger ist und zwei Kauz\u00e4hne im Oberkiefer enth\u00e4lt, w\u00e4hrend bei den Mardern blos einer vorhanden ist. Die einen wie die anderen besitzen ein echtes Raubthiergebi\u00df mit gro\u00dfen, schlanken, schneidigen Eckz\u00e4hnen, kleinen Schneidez\u00e4hnen und zackigen, spitzen L\u00fcck- und Backz\u00e4hnen. Die Wirbels\u00e4ule besteht aus einunddrei\u00dfig Wirbeln, von welchen dreizehn oder f\u00fcnfzehn Rippen tragen, der Schwanz enth\u00e4lt zwanzig bis vierunddrei\u00dfig Wirbel.\nDie Schleichkatzen sind in ihrer Verbreitung ziemlich beschr\u00e4nkt. Sie bewohnen, mit Ausnahme einer einzigen amerikanischen Art, welche sich aber auch wesentlich von den \u00fcbrigen unterscheidet, den S\u00fcden der alten Welt, also vorzugsweise Afrika und Asien. In Europa finden sich nur zwei Arten der Familie, und zwar ausschlie\u00dflich in den L\u00e4ndern des Mittelmeeres, die eine nur in Spanien. Die Sippen erschienen bereits in der Vorzeit auf der Erdoberfl\u00e4che, zeigten jedoch vormals keine Manchsaltig-keit; wenigstens hat man bis jetzt aus dieser Familie nur sparsam?und unvollkommene Reste sehr \u00e4hnlicher Arten gefunden. In der gegenw\u00e4rtigen Sch\u00f6pfung zeichnen sie sich durch gro\u00dfen Formen-reichthum aus, wie die Marder, und zwar auf weit beschr\u00e4nkterem Gebiet, als diese. Ihre Aufenthaltsorte sind so verschieden, wie sie selbst. Manche wohnen in unfruchtbaren, hohen, trockenen Gegenden, in W\u00fcsten, Steppen, auf Gebirgen oder in den d\u00fcnn bestandenen Waldungen des wasserarmen Afrikas und Hochasiens, andere ziehen die fruchtbarsten Niederungen, zumal die Ufer von Fl\u00fcssen oder Rohrdickichte, allen \u00fcbrigen Orten vor; diese n\u00e4hern sich den menschlichen Ansiedelungen, jene ziehen sich scheu in das Dunkel der dichtesten'W\u00e4lder zur\u00fcck; die einen f\u00fchren ein Baumleben, die anderen halten sich blos auf der Erde auf; einige gehen sogar auf kurze Zeit ins Wasser. Felsspalten und Kl\u00fcfte, hohle B\u00e4ume und Erdl\u00f6cher, welche sie sich selbst graben oder anderen Thieren abjagen, dichte Geb\u00fcsche rc. bilden ihre Behausung und Ruheorte w\u00e4hrend derjenigen Tageszeit, welche sie der Erholung widmen. Die meisten scheinen vollkommene Nachtthiere zu sein; eine nicht unbedeutende Anzahl aber treibt sich auch bei Tage umher, zumal an Orten, wo sie von den Menschen nicht eben behelligt werden. Nur h\u00f6chst wenige sind tr\u00e4ge, langsam und etwas schwerf\u00e4llig, die gr\u00f6\u00dfere Menge zeichnet sich durch Behendigkeit und Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen aus. Die langsamen treten beim Gehen mit der ganzen Sohle auf, die schnelleren sind echte Zeheng\u00e4nger und haben daher auch behaarte Sohlen. Viele klettern sehr geschickt, und fast alle sind wenigstens f\u00e4hig, schiefstehende B\u00e4ume zu ersteigen. Ihre Sinne sind sehr scharf, zumal die drei edleren, Gesicht, Geh\u00f6r und Geruch. ^ So sind sie ganz geeignet, das R\u00e4uberhandwerk zu betreiben, und wirklich finden sie blos in den eigentlichen Mardern ebenb\u00fcrtige Genossen. S\u00e4mmtliche Schleichkatzen sind im h\u00f6chsten Grade r\u00e4uberisch und blutgierig und fallen alle Thiere an, welche sie zu bew\u00e4ltigen glauben. Kleine S\u00e4ugethrere, V\u00f6gel und deren Eier, sowie Kerfe der verschiedensten Art d\u00fcrften wohl ihre Hauptnahrung ausmachen, nicht wenige aber n\u00e4hren sich auch von Lurchen, Fischen und Krebsen. Die Gewandtheit und der Muth, mit welchem einige sich in K\u00e4mpfe mit den giftigsten Schlangen einlassen, hat sie von Alters her ber\u00fchmt gemacht bei allen V\u00f6lkern, welche sie kannten, und einzelne Arten haben zu den merkw\u00fcrdigsten Fabeln Veranlassung gegeben. Ohne Unterla\u00df schweifen sie w\u00e4hrend ihres ^Wachseins in ihrem Gebiete umher und durchsp\u00e4hen und untersuchen jede Ritze, jeden Spalt, jede H\u00f6hlung, das Feld oder die Baumdickung, Rohrw\u00e4lder oder Ger\u00f6llhalden, welche ihnen Nahrung versprechen k\u00f6nnten. W\u00e4hrend der Ruhe liegen sie dagegen meist in eine Kugel zusammengerollt in strller, beschaulicher Zur\u00fcckgezogenheit, gew\u00f6hnlich da, wo sie der Morgen \u00fcberrascht, da nur wenige einen bestimmten Aufenthaltsort haben. Ihre Stimme ist bald ein heiseres und dumpfes Knurren, bald ein scharfes, eint\u00f6niges Pfeifen, bald ein sehr wechselvolles Geschrei.","page":462},{"file":"p0463.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung, Heimat und Lebensweise der Schleichkatzen. Beschreibung der Civette.\nMerkw\u00fcrdig ist der ziemlich starke Moschusgeruch, welchen viele Arten verbreiten. Derselbe stammt aus den erw\u00e4hnten nahe am After gelegenen Dr\u00fcsen, und r\u00fchrt von einer \u00f6ligen oder fettigen, schmierigen und wohlriechenden Masse her, welche sich in dem Dr\u00fcsenbeutel absetzt und uns unter dem Namen Zibet bekannt ist. Die st\u00e4rkere oder schw\u00e4chere Absonderung dieser Fl\u00fcssigkeit h\u00e4ngt mit der geschlechtlichen Th\u00e4tigkeit zusammen.\nWie bei den \u00fcbrigen Raubthieren, schwankt auch unter den Schleichkatzen die Zahl der Jungen ziemlich erheblich; soviel man etwa wei\u00df, zwischen Eins bis Sechs. Die M\u00fctter lieben ihre Brut \u00fcberaus z\u00e4rtlich; aber bei einer oder einigen Arten nimmt auch der Vater wenigstens am Erziehungsgesch\u00e4fte Theil. Die Jungen k\u00f6nnen durchschnittlich leicht gez\u00e4hmt werden und zeigen sich dann ebenso zutraulich und gutm\u00fcthig, wie die Alten bissig, wild und st\u00f6rrisch. Sie halten die Gefangenschaft leicht aus, und manche Arten werden deshalb in gewissen Gegenden in gro\u00dfer Menge zahm gehalten, damit ihre kostbare Dr\u00fcsenabsonderung leichter gewonnen werden kann. Andere verwendet man mit Erfolg zur Kammerjagd.\nIm Ganzen mag der Nutzen, welchen die Schleichkatzen bringen, den durch sie verursachten Schaden aufwiegen. In ihrer Heimat fallen ihre R\u00e4ubereien nicht so ins Gewicht; der Nutzen gber, welchen sie auch freilebend durch Wegfangen sch\u00e4dlichen Ungeziefers bringen, wird um so mehr anerkannt, und dieser Nutzen war denn auch Ursache, da\u00df eines unserer Thiere im hohen Alterthume von dem merkw\u00fcrdigen Volke Egyptens f\u00fcr heilig erkl\u00e4rt und von Jedermann hoch geachtet wurde\nDie kleine Gruppe der eigentlichen Zibetkatzen (Viverra) erinnert in ihrem ganzen Wesen noch lebhaft an den Erdwolf. Ihr Leibesbau ist der der ganzen Familie. Der K\u00f6rper ist leicht und gestreckt, die Beine sind aber ziemlich hoch und die F\u00fc\u00dfe haben f\u00fcnf Zehen mit halb einziehbaren Krallen; die Sohlen sind ganz behaart. Die Ohren sind stumpf, die Zunge ist mit scharfen Warzen besetzt; der lange Schwanz kann nicht eingerollt werden. Ganz eigenth\u00fcmlich ist die gro\u00dfe Dr\u00fcsentasche zwischen kern After und den Geschlechtstheilen. Die Thiere sind gegenw\u00e4rtig besonders \u00fcber Asien und Afrika verbreitet, waren aber in der Vorwelt auch in Europa heimisch. In allen ihren Bewegungen sind sie behend und gewandt, wie \u00fcberhaupt ihre ganze Erscheinung viel Unmuthiges und Zrerlrches hat. Ihre Nahrung theilen sie ebenfalls mit ihrer ganzen Familie. So r\u00e4uberisch und bissig sie aber sind, so leicht lassen sich doch die meisten z\u00e4hmen, und dann bringen sie noch heutigen Tags durch den heilkr\u00e4ftigen und von allen morgenl\u00e4ndischen und afrikanischen V\u00f6lkerschaften hochgepriesenen Zibet gro\u00dfen Nutzen. \u00abDiesen liefern haupts\u00e4chlich zwei Arten, welche ich deshalb auch den \u00fcbrigen voranstellen will. Es sind die Civette und die Zibete, oder die afrikanische und die asiatische Zibetkatze.\nErstere (Viverra Civetta) hat ungef\u00e4hr die Gr\u00f6\u00dfe eines mittelgro\u00dfen Hundes, aber ein mehr katzenartiges Aussehen und steht in ihrem gesummten Bau zwischen einem Marder und einer Katze mitten in ne. Der gew\u00f6lbte, breite Kopf tr\u00e4gt ein- etwas spitze Schnauze, kurz zugespitzte Ohren und schi-fg-stellte Augen mit runder Pupille. Der Leib ist gestreckt, aber nicht besonders schm\u00e4chtig sondern einer der kr\u00e4ftigsten in der ganzen Familie. Der Schwanz ist mittellang oder etwa von halber K\u00f6rperl\u00e4nge. Die Beine sind mittelhoch und die Sohlen ganz behaart; der Pelz ist dicht grob und locker, doch nicht besonders lang, aber durch eine aufrichtbare, ziemlich lange M\u00e4hne ausgezeichnet, welche sich \u00fcber die ganz- Firste des Halses und R\u00fccken zieht und selbst auf dem Schw\u00e4nze noch sichtbar ist. Ihr- Grundfarbe ist ein sch\u00f6ne\u00ab Aschgrau, welches bisweilen ins Gelbliche f\u00e4llt Von ihr zeichnen sich zahlreiche runde und eckige, schwarzbranne Flecken ab, welche die allerverschiedenste Gestalt und Gr\u00f6\u00dfe haben, auf den Seiten des K\u00f6rpers bald der L\u00e4nge nach, bald der Quere an einander gereiht sind und auf den Hinterschenkeln deutliche Querstreifen bilden. Der Bauch ist heller als die Oberseite, und die schwarzen Wecken,sind hier weniger deutlich begrenzt. Die R\u00fcckenm\u00e4hne ist schwarzbraun; der Schwanz, welcher an der Wurzel noch ziemlich dick behaart ist, hat etwa sechs bis","page":463},{"file":"p0464.txt","language":"de","ocr_de":"464\tDi- Raubthiere. Schleichkatzen. Zibetkatzen. - Sisette.\nsieben schwarze Ringe und endigt in eine schwarzbraune Spitze. An jeder Seite des Halses befindet sich ein langer, viereckiger, schr\u00e4g von oben nach hinten lausender gro\u00dfer, wei\u00dfer Flecken, welcher oben nnd hinten dnrch ein- schwarzbraun- Bind- begrenzt und durch einen schwarzbraunen Streifen in zwei gleiche Theile zertrennt wird. Die Rase ist schwarz, di- Schnauze an der Spitze wei\u00df und ,n der Mitte vor den Augen hellbraun, w\u00e4hrend Stirn- nnd Ohrengegend mehr g-lblichbraun und das Genick hinter den Ohren noch Heller gef\u00e4rbt ist. Ein gro\u00dfer schwarzbrauner Flecken befindet sich unter jedem Auge nnd l\u00e4uft \u00fcber die Wangen nach der Kehle hin, welche er s\u00e4st ganz einnimmt. Der Leib des Thieres hat etwa zwei Fu\u00df drei Zoll, der Schwanz dagegen blos -inen Fu\u00df zwe, Zoll Lange; di-\nH\u00f6he am Widerrist betr\u00e4gt elf und einen halben Zoll.\t\u201e\nDie Heimat der Civette ist Asrika nnd zwar haupts\u00e4chlich der westlich- Theil des,eiben, namlich Ober-und Riederguinea. Bon dort aus hat man sie weiter und weiter verbreitet. Auch ,m Osten Afrikas kommt sie, obgleich einzeln vor, wenigsten\u00ab ist sie den Slldahnesen unter dem Namen \u201eSobaht recht ant bekannt. Wohl die wenigsten dieser Thiere findet man gegenw\u00e4rtig noch m, Zustand- der Wildheit^ sie leben vielmehr schon seit alten Zeiten in der Gefangenschaft, nnd nur hier k\u00f6nne\u00bb sie sich demMenschen n\u00fctzlich machen. Es ist sehr wahrscheinlich, da\u00df die Alten unser Thier gemeint haben, wenn sie von der \u201ewohlriechenden Hi\u00e4ne\" sprechen, obschon es mit jenem Raubthiere nur geringe Aehnlichkeitchat.\nDie Civette oder afrikanische Zibetkatze (Viverra Civetta).\nGegenw\u00e4rtig findet man die Civette in ziemlicher Anzahl in Abissinien, Nubien und Egypten als Hausthier; denn in allen diesen L\u00e4ndern trifft man sie wild nirgends an. In Guinea soll sie trockene, sandige und unfruchtbare Hochebenen und Gebirge bewohnen, welche mit B\u00e4umen und Str\u00e4uchern\n^Wie die meisten Arten ihrer ganzen Familie, ist sie mehr Nacht-, als Tagethier. Den ^ag verschl\u00e4ft sie- abends geht sie auf Raub aus, und dabei sucht sie alle kleinen S\u00e4ugethiere und V\u00f6gel, welche sie bew\u00e4ltigen kann, zu beschleichen oder zu \u00fcberraschen. Namentlich die Erer der Vogel sollen ihre Leibspeise bilden, und man behauptet, da\u00df sie im Aufsuchen der Nester ein gro\u00dfes Geschick zerge und dieser Lieblingsnahrung wegen auch die B\u00e4ume besteige. Im Nothf\u00e4lle frr\u00dft sie auch Lurche, ja sel st Fr\u00fcchte und deren Wurzeln. Das ist beinahe Alles, was wir von dem Frelleben des Thieres wissen.\nIn der Gefangenschaft h\u00e4lt man sie in besonderen St\u00e4llen oder K\u00e4figen und f\u00fcttert sie mit Fleisch, besonders aber mit Gefl\u00fcgel. Wenn sie jung eingefangen wird, ertr\u00e4gt sie nicht nur die Ge-","page":464},{"file":"p0465.txt","language":"de","ocr_de":"Frei - und Gefangenleben. Erzeugung und Gewinnung des Zibet.\n465\nfangenschaft weit besser, als wenn sie alt erbeutet w\u00fcrde, sondern wird auch sehr zahm und zutraulich. Schon Belon erz\u00e4hlt, da\u00df der slorentinische Gesandte in Alexandrien ein zahmes Zibetthier besessen habe, welches mit den Menschen spielte und dieselben in die Nase, Ohren und Lippen kniff, ohne sie zu bei\u00dfen, f\u00fcgt aber hinzu, da\u00df Dies eine sehr gro\u00dfe Seltenheit sei und blos dadurch m\u00f6glich geworden w\u00e4re, da\u00df man das Thier sehr jung erlangt habe. Alt Eingefangene sind nicht leicht zu z\u00e4hmen, sondern bleiben immer wild und bissig. Sie sind sehr reizbar und heben sich im Zorn nach Art der Katzen empor, str\u00e4uben ihre M\u00e4hne und sto\u00dfen einen heisern Ton aus, welcher einige Aehnlichkeit mit dem Knurren des Hundes hat. Der heftige Moschusgeruch, welchen das gefangene Thier verbreitet, macht es f\u00fcr nervenschwache Menschen geradezu unertr\u00e4glich.\nIm Pflanzengarten zu Paris besa\u00df man eine Civette f\u00fcnf Jahre lang. Sie roch best\u00e4ndig nach Bisam, und wenn sie gereizt wurde, besonders stark. Dann fielen ihr kleine St\u00fccke Zibet aus dem Beutel, w\u00e4hrend sie diesen sonst blos aller vierzehn bis zwanzig Tage entleerte. Im freien Zustande sucht das Thier diese Entleerung dadurch zu bewirken, da\u00df es sich an B\u00e4umen oder Steinen reibt. Im K\u00e4fig dr\u00fcckt es seinen Beutel oft gegen die St\u00e4be desselben. Der Beutel ist es, welcher die Aufmerksamkeit des Menschen dem ThieLe verschafft hat. Der Zibet diente als Arzneimittel und wird gegenw\u00e4rtig noch als sehr wichtiger Stoff verschiedenen Wohlger\u00fcchen beigesetzt. Selbst die Bewohner der Binnenl\u00e4nder Afrikas und Asiens haben eine au\u00dferordentliche Vorliebe f\u00fcr diesen starkriechenden Stoss, und deshalb macht auch die Zibetkatze nicht selten den ganzen Reichthum mancher Kaufleute aus. In fr\u00fcherer Zeit war es besonders die Stadt Euphras in Abissinien, welche den Hauptsitz des Zibethandels bildete, und manche Kaufleute hielten nicht weniger als dreihundert St\u00fcck unsers Thieres, um eine hinreichende Ausbeute zu gewinnen. Aber auch in Lissabon, Neapel, Rom, Mantua, Venedig und Mailand, ja selbst in manchen St\u00e4dten Deutschlands und besonders in Holland wurde die-Civette zu gleichem Zwecke in den H\u00e4usern gehalten.\nAlpinus sah in Kairo die Civetten in eisernen K\u00e4figen bei mehreren Juden. Man gab den Gefangenen viel Fleisch, damit sie m\u00f6glichst viel Zibet ausscheiden und gute Zinsen tragen sollten. In seiner Gegenwart dr\u00fcckte man Zibet aus, und er mu\u00dfte f\u00fcr eine Drachme vier Dukaten zahlen. Der Geruch, welchen die Thiere verbreiteten, war so heftig, da\u00df man in den Zimmern, welche die Schleichkatzen beherbergten, nicht verweilen konnte, ohne davon Kopfschmerzen zu bekommen.\nUm den Zibet zu erhalten, bindet man das Thier mit einem Stricke an den K\u00e4fig fest, st\u00fclpt mit den Fingern die Aftertasche um, und dr\u00fcckt die Absonderung der Dr\u00fcsen aus den vielen Abf\u00fchrungsg\u00e4ngen heraus, welche in jene Tasche m\u00fcnden. Den an den Fingern klebenden, schmierigen Saft streift man mittelst^ eines L\u00f6'ffels ab und bestreicht den Dr\u00fcsensack mit Milch von Kokusn\u00fcssen oder auch mit Milch von Thieren, um der Schleichkatze den Schmerz zu stillen, welchen sie beim Ausdr\u00fccken erleiden mu\u00dfte. In der Regel nimmt man jedem Thiere zweimal in der Woche seinen Zibet und gewinnt dabei jedesmal etwa ein Quentchen. Im frischen Zustande ist es ein wei\u00dfer Schaum, welcher dann braun wird und Etwas von seinem Ger\u00fcche verliert. Der meiste kommt nur verf\u00e4lscht in den Handel, und auch der echte mu\u00df noch mancherlei Bearbeitung durchmachen, ehe er zum Gebrauch geeignet ist. Anf\u00e4nglich ist er z. B. stets mit Haaren gemengt und sein Geruch so stark, da\u00df man Uebel-keiten bekommt, wenn man nur geringe Zeit sich damit zu schaffen macht. Um ihn nun zu reinigen, streicht man ihn auf die Bl\u00e4tter des Betelpfeffers auf, zieht die feinen beigemengten Haare aus, sp\u00fclt ihn mit Wasser ab, w\u00e4scht ihn hierauf in Citronensaft und l\u00e4\u00dft ihn endlich an der Sonne trocknen. Dann wird er in Zinn- oder Blechb\u00fcchsen verwahrt und so versendet. Die beste Sorte kommt von der asiatischen Zibetkatze und zwar von B\u00fcro, einer der Mollucken. Auch der javanesische Zibet soll besser sein, als der bengalische und afrikanische. Doch beruht wohl dies Alles auf dem Grade der Reinigung, welchen der Stoff erhalten hat. Gew\u00f6hnlich liefern die M\u00e4nnchen weniger, aber bessern Zibet, als die Weibchen.\nGegenw\u00e4rtig hat der Zibethandel bedeutend abgenommen, weil der Moschus mehr und mehr dem Zibet vorgezogen wird.\nBrehm, Tbierleben.\t30","page":465},{"file":"p0466.txt","language":"de","ocr_de":"466 Die Raubthiere. Schleichkatzen. Zibetkatzen. \u2014 Civette, Zibeta und Rasse.\nBis jetzt haben sich die Weisheitspriester vergeblich bem\u00fcht, den Nutzen dieser Dr\u00fcsenabsonderung f\u00fcr das Thier zu erkl\u00e4ren. Da\u00df es seinen Zibet nicht in derselben Weise benutzt, wie das amerikanische Stinkthier, welches, wie wir sp\u00e4ter kennen lernen werden, seinen h\u00f6llischen Gestank zur Abwehr seiner Feinde anwendet, steht wohl fest. Warum und wozu es ihn sonst gebrauchen k\u00f6nnte, ist aber nicht wohl einzusehen; denn auch diejenige Erkl\u00e4rung, welche die gr\u00f6\u00dfte Wahrscheinlichkeit f\u00fcr sich hat und annimmt, da\u00df die Zibetkatze mit ihrem wohlriechenden After kleine S\u00e4ugethiere an sich heranlocke, kann nicht bewiesen werden. Im Ganzen kann es uns \u00fcbrigens ziemlich gleichgiltig sein, den wahren Grund solcher Begabung zu kennen oder nicht; viel wichriger w\u00e4re es, wenn wir etwas Genaueres \u00fcber die Lebensweise unsers Thieres sowohl im Freien, wie in der Gefangenschaft, und namentlich \u00fcber seine Fortpflanzung erfahren k\u00f6nnten. Aber merkw\u00fcrdiger Weise sind alle Natur-\nDie asiatische Zibetkatze (Viverra Zibetha).\ngeschichten hier\u00fcber so leer, als sie nur sein k\u00f6nnen, und man mu\u00df sich billig wundern, da\u00df auch die Laien ein so merkw\u00fcrdiges und n\u00fctzliches Thier so wenig gew\u00fcrdigt haben. Ich selbst hatte nur einmal Gelegenheit, die afrikanische Zibetkatze zu beobachten. Der Hamburger Thiergarten erhielt ein Paar Junge, deren Betragen f\u00fcr das \u00e4lterer Thiere erkl\u00e4rlicher Weise nicht ma\u00dfgebend sein kann. Sie waren still und langweilig, verschliefen den ganzen Tag, kamen erst sp\u00e4t abends zum Vorschein und lagen vor Sonnenaufgang bereits wieder in ihrem Neste. Gelegentlich eittes Streites erbi\u00df die eine die andere, und diese erlag den erhaltenen Wunden ebenfalls \u2014 leider schon wenige Tage nach beider Erwerbung. *\nFast genau Dasselbe, was ich \u00fcber die eigentliche Civette sagen konnte, gilt auch f\u00fcr die echte oder asiatische Zibetkatze (Viverra Zibetha). Fr\u00fcher hielten sie Viele nur f\u00fcr eine Ab\u00e4nderung der afrikanischen Art. Sie ist jedoch von dieser nicht blos durch die Farbezeichnungen unterschieden, sondern zeigt auch mancherlei Abweichungen von ihr in Bezug auf die Gestalt. Ihr Kopf ist spitzer, die Ohren sind l\u00e4nger, der Leib ist schm\u00e4chtiger, als bei der Civette, und die Behaarung bildet nirgends eine M\u00e4hne. Ihre Grundf\u00e4rbung ist ein Br\u00e4unlichgelb, von welchem sich eine gro\u00dfe Anzahl dicht-","page":466},{"file":"p0467.txt","language":"de","ocr_de":"Leibes- und Lebensbeschreibung.\n467\nstehende, verschiedenartig gestaltete und einigerma\u00dfen in Querreihen geordnete, dunkel rostrothe Flecken abheben. Auf dem R\u00fccken flie\u00dfen diese Flecken zu einem breiten, schwarzen Streifen zusammen, an den Seiten erscheinen sie sehr verwischt. Der Kopf ist br\u00e4unlich mit Wei\u00df gemengt, und letztere Farbe bildet auch auf der Oberlippe und unter den Angen Flecken. Die Au\u00dfenseite der Ohren ist braun, Kehle und Kinn sind br\u00e4unlich und der Bauch wei\u00dflich. Vier schwarze regelm\u00e4\u00dfige L\u00e4ngsstreifen laufen \u00fcber den Nacken und einer von den Schultern herab nach dem Halse, welcher bei manchem Thiere aber auch einfach gelblichwei\u00df und dunkelgefleckt erscheint. Die F\u00fc\u00dfe sind rothbraun, und der Schwanz hat neun bis zehn dunkelrostfarbige Ringe, welche nach oben zusammenflie\u00dfen und sich mit den L\u00e4ngsstreifen verbinden. Die Schwanzspitze ist schwarz. Ein ausgewachsenes Thier hat zwei Fu\u00df f\u00fcnf Zoll K\u00f6rperl\u00e4nge und besitzt einen f\u00fcnfzehn Zoll langen Schwanz. Die H\u00f6he am Widerrist betr\u00e4gt etwa einen Fu\u00df.\nDie asiatische Zibetkatze bewohnt haupts\u00e4chlich Ostindien und seine Inseln und wurde durch die Malaien sehr weit, ja selbst bis nach Arabien verbreitet. Sie lebt im Freien sowohl, wie in der Gefangenschaft genau wie die vorige; sie zeigt sich, wie diese, bei Tage schl\u00e4frig, bei Nacht aber munter. Man sagt, da\u00df sie leichter zu z\u00e4hmen sei, als die Civette, doch ist Dies keineswegs erwiesen. Im Uebrigen wissen wir \u00fcber sie ebenso wenig, wie \u00fcber ihre Verwandte.\nDie Rasse (Viverra indica).\nEine Schleichkatze, welche man in der Neuzeit \u00f6fters in Thierg\u00e4rten zu sehen bekommt, ist die Rasse (Viverra indica). Sie ist bedeutend kleiner, als die vorstehend Beschriebenen; denn ihre Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt nicht viel \u00fcber einen Fu\u00df, die Schwanzl\u00e4nge etwas weniger. Ihr sehr schmaler Kops mit den verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Ohren zeichnen sie aus. Der rauhe Pelz ist graugelbbr\u00e4unlich oder schwarz gew\u00e4ssert, reihenweise dunkel gefleckt. Der Schwanz ist mehrfach geringelt.\nDie Rasse bewohnt einen gro\u00dfen Theil Indiens und sie wird au\u00dferdem in Java, Sumatra und auf anderen s\u00fcdasiatischen Inseln gefunden, soll auch in China vorkommen. Der Name ist indischen Ursprungs und soll soviel als \u201eSchnupperthier\" bedeuten. In ihrer Heimat steht sie in sehr hohem Ansehen wegen des von den Malaien in der ausgedehntesten Weise benutzten Zibets. Man verwendet diesen wohlriechenden Stoff, den man mit anderen duftigen Dingen versetzt, nicht blos zum Besprengen der Kleider, sondern auch zur Herstellung eines f\u00fcr europ\u00e4ische Nasen geradezu unertr\u00e4glichen Geruches in Zimmern und auf Betten. Die Rasse wird in K\u00e4figen gehalten, mit Reis und Pisang, oder zur Abwechslung mit Gefl\u00fcgel gef\u00fcttert und regelm\u00e4\u00dfig ihres Zibets beraubt, indem man sie gewaltsam gegen die Latten des K\u00e4figs andr\u00fcckt und ihre Zibetdr\u00fcse mit einem entsprechend\n30*","page":467},{"file":"p0468.txt","language":"de","ocr_de":"468 Die Raubthiere. Schleichkatzen. Zibetkatzen. \u2014 Rasse. Lisang. \u2014 Ginsterkatzen.\ngeformten L\u00f6ffel aus Bambusrohr entleert. Bis zum Gebrauch bewahrt man den Zibet dann unter Wasser auf. Nach reichlicher F\u00fctterung von Pisang soll er besonders wohlriechend werden.\nEigentlich zahm wird die Rasse nicht. Sie vertr\u00e4gt zwar die Gefangenschaft l\u00e4ngere Zeit, f\u00fcgt sich in ihr Los aber niemals mit Geduld und l\u00e4\u00dft ihre T\u00fccken und Mucken nicht. Ich habe sie wiederholt in verschiedenen Thierg\u00e4rten gesehen und ein Paar selbst l\u00e4ngere Zeit gehalten. Sie ist ein \u00fcberaus schmuckes, bewegliches, gelenkes, biegsames und gewandtes Gesch\u00f6pf, welches seinen Leib drehen und wenden, zusammenziehen und ausdehnen kann, da\u00df man bei jeder Bewegung ein anderes Thier zu sehen glaubt. Ihre gew\u00f6hnliche Haltung ist die der Katzen, an die sie \u00fcberhaupt vielfach erinnert. Sie geht sehr hochbeinig, setzt sich wie Katzen oder Hunde, erhebt sich oft nach Nagerart auf die Hinterbeine und macht ein M\u00e4nnchen. Ihre feine Nase ist ohne Unterla\u00df in Bewegung. Sie beschn\u00fcffelt Alles, was man ihr vorh\u00e4lt und bei\u00dft sofort nach den Fingern, welche sie als fleischige, also fre\u00dfbare Gegenst\u00e4nde erkennt. Auf lebende Thiere aller Art st\u00fcrzt sie sich mit Gier, packt sie mit dem Gebi\u00df, w\u00fcrgt sie ab, wirft sie vor sich hin, spielt eine Zeitlang mit den Todten und verschlingt sie dann so eilig, als m\u00f6glich. Ihre Stimme ist ein \u00e4rgerliches Knurren nach Art der Katzen, auch faucht sie ganz wie diese. Im Zorn str\u00e4ubt sie ihr Fell, so da\u00df es ganz borstig aussieht, und verbreitet einen sehr heftigen Zibetgeruch.\t^\nDer Lisang (Viverra gracilis).\nDie Rasse ist ein Nachtthier, welches nur in den Morgen- und Abendstunden sich lebendig zeigt. Durch Vorhalten von Nahrung kann man sie freilich jeder Zeit munter machen, und namentlich ein in ihren K\u00e4fig gebrachter lebender Vogel oder eine Maus erweckt sie augenblicklich. Doch legt sie sich dann immer bald wieder auf ihr weiches Heulager hin, wenn ihrer mehrere sind, dicht neben einander, wobei sie sich gegenseitig mit den Schw\u00e4nzen bedecken. Ein P\u00e4rchen pflegt sich sehr gut zu vertragen; gegen andere Thiere aber zeigt sie sich h\u00f6chst unfriedfertig. . Auf Katzen und Hunde, welche man ihr vorh\u00e4lt, f\u00e4hrt sie mit Ingrimm los. Aber auch, wenn viele ihres Gleichen zusammengesperrt werden, giebt es selten Frieden im Raume. Eine Gesellschaft dieser Thiere, welche ich im Thiergarten von Rotterdam beobachtete, lag fortw\u00e4hrend im Streite. Eine hatte das Schlupfh\u00e4uschen im K\u00e4fig eingenommen und fauchte, sobald sich eine ihrer Gef\u00e4hrtinnen demselben nahete; eine andere, welche an heftigen Kr\u00e4mpfen litt und dabei kl\u00e4glich st\u00f6hnte, wurde von den \u00fcbrigen zuerst aufmerksam betrachtet, hierauf berochen und endlich w\u00fcthend gebissen.\nDen Lisang oder Dilungdung (Viverra \u2014 Lisang \u2014 gracilis) kann man als Uebergangs-glied von den eigentlichen Zibetthieren zu den Ginsterkatzen ansehen; denn er vereinigt die Leibesgestalt Beider in sich. Sein spitzer Kopf und der fast k\u00f6rperlange Schwanz, sowie endlich das Gebi\u00df zeichnen","page":468},{"file":"p0469.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung.\n469\nihn aus. Im Oberkiefer steht jederseits nur ein eigentlicher Kauzahn, und die Backenz\u00e4hne haben sehr scharfe Nebenzacken. Auch der Lisang ist ein \u00e4u\u00dferst zierlich gebautes, schlankes und schmuckes Thier. Seine L\u00e4nge betr\u00e4gt fast 11/4 Fu\u00df, die des Schwanzes einen Fu\u00df. Die Grundf\u00e4rbung des sehr weichen und feinen Pelzes ist ein lichtes Grau oder Gelblichwei\u00df mit schwarzbraunen Flecken und Binden ohne regelm\u00e4\u00dfige Anordnung. Vier Querbinden liegen auf dem R\u00fccken und verlausen nach den Seiten. Hinter dem Auge entspringt ein Streifen, welcher, in Flecken getheilt, \u00fcber den Schultern und an den Seiten des Leibes sich fortsetzt. Die Beine sind au\u00dfen gefleckt und der Schwanz hat sieben gro\u00dfe Ringe und ein gelblichwei\u00dfes Ende.\nDer Lisang bewohnt die dunkelen W\u00e4lder von Java und Malakka, ist nicht eben h\u00e4ufig und in seinen Sitten so gut als nicht bekannt.\nDie Sippe der Ginsterkatzen (Genetta), wird durch einen sehr gestreckten Leib, den kahlen L\u00e4ngsstreifen auf den Sohlen, die f\u00fcnfzehigen Vorder- und Hinterf\u00fc\u00dfe, den langen Schwanz und die mittelgro\u00dfen Ohren gekennzeichnet. In der Aftergegend befindet sich noch eine seichte Dr\u00fcsentasche, von welcher zwei besondere Abf\u00fchrungsg\u00e4nge am Rande des Afters m\u00fcnden. Die Zehen sind lang\nund die Krallen k\u00f6nnen vollkommen zur\u00fcckgezogen werden.\nDie bekannteste Art ist die Ginsterkatze (Genetta vulgaris), die einzige in Europa vorkommende Art ihrer Sippe und mit einer Manguste Vertreter ihrer ganzen Familie. Sie hat im allgemeinen noch ziemlich viel Aehnlichkeit mit den echten Zibetkatzen, und auch die F\u00e4rbung ist fast dieselbe. Ihr K\u00f6rper erreicht eine L\u00e4nge von zwanzig Zoll, der Schwanz mi\u00dft sechzehn, dieH\u00f6heamWiderristbetr\u00e4gtf\u00fcnf bis sechs Zoll. Ihr Leib ist au\u00dferordentlich schlank und der Kopf klein, hinten breit und durch die sehr lange Schnauze ausgezeichnet. Die kurzen Ohren sind breit und stumpf zugespitzt. Die Augen haben eine echte Katzenpupille, welche bei Tage nur wie ein Spalt erscheint. Die Beine sind sehr kurz, und die Zehen haben gro\u00dfe, zur\u00fcckziehbare Krallen. Die Afterdr\u00fcse ist sehr seicht und sondert nur in geringer Menge eine fette, schmierige, stark nach Moschus riechende Feuchtigkeit ab. Der Pelz ist kurz, dicht und glatt. Seine Grundf\u00e4rbung ist ein ins Gelbliche sich ziehendes Hellgrau. L\u00e4ngs der Seiten des Leibes verlaufen jederseits vier bis f\u00fcnf L\u00e4ngsreihen verschiedenartig geformter Flecke von schwarzer, selten r\u00f6thlichgelb gemischter Farbe. Ueber die obere Seite des Halses ziehen sich vier nicht unterbrochene L\u00e4ngsstreifen, welche aber im Verlauf sehr ver\u00e4nderlich sind. Kehle und Unterhals sind lichtgrau, und der obere Leib ist noch heller gef\u00e4rbt. Die dunkelbraune Schnauze hat einen lichten Streifen \u00fcber dem Nasenr\u00fccken und einen Fleck vor den Augen, sowie einen kleinen \u00fcber denselben, und die Spitzen des Oberkiefers sind wei\u00df. Der Schwanz ist sieben bis acht Mal wei\u00df geringelt und endet in eine schwarze Spitze.\nDas eigentliche Vaterland des \u00e4u\u00dferst zierlichen und dabei doch so raub- und mordlustigen, bissigen und muthigen Thierchens ist Afrika, und namentlich sind es die L\u00e4nder des Atlas. Allein es kommt auch im s\u00fcdlichen Europa vor und zwar vorzugsweise in Spanien und im s\u00fcdlichen Frankreich. Hier ist sie freilich eine sehr seltene Erscheinung. Schon in Spanien ist sie ein st\u00e4ndiger Be-\nDie Ginsterkatze (Genetta vulgaris).","page":469},{"file":"p0470.txt","language":"de","ocr_de":"470\nDie Raubthiere. Schleichkatzen. \u2014 Ginster- und Wieselkatze.\nwohner geeigneter Aufenthaltsorte, obgleich man ihr nur h\u00f6chst selten begegnet. Sie bewohnt die Wald- und baumlosen Gebirge ebensowohl, als die bewaldeten, und kommt auch in die Ebenen herab. Feuchte Orte in der N\u00e4he der Quellen und B\u00e4che, buschreiche Gegenden, sehr zerkl\u00fcftete Bergw\u00e4nde und dergleichen sind die bevorzugten Aufenthalts\u00f6rter. Hier st\u00f6bert sie der einsame J\u00e4ger zuweilen auch bei Tage auf; gew\u00f6hnlich aber ist sie wegen der Gleichf\u00e4rbigkeit ihres Felles mit dem Gekl\u00fcft oder auch mit der blo\u00dfen Erde selbst so rasch verschwunden, da\u00df er nicht zum Schusse kommt. Sie schl\u00e4ngelt sich wie ein Aal, aber mit der Gewandtheit eines Fuchses, zwischen den Steinen, Pflanzen, Gr\u00e4sern und B\u00fcschen hin und ist nach wenig Minuten von diesen vollst\u00e4ndig verborgen.\nWeit \u00f6fters w\u00fcrde man dem Thiere zur Nachtzeit begegnen, wenn man dann seine Lieblingsorte aufsuchen wollte. Erst ziemlich lange nach Sonnenuntergang und jedenfalls nach vollkommen eingetretener D\u00e4mmerung erscheint es und gleitet nun unh\u00f6rbar von Stein zu Stein, von Busch zu Busch, scharf nach allen Seiten hin witternd und lauschend und immer bereit, auf das geringste Zeichen hin, welches ein lebendes Thierchen giebt, dasselbe m\u00f6rderisch zu \u00fcberfallen und abzuw\u00fcrgen. Kleine Nagethiere, V\u00f6gel und deren Eier, sowie Kerbthiere bilden ihre Nahrung, und sie wei\u00df dieselben auch aus dem besten Versteck herauszuholen. Ihre Bewegungen sind ebenso unmuthig und zierlich, als behend und gewandt. Ich kenne kein einziges S\u00e4ugethier weiter, welches sich so, wie sie, mit der Biegsamkeit der Schlange, aber auch mit der Schnelligkeit des Marders zu bewegen versteht. Unwillk\u00fcrlich rei\u00dft die Vollendung ihrer Beweglichkeit zur Bewunderung hin. Es scheint, als ob sie tausend Gelenke bes\u00e4\u00dfe. Bei ihren Ueberf\u00e4llen gleitet sie unh\u00f6rbar auf dem Boden hin; pl\u00f6tzlich aber springt sie mit gewaltigem Satze auf ihre Beute los, erfa\u00dft dieselbe mit unfehlbarer Sicherheit, w\u00fcrgt sie unter beif\u00e4lligem Knurren ab und beginnt dann mit der Mahlzeit. Beim Fressen str\u00e4ubt sie den Balg, als ob sie best\u00e4ndig bef\u00fcrchten m\u00fcsse, ihre Beute wieder zu verlieren. \u2014 Auch das Klettern versteht sie ausgezeichnet, und selbst im Wasser wei\u00df sie sich zu behelfen.\nUeber ihre Fortpflanzung im Freien ist Nichts bekannt. An Gefangenen aber hat man beobachtet, da\u00df das Weibchen nur ein Junges wirft; diese Zahl d\u00fcrfte jedoch schwerlich mit der eines Wurfes von wildlebenden M\u00fcttern \u00fcbereinstimmen.\nDie Ginsterkatze l\u00e4\u00dft sich sehr leicht z\u00e4hmen; denn sie ist gutm\u00fcthig und sehr sanft. Doch verschl\u00e4ft sie fast den ganzen Tag und kommt erst in der Nacht zum Vorschein. Mit ihres Gleichen vertr\u00e4gt sie sich gut; sie wickelt sich oft w\u00e4hrend des Schlafes mit anderen ihrer Art in einen f\u00f6rmlichen Klumpen zusammen. Zank und Streit kommt zwischen zwei Ginsterkatzen nicht vor; man darf sogar verschiedene Arten desselben Geschlechts zusammensperren.\nIn der Berberei benutzt man sie und noch mehr ihre Verwandte, die blasse Ginsterkatze, in derselben Weise wie unsere Haushrtze, als Vertilger der Ratten und M\u00e4use. Man versichert, da\u00df sie jenem Gesch\u00e4fte mit gro\u00dfem Eifer und Geschick vorzustehen und ein ganzes Haus in kurzer Zeit von Ratten und M\u00e4usen zu s\u00e4ubern verst\u00fcnde. Ihre Reinlichkeit macht sie zu einem angenehmen Gesellschafter, ihr Zibetgeruch ist jedoch f\u00fcr europ\u00e4ische Nasen fast zu stark, und sie wei\u00df nach kurzer Zeit dem ganzen Hause diesen Geruch in einer derartigen St\u00e4rke mitzutheilen, da\u00df man es dann kaum auszuhalten vermag. Ihr Fell liefert ein gutes, gesuchtes Pelzwerk, welches man zu Muffen verwendet. Nach dem Siegt Karl Martells \u00fcber die Sarazenen, im Jahre 732 bei Tours, erbeutete man eine ganze Menge Kleider, welche mit jenem Pelze versehen waren, und man soll dann, wie Penn ant erz\u00e4hlt, einen Orden der Ginsterkatze gestiftet haben, von dem die ersten F\u00fcrsten Mitglieder waren.\nDie Alten scheinen unser Thier nicht gekannt zu haben; wenigstens ist es sehr zweifelhaft, ob Oppian unter seinem \u201ekleinen, gescheckten Panther\" sie versteht. Isidor von Sevilla und Albertus Magnus aber erw\u00e4hnen sie und berichten, da\u00df schon zu damaliger Zeit ihr Pelz sehr gesch\u00e4tzt wurde.\nDie blasse Ginsterkatze (Genetta senegalensis), welche ich oben erw\u00e4hnte, unterscheidet sich von der europ\u00e4ischen Art haupts\u00e4chlich durch die Zeichnung ihres Pelzes. Derselbe ist lichter, als der","page":470},{"file":"p0471.txt","language":"de","ocr_de":"Naturgeschichte beider.\n471\nihrer Verwandten, und die dunklen Flecke sind ganz verschiedenartig gestellt. Ueber den R\u00fccken l\u00e4uft ein fast ununterbrochener Streifen, und auf dem Nacken und Schultern gehen die Flecken fast in einander \u00fcber und formen so ebenfalls Streifen, welche sich dann auch an den Seiten fortsetzen. Auf jeder Seite des Gesichts befindet sich ein dunkler, schwarzer Flecken.\nZu den Ginsterkatzen z\u00e4hlte man fr\u00fcher auch noch ein anderes, h\u00f6chst zierliches Raubthier, die Wieselkatz e, welches man gegenw\u00e4rtig als Vertreter einer besondern Sippe (Hemigale) angesehen hat.\nDas Thier ist nur wenige Male von Asien nach Europa gekommen und deshalb noch sehr unbekannt. Sein wissenschaftlicher Name ist Hemigale Boiei. In der Gestalt \u00e4hnelt es den Zibetkatzen ungemein, und nur die F\u00e4rbung unterscheidet sie ziemlich weit von ihnen. Der Pelz ist oben gelblichgrau, unten lichtschmuzig ockergelb, an den Beinen und Pfoten gelblichbraun. Ueber den R\u00fccken laufen vier breite, sattelartig aufliegende, schwarzbraune Querbinden, welche bis an die Unterseite reichen und sich nach unten hin verschm\u00e4lern und weiter vorn und hinten durch schm\u00e4lere Binden angedeutet sind. So kommt es, da\u00df einige Naturforscher von f\u00fcnf solchen Binden, andere aber von acht reden. Iederseits des Halses, von den Ohren bis zu den Schultern, verlaufen eben solche ge-\nDie Wieselkatze (Hemigale Boiei).\nf\u00e4rbte Streifen, welche sich aus der Schulter durch Querflecke vereinigen. Eine andere schwarzbraune Linie geht von dem R\u00fccken, eine \u00e4hnliche von der Nase und den Augen nach den Ohren. Die vordere Schwanzh\u00e4lfte ist schwarzbraun, die hintere mit dunklen Flecken gezeichnet. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt etwa zwei Fu\u00df und die des Schwanzes einen Fu\u00df. Ueber Sitten und Lebensweise ist nicht das Geringste bekannt; ich finde nicht einmal \u00fcber das Vaterland eine bestimmte Angabe.\nAls einzigen Vertreter der Zibet in Amerika kann man das Katzenfrett oder, wie es bereits Hernandez im Jahr 1651 nannte, den C\u00e4camizli der Mejikaner (Bassaris astuta) ansehen. Die Sippe, welche einzig und allein von diesem Thiere gebildet wird, reiht sich aufs engste den Zibetkatzen an, \u00e4hnelt aber auch wieder in anderer Hinsicht den Mardern. Im Gebi\u00df unterscheiden der doppelte H\u00f6cker am obern Fleischzahne, der betr\u00e4chtlich gro\u00dfe Unterkauzahn und verschiedene geringf\u00fcgige Merkmale das Katzenfrett von den Zibetkatzen; auch ist der Cacamizli ein Zeheng\u00e4nger, und endlich sind die kurzen Krallen der f\u00fcnf Zehen jedes Fu\u00dfes nur halb zur\u00fcckziehbar.\nObgleich das Katzenfrett seit l\u00e4nger als zwei Jahrhunderten bekannt ist, haben wir doch erst in der Neuzeit eine genaue Schilderung seines Leibes und seines Lebens erhalten. Lichtenstein beschrieb","page":471},{"file":"p0472.txt","language":"de","ocr_de":"472\nDie Raubthiere. Schleichkatzen. \u2014 Katzenfrett.\nund benannte es zuerst wissenschaftlich, und die amerikanischen Forscher Charlesworth, Clark, Bai'rd und vor Allen Audubon sammelten Beobachtungen \u00fcber Lebensweise und Betragen. Das erwachsene M\u00e4nnchen erreicht eine Gesammtl\u00e4nge von s\u00e4st drei Fu\u00df, wovon 2/5 auf den Schwanz zu rechnen sind. In der Gestalt erinnert das Katzenfrett an einen kleinen Fuchs, in der F\u00e4rbung an die Nasenb\u00e4ren. \u201eDas Thier sieht aus,\" sagt Baird, \u201eals ob es ein Blendling des Fuchses und des Waschb\u00e4ren w\u00e4re. Von dem Einen hat es die Gestalt und den listigen Blick, von dem Andern den geringelten Schwanz. Der Leib ist schlanker, als der des Fuchses, aber gedrungener, als der des Wiesels; er hat fast die Verh\u00e4ltnisse des N\u00f6rz. Das ziemlich weiche, mit einigen l\u00e4ngeren Grannen untermengte Haar ist fast so lang, als das eines Fuchsbalges, der Kopf ist zugespitzt, die nackte Schnauze lang, das Auge gro\u00df, die au\u00dfen nackten, innen kurz behaarten Ohren sind gut entwickelt, zugespitzt und aufrecht gestellt.\" Seine Oberseite deckt ein dunkles Braungrau, in welches sich schwarze Haare mischen, die Wangen und der Unterbauch sind gelblichwei\u00df oder rostr\u00f6thlich, die Augen von derselben F\u00e4rbung und hierauf dunkler umrandet, die Seiten sind lichter. L\u00e4ngs des Halses herab und \u00fcber die Beine verlaufen einige verwaschene Binden, der Schwanz ist wei\u00df, achtmal schwarz geringelt.\nDas Katzenfrett (Bassaris astuta)\u2022\nSoviel jetzt bekannt, bewohnt der Cacamizli Mejiko und Tejas, dort Felsenkl\u00fcste und verlassene Geb\u00e4ude, hier haupts\u00e4chlich Baumh\u00f6hlen. In Mejiko findet er sich h\u00e4ufig in der Hauptstadt selbst, und Charlesworth nimmt sogar an, da\u00df er sein Lager niemals weit von menschlichen Wohnungen aufschlage, weil^ gerade der Mensch durch seine H\u00fchnerst\u00e4lle die Jagd des R\u00e4ubers besonders beg\u00fcnstige. Auch Clark giebt Stallungen und verlassene Geb\u00e4ude als Wohnungen des Katzenfrett an, obwohl nur nach H\u00f6rensagen, w\u00e4hrend er es selbst im Gekl\u00fcft der Felsen und auf B\u00e4umen fand. Audubon scheint es nur auf B\u00e4umen beobachtet zu haben, und zwar in jenen steppenartigen Gegenden von Tejas, in welchen der Graswald ab und zu unterbrochen wird durch ein dichtes Unterholz, aus dem alte, gr\u00f6\u00dfere B\u00e4ume einzeln sich erheben. Viele von ihnen sind hohl, und solche, deren H\u00f6hlu'ngen von oben her Schutz gegen den Regen haben, werden vom Katzenfrett bevorzugt. Hier lebt es einzeln, scheu und zur\u00fcckgezogen vor dem zudringlichen Menschen, durch die Beschaffenheit des Unterwuchses besonders gesch\u00fctzt. Clark behauptet, da\u00df es nirgends selten ist, wegen seines n\u00e4chtlichen Treibens aber nur nicht oft bemerkt und demzufolge auch selten erlangt wird, obgleich die Landeigenth\u00fcmer, erbost durch die vielfachen R\u00e4ubereien, welche das Thier begeht, kein Mittel unversucht lassen, es auszurotten. Treu h\u00e4ngt es an dem einmal gew\u00e4hlten Baume, und selten entfernt es sich weit von","page":472},{"file":"p0473.txt","language":"de","ocr_de":"Vorkommen. Aufenthalt und Lebensweise.\n473\n[einer H\u00f6hle, solange es nicht mit Gewalt ans derselben vertrieben wird, schl\u00fcpft anch sofort wieder in dieselbe znr\u00fcck, wenn die (St\u00f6rungen vor\u00fcber sind. Nach Andnbons Beobachtungen hat es die sonderbare Gewohnheit, die Borke rings um den Ansgang seiner H\u00f6hle abzunagen. Der J\u00e4ger, welcher keine Sp\u00e4hne oder Bruchst\u00fccke von dieser Arbeit unter dem Baume liegen sieht, darf sicher sein, da\u00df das Thier nicht mehr in der fr\u00fchern Wohnung haust. Das Innere der H\u00f6hle ist mit Gras und Mos ansgebettet, dazwischen findet man aber anch Nu\u00dfschalen, deren Inhalt zweifelsohne vom Katzenfrett geleert wurde, obwohl seine Hauptnahrung in allerhand kleinen S\u00e4ngethieren, V\u00f6geln und Kerbthieren besteht.\nDer Cacamizli ist ein lebendiges, spiellnstiges und munteres Gesch\u00f6pf, welches in seinen Bewegungen und Stellungen vielfach an das Eichh\u00f6rnchen erinnert. Wenn man es ans seiner H\u00f6hle aufst\u00f6rt, nimmt es ganz die anmnthigen Stellungen desselben an, indem es den Schwanz \u00dcber den R\u00fccken legt, doch kann es nicht, wie dieses, sich auf die Hinterf\u00fc\u00dfe setzen. Es klettert vorz\u00fcglich, vermag aber nicht, mit der Sicherheit und Gewandtheit des Eichh\u00f6rnchens von einem Ast zum andern zu springen, sondern l\u00e4uft, wenn es erschreckt wird, solange als m\u00f6glich ans einem Aste hin und versucht,^ von bessern Gezweig aus einen andern zu erreichen, dabei sich mit den Klanen einh\u00e4kelnd. Zuweilen sieht man es sich sonnen, auf der Oberseite eines Astes gelagert. Es liegt dann, halb aufgerollt, bewegungslos da, anscheinend schlafend; bei dem geringsten Zeichen der Gefahr aber schl\u00fcpft es so eilig als m\u00f6glich in seine H\u00f6hle und erscheint dann erst nach Sonnenuntergang wieder. Audubon glaubt, da\u00df immer nur eins aus ein und demselben Baume wohne, und h\u00e4lt es f\u00fcr ungesellig, und auch bte \u00fcbrigen Beobachter scheinen seine Ansicht zu best\u00e4tigen. Clark st\u00f6berte ein Weibchen auf, Elches in einer Felsspalte seine vier oder f\u00fcnf Jungen s\u00e4ugte. Diese hingen so fest an den Zitzen der Alten, da\u00df sie losgerissen werden mu\u00dften, und zwar geschah Dies erst einige Stunden nach dem Tode der Mutter. Bis dahin hatten die Jungen kein Zeichen von Unbehagen gegeben. Die Alte schlief, als sie zuerst bemerkt wurde; bei ihrem Erwachen zeigte sie aber keine Scheu und Furcht vor den Menschen, sondern vertheidigte ihr Haus gegen dieselben mit Z\u00e4hnen und Krallen.\nSehr d\u00fcrftig sind die Angaben \u00fcber die Gefangenschaft; nur Audubon berichtet Einiges. \u201eUngeachtet der Scheu und Zur\u00fcckgezogenheit des Caeamizli,\" sagt er, \u201ekann es ziemlich zahm gemacht werden, und wenn man es l\u00e4ngere Zeit im K\u00e4sig gehalten hat, darf man es sogar frei und im Hanse umherlaufen lassen. Es wird oft zum Schosthierchen der Mejikaner, und durch seine M\u00e4use-und Rattenjagd sehr n\u00fctzlich. ^ Wir haben ein zahmes gesehen, welches in den Stra\u00dfen eines kleinen mejlkanischen Fleckens umherlief, und haben von einem andern erz\u00e4hlen h\u00f6ren, welches so niedlich war, da\u00df es sogar von den Indianern besucht und angestaunt wurde.\"\nNach Europa ist das Thier nur ein einziges Mal gekommen, im Jahre 1853. Von ihm r\u00fchrt die vortreffliche Abbildung her, welche wir hier benutzen konnten.\nF\u00fcr viele meiner Leser d\u00fcrfte die Gruppe, welcher wir jetzt die Aufmerksamkeck zuwenden wollen die anziehendste der gesammten Familie sein, und zwar ans dem Grunde, weil ihr ein ^hier angeh\u00f6rt'\nwelches schon seit den \u00e4ltesten Zeiten von sich rei^n gemacht hat und von den alten Egvptern f\u00fcr heilig gehalten wurde.\t1\n\u00aete Malignsten (Hei-pestes) \u00e4hneln in ihrem K\u00f6rperbau noch ganz den Zibetkatzen unterscheiden sich ton ihnen aber dadurch, da\u00df ihnen di- Zib-ttasch- fehlt oder doch nur durch einiae eigenth\u00fcmliche Dr\u00fcsen vertreten ist, da\u00df die Hinterpfoten zuweilen blos vier Zehen haben und di-Krallen bei allen gar nicht zur\u00fcckgezogen werden k\u00f6nnen. Das Gebi\u00df kennzeichnet sich durch einen besondern Jnnenh\u00f6cker am dritten Ob-rzahn-, Der Sch\u00e4del hat einen k\u00fcrzern Schnanzentheil als bei den Zibetkatzen, und ist rundlich. Die Zunge ist mit scharfen Hornfpitzen bewaffnet Der Stern IN dem hellen, klugen Auge ist fast kreisrund. Unsere Thier- bewohnen ebenfalls mir","page":473},{"file":"p0474.txt","language":"de","ocr_de":"474\nDie Raubthiere. Schleichkatzen. Mangusten. \u2014 Ichneumon.\ndie w\u00e4rmeren L\u00e4nder der alten Welt und leben im ganzen genau wie die \u00fcbrigen Mitglieder ihrer Familie. Man unterscheidet sie noch besonders, je nachdem die Pfoten mit einem Daumen begabt sind oder diesen entbehren, je nach der Behaarung der Sohlen, der Schwanzspitze u. s. w. Doch sind alle diese feinen Unterscheidungen f\u00fcr uns weniger wichtig, und ich m\u00f6chte fast glauben, da\u00df es vollst\u00e4ndig gen\u00fcgend w\u00e4re/ wenn wir eine einzige Art ausf\u00fchrlich betrachten wollten. Dennoch will ich die merkw\u00fcrdigsten Arten meinen Lesern vorf\u00fchren.\nWie billig wenden wir unsere Aufmerksamkeit zun\u00e4chst dem Ichneumon, dem heiligen Thiere der alten Egypter zu, der \u201eRatte der Pharaonen\" (Herpestes Ichneumon) n\u00e4mlich, eingedenk seines aus den \u00e4ltesten Zeiten, auf die unsrigen her\u00fcbergetragenen Ruhmes und der Achtung, welche es fr\u00fcher geno\u00df. Schon Herodot sagt, da\u00df man die Ichneumonen in jeder Stadt an heiligen Orten einbalsamire und begrabe. Strabo berichtet, da\u00df jenes vortreffliche Thier niemals gro\u00dfe Schlangen angreife, ohne einige seiner Gef\u00e4hrten zu Hilfe zu rufen, dann aber auch die giftigsten W\u00fcrmer leicht bew\u00e4ltige. Sein Bild diene deshalb in der heiligen Bilderschrift zur Bezeichnung eines schwachen Menschen, welcher den Beistand seiner Mitmenschen nicht entbehren kann. Aelian dagegen behauptet, da\u00df es allein auf die Schlangenjagd ausgehe, jedoch mit gro\u00dfer List und Vorsicht, sich im Schlamm w\u00e4lze und diesen an der Sonne trockne, um- so einen\u00bb Panzer zu erhalten, welcher den Leib vor seinem Gegner sch\u00fctze, w\u00e4hrend es die Schnauze dadurch vor Bissen sichere, da\u00df es seinen Schwanz \u00fcber dieselbe schlage. Aber die Sage ist hiermit noch nicht zufrieden, sondern theilt dem muthigen K\u00e4mpfer f\u00fcr das \u00f6ffentliche Wohl noch ganz andere Dinge zu, wie Plinius mittheilt. Das Krokodil n\u00e4mlich legt sich, wenn es sich satt gefressen hat, gem\u00fcthlich auf eine Sandbank und sperrt dabei den z\u00e4hnestarrenden Rachen weit auf, Jeglichem Verderben drohend, der es wagen wollte, sich ihm zu n\u00e4hern. Nur einem kleinen Vogel ist Dies gestattet \u2014 und zwar, wie ich selbst beobachtet habe, in der That und Wahrheit! \u2014 er ist so frech, zwischen den Z\u00e4hnen hervor sich die Speise berauszupicken, welche dort h\u00e4ngen geblieben ist. Au\u00dfer ihm f\u00fcrchtet aber jedes andere Thier die N\u00e4he des Ungeheuers, nur der Ichneumon nicht. Er naht sich leise, springt mit k\u00fchnen S\u00e4tzen in den Rachen hinein, bei\u00dft und w\u00fchlt sich die Kehle hindurch, zerfleischt dem schlafenden Krokodil das Herz, tobtet es aus diese Weise und \u00f6ffnet sich nun, blutbedeckt, vermittelst seiner scharfen Z\u00e4hne einen Ausweg aus dem Leibe des Ungeth\u00fcms. Oder aber, er schleicht umher und sp\u00fcrt die Stellen aus, wo der gef\u00fcrchtete Lurch seine zahlreichen Eier abgelegt hat, und scharrt und w\u00fchlt h^er, bis er zu dem verborgenen Schatze in der Tiefe gelangt ist; dann macht er sich dar\u00fcber her und fri\u00dft in kurzer Zeit, der Wachsamkeit der Mutter ungeachtet, das ganze Nest aus und wird hierdurch zu einem unsch\u00e4tzbaren Wohlth\u00e4ter der Menschheit. Da\u00df auch die Egypter diese Sage geglaubt haben, da\u00df sie von ihnen aus erst jenen Schriftstellern berichtet wurde, ist unzweifelhaft: aber die sonst so genauen Naturbeobachter haben sich hierbei doch einer gro\u00dfen T\u00e4uschung hingegeben. Denn alle die sch\u00f6nen Sagen \u00fcber unser Thier sind falsch. Allerdings ist es erst der Neuzeit vorbehalten gewesen, Genaues \u00fcber die Sitten und Lebensweise des Ichneumon zu erforschen, aber schon seit einigen Jahrhunderten haben mehrere Reisebeschreiber ihren Zweifel \u00fcber den Nutzen des Ichneumon ausgesprochen,\nund die Sagen k\u00f6nnten somit als ganz erledigt gelten.\nUnd doch ist Dies nicht der Fall.' Kurz, nachdem ich von Afrika zur\u00fcckgekehrt war, theilte ich einige meiner Beobachtungen \u00fcber das Krokodil einer gro\u00dfen Gesellschaft mit, konnte aber, einzelne Mitglieder derselben keineswegs befriedigen, weil ich eben von dem muthvollen, klugen Thiere, welches dem Krokodil, \u201edieweil es eben schl\u00e4ft\", in den Rachen kriecht, kein Wort gesagt hatte. Das kam freilich daher, weil ich bei den heutigen Bewohnern des Nilthals niemals eine Spur jener Achtung, welche ein so n\u00fctzliches Thier genie\u00dfen m\u00fc\u00dfte, bemerken konnte, sondern vielmehr die unzweifelhaftesten Beweise einer Mi\u00dfachtung, sogar eines gewissen Grolles, welcher sammt und sonders dem menschenfreundlichen und krokodilfeindlichen Ichneumon galt, \u00fcberall vorfand. Auch ich will gar nicht leugnen, da\u00df ich selbst vor meiner Reise nach Afrika eine gro\u00dfe Achtung vor unserm Thiere hatte: als ich dasselbe","page":474},{"file":"p0474s0001table12.txt","language":"de","ocr_de":"Ichneumon.","page":0},{"file":"p0474s0002.txt","language":"de","ocr_de":"\u25a0\n","page":0},{"file":"p0475.txt","language":"de","ocr_de":"Alte Sagen. Beschreibung. Aufenthalt.\n475\naber kennen gelernt und die unz\u00e4hlbaren Verw\u00fcnschungen gegen seine in der That vielseitigen Unternehmungen vernommen hatte, \u00e4nderte sich meine Anschauung und mein Urtheil. Ich lernte in dem Ichneumon ein ganz anderes Thier kennen, als ich erwartet hatte: doch hat es dabei keineswegs verloren, sonderw nur gewonnen, und' ich bin fest \u00fcberzeugt, da\u00df auch meine Leser sich zu dieser Ansicht bekennen werden, wenn sie das Nachfolgende ber\u00fccksichtigen wollen.\nDer Ichneumon \u00fcbertrifft, wenn er ausgewachsen ist, an Gr\u00f6\u00dfe unsere Hauskatze bedeutend; denn die L\u00e4nge seines Leibes betr\u00e4gt beinahe zwei Fu\u00df, und die des Schwanzes wenigstens 1J/2 Fu\u00df.\nerscheint aber kleiner, als er ist, wegen seiner niederen Beine. Nur selten findet man ausgewachsene M\u00e4nnchen, welche am Widerrist h\u00f6her, als einen halben Fu\u00df sind. Der K\u00f6rper ist schlank, wie bei allen Schleichkatzen, keineswegs aber so zierlich, wie bei den echten Ginsterkatzen, sondern in Vergleich zu den meisten seiner Familienverwandten sogar sehr kr\u00e4ftig. Dies zeigt am besten das Gewicht, welches ein starker Ichneumon erreichen kann: es betr\u00e4gt h\u00e4ufig f\u00fcnfzehn, ja selbst achtzehn Pfund. Die Beine sind kurz, die Sohlen nackt und die Zehen fast bis zur H\u00e4lfte mit kurzen Spannh\u00e4uten verbunden. Der lange Schwanz erscheint durch die lange Behaarung an der Wurzel sehr dick, fast als ob er allm\u00e4hlich in den K\u00f6rper \u00fcberginge, und endet mit einer pinselartigen Quaste. Ueberhaupt ist die Behaarung sehr reichlich, und namentlich sind die einzelnen Haare lang und rauh. Die Augengegend ist nackt und deshalb treten die kleinen, feurigen Augen, deren Stern rund ist, um so mehr hervor. Die Ohren sind kurz, breit und abgerundet. Der After ist von einer flachen Tasche umgeben, in deren Mitte er sich \u00f6ffnet. Ganz eigenth\u00fcmlich ist der Pelz. Er besteht aus dichten Wollhaaren von rostgelblicher Farbe, welcher aber \u00fcberall von den fast drei Zoll langen Haaren \u00fcberdeckt wird. Diese find schwarz und gelblichwei\u00df geringelt und enden in einer fahlgelben Spitze. Hierdurch erh\u00e4lt der ganze Balg eine gr\u00fcnlichgraue F\u00e4rbung, welche zu den Aufenthaltsorten des Thieres ganz vortrefflich pa\u00dft. Am Kopfe und auf dem R\u00fccken ist die F\u00e4rbung dunkler, an den Seiten und dem Bauche fahler; die Beine und die Schwanzguaste sind dunkelschwarz oder ganz schwarz; doch kommen auch Ab\u00e4nderungen vor.\nDie Ratte der Pharaonen ist \u00fcber das ganze n\u00f6rdliche Afrika verbreitet; sie wird sowohl in Egypten, wie auch \u00fcberall in der Berberei gefunden. Niemals entfernt sie sich weit von Niederungen. Ihre eigentlichen Wohnpl\u00e4tze sind die dicht mit Rohr bewachsenen Ufer der Fl\u00fcsse und die Rohrdickichte, welche manche Felder umgeben. Hier h\u00e4lt sich das Thier bei Tage aus und bildet sich zwischen den Rohrstengeln schmale aber h\u00f6chst sorgf\u00e4ltig ges\u00e4uberte Gangstra\u00dfen, welche nach tiefen, aber nicht besonders ausgedehnten Bauen f\u00fchren. In diesen wirft auch das Weibchen in den Fr\u00fchlings- oder ersten Sommermonaten zwei bis vier Junge, welche sehr lange ges\u00e4ugt und noch viel l\u00e4nger von Leiden Alten gef\u00fcttert werden.\nDen Namen Ichneumon, welcher so viel als \u201eAussp\u00fcrer\" bedeutet, verdient unser Thier in jeder Hinsicht. In seinen Sitten und im geistigen Wesen \u00e4hnelt der Aussp\u00fcrer den gestaltverwandten Mardern, derer unangenehmen Geruch und deren Listigkeit, Diebesgewandtheit und Mordlust er besitzt. Er ist im h\u00f6chsten Grade furchtsam, vorsichtig und mi\u00dftrauisch. Niemals wagt er sich aufs freie Feld, sondern schleicht immer m\u00f6glichst gedeckt und mit der gr\u00f6\u00dften Vorsicht dahin. Einen Ort, denn er nicht kennt, besucht er nicht, ohne die gr\u00f6\u00dfte Besorgni\u00df zu zeigen; gleichwohl streift er ziemlich weit umher.\nNach meinen Beobachtungen geht der Ichneumon nur bei Tage auf Raub aus. Die groben, gr\u00fcnlichgrauen Haare, mit denen sein K\u00f6rper bedeckt ist, machen es ihm leicht, ungesehen an seine Beute heranzuschleichen und sich hinl\u00e4nglich Nahrung zu erwerben. Er fri\u00dft Alles, was er erlisten kann, die S\u00e4ugethiere vom Hasen bis zur Maus herab, die V\u00f6gel vom Huhn oder der Gans bis zum Rieds\u00e4nger (Drymoica). Au\u00dferdem verzehrt er aber auch Schlangen, Eidechsen, Kerbthiere, W\u00fcrmer u. s. w. und wahrscheinlich auch Fr\u00fcchte. Seine Diebereien haben ihm den gr\u00f6\u00dften Ha\u00df und die vollste Verachtung der egyptischen Bauern zugezogen; denn deren H\u00fchner- und Taubenst\u00e4lle pl\u00fcndert er in der unbarmherzigsten Weise, und namentlich den H\u00fchnernestern, welche dort von den","page":475},{"file":"p0476.txt","language":"de","ocr_de":"476\nDie RauLthiere. Schleichkatzen. Mangusten. \u2014 Ichneumon.\negyptischen H\u00fchnern ganz nach freier V\u00f6gel Art angelegt werden, wird er sehr gef\u00e4hrlich. Wirklichen Nutzen bringt er jetzt soviel, als nicht; man m\u00fc\u00dfte ihm denn die Vertilgung der Schlangen besonders hoch anrechnen. Gegenw\u00e4rtig hat er mit den Krokodilen gar nichts mehr zu schassen, weil diese in Unteregypten, wo er sich haupts\u00e4chlich findet, g\u00e4nzlich ausgerottet sind; und somit kann er die r\u00fchmlichen Thaten seiner Ahnen weder bekr\u00e4ftigen noch widerlegen. Doch will es allen Denen, welche ihn kennen, scheinen, da\u00df auch seine Ahnen nicht so dumm gewesen seien, in den z\u00e4hnestarrenden Rachen eines Krokodiles zu kriechen, und jedenfalls haben allen Ichneumonen die H\u00fchnereier von jeher besser geschmeckt, als die Eier der Krokodile, welche, wie bekannt, von der Mutter sorgsam bewacht werden. Dann ist der Raub solcher Eier eben keine Kleinigkeit: \u2014 eine alte Krokodilmutter kann, zumal einem Ichneumon gegen\u00fcber, unter Umst\u00e4nden sehr ungem\u00fcthlich werden.\nWenn man unsern Aussp\u00fcrer, ohne von ihm bemerkt zu werden, beobachtet, sieht man ihn sehr langsam und bed\u00e4chtig durch die Felder oder Rohrdickichte schleichen. Sein Gang ist h\u00f6chst eigenth\u00fcmlich. Es sieht aus, als ob das Thier auf der Erde dahinkr\u00f6che, ohne ein Glied zu bewegen. Denn die kurzen Beine werden von den langen Haaren seines Balges vollkommen bedeckt, und ihre Bewegung ist deshalb kaum sichtbar. Zudem sucht er auch immer Deckung und verl\u00e4\u00dft deshalb das ihn zum gr\u00f6\u00dften Theil verbergende Gras, das Getreide oder das ihn ganz versteckende Rohr niemals.\nIn den Sommermonaten sieht man ihn h\u00f6chst selten allein, sondern stets in Gesellschaft seiner Familie. Das M\u00e4nnchen geht voran, das Weibchen folgt, und hinter der Mutter kommen die Jungen. Immer geht ein Mitglied dicht hinter dem andern, und so sieht es aus, als ob die ganze Kette von Thieren nur ein einziges Wesen sei, einer merkw\u00fcrdig langen Schlange etwa vergleichbar. Bisweilen bleibt der Vater stehen, hebt den Kopf und sichert; dabei bewegt er die Nasenl\u00f6cher nach allen Seiten hin und schnauft wie ein keuchendes Thier. Hat er sich vergewissert, da\u00df er Nichts zu f\u00fcrchten hat, so geht es weiter; hat er eine Beute ersp\u00e4ht, so windet er sich wie eine Schlange ger\u00e4uschlos zwischen den Halmen hindurch, um an jene heranzukommen, und pl\u00f6tzlich sieht man ihn ein oder zwei S\u00e4tze machen, selbst noch nach einem bereits aufgeflogenen Vogel. Die ganze Familie thut ihm jede Bewegung nach,, wendet den Kopf, schn\u00fcffelt nach derselben Richtung hin, untersucht witternd und scharrend dasselbe Mauseloch wie er, oder sieht ihm wenigstens achtsam zu und bem\u00fcht sich jedenfalls nach Kr\u00e4ften, ihm so viel als m\u00f6glich von seinen Kunstgriffen abzulernen. Er \u00fcbt seine Spr\u00f6\u00dflinge aber auch besonders im Fange und bringt ihnen z. B., wie unsere Hauskatzen es ebenfalls thun, junge, lebendige M\u00e4use, welche er dann vor den hoffnungsvollen Kindern frei l\u00e4\u00dft, um ihnen das Vergn\u00fcgen einer Jagd zu bereiten. Wenn er an das Wasser geht, um zu saufen, schreitet er erst sehr furchtsam aus dem Graben, in welchem er sich ungesehen hingeschlichen hat, kriecht langsam auf dem Bauche weiter fort und schreckt bei jedem Schritte etwas zur\u00fcck, beriecht alle Gegenst\u00e4nde und macht dann einen pl\u00f6tzlichen Sprung nach dem Wasser zu, gerade so, wie wenn er sich auf seine Beute st\u00fcrzt. Bei seinen Jagden ist seine Vorsicht au\u00dferordentlich gro\u00df und f\u00fcr den Beobachter h\u00f6chst erg\u00f6tzlich. Er lauert vor einem Mauselochs regungslos wohl eine Stunde lang und schleicht einer Ratte, einem jungen Vogel mit einer Bedachtsamkeit nach, welche geradezu ohne Gleichen ist.\nEs ist h\u00f6chst wahrscheinlich, da\u00df er ebenso vortrefflich sp\u00fcrt, wie der beste Hund; soviel ist sicher, da\u00df ihn haupts\u00e4chlich der Geruch Lei seinen Jagden leitet. Trifft er auf Eier, so trinkt er sie alle aus; von S\u00e4ugethieren und V\u00f6geln saugt er in der Regel nur das Blut und fri\u00dft das Gehirn aus. Er mordet weil mehr, als er bew\u00e4ltigen kann und wird hierdurch dem zahmen Hausgefl\u00fcgel viel verderblicher, als jedes andere Raubthier seiner Heimat.\nSeine Stimme h\u00f6rt man blos dann, wenn er mit einer Kugel angeschossen worden ist, sonst schweigt er, selbst bei der schmerzhaftesten Verwundung. Doch behaupten die Egypter, da\u00df er auch zur Paarungszeit sein ziemlich scharfes, eint\u00f6niges Pfeifen vernehmen lasse.\nMan hat, wie von ihm \u00fcberhaupt, Vieles von seinen Feindschaften mit anderen Thieren gefabelt und namentlich hervorgehoben, da\u00df er in dem ihm \u00e4hnlichen Fuchs, dem Schakal und noch mehr","page":476},{"file":"p0477.txt","language":"de","ocr_de":"Frei- und Gefangenleben.\n477\nin der Waraneidechse sehr gef\u00e4hrliche Feinde habe. Ich kann versichern, da\u00df ich niemals etwas hieranf Bez\u00fcgliches gesehen, noch geh\u00f6rt habe, unb soviel d\u00fcrfte wohl feststehen, da\u00df der Fuchs oder Schakal eben nur mit einem jungen Ichneumon anzubinden wagen, weil sich die Alten schon zu vertheidigen wissen. Die Nileidechse oder der Waran ist ihm vollkommen gleichgiltig; sie w\u00e4re auch viel zu schwach, als da\u00df sie sich mit ihm in einen Kampf einlassen k\u00f6nnte. Der Mensch ist sein schlimmster Feind. An\u00dfer ihm kann ihm nur der Nil selbst schaden, wenn er ihm seine Lieblingspl\u00e4tze nnter Wasser setzt: doch schwimmt er vortrefflich, wenn es sein mu\u00df, und rettet sich noch bei Zeiten auf jene hohen D\u00e4mme, welche von einem Dorf zum andern f\u00fchren oder die Wasserstra\u00dfen einfassen und wegen ihrer dichten Rohrbest\u00e4nde ihm ganz gute Aufenthalsorte bieten.\nDie Jagd des Ichneumon gilt in den Augen aller Egypter als ein h\u00f6chst gottseliges Werk. Man braucht nur in ein Dorf zu gehen und dort zu verk\u00fcnden, da\u00df mau den Nims, so hei\u00dft unser Thier bei den Arabern, jagen wolle, dann ist gewi\u00df Jung und Alt mit Freuden behilflich. Der Bauer im Felde wirft Hacke und Spaten weg, der Weber steht vom Arbeitsstuhl auf, der Knabe am L>ch\u00f6pfrade g\u00f6nnt seinen Ochsen Ruhe und l\u00e4\u00dft das Feld d\u00fcrsten, der Sch\u00e4fer kommt mit seinem Hunde,^ und Alle brennen vor Begierde, den schlimmen Schurken und Spitzbuben vernichten zu helfen. Mit Hilfe jener Leute ist es nicht schwer, den Ichneumon zu erlegen. Man zieht nach einem langen Rohrstreifen hinaus, stellt sich dort auf und l\u00e4\u00dft die Leute langsam treiben. Das Thier merkt sehr wohl, worum es sich handelt und sucht, sowie der L\u00e4rm der Treiber beginnt, in einem seiner Flncht-l\u00f6cher Schutz, doch hilft ihm Dieses nur sehr wenig, denn die Araber treiben ihn mit ihren langen St\u00f6cken auch aus den Nothbauen heraus, und so sieht er sich gen\u00f6thigt, in einem andern Rohrbestande Zuflucht zu suchen. Mit \u00e4u\u00dferster Vorsicht schleicht er nun zwischen den Stengeln dahin, lauscht und wittert von Zeit zu Zeit, h\u00f6rt aber die Verfolger immer n\u00e4her und n\u00e4her kommen unb mu\u00df sich \u00fcblich doch entschlie\u00dfen, \u00fcber eine Stelle hinwegzulaufen, welche ihn nicht vollst\u00e4ndig decken kann. x)st sie mit Gras bewachsen, so merkt der dort aufgestellte J\u00e4ger gew\u00f6hnlich blos an dem Bewegen desselben,^ da\u00df der Ichneumon dahin kriecht; denn dieser h\u00fctet sich wohl, durch irgend eine rasche Be-wegung sich zu verrathen. Man mu\u00df mit sehr starkem Blei und aus geringer Entfernung schie\u00dfen, wenn man ihn tobten will; denn er vertr\u00e4gt bei seiner unglaublichen Lebensz\u00e4higkelt einen t\u00fcchtigen Schu\u00df und entkommt, wenn er blos verwundet wird, sicher noch.\nBei solchen Jagden kaun man unter Umst\u00e4nden sehr \u00fcberrascht werden, weil in denselben Rohrdickichten, welche die Ichneumonen bewohnen, auch andere Thiere w\u00e4hrend des Tages das sichere Versteck suchen. Mir ist es z. W vorgekommen, da\u00df anstatt des erwarteten Nims ein gewaltiges Wildschwein schnaubend und grunzend hervorbrach unb mich, weil ich nur mit dem Schrotgewehr bewaffnet war, in nicht geringe Verlegenheit versetzte. Ein andres Mal wurde eine Hi\u00e4ne aufgescheucht, und Schakale kamen bei meinen Jagden ziemlich regelm\u00e4\u00dfig mit zum Vorschein.\nDas Gefangenleben des Ichneumon ist schon von Alpinus geschildert worden. Dieser Forscher besa\u00df einen m\u00e4nnlichen Nims mehrere Monate lang und hielt ihn in seinem Zimmer. Er schlief mit ihm, wie ein Hund, unb spielte mit ihm, wie eine Katze. Seine Nahrung suchte er sich selbst. Wenn er hungrig war, verlie\u00df er das Haus, und nach Verlauf einiger Stunden kehrte er ges\u00e4ttigt zur\u00fcck. Er war h\u00f6chst reinlich, schlau und muthig, griff ohne Besinnen gro\u00dfe Hunde an, t\u00f6dtete Katzen, Wiesel und M\u00e4use und richtete unter den H\u00fchnern und anderen V\u00f6geln mehrmals arge Verw\u00fcstungen an. Durch Benagen aller Dinge, namentlich aber der B\u00fccher, wurde er h\u00f6chst unangenehm. \u2014 Von anderen Gefangenen erz\u00e4hlen franz\u00f6sische Naturforscher, da\u00df sie sich leicht z\u00e4hmen lassen, sanft werden, die Stimme ihres Herrn unterscheiden und ihm wie ein Hund folgen. Sie sind aber niemals in Ruhe, schleppen Alles im Hause umher und werden durch Umwerfen der Gegenst\u00e4nde sehr l\u00e4stig. Daf\u00fcr machen sie sich in anderer Hinsicht n\u00fctzlich. Ein Haus, in welchem man einen Ichneumon h\u00e4lt, ist in der k\u00fcrzesten Zeit von Ratten und M\u00e4usen vollst\u00e4ndig ges\u00e4ubert; denn das Naubthier liegt ohne Unterla\u00df der Jagd dieser Nager ob. Mit der gefangenen Beute l\u00e4uft es in einen dunkeln Winkel unb beweist durch sein Grunzen unb Knurren, da\u00df es dieselbe wohl zn vertheidigen wisse.","page":477},{"file":"p0478.txt","language":"de","ocr_de":"478\nDie Raubthiere. Schleichkatzen. Mangusten. \u2014 Ichneumon. Mungos.\nAuch ich habe einen in unserm Thiergarten lebenden Ichneumon beobachten k\u00f6nnen. Es ist ein sch\u00f6nes, ausgewachsenes M\u00e4nnchen, welches sich sehr wohl zu befinden scheint. Das Thier sieht h\u00f6chst gutm\u00fcthig aus, obschon es die entgegengesetzten Eigenschaften schon mehrmals beth\u00e4tigt hat. Andere Mangusten Pflegen sich mit ihres Gleichen und \u00e4hnlichen Arten ausgezeichnet zu vertragen, soda\u00df man ohne Furcht zahlreiche Gesellschaften in einen Raum zusammensperren kann. Der Ichneumon aber scheint nur in gewissem Sinne gesellig zu sein. Als ich eines Tages einen Mungos zu ihm setzte, str\u00e4ubte er augenblicklich sein Fell, soda\u00df er ganz borstig erschien und fuhr mit einer beispiellosen Wuth auf den Ank\u00f6mmling los. Im K\u00e4fig begann eine tolle Jagd. Der Mungos suchte, seinem st\u00e4rkern Verwandten zu entgehen, und dieser, ihn so schnell als m\u00f6glich abzuw\u00fcrgen. Beide Thiere jagten wie rasend im Raume umher und entfalteten dabei K\u00fcnste der Bewegung, welche man gar nicht vermuthet h\u00e4tte. Sie kletterten wie Katzen oder Eichh\u00f6rnchen auf den Baumst\u00e4mmen herum oder an dem Gitter hinauf und machten S\u00e4tze von auffallender H\u00f6he, durchschl\u00fcpften Engen mit Wieselgewandtheit, kurz, bewiesen eine wirklich wunderbare Beweglichkeit. Wir mu\u00dften den Mungos so schnell als m\u00f6glich wieder einsangen, weil ihn der erregte Ichneumon sicher gelobtet haben w\u00fcrde. Dieser war auch, nachdem wir seinen Gast entfernt hatten, noch den ganzen Tag in der gr\u00f6\u00dften Un-\nDer Mungos (Herpestes javanicus).\nruhe. Nicht freundlicher zeigte sich unser Ichneumon gegen einen seiner Nachbarn, mit welchem er, wegen der mangelhaften Banart des Hans-S, durch das Gitter hindurch verkehren konnt-, mit einer jungen Wildkatze n\u00e4mlich. Dieses kleine Thier war schon sehr h\u00fcbsch eingewohnt und begann, sich durch allerlei Spiele zu erg\u00f6tzen. Da siel es ihr ungl\u00fccklicher Weise ein, auch mit ihren Reben-g-fangeneu spielen zu wollen. Der Ichneumon aber packte das arme Thierchen, welches unvorsichtig mit der Tatze durch das Gitter gelangt hatte, sofort am Fu\u00dfe, zog es dicht an das Gitter heran, erw\u00fcrgte es und fra\u00df ihm beide Vorderl\u00e4ufe ab.\nAlle Mangusten \u00e4hneln sich in ihrem Leibesbau und die meisten auch in ihrem Betragen. Somit k\u00f6nnte die gegebene Beschreibung d-S Ichneumon f\u00fcr unsere Zwecke gen\u00fcgen, w\u00e4ren nicht noch einig- einer besondern Besprechung werth. Eine derselben und zwar di- zweitb-r\u00fchmt-ste Art ist der Mungos oder Mungo (Herpestes javanicus), -in Thier, welches di-Ratte der Pharaonen in Asien vertritt und sich bis heutiges Tages den Ruhm seiner Verwandten gewahrt hat. Er ist halb so gro\u00df, al\u00ab der Ichneumon. Seine L-ibesl\u00e4ng- betr\u00e4gt ungef\u00e4hr 17 Zoll, di- des Schwanzes kaum weniger. Der Pelz ist reich, namentlich an der Schwanzwurzel sehr dicht. Die F\u00e4rbung des Haares tft em blasses Rothbraun mit gelber Sprenkelung, welche dem Fell einen goldgelben Schimmer verleiht.","page":478},{"file":"p0479.txt","language":"de","ocr_de":"Jagdleben und Schlangenk\u00e4mpfe des Mungos.\n479\nUnter allen Mangusten eignet sich der Mungos, welcher seiner ganzen Sippschaft den Namen verliehen hat, am meisten zur Z\u00e4hmung, weil er ein \u00fcberaus sauberes, reinliches, munteres und ver-h\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gutm\u00fcthiges Thier ist. Man findet ihn deshalb auch in vielen H\u00e4usern seiner heimatlichen L\u00e4nder als Hausthier, und er vergilt die ihm gew\u00e4hrte Gastfreundschaft durch feine ausgezeichneten Dienste tausendfach. Wie der Ichneumon, versteht auch er es, das Haus von Ratten und M\u00e4usen zu s\u00e4ubern, aber er tritt auch dem abscheulichen Ungeziefer s\u00fcdlicher L\u00e4nder, den Giftschlangen und Skorpionen, mit bewundernsw\u00fcrdigem Muthe entgegen. Als echte Manguste ist er nur bei Tage th\u00e4tig, dann aber rastlos und unerm\u00fcdlich. Wenn man ihn zuerst in eine fremde Wohnung bringt, l\u00e4uft er behend umher und hat in der k\u00fcrzesten Zeit alle L\u00f6cher, Spalten und andere Schlupfwinkel untersucht und vermittelst seines scharfen Geruchs auch bald ausgesunden, in welcher H\u00f6hle sich eines seiner Jagdthiere aufh\u00e4lt. Diesem strebt er nun mit einem gro\u00dfartigen Eifer nach, und selten mi\u00dfgl\u00fcckt ihm seine Jagd. Genau so betr\u00e4gt er sich in der Freiheit. Er l\u00e4uft von Felsen zu Felsen, von Stein zu Stein, von H\u00f6hle zu H\u00f6hle und untersucht eine Gegend so gr\u00fcndlich, da\u00df ihm schwerlich etwas Genie\u00dfbares entgeht. Zuweilen verkriecht er sich selbst in einer kleinen H\u00f6hle, und wenn er dann wieder zum Vorschein kommt, bringt er gewi\u00df eine Maus, Ratte, Eidechse, Schlange oder ein \u00e4hnliches Gesch\u00f6pf mit sich, welches er in der eigenen Wohnung gefangen nahm. Aeu\u00dferst \u00fcstrg soll er sich benehmen, wenn er aus H\u00fchner jagt. Er streckt sich aus und stellt sich todt, bis die neugierigen Thiere so nahe sind, da\u00df er sie mit wenigen S\u00e4tzen erhaschen kann. F\u00fcr mich haben diese Angaben der Reisenden nichts Unwahrscheinliches, weil ich bei mittelafrikanischen Mangusten Aehnlrches beobachtet habe. Ber\u00fchmt und geehrt ist der Mungo vor allem wegen seiner K\u00e4mpfe mit Giftschlangen. Er wird trotz seiner geringen Gr\u00f6\u00dfe sogar der Brillenschlange Meister. Seine Behendigkeit ist es, welche ihm zum Siege verhilst. Die Eingebornen behaupten, da\u00df er, wenn er von der Giftschlange gebissen sei, eine sehr bittere Wurzel, Namens Mungo, ausgrabe, diese verzehre, durch den Genu\u00df solcher Arznei augenblicklich wieder hergestellt werde und den Kampf mit der Schlange nach wenigen Minuten fortsetzen k\u00f6nne. Dadurch sollen die Inder auf die Heilkraft dieser Wurzel aufmerksam gemacht worden sein. Selbst genaue Beobachter behaupten, da\u00df etwas Wahres an der Sache fei; sie berichten wenigstens, da\u00df der gebissene und ermattete Mungos vom Kampfplatze fortlaufe, Wurzeln suche und, durch diese gest\u00e4rkt, den Kampf wieder aufnehme.\nHorsfield, welcher den Mungos sehr ausf\u00fchrlich beschreibt, bemerkt jedoch ausdr\u00fccklich,.da\u00df er hiervon Nichts erfahren habe und h\u00e4lt die ganze Erz\u00e4hlung f\u00fcr ein M\u00e4rchen. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, da\u00df der Mungos wirklich mit Giftschlangen k\u00e4mpft. Als Dr. Nauschenberg Ceylon besuchte, hatte er Gelegenheit, einen Kampf zwischen Mungos und Brillenschlange mit anzusehen. \u201eMein Freund, der Doktor,\" so erz\u00e4hlt er, \u201elegte eine kleine Schlange auf den Boden des Saales nieder. Sie blickte mit emporgerichtetem Kopfe und ausgebreitetem Nacken tr\u00e4ge um sich. Jetzt nahm der Doktor einen halberwachsenen M\u00fcngos, liebkoste ihn und setzte ihn mehrere Schritte vor der Schlange auf den Boden nieder. Das Thier heftete die kleinen Augen fest auf seinen Feind, ging diesem vorsichtig etwas n\u00e4her und machte die Schlange bald aufmerksam. Pl\u00f6tzlich sprang der Mungos auf seine Feindin los, packte sie mit den Z\u00e4hnen am Kopfe, sch\u00fcttelte sie heftig mit zornigem Geknurr und rannte dann mit ihr im Saale umher, in jedem Winkel das Sch\u00fctteln und Knurren wiederholend. Er t\u00f6dtete sie wirklich.\" \u2014 Auch Jda Pfeifer hat solche K\u00e4mpfe in Ost- ' indien gesehen, und sie bemerkt, da\u00df der Mungos die Giftschlange \u00e4u\u00dferst geschickt beim Genicke packt und fast jedesmal \u00fcberw\u00e4ltigt.\nBei schlechter Laune zeigt das sonst sehr gem\u00fcthliche Thier Jedem, der sich ihm n\u00e4hert, die Z\u00e4hne, wie ein bissiger Hund, doch h\u00e4lt sein Zorn nicht lange an. Mit dem Menschen befreundet er sich sehr bald. Seinem Herrn folgt er nach kurzer Zeit, wie ein Hund, schl\u00e4ft mit ihm, fri\u00dft aus seiner Hand und geberdet sich \u00fcberhaupt ganz als Hausthier. Mit verwandten Arten vertr\u00e4gt er sich, wie ich aus eigener Erfahrung versichern kann, ganz vortrefflich. Er denkt gar nicht daran, seinen Mitgefangenen Etwas zu Leide zu thun.","page":479},{"file":"p0480.txt","language":"de","ocr_de":"480 Die Raubthiere. Schleichkatzen. Mangusten. \u2014 Niula. Meloncillo. Zebramanguste.\nDie Niula (Herpestes Nyula) ist dem Mungos nah verwandt und vielleicht nur Spielart desselben; sie wird von einigen Forschern aber auch wieder mit der grauen Manguste aus Indien (Herpestes griseus) zusammengestellt. Ihr Haar ist graulichgelb, dunkler geringelt, wodurch eine h\u00fcbsche Sprenkelung entsteht- \u2014 Ueber ihre Lebensweise ist so wenig bekannt, da\u00df man nicht bestimmen kann, ob sie sich von ihren Verwandten unterscheide oder nicht. Ich habe sie haupts\u00e4chlich der gelungenen Abbildung halber hier mit ausgef\u00fchrt.\nNeben diesen Ausl\u00e4ndern m\u00fcssen wir unsere europ\u00e4ische Manguste, den Melon oder Meloncillo (Herpestes Widdringtonii) wenigstens erw\u00e4hnen. Das Thier war den spanischen J\u00e4gern schon lange bekannt, ehe es einem Naturforscher in die H\u00e4nde fiel. Seine Jagd galt als lohnend, weil die Schwanzhaare zu Malerpinseln verwendet, sehr gesucht und zu hohen Preisen bezahlt wurden; aber die J\u00e4ger erlegten den Meloncillo eben nur dieser Haare wegen und warfen seinen Balg weg, nachdem sie ihn in ihrer Weise ausgenutzt hatten. Erst im Jahre 1842 erfuhren wir durch Gray, da\u00df auch unser heimatlicher Erdtheil eine echte Manguste besitzt. Wahrscheinlich, aber noch nicht bewiesen, ist, da\u00df der Melon auch im benachbarten Afrika gefunden wird.\nIn Spanien lebt er ganz nach Art des Ichneumon in den Flu\u00dfniederungen und zwar haupts\u00e4chlich in Estremadura und Andalusien. Er bewohnt fast ausschlie\u00dflich die Rohrwaldungen und Ebenen, welche mit einem Riedgrase, dem Esparto, bewachsen sind, kommt aber keineswegs im Gebirge vor, wie angegeben wurde. Seine Gesammtl\u00e4nge betr\u00e4gt 3Va Fu\u00df, die L\u00e4nge des Schwanzes ungef\u00e4hr 17a Fu\u00df. Der im Ganzen kurze Pelz verl\u00e4ngert sich auf der R\u00fcckenmitte und verschwindet fast ganz am Vorderhals und am Unterleibe, welche Theile beinahe nackt sind. Ein dunkles Grau mit lichterer Sprenkelung ist die Gesammtf\u00e4rbung; Nase, F\u00fc\u00dfe und Schwanzende sind schwarz. Auf dem R\u00fccken endigen die schwarzen, dreimal wei\u00dfgeringelten Haare in br\u00e4unliche Spitzen. Das Gesicht ist mit kurzem, das Ohr mit weichem, fein geringeltem Haar bekleidet.\nUeber Fortpflanzung, Nutzen, Schaden und Jagd des Thieres ist zur Zeit noch Nichts bekannt.\nZu den \u00fcbrigen Ausgezeichneten der Gruppe geh\u00f6rt die gestreifte oder Zebramanguste, die Sakie der Eingebornen (Herpestes fasciatus oder Herpestes Zebra). Sie ist eine der kleineren Mitglieder der ganzen Sippschaft. Ihre Leibesl\u00e4nge wird zu 15, die Schwanzl\u00e4nge zu 8 Zoll angegeben; ich habe aber mit Bestimmtheit viel gr\u00f6\u00dfere gesehen, wenn auch nicht mit dem Zollstabe gemessen. Mit Recht tr\u00e4gt das Thier seinen Namen, zumal den ihm von R\u00fcppell verliehenen. Die\nDie Niula (Herpestes Nyula).","page":480},{"file":"p0481.txt","language":"de","ocr_de":"Frei- und Gefangenleben des Mungo. Heimat und Wesen der Zebramanguste.\n481\nGrundf\u00e4rbung des reichlichen Pelzes der Zebramanguste erscheint fahlgrau, weil die einzelnen Haare schwarz oder braun, wei\u00df und fahl geringelt sind. Auf dem Kopfe und dem Oberhalse endigen die Haare sehr regelm\u00e4\u00dfig abwechselnd in schwarze oder braune und wei\u00dfe, auf dem \u00fcbrigen Oberk\u00f6rper abwechselnd in dunkle und fahle Spitzen. Hierdurch entstehen 9 bis 15 Paare ziemlich regelm\u00e4\u00dfig verlausender, dunkler und heller Querbinden. Die Schnauze und die Unterseite sind rostfarben; die Schwanzspitze ist schwarz.\nWie es scheint, kommt die Zebramanguste in ganz Ostafrika, vom Kap der guten Hoffnung an bis nach Abissinien herab in ziemlicher Anzahl vor. Ich traf sie in den Bogosl\u00e4ndern gar nicht selten an, wie es schien, am meisten in Gesellschaft des Klippdachses, mit welchem sie, obgleich sie sonst als Raubthier bester Art betrachtet werden mu\u00df, sich sehr wohl zu vertragen scheint. Auch Heuglin hat Dasselbe beobachtet und dabei anziehende Erfahrungen gesammelt, welche ich weiter unten, gelegentlich\nDie gestreifte oder Zebramanguste (Herpestes fasciatus oder Herpestes Zebra).\nder Beschreibung des Klippdachses, mittheilen werde. Mit dem Erdeichh\u00f6rnchen scheint sie ebenfalls auf bestem Fu\u00dfe zustehen; vielleicht f\u00fcrchtet sie sich vor den gewaltigen Nagez\u00e4hnen jenes bissigen und j\u00e4hzornigen Gesch\u00f6pfes. Wahrscheinlich ist unsere Zebramanguste nicht des Nachts, sondern ausschlie\u00dflich am Tage th\u00e4tig. Ich sah sie vom Morgen an bis zum Abend zu jeder Stunde in der ihre Familie bezeichnenden geduckten Haltung umherschleichen. Sie kommt dreist bis hart an die D\u00f6rfer oder bis in das Innere derselben, und Wehe dem Vogel oder kleinen S\u00e4ugethier, welchem sie hier begegnet! Wie eine Schlange windet sie sich zwischen den Steinen durch, unh\u00f6rbar gleitet sie auf dem Boden dahin. Ungeachtet der ziemlich lebhaften F\u00e4rbung und der deutlich hervortretenden Zeichnung pa\u00dft sich ihr Kleid doch vollkommen der Bodenf\u00e4rbung an und gestattet ihr, sich auch ungesehen an eine Beute heranzuschleichen, bis sie dieselbe mit ge\u00fcbtem, sichern Sprunge erhaschen kann. Auch in Abissinien wollte man von ihren K\u00e4mpfen mit Giftschlangen zu erz\u00e4hlen wissen; doch lasse ich das mir Mitgetheilte\nBrehm, Thierleben.","page":481},{"file":"p0482.txt","language":"de","ocr_de":"482 Die Raubthiere. Schleichkatzen. Mangusten. \u2014 Zebra- und Krabbenmanguste.\nauf sich beruhen, weil mir die Abissiuier nicht eben das beste Vertrauen hinsichtlich ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit eingefl\u00f6\u00dft haben.\nVor dem Menschen nimmt die Zebramanguste gew\u00f6hnlich eiligen Laufes Rei\u00dfaus, nicht aber ohne dabei ein unwilliges Knurren h\u00f6ren zu lassen, welches ganz unzweifelhaft ihren Aerger \u00fcber die St\u00f6rung ausdr\u00fcckt. Den Hunden wagt sie nicht selten Widerstand zu leisten oder kl\u00e4fft sie wenigstens zornig an, ehe sie fl\u00fcchtet. Selbst der beste und einge\u00fcbteste Jagdhund w\u00fcrde sich vergeblich bem\u00fchen, ihr zu folgen. Sie ist so geschickt und so behend, da\u00df sie l\u00e4ngst einen sichern Zufluchtsort in dem Gekl\u00fcft gefunden hat, ehe der Hund noch recht wei\u00df, wie er es anstellen soll, ihrer habhaft zu werden.\nMan meint es der zierlichen Schleicherin an den funkelnden Augen anzusehen, da\u00df sie ebenso blutgierig ist, wie ihre Verwandten. Ihre Nahrung besteht aus s\u00e4mmtlichen kleinen S\u00e4ugethieren, V\u00f6geln, Lurchen und Kerbthieren, welche sie bew\u00e4ltigen kann, aus Eiern und vielleicht auch aus Fr\u00fcchten. Heuglin glaubt, da\u00df sie sogar ganz besondere List anwende, um ihr Lieblingswild, einen der in ihrer Heimat so h\u00e4ufigen Frankoline, zu beth\u00f6ren. \u201eUnserR\u00e4uber,\" sagt dieser t\u00fcchtige Forscher, \u201eh\u00e4lt sich mehr an Gefl\u00fcgel, als an S\u00e4ugethiere. Ich habe beobachten k\u00f6nnen, wie zwei Zebra-mangusten eine Familie von Frankolinh\u00fchnern, welche im niedern Geb\u00fcsch sich aufhielt, ber\u00fccken wollten. Das Locken der Kette hatte mich aufmerksam gemacht, und ich schlich mich m\u00f6glichst vorsichtig hinzu, die Hunde hinter mir haltend. Auf etwa zehn Schritte von dem Schaupl\u00e4tze angelangt, h\u00f6rte ich ein Huhn hart vor mir locken. Ihm antwortete ein Hahn, und denselben Ton ahmte eine Zebramanguste, welche sich auf einem durch Buschwerk gedeckten Steine aufgepflanzt hatte, t\u00e4uschend nach. Eine zweite, in einiger Entfernung im hohen Grase verborgene lockte ebenso. Wohl einige Minuten mochte dieses Spiel gedauert haben, als der Hahn, welcher den vermeintlichen Eindringling in sein Harem w\u00fcthend aufsuchte, den Hunden zu nahe kam. Er ging schreiend auf, gefolgt von den H\u00fchnern, aber auch die schlauen R\u00e4uber fanden sich bewogen, unverrichteter Abendmahlzeit eiligst abzuziehen.\"\nDa\u00df Heuglin richtig geh\u00f6rt hat, unterliegt keinem Zweifel. Ich habe unsere zahmen Zebra-mangusten T\u00f6ne aussto\u00dfen h\u00f6ren, welche dem schmetternden Geschrei des gedachten Frankolins t\u00e4uschend \u00e4hnlich waren. Ob jedoch der von unserm Gew\u00e4hrsmann gezogene Schlu\u00df richtig ist, da\u00df die Manguste mit Absicht Thiere durch Nachahmen ihrer Stimme zu t\u00e4uschen suche, bleibt doch noch fraglich.\nMan kann die Zebramanguste ebenso leicht z\u00e4hmen, als die anderen Arten. Sie schmiegt sich bald an ihren Pfleger an und nimmt Liebkosungen mit einem beif\u00e4lligen Knurren entgegen. Erz\u00fcrnt l\u00e4\u00dft sie abgebrochene Laute oder ein gleicht\u00f6niges Pfeifen vernehmen, bei gro\u00dfer Wuth schreit sie laut auf. Gegen ihres Gleichen zeigt sie sich manchmal sehr vertr\u00e4glich, oft aber auch h\u00f6chst unleidig, gegen andere Thiere \u00fcberm\u00fcthig; den sich ihr nahenden Menschen greift sie mit Muth und Geschick an. Bei Spielereien mit anderen ihrer Art, welche sie gern stundenlang fortsetzt, geht sie nicht selten zu Th\u00e4tlichkeiten \u00fcber: im Londoner Thiergarten bissen sich einige, welche zusammenwohnten und spielten, in aller Gem\u00fcthlichkeit gegenseitig die Schw\u00e4nze ab. Ihre nahe Verwandtschaft mit \u201edem Aussp\u00fcrer\" zeigt sie bei jeder Gelegenheit. Sie ist \u00fcberaus neugierig und mu\u00df jedes Ding, auf das sie st\u00f6\u00dft, so genau als m\u00f6glich untersuchen. Dazu benutzt sie haupts\u00e4chlich ihre Vorderpfoten, welche sie mit wahrhaft belustigender Geschicklichkeit und Gewandtheit wie H\u00e4nde zu gebrauchen wei\u00df. Das gl\u00e4nzende, rothbraune Auge funkelt und rollt umher, jedes Ding wird wahrgenommen; blitzschnell geht's an dem Eisengitter oder an den Aesten im K\u00e4fig hinauf und hernieder, \u00fcberall und nirgends ist das gesch\u00e4ftige Thier, und wehe dem kleinen Wesen, das sich solchem Auge, solcher Gewandtheit preisgiebt: es ist ein Kind des Todes; es ist gepackt mit dem ersten Satze, get\u00f6dtet mit dem ersten Bisse.\nW\u00e4hrend ich diese Zeilen \u00fcberlese, besitzen wir in unserm Thiergarten vier Zebramangusten lebend. Zwei von ihnen, welche ziemlich klein zu uns kamen, vertragen sich mit einem Mungo und einer javanischen Manguste ganz vortrefflich, obgleich der Futterneid zuweilen sich bemerklich macht. Die anderen beiden dagegen sind unvertr\u00e4gliche, z\u00e4nkische Gesch\u00f6pfe, welche nur unter sich in ziemlichem Frieden leben. Aber sie sind im h\u00f6chsten Grade anziehende Thiere. Wir beherbergen sie in","page":482},{"file":"p0483.txt","language":"de","ocr_de":"Nahrung. Z\u00e4hmung.\n483\neinem Zwinger unsers gr\u00f6\u00dfern Thierhauses und gestatten ihnen \u00f6fters, nach Belieben im Hause und selbst im Hofe umherzulaufen. Da wissen sie denn nun pr\u00e4chtig Bescheid. Sie kennen mich sehr genau, haben erfahren, da\u00df ich ihnen gern einige Freiheit gew\u00e4hre, und melden sich deshalb regelm\u00e4\u00dfig durch Scharren an ihrer Th\u00fcr und bittendes Knurren, wenn sie meine Stimme vernehmen. Sobald sie sich in Freiheit sehen, streifen sie trippelnden Ganges durch das ganze Geb\u00e4ude und haben, Dank ihrer Behendigkeit, binnen wenigen Minuten Alles auskundschaftet, untersucht und berochen, was sich findet. Ihr erster Gang ist nach dem Milcheimer, und sie verstehen es ganz pr\u00e4chtig, dessen Deckel mit der spitzen Schnauze aufzuheben und so zu der von ihnen au\u00dferordentlich geliebten Fl\u00fcssigkeit zu gelangen. Es sieht allerliebst aus, wenn zu jeder Seite des Eimers eins dieser Thiere h\u00e4ngt und sich nach Herzenslust erlabt. Auch andere genie\u00dfbare Dinge, welche sich finden, werden nicht verschm\u00e4ht und zumal die Knochen tragen sie sich aus allen Winkeln und Ecken zusammen. Das Knochenmark geh\u00f6rt zu ihren besonderen Leckerbissen. Sie geben sich viel M\u00fche, um sich desselben zu bem\u00e4chtigen.\nDie Krabbenmanguste oder Nrva (Herpestes cancrivorus. \u2014 Siehe Seite 484.)\n3uerft f\u00f6rdern sie durch Kratzen und Scharren mit den N\u00e4geln ihrer Vorderpfoten soviel Mark zu Tage, als m\u00f6glich, dann fassen sie den Knochen mit beiden Pfoten, erheben sich aus die Hinterbeine und schleudern ihn r\u00fcckw\u00e4rts, gew\u00f6hnlich zwischen den hinteren Beinen durch, aus das Stra\u00dfenpftaster oder gegen die Wand ihres Zwingers mit solcher Heftigkeit und so gro\u00dfem Geschick, da\u00df sie ihren Zweck vollst\u00e4ndig erreichen, durch die Ersch\u00fctterung das die Knochenr\u00f6hre erf\u00fcllende Mark herauszubekommen. Bei ihren Wanderungen quieken und murren sie fortw\u00e4hrend. Wenn man sie b\u00f6se macht, vernimmt man auch wohl ein \u00e4rgerliches Geknurr von ihnen. Einen sonderbar schmetternden Ton, welcher, wie ich schon bemerkte, dem Geschrei gewisser Frankolinh\u00fchner t\u00e4uschend \u00e4hnlich ist, habe ich nur einmal von ihnen geh\u00f6rt, als ich sie mit zwei anderen ihrer Art zusammenbrachte. Sie mochten dadurch ihre besondere Aufregung kundgeben wollen. Ich gestehe, da\u00df ich im h\u00f6chsten Grade \u00fcberrascht war, derartige T\u00f6ne von einem Raubthiere zu vernehmen.\nGegen uns sind die Gefangenen gew\u00f6hnlich sehr liebensw\u00fcrdig. Sie lassen sich ber\u00fchren und streicheln, kommen auch auf den Ruf herbei und zeigen sich meist sehr folgsam. Demungeachtet lassen\n31*","page":483},{"file":"p0484.txt","language":"de","ocr_de":"484 Die Raubthiere. Schleichkatzen. Mangusten. \u2014 Krabben- und Fuchsmanguste. Surikate.\nsie sich nur ungern bevormunden, und namentlich wenn man sie beim Fressen st\u00f6rt, weisen sie selbst ihren Freunden die Z\u00e4hne und fahren mit schnellem Bi\u00df auf dieselben los. Sie thun Dies aber mit vollem Bewu\u00dftsein, sich der Strafe auszusetzen; denn sofort nach dem Bei\u00dfen nehmen sie die dem\u00fcthige und verlegene Stellung eines Hundes an, welcher von seinem Herrn Pr\u00fcgel erwartet. Da\u00df sie sehr klug sind und sich mit vielem Geschick in ver\u00e4nderte Umst\u00e4nde zu finden wissen, beweisen sie tag-\u2014 sie beweisen es auch jetzt, im Winter, wo sie mit f\u00fcnf Nasenb\u00e4ren zusammenleben m\u00fcssen. Im Anfange war ihnen die Gesellschaft der langnasigen Burschen h\u00f6chst unangenehm, namentlich wenn diese sie einer gewissenhaften Beschn\u00fcffelung zu unterziehen beliebten. Die Umst\u00e4nde \u00e4nderten sich, sobald die Mangusten erkannten, da\u00df sie es mit geistes\u00e4rmeren Gesch\u00f6pfen, als sie sind, zu thun hatten. Sie lernten bald die Nasenb\u00e4ren beurtheilen und geberden sich jetzt unbestritten als die Gebieter im K\u00e4fige.\nSchlie\u00dflich will ich noch ein Mitglied unserer Sippe, die Krabbenmanguste oder Urva (Herpestes cancrivorus), anf\u00fchren, weil sie als ein eigenth\u00fcmliches Mittelglied zwischen den wahren\nDie Fuchsmanguste oder das Hundsfrett (Cynictus Steedmannii).\nMangusten und den Vielfra\u00dfen erscheint. Gestalt und Gebi\u00df der Urva unterscheiden sich von den der \u00fcbrigen Mangusten nicht wesentlich, erstere erinnert aber noch mehrfach an den Vielfra\u00df. Die Schnauze ist gestreckt und zugespitzt, der Leib fast wurmf\u00f6rmig. Die Zehen haben gro\u00dfe Spannh\u00e4ute, und die Afterdr\u00fcsen sind auffallend entwickelt. In der Gesammtf\u00e4rbung des Pelzes \u00e4hnelt die Urva wieder den \u00fcbrigen Mangusten. Sie ist oben rothgelblich und graubraun gemischt, die Unterseite und Beine sind gleichm\u00e4\u00dfig dunkelbraun. Ueber den Oberk\u00f6rper verlausen einige dunklere Streifen; von dem Auge zur Schulter herab zieht sich eine wei\u00dfe, scharf abstechende Binde; auch der Schwanz, welcher an der Wurzel sehr stark behaart ist, zeigt einige Querb\u00e4nder. In der Gr\u00f6\u00dfe wird die Urva von wenig anderen Arten ihres Geschlechtes \u00fcbertroffen; erwachsene M\u00e4nnchen werden \u00fcber drei Fu\u00df lang, wovon ungef\u00e4hr zwei F\u00fcnftheile auf den Schwanz kommen. Hodgson entdeckte die Urva in den sumpfigen Th\u00e4lern Nepals und erfuhr, da\u00df sie ein leidenschaftlicher Krebs- und Krabbenj\u00e4ger sei: Weiteres \u00fcber das Leben ist nicht bekannt.","page":484},{"file":"p0485.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung derselben.\n485\nAn die eigentliche Manguste schlie\u00dfen sich aufs engste einige Thiere an, welche gleichsam als s\u00fcd- und westafrikauische Umpr\u00e4gungen von jenen erscheinen. Sie werden zugleich als Vertreter eigener Sippe angesehen.\nDie Fuchsmanguste oder das Hundsfrett (Cynictis Steedmannii) ist bisher nur einmal nach Europa gekommen. Ihre Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt 11/2 Fu\u00df, die L\u00e4nge des Schwanzes einen Fu\u00df. Der Pelz ist glatt, der Schwanz buschig. Die ziemlich gleichm\u00e4\u00dfige hellrothe F\u00e4rbung dunkelt am Kopf und an den Gliedma\u00dfen, die Schwanzhaare mischen sich mit Silbergrau und bilden eine wei\u00dfe Spitze. Lange, schwarze Schnurren stehen \u00fcber den Augen und auf den Lippen. Von den wahren Mangusten unterscheidet sie haupts\u00e4chlich der Bau der Hinterf\u00fc\u00dfe, welche blos vier Zehen haben. Eine zweite Art dieser Sippe wurde zu Ehren des ber\u00fchmten Afrikareisenden Levaillant benannt. Sie lebt in den gleichen Gegenden, wie jene: vom Kap der guten Hoffnung an n\u00f6rdlich, in den Niederungen und Steppen S\u00fcdafrikas. Beide Arten n\u00e4hren sich von M\u00e4usen, V\u00f6geln und Kerb-thieren, sind wild und bissig, listig und gewandt, werden aber wenig oder nicht gejagt, und sind deshalb in ihrem Wesen und Treiben noch sehr wenig beobachtet worden.\nDas Scharrthier oder d-ie Surikate (Rhyzaena tetradactyla).\nDas Scharrthier oder bi^urifate (Rhyzaena tetradactyla) ist bis jetzt die einzige Art ihres Geschlechts, welche den Forschern bekannt wurve. Die Heimat ist das s\u00fcdliche Afrika, vom Tschadsee an bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung. Der r\u00fcsselschn\u00e4uzige Kops, die hohen Beine, die vier-zehrgen F\u00fc\u00dfe, der gleichm\u00e4\u00dfig d\u00fcnnbehaarte Schwanz und das Gebi\u00df unterscheiden die Surikate von den ihr \u00e4hnlichen Mangusten. Die F\u00fc\u00dfe sind aber das beste Merkmal des Thieres, welches nicht umsonst den Namen Scharrthier erhielt. Sie sind mit langen und starken Krallen bewaffnet, und namentlich die Vorderf\u00fc\u00dfe zeigen diese Krallen in einer Ausbildung, wie sie in der ganzen Familie nicht wieder vorkommt. Mit ihrer Hilfe wird es dem Scharrthier leicht, seinen Namen zu beth\u00e4tigen und seine ziemlich tiefen G\u00e4nge auszugraben. Das Gebi\u00df zeichnet sich durch seine schlankspitzigen L\u00fcckz\u00e4hne aus, von denen zwei im obern, drei im untern Kiefer stehen. Das Weibchen bat ein vaar Dr\u00fcsens\u00e4cke in der N\u00e4he des Afters.\nIn seiner \u00e4u\u00dfern Gestaltung erscheint das Scharrthier als ein Mittelglied zwischen den Mangusten und Mardern. Es ist ein kleine\u00ab Gesch\u00f6pf von nur l'/z Fu\u00df L\u00e4nge, wovon der Schwanz ein Drittel wegnimmt; seine H\u00f6he betr\u00e4gt fast 6 Zoll. Der ziemlich rauh- Pelz erscheint im Grunde graubraun, imt gilbt,chem Anflug; von dieser F\u00e4rbung heben sich acht bi\u00ab zehn dunklere Binden ab. Die Glieder sind lichter, fast silberfarben, die Lippen, das Kinn und die Backen wei\u00dflich, die Schnauzensp'tze, ein Ring um die Augen, die Ohren und da\u00ab Schwanzende schwarz.","page":485},{"file":"p0486.txt","language":"de","ocr_de":"486 Die Raubthiere. Schleichkatzen. Mangusten. \u2014 Surikate. Kusimanse. Gemeiner Roller.\nIm Pariser Pflanzengarten lebte eine Surikate l\u00e4ngere Zeit und gab Gelegenheit, sie zu beobachten. Beim Gehen tritt sie fast mit der ganzen Sohle auf, h\u00e4lt sich aber dennoch hoch. Um zu lauschen, richtet sie sich auf den Hinterbeinen auf; manchmal macht sie dann auch ein paar kleine Schritte. Unter den Sinnen scheint der Geruch am meisten ausgebildet zn sein; das Geh\u00f6r ist schlecht, das Gesicht nicht besonders gut. Ihre Nahrung sp\u00fcrt sie aus und schn\u00fcffelt deshalb fortw\u00e4hrend in allen Winkeln und Ecken umher. Findet sie. etwas Ausfallendes, so wird das mit der Vorderpfote gefa\u00dft, berochen, oftmals herumgedreht, wieder berochen und dann nach Befinden verzehrt. Dabei erhebt das Thier seine Speise mit den Vorderpfoten, macht einen Kegel, d. h. erhebt sich auf den Hinterf\u00fc\u00dfen und f\u00fchrt die Nahrung zum Munde. Die Milch liebt es sehr; es nimmt sie, wie alle Fl\u00fcssigkeiten, lappend zu sich.\nEs scheint, da\u00df die Surikate leicht gez\u00e4hmt werden kann. Sie findet sich bald in die Verh\u00e4ltnisse und lernt nach kurzer Zeit den ihr wohlwollenden Menschen von unfreundlichen Leuten unterscheiden. Au\u00dferordentlich empf\u00e4nglich gegen Liebkosungen, zeigt sie sich leicht verletzt, wenn sie hart behandelt wird; ihrem Pfleger vertrauend und Liebe mit Liebe vergeltend, bei\u00dft sie nach Dem, welcher sie neckt und beunruhigt. Man sagt, da\u00df sie, einmal ordentlich gez\u00e4hmt und an das Haus gew\u00f6hnt, hier durch Wegfangen der M\u00e4use, Ratten und anderen Ungeziefers, in Afrika namentlich durch Ausrottung der Schlangen und anderen Geschmei\u00dfes dieser Sorte, gute Dienste leiste.\nUeber ihr Freileben ist leider noch wenig oder Nichts bekannt. 1\nDer Kusimanse (Crossarchus obscurus).\nNoch weniger wei\u00df man von dem Kusimanse (Crossarchus obscurus), einem Bewohner Westafrikas, zumal der Sierra Leona. Halb Scharrthier, halb Manguste, stellt das Thier wiederum eines jener Bindeglieder dar, welche beweisen, da\u00df es in der Natur keine L\u00fccken giebt. Die Schnauze und die Aftertasche hat der Kusimanse mit dem Scharrthier, die Zahl der Zehen aber mit der echten Manguste gemein. Der Leib ist gedrungen, der runde Kopf spitzschnauzig, der Schwanz mittellang; die Beine sind ziemlich hoch, alle F\u00fc\u00dfe f\u00fcnfzehig; das Gebi\u00df hat oben zwei, unten drei L\u00fcckz\u00e4hne. Kleine runde Ohren, rundsternige Augen mit einem dritten, unvollkommenen Lide, eine lange Zunge und eine verschlie\u00dfbare Aftertasche sind weitere Kennzeichen des Thieres.\nDer Kusimanse ist der einzige Bekannte seines Geschlechts. Er ist etwa 19 oder 20 Zoll lang, wovon sieben bis acht Zoll auf den Schwanz kommen. Der rauhe Pelz ist einfarbig braun, am Kopfe bl\u00e4sser, vorn gelblich.\nUeber das Freileben dieses Thieres schweigen die Reisenden. In Paris erhielt man es einmal lebendig. Matrosen hatten es von Westafrika mitgebracht und ihm den Landesnamen gegeben, den man auch beibehielt. Es wurde zahm, wie ein Hund, lie\u00df sich gern liebkosen und war sehr reinlich. Der struppige Pelz, welcher aussah, wie das Haarkleid kranker Thiere, wurde best\u00e4ndig gek\u00e4mmt und","page":486},{"file":"p0487.txt","language":"de","ocr_de":"Einiges \u00fcber ihr Gefangenleben. \u2014 Allgemeines \u00fcber die Rollmarder.\n487\ngeleckt; der Koth nur auf ein bestimmtes Pl\u00e4tzchen abgesetzt. Die lange Nase, welche etwa einen halben Zoll \u00fcber die Unterkinnlade vorragt, war stets in Bewegung. Oft rieb sich der Gefangene am Gitter des K\u00e4figs, um sich einer stinkenden Salbe zu entledigen, welche die Aftertasche absondert. \u2014 Bei Fleischnahrung befand er sich sehr wohl.\nDie Rollmarder (Paradoxurus) unterscheiden sich von den Mangusten durch kr\u00e4ftigere Gestalt und weichern Pelz, dutrch Eigenth\u00fcmlichkeiten im Gebi\u00df und durch ihre verschiedene Lebensweise. Ihre nacktsohligen F\u00fc\u00dfe sind f\u00fcnfzehig, die Zehen haben scharfe, halb einziehbare Krallen; der lange Schwanz kann eingerollt werden; der Kopf ist gebaut, wie bei den echten Zibetkatzen; das Gebi\u00df zeichnet sich durch kurze und stumpfe Z\u00e4hne aus; die Dr\u00fcsenlasche wird durch eine kahle L\u00e4ngsfalte, zwischen After und Geschlechtstheilen vertreten, doch fehlen Absonderungsdr\u00fcsen nicht.\nAlle Roller sind Bewohner S\u00fcdasiens und seiner Inseln. Sie leben von kleinen S\u00e4ugethieren, V\u00f6geln, Eiern, Kerfen und Fr\u00fcchten, klettern vortrefflich, sind n\u00e4chtliche R\u00e4uber und meist unzug\u00e4ngliche, m\u00fcrrische Gesch\u00f6pfe. Ihre Stinkdr\u00fcsen machen sie Vielen h\u00f6chst widerlich.\nUeber die Zahl der Arten und deren Leben herrscht noch gro\u00dfe Unklarheit. Wir betrachten die genauer beobachteten Arten. Unter ihnen ist der gemeine Roller oder der Palmenmarder, der Luwack und wie er sonst noch hei\u00dfen mag (Paradoxurus Typus), einer der bekanntesten. Er \u00e4hnelt in seiner Gestalt und auch hinsichtlich seiner Farbenvertheilung noch den Ginsterkatzen. Seine Gr\u00f6\u00dfe ist etwa die einer Hauskatze. Der Leib mi\u00dft V/2 Fu\u00df, der Schwanz beinahe ebenso viel; die H\u00f6he am Widerrist betr\u00e4gt sieben Zoll. Der Leib ist gestreckt, obgleich etwas untersetzt; die F\u00fc\u00dfe sind kurz und kr\u00e4ftig, der lange Schwanz kann ebenso gut nach unten, als nach oben zusammengerollt werden. Die Ohren sind mittelgro\u00df, die Augen sehr gew\u00f6lbt mit brauner Iris und gro\u00dfem, \u00e4u\u00dferst beweglichen Stern, welcher bis auf eine Haarbreite Spalte oder Ritze zusammengezogen werden kann. Der Pelz besteht aus reichlichen Woll- und d\u00fcnneren Grannhaaren. Seine Grundf\u00e4rbung ist gelblich schwarz, erscheint aber nach dem Einfallen des Lichtes verschieden. Drei L\u00e4ngsreihen schwarzer Flecken, welche unterbrochene L\u00e4ngsbinden darstellen, verlaufen zu beiden Seiten des R\u00fcckgrats, und dann finden sich noch Flecken ans den Schenkeln und Schultern. Der Kopf ist schwarz, gegen die Schnauze zu aber Heller. Von dem Augenwinkel zieht sich noch ein schwarzer Streifen um das Ohr. Letzteres ist innen fleischfarbig, au\u00dfen aber schwarz. Diese Farbe haben auch die Gliedma\u00dfen und die Hintere H\u00e4lfte des Schwanzes.\nAuf der indischen Halbinsel ist der Palmenmarder sehr h\u00e4ufig. Er h\u00e4lt sich in W\u00e4ldern auf, kommt aber sehr gern in die N\u00e4he der D\u00f6rfer, um dort zu stehlen. Ein weich ausgef\u00fcttertes Lager in hohlen St\u00e4mmen verbirgt ihn w\u00e4hrend des Tages, und solche Baumh\u00f6hlungen zieht er entschieden einem Baue in der Erde vor. Das Klettern f\u00e4llt ihm durchaus .nicht schwer; er ist im Stande, mit Leichtigkeit selbst die h\u00f6chsten B\u00e4ume zu besteigen. Auf der Erde ist er langsam, schwerf\u00e4llig und tr\u00e4ge, auch zur Nachtzeit, wo seine eigentliche Th\u00e4tigkeit beginnt. Er macht, wie alle anderen Mitglieder seiner Familie, eifrig Jagd auf S\u00e4ugethiere und V\u00f6gel, verzehrt aber auch die Eier und die Jungen aus dem Neste und besonders gern Fr\u00fcchte. Den Ananaspflanzungen soll er sehr sch\u00e4dlich werden und in den Kaffeepflanzungen ist er oft ein h\u00f6chst l\u00e4stiger Gast. Er fri\u00dft die Bohnen in Menge, giebt aber dieselben unverdaut wieder von sich und ersetzt dadurch gewisserma\u00dfen den Schadens welchen er anrichtet, indem er dazu beitr\u00e4gt, den Kaffee immer weiter und weiter zu verbreiten. Die Eingebornen, welche ihn wegen seiner Diebereien \u201eKasieeratte\" nennen, sammeln die K\u00f6rner aus seiner Losung. Sein Gel\u00fcst nach Fr\u00fcchten aller Art ist gro\u00df, und er wei\u00df dabei vortrefflich, was gut schmeckt: reifen und s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchten giebt er entschieden den Vorzug. Nur wenn ihn der Hunger zwingt, kommt er in die H\u00f6fe herein und besucht dann gelegentlich die H\u00fchnerst\u00e4lle, in denen er nach Art seiner Sippschaft zuweilen ein gro\u00dfes Blutbad anrichten kann.","page":487},{"file":"p0488.txt","language":"de","ocr_de":"488 Die Raubthiere. Schleichkatzen. Rollmarder. \u2014 Gemeiner Roller. Musang.\nIn der Gefangenschaft benimmt er sich ganz \u00e4hnlich wie der Musang, \u00fcber welchen ich ausf\u00fchrlicher sein kann. Man kann ihn, wie alle anderen Rollmarder, leicht erhalten, denn er genie\u00dft Alles, was man ihm giebt, Fleisch, Eier, Reis und andere Fr\u00fcchte. Seine Bewegungen sind in der Gefangenschaft ebenso tr\u00e4ge, wie im freien Zustande.\nAuf Java, Sumatra, Borneo und in Siam wird er von einem nahen Verwandten, dem Musang (Paradoximis Musanga) vertreten. Dieser ist etwas kleiner und hat einen k\u00fcrzern, gr\u00f6bern Pelz. Seine K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt sechzehn Zoll; der Schwanz ist gew\u00f6hnlich etwas k\u00fcrzer. Die Pelzf\u00e4rbung ist im hohen Grade ver\u00e4nderlich. Nur ein wei\u00dfer oder grauer, von der Stirne bis zu den Ohren laufender Streifen scheint allen, welche man bis jetzt erhielt, gemeinschaftlich zu sein. Die eine Abart zeigt eine gelbliche F\u00e4rbung des Pelzes mit schwarzen Haarspitzen und einzelnen\nDer Palmenmarder (Paradoxurus Typus).\nschwarzen Haaren. Ueber den R\u00fccken laufen undeutliche, schwarze L\u00e4ngsstreifen und auf den Seiten befinden sich einige schwarze Flecken. Der Oberleib ist heller, der Vorderhals wei\u00dflich, der Bauch grau, die Beine schwarz u. s.w.; Andere haben einen lockern, braunen Pelz mit schwarzen Haarspitzen; wieder Andere sind hell, aschgrau mit gro\u00dfen und kleinen Seitenflecken, hellbraunen Beinen und schw\u00e4rzlich braunem Gesicht; kurz, man hat bis jetzt acht Ab- oder Spielarten erkannt, welche mehr oder weniger von einander verschieden sind. Ich habe in den letztvergangenen Monaten viele Spielarten des Musang zu sehen Gelegenheit gehabt, weil eine ziemliche Anzahl dieser Thiere unserm Thiergarten zum Kauf angeboten oder geschenkt wurden. Zwei Roller bewiesen mir dadurch, da\u00df sie sich paarten, ihre Zusammengeh\u00f6rigkeit: solcher Beweis war aber beinah auch n\u00f6thig, so verschieden gef\u00e4rbt und gezeichnet waren die Thiere. Unser Holzschnitt stellt die am h\u00e4ufigsten vorkommende F\u00e4rbung des Musang dar.","page":488},{"file":"p0489.txt","language":"de","ocr_de":"Bennetts Beobachtungen.\n489\nDie Sitten des Thieres hat der Naturforscher Bennett in seinen Wanderungen in Neus\u00fcdwales vortrefflich beschrieben. \u201eAm 14. Mai 1833,\" so erz\u00e4hlt er, \u201eerhielt ich einen Musang von einem Eingebornen, welcher in der N\u00e4he der K\u00fcste von Java mit seiner Beute an unser Schiff und zu uns an Bord kam. Das Thier war noch jung und schien ziemlich zahm zu sein. Sein fr\u00fcherer Besitzen hatte es in einem K\u00e4fig aus Bambusrohr eingesperrt gehabt, und ich benutzte denselben die n\u00e4chste Zeit ebenfalls zu seinem Gef\u00e4ngni\u00df. Sein Futter bestand in Pisang und anderen Fr\u00fcchten; aber den Musang verzehrte auch Fleisch und namentlich Gefl\u00fcgel. \u201eDas Thier fri\u00dft nur Pisang,\" sagte min der Javanese; allein das Thier sprach f\u00fcr sich selbst und zeigte, da\u00df ihm alle Arten von Gefl\u00fcgel sehr willkommene Speisen w\u00e4ren.\"\n\u201eMein Musang war zahm und spiellustig wie junge K\u00e4tzchen. Er legte sich auf den R\u00fccken, vergn\u00fcgte sich mit einem St\u00fcck Bindfaden und lie\u00df dabei einen leisen, trommelnden Ton h\u00f6ren. Wurde er aber beim Fressen gest\u00f6rt, so stie\u00df er h\u00f6chst unwillige T\u00f6ne aus und gab sein eigentliches Wesen zu erkennen. Scharfe, quiekende Laute, sowie ein leises Murmeln, lie\u00df er zur Nachtzeit h\u00f6ren, zumal wenn er.hungrig oder durstig war. Das Wasser trank er lappend, wie Hunde\nDer Musang (Paradoxurus Musanga).\noder Katzen, nahm sich dabei wenig in Acht und setzte oft seine Vorderf\u00fc\u00dfe, w\u00e4hrend er trank, in die Wasserschale.\"\n\u201eSo spiellustig er war, wenn man ihn in Ruhe lie\u00df, so w\u00fcthend zeigte er sich, so oft er gest\u00f6rt wurde. Er war ein m\u00fcrrisches, ungeduldiges Gesch\u00f6pf, und wenn man ihm nicht allen Willen that, wurde er schrecklich w\u00fcthend oder zeigte sich vielmehr in einer Weise, welche man nicht gut beschreiben kann. Er schnappte dann grimmig nach der Hand, welche man ihm n\u00e4herte, und w\u00fcrde gewi\u00df t\u00fcchtig zugebissen haben, wenn seine jungen Z\u00e4hne ihm Dies gestattet h\u00e4tten. Dabei blies er die Wangen auf und str\u00e4ubte seinen langen Bart, eine Art von eigensinnigem Schreien und Knurren aussto\u00dfend. Wenn man ihn gest\u00f6rt oder mit der Hand ber\u00fchrt hatte, leckte er sein Fell mit der Zunge glatt und schien dann gern die Dunkelheit zu suchen. Als er eines Morgens auf meinem Bette lag, nahm ich ihn auf und legte ihn so sanft als m\u00f6glich auf einen andern Platz in meiner Kaj\u00fcte, welchen ich ihm zurecht gemacht hatte. Allein er gerieth vor Zorn ganz au\u00dfer sich, wollte durchaus nicht leiden, da\u00df ich ihm ohne seinen Willen die bez\u00fcgliche Stelle angewiesen, und ruhte auch nicht eher, als bis ich ihn auf den alten Platz gebracht hatte. Dort streckte er sich dann, nachdem er sich geh\u00f6rig gegl\u00e4ttet hatte, bald wieder aus und schlief friedlich ein. Sehr h\u00e4ufig spielte er mit seinem langen Schw\u00e4nze \u00f6den","page":489},{"file":"p0490.txt","language":"de","ocr_de":"490 Die Raubthiere. Schleichkatzen. Rollmarder. \u2014 Musang. Larvenroller. Mampalon.\nmit einem andern Gegenst\u00e4nde, der ihm gerade in den Weg kam, ganz in der Weise, wie wir es an jungen K\u00e4tzchen beobachten. Oft sprang er auch nach verschiedenen Dingen: zuweilen stie\u00df er, wenn er sich langweilte, laute, gellende Schreie aus, soda\u00df man ihn \u00fcber das ganze Schiff h\u00f6ren k\u00f6nnte, und an Tagen, wo er sich selbst versteckt hatte, fand man ihn gew\u00f6hnlich hierdurch auf.\"\n\u201eBei Nacht war der L\u00e4rm noch \u00e4rger. Er lief dann herum und quiekte und schrie ohne Ende, so da\u00df es unm\u00f6glich war, dabei einzuschlafen. Um Diesem vorzubeugen, gab ich ihm sp\u00e4ter immer einige Fl\u00fcgelknochen zu fressen, und dabei unterhielt er sich denn auch die ganze Nacht. Er fra\u00df alles Vogelfleisch sehr gern, noch lieber manche Fr\u00fcchte. Sobald er Etwas erhalten hatte, trug er es augenblicklich in eine Ecke und knurrte und schnaufte Jeden an, welcher sich ihm n\u00e4herte. Eine St\u00f6rung beim Fressen konnte er durchaus nicht vertragen und suchte sie in jeder Weise abzuwenden. Dabei focht er mit seinen Vorderf\u00fc\u00dfen geschickt und heftig, zog sich schnell zur\u00fcck und kam rasch wieder zum Vorschein, nach der Hand schnappend, und wenn er sie erreichen konnte, t\u00fcchtig bei\u00dfend. Im ungeheuersten Zorn blies er seine Backen auf und erschien als das wildeste Thier, welches man sich denken kann. Er sprang nicht nach Katzenart auf den Gegenstand seiner Mordlust los, sondern humpelte vorw\u00e4rts; beim Kampfe gebrauchte er immer die Klauen der Vorderf\u00fc\u00dfe mehr, als die der Hinterf\u00fc\u00dfe, weil jene weit l\u00e4nger und sch\u00e4rfer sind, als diese. Aus kleine Beute blickte er erst lange hin, Pl\u00f6tzlich aber st\u00fcrzte er mit aufgesperrtem Maule nach ihr und packte sie kr\u00e4ftig an.\"\n\u201eEines Morgens erhielt er einen Fisch. Er w\u00e4lzte ihn lange hin und her, be\u00e4ugte und beroch ihn von allen Seiten, wollte ihn jedoch nicht fressen, vielleicht, weil er nicht hungrig war.\"\n\u201eNach der Mahlzeit hatte er gew\u00f6hnlich die beste Laune und lie\u00df sich einigerma\u00dfen auf Liebkosungen ein, ohne jedoch durch dieselben besonders begl\u00fcckt zu werden. Bei Tage schlief er fast best\u00e4ndig und suchte sich dazu den w\u00e4rmsten und bequemsten Platz aus, welchen er finden konnte. Des Nachts wurde er munter, zeigte aber weder gro\u00dfe Behendigkeit noch Lebendigkeit. Auf dem Schiff war er bald eingew\u00f6hnt. Er lief \u00fcberall umher und bediente sich dabei seines Schwanzes, wenn auch in beschr\u00e4nkter Weise, weil derselbe nur ein untergeordnetes Greifwerkzeug ist. Wenn erst ch selbst \u00fcberlassen war, fand man ihn am Morgen gew\u00f6hnlich auf dem weichsten und w\u00e4rmsten Pf\u00fchl in sich selbst zusammengerollt liegen. An seinen Pfleger konnte er eigentlich nie gew\u00f6hnt werden und jede Ber\u00fchrung, Liebkosung, ja selbst das den meisten S\u00e4ugethieren so angenehme Krauen der Haare war ihm h\u00f6chst l\u00e4stig.\"\nIch habe Bennetts Schilderung hinzuzuf\u00fcgen, da\u00df einzelne Rollmarder sich mit gleichartigen wohl vertragen, w\u00e4hrend andere nicht einmal geschlechtliche R\u00fccksichten nehmen, sondern \u00fcber jeden Ank\u00f6mmling w\u00fcthend herfallen und auf Leben und Tod mit ihm k\u00e4mpfen. Letzteres scheint die Regel zu sein, Ersteres die Ausnahme. Wir besitzen gegenw\u00e4rtig in unserm Thiergarten eine ziemliche Anzahl dieser Thiere und unter ihnen ein Paar, welches sich ausgezeichnet vertr\u00e4gt und sich nicht einmal w\u00e4hrend des Fressens entzweit. Es hat sich schon wiederholt begattet und l\u00e4\u00dft Nachkommenschaft erwarten.\nUnsere Rollmarder kommen bei Tage nur selten zum Vorschein, freiwillig niemals in den Mittagsstunden; erst gegen Abend zeigen sie sich. Anf\u00e4nglich thun sie verschlafen, nach und nach werden sie munter, und mit Einbruch der D\u00e4mmerung sind sie gew\u00f6hnlich sehr rege. Sie laufen dann in ihrem K\u00e4fig aus und nieder, jedoch selten mit der Behendigkeit verwandter Raubthiere, sondern mehr gem\u00e4chlich, gleichsam \u00fcberlegend. Sie klettern auch geschickt auf den f\u00fcr sie hergerichteten Zweigen umher. Gew\u00f6hnlich sind sie ruhig und still; an sch\u00f6nen Abenden dagegen lassen sie gern ihre Stimme, ein wohllautendes \u201eKuk, kuk\" vernehmen. Bei ihren Angriffen auf lebende Thiere, welche wir in ihren K\u00e4sig bringen, gehen sie h\u00f6chst vorsichtig zu Werke. Sie schleichen sich langsam an das sich bewegende Thier herbei, beriechen es l\u00e4ngere Zeit und fahren endlich, dann aber blitzschnell, auf dasselbe los, bei\u00dfen mehrmals nach einander heftig zu, werfen es nach dem Erw\u00fcrgen vor sich hin, beriechen es nochmals und beginnen erst dann mit dem Fressen. Fr\u00fcchte aller Art verzehren sie ebenso gern, wie Fleisch.","page":490},{"file":"p0491.txt","language":"de","ocr_de":"Bennetts und eigene Beobachtungen. \u2014 Das Aeu\u00dfere des Mampalon.\n491\nLieber die Greiff\u00e4higkeit des Schwanzes der Rollmarder sind mir gerechte Zweifel aufgesto\u00dfen. Ich habe bei den unsrigen wohl bemerkt, da\u00df sie den Schwanz am Ende kr\u00fcmmen k\u00f6nnen, niemals gesehen, da\u00df sie mit ihm irgend Etwas an sich herangezogen h\u00e4tten.\nIm Freileben soll der Musang auf den B\u00e4umen seiner W\u00e4lder ein Nest bauen, welches eine gewisse Aehnlichkeit mit dem unsers Eichh\u00f6rnchen hat und aus Zweigen, trockenem Gras, Wurzeln und anderen \u00e4hnlichen Stoffen zusammengesetzt ist. Diese Wohnung ist ebenso oft in einer H\u00f6hlung des Stammes angelegt, wie in einer Astgabel. In ihr verschl\u00e4ft der Roller den Tag, und zu ihr kehrt er nach seinen n\u00e4chtlichen Wanderungen zur\u00fcck.\nEine dritte Art unserer Sippe, der Larvenroller (Paradoxurus larvatus), verdient wegen seines sehr gestreckten Leibes und des fleckenlosen Pelzes Erw\u00e4hnung. Die F\u00e4rbung des Haarkleides ist am Kopf gr\u00f6\u00dftentheils schwarz, an den Wangen, den Unterkiefern, der Kehle und dem Halse aber grau, am Oberk\u00f6rper gelblichgrau. Von der nackten Nasenspitze an l\u00e4uft ein wei\u00dflicher Streif \u00fcber die Stirn zum Hinterkopf, ein anderer zieht sich unter den Augen und ein dritter \u00fcber dieselben dahin. Die Ohren, die Schwanzspitze und die F\u00fc\u00dfe sind schwarz.\nDer Larvenvoller (Paradoxurus larvatus).\nDer Larvenroller lebt in China und gleicht in seiner Lebensweise und seinem Betragen den beschriebenen Arten.\nMit den Rollmardern verwandt ist ein sonderbares, plumpes Raubthier, der Mampalon (Cynogale Bennettii). Der Leib dieses merkw\u00fcrdigen Gesch\u00f6pfes ist gedrungen und dick. Beine und Schwanz sind sehr kurz, die Sohlen nackt, die f\u00fcnf zur H\u00e4lfte verbundenen Zehen mit starkgebogenen Krallen bewehrt. Der Kopf ist lang, die Schnauze ziemlich spitz. Besonders auffallend ist der starke, aus langen, gelblichwei\u00dfen Borsten bestehende Bart, hinter und \u00fcber welchem d\u00fcnnere, braune Borstenhaare stehen, wie sich auch an den Wangen zwei B\u00fcndel langer und starker, wei\u00dflicher Borsten befinden. Das Gebi\u00df gleicht ebensosehr den Allesfressern, wie den echten Fleischfressern. Die F\u00e4rbung des Pelzes ist gelblichbraun, die feinen Grannen sind in der Mitte gelblichwei\u00df oder schwarz. Kehle und Unterlippe sind schwarzbraun, einige lange Haare am Bauche wei\u00dfspitzig. Die Beine sind dunkler, die Augen braun, die Nase ist schwarz, Kinn und ein Fleck \u00fcber den Augen sind gelblichwei\u00df. Die stark abgerundeten Ohren sind fast kahl, au\u00dfen mit kurzen, schwarzen Haaren bedeckt. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt fast zwei Fu\u00df, die des Schwanzes ein und einen halben Fu\u00df.","page":491},{"file":"p0492.txt","language":"de","ocr_de":"492 Die Raubthiere. Schleichkatzen. Rollmarder. \u2014 Mampalon. 'Beutelfrett. \u2014 Marder.\nDas Thier lebt an Gew\u00e4ssern auf Sumatra und Borneo, klettert aber auch mit ziemlichem Geschick aus schr\u00e4gstehenden B\u00e4umen und starken Aesten umher und n\u00e4hrt sich von Fischen, V\u00f6geln und Fr\u00fcchten.\nEndlich haben wir hier noch eines sch\u00f6nen und merkw\u00fcrdigen Bewohners der an auffallenden Gesch\u00f6pfen so reichen Insel Madagaskar zu gedenken. .Das Beutelfreit (Cryptoprocta ferox) wurde bisher nur ein einziges Mal erbeutet. Telsair, Vorsteher der naturforschenden Gesellschaft auf Mauritius, erhielt ein junges Beutelfrett aus den inneren s\u00fcdlichen Gegenden Madagaskars; Bennett beschrieb es. Seinen Artnamen erhielt es wegen-seiner beispiellosen Wildheit. Telfair sagt, da\u00df es, so anmuthig und nett es auch erscheinen m\u00f6ge, im Verh\u00e4ltni\u00df zu seiner geringen Gr\u00f6\u00dfe doch das w\u00fcthendste, wildeste aller Thiere sei; es stehe an Mordlust, Blutdurst und Zerst\u00f6rungssucht nicht einmal dem Tiger nach. Die Muskelkraft und Beweglichkeit der Glieder sei auffallend gro\u00df.\u2014 Ueber sein Freileben ist Nichts bekannt.\nDas beschriebene Beutelfrett war nebst Schwanz 25 Zoll lang; der Schwanz ma\u00df 11 y2 Zoll. Im Ganzen \u00e4hnelt das Thier seinen Familienverwandten; es unterscheidet sich aber durch sein kurzes, glattes, anliegendes Haar und andere weniger leicht zu beschreibende Merkmale. Der gestreckte Leib\nruht auf kr\u00e4ftigen Gliedern, tr\u00e4gt einen l\u00e4nglichen, kleinschn\u00e4uzigen Kopf mit ungew\u00f6hnlich gro\u00dfen, breiten Ohren und mittelgro\u00dfen Augen und endet in einen fast gleichdicken, gleichm\u00e4\u00dfig behaarten Schwanz. Das kurze, glatte, leicht gekr\u00e4uselte Haar ist braun und strohgelb geringelt; der Pelz erscheint licht br\u00e4unlichroth, oben etwas dunkler, als unten. Sehr starke, lange, an der Wurzel schwarze, an der Spitze lichte Schnurren stehen auf der Lippe. Die Sohlen sind nackt. Im \u00fcbrigen Leibesbau \u00e4hnelt das Beutelfrett den Katzen; der After aber wird, wie bei anderen Mitgliedern der Familie, von einer Tasche umgeben. Die f\u00fcnf Zehen sind ganz verbunden, ihre Krallen vollst\u00e4ndig zur\u00fcckziehbar. \u25a0\u2014\nMit vorstehend beschriebenen und genannten Thieren habe ich alle hervorragenden Mitglieder der Schleichkatzenfamilie vorgef\u00fchrt. Es wird keinem meiner Leser entgangen sein, da\u00df wir \u00fcber das Freileben dieser so vielfach ausgezeichneten Gesch\u00f6pfe im Ganzen noch unendlich wenig wissen; wer aber unsere Museums- und Sammelmenschen kennt, wird dar\u00fcber sich nicht wundern. Vielen Gelehrten gilt ein ausgestopfter Balg im Glasschrank, ein wohl gebleichter Sch\u00e4del mit dem vollst\u00e4ndigen Gebi\u00df weit mehr, als die beste Lebensschreibung eines Thieres. Sie vergessen, da\u00df die Thierkunde erst durch ausf\u00fchrliche Schilderungen des Lebens der Thiere Leben erh\u00e4lt; sie wollen eben nur B\u00e4lge aufh\u00e4ufen. Damit vernachl\u00e4ssigen sie leider eine der ersten Pflichten des Forschers; da-\nDer Mampalon (Cynogale Bennettii).","page":492},{"file":"p0493.txt","language":"de","ocr_de":"Allgemeines.\n493\ndurch zwingen sie Den, welcher sich mit der Erforschung und Beschreibung des Thierlebens befa\u00dft, ein trauriges St\u00fcckwerk zu liefern, \u2014 wie ich es hier geben mu\u00dfte, weil ich es nicht besser bieten konnte.\nReicher an Arten und Formen, als die Gruppe der Schleichkatzen, ist die Familie der Marder (Mustek).\nEs h\u00e4lt sehr schwer, eine allgemein giltige Beschreibung dieser Familie zu geben; der Leibbau, das Gebi\u00df und die Fu\u00dfbildung schwanken mehr, als bei allen \u00fcbrigen Fleischfressern, und man kann deshalb nur sagen, da\u00df die Mitglieder der Abtheilung mittelgro\u00dfe oder kleine Raubthiere sind, deren Leib sehr gestreckt ist und auf sehr niedrigen Beinen ruht, und deren F\u00fc\u00dfe vier oder f\u00fcnf Zehen tragen. In der N\u00e4he des Afters finden sich ebenfalls Dr\u00fcsen, wie bei den meisten Schleichkatzen; aber niemals sondern sie einen wohlriechenden Stoff ab, wie bei jenen, vielmehr geh\u00f6ren gerade,die \u00e4rgsten St\u00e4nker den Mardern an. Die Behaarung des Leibes ist gew\u00f6hnlich eine sehr reichliche und seine, und deshalb finden wir in unserer Familie die gesch\u00e4tztesten aller Pelzthiere.\nDas Geripp zeichnet sich durch zierliche Formen aus. Elf oder zw\u00f6lf rippentragende Wirbel umschlie\u00dfen die Brust, acht oder neun bilden den Lendentheil, drei, welche gew\u00f6hnlich verwachsen, das Kreuzbein, und zw\u00f6lf bis sechsundzwanzig den Schwanz. Das Schulterblatt ist breit, das Schl\u00fcsselbein fehlt fast \u00fcberall. Im Gebi\u00df sind die Eckz\u00e4hne sehr entwickelt. Sie sind lang und stark und h\u00e4ufig schneidend an der Kante; die L\u00fcckz\u00e4hne sind scharf, spitz; der untere Fleischzahn ist zweizackig, der obere durch einen Zacken und einen H\u00f6cker ausgezeichnet. Die Krallen sind nicht zur\u00fcckziehbar.\nDie Marder traten zuerst in der Terti\u00e4rzeit auf, aber nur einzeln, und Dies war auch noch in der Diluvialzeit der Fall. Gegenw\u00e4rtig bewohnen sie alle Erdtheile mit Ausnahme von Australien, alle Klimate und H\u00f6heng\u00fcrtel, die Ebenen, wie die Gebirge. Ihre Aufenthaltsorte sind W\u00e4lder oder felsige Gegenden; aber auch freie, offne Felder, G\u00e4rten und die Wohnungen der Menschen. Die einen sind Erdthiere, die anderen bewohnen das Wasser; jene k\u00f6nnen gew\u00f6hnlich auch vortrefflich klettern: alle verstehen zu schwimmen. Die meisten graben sich L\u00f6cher und H\u00f6hlen in die Erde oder benutzen bereits\nDas Beutelfrett (Cryptoprocta ferox).","page":493},{"file":"p0494.txt","language":"de","ocr_de":"494\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Dachs.\nvorhandene Baue zu ihren Wohnungen; andere bem\u00e4chtigen sich der H\u00f6hlen in B\u00e4umen oder auch der Nester des Eichhorns und mancher V\u00f6gel: kurz man kann sagen, da\u00df diese Familie fast alle Oert-lichkeiten zu benutzen wei\u00df, von der nat\u00fcrlichen Steinkluft an, bis zur k\u00fcnstlichen H\u00f6hle, vom Schlupfwinkel in der Wohnung des Menschen, bis zu dem Gezweig oder Gewurzel im einsamsten Walde. Die meisten haben einen festen Wohnsitz; viele schweifen aber auch umher, je nachdem das Bed\u00fcrfni\u00df sie hierzu antreibt. Einige, welche den Norden bewohnen, verfallen in Winterschlaf; die meisten aber sind w\u00e4hrend des ganzen Jahres lebendig und rege.\nFast alle Arten sind in hohem Grade behende, gewandte, bewegliche Gesch\u00f6pfe und in allen Leibes\u00fcbungen ungew\u00f6hnlich erfahren. Beim Gehen treten sie mit ganzer Sohle auf, beim Schwimmen gebrauchen sie ihre Pfoten und den Schwanz, beim Klettern wissen sie sich, trotz ihrer stumpfen Krallen, \u00e4u\u00dferst geschickt anzuklammern und im Gleichgewicht zu erhalten. Ebenso ausgezeichnet, wie ihre Leibesbegabungen, sind auch die geistigen F\u00e4higkeiten. Ihre Sinne sind vortrefflich und namentlich Geruch, Geh\u00f6r und Gesicht sehr ausgezeichnet. Der Verstand erreicht bei den meisten Arten eine hohe Stufe. Sie sind klug, listig, mi\u00dftrauisch und behutsam, \u00e4u\u00dferst muthig, blutd\u00fcrstig und grausam, gegen ihre Jungen aber ungemein z\u00e4rtlich. Die einen lieben die Geselligkeit und vereinigen sich zu gro\u00dfen Scharen; die anderen leben einzeln oder zeitweilig paarweise; die Jungen bleiben immer lange bei der Mutter. Viele sind bei Tag und bei Nacht th\u00e4tig*) die meisten m\u00fcssen jedoch als Nachtthiere angesehen werden. In bewohnten und belebten Gegenden gehen alle nur nach Sonnenuntergang auf Raub aus. Ihre Nahrung besteht vorzugsweise in Thieren, namentlich in kleinen S\u00e4ugethieren, V\u00f6geln, deren Eiern, Lurchen und Kerbthieren. Einzelne fressen Schnecken, Fische, Krebse und Muscheln-; manche verschm\u00e4hen nicht einmal das Aas, und andere n\u00e4hren sich zeitweilig auch von Pflanzenstosfen. Auffallend gro\u00df ist der Blutdurst, welcher alle beseelt. Sie erw\u00fcrgen, wenn sie k\u00f6nnen, weit mehr, als sie zu ihrer Nahrung brauchen, und manche Arten berauschen sich f\u00f6rmlich in dem Blute, welches sie ihren Opfern aussaugen.\nDie Zahl ihrer Jungen schwankt erheblich, \u2014 soviel man wei\u00df, zwischen zwei und zehn. Die Kleinen kommen blind zur Welt und m\u00fcssen lange ges\u00e4ugt und gepflegt werden. Sorgf\u00e4ltig bewacht sie die Mutter und vertheidigt sie bei Gefahr mit gro\u00dfem Muthe oder schleppt sie, sobald sie sich nicht sicher f\u00fchlt, nach anderen Schlupfwinkeln. Eingefangene und sorgsam ausgezogene Junge erreichen einen hohen Grad von Zahmheit und k\u00f6nnen dahin gebracht werden, ihrem Herrn, wie ein Hund, nachzulaufen und f\u00fcr ihn zu jagen und zu fischen. Eine Art ist sogar g\u00e4nzlich zum Hausthier geworden und lebt seit undenklichen Zeiten in der Gefangenschaft.\nWegen ihrer Raublust und ihres Blutdurstes f\u00fcgen einige dem Menschen zuweilen nicht unbetr\u00e4chtlichen Schaden zu; im Allgemeinen \u00fcberwiegt jedoch der Nutzen, welchen sie mittelbar oder unmittelbar bringen, den von ihnen angerichteten Schaden bei weitem. Aber leider wird diese Wahrheit nur von wenigen Menschen anerkannt und deshalb ein wahrer Vernichtungskrieg gegen unsre Thiere gef\u00fchrt, nicht selten zum empfindlichen Schaden des Menschen. Durch Wegfangen von sch\u00e4dlichen Thieren leisten sie sehr gro\u00dfe Dienste; au\u00dferdem n\u00fctzen sie durch ihr Fell und einige auch durch ihr Fleisch, welches hier und da gegessen wird. \u2014\nWir k\u00f6nnen diese Familie ausf\u00fchrlicher behandeln, als andere, weil wir \u00fcber das Leben der meisten zu ihr geh\u00f6rigen Arten wohl unterrichtet sind.\nDas vollendetste Bild eines selbsts\u00fcchtigen, mi\u00dftrauischen, \u00fcbellaunischen und gleichsam mit sich selbst im Streite liegenden Gesellen ist der Dachs (Meies vulgaris). Hier\u00fcber sind so ziemlich alle Beobachter einverstanden, obgleich sie den Nutzen, welchen dieses eigenth\u00fcmliche Raubthier gew\u00e4hrt, nicht verkennen. Der gemeine Dachs ist unter den gr\u00f6\u00dferen europ\u00e4ischen Raubthieren das unsch\u00e4dlichste und wird gleichwohl verfolgt und befehdet, wie der Wolf oder wie der hinterlistige Fuchs, ohne da\u00df er selbst unter ven Waidm\u00e4nnern, welche doch bekanntlich diejenigen Thiere am meisten","page":494},{"file":"p0495.txt","language":"de","ocr_de":"Leibesbau und Kleid.\n495\nlieben, denen sie am eifrigsten nachstellen, irgend einen Vertheidiger gefunden hat. Man schilt ihn, man verurtheilt ihn wahrhaft r\u00fccksichtslos, ohne zu bedenken, da\u00df er nach seiner Weise schlecht und gerecht lebt und sich, so gut es gehen will, ehrlich und redlich durchs Leben schl\u00e4gt. Nur die eigenth\u00fcmliche Lebensweise, welche der Dachs f\u00fchrt, ist schuld an der so gro\u00dfen H\u00e4rte des Urtheils \u00fcber ihn. Er ist allerdings ein griesgr\u00e4miger, menschen- und thierscheuer Einsiedler und dabei ein so bequemer und fauler Bursch, wie es nur irgend einen geben kann: und alle diese Eigenschaften sind in der That nicht geeignet, sich Freunde zu erwerben. Ich f\u00fcr meinen Theil mu\u00df gestehen, da\u00df ich ihn nicht ungern habe: mich erg\u00f6tzt sein Leben und Wesen.\nDer Dachs geh\u00f6rt mit einem einzigen Verwandten, dem Sandb\u00e4ren oder amerikanischen Dachse, einer besondern Sippe an, welche, wegen ihres plumpen und gedrungenen K\u00f6rperbaues, ihres Ganges auf der ganzen Sohle und ihrer Nahrung lange Zeit zu der Familie der B\u00e4ren gestellt wurde und von einigen Thierkundigen noch gegenw\u00e4rtig zu derselben gerechnet wird. Der Bau ihres Gerippes und Gebisses, sowie die Anordnung der Weichtheile aber weisen ihn unzweifelhaft\nDer Dachs (Meies vulgaris).\nder Familie der Marder zu. Ein gedrungener Leibesbau mit dickem Halse und langem Kopfe, an dem sich die Schnauze r\u00fcsself\u00f6rmig zuspitzt, kleine Augen und ebenfalls kleine, aber sichtbare Ohren, nackte Sohlen und starke Krallen an den Vorderf\u00fc\u00dfen, der kurze, behaarte Schwanz und der dichte, grobe Pelz, sowie eine Querspalte, welche zu einer am After liegenden Dr\u00fcsentasche f\u00fchrt, kennzeichnen diese Sippe. In dem Gebi\u00df der beiden Arten f\u00e4llt noch besonders die unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfige Gr\u00f6\u00dfe des einzigen obern Kauzahns oder die Verkleinerung oder Abstumpfung des Fleischzahns als h\u00f6chst eigenth\u00fcmlich auf und l\u00e4\u00dft schon im voraus ahnen, da\u00df die Dachse nur in untergeordneter Weise als Naubthiere betrachtet werden k\u00f6nnen. Die \u00fcbrigen Z\u00e4hne sind sehr kr\u00e4ftig und die Kinnlade wird durch starke Kaumuskeln bewegt. Ueberhaupt ist der ganze Bau des Thieres ein sehr starker, mehr auf kr\u00e4ftige, als auf schnelle und gewandte Bewegungen deutend; und die Muskeln stehen nat\u00fcrlich damit im vollsten Einkl\u00e4nge.\nUnser europ\u00e4ischer Dachs ist von der Schnauze bis zur Schwanzwurzel zwei Fu\u00df drei bis f\u00fcnf Zoll ^ang, der Schwanz hat eine L\u00e4nge von sieben und einem halben Zoll. Die H\u00f6he am Widerrist betr\u00e4gt kaum einen Fu\u00df.","page":495},{"file":"p0496.txt","language":"de","ocr_de":"496\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Dachs.\nEin straffes, fast borstenartiges, gl\u00e4nzendes Haar, welches ziemlich lang ist, bedeckt den ganzen K\u00f6rper, auch die Ohren g\u00e4nzlich mit. Seine F\u00e4rbung ist am R\u00fccken wei\u00dfgrau und schwarz gemischt, und zwar sind die einzelnen Haare an der Wurzel meist gelblich, in der Mitte schwarz und an der Spitze wei\u00dfgrau. An den K\u00f6rperseiten und am Schw\u00e4nze geht diese allgemeine F\u00e4rbung in das R\u00f6thliche \u00fcber, und Unterseite und F\u00fc\u00dfe sind schwarzbraun. Der Kopf ist wei\u00df, aber ein matter, schwarzer Streifen verl\u00e4uft jederseits der Schnauze, verbreitert sich, geht \u00fcber die Augen und die wei\u00df behaarten Ohren hinweg und verliert sich allm\u00e4lig am Nacken. Die Weibchen unterscheiden sich von den M\u00e4nnchen durch geringere Gr\u00f6\u00dfe und Breite, sowie durch hellere F\u00e4rbung, welche namentlich durch die wei\u00dflichen, durchschimmernden Wollhaare bewirkt wird. Sehr selten sind Aboder Spielarten von ganz wei\u00dfer Farbe und noch seltener solche, welche aus wei\u00dfem Grunde dunkele kastanienbraune Flecken zeigen.\nDer Dachs bewohnt ganz Europa mit Ausnahme der Insel Sardinien und des Nordens von Skandinavien, sowie Asien von Sirien an, durch Georgien und Persien bis nach Japan und Sibirien bis zur Lena. Er lebt einsam in H\u00f6hlen, welche er selbst mit seinen starken, krummen Krallen auf der Sonnenseite bewaldeter H\u00fcgel ausgr\u00e4bt, mit vier bis acht Ausg\u00e4ngen und Luftl\u00f6chern versieht und innen aufs Bequemste einrichtet. Die Hauptwohnung im Bau ist der Kessel, zu welchem mehrere R\u00f6hren f\u00fchren. Er ist so gro\u00df, da\u00df er ein ger\u00e4umiges, weiches Mospolster und das Thier selbst, unter Umst\u00e4nden auch mit seinen Jungen, aufnehmen kann. Mehrere R\u00f6hren f\u00fchren zu ihm; die wenigsten derselben aber werden befahren, sondern dienen blos im Falle der gr\u00f6\u00dften Noth als Fluchtr\u00f6hren oder auch als Luftg\u00e4nge. Die gr\u00f6\u00dfte Reinlichkeit und Sauberkeit herrscht \u00fcberall, und hierdurch zeigt sich der Dachsbau vor allen \u00fcbrigen \u00e4hnlichen, unterirdischen Behausungen der S\u00e4ugethiere aus. Vorh\u00f6lzer, welche nicht weit von Fluren gelegen sind, ja sogar unbewaldete Geh\u00e4nge mitten in der Flur werden zur Anlegung dieser Wohnungen vorgezogen. Immer aber sind es stille und einsame Orte, welche sich der Einsiedler aussucht; denn das Ger\u00e4usch und der L\u00e4rm der b\u00f6sen Welt ist ihm in den Tod verha\u00dft. Er liebt es, ein durchaus beschauliches und gem\u00e4chliches Leben zu f\u00fchren und vor allem seine eigene Selbstst\u00e4ndigkeit in der ausgedehntesten Weise zu bewahren. Seine St\u00e4rke macht es ihm leicht, mit gro\u00dfer Schnelligkeit die unterirdische^ H\u00f6hlen auszuscharren; wie einige andere unterirdisch lebende Thiere, ist er im Stande, sich in wenig Minuten vollkommen zu vergraben. Dabei kommen ihm seine starken Vorderf\u00fc\u00dfe, deren Zehen g\u00e4nzlich verbunden und mit t\u00fcchtigen Krallen bewaffnet sind, vortrefflich zustatten. Schon nach sehr kurzer Zeit bereitet ihm die aufgegrabene Erde gro\u00dfe Hindernisse. Nun aber nimmt er seine Hinterf\u00fc\u00dfe zu Hilfe und wirft mit kr\u00e4ftigen St\u00f6\u00dfen das Erdreich weit hinter sich zur\u00fcck. Wenn die Aush\u00f6hlung weiter fortschreitet, mu\u00df er aber noch andere Mittel anwenden, um seinen Zweck vollst\u00e4ndig zu erreichen. Jetzt schiebt er, gewaltsam sich entgegenstemmend, die Erde mit seinem Hintertheil nach r\u00fcckw\u00e4rts, und in dieser Weise wird es ihm m\u00f6glich, auch aus der Tiefe s\u00e4mmtliche Erde herauszuschaffen.\nUnter allen nur halbunterirdisch lebenden Thieren, sowie unter denen, welche blos unter der Erde schlafen, sieht der Dachs am meisten darauf, da\u00df seine Baue die m\u00f6glichste Ausdehnung haben und dabei eine vollkommene Sicherheit gew\u00e4hren. Fast regelm\u00e4\u00dfig sind die G\u00e4nge, welche von dem Kessel auslaufen, zwanzig bis drei\u00dfig Fu\u00df lang und ihre M\u00fcndungen oft drei\u00dfig Schritte weit von einander entfernt. Der Kessel ist gew\u00f6hnlich vier bis f\u00fcnf Fu\u00df tief unter der Erde; ist jedoch die Steilung, auf welcher der Bau angelegt wurde, bedeutend, so kommt er auch wohl bis auf f\u00fcnfzehn Fu\u00df unter die Oberfl\u00e4che zu liegen. Dann aber f\u00fchren fast regelm\u00e4\u00dfig einzelne R\u00f6hren senkrecht empor, welche zur L\u00fcftung dienen. Kann der Dachs den Bau im Gekl\u00fcft anlegen, so ist es ihm um so lieber. Er genie\u00dft dann entschieden gr\u00f6\u00dfere Sicherheit und Ruhe, und Beides sind Hauptbedingungen zu seinem Leben.\nIn diesem Baue bringt der Dachs den gr\u00f6\u00dften Theil seines Lebens zu, und nur, wenn die Nacht vollkommen hereingebrochen ist, verl\u00e4\u00dft er ihn auf weitere Entfernung. Fr\u00fcher glaubte man, da\u00df er, solange die Sonne am Himmel stehe, niemals an das Tageslicht komme, doch ist Dieses in","page":496},{"file":"p0497.txt","language":"de","ocr_de":"Heimat. Wohnung. Ausf\u00fchrliche Schilderung von Tschudi.\n497\nder Neuzeit widerlegt worden. Meines Wissens ist Tschudi der erste, welcher eine ebenso ausf\u00fchrliche, als anziehende Schilderung jener kurzen Tagesausfl\u00fcge des Dachses giebt, und deshalb will ich eine bez\u00fcgliche Stelle aus dem vortrefflichen Werke dieses Gew\u00e4hrsmannes folgen lassen:\n\u201eDer Dachs ist sehr menschenscheu und h\u00e4lt sich den Tag \u00fcber im Baue auf, um nicht beunruhigt zu werden. Von einem J\u00e4ger, dem das seltene Gl\u00fcck zu Theil ward, einen Dachs im Freien ganz ungest\u00f6rt l\u00e4ngere Zeit beobachten zu k\u00f6nnen, erhalten wir anziehende Mittheilungen. Er besuchte wiederholt einen Dachsbau, der, am Rande einer Schlucht angelegt, von der entgegengesetzten Seite dem freien Ueberblick offen lag. Der Bau war stark befahren, der neu aufgeworfene Boden jedoch vor der Hauptr\u00f6hre so eben und glatt, wie eine Tenne, und so festgetreten, da\u00df nicht zu erkennen war, ob er Junge enthalte.\"\n\u201eAls der Wind g\u00fcnstiger war, schlich sich der J\u00e4ger von der entgegengesetzten Seite in die N\u00e4he des Baues und erblickte bald einen alten Dachs, der griesgr\u00e4mig, in eigener Langweiligkeit verloren, dasa\u00df, doch sonst, wie es schien, sich recht behaglich f\u00fchlte in den warmen Strahlen. Dies war nicht ein Zufall; der J\u00e4ger sah das Thier, so oft er an hellen Tagen den Bau beobachtete, in der Sonne liegen. In Wohlseligkeit und Nichtsthun brachte es die Zeit hin. Bald sa\u00df es da, guckte ernsthaft ringsum, betrachtete dann einzelne Gegenst\u00e4nde genau und wiegte sich endlich nach Art der B\u00e4ren auf den vorderen Pranken gem\u00e4chlich hin und her. So gro\u00dfe Behaglichkeit unterbrachen jedoch pl\u00f6tzlich blutd\u00fcrstige Schmarotzer, die es mit au\u00dfergew\u00f6hnlicher Hast mit Nagel und Zahn sofort zur Rechenschaft zog. Endlich zufrieden mit dem Erfolge des Strafgerichts gab der Dachs mit erh\u00f6htem Behagen in der bequemsten Lage sich der Sonffe preis, indem er ihr bald den breiten R\u00fccken, bald den wohlgen\u00e4hrten Wanst zuwandte. Lange dauerte aber dieser Zeitvertreib auch nicht; mit der Langweile mochte ihm Etwas in die Nase kommen. Er hebt diese hoch, wendet sich nach allen Seiten, ohne Etwas ausfindig zu machen. Doch scheint ihm Vorsicht rathsam, und er f\u00e4hrt zu Baue. Ein ander Mal sonnto er sich wieder aus der Terrasse, trabte dann zur Abwechselung wieder einmal thalabw\u00e4rts, um in ziemlicher Entfernung Raum zu schaffen f\u00fcr die Aesung der n\u00e4chsten Nacht; ja, er kehrte sogar, gem\u00e4\u00df seiner ber\u00fchmten Vorsicht und Reinlichkeit, nochmals um und \u00fcberwischte zu wiederholten Malen seine Losung, damit sie ja nicht zum Verr\u00e4ther werde. Auf dem R\u00fcckwege nahm er sich dann Zeit, stach hier und da einmal, ohne jedoch beim Weiden sich auszuhalten, trieb dann noch ein Weilchen den alten Zeitvertreib, und als allm\u00e4lig der B\u00e4ume Schlagschatten die Scene \u00fcberliefen, da fuhr er nach sehr schweren M\u00fchen wieder zu Baue, wahrscheinlich, um auf die noch schwereren der Nacht zum voraus noch ein Bischen zu schlummern.\"\nBlos zur Zeit der Paarung lebt der Dachs mit seinem Weibchen gesellig, doch immer nur in beschr\u00e4nkter Weise. Den ganzen \u00fcbrigen Theil des Jahres bewohnt er f\u00fcr sich allein einen Bau und h\u00e4lt weder mit seinem Weibchen, noch mit anderen Thieren Freundschaft. Er kommt gew\u00f6hnlich erst sp\u00e4t des Abends, jedenfalls nur dann, wenn es vollkommen dunkel geworden ist, zum Vorschein und streift nach Nahrung umher. Dabei entfernt er sich jedoch nicht weiter, als h\u00f6chstens eine Viertelmeile von seiner Wohnung, und bei der geringsten Unruhe sucht er diese schleunigst wieder auf.\nEs geschieht blos dann und wann, da\u00df ein J\u00e4ger einem Dachse begegnet. Wenn jener in der Fr\u00fche eines Herbstmorgens auf dem Anstande steht und sich ganz lautlos verh\u00e4lt, kann er vielleicht den heimkehrenden Dachs bemerken, wie er bed\u00e4chtig nach Hause schleicht. Seine Bewegungen sind sehr langsam und tr\u00e4ge, der Gang ist schleppend und schwerf\u00e4llig, nicht einmal der schnellste Lauf ist f\u00f6rdernd, und man behauptet, da\u00df ein guter Fu\u00dfg\u00e4nger ihn einholen kann. Das ganze Thier macht einen sehr eigenth\u00fcmlichen Eindruck. Anf\u00e4nglich meint man, eher ein Schwein vor sich zu sehen, als ein Raubthier, und ich glaube, da\u00df schon eine gewisse Vertrautheit mit seiner Gestalt und seinem Wesen dazu geh\u00f6rt, wenn man ihn \u00fcberhaupt erkennen will. An das Schwein erinnert auch seine grunzende Stimme.\nSeine Nahrung besteht im Fr\u00fchjahr und Sommer vorz\u00fcglich aus Wurzeln, namentlich aus Birkenwurzeln, dann aber auch aus Tr\u00fcffeln, B\u00fccheln und Eicheln. Sp\u00e4ter scharrt er hier und da\nBrehm, Thierleben.\to\u00ab","page":497},{"file":"p0498.txt","language":"de","ocr_de":"498\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Dachs.\nein Hummel- ober Wespennest aus und fri\u00dft mit gro\u00dfem Behagen die larvenreichen und honigs\u00fc\u00dfen Waben, ohne sich viel um die Stiche der erbosten Kerbthiere zu k\u00fcmmern. Sein rauher Pelz, die dicke Schwarte und die regelm\u00e4\u00dfig sich darunter befindende Fettschicht sch\u00fctzen ihn auch vollst\u00e4ndig vor den Stichen der Immen; macht er sich doch, wie Lenz aus seinen Beobachtungen erfuhr, nicht einmal aus dem Bi\u00df der Kreuzotter etwas, falls er Lust versp\u00fcrt, diesen giftzahnigen Wurm zu verspeisen. Kerbthiere aller Art, Schnecken und Regenw\u00fcrmer bilden w\u00e4hrend des Sommers wohl den Haupttheil seiner Mahlzeiten. Im Herbst verspeist er abgefallenes Obst aller Art, M\u00f6hren und R\u00fcben, Vogeleier und junge V\u00f6gel, die auf der Erde liegen; kleinere S\u00e4ugethiere, junge Hasen, Flederm\u00e4use, Maulw\u00fcrfe re., werden auck nicht verschm\u00e4ht, ja selbst Eidechsen, Fr\u00f6sche und, wie oben bemerkt, Schlangen munden ihm vortrefflich. Honig und Trauben scheinen aber doch seine Hauptnahrung zu bleiben, und in den Weinbergen richtet er nach Umst\u00e4nden gro\u00dfe Verw\u00fcstungen an. Er dr\u00fcckt die traubenschweren Reben ohne Umst\u00e4nde mit der Pfote zusammen und m\u00e4stet sich f\u00f6rmlich mit ihrer s\u00fc\u00dfen Frucht. Nur h\u00f6chst selten stiehlt er auch junge Enten und G\u00e4nse von Bauerh\u00f6fen, welche ganz nahe am Walde liegen; denn er ist au\u00dferordentlich mi\u00dftrauisch und furchtsam, wagt sich deshalb auch blos dann heraus, wenn er \u00fcberzeugt sein kann, da\u00df Alles vollkommen sicher ist. Im Nothf\u00e4lle geht er auch auf Aas aus. Er fri\u00dft im Ganzen wenig und tr\u00e4gt auch nicht viel f\u00fcr den Winter in seinen Bau ein; es m\u00fc\u00dfte denn ein M\u00f6hrenacker i:^ der N\u00e4he desselben liegen und seiner Bequemlichkeit zu Hilfe kommen. Wird er wirklich im Freien \u00fcberrascht, so begeht er oft die gr\u00f6\u00dfte, Dummheit, welche ein Thier in seiner Lage aus\u00fcben kann. Ein junger, im Gebirge \u00fcberraschter Dachs z. B. dachte nicht einmal ans Fliehen, sondern legte sich erschrocken platt auf den Boden, als w\u00e4re er dann geborgen, fuhr aber mit w\u00fcthenden Bissen in den Stock, mit welchem man ihn aufscheuchen wollte. Ein Hund wird unter solchen Umst\u00e4nden oft sehr gef\u00e4hrlich verwundet: denn das Gebi\u00df des Dachses ist furchtbar und schlie\u00dft ganz vortrefflich in einander; \u00fcbrigens benutzt er auch, auf dem Boden liegend, seine Vorderpfoten zu kr\u00e4ftiger Vertheidigung.\nZu Ende des Sp\u00e4therbstes hat er sich, wie es bei vielen Menschen, welche wenig Bewegung und hinreichende Nahrung haben, ebenfalls zu geschehen pflegt, wohl gem\u00e4stet. Jetzt denkt er daran, den Winter so behaglich, als nur irgend m\u00f6glich, zu verbringen und bereitet das Wichtigste f\u00fcr seinen Winterschlaf vor. Er tr\u00e4gt Laub in seine H\u00f6hle und bereitet sich ein dichtes, warmes Lager. Bis zum Eintritt der eigentlichen K\u00e4lte zehrt er von dem Eingetragenen. Nun rollt er sich zusammen, legt sich auf den Bauch und steckt den Kopf zwischen die Vorderbeine (nicht, wie gew\u00f6hnlich behauptet wird, zwischen die Hinterbeine, die Schnauzenspitze in seiner Dr\u00fcsentasche verbergend) und verf\u00e4llt in einen Winterschlaf. Derselbe ist aber, wie jener der B\u00e4ren, sehr h\u00e4ufig unterbrochen. Bei nicht anhaltender K\u00e4lte oder beim Eintritt gelinderer Witterung wird er immer wach, geht sogar zuweilen nachts aus seinem. Baue heraus, um zu trinken, besonders bei Thauwetter.und nicht sehr kalten N\u00e4chten. Bei verh\u00e4lt-ni\u00dfm\u00e4\u00dfig warmer Witterung verl\u00e4\u00dft er schon im Januar oder sp\u00e4testens im Februar zeitweise den Bau, um Wurzeln auszugraben und, wenn ihm das Gl\u00fcck wohl will, auch vielleicht ein dummes M\u00e4uschen zu \u00fcberraschen und abzufangen. Dennoch bekommt ihm das Fasten sehr schlecht, und wenn er im Fr\u00fchling wieder an das Tageslicht kommt, ist er, der sich ein volles B\u00e4uchlein angem\u00e4stet und drei\u00dfig bis vierzig Pfund erreicht hatte, fast klapperd\u00fcrr geworden.\nDie Rollzeit des Dachses findet in der Regel Ende Novembers oder Anfang Dezembers statt, ausnahmsweise (zumal bei jungen Thieren) aber auch im Februar und M\u00e4rz. Nach zehn bis zw\u00f6lf Wochen, also Ende Februars oder Anfangs M\u00e4rz wirft die Mutter drei bis f\u00fcnf blinde Junge auf ein sorgf\u00e4ltig ausgepolstertes Lager von Mos, Bl\u00e4ttern, Farrnkr\u00e4utern und langem Grase, welche Stoffe sie zwischen den Hinterbeinen bis zum Eing\u00e4nge ihres Baues getragen und dann mit gegengestemmten Kopfe und den Vorderf\u00fc\u00dfen durch die R\u00f6hre in den Kessel geschoben hat. Da\u00df sie dabei einen eigenen Bau bewohnt, versteht sich eigentlich von selbst; denn der weibliche Dachs ist ebensogut ein eingefleischter Einsiedler, wie der m\u00e4nnliche.\nDie kleinen Jungen werden lvon der Mutter treu geliebt. Sie s\u00e4ugt sie und tr\u00e4gt ihnen so-","page":498},{"file":"p0499.txt","language":"de","ocr_de":"Nahrung. Familienleben. Dachs und Fuchs. Nachstellung.\n499\nlange W\u00fcrmer, Wurzeln und kleine S\u00e4ugethiere in den Bau, bis sie sich selbst zu ern\u00e4hren im Stande sind. W\u00e4hrend des Wochenbettes wird es dem Weibchen schwer, die sonst musterhafte Reinlichkeit, welche im Baue herrscht, zu erhalten, denn die ungezogenen Jungen sind nat\u00fcrlich noch nicht soweit herangebildet, da\u00df sie jene hohe Tugend zu w\u00fcrdigen verst\u00e4nden. Da hat nun die Mutter ihre liebe Noth, aber sie wei\u00df sich zu helfen. Neben dem Kessel legt sie noch eine besondere Kammer an, welche der kleinen Gesellschaft als Abtritt dienen und zugleich auch alle Nahrungsstosfe aufnehmen mu\u00df, welche die Jungen nur theilweise verzehrten.\nNach ungef\u00e4hr drei bis vier Wochen wagen sich die kleinen, sehr h\u00fcbschen Thierchen in Gesellschaft ihrer Mutter bereits bis zum Eing\u00e4nge ihres Baues und legen sich mit ihr auch wohl vor die H\u00f6hle, um sich zu sonnen. Dabei spielen sie nach Kinderart gar allerliebst mit einander und erfreuen den gl\u00fccklichen Beobachter umsomehr, weil diesem das anziehende Schauspiel so sehr selten geboten wird. Bis zum Herbst bleiben sie bei der Mutter, dann trennen sie sich und beginnen nun auf eigne Hand ihr Leben. Alte Dachsbaue werden von ihnen mit gro\u00dfer Freude bezogen; im Nothfalle mu\u00df aber auch ein eigener gegraben werden; denn blos in \u00e4u\u00dferst seltenen F\u00e4llen duldet die Mutter, da\u00df sie sich in ihrem Geburtshause noch einen zweiten Kessel anlegen und dann den unterirdischen Palast noch einen Winter durch mit ihr benutzen. Im zweiten Jahre sind die Jungen v\u00f6llig ausgewachsen und zur weitern Fortpflanzung f\u00e4hig, und wenn ihnen nicht der Schu\u00df eines vorsichtig aufgestellten J\u00e4gers das Lebenslicht ausbl\u00e4st, bringen sie ihr Alter auf zehn oder zw\u00f6lf Jahre.\nDer Dachs hat in dem Erzschelme, Gauner, Strolch und Tagedieb Reinecke einen argen Feind, welcher sich wenig aus der W\u00fcrdigkeit des Einsiedlers macht und wirklich recht niedertr\u00e4chtige Kniffe und Pfiffe anwendet, um ihm sein behagliches Leben m\u00f6glichst zu verbittern und zu zerst\u00f6ren. Reinecke, viel zu geistreich und mit anderen wichtigen Unternehmungen zu sehr besch\u00e4ftigt, als da\u00df er sich selbst einen eigenen Herd gr\u00fcnden m\u00f6chte, findet es \u00fcberaus bequem, da\u00df der Dachs ein so vortrefflicher Gr\u00e4ber ist und zugleich Wohnungen baut, die in jeder Weise f\u00fcr den Geschmack dieses Schurken passen. Und um Mittel, den Dachs von seiner Wohnung zu vertreiben, ist Reinecke nicht verlegen. Er zeigt, welch abscheulichen Charakter er besitzt; denn er greift den reinlichen Einsiedler von der Seite an, an welcher er ihn am leichtesten verwunden kann. Heimt\u00fcckisch schleicht er sich in den Dachsbau und setzt dort seine stinkende Losung ab und zwar so lange, bis der Dachs, zwar m\u00fcrrisch und gr\u00e4mlich, im Innern aber gewi\u00df noch sehr froh, von dem Lump loszukommen, die eigene, beh\u00e4bige Wohnung verl\u00e4\u00dft und sich eine andere anlegt. Darauf wartet der Schelm und zieht nun behaglich in die so h\u00fcbsch eingerichtete und ausgepolsterte Wohnung. Doch kommt es trotz dieser Feindschaft, welche in der Gegens\u00e4tzlichkeit der Sitten beruht, vor, da\u00df in ein und demselben Baue Fuchs und Dachs neben einander hausen, wenn auch beide Inhaber nur die Hauptr\u00f6hre gemeinschaftlich befahren, im Innern aber abgesonderte Kessel bewohnen.\nDie Dachsjagd hat wegen der gro\u00dfen Vorsicht des betreffenden Wildes ungew\u00f6hnliche Schwierigkeiten, geh\u00f6rt aber demungeachtet zu den Lieblingsvergn\u00fcgungen der J\u00e4ger. Man f\u00e4ngt die Dachse zwar zuweilen in verschiedenen Fallen oder gr\u00e4bt sie auch aus und bohrt sie dann, scheu\u00dflich genug, mit dem sogenannten Kr\u00e4tzer an, d. h. einem Werkzeuge, welches einem Korkzieher im vergr\u00f6\u00dferten Ma\u00dfstabe \u00e4hnelt, oder aber, man treibt den Dachs durch scharfe Dachshunde aus seinem Baue und erschie\u00dft ihn dann beim Herauskommen. Nur wenn er sich in seinem Bau verkl\u00fcftet, d. h. so versteckt, da\u00df sogar die Hunde ihn nicht auffinden k\u00f6nnen, ist er im Stande, der drohenden Gefahr sich zu widersetzen, denn seine Plumpheit ist so gro\u00df, da\u00df ihm eine Flucht vor dem Hunde durchaus Nichts helfen w\u00fcrde. Er sucht sich deshalb, wenn er in seinem Bau verfolgt wird, gew\u00f6hnlich dadurch zu retten, da\u00df er sich ganz still, aber mit gro\u00dfer Schnelligkeit in die Erde gr\u00e4bt und hierdurch sich wirklich oft genug den ihm nachgrabenden Hunden entzieht.\nGanz fr\u00fch am Morgen kann man dem heimkehrenden Dachs wohl auch auf dem Anstande auflauern und ihn erlegen. Dazu geh\u00f6rt aber immer ein sehr starker Schu\u00df. Abends ist der Anstand auf\n32*","page":499},{"file":"p0500.txt","language":"de","ocr_de":"500\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Dachs.\ndas Thier h\u00f6chst langweilig, denn der mi\u00dftrauische Bursch erscheint erst mitten in der Nacht und geht so ger\u00e4uschlos als m\u00f6glich davon. Gew\u00f6hnlich errichtet man zum Schie\u00dfstande eine sogenannte Kanzel, d. h. man baut sich auf den n\u00e4chststehenden B\u00e4umen in einer H\u00f6he von drei\u00dfig bis vierzig Fu\u00df mit Stangen und Bretern einen Standort und schie\u00dft den zu Tage tretenden Dachs von hier aus nieder. Wird dieser im Freien von einem Hund \u00fcberrascht, so legt er sich auf den R\u00fccken und vertheidigt sich ebenso schnell als muthig mit seinem scharfen Gebi\u00df und seinen Krallen, mu\u00df aber doch der Uebermacht unterliegen. Im Bau verwundet er die eingefahrenen Dachshunde oft f\u00fcrchterlich an der Nase, und wenn er sich einmal verbissen hat, l\u00e4\u00dft er nicht sogleich los. Ein einziger Schlag auf die Nase gen\u00fcgt, um ihn zu t\u00fcteten, w\u00e4hrend an den \u00fcbrigen Theilen des Leibes die heftigsten Hiebe eben keine besondere Wirkung hervorzubringen scheinen. Sobald er Nachstellungen erf\u00e4hrt, verdoppelt er seine Vorsicht, und es kommt nicht selten vor, da\u00df ein Dachs zwei bis drei Tage ruhig in seinem Bau verbleibt, wenn derselbe vorher von einem Hund oder J\u00e4ger besucht wurde. In manchen Gegenden geht man nachts an seinen Bau, setzt dort scharfe Hunde auf seine F\u00e4hrte und l\u00e4\u00dft ihn verfolgen. Nach kurzer Zeit kommt er dann regelm\u00e4\u00dfig zur\u00fcck und kann von dem J\u00e4ger, welcher mit einer Blendlaterne versehen ist, leicht erlegt werden, da ihm die Hunde gew\u00f6hnlich bald erreichen und festpacken.\nIm Fr\u00fchling h\u00e4lt es nicht eben schwer, sich junge Dachse f\u00fcr die^Gefangenschaft zu verschaffen, falls nicht der Bau im Gekl\u00fcft angelegt ist; selten aber erlebt man Freude an den Z\u00f6glingen. Sie sind viel zu dumm und faul, als da\u00df irgend welche Erziehung an ihnen fruchtete. Die alt Eingefangenen sind nun gar abscheuliche Thiere. Sie r\u00fchren sich bei Tage nicht und werden nur des Nachts ein wenig munter. Dabei sind sie t\u00fcckisch und b\u00f6sartig und bei\u00dfen Den, welcher sich ihnen unvorsichtig n\u00e4hert, auf das F\u00fcrchterlichste. Lenz theilt von einem Gefangenen, welchen er sich verschaffte, um \u00fcber seine Feindschaft zur Kreuzotter klar zu werden, anziehende Thatsachen mit.\nEr erhielt einen gro\u00dfen, fetten, ganz unversehrten, in einer Dachshaube gefangenen Dachs, welchen er in eine gro\u00dfe Kiste that. Dieser blieb ruhig in derselben Ecke liegen, r\u00fchrte sich nicht, wenn man ihn nicht derb stie\u00df, und wurde erst nachts nach zehn Uhr munter. \u201eWollte ich ihn,\" sagt Lenz, \u201eden Tag \u00fcber in eine andere Ecke schaffen, so mu\u00dfte ich ihn mit Gewalt vermittelst einer gro\u00dfen Schaufel dahin schieben. In solchen F\u00e4llen und \u00fcberhaupt, wenn ich ihn durch Rippenst\u00f6\u00dfe u. s. w. kr\u00e4nkte, pfauchte er heftig durch die Nase, verursachte dann abwechselnd durch die Ersch\u00fctterung seines Bauches ein ganz eigenes Trommeln, und wenn er, um zu bei\u00dfen, auf mich losfuhr, so gab er einen Ton von sich, fast wie ein gro\u00dfer Hund oder B\u00e4r in dem Augenblicke, wo er seinen Rippensto\u00df bekommt und losbei\u00dft.\"\n\u201eAm ersten Tage gab ich ihm einige M\u00f6hren, zugleich aber auch eine lebende Blindschleiche nebst zwei Ringelnattern in seine Kiste.\"\n\u201eAm folgenden Morgen fand ich, da\u00df er Nichts gefressen, aber eine Ringelnatter in der Mitte t\u00fcchtig zerbissen hatte, jedoch lebte sie noch. Abends f\u00fcgte ich zu diesen Speisen noch zwei gro\u00dfe Kreuzottern, die ich vor seine Schnauze legte. Er beachtete sie nicht im geringsten, lie\u00df sich durch ihr Pfauchen gar nicht in seiner Ruhe st\u00f6ren, obgleich er keineswegs schlief, litt sp\u00e4terhin ganz geduldig, da\u00df sie, wie auch die Ringelnattern, auf ihm herumkrochen.\"\n\u201eAm dritten Tage morgens fand ich noch immer alle Speisen unversehrt, nur hatte er von der Tags zuvor angebissenen Ringelnatter ein etwa drei Zoll langes St\u00fcck abgefressen. Zu den erw\u00e4hnten Speisen f\u00fcgte ich nun noch eine todte Meise, ein St\u00fcck Kaninchen und Runkelr\u00fcben.\"\n\u201eAm vierten Tage morgens fand ich, da\u00df er die Blindschleiche nebst beiden Kreuzottern ganz aufgezehrt, von Leiden Ringelnattern, sowie vom Kaninchen ein t\u00fcchtiges St\u00fcck abgefressen, die Meise aber, sowie die M\u00f6hren und R\u00fcben, nicht anger\u00fchrt hatte. Er zeigte sich, nun \u00fcberhaupt munter, und da ich sah, da\u00df ihm Kreuzottern wohlbehagten, so sehnte ich mich nach dem Schauspiel, ihn solche zerrei\u00dfen und fressen zu sehen. Wie war Das aber anzufangen, da er feiner Natur nach nur des Nachts fri\u00dft und au\u00dferdem fast \u00fcberm\u00e4\u00dfig scheu ist?\"","page":500},{"file":"p0501.txt","language":"de","ocr_de":"Lenz \u00fcber zahme Dachse.\n501\n\u201eIch hatte schon im voraus auf eine List gesonnen. Der Dachs ist n\u00e4mlich auf einen frischen Trunk sehr begierig, und wenn er z. B. durch eine Falle Tage lang verhindert wird, seinen Bau zu verlassen, geschieht es oftmals, da\u00df er dann, nachdem er endlich doch gl\u00fccklich herausgekommen ist, sogleich zum Wasser eilt und dort soviel s\u00e4uft, da\u00df er todt auf dem Flecke bleibt. Ich hatte ihn deshalb zwei Tage lang dursten lassen, nahm jetzt aber eine gro\u00dfe, matte Otter, tauchte sie in frisches Wasser und legte sie ihm vor. Sowie er das Wasser roch, erhob er sich und beleckte die Otter. Sie suchte zu entwischen; er aber trat mit dem linken Fu\u00dfe fest darauf, zerri\u00df ihren Hinterleib und fra\u00df vor meinen Augen ein t\u00fcchtiges St\u00fcck davon mit sichbarem Wohlbehagen. Die Otter, welche, wie gesagt, matt war, \u00f6ffnete ihren Rachen weit und drohend, bi\u00df aber nicht zu. Jetzt setzte ich ihm einen Napf vor und go\u00df Wasser hinein. Alsbald verlie\u00df er die Otter und soff mit gro\u00dfer Begierde Alles, was da war, \u00fcber zwei N\u00f6\u00dfel. Beim Saufen l\u00e4\u00dft er nicht, wie Hund und Fuchs, die Zunge vortreten, sondern steckt den Mund in das Wasser und bewegt die Unterkinnlade, als ob er kaute.\"\nEine sehr anziehende Beobachtung \u00fcber gez\u00e4hmte Dachse hat Herr von P ietru v s ki in Galizien ver\u00f6ffentlicht.\n\u201eIm Mai des Jahres 1833,\" erz\u00e4hlt er, \u201ebekam ich zwei junge Dachse, ein Weibchen und ein M\u00e4nnchen, welche h\u00f6chstens vier Wochen alt waren. W\u00e4hrend der ersten Tage ihrer Gefangenschaft waren diese Thierchen ziemlich scheu und aus Furcht Tag und Nacht in einen Ballen zusammengerollt. Binnen f\u00fcnf Tagen verging ihnen jedoch diese Furchtsamkeit g\u00e4nzlich, und sie kamen dahin, da\u00df sie das ihnen vorgehaltene Futter aus der Hand nahmen. Sie fra\u00dfen Alles, Brod, Fr\u00fcchte, Milch, am liebsten jedoch rohes Fleisch. Anfangs hielt ich sie in meinem Vorzimmer, und sie waren so treu und zutraulich, da\u00df sie auf den ihnen gegebenen Namen h\u00f6rten. Ich hatte sie deshalb drei volle Wochen auf meinem Zimmer, bis sie mir endlich durch die Unruhe bei Nacht und durch die immerw\u00e4hrende Lust zum Graben l\u00e4stig wurden. Dieses bewog mich, f\u00fcr sie einen gro\u00dfen K\u00e4fig von Eisenst\u00e4ben machen zu lassen, nach Art der Thierbeh\u00e4lter in Schaubuden. Der K\u00e4fig war au\u00dfen an der Wand angebracht, und in ihm erhielt ich meine Dachse einen ganzen Sommer hindurch. Das Reinhalten des K\u00e4figs wurde immer p\u00fcnktlich beobachtet. Erst mit Ann\u00e4herung des Herbstes f\u00fchlte ich die Unm\u00f6glichkeit, die Thiere l\u00e4nger hier beherbergen zu k\u00f6nnen; denn das Fell der Dachse wurde schon anfangs Oktober sehr schmuzig. Ich beschlo\u00df daher, sie ganz naturgem\u00e4\u00df zu halten, und dieser Versuch gl\u00fcckte mir ausgezeichnet.\"\n\u201eUeber einen \u00fcbermauerten Graben, welcher zwanzig Ellen im Durchmesser hatte, lie\u00df ich noch einen ordentlichen Zaun ziehen, durch welchen man mittelst einer Treppe in den Graben gehen konnte. In der Tiefe des Letztem lie\u00df ich ein sechs Fu\u00df langes, sechs Fu\u00df breites und ein Fu\u00df hohes H\u00e4uschen mit einer Eingangsth\u00fcre bauen. <Da hinein wurden meine Dachse gelassen, und sie gew\u00f6hnten sich sehr bald an den ihnen anfangs fremden Ort. Nach etwa zehnt\u00e4gigem Aufenthalte begannen sie schon sich eine naturgem\u00e4\u00dfe H\u00f6hle zu bauen. Bewunderungsw\u00fcrdig war dabei ihre unerm\u00fcdliche Th\u00e4tigkeit. Sie gruben immer mit ihren Vorderpfoten; der Hinterf\u00fc\u00dfe bedienten sie sich, um die losgegrabene Erde aus dem Loche herauszuwerfen. Bei diesem Gesch\u00e4ft war das Weibchen viel th\u00e4tiger, als das weit sch\u00f6nere und gr\u00f6\u00dfere M\u00e4nnchen. Binnen zwei Wochen war schon die H\u00f6hle f\u00fcnf Fu\u00df ausgetieft. Sie verlief aber immer noch innerhalb jdes f\u00fcr die Thiere gemachten H\u00e4uschens. Jetzt wandten die Dachse alle m\u00f6gliche Th\u00e4tigkeit an, um sich ihren Bau so weit zu erweitern, da\u00df sie bequem in ihm schlafen konnten. Es mangelte ihnen noch an einem guten Lager, und als ich bemerkte, da\u00df sie die in ihrem Bereiche befindlichen Grasflecken ihrer H\u00f6hle zutrugen, lie\u00df ich ihnen frisches Heu holen. Sie wu\u00dften dieses sehr gut zu benutzen, und es gew\u00e4hrte einen sehr anziehenden Anblick, wenn man ihnen zusah, wie sie die ihnen vorgeworfenen Heub\u00fcndel nach Art der Affen zwischen ihre Vorderpfoten nahmen und so ihrer Wohnnng zuschleppten. Das Graben w\u00e4hrte noch immer fort, und ich hatte das Vergn\u00fcgen zu bemerken, da\u00df sich meine Thiere neben der ersten H\u00f6hle, welche zur Schlafkammer bestimmt wurde, eine andere gruben, welche sie als Vorrathskammer zu benutzen gedachten. Bald darauf machten sie noch drei kleinere H\u00f6hlen, in welchen sie sich dann regelm\u00e4\u00dfig ihres Kothes entledigten. Es war aber immer noch blos ein Ausgang und zwar innerhalb des f\u00fcr sie gemachten H\u00e4uschens vor-","page":501},{"file":"p0502.txt","language":"de","ocr_de":"502\nDie RauLthiere. Marder. \u2014 Dachs. Amerikanischer und Stinkdachs.\nHanden. Doch nun wurde alle m\u00f6gliche M\u00fche angewendet, um sich einen Ausgang au\u00dferhalb des H\u00e4uschens zu graben. Als sie Dieses bezweckt hatten, waren sie vollkommen frei und konnten, obgleick die Th\u00fcre des H\u00e4uschens zugemacht worden war, aus- und eingehen und, wenn sie einmal im Graben waren, auch in den Garten durch Zaunl\u00f6cher gelangen.\"\n\u201eSehr sch\u00f6n war es anzusehen, wie sie hier in hellen und milden N\u00e4chten zusammen spielten. Sie bellten wie junge Hunde, murmelten wie Murmelthiere, umarmten einander z\u00e4rtlich, wie Affen, und trieben tausenderlei Possen. Wenn ein Schaf oder Kalb in der Gegend zu Grunde ging, waren die Dachse immer die ersten bei seinem Aase. Es erregte Aller Bewunderung, zu sehen, was f\u00fcr gro\u00dfe St\u00fccken Fleisch sie bis auf eine Viertelmeile weit zu ihrer Wohnung trugen. Das M\u00e4nnchen entfernte sich selten von dem Baue, au\u00dfer wenn es der Hunger trieb; das Weibchen aber folgte mir auf allen meinen Spazierg\u00e4ngen nach.\"\n\u201eDie Monate Dezember und Januar verschliefen meine Dachse in der H\u00f6hle. Im Februar wurden sie lebendig. Zu Ende dieses Monats begatteten sie sich. Aber leider sollte ich nicht das Vergn\u00fcgen haben, Junge von meinem P\u00e4rchen zu erhalten, denn das tr\u00e4chtige Weibchen wurde am 1. April in einem benachbarten Walde in einem Fuchseisen gefangen und von dem unkundigen J\u00e4ger erschlagen.\"\nAus ferneren Beobachtungen von Lenz geht hervor, da\u00df der Dachs am gierigsten nach M\u00e4usen ist, Schlangen und Eidechsen aber auch verzehrt. Man darf ihn daHer zu den n\u00fctzlichsten Thieren z\u00e4hlen; denn an den Obstb\u00e4umen kann er keinen betr\u00e4chtlichen Schaden thun, weil er nicht zu klettern vermag, und nur das abgefallene Obst aufliest. Durch Vertilgung von sehr vielen sch\u00e4dlichen Thieren gew\u00e4hrt er aber gro\u00dfen Nutzen, und deshalb sollte man ihn wenigstens da schonen, wo die t\u00fcckischen und gef\u00e4hrlichen Kreuzottern noch immer in Menge hausen.\nDer Nutzen, welchen der get\u00f6dtete Dachs bringt, ist ziemlich betr\u00e4chtlich. Sein Fleisch ist genie\u00dfbar; es schmeckt noch s\u00fc\u00dfer, als Schweinefleisch, erscheint aber manchen Menschen als ein wahrer Leckerbissen. Das wasserdichte, feste und dauerhafte Fell wird zu Ueberz\u00fcgen von Koffern und dergleichen verwendet. Aus den langen Haaren, namentlich aus denen des Schwanzes, werden B\u00fcrsten und Pinsel verfertigt. Das Fett wird als Arzeneimittel gebraucht imb, auch zum Brennen benutzt. \u2014\nDer Sanvb\u00e4r oder amerikanische Dachs (Meies labradorica), ist mit dem unsrigen innig verwandt. Er erreicht nicht ganz die Gr\u00f6\u00dfe des europ\u00e4ischen, besitzt einen dicken Schwanz und kurze Schnauze und tr\u00e4gt ein weiches Haarkleid von grauer F\u00e4rbung. Der R\u00fccken ist grau, die einzelnen Haare sind an der Wurzel braun: auf dem Kopfe befindet sich nur ein schmaler Streifen mit dunkler Einfassung, welcher von der Nase gegen den R\u00fccken verl\u00e4uft. Derselbe bildet um das Auge einen Ring, geht aber nickt \u00fcber die Ohren weg. Auf den Wangen liegt ein brauner Flecken. Die Backen, die Kehle und der Unterleib sind wei\u00df, die Beine dunkelbraun.\nDas Thier bewohnt die Prairien um die Felsengebirge, namentlich die Ebenen um den Missouri, und \u00e4hnelt in seiner Lebensweise und in seinen Sitten dem europ\u00e4ischen Dachse vollst\u00e4ndig.\nMan kann nicht eben sagen, da\u00df irgend ein Mitglied aus der Familie der Marder Wohlger\u00fcche verbreite; wir finden im Gegentheil schon unter den bei uns hausenden Arten solche, welche von dem Volke mit dem Namen \u201eSt\u00e4nker\" bezeichnet werden und diesen Namen auch mit Fug und Recht tragen. Was aber ist unser Iltis gegen einige seiner Verwandten, welche in Ostindien und Amerika leben! Sie sind die wahren St\u00e4nker! Wenn man liest, was f\u00fcr ein Entsetzen sie verbreiten k\u00f6nnen, sobald sie sich nur zeigen, begreift man erst, was eine echte Stinkdr\u00fcse besagen will. Die meisten Leser werden irgend Etwas \u00fcber die amerikanischen Stinkthiere erfahren haben, w\u00e4hrend wohl nur wenige zwei andere Thiere kennen, welche ebenfalls einen geradezu sinnbet\u00e4ubenden und Ohnmacht erregenden Geruch verbreiten. Es sind Dies die ostindischen Stinkdachse, welche einer eigenen Sippe (Midaus) zugeh\u00f6ren. Die Thiere haben die plumpe Dachsgestalt mit echter Schweins-","page":502},{"file":"p0503.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung Beider.\n503\nschnauze und kurzen Beinen und F\u00fc\u00dfen mit f\u00fcnf verwachsenen Zehen, welche gewaltige Krallen tragen, namentlich an den Vorderf\u00fc\u00dfen, wo jene noch einmal so lang sind, als an den Hinteren: der Schwanz ist noch k\u00fcrzer, als der des Dachses; im \u00fcbrigen \u00e4hneln unsere Thiere dem uns bekannten Murrkopf fast vollkommen im Leibesbau und in der Lebensweise. Ihr Gebi\u00df ist stark, aber ziemlich stumpf; Dies zeigt sich zumal an den Fleischz\u00e4hnen. Es weist also auf gemischte Nahrung hin. In der Aster-gegend ist keine Dr\u00fcsentasche vorhanden, dagegen befinden sich neben dem Aster Absonderungsdr\u00fcsen, welche an der Mastdarmm\u00fcndung durch einen besonders entwickelten Ringmuskel sehr stark zusammengepre\u00dft werden, um damit die in ihnen enthaltene Fl\u00fcssigkeit gewaltsam hervorspritzen zu k\u00f6nnen.\nDie Nahrung der Stinkdachse besteht aus Gew\u00fcrme aller Art und aus Wurzelwerk, welches sie aus dem lockern Boden mit ihrem R\u00fcssel aufw\u00fchlen. Wohl nur zuf\u00e4llig fangen sie ein warmbl\u00fctiges Thier. In der Gefangenschaft ziehen sie Brod, Fr\u00fcchte und \u00fcberhaupt Pflanzenkost dem frischen Fleisch entschieden vor.\nDie bekannteste Art dieser Sippe ist der Stinkdachs (Midaus meliceps), Teladu und Te-lagon von den Indiern, Tellego von den Bewohnern Sumatras genannt, und damit als Das\nDer Stinkdachs (Midaus meliceps).\nbezeichnet, was er ist, als ein St\u00e4nker erster Sorte. Er ist ein kleiner, kaum mardergro\u00dfer Dachs mit \u00e4u\u00dferst kurzem, aber langbehaartem Schwanzstummel. Seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt 14 Zoll, die L\u00e4nge des Schwanzes ^Zoll, die H\u00f6he am Widerrist \u00f6st^Zoll. Die F\u00e4rbung ist ein gleichartiges Dunkelbraun, mit Ausnahme des Hinterhauptes und Nackens. Ein wei\u00dfer Streifen verl\u00e4uft l\u00e4ngs des R\u00fcckens bis zur Spitze des kurzen Schwanzes. Die Unterseite des Leibes ist lichter, als die obere. Der dichte, lange Pelz besteht aus seidenweichem Woll- und grobem Grannenhaar und deutet darauf hin, da\u00df das Thier mehr in k\u00e4lteren Gegenden, in H\u00f6hen, lebt. Besonders lang ist das Haar an den Seiten und auf dem Nacken. Hier bildet es eine Art von M\u00e4hne.\nDer Reisende und Naturforscher Th. Horsfiel^ hat uns zuerst mit der Lebensweise des eigenth\u00fcmlichen Gesch\u00f6pfes bekannt gemacht. Der Stinkdachs ist nicht blos hinsichtlich seiner Gestalt, sondern auch hinsichtlich seiner Heimat ein sehr merkw\u00fcrdiges Thier. Er ist ausschlie\u00dflich auf H\u00f6hen beschr\u00e4nkt, welche mehr als 7000 Fu\u00df \u00fcber dem Meere liegen; dort kommt er ebenso regelm\u00e4\u00dfig vor, wie gewisse Pflanzen. Alle Gebirgsbewohner kennen ihn und seine Eigenth\u00fcmlichkeiten; in der Tiefe wei\u00df man von ihm ebensowenig, als von einem fremdl\u00e4ndischen Gesch\u00f6pf. In Batavia, Samarang oder Surabaya w\u00fcrde man vergeblich nach ihm fragen. Die langgestreckten Gebirge der Inseln, welche mit so vielen Spitzen in jene H\u00f6hen ragen, geben ihm herrliche Wohnorte. Man baut auf den Hochebenen","page":503},{"file":"p0504.txt","language":"de","ocr_de":"504\tDie Raubthiere. Marder. \u2014 Stinkdachs. Balisaur. \u2014 Stinkthiere.\neurop\u00e4isches Korn, Kartoffeln, Tabak u. s. w., und diese Pflanzen dienen ihm denn auch zur haupts\u00e4chlichsten Nahrung. Seinen Bau legt er in geringer Tiefe unter der Oberfl\u00e4che der Erde an, aber mit gro\u00dfer Vorsicht und mit viel Geschick. Wenn er einen Ort gefunden hat, welcher durch die langen und starken Wurzeln der B\u00e4ume besonders gesch\u00fctzt ist, scharrt er sich hier zwischen den Wurzeln eine H\u00f6hle aus und baut sich unter dem Baum einen Kessel von Kugelgestalt, welcher mehrere Fu\u00df im Durchmesser hat und vollkommen glatt und regelm\u00e4\u00dfig ausgearbeitet wird. Von hier aus f\u00fchren R\u00f6hren von etwa sechs Fu\u00df L\u00e4nge nach der Oberfl\u00e4che und zwar nach verschiedenen Seiten hin; die Ausm\u00fcndungen dieser R\u00f6hren verbirgt er gew\u00f6hnlich mit Zweigen oder trockenem Laube. W\u00e4hrend des Tages verweilt er, wie ein Dachs, versteckt in seinem Bau; nach Einbruch der Nacht aber beginnt er Jagd auf Larven aller Art und auf W\u00fcrmer, zumal Regenw\u00fcrmer, welche in der fruchtbaren Dammerde in au\u00dferordentlicher Menge vorkommen. Die Regenw\u00fcrmer w\u00fchlt er sich, wie ein Schwein, aus der Erde und richtet deshalb h\u00e4ufig gro\u00dfen Schaden in den Feldern an.\nAlle Bewegungen des Stinkdachses sind langsam, und er wird deshalb \u00f6fters von den Eingeborenen gefangen, welche sich keineswegs vor ihm f\u00fcrchten, sondern sogar sein Fleisch essen.\nHorsfield beauftragte w\u00e4hrend seines Aufenthalts in den Gebirgen von Prahu die Leute, ihm behufs seiner Untersuchungen Stinkdachse zu verschaffen, und die Eingeborenen brachten ihm dieselben in solcher Menge, da\u00df er bald keinen einzigen mehr annehmen konnte. \u201eIch wurde versichert,\" sagt dieser Forscher, \u201eda\u00df das Fleisch des Teladu sehr wohlschmeckend w\u00e4re; man m\u00fcsse das Thier nur rasch tobten und sobald als m\u00f6glich die Stinkdr\u00fcsen entfernen, welche dann ihren h\u00f6llischen Geruch dem \u00fcbrigen K\u00f6rper noch nicht mittheilen konnten. Mein indischer J\u00e4ger erz\u00e4hlte mir auch, da\u00df der Stinkdachs seinen Stinksaft h\u00f6chstens auf zwei Fu\u00df Entfernung spritzen k\u00f6nne. Die Fl\u00fcssigkeit selbst ist klebrig; ihre Wirkung beruht auf ihrer leichten Versl\u00fcchtigungsf\u00e4higkeit, welche unter Umst\u00e4nden die ganze Nachbarschaft eines Dorfes verpesten kann und in der n\u00e4chsten N\u00e4he so heftig ist, da\u00df einzelne Leute geradezu in Ohnmacht fallen, wenn sie dem Geruch nicht ausweichen k\u00f6nnen. Dw verschiedenen Stinkthiere in Amerika unterscheiden sich von unserm Teladu blos durch die F\u00e4higkeit, ihren Saft weiter zu spritzen.\"\n\u201eDer Stinkdachs ist sanft und mild in seinem Wesen und kann, wenn man ihn jung einf\u00e4ngt, sehr leicht gez\u00e4hmt werden. Einer, welchen ich gefangen hatte und lange Zeit bei mir hielt, bot mir Gelegenheit, sein Wesen zu beobachten. Er wurde sehr bald liebensw\u00fcrdig, erkannte seine Lage und seinen W\u00e4rter und kam niemals in so gro\u00dfen Zorn, da\u00df er seinen Pestdunst losgelassen h\u00e4tte. Ich brachte ihn mit mir von den Gebirgen Prahu's nach Blederan, einer Ortschaft am Fu\u00dfe dieses Gebirges, wo die W\u00e4rme bereits viel gr\u00f6\u00dfer ist, als in der H\u00f6he. Um eine Zeichnung von ihm anzufertigen, wurde er an einen kleinen Pfahl gebunden. Er bewegte sich sehr rasch und w\u00fchlte den Grund mit seiner Schnauze und seinen N\u00e4geln auf, als wolle er Futter suchen, ohne den Nebenstehenden die geringste Beachtung zu schenken oder heftige Kraftanstrengungen zu seiner Befreiung zu machen. Einen Regenwurm, welcher ihm gebracht wurde, verspeiste er gierig, das eine Ende desselben mit dem Fu\u00dfe haltend, w\u00e4hrend er das andere hinterfra\u00df. Nachdem er ungef\u00e4hr zehn bis zw \u00f6l W\u00fcrmer gefressen hatte, wurde er ruhig und machte sich jetzt eine kleine Grube in die Erde, in welcher er seine Schnauze versteckte. Dann streckte er sich bedachtsam aus und war wenige Augenblicke sp\u00e4ter in Schlaf versunken.\"\nEinen eigentlichen Schaden verursacht der Stinkdachs nur dann, wenn er bei seinen W\u00fchlereien in den Pflanzungen die Wurzeln der B\u00e4ume bloslegt oder kleine Pflanzen aushebt. Unangenehm wird er durch seinen Gestank blos Dem, welcher ihn unn\u00f6thig reizt und dadurch zur Entleerung seiner f\u00fcrchterlichen Dr\u00fcsen bestimmt.\nDie zweite Art des Stinkdachses ist der Balisaur (Midaus collaris.) Er bewohnt die Gebirge von Butan und Hindostan und unterscheidet sich von seinen indischen Verwandten haupts\u00e4chlich durch den langen, sp\u00e4rlich behaarten Schwanz. Der fast nackte Bauch, das kurze Kopfhaar, der rauhe, dicke","page":504},{"file":"p0505.txt","language":"de","ocr_de":"Horsfields Schilderung des Stinkdachses. Beschreibung der Stinkthiere und ihrer Waffe. 505\nPelz zeichnen ihn noch au\u00dferdem aus. Seine Grundf\u00e4rbung ist ein ziemlich dunkeles Grau; die einzelnen Haare sind gelblichwei\u00df und schwarzspitzig. An den Kopfseiten verlaufen zwei schwarze Binden; die Kehle ist gelb und die Pfoten sind schwarz. Seine K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt blos einen Fu\u00df, die des Schwanzes etwa halbsoviel.\nAbweichend von dem Vorigen, legt er in der Gefangenschaft sein Wesen nicht ab, sondern bleibt immer zornig und heftig. Sobald ihn ein Hund im Freien \u00fcberrascht, grunzt er und str\u00e4ubt sein R\u00fcckenhaar, hebt sich dann zum Angriffe auf die Hinterbeine und h\u00e4lt die scharfen Krallen und Z\u00e4hne zur Vertheidigung bereit, hierdurch selbst dem w\u00fcthendsten Hunde Achtung einfl\u00f6\u00dfend. Er ist tr\u00e4ge und stumpfsinnig und verbringt den ganzen Tag schlafend. Erst mit der Nacht beginnt er seine Raubz\u00fcge.\nAlle Berichte von amerikanischen Reisenden und Naturforschern stimmen darin \u00fcberein, da\u00df die eigentlichen Stinkthiere (Mephitis) die eben genannten Verwandten und Gesinnungsgenossen noch weit \u00fcbertreffen. Wir sind nicht im Stande, die Wirkung der Dr\u00fcsenabsonderung dieser Thiere uns geh\u00f6rig ausmalen zu k\u00f6nnen. Keine K\u00fcche eines Scheidek\u00fcnstlers, keine Senkgrube, kein Aasplatz, kurz, kein Gestank der Erde soll an Heftigkeit und Unleidlichkeit dem gleichkommen, welchen die \u00e4u\u00dferlich so zierlichen Stinkthiere zu verbreiten und auf Wochen und Monate hin einem Gegenst\u00e4nde einzupr\u00e4gen verm\u00f6gen. Man bezeichnet den Gestank mit dem Ausdruck \u201ePestgeruch\"; denn wirklich wird Jemand, welcher das Ungl\u00fcck hatte, mit einem Stinkthier in n\u00e4here Ber\u00fchrung zu kommen, von Jedermann gemieden, wie ein mit der Pest Behafteter. Die Stinkthiere sind trotz ihrer geringen Gr\u00f6\u00dfe so gewaltige und m\u00e4chtige Feinde des Menschen, da\u00df sie Denjenigen, welchen sie mit ihrem furchtbaren Saft bespritzten, geradezu aus der Gesellschaft verbannen und ihm selbst eine Strafe auferlegen^ welche so leicht von keiner andern \u00fcbertrofsen werden d\u00fcrfte. Sie sind f\u00e4hig, ein ganzes Haus unbewohnbar zu machen und ein ganzes Vorrathsgew\u00f6lbe, gef\u00fcllt mit den kostbarsten Stoffen, vollkommen zu entwerthen. Mehr brauche ich wohl nicht \u00fcber diese Thiere zu sagen, um ihnen die Theilnahme meiner Leser, wenn auch nicht im guten Sinne, zu sichern.\nDie Stinkthiere unterscheiden sich von den Dachsen durch den gestreckten, marderartigen Leib mit langem, buschigen Schwanz, durch die kleinen, halb nackten Pfoten und die schwarze F\u00e4rbung mit wei\u00dfen L\u00e4ngsstreifen. Die Schnauze ist sehr gestreckt und spitzig; die Beine sind niedrig und die f\u00fcnf Zehen an beiden F\u00fc\u00dfen mit starken, langen Grabkrallen versehen. Hinsichtlich des Zahnbaues zeigen sie noch gro\u00dfe Aehnlichkeit mit den Dachsen. Ihre Stinkdr\u00fcsen sind von bedeutender Gr\u00f6\u00dfe und \u00f6ffnen sich innen in dem Mastdarme. Durch einen besondern Muskel k\u00f6nnen sie zusammengezogen werden. Das Thier vermag, jenachdem der Druck schw\u00e4cher oder st\u00e4rker ist, seinen Pestsaft von zwei bis auf sechs, ja acht Fu\u00df weit von sich zu spritzen. Dieser f\u00fcrchterliche Saft ist bei \u00e4lteren Thieren und bei M\u00e4nnchen st\u00e4rker, als bei Jungen und bei Weibchen, und seine Wirkung steigert sich w\u00e4hrend der Begattungszeit.\nAlle eigentlichen Stinkthiere sind Bewohner Amerikas und zwar ebensowohl des Nordens als des S\u00fcdens. Bei Tage liegen sie in hohlen B\u00e4umen, in Felsenspalten und in Erdh\u00f6hlen, welche sie sich selbst graben, versteckt; nachts werden sie munter und springen und H\u00fcpfen h\u00f6chst beweglich hin und her, um Beute zu machen. Ihre gew\u00f6hnliche Nahrung besteht in W\u00fcrmern, Kerbthieren, Lurchen, V\u00f6geln und S\u00e4ugethieren; doch fressen sie auch Beeren und Wurzeln. Nur wenn sie gereizt werden oder sich verfolgt sehen und deshalb in Angst gerathen, gebrauchen sie ihre sinnbet\u00e4ubende Dr\u00fcsenabsonderung zur Abwehr gegen Feinde, und wirklich besitzen sie in ihrer stinkenden Fl\u00fcssigkeit eine Waffe, wie kein anderes Thier. Sie halten selbst die blutd\u00fcrstigsten und raubgierigsten Katzen n\u00f6thigenfalls in der bescheidensten Entfernung, und nur in sehr scharfen Hunden, welche, nachdem sie bespritzt worden sind, gleichsam mit Todesverachtung sich auf sie st\u00fcrzen, finden sie Gegner. Abgesehen von dem Pestgestanke, welchen sie zu verbreiten wissen, sind sie dem Menschen nicht eben sch\u00e4dlich; ihre Dr\u00fcsenabsonderung aber macht sie entschieden zu den von Allen am meisten geha\u00dften Thieren.","page":505},{"file":"p0506.txt","language":"de","ocr_de":"506\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Chinga.\nSchon w\u00e4hrend der Vorzeit waren Stinkthiere \u00fcber Brasilien verbreitet, nnd gegenw\u00e4rtig sind sie noch in ganz Amerika keineswegs seltene Erscheinungen. Die vielen Arten, welche man unterschieden hat, sind wahrscheinlich auf einige wenige zur\u00fcckzuf\u00fchren, weil alle neueren Beobachter darin \u00fcbereinstimmen, da\u00df sie s\u00e4mmtlich hinsichtlich ihrer F\u00e4rbung au\u00dferordentlich ab\u00e4ndern. Neuere Naturforscher ordnen sie in zwei Untersippen, welche sich haupts\u00e4chlich durch den Zahnbau und die behaarten oder nackten Sohlen unterscheiden.\nUnserem Zweck gen\u00fcgt es vollkommen, wenn wir das Leben und Treiben einer der bekanntesten Arten, der Chinga (Mepliitis Chinga), betrachten.\nDieses Thier ist ungef\u00e4hr von der Gr\u00f6\u00dfe einer Hauskatze, hat einen kleinen, breiten Kopf, eine spitze Schnauze mit nackter Nase und kurze zugerundete Ohren, einen nicht besonders gestreckten Leib und einen dicht- und lang behaarten, deshalb l\u00e4nger, als er wirklich ist, erscheinenden Schwanz. Die L\u00e4nge des Leibes betr\u00e4gt etwas \u00fcber einen Fu\u00df, die des Schwanzes etwa die H\u00e4lfte, w\u00e4hrend die H\u00f6he am Widerrist sich auf f\u00fcnf und einen halben Zoll bel\u00e4uft. Der gl\u00e4nzende Pelz hat Schwarz zur Grundfarbe. Von der Nase zieht sich ein einfacher, schmaler, wei\u00dfer Streifen zwischen den Augen hindurch, erweitert sich auf der Stirn zu einem rautenf\u00f6rmigen Flecken, verbreitet sich noch mehr auf dem Halse und geht endlich in eine Binde \u00fcber, welche sich am Widerrist in zwei breite Streifen theilt, die bis zu dem Schwanzende fortlaufen und dort sich wieder vereinigen. Am Halse, an der Schultergegend, an der Au\u00dfenseite der Beine, seltener auch an der Brust und am Bauche treten kleine, wei\u00dfe Flecken hervor. Ueber den Schwanz ziehen sich entweder zwei breite, wei\u00dfe L\u00e4ngsstreifen, oder er erscheint unregelm\u00e4\u00dfig aus Schwarz und Wei\u00df gemischt.\nDie Chinga ist wegen der r\u00fccksichtslosen Beleidigung eines unserer empfindlichsten Sinneswerkzeuge schon seit langer Zeit wohlbekannt geworden und macht noch heut zu Tage fast in allen Reisebeschreibungen von sich reden. Ihr Verbreitungskreis ist ziemlich ausgedehnt; am h\u00e4ufigsten wird sie in der N\u00e4he der Hudsonsbay gefunden, von wo aus sie sich nach dem Norden hin verbreitet. Im S\u00fcden findet sie vollkommen ebenb\u00fcrtige Genossen, welche sie in jeder Hinsicht ersetzen. Ihre Aufenthaltsorte sind h\u00f6her gelegene Gegenden, namentlich Geh\u00f6lze und W\u00e4lder l\u00e4ngs der Flu\u00dfufer, oder auch Felfengegenden, in deren Spalten und H\u00f6hlen sie wohnt.\nDer Erste, welcher eine ausf\u00fchrlichere Beschreibung des Stinkthieres giebt, ist Kalm. \u201eDas Thier\", sagt er, \u201eist wegen einer besondern Eigenschaft bekannt. Wird es von Hunden oder Menschen gejagt, so l\u00e4uft es Anfangs so schnell, als es kann, oder klettert auf einen Baum; findet es keinen Ausweg mehr, so wendet es noch ein Mittel an, welches ihm \u00fcbrig ist; es spritzt seinen Feinden seinen Harn entgegen, und zwar auf gro\u00dfe Entfernung. Einige Leute haben mir erz\u00e4hlt, da\u00df ihnen von diesem sch\u00e4ndlichen Safte das Gesicht ganz bespritzt worden w\u00e4re, obwohl sie noch gegen achtzehn Fu\u00df davon entfernt gewesen seien. Diese Feuchtigkeit hat einen so unertr\u00e4glichen Gestank, da\u00df kein schlimmerer' gedacht werden kann. Ist Jemand dem Thiere zur Zeit des Ausspritzens nahe, so kann er wohl kaum Athem holen, und es ist ihm sp\u00e4ter zu Muthe, als wenn er ersticken sollte. Ja, kommt dieser Pestsaft in die Augen, so l\u00e4uft man Gefahr, das Gesicht zu verlieren, und aus Kleidern ist der Geruch fast gar nicht wieder herauszubringen, man mag sie waschen, so oft man will. Viele Hunde laufen davon, sobald sie der Gu\u00df trifft, richtige F\u00e4nger h\u00f6ren aber nicht eher auf, dem Fl\u00fcchtigen nachzusetzen, als bis sie ihn todt gebissen haben. Sie reiben jedoch ihre Schnauze auf der Erde, um den Gestank einigerma\u00dfen zu vertreiben.\"\n\u201eDer widrige Geruch geht selten vor einem Monat aus den Kleidern; doch verlieren sie das Meiste davon, wenn man sie vier und zwanzig Stunden lang mit Erde bedeckt. Auch die Hand und das Gesicht mu\u00df man wenigstens eine Stunde mit Erde reiben, weil das Waschen Nichts hilft. Als ein angesehener Mann, der unvermuthet gespritzt wurde, sich in einem Hause waschen wollte, schlo\u00df man die Th\u00fcre und die Leute liefen davon. Bespritzte Hunde l\u00e4\u00dft man Tage lang in kein Haus. Wenn man in einem Walde reiset, mu\u00df man sich oft lange Zeit die Nase zuhalten, falls das Thier an","page":506},{"file":"p0507.txt","language":"de","ocr_de":"Beispiele unerfreulicher Begegnung mit dem Chinga.\n507\neiner Stelle seinen Pestgeruch verbreitet hat. Ich schlief einmal auf einem Hofe, wo ein Lamm get\u00f6dtet lag, und es schlich sich solch ein Thier heran; der Hund sah und verjagte es. Da entstand pl\u00f6tzlich ein solcher Gestank, da\u00df ich glaubte, ersticken zu m\u00fcssen; sogar die K\u00fche bl\u00f6kten aus vollem Halse. Die K\u00f6chin bemerkte, da\u00df verschiedene Tage nacheinander das Fleisch im Keller benascht worden war; sie versperrte deshalb alle Zug\u00e4nge, um die Katzen abzuhalten. Allein in der folgenden Nacht h\u00f6rte sie einen L\u00e4rm in dem Keller und ging deshalb hinab. Da sah sie ein Thier mit feurigen Augen, welches sie ganz ruhig zu erwarten schien. Sie fa\u00dfte sich jedoch ein Herz und schlug es tobt. Pl\u00f6tzlich aber entstand solch ein abscheulicher Gestank, da\u00df sie einige Tage krank wurde und man alle E\u00dfwaareu im Keller sammt Brod und Fleisch wegwerfen mu\u00dfte.\"\nDas Stinkthier ist sich seiner furchtbaren Waffe so wohl bewu\u00dft, da\u00df es keineswegs scheu oder feig ist. Alle seine Bewegungen sind langsam. Es kann weder springen, noch klettern, sondern nur gehen und h\u00fcpfen. Beim Gehen tritt es fast mit der ganzen Sohle auf, w\u00f6lbt den R\u00fccken und tr\u00e4gt den Schwanz nach abw\u00e4rts gerichtet. Ab und zu w\u00fchlt es in der Erde oder schn\u00fcffelt nach irgend etwas Genie\u00dfbarem herum. Trifft man nun zuf\u00e4llig auf das Thier, so bleibt es ganz ruhig stehen, hebt den Schwanz auf, dreht sich herum und spritzt den Saft gerade von sich.\n\u201eAls mein Sohn,\" so erz\u00e4hlt Siedhof, \u201eeines Abends langsam im Freien herumging, kam pl\u00f6tzlich ein Stinkthier auf ihn los und bi\u00df sich in seinen Beinkleidern fest. Er sch\u00fcttelte es mit M\u00fche ab und t\u00f6dtete es durch einen Fu\u00dftritt. Als er aber nach Hause kam, verbreitete sich von seinen durch das gef\u00e4hrliche Thier benetzten Kleidern ein so durchdringender, abscheulicher Knoblauchsgeruch, da\u00df augenblicklich das ganze Haus erf\u00fcllt wurde, die befreundeten Familien, welche gerade zu Besuch anwesend waren, sofort davonliefen und die Einwohner, welche nicht fl\u00fcchten konnten, sich erbrechen mu\u00dften. Alles R\u00e4uchern und L\u00fcften half Nichts; selbst nach einem Monate war der Geruch noch zu sp\u00fcren. Die Stiefel rochen, so oft sie warm wurden, noch vier Monate lang, trotzdem sie in den Rauch geh\u00e4ngt und mit Chlorwasser gewaschen wurden. Das Ungl\u00fcck hatte sich im Dezember ereignet. Das Thier war im Garten vergraben worden, aber noch im n\u00e4chsten August konnte man seine Ruhest\u00e4tte durch den Geruch auffinden.\"\nAuch Audubon erfuhr die Furchtbarkeit des Stinkthieres an sich selbst. \u201eDieses kleine, niedliche, ganz unschuldig aussehende Thierchen,\" sagt er, \u201eist doch im Stande, jeden Prahlhans auf den ersten Schu\u00df in die Flucht zu schlagen, so da\u00df er mit Jammergeschrei Rei\u00dfaus nimmt. Ich selbst habe einmal, als kleiner Schulknabe, so ein Ungl\u00fcck erlitten.\"\n\u201eDie Sonne war eben untergegangen. Ich ging mit einigen Freunden langsam meinen Weg. Da sahen wir ein allerliebstes, utzs ganz unbekanntes Thierchen, welches gem\u00fcthlich herumschlich, dann stehen blieb und uns ansah, als warte es, wie ein alter Freund, um uns Gesellschaft zu leisten. Das Ding sah gar zu unschuldig und niedlich aus, und es hielt seinen buschigen Schwanz hoch empor, als wolle es daran gefa\u00dft und in unseren Armen nach Hause getragen sein. Ich war ganz entz\u00fcckt, griff voller Seligkeit zu \u2014 und patsch! da scho\u00df das H\u00f6llenvieh seinen Teufelssaft in die Nase, in den Mund, in die Augen. Vom Donner ger\u00fchrt, lie\u00df ich das Ungeheuer fallen und nahm in Todesangst Rei\u00dfaus.\"\nFr\u00f6bel h\u00f6rte einmal ein Ger\u00e4usch hinter sich und bemerkte, als er sich umwandte, das ihm unbekannte Stinkthier, welches, als er sich nach ihm hinkehrte, augenblicklich zu knurren begann, mit dem Fu\u00dfe stampfte und, sobald er seinen Stock ergriff, ihm Kleider, Gesicht und Haare mit seiner entsetzlichen Fl\u00fcssigkeit bespritzte. Voller Wuth schlug er das Thier todt, eilte \u00fcber den Platz und wollte dem Hause zu, verursachte aber allgemeine Furcht. Die Th\u00fcr wurde verrammelt, und nur aus dem Fenster rief man ihm guten Rath zu. Wasser, Seife, k\u00f6lnisches Wasser half Nichts; endlich wurde ein kr\u00e4ftiges Feuer angebrannt, und der arme, verst\u00e4nkerte Reisende legte die ihm von einem Ansiedler geborgten Kleider an und r\u00e4ucherte die bespritzten, nebst Gesicht und Haar, im dichten Qualm einige Stunden lang, worauf dann wirklich der Geruch verschwand.\nZuweilen greift das Thier auch ganz ungereizt an, jedenfalls aber blos dann, wenn es glaubt,","page":507},{"file":"p0508.txt","language":"de","ocr_de":"508\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Stinkthiere. Bandiltis.\ngereizt worden zu sein. So wurde ein an einem Zaune dahinlaufendes Stinkthier durch eine vorbeifahrende Kutsche erschreckt, versuchte zu fliehen, kam aber nicht gleich durch den Zaun und spritzte jetzt seinen ganzen Saft gegen die Kutsche, an welcher ungl\u00fccklicher Weise die Fenster offen standen. Eine geh\u00f6rige Ladung drang in das Innere und dort verbreitete sich dann augenblicklich ein so f\u00fcrchterlicher Gestank, da\u00df mehrere von den mitfahrenden Damen sofort in Ohnmacht fielen.\nDie in S\u00fcdamerika lebenden Stinkthiere unterscheiden sich, was die G\u00fcte ihres Pestsaftes anlangt, durchaus nicht von den nordamerikanischen. Azara fand ein Stinkthier in Paraguay, wo es Jaguare, zu deutsch \u201estinkender Hund\" genannt wird, und berichtet, da\u00df es im Freien von Kerfen, Eiern und V\u00f6geln lebt, und sowohl bei Tage als bei Nacht still umherschleicht. Es ergreift niemals die Flucht, nicht einmal vor dem Menschen. Sobald es bemerkt, da\u00df man ihm nachstellt, macht es Halt, str\u00e4ubt sein Haar, hebt den Schwanz in die H\u00f6he, wartet, bis man nahe gekommen ist, dreht sich pl\u00f6tzlich um und schie\u00dft los. Selbst der Jaguar soll augenblicklich zur\u00fcckweichen, wenn, er eine geh\u00f6rige Ladung von dem teuflischen Gestank bekommt, und vor Menschen und Hunden ist das Thier fast ganz gesichert. Selbst nach zwanzigmaligem Waschen bleibt der Gestank noch so stark, da\u00df er das ganze Haus erf\u00fcllt. Ein Hund, welcher acht Tage vorher bespritzt und mehr als zwanzig Mal gewaschen und noch \u00f6fter mit Sand gerieben worden war, verpestete eine H\u00fctte noch derartig, da\u00df man es nicht in ihr aushalten konnte. Azara glaubt, da\u00df man den Gestank wohl eine halbe englische Meile weit riechen k\u00f6nne.\nUngeachtet des abscheulichen Geruches ist das Stinkthier doch n\u00fctzlich. Aus seinem Pelze machen sich die Indianer weiche und sch\u00f6ne Decken, welche man tr\u00e4gt, obgleich sie sehr schlecht riechen. Um es zu fangen, gebrauchen dieselben eine eigene List. Sie n\u00e4hern sich ihm mit einer langen Gerte und reizen es damit, bis es wiederholt seine Dr\u00fcsen entleert hat; hierauf springen sie pl\u00f6tzlich zu und heben es beim Schw\u00e4nze empor. In dieser Lage soll es dann nicht weiter spritzen k\u00f6nnen und somit ganz gefahrlos sein. Ein einziger Schlag auf die Nase tobtet es augenblicklich. Dann werden die Dr\u00fcsen ausgeschnitten und die Indianer essen das Fleisch ohne Umst\u00e4nde. Aber auch Europ\u00e4er n\u00fctzen das Thier, und zwar das Allerf\u00fcrchterlichste von ihm, n\u00e4mlich die stinkende Fl\u00fcssigkeit selbst. Sie wird in derselben Weise gebraucht, wie unsere Damen wohlriechende W\u00e4sser anwenden, als nervenst\u00e4rkendes Mittel. Aber da der Aberglaube in Amerika noch etwas st\u00e4rker ist, als bei uns in Deutschland, so glaubt man, wunder welch ein vortreffliches Mittel erhalten zu haben, wenn man stinkende Fl\u00fcssigkeit sich vor die Nase h\u00e4lt. Da\u00df dabei Unannehmlichkeiten mancherlei Art vorkommen k\u00f6nnen, zumal in Gesellschaft, ist leicht zu erkl\u00e4ren. So erz\u00e4hlt man, da\u00df ein Geistlicher einmal w\u00e4hrend der Predigt sein Fl\u00e4schchen herausgezogen habe, um seine Nerven zu st\u00e4rken, die Riechnerven seiner and\u00e4chtigen Zuh\u00f6rer dabei aber dergestalt erregte, da\u00df die gesammte Versammlung augenblicklich aus der Kirche hinausst\u00fcrmte, gleichsam als w\u00e4re der Teufel, den der w\u00fcrdige Diener-Gottes mit ebensoviel Achtung, als Liebe vorher behandelt hatte, leibhaftig zwischen den frommen Schafen erschienen, und zwar mit allem Pomp und allen h\u00f6llischen Wohlger\u00fcchen, welche ihm als F\u00fcrsten der Unterwelt zukommen.\nEs ist noch nicht ausgemacht, ob die Stinkthiere auch einander anspritzen, und es w\u00e4re jedenfalls wichtig, Dies genau zu erfahren. Freilich finden wir, da\u00df die Ger\u00fcche, welche ein Thier verbreitet, ihm gew\u00f6hnlich durchaus nicht l\u00e4stig fallen, ja sogar gewisserma\u00dfen wohlriechend erscheinen: Dem ungeachtet w\u00e4re es doch m\u00f6glich, da\u00df ein Stinkthierm\u00e4nnchen durch eine geh\u00f6rige Ladung Pestsaft von einem von ihm verfolgten Weibchen hinl\u00e4nglich abgeschreckt werden k\u00f6nnte.\nIn der Gefangenschaft entleeren die Stinkthiere ihre Dr\u00fcsen nicht, wahrscheinlich, weil man sich sorgf\u00e4ltig h\u00fctet, sie zu reizen. Sie werden nach kurzer Zeit sehr zahm und gew\u00f6hnen sich gewisserma\u00dfen an ihren Pfleger, obgleich sie anfangs mit dem Hintertheil vorangehen, den Schwanz in die H\u00f6he gerichtet, um ihr Gesch\u00fctz zum Losbrennen immer bereit zu halten. Nur durch Schlagen oder sehr starke Be\u00e4ngstigung sollen sie veranla\u00dft werden, von ihrem Vertheidigungsmittel Gebrauch zu machen. Heu ist ihr liebstes Lager. Sie machen sich ein ordentliches Bettchen und rollen sich dann","page":508},{"file":"p0509.txt","language":"de","ocr_de":"Fang und Benutzung der Stinkthiere.\n509\nwie eine Kugel zusammen. Nach dem Fressen putzen sie sich die Schnauze mit den Vorderf\u00fc\u00dfen, denn sie sind reinlich und halten sich stets zierlich und glatt, legen auch ihren Unrath niemals in ihrem Lager ab. Man f\u00fcttert sie mit Fleisch; am liebsten fressen sie V\u00f6gel. Sie verzehren oft mehr, als sie verdauen k\u00f6nnen, und erbrechen sich dann gew\u00f6hnlich nach einer solchen Ueberladung. Ihre Gier ist aber immer noch so gro\u00df, da\u00df sie das Erbrochene wieder auffressen, wie es die Hunde auch thun. Bei reichlicher Nahrung schlafen sie den ganzen Tag und gehen erst des Abends herum, selbst wenn sie keinen Hunger haben. Ein gefangenes Stinkthier bleibt jedoch unter allen Umst\u00e4nden ein ungem\u00fcthlicher Gesellschafter, weil er in einem Augenblicke schlechter Laune dem Menschen immer noch geh\u00f6rig zu schaffen machen kann.\nDas Stinkthier (Mephitis Humboldt\u00bb).\nUnsere Zeichnung stellt ein s\u00fcdamerikanisches Stinkthier dar, welches Gray, zu Ehren unsers erhabenen Landsmannes, Mephitis Humboldtii benannte. Sie giebt die einzige Abbildung wieder, welche, meines Wissens wenigstens, nach dem Leben gemalt wurde. Da sie von einem der gr\u00f6\u00dften Thiermaler, von Josef Wolf herr\u00fchrt, brauche ich \u00fcber ihre Treue kein Wort zu verlieren.\nDen eigentlichen amerikanischen Stinkthieren sehr nahe verwandt sind die Bandiltisse (Rhab-dogale). Ihre \u00e4u\u00dfere Erscheinung, die starken Grabkrallen an den Vorderf\u00fc\u00dfen, die Stinkdr\u00fcsen, welche eine \u00e4u\u00dferst heftig stinkende Fl\u00fcssigkeit absondern, sind Eigenth\u00fcmlichkeiten, welche diese Thiere mit jenen gemein haben. Ihre Sohlen sind aber behaart, und der innere Bau und vor allem das","page":509},{"file":"p0510.txt","language":"de","ocr_de":"510\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Baudiltis. Honigdachs.\nGebi\u00df stimmt entschieden mit dem der Marder \u00fcberein. Man kennt nur eine Art dieser Sippe, den wohnlichen Bandiltis oder die Zorilla (Rhabdogale mustelina).\nLetzterer Name, welcher aus dem Spanischen stammt und soviel als F\u00fcchschen bedeutet, kommt \u00fcbrigens eigentlich einem wirklichen Stinkthiere zu, und deshalb ist der erstere vorzuziehen. Fr\u00fcher hielt man den Bandiltis allgemein f\u00fcr eine altweltliche Art der Stinkthiere, und erst die neueren Untersuchungen haben die Trennung von jenen bestimmt.\nDer Bandiltis ist ein mittelgro\u00dfes Marderthier, von 23 Zoll Leibes - und 912 Zoll Schwanzl\u00e4nge. Sein Leib ist lang, jedoch nicht sehr schlank, die Beine sind kurz und die Vorderf\u00fc\u00dfe mit langen, starken, ziemlich langen, aber stumpfen Krallen bewehrt. Der Kopf ist breit, die Schnauze r\u00fcsself\u00f6rmig verl\u00e4ngert; die Ohren sind kurz und zugerundet, die Augen mittelgro\u00df, mit l\u00e4ngs gespaltenem Stern. Der Schwanz ist ziemlich lang und buschig, der ganze Pelz ist dicht, lang. Seine Grundf\u00e4rbung ist ein gl\u00e4nzendes Schwarz mit mehreren wei\u00dfen Flecken und Streifen, welche mehr oder weniger ab\u00e4ndern. Zwischen den Augen befindet sich ein schmaler, wei\u00dfer Flecken, und ein andrer zieht sich von den Augen nach den Ohren hin. Beide stie\u00dfen aber zuweilen zusammen und bilden auf der Stirn ein einziges wei\u00dfes Band, welches nach der Schnauze zu in eine Schneppe ausl\u00e4dst. Auch die Lippen sind h\u00e4ufig schmal wei\u00dfges\u00e4umt. Der obere Theil des K\u00f6rpers ist nun sehr verschieden, aber immer nach einem gewissen Plane gezeichnet. Bei den einen zicht sich \u00fcber das Hinterhaupt eine breite, wei\u00dfe Querbinde, von welcher vier L\u00e4ngsbinden entspringen, die \u00fcber den R\u00fccken verlaufen, sich in der Mitte des Leibes verbreitern und durch drei schwarze Zwischenstreifen getrennt werden. Die beiden \u00e4u\u00dferen Seitenbinden vereinigen sich auf der Schwanzwurzel und setzen sich dann auf dem Schw\u00e4nze jederseits als wei\u00dfer Streifen fort. Bei anderen ist der ganze Hinterkopf und Nacken, ja selbst ein Theil des obern R\u00fcckens wei\u00df, und dann entspringen erst am Widerrist die drei dunklen Binden, die sich nun seitlich am Schw\u00e4nze noch fortsetzen. Der Schwanz selbst ist bald gefleckt und bald l\u00e4ngs gestreift.\nDer Bandiltis ist \u00fcber ganz Afrika verbreitet. Man hat ihn schon bis jetzt fast in allen L\u00e4ndern gefunden, welche einigerma\u00dfen durchforscht worden sind. Er geht selbst noch \u00fcber die Landenge von Suez weg und verbreitet sich in Kleinasien, ja er soll sogar bis in die N\u00e4he von Konstantinopel, selbstverst\u00e4ndlich nur auf der asiatischen Seite, gefunden werden. Felsige Gegenden bilden seinen Lieblingsaufenthalt. Hier lebt er entweder im Gekl\u00fcft oder in selbstgegrabenen L\u00f6chern unter B\u00e4umen und Geb\u00fcschen. Seine Lebensweise ist eine rein n\u00e4chtliche, und daher kommt es, da\u00df er im Ganzen doch nur selten gesehen wird. Ich z. B. habe w\u00e4hrend meines Aufenthalts in Afrika viel von dem \u201eVater des Gestankes\" reden h\u00f6ren, denselben aber niemals zu Gesicht bekommen. Die Berichte, welche ich erhielt, stimmen im Ganzen vollkommen mit der Beschreibung \u00fcberein, welche Kolbe gegeben hat. Dieser ist der Erste, welcher unser Thier erw\u00e4hnt. Es hei\u00dft bei den holl\u00e4ndischen Ansiedlern am Kap der guten Hoffnung \u201eStinkbinksem\" oder \u201egestreifter Maushund\" und macht beiden Bezeichnungen durch die That volle Ehre. Seine Nahrung besteht in kleinen S\u00e4ugethieren, namentlich in M\u00e4usen, kleinen V\u00f6geln und deren Eiern, in Lurchen und Kerbthieren. Dem Hausgefl\u00fcgel wird er nicht selten gef\u00e4hrlich. Er schleicht nach Marderart in die Bauernh\u00f6fe ein und richtet unter dem Hausgefl\u00fcgel entsetzlichen Schaden an.\nIn seinen Bewegungen \u00e4hnelt er den Mardern nicht, denn er ist weniger behend und kann eher tr\u00e4ge genannt werden, gerade so, wie die amerikanischen Stinkthiere es auch sind. Das Klettern versteht er nicht und auch vor dem Wasser hat er gro\u00dfe Scheu, obwohl er, wenn es sein mu\u00df, recht fertig schwimmt. Seiner abscheulichen Waffen bedient er sich ganz in derselben Weise, wie das Stink-thier. \u201eBefindet er sich auf einem Felde oder einer Wiese,\" sagt Kolbe, \u201eund bemerkt er, da\u00df sich ihm ein Hund oder ein wildes Thier n\u00e4hert, das ihn umbringen will, so spritzt er seinen Feinden einen so pestartigen Gestank entgegen, da\u00df sie genug zu thun haben, die Nase an der Erde und den B\u00e4umen abzureiben, um den Gestank nur einigerma\u00dfen wieder loszuwerden. N\u00e4hert sich ihm der Feind wieder oder kommt wohl noch ein zweiter hinzu, so schie\u00dft er zweimal auf die Gegner und giebt wieder einen","page":510},{"file":"p0511.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung, Lebensweise, Vertheidigung des Bandiltis.\u2014 Kennzeichnung des Honigdachses. 51]\nGestank von sich, welcher durchaus nicht besser ist, als der erste. Auf diese Weise vertheidigt er sich sehr tapfer gegen seine Widersacher. Nimmt ein J\u00e4ger den erschossenen Bandiltis in die Hand, so h\u00e4ngt sich ein solcher Gestank an dieselbe, da\u00df er ihn nicht los wird, selbst wenn er sich mit Seife w\u00e4scht. Daher l\u00e4\u00dft man ihn liegen, wenn man ihn geschossen hat. Denn wer nur einmal Etwas von diesem Gestanke bekommen hat, wird ihm gewi\u00df ein ander Mal von selbst aus dem Wege gehen und Ihn ungehindert sein Wesen treiben lassen.\"\nWie bei den Stinkthieren, sind auch bei dem Bandiltis haupts\u00e4chlich die M\u00e4nnchen die St\u00e4nker, und zwar ganz besonders in der Paarungszeit, wahrscheinlich weil dann ihr ganzes Wesen au\u00dferordentlich erregt ist. M\u00f6glich ist es auch, da\u00df das Weibchen die D\u00fcfte, welche uns entsetzlich vorkommen, ganz angenehm findet.\nUeber die Fortpflanzung unserer Thiere wei\u00df man nichts Sicheres. Dagegen ist es bekannt, da\u00df der Bandiltis am Vorgebirge der guten Hoffnung von einigen holl\u00e4ndischen Ansiedlern in ihren H\u00e4usern gehalten wird, um Ratten und M\u00e4use zu vertilgen. Man sagt, da\u00df er niemals einen h\u00f6hern\nDer Bandiltis (Rhabdogale mustelina).\nGrad von Z\u00e4hmung erreiche, sondern immer stumpfsinnig und gleichgiltig gegen Liebkosungen oder gute Behandlung bleibe. Die vielen Namen, welche der Bandiltis au\u00dfer dem genannten tr\u00e4gt, bezeichnen ihn in allen Sprachen als einen St\u00e4nker.\nNoch immer ist die Reihe der eigenth\u00fcmlichen und f\u00fcr h\u00f6her ausgebildete Geruchswerkzeuge so empfindlich wirkenden Thiere nicht geschloffen. Wir haben au\u00dfer den genannten zweier anderer Mitglieder unserer Familie zu gedenken, welche sich im Nothfalle ebenfalls durch Ausspritzen eines Pestsaftes zu helfen suchen, der Honigdachse oder Natels. Dieselben geh\u00f6ren einer besondern Sippe (Ratelus) an, deren Kennzeichen so ziemlich die der eigentlichen Dachse sind. Inde\u00df durch die fast g\u00e4nzlich fehlenden Ohrmuscheln und den Zahnbau, welcher wegen eines H\u00f6ckers am untern Kauzahn ausgezeichnet ist, durch die verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sehr gro\u00dfen Scharrn\u00e4gel, die wegen r\u00fcckw\u00e4rts gerichteter-Stachelwarzen rauh gemachte Zunge und durch andere f\u00fcr uns weniger wichtige Eigenth\u00fcmlichkeiten unterscheiden sich die Honigdachse hinl\u00e4nglich von den eigentlichen Dachsen und auch von","page":511},{"file":"p0512.txt","language":"de","ocr_de":"512\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Honigdachs.\nden \u00fcbrigen Mardern. In der Lebensweise haben beide Arten, welche man bis jetzt kennt, sehr viel Eigenth\u00fcmliches, und deshalb hat sich auch die Sage lebhaft mit ihnen besch\u00e4ftigt.\nEine Art der Honigdachse bewohnt das Vorgebirge der guten Hoffnung und Mittelafrika und wird vorzugsweise Honigdachs (Ratelus capensis) genannt. In der Gr\u00f6\u00dfe und Gestalt \u00e4hnelt dieser sehr den Dachsen. Sein Leib ist plumper, breit und flach, die Schnauze lang; die Ohren sind kurz, und eigentlich blos durch einen Rand \u00e4u\u00dferlich begrenzt, die Augen klein und tiefliegend, die Beine kurz und stark, nacktsohlig und die Zehen der Vorderf\u00fc\u00dfe mit langen Scharrkrallen versehen. Die Behaarung ist lang und straff, auf Stirne, Hinterkopf, Nacken, R\u00fccken, Schulter und Schnauze aschgrau, an der Schnauze, den Wangen, Ohren, Unterhals, Brust, Bauch und Beinen schwarzgrau gef\u00e4rbt, scharf von der oberen F\u00e4rbung abgegrenzt. Gew\u00f6hnlich scheidet ein hellgrauer Randstreifen die R\u00fcckenf\u00e4rbung von der untern, und dieser Streifen ist es haupts\u00e4chlich, welcher den afrikanischen Honigdachs von dem indischen unterscheidet. Die gr\u00f6\u00dfere Rauhheit des Pelzes, welche dem Letztern zukommt, ist nebens\u00e4chlich. Ein ausgewachsener Honigdachs erreicht 21/2 Fu\u00df Leibesl\u00e4nge und neun Zoll H\u00f6he am Widerrist; sein Schwanz ist fast einen Fu\u00df lang.\nDer Ratel lebt in selbstgegrabenen H\u00f6hlen unter der Erde und besitzt eine unglaubliche Fertigkeit, solche auszuscharren. Tr\u00e4ge, langsam und ungeschickt, wie er ist, to\u00fcrbe er seinen Feinden kaum entgehen k\u00f6nnen, wenn er nicht die Kunst verst\u00e4nde, sich f\u00f6rmlich in die Erde zu versenken, d. h. sich so rasch eine H\u00f6hle zu graben, da\u00df er unter der Erdoberfl\u00e4che verborgen ist, ehe ein ihm auf den Leib r\u00fcckender Feind nahe genug gekommen ist, um ihn zu ergreifen. Er f\u00fchrt eine halb n\u00e4chtliche Lebensweise und geht des Tages nur selten auf Raub aus. Auf unserm Iagdausfluge nach den Bogos-l\u00e4ndern wurde er zweimal gesehen, jedes Mal gegen Abend, noch ehe die Sonne niedergegangen war. Nachts dagegen streift er langsam und gem\u00e4chlich umher und stellt kleinen S\u00e4ugethieren, namentlich M\u00e4usen, Springm\u00e4usen, Ratten und dergleichen, oder V\u00f6geln, wohl auch Schildkr\u00f6ten nach, gr\u00e4bt sich Wurzeln oder Knollengew\u00e4chse aus, sucht Fr\u00fcchte und schl\u00e4gt sich ehrlich und redlich durchs Leben. Allein er hat eine Liebhaberei, welche seine ganze Lebensweise bestimmt. Er ist n\u00e4mlich ein leidenschaftlicher Freund von Honig, und aus diesem Grunde der eifrigsten Bienenj\u00e4ger einer.\nIn ganz Afrika bauen die Bienenarten haupts\u00e4chlich in der Erde und zwar in verlassenen H\u00f6hlen aller Art, wie es bei den Hummeln und Wespen ja auch der Fall ist. Solche Nester sind nun f\u00fcr den Honigdachs das Erw\u00fcnschteste, was er finden kann, und er macht sich, wenn er einen derartigen Schatz gefunden hat, mit unverhehlter Freude dar\u00fcber her. Nat\u00fcrlich wehren sich die Bienen nach Kr\u00e4ften und suchen ihn mit ihren Stacheln bestm\u00f6glichst zu verwunden. Sein dicht behaartes, sehr starkes Fell ist aber gegen Bienenstiche das vorz\u00fcglichste, welches es giebt, und noch besonders dadurch ausgezeichnet, da\u00df die Fettschicht unter ihm in einem Grade locker ist, wie kaum bei einem andern Thiere. Man versichert, da\u00df sich der Ratet f\u00f6rmlich in seinem Balge herumdrehen k\u00f6nne, so locker liege das Fell auf seinem Leibe! Die Bienen sind vollkommen ohnm\u00e4chtig solchem Feinde gegen\u00fcber, und dieser w\u00fchlt nun mit Lust in ihren Wohnungen umher und labt sich nach Behagen an dem k\u00f6stlichen Inhalt derselben. Sparmann, der bekannte Reisende am Kap der guten Hoffnung, berichtet \u00fcber die Art und Weise der Jagden unserer Honigdachse ganz erg\u00f6tzliche Dinge, von denen eigentlich weiter Nichts zu bedauern ist, als da\u00df sie blos auf Erz\u00e4hlung der Hottentotten und holl\u00e4ndischen Ansiedler-gegr\u00fcndet und nicht wahr sind.\n\u201eDie Bienen,\" sagt jener Schriftsteller, \u201egeben dem Honigdachse, wenn auch nicht die einzige, so doch die haupts\u00e4chlichste Nahrung, und ihr Feind ist mit gro\u00dfer Schlauheit begabt, um die unterirdischen Nester aufzusp\u00fcren. Gegen Sonnenuntergang verl\u00e4\u00dft er seine H\u00f6hle, in welcher er den Tag vertr\u00e4umte, und schleicht umher, um seine Beute von fern zu beobachten, wie Das der L\u00f6we auch thut. Er setzt sich auf einen H\u00fcgel hin, sch\u00fctzt seine Augen durch eine vorgehaltene Vorderpfote vor den Strahlen der tiesstehenden Sonne und pa\u00dft sorgf\u00e4ltig den Bienen aus. Bemerkt er nun, da\u00df Einige immer in derselben Richtung hinstiegen, so humpelt er denselben gem\u00e4chlich nach, beobachtet sie, und","page":512},{"file":"p0513.txt","language":"de","ocr_de":"Seine Honigliebhaberei.\n513\nwird so allm\u00e4hlich bis zu ihrem Neste geleitet, in welchem nun ein gegenseitiger Kampf ans Leben und Tod stattfindet. Es wird erz\u00e4hlt, da\u00df der Ratel ebensowohl, wie der Eingeborne S\u00fcdafrikas, zuweilen ans der Suche nach Honig von einem Vogel, dem Honigangeber (Indicator major), geleitet werde, welcher Klugheit genug besitzt, um zu wissen, da\u00df Menschen und Thiere nach jenem Leckergerichte verlangen. Der kleine Bursch, unf\u00e4hig, eine Bienenfestnng durch eigene Macht zu erobern, sucht seinen Vortheil darin, aufgefundene Bienenst\u00f6cke anderen, st\u00e4rkeren Wesen anzuzeigen, um dann bei der R\u00e4umung des Nestes mitznschmansen. Zn diesem Zwecke erregt er durch sein Geschrei die Aufmerksamkeit der Honigliebhaber und fliegt in kurzen Abs\u00e4tzen gem\u00e4chlich vor ihnen hin, von Zeit zu Zeit sich niederlassend, wenn der schwerleibige Bodenbewohner ihm nicht so schnell folgen\nDer Honigdachs (Ratelus capensis).\nkann, und dann von neuem seine F\u00fchrerschaft aufnehmend. In der N\u00e4he eines Bienennestes angekommen, l\u00e4\u00dft er seine Stimme um so freundlicher vernehmen und zeigt endlich geradezu auf den niedergelegten Schatz. W\u00e4hrend dieser erhoben wird, bleibt er ruhig in der N\u00e4he und wartet, bis der habgierige Mensch oder Ratel genug hat, um dann seinen Theil f\u00fcr den geleisteten Dienst sich zu holen.\"\n\u201eBei solchen Angriffen auf einen w\u00fcthenden Schwarm von Bienen leistet dem Ratel die Dicke seines Felles vortreffliche Dienste, und es ist nicht blos erwiesen, da\u00df es den Bienen undurchdringlich ist, sondern auch wohl bekannt bei allen J\u00e4gern, da\u00df Hunde nicht im Stande sind, das verh\u00e4ltni\u00df-m\u00e4\u00dfig so schwache, nichtssagende Thier zu bezwingen.\"\nBrehm, Tbierleben.\too","page":513},{"file":"p0514.txt","language":"de","ocr_de":"514 Die Raubthiere. Marder. \u2014 Honigdachs. Indischer Honigdachs. Gemeiner Vielfra\u00df.\nDer Ratel stellt \u00fcbrigens nicht blos dem Honig nach, sondern liebt auch kr\u00e4ftigere Nahrung. Carmichael sagt, da\u00df er von den Besitzern derH\u00fchnerh\u00f6se als eines der sch\u00e4dlichsten Thiere betrachtet werde. In der Algoabai zankten sich einmal die Bauern um das Eigenthum der Eier, welche die H\u00fchner verlegt hatten. Der Ratel machte in einer Nacht diesem Streite ein Ende, iribetit er einfach allen H\u00fchnern, gegen drei\u00dfig St\u00fcck, den Kragen abbi\u00df und drei todte in seine H\u00f6hle schleppte.\nMan versichert, da\u00df der Honigdachs mit zwei oder drei Weibchen lebe und diese niemals aus den Augen lasse. Zur Rollzeit soll er so wild und w\u00fcthend sein, da\u00df er selbst Menschen anf\u00e4llt und sie mit seinen Bissen schwer verwundet. Uebrigens wehrt er sich seiner Haut, wenn er angegriffen wird. Es ist nicht rathsam, ihn lebend packen zu wollen; denn er wei\u00df von seinem Gebi\u00df einen ungemein empfindlichen Gebrauch zu machen. Das locker aufliegende Fell erlaubt ihm, alle nur denkbaren Drehungen und Wendungen seines K\u00f6rpers vorzunehmen, und Dies soll soweit \" gehen, da\u00df er auch dann noch seinen Kopf zur\u00fcckzubeugen und sich durch kr\u00e4ftige Bisse zu r\u00e4chen vermag, wenn man ihn dicht unter dem Hinterhaupte am Nacken fa\u00dft. Ehe er zum Bei\u00dfen kommt, sucht er sich jedoch zu retten, indem er, wo es der Boden erlaubt, sich durch unglaublich rasches Eingraben in die Erde versenkt oder aber seine Stinkdr\u00fcsen gegen den Feind entleert.\nVon der Wirksamkeit dieser Dr\u00fcsen habe ich mich selbst \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Im Mensathale sah mein Freund und Iagdgenosse van Arkel d'Ablaing gegen Wenk ein ihm unbekanntes dachs\u00e4hnliches Thier, welches von dem einen Hang herabkam, dicht vor ihm das Thal \u00fcberschritt und sich im Buschwalde der andern Thalwand weiterbewegte. Er jagte dem \u201eDachs\" beide Sch\u00fcsse seines Schrotgewehres auf den Pelz und bekam daf\u00fcr im n\u00e4chsten Augenblicke einen furchtbaren Gestank zu riechen; das Thier selbst war aber, ungeachtet der Schu\u00df es gut getroffen hatte, davongegangen. Die einbrechende Nacht verhinderte uns, nach ihm zu suchen; daf\u00fcr durchst\u00f6berten wir jedoch am n\u00e4chsten Morgen das G,eb\u00fcsch. Hierbei brauchten wir blos der Nase nachzugehen; denn der in der Nacht gefallene Regen hatte den Gestank wohl etwas ged\u00e4mpft, aber keineswegs vernichtet. Es roch noch immer so abscheulich, da\u00df nur unser Eifer die Suche uns ertr\u00e4glich machen konnte.\nMan sagt, da\u00df der Honigdachs blos im h\u00f6chsten Nothfalle sich seines Gebisses bediene. Wenn Dies wahr ist, dann begreife ich unser Thier nicht; denn das Gebi\u00df ist so kr\u00e4ftig, da\u00df es jedem J\u00e4ger und jedem Hund Achtung einfl\u00f6\u00dfen und beide zur Vorsicht mahnen mu\u00df.\nDagegen bin ich von der Lebensz\u00e4higkeit des Ratels vollkommen \u00fcberzeugt. An den Leiden Sch\u00fcssen, welche mein Freund auf kaum zwanzig Schritte jenem Honigdachs zukommen lie\u00df, h\u00e4tte ein L\u00f6we genug haben k\u00f6nnen; der Ratel aber war davongegangen, als w\u00e4re ihm Nichts geschehen. Es wird erz\u00e4hlt, da\u00df sich die Bauern des Kaplandes eine Art von Vergn\u00fcgen daraus machen, dem Ratel ihre Messer in verschiedene Theile seines Leibes zu sto\u00dfen, weil sie wissen, da\u00df sie hierdurch noch keineswegs einen raschen Tod des Thieres herbeif\u00fchren. Bei get\u00f6bteten, welche von Hunden gebissen worden waren, konnte man niemals im Felle ein Loch bemerken. Starke Schl\u00e4ge auf die Schnauze sollen ihn jedoch augenblicklich tobten.\nJung eingefangene Ratels werden zahm und erg\u00f6tzen durch die Plumpheit ihrer Bewegungen. Weinland nennt die Ratels im Regents-Park in London \u201eau\u00dferordentlich muntere Thiere, welche, wie manche besonders schlaue oder th\u00f6richte Menschen, pl\u00f6tzlich ein ganz anderes Geb\u00fchren annehmen, wenn sie sich bemerkt glauben, au\u00dferdem aber die Zuschauer durch Purzelb\u00e4ume zu unterhalten und \u00a7u Asseln wissen;\" ich beobachte an denselben Gefangenen, da\u00df sie mit bewunderungsw\u00fcrdiger Regelm\u00e4\u00dfigkeit ihre h\u00f6chst komischen Purzelb\u00e4ume immer genau auf derselben Stelle ihres K\u00e4figs machen, hundertmal nach einander, falls sie die Laune anwandelt, ihren K\u00e4fig so oft zu durchmessen. Die Leiden bekannten Arten sind zusammengesperrt. Sie vertragen sich vortrefflich und erg\u00f6tzen sich gegenseitig durch ihren unverw\u00fcstlichen Humor.\nIm Ganzen l\u00e4\u00dft unsere Kenntni\u00df des Honigdachses noch viel zu w\u00fcnschen \u00fcbrig; Dies aber wird einleuchtend, wenn man an unsern deutschen Dachs denken will:\tihn kennen wir ja auch noch nicht.","page":514},{"file":"p0515.txt","language":"de","ocr_de":"Frei- und Gefangenleben des Honigdachses. Kennzeichen des Vielfra\u00dfes.\n515\nDas Gleiche gilt f\u00fcnden asiatischen oder indischen Gattungsverwandten (Ratelus indicus). Dieser ist, wie ich oben bemerkte, oft mit seinem afrikanischen Vetter verwechselt worden und hat auch wirklich so gro\u00dfe Aehnlichkeit mit ihm, da\u00df seine Artselbstst\u00e4ndigkeit noch sehr in Frage gestellt wird. Bennett unterscheidet ihn, weil ihm die wei\u00dfen Seitenstreisen fehlen und der Schwanz k\u00fcrzer ist. In der Gr\u00f6\u00dfe und Gestalt \u00e4hnelt er jenem vollkommen. Der lange, lockere und rauhe Pelz ist auf dem R\u00fccken aschgrau, auf der Unterseite und an der Schwanzspitze, sowie in der Ohrengegend aber schwarz. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt etwas \u00fcber zwei Fu\u00df, die L\u00e4nge des Schwanzes dagegen wenig \u00fcber einen halben Fu\u00df.\nNach Hardwicks Bericht findet sich das Thier in verschiedenen Theilen von Indien und zumal auf den H\u00f6hen in der N\u00e4he des Ganges und der Dschumna. Bei Tage l\u00e4\u00dft er sich wenig sehen, bei Nacht aber schleicht er um die Wohnungen der Einwohner umher und wei\u00df sich selbst durch die dichten Dornenz\u00e4une, welche die Leute gegen ihn errichtet haben, hindurchzuzw\u00e4ngen oder versteht es, dieselben in k\u00fcrzester Zeit vermittelst einer darunter weggegrabenen H\u00f6hle zu umgehen. In einem Zeitraum von zehn Minuten soll er derartige R\u00f6hren, welche ihn in ein H\u00fchnerparadies bringen, ausarbeiten k\u00f6nnen. Die Eingebornen fangen zuweilen alte Ratels und halten sie eine Zeitlang lebendig. Diese halten die Gefangenschaft selten lange aus; Junge aber sind augenblicklich zutraulich, gelehrig und spiellustig. Ihr angenehmstes Futter ist Fleisch aller Art; doch scheinen V\u00f6gel, noch mehr aber lebende Ratten, besonders bevorzugt zu werden. Die Ratels sollen sogar nach V\u00f6geln auf die B\u00e4ume steigen, und es ist sicher, da\u00df sie etwas zu klettern verstehen, wenn auch in sehr plumper Weise. W\u00e4hrend des Tages schlafen sie stets; mit Einbruch der Nacht ermuntern sie sich und beweisen Dies durch ein tiefes Gemurmel oder Geknurr, welches aus der innersten Brust zu kommen scheint. Die Ratels, welche nach England gebracht wurden, lebten dort viele Jahre in dem Thiergarten.\nLinne stellt den Vielfra\u00df zu den Mardern; die nordamerikanische Wolverene aber, welche von den neueren Naturforschern gar nicht als besondere Art, sondern nur als \u201eAbart\" des Vielfra\u00dfes abgesehen wird, zu den B\u00e4ren. Hierdurch beweist der ausgezeichnete Naturforscher deutlich genug, was der Vielfra\u00df ist: ein Mittelglied zwischen den genannten Familien. Den in Europa lebenden Vielfra\u00df hatte er selbst beobachtet und war deshalb \u00fcber sein Leben und Wesen ganz ins Klare gekommen.\nDer Vielfra\u00df ist ein gro\u00dfer Marder, denn er \u00e4hnelt den \u00fcbrigen Sippschastsgenossen dieser Familie in seinem Gebi\u00df vollkommen, und dieses gilt bekanntlich bei allen Naturforschern als das wesentlich bestimmende Merkmal, um ein S\u00e4ugethier irgendwo einzuordnen. Aber der Vielfra\u00df \u00e4hnelt auch dem B\u00e4ren in seiner Gestalt und seinem Wesen, und selbst der ge\u00fcbte Blick kommt in Versuchung, einen Vielfra\u00df, welcher in der Ferne sich zeigt, f\u00fcr einen B\u00e4ren zu halten. Unser Thier ist eine der Plumpesten Gestalten der ganzen Marderfamilie, eine plumpere noch, als die Dachse und dachsartigen Thiere. Die Kennzeichen der Sippe, welche er bildet, bestehen haupts\u00e4chlich in Folgendem: der K\u00f6rperbau ist plump und gedrungen, der Hals dick und kurz, der R\u00fccken gew\u00f6lbt, der Kopf gro\u00df, die Schnauze l\u00e4nglich, ziemlich stumpf abgeschnitten, die Ohren sind kurz und abgerundet, die Beine kurz und kr\u00e4ftig, die Pfoten f\u00fcnfzehig und mit scharf gekr\u00fcmmten und zusammengedr\u00fcckten Krallen bewehrt; der Schwanz ist kurz und sehr buschig. Der Sch\u00e4del \u00e4hnelt dem des Dachses, ist aber doch etwas breiter, gedrungener und sehr gebogen, so da\u00df die Stirn und der Nasenr\u00fccken stark hervortreten. Das Gebi\u00df ist sehr kr\u00e4ftig, der Rei\u00dfzahn oben und unten stark entwickelt, der H\u00f6ckerzahn im Oberkiefer quer gestellt und doppelt so breit als lang, w\u00e4hrend der untere H\u00f6ckerzahn etwas l\u00e4nger als breit ist. Achtunddrei\u00dfig Z\u00e4hne bilden das Gebi\u00df. Die Zahl der rippentragenden Wirbel betr\u00e4gt f\u00fcnfzehn oder sechzehn, vier oder f\u00fcnf sind rippenlos, vier bilden das Kreuzbein und vierzehn den Schwanz. Da man gegenw\u00e4rtig nur eine einzige Art annimmt, so k\u00f6nnen wir die Beschreibung derselben sogleich hier folgen lassen.","page":515},{"file":"p0516.txt","language":"de","ocr_de":"516\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Gemeiner Vielfra\u00df.\nDer gemeine Vielfra\u00df (Gulo borealis oder arcticus) ist 2y2 bis 3 Fu\u00df lang, wovon 4 bis 5 Zoll auf den Schwanz kommen, und am Widerrist 14 Zoll bis 1V2 Fu\u00df hoch. Die Augen sind klein, mit braunem oder schwarzem Stern. Ueber denselben stehen f\u00fcnf starke Borsten, auf der Oberlippe aber vier Reihen langer Schnurren. Auf der Schnauze sind die Haare kurz und d\u00fcnn, an den F\u00fc\u00dfen stark und gl\u00e4nzend, am Rumpfe lang und zottig, um die Schenkel, an den hellen Seilenbinden und am Schw\u00e4nze endlich sehr lang. Scheitel und R\u00fccken sind braunschwarz mit grauen Haaren gemischt, der R\u00fccken, die Unterseite und die Beine dunkelschwarz, die Schnauze ist braunschwarz. Ein hellgrauer Flecken steht zwischen Augen und Ohren, und eine hellgraue Binde verl\u00e4uft von jeder Schulter an l\u00e4ngs der Seiten hin. Das Wollhaar ist grau, an der Unterseite mehr braun.\nDer gemeine Vielfra\u00df (Gulo borealis).\nWenn unser europ\u00e4ischer und asiatischer Vielfra\u00df mit der nordamerikanischen Wolverene \u00fcbereinstimmt, bewohnt der Vielfra\u00df den ganzen Norden der Erde. Von S\u00fcdnorwegen an reicht er durch Norland und Lappland hindurch, und von Finnmarken durch ganz Nordasien und Nordamerika bis Gr\u00f6nland Fr\u00fcher war die s\u00fcdliche Grenze seiner Verbreitung in Europa unter tieferen Breiten zn suchen, als gegenw\u00e4rtig. Eichwald versichert, da\u00df er in den W\u00e4ldern von Lithauen vorgekommen ist. Brincken hat ihn noch vor einigen Jahren im Walde von Bialowies beobachtet, wo er jetzt auch nicht mehr vorhanden' ist. Bechstein erz\u00e4hlt von einem Vielfra\u00dfe, welcher bei Frauenstein in Sachsen, und Zimmermann von einem andern, welcher bei Helmstedt im Braunschweigischen erlegt wurde. Die beiden letzteren werden jedoch als blos versprengte Thiere angesehen, weil man nicht wohl annehmen kann, da\u00df in fr\u00fcheren Zeiten der Vielfra\u00df so weit nach S\u00fcden gegangen sein soll.","page":516},{"file":"p0517.txt","language":"de","ocr_de":"Verbreitung. Fabeln und Beobachtungen.\n517\nGegenw\u00e4rtig sind Norwegen, Schweden, Lappland, Gro\u00dfru\u00dfland, namentlich die Gegenden um das wei\u00dfe Meer, ganz Sibirien, Kamtschatka und Nordamerika sein haupts\u00e4chlichster Aufenthalt.\nUeber die Lebensweise hat uns zuerst Pallas genaue Nachrichten gegeben. Die \u00e4lteren Naturforscher erz\u00e4hlen n\u00e4mlich von ihm die sabelhaftesten Dinge. Ihnen ist es auch haupts\u00e4chlich zuzuschreiben, da\u00df der Vielfra\u00df seinen in allen Sprachen gleichbedeutenden Namen erhalten hat. Man hat sich viel M\u00fche gegeben, das deutsche Wort Vielfra\u00df aus dem Schwedischen oder D\u00e4nischen abzuleiten, ohne jedoch ein allgemein anerkanntes Ergebni\u00df erzielt zu haben. Die Einen sagen, da\u00df das Wort aus dem Schwedischen stamme, und zwar aus Fj\u00e4l und Fr\u00e4\u00df zusammengesetzt sei und Felsenkatze bedeute. Lenz behauptet aber, da\u00df das Wort Vielfra\u00df der schwedischen Sprache durchaus nicht angeh\u00f6re, und weist auch die Annahme zur\u00fcck, da\u00df es aus dem Finnischen abgeleitet sei. Die Schweden selbst sind so unsicher hinsichtlich der Bedeutung des Namens, da\u00df jene Ableitung wohl zu verwerfen sein d\u00fcrfte. Bei den Finnen hei\u00dft das Thier Campi, womit man jedoch auch den Dachs bezeichnet, bei den N\u00fcssen Nosomacha oder Nosomaka und bei den Skandinaviern Iers; die Kamtschadalen nennen ihn Dimug und die Amerikaner endlich Wolverene. Es ist h\u00f6chst wahrscheinlich, da\u00df der eigentliche Name nach der ersten Erz\u00e4hlung in das Deutsche \u00fcbersetzt worden und von da in die \u00fcbrigen Sprachen \u00fcbergegangen ist. Wenn man jene Erz\u00e4hlungen liest und glaubt, mu\u00df man dem alten Kinderreim:\n\u201eVielfra\u00df nennt man dieses Thier,\nWegen seiner Fre\u00dfbegier!\"\nfreilich beistimmen. Michow sagt Folgendes: \u201eIn Lithauen und Moscowien giebt es ein Thier, welches sehr gefr\u00e4\u00dfig ist, mit Namen Nosomaka. Es ist so gro\u00df wie ein Hund, hat Augen wie eine Katze, sehr starke Klauen, einen langhaarigen, braunen Leib und einen Schwanz wie der Fuchs, jedoch k\u00fcrzer. Findet es ein Aas, so fri\u00dft es solange, da\u00df ihm der Leib wie eine Trommel strotzt) dann dr\u00e4ngt es sich durch zwei nahestehende B\u00e4ume, um sich des Unraths zu entledigen, kehrt wieder um, fri\u00dft von neuem und pre\u00dft sich dann nochmals durch die B\u00e4ume, bis er das Aas verzehrt hat. Es scheint weiter Nichts zu thun, als zu fressen, zu saufen und dann wieder zu fressen.\"\nOlaus Magnus wei\u00df noch mehr. \u201eUnter allen Thieren,\" sagt er, \u201eist dieses das einzige, welches, wegen seiner best\u00e4ndigen Gefr\u00e4\u00dfigkeit, im n\u00f6rdlichen Schweden den Namen Ierf, im Deutschen den Namen Vielfra\u00df erhalten hat. Sein Fleisch ist unbrauchbar, nur sein Pelz ist sehr n\u00fctzlich und kostbar und gl\u00e4nzt sehr sch\u00f6n und noch mehr, wenn man ihn k\u00fcnstlich mit anderen Farben verbindet. Nur F\u00fcrsten und andere gro\u00dfe M\u00e4nner tragen M\u00e4ntel davon, nicht blos in Schweden, sondern auch in Deutschland, wo sie wegen chrer Seltenheit noch viel theurer zu stehen kommen. Auch lassen die Einwohner diese Pelze nicht gern in fremde L\u00e4nder gehen, weil sie damit ihren Winterg\u00e4sten eine Ehre zu erweisen pflegen, indem sie Nichts f\u00fcr angenehmer und sch\u00f6ner halten, als ihren Freunden Betten von solchem Pelze anweisen zu k\u00f6nnen. Dabei darf ich nicht verschweigen, da\u00df alle Diejenigen, welche Kleider von solchen Thieren tragen, nie mit Essen und Trinken aufh\u00f6ren k\u00f6nnen. Die J\u00e4ger trinken ihr Blut; mit lauem Wasser und Honig vermischt, wird es sogar bei Hochzeiten aufgetragen. Das Fett ist gut gegen faule Geschw\u00fcre rc.\"\n\u201eDie J\u00e4ger-haben verschiedene Kunstst\u00fccke erfunden, um dieses listige Thier zu fangen. Sie tragen ein Aas ip den Wald, welches noch frisch ist. Der Vielfra\u00df riecht es sogleich, fri\u00dft sich voll, und w\u00e4hrend er sich, nicht ohne viele Qual, zwischen die B\u00e4ume durchdr\u00e4ngt, wird er mit Pfeilen erschossen. Auch stellt man ihm Schlagsallen, wodurch er erw\u00fcrgt wird. Mit Hunden ist er kaum zu fangen, weil diese seine spitzigen Klauen und Z\u00e4hne mehr f\u00fcrchten, als den Wolf.\"\nVon diesen Erz\u00e4hlungen weichen freilich die in der Neuzeit gemachtem Beobachtungen wesentlich ab. Es l\u00e4\u00dft sich nicht l\u00e4ugnen, da\u00df der Vielfra\u00df einen gesegneten Appetit besitzt und verh\u00e4ltni\u00df-m\u00e4\u00dfig mehr fri\u00dft, als andere Marder: eine derartige Gefr\u00e4\u00dfigkeit, wie sie ihm von den genannten Naturforschern zugeschrieben wird, zeigt er aber nicht. Schon Steller widerlegt die abgeschmackten Fabeln, und Pallas giebt eine sehr h\u00fcbsche und richtige Lebensbeschreibung des merkw\u00fcrdigen","page":517},{"file":"p0518.txt","language":"de","ocr_de":"518\nDie Raubthiere. \u2014 Marder. Gemeiner Vielfra\u00df.\nGesellen. Ich selbst habe ihn auf meiner Reise in Skandinavien blos ein einziges Mal zu Gesicht bekommen und zwar auf einer Renthierjagd, welche wir gemeinschaftlich, d. h. ich und der Vielfra\u00df, unternahmen. Mein alter Erik S wen so n, einer der naturkundigsten J\u00e4ger, welche ich \u00fcberhaupt angetroffen habe, konnte mir viel \u00fcber die Lebensweise mittheilen; ich vermag also auch nach eigenen Forschungen \u00fcber ihn zu berichten.\nDer Vielfra\u00df bewohnt die gebirgigen Gegenden des Nordens und zieht die nackten H\u00f6hen der skandinavischen Alpen den ungeheueren W\u00e4ldern des niedern Gebirges vor, obwohl er auch in diesen zu finden ist. Die \u00f6deste Wildni\u00df ist sein Aufenthalt. Er hat keine feststehenden Wohnungen, sondern wechselt sie nach dem Bed\u00fcrfnisse und verbirgt sich, wenn die Nacht hereinbricht, an jedem beliebigen Orte, der ihm einen Schlupfwinkel gew\u00e4hrt, sei es im Dickicht der W\u00e4lder oder im Gekl\u00fcft der Felsen, in einem verlassenen Fuchsbau oder in einer andern, nat\u00fcrlichen H\u00f6hle. Wie alle Marder eigentlich mehr Nacht- als Tagthier, schleicht er doch in seiner so wenig von den Menschen beunruhigten Heimat ganz nach Belieben umher und zeigt sich auch im Lichte der Sonne. \u2014 Ja, er w\u00fcrde Dieses unter allen Umst\u00e4nden thun m\u00fcssen, da ja bekanntlich in seinem Vaterlande w\u00e4hrend des Sommers die Sonne ein Vierteljahr lang Tag und Nacht am Himmel steht. In seinen Bewegungen ist er plump und ungeschickt, wei\u00df aber doch durch Ausdauer sich seiner Beute zu bem\u00e4chtigen, und da er kein Kostver\u00e4chter ist, f\u00fchrt er ein sehr behagliches und gem\u00fcthliches Leben, ohne jemals in gro\u00dfe Noth zu kommen. Seine Bewegungen sind sehr eigenth\u00fcmlicher Art und namentlich der Gang zeichnet sich vor dem aller \u00fcbrigen mir bekannten Thiere aus. Der Vielfra\u00df w\u00e4lzt sich n\u00e4mlich in lauter gro\u00dfen Bogens\u00e4tzen dahin, ganz merkw\u00fcrdig humpelnd und Purzelb\u00e4ume schlagend. Doch f\u00f6rdert diese Gangart immer noch so rasch, da\u00df er kleine S\u00e4ugethiere bequem dabei einholt und auch gr\u00f6\u00dferen bei l\u00e4ngerer Verfolgung nahe genug auf den Leib r\u00fccken kann. Im tiefen Schnee zeigt sich seine F\u00e4hrte, diesem Gang entsprechend, in lauter tiefen L\u00f6chern, in welche er mit allen vier Beinen gesprungen ist. Aber gerade sein eigenth\u00fcmlicher Gang ist dann ganz geeignet, ihn leicht zu f\u00f6rdern, w\u00e4hrend das von ihm verfolgte Wild mit dem tiefen Schnee sehr zu k\u00e4mpfen hat. Trotz seiner Ungeschicklichkeit versteht er es, niedere B\u00e4ume zu besteigen. Auf deren Aesten liegt er, dicht an den Stamm gedr\u00fcckt, auf der Lauer und wartet, bis ein Wild unter ihm weggeht. Dem springt er dann mit einem kr\u00e4ftigen Satze auf den R\u00fccken, h\u00e4ngt sich an den Hals fest, bei\u00dft ihm blos die Schlagadern durch und wartet, bis es sich verblutet hat. Unter seinen Sinnen steht der Geruch oben an; doch ist auch sein Gesicht und Geh\u00f6r hinl\u00e4nglich scharf.\nDie Lebens- und Jagdweise des Thieres hat gar viele widersprechende Berichte hervorgerufen. Einige Schriftsteller behaupten, da\u00df es blos von solchen Thieren lebe, welche zuf\u00e4llig get\u00f6dtet worden sind, und Aas jeder \u00fcbrigen Nahrung vorziehe. Nur im Sommer soll er Murmelthiere und M\u00e4use ausgraben oder die Fallen, welche J\u00e4ger gestellt haben, und selbst die H\u00e4user der Nordl\u00e4nder pl\u00fcndern. Dem ist jedoch nicht so, sondern die uns von Pallas gegebene Beschreibung seiner Lebensweise ist durchaus richtig. Er sieht schl\u00e4frig und plump aus, wei\u00df aber seine Jagd mit hinl\u00e4nglichem Erfolg zu betreiben. Seine Hauptnahrung bilden die M\u00e4usearten des Nordens und namentlich die Lemminge, von denen er eine erstaunliche Menge vertilgt. Bei der gro\u00dfen H\u00e4ufigkeit dieser Thiere in gewissen Jahren, braucht er sich kaum um ein andres Wild zu bek\u00fcmmern. Den W\u00f6lfen und F\u00fcchsen folgt er auf ihren Streifz\u00fcgen nach, in der Hoffnung, Etwas von ihrem Raube zu erwischen. Im Nothfalle aber betreibt er selbst die h\u00f6here Jagd. Steller erz\u00e4hlt, da\u00df er das Renthier mit List zu sich heranlocke, indem er auf einen Baum klettere und von dort aus in Abs\u00e4tzen Renthiermos herabw\u00fcrfe, welches dann von den Thieren gesehen und aufgefressen w\u00fcrde und ihm somit Gelegenheit g\u00e4be, einen guten Sprung zu machen. Dann soll er dem Wild die Augen auskratzen und auf ihm sitzen bleiben, bis sich der ge\u00e4ngstete Hirsch an B\u00e4umen zu Tode st\u00f6\u00dft. Allein diese Angaben scheinen blos auf Erz\u00e4hlungen zu beruhen und d\u00fcrften unrichtig sein. Gewi\u00df aber ist es, da\u00df er Renthiere, ja selbst Elenthiere angreift und niedermacht. Thunberg erfuhr, da\u00df er sogar K\u00fche t\u00f6dte, indem er ihnen die Gurgel abbei\u00dft. Auch Steller berichtet, da\u00df er an der Lena Pferde anfalle; L\u00f6wenhjelm er-","page":518},{"file":"p0519.txt","language":"de","ocr_de":"Leben und Nahrung. Sch\u00e4tzung seines Felles.\n519\nw\u00e4hnt in seiner Reisebeschreibung von Nordland, da\u00df er dort Schaden unter den Schafherden anrichte, und Erman erfuhr von den Ostjaken, da\u00df er dem Elenthiere auf den Nacken springe und es durch Bisse todte. Erik erz\u00e4hlte mir, da\u00df er sich, zumal im tiefen Schnee, leise unter dem Winde an die vergrabenen Schneeh\u00fchner heranmacht, sie in den H\u00f6hlen, welche sich die V\u00f6gel ausscharren, verfolgt und dann mit Leichtigkeit tobtet. Den J\u00e4gern ist er ein h\u00f6chst verha\u00dftes Thier. Mein Begleiter versicherte mich, da\u00df ein jedes erlegte Renthier, welches er nicht sorgf\u00e4ltig unter Steinen verborgen habe, w\u00e4hrend seiner Abwesenheit von dem Vielfra\u00df angefressen worden sei. Sehr h\u00e4ufig stiehlt er auch die K\u00f6der von den Fallen weg oder fri\u00dft die darin gefangenen Thiere an. In den H\u00fctten der Lappen richtet er oft bedeutende Verw\u00fcstungen an. Er bahnt sich mit seinen Klauen einen Weg durch Th\u00fcren und D\u00e4cher und raubt Fleisch, K\u00e4se, getrockneten Fisch u. dergl., zerrei\u00dft aber auch die dort aufbewahrten Thierselle und fri\u00dft selbst, bei gro\u00dfem Hunger, einen Theil derselben. W\u00e4hrend des Winters ist er Tag und Nacht auf chen Beinen, und wenn er erm\u00fcdet ist, gr\u00e4bt er sich einfach ein Loch in den Schnee, l\u00e4\u00dft sich dort verschneien und ruht in dem nun ganz warmen Lager behaglich aus.\nDa\u00df er auch in ganz baumlosen Gebirgsgegenden, dem ausschlie\u00dflichen Aufenthalt der wilden Renthiere, diesen gro\u00dfen Schaden zuf\u00fcgt, habe ich nicht blos aus dem Munde meiner J\u00e4ger vernommen, sondern auch aus dem Benehmen einer von ihm bedrohten Renthierherde schlie\u00dfen k\u00f6nnen. Ich bemerkte einen Vielfra\u00df, welcher auf einer mit wenig Steinen bedeckten Ebene hinter einem gr\u00f6\u00dfern Blocke sa\u00df und die Renthiere mit gr\u00f6\u00dfter Theilnahme betrachtete. Jedenfalls gedachte er, ein unvorsichtiges Kalb bei Gelegenheit zu \u00fcberraschen. Sein Standpunkt war vortrefflich gew\u00e4hlt. Er hatte den Wind mit derselben Gewissenhaftigkeit beobachtet, wie wir. Die schlauen Renthiere bekamen jedoch bei einer Wendung, welche das sich \u00e4sende Rudel machte, Witterung und stiebten augenblicklich in die Weite. Jetzt mochte er einsehen, da\u00df f\u00fcr heute seine Jagd erfolglos bleiben w\u00fcrde, und wandte sich, trottelnd und Purzelb\u00e4ume schlagend, den Kopf und Schwanz zur Erde gesenkt, dem h\u00f6hern Gebirge zu, lauschte pl\u00f6tzlich, sprang seitw\u00e4rts, sing einen Lemming, verspeiste denselben mit bewunderungsw\u00fcrdiger Schnelligkeit und setzte dann seinen Weg weiter fort. Ich war leider zu entfernt von ihm, um meinen Grimm an der gest\u00f6rten Jagd kr\u00e4ftig bezeigen zu k\u00f6nnen; er aber nahm sich in der Folge wohl in Acht, uns wieder zu nahe zu kommen.\nEine kleine Beute, die der Vielfra\u00df gemacht hat, verzehrt er auf der Stelle mit Haut und Haaren, eine gr\u00f6\u00dfere aber vergr\u00e4bt er sehr sorgf\u00e4ltig und h\u00e4lt dann noch eine zweite Mahlzeit davon. Die Samojeden behaupten, da\u00df er auch Menschenleichen aus der Erde scharre und sich zeitweilig von diesen n\u00e4hre. Aus allen diesen Gr\u00fcnden steht der Vielfra\u00df bei s\u00e4mmtlichen nordischen V\u00f6lkerschaften keineswegs in besonderer Achtung, und hierin m\u00f6chten die verschiedenen Fabeln theilweise wohl auch ihren Grund haben. Man jagt, verfolgt und tobtet ihn, wo man nur immer kann, obgleich sein Fell keineswegs \u00fcberall benutzt wird. Die Kamtschadalen freilich sch\u00e4tzen es sehr hoch und glauben, da\u00df es kein sch\u00f6neres Rauchwerk geben kann, als eben dieses Fell. Gerade die wei\u00dfgelben Felle, welche von den Europ\u00e4ern s\u00fcr die schlechtesten gehalten werden, sind, nach ihrer Einbildung, die allersch\u00f6nsten, und sie sind fest \u00fcberzeugt, da\u00df der Gott des Himmels, Bulutschei, Rosomaka- oder Vielsra\u00dfkleider trage. Die gefalls\u00fcchtige Jtelm\u00e4nin tr\u00e4gt zwei St\u00fcck Vielfra\u00dffelle von Handgr\u00f6\u00dfe \u00fcber dem Kops, oberhalb der Ohren. Man kann sich nicht besser seine Frau oder Geliebte verbindlich machen, als wenn man ihr derartige Rosomakenfleckchen kaust, deren Preis unter den Leuten dem eines Biberfelles gleichgeachtet wird. Vor Stellers Zeiten konnte man von den Kamtschadalen s\u00fcr einen Vielfra\u00df eine Menge andere Felle eintauschen, welche zusammen nicht selten drei\u00dfig bis sechzig Rubel werth waren. Die Liebhaberei f\u00fcr diese Fleckchen geht soweit, da\u00df die Frauen, welche keine besitzen, gef\u00e4rbte Fellst\u00fccke aus dem Balg einer Seeente tragen. Steller f\u00fcgt hinzu, da\u00df trotz des hohen Werthes gedachter Felle Vielfra\u00dfe in Kamtschatka h\u00e4ufig sind, weil die Einwohner es nicht verstehen, sie zu fangen, und blos zuf\u00e4llig einen erbeuten, welcher sich in die Fuchsfallen verirrt.","page":519},{"file":"p0520.txt","language":"de","ocr_de":"520\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Gemeiner Vielfra\u00df. Tayra.\nDer Eskimo legt sich vor der H\u00f6hle des Vielfra\u00dfes auf den Bauch und wartet, bis er herauskommt; dann springt er sofort hin, verstopft das Loch und l\u00e4\u00dft nun seine Hunde los, welche zwar ungern auf solches Wild gehen, es aber doch festmachen. Nunmehr eilt der J\u00e4ger hinzu, zieht dem Vielfra\u00df eine Schlinge \u00fcber den Kopf und tobtet ihn. In Norwegen und Lappland wird er mit dem Feuergewehr erlegt.\nTrotz seiner geringen Gr\u00f6\u00dfe ist der Vielfra\u00df kein zu verachtender Gegner. Er ist n\u00e4mlich au\u00dferordentlich wild, ganz unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig stark und versteht es vortrefflich, Widerstand zu leisten. Man versichert, da\u00df selbst B\u00e4ren und W\u00f6lfe ihm aus dem Wege gehen. Die Letzteren sollen ihn \u00fcberhaupt nicht anr\u00fchren, wahrscheinlich seines Gestankes wegen. Gegen den Menschen wehrt er sich blos dann, wenn er gar nicht mehr weichen kann. Gew\u00f6hnlich rettet er sich, sobald er einen J\u00e4ger gewahrt, durch die Flucht, und wenn er verfolgt wird, auf einen Baum oder auf die h\u00f6chsten Felsspitzen, wohin ihm seine Feinde nicht nachfolgen k\u00f6nnen. Von raschen Hunden wird er in ebenen, baumlosen Gegenden bald eingeholt, vertheidigt sich aber mit Ausdauer und Muth gegen dieselben und bei\u00dft w\u00fcthend um sich. Ein einziger Hund \u00fcberw\u00e4ltigt ihn niemals, und nicht selten wird es selbst mehreren schwer, ihn zu besiegen. Wenn er vor seinen Verfolgern nicht auf einen Baum entkommen kann, wirft er sich auf den R\u00fccken, fa\u00dft den Hund mit seinen scharfen Krallen, wirft ihn zu Boden nnd zerfleischt ihn mit dem Gebisse derart, da\u00df jener an den ft>m beigebrachten Wunden oft zu Grunde geht.\nDie Rollzeit des Vielfta\u00dfes f\u00e4llt in den Herbst oder Winter; in Norwegen, wie Erik mir erz\u00e4hlte, in den Januar. Nach vier Monaten Tragzeit, gew\u00f6hnllch also im Mai, wirft das Weibchen, in einer einsamen Schlucht des Gebirges oder in den dichtesten W\u00e4ldern, zwei bis drei, selten auch vier Junge auf ein weiches und warmes Lager, welches sie entweder in hohlen B\u00e4umen oder in tiefen Felsenh\u00f6hlen angelegt hat.\nEs h\u00e4lt sehr schwer, das weiche Bett eines Vielfra\u00dfes aufzufinden. Bekommt man aber Junge, welche noch klein sind, so kann man sie ohne gro\u00dfe M\u00fche z\u00e4hmen. Genberg zog einen Vielfra\u00df mit Milch und Fleisch auf und gew\u00f6hnte ihn so an sich, da\u00df er ihm wie ein Hund auf das Feld nachlief. Er war best\u00e4ndig in Th\u00e4tigkeit, spielte artig mit allerlei Dingen, w\u00e4lzte sich im Sande, scharrte sich im Boden ein und kletterte auf B\u00e4ume. Schon als er drei Monate war, wu\u00dfte er sich mit Erfolg gegen die ihn angreifenden Hunde zu vertheidigen. Er fra\u00df nie unm\u00e4\u00dfig, war gutm\u00fcthig, erlaubte Schweinen, die Mahlzeit mit ihm zu theilen, litt aber niemals Hunde um sich. Immer hielt er sich reinlich und stank gar nicht, au\u00dfer, wenn mehrere Hunde auf ihn losgingen, welche er wahrscheinlich durch die Entleerung seiner Stinkdr\u00fcsen zur\u00fcckschrecken wollte. Gew\u00f6hnlich schlief er bei Tage und lief bei Nacht umher. Er lag lieber im Freien, als in seinem Stalle und liebte \u00fcberhaupt den Schatten und die K\u00e4lte. Als er ein halbes Jahr alt war, wurde er wilder, blieb jedoch immer noch gegen Menschen zutraulich, und als er einmal in den Wald entflohen war, sprang er einer alten Magd auf den Schlitten und ?ie\u00df sich von ihr nach Hause fahren. Mit zunehmendem Alter wurde er immer wilder, und einmal bi\u00df er sich mit einem gro\u00dfen Hunde derart herum, da\u00df man dem Letzteren zu Hilfe eilen mu\u00dfte, weil man f\u00fcr sein Leben f\u00fcrchtete. Aber auch im Alter spielte er immer noch mit den bekannten Leuten; hielten ihm jedoch Unbekannte einen Stock vor, so knirschte er mit den Z\u00e4hnen und ergriff ihn w\u00fcthend mit den Klauen.\nSolange ein gefangener Vielfra\u00df jung ist, zeigt er sich h\u00f6chst lustig, fast wie ein junger B\u00e4r. Wenn man ihn an einen Pfahl gebunden hat, l\u00e4uft er immer in einem Halbkreise herum, sch\u00fcttelt dabei den Kopf und st\u00f6\u00dft grunzende T\u00f6ne aus. Vor dem Eintritt schlechter Witterung wird er launisch und m\u00fcrrisch. Ein sehr sch\u00f6ner Vielfra\u00df befindet sich gegenw\u00e4rtig im Londoner Thiergarten. Er ist sehr zahm und gem\u00fcthlich und sieht, wenn er nicht seinen Mund \u00f6ffnet und die blendend wei\u00dfen Z\u00e4hne zeigt, ganz harmlos und gutartig aus. Obgleich nicht eben schnell in seinen Bewegungen, ist er doch fortw\u00e4hrend in Th\u00e4tigkeit, und blos, wenn er schl\u00e4ft, liegt er still auf ein und derselben Stelle. Einen Baum, welchen man in seinem K\u00e4fig angebracht hat, besteigt er mit Leichtigkeit und scheint sich","page":520},{"file":"p0521.txt","language":"de","ocr_de":"Jagd auf den Vielfra\u00df. Sem Gefangenleben.\n521\ndurch die merkw\u00fcrdigsten Turnk\u00fcnste, welche er auf den Aesten ausf\u00fchrt, besonders zu vergn\u00fcgen. Zuweilen spielt er f\u00f6rmlich mit den Zweigen: er springt mit Leichtigkeit, und ohne jede Furcht aus ziemlichen H\u00f6hen herunter auf die Erde, h\u00e4lt sich aber nicht gern dort auf, sondern klettert entweder an den eisernen St\u00e4ben seines K\u00e4figs oder an seinem Lieblingsbaume rasch wieder empor; zuweilen rennt er in einem kurzen Galopp im Kreise innerhalb seines K\u00e4figs umher, h\u00e4lt aber ab und zu inne, um zu sehen, ob ihm nicht einer von den Zuschauern ein St\u00fcckchen Kuchen oder sonst einen Leckerbissen durch das Gitter geworfen habe.\nBis jetzt sind gefangene Vielfra\u00dfe in Thierg\u00e4rten und Schaubuden noch eine sehr gro\u00dfe Seltenheit, und daher ist es zu erkl\u00e4ren, da\u00df wir noch so wenig \u00fcber das Leben und Wesen dieses Thieres wissen.\nIn Brasilien leben einige Arten von Raubthieren, welche zwischen dem Vielfra\u00df und den eigentlichen Mardern ungef\u00e4hr in der Mitte stehen. Es sind Dies die Huronen oder Grisons (Galictis).\nDie Tayra (Galictis barbara).\nSie haben einen ziemlich schlanken Leib mit kurzen Beinen und ganz nackte Sohlen, ein kurzes Haarkleid und einen nicht eben buschigen Schwanz. Der ziemlich dicke Kopf ist hinten breit und an . der Schnauze nur wenig vorgezogen; die Ohren sind niedrig und abgerundet. Die Zehen sind zum Theil verbunden und mit mittellangen Krallen bewehrt. Ihre Afterdr\u00fcsen sondern eine stark nach Moschus riechende Feuchtigkeit ab. Das Gebi\u00df und der innere Leibesbau zeigen Eigenth\u00fcmlichkeiten sehr untergeordneter Art, welche blos den streng wissenschaftlichen Forscher besch\u00e4ftigen und von uns deshalb \u00fcbergangen werden k\u00f6nnen. Bis jetzt kennt man zwei Arten, welche sich in W\u00e4ldern und im Geb\u00fcsch aufhalten. Sie sind gewandt in allen ihren Bewegungen, klettern auch sehr geschickt und sind deshalb flinke J\u00e4ger, welche kleinen und mittelgro\u00dfen S\u00e4ugethieren nachstellen, mit dem Ratel und den B\u00e4ren aber die Liebhaberei nach Honig theilen. Diese beiden Arten sind die Tayra oder Hyrare und der Grison.\nMan hat auch sie in der letzten Zeit wieder in besondere Sippen getrennt, wahrscheinlich ohne gen\u00fcgende Gr\u00fcnde. Wir unseres Theils k\u00f6nnen sie getrost zu einer vereinigen.\nDie Tayra (Galictis barbara) \u00e4hnelt in ihrer Gestalt unseren Mardern; nur ist bdi ihr der Kopf im Verh\u00e4ltni\u00df zum \u00fcbrigen K\u00f6rper gr\u00f6\u00dfer und die Schnauze runder, als bei letzteren. Der Leib ist schlank, der Hals lang und beinahe von der Dicke des Kopfes. Die F\u00fc\u00dfe sind kurz, aber","page":521},{"file":"p0522.txt","language":"de","ocr_de":"522\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Tayra. Grison.\n\u00e4u\u00dferst kr\u00e4ftig, die Zehen bis zum letzten Gelenke hin durch eine Haut verbunden, und die N\u00e4gel sind zusammengedr\u00fcckt. Der dichte Pelz ist am Rumpfe, an den vier Beinen und am Schw\u00e4nze br\u00e4unlichschwarz, das Gesicht bla\u00dfbraungrau, die \u00fcbrigen Theile des Kopfes, der Nacken und die Seiten des Halses sind bald aschgrau, bald gelblichgrau; die Farbe des Ohres zieht sich etwas ins R\u00f6thlichgelbe. An der Unterseite des Halses steht ein gro\u00dfer, gelber Flecken. Beide Geschlechter unterscheiden sich nicht; wohl aber kommen Ab\u00e4nderungen in der F\u00e4rbung vor, und namentlich ist die Farbe des Kopfes und des Nackens bald heller, bald dunkler, und der Fleck am Halse zuweilen gelblichwei\u00df. Eine vollkommen erwachsene Tayra ist etwa zwei Fu\u00df lang und besitzt einen 1^/2 Fu\u00df langen Schwanz. So \u00e4hnelt sie auch in der Gr\u00f6\u00dfe ungef\u00e4hr unserm Stein- oder Edelmarder.\nDie Tayra ist \u00fcber einen gro\u00dfen Theil von S\u00fcdamerika verbreitet; denn sie findet sich nicht blos in ganz britisch Guiana und Brasilien, sondern auch in Paraguay und noch weiter s\u00fcdlich. Nirgends ist sie selten, an manchen Orten sogar h\u00e4ufig. \u00c4n Paraguay kommt sie zwar nicht oft vor; aber auf dem rechten Ufer des gleichnamigen Stromes, in Gran Chaco besonders, scheint sie h\u00e4ufig zu sein. Wie Rengger angiebt, lebt sie theils in Feldern, die mit hohem Gras bewachsen sind, theils in den dichten Waldungen. Dort dient ihr der verlassene Bau eines G\u00fcrtelthieres, hier ein hohler Baumstamm zum Lager. Sie ist nichts weniger als ein blos n\u00e4chtliches Thier, sondern geht vielmehr erst, wenn der Morgen bald anbricht, auf Raub aus und verweilt besonders bei bedecktem Himmel bis gegen Mittag auf ihren Streifereien. W\u00e4hrend der gro\u00dfen Tageshitze zieht sie sich in ihr Lager zur\u00fcck und verl\u00e4\u00dft dasselbe erst wieder gegen Abend, wo sie dann bis in die Nacht hinein jagt. Sie wird als ein sehr sch\u00e4dliches Thier angesehen, welches sich k\u00fchn selbst bis in die N\u00e4he der Wohnungen dr\u00e4ngt.\nDie Nahrung der Tayra besteht aus allen kleinen, wehrlosen S\u00e4ugethieren, deren sie habhaft werden kann. Junge Rehe und Feldhirsche, Agutis, Kaninchen, Apereas und M\u00e4use bilden wohl den Hauptbestandtheil ihrer Mahlzeiten. Auf dem Felde geht sie den H\u00fchnern und jungen Strau\u00dfen nach, in den W\u00e4ldern besteigt sie die B\u00e4ume und bem\u00e4chtigt sich der Brut der V\u00f6gel. Sie ist blutd\u00fcrstig und erw\u00fcrgt, wenn es in ihrer Gewalt liegt, immer mehr Thiere, als sie zur S\u00e4ttigung bedarf. Als ausgezeichneter Kletterer besteigt sie selbst die h\u00f6chsten B\u00e4ume, um die Nester der V\u00f6gel zu pl\u00fcndern oder den Honig der Bienen aufzusuchen. Abw\u00e4rts klettert sie stets mit dem Kopfe voran und zeigt dabei eine Fertigkeit, welche nur wenig andere kletternde S\u00e4uge-thiere besitzen.\nGew\u00f6hnlich lebt der \u201eHuron\", wie die Brasilianer das Thier nennen, paarweise, d. h. mit seinem Weibchen in ein und demselben Walde zusammen. Letzteres wirft im Fr\u00fchjahr zwei bis drei Junge, welche, nach Aussage der J\u00e4ger, blind zur Welt kommen und, solange sie selbst noch nicht auf Raub ausgehen, mit kleinen S\u00e4ugethieren und jungen V\u00f6geln versorgt werden.\nDie Tayra wird in ganz S\u00fcdamerika ziemlich oft gez\u00e4hmt. Schomburgk fand sie oft in den H\u00fctten der Indianer, welche sie \u201eMaikong\" oder \u201eHava\" nennen, und besa\u00df, wie auch Rengger, selbst l\u00e4ngere Zeit ein St\u00fcck lebendig. Beide Forscher berichten uns dar\u00fcber etwa Folgendes: Man ern\u00e4hrt die Tayra mit Milch, Fleisch, Fischen, gekochten Jams, reifen Bananen, Kassavabrode, kurz mit allem M\u00f6glichen, und kann sie somit sehr leicht erhalten. Wenn man ihr Speise zeigt, springt sie heftig darnach, ergreift sie sogleich mit den Vorderpfoten und den Z\u00e4hnen und entfernt sich damit soweit als thunlich von ihrem W\u00e4rter. Dann legt sie sich auf den Bauch nieder und fri\u00dft das Fleisch, es mit beiden Vorderpfoten festhaltend, ohne St\u00fccke davon abzurei\u00dfen, sondern nach Katzenart, indem sie mit den Backenz\u00e4hnen der einen Seite daran kaut. Wirft man ihr lebendes Gefl\u00fcgel vor, so dr\u00fcckt sie dasselbe in einem Sprunge zu Boden und rei\u00dft ihm den Hals nahe am Kopf auf. Ein Gleiches thut sie mit kleinen S\u00e4ugethieren, ja, wenn sie nicht sorgsam genug gezogen worden ist, selbst mit jungen Hunden und Katzen. Sie liebt das Blut sehr, und man sieht sie gew\u00f6hnlich dasselbe, wenn sie ein Thier erlegt hat, auflecken, bevor sie vom Fleische genie\u00dft. St\u00f6rt man sie beim Fressen, so bei\u00dft sie w\u00fcthend um sich. Fl\u00fcssigkeiten nimmt sie lappend zu sich. Sie ist sehr reinlich und leckt und putzt ihr","page":522},{"file":"p0523.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Heimat. Leben. Beobachtung an Gefangenen.\t523\ngl\u00e4nzend schwarzes Fell fortw\u00e4hrend. Im Zorn giebt sie einen eignen Bisamgeruch von sich, welcher von einer Absonderung der Dr\u00fcsen, die in der Hautfalte unter dem After liegen, herzur\u00fchren scheint. Behandelt man sie mit Sorgfalt, so wird sie gegen den Menschen sehr zahm, spielt mit ihm, gehorcht seinem Rufe und folgt ihm, wenn sie losgebunden wird, durch das ganze Haus nach, gleich einer Katze. Dabei zeigt sie sich sehr spiellustig und leckt und kaut besonders gern an den H\u00e4nden herum, bei\u00dft aber oft auch recht herzhaft zu. Im Spielen st\u00f6\u00dft sie, wie es die jungen Hunde zu thun Pflegen, knurrende T\u00f6ne aus; wird sie aber ungeduldig, so l\u00e4\u00dft sie ein kurzes Geheul h\u00f6ren. Ungeachtet ihrer Liebensw\u00fcrdigkeit bleibt sie doch gegen alle kleineren Hausthiere, namentlich gegen das Gefl\u00fcgel, ein gef\u00e4hrlicher Feind und springt, solange sie etwas Lebendes um sich sieht, mit einer Art von Wuth aus dasselbe zu, um es abzuw\u00fcrgen, alle fr\u00fcher erhaltenen Z\u00fcchtigungen vergessend. Ihre Lebensart \u00e4ndert sie in der Gefangenschaft, wenn sie immer angebunden bleibt oder in einem K\u00e4fig gehalten wird, insoweit, da\u00df sie die ganze Nacht schlafend zubringt. L\u00e4\u00dft man sie aber in der Wohnung frei herumlaufen, so bringt sie dieselbe Ordnung, wie im Freien, zu Stande. Sie schl\u00e4ft dann blos w\u00e4hrend der Mitternacht und in den Mittagsstunden und jagt vom fr\u00fchen Morgen bis Abend den jungen M\u00e4usen und Ratten nach, von denen sie besser, als eine Katze, das Haus zu reinigen versteht. Sie kann sich\nDer Grison (Galictis vittata).\nn\u00e4mlich, da ihr Rumpf sehr dehnbar ist, durch jede Oeffnung dr\u00e4ngen, welche gro\u00df genug ist, den Kopf aufzunehmen. \u2014 In der Gefangenschaft begattet sie sich nicht und giebt \u00fcberhaupt kein Zeichen von Geschlechtstrieb von sich.\nBlos die wilden Indianer, f\u00fcr deren Gaumen keine Art von Fleisch zu schlecht zu sein scheint, essen den Maikong; die Europ\u00e4er finden sein Fleisch abscheulich. Jene benutzen auch sein Fell, um kleine S\u00e4cke daraus zu verfertigen oder dasselbe in Riemen zu zerschneiden, welche sie dann als Zierrath gebrauchen; gleichwohl jagen sie das Thier nicht besonders h\u00e4ufig. Wenn sich der Maikong verfolgt sieht, versteckt er sich, falls er Gelegenheit dazu findet, in einem Erdloch oder in einem hohlen Stamme oder klettert auf einen hohen Baum. Fehlt ihm aber ein solcher Zufluchtsort, so erreichen ihn die Hunde sehr bald, da er kein Schnelll\u00e4ufer ist, und \u00fcberw\u00e4ltigen ihn nach einer kurzen, aber muthigen Gegenwehr. Au\u00dfer dem Menschen d\u00fcrften h\u00f6chstens gr\u00f6\u00dfere Katzenarten und die Schlangen f\u00fcr ihn gef\u00e4hrlich sein.\nDer Grison (Galictis vittata) ist kleiner, als die Tayra, n\u00e4mlich blos etwas \u00fcber zwei Fu\u00df lang, wovon auf den Schwanz ungef\u00e4hr acht Zoll kommen. Er ist gedrungener, als die Tayra, und durch den verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig kurzen Schwanz, auch durch das d\u00fcnnere, eng anliegende Haarkleid","page":523},{"file":"p0524.txt","language":"de","ocr_de":"524\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Grison. Edelmarder.\nausgezeichnet. Die F\u00e4rbung des Thieres ist sehr eigenth\u00fcmlich und besonders deshalb merkw\u00fcrdig, weil die Oberseite des K\u00f6rpers lichter gef\u00e4rbt ist, als die Unterseite. Die Schnauze, der untere Theil des Nackens, der Bauch und die Kiefer sind dunkelbraun, w\u00e4hrend die ganze Oberseite von der Stirn an bis zum Schw\u00e4nze mit einem bla\u00dfgrauen Fell bedeckt ist, dessen Grannenhaare schwarz und wei\u00df geringelt sind. Von der Stirn l\u00e4uft \u00fcber die Wangen eine hellockergelbe Binde, welche gegen die Schultern hin etwas st\u00e4rker wird. Die Schwanzspitze und die kleinen Ohren sind ganz gelb, die Sohlen und die Fersen dunkelschwarz gef\u00e4rbt, die kurzen Streifen der Stirn und Wange gl\u00e4nzend stahlgrau. Zwischen M\u00e4nnchen und Weibchen, sowie zwischen Alt und Jung, findet kein Unterschied in der F\u00e4rbung statt.\nDer Grison bewohnt so ziemlich dieselben Gegenden, wie die vorhergehende Art. Schom-burgk nennt ihn eines der gew\u00f6hnlichen Raubthiere der K\u00fcste. Er h\u00e4lt sich in den Pflanzungen und besonders gern in der N\u00e4he der Geb\u00e4ude auf, wo er haupts\u00e4chlich dem Federvieh gro\u00dfen Schaden thut. In der Lebensweise \u00e4hnelt er dem Vorhergehenden sehr und geht auch, wie Dieser, am Tag auf die Jagd aus. Hohle B\u00e4ume, Felsspalten und Erdl\u00f6cher sind seine Aufenthaltsorte. Das Thier macht den Eindruck eines sehr unversch\u00e4mten Wesens und hat eine eigenth\u00fcmliche Gewohnheit, den langen Hals emporzuheben, ganz wie es giftige Schlangen zu thun pflegen, mit deren Kopf der seinige \u00fcberhaupt viel Aehnlichkeit hat. Dabei blitzen die klonen, dunklen Augen unter der wei\u00dfen Binde sehr lebendig hervor und geben der geistigen Regsamkeit, sowie auch dem mordlustigen Wesen des Grison belebten Ausdruck. Man sagt, da\u00df er ebenso blutgierig, wie unser Marder w\u00e4re und ohne Hunger soviel Thiere'w\u00fcrge, als er nur erhaschen k\u00f6nne. Sein Muth soll au\u00dferordentlich gro\u00df sein. Ein Grison, welchen ein Engl\u00e4nder zahm hielt, verlie\u00df einigemal seinen K\u00e4fig und griff einen jungen Alligator an, der sich in demselben Zimmer befand. Letzterer war, wie der Erz\u00e4hler bemerkt, dummzahm und hatte sich an einem Abende in die N\u00e4he des Feuers gelegt, um sich der willkommenen W\u00e4rme zu erfreuen. Als am n\u00e4chsten Morgen der Eigner eintrat, fand er, da\u00df der Grison die Flucht aus dem K\u00e4fig bewerkstelligt hatte. Zugleich entdeckte er die Spuren des Angriffs des kleinen Gesch\u00f6pfs an der riesigen Panzerechse. Gerade unter den Vorderbeinen, dort, wo die starken Blutgef\u00e4\u00dfe verlaufen, hatte der Grison den Alligator so furchtbar zerfleischt, da\u00df das arme Vieh an den Folgen seiner Wunden zu Grunde ging. Der zweite Alligator, welchen jener Forscher besa\u00df, war durch den Mord seines Gef\u00e4hrten so w\u00fcthend geworden, da\u00df er \u00e4rgerlich nach Jedem schnappte, welches sich ihm n\u00e4herte. Auch Cuvier berichtet von den Angriffen unsers Thieres auf andere, ver-h\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig st\u00e4rkere Thiere. Ein Grison, welchem fortw\u00e4hrend Nahrung im Ueberflu\u00df gereicht wurde, stillte seinen Blutdurst an einem armen Lemur, dessen Anblick ihn vorher so aufgeregt hatte, da\u00df er endlich die St\u00e4be seines K\u00e4figs zernagte und das harmlose Gesch\u00f6pf \u00fcberfiel und t\u00f6dtete. Gerade dieser Grison war sehr zahm und im hohen Grade spiellustig, obgleich seine Spielerei eigentlich nichts Anderes war, als ein versteckter Kampf. Sobald man sich ihm hingab, legte er sich auf den R\u00fccken und fa\u00dfte die Finger seines menschlichen Spielkameraden zwischen seine Klauen, nahm dieselben in das Maul und kniff sie leise mit den Z\u00e4hnen. Niemals hatte er so heftig gebissen, da\u00df solches Spiel gef\u00e4hrlich geworden w\u00e4re, und um so verwunderter war man, da\u00df er sich anderen Thieren gegen\u00fcber ganz anders benahm. \u2014 Das Ged\u00e4chtni\u00df dieses Thieres war merkw\u00fcrdig. Der Grison erkannte seine alten Freunde an den Fingern, mit welchen er fr\u00fcher gespielt hatte! In seinen Bewegungen war er flink und anmuthig, und w\u00e4hrend er sich in seinem K\u00e4fig bewegte, h\u00f6rte man von ihm, so lange er bei guter Laune war, best\u00e4ndig ein heuschreckenartiges Gezirp. Gereizt gab er einen ziemlich starken, doch keineswegs unertr\u00e4glichen Bisamgeruch von sich, welcher nach einigen Stunden wieder verging. \u2014 Das Weibchen des Grison bringt im Oktober zwei Junge zur Welt und pflegt und liebt sie in eben dem Grade, wie seine Verwandten.\nDieWuaraner, welche ihn \u201eYaquape\" oder \u201eniedrer Hund\" nennen, fangen ihn, halten ihn h\u00e4ufig in der Gefangenschaft, essen auch sein Fleisch und verwenden seinen Pelz. Die Ansiedler tobten ihn, wo sie ihn nur erlangen k\u00f6nnen.","page":524},{"file":"p0525.txt","language":"de","ocr_de":"Mordgier des Grison. \u2014 Beschreibung der Marder.\n525\nNicht ohne Grund haben die Naturforscher den Namen der Sippe, mit welcher wir uns jetzt besch\u00e4ftigen wollen, als ma\u00dfgebend f\u00fcr die ganze Familie erw\u00e4hlt. Die eigentlichen Marder (Martes) sind die vollendetsten Gestalten der ganzen Familie und vereinigen das Gepr\u00e4ge, die Lebensweise und die s\u00e4mmtlichen Sitten der \u00fcbrigen Mitglieder in sich. Es sind Thiere, welche allen Erfordernissen zu einem echten R\u00e4uberleben Gen\u00fcge leisten k\u00f6nnen. Ihr Leibesbau ist gestreckt; die Beine sind kurz und kr\u00e4ftig, die Zehen getrennt und mit spitzigen, kleinen Krallen versehen; der Kopf ist klein und platt, die Ohren und Augen sind gro\u00df, das Gebi\u00df ist furchtbar.\nAlle diese Begabungen bef\u00e4higen ebenso zu h\u00f6chst gewandten Bewegungen, als zum Durchst\u00f6bern und Durchkriechen der verschiedenartigsten Schlupfwinkel und machen es den Mardern leicht, ihre Beute \u00fcberall aufzusuchen. Sie sind wirklich ausgezeichnete Raubthiere. Ihre Bewegungen sind rasch und sicher: sie gehen gut, klettern vorz\u00fcglich, schwimmen ausgezeichnet, verstehen es, weite S\u00e4tze zu machen, und sind ausdauernd und unglaublich behend. Sie besitzen feine Sinne, einen sehr empfindlichen Geruch, ein gutes Geh\u00f6r und scharfe Augen, und haben au\u00dferdem in ihren Stinkdr\u00fcsen ein Schutz-\nDer Edelmarder (Martes abietum.).\nmittet gegen st\u00e4rkere Raubthiere, als sie sind. Dabei sind sie klug, listig, schlau, muthig und tapfer und somit auch in geistiger Hinsicht mit jeder F\u00e4higkeit begabt, welche einen sehr leichten Nahrungserwerb erm\u00f6glichen kann.\nIhre Verbreitung beschr\u00e4nkt sich auf Europa, Asien und Amerika. Hier aber sind sie auch fast \u00fcberall zu finden, in Amerika wenigstens in der ganzen n\u00f6rdlichen H\u00e4lfte. Der vorz\u00fcgliche Pelz, welchen sie tragen, bringt dem Menschen ebenso gro\u00dfen Nutzen, als der Schaden ist, welchen sie ihm w\u00e4hrend ihrer Lebenszeit durch ihre R\u00e4ubereien zuf\u00fcgen.\nAls vorz\u00fcglichstes Mitglied der Gruppe gilt, wie aus dem Namen hervorgeht, der Edelmarder (Martes abietum), hier und da wohl auch Baummarder genannt. Dieses sehr sch\u00f6ne Gesch\u00f6pf ist eins der sch\u00e4dlichsten unter allen kleinen europ\u00e4ischen Raubthieren. Seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt etwa zwanzig, die des Schwanzes elf bis zw\u00f6lf, die H\u00f6he am Widerrist zehn Zoll. Der ganze Pelz ist oben dunkelbraun, an der Schnauze fahl, an der Stirn und den Wangen lichtbraun, an den K\u00f6rperseiten und dem Bauche gelblich, an den Beinen schwarzbraun, und an dem Schw\u00e4nze dunkelbraun. Ein","page":525},{"file":"p0526.txt","language":"de","ocr_de":"526\nDie Naubthiere. Marder. \u2014 Edelmarder.\nschmaler dunkelbrauner Streifen zieht sich unterhalb der Ohren hin. Zwischen den Hinterbeinen befindet sich ein r\u00f6thlichgelber, dunkelbraun ges\u00e4umter Flecken, welcher sich zuweilen in einem schmuzig-gelben Streifen bis zur Kehle fortzieht. Diese und der Unterhals sind sch\u00f6n dottergelb gef\u00e4rbt, und hierin liegt das haupts\u00e4chlichste Kennzeichen unsers Thieres. Die Behaarung ist dicht, weich und gl\u00e4nzend. Sie besteht aus ziemlich langen, steifen Grannenhaaren und kurzem, feinen Wollhaar, welches an der Vorderseite wei\u00dfgrau, hinten und an den Seiten aber gelblich gef\u00e4rbt ist. Auf der Oberlippe stehen vier Reihen von Schnurren und au\u00dferdem noch einzelne Borstenhaare unter den Augenwinkeln, so wie unter dem Kinne und an der Kehle. Im Winter ist die allgemeine F\u00e4rbung dunkler, als im Sommer. Das Weibchen unterscheidet sich vom M\u00e4nnchen durch bl\u00e4ssere F\u00e4rbung des R\u00fcckens und einen weniger deutlichen Flecken. Bei jungen Thieren sind Kehle und Unterhals Heller gef\u00e4rbt.\nDas Vaterland des Baum- oder Edelmarders erstreckt sich \u00fcber alle bewaldeten Gegenden der n\u00f6rdlichen Erdh\u00e4lfte. In Europa findet er sich in Skandinavien, Ru\u00dfland, England, Deutschland, Frankreich, Ungarn und Italien, in Asien bis zum Altai, s\u00fcdlich bis zu den Quellen des Ienisei. Solch ausgedehntem Verbreitungskreise entsprechend, \u00e4ndert er namentlich in seinem Felle nicht unwesentlich ab. Die gr\u00f6\u00dften Edelmarder wohnen in Schweden, und der Pelz derselben ist noch einmal so dicht und so lang, als der unserer deutschen Marder; die Farbe ist grauer. Unter den deutschen finden sich mehr gelbbraune, als dunkelbraune, welche letztere namentlich in Tirol vorkommen und dem amerikanischen Zobel oft t\u00e4uschend \u00e4hneln. Die Edelmarder der Lombardei sind bla\u00dfgraubraun oder gelbbraun, die der Pyren\u00e4en gro\u00df und stark, aber ebenfalls hell, die aus Macedonien und Thessalien mittelgro\u00df, aber dunkel.\nDer Edelmarder bewohnt die Laub- und Nadelw\u00e4lder und findet sich um so h\u00e4ufiger, je einsamer, dichter und finsterer dieselben sind. Er ist ein echtes Baumthier und klettert so meisterhaft, da\u00df ihn kein anderes Raubs\u00e4ugethier hierin \u00fcbertrifft. Hohle B\u00e4ume, verlassene Nester von wilden Tauben, Raubv\u00f6geln und Eichh\u00f6rnchen sind die Wohnungen, welche er sich zu seinem Lager w\u00e4hlt; selten sucht er sich auch in Felsenritzen eine Zufluchtsstelle. Aus seinem Lager ruht er gew\u00f6hnlich w\u00e4hrend des ganzen Tages; mit Beginn der Nacht aber, meist schon vor Sonnenuntergang, geht er auf Raub aus und stellt nun allen Gesch\u00f6pfen nach, von denen er glaubt, da\u00df er sie bezwingen k\u00f6nnte. Von dem Hasen oder jungen Reh herab bis zur Maus ist kein S\u00e4ugethier vor ihm sicher. Er beschleicht und \u00fcberf\u00e4llt sie pl\u00f6tzlich und w\u00fcrgt sie ab. Selbst an junge Rehe soll er sich wagen, obgleich er wei\u00df, da\u00df ihn die alte Ricke mit ihren Vorderl\u00e4ufen empfindlich durchpr\u00fcgelt, wenn er es versieht. Ebenso verderblich, wie unter den S\u00e4ugethieren, haust er unter den V\u00f6geln. Alle H\u00fchnerarten, welche bei uns leben, haben in ihm einen furchtbaren Feind. Leise und ger\u00e4uschlos schleicht er zu ihren Schlafpl\u00e4tzen hin, m\u00f6gen diese nun B\u00e4ume oder der flache Boden sein; ehe noch die sonst so wachsame Henne eine Ahnung von dem blutgierigen Feinde bekommt, sitzt dieser ihr auf dem Nacken und zermalmt ihr mit wenigen Bissen den Hals oder rei\u00dft ihr die Schlagadern auf, an dem herausflie\u00dfenden Blute gierig sich labend. Nur eigentliche Baumthiere verfolgt er durch Nachgehen, und wirklich bringt er es dahin, da\u00df das behende, flinke und ausdauernde Eichh\u00f6rnchen zuletzt ganz ermattet sich ihm ergiebt, nachden es eingesehen hat, da\u00df auch die k\u00fchnsten Spr\u00fcnge von hohen B\u00e4umen herunter aus die Erde, das verwegenste Klettern auf die d\u00fcnnsten Aeste heraus, vor dem schlangenartig sich bewegenden R\u00e4uber es nicht sch\u00fctzen k\u00f6nnen; den Wasserratten und dem Wassergefl\u00fcgel schleicht er an den Teichen nach, und wenn es sein mu\u00df, jagt er sie in ihrem eigenen Element. Die Hasen \u00fcberf\u00e4llt er im Lager, oder w\u00e4hrend sie sich \u00e4sen. Au\u00dferdem pl\u00fcndert er alle Nester der V\u00f6gel aus, sucht die Bienenst\u00f6cke heim und raubt dort den Honig, geht auch den Fr\u00fcchten nach und labt sich an allen Beeren, welche auf dem Boden wachsen, fri\u00dft auch Birnen, Kirschen und Pflaumen. Wenn ihm die Nahrung im Walde zu mangeln beginnt, wird er dreister, kommt wohl auch zu den menschlichen Wohnungen, allerdings nur in der h\u00f6chsten Noth. Hier besucht er H\u00fchnerst\u00e4lle und Taubenh\u00e4user und richtet Verw\u00fcstungen an, wie kein anderes Thier, mit Ausnahme der Glieder seiner eigenen Sippschaft. Er w\u00fcrgt weit mehr ab, als er verzehren kann, oft den ganzen Stall, und nimmt dann nur","page":526},{"file":"p0527.txt","language":"de","ocr_de":"Zeichnung. Heimat. Gewerbe. Beobachtungen von Lenz.\n527\neine einzige Henne oder eine einzige Taube mit sich weg. So wird er der gesammten kleinen Thierwelt wahrhaft verderblich und ist deshalb mehr gef\u00fcrchtet, als kaum ein anderes Raubthier.\nEnde Januars oder Anfangs Februar beginnt die Rollzeit. Der Beobachter, welcher bei Mondschein in einem gro\u00dfen Walde unsern Strauchdieb zuf\u00e4llig entdeckt, sieht jetzt mehrere Marder im tollsten Treiben sich auf den B\u00e4umen bewegen. Fauchend und knurrend jagen sich die verliebten M\u00e4nnchen, und wenn beide gleich stark sind, giebt es einen t\u00fcchtigen Kampf im Gezweig, zur Ehre des Weibchens, welches nach Art ihres Geschlechts an diesem eifers\u00fcchtigen Treiben gro\u00dfen Gefallen zu finden scheint und die verliebten Bewerber l\u00e4ngere Zeit hjnh\u00e4lt, bis es sich endlich dem st\u00e4rksten ergiebt. Nach neunw\u00f6chentlicher Tragzeit, also Ende M\u00e4rz oder Anfangs April, wirft das Weibchen drei bis vier Junge in ein mit Mos ausgef\u00fcttertes Lager in hohle B\u00e4ume, selten in Eichhorn- oder Elsternester oder in eine Felsenritze. Die Mutter sorgt mit gr\u00f6\u00dfter Liebe f\u00fcr die Familie und geht, voll Besorgni\u00df ihr Lager zu verlieren, niemals aus der N\u00e4he desselben. Schon nach wenigen Wochen folgen die Jungen der Alten bei ihren Lustwandelungen auf die B\u00e4ume nach und springen auf den Aesten munter und hurtig umher, werden aber bei der geringsten Gefahr von der vorsichtigen Alten gewarnt und zu eiliger Flucht angetrieben. Solche Junge kann man ziemlich leicht auff\u00fcttern und anfangs mit Milch und Semmel, sp\u00e4ter mit Fleisch lange erhalten. Sie find unter allen z\u00e4hmbaren Raubthieren mit die angenehmsten und artigsten, verlieren aber selten die ihnen angeborene Wildheit. Lenz, welcher einen jungen Edelmarder besa\u00df, erz\u00e4hlt \u00fcber ihn Folgendes:\n\u201eAm 29. Januar erhielt ich durch die G\u00fcte des F\u00f6rsters Berger zu Tabarz einen jungen Edelmarder, der an demselben Tage aus den H\u00f6hlen eines Baumes geholt worden war. Das Thierchen hatte erst die Gr\u00f6\u00dfe einer Wanderratte, seine Bewegungen waren noch langsam. Er suchte sich immer in L\u00f6cher zu verkriechen und scharrte auch, um sich L\u00f6cher zu bilden. Anfangs war er bei\u00dfig, wurde jedoch schon am ersten Tage ganz zahm. Laue Milch soff er bald und fra\u00df auch, schon wenige Stunden, nachdem er zu mir gebracht worden war, in Milch eingeweichte Semmel. An diesem Thierchen konnte ich recht sehen, wie sich der Geschmack naturgem\u00e4\u00df entwickelt. Anfangs (im Juni oder Juli) bekommt der junge Edelmarder von seinen Eltern gewisse Speisen, fast nur V\u00f6gel, sp\u00e4ter mu\u00df er sich auch an M\u00e4use, Obst u. s. w. gew\u00f6hnen, wie es die Jahreszeit bietet.\"\n\u201eAm zweiten Tage bot ich ihm einen Frosch an: er beachtete ihn gar nicht, gleich darauf gab ich ihm einen lebenden Sperling: und er schnappte ihn sofort lebend weg und verzehrte ihn mit allen seinen Federn. Ebenso machte er es bald mit einem andern und dann noch einem. Obgleich noch sehr jung, war er doch so reinlich, da\u00df er eine Ecke seines Beh\u00e4lters zum Abtritt erkor, eine Tugend, die man nur wenigen anderen Thieren nachr\u00fchmen kann.\"\n\u201eAm vierten Tage lie\u00df ich ihn hungern und bot ihm dann einen Frosch, eine Eidechse und eine Blindschleiche an. Er beachtete Alles aber gar nicht, und auch einen jungen Raben wollte er nicht fressen.\"\n\u201eAm sechsten Tage kroch er nachts aus seinem Beh\u00e4lter, bi\u00df einen im Neste sitzenden Thurmfalken todt und fra\u00df den Kopf, Hals und einen Theil der Brust. Ich bot ihm nach und nach mancherlei an und fand, da\u00df er doch kleine V\u00f6gel Allem vorzog. Fischfleisch fra\u00df er nicht, Kaninchen, Hamster, M\u00e4use recht gern, aber doch nicht so begierig, als V\u00f6gel, wogegen Iltis und Fuchs S\u00e4ugethiere lieber fressen, zumal der Fuchs, der ja seine Nahrung ganz auf der Erde suchen mu\u00df und daher nicht haupts\u00e4chlich auf V\u00f6gel angewiesen sein kann. Kirschen und Erdbeeren fra\u00df er, Stachel- und Heidelbeeren aber nicht gern, Ameisenpuppen dagegen sehr gern; doch verdaute er sie nicht geh\u00f6rig. Junge Katzen t\u00f6dtete und fra\u00df er gern; Eidotter schmeckten ihm gut, aber noch nicht so gut, als kleine V\u00f6gel; auch Ged\u00e4rme und Fleisch von gr\u00f6\u00dferen V\u00f6geln beachtete er nicht so sehr, wie von kleinen. Schon als ganz junges Thierchen hatte er den Grundsatz, kein ihm zur Nahrung dienendes Wesen entwischen zu lassen. War er satt, so spielte er doch noch mit neuhinzukommenden V\u00f6geln u. s. w. stundenlang. Vorz\u00fcglich spielte er mit kleinen Hamstern. Er h\u00fcpfte und sprang unaufh\u00f6rlich um das boshafte, fauchende Hamsterchen herum und gab ihm bald mit der rechten, bald mit","page":527},{"file":"p0528.txt","language":"de","ocr_de":"528\nDie RauLthiere. Marder. \u2014 Edelmarder.\nder linken Pfote eine Ohrfeige. War er aber hungrig, so fackelte er nicht lange, bi\u00df dem Hamsterchen den Kopf entzwei und fra\u00df es mit Knochen, Haut und Haaren. Als er Dreiviertel seines Wachsthums erreicht hatte und au\u00dferordentlich gefr\u00e4\u00dfig war, gab ich ihm wiederum eine Blindschleiche. Er war gerade hungrig, n\u00e4hrte sich aber doch behutsam und sprang bei jeder ihrer Bewegung wieder zur\u00fcck. Wie er sich endlich \u00fcberzeugt hatte, da\u00df es nicht gef\u00e4hrlich sei, da bi\u00df er dann endlich zu; ihr Schwanz brach ab, er fra\u00df ihn aus und trug dann das Thier in sein Nest, wo es ihm entschl\u00fcpfte und unter das Heu kroch. Er zog es wieder vor, bi\u00df sich noch ein St\u00fcck des \u00fcbergebliebenen Schwanzstummels ab; nach zwei Stunden endlich wagte er, die Blindschleiche am Halse zu packen und zu zerrei\u00dfen. Er trug sie dann ins Nest und fra\u00df sie nach und nach mit Wohlbehagen, jedoch ohne Begierde. Noch war er mit der Blindschleiche nicht fertig, als ich ihm eine etwa zwei Fu\u00df lange Ringelnatter in seine Kiste warf. Sobald sie da lag, n\u00e4herte er sich behutsam, sprang aber, so oft sie sich r\u00fchrte oder zischte, erschrocken zur\u00fcck. Die Schlange hatte sich endlich in einen Kn\u00e4uel zusammengeballt und den Kopf unter ihren Windungen versteckt. Wohl eine Stunde lang war er schon um sie herumgesprungen, ohne sie anzutasten; dann erst begann er, \u00fcberzeugt, da\u00df keine Gefahr zu f\u00fcrchten sei, sie zu beschnopern und mit den Pfoten zu ber\u00fchren, Alles aber immer noch mit der gr\u00f6\u00dften Aengstlichkeit. Es war, als h\u00e4tte er wohl Lust zu fressen, aber nicht den Muth, sie zu todten. Daher trieb er sein Wesen, indem er sich ihr bald n\u00e4herte, bald zur\u00fccksprang, \u00fcber einen -^ag lang, und nun erst wurde er so dreist, sie am Nacken herumzutragen und am dritten Tage ^endlich, sie zu todten; jedoch fra\u00df er sie nicht.\"\n\u201eW\u00e4hrend er noch mit dem Ringelnatterspiel besch\u00e4ftigt war, brachte ich ihm eine frisch ge-t\u00f6dtete, gro\u00dfe Kreuzotter. Vorsichtig kam er sogleich heran, aber bald \u00fcberzeugt, da\u00df sie todt sei, nahm er sie auf, trug sie bald hier-, bald dorthin, und verschmauste sie nach einer Stunde, sammt Kopf und Giftz\u00e4hnen, ganz. Ich gab ihm dann eine Eidechse, die er ebenfalls schnopernd begr\u00fc\u00dfte; das Thierchen zischte heiser, fast wie eine Schlange, sperrte den Rachen auf und sprang wohl zehnmal drei Zoll weit auf ihn zu. Er traute nicht und wich ihren Bissen aus; jedoch wurde er immer dreister und machte sich, da ihm die Eidechse Nichts zu Leide that, nach Verlauf einer Stunde daran, bi\u00df sie todt und fra\u00df sie auf.\"\n\u201eWir sehen denn, da\u00df er von Natur wenig Trieb hat, Schlangen und andere Lurche zu todten; es ist aber, nach, den genannten Erfahrungen keineswegs unwahrscheinlich, da\u00df er sie im Winter, wenn er sie zuf\u00e4llig in ihrem wehrlosen Zustande trifft, tobtet und fri\u00dft; denn zu dieser Zeit mag er oft bittern Hunger leiden, da er ungeheuer gefr\u00e4\u00dfig ist. Er ist \u00fcbrigens in der Gefangenschaft leicht zu halten, weil er gern mit Milch und Brod vorlieb, auch Pflaumen, Birnen, Aepfel gern annimmt. Aus Eiern macht er sich nicht sonderlich viel, Honig nascht er gern.\"\n\u201eWir haben gesehen, da\u00df er sich selbst vor der Eidechse, die doch ein wahrer Zwerg gegen ihn ist, furchtsam zeigt, dagegen ist aber sein Muth gegen andere Thiere, nach deren Fleisch er leckert, sehr gro\u00df. Wenn er einen recht starken Hamster oder eine recht gro\u00dfe Ratte bekommt, so setzt es einen f\u00fcrchterlichen Kampf. Kleinen bei\u00dft er gleich den Hals und Kopf entzwei, auf gr\u00f6\u00dfere aber st\u00fcrzt er sich mit Ungest\u00fcm, packt sie mit allen vier Pfoten, wirft sie zu Boden und dreht und wendet die Thiere mit so einer ungeheuern Schnelligkeit zwischen den Pfoten, da\u00df das Auge den Bewegungen gar nicht folgen kann. Man wei\u00df nicht recht, was man sieht, wer siegt oder unterliegt; den Hamster h\u00f6rt man unaufh\u00f6rlich fauchen, aber pl\u00f6tzlich springt der Marder empor, h\u00e4lt den Hamster im Genick und zermalmt ihm die Knochen. Den gr\u00f6\u00dferen Kaninchen f\u00e4llt er sogleich ins Genick und l\u00e4\u00dft nicht eher los, bis sie erw\u00fcrgt sind. Einen gewaltigen L\u00e4rm giebt es, wenn man ihm einen recht gro\u00dfen, starken Hahn reicht. W\u00fcthend springt er diesem an den Hals und w\u00e4lzt sich mit ihm herum, w\u00e4hrend der Hahn aus allen Kr\u00e4ften mit den Fl\u00fcgeln schl\u00e4gt und den F\u00fc\u00dfen tritt. Nach einige\u00ab Minuten hat das Gepolter ein Ende, und dem Hahn ist der Hals zerbissen. Ich habe ihn absichtlich keinem gef\u00e4hrlichen Kampfe preisgegeben, und daher nie eine lebende Otter zu ihm gebracht, weil er mir sehr theuer war. Einstmals aber gab ich ihm eine ganz frisch erlegte, noch warme, sehr gro\u00dfe Katze.","page":528},{"file":"p0529.txt","language":"de","ocr_de":"529\nLenz's Gefangener. Kampf zwischen Edelmarder und Iltis. Verfolgung.\nIch warf sie ihm pl\u00f6tzlich in seine Kiste, aber in demselben Augenblicke hatte er sie schon w\u00fcthend am Halse gepackt, da\u00df ich wohl sah, er w\u00fcrde den Kampf gegen das lebende Thier nicht gescheut haben. Er lie\u00df auch nicht eher los, als bis er sich vollkommen von ihrem Tode \u00fcberzeugt hatte. Zu dieser Zeit war er schon erwachsen.\"\n\u201eSolange er noch jung war, spielte er gern mit Menschen, wenn man das Spiel selbst begann; - sp\u00e4ter ist zu solchen Spielen nicht zu rathen: denn er gew\u00f6hnt sich, wenn er gro\u00df ist, in Alles, selbst wenn er es nicht b\u00f6se meint, so fest einzubei\u00dfen, da\u00df er mir durch dicke Handschuhe mit den Eckz\u00e4hnen bis ins Fleisch gebissen hat, \u00fcbrigens in aller Freundschaft.\"\n\u201eEigentliche Liebe zu seinem Erzieher spricht sich nicht in seinen Mienen und Geberden aus, obgleich er sehr Wohlbekannten, wenn er gut behandelt wird, nie Etwas zu Leide thut. Aus seinen schwarzen Augen blickt nur Begierde und Mordlust. Wenn er recht behaglich in seinem Neste liegt, l\u00e4\u00dft er oft ein anhaltendes, trommelndes Murren h\u00f6ren. Das Kn\u00e4sfen des Iltis habe ich nie von ihm geh\u00f6rt. Wenn er b\u00f6se ist, knurrt er heftig.\"\n\u201eIch will hier noch auf einen Irrthum aufmerksam machen, der ziemlich allgemein ist. Man glaubt n\u00e4mlich, da\u00df die Wieselarten, wenn sie ein Thier tobten, allemal die starken Pulsadern des Halses mit den Eckz\u00e4hnen treffen und durchschneiden. Das ist nicht richtig. Sie packen allerdings gr\u00f6\u00dfere Thiere beim Halse und erw\u00fcrgen sie so, jedoch ohne gerade die Adern zu treffen; daher verm\u00f6gen sie auch nicht, ihnen das Blut auszusaugen, sondern begn\u00fcgen sich damit, das zuf\u00e4llig hervorflie\u00dfende abzulecken. Dann fressen sie das Thier an und beginnen gew\u00f6hnlich mit dem Halse; bei etwas gr\u00f6\u00dferen Thieren, wie bei gro\u00dfen Ratten, H\u00fchnern u. s. w., wird beim T\u00f6dten nicht einmal die Halshaut, welche z\u00e4he ist und nachgiebt, durchschnitten, sondern erst sp\u00e4ter.\" \u2014\nSehr unfreundlich benahmen sich unsere Edelmarder gegen einen Iltis, welchen ich zu ihnen bringen lie\u00df, weil ich sehen wollte, ob sich zwei so nah verwandte Thiere vertragen w\u00fcrden oder nicht. Dem Iltis schienen die ver\u00e4nderten Umst\u00e4nde, in welche er gekommen war, sichtlich zu mi\u00dffallen; er suchte \u00e4ngstlich nach einem Auswege. Aber auch die Edelmarder nahmen den Besuch nicht g\u00fcnstig auf. Sie stiegen sofort zur h\u00f6chsten Spitze ihres Kletterbaumes empor und betrachteten den Fremdling funkelnden Auges. Die Neugier oder die Mordlust siegten jedoch bald \u00fcber ihre Furcht: sie n\u00e4herten sich dem berochen ihn, gaben ihm einen Tatzenschlag, zogen sich blitzschnell zur\u00fcck, n\u00e4herten sich von neuem, schlugen nochmals, schn\u00fcffelten hinter ihm her und fuhren pl\u00f6tzlich, beide zugleich, mit ge\u00f6ffnetem Gebi\u00df nach dem Nacken des Feindes. Da nur Einer sich sestbei\u00dfen konnte, lie\u00df der Zweite ab und beobachtete aufmerksam den Kamps, welcher sich zwischen seinem Genossen und dem gemeinsamen Gegner entsp\u00f6nne^ hatte. Beide Streiter waren nach wenig Augenblicken in einander verbissen und zu einem Kn\u00e4ul geballt, welcher sich mit \u00fcberraschender Schnelligkeit dahinkugelte und w\u00e4lzte. Nach einigen Minuten eifrigen Ringens schien der Sieg sich auf die Seite des Edelmarders zu neigen. Der Iltis war festgepackt worden und wurde festgehalten. Diesen Augenblick benutzte der zweite Edelmarder, um sich im Hintertheile des Iltis einzubei\u00dfen. Jetzt schien dessen Tod gewi\u00df zu sein. da mit einem Male lie\u00dfen beide Edelmarder gleichzeitig los, schn\u00fcffelten in der Luft und taumelten dann wie betrunken hinter dem ein Versteck suchenden Iltis einher. Ein durchdringender Gestank, welcher sich verbreitete, belehrte uns, da\u00df der Ratz seine letzte Waffe gebraucht hatte. In welcher Weise der Gestank gewirkt hatte, ob bes\u00e4nftigend oder abschreckend, blieb unentschieden: die Edelmarder folgten wohl, eifrig schn\u00fcffelnd, den Spuren des St\u00e4nkers, griffen ihn aber nicht wieder an.\nMan verfolgt den Edelmarder \u00fcberall noch auf das nachdr\u00fccklichste, ebensowohl, um seinem W\u00fcrgen unter den n\u00fctzlichen Thieren zu steuern, als auch, um sich seines werthvollen Felles zu bem\u00e4chtigen. Am leichtesten erlegt man ihn beim frischen Schnee, weil dann nicht blos seine F\u00e4hrte auf dem Boden, sondern auch die Spur auf den beschneiten Aesten verfolgt werden kann. Zuf\u00e4llig bemerkt man ihn wohl auch ab und zu einmal im Walde liegen, gew\u00f6hnlich der L\u00e4nge nach ausgestreckt auf einem Baumaste. Von dort aus kann man ihn leicht herabschie\u00dfen und, wenn man gefehlt hat,\nBrehm, Tbierleben.\to.","page":529},{"file":"p0530.txt","language":"de","ocr_de":"530\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Steinmarder.\nruhig noch einmal laden, weil er sich nicht von der Stelle r\u00fchrt und den J\u00e4ger unverwandt im Auge beh\u00e4lt. Hat man das Gewehr nicht bei sich, so braucht man blos ein Schnupftuch oder den Rock vor seinen Augen auf einen Stock zu h\u00e4ngen und kann dann ruhig nach Hause gehen, um Gewehr und Hund zu holen. Die vor ihm aufgestellten Gegenst\u00e4nde besch\u00e4ftigen ihn derart, da\u00df er gar nicht daran denkt, zu entwischen. Ein glaubw\u00fcrdiger Mann erz\u00e4hlte mir, da\u00df er vor Jahren mit mehreren anderen jungen Leuten einen Edelmarder mit Steinen vom Baume herabgeworfen habe. Das Thier schien zwar die an ihm vor\u00fcbersausenden Steine mit gro\u00dfer Theilnahme zu betrachten, r\u00fchrte sich aber nicht von der Stelle, bis endlich ein gr\u00f6\u00dferer Stein es an den Kopf traf und bet\u00e4ubte.\nBei der Jagd des Edelmarders mu\u00df man einen recht scharfen Hund haben, welcher herzhaft zubei\u00dft und den Marder fa\u00dft, weil dieser w\u00fcthend gegen seine Verfolger zu springen und einen minder guten Hund abzuschrecken pflegt. Ziemlich leicht f\u00e4ngt er sich in Eisen, welche eigens dazu verfertigt worden und sehr verborgen aufgestellt sind. Als Anbi\u00df dient gew\u00f6hnlich em St\u00fcckchen Brod, welches man mit einem Scheibchen Zwiebel, mit ungesalzener Butter und Honig gebraten und mit Kampfer bestreut hat. Ausgezeichnet f\u00fcr den Fang ist nach Lenz auch der sogenannte Schlagbaum. Dieser besteht aus zwei knapp der L\u00e4nge nach passenden und am Ende-zusammengebundenen starken (Stangen. Sie werden auf einem Baum befestigt; an dem andern Ende bringt man ein Schnellbret von f\u00fcnfzehn Zoll L\u00e4nge und ebensoviel Breite an, welches zur Befestigung^des K\u00f6ders dient. Damit das Thier bequem hinaufkommen kann, wird eine Anlaufstange in die Erde gestellt und an das dicke Ende der untern Schlagbaumstange befestigt. Klettert der Marder dann hinauf, so mu\u00df er, um den K\u00f6der zu erhaschen, zwischen den beiden Stangen an das Schnellholz. Sobald er aber den Koder ber\u00fchrt, f\u00e4llt die Stellstange nieder und zerquetscht ihn. Au\u00dferdem bedient man sich einer Falle, welche aus einem langen, nach einer Seite offenen Kasten besteht, der eine Fallth\u00fcr besitzt. In der Mitte ist ein tellerf\u00f6rmiges Bretchen und die Lockspeise, oder noch besser, am hintern Ende der Falle ein enggeflochtener Drahtk\u00e4fig, welcher ein lebendes junges Kaninchen, T\u00e4ubchen oder M\u00e4uschen enthalt. Der Marder kriecht dann durch die Fallth\u00fcr in den Kasten und wird gefangen, sobald er nach der Lockspeise greift, weil die geringste Bewegung an dem Bretchen die Th\u00fcre zum Fallen bringt.\nDas Pelzwerk des Edelmarders ist das kostbarste aller unserer einheimischen S\u00e4ugethiere und \u00e4hnelt in seiner G\u00fcte am meisten dem Pelze des Zobels.\nDer zweite echte Marder, welcher bei uns vorkommt, ist der Stein- oder Hausmarder (Martes Foina). Er unterscheidet sich von dem vorhergehenden haupts\u00e4chlich durch seine etwas geringere Gr\u00f6\u00dfe und die verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig k\u00fcrzeren Beine, den langen Kopf und den k\u00fcrzern Pelz. Die F\u00e4rbung des letztern ist kastanienbraun am ganzen K\u00f6rper, mit Ausnahme des Halses und der Vorderbrust, welche wei\u00df, und der Beine, welche schwarzbraun sind. Die K\u00f6rperl\u00e4nge betragt etwa\nsiebzehn, die L\u00e4nge des Schwanzes aber neun Zoll.\nDer Steinmarder findet sich fast in allen L\u00e4ndern und Gegenden, in denen der Edelmarder vorkommt. Ganz Mitteleuropa und Italien, mit Ausnahme von Sardinien, England, Schweden, das gem\u00e4\u00dfigte europ\u00e4ische Ru\u00dfland bis zum Ural, der Krim und dem Kaukasus ebensowohl als Deutschland und Frankreich sind seine Heimat. In den Alpen steigt er w\u00e4hrend der Sommermonate \u00fcber den Tanneng\u00fcrtel hinauf, im Winter zieht er sich gew\u00f6hnlich nach den tieferen Gegenden zur\u00fcck Er ist fast \u00fcberall h\u00e4ufiger, als der Edelmarder, und n\u00e4hert sich wert mehr, als jener, den Wohnungen der Menschen, ja man darf sagen, da\u00df D\u00f6rfer und St\u00e4dte geradezu fern L^lpngsaufenthalt find. Einsam stehende Scheuern, St\u00e4lle, altes Gem\u00e4uer, Steinhaufen und gr\u00f6\u00dfere Holzsto\u00dfe tn der Rahe von D\u00f6rfern werden fast immer von diesem gef\u00e4hrlichen Feinde des zahmen Gefl\u00fcgels bewohnt.\nLebensweise und Sitten des Hausmarders stimmen ganz mit denen des Edelmarders uberein. Er ist ebenso lebendig, gewandt und geschickt, ebenso muthig, listig und mordsuchtlg wie jener. In den Leibes\u00fcbungen ist er Meister. Er klettert selbst an glatten B\u00e4umen und Stammen hinauf, versteht es, weite Spr\u00fcnge zu machen, schwimmt mit Leichtigkeit, wei\u00df zu schleichen und sich durch die","page":530},{"file":"p0531.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Lebensweise. Z\u00e4hmung.\n531\nengsten Ritzen zu zw\u00e4ngen; kurz er ist eines der begabtesten Raubthiere, welche es geben kann. Seine Nahrung ist deshalb auch fast dieselbe, wie die des vorhergehenden; gleichwohl wird er weit sch\u00e4dlicher, ate der Edelmarder, weil er eben viel mehr Gelegenheit findet, dem Menschen empfindliche Verluste beizubringen. Wo er nur irgend kann, schleicht er sich in die Wohnungen des Hausgefl\u00fcgels ein und w\u00fcrgt hier mit einer Mordlust und Grausamkeit ohne Gleichen. Nicht selten findet man zehn bis zw\u00f6lf, ja selbst zwanzig St\u00fcck todtes Gefl\u00fcgel, welches er in einer einzigen Nacht umgebracht hat. Au\u00dferdem f\u00e4ngt er M\u00e4use, Ratten, Kaninchen, allerhand V\u00f6gel und, wenn er im Walde jagt, auch Eichh\u00f6rnchen und Lurche. Eier scheinen f\u00fcr ihn ein Leckerbissen zu sein, und auch an Fr\u00fcchten aller Art, Kirschen, Pflaumen, Birnen und Stachelbeeren, Vogelbeeren, Hanf und dergleichen findet er Gefallen. Gute Obstsorten mu\u00df man vor ihm sch\u00fctzen und erreicht diesen Zweck einfach dadurch, da\u00df man, sobald man den Unfug wahrnimmt, den Stamm mit Tabaksaft oder Stein\u00f6l bestreicht. H\u00fchner-h\u00e4user und Taubenschl\u00e4ge mu\u00df man aber durch festes Verschlie\u00dfen vor ihm bewahren und dabei bedacht sein, jedes nur halbwegs gro\u00dfe Rattenloch zu stopfen, weil er, wie bemerkt, die Kunst versteht, sich durch unglaublich kleine L\u00f6cher zu dr\u00e4ngen. Au\u00dfer dem Schaden, welchen er den Gesl\u00fcgelbesitzern anrichtet, wird er noch besonders deshalb sehr l\u00e4stig, weil er die bedrohten Thiere so erschreckt, da\u00df sie, d. h. die gl\u00fccklich entkommenen, lange Zeit gar nicht wieder in den Stall gehen wollen.\nGew\u00f6hnlich beginnt die Rollzeit drei Wochen sp\u00e4ter, als die des Edelmarders, meist zu Ende Februars. Dann h\u00f6rt man, noch \u00f6fters als sonst, das katzenartige Miauen des Thieres und wohl auch ein merkw\u00fcrdiges Murren und Zanken aus den D\u00e4chern, wo sich ein paar verliebte M\u00e4nnchen geh\u00f6rig herumbalgen. Im April oder Mai wirst das Weibchen drei bis f\u00fcnf Zunge, welche sehr leicht gez\u00e4hmt werden k\u00f6nnen und sich an die verschiedenartigste Kost gew\u00f6hnen lassen. Ein s\u00e4ugendes Weibchen, welches Lenz besa\u00df, machte gar keine Umst\u00e4nde, sondern versorgte sein Junges vor Aller Angen ganz ruhig. Das kleine Thierchen kreischte oft laut, wenn es hungrig- oder mi\u00dfvergn\u00fcgt war, roch auch, wenn es von der Alten nicht rein gehalten wurde, nach Bisam, w\u00e4hrend Lenz an dem alten Weibchen nur wenig Bisamgernch wahrnehmen konnte. Mit zunehmendem Alter riechen die M\u00e4nnchen so stark nach Bisam, da\u00df man es kaum in der Stube aushalten kann. Zuweilen hat man junge Steinmarder durch Katzen aufziehen lassen, weil diese sich, wie ich oben mitgetheilt habe, gern einem so auffallendem Pflegegesch\u00e4ft hingeben. Solche Junge werden dann sehr zahm und zu f\u00f6rmlichen Hansthieren. Sie gehen aus und ein, verungl\u00fccken aber fast alle fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, weil sie ihre R\u00e4ubereien doch nicht lassen k\u00f6nnen. So hatte ein Schuhmacher einen jungen Steinmarder aus-gezogen und .gez\u00e4hmt. Ungeachtet das Thier hinl\u00e4nglich Nahrung erhielt, konnte es doch sein nat\u00fcrliches Wesen nicht verl\u00e4ugnen ipb ver\u00fcbte zahlreiche Verbrechen an Eigenthum und Leben. Seine Streifereien erm\u00fcdeten sehr bald die Geduld der Nachbarn unsers Thierfreundes, und eines sch\u00f6nen Tages wurde das ihm sehr theure Wesen durch allgemeinen Beschlu\u00df feierlich zum Tode vernrtheilt und dieser Richtersprnch auch ausgef\u00fchrt.\nSelbst alt eingefangene Thiere erreichen einen gewissen Grad von Z\u00e4hmung. In Schottland fing man einmal einen Steinmarder aus sehr sonderbare Weise. Lange Zeit hatte der ungebetene Gast in einem Gebirgsdorfe gehaust und dort an dem H\u00fchnergeschlecht namenlose Schandthaten ver\u00fcbt. Es gab keinen einzigen H\u00fchnerstall im Dorfe, in welchem nicht Wehklage \u00fcber ihn erhoben worden w\u00e4re: da entdeckte man seinen Aufenthaltsort. Mit Hilfe von guten Hunden trieb man ihn endlich aus der einsamen Scheuer, seiner R\u00e4uberh\u00f6hle, fort und ins Freie. Vergebens versuchte er alle List und Gewandtheit, den Hunden zu entgehen. Sie kamen ihm n\u00e4her und n\u00e4her und hatten ihn, als er zum Rande eines Abgrunds gekommen war, beinahe gefa\u00dft. Da entschlo\u00df er sich kurz und sprang mit einem einzigen k\u00fchnen Satze in die wohl hundert Fu\u00df tiefe Schlucht hinab. Der Sturz war doch zu heftig; er lag unten wie todt und r\u00fchrte und regte sich nicht. Seine Verfolger waren der festen Ueberzeugung, da\u00df er sich zerschellt habe.. Des Felles wegen stieg einer der Leute hinab und hob den Verungl\u00fcckten ans. Pl\u00f6tzlich begann Dieser, von neuem sich zu regen, und gab seinem F\u00e4nger auch sofort mit einem geh\u00f6rigen Bisse das deutlichste Zeichen seines wiedererlangten Bewu\u00dftseins. Gleich-\n34*","page":531},{"file":"p0532.txt","language":"de","ocr_de":"532\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Zobel.\nwohl lie\u00df der verwundete Mann das Thier nicht fahren, sondern fa\u00dfte es sicher am Halse und brachte es so nach Hause. Hier wurde es freundlich und mild behandelt und war nach weniger Zeit wirklich zahm, sei es nun in Folge des hohen Sturzes oder aus Dankbarkeit f\u00fcr die ihm angethane Freundschaft. Der Besitzer beschlo\u00df jetzt, ihn als M\u00e4usef\u00e4nger zu verwenden und brachte ihn in den Pferdestall. Hier war er nach kurzer Zeit nicht nur eingewohnt, sondern hatte sich sogar einen Freund zu erwerben gewu\u00dft und zwar \u2014 eines der Pferde selbst. So oft man in den Stall trat, fand man ihn bei seinem gro\u00dfen Freunde, den er durch dumpfes Knurren gleichsam zu vertheidigen suchte. Bald sa\u00df er auf dem R\u00fccken des Pferdes, bald auf dem Halse, bald rannte er auf ihm hin und her, bald spielte er mit dem Schw\u00e4nze oder mit den Ohren seines Gastfreundes, und dieser schien h\u00f6chst erfreut zu sein \u00fcber die Zuneigung, welche der kleine R\u00e4uber zu ihm gefa\u00dft hatte. Leider wurde dieser merkw\u00fcrdige Freundschastsbund grausam zerrissen. Der M\u00f6rder gerieth bei einem seiner n\u00e4chtlichen Ausfl\u00fcge in eine Falle und wurde am andern Morgen todt in ihr gefunden.\nAuch der Steinmarder ist ein h\u00f6chst angenehmes Thier in der Gefangenschaft; er erfreut durch die au\u00dferordentliche Behendigkeit und die Anmuth seiner Bewegungen. Er ist eigentlich keinen Augenblick in Ruhe, sondern rennt, klettert, springt, kurz, bewegt sich ohne Unterla\u00df in allen Richtungen. Die Gewandtheit des Thieres ist kaum zu beschreiben, und wenn er zuweilen sich recht \u00fcberm\u00fcthig herumtummelt, kann man kaum unterscheiden, was Kopf oder Schwang von ihm ist. Doch macht ihn der unangenehme Geruch, welchen namentlich das M\u00e4nnchen verbreitet, oft widerlich, und er wird auch durch seine Mordlnst den anderen, schwachen Thieren sehr gef\u00e4hrlich.\nAn diese beiden deutschen Marder reiht sich der werthvollste aller an, der Zobel (Martes Zibellina). Er ist, obgleich dem Baummarder sehr \u00e4hnlich, eine gut unterschiedene, selbst\u00e4ndige Art und vertritt gewisserma\u00dfen unsern Baum- oder Steinmarder in den \u00f6stlichen Theilen Asiens, zumal Sibiriens. Die meiste Aehnlichkeit hat er mit dem Baummarder; ihm kommt er auch in der Gr\u00f6\u00dfe etwa gleich. Sein Kopf ist aber etwas gestreckter; die Ohren sind gr\u00f6\u00dfer, und der Schwanz ist verh\u00e4ltni\u00df-ni\u00e4\u00dfig k\u00fcrzer. Vor allem unterscheidet ihn aber sein kostbares, gl\u00e4nzendes und seidenweiches Fell, welches schon seit alter Zeit unter allem Pelzwerk oben angestellt und mit wirklich unglaublichen Preisen bezahlt wird. Die Sch\u00f6nheit und der Werth desselben gelten um so h\u00f6her, je einfarbiger er ist, und deshalb sind die Zobel vom Ienisep die besten. Sie sind auf dem R\u00fccken schw\u00e4rzlich, am Hals', und Seiten r\u00f6thlichkastanienbraun, an den Wangen grau, an der Schnauze schwarz und grau gemischt, an den Ohren grauwei\u00dflich oder lichtbraunbla\u00df ger\u00e4ndert, am untern Halse, r\u00f6thlich oder sch\u00f6n rothgelb gef\u00e4rbt, \u2014 also ziemlich gleichfarbig, w\u00e4hrend die Pelze von anderen Zobeln mehr ins Dunkle oder Gelbe spielen. Sehr selten sind ganz rothgelbe oder wei\u00dfe Zobel. Die L\u00e4nge des Thieres betr\u00e4gt sechszehn Zoll, die des Schwanzes ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte davon.\nGegenw\u00e4rtig ist der Zobel nur noch auf einen sehr kleinen Theil des n\u00f6rdlichen Asiens beschr\u00e4nkte Die au\u00dferordentlichen Verfolgungen, denen er ausgesetzt ist, haben ihn in die dunkelsten Gebirgs-w\u00e4lder Nordostasiens zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, und da ihm der Mensch auch hier begierig, ja mit Aussetzung seines Lebens, nachfolgt, mu\u00df er immer weiter und weiter sich zur\u00fcckziehen und wird immer seltener und seltener. \u201eIn Kamtschatka,\" sagt Steller, \u201ehat es bei der Eroberung der Halbinsel soviel Zobel gegeben, da\u00df es den Kamtschadalen nicht die geringste Schwierigkeit machte, Zobelfelle zur Bezahlung der Steuern zusammenzubringen; ja die Leute lachten die Kosacken aus, da\u00df sie ihnen ein Messer f\u00fcr ein Zobelfell gaben. Einmal hatte ein Mann, ohne sich anstrengen zu m\u00fcssen, sechzig, achtzig und noch mehr Zobel in einem Winter zusammengebracht. Es gingen deshalb ganz-erstaunliche Mengen von Zobeln aus dem Lande, und ein Kaufmann konnte durch Tauschhandel mit E\u00dfwaren leicht das Funfzigfache gewinnen. Ein Beamter, der in Kamtschatka war, kam als reicher Mann, wenigstens als ein Besitzer von drei\u00dfigtausend Rubeln und mehr nach Iakutzk zur\u00fcck.\" Diese Goldzeit f\u00fcr die Zobelh\u00e4ndler gr\u00fcndete F\u00e4ngergesellschaften auf Kamtschatka. Von da verminderten sich die Thiere dergestalt, da\u00df zu Stellers Zeiten, also etwa vor hundert Jahren, nicht einmal der zehnte","page":532},{"file":"p0533.txt","language":"de","ocr_de":"Sch\u00f6nheit. Nachstellung. Z\u00e4hmung.\n533\nTheil der Zobelfelle ausgef\u00fchrt wurde, wie fr\u00fcher. In jener Zeit, welche Steller erw\u00e4hnt, kostete ein vorz\u00fcgliches Zobelfell nicht mehr als einen Silberrubel, die mittelguten aber blos einen halben, und die schlechten kaum einen F\u00fcnftelrubel, w\u00e4hrend sie gegenw\u00e4rtig um das Sechzigfache theurer sind. Demungeachtet ist Kamtschatka immer noch einer der reichsten Orte an Zobeln, und die Thiere k\u00f6nnen auch, der vielen und beschwerlichen Gebirge wegen, nicht so leicht vertilgt werden, als an anderen Orten Sibiriens. Sie k\u00f6nnen auch nicht so leicht aus Kamtschatka auswandern, weil ihnen nach drei Seiten das Meer, nach der vierten gro\u00dfe Torfmore den Weg versperren. Doch sind sie auch dort in steter Abnahme begriffen und finden sich blos noch an den unzug\u00e4nglichsten Orten.\nIn der Lebensweise \u00e4hnelt der Zobel ganz unseren beiden Edelmardern. Er raubt alle Thiere, welche er bew\u00e4ltigen kann, namentlich Eichh\u00f6rnchen, Hasen, kleine V\u00f6gel, fri\u00dft aber auch Beeren und andere Fr\u00fcchte. Muthig, listig und mordlustig ist er, wie die \u00fcbrigen. Die Rollzeit f\u00e4llt in den Januar und nach ungef\u00e4hr zwei Monaten wirft das Weibchen drei bis f\u00fcnf Junge. Als besondere Eigenth\u00fcmlichkeit des Zobels d\u00fcrfte gelten, da\u00df er gern an Flu\u00dfufern lebt, jedenfalls blos deshalb, weil in seiner armen Heimat die Fl\u00fcsse immer noch die meisten Thiere um sich versammeln. Im \u00fcbrigen k\u00f6nnen wir von einer ausf\u00fchrlichen Beschreibung seiner Lebensweise absehen. Daf\u00fcr wenden wir uns zu einer Betrachtung der Anstalten, welche man anwendet, um seiner habhaft zu werden.\nDer Zobel (Martes Zibellina).\nDem J\u00e4ger winkt allerdings ein hoher Gewinn, wenn er gl\u00fccklich ist; allein er geht bei der Zobeljagd auch vielfachen Gefahren entgegen. Viele lassen ihr Leben in den schneebedeckten Wildnissen jener unwirthlichen L\u00e4nder. Ein pl\u00f6tzlich hereinbrechender Sckmeesturm raubt ihnen oft alle Hoffnung, zu ihren Freunden zur\u00fcckzukehren. Nur die gr\u00f6\u00dfte Abh\u00e4rtung und eine oft gepr\u00fcfte Erfahrung kann den J\u00e4ger aus Gefahren erretten, und es fallen von Jahr zu Jahr noch genug Opfer. Wie uns schon Steller und sp\u00e4ter der Russe Schtschukin berichten, finden sich gegenw\u00e4rtig die meisten Zobel noch in den finsteren W\u00e4ldern zwischen der Lena und dem \u00f6stlichen Meere, und der Ertrag ihrer Felle bildet jetzt noch immer den bedeutendsten Zweig des Einkommens der Eingebornen und der russischen Ansiedler. Vom Oktober an w\u00e4hren die Jagden bis zum 15. November oder bis Anfang Dezembers. In kleine Genossenschaften vereinigen sich die k\u00fchnen J\u00e4ger auf den Iagdpl\u00e4tzen, wo jede Gesellschaft ihre eigenen Wohnungen hat; die Hunde m\u00fcssen w\u00e4hrend der Reise zugleich die Schlitten ziehen, auf denen Lebensmittel f\u00fcr mehrere Monate geladen sind. Nun beginnt die Jagd, wesentlich noch immer in derselben Weise, wie sie Steller beschreibt. Man verfolgt auf Schneeschuhen die Spur des Zobels, bis man sein Lager antrifft oder ihn bemerkt; man stellt Fallen oder Schlingen der allerverschiedensten Arten. Entdeckt man einen Zobel in einer Erd- oder Baumh\u00f6hle, auf welche er sich zur\u00fcckgezogen hat, so stellt man ringsum ein Netz und treibt ihn aus seinem Schlupfwinkel, oder","page":533},{"file":"p0534.txt","language":"de","ocr_de":"534 Die Raubthiere. Marder. \u2014 Javanesischer und kanadischer Marder. Iltis.\nman f\u00e4llt den Baum und erlegt dann den Fl\u00fcchtenden mit Pfeilen und mit der Flinte. Am beliebtesten sind diejenigen Fallen, in denen sich die Thiere fangen, ohne ihrem Fell irgendwie Schaden zu thun. Der J\u00e4ger braucht mehrere Tage mit seinen Genossen, um alle die Fallen zurechtzumachen, und oft genug findet er dann Leim Nachsehen, welches er t\u00e4glich vornehmen mu\u00df, da\u00df ein naseweiser Schneesuchs oder ein anderes Thier die kostbare Beute aufgefressen hat bis auf wenige Fetzen, welche gleichsam noch daliegen, um ihm sicher zu beweisen, da\u00df er beinahe eine Summe von vierzig, f\u00fcnfzig, ja sechzig Silberrubel h\u00e4tte verdienen k\u00f6nnen! Oder der Arme wird von Ungewitter aller Art \u00fcberrascht und mu\u00df nun eilig darauf bedacht sein, sein eignes Leben zu retten, ohne weiter an die Ausl\u00f6sung der m\u00f6glicherweise gefangenen Thiere zu denken. So ist der Zobelfang eigentlich weiter Nichts, als eine ununterbrochene Reihe von M\u00fchseligkeiten aller Art. Wenn endlich die Gesellschaften zur\u00fcckkehren, stellt es sich h\u00e4ufig heraus, da\u00df kaum mehr als die Kosten, niemals aber die Beschwerden bezahlt sind. Und hat man dann gl\u00fccklich seine Beute eingeheimst, dann kommen auch noch die gierigen Pfaffen oder die nicht minder habs\u00fcchtigen Beamten der Krone und fordern jenem Armen mehr als ein Zehntel seines Erwerbes ab.\nBis jetzt ist es noch nicht oft gelungen, den Zobel zu z\u00e4hmen. Ein Zobel wurde in dem Palaste des Erzbischofs von Tobolsk gehalten und war so vollkommen gez\u00e4hmt, da\u00df er nach eignem Ermessen in der Stadt lustwandeln durfte. Er verschlief, wie seine Verwandten, den gr\u00f6\u00dften Theil des Tages, war aber bei Nacht um so munterer und lebendiger. Wenn man ihm Futter gereicht hatte, fra\u00df er sehr gierig, verlangte dann immer Wasser und fiel nun in so einen tiefen Schlaf, da\u00df er w\u00e4hrend der ersten Stunden desselben wahrhaft ohne Gef\u00fchl zu sein schien. Man konnte ihn zwicken und stechen, er r\u00fchrte sich nicht. Um so munterer war er bei Nacht. \u2014 Er war ein arger Feind von Raubthieren aller Art. Sobald er eine Katze sah, erhob er sich w\u00fcthend auf die Hinterf\u00fc\u00dfe und legte die gr\u00f6\u00dfte Lust an den Tag, mit ihr einen Kampf zu bestehen.\nAndere gez\u00e4hmte Zobel spielten sehr lustig mit einander, setzten sich oft aufrecht, um so besser fechten zu k\u00f6nnen, sprangen munter im K\u00e4fig umher, wedelten mit dem Schw\u00e4nze, wenn sie sich behaglich f\u00fchlten, und grunzten und knurrten im Zorn, wie junge Hunde.\nIn Java wird der Zobel durch einen nahen Verwandten (Martes melampus) ersetzt. Dieser \u00e4hnelt in der Gr\u00f6\u00dfe seinem sibirischen Vetter vollkommen, doch ist der Schwanz etwas k\u00fcrzer. Das Fell ist fahlgelb, auf dem R\u00fccken und Seiten rostroth, am Schw\u00e4nze lichter, am Unterleib noch Heller, die Schnauze dunkelbraun, der Augenfleck fast schwarzbraun, die Ohren wei\u00dfgerandet und ein Fleck jederseits der Schnauze wei\u00dflich. Der Pelz steht weit hinter dem des Zobels zur\u00fcck und kommt in der G\u00fcte etwa dem unsers Baummarders gleich.\nIn Amerika endlich finden wir unsere Sippe durch den Pekan oder kanadischen Marder (Martes canadensis) vertreten. Er ist unter seinen Verwandten derjenige, welcher gegenw\u00e4rtig die meisten Felle auf den Markt liefert. In der Gr\u00f6\u00dfe \u00fcbertrifft er unsere Marder; seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt zwei Fu\u00df und die des Schwanzes sechzehn Zoll. Die Pelzf\u00e4rbung ist grau, an den Beinen, dem Schwanz und der Unterseite mehr braun. Sehr selten werden wohl auch Wei\u00dflinge beobachtet.\nDas Vaterland des Pekan reicht \u00fcber den ganzen Norden Amerikas hinweg. In der Lebensweise \u00e4hnelt er bald mehr dem einen, bald mehr dem andern seiner Verwandten. Seine gew\u00f6hnlichen Wohnungen sind H\u00f6hlen, welche er sich in der N\u00e4he von Flu\u00dfufern ausgr\u00e4bt. Die Nahrung soll gr\u00f6\u00dftentheils aus Fleisch von Vierf\u00fc\u00dflern bestehen, welche nahe am Wasser leben. Die Jagd wird von den jungen Indianern betrieben, welche in den bissigen Gesch\u00f6pfen ein Wesen finden, an dem sie ihren Muth erproben k\u00f6nnen, w\u00e4hrend sie sich bei der Jagd noch nicht so gro\u00dfen Gefahren aussetzen, welche die M\u00e4nner ihres Stammes zu bestehen haben, wenn sie zum Kampfe mit den grimmigen B\u00e4ren hinausziehen.","page":534},{"file":"p0535.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung des Iltis.\n535\nDie einmal bestehende Gewohnheit, die alten Sippen unsers Sinne zu Familien zu erheben und diese wiederum in eine Menge von Unterabtheilungen zu bringen, berechtigt, den Iltis und einige seiner n\u00e4chsten Verwandten einer besondern Sippe zuzuz\u00e4hlen. Die Einen verleihen dieser den Namen Foetorius, die Andern Putorius, und beide bezeichnen damit, da\u00df unsere Landleute Recht haben, wenn sie die Vertreter dieser Sippe, den Iltis, Hausmarder oder Ratz (Foetorius putorius) gew\u00f6hnlich einfach \u201eSt\u00e4nker\" nennen, denn mit dieser Bezeichnung treffen sie den Nagel auf den Kopf. Der Iltis ist wirklich unser europ\u00e4isches Stinkthier und versteht die Kunst, eine halbwegs verw\u00f6hnte Nase gr\u00fcndlich zu beleidigen. W\u00e4re ich ein Anh\u00e4nger der so beliebten Zweckm\u00e4\u00dfigkeitslehre, so w\u00fcrde ich in dem Glauben gl\u00fccklich sein, da\u00df der allweise Ordner aller Dinge uns blos einen untergeordneten St\u00e4nker und kein echtes Stinkthier gegeben hat, weil wir eben verw\u00f6hnte Nasen besitzen! Leider kann ich mich dem sch\u00f6nen Glauben nicht hingeben und mu\u00df einstweilen noch die Iltisse als Das nehmen, was sie sind, als Marder, welche sich von den \u00fcbrigen Mit-\nJltis und Frettchen.\ngliedern ihrer Familie durch ein etwas anderes Gebi\u00df \u2014 durch das Fehlen ein paar kleiner H\u00f6cker auf den Backz\u00e4hnen \u2014 durch den einigerma\u00dfen verschiedenen Sch\u00e4delbau und \u00e4u\u00dferlich dadurch unterscheiden, da\u00df ihre einfarbige Unterseite dunkler ist, als die Seiten und der Obertheil des Rumpfes Damit w\u00e4ren die wichtigsten Merkmale der Sippe gegeben, und so k\u00f6nnen wir zu dem haupts\u00e4chlichsten Vertreter derselben, unserm gemeinen Iltis \u00fcbergehen.\nDieses auf allen Bauerg\u00fctern wohlbekannte, etwas plump gebaute Thier hat eine K\u00f6rperl\u00e4nge von f\u00fcnfzehn und eine Schwanzl\u00e4nge von sechs Zoll. Der Pelz ist unten einfarbig schwarzbraun, oben und an den Rumpsseiten heller, gew\u00f6hnlich dunkelkastanienbraun, an dem Oberhals, den Seiten des Rumpfes aber, wegen des hier besonders durchschimmernden, gelblichen Wollhaars, lichter. Ueber die Mitte des Bauches verl\u00e4uft eine undeutlich begrenzte, r\u00f6thlichbraune Binde; Kinn und Schnauzenspitze, mit Ausnahme der dunklen Nase, sind gelblichwei\u00df. Hinter den Augen steht ein kaum begrenzter gelblichwei\u00dfer Flecken, welcher mit einer undeutlichen Binde zusammenflie\u00dft, die unterhalb der Ohren beginnt. Diese sind braun und gelblichwei\u00df ger\u00e4ndert, -die langen Schnurren sind schwarzbraun.","page":535},{"file":"p0536.txt","language":"de","ocr_de":"536\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Iltis.\nManchfaltige Ab\u00e4nderungen kommen vor, sie sind zum Theil als eigene Arten angesehen worden. Sehr selten sind Wei\u00dflinge oder ganz gelb gef\u00e4rbte Iltisse. Der Pelz ist zwar dicht, aber doch weit weniger sch\u00f6n, als der des Edelmarders oder Zobels. Das Weibchen unterscheidet sich vom M\u00e4nnchen haupts\u00e4chlich durch rein wei\u00dfe F\u00e4rbung aller Stellen, die bei jenem gelblich sind.\nUnser St\u00e4nker bewohnt die ganze gem\u00e4\u00dfigte Zone von Europa und Asien; er geht sogar ein St\u00fcck in den n\u00f6rdlichen G\u00fcrtel hin\u00fcber. Mit Ausnahme von Lappland und Nordru\u00dfland ist er \u00fcberall auf unserm Erdtheil zu finden. In Asien trifft man ihn durch die Tartarei bis an den Kaspischen See und nach Osten hin durch ganz Sibirien bis nach Kamtschatka. Ihm ist jeder nahrungversprechende Ort recht, und deshalb bewohnt er ebenso die Ebenen wie die Gebirge, die W\u00e4lder wie die Felder, vor allem aber die N\u00e4he menschlicher Wohnungen, zumal gr\u00f6\u00dferer Bauerg\u00fcter. Im Freien schl\u00e4gt er sein Lager in hohlen B\u00e4umen, im Gekl\u00fcft, in alten Fuchsbauen und anderen Erdl\u00f6chern auf, welche er zuf\u00e4llig findet; im Nothfalle gr\u00e4bt er sich wohl selbst einen Bau. Auf den Feldern bezieht er das hohe Getreide, au\u00dferdem haust er in der N\u00e4he von Felsen, Pfahlwerk, Br\u00fccken, altem Gem\u00e4uer, dem Gewurzel gr\u00f6\u00dferer B\u00e4ume, dichten Hecken und dergleichen: kurz er ist ein Gesell, welcher es sich \u00fcberall wohnlich zu machen wei\u00df, sich, wo es irgend angeht, vor eigner Arbeit scheut und lieber andere, dumme Thiere f\u00fcr sich graben und w\u00fchlen l\u00e4\u00dft. Im Winter zieht er sich nach D\u00f6rfern oder St\u00e4dten zur\u00fcck und kommt hier der Hauskatze oder dem Hausmarder in das Gehege, dabei aber auch gelegentlich in H\u00fchnerh\u00e4user, Taubenschl\u00e4ge, Kaninchenst\u00e4lle und an andere Orte, wo er dann nicht eben zur Freude des Menschen eine Th\u00e4tigkeit entwickelt, welche blos von seinen Familienverwandten erreicht, kaum aber \u00fcbertroffen werden kann. Auf der andern Seite ist er aber auch n\u00fctzlich, und wenn die Bauern sonst H\u00fchner, Tauben und Kaninchen gut verwahren, k\u00f6nnen sie mit ihrem Gaste ganz zufrieden sein, denn dieser f\u00e4ngt ihnen eine ungeheure Menge von Ratten und M\u00e4usen weg, s\u00e4ubert auch die N\u00e4he der Wohnungen von Schlangen gr\u00fcndlich und verlangt daf\u00fcr weiter gar Nichts, als ein warmes Lager im dunkelsten Winkel des Heubodens. Es giebt mehrere Gegenden, wo man ihn ebenso gern sieht, als man ihn an anderen Orten ha\u00dft. Er genie\u00dft dort wirklich eines gewissen Schutzes von Seiten der Landwirthe und steht so hoch in der Achtung, da\u00df er auch dann noch f\u00fcr unschuldig erkl\u00e4rt wird, wenn einmal der H\u00fchnerstall oder Taubenschlag von dem n\u00e4chtlichen Besuch eines gef\u00e4hrlichen R\u00e4ubers Blutspuren aufweist; denn der gem\u00fcthliche Landmann glaubt, da\u00df sein gehegter und gepflegter Ratz unm\u00f6glich so grenzenlos undankbar sein k\u00f6nne, ihm den gew\u00e4hrten Schutz mit einem Raubanfall auf das n\u00fctzliche Gefl\u00fcgel zu vergelten, und vermuthet in dem M\u00f6rder seiner H\u00fchner einen andern Iltis oder einen Hausmarder, welcher aus irgend einem Nachbarhause her\u00fcbergeschlichen ist. Das sind freilich Ansichten, welche wohl von vielem Edelmuth und von Milde der Gesinnung, aber von sehr wenig Kenntni\u00df des stinkenden Gastes Zeugni\u00df geben. Denn dieser hat, wie Meister Rein ecke, vom Eigenthum eigentlich gar keinen Begriff und betrachtet den Menschen h\u00f6chstens als einen gutm\u00fcthigen Kauz, welcher ihm durch seine Gefl\u00fcgel- oder Kaninchenzucht dann und wann zu einem recht guten Gerichte verhilft.\nEhe wir aber unsern Meister Ratz auf seinen Raubz\u00fcgen weiter verfolgen und uns mit seinem \u00fcbrigen Leben besch\u00e4ftigen, wollen wir uns zu seiner bessern Kennzeichnung mit den Beobachtungen vertraut machen, welche unser Lenz an gez\u00e4hmten anstellte: sie werden wesentlich dazu dienen, das Bild des Thieres scharf zu zeichnen und hier und da zu berichtigen. Lenz widmet dem Iltis ein h\u00fcbsches Gedicht wegen seiner tapferen K\u00e4mpfe mit dem giftigen Gew\u00fcrm, nimmt aber kl\u00fcglicher Weise dabei auf seine \u00fcbrigen Thaten keine R\u00fccksicht und vergi\u00dft fast den ganzen Schaden, welchen der Iltis anrichtet. Vollkommen einverstanden m\u00fcssen wir uns aber erkl\u00e4ren, wenn der genannte Naturforscher jedem Forstmann anrathet, den Ratz im Walde zu schonen; denn dort ist er ganz an seinem Platze und wirkt hier unstreitig sehr viel Gutes durch Wegfangen der M\u00e4use und zumal auch der Kreuzottern, sowie er auf dem Felde durch Vertilgung der Hamster sich sehr verdient macht. Doch lassen wir Lenz selbst reden:\n\u201eAm vierten August kaufte ich f\u00fcnf halbw\u00fcchsige Iltisse, that sie in eine gro\u00dfe Kiste und warf","page":536},{"file":"p0537.txt","language":"de","ocr_de":"Nutzen und Schaden. Beobachtungen an zahmen Iltissen.\n537\nihnen zehn lebende Fr\u00f6sche, eine lebendeBlindschleiche und eine todteDrossel hinein. Amfolgenden Morgen waren acht Fr\u00f6sche verzehrt, die Blindschleiche und Drossel noch nicht anger\u00fchrt. Am zweiten Tage verzehrten sie die beiden lebenden Fr\u00f6sche, die Blindschleiche, drei Hamster und eine zwei Fu\u00df lange Ringelnatter. In der folgenden Nacht fra\u00dfen sie die Drossel und sechs Fr\u00f6sche, sowie eine 2^2 Fu\u00df lange, lebende Ringelnatter. Am dritten Tage speisten sie wiederum Fr\u00f6sche'nebst zwei gro\u00dfen, todten Kreuzottern und eine Eidechse. Am vierten Tage fra\u00dfen sie vier Hamster und drei M\u00e4use. Am f\u00fcnften Tage brachte ich einen Iltis in eine Kiste allein, gab ihm Futter vollauf und, als er satt war, eine gro\u00dfe, jedoch matte Kreuzotter. Als ich nach einer Stunde wieder hinkam, hatte er ihr den Kops zerbissen und sie in eine Ecke gelegt. Nun lie\u00df ich eine gro\u00dfe, recht bissige Otter zu ihm; er zeigte vor ihrem Fauchen gar keine Furcht, sondern blieb ruhig liegen (denn der Iltis ruht oder schl\u00e4ft den ganzen Tag, woher die Redensart kommt: \u201eEr schl\u00e4ft wie ein Ratz\"), und als ich am andern Morgen zusah, hatte er sie get\u00f6dtet. Er befand sich so wohl, wie gew\u00f6hnlich.\"\n\u201eAm andern Tage legte ich neben den andern, ruhig in seiner Ecke sich pflegenden Iltis eine recht bissige Otter. Er wollte doch sehen oder vielmehr riechen, was da los w\u00e4re; kaum aber r\u00fchrte er sich, als er zwei Bisse in die Rippen und einen in die Backen bekam. Er kehrte sich wenig daran, blieb aber, wohl haupts\u00e4chlich aus Furcht vor mir, ziemlich ruhig. Jetzt warf ich ein St\u00fcck Mause-sleisch auf die Otter. Er ist nach Mausefleisch au\u00dferordentlich l\u00fcstern und konnte es daher unm\u00f6glich liegen sehen, ohne mit der Schnauze danach zu langen und es wegzukapern, aber Wupp! da hatte er wieder einen t\u00fcchtigen Bi\u00df ins Gesicht. Er fra\u00df sein Fleisch, und ich warf nun ein neues St\u00fcck auf die Otter, doch wagte er es nicht mehr wegzunehmen, sondern lie\u00df sich durch das Fauchen und Bei\u00dfen abschrecken.\"\n\u201eW\u00e4hrend er nun besch\u00e4ftigt war, wenigstens die Fleischst\u00fcckchen, welche um die Otter herumlagen, zu beobachten, brachte mir zuf\u00e4llig ein Mann einen andern, halbw\u00fcchsigen Iltis, den ich sogleich kaufte. Er war so fest an allen vier Beinen geknebelt, da\u00df die Bindfaden tiefe Furchen gemacht hatten und da\u00df er, sobald ich ihn seiner Fesseln entledigt und zu dem andern gethan hatte, weder stehen noch gehen konnte. Er mu\u00dfte wohl hungrig sein, denn er schob sich, auf der Seite liegend, mit seinen Beinen, die alle wie zerschlagen aussahen, nach der Otter hin und wollte daran nagen; doch wurde ihm dieses bald durch drei derbe Bisse vergolten, woraus er es bequemer fand, ein St\u00fcckchen Mausefleisch zu benagen. Es wollte durchaus nicht gehen, denn seine Kinnladen waren ganz verrenkt und erst nach einer halben Stunde konnte er wieder ein wenig kauen. Trotzdem nun, da\u00df dieser Ungl\u00fcckliche in einer eisernen Falle gefangen worden war, seine Beine darin gebrochen, dann, f\u00fcrchterlich geknebelt, einen ganzen Tag gelegen und endlich die Ottzrbisse geschmeckt hatte: erholte er sich doch nach und nach wieder und ward gesund; die Beine aber blieben lahm. Nachdem ich ihn einige Tage lang durch Fr\u00f6sche, M\u00e4use, Blindschleichen und Hamster erquickt hatte, legte ich ihm wieder eine t\u00fcchtige Otter vor die F\u00fc\u00dfe. Er wollte sie fressen, bekam aber gleich einen furchtbaren Bi\u00df in die Backen. Wegen des lahmen Beins war er zu langsam, und da er immer wieder heranr\u00fcckte, bekam er nach und nach vier Bisse. Jetzt lie\u00df er ab, besann sich jedoch eines Bessern, kam wieder, trat mit dem gesunden Fu\u00dfe auf die Schlange, wobei er eine Menge Bisse erhielt, fa\u00dfte den Kopf zwischen die Z\u00e4hne, zermalmte ihn und fra\u00df mit Begierde das ganze Thier. Es zeigte sich gar kein Merkmal von Krankheit. Ich t\u00f6dtete ihn nach 27 Stunden und zog ihm das Fell ab, fand aber keine Spur der Bisse, als zwei kleine Flecken, die wohl auch vom Knebeln herr\u00fchren konnten.\"\n\u201eDoch kehren wir im Gedanken zu dem andern Iltisse zur\u00fcck. Er blieb in der Nacht mit der w\u00fcthenden Otter zusammen, ohne sie weiter anzutasten. So oft er sich r\u00fchrte, fauchte sie; als er aber einmal lange Zeit ruhig lag und schlief, ging sie hin und w\u00e4rmte sich an ihm, kroch aber gerade \u00fcber ihn weg. Es war schon eine Stunde lang dunkel, als ich, wenn ich ohne Licht in das Zimmer trat, sie noch immer fauchen h\u00f6rte. Endlich, zehn Uhr abends, da ich zu Bette gehen wollte und nochmals mit dem Lichte nachsah, war sie verstummt und zerrissen. \u2014 Ein vierter Iltis lie\u00df sich auch noch vier Bisse von einer Otter versetzen. Er litt aber ebensowenig, wie die schon angef\u00fchrten.\"","page":537},{"file":"p0538.txt","language":"de","ocr_de":"538\nDie Ranbthiere. Marder. \u2014 Iltis.\nAu\u00dfer den giftigen Schlangen verzehrt der Iltis nach Marderart alles Gethier, welches er \u00fcberw\u00e4ltigen kann. Er ist ein furchtbarer Feind aller Maulw\u00fcrfe, Feld- und Hausm\u00e4use, Ratten und Hamster und unter den V\u00f6geln s\u00e4mmtlicher H\u00fchner und Enten. Die Fr\u00f6sche scheinen eine Lieblingsspeise f\u00fcr ihn zu sein; denn er f\u00e4ngt sie oft massenweise und sammelt sie in seinen Wohnungen zu Dutzenden. Im Nothfalle begn\u00fcgt er sich wohl mit Heuschrecken und Schnecken. Aber auch auf den Fischfang geht er aus und lauert an B\u00e4chen, Seen und Teichen den Fischen auf, springt pl\u00f6tzlich nach ihnen ins Wasser, taucht und packt sie mit sehr gro\u00dfer Gewandtheit. Au\u00dferdem fri\u00dft er wohl auch noch Honig und ab und zu einzelne Fr\u00fcchte. Seine Blutgier ist ebenfalls gro\u00df, jedoch nicht so gro\u00df, wie bei den Mardern. Er tobtet in der Regel nicht alles Gefl\u00fcgel eines Stalles, in den er sich geschlichen, sondern nimmt das erste, beste St\u00fcck und eilt mit ihm nach seinem Schlupfwinkel, wiederholt aber seine Jagd mehrere Male in einer Nacht. Mehr als andere Marderarten hat er die Gewohnheit, sich Vorrathskammern anzulegen, und nicht selten findet man in seinen L\u00f6chern ganz h\u00fcbsche Mengen von M\u00e4usen, V\u00f6geln, Eiern und Fr\u00f6schen aufgespeichert. Seine Behendigkeit macht es ihm leicht, sich immer zu versorgen.\nAlle seine Bewegungen sind gewandt, rasch und sicher. Er versteht meisterhaft zu schleichen und unfehlbare Spr\u00fcnge auszuf\u00fchren, l\u00e4uft bequem \u00fcber die d\u00fcnnste Unterlage, klettert, schwimmt, taucht, kurz, er macht von allen Mitteln Gebrauch, welche ihm n\u00fctzen k\u00f6nnen Dabei ist er schlau, listig, behutsam, vorsichtig und mi\u00dftrauisch, sehr scharfsinnig und, wenn er angegriffen wird, muthig, zornig und bissig, also ganz geeignet, gro\u00dfartige R\u00e4ubereien auszuf\u00fchren. Nach Art der Stinkthiere vertheidigt er sich im Nothfalle durch Ausspritzen einer sehr stinkenden Fl\u00fcssigkeit und schreckt dadurch wirklich oft die ihn verfolgenden Hunde zur\u00fcck.\nSeine Lebensz\u00e4higkeit ist unglaublich gro\u00df. Er springt ohne Gefahr von gro\u00dfer H\u00f6he herab, ertr\u00e4gt Schmerzen aller Art fast mit Gleichmuth und erliegt nur unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig starken Verwundungen. Lenz f\u00fchrt davon ein paar Beispiele an, welche geradezu an das Unglaubliche grenzen. \u201eEs brachte mir ein Mann,\" sagt er, \u201eeinen Iltis, der mit zerbrochenen Beinen in der Falle gefangen war. Der Mann glaubte ihn, nachdem er eine halbe Stunde auf ihn losgepr\u00fcgelt, todtgeschlagen zu haben. Er that ihm Unrecht; denn der Ratz war bald wieder lebendig und bi\u00df um sich her. Was war zu thun? Ihn wieder zu knebeln, das w\u00e4re in der Stube ein b\u00f6ses Gesch\u00e4ft gewesen. Ich gedachte, ihn so schnell als m\u00f6glich zu tobten, griff zum Bogen und scho\u00df einen mit langen Stahlspitzen versehenen Pfeil ihm mitten durch die Brust, so da\u00df er fest an den Boden genagelt war. Nun, dachte ich, ists gut, aber der Ratz dachte nicht so, sondern kr\u00fcmmte sich und fauchte immer noch. Schnell ergriff ich einen zweiten Pfeil, und dieser flog ihm mitten durch den Kopf, gerade durchs Gehirn, und nagelte auch den Kopf an den Boden. Jetzt war endlich Ruhe. Das Thier r\u00fchrte sich nicht, und nach etwa vier Minuten zog ich den Pfeil aus der Brust und wollte dann den aus dem Kopfe ziehen. Er sa\u00df aber so fest in dem Sch\u00e4delknochen, da\u00df die Stahlspitze in dem Kopfe blieb. Kaum war eine Minute verflossen, so bewegte sich der Iltis und begann zu fauchen. Ich aber hatte es recht satt und sagte dem Manne, er solle mir das Unthier eiligst aus der Stube schaffen und nie wieder bringen.\"\n\u201eEinen andern gro\u00dfen Iltis hatte ich in einer mit Bretern bedeckten Kiste. Ich hatte beschlossen, ihn, wie gew\u00f6hnlich, wieder im Walde an einem von Ottern bewohnten Orte loszulassen, sah aber unerwartet einen Raubvogel, den ich nirgends anders, als in der Iltiskiste unterbringen konnte, und wollte deshalb den Iltis schnell heraussangeu. Damit kam ich aber nicht sogleich zu Stande, weil er augenblicklich kuesste und bi\u00df und zu entschl\u00fcpfen suchte. Dies mu\u00dfte ich vermeiden, weil er mir sonst beim Herauslassen in die Stube den gr\u00f6\u00dften Schaden zugef\u00fcgt haben w\u00fcrde. Als ich sah, da\u00df meine M\u00fche, ihn am Schw\u00e4nze oder hinter dem Kops zu packen, um ihn herauszuziehen, vergeblich war, und er mir statt des Schwanzes immer die Z\u00e4hne zeigte, entschlo\u00df ich mich kurz, ihn zu erschie\u00dfen. Aber leider konnte ich durch das Gitter nicht genau zielen. Der erste Pfeil flog ihm gleich hinter den Augen durch den Kopf und nagelte ihn am Boden fest, hatte auch, wie ich nachher sah, das Gehirn verletzt, vermochte ihn aber doch nicht zu tobten. Er arbeitete gewaltig, sich vom Boden loszurei\u00dfen, und ich","page":538},{"file":"p0539.txt","language":"de","ocr_de":"Nahrung. LeLensz\u00e4higkeit. Z\u00e4hmung. Gef\u00e4hrlichkeit. Verfolgung.\n539\nscho\u00df ihm noch zwei Pfeile durch den Hals, zwei durch die Brust und einen durch den Bauch, so da\u00df er ganz fest angenagelt war, aber das Thier war noch nicht todt. Ich mu\u00dfte erst noch das Drahtgitter der Kiste abnehmen und ihm den Kopf spalten, bevor er sich nicht mehr r\u00fchrte.\"\nDie Rollzeit des Iltis f\u00e4llt in den M\u00e4rz. An Orten, wo er h\u00e4ufig ist, gewahrt man, da\u00df M\u00e4nnchen und Weibchen sich von Dach zu Dach verfolgen, oder aber zwei M\u00e4nnchen, welche ihre nebenbuhlerischen K\u00e4mpfe aussechten. Dabei schreien alle sehr heftig, bei\u00dfen sich nicht selten in einander fest und rollen, zu einem Kn\u00e4uel geballt, \u00fcber die D\u00e4cher herab, fallen zu Boden, trennen sich ein wenig und beginnen den Tanz von neuem. Nach zweimonatlicher Tragzeit wirft das Weibchen in einer H\u00f6hle und noch lieber in einem Holz- oder Reisighaufen vier bis f\u00fcnf, zuweilen auch sechs Junge, gew\u00f6hnlich im Mai. Die Mutter liebt ihre Kleinen ungemein, sorgt f\u00fcr sie auf das z\u00e4rtlichste und besch\u00fctzt sie gegen jeden Feind ; ja, sie geht zuweilen, wenn sie in der N\u00e4he ihres Nestes Ger\u00e4usch vernimmt, auch unangefochten auf Menschen los. Nach etwa sechsw\u00f6chentlicher Kindheit gehen die Jungen mit der Alten auf Raub aus, und nach Ablauf des dritten Monats sind sie fast ebensogro\u00df geworden, wie diese.\nMan kann die jungen Iltisse von Katzen ganz z\u00e4hmen lassen, erlebt jedoch nicht viel Freude an ihnen, weil der angeborne Blutdurst mit der Zeit durchbricht und sie dann jedem harmlosen Hausthier nachstellen. Zum Austreiben der Kaninchen k\u00f6nnen sie ebensogut gebraucht werden, wie das Frettchen. Ihr Gestank ist aber viel heftiger, als bei diesem. Selbst F\u00fcchse treiben solche gez\u00e4hmte Iltisse aus ihren Bauen heraus; denn ihr Muth ist unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gro\u00df, und sie greifen jedes Thier ohne weiteres an, oft in der unversch\u00e4mtesten Weise. Die Freilebenden betragen sich zuweilen wahrhaft tolldreist den Menschen gegen\u00fcber, und k\u00f6nnen Kindern sogar gef\u00e4hrlich werden.\n\u201eIn Verna, einem Dorfe Kurhessens,\" erz\u00e4hlt Lenz, \u201ehatte ein sechsj\u00e4hriger Knabe sein Br\u00fcderchen in der N\u00e4he eines Kanals auf die Landstra\u00dfe gesetzt, um sich die Wartung desselben leichter zu machen. Pl\u00f6tzlich erschienen drei Ratze und griffen das Kind an. Der eine setzte sich im Genick fest, der andere an der Seite des Kopfes und der dritte an der Stirn. Das Kind schrie laut auf, der Bruder wollte ihm zu Hilfe kommen, allein aus dem Kanal eilten noch andere Ratze herbei und wollten ihn angreifen. Gl\u00fccklicher Weise kamen zwei M\u00e4nner vom Felde den Kindern zu Hilfe und schlugen zwei von den Ratzen todt, worauf die \u00fcbrigen Thiere ablie\u00dfen.\"\n\u201eIn Riga drang ein Ratz durch ein Loch durck den Fu\u00dfboden in die Stube, fiel \u00fcber ein in der Wiege liegendes Kind, t\u00f6dtete es und bi\u00df es an der linken Wange an. In Schnepsenthal wurde sogar ein Hirt von einem Iltisse angegriffen, welcher aber freilich seine K\u00fchnheit mit dem Leben bezahlen mu\u00dfte.\"\tv\nWegen des bedeutenden Schadens, den das Thier anrichtet, ist es fast \u00fcberall einer sehr lebhaften Verfolgung ausgesetzt. Man gebraucht alle nur m\u00f6glichen Waffen und Fallen, um es zu erlegen. Am erfolgreichsten sind die sogenannten Marderfallen, ziemlich lange Kasten, welche an einer Seite eine Fallth\u00fcre haben und den hereintretenden Iltis einsperren, sobald er ein Bretchen ber\u00fchrt, auf welchem die Lockspeise befestigt wurde. Diese Falle stellt man auf den Wechsel des Ratzes, den man ohne besondere M\u00fche erkunden kann, und man wird in den meisten F\u00e4llen schon in den n\u00e4chsten Tagen einen gefangen haben. Wo man jedoch sehr von M\u00e4usen geplagt ist, thut man wohl, den Ratz laufen zu lassen, und die M\u00fche, welche sein Fang verursachen w\u00fcrde, lieber auf Ausbesserung und dichten Verschlu\u00df der H\u00fchnerst\u00e4lle zu verwenden.\nDas Fell des Iltis liefert ein warmes und dauerhaftes Pelzwerk, welches aber seines anhaltenden und wirklich unleidlichen Geruches wegen weit weniger gesch\u00e4tzt wird, als es seiner Dichtigkeit halber verdient. Aus den langen Schwanzhaaren fertigt man Pinsel; das Fleisch aber ist vollkommen unbrauchbar und wird sogar von den Hunden verachtet.\nAu\u00dfer den Menschen scheint der Ratz wenig Feinde zu haben. Gute Jagdhunde fallen ihn allerdings w\u00fcthend an, wo sie ihn nur erwischen k\u00f6nnen, und bei\u00dfen ihn gew\u00f6hnlich bald todt, sonst d\u00fcrfte wohl blos noch Reinecke sein Gegner sein, bei uns zu Lande wenigstens. Len; beschreibt in sehr","page":539},{"file":"p0540.txt","language":"de","ocr_de":"540\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Iltis. Frettchen.\nerg\u00f6tzlicher Weise, wie der Fuchs einem Iltis mitspielt: \u201eDer Fuchs, welcher nach seinem Fleisch durchaus nicht leckert und es, wenn der Iltis todt ist, gar nicht einmal fressen mag, kann doch gegen den lebenden Ratz seine T\u00fccke nicht lassen. Er schleicht heran, liegt lauernd auf dem Bauche, springt pl\u00f6tzlich zu, wirft den Ratz \u00fcbern Haufen und ist schon weit entfernt, wenn jener sich w\u00fcthend erhebt und ihm die Z\u00e4hne weist. Der Fuchs kommt wieder, springt ihm mit gro\u00dfen S\u00e4tzen entgegen und versetzt ihm den Augenblick, wo er ihn zu Boden wirft, einen Bi\u00df in den R\u00fccken, hat aber schon wieder losgelassen, ehe jener sich r\u00e4chen kann. Jetzt streicht er in der Ferne im Kreise um den Ratz herum, der sich immer hindrehen mu\u00df, endlich schl\u00fcpft der Fuchs an ihm vor\u00fcber und h\u00e4lt den Schwanz nach ihm hin. Der Ratz will hineinbei\u00dfen, der Fuchs hat ihn schon eiligst weggezogen und jener bei\u00dft in die Luft. Jetzt thut der Fuchs, als ob er ihn nicht beobachte; der Ratz wird ruhig, schnuppert umher und beginnt an einem Kaninchenschenkel zu nagen. Das ist dem b\u00f6sen Feind ganz Recht. Auf dem Bauche kriechend kommt er von neuem herbei, seine Augen funkeln, die Ohren sind gespitzt, der Schwanz in sanft wedelnder Bewegung; pl\u00f6tzlich springt er zu, packt den schmausenden Ratz beim Kragen, sch\u00fcttelt ihn t\u00fcchtig und ist verschwunden. Der Ratz, um nicht l\u00e4nger geschabernackt zu werden, w\u00fchlt in die Erde und sucht einen Ausweg. Vergebens! Der Fuchs ist wieder da, beschnuppert das Loch, bei\u00dft pl\u00f6tzlich durch und f\u00e4hrt dann schnell zur\u00fcck.\" Ein solches Schauspiel, bei welchem weder der eine noch der andere Schaden leidet, dauert oft stundenlang, und der Irlbel der versammelten Zuschauer ist grenzenlos.\nEs ist noch keineswegs ausgemacht, ob das unter dem Namen Frettchen (Foetorius Furo) bekannte Thier eine eigne, selbstst\u00e4ndige Art oder nur eine Spielart unsers Ratzes ist. Man kennt das Frettchen blos im gez\u00e4hmten Zustande und zwar seit den \u00e4ltesten Zeiten. Aristoteles erw\u00e4hnt es unter dem Namen Ictis, Plinius unter dem Namen Viverra. Auf den Balearen hatten sich einmal die Kaninchen so vermehrt, da\u00df man den Kaiser Augustus um Hilfe anrief. Er sendete den Leuten einige Biverras, deren Iagdverdienste gro\u00df waren. Sie wurden in die G\u00e4nge der Kaninchen gelassen und trieben die verderblichen Nager heraus in das Netz ihrer Feinde. Strabo erz\u00e4hlt die Sache noch umst\u00e4ndlicher: Spanien hat fast keine sch\u00e4dlichen Thiere mit Ausnahme der Kaninchen, welche Wurzeln, Kr\u00e4uter und Samen fressen. Diese Thiere hatten sich so verbreitet, da\u00df man in Rom um Hilfe bitten mu\u00dfte. Man erfand verschiedene Mittel, um sie zu verjagen. Das Beste blieb aber, sie durch afrikanische Katzen (unter diesem Namen verstehen alle alten Naturforscher die Marder) welche mit verschlossenen Augen in die H\u00f6hlen gesteckt wurden, aus ihrem Baue zu vertreiben. \u2014 Zu Zeiten der Araber hie\u00df das Frett bereits Furo und wurde, wie Albertus Magnus berichtet, schon in Spanien oft zahm gehalten und wie heut zu Tage gebraucht.\nDas Frett \u00e4hnelt dem Iltis in der Gestalt und Gr\u00f6\u00dfe sehr. Es ist zwar etwas kleiner und schw\u00e4chlicher als dieser, allein Aehnliches bemerken wir fast bei allen Thieren, welche nur in abh\u00e4ngigen Verh\u00e4ltnissen von den Menschen, also in der Gefangenschaft, leben. Die Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt IV2 Fu\u00df, die des Schwanzes f\u00fcnf Zoll. Dies sind genau die Verh\u00e4ltnisse des Iltis, und auch im Bau des Gerippes weicht es nicht wesentlich von Diesem ab. Gew\u00f6hnlich sieht man das Frett in Europa blos im Kakerlakenzustande, d.h. von wei\u00dflich- oder semmelgelber, unten etwas dunklerer Farbe mit hellrothen Augen. Nur wenige sind dunkler und dann echt iltisartig gef\u00e4rbt. Es ist bekannt, da\u00df der Kakerlakenzustand immer ein Zeichen der Entartung ist, und dieser Umstand spricht f\u00fcr die oben ausgesprochene Meinung. Soviel ist sicher, da\u00df bis jetzt scharfe Unterschiede zwischen Iltis und Frett noch nicht aufgefunden werden konnten und alle Gr\u00fcnde, welche man f\u00fcr den Beweis der Selbstst\u00e4ndigkeit unsers Frettchens zusammenstellte, als nicht stichhaltig betrachtet werden m\u00fcssen. Als Hauptgrund gilt die gr\u00f6\u00dfere Zartheit und Frostigkeit, sowie die Sanftmuth und leichte Z\u00e4hmbarkeit des Frettes, gegen\u00fcber den uns bekannten Eigenschaften des Iltis. Allein dieser Grund ist meiner Ansicht nach sowenig beweisend, wie die \u00fcbrigen; denn alle Kakerlaken sind eben schw\u00e4chliche, verz\u00e4rtelte Gesch\u00f6pfe. Einige Naturforscher nehmen fest an, da\u00df das Frett ein Afrikaner sei und sich von Afrika","page":540},{"file":"p0541.txt","language":"de","ocr_de":"Balgerei zwischen Fuchs und Iltis. Eigenth\u00fcmlichkeit und Abrichtung des Frettchens.\n541\naus \u00fcber Europa verbreitet habe. Sie sind aber nicht im Stande, diese Meinung durch irgend welche Beobachtung zu unterst\u00fctzen. Das Frett findet sich also blos in der Gefangenschaft, als Hausthier, und wird von uns einzig und allein zur Kaninchenjagd gehalten; die Engl\u00e4nder gebrauchen es auch zur Rattenjagd und achten diejenigen Frette, welche Rattenschl\u00e4ger genannt werden, weit h\u00f6her, als die, welche sie blos zur Kaninchenjagd gebrauchen k\u00f6nnen. Man h\u00e4lt die kleinen Thiere in Kisten und K\u00e4figen, giebt ihnen oft frisches Heu und Stroh und bewahrt sie im Winter vor der K\u00e4lte. Sie werden gew\u00f6hnlich mit Semmel oder Milch gef\u00fcttert; doch ist es ihrer Gesundheit weit zutr\u00e4glicher, wenn man ihnen zartes Fleisch von frisch get\u00f6dteten Thieren reicht. Mit Fr\u00f6schen, Eidechsen und Schlangen kann man sie nach den Beobachtungen unsers Lenz ganz billig erhalten; denn sie fressen alle Lurche gern.\nIn seinem Wesen \u00e4hnelt das Frettchen ganz dem Iltis, nur ist es nicht so munter, wie dieser; an Blutgier und Raublust aber steht es seinem wilden Bruder gar nicht nach. Selbst wenn das Thier schon ziemlich satt ist, f\u00e4llt es \u00fcber Kaninchen, Tauben oder H\u00fchner wie rasend her, packt sie im Genick und l\u00e4\u00dft sie nicht eher los, als bis seine Beute sich nicht mehr r\u00fchrt. Das aus den Wunden hervorflie\u00dfende Blut leckt es mit einer unglaublichen Gier auf, und auch das Gehirn scheint ihm ein Leckerbissen zu sein. Lurche gehen die Frettchen mit gr\u00f6\u00dferer Vorsicht an, als andere Thiere, und die Gef\u00e4hrlichkeit der Kreuzotter scheinen sie instinktm\u00e4\u00dfig zu kennen. Ringelnattern und Blindschleichen greisen sie nach Lenz ohne weiteres an, auch wenn sie diese Thiere noch niemals gesehen haben, packen sie trotz ihrer heftigen Windungen, zerrei\u00dfen ihnen das R\u00fcckgrat und verzehren dann von ihnen ein gutes St\u00fcch. Den Kreuzottern aber nahen sie sich \u00e4u\u00dferst vorsichtig und versuchen, diesem t\u00fcckischen Gew\u00fcrm derbe Bisse in die Mitte des Leibes zu versetzen. Sind sie erst einmal von einer Otter gebissen worden, so gebrauchen sie alle nur denkbare List, um die Giftz\u00e4hne zu meiden, werden aber zuweilen so \u00e4ngstlich, da\u00df sie sich von dem Kampfe zur\u00fcckziehen und der Otter das Feld \u00fcberlassen. Der Bi\u00df der Otter tobtet das Frett nicht, macht es aber krank und muthlos.\nSelten gelingt es, ein Frettchen ganz zu z\u00e4hmen; doch sind Beispiele bekannt, da\u00df einzelne ihrem Herrn wie ein Hund auf Schritt und Tritt nachgingen und ohne Besorgni\u00df ganz frei gelassen werden konnten. Manche aber wissen, wenn sie einmal ihrem K\u00e4sig entwischen konnten, die erlangte Freiheit zu benutzen. Sie laufen in den Wald hinaus und beziehen dort eine Kaninchenh\u00f6hle, welche ihnen nun w\u00e4hrend des Sommers als Lager und Zufluchtsort dienen mu\u00df. Hier entw\u00f6hnen sie sich nach kurzer Frist vollkommen des Menschen; sie gehen jedoch, wenn sie nicht zuf\u00e4llig wieder eingefangen werden, im Winter regelm\u00e4\u00dfig zu Grunde, weil sie viel zu zart sind, als da\u00df sie der K\u00e4lte widerstehen k\u00f6nnten. Nur sehr wenige such^r nach l\u00e4ngeren Streifz\u00fcgen das Haus ihrer Pfleger wieder auf oder unternehmen regelm\u00e4\u00dfig von hier aus Jagden nach ihnen bekannten Orten. Auf den Kanaren verwildern sie, nach Bolle, oft vollst\u00e4ndig.\nDie Stimme des Fretts ist ein dumpfes Gemurr, bei Schmerz ein helles Gekreisch. Man h\u00f6rt sie aber selten; gew\u00f6hnlich liegt das Frett ganz stille in sich zusammengerollt auf seinem Lager, und nur, wenn es seine Raubgier beth\u00e4tigen kann, wird es munter und lebendig.\nDas Weibchen wirft zweimal im Jahre f\u00fcnf bis acht Junge, welche zwei bis drei Wochen blind bleiben. Sie werden mit gro\u00dfer Sorgfalt von der Mutter gepflegt und nach zwei Monaten etwa entw\u00f6hnt; dann sind sie geeignet, abgesondert aufgezogen zu werden.\nSo gute Dienste das Frett bei,der Kaninchenjagd auch leistet, so gering ist der wirkliche Nutzen, den es bringt, im Vergleich zu den Kosten, welche es verursacht. Man darf die Kaninchenjagd mit dem Frett eben nur w\u00e4hrend der gew\u00f6hnlichen Jagdzeit, vom Oktober bis zum Februar, betreiben und mu\u00df das ganze \u00fcbrige Jahr hindurch das Thierchen ern\u00e4hren, ohne den geringsten Nutzen von ihm zu erzielen; zudem ist das Frettchen blos gegen halb oder ganz erwachseneKaninchen zu gebrauchen, weil es Junge, die es im Bau findet, augenblicklich tobtet und auffri\u00dft, worauf es sich gew\u00f6hnlich in das weiche, warme Nest legt und nun den Herrn Gebieter drau\u00dfen warten l\u00e4\u00dft, so lange es ihm behagt.","page":541},{"file":"p0542.txt","language":"de","ocr_de":"542\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Frettchen.\nZur Jagd zieht man am Morgen aus. Die Frettchen werden in einem weich ausgelegten Korb oder K\u00e4stchen, unter Umst\u00e4nden auch in der Jagdtasche getragen. Am Bau sucht man alle befahrenen R\u00f6hren auf, legt vor jede ein sackartiges, etwa drei Fu\u00df langes Netz, welches um einen gro\u00dfen Ring geflochten und an ihm befestigt ist, und l\u00e4\u00dft nun eins der Frettchen in die Hauptr\u00f6hre, welche dann ebenfalls verschlossen wird. Sobald die Kaninchen den eingedrungenen Feind merken, fahren sie erschreckt heraus, gerathen in das Netz und werden in ihm erschlagen. Wenn die R\u00f6hren etwas breiter sind und sich gerade mehrere Kaninchen in dem Bau aufhalten, rennen die ziemlich ge\u00e4ngstigten Thiere zuweilen am Frett vor\u00fcber und zwar so schnell, da\u00df Dieses nicht einmal Zeit hat, sie zu packen. Das Frettchen selbst wird durch einen kleinen Bei\u00dfkorb oder durch Abfeilen der Z\u00e4hne gehindert, ein Kaninchen im Baue abzuschlachten und bekommt, um seinen Treibern best\u00e4ndig Kunde zu geben, ein hellt\u00f6nendes Gl\u00f6ckchen um den Hals geh\u00e4ngt. In fr\u00fcheren Zeiten war man n\u00e4mlich in England so grausam, zu gleichem Behuf die Lippen des armen Iagdgehilfen zusammenzun\u00e4hen, ehe man ihn in die H\u00f6hle kriechen lie\u00df; gl\u00fccklicherweise hat man sich \u00fcberzeugt, da\u00df ein Bei\u00dfkorb dieselben Dienste leistet. Sobald das Frettchen wieder an der M\u00fcndung der H\u00f6hle erscheint, wird es sofort aufgenommen; denn wenn es zum zweiten Male in den Bau geht, legt es sich in das Nest zur Ruhe und l\u00e4\u00dft dann oft stundenlang auf sich warten. Sehr wichtig ist es, wenn man es an einen Pfiff und Ruf gew\u00f6hnt. Kommt es dann nicht heraus, so sucht man es durch allevhand Lockungen wieder in seine Gewalt zu bringen. So bindet man an eine schwankende Stange ein Kaninchen und schiebt Dieses in die R\u00f6hre. Einer solchen Aufforderung, der das Thier ganz beherrschenden Blutgier Folge zu leisten, kann kein Frett widerstehen; es bei\u00dft sich fest und wird sammt dem Kaninchen herausgezogen.\nIn England benutzt man das Frett h\u00e4ufiger noch, als zur Jagd der Kaninchen, zum Vertreiben der Ratten und noch lieber zum Kampfe mit diesen bissigen Nagern, welche, wie bekannt, einen echten Engl\u00e4nder stets zu fesseln wissen. Mein englischer Gew\u00e4hrsmann versichert, da\u00df verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig wenige Fretts zur Rattenjagd zu gebrauchen sind, zumal, wenn sie einige Male von den Z\u00e4hnen der gefr\u00e4\u00dfigen Langschw\u00e4nze zu leiden gehabt haben. Ein Frett, welches blos an Kaninchenjagd gew\u00f6hnt ist, soll f\u00fcr die Rattenjagd g\u00e4nzlich unbrauchbar sein, weil es sich vor jeder gro\u00dfen Ratte f\u00fcrchtet. Der Rattenj\u00e4ger mu\u00df dazu besonders erzogen werden. Man mu\u00df ihn anfangs blos mit jungen und schwachen Ratten k\u00e4mpfen lassen und ihn so nach und nach an den Kampf und den Sieg gew\u00f6hnen. Dann thut der angeborne Blutdurst das Seine; der Muth des kleinen R\u00e4ubers w\u00e4chst und zuletzt erlangt er eine solche Fertigkeit in dem Kampfe mit dem schwarzen Wild, da\u00df er wahre Wunder verrichtet und die edlen Briten mit uns\u00e4glichem Entz\u00fccken erf\u00fcllt. Gew\u00f6hnlich ziehen sich die alten, erfahrenen Ratten, sobald sie angegriffen werden, in eine Ecke zur\u00fcck und wissen von hier aus erfolgreiche Ausf\u00e4lle zu machen und dem unvorsichtigen J\u00e4ger gef\u00e4hrliche Wunden beizubringen: einem gut abgerichteten Frett aber sind sogar solche ausgelernte Fechter kein Hinderni\u00df. Er wei\u00df doch den richtigen Augenblick, um den t\u00fcckischen Gegner zu fassen. Rodwell beschreibt mit wenigen Strichen einen dieser K\u00e4mpfe zwischen gro\u00dfen Ratten und einem besonders ausgezeichneten Frette, welches seine Kunst so weit gebracht hatte, da\u00df es f\u00fcnfzig Ratten in einer Stunde tobten konnte. \u201eDie Ratten,\" sagt er, \u201ebefanden sich in einem viereckigen Raume von acht bis zehn Fu\u00df im Durchmesser, welcher mit drei Fu\u00df hohen Planken umgeben war. Das Frett wurde unter sie geworfen, und es war bewunderungsw\u00fcrdig zu sehen, wie regelrecht das Thier sein Werk begann. Einige von den gr\u00f6\u00dften Ratten waren abscheuliche Feiglinge und \u00fcbergaben sich, w\u00e4hrend mehrere von den kleineren, noch nicht einmal erwachsenen, wie Teufel k\u00e4mpften. Diese haupts\u00e4chlich zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Das Frett wurde, w\u00e4hrend es sie angriff, einige Male ganz empfindlich von den Ratten gebissen.; allein Das vermehrte nur seine Wuth. Die Augen gl\u00fchten vor Zorn, und pl\u00f6tzlich hatte es einen von seinen Feinden am Nacken und setzte hier sein furchtbares Gebi\u00df mit einer solchen Gewalt ein, da\u00df nur ein kurzer Angstschrei des Opfers noch geh\u00f6rt wurde, bevor es seinen Geist aufgab. Einige Male trat es geschickt auf die Ratten, hielt sie so am Boden fest und schien sich f\u00f6rmlich \u00fcber die vergeblichen Anstrengungen zu freuen, welche das erbo\u00dfte Schwarzwild machte, um seinem Gegner einen gef\u00e4hr-","page":542},{"file":"p0543.txt","language":"de","ocr_de":"Verwendung zur Kaninchenjagd und zum Rattenkampf. Schlacht zwischen Frett und Iltis. 543\nlichen Bi\u00df beizubringen. Dann sah man es schneller als der Blitz zufahren, und die Z\u00e4hne vergruben sich einen Augenblick lang im Genick. Ein verzweifelter Schrei wurde geh\u00f6rt, und ein neues Opfer lag regungslos bei den \u00fcbrigen. W\u00e4hrend das blutgierige Gesch\u00f6pf im besten Kampfe war, nahte sich pl\u00f6tzlich eine alte, erfahrene Ratte vorsichtig dem Feinde und schien \u00fcber einen gef\u00e4hrlichen Gedanken zu br\u00fcten. Sie war augenscheinlich entsetzt \u00fcber das Blutbad, welches das Frett unter ihren Genossen angerichtet hatte, und schien sich r\u00e4chen zu wollen. Eben hatte das Frett eine neue Ratte am Genick gepackt und war besch\u00e4ftigt, ihr den Lebensnerv zu zerschneiden, da st\u00fcrzte sich die andere nach ihm hin und versetzte ihm einen furchtbaren Bi\u00df in den Kopf, welchem alsbald ein Blutstrom folgte. Das Frett, welches glauben mochte, da\u00df die empfangene Wunde von seinem eben gefa\u00dften Gegner herr\u00fchre, bi\u00df die bereits get\u00f6dtete Ratte mit dem f\u00fcrchterlichsten Zorn, ohne den wahren Th\u00e4ter zu erkennen, und erhielt von ihm einen neuen Bi\u00df. Endlich aber erkannte es seinen eigentlichen Feind und st\u00fcrzte sich mit einer unglaublichen Wuth auf ihn. Ein unbeschreibliches Get\u00fcmmel entstand. Man sah Nichts mehr, als einen verworrenen Kn\u00e4uel von schwarzen Gestalten und ab und zu das lichtgef\u00e4rbte Raubthier vorleuchten. Man h\u00f6rte dessen Knurren und das Quiken der Ratten und das \u00e4ngstliche Geschrei der vom Frett ergriffenen Thiere. Viele von den gehetzten Langschw\u00e4nzen suchten sich zu retten, und immer toller wurde die Verwirrung: aber weniger und weniger Ratten bewegten sich; der Haufen der Leichen wurde immer gr\u00f6\u00dfer, und lange, bevor die Stunde abgelaufen war, lagen wirklich alle f\u00fcnfzig Ratten auf dem Boden, der wackere K\u00e4mpe, welcher in der Verwirrung den Blicken entgangen war, nat\u00fcrlich auch mit.\"\nIch habe schon bemerkt, da\u00df das Frett bei seinen Kaninchenjagden zuweilen auch auf andere Feinde trifft, welche in einem verlassenen Kaninchenbau Zuflucht gefunden haben. So ereignet es sich zuweilen, da\u00df es in einer Kaninchenh\u00f6hle auf einen Iltis st\u00f6\u00dft. Dann beginnt ein furchtbarer Kampf zwischen beiden, gleich starken und gewandten Thieren, keineswegs zur Freude des Besitzers des gez\u00e4hmten Mitgliedes der Marderfamilie, weil er alle Ursache hat, f\u00fcr das Leben seines Iagdgehilfen zu f\u00fcrchten. \u201eEin Frett, welches in eine Kaninchenh\u00f6hle gesandt wurde,\" erz\u00e4hlt ein J\u00e4ger, \u201everblieb solange Zeit darin, da\u00df ich ungeduldig wurde und bereits glauben wollte, da\u00df mein Thier sich in das warme Nest gelegt habe und dort schlafe. Ich stampfte deshalb heftig auf den Boden, um es zu erwecken und wieder zu mir zu bringen. Freilich erfuhr ich bald, da\u00df mein Thierchen sich keiner Unterlassungss\u00fcnde schuldig gemacht hatte. Ich h\u00f6rte ein ganz eigenth\u00fcmliches Geschrei, welches dem Murren und Kreischen meines Frettchens glich, aber doch noch von T\u00f6nen begleitet war, die ich mir nicht entr\u00e4thseln konnte. Der L\u00e4rm wurde lauter und bald konnte ich unterscheiden, da\u00df er von zwei Thieren herr\u00fchren mu\u00dfte. Endlich sah ich in dem Dunkel der H\u00f6hle den Schwanz meines Frettchens und entdeckte nun zu gleicher Zeit, da\u00df es mit einem Thiere im Kampfe lag. Das Frett bem\u00fchte sich nach Kr\u00e4ften, seine Beute nach der M\u00fcndung der H\u00f6hle zu schleppen, stie\u00df aber auf einen bedeutenden Widerstand. Endlich kam es doch hervor, und ich entdeckte nun zu meiner nicht geringen Ueberraschung, da\u00df es sich mit einem m\u00e4nnlichen Iltis in den Kampf eingelassen hatte. Beide hatten sich in einander verbissen, eins hatte das andere am Nacken gefa\u00dft und keines schien gewillt zu sein, seinen Gegner so leichten Kampfes davon zu lassen. Pl\u00f6tzlich erblickte mich der Iltis und versuchte nun, mein armes Frettchen nach der Tiefe der H\u00f6hle zu schleppen, um den Kampf dort weiter auszufechten. Mein vorz\u00fcgliches Thier hielt jedoch trefflich Stand und brachte seinen Feind nach kurzer Zeit nochmals an die M\u00fcndung der H\u00f6hle zur\u00fcck. Aber es war zu schwach, um ihn vollends bis an das Tageslicht zu bringen. Der Iltis gewann wieder die Oberhand und beide verschwanden von neuem. Nun sah und 1 h\u00f6rte ich wieder lange Zeit Nichts von ihnen, und meine Aengstlichkeit nahm begreiflicherweise mit jeder Minute zu. Aber zum dritten Male sah ich das Frett, welches seinen Feind an das Tageslicht zu schleppen versuchte. An der M\u00fcndung der H\u00f6hle entstand ein verzweifeltes Ringen; das Frettchen k\u00e4mpfte mit un\u00fcbertrefflichem Geschicke, und ich hoffte schon die Niederlage des Iltis zu sehen, als pl\u00f6tzlich mein Frett den Kampf aufgab und mit zerfetzter Brust auf mich zusprang. Sein Feind erk\u00fchnte sich nicht, ihm zu folgen, sondern blieb vorsichtig schn\u00fcffelnd in der M\u00fcndung der R\u00f6hre","page":543},{"file":"p0544.txt","language":"de","ocr_de":"544\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Frettchen. Hermelin und Wiesel.\nstehen. Ich schlug auf ihn an, allein mein Gewehr versagte mir mehrere Male, und ehe ich noch schie\u00dfen konnte, drehte sich der kleine Held pl\u00f6tzlich um und lie\u00df seinen Gegner und dessen Helfershelfer im Stich.\"\nUngeachtet solcher K\u00e4mpfe paaren sich Frett und Iltis sehr leicht oder wenigstens ohne viele Umst\u00e4nde mit einander und erzielen Blendlinge, welche von den J\u00e4gern sehr gesch\u00e4tzt werden.- Solche Bastarde \u00e4hneln dem Iltis mehr, als dem Frett; sie unterscheiden sich von erstem blos durch die lichtere F\u00e4rbung im Gesicht und an der Kehle. Ihre Augen sind ganz schwarz und aus diesem Grunde feuriger, als die des Fretts. Sie vereinigen die Vorz\u00fcge von beiden Eltern in sich; denn sie lassen sich weit leichter z\u00e4hmen, sind nicht so n\u00e4chtlich und stinken auch nicht so heftig, wie der Iltis, sind aber st\u00e4rker, k\u00fchner und weniger frostig, als das Frettchen. Ihr Muth ist unglaublich. Sie st\u00fcrzen sich wie rasend auf jeden Feind, dem sie in einer H\u00f6hle begegnen, und h\u00e4ngen sich wie Blutegel an ihm fest. Nicht selten sind sie aber auch gegen ihren Herrn heftig und bei\u00dfen ihn ohne R\u00fccksicht ganz geh\u00f6rig.\nDie Marder genie\u00dfen die Ehre, einer ganzen Familie ihren Namen geliehen zu haben, die Wiesel das Vorrecht, den wissenschaftlichen Familiennamen Mustel\u00e4 insbesondere zu f\u00fchren. Dies mag darauf hindeuten, da\u00df wir in den Zwergen der an t\u00fcchtigen Raubgesellen reichen Familie noch sehr ausgezeichnete Gesch\u00f6pfe finden: und wirklich stehen die kleinen, schw\u00e4chlich aussehenden Wiesel an leiblicher Begabung kaum, an geistiger gar nicht hinter den bevorzugtesten Mitgliedern ihrer Genossenschaft zur\u00fcck.\t.\nEinige Naturforscher vereinigen das Wiesel mit dem Iltisse; andere bilden aus ihm eine besondere Sippe. Hieraus geht.hervor, da\u00df die Unterschiede zwischen beiden nicht bedeutend sein k\u00f6nnen. Die Wiesel sind noch weit schlanker, gestreckter, als die \u00fcbrigen Marder; ihr Sch\u00e4del ist etwas schm\u00e4chtiger und hinten schm\u00e4ler, und der obere Rei\u00dfzahn ist ein wenig anders gestaltet, als bei jenen: \u2014 hierauf beschr\u00e4nken sich- die Unterscheidungsmerkmale zwischen beiden Gruppen. Die Wiesel halten sich am liebsten in Feldern, G\u00e4rten, in Erdh\u00f6hlen, Felsenritzen, unter Stein- und Holzhaufen auf und jagen fast ebensoviel bei Tage, als bei Nacht. Sie sind die kleinsten der sogenannten Fleischfresser, welche Lei uns heimisch sind, und geh\u00f6ren auch unter die kleinsten Mitglieder der ganzen Ordnung, zeichnen sich aber durch ihren Muth so aus, da\u00df sie als wahre Musterbilder f\u00fcr die ganze Familie gelten k\u00f6nnen.\nUnter ihnen geb\u00fchrt dem kleinen Wiesel (Mustela vulgaris) eben wegen dieser geistigen Eigenschaften die Krone. Das Thierchen, welches hier und da auch Heerm\u00e4nnchen genannt wird, ist ein bei uns sehr wohlbekannter R\u00e4uber. Er findet sich aber nicht blos in Deutschland, sondern auch in der ganzen gem\u00e4\u00dfigten und kalten Erdzone der alten Welt. Weit weniger versteckt lebend, als andere Marderarten, wird er im freien Felde oft genug sichtbar. Die L\u00e4nge seines K\u00f6rpers betr\u00e4gt 6V4 Zoll und die des Schwanzes IV2 Zoll; die H\u00f6he am Widerrist h\u00f6chstens ebensoviel. Dies ist das Ma\u00df f\u00fcr ein vollkommen erwachsenes M\u00e4nnchen, und nur in sehr seltenen F\u00e4llen findet man solche, welche das gegebene Ma\u00df \u00fcberschreiten. Der Leib ist au\u00dferordentlich gestreckt und erscheint wegen des gleichgebauten Halses und Kopfes noch schlanker, als er ist. Seine Dicke ist vom Kopfe an bis zum Schw\u00e4nze fast \u00fcberall dieselbe, nur bei den Erwachsenen ist er in den Weichen etwas eingezogen und an der Schnauze ein wenig zugespitzt. Er ruht auf sehr kurzen und d\u00fcnnen Beinen mit \u00e4u\u00dferst zarten Pfoten, deren Sohlen zwischen den Zehenballen behaart und deren Zehen mit d\u00fcnnen Spitzen und scharfen Krallen bewaffnet sind. Der Schwanz hat etwa Kopfl\u00e4nge und spitzt sich von der Wurzel nach dem Ende allm\u00e4hlich zu. Die Nase ist stumpf und durch eine L\u00e4ngsfurche einigerma\u00dfen getheilt. Die breiten und abgerundeten Ohren stehen seitlich und weit hinten; die schief liegenden Augen sind klein, aber sehr feurig; das Gebi\u00df ist verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig kr\u00e4ftig, obgleich der","page":544},{"file":"p0545.txt","language":"de","ocr_de":"Zeichnung des Wiesels. Wohnorte.\n545\nGr\u00f6\u00dfe des Thieres angemessen. Eine mittellange, glatte Behaarung deckt den ganzen Leib und zeigt sich in der N\u00e4he der Schnauzenspitze etwas reichlicher. Lange Schnurren, vor und \u00fcber den Augen und einzelne Borstenhaare unter diesen sind au\u00dferdem zu bemerken. Die F\u00e4rbung des Pelzes ist auf der ganzen Oberseite, den Beinen und dem Schw\u00e4nze r\u00f6thlichbraun; der Rand der Oberlippe und die ganze Unterseite, sowie die Innenseiten der Beine sind wei\u00df. Hinter jedem Mundwinkel steht ein kleiner, rundlicher, brauner Flecken, und zuweilen finden sich auch einzelne braune Punkte auf dem lichten Bauche. In gem\u00e4\u00dfigten und s\u00fcdlichen Gegenden \u00e4ndert diese F\u00e4rbung nicht wesentlich ab; weiter n\u00f6rdAch hingegen legt unser Thierchen, wie seine gro\u00dfen Verwandten, eine Wintertracht an und erscheint dann wei\u00dfbraun gefleckt, ohne jedoch die sch\u00f6ne, schwarze Schwanzspitze zu erhalten, welche das Hermelin so auszeichnet.\nDas Wiesel findet sich in Europa \u00fcberall und zwar ziemlich h\u00e4ufig, wenn auch nicht in so gro\u00dfer Anzahl, wie im n\u00f6rdlichen Asien. Es bewohnt ebensowohl die flachen als die gebirgigen Gegenden, buschlose Ebenen so gut wie W\u00e4lder, bev\u00f6lkerte Orte nicht minder zahlreich, als einsame. Ueberall findet\nHermelin und Wiesel (Mustela Erminea und Mustela vulgaris) im Sommerkleid.\nes einen passenden Aufenthalt; denn es wei\u00df sich einzurichten und entdeckt aller Orten einen Schlupfwinkel, der ihm die n\u00f6thige Sicherheit vor seinen gr\u00f6\u00dferen Feinden gew\u00e4hrt. So wohnt es denn bald in hohlen B\u00e4umen, in Steinhaufen, in altem Gem\u00e4uer, bald unter hohlen Ufern, in Maulwurfsg\u00e4ngen, Hamster- und Rattenl\u00f6chern, im Winter in Schuppen und Scheuern, Kellern und St\u00e4llen, unter Dachb\u00f6den u. s. w., h\u00e4ufig sogar in St\u00e4dten. Wo es ungest\u00f6rt ist, streift es auch bei Tage umher; wo es sich verfolgt sieht, blos des Nachts oder wenigstens bei Tage nur mit \u00e4u\u00dferster Vorsicht.\nWenn man achtsam und ohne Ger\u00e4\u00fcsch an Orten vor\u00fcbergeht, die ihm Schutz gew\u00e4hren, kann man leicht das Vergn\u00fcgen haben, es zu belauschen. Man h\u00f6rt ein unbedeutendes Geraschel im Laube und sieht ein kleines, braunes Gesch\u00f6pfchen dahinhuschen, welches, sobald es den Menschen gewahrt, aufmerksam wird und.sich auf seine Hinterbeine erhebt, um sich besser umzuschauen. Gew\u00f6hnlich f\u00e4llt es dem kleinen Gesellen gar nicht ein, zu fliehen; er sieht vielmehr muthig und trotzig in die Welt hinaus und nimmt eine wahrhaft herausfordernde Miene an. Wenn man ihm dicht an den Leib kommt, ist er auch wohl so frech, dem St\u00f6renfriede selbst sich zu n\u00e4hern und ihn mit einer unbeschreib-\nBrehm. Thierleben\t35","page":545},{"file":"p0546.txt","language":"de","ocr_de":"546\tDie Raubthiere. Marder. \u2014 Kleines Wiesel.\nlichen Unversch\u00e4mtheit anzusehen, als wolle es sich Kunde verschaffen, was der ungebetene Gast zu suchen habe.\nMehr als einmal ist es vorgekommen, da\u00df das freche Tbier selbst den Menschen angegriffen und von ihm erst nach langem Streite abgelassen hat. Man beobachtete, da\u00df es sich sogar in den Beinen von vor\u00fcbergehenden Pferden festbi\u00df und erst durch vereinte Anstrengung des Thieres und seines Reiters abgesch\u00fcttelt werden konnte. Mit diesem Muthe ist eine unvergleichliche Geistesgegenwart verbunden. Das Wiesel findet fast immer noch einen Ausweg: es ist in bett Krallen des Raubvogels noch nicht verloren. Der starke und raubgierige Habicht freilich macht wenig Umst\u00e4nde mit dem ihm gegen\u00fcber allzuschwachen Zwerge; er nimmt ihn, ohne die geringste Gefahr bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, mit seinen langen F\u00e4ngen vom Boden auf und erdolcht oder erdrosselt ihn, ehe der arme Schelm noch recht zur Besinnung gelangt: die schw\u00e4cheren R\u00e4uber aber haben sich immerhin vorzusehen, wenn sie Gel\u00fcste nach dem Fleische des Wiesels versp\u00fcren. So sah ein Beobachter einen Weih auf das Feld herabst\u00fcrzen, von dort ein kleines S\u00e4ugethier aufheben und in die Luft tragen. Pl\u00f6tzlich begann der Vogel aber zu schwanken, der Flug wurde immer mehr und mehr unsicher, und schlie\u00dflich fiel der Weih todt zur Erde herab. Der \u00fcberraschte Zuschauer eilte zur Stelle und sah ein kleines Wiesel lustig dahinhuschen. Es hatte seinem f\u00fcrchterlichen Feind geschickt die Schlagader zerbissen und sich so gerettet. Aehnliche Beobachtungen hat man bei Kr\u00e4hen gemacht, welche so k\u00fchn waren, das unscheinbare Thier anzugreifen und sich arg verrechneten, indem sie ihr Leben lassen mu\u00dften, anstatt einen guten Schmaus zu thun.\nEin sehr h\u00fcbsches Beispiel von einem ungleichen Zweikampfe, den unser kleiner R\u00e4uber bestand, theilt Lenz mit: \u201eZu einem alten Wiesel, welches mit anderen Thieren schon ganz ges\u00e4ttigt war, setzte ich einen Hamster, der es an K\u00f6rpermasse wohl dreimal \u00fcbertraf. Kaum hatte es den b\u00f6sen Feind bemerkt, vor dem es wie ein Zwerg vor einem Riesen stand, so r\u00fcckte es im Sturmschritt vor, quiekte laut auf und sprang unaufh\u00f6rlich nach dem Gesicht und Halse seines Gegners. Der Hamster richtete sich empor und wehrte mit den Z\u00e4hnen den Wagehals ab. Pl\u00f6tzlich aber fuhr das Wiesel zu, bi\u00df sich in seine Schnauze ein, und Beide w\u00e4lzten sich nun, das Wiesel laut quiekend auf dem mit Blut sich r\u00f6thenden Schlachtfelde. Die Streiter fochten mit allen F\u00fc\u00dfen; bald war das leicht gebaute Wiesel, bald der schwere, plumpe Hamster oben auf. Nach zwei Minuten lie\u00df das Wiesel los, und der Hamster putzte, die Z\u00e4hne fletschend, seine verwundete Nase. Aber zum Putzen war wenig Zeit, denn schon war der kleine, k\u00fchne Feind wieder da, und wupp! da sa\u00df er wieder an der Schnauze und hatte sich fest eingebissen. Jetzt rangen sie eine Viertelstunde lang unter lautem Quieken und Fauchen, ohne da\u00df ich bei der Schnelligkeit der Bewegungen recht sehen konnte, wer siegte, wer unterlag. Zuweilen h\u00f6rte ich zerbissene Knochen knirschen. Die Heftigkeit, womit sich das Wiesel wehrte, die zunehmende Mattigkeit des Hamsters schien zu beweisen, da\u00df jenes im Vortheil war. Endlich lie\u00df das Wiesel los, hinkte in eine Ecke und kauerte sich nieder; das eine Vorderbein war gel\u00e4hmt, die Brust, welche es fortw\u00e4hrend leckte, blutig. Der Hamster nahm von der andern Ecke Besitz, putzte seine angeschwollene Schnauze und r\u00f6chelte. Einer seiner Z\u00e4hne hing aus ber Schnauze hervor und fiel endlich g\u00e4nzlich ab; die Schlacht war entschieden. Beide Theile waren zu neuen Anstrengungen nicht mehr f\u00e4hig. Nach vier Stunden war das tapfere Wiesel todt. Ich untersuchte es genau und fand durchaus keine Verletzung, ausgenommen, da\u00df die ganze Brust von den Krallen des Hamsters arg zerkratzt war. Der Hamster \u00fcberlebte seinen Feind noch um vier Stunden. Die Schnauze desselben war zermalmt, ein Zahn ausgefallen, zwei andere wacklig, und nur der vierte sa\u00df fest. Tlebrigens sah ich nirgends eine Verletzung, da ihn das Wiesel immer fest an der Schnauze gehalten hatte.\" ^\nEs versteht sich von selbst, da\u00df ein so muthvolles und k\u00fchnes Gesch\u00f6pf verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig ein wahrhaft furchtbarer R\u00e4uber sein mu\u00df: und das ist unser Wiesel in der That. Es hat allen klemen S\u00e4ugethieren den Krieg erkl\u00e4rt und richtet unter ihnen oft entsetzliche Verw\u00fcstungen an. Unter den S\u00e4ugethieren fallen ihm die Haus-, Wald- und Feldm\u00e4use, die Wander- und Hausratten, Maulw\u00fcrfe, junge Hamster, Hasen und Kaninchen Lur Beute; aus der Klasse der V\u00f6gel","page":546},{"file":"p0547.txt","language":"de","ocr_de":"Muth. Ern\u00e4hrung. Familienleben.\n547\nraubt es sich junge H\u00fchner und Tauben, Lerchen und andere auf der Erde wohnende V\u00f6gel, selbst solche, die auf B\u00e4umen schlafen, pl\u00fcndert auch deren Nester, wenn es dieselben auffindet. Unter den Lurchen stellt es den Eidechsen, Blindschleichen und Ringelnattern nach und wagt sich selbst an die gef\u00e4hrliche Kreuzotter, obgleich es deren wiederholten Bissen erliegen mu\u00df. Au\u00dferdem fri\u00dft es auch Fr\u00f6sche. Fische verzehrt es ebenfalls. Es genie\u00dft \u00fcberhaupt jede Art von Fleisch, welche es erlangen kann, selbst das der eigenen Art. Kerbthiere der verschiedensten Ordnungen sind ein Leckerbissen, und wenn es Krebse erwischen kann, wei\u00df es deren harte Kruste auch zu zerbrechen. Seine geringe Gr\u00f6\u00dfe und unglaubliche Gewandtheit kommen ihm bei seinen Jagden trefflich zustatten. Man kann wohl sagen, da\u00df eigentlich kein kleines Thier vor ihm sicher ist. Den Maulwurf sucht es in seinem unterirdischen Palast auf, Ratten und M\u00e4usen kriecht es in die L\u00f6cher; Fischen folgt es ins Wasser, V\u00f6gel auf die B\u00e4ume. Es l\u00e4uft au\u00dferordentlich gewandt, klettert recht leidlich, schwimmt sehr gut und wei\u00df durch blitzesschnelle Wendungen und rasche Bewegungen, im Nothfalle auch durch ziemliche gro\u00dfe Spr\u00fcnge seiner Beute aus den Leib zu kommen oder aber seinen Feinden behend zu entgehen. In der F\u00e4higkeit, die engsten Spalten und L\u00f6cher zu durchkriechen und sich somit \u00fcberall hinzuschleichen, liegt seine Hauptst\u00e4rke, und der Muth, die Mordlust und der Blutdurst thun dann vollends noch das Ihrige, um das kleine Thier zu einem ausgezeichneten R\u00e4uber zu machen. Man will sogar beobachtet haben, da\u00df es gemeinschaftlich jage, und Dies ist wohl auch nicht zu bezweifeln; denn da\u00df es gesellig lebt und sich an manchen Orten in gro\u00dfer Anzahl sammelt, ist sicher. Kleine Thiere packt das Wiesel im Genick oder beim Kopfe, gro\u00dfe sucht es am Halse zu fassen und wom\u00f6glich durch Zerbei\u00dfen der gro\u00dfen Halsschlagader zu t\u00f6dten. In die Eier macht es geschickt an einem Ende eines oder mehrere L\u00f6cher und saugt dann die Fl\u00fcssigkeit aus, ohne da\u00df ein Tropfen verloren geht. Gr\u00f6\u00dfere Eier soll es zwischen Kinn und Brust klemmen, wenn es sie fortschaffen mu\u00df; kleinere tr\u00e4gt es im Maule weg. Bei gr\u00f6\u00dferen Thieren begn\u00fcgt es sich mit dem Blute, welches es trinkt, ohne das Fleisch zu ber\u00fchren; kleinere fri\u00dft es ganz auf; die, welche es einmal gepackt hat, l\u00e4\u00dft es nicht wieder fahren. Und dabei gilt es ihm gleich, ob seine R\u00e4uberthaten bemerkt werden oder nicht. In einer Kirche bei Oxford sah man w\u00e4hrend des Gottesdienstes pl\u00f6tzlich ein Wiesel aus einer kleinen Oeffnung, welche nach dem Kirchhofe f\u00fchrte, erscheinen, sich neugierig umschauen, pl\u00f6tzlich wieder verschwinden und nach wenigen Minuten von neuem vorkommen mit einem Frosche im Maule, den es angesichts der ganzen Gemeinde gem\u00e4chlich verzehrte. In unmittelbarer N\u00e4he von bewohnten Geb\u00e4uden jagt es oft ohne alle Scheu.\nDie Paarungszeit unsers Thieres f\u00e4llt im M\u00e4rz. Im Mai oder Juni, also nach f\u00fcnfw\u00f6chentlicher Tragzeit, bekommt das Weibchen f\u00fcnf bis sieben, manchmal aber blos drei, auch zuweilen sogar acht blinde Junge, die es meist in einem hohlen Baume oder in einem seiner L\u00f6cher zur Welt bringt, immer aber an einem versteckten Ort auf ein aus Stroh, Heu, Laub u. dgl. bereitetes, nestartiges Lager bettet. Es liebt sie au\u00dferordentlich, s\u00e4ugt sie lange und ern\u00e4hrt sie dann noch mehrere Monate mit Haus-, Wald- und Feldm\u00e4usen, die es ihnen lebendig bringt. Wenn sie beunruhigt werden, tr\u00e4gt es sie im Maule an einen andern Ort. Bei Gefahr vertheidigt die treue Mutter ihre Kinder mit grenzenlosem Muthe. Sowie die allerliebsten Thierchen erwachsen sind, spielen sie oft bei Tage mit der Alten, und es sieht ebenso wunderlich, als h\u00fcbsch aus, wenn die Gesellschaft sich im hellsten Sonnenschein auf Wiesen umhertreibt, zumal auf solchen, welche an unterirdischen G\u00e4ngen, namentlich an Maulwurfsl\u00f6chern reich sind. Gar lustig geht es zu beim Spielen. Aus diesem und jenem Loche guckt ein K\u00f6pfchen hervor, neugierig sehen sich die kleinen, hellen Augen nach allen Seiten um. Es scheint Alles ruhig und sicher zu sein, und Eins nach dem Andern verl\u00e4\u00dft die Erde und treibt sich im gr\u00fcnen Grase herum. Die Geschwister necken und bei\u00dfen sich, jagen sich umher und entfalten dabei die ganz wunderbare Gewandtheit, die ihrem Geschlechte eigenth\u00fcmlich ist. Wenn der versteckte Beobachter ein Ger\u00e4usch macht, vielleicht ein wenig hustet oder in die Hand schl\u00e4gt, st\u00fcrzen Alle voll Schrecken in die L\u00f6cher zur\u00fcck, und nach weniger als einer Zehntelminute scheint Alles verschwunden zu sein. Doch nein! Dort schaut bereits wieder ein K\u00f6pfchen aus dem Loche hervor, dort ein\n35*","page":547},{"file":"p0548.txt","language":"de","ocr_de":"548\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Kleines Wiesel.\nzweites, da ein drittes: \u2014 jetzt sind sie s\u00e4mmtlich wieder da, pr\u00fcfen von neuem, vergewissern sich der Sicherheit, und bald ist die ganze Gesellschaft wieder vorhanden, und wenn man dann das Erschrecken forttreibt, bemerkt man gar bald, da\u00df es wenig helfen will; denn die kleinen, w\u00fcthigen Thierchen werden immer dreister, immer frecher und treiben sich zuletzt ganz unbek\u00fcmmert vor den Augen des Beobachters umher.\nSolche junge Wiesel, welche noch bei der Mutter sind, haben das rechte Alter, um gez\u00e4hmt zu werden. Die durchaus irrige Ansicht, welche sich unter den Naturforschern von Buffo n her fortgeerbt hat, da\u00df unser Thierchen unz\u00e4hmbar sei, hat schon oft Widerlegung gefunden, und wir haben verb\u00fcrgte Beobachtungen genug, welche uns von sehr zahm gewordenen Wieseln berichten. Unter ihnen allen scheint mir eine von Frauenhand niedergeschriebene, welche Wood in seiner \u201eNatural History\" mittheilt, die anmuthigste zu sein, und deshalb will ich sie im Auszuge wiedergeben.\n\u201eWenn ich etwas Milch in meine Hand gie\u00dfe,\" sagt die Dame, \u201etrinkt mein zahmes Wiesel davon eine gute Menge, schwerlich aber nimmt es einen Tropfen der von ihm so geliebten Fl\u00fcssigkeit, wenn ich ihm nicht die Ehre anthue, ihm meine Hand zum Trinkgef\u00e4\u00df zu bieten. Sobald es sich ges\u00e4ttigt hat, geht es schlafen. Mein Zimmer ist sein gew\u00f6hnlicher Aufenthaltsort, und ich habe ein Mittel gefunden, seinen unangenehmen Geruch durch wohlriechende Stoffe vollst\u00e4ndig aufzuheben. Bei Tage schl\u00e4ft es in einem Polster, zu dessen Innern es Eingang gefunden hat; w\u00e4hrend der Nacht wird es in einer Blechb\u00fcchse in einem K\u00e4fig verwahrt, geht aber stets ungern in dieses Gef\u00e4ngni\u00df und verl\u00e4\u00dft es mit Vergn\u00fcgen. Wenn man ihm seine Freiheit giebt, ehe ich wach werde, kommt es in mein Bett und kriecht nach tausend lustigen Streichen unter die Decke, um in meiner Hand oder an meinem Busen zu ruhen. Bin ich aber bereits munter geworden, wenn es erscheint, so widmet es mir wohl eine halbe Stunde und liebkost mich auf die verschiedenste Weise. Es spielt mit meinen Fingern, wie ein kleiner Hund, springt mir auf den Kopf und den Nacken oder klettert um meinen Arm oder um meinen Leib mit einer Leichtigkeit und Zierlichkeit, welche ich bei keinem andern Thiere gefunden habe Halte ich ihm meine Hand vor in einer Entfernung von drei Fu\u00df, so springt es in sie hinein, ohne jemals zu fallen. Es zeigt gro\u00dfe Geschicklichkeit und List, um irgend einen seiner Zwecke zu erreichen, und scheint oft das Verbotene aus einer gewissen Lust am Ungehorsam zu thun.\"\n,Bei seinen Bewegungen zeigt es sich stets achtsam auf Alles, was vorgeht. Es schaut jede hohle Ritze an und dreht sich nach jedem Gegenst\u00e4nde hin, welchen es bemerkt, um ihn zu untersuchen. Sieht es sich in seinen lustigen Spr\u00fcngen beobachtet, so l\u00e4\u00dft es augenblicklich nach und zieht es gew\u00f6hnlich vor, sich schlafen zu legen. Sobald es aber munter geworden ist, zeigt es sofort ferne Lebendigkeit wieder und beginnt seine heiteren Spiele sogleich von neuem. Ich habe es nie schlecht gelaunt gesehen, au\u00dfer wenn man es eingesperrt oder zu sehr geplagt hatte. In solchen F\u00e4llen suchte es dann sein Mi\u00dfvergn\u00fcgen durch kurzes Gemurmel auszudr\u00fccken, g\u00e4nzlich verschieden von dem,\nwelches es ausst\u00f6\u00dft, wenn es sich wohl befindet.\"\n\u201eDas kleine Thier unterscheidet meine Stimme unter zwanzig anderen, sucht mich bald heraus und springt \u00fcber Jeden hinweg, um zu mir zu kommen. Es spielt mit mir auf das liebensw\u00fcrdigste und liebkost mich in einer Weise, die man sich nicht vorstellen kann. Mit seinen zwei kleinen Pf\u00f6tchen streicht es mich oft am Kinn und sieht mich dabei mit einer Miene an, welche sein gro\u00dfes Vergn\u00fcgen auf das beste ausdr\u00fcckt. Aus dieser seiner Liebe und tausend anderen Bevorzugungen meiner Person ersehe ich, da\u00df seine Zuneigung zu mir eine wahre und nicht eingebildete ist. Wenn es bemerkt, da\u00df ich mich ankleide, um auszugehen, will es mich gar nicht verlassen, und niemals kann rch mich so ohne Umst\u00e4nde von ihm befreien. Listig, wie es ist, verkriecht es sich gew\u00f6hnlich m em Zrmmer an^ der Ausgangsth\u00fcr, und sobald ich vorbeigehe, springt es pl\u00f6tzlich auf mich und versucht alles M\u00f6gliche,\nUUl ^^Jn^^nerLebmdigkeit, Gewandtheit, in der Stimme und in der Art seines Gemurmels \u00e4hnelt es am\"meisten den Eichh\u00f6rnchen. W\u00e4hrend des Sommers rennt es die ganze Nacht hindurch mt Hause umher, seit Beginn der k\u00e4ltern Zeit aber habe ich Dies nicht mehr beobachtet. Es schemt letzt","page":548},{"file":"p0549.txt","language":"de","ocr_de":"Beispiele von Z\u00e4hmung. Ungerechte Verfolgung.\n549\ndie W\u00e4rme sehr zu vermissen, und oft, wenn die Sonne scheint und es auf meinem Bette spielt, dreht es sich um, setzt sich in den Sonnenschein und murmelt dort ein Weilchen.\"\n\u201eSelten trinkt es Wasser und blos, wenn es die Milch entbehren mu\u00df, auch dann immer mit gro\u00dfer Vorsicht. Es scheint just, als wolle es sich blos ein wenig abk\u00fchlen und sei fast erschreckt \u00fcber die Fl\u00fcssigkeit; die Milch aber trinkt es mit Entz\u00fccken aus meiner Hand, aber immer blos tropfenweise, und ich darf stets nur ein wenig von der so beliebten Fl\u00fcssigkeit in meine Hand gie\u00dfen. Wahrscheinlich trinkt es im Freien den Thau in derselben Weise, wie bei mir die Milch. Als es einmal im Sommer geregnet hatte, reichte ich ihm etwas Regenwasser in einer Tasse und lud es ein, hin zu gehen, um sich zu baden, erreichte aber meinen Zweck nicht. Hierauf befeuchtete ich ein St\u00fcckchen Leinenzeug in diesem Wasser und legte es ihm vor, darauf rollte es sich mit au\u00dferordentlichem Vergn\u00fcgen hin und her.\"\n\u201eEine Eigenth\u00fcmlichkeit meines reizenden Thieres ist seine Neugier. Es ist geradezu unm\u00f6glich, eine Kiste, ein K\u00e4stchen oder eine B\u00fcchse zu \u00f6ffnen, ja blos ein Papier anzusehen, ohne da\u00df auch mein Wiesel den Gegenstand beschaut. Wenn ich es wohin locken will, brauche ich blos ein Papier oder ein Buch zu nehmen und aufmerksam auf dasselbe zu sehen, dann erscheint es pl\u00f6tzlich bei mir, rennt auf meiner Hand hin und schaut mit gr\u00f6\u00dfter Aufmerksamkeit auf den Gegenstand, welchen ich betrachte.\"\n\u201eIch mu\u00df schlie\u00dflich bemerken, da\u00df das Thier mit einer jungen Katze und einem Hunde, welche beide schon ziemlich gro\u00df sind, gern spielt. Es klettert auf ihren Nacken und R\u00fccken herum und steigt an den F\u00fc\u00dfen und dem Schw\u00e4nze empor, ohne ihnen jedoch auch nur das leiseste Ungemach zuzuf\u00fcgen.\"\nDer Herausgeber der artigen Geschichte bemerkt nun noch, da\u00df das Thierchen haupts\u00e4chlich mit kleinen St\u00fcckchen Fleisch gef\u00fcttert wurde, die es ebenfalls am liebsten aus der Hand seiner Herrin annahm.\nDies ist nicht das einzige Beispiel von der vollst\u00e4ndig gelungenen Z\u00e4hmung des Wiesels. Ein Engl\u00e4nder hatte ein jung aus dem Neste genommenes so an sich gew\u00f6hnt, da\u00df es ihm \u00fcberall hinfolgte, wohin er auch ging, und andere Thiersreunde haben die niedlichen Gesch\u00f6pfe dahin gebracht, da\u00df sie nach Belieben nicht nur im Hause herumlaufen, sondern auch aus- und eingehen durften.\nBei guter Behandlung kann man das Wiesel vier bis sechs Jahre am Leben erhalten, in der Freiheit d\u00fcrfte es ein Alter von acht bis zehn Jahren erreichen. Leider werden die kleinen, n\u00fctzlichen Gesch\u00f6pfe jetzt von unwissenden Menschen vielfach verfolgt und aus reinem Uebermuthe get\u00f6dtet. In Fallen, welche man mit Eiern, kleinen V\u00f6geln oder M\u00e4usen k\u00f6dert, f\u00e4ngt sich das Wiesel sehr leicht. Oft findet man es auch in Rattenfallen, in welche es zuf\u00e4llig gerathen ist. Wegen des gro\u00dfen Nutzens, den es stiftet, sollte man das ausgezeichnete Thier kr\u00e4ftig sch\u00fctzen, anstatt es zu verfolgen. Man kann dreist behaupten, da\u00df zur M\u00e4usejagd kein andres Thier so vortrefflich ausger\u00fcstet ist, als das Wiesel, und der Schaden, den es anrichtet, wenn es zuf\u00e4llig in einen schlechtverschlossenen H\u00fchnerstall oder Taubenschlag ger\u00e4th, kommt diesem Nutzen gegen\u00fcber gar nicht in Betracht. Doch ist gegen Vor-urtheile aller Art leider nur schlecht anzuk\u00e4mpfen, und die Dummheit gef\u00e4llt sich eben gerade darin, Vernunftgr\u00fcnde nicht zu beachten. Nicht genug, da\u00df man die Th\u00e4tigkeit des Thieres vollkommen verkennt, schm\u00fcckt man auch seine Geschichte noch mit mancherlei Fabeln aus. Unter Vielen ist noch hier und da die Meinung verbreitet, da\u00df das Wiesel seine Jungen aus dem Munde geb\u00e4re, jedenfalls deshalb, weil man die Mutter oft ihre Jungen von einem Orte zum andern tragen sieht und dabei zuf\u00e4llig nicht an die Hauskatze denkt, welche doch genau Dasselbe thut. Au\u00dferdem glaubt man, da\u00df alle Thiere, welche mit ihm in Ber\u00fchrung kommen oder von ihm gebissen werden, an den betreffenden Stellen b\u00f6sartige Geschw\u00fclste bekommen und f\u00fcrchtet namentlich f\u00fcr K\u00fche, welche den Bissen des vollkommen harmlosen Gesch\u00f6pfes mehr, als alle anderen Hausthiere, ausgesetzt sein sollen. Dagegen glauben nun die Landleule in anderen Gegenden, da\u00df die Anwesenheit eines Wiesels im Hofe dem Hause und der Wirthschaft Gl\u00fcck bringe, und diese Leute haben, in Anbetracht der guten Dienste, welche der kleine R\u00e4uber leistet, jedenfalls die Wahrheit besser erkannt, als Jene, die mit Inbrunst an den albernsten Weiberm\u00e4rchen h\u00e4ngen.","page":549},{"file":"p0550.txt","language":"de","ocr_de":"550\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Hermelin.\nDem kleinen Wiesel sehr nahe verwandt ist der Hermelin oder.das gro\u00dfe Wiesel (Mustek Erminea), ein Thier, welches dem Heerm\u00e4nnchen auch in seiner Lebensweise au\u00dferordentlich \u00e4hnelt. Das Hermelin ist bedeutend gr\u00f6\u00dfer, als sein kleiner Vetter; seine gesammte L\u00e4nge betr\u00e4gt 12 bis 14 Zoll. Im Leibesbau hat es die gr\u00f6\u00dfte Aehnlichkeit mit jenem, nur erscheint sein Leib noch gestreckter, als bei ihm. Im hohen Norden soll es gr\u00f6\u00dfer werden, als bei uns zu Lande. Das Thier verdient eigentlich blos im Winter den Namen Hermelin: denn nur dann tr\u00e4gt es sein, bis auf die schwarze Endh\u00e4lfte des Schwanzes schneewei\u00dfes Kleid; im Sommer \u00e4hnelt es dem kleinen Wiesel vollkommen in der F\u00e4rbung. Viele Leute wundern sich gewaltig, wenn man ihnen das gro\u00dfe Wiesel in seiner Sommertracht zeigt und behauptet, da\u00df dieses Thier dasselbe sei, dessen Winterpelz die Kr\u00f6nungsm\u00e4ntel der K\u00f6nige lieferte. Die.Ver\u00e4nderung der F\u00e4rbung im Sommer und Winter ist auch wirklich eine sehr auffallende und hat zu vielfachem Streite Veranlassung gegeben. Die Umf\u00e4rbung im Fr\u00fchjahr geht entschieden mit dem Haarwechsel vor sich. Nicht ganz ausgemacht aber ist es, ob auch im Sp\u00e4therbst eine H\u00e4rung stattfindet, oder ob der Winterpelz nicht zum Theil noch aus \u00e4lteren Haaren besteht, die im Winter wei\u00df geworden sind. Da\u00df die Wintertracht unter Umst\u00e4nden sehr schnell angelegt werden kann, ist nicht zu bezweifeln. Nicht selten sieht man das Hermelin bis sp\u00e4t in den Winter hinein in seinem Sommerkleide herumlaufen. Wenn aber pl\u00f6tzlich K\u00e4lte eintritt, ver\u00e4ndert es oft in wenigen Tagen seine Farbe. Soviel steht fest, da\u00df die Sache noch nicht hinreichend beobachtet worden ist; jedenfalls aber verdient es erw\u00e4hnt zu werden, da\u00df das Winterfell hinsichtlich seiner Dichtigkeit und L\u00e4nge sich bedeutend vor dem Sommerfell auszeichnet.\nDas Hermelin hat eine sehr ausgedehnte Verbreitung im Norden der alten Welt. Nordw\u00e4rts von den Pyren\u00e4en und dem Balkan findet es sich in ganz Europa, und au\u00dferdem kommt es in Nord-und Mittelasien bis zur Ostk\u00fcste Sibiriens vor. In Kleinasien und Persien hat man es ebenfalls angetroffen, ja selbst im Himal\u00e4ya will man es beobachtet haben. In allen L\u00e4ndern, in denen es vorkommt, ist es auch nicht selten und in Deutschland sogar eines der h\u00e4ufigsten Raubthiere. Im S\u00fcden Europas, zumal in Italien vertritt es dieBoccamele, in Nordamerika das langschw\u00e4nzige und Richardsonsche Wiesel, Thiere, welche dem Hermelin sehr \u00e4hneln und von vielen Naturforschern blos f\u00fcr Abarten desselben erkl\u00e4rt werden.\nWie dem kleinen Wiesel, ist auch dem Hermelin jede Gegend, ja fast jeder Ort zum Aufenthalte recht, und es versteht sich \u00fcberall so behaglich, als m\u00f6glich einzurichten. Erdl\u00f6cher, Maulwurf- und Hamsterr\u00f6hren, Felskl\u00fcfte, Mauerl\u00f6cher, Ritzen, Steinhaufen, B\u00e4ume und unbewohnte Geb\u00e4ude und hundert andere \u00e4hnliche Schlupforte bieten ihm Obdach und Verstecke w\u00e4hrend des Tages, welchen es gr\u00f6\u00dftentheils in seinem einmal gew\u00e4hlten Baue verschl\u00e4ft, obwohl es gar nicht selten auch angesichts der Sonne im Freien lustwandelt und sich dreist den Blicken des Menschen aussetzt. Seine eigentliche Jagdzeit beginnt jedoch erst mit der D\u00e4mmerung. Schon gegen Abend wird das Thier lebendig und rege. Wenn man um diese Zeit an passenden Orten vor\u00fcbergeht, braucht man nicht lange zu suchen, um das klug\u00e4ugige, scharfsinnige Wesen zu entdecken. Findet man in der N\u00e4he einen geeigneten Platz, um sich zu verstecken, so kann man das Treiben des Thieres gut beobachten. Ungeduldig und neugierig, wie es ist, vielleicht auch hungrig und sehns\u00fcchtig nach Beute, kommt es hervor, zun\u00e4chst blos um die unmittelbarste N\u00e4he seines Schlupfwinkels zu untersuchen. Alle Behendigkeit, Gewandtheit und Zierlichkeit der Bewegungen offenbaren sich jetzt. Bald windet es sich, wie ein Aal, zwischen den Steinen und den Sch\u00f6\u00dflingen des Unterholzes hindurch, bald sitzt es einen Augenblick bewegungslos da, den schlanken Leib in der Mitte hoch aufgebogen, viel h\u00f6her noch, als es die Katze kann, wenn sie den nach ihr benannten Buckel macht; bald bleibt es einen Augenblick vor einem Mauseloche, einer Maulwurfsh\u00f6hle, einer Ritze stehen und schnuppert da hinein. Auch wenn es auf em und derselben Stelle verharrt, ist es nicht einen Augenblick ruhig; denn die Augen und Ohren, ja selbst die Nase, sind in best\u00e4ndiger Bewegung, und der kleine Kopf wendet sich blitzschnell nach allen Richtungen hin und her. Man darf wohl behaupten, da\u00df es in allen Leibes\u00fcbungen Meister ist. Es l\u00e4uft und springt","page":550},{"file":"p0551.txt","language":"de","ocr_de":"Aeu\u00dferes. Gro\u00dfe Verbreitung. Leben. Muth.\n551\nmit der gr\u00f6\u00dften Gewandtheit, klettert vortrefflich und schwimmt unter Umst\u00e4nden rasch und sicher, wie ein Fischotter \u00fcber Str\u00f6me, ja selbst durch das Meer.\n\u201eEin Bauer\" sagt Thompson, \u201ebemerkte, als er mit seinem Boote \u00fcber den eine englische Meile breiten Meeresarm fuhr, welcher einen Theil von Islandmagee von dem n\u00e4chsten Lande trennt, ein kleines Thier lustig schwimmend in dem Wasser. Er ruderte auf dasselbe zu und fand, da\u00df es ein Wiesel war, welches unzweifelhaft das genannte Jnselchen besuchen wollte und bereits das Viertel einer englischen Meile zur\u00fcckgelegt hatte.\"\nMit seiner Leibesgewandtheit stehen die geistigen Eigenschaften des Hermelin vollst\u00e4ndig im Einkl\u00e4nge. Es besitzt denselben Muth, wie sein kleiner Vetter, und eine nicht zu b\u00e4ndigende Mordlust, verbunden mit einem Blutdurst ohne Gleichen. Auch das Hermelin kennt keinen Feind, der ihm wirklich Furcht einfl\u00f6\u00dfte; denn selbst aus den Menschen geht es unter Umst\u00e4nden tolldreist los. Man sollte nicht glauben, da\u00df es dem erwachsenen Manne ein wenigstens l\u00e4stiger Gegner sein k\u00f6nnte. Und doch ist Dem so. \u201eEin Mann,\" so erz\u00e4hlt Wood, \u201ewelcherin der N\u00e4he von Cricklade spazieren ging,\nHermelin und Wiesel (Mustela Erminea und Mnstela vulgaris) im Winterkleid.\nbemerkte zwei Wiesel, welche ruhig auf seinem Pfad sa\u00dfen. Aus Uebermuth ergriff er einen Stein und warf nach den Thieren und zwar so geschickt, da\u00df er eines von ihnen traf, welches durch den kr\u00e4ftigen Wurf \u00fcber und \u00fcber geschleudert wurde. In demselben Augenblicke aber stie\u00df das andere einen eigenth\u00fcmlichen, scharfen Schrei aus und sprang sofort gegen Den Angreifer seines Gef\u00e4hrten, kletterte mit einer \u00fcberraschenden Schnelligkeit an seinen Beinen empor und versuchte, sich in seinem Hals einzubei\u00dfen. Das Kriegsgeschrei war von einer ziemlichen Zahl anderer Wiesel, welche sich in der N\u00e4he verborgen gehalten hatten, erwidert worden, und auch diese kamen jetzt herbei, um dem muthigen Vork\u00e4mpfer beizustehen. Der Mann raffte zwar schleunigst Steine auf, um die unwillkommenen G\u00e4ste zu vertreiben, mu\u00dfte sie aber bald genug fallen lassen, um seine H\u00e4nde zum Schutze seines Nackens frei zu bekommen. Er hatte gerade hinl\u00e4nglich zu thun, denn die gereizten Thierchen verfolgten ihn mit der gr\u00f6\u00dften Ausdauer, und er verdankte es blos seiner dicken Kleidung und einem warmen Tuche, da\u00df er von den boshaften Gesch\u00f6pfen nicht verwundet w\u00fcrde. Doch waren seine H\u00e4nde, sein Gesicht und ein Theil seines Halses immer noch mit Wunden bedeckt, und er behielt diesen Angriff in so gutem Andenken, da\u00df er hoch und theuer gelobte, niemals wieder ein Wiesel zu beleidigen.","page":551},{"file":"p0552.txt","language":"de","ocr_de":"552\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Hermelin.\nSeinen Freunden versicherte er steif und fest, ganz deutlich geh\u00f6rt zu haben, da\u00df das erste Wiesel, welches ihn angriff, nach seinem Steinwurf entr\u00fcstet das Wort \u201eM\u00f6rder\" ausgerufen habe, \u2014 und wir wollen diesem Manne diese Uebertreibung auch gern verzeihen, da das Geknurr eines w\u00fcthenden Wiesels wenigstens die beiden \u201er\" jenes Wortes entschieden ausdr\u00fcckt.\"\nDas Hermelin jagt und fri\u00dft fast alle Arten kleiner S\u00e4ugethiere und V\u00f6gel, die es erlisten kann, und wagt sich gar nicht selten auch an Beute, welche ihn an Leibesgr\u00f6\u00dfe bedeutend \u00fcbertrifft. M\u00e4use, Maulw\u00fcrfe, Hamster, Kaninchen, Sperlinge, Lerchen, Tauben, H\u00fchner, junge Schwalben, welche es aus den Nestern holt, Schlangen und Eidechsen werden best\u00e4ndig von ihm befehdet, und selbst Hasen sind gar nicht vor ihm sicher. Vor einigen Jahren sah Lenz einmal f\u00fcnf Hermeline bei einem Gartenzaune auf einem kranken Hasen sitzen, um ihn zu erw\u00fcrgen. Derselbe Beobachter f\u00fcgt hinzu, da\u00df gesunde und gro\u00dfe Hasen nat\u00fcrlich vor dem Wiesel sicher seien und blos kranke und junge ihm zur Beute fielen, doch versichern englische Naturforscher, da\u00df das freche Thier auch gesunde \u00fcberfiele. Hope h\u00f6rte den lauten Angstschrei eines Hasen und wollte nach dem Orte hingehen, um sich von der Ursache zu \u00fcberzeugen. Er sah einen Hasen dahinhinken, welcher offenbar von irgend Etwas auf das \u00e4u\u00dferste gequ\u00e4lt wurde. Dieses Etwas hing ihm an der Seite der Brust, wie ein Blutegel angesaugt, und beim N\u00e4herkommen erkannte unser Beobachter, da\u00df es ein Wiesel war. Der Hase schleppte seinen furchtbaren Feind noch mit sich fort \u00c4nd verschwand im Unterholze; wahrscheinlich kam er nicht mehr weit. Bell bemerkt hierzu: \u201eEs ist eine eigenth\u00fcmliche Thatsache, da\u00df ein Hase, welcher von einem Wiesel verfolgt wird, seine nat\u00fcrliche Begabung gar nicht benutzt. Selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde er mit wenigen Spr\u00fcngen aus dem Bereich aller Angriffe kommen, wie er einem Hunde oder Fuchse entkommt; aber er scheint das kleine Gesch\u00f6pf gar nicht zu beachten und h\u00fcpft gem\u00e4chlich weiter, als g\u00e4be es kein Wiesel in der Welt, obwohl ihm diese stumpfe Gleichgiltigkeit zuweilen sehr schlecht bekommt.\"\nAllerliebst sieht es aus, wenn ein Wiesel eine seiner Lieblingsjagden unternimmt, n\u00e4mlich eine Wasserratte verfolgt. Diesem Nager wird von dem unverbesserlichen Strolche zu Wasser und zu Lande nachgestellt und, so ung\u00fcnstig das eigentliche Element dieser Ratten dem Wiesel auch zu sein scheint, zuletzt doch der Garaus gemacht. Zuerst sp\u00fcrt das Raubthier alle L\u00f6cher aus. Sein feiner Geruch sagt ihm deutlich, ob in einem von ihnen ein oder zwei Ratten gerade ihrer Ruhe pflegen oder nicht. Hat das Wiesel nun eine beuteversprechende H\u00f6hle ausgewittert, so geht es ohne weiteres dahinein. Die Ratte hat nat\u00fcrlich nichts Eiligeres zu thun, als sich entsetzt in das Wasser zu werfen, und ist im Begriff, durch das Schilfdickicht zu schwimmen: aber Das rettet sie nicht vor dem unerm\u00fcdlichen Verfolger, ja, man kann sagen, vor ihrem \u00e4rgsten Feind. Das Haupt und den Nacken \u00fcber das Wasser emporgehoben, wie ein schwimmender Hund es zu thun pflegt, durchgleitet das Wiesel mit der Behendigkeit des Fischotters das ihm eigentlich fremde Element und verfolgt nun mit seiner bekannten Ausdauer die fliehende Ratte. Diese ist verloren, wenn sie nicht ein Zufall rettet. Kletterk\u00fcnste helfen ihr ebensowenig, als Versteckenspielen. Der R\u00e4uber ist ihr ununterbrochen auf der F\u00e4hrte und seine Raubthierz\u00e4hne sind immer noch schlimmer, als die starken und scharfen Schneidez\u00e4hne des Nagers. Der Kampf wird unter Umst\u00e4nden selbst im Wasser ausgef\u00fchrt, und mit der erw\u00fcrgten Beute im Maule schwimmt dann das behende Thier dem Ufer zu, um sie dort gem\u00e4chlich zu verzehren. Wood erz\u00e4hlt, da\u00df einige Wiesel eine zahlreiche Ansiedlung von Wasserratten in wenig Tagen zerst\u00f6rten.\nDie Paarungszeit des Hermelin f\u00e4llt bei uns in den M\u00e4rz. Im Mai oder Juni bekommt das Weibchen f\u00fcnf bis acht Junge. Gew\u00f6hnlich bereitet die Alte ihr weiches Bett in einem g\u00fcnstig gelegenen Maulwurfsbau oder in einem andern \u00e4hnlichen Schlupfwinkel. Sie liebt ihre Kinder mit der gr\u00f6\u00dften Z\u00e4rtlichkeit, s\u00e4ugt und pflegt sie und spielt mit ihnen, bis in den Herbst hinein; denn erst gegen den Winter hin trennen sich die fast vollst\u00e4ndig ausgewachsenen Jungen von ihrer treuen Pflegerin. Sobald Gefahr droht, tr\u00e4gt die besorgte Mutter die ganze Brut im Maule nach einem andern Versteck, sogar schwimmend durch das Wasser. Wenn die Jungen erst einigerma\u00dfen erwachsen","page":552},{"file":"p0553.txt","language":"de","ocr_de":"Seine Beutejagd. Grills Beobachtung des gefangenen Hermelin.\n553\nsind, macht sie Ausfl\u00fcge mit ihnen, unterrichtet sie auf das gr\u00fcndlichste in allen K\u00fcnsten des Gewerbes, und die kleinen Thiere sind auch so gelehrig, da\u00df sie schon nach kurzer Lehrfrist der Alten an Muth, Schlauheit, Behendigkeit und Mordlust nicht viel nachgeben.\nMan f\u00e4ngt das Hermelin in Fallen aller Art, oft auch in Rattenfallen, in die es zuf\u00e4llig ge-r\u00e4th; kommt man dann hinzu, so l\u00e4\u00dft es ein durchdringendes Gezwitscher h\u00f6ren, reizt man es, so f\u00e4hrt es mit einem quiekenden Schrei auf Einen zu, sonst aber giebt es seine Angst blos durch leises Fauchen zu erkennen. Wenn man es jung einf\u00e4ngt, wird es sehr zahm und macht viel Freude. Man hat Hermeline dahin gebracht, nach Belieben aus- und einzugehen, und manche sollen sich derart an ihren Herrn gew\u00f6hnt haben, da\u00df sie ihm wie ein Hund nachfolgten.\nDa\u00df Gefangenleben des Hermelin hat neuerdings der Schwede Grill in h\u00f6chst anziehender Weise beschrieben. Ich lasse ihn deshalb, wie billig, selbst reden.\n\u201eEinige Tage vor Weihnachten 1843 bekam ich ein Hermelinm\u00e4nnchen, welches in einem Holzhaufen gefangen wurde. Es trug sein reines Winterkleid. Die schwarzen, runden Augen, die rothbraune Nase und die schwarze Schwanzspitze stachen grell gegen die schneewei\u00dfe Farbe ab, welche nur an der Schwanzwurzel und auf der innern H\u00e4lfte des Schwanzes einen sch\u00f6nen, schwefelgelben Anflug hatte. Es war ein h\u00fcbsches, allerliebstes, \u00e4u\u00dferst bewegliches Thierchen. Ich setzte es anfangs in ein gr\u00f6\u00dferes, unbewohntes Zimmer, worin sich bald der dem Mardergeschlechte eigene \u00fcble Geruch verbreitete. \u2014 Seine Fertigkeit, zu klettern, zu springen und sich zu verbergen, war bewundernswerth. Mit Leichtigkeit kletterte es die Fenstervorh\u00e4nge hinauf, und wenn es dort oben auf seinem Platze erschreckt wurde, st\u00fcrzte es sich oft pl\u00f6tzlich mit einem Angstschrei auf den Fu\u00dfboden herunter. Den zweiten Tag lief es die Ofenr\u00f6hre hinauf und blieb dort, ohne etwas von sich h\u00f6ren zu lassen, bis es endlich, nach mehreren Stunden, mit Ru\u00df bedeckt wieder zum Vorschein kam. Oft neckte es mich stundenlang, wenn ich es suchte, bis ich es zuletzt an einem Orte versteckt fand, wo ich es am wenigsten vermuthete. Es dr\u00e4ngte sich hinter einem dicht an der Wand stehenden Schranke hinauf und ruhte dort ohne irgend eine Unterlage. In seinem Zimmer hing hoch an der freien Wand eine Pendeluhr. Einmal, als ich hineinkam, bemerkte ich zu meiner Verwunderung, da\u00df die Uhr ging; und bei n\u00e4herer Untersuchung fand ich, da\u00df mein \u201eKisse\" in guter Ruhe hinter der Uhrtafel auf dem Rande des Werkes lag. Es war vom Fu\u00dfboden dort hinaufgeklettert oder gesprungen, und die dadurch verursachte Ersch\u00fctterung hatte wohl den Pendel in Gang gesetzt. Da das Zimmer nicht geheizt wurde, suchte es sich bald sein Lager in einer Bettstelle, wo es sich einen besondern Platz ausw\u00e4hlte, den es jedoch gleich verlie\u00df, wenn Jemand in die Th\u00fcre trat. Das Bett blieb aber von nun an sein liebstes Versteck. Gew\u00f6hnlich sucht es dieses auf, wenn man rasch auf es zugeht, aber wenn man ihm freundlich zuredet und sich sonst still h\u00e4lt, bleibt es oft in seinem Laufe stehen oder geht neugierig einige Schritte vorw\u00e4rts, indem es seinen langen Hals ausstreckt und den einen Vorderfu\u00df aufhebt. Diese seine Neugier ist auch allgemein bekannt, so da\u00df das Landvolk zu sagen pflegt: \u201eWieselchen freut sich, wenn man es lobt.\" \u2014 Wenn es sehr aufmerksam, oder wenn ihm Etwas verd\u00e4chtig ist, so da\u00df es weiter sehen will, als sein niedriger Leib ihm erlaubt, setzt es sich auf die Hinterbeine und richtet den K\u00f6rper hoch auf. Es liegt oft mit erhobenem Hals, gesenktem Kopf und aufw\u00e4rts gekr\u00fcmmtem R\u00fccken. Wenn es l\u00e4uft, tr\u00e4gt es den ganzen K\u00f6rper so dicht dem Boden entlang, da\u00df die F\u00fc\u00dfe kaum zu bemerken sind. Wenn man ihm nahe kommt, bellt es, ehe es die Flucht ergreift, mit einem heftigen und gellen Ton, der dem des gro\u00dfen Buntspechtes am \u00e4hnlichsten ist; man k\u00f6nnte den Laut auch mit dem Fauchen einer Katze vergleichen, doch ist er schneidender. Noch \u00f6fter l\u00e4\u00dft es ein Zischen, wie das einer Schlange, h\u00f6ren.\"\n\u201eAls das Hermelin am dritten Tage in einen gro\u00dfen Bauer gesetzt war, wo es sah, da\u00df es nicht herauskommen konnte und sich sicher f\u00fchlte, lie\u00df es sich Nichts nahe kommen, ohne ans Gitter zu springen, heftig mit den Z\u00e4hnen zu hauen und den vorhin erw\u00e4hnten Laut in einem langen Triller zu wiederholen, welcher dann dem Schackern einer Elster sehr \u00e4hnlich war. Dort ist es auch nicht bange vor dem Hunde, und beide bellen, jeder dicht an seiner Seite des Gitters, gegen einander. \u2014","page":553},{"file":"p0554.txt","language":"de","ocr_de":"554\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Hermelin.\nWenn man z. B. den Finger eines Handschuhs durchs Gitter steckt, bei\u00dft es hinein und rei\u00dft heftig daran. Wenn es sehr b\u00f6se ist \u2014 und dazu ist nicht mehr erforderlich, als da\u00df es von seinem Lager aufgejagt wird \u2014 str\u00e4ubt es jedes Haar seines langen Schwanzes.\nIm allgemeinen ist es sehr boshaft. Musik ist ihm zuwider. Wenn man vor dem Bauer die Guitarre spielt, springt es wie unsinnig gegen das Gitter und bellt und zischt solange, als man damit fortf\u00e4hrt. Es versucht niemals, die Klauen zum Zerrei\u00dfen seiner Beute zu gebrauchen, sondern f\u00e4llt immer mit den Z\u00e4hnen an. \u2014 W\u00e4hrend der beiden ersten Tage verbreitete sich der \u00fcble Geruch oft, aber nachher \u00e4u\u00dferst selten, weshalb ich ohne Unannehmlichkeit den Bauer immer in meinem Arbeitszimmer haben konnte.\nWenn es zur Ruhe geht, dreht es sich wohl mehrere Male rund um, und wenn es schl\u00e4ft, liegt es kreisf\u00f6rmig, die Nase dicht bei der Schwanzwurzel aufw\u00e4rts gerichtet, wobei der Schwanz rund um den K\u00f6rper herumliegt, so da\u00df die ganze L\u00e4nge beinahe zwei Kreise bildet. Gegen K\u00e4lte ist es sehr empfindlich. Wenn es nur etwas kalt im Zimmer ist, liegt es best\u00e4ndig in dem Neste, welches es sich von Mos und Federn und mit zwei Ausg\u00e4ngen selbst eingerichtet hat, und wenn man es hinausjagt, zittert es sichtlich. Ist es dagegen warm, sitzt es gern hoch oben auf dem Tannenb\u00fcschel, der im Bauer steht. Zuweilen putzt es sich den ganzen K\u00f6rper bis zum Schwanzende, aber es behelligt seinen Reinlichkeitssinn durchaus nicht, da\u00df nach der Mahlzeit beinahe imnter die eine oder andere Feder auf der Nase sitzen bleibt. Wenn ein Licht dem K\u00e4fig nahe steht, schlie\u00dft es, von dem Schein bel\u00e4stigt, die Augen, und eine dichte Ratzenfalle, worin ich es im Zimmer fing, wollte es durchaus nicht gegen den hellen Bauer vertauschen. Im Halbdunkel gl\u00e4nzen seine Augen von einer gr\u00fcnen, klaren und sch\u00f6nen Farbe. \u2014 Die ziemlich dichten Stahldr\u00e4hte an dem Bauer bi\u00df es \u00f6fters paarweise zusammen, und wenn es allein im Zimmer war, entschl\u00fcpfte es auch wohl dem Gebauer. \u2014 Einen Beweis seiner Klugheit gab es in den ersten Tagen, wo es sorgf\u00e4ltig seine liebsten Verstecke vermied, sobald es merkte, da\u00df man es von dort in den Bauer locken wollte. Dieser mu\u00dfte bald gegen einen starken Eisenbauer ausgetauscht werden, dessen Dach und Fu\u00dfboden von Holz das Thier niemals zu durchbei\u00dfen versuchte; dagegen bi\u00df es oft in das Eisengitter, um hinauszukommen. Es hatte einen bestimmten Platz f\u00fcr die Losung, und die Einrichtung, wozu Dieses Veranlassung gab, erleichterte sehr das Rein-halten des Bauers.\nIn den beiden ersten Tagen a\u00df das Hermelin Kopf und F\u00fc\u00dfe von einigen Birkh\u00fchnern. Milch leckte es gleich anfangs mit gro\u00dfer Begier und diese war, nebst kleinen V\u00f6geln, seine liebste Speise. Zwei Goldammer reichten kaum f\u00fcr einen Tag aus. Es verzehrte den Kopf zuerst und lie\u00df Nichts, als die Federn \u00fcbrig. Von gr\u00f6\u00dferen V\u00f6geln, als von H\u00e4hern und Elstern, lie\u00df es Kopf und F\u00fc\u00dfe zur\u00fcck. Rohe H\u00fchnereier lie\u00df es mehrere Tage unanger\u00fchrt, obgleich es sehr hungrig war, bis ich L\u00f6cher hinein machte, worauf es den Inhalt schnell ausgetrunken hatte. Frisches Fleisch von Hornvieh nimmt es nicht gern. Es i\u00dft und trinkt mit einem schmatzenden Laut, wie wenn junge Hunde oder Ferkel saugen. Seine Beweglichkeit in der untern Kinnlade ist bemerkenswerth: wenn es fri\u00dft, g\u00e4hnt u. s. w. stellt es sie beinahe senkrecht gegen die Oberkinnlade, wie Schlangen, was unter Anderem Veranlassung gegeben hat, eine Aehnlichkeit zwischen ihm und diesem Thiere zu finden. Beim Fressen h\u00e4lt es die Augen fast geschlossen und runzelt Nase und Lippen so auf, da\u00df das ganze Gesicht eine platte Fl\u00e4che bildet. Wenn es dann das geringste Ger\u00e4usch'h\u00f6rt, wird es aufmerksam und mordet oder fri\u00dft nicht, so lange es sich beobachtet glaubt. Einen kleinen lebendigen Vogel f\u00e4llt es gew\u00f6hnlich nicht gleich an, sondern erst dann, wenn Alles still ist und der Vogel aus Furcht wie unbeweglich dasitzt; dann untersucht es ihn und, wenn es Zeichen von Leben sieht, tobtet es denselben durch Zerquetschen des Kopfes, aber selten schnell und auf einmal, sondern l\u00e4\u00dft ihn fast immer lange im Todeskampfe zappeln, \u2014 eine Grausamkeit, die es auch gegen eine gro\u00dfe Wanderratte bewies, die ich lebendig zu ihm hineinlie\u00df. Zuerst sprangen beide lange um einander herum, ohne sich anzufallen; sie schienen sich vor einander zu f\u00fcrchten. Die ungew\u00f6hnlich gro\u00dfe Ratte war sehr dreist, bi\u00df boshaft in ein durchs Gitter gestecktes St\u00e4bchen und hatte in wenigen Minuten die Milch des Hermelins","page":554},{"file":"p0555.txt","language":"de","ocr_de":"Grills Beobachtungen.\n555\nausgetrunken. Dieses sa\u00df ganz still am andern Ende des V/2 Ellen langen Bauers. Es sah aus, als w\u00e4re die Ratte dort schon lange zu Hause und das Hermelin eben erst hineingekommen. Nach vollendeter Mahlzeit wollte indessen die erstere sich auch soweit wie m\u00f6glich von dem Hermelin entfernt halten; aber als ich sie zwang, n\u00e4her zu kommen, war sie immer die Angreifende, und w\u00e4ren Gr\u00f6\u00dfe und Bosheit allein entscheidend gewesen, h\u00e4tte ich gewi\u00df mit den \u00fcbrigen Zuschauern geglaubt, da\u00df der Ausgang sehr ungewi\u00df sei. Das Hermelin schien sogar einige Male zu unterliegen, aber da\u00df es doch \u00fcberlegen war, sah man an den schnelleren und sicheren Hieben, womit es sich vertheidigte. Wie eine Schlange zog es sich nach den Anf\u00e4llen augenblicklich zur\u00fcck, die so schnell geschahen, da\u00df man nicht Zeit hatte, den ge\u00f6ffneten Rachen zu sehen. Es war ein Kampf auf Tod und Leben. Die Ratte knirschte und piepte best\u00e4ndig, das Hermelin bellte nur bei der Vertheidigung. Beide sprangen um einander und gegen das Dach des mehr als eine Elle hohen Bauers hinauf. AIs ich sie lange gegen einander aufgereizt hatte und die Ratte weniger kampflustig wurde, begann auch das Hermelin mit seinen Angriffen. Alle Anf\u00e4lle geschahen offen, von vorn und nach dem Kopf gerichtet. Keines schlich sich hinter das Andere. Bei dem letzten Zusammentreffen kam das Hermelin auf den R\u00fccken der Ratte, pre\u00dfte die Vorderf\u00fc\u00dfe dicht hinter den Schultern der Ratte fest um ihren Leib zusammen, und da diese sich folglich nicht mehr vertheidigen konnte, lagen sie beide l\u00e4ngere Zeit auf der Seite, wobei der Sieger sich in den Oberhals der Ratte hineinfra\u00df, bis diese endlich starb. Dann zerquetschte es ihr den R\u00fcckgrat der L\u00e4nge nach und lie\u00df beim Verzehren fast die ganze Haut, den Kopf, die F\u00fc\u00dfe und den Schwanz zur\u00fcck. Ganz auf gleiche Weise verfuhr das Hermelin mit einer andern, eben so gro\u00dfen, lebendigen Ratte. Ich habe nie gesehen, da\u00df es den S\u00e4ugethieren oder V\u00f6geln, die es gelobtet, das Blut ausgesogen h\u00e4tte, wie man zuweilen angiebt, aber wohl, da\u00df es sie gleich auffra\u00df.\"\nSehr genau sind Grills Angaben \u00fcber den Farbenwechsel. Er sagt: \u201eAm 4. M\u00e4rz konnte man zuerst einige dunkle Haare zwischen den Augen bemerken. Am 10. hatte es auf derselben Stelle einen braunen, hier und da mit Wei\u00df durchbrochenen Flecken, von der Breite der halben Stirne. Ueber den Augen und um die Nase zeigten sich nun mehrere kleine dunkle Flecke. Wenn es sich krumm b\u00fcckte, sah man, da\u00df der Grund l\u00e4ngs der Mitte des R\u00fcckens, unter den Schultern und auf dem Scheitel dunkel war. Am 11. war es den ganzen R\u00fcckgrat und \u00fcber die Schultern entlang dunkel. Am 15. zog sich das Dunkle schon \u00fcber die Hinter- und Vorderbeine, sowie ein St\u00fcck \u00fcber die Schwanzwurzel. Am 18. umfa\u00dfte das Graubraun den Durchgang zwischen den Ohren, den Hinterhals, ungef\u00e4hr zwei Zoll breit, ebenso den R\u00fccken, ein Viertel des Schwanzes und zog sich \u00fcber Schultern und H\u00fcften bis zu den F\u00fc\u00dfen. Ueberall war die dunkle und die wei\u00dfe Farbe scharf begrenzt und die erstere durchaus^unvermischt mit Wei\u00df, ausgenommen im Gesichte, welches ganz bunt war. Das Braune war dort am dunkelsten und wurde nach hinten zu allm\u00e4hlich heller, so da\u00df es \u00fcber den Lenden und um die Schwanzwurzel gelbbbaun oder schmuziggelblich war. Der Schwanz hatte nun drei Farben, n\u00e4mlich ein Viertel braungelb, ein Viertel wei\u00df mit schwefelgelbem Anstrich und die H\u00e4lfte schwarz. Auch unter dem Bauche war die schwefelgelbe Farbe jetzt st\u00e4rker, als vorher. Der Farbenwechsel ging sehr schnell vor sich, besonders im Anfang, so da\u00df man ihn t\u00e4glich, ja sogar halbt\u00e4glich bemerken konnte. Am 3. April war nur noch wei\u00df: die untere Seite des Halses und der Kehle, der ganze Bauch, die Ohren und von da zu den Augen, welche mit einem kleinen Ring umgeben waren, ein halber Zoll vor der schwarzen H\u00e4lfte des Schwanzes und die ganze Unterseite seiner vordern H\u00e4lfte, die ganzen F\u00fc\u00dfe, sowie die innere Seite der Vorder- und Hinterbeine und die Hinterseite der Schenkel. \u2014 Am 19. waren auch die. Ohren, bis auf einen kleinen Theil des untern Randes, braun. \u2014 Es ist an keiner Stelle stachelhaarig gewesen, au\u00dfer an der Stirn, wo mehrere wei\u00dfe Haare neben einander sitzen und kleine Flecken bilden. Erst wuchsen die dunklen Haare auf einmal hervor, und ehe sie mit den wei\u00dfen gleich hoch waren, waren diese schon ausgefallen. Man kann annehmen, da\u00df der eigentliche Wechsel in der ersten H\u00e4lfte des M\u00e4rz vor sich ging; nach dem 19. M\u00e4rz hat das braune Kleid sich nur mehr ausgebreitet und allm\u00e4hlich das wei\u00dfe verdr\u00e4ngt.\"","page":555},{"file":"p0556.txt","language":"de","ocr_de":"556\nDie Raubthiere. Marder. \u2014 Hermelin. Fischottern. \u2014 N\u00f6rz. Mink.\nDem f\u00fcgt der treffliche Beobachter noch Folgendes hinzu: \u201eErst den 7. Mai, nachdem ich das Thier ungef\u00e4hr 4Va Monate gehabt hatte, versuchte ich, ihm zu schmeicheln, obwohl mit Handschuhen versehen. Wohl bi\u00df es in diese hinein, aber ich f\u00fchlte keine Zahnspitzen, und noch weniger lie\u00df es Spuren zur\u00fcck. Zuerst suchte es meinen Liebesbezeugungen auszuweichen, aber zuletzt schienen sie ihm sichtbar zu behagen: es legte sich auf den R\u00fccken und schlo\u00df die Augen. Den folgenden Tag wiederholte ich meine Versuche, da ich mir fest vorgenommen hatte, es so zahm wie m\u00f6glich zu machen. Bald zog ich den Handschuh ab und besch\u00e4ftigte mich mit ihm, doch mit gleicher Sicherheit als vorher. Es lie\u00df sich willig streicheln und krauen, so viel ich wollte, die F\u00fc\u00dfe aufheben u. s. w., ja, ich konnte ihm sogar den Mund \u00f6ffnen, ohne da\u00df es b\u00f6se wurde. Wenn ich es aber um den Leib fa\u00dfte, glitt es mir leicht und schnell wie ein Aal aus den H\u00e4nden. Man mu\u00dfte ihm leise nahen, wenn es nicht bange werden sollte, und die Hauptregel bei dieser, sowie der Behandlung andrer wilder Thiere ist die, da\u00df man zu gleicher Zeit zeigt, da\u00df man nicht bange ist, und dem Thiere nichts B\u00f6ses thun will.\"\n\u201eDoch bald war es aus mit meiner Freude. Das Hermelin schien mit gr\u00f6\u00dferer Schwierigkeit, als vorher, kleine M\u00e4use und V\u00f6gel zu verzehren, und den 15. Juli lag mein h\u00fcbscher \u201eKiste todt in seinem Bauer, nachdem er mir sieben Monate so manches Vergn\u00fcgen geschenkt hatte. Ich sah nun deutlich, was ich schon lange zu bemerken geglaubt hatte, n\u00e4mlich, da\u00df alle Z\u00e4hne, au\u00dfer den Raubz\u00e4hnen in der Oberkinnlade, beinahe ganz abgenutzt waren, die Eckz\u00e4hne am meisten. Kam dies vom hohen Alter? Oder hat das Hermelin sie durch das Bei\u00dfen in das Eisengitter abgenutzt -beim Arbeiten f\u00fcr seine Freiheit? Wahrscheinlich hat Beides zusammen gewirkt.\"\n\u201eWeil man anzuf\u00fchren pflegt, da\u00df das Hermelin, wenn es gereizt oder erschreckt wird, eine \u00fcbelriechende Feuchtigkeit aus den Schwanzdr\u00fcsen ergie\u00dft, will ich noch mittheilen, da\u00df mein Hermelin Dieses niemals aus reiner Bosheit that, auch nicht, wenn es sehr gereizt wurde, sondern nur beim Erschrecken. Wenn es bellend und zischend mit gestr\u00e4ubtem Schwanzhaar hervorst\u00fcrzte \u2014 und Dies that es immer, wenn es b\u00f6se war \u2014 verbreitete sich niemals dieser Geruch, nicht einmal w\u00e4hrend , der K\u00e4mpfe mit den gr\u00f6\u00dften Ratten, aber wohC wenn es die Flucht ergriff. Im Anfang der Gefangenschaft traf Letzteres oft ein, weil es da bei jedem Ger\u00e4usch oder jeder eingebildeten Gefahr gleich bange ward, aber nachdem es daran gew\u00f6hnt und heimisch geworden war, sehr selten, und nach zwei oder drei Monaten erinnere ich mich nur einer einzigen Gelegenheit, n\u00e4mlich, als ich die Th\u00fcre seines K\u00e4figs heftig zuschlug. Es ward dar\u00fcber so erschreckt, da\u00df es bis an die Decke hinaufsprang, und der Geruch verbreitete sich augenblicklich so stark, wie in den ersten Tagen. Ich bin daher geneigt, anzunehmen, da\u00df diese Ergie\u00dfung nicht von dem freien Willen des Thieres abh\u00e4ngt, sondern durchaus unfreiwillig geschieht. Es ist wahrscheinlich, da\u00df das Hermelin bei gro\u00dfem Schrecken die Schlie\u00dfmuskeln der Afterdr\u00fcsen nicht zu schlie\u00dfen vermag, und da\u00df deshalb die Fl\u00fcssigkeit frei wird. Dasselbe Verh\u00e4ltni\u00df m\u00f6chte auch wohl bei allen verwandten Thieren, die mit derartigen Dr\u00fcsen versehen sind, stattfinden. Es ist auch nat\u00fcrlich! Wenn das Thier Grund hat, sich zu f\u00fcrchten, bedarf es dieser kleinen Hilfe in der Stunde der Gefahr; aber wozu sollte sie dienen, wenn das Thier \u00fcberlegen ist oder im Vertrauen auf seine Kraft es zu sein glaubt?\" \u2014\nZwei noch wenig bekannte Thiere, von denen das eine im Norden und Osten unsers Vaterlandes, das zweite in Amerika haust, vermitteln den Uebergang von den eigentlichen Mardern zu den Fischottern. Es sind Dies die Sumpfottern (Vison). Sie haben bereits die breite, flache Schnauze und die runden Lauscher des Otters, zudem eine, die Zehen mehr als zur H\u00e4lfte verbindende, kurzbehaarte Schwimmhaut; im \u00fcbrigen aber gleichen sie dem Iltisse, welchem sie auch in der Gr\u00f6\u00dfe \u00e4hneln. Beide sind auf der Ober- und Unterseite gleichm\u00e4\u00dfig braun gef\u00e4rbt, am Kinn und den Lippen aber regelm\u00e4\u00dfig, oder mindestens oft, wei\u00df gezeichnet.","page":556},{"file":"p0557.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung.\n557\nBis in die neueste Zeit hinein war \u00fcber die Lebensweise der beiden Sumpfottern nur h\u00f6chst wenig bekannt, und auch jetzt noch lassen die ver\u00f6ffentlichten Beobachtungen viel an Vollkommenheit zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, wenigstens f\u00fcr die europ\u00e4ische Art. Ich danke der Freundlichkeit eines Waidmanns aus der L\u00fcbecker Gegend wichtige Bereicherungen unsrer bisherigen Kenntni\u00df, soweit diese den eigentlichen N\u00f6rz angeht; \u00fcber dessen Vertreter in Amerika, den Mink, hat Audubon und neuerdings Prinz von Wied berichtet.\nViele Naturforscher halten den amerikanischen Sumpsotter oder Mink nur f\u00fcr eine klimatische Ausartung des unsrigen, und in der That sind beide Thiere sich sehr nahe verwandt. Doch unterscheidet sich der Mink vom N\u00f6rz durch die Verschiedenheit der Leibesverh\u00e4ltnisse hinl\u00e4nglich, um die entgegengesetzte Ansicht anderer Forscher zu rechtfertigen, d.h. Mink und N\u00f6rz als verschiedene Thiere anzusehen. Als Hauptkennzeichen des Erstern mag gelten, da\u00df er kurzk\u00f6pfiger, aber langschw\u00e4nziger ist, als unser N\u00f6rz. Dem entspricht die verschiedene Zahl der Schwanzwirbel beider Thiere; denn w\u00e4hrend Hals-, R\u00fccken- und Lendentheil bei Mink und N\u00f6rz aus der gleichen Zahl Wirbel besteht, z\u00e4hlt man bei Ersterm 21, bei Letzterm dagegen nur 19 Schwanzwirbel. Diese Unterscheidungsmerkmale sind \u00fcbrigens die einzigen, welche man aufgefunden hat.\n,\tDerN\u00f6rz (Vison Lutreola).\nUnser N\u00f6rz, welcher auch kleiner Fisch- oder Krebsotter, Steinhund, Wasserwiesel und bei L\u00fcbeck Menk oder Wassermenk genannt wird (Vison Lutreola), erreicht eine L\u00e4nge von 19 Zoll, wovon etwas \u00fcber 5 Zoll auf den Schwanz kommt. Der Leib ist gestreckt, schlank und kurzbeinig, im Ganzen fisch otter\u00e4hnlich, doch ist der Kopf noch schlanker, als bei diesem Verwandten. Die F\u00fc\u00dfe \u00e4hneln denen des Iltis, aber alle Zehen find, wie bemerkt, durch Bindeh\u00e4ute verbunden. Der gl\u00e4nzende Pelz besteht aus dichten und glattanliegenden, kurzen, ziemlich harten Grannenhaaren von brauner F\u00e4rbung, zwischen und unter denen ein grauliches, sehr dichtes Wollhaar ansitzt. In der Mitte des R\u00fcckens dunkelt diese Farbe, am Nacken und Hinterleib am meisten, und auch die Schwanzhaare pflegen dunkler zu sein, als jene der Leibesseite. Auf dem Unterleib geht die F\u00e4rbung in Graubraun \u00fcber. Ein kleiner, lichtgelber oder wei\u00dflicher Fleck steht an der Kehle. Die Oberlippe ist vorn, die Unterlippe der ganzen L\u00e4nge nach wei\u00df.\nEine ganz \u00e4hnliche F\u00e4rbung zeigt auch der Mink (Vison americanus), dessen Pelz weit h\u00f6her geachtet wird, weil er vollhaarig und weicher ist. Hinsichtlich der Lebensweise werden beide Thiere wahrscheinlich in allem Wesentlichen \u00fcbereinkommen, und deshalb scheint es mir angemessen, einer","page":557},{"file":"p0558.txt","language":"de","ocr_de":"558\nDie Raubthiere. Sumpfottern. \u2014 Mink. N\u00f6rz.\nkurzen Schilderung der Sitten und Gewohnheiten unsers Sumpfotters das Wichtigste aus den Berichten der genannten Naturforscher \u00fcber den amerikanischen Mink vorausgehen zu lassen, da ich es mir versagen mu\u00df, die betreffende Beschreibung vollst\u00e4ndig zu geben.\nN\u00e4chst dem Hermelin ist nach Audubons Bericht der Mink das th\u00e4tigste und zerst\u00f6rungsw\u00fcthigste kleine Raubthier, welches um den Bauerhof oder um des Landmanns Ententeich streift, und die Anwesenheit von einem oder zwei dieser Thiere wird an dem pl\u00f6tzlichen Verschwinden verschiedener junger Enten und K\u00fcchlein bald bemerkt werden., Der wachsame Bauer sieht vielleicht ein sch\u00f6nes, junges Huhn in einer eigenth\u00fcmlichen und sehr unwillk\u00fcrlichen Weise sich bewegen und endlich in irgend einer H\u00f6hle oder zwischen dem Gestein verschwinden. Er hat dann einen Mink beobachtet, welcher den ungl\u00fccklichen Vogel \u00fcberfallen und seiner Wohnung zugeschleppt hat. Entr\u00fcstet \u00fcber diese That, eilt er nach Haus, sein Gewehr zu holen, kehrt zur\u00fcck und wartet geduldig, bis es dem Strolche gef\u00e4llig sein mag, wieder zu erscheinen. Aber gew\u00f6hnlich kann er lange harren, ehe es dem listigen Gesch\u00f6pfe beliebt, wieder zum Vorschein zu kommen. Und doch ist Geduld hier das einzige Mittel, sich des sch\u00e4dlichen R\u00e4ubers zu entledigen. Audubon erfuhr Dies selbst bei einem Mink, welcher sich unmittelbar neben seinem Hause in dem Steindamm eines kleinen Teiches eingenistet hatte. Der Teich war eigentlich den Enten des Geh\u00f6ftes zu Liebe aufgestaut worden und bot somit dem Raubthiere ein h\u00f6chst ergiebiges Jagdgebiet. Sein Schlupfwinkel war mit ebensoviel K\u00fchnheit, als List gew\u00e4hlt; sehr nahe am Hause und noch n\u00e4her der Stelle, zu welcher die H\u00fchner des Hofes, um zu trinken, herabkommen mu\u00dften. Vor der H\u00f6hle lagen zwei gro\u00dfe St\u00fccke von Granit; sie dienten dem Otter zur Warte, von wo aus er Geh\u00f6ft und Teich \u00fcberschauen konnte. Hier lag er tagt\u00e4glich stundenlang auf der Lauer, und von hier aus raubte er bei hellem, lichtem Tage H\u00fchner und Enten weg, bis unser Forscher seinem Treiben, obwohl erst nach l\u00e4ngerm Anstand, ein Ende machte. \u201eWir thun zu wissen,\" sagt Audubon, \u201eda\u00df wir nicht die geringste Absicht haben, irgend Etwas zur Vertheidigung des Mink zu sagen, m\u00fcssen jedoch hinzuf\u00fcgen, da\u00df, so listig und zerst\u00f6rungss\u00fcchtig er auch ist, er weit hinter seinem n\u00e4chsten Nachbar, dem Hermelin zur\u00fccksteht, weil er sich mit soviel Beute begn\u00fcgt, als er zur S\u00e4ttigung bedarf, w\u00e4hrend das Hermelin bekanntlich in einer Nacht ein ganzes H\u00fchnerhaus ver\u00f6den kann.\" Besonders h\u00e4ufig fand Audubon den Mink am Ohio, und hier beobachtete er, da\u00df sich derselbe durch Maus- und Rattenfang auch n\u00fctzlich zu machen wu\u00dfte. Neben solcher, dem Menschen nur ersprie\u00dflichen Jagd, treibt er freilich allerhand Wilddiebereien und namentlich den Fischfang, zuweilen zum gr\u00f6\u00dften Aerger des Anglers, dessen Geb\u00fchren das listige Thier mit gr\u00f6\u00dfter Theilnahme verfolgt, um im entscheidenden Augenblick aus seiner H\u00f6hle unter dem Weidicht des Ufers hervorzukommen und den von Jenem erangelten Fisch in Beschlag zu nehmen. Nach den Beobachtungen unsers Gew\u00e4hrsmanns schwimmt und taucht der Mink mit gr\u00f6\u00dfter Gewandtheit und jagt, wie der Otter, den schnellsten Fischen, selbst den Lachsen und Forellen mit Erfolg nach. Im Nothfall begn\u00fcgt er sich freilich auch mit einem Frosch oder Molch; wenn er es aber haben kann, zeigt er sich sehr leckerhaft. Seine feine Nase gestattet ihm, eine Beute mit der Sicherheit eines Jagdhundes zu verfolgen, und gute Beobachter sahen ihn von dieser Begabung den ausgedehntesten Gebrauch machen. In dem Mor verfolgt er die Wasserratten, Rohrsperlinge, Finken und Enten, an dem Ufer der Seen Hasen; im Meere stellt er Austern nach und vom Grunde der Fl\u00fcsse holt er Muscheln herauf: kurz, er wei\u00df sich \u00fcberall nach des Ortes Beschaffenheit einzurichten und \u00fcberall Etwas zu erbeuten. Felsige User bleiben unter allen Umst\u00e4nden sein bevorzugter Aufenthalt, und nicht selten w\u00e4hlt er sich seinen Stand in unmittelbarer N\u00e4he von Stromschnellen und Wasserf\u00e4llen. Verfolgt flieht er stets ins Wasser und sucht sich hier tauchend und schwimmend zu retten. Auf dem Land l\u00e4uft er ziemlich rasch, wird jedoch vom Hunde bald eingeholt und dann selbst zum Klettern gezwungen, und wenn auch Dies nicht aushilft, sucht er sich durch List zu retten. In der Angst verbreitet er einen sehr widerlichen Geruch, wie der Iltis.\nIn Nordamerika f\u00e4llt die Rollzeit des Mink zu Ende Februars oder zu Anfang M\u00e4rz. Der Boden ist um diese Zeit mit Schnee bedeckt, und somit kann man recht deutlich wahrnehmen, wie rastlos er ist.","page":558},{"file":"p0559.txt","language":"de","ocr_de":"Leben des Mink (nach Audubon und Prinz von Wied) und des N\u00f6rz.\n559\nMan sieht die br\u00fcnstigen M\u00e4nnchen l\u00e4ngs der Stromufer nach Weibchen suchen, und kann es dabei vorkommen, da\u00df eine ganze Gesellschaft unserer Thiere, den Fl\u00fcssen folgend, sich in Gegenden verirrt, in welchen sie sonst selten oder gar nicht mehr vorkommen. Audubon scho\u00df an einem Morgen sechs alte M\u00e4nnchen, welche unzweifelhaft beabsichtigten, ein Weibchen zu suchen. In einer Woche erhielt der Naturforscher eine gro\u00dfe Anzahl von m\u00e4nnlichen Minks, jedoch nicht einen einzigen weiblichen, und deshalb spricht er seine Meinung dahin aus, da\u00df die weiblichen Minks w\u00e4hrend der Rollzeit sich in H\u00f6hlen verbergen. Die f\u00fcnf bis sechs Jungen, welche ein Weibchen wirft, findet man zu Ende Aprils in H\u00f6hlen unter den \u00fcberh\u00e4ngenden Ufern oder auf kleinen Jnselchen, im Sumpfe und auch wohl in Bauml\u00f6chern. Wenn man sie bald aus dem Neste nimmt, werden sie ungemein zahm und zu wahren Lieblingen. Richardson sah eins im Besitz einer Canadierin, welches sie bei Tage in der Tasche ihres Kleides mit sich herumtrug. Audubon besa\u00df eins \u00fcber ein Jahr lang und durfte es frei im Haus und Hof umherlassen, ohne da\u00df er Ursache hatte, sich zu beklagen. Es fing wohl Ratten und M\u00e4use, Fische und Fr\u00f6sche, griff aber niemals die H\u00fchner an. Mit den Hunden und Katzen stand es aus bestem Fu\u00dfe. Am lebendigsten und spiellustigsten zeigte es sich in den Morgen- und Abendstunden; gegen Mittag wurde es schl\u00e4frig. Einen unangenehmen Geruch verbreitete es niemals.\nDer Mink geht leicht in alle Arten von Fallen und wird ebenso h\u00e4ufig geschossen, als gefangen. Seine Lebensz\u00e4higkeit jedoch macht einen guten Schu\u00df nothwendig.\nPrinz von Wied best\u00e4tigt Audubons Beschreibung, f\u00fcgt ihr aber noch hinzu, da\u00df der Mink zuweilen doch mehr, als ein Huhn auf einmal t\u00f6dte, da\u00df er sich im Winter oft l\u00e4ngere Zeit von Flu\u00dfmuscheln n\u00e4hre und man deshalb viele leere Muschelschalen in der N\u00e4he seines Wohnplatzes finde, da\u00df er sich im Winter h\u00e4ufig den menschlichen Wohnungen n\u00e4here und dann oft gefangen oder erlegt w\u00fcrde, und endlich, da\u00df er, obwohl er au\u00dferordentlich geschickt und schnell mit langausgestrecktem K\u00f6rper schwimme, doch nicht lange unter dem Wasser bleiben k\u00f6nne, sondern mit der Nase bald hervorkomme, um Athem zu holen.\nUeber unsern N\u00f6rz sind die Angaben viel d\u00fcrftiger. Schon Wildungen sagt in seinem 1799 erschienenen \u201eNeujahrsgeschenk f\u00fcr Forst- und Jagdliebhaber\", da\u00df der Sumpfotter ein in Deutschland sehr seltenes, manchem wackern Waidmann wohl gar noch unbekanntes Gesch\u00f6pfchen sei, da\u00df er schon l\u00e4nger gew\u00fcnscht habe, n\u00e4her mit ihm vertraut zu werden, und die Erf\u00fcllung dieses Wunsches nur der unerm\u00fcdlichen F\u00fcrsorge des Grafen Mellin verdanke. Von diesem Naturforscher theilt er einige Beobachtungen mit.\n\u201eIn seinem Gang mit gekr\u00fcmmtem R\u00fccken, in seiner Behendigkeit, durch die kleinsten Oeffnungen zu schl\u00fcpfen, gleicht der N\u00f6rz noch ganz dem Marder. Gleich dem Frettchen ist er in unaufh\u00f6rlicher Bewegung, alle Winkel und L\u00f6cher auszusp\u00e4hen. Er l\u00e4uft schlecht, klettert auch nicht auf die B\u00e4ume, ist aber, wie der gemeine Fischotter, ein sehr ge\u00fcbter Schwimmer, welcher sehr lange unter Wasser ausdauern kann. Den rei\u00dfenden Wellen starker Str\u00f6me zu widerstehen, mag er sich wohl zu schwach f\u00fchlen, da er weniger an gro\u00dfen Fl\u00fcssen, sondern mehr an kleinen, flie\u00dfenden W\u00e4ssern gefunden wird. Seine Ranz- oder Rollzeit ist im Februar und M\u00e4rz, und im April oder Mai findet man an erhabenen, trockenen Orten, in den Br\u00fcchen oder Baumwurzeln, in den eigenen R\u00f6hren blind-geborne Junge.\"\n\u201eDer Sumpfotter liebt Stille und Einsamkeit an seinem Wohnorte. So sehr er aber auch Menschen flieht und mit gro\u00dfer Klugheit deren Nachstellungen zu entgehen wei\u00df, besucht er doch zuweilen Federviehst\u00e4lle und erw\u00fcrgt dann, wie Marder und Iltis, so lange noch Federvieh vorhanden und er nicht gest\u00f6rt wird; doch geschieht Dies nur in einsamen Fischerwohnungen, und ich habe nie geh\u00f6rt, da\u00df er in D\u00f6rfer gekommen sei, um dort zu rauben. Seine gew\u00f6hnliche Nahrung sind Fische, Fr\u00f6sche, Krebse, Schnecken; wahrscheinlich m\u00f6gen ihm aber auch manche junge Schnepfen und Wasserh\u00fchnchen zur Beute werden.\"\n\u201eDer anlockende Preis seines Balges, welcher auch im Sommer gut ist, vermehrt die Nach-","page":559},{"file":"p0560.txt","language":"de","ocr_de":"560\nDie Naubthiere. Sumpfottern. \u2014 N\u00f6rz. Fischottern.\nstellungen auf das immer seltener werdende Thier ungemein, und wenn ihm nicht die bisherigen gelinden Winter etwas zustatten gekommen sind, so m\u00f6chte diese Thierart auch wohl in schwedisch Pommern, woselbst Mellin sie beobachtete, bald g\u00e4nzlich ausgerottet sein.\"\nIn diesen Nachrichten ist eigentlich Alles enthalten, was wir bisher vom N\u00f6rz erfahren haben. Die Furcht, da\u00df er in Deutschland g\u00e4nzlich ausgerottet sei, ist nach und nach ziemlich allgemein geworden; doch ist sie gl\u00fccklicher Weise nicht begr\u00fcndet. Der N\u00f6rz kommt in Norddeutschland allerorts, obgleich \u00fcberall nur sehr einzeln noch vor. Seine eigentliche Heimat ist das \u00f6stliche Europa, Finnland, Polen, Litthauen, Ru\u00dfland. Hier findet man ihn von der Ostsee bis zum Ural, von der Dwina bis zum schwarzen Meer und nicht besonders selten. In Bessarabien, Siebenb\u00fcrgen und Galizien lebt er auch. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts wurde er ab und zu noch in Pommern, Mecklenburg und der Mark Brandenburg erw\u00e4hnt. In den Jagdregistern der Grafen Schulenburg-Wolfs b\u00fcrg wird er regelm\u00e4\u00dfig mit aufgef\u00fchrt. Man erlegte ihn in den Sumpfniederungen der Aller. In diesem Jahrhundert ist er sehr selten geworden, jedoch immer noch einzeln vorgekommen. Nach Blasius wurde im Jahre 1852 ein N\u00f6rz im Harz in der Grafschaft Stolberg gefangen, nach Hartig ein anderer im Jahre 1859 in der N\u00e4he von Braunschweig und ein dritter bei Ludwigslust in Mecklenburg. Da\u00df er im Holsteinischen vorkommt, wu\u00dfte man, ohne jedoch Sicheres mittheilen zu k\u00f6nnen. Um so erfreulicher war es mir, in den letzten Tagen \"ton einem naturwissenschaftlich gebildeten Waidmann, Herrn Forstwart Claudius, folgende Nachrichten zu erhalten.\n\u201eSoviel mir bis jetzt bekannt geworden, kommt der N\u00f6rz in der Umgebung L\u00fcbecks auf einem Fl\u00e4chenraume von nur wenigen Geviertmeilen, hier aber nicht so selten vor, da\u00df er nicht jedem J\u00e4ger von Fach unter dem Namen Merck, Otterment, wenigstens oberfl\u00e4chlich bekannt w\u00e4re. Als n\u00f6rdliche Grenze dieses Verbreitungsgebietes k\u00f6nnte man etwa den Himmeldorfsee, als s\u00fcdliche den Schallsee, als \u00f6stliche den Dassowersee betrachten. Immerhin tritt er zu vereinzelt auf, und sein Rauchwerk wird hier zu Lande auch zu schlecht bezahlt, als da\u00df man ihm besondere Aufmerksamkeit schenken sollte. Ich erinnere mich nicht, geh\u00f6rt zu haben, da\u00df man ihm mit eigenen Lockspeisen nachstellt oder besondere Fangwerkzeuge, die fein Aufenthalt am Wasser gestatten w\u00fcrde, Fliegenreusen z. B. gegen ihn in Anwendung bringt. Er ger\u00e4th fast immer nur durch Zufall in die Hand des J\u00e4gers und Dies selten anders als zur Winterzeit, da nur dann dem Raubzeug nachgegangen wird, fein Gebiet auch h\u00e4ufig nur bei Frost betreten werden kann. Und so ist leider \u00fcber sein Verhalten in der andern H\u00e4lfte des Jahres, welche dem Naturforscher ungleich wichtigere Aufschl\u00fcsse zu bieten hat, wenig oder Nichts mit Sicherheit zu erfahren. Mir ist ein einziger Fall zu Ohren gekommen, da\u00df Junge in einem Ban gefunden wurden, und zwar von einem meiner Nachbarn, welcher einmal in der letzten H\u00e4lfte des Juli gelegentlich der Bekassinenjagd vier bis f\u00fcnf junge N\u00f6rze in einem Erdloch beisammen traf und aus der Anwesenheit der Mutter mit Bestimmtheit als den Wurf eines Minks erkannte. Dazu erwarten stand, da\u00df diese ihre Jungen sofort entfernen w\u00fcrde, waren auch alle weiteren Beobachtungen unterblieben. Sonst kommt er h\u00f6chstens auf der Entenjagd einmal vor die Flinte, und bann wird er nicht geschont, da sein Balg auch im Sommer gut ist. Bei dieser Gelegenheit wurde vor einigen Jahren hier in der Nachbarschaft ein Mink, dem die Hunde von der Wasserseite aus zusetzten, aus dem Kopf einer hohlen Weide herabgeschossen. In den Wintermonaten dagegen kommt der N\u00f6rz \u00f6fter mit dem J\u00e4ger in Ber\u00fchrung, meist, wie erw\u00e4hnt, gelegentlich, wenn auf den Iltis Jagd gemacht wird. Ab und zu wird er auf einer Neue vor dem Hund geschossen, von diesem beim Ausrutschen aus dem Bau gegriffen, am h\u00e4ufigsten aber noch auf dem Teller gefangen. Der Jagdlehrling, welcher die Eisen abzugehen hat, wird dann aber nicht etwa mit der Freude, mit welcher der Forscher ihn begr\u00fc\u00dfen w\u00fcrde, sondern sicher mit einem sauern Gesicht empfangen, weil unser N\u00f6rz kaum die H\u00e4lfte des Werthes von einem Iltisse hat. Mehr als ein Gulden, derselbe Preis, den fast vor 50 Jahren Dietrich aus dem Winkelt von der Provinz Brandenburg angiebt, ist noch heutzutage der \u00fcbliche, da der Balg weder zum eigenen Gebrauch, noch von Aufk\u00e4ufern sehr gesucht wird.\"\n\u201eDie augenf\u00e4llige Aehnlichkeit, welche er einerseits mit dem Iltisse in der F\u00e4rbung der Schnauze","page":560},{"file":"p0561.txt","language":"de","ocr_de":"Neues \u00fcber den N\u00f6rz. \u2014 Das Aeu\u00dfere der Fischottern.\n561\nund der Behaarung der kurzen Ruthe, andererseits mit dem Otter in der gl\u00e4nzenden Oberfl\u00e4che des Balges und mit Beiden in der Lebensweise gemein hat, machen die hier allgemein verbreitete Annahme, da\u00df er ein Blendling von Beiden sei, ebenso begreiflich, als verzeihlich; auch erkl\u00e4rt sich der J\u00e4ger daraus das stets vereinzelte Austreten dieses f\u00fcr gro\u00dfe Streifz\u00fcge \u00fcber Land scheinbar so unt\u00fcchtigen Thieres. Der N\u00f6rz liebt die br\u00fcchigen und schilfreichen Umgebungen von Seen und Fl\u00fcssen, wo er seine Wohnung, wie der Iltis, auf einer Raupe oder dammartigen Erh\u00f6hung im Gewurzel von Erlenb\u00e4umen, doch gern in m\u00f6glichster N\u00e4he des Wassers anlegt und mit wenigen Ausg\u00e4ngen, die nach der Wasserseite m\u00fcnden, versieht. Fluchtr\u00f6hren nach einer andern Richtung, oder gar G\u00e4nge nach benachbarten Raupen, sind hier nicht anzutreffen. W\u00e4hrend der Iltis, aus dem Bau gest\u00f6rt, sich durchaus nicht zu Wasser jagen l\u00e4\u00dft; sondern stets sein Heil in der Flucht auf dem Lande sucht, wo er Schlupfwinkel in hinreichender Menge kennt, f\u00e4llt der Mink unter solchen Umst\u00e4nden sofort und zwar in senkrechter Richtung ins Wasser und verschwindet hier den Blicken. Bemerkenswerth ist, wie er sich hierzu seiner L\u00e4ufe bedient: er rudert nicht abwechselnd, wie der Iltis, sondern er schnellt sich sto\u00dfweise fort und zwar mit \u00fcberraschender Geschwindigkeit. Es gelingt selten, ihn im Wasser zu schie\u00dfen, da er lange unter der Oberfl\u00e4che bleibt und stets an einer entfernten Stelle wieder zum Vorschein kommt. Vor dem Hunde ist er im Wasser, selbst im beschr\u00e4nkten Raume, sicher.\"\n\u201eDie Spur sowohl, wie die einzelne F\u00e4hrte, ist der des Iltis so \u00e4hnlich, da\u00df selbst der ge\u00fcbte J\u00e4ger leicht get\u00e4uscht wird, da sich bei gew\u00f6hnlicher Gangart die kurze Schwimmhaut nicht im Boden abdr\u00fcckt. Man hat sie im Winter da zu suchen, wo sich das Wasser lange offen zu halten pflegt, in Gr\u00e4ben, welche ein starkes Gef\u00e4lle haben, in Wasserb\u00e4chen, \u00fcber Quellen, wo man zu derselben Zeit den Iltis ebenfalls antrifft, welcher bekanntlich auch unter dem Eise eifrig nach Fr\u00f6schen fischt. Hier in den Ausstiegen eben unter dem Wasser ist es, wo man hin und wieder den Mink, von Schlamm fast unkenntlich, auf dem Eisen sitzen sieht. M\u00f6chte ich nun bald ein ausgesuchtes St\u00fcck recht zierlich am Vorderlauf erwischen, damit endlich die l\u00e4ngst gew\u00fcnschte Gelegenheit einer sorgf\u00e4ltigen Beobachtung geboten w\u00fcrde! In Ermangelung eines Bessern schicke ich Ihnen den Balg eines im M\u00e4rz dieses Jahres (1863) in L\u00fcbeck zum Verkauf gebotenen Mink aus dem Mecklenburgischen.\"\nIch vermag Vorstehendem Nichts weiter hinzuzuf\u00fcgen, als die Versicherung, da\u00df meinerseits Alles gethan werden wird, um endlich einmal in Besitz eines lebenden N\u00f6rz zu gelangen; denn \u00fcber das Gefangenleben des seltenen Thieres fehlen zur Zeit noch alle Beobachtungen.\nAn die Sumpfottern-reihen sich naturgem\u00e4\u00df zwei andere Sippen der Familie an, die Marder des Wassers. In der einen dieser Sippen vereinigt man die Bewohner s\u00fc\u00dfer Gew\u00e4sser, die Fischottern (Lutra). Alle hierher geh\u00f6rigen Arten, eine ziemlich bedeutende Anzahl, kennzeichnen sich durch den gestreckten, flachen, auf niederen Beinen ruhenden Leib, den platten, stumpfschn\u00e4uzigen Kopf mit kleinen vorstehenden Augen und kurzen, runden Ohren, durch die sehr ausgebildeten Schwimmh\u00e4ute zwischen den Zehen, den langen, zugespitzten und am Ende flachgedr\u00fcckten Schwanz und durch das kurze, straffe, glatte, gl\u00e4nzende Haar. Ihre Vorder- und Hinterbeine sind f\u00fcnfzehig, die beiden mittleren Zehen nur wenig l\u00e4nger, als die seitlichen. Die Sohlen sind theilweise behaart, doch findet das Auftreten fast auf der ganzen Sohle statt.. In der Aftergegend ist keine Dr\u00fcsentasche vorhanden; es finden sich aber zwei Absonderungsdr\u00fcsen, welche neben dem After m\u00fcnden. Knochenbau und Gebi\u00df \u00e4hneln noch sehr den \u00fcbrigen Mardern; jedoch giebt sich auch im Geripp der auffallend flache Sch\u00e4del mit breitem Hirnkasten und verengter Stirngegend und kurzem Schnauzentheil, als sehr eigenth\u00fcmliches Merkmal kund.\nDie Ottern bewohnen die Fl\u00fcsse und deren Ufer, im Norden wie im S\u00fcden, denn mit Ausnahme von Neuholland und des h\u00f6chsten Nordens der Erde, sind sie \u00fcber fast alle Theile der Erde verbreitet und an unbewohnten Fl\u00fcssen noch heutigen Tages sehr h\u00e4ufige Erscheinungen. Nur gezwungen ent-Brehm, Thierleben.\tzg","page":561},{"file":"p0562.txt","language":"de","ocr_de":"562\nDie Raubthiere. Fischottern. \u2014 Gemeiner Fischotter.\nfernen sie sich von dem Wasser und auch dann blos in der Absicht, um ein anderes Gew\u00e4sser aufzusuchen; denn die F\u00e4lle, in welchen sie sich auf die Jagd von Landthieren machten, sind sehr selten und immer nur Ausnahmen. Sie schwimmen und tauchen meisterhaft und verstehen es auch, ziemlich lange unter dem Wasser auszuhalten; sie laufen, ihrer kurzen Beine ungeachtet, ziemlich schnell; sie sind stark, muthig und k\u00fchn, verst\u00e4ndig und zur Z\u00e4hmung geeignet, leben aber fast \u00fcberall in gespannten Verh\u00e4ltnissen mit dem Menschen, weil sie diesem einen so gro\u00dfen Schaden zuf\u00fcgen, da\u00df derselbe durch den kostbaren Pelz, den sie liefern, nicht halb ausgewogen werden kann. Ihre Baue graben sie sich an den Ufern der Fl\u00fcsse und zwar von dem Wasser aus. Man kennt gegenw\u00e4rtig etwa zw\u00f6lf Arten.\nEuropa beherbergt eine einzige Art der Sippe, den gemeinen Fischotter (Lutra vulgaris), welcher sich au\u00dferdem noch in dem gr\u00f6\u00dften Theile von Nord- und Mittelasien findet. In den Polarl\u00e4ndern scheint er nicht weit nach Norden vorzudringen, obgleich er einzeln noch in Lappland wohnt. In Sibirien geht er nur bis zur N\u00e4he des Polarkreises hinauf und von da durch ganz Europa hindurch bis zu dem tiefsten S\u00fcden hinab. So ist er in Italien, Spanien und Griechenland, wo er seine S\u00fcdgrenze erreicht, ebensogut daheim, wie in Mitteleuropa, Gro\u00dfbritannien, Skandinavien und Ru\u00dfland, oder in den asiatischen Steppen, in S\u00fcdsibirien, im Altai, in Turan, in der Mongolei, Persien und Mesopotamien. Auch die in Japan vorkommende Art soll mit der unsrigen \u00fcbereinstimmen und wird deshalb von Vielen als dasselbe Thier angesehen.\nDer Fischotter tr\u00e4gt die oben bemerkten Kennzeichen der Sippe vollst\u00e4ndig an sich. Seine ganze Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt zwei Fu\u00df acht Zoll bis drei Fu\u00df, der Schwanz mi\u00dft immer die H\u00e4lfte, also von 16 bis 18 Zoll; die H\u00f6he am Widerrist erreicht nur bei den \u00e4ltesten M\u00e4nnchen mehr, als einen Fu\u00df; das Gewicht schwankt meistens zwischen 20 und 24 Pfund; doch erreichen sehr alte M\u00e4nnchen wohl auch ein solches von 30 Pfund. Das Weibchen unterscheidet sich von dem M\u00e4nnchen nur durch die etwas geringere Gr\u00f6\u00dfe, einen kaum merklich schlankern Bau und die hellere F\u00e4rbung seines Pelzes. Der Leib des Fischotters und noch mehr der verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig kleine, oben stark abgeflachte, doch dabei dicke und breite Kopf erinnert an eine Schlange, und deshalb mag wohl auch das Thier den Schlangennamen erhalten haben. Die abgerundeten Ohren sind sehr kurz und treten blos mit dem Rande aus dem Pelz hervor; sie sind durch eine Klappe verschlie\u00dfbar. Die kleinen Augen stehen nahe an dem Mundwinkel und haben einen runden Stern und kastanienbraune Regenbogenhaut. Der Mund wird von dicken Lippen geschlossen; auf der Oberlippe befinden sich mehrere Reihen langer Schnurren, auf der untern sind diese weniger zahlreich und k\u00fcrzer. Die Nasenspitze ist unbehaart und von einer netzartig gerissenen, slachwarzigen Haut bedeckt. Die Form dieses nackten Nasenfeldes ist wichtig f\u00fcr die Unterscheidung mancher Arten; bei der europ\u00e4ischen Art wenigstens ist es ganz anders gestaltet, als bei anderen Gattungsverwandten. Die Beine und F\u00fc\u00dfe \u00e4hneln im Ganzen denen der Marder: allein die stark entwickelten Bindeh\u00e4ute oder ausgebildeten Schwimmh\u00e4ute zwischen den Zehen unterscheiden alle Fischottern hinl\u00e4nglich von jenen. Diese Schwimmh\u00e4ute erstrecken sich bis in die Mitte der Zehenballen und sind unten ganz nackt, oben dagegen schwach behaart. Der Pelz ist \u00fcberall dicht und kurz anliegend. Das sehr feine Wollhaar ist im Grunde lichtbraungrau, an der Spitze dunkler, wie das obere Haar, welches etwas starr ist, dabei aber dicht steht und sehr viel Glanz besitzt. Die Gesammtf\u00e4rbung des Pelzes ist oben gleichm\u00e4\u00dfig gl\u00e4nzend dunkelbraun, auf der Unterseite etwas heller, unterm Halse und den Kopfseiten am hellfarbigsten, oft etwas wei\u00dflichgraubraun. Gew\u00f6hnlich finden sich auch einzelne unregelm\u00e4\u00dfige, reinwei\u00dfe oder wei\u00dfliche Flecken zwischen dem Kinn und den Oberkiefer\u00e4sten, sowie auf der Mitte der Oberlippe. Die j\u00fcngeren Thiere sind mehr graubraun gef\u00e4rbt; die sehr selten vorkommenden Ausartungen haben hellr\u00f6thlichen, gelben oder wei\u00dflichen Pelz.\nDer Fischotter lebt fast ausschlie\u00dflich an s\u00fc\u00dfen Gew\u00e4ssern und liebt vor allem B\u00e4che, welche Forellen beherbergen, sonst aber auch Fl\u00fcsse, deren Ufer auf gro\u00dfe Strecken hin mit Wald bedeckt sind.","page":562},{"file":"p0562s0001table13.txt","language":"de","ocr_de":"Fischotter.","page":0},{"file":"p0563.txt","language":"de","ocr_de":"563\nKennzeichnung. Wohnorte. Ausr\u00fcstung.\nHier wohnt er in unterirdischen G\u00e4ngen, welche ganz nach seinem Geschmack und im Einkl\u00e4nge mit seinen Sitten angelegt sind. Die M\u00fcndung befindet sich stets unter der Oberfl\u00e4che des Wassers, gew\u00f6hnlich in einer Tiefe von anderthalb bis zwei Fu\u00df. Von hier aus steigt ein etwa vier bis f\u00fcnf Fu\u00df langer Gang schief nach aufw\u00e4rts und f\u00fchrt zu dem ger\u00e4umigen Kessel, welcher regelm\u00e4\u00dfig mit Gras ausgepolstert und unter allen Umst\u00e4nden trocken ist. Ein zweiter, schmaler Gang l\u00e4uft von hier aus nach der Oberfl\u00e4che des Ufers und vermittelt den Luftwechsel. Gew\u00f6hnlich benutzt das Threr bte vom Wasser ausgeschwemmten L\u00f6cher und H\u00f6hlungen im Ufer, welche es einfach durch W\u00fchlen und Zerbei\u00dfen der Wurzeln verl\u00e4ngert und erweitert. In seltenen F\u00e4llen bezieht der Fischotter auch verlassene Fuchs- oder Dachsbaue, wenn solche nicht weit vom Wasser liegen. Unter allen Umst\u00e4nden besitzt er mehrere Wohnungen, es sei denn, da\u00df ein Gew\u00e4sser au\u00dferordentlich reich an Fischen ist, und der Otter deshalb nicht gen\u00f6thigt wird, gr\u00f6\u00dfere Streifereien auszuf\u00fchren. Bei hohem Wasser, welches nat\u00fcrlich seinen Bau auch mit \u00fcberschwemmt, fl\u00fcchtet er sich auf nahestehende B\u00e4ume oder auch in hohle St\u00e4mme und verbringt hier die Zeit der Ruhe und Erholung von seinen Jagdz\u00fcgen im Wasser.\nSoviel Aerger ein Fischotter seines gro\u00dfen Schadens wegen den Besitzern von Fischereien und zumal den leidenschaftlichen Anglern bringt, so anziehend wird er f\u00fcr den Forscher. Sein ganzes Leben ist so eigenth\u00fcmlicher Art, da\u00df es eine eigene Beobachtung verlangt und deshalb jeden an der sch\u00e4dlichen Wirksamkeit des Thieres unbetheiligten Naturfreund fesseln mu\u00df. An dem Fischotter ist Alles merkw\u00fcrdig, sein Leben und Treiben im Wasser, seine Bewegungen, sein Nahrungserwerb und seine geistigen F\u00e4higkeiten. Er geh\u00f6rt unbedingt zu den sonderbarsten Thieren unsers Erdtheils. Da\u00df er ein echtes Wasserthier ist, sieht man bald, auch wenn man ihn auf dem Lande beobachtet. Sein Gang ist der kurzen Beine wegen schlangenartig kriechend, aber doch ziemlich schnell. Aus Schnee oder Eis rutscht er oft ziemlich weit dahin, wobei ihm das glatte Fell gut zustattenkommt und selbst der kr\u00e4ftige Schwanz zuweilen Hilfe gew\u00e4hren mu\u00df. Dabei wird der breite Kopf ganz gesenkt getragen, der R\u00fccken aber nur wenig gekr\u00fcmmt, und so gleitet und huscht das Thier in wirklich sonderbarer Weise seines Weges fort. Doch darf man nicht glauben, da\u00df er ungeschickt w\u00e4re; denn die Geschmeidigkeit seines Leibes zeigt sich auch auf dem Lande. Er kann den K\u00f6rper mit unglaublicher Leichtigkeit drehen und wenden, wie er will, und ist im Stande, sich ohne Beschwerde aufzurichten, minutenlang in dieser Stellung zu verweilen und sich, ohne aus dem Gleichgewichte zu kommen, vor- und r\u00fcckw\u00e4rts zu wenden, zu drehen und auf- und niederzubeugen. Nur im h\u00f6chsten Nothfall macht der Fischotter auch noch von einer andern Fertigkeit landlebender Thiere Gebrauch; er klettert n\u00e4mlich durch Einh\u00e4keln seiner immer noch ziemlich scharfen Krallen an schiefstehenden B\u00e4umen empor, aber freilich so t\u00f6lpisch und ungeschickt, als m\u00f6glich. t\nGanz anders bewegt er sich im Wasser, seiner eigentlichen Heimat, welche er bei der geringsten Veranlassung fi\u00fcchtend zu erreichen sucht, um der ihm auf dem feindlichen Lande drohenden Gefahr zu entgehen. Der ganze Bau seines K\u00f6rpers bef\u00e4higt ihn in un\u00fcbertrefflicher Weise zum Schwimmen und Tauchen, der schlangengleiche, breite Leib, mit den kurzen, durch gro\u00dfe Schwimmh\u00e4ute zu kr\u00e4ftigen Rudern umgewandelten F\u00fc\u00dfen, der starke und ziemlich lange Schwanz, welcher als treffliches Steuer benutzt werden kann, und der glatte, schl\u00fcpfrige Pelz vereinigen alle Eigenschaften in sich, welche ein rasches Durchgleiten und Zertheilen der Wellen erm\u00f6glichen. Zur Ergreifung der Beute dient ihm das scharfe, vortreffliche und kr\u00e4ftige Gebi\u00df, welches das einmal Erfa\u00dfte, und sei es noch so glatt und schl\u00fcpfrig, niemals wieder fahren l\u00e4\u00dft. In den hellen Fluthen der Alpenseen oder des Meeres hat man zuweilen Gelegenheit, sein Treiben im Wasser zu beobachten. Er schwimmt so meisterhaft nach allen Richtungen hin, da\u00df die Fische, denen er nachfolgt, die gr\u00f6\u00dfte Anstrengung machen 'm\u00fcssen, um ihm zu entgehen, und wenn er nicht von Zeit zu Zeit auf die Oberfl\u00e4che kommen m\u00fc\u00dfte, um Athem zu sch\u00f6pfen, w\u00fcrde wohl schwerlich irgend welcher Fisch schnell genug sein, ihm zu entrinnen. Dem Fischotter ist vollkommen gleichgiltig, ob er auf-oder niedersteigt, seitw\u00e4rts sich wenden, r\u00fcckw\u00e4rts sich drehen mu\u00df; denn jede nur denkbare Bewegung f\u00e4llt ihm leicht. Gleichsam spielend dreht er sich im Wasser umher. Wie ich an Gefangenen beobachtete, schwimmt er manchmal auf einer Seite, und","page":563},{"file":"p0564.txt","language":"de","ocr_de":"564\tDie Raubthiere. Fischottern. \u2014 Gemeiner Fischotter.\noft dreht er sich, scheinbar zu seinem Vergn\u00fcgen, so herum, da\u00df er auf den R\u00fccken zu liegen kommt, zieht dann die Beine an die Brust und treibt sich noch ein gutes St\u00fcck mit dem Schw\u00e4nze fort. Dabei ist der breite Kops in ununterbrochener Bewegung, und die Schlangen\u00e4hnlichkeit des Thieres wird ausfallend gro\u00df. Auch bei langem Aufenthalt im Wasser bleibt das Fell glatt und trocken, und zur Nachtzeit will man bemerkt haben, da\u00df es bei raschen Bewegungen einen elektrischen Schein von sich g\u00e4be. Die Gegend, in welcher ein Fischotter schwimmt, ist leicht zu kennen, weil von ihm best\u00e4ndig Luftblasen aufsteigen, und auch um das ganze Fell herum gewisserma\u00dfen eine Schicht von feinen Luftbl\u00e4schen sich befindet. Zur Zeit des Winters sucht er, wenn die Gew\u00e4sser zugefroren sind, die L\u00f6cher im Eise auf, steigt durch dieselben unter das Wasser und kehrt auch zu ihnen zur\u00fcck, um Luft zu sch\u00f6pfen. Solche Eisl\u00f6cher wei\u00df das Thier mit unfehlbarer Sicherheit wieder aufzufinden; und ebenso geschickt ist es, andere, die es auf seinem Zuge trifft, zu entdecken. Ein Eisloch braucht blos so gro\u00df zu sein, da\u00df der Fischotter seine Nase durchstecken kann, um zu athmen, dann ist das zugefrorene Gew\u00e4sser vollkommen geeignet, von ihm bejagt zu werden.\nDie Sinne des Fischotters sind sehr scharf; er \u00e4ugt, vernimmt und wittert ausgezeichnet. Schon aus einer Entfernung von mehreren hundert Schritten gewahrt er die Ann\u00e4herung eines Menschen oder Hundes, und eine solche Erscheinung ist f\u00fcr ihn dann stets die Aufforderung zur schleunigsten Flucht nach dem Wasser. Die unabl\u00e4ssigen Verfolgungen, denen er ausgesetzt ist, haben ihn sehr scheu und fl\u00fcchtig, aber auch sehr listig gemacht, und so kommt es, da\u00df man Tage lang auf ihn lauern kann, obne ihn zu gewahren.\nIm Freien vernimmt man die Stimme des Fischotters viel seltener, als in der Gefangenschaft, wo man ihn weit leichter aufregen kann. Wenn er sich recht behaglich f\u00fchlt, l\u00e4\u00dft er ein leises Kichern vernehmen; versp\u00fcrt er aber Hunger, oder reizt man seine Fre\u00dfgier, so st\u00f6\u00dft er ein lautes Geschrei aus, welches wie die oft und rasch nach einander wiederholten Silben \u201egirrk\" klingt und so gellend ist, da\u00df es die Ohren beleidigt. Im Zorn kreischt er laut auf, in der Verliebtheit pfeift er hell und wohlklingend.\nBei uns zu Lande f\u00fchrt der Fischotter eine mehr n\u00e4chtliche, als t\u00e4gliche Lebensweise. Ueber Tag liegt er in seinen Verstecken verborgen, nach Sonnenuntergang macht er sich auf seine Jagd aus, am liebsten in mondhellen N\u00e4chten. An Orten, welche selten von Menschen besucht werden, betreibt er seinen Fischfang auch am Tage. So erz\u00e4hlt Prinz von Wied, da\u00df der brasilianische Fischotter in den wenig beunruhigten Fl\u00fcssen leicht erlegt werven k\u00f6nne, weil er ohne Scheu ganz nahe um die Bote herumgaukele und best\u00e4ndig hier und da den Kopf \u00fcber das Wasser erhebe, ein Fehlschu\u00df also kaum m\u00f6glich sei. Da aber, wo der allesbeunruhigende Europ\u00e4er seine Herrschaft schon ausgebreitet hat, w\u00fcrde es ebenso schwer werden, wie bei uns, dasselbe Thier zu \u00fcberlisten. In Paraguay und Cayenne leben die gleichen Fischottern familienweise, ebenfalls in traulicher Harmlosigkeit und Sicherheit in den gr\u00f6\u00dferen Fl\u00fcssen und bek\u00fcmmern sich gar nicht um die dicht zwischen ihnen hindurchrudernden Bote. Bei uns ist Dies freilich anders. Das Thier hat im Verlaufe der Zeit gelernt, wer sein \u00e4rgster Feind ist, und sucht diesen mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auszuweichen, und eben deshalb w\u00e4hlt es zu allen Streifereien die Nachtzeit.\nAlte Fischottern leben gew\u00f6hnlich einzeln; alte Weibchen aber streifen lange Zeit mit ihren Jungen umher oder vereinigen sich wohl auch mit anderen Weibchen und um die Paarungszeit mit solchen und M\u00e4nnchen; dann fischen sie in kleinen Gesellschaften zusammen. Sie schwimmen stets stromaufw\u00e4rts und suchen einen Flu\u00df nicht selten auf Meilen von ihren Wohnungen gr\u00fcndlich ab, besuchen dabei auch in dem Umfang einer Meile alle Fl\u00fcsse, B\u00e4che und Teiche, welche in den Hauptflu\u00df m\u00fcnden oder mit ihm in Verbindung stehen. N\u00f6tigenfalls bleiben sie, wenn sie der Morgen \u00fcberrascht, auch an irgend einem schilfreichen Teiche w\u00e4hrend des Tages verborgen und setzen bei Nacht ihre Wanderung fort. In den gr\u00f6\u00dferen B\u00e4chen z. B., welche in die Saale m\u00fcnden, erscheinen sie nicht selten drei, ja vier Meilen von deren M\u00fcndungen entfernt und vernichten, ohne da\u00df der Besitzer nur eine Ahnung hat, in aller Stille oft die s\u00e4mmtlichen Fische eines Teichs.","page":564},{"file":"p0565.txt","language":"de","ocr_de":"565\nLeben. Seine Jagd auf Fische und V\u00f6gel.\nDie Fischjagd versteht der Fischotter nat\u00fcrlich meisterhaft; er ist im Wasser dasselbe, was der Fuchs und der Luchs im Verein auf dem Lande sind. \u00c4n den seichten Gew\u00e4ssern treibt er die Fische in den Buchten zusammen, um sie dort leichter zu erhaschen, oder scheucht sie, indem er mehrmals mrt dem Schw\u00e4nze pl\u00e4tschernd auf die Wasseroberfl\u00e4che schl\u00e4gt, in Uferl\u00f6cher oder unter Sterne, wo sre ihm dann sicher zur Beute werden. In tieferen Gew\u00e4ssern verfolgt er den Fisch vom Grund aus und packt ihn rasch am Bauche. Nicht selten lauert er auch seiner Beute auf St\u00f6cken und Sternen auf und taucht pl\u00f6tzlich in das Wasser, sobald er einen Fisch von fern erblickt, folgt ihm in eiligster Hetzjagd eine Strecke weit und fa\u00dft ihn, sobald er erschreckt sich zu verbergen sucht. Wenn ihrer zwei einen Lachs verfolgen, schwimmt der eine \u00fcber, der andere unter ihm, und so jagen sie rhn so lange, bis er vor M\u00fcdigkeit nicht weiter kann und sich ohne Widerstand ergeben mu\u00df. Der Otter, welcher seine Jagd ohne Mithilfe Anderer seiner Art verfolgen mu\u00df, n\u00e4hert sich den gr\u00f6\u00dferen Fischen, welche nicht gut unter sich sehen k\u00f6nnen, vom Grund aus und packt sie dann von unten pl\u00f6tzlich am Bauche. Die kleineren Fische verzehrt er w\u00e4hrend seines Schwimmens im Wasser, indem er den Kopf etwas \u00fcber die Oberfl\u00e4che emporhebt, gr\u00f6\u00dfere Fische aber tr\u00e4gt er im Maule nach dem Ufer und verspeist sie auf dem Lande. Dabei h\u00e4lt er die schl\u00fcpfrige Beute zwischen seinen Vorderf\u00fc\u00dfen und beginnt m der Gegend der Schulter zu fressen, sch\u00e4lt das Fleisch vom Nacken nach dem Schw\u00e4nze zu ab und l\u00e4\u00dft den Kopf, Schwanz und die \u00fcbrigen Theile liegen. In fischreichen Fl\u00fcssen wird er noch leckerer und labt sich dann blos an den besten R\u00fcckenst\u00fccken. So kommt es, da\u00df er in einem Tage oft mehrere gro\u00dfe Fische f\u00e4ngt und von jedem blos ein kleines R\u00fcckenst\u00fcckchen verzehrt. Die in der Umgegend solcher Gew\u00e4sser wohnenden Bauern st\u00f6ren einen so leckern Fischotter durchaus nicht, zumal wenn der Strom oder das Fischrecht in ihm einem gr\u00f6\u00dfern Gutsbesitzer geh\u00f6rt, wie es in England z. B. h\u00e4ufig der Fall ist. Sie betrachten dann den Fischotter als einen ihnen h\u00f6chst willkommenen Beschicker ihrer k\u00e4rglich besetzten Tafel und gehen des Morgens regelm\u00e4\u00dfig an die Ufer, um die angefressenen Fische aufzuheben und f\u00fcr sich zu verwerthen. Bei Ueberflu\u00df an Nahrung verleugnet der Otter die Sitten seiner Familie nicht. Auch er mordet, wie ich an Gefangenen beobachtete, solange etwas Lebendes in seiner N\u00e4he unter Wasser sich zeigt, und wird durch einen an ihm vor\u00fcber-schwimmenden Fisch selbst von der leckersten Mahlzeit abgezogen und zu neuer Jagd angeregt. Wenn er zuf\u00e4llig unter einen Schwarm kleiner Fische ger\u00e4th, f\u00e4ngt er, so rasch als m\u00f6glich, nach einander einen um den andern, schleppt ihn eiligst ans Land, bei\u00dft ihn todt, l\u00e4\u00dft ihn einstweilen liegen und\nst\u00fcrzt sich von neuem ins Wasser, um weiter zu jagen.\nAuch von Krebsen, Fr\u00f6schen, Wasserratten, kleinen und sogar gr\u00f6\u00dferen V\u00f6geln n\u00e4hrt sich der Fischotter, wenn auch nat\u00fcrlich die Fische, zumal Forellen, eine Lieblingsspeise bleiben. Selbst durch seine au\u00dfergew\u00f6hnlichen Jagden wird der Otter sch\u00e4dlich.\n\u201eIn den sch\u00f6nen Gartenanlagen zu Stuttgart,\" erz\u00e4hlt Tessin, \u201esind die Teiche stark mit zahmen und wildem Wassergefl\u00fcgel, sowie mit Fischen bev\u00f6lkert. Unter ersteren trieb im Sommer 1824 ein Fischotter seine n\u00e4chtlichen R\u00e4ubereien sechs bis sieben Wochen lang, ohne da\u00df irgend eine Spur seiner Anwesenheit bemerkt wurde. W\u00e4hrend dieser Zeit wurden alle Entennester, sowohl auf dem Lande, als auf den Inseln zerst\u00f6rt und die Eier ausgesaugt; die jungen Enten und G\u00e4nse wurden schnell vermindert, ohne da\u00df Ueberreste hiervon angetroffen worden w\u00e4ren, ebensowenig, als man solche von den gefressenen Fischen auffand. Dagegen fand man t\u00e4glich zwei bis sieben alte Enten, von welchen nichts als Kopf und Hals verzehrt waren, desgleichen stark verletzte G\u00e4nse und Schw\u00e4ne, die infolge ihrer Wunden bald eingingen. In einer mondhellen Nacht entschlo\u00df sich endlich der in den Anlagen wohnende k\u00f6nigliche Oberhofg\u00e4rtner Bosch, sich selbst auf den Platz zu begeben. Von neun Uhr an bis gegen zw\u00f6lf Uhr wurde das Wassergefl\u00fcgel best\u00e4ndig beunruhigt und nach allen Richtungen hin umhergetrieben. Unaufh\u00f6rlich t\u00f6nte der Angstschrei, besonders der jungen Enten, und es fing erst an, ruhig zu werden, nachdem sich alle auf das Land gefl\u00fcchtet hatten. Noch war es nicht m\u00f6glich, zu entdecken, wodurch das Gefl\u00fcgel so in Angst gesetzt worden war, und vergebens versuchte Herr Bosch, dasselbe wieder in den Teich zu treiben. Nach ein Uhr fiel eine wilde Ente","page":565},{"file":"p0566.txt","language":"de","ocr_de":"566\nDie Raubthiere. Fischottern. \u2014 Gemeiner Fischotter.\nm kurzer Entfernung von dem Versteck des J\u00e4gers ins Wasser. ,5Mb darauf bemerkte dieser im Wasser eine schmale Str\u00f6mung, welche jedoch durchaus kein Ger\u00e4usch verursachte und das Ansehen hatte, als ob ein gro\u00dfer Fisch hoch ginge, nur da\u00df sich die Str\u00f6mung weit schneller bewegte, als es geschehen sein w\u00fcrde, wenn ein Fisch die Ursache gewesen w\u00e4re. Als die Ente diese Str\u00f6mung wahrgenommen hatte, stand sie schnell auf und strich weg. Die Str\u00f6mung kam Bosch immer n\u00e4her, und Dieser scho\u00df endlich mit starken Schroten auf sie hin. Nach dem Schusse blieb das Wasser ruhig, Bosch nahm einen Kahn, fuhr damit an die Stelle und untersuchte mit dem Ladestock, an dem sich ein Kr\u00e4tzer befand, das Wasser. Er versp\u00fcrte bald eine weiche Masse, bohrte dieselbe an und brachte einen Fischotter m\u00e4nnlichen Geschlechts, welcher von der Nase bis zur Ruthenspitze 4 Fu\u00df ma\u00df und\n231/4 Pfund wog, zum Vorschein. Von nun an h\u00f6rten alle Verheerungen unter dem Wassergefl\u00fcgel auf.\"\nDer Fischotter wird wegen der gro\u00dfen Verw\u00fcstungen, welche er anrichtet, zu jeder Zeit unbarmherzig gejagt. Seine Schlauheit macht viele Jagdarten, welche man sonst anwendet, langweilig oder unm\u00f6glich. Es ist ein seltener Fall, da\u00df man einen Otter auf dem Anstand erlegt; denn sobald er die N\u00e4he eines Menschen wittert, kommt er nicht zum Vorschein. Im Winter ist der Anstand ergiebiger, zumal, wenn man dem Thiere an den Eisl\u00f6chern auflauert. Unter allen Umst\u00e4nden mu\u00df der Sch\u00fctze unter dem Wind stehen, wenn er zum Ziel kommen will. Am h\u00e4ufigsten f\u00e4ngt man den Otter im Tellereisen, welches man vor seine Ausstiege ohne K\u00f6der so in das Wasser legt, da\u00df es zwei Zoll hoch davon \u00fcbersp\u00fclt wird. Das Eisen wird mit Wassermos ganz bedeckt. Kann man eine solche Falle in einem Bach oder Graben aufstellen, durch welche er fischend von einem Teich zum andern zu gehen pflegt, so ist es um so besser. Man engt alsdann den Weg durch Pf\u00e4hle derart ein, da\u00df das Thier \u00fcber das Elsen weglaufen mu\u00df. Zuf\u00e4llig f\u00e4ngt man den einen oder den andern auch in Reu\u00dfen oder sackf\u00f6rmigen Fischnetzen, in welche er bei seinen Fischjagden kommt und, weil er keinen Ausweg wiederfindet, erstickt. In meiner Heimat wurde ein Otter mit einem Hamen aus dem Wasser gefischt. Hier und da \u00fcberrascht man ihn wohl auch bei seinen Landg\u00e4ngen; doch nehmen nur wenige Hunde seine F\u00e4hrte an, ebensowohl, weil sie die Ausd\u00fcnstung des Thieres verabscheuen, als auch, weil sie sich vor dem Gebi\u00df desselben f\u00fcrchten. Der in die Enge getriebene Otter ist n\u00e4mlich wirklich ein furchterregender Gegner; er dreht sich w\u00fcthend seinem Feind zu und kann mit seinem starken Gebi\u00df sehr gef\u00e4hrlich verwunden. Dies erfuhr ein J\u00e4ger, welcher einen von seinem Hunde verfolgten Otter in dem Augenblick ergriff, als er sich in das Wasser st\u00fcrzen wollte. Der Mann hatte das Thier am Schw\u00e4nze erfa\u00dft, dieses aber drehte sich blitzschnell herum, schnappte nach der Hand und hatte im Nu das Endglied des Daumens abgebissen. Was der Otter gefa\u00dft hat, l\u00e4\u00dft er nicht wieder los, und wenn man ihn todtschl\u00e4gt. Auf gr\u00f6\u00dferen Seen und Teichen verfolgt man den Otter mit K\u00e4hnen und schie\u00dft auf ihn, sobald er an die Oberfl\u00e4che kommt, um Luft zu sch\u00f6pfen. Die aufsteigenden Luftblasen verrathen den Weg, welchen er unter dem Wasser nimmt und leiten so die J\u00e4ger auf ihrer Verfolgung. In tiefem Wasser ist diese Jagdart nicht anwendbar, weil der Otter wie Blei zur Tiefe und dadurch verloren geht; denn wenn er halb verfault wieder emporkommt, ist sein Fell nat\u00fcrlich nicht zu gebrauchen. Nur in Fl\u00fcssen, in denen es sehr viele Ottern giebt, kann man noch eine andere Jagdweise anwenden. Man zieht in aller Stille gro\u00dfe Netze quer durch den Flu\u00df und l\u00e4\u00dft den Otter durch die erw\u00e4hnten Hunde treiben. Mehrere Leute mit Gewehren und Spie\u00dfen stehen an den Netzen oder gehen, wo Dies thunlich, mit den Hunden im Flusse fort. Daun versucht man das Raubthier entweder zu erlegen oder anzuspie\u00dfen und tr\u00e4gt es dann stolz auf den Spie\u00dfen nach Hause. So jagt man haupts\u00e4chlich in Schottland. Der gefangene Otter zischt und faucht f\u00fcrchterlich und . vertheidigt sich bis zum letzten Lebenshauch. Unvorsichtigen Hunden wird er h\u00f6chst gef\u00e4hrlich; er zerbei\u00dft ihnen nicht selten die Beinknochen. Die Otterhunde, welche wir kennen lernten, wissen derartigen Unf\u00e4llen freilich auszuweichen und werden ihres Wildes bald Herr. Im Augenblick des Todes st\u00f6\u00dft der Otter klagende und wimmernde T\u00f6ne aus.\nEine festbestimmte Rollzeit hat der Otter nicht, denn man findet in jedem Monat des Jahres","page":566},{"file":"p0567.txt","language":"de","ocr_de":"Jagd auf ihn. Z\u00e4hmung.\n567\nkleine Junge. Gew\u00f6hnlich aber f\u00e4llt die Paarungszeit in da\u00ab Ende des Februar -derden Anfang des M\u00e4rz. M\u00e4nnchen und Weibchen locken sich dann durch einen starken, anhaltenden Pfiff gegenseitig herbei und spielen gar allerliebst mit einander im Wasser umher. Sie verfolgen einander, necken und foppen sich; das Weibchen entflieht spr\u00f6de, und das M\u00e4nnchen wird immer ungest\u00fcmer, bis ihm endlich Sieg und Gew\u00e4hr zum Lohn- wird. Nenn Wochen nach derPaarnngsz-lt, bei uns im Mai, wirst das Weibchen in einem sichern, d. h. unter alten Banmen oderi starken Wurzel\u00bb gelegenen Uf-rban, zwei bis vier blinde Junge auf -in weiches und warmes GraSp\u00b0lst-r. Dl- Mutter liebt dies- z\u00e4rtlich und pflegt sie mit der gr\u00f6\u00dften Sorgfalt. A-ngstlrch sucht sie das Lager zu e-bergen und vermeidet, um ja nicht entdeckt zst werden, in der N\u00e4h- deflelben wgend -me Spur von ihrem Raube oder ihrer Losung zur\u00fcckzulassen. Letztere setzt sie blos auf Sterne und Stocke, w-lche aus dem Wasier hervorragen, ab, niemals im Wasser, welches sie fortf\u00fchren und dadurch verra he\u00bb k\u00f6nnte! Nach etwa neun bis zehn Tagen \u00f6ffnen die niedlichen Kleinen ihre Augen, und \u00bbach Verlaus von acht Wochen werden sie von der Mutter auf den Fischfang -uSges\u00fchrt. Sie bleiben nun noch etwa -in halbes Jahr lang unter Aussicht der Alten und werden von ihr m allen K\u00fcnsten des Gewerbes geh\u00f6rig unterrichtet. Im dritten Jahre sind sie erwachsen, oder wenigstens zur Fort-\nV'1 Junges aus dem Nest genommene und mit Milch und Brod aufgezogene Fischottern k\u00f6nnen sehr zahm werden. Die schlauen Chinesen benutzen eine Art dieser Thiere ganz regelm\u00e4\u00dfig zum Fischfang f\u00fcr ihre Rechnung, und auch bei uns zu Lande hat man mehrmals Fischottern zu demse en Zwecke abgerichtet. Ein zahmer Fischotter ist ein sehr niedliche\u00ab und gem\u00fcthliches Thier. Semen Herrn lernt er bald kennen und folgt ihm zuletzt wie ein treuer Hund auf Schritt und Tritt nach. Er gew\u00f6hnt sich fast lieber an Milch- und Pflanzenkost, als an Fleischspeise, und kann dahin gebracht werden, die Fisch- gar nicht anzur\u00fchren. Auch Frauen haben sich mit der Z\u00e4hmung der Fischottern abgegeben, und Dies ist gewi\u00df ein Beweis von der Liebensw\u00fcrdigkeit dieser Gesch\u00f6pfe. Erst vor Kurzem erhielt mein Vater eine ausf\u00fchrliche Beschreibung \u00fcber das Betragen eines Fischotter\u00ab m der Gefangenschaft von einem Fr\u00e4ulein, welches den Verlust ihres Liebling\u00ab heute noch bedauert. T\u00bbe Dame hatte das jung- Thier mit Milch aufgezogen und so an sich gew\u00f6hnt, da\u00df -s ihr \u00fcberall nachlief und, sobald es konnte, an ihrem Kleid emporstieg, um sich in ihren Echos zu legen. Der Otter spielte mit seiner Herrin oder in drolliger Weise mit sich selbst. Er suchte sich einen zu diesem Zweck hingelegten Pelz auf, w\u00e4lzte sich auf demselben herum, legte sich auf den Rucken, haschte nach dem Schw\u00e4nze, bi\u00df sich in die Vorderpfoten und spielte solange, bis er sich selbst \u00ab Schlummer wiegle. Die Dame konnte mit ihm machen, was sie wollte. \u201eSo sehr ich das hebe Thierchen\", schreibt sie, \u201emit meinen Liebkosungen plagte, so ruhig duldete es dieselben. Ich legte es minutenlang um meinen Hals? dann auf den R\u00fccken, ergriff es mit beiden H\u00e4nden und vergrub mem Gesicht in seinem Fellchen; dann hielt ich es unter den Vorderf\u00fc\u00dfen umfa\u00dft, und drehte es tote einen Quirl herum; alles Dieses lie\u00df es sich geduldig gefallen. \u2014 Nur wenn ich es von mir that, bekam es Mieder eigenen Willen, den es dadurch kund gab, da\u00df es an mir in die H\u00f6he zu klettern suchte. a-durch hatte es sich einige Male unangenehm gemacht, indem es dann in mein Kleid bi\u00df, wodurch sofort L\u00f6cher entstanden, welche, weil ich sie nicht sogleich bemerkte, oft zu einer b-d-nt-nd-n Gro\u00dfheranwuchsen. Mit diesem Bei\u00dfen und seinen schmuzigen Pf\u00f6tchen konnte es mich recht plagen; denn nie blieb ein Unterkleid -inen Tag lang sauber. Ich konnte aber doch nicht umhin, das Thierchen schlafen zu lassen, wo es w\u00fcnschte. So wurde unsere Liebe gegenseitig und immer inniger, je gr\u00f6\u00dfer\nund verst\u00e4ndiger der Otter wurde.\"\t,\t\u201e\nMein Bruder und ich erhielten in Spanien, wo der Fischotter \u00fcberall h\u00e4ufig ist, einmal drei Junge und hatten sie zu unserer gr\u00f6\u00dften Freude schon nach wenigen Tagen so gez\u00e4hmt, da\u00df wir alles M\u00f6gliche mit ihnen anfangen konnten. Unser unstetes J\u00e4gerleben gestattete uns leider nicht, die angenehmen Gesch\u00f6pfe so zu pflegen, wie wir w\u00fcnschten. Sie verschieden nach und nach auf\nder Reise.","page":567},{"file":"p0568.txt","language":"de","ocr_de":"56.8\tDie Raubthiere. Fischottern. \u2014 Gemeiner Fischotter.\n,,ElU Fischotter,\" sagt Winkelt, \u201ewelcher unter der Pflege eines in Diensten meiner Familie stehenden G\u00e4rtners aufwuchs, befand sich, noch ehe er halbw\u00fcchsig wurde, nirgends so wohl, als in menschlicher Gesellschaft. Waren wir im Garten, so kam er zu uns, kletterte auf den Schos, verbarg sich vorz\u00fcglich gern an der Brust und guckte mit dem K\u00f6pfchen aus dem zugekn\u00f6pften Oberrock. Als er mehr heranwuchs, reichte ein einziges Mal Pfeifen nach Art des Otters, verbunden mit dem Rufe des chm beigelegten Namens hin, um ihn sogar aus dem See, in welchem er sich gern mit Schwimmen vergn\u00fcgte, heraus und zu uns zu locken. Bei sehr geringer Anweisung hatte er apportiren, aufwarten und n\u00e4chstdem die Kunst, sich f\u00fcnf bis sechs Mal \u00fcber den Kopf zu kollern, gelernt und \u00fcbte Dies sehr willig und zu unserer Freude aus.\"\n\u201eBeging er, was zuweilen geschah, eine Ungezogenheit, so war es f\u00fcr ihn die h\u00e4rteste Bestrafung,-wenn er mit Wasser stark besprengt oder begossen ward, wenigstens fruchtete Dies mehr, als Schl\u00e4ge.\"\n\u201eSein liebster Spielkamerad war ein ziemlich starker Dachshund, und sobald sich dieser im Garten nur blicken lie\u00df, war auch gewi\u00df gleich der Otter da, setzte sich ihm auf den R\u00fccken und ritt gleichsam auf ihm spazieren. Zu anderen Zeiten zerrten sie sich spielend herum; bald lag der Dachshund oben, bald der Otter. War dieser recht bei Laune, so kicherte er dabei in Einem weg. Ging man mit dem Hunde in ziemlicher Entfernung vor\u00fcber und schien erdicht willens, seinen Freund zu besuchen, so lud dieser durch wiederholtes Pfeifen ihn ein. Jener folgte, wenn es sein Herr erlaubte, augenblicklich dem Rufe.\"\nDie Abrichtung eines gez\u00e4hmten Otters zum Fischfang ist ziemlich einfach. Das Thier bekommt in der Jugend niemals Fischfleisch zu essen und wird blos mit Milch und Brod erhalten. Nachdem er nun ziemlich erwachsen ist, wirft man ihm einen roh aus Leder nachgebildeten Fisch vor und sucht ihn dahin zu bringen, mit diesem Gegenst\u00e4nde zu spielen. -Sp\u00e4ter wird der Lehrfisch in das Wasser geworfen und schlie\u00dflich mit einem wirklichen, todten Fisch vertauscht. Nimmt der Otter einmal diesen aus, so wirst man denselben in das Wasser und l\u00e4\u00dft ihn von dort aus herausholen. Schlie\u00dflich brmgt man lebende Fische \u00e4n einen gro\u00dfen K\u00fcbel und schickt den Otter dahinein. Von nun an hat man keine Schwierigkeiten mehr, den Ottter auch in gr\u00f6\u00dfere Teiche, Seen oder Fl\u00fcsse zu senden, und man kann ihn, wenn man die Geduld nicht verliert, soweit bringen, da\u00df er in Gesellschaft eines Hundes sogar auf andere Jagd mitgeht und, sowie dieser, die \u00fcber dem Wasser geschossenen Enten herbeiholt. Ja, man kennt Beispiele, da\u00df er, wie der Hund, zur Bewachung der Hausgegenst\u00e4nde verwendet werden konnte. Namentlich die Engl\u00e4nder haben es in der Z\u00e4hmung des Fischotters weit gebracht, wie sie \u00fcberhaupt die Kunst am besten verstehen, mit Thieren umzugehen.\n\u201eEin wohlbekannter J\u00e4ger,\" erz\u00e4hlt Wood, \u201ebesa\u00df einen Otter, welcher vorz\u00fcglich abgerichtet war. Wenn er mit seinem Namen \u201eNeptun\" gerufen wurde, antwortete er augenblicklich und kam auf den Ruf herbei. Schon in der Jugend zeigte er sich au\u00dferordentlich verst\u00e4ndig, und mit den Jahren nahm er in auffallender Weise an Gelehrigkeit und Zahmheit zu. Er lief frei herum und konnte fischen nach Belieben. Zuweilen versorgte er die K\u00fcche ganz allein mit dem Ergebnisse seiner Jagden, und h\u00e4ufig nahmen diese den gr\u00f6\u00dften Theil der Nacht in Anspruch. Am Morgen fand sich Neptun stets an seinem Posten, und jeder Fremde mu\u00dfte sich dann verwundern, dieses Gesch\u00f6pf unter den verschiedenen Vorstehe- und Windhunden zu erblicken, mit denen es in gr\u00f6\u00dfter Freundschaft lebte. Seine Iagdfertigkeit war so gro\u00df, da\u00df sein Ruhm sich von Tag zu Tag vermehrte und mehr als einmal die Nachbarn des Besitzers zu dem Wunsche veranla\u00dfte: man m\u00f6ge ihnen das Thier auf einen oder zwei Tage leihen, damit es ihnen eine Anzahl von guten Fischen verschaffe.\"\nRichardson berichtet von einem andern Otter, welchen er gez\u00e4hmt hatte. Er war ganz an ihn gew\u00f6hnt und folgte ihm bei seinen Spazierg\u00e4ngen wie ein Hund, in der anmuthigsten Weise neben ihm herspielend. Bei Ankunft an einem Gew\u00e4sser sprang der Otter augenblicklich in die Wellen und schwamm nach seinem Belieben da herum. Trotz aller Anh\u00e4nglichkeit und Freundschaft, welche er seinem Herrn bewies, konnte er doch niemals dahin gebracht werden, diesem seine gemachte Beute","page":568},{"file":"p0569.txt","language":"de","ocr_de":"569\nBeispiele von Z\u00e4hmung und Abrichtung.\nzu \u00fcberliefern. Sobald er sah, da\u00df Richardson in der Absicht auf ihn zuging, emen Gefangenen ihm zu entrei\u00dfen, sprang er schnell mit diesem ins Wasser, schwamm an das andere Ufer, legte ihn dort nieder und verzehrte ihn daselbst in Frieden. Zu Hause durchstreifte der Otter nach Belieben Hos und Garten und fand auch dort seine Rechnung; denn er fra\u00df das verschiedenartigste Ungeziefer, wie z. B. Schnecken, W\u00fcrmer, Raupen, Engerlinge und dergleichen. Die Schnecken wu\u00dfte er mit der gr\u00f6\u00dften Geschicklichkeit aus ihrem Geh\u00e4use zu ziehen. In dem Zimmer sprang er schnell auf die St\u00fchle und Fenster und jagte dort nach Fliegen, welche er sehr geschickt zu fangen wu\u00dfte, sobald sie an den Glastafeln herumschw\u00e4rmten. Mit einer sch\u00f6nen Angorakatze hatte er eine warme Freundschaft geschlossen, und als seine Freundin eines Tages von einem Hunde angegriffen wurde, flog er zu ihrer Hilfe herbei, ergriff den Hund bei den Kinnbacken und war so erbittert auf ihn, da\u00df sein Herr die Streitenden trennen und den Hund aus dem Zimmer jagen mu\u00dfte.\nDie anmuthigste aller Erz\u00e4hlungen \u00fcber einen gez\u00e4hmten Fischotter hat unstreitig der polnische Edelmann und Marschall Chrysostomus Passet uns hinterlassen. Er erz\u00e4hlt nach Lenz Folgendes: \u201eIm Jahre 1686, als ich in Ozowka wohnte, schickte der K\u00f6nig den Herrn Straszewski mit einem Briefe zu mir; auch hatte der Kronstallmeister mir geschrieben und mich ersucht, dem K\u00f6nig meinen Fischotter als Geschenk zu bringen, indem mir Dies durch allerlei Gnadenbezeugungen w\u00fcrde vergolten werden. Ich mu\u00dfte mich zur Herausgabe meines Lieblings bequemen. Wir tranken Branntwein und begaben uns auf die Wiesen, weil der Fischotter nicht zu Hause war,sondern an den Teichen umherkroch. Ich rief ihn bei seinem Namen \u201eWurm\"; da kam er aus dem Schilfe hervor, zappelte um mich herum und ging mit mir in die Stube. Straszewski war erstaunt und rief: \u201eWie lieb wird der K\u00f6nig das Thierchen haben, da es so zahm ist!\" Ich erwiderte: \u201eDu siehst und lobst nur seine Zahmheit; Du wirst aber noch mehr zu loben haben, wenn Du erst seine anderen Eigenschaften kennst.\" Wir gingen zum n\u00e4chsten Teiche und blieben auf dem Damme stehen. Ich rief: \u201eWurm, ich brauche Fische f\u00fcr die G\u00e4ste, spring ins Wasser!\" Der Fischotter sprang hinein und brachte zuerst einen Wei\u00dffisch heraus. Als ich zum zweiten Male rief, brachte er einen kleinen Hecht, und zum dritten Male einen mittlern Hecht, welchen er am Halse verletzt hatte. Straszewski schlug sich vor die Stirn und rief: \u201eBei Gott, was sehe ich!\" Ich frug: \u201eWillst Du, da\u00df er noch mehr holt? denn er bringt soviel, bis ich genug habe.\" Straszewski war vor Freude au\u00dfer sich, weil er hoffte, den K\u00f6nig durch die Beschreibung jener Eigenschaften \u00fcberraschen zu k\u00f6nnen; ich zeigte ihm deshalb vor seiner Abreise alle Eigenschaften des Thieres.\"\n\u201eDer Fischotter schlief mit mir auf Einem Lager und war dabei so reinlich, da\u00df er weder das Bett, nock das Zimmer beschmuzte. Er war auch ein guter W\u00e4chter. In der Nacht durfte sich Niemand meinem Bette nahen^kaum da\u00df er dem Burschen erlaubte, meine Stiefel auszuziehen, dann durfte er sich aber nicht mehr zeigen, weil das Thier sonst ein solches Geschrei erhob, da\u00df ich selbst aus dem tiefsten Schlaf erwachen mu\u00dfte. Wenn ich betrunken war, trat der Otter solange auf meiner Brust herum, bis ich erwachte. Am Tage legte er sich in irgend einen Winkel und schlief so fest, da\u00df man ihn auf den Armen umhertragen konnte, ohne da\u00df er die Augen \u00f6ffnete. Er geno\u00df weder Fische, noch rohes Fleisch. Wenn mich Jemand am Rock fa\u00dfte und ich rief: \u201eEr ber\u00fchrt mich!\" so sprang er mit einem durchdringenden Schrei hervor und zerrte Jenen an den Kleidern und Beinen, wie ein Hund. Auch liebte er einen zottigen Hund, der Korporal hie\u00df. Von diesem hatte er alle jene K\u00fcnste erlernt; denn er hielt mit ihm Freundschaft und war sowohl in der Stube, als auf Reisen stets bei ihm. Dagegen vertrug er sich mit anderen Hunden gar nicht. Einst stieg Stanislaus Ozarawski nach einer Reise, die wir zusammen gemacht hatten, bei mir ab. Ich hie\u00df ihn willkommen. Der Fischotter, welcher mich drei Tage hindurch nicht gesehen hatte, kam an mich heran und konnte sich in Liebkosungen gar nicht m\u00e4\u00dfigen. Der Gast, welcher einen sehr sch\u00f6nen Windhund bei sich hatte, sagte zu seinem Sohne: \u201eSamuel, halt den Hund, damit er den Fischotter nicht zerrei\u00dfe!\" \u201eBem\u00fche Dich nicht!\" rief ich; \u201edies Thierchen, so klein es auch ist, duldet keine Beleidigung.\" \u201eWie! Du scherzest!\" erwiderte er, \u201edieser Hund packt jeden Wolf und ein Fuchs athmet","page":569},{"file":"p0570.txt","language":"de","ocr_de":"570\nDie Raubthiere. Seeotter. \u2014 Kalan.\nnur einmal unter ihm.\" Als der Fischottter genug mit mir gespielt hatte, sah er den fremden Hund, trat an ihn heran unv sah ihm starr unter die Augen; auch der Hund betrachtete den Fischotter; dieser aber ging im Kreise herum, beroch ihn bei den Hinterf\u00fc\u00dfen, trat zur\u00fcck und entfernte sich. Ich dachte bei mir: er wird dem Hunde Nichts thun. Kaum aber fingen wir an, Etwas zu sprechen,' als der Fischotter sich an den Hund schlich und ihn mit der Pfote \u00fcber die Schnauze schlug, soda\u00df er zur Th\u00fcr und von dort hinter den Ofen sprang. Auch dahin folgte er ihm nach. Als der Hund keinen andern Ausweg sah, sprang er auf den Tisch und zerbrach zwei geschlissene, mit Wein gef\u00fcllte Gl\u00e4ser; darauf wurde er hinausgelassen und kam nicht mehr ins Zimmer, obgleich sein Herr erst am folgenden Mittag abreiste. Wenn ein Hund auf der Stra\u00dfe den Fischotter beroch, so schrie er so laut da\u00df jener fortlief.\"\n\u201eDieses Thierchen war auch auf der Reise sehr n\u00fctzlich. Wenn ich w\u00e4hrend der Fastenzeit an emen Flu\u00df oder Teich kam und den Fischotter bei mir hatte, so stieg ich ab und rief: \u201eWurm, spring hmem!\" Das Thierchen sprang ins Wasser und brachte Fische heraus, soviel ich f\u00fcr mich und meine Dienerschaft brauchte. Auch Fr\u00f6sche, und was es sonst fand, schleppte es herbei. Die einzige Unannehmlichkeit, welche ich von ihm auf Reisen hatte, war, da\u00df allerwegens die Leute in Haufen zusammenstr\u00f6mten, als wenn das Thierchen aus Indien gewesen w\u00e4re. Ich besuchte einmal meinen Oheim Felix Chociewski, bei welchem sich auch der Priester Srebienski befand,-\u00bbder bei Tische neben mir sa\u00df, w\u00e4hrend hinter mir der Fischotter auf den R\u00fccken gestreckt lag, weil er am liebsten auf diese Art ruhte. Als der Priester ihn bemerkte, glaubte er einen Muff zu sehen und fa\u00dfte ihn an. Der Otter wachte auf, schrie und bi\u00df den Priester in die Hand, so da\u00df er vor Schreck ohnm\u00e4chtig wurde.\"\n\u201eStraszewski begab sich nun zum K\u00f6nig und erz\u00e4hlte ihm Alles, was er gesehen und geh\u00f6rt hatte. Der K\u00f6nig lie\u00df mich schriftlich befragen, wieviel ich f\u00fcr den Fischotter verlangte; auch der Kronstallmeister Piekarski schrieb an mich: \u201eUm Gotteswillen, schlage dem K\u00f6nig die Bitte nicht ab, gieb ihm den Fischotter, weil Du sonst keine Ruhe haben wirst!\" Straszewski \u00fcberbrachte mir dre Brrefe und erz\u00e4hlte, da\u00df der K\u00f6nig immer sagte: bis dat, qui cito dat (doppelt giebt, wer bald giebt). Der K\u00f6nig lie\u00df auch zwei sehr sch\u00f6ne t\u00fcrkische Pferde von Iaworow holen, sie mit pr\u00e4chtigem Reitzeuge versehen und mir als Gegengeschenk \u00fcberschicken. Ich sandte nun den Otter in den neuen Dienst. Er bequemte sich ungern dazu, denn er schrie und l\u00e4rmte in dem K\u00e4fig, als er durch das Dorf gefahren wurde. Das Thierchen gr\u00e4mte sich und wurde mager. Als es dem K\u00f6nig \u00fcberbracht wurde, freute er sich unm\u00e4\u00dfig und rief: \u201eDas Thierchen sieht so abgeh\u00e4rmt aus, doch soll es schon besser mit ihm werden.\" Jeder, der es ber\u00fchrte, wurde von ihm in die Hand gebissen. Der K\u00f6nig aber streichelte es, und es neigte sich zu ihm hin; dar\u00fcber erfreute er sich sehr, streichelte es noch l\u00e4nger, befahl ihm Speisen zu bringen, reichte sie ihm st\u00fcckweis, und es verzehrte auch Einiges. Er ging in den Zimmern frei und ungehindert zwei Tage umher; auch wurden Gef\u00e4\u00dfe mit Wasser hingestellt und kleine Fische und Krebse hineingesetzt. Daran erg\u00f6tzte sich der Otter und brachte die Fische heraus. Der K\u00f6nig sagte zu seiner Gemahlin: \u201eHolde Maria, ich werde keine anderen Fische essen, als die, welche der Otter f\u00e4ngt. Wir wollen morgen nach Wilanow fahren, um zu sehen, wie er sich aufs Fischen versteht. Der Fischotter aber schlich sich in n\u00e4chster Nacht aus dem Schlosse, irrte umher und ward von einem Dragoner erschlagen, welcher nicht wu\u00dfte, da\u00df er zahm war. Das Fell verkaufte er sogleich an einen Juden. Als man im Schlosse aufstand und ihn vermi\u00dfte, wurde geschrieen, gejammert, nach allen Seiten ausgeschickt. Da findet man den Juden und Dragoner, ergreift sie und f\u00fchrt sie vor den K\u00f6nig. Als dieser das Fell erblickte, bedeckte er mit einer Hand seine Augen, fuhr mit der andern in seine Haare und rief: \u201eSchlag zu, wer ein ehrlicher Mann ist, hau zu, wer an Gott glaubt!\" Der Dragoner sollte erschossen werden. Da erschienen Priester, Beichtv\u00e4ter und Bisch\u00f6fe vor dem K\u00f6nig, baten und stellten ihm vor, da\u00df der Dragoner nur in Unwissenheit ges\u00fcndigt h\u00e4tte. Sie wirkten endlich soviel aus, da\u00df er nicht erschossen, sondern nur durchgepeitscht wurde.\"\n_ Auch alt eingefangene Fischottern werden nicht selten bald zahm. Auf der Leipziger Messe wurden zweimal nach einander ein Paar ausgestellt, welches man in der Saale gefangen hatte. Beide Thiere","page":570},{"file":"p0571.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Heimat.\n571\nwaren vollkommen erwachsen, gro\u00df und sch\u00f6n. Anfangs zeigten sie sich ganz unb\u00e4ndig, gierig, wild und bissig. Ein halbes Jahr sp\u00e4ter konnte sie die Frau des Besitzers bereits aus dem Wasser und in die Arme nehmen. Sie lernten bald Allerlei fressen und verzehrten unter Anderm auch sehr gern M\u00f6hren, sowie Aepfel und andere Fr\u00fcchte.\nIm Hamburger Thiergarten besitzen wir einen alt eingefangenen Otter, welcher ebenfalls sehr bald zahm wurde und schon nach wenig Wochen auf den ihm beigelegten Namen h\u00f6rte.\nDer Nutzen, welchen der erlegte Fischotter gew\u00e4hrt, ist nicht unbetr\u00e4chtlich. Das Wildpret des Thieres ist von den w\u00fcthendsten Gegnern aller Naturwissenschaften, den Pfaffen, als e\u00dfbar erkl\u00e4rt worden, weil diese guten Herrn das Thier, aller Naturgeschichte zum Trotz, zu den Fischen z\u00e4hlen. Doch ist das Fleisch z\u00e4he und schwer verdaulich und kann auch blos durch allerlei K\u00fcnste des Kochs einigerma\u00dfen schmackhaft gemacht werden. Um so besser ist der Pelz. Das Fell ist n\u00e4mlich ebenso sch\u00f6n und gl\u00e4nzend, wie dauerhaft und warm; es wird daher mit Recht gesch\u00e4tzt und oft mit 10 bis 18 Thalern unsers Geldes bezahlt. Man verwendet es bei uns zu M\u00fcssen, M\u00fctzen und Verbr\u00e4mungen; in Kamtschatka aber, wo der Fischotter sehr h\u00e4ufig ist, zum Einpacken der sehr theuern Zobelfelle, weil man annimmt, da\u00df es alle N\u00e4sse und Feuchtigkeit an sich zieht und dadurch die Zobelfelle sch\u00f6n erh\u00e4lt. Aus den Schwanzhaaren macht man Malerpinsel und aus den feinen Woll-haaren sch\u00f6ne und dauerhafte H\u00fcte. Wohl mit Unrecht gelten die Pelze der Fischottern, welche an kleinen Fl\u00fcssen Und B\u00e4chen wohnen, f\u00fcr besser, als die solcher, welche an gro\u00dfen Fl\u00fcssen und Seen leben. \u2014 Fr\u00fcher wurden auch Blut, Fett und manche Eingeweide des Thieres als Arzneimittel gebraucht.\nDer Fischotter war schon den alten Griechen und R\u00f6mern bekannt, obwohl sie \u00fcber sein Leben viel fabelten. So glaubte man, da\u00df unser Thier .selbst den Menschen anfalle und, wenn es ihn mit seinem f\u00fcrchterlichen Gebi\u00df erfa\u00dft habe, nicht eher loslie\u00dfe, als bis es das Krachen der zermalmten Knochen vernehme, und dergleichen mehr.\nObgleich unsere Fischottern oder andere, dem Aeu\u00dfern nach ihnen verwandte Arten zuweilen im Meere wohnen, hat dieses doch sein eignes und zwar ein ihm fast ausschlie\u00dflich angeh\u00f6rendes Gesch\u00f6pf aus der Marderfamilie, den Kalan oder gro\u00dfen Seeotter (Enchydris Lutra).\nWie der lateinische Name zeigt, hat man den Seeotter von den \u00fcbrigen Fischottern getrennt und zum Vertreter einer eigenen Sippe erhoben. Er zeigt auch in der That wesentliche Eigenth\u00fcmlichkeiten. Seiner \u00e4u\u00dfern Erscheinung nach ist er ein robben\u00e4hnlicher Fischotter, d. h. er steht ungef\u00e4hr zwischen den Fischottern und Robben in der Mitte. Der Leib ist walzig, der Hals sehr kurz und dick, der Kopf rundlich und stumpf; die dicken Oberlippen tragen drei Reihen sehr starker Schnurren, die Augen sind gro\u00df und die Ohren tief herabgedr\u00fcckt. An den Vorderf\u00fc\u00dfen sind die Zehen verk\u00fcrzt und durch eine schwielige, unten nackte Haut verbunden; die Krallen sind klein und schwach gekr\u00fcmmt; an den Hinterf\u00fc\u00dfen nehmen die Zehen von den \u00e4u\u00dferen zu den inneren an L\u00e4nge ab und sind durch eine gro\u00dfe Schwimmhaut verbunden; der Schwanz ist kurz, dick zusammengedr\u00fcckt, keilf\u00f6rmig zugespitzt und dicht behaart. Der Pelz besteht aus sehr feinen Wollhaaren und langen, steifen Grannen. Im Geripp- und Z\u00e4hnebau unterscheidet sich das Thier ebenfalls von dem Otter, obwohl nicht sehr auff\u00e4llig. Man kennt nur die eine Art.\nSie bewohnt die Inseln und K\u00fcsten des gro\u00dfen Weltmeers zwischen Asien und Nordamerika. An der amerikanischen Seite geht sie weiter nach S\u00fcden hinauf, als an der asiatischen. Der Seeotter ist ein sch\u00f6nes, gro\u00dfes Thier von drei bis vier Fu\u00df L\u00e4nge, ungerechnet den fu\u00dflangen Schwanz, welches 70 bis 80 Pfund an Gewicht erreichen kann. Der Pelz ist schwarzbraun mit sparsamer wei\u00dfer Sprenkelung. Manchmal haben die Grannenhaare auch wei\u00dfe Spitzen: dann erscheint der Pelz silberwei\u00df. In der Jugend tr\u00e4gt das Thier ein langes, grobes, wei\u00dfes Haar, welches die feine braune Wolle versteckt.","page":571},{"file":"p0572.txt","language":"de","ocr_de":"572\nDie Raubthiere. Seeottsrn. \u2014 Kalan.\nDie beste Beschreibung des Seeotters hat Steller gegeben, und noch heut zu Tage hat kein andrer Naturforscher dieser vortrefflichen Schilderung Etwas zuzusetzen oder abzusprechen vermocht. Dies mag mit darin seinen Grund haben, da\u00df der Seeotter schon seit hundert Jahren in stetem Abnehmen begriffen ist, und sich gegenw\u00e4rtig bei weitem nicht mehr mit der Bequemlichkeit beobachten l\u00e4\u00dft, mit welcher Steller Dies konnte. Es bleibt deswegen nichts Andres \u00fcbrig, als die Steller'sche Beschreibung hier w\u00f6rtlich folgen zu lassen.\n\u201eDer Pelz des Seeotters,\" sagt er, \u201edessen Haut lose aus dem Fleische aufliegt, und sich w\u00e4hrend des Laufens \u00fcberall bewegt, \u00fcbertrifft an L\u00e4nge, Sch\u00f6nheit und Schw\u00e4rze das Haar aller Flu\u00dfbiber soweit, da\u00df sie nicht mit ihm in Vergleichung kommen k\u00f6nnen. Die besten Felle werden auf Kamtschatka zu drei\u00dfig, in Iakutzk zu vierzig, an der chinesischen Grenze aber gegen Tausch in Waaren zu 80 bis 100 Rubel bezahlt. Das Fleisch ist ziemlich gut zu essen und schmackhaft. Die Weibchen haben es aber viel zarter und sind gegen den Gang der Natur kurz vor und nach der Paarungszeit am allerfettesten und schmackhaftesten. Die noch saugenden Jungen, welche ihrer schlechten Felle\nDer Kalan oder gro\u00dfer Seeotter (Enchydrls Lutra).\nwegen Medwedki oder junge B\u00e4ren genannt werden, k\u00f6nnen, sowohl gebraten, als gesotten, immer mit einem Sauglamm um den Vorzug streiten. Das M\u00e4nnchen hat ein kn\u00f6chernes Geburtsglied, wie alle anderen warmbl\u00fctigen Seethiere. Das Weiblein hat zwei Br\u00fcste neben der Scham. Sie begehen sich auf menschliche Weise.\"\n\u201eIm Leben ist der Seeotter ein ebenso sch\u00f6nes und angenehmes, als in seinem Wesen lustiges und spa\u00dfhaftes, dabei sehr schmeichelndes und verliebtes Thier. Wenn man ihn laufen sieht, \u00fcbertrifft der Glanz seiner Haare den schw\u00e4rzesten Sammt. Am liebsten liegen sie familienweise; das M\u00e4nnchen mit seinem Weibchen, den halberwachsenen Jungen oder Koschlockis und den ganz kleinen S\u00e4uglingen, Medwedkis. Das M\u00e4nnchen liebkost das Weibchen mit Streicheln, wozu es sich der vorderen Tatzen wie der H\u00e4nde bedient, und legt sich auch \u00f6fters auf dasselbe, und sie st\u00f6\u00dft das M\u00e4nnchen scherzweise und gleichsam aus verstellter Spr\u00f6digkeit von sich und kurzweilt mit den Jungen wie die z\u00e4rtlichste Mutter. Die Liebe der Eltern gegen ihre Jungen ist so gro\u00df, da\u00df sie sich der augenscheinlichsten Todesgefahr f\u00fcr sie unterwerfen und, wenn sie ihnen genommen werden, fast wie ein kleines Kind laut zu weinen beginnen. Auch gr\u00e4men sie sich dergestalt, da\u00df sie, wie wir aus ziemlich sicheren Beispielen","page":572},{"file":"p0573.txt","language":"de","ocr_de":"Schilderung nach Steller.\n573\nsahen, in 10 bis 14 Tagen wie ein Geripp vertrocknen, krank und schwach werden, auch vom Lande nicht weichen wollen. Man sieht sie das ganze Jahr lang mit Jungen. Sie werfen blos Eins und zwar auf dem Lande. Es wird sehend mit allen Z\u00e4hnen geboren. Die Weibchen tragen das Junge im Maule, im Meere, auf dem R\u00fccken liegend, zwischen den Vorderf\u00fc\u00dfen wie eine Mutter ihr Kind in den Armen h\u00e4lt. Sie spielen auch mit demselben wie eine liebreiche Mutter, werfen es in die H\u00f6he und fangen es wie einen Ball; sto\u00dfen es ins Wasser, damit es schwimmen lerne, und nehmen es, wenn es m\u00fcde geworden, wieder zu sich und k\u00fcssen es wie ein Mensch. Wie auch die J\u00e4ger ihr zu Wasser oder zu Lande zusetzen, so wird doch das im Maule getragene Junge nicht au\u00dfer in der letzten Noth oder im Tode losgelassen, und deshalb kommen gar viele um. Ich habe den Weibchen absichtlich die Jungen genommen, um zu sehen was sie th\u00e4ten. Sie jammerten wie ein betr\u00fcbter Mensch und folgten mir von fern wie ein Hund, als ich sie forttrug. Dabei riefen sie ihre Jungen mit jenem Gewimmer, welches ich oben beschrieb. Als die Jungen in \u00e4hnlicher Weise antworteten, setzte ich sie an den Boden; da kamen gleich die M\u00fctter herbei und stellten sich bereit, dieselben fortzutragen. Auf der Flucht nehmen sie ihre S\u00e4uglinge in den Mund, die erwachsenen aber treiben sie vor sich her. Einmal sah ich eine Mutter mit ihrem Jungen schlafen. Als ich mich n\u00e4herte, suchte-sie dasselbe zu erwecken, da es aber nicht fliehen, sondern schlafen wollte, fa\u00dfte sie es mit den Vorders\u00fc\u00dfen und w\u00e4lzte es wie einen Stein ins Meer. Haben sie das Gl\u00fcck, zu entgehen, so fangen sie an, sobald sie nur das Meer erreicht haben, ihren Verfolger dergestalt auszuspotten, da\u00df man es nicht ohne sonderliches Vergn\u00fcgen sehen kann. Bald stellen sie sich wie ein Mensch senkrecht in die See und h\u00fcpfen mit den Wellen, halten wohl auch eine Vordertatze \u00fcber die Augen, als ob sie Einen unter der Sonne scharf ansehen wollten. Bald werfen sie sich auf den R\u00fccken und schaben sich mit den Vorderf\u00fc\u00dfen den Bauch und die Scham, wie wohl Affen thun. Dann werfen sie ihre Kinder ins Wasser und fangen sie wieder rc. ^ Wird ein Seeotter eingeholt und sieht er keine Ausflucht mehr, so bl\u00e4st und zischt er wie eine erbitterte Katze. Wenn er einen Schlag bekommt, macht er sich dergestalt zum Sterben fertig, da\u00df er sich auf die Seite legt, die Hinterf\u00fc\u00dfe an sich zieht, und mit den Vordertatzen die Augen deckt. Todt liegt er wie ein Mensch ausgestreckt mit kreuzweise gelegten Vorderf\u00fc\u00dfen.\"\n\u201eDie Nahrung des Seeotters besteht in Seekrebsen, Muscheln, kleinen Fischen, weniger in Seekraut oder Fleisch. Ich zweifle nicht, da\u00df, wenn man die Kosten daran wenden wollte, die Thiere nach Ru\u00dfland \u00fcberzubringen, sie zahm gemacht werden k\u00f6nnten; ja, sie w\u00fcrden sich vielleicht in einem Teiche oder Flusse vermehren. Denn aus dem Seewasser machen sie sich wenig, und ich habe gesehen, da\u00df sie sich mehrere Tage in den Jnseen und kleinen Fl\u00fcssen aufhallen. Uebrigens verdient dieses Thier die gr\u00f6\u00dfte Hochachtung von uns Allen, da es fast sechs Monate allein zu unsrer Nahrung und den an der Zahnf\u00e4ule leidenden Kranken zugleich zur Arznei gedient.\"\n\u201eDie Bewegungen des Seeotters sind au\u00dferordentlich unmuthig und schnell. Sie schwimmen vortrefflich und laufen sehr rasch, und man kann nichts Sch\u00f6neres sehen, als dieses wie in Seide geh\u00fcllte und schwarzgl\u00e4nzende Thier, wenn es l\u00e4uft. Dabei ist es merkw\u00fcrdig, da\u00df die Thiere um so munterer, schlauer und hurtiger sind, je sch\u00f6ner ihr Pelz ist. Die ganz wei\u00dfen, welche h\u00f6chst wahrscheinlich uralte sind, sind im h\u00f6chsten Grade schlau und lassen sich kaum fangen. Die schlechtesten, welche nur braune Wolle haben, sind meist tr\u00e4ge, schl\u00e4frig und dumm, liegen immer auf dem Eise oder Felsen, gehen langsam und lassen sich leicht fangen, als ob sie w\u00fc\u00dften, da\u00df man ihnen weniger nachstellt. Beim Schlafen auf dem Lande liegen sie krumm, wie die Hunde. Kommen sie aus dem Meer, so sch\u00fctteln sie sich ab und putzen sich mit den Vorderf\u00fc\u00dfen, wie die Katzen. Sie laufen sehr geschwind, wie die Katzen, mit vielen Umschweifen. Wird ihnen der Weg zum Meere versperrt, so bleiben sie stehen, machen einen Katzenbuckel, zischen und drohen, auf den Feind zu gehen. Man braucht ihnen aber nur einen Schlag auf den Kopf zu geben, so fallen sie wie todt hin, und bedecken die Augen mit den Pfoten. Auf den R\u00fccken lassen sie sich geduldig schlagen, sobald man aber den Schwanz trifft, so kehren sie um und halten, l\u00e4cherlich genug, dem Verfolger die Stirn vor. Manchmal stellen sie sich auf den ersten Schlag tobt und \u2014laufen davon, sobald man sich mit anderen besch\u00e4ftigt. Wir trieben sie ziemlich in die Enge","page":573},{"file":"p0574.txt","language":"de","ocr_de":"574\nDie Raubthiere. Seeottern. \u2014 Kalan.\nund hoben die Keule in die H\u00f6he, ohne zu schlagen; da legten sie sich nieder, schmeichelten, sahen sich um und krochen sehr langsam und dem\u00fcthig wie Hunde zwischen uns durch. Sobald sie sich aber au\u00dfer aller Gefahr sahen, eilten sie mit gro\u00dfen Spr\u00fcngen nach dem Meere.\"\n\u201eIm Juli oder August h\u00e4ren sich die Seeottern, jedoch nur wenig, und werden dann etwas brauner. Die besten Felle sind die aus den Monaten M\u00e4rz, April und Mai. Vor f\u00fcnfzehn Jahren (jetzt also etwa vor 130) konnte man die besten Felle f\u00fcr ein Messer oder Feuerzeug kaufen, und die russischen Kaufleute gaben daf\u00fcr h\u00f6chstens f\u00fcnf oder sechs Rubel; jetzt haben sie den angegebenen Preis schon erreicht, haupts\u00e4chlich, weil die Chinesen so hohen Werth aus sie legen. Nach China gehen die meisten von allen Fellen, und da die Chinesen meist Seidenpelze tragen, so ziehen sie die schweren Pelze des Seeotters den leichteren des Zobels vor und verbr\u00e4men sie auch ringsum. In Kamtschatka giebt es keinen gr\u00f6\u00dfern Staat, als ein Kleid, zusammengen\u00e4ht aus wei\u00dfem Pelz der Renthierfelle mit Otterpelz verbr\u00e4mt. Vor einigen Jahren trug noch Alles Meerotterkleider; es hat aber aufgeh\u00f6rt, seitdem sie so theuer geworden; auch h\u00e4lt man jetzt in Kamtschatka die Hundefelle f\u00fcr sch\u00f6ner, w\u00e4rmer und dauerhafter.\"\n\u201eDer Seeotter, welcher wegen der Beschaffenheit seines Felles mit Unrecht f\u00fcr einen Biber angesehen, und daher Kamtschatka-Robbe genannt worden, ist ein echter Otter, und unterscheidet sich von dem Flu\u00dfotter allein darin, da\u00df er sich in der See aufh\u00e4lt, fast um die H\u00e4lfte gr\u00f6\u00dfer ist und an Sch\u00f6nheit der Haare einem Biber \u00e4hnelt. Er ist unstreitig ein amerikanisches Seethier und an den K\u00fcsten von Asien blos ein Gast und Ank\u00f6mmling, welcher sich in dem sogenannten Bibermeer unter dem 56. bis 50. Grad der Breite aufh\u00e4lt, wo beide Erdtheile vielleicht nur durch einen 50 Meilen breiten Kanal getrennt sind. Dieser Kanal ist \u00fcbrigens mit vielen Eilanden angef\u00fcllt, und diese machen der Thiere Ueberkunft nach Kamtschatka m\u00f6glich, weil sie sonst \u00fcber eine weite See zu gehen nicht im Stande sein d\u00fcrften. Nach eingezogenen Kundschaften von dem tschuktschischen Volke, wei\u00df ich gewi\u00df, da\u00df diese Thiere gegen\u00fcber am Festlande Amerika zwischen dem 58. und 60. Grade anzutreffen sind; man hat auch Felle davon \u00fcber Annadyrsk durch den Handel bekommen. Vom 56. bis 50. Grad haben wir die Seeottern auf den Inseln am Festlande von Amerika, und unter 60. Grad nahe am Festlande, beim Vorgebirge Eli\u00e4, selbst 500 Meilen von Kamtschatka nach Osten hin angetroffen. Die meisten Ottern werden mit dem Treibeis von einer K\u00fcste des Festlandes zur andern gef\u00fchrt; denn ich habe mit meinen eignen Augen gesehen, wie gern diese Thiere auf dem Eise liegen, und obgleich wegen gelinden Winters die Eisschollen nur d\u00fcnn und sparsam waren, wurden sie durch die Fluth auf die Insel und mit abnehmendem Wasser wieder in die See gef\u00fchrt, im Schlafen sowohl, als im Wachen.\n\u201eAls wir auf der Beringsinsel anlangten, waren die Seeottern h\u00e4ufig vorhanden. Sie gehen zu allen Jahreszeiten, doch im Winter mehr, als im Sommer, aufs Land, um zu schlafen und auszuruhen, auch um allerlei Spiele mit einander zu treiben. Zur Zeit der Ebbe liegen sie auf den Klippen und auf den abgetrockneten Bl\u00f6cken, bei vollem Wasser auf dem Lande im Grase oder Schnee bis auf eine halbe, ja eine Werst vom Ufer ab, gew\u00f6hnlich jedoch nahe an demselben. Auf Kamtschatka oder den kurilischen Inseln kommen sie selten ans Land, so da\u00df man hieraus sieht, sie seien auf unserer Insel niemals in ihrer Ruhe und ihren Spielen gest\u00f6rt worden.\"\n\u201eWir jagten sie aus folgende Art: Gew\u00f6hnlich des Abends oder in der Nacht gingen wir in Gesellschaft von Zwei, Drei oder Vier, mit langen, starken St\u00f6cken von Birkenholz versehen, gegen den Wind so still als m\u00f6glich, dicht an dem Ufer hin und sahen uns aller Orten flei\u00dfig um. Wo wir nun einen Seeotter schlafend liegen sahen, ging Einer ganz stille auf selbigen los, kroch wohl auch auf allen Vieren, wenn er nahe war; die Anderen benahmen ihm einstweilen den Weg nach der See. Sobald man ihm so nahe kam, da\u00df man ihn mit einem Sprung zu erreichen dachte, fuhr man mit einem Male zu und suchte, ihn mit wiederholten Streichen auf den Kopf zu tobten. Entsprang er aber, ehe man ihn erreichen konnte, so jagten die Andern gemeinschaftlich ihn von der Se-seite weiter nach dem Lande und schlossen ihn im Laufen immer enger ein, da dann dieses Thier, so schnell und geschicklich es auch laufen kann, endlich erm\u00fcdete und dann leicht erschlagen wurde. Trafen wir, was","page":574},{"file":"p0575.txt","language":"de","ocr_de":"Schilderung nach Steller.\n575\noft geschah, eine ganze Herde an, so w\u00e4hlte sich Jeder sein Thier, welches ihm am n\u00e4chsten schien, und dann ging die Sache noch besser von statten. Im Anfange brauchten wir wenig Flei\u00df, List und Behendigkeit, weil das ganze Ufer von ihnen voll war und sie in der gr\u00f6\u00dften Sicherheit lagen. Sp\u00e4ter aber lernten sie unsere L\u00f6ffel dergestalt kennen, da\u00df man sie blos lauernd und mit der \u00e4u\u00dfersten Vorsicht ans Land gehen sah. Sie schauten allenthalben um sich her, wandten die Nasen nach jeder Gegend hin, um Witterung zu bekommen, und wenn sie sich nach langem Umsehen zur Ruhe gelegt hatten, sah man sie manchmal im schrecken wieder aufspringen und entweder nochmals sich umsehen oder wieder nach der See wandern. Wo eine Herde lag, waren aller Orten Wachen von ihnen ausgestellt. So hinderten uns auch die boshaften Steinf\u00fcchse, welche dieselben mit Gewalt vom Schlaf erweckten oder wachsam erhielten. Deshalb mu\u00dften wir immer neue Stellen aufsuchen und immer weiter auf die Jagd gehen, auch die finstere Nacht der hellen, und das ungest\u00fcme Wetter dem ruhigen vorziehen, um sie nur zu bekommen, weil unsere Erhaltung darauf beruhte. Aller dieser Hindernisse ungeachtet sind jedoch vom 6. September 1741 bis zum 17. August 1742 \u00fcber 700 St\u00fcck von ihnen durch uns erschlagen, von uns verzehrt und ihre Felle von uns zum Wahrzeichen mit nach Kamtschatka genommen worden. Weil man sie aber \u00f6fters ohne Noth, nur der Felle wegen erschlagen, ja auch \u00f6fters, wenn diese nicht schwarz genug waren, mit Fell und Fleisch liegen lassen, kam es durch unsere heillose Verfolgung der Thiere dahin, da\u00df wir im Fr\u00fchjahr, nachdem unsere Mundvorr\u00e4the verzehrt waren, die Ottern schon auf f\u00fcnfzig Werste von unseren Wohnungen abgetrieben hatten. Man h\u00e4tte sich nun gern mit Seehunden begn\u00fcgt, diese waren aber allzu listig, als da\u00df sie sich weiter auf das Land h\u00e4tten wagen sollen, und es war immer ein gro\u00dfes Gl\u00fcck, wenn man einen Seehund erschleichen konnte.\"\n\u201eDie Kurilen gehen im Fr\u00fchjahr mit leeren Booten, worin sechs Ruderer, ein Steuermann und ein Sch\u00fctze befindlich sind, auf zehn Werste und weiter in die See. Wenn sie einen Seeotter erblicken, rudern sie auf denselben mit allen Kr\u00e4ften los. Der Otter spart aber auch keinen Flei\u00df, um zu entkommen. Ist das Boot nahe genug, so schie\u00dft der Steuermann und die vornsitzenden Sch\u00fctzen mit dem Pfeil nach dem Thiere. Tressen sie es nicht, so zwingen sie es doch unterzutauchen, und lassen es nicht wieder aufkommen, ohne es gleich wieder durch einen Pfeil am Athemholen zu hindern. An den aufsteigenden Blasen bemerken sie, wo sich der Otter hinwendet, und dahin steuert auch der Steuermann das Fahrzeug. Der Vordermann aber fischt mit einer Stange, an welcher kleine Querst\u00f6cke wie an einer B\u00fcrste sitzen, die wieder emporkommenden Pfeile aus der See auf. Wenn der Otter ein Junges bei sich hat, kommt dieses zuerst au\u00dfer Athem und ers\u00e4uft. Dann wirft es die Alte, um sich besser reiten zu k\u00f6nnen, weg; man s\u00e4ngt es auf und nimmt es in das Boot, wo es nicht selten wieder zu sich kommt. Endlich wird auch die Mutter oder das m\u00e4nnliche Thier so athemlos und matt, da\u00df es sich keine Minute lang unter dem Wasser aufhalten kann. Da erlegen es die J\u00e4ger entweder mit einem Pfeil oder in der N\u00e4he mit der Lanze.\"\n\u201eWenn Seeottern in Stellnetze gerathen, womit man sie auch zu fangen pstegt, verfallen sie in eine solche Verzweiflung, da\u00df sie sich einander entsetzlich zerbei\u00dfen. Zuweilen bei\u00dfen sie sich selbst die F\u00fc\u00dfe ab, entweder aus Wuth oder, weil sie selbige verwickelt sehen, aus Verzweiflung.\"\n\u201eNichts ist f\u00fcrchterlicher anzusehen, als wenn der Eisgang ankommt, wobei man die Seeottern auf dem aus der See antreibenden Eise jagt und mit Keulen erschl\u00e4gt. Gew\u00f6hnlich ist dabei ein solcher Sturm und ein solches Schneegest\u00f6ber, da\u00df man sich kaum auf den F\u00fc\u00dfen erhalten kann, und doch scheuen die J\u00e4ger es nicht, selbst in der Nachtzeit auf den Fang zu gehen. Sie laufen auch ohne Bedenken auf dem Eise fort, wenn es gleich im Treiben ist und von den Wellen so gehoben wird, da\u00df sie zuweilen bald auf einem Berge erscheinen und dann wieder gleichsam in den Abgrund fahren. Jeder hat ein Messer und eine Stange in den H\u00e4nden und lange Schneeschuhe an die F\u00fc\u00dfe gebunden, woran sich Haken von Knochen befinden, um nicht auf dem Eise zu glitschen oder, wo es sich th\u00fcrmt, herunter zu fallen. Die H\u00e4ute m\u00fcssen gleich auf dem Eise abgenommen werden, und darin sind die Kurilen und Kamtschadalen so fertig, da\u00df sie in zwei Stunden oft drei\u00dfig bis vierzig abziehen. Manch-","page":575},{"file":"p0576.txt","language":"de","ocr_de":"576\nDie Raubthiere. \u2014 B\u00e4ren.\nmal aber, wenn das Eis g\u00e4nzlich vom Ufer getrieben wird, m\u00fcssen sie Alles verlassen und nur sich zu retten versuchen. Dann helfen sie sich mit Schwimmen und binden sich mit einem Stricklein an ihren Hund, der sie getreu mit an das Ufer zieht. Bei g\u00fcnstigem Wetter laufen sie soweit auf das Eis hinaus, da\u00df sie das Land aus dem Gesicht verlieren, doch geben sie bei ihrer Jagd immer auf Ebbe und Fluth Obacht und sehen auch zu, ob der Wind nach dem Lande geht oder nicht.\"\n# *\n*\nDie f\u00fcnfte Familie unserer Ordnung f\u00fchrt uns liebe, bekannte und befreundete Gestalten aus der Kinderzeit vor. Die eigentlichen B\u00e4ren sind so ausgezeichnete Thiere, da\u00df wohl Jeder sie augenblicklich erkennt; die seltener zu uns kommenden Arten weichen jedoch in mancher Hinsicht von dem allgemeinen Gepr\u00e4ge ab, und bei einzelnen Sippen mu\u00df man schon einiges Verst\u00e4ndni\u00df der thierischen Verwandtschaften besitzen, wenn man zurechtkommen will.\nDer Leib der B\u00e4ren ist gedrungen oder selbst plump; die Beine sind m\u00e4\u00dfig lang, die Vorder-und Hinterf\u00fc\u00dfe f\u00fcnfzehig und mit gro\u00dfen, gebogenen, unbeweglichen, d. h. nicht einziehbaren, deshalb an der Spitze oft sehr stark abgenutzten Krallen bewaffnet; die Fu\u00dfsohlen sind fast ganz nackt und ber\u00fchren beim Gehen den Boden ihrer vollen L\u00e4nge nach. Der Hals ist verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig kurz und dick, der Kopf l\u00e4nglichrund, m\u00e4\u00dfig gestreckt, mit zugespitzter aber gew\u00f6hnlich gerade abgeschnittener Schnauze. Die Ohren sind kurz und die Augen beziehentlich klein. Sehr ausgezeichnet ist das Gebi\u00df. Die Schneidez\u00e4hne sind verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gro\u00df und haben oft gelappte Kronen, welche im Einkl\u00e4nge stehen mit.den starken, meist mit Kanten oder Leisten versehenen Eckz\u00e4hnen; die L\u00fcckenz\u00e4hne dagegen sind einfach kegelf\u00f6rmig oder nur mit unbedeutenden Nebenh\u00f6ckern versehen; der Fleisch- oder Rei\u00dfzahn ist sehr schwach \u2014 er fehlt sogar einigen Sippen vollst\u00e4ndig und ist bei anderen nur ein starker L\u00fcckenzahn mit innerem H\u00f6cker. Die Kauz\u00e4hne sindTtumpf und die des Unterkiefers stets l\u00e4nger, als breit. Am Sch\u00e4del ist der Hirntheil gestreckt und durch starke K\u00e4mme ausgezeichnet; die Halbwirbel sinb kurz und stark, ebenso auch die 19 bis 21 R\u00fcckenwirbel, von denen 14 oder 15 Rippenpaare tragen. Das Kreuzbein besteht aus 3 bis 5 und der Schwanz aus 7 bis 34 Wirbeln. Der innere Leibesbau ist sehr einfach. Die Zunge ist glatt, der Magen ein schlichter Schlauch, der D\u00fcnn- und Dickdarm wenig geschieden, der Blinddarm fehlt g\u00e4nzlich.\nSoweit die Vorwesenkunde uns Aufschlu\u00df gew\u00e4hren kann, l\u00e4\u00dft sich feststellen, da\u00df die B\u00e4ren schon in der Vorzeit vertreten waren, sich aber, wie es scheint, allgemach vermehrt haben. Gegenw\u00e4rtig verbreiten sie sich \u00fcber ganz Europa, Asien und Amerika, ja vielleicht \u00fcber einen Theil von Nordafrika. Sie bewohnen ebensogut die w\u00e4rmsten, wie die k\u00e4ltesten L\u00e4nder, die Hochgebirge, wie die von dem eisigen Meere eingeschlossenen K\u00fcsten, wenn auch Gebirge ihre liebsten Aufenthaltsorte zu sein scheinen. Fast s\u00e4mmtliche Arten hausen in dichten, ausgedehnten W\u00e4ldern oder in Felsengegenden, zumeist, in der Einsamkeit; nur wenige finden sich auch in der N\u00e4he von bewohnten Orten. Die einen lieben mehr wasserreiche oder feuchte Gegenden, Fl\u00fcsse, B\u00e4che, Seen und S\u00fcmpfe und das Meer, w\u00e4hrend die anderen trocknen Landstrichen den Vorzug geben. Eine einzige Art, der Eisb\u00e4r, ist an die K\u00fcsten des Meeres gebunden und geht niemals tiefer in das Land hinein; dagegen unternimmt er, auf Eisschollen fahrend, weitere Reisen, als alle \u00fcbrigen: er durchschifft das n\u00f6rdliche Eismeer und wandert von einem Erdtheile zum andern. Alle anderen Arten schweifen innerhalb eines weniger ausgedehnten Kreises umher. Die meisten B\u00e4ren leben einzeln d. h. h\u00f6chstens zur Paarungszeit mit einem Weibchen zusammen; einige sind gesellig und vereinigen sich zu zahlreichen Scharen. Diese graben sich H\u00f6hlen in der Erde oder in dem Sande, um dort ihr Lager aufzuschlagen, jene suchen in hohlen B\u00e4umen oder in Felskl\u00fcsten Schutz. Die meisten Arten sind bei weitem n\u00e4chtliche oder halbn\u00e4chtliche Thiere. Sie ziehen nach Untergang der Sonne auf Raub aus und bringen den ganzen Tag \u00fcber schlafend in ihren Verstecken zu.","page":576},{"file":"p0577.txt","language":"de","ocr_de":"Allgemeines. Nahrung. Sinne und Geist.\n577\nDie B\u00e4ren sind Allesfresser. Mehr, als die \u00fcbrigen Raubthiere scheinen sie bef\u00e4higt zu sein, sich zuweilen lange Zeit allein aus dem Pflanzenreiche zu ern\u00e4hren; und nicht nur e\u00dfbare Fr\u00fcchte und Beeren werden dann von ihnen verzehrt, sondern auch K\u00f6rner, Getreide im reifen und halbreifen Zustande, Wurzeln, saftige Gr\u00e4ser, Baumknospen, Bl\u00fcthenk\u00e4tzchen u. s. w. In der Gefangenschaft hat man sie zuweilen l\u00e4ngere Zeit blos mit Hafer gef\u00fcttert, ohne da\u00df man eine Abnahme ihres Wohlbefindens bemerkt h\u00e4tte. In der Jugend d\u00fcrften sie ihre Nahrung ausschlie\u00dflich aus dem Pflanzenreiche w\u00e4hlen, und auch sp\u00e4ter ziehen sie Pflanzennahrung dem Fleische noch vor. Sie sind keine Kostver\u00e4chter, denn sie fressen fast Alles, was genie\u00dfbar ist: au\u00dfer den angef\u00fchrten Pflanzen auch Thiere, und zwar Krebse und Muscheln, W\u00fcrmer, Kerbthiere und deren Larven, Fische, V\u00f6gel und deren Eier, S\u00e4ugethiere und Aas. Gleichwohl sind sie auch wiederum wahre Leckerm\u00e4uler: \u2014 wei\u00df ja doch fast jedes Kind von ihren Honigdiebst\u00e4hlen und den vielen Unannehmlichkeiten, welche sie dabei erleiden m\u00fcssen, zu berichten. In der N\u00e4he menschlicher Wohnsitze f\u00fcgen sie dem Haushalte Schaden zu; Mitglieder der gr\u00f6\u00dferen Arten werden zuweilen h\u00f6chst gef\u00e4hrliche Raubthiere, welche, wenn sie der Hunger qu\u00e4lt, selbst gr\u00f6\u00dfere Thiere anfallen und namentlich unter unseren Hausthieren oft bedeutende Verw\u00fcstungen anrichten. Einzelne sind dabei so dreist, da\u00df sie selbst in die D\u00f6rfer hineinkommen, um Hausgefl\u00fcgel zu w\u00fcrgen und Eier zu verzehren oder sogar St\u00e4lle aufzubrechen, um dort sich mit leichter M\u00fche Beute zu holen. Dem Menschen werden die gr\u00f6\u00dften blos dann gef\u00e4hrlich, wenn er sich mit ihnen in Kampf einl\u00e4\u00dft und ihren Zorn reizt.\nMan irrt, wenn man die Bewegungen der B\u00e4ren f\u00fcr plump und langsam h\u00e4lt. Die gro\u00dfen Arten sind zwar nicht besonders schnell und auch nicht geschickt, aber im hohen Grade ausdauernd und demnach f\u00e4hig, den Mangel an Beweglichkeit zu ersetzen, und auf die kleinen Arten leidet jene Meinung gar keine Anwendung; denn sie bewegen sich au\u00dferordentlich behend und rasch. Der Gang auf der Erde ist fast immer langsam. Die B\u00e4ren treten mit ganzer Sohle auf und setzen bed\u00e4chtig ein Bein h\u00fcbsch vor das andere; gerathen sie aber in Aufregung, so k\u00f6nnen sie gar pr\u00e4chtig zulaufen, und dabei sind einige f\u00e4hig, auf kurze Strecken hin allein auf den Hinterbeinen einherzugehen. Das Klettern verstehen sie fast alle ziemlich gut, wenn sie es ihrer Schwere wegen auch nur in untergeordneter Weise aus\u00fcben k\u00f6nnen. Viele meiden das Wasser, w\u00e4hrend die anderen ganz vortrefflich schwimmen und tauchen. Den Eisb\u00e4ren z. B. trifft man oft viele Meilen weit vom Lande entfernt, mitten im Meere schwimmend, und hat dann Gelegenheit, seine Fertigkeit und erstaunliche Ausdauer zu beobachten. Eine gro\u00dfe Kraft erleichtert den B\u00e4ren die Bewegungen und l\u00e4\u00dft sie Hindernisse \u00fcberwinden, welche anderen Thieren im h\u00f6chsten Grade st\u00f6rend sein w\u00fcrden. Diese Kraft kommt ihnen auch bei ihren R\u00e4ubereien sehr wohl zustatten; sie sind im Stande, eine geraubte Kuh oder ein Pferd mit Leichtigkeit fortzuschleppen oder aber einem andern Thiere durch eine kr\u00e4ftige Umarmung alle Rippen im Leibe zu zerbrechen. Unter ihren Sinnen ist der Geruch entschieden am meisten ausgebildet und nach ihm das Geh\u00f6r. Das Gesicht ist nur mittelm\u00e4\u00dfig, der Geschmack nicht besonders und das Gef\u00fchl wohl auch ziemlich untergeordnet, obwohl einige in ihrer verl\u00e4ngerten Schnauze ein f\u00f6rmliches Tastwerkzeug besitzen. Die Mehrzahl von ihnen zeigt ziemlich hohe geistige F\u00e4higkeiten. Viele sind verst\u00e4ndig und klug; doch fehlt allen die Gabe, listig Etwas zu berechnen und das einmal Beschlossene schlau auszuf\u00fchren. Sie lassen sich in gewissem Grade zu irgend Etwas abrichten, erreichen jedoch nicht entfernt die geistige Ausbildung welche wir bei unserm kl\u00fcgsten Hausthiere, dem Hunde, zu bewundern gelernt haben. Zwar lassen sie sich ziemlich leicht z\u00e4hmen, jedoch zeigen nur wenige Arten eine besondere Anh\u00e4nglichkeit an den Herrn und Pfleger. Dazu kommt, da\u00df sich das Vieh im Alter immermehr herauskehrt, d. h. da\u00df sie t\u00fcckisch und reizbar, zornig und boshaft werden und dann oft gro\u00dfen Schaden anrichten k\u00f6nnen. Die unbedeutenden Kunstst\u00fccke, zu denen man die eine oder die andere Art abrichten kann, sind gar nicht in Betracht zu ziehen, und bei vielen ist von einer Abrichtung \u00fcberhaupt keine Rede. Ihre Gem\u00fcthsstimmung geben sie durch verschiedene Betonung ihrer an und f\u00fcr sich merkw\u00fcrdigen Stimme zu erkennen.\nBrehm, Thierleben.\t37","page":577},{"file":"p0578.txt","language":"de","ocr_de":"578\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner B\u00e4r.\nDiese besteht aus einem dumpfen Brummen, Schnauben und Murmeln, bei anderen in grunzenden und pfeifenden, zuweilen auch in bellenden T\u00f6nen.\nAlle n\u00f6rdlich wohnenden gr\u00f6\u00dferen B\u00e4renarten schweifen blos w\u00e4hrend des Sommers umher und graben sich vor dem Eintritt des Winters eine H\u00f6hle in den Boden oder benutzen g\u00fcnstig gestaltete Felsenspalten und andere nat\u00fcrliche H\u00f6hlungen, um dort den Winter zuzubringen. Immer bereiten sie sich im Hintergr\u00fcnde ihrer Wohnung aus Zweigen und Bl\u00e4ttern, Mos, Laub und Gras ein weiches Lager und verschlafen hier in Abs\u00e4tzen Pie k\u00e4lteste Zeit des Jahres. In einen ununterbrochenen Winterschlaf fallen die B\u00e4ren nicht, sie schlafen vielmehr in gro\u00dfen Zeitr\u00e4umen, ohne jedoch eigentlich auszugehen. Dabei ist es sonderbar, da\u00df blos die eigentlichen Landb\u00e4ren Winterschlaf halten, w\u00e4hrend die Eis- oder Seeb\u00e4ren auch bei der strengsten K\u00e4lte noch umherschweifen, oder sich h\u00f6chstens bei dem tollsten Schneegest\u00f6ber ruhig niederthun und sich hier durch den Schnee selbst ein Obdach bauen d. h. einfach sich einschneien lassen.\nDas tr\u00e4chtige Weibchen zieht sich stets in eine H\u00f6hlung zur\u00fcck und wirft da gew\u00f6hnlich fr\u00fchzeitig im Jahre Junge, eins bis sechs an der Zahl, welche blind geboren und von der Mutter mit aller Sorgfalt gen\u00e4hrt, gepflegt, gesch\u00fctzt und vertheidigt werden. Diese Jungen gellen, nachdem sie einigerma\u00dfen beweglich geworden sind, mit Recht als \u00fcberaus gem\u00fcthliche, possirliche und spiellustige Thierchen, welche haupts\u00e4chlich durch die komische Plumpheit ilM Bewegungen gefallen.\nDer Schaden, welchen die B\u00e4ren bringen, wird durch den Nutzen, den sie dem Menschen gew\u00e4hren, wenn auch nicht ganz, so doch fast aufgehoben und Dies um so eher, als sie sich nur in d\u00fcnn bev\u00f6lkerten Gegenden aufhalten, wo sie den Menschen ohnehin nicht viel Schaden zuf\u00fcgen k\u00f6nnen. Von fast allen Arten wird das Fell benutzt und als vorz\u00fcgliches Pelzwerk hochgesch\u00e4tzt. Au\u00dferdem genie\u00dft man das Fleisch und verwendet auch die Haut, die Haare und das Fell, ja selbst die Knochen, Sehnen und Ged\u00e4rme.\nDas volksth\u00fcmlichste Mitglied der Familie, \u201eMeister Petz\", mag uns zun\u00e4chst mit den Landb\u00e4ren (Ursus) bekannt machen. Merkmale dieser Sippe sind B\u00e4rengestalt mit schwachgestreckter, stumpfspitziger Schnauze, mittelhohen Beinen mit f\u00fcnfzehigen Vorder- und Hinterf\u00fc\u00dfen, deren Sohlen nackt sind, wenig vorstreckbare Lippen und ein sehr zottiges Haar.\nDer gemeine B\u00e4r (Ursus arctos) hat mit seinen n\u00e4chsten Verwandten gemein: den dicken Leib mit gew\u00f6lbtem, gegen die Schultern hin schwachgesenktem R\u00fccken, den kurzen und dicken Hals, den platten Scheitel, die gew\u00f6lbte Stirn und die kegelf\u00f6rmige, vorn abgestutzte Schnauze, die kleinen Augen mit schiefgespaltenen Lidern und rundem Stern, die kleinen, runden Ohren und die Zacken am Rande der Unterlippe, den kurzen Schwanz, die starken, m\u00e4\u00dfig langen Beine und die kurzen Tatzen mit den langen und furchtbaren Krallen. Der zottige Pelz, welcher ihm auch den Namen Zottelb\u00e4r verschafft hat, besteht aus langem, weichen Woll- und l\u00e4ngerem Grannenhaar. Er ist um das Gesicht herum, am Bauche und hinter den Beinen verl\u00e4ngert, an der Schnauze aber verk\u00fcrzt. ' Seine F\u00e4rbung wechselt vielfach ab und zeigt fast alle Schattirungen von Braun durch Gelbbraun oder Rothbraun zu Silbergrau, Schw\u00e4rzlich und Wei\u00dfscheckig. Fast alle V\u00f6lkerschaften unterscheiden nach der F\u00e4rbung verschiedene Arten, welche wissenschaftlich jedoch noch nicht anerkannt worden sind. Demungeachtet unterliegt es nach meinen neuesten Beobachtungen f\u00fcr mich keinen Zweifel, da\u00df in Europa mindestens zwei Arten vorkommen: der braune oder Aasb\u00e4r (Ursus cadaverinus) und der schwarze oder Ameisenb\u00e4r (Ursus formicarius). Letzterer ist gr\u00f6\u00dfer, langk\u00f6pfiger und schlichthaariger als der Erstere, und soll ein viel gutm\u00fcthigeres und mehr der Pflanzenkost zugethanes Thier sein, als jener, von dessen Wildheit und Raubgierigkeit viel erz\u00e4hlt wird. \u2014 Mit dem Alter wird die F\u00e4rbung im allgemeinen etwas Heller und zugleich einfarbiger; denn in der 'Jugend hat unser B\u00e4r gew\u00f6hnlich ein wei\u00dfes, scharf abgegrenztes, schmales Halsband, welches nach","page":578},{"file":"p0579.txt","language":"de","ocr_de":"Winterleben. \u2014 Beschreibung des gemeinen B\u00e4ren. Seine Verbreitung.\n579\ndem ersten Haarwechsel sich mehr und mehr ausdehnt, dabei aber allm\u00e4hlich seine wei\u00dfe Farbe verliert, schmuzig- oder br\u00e4unlichgelb, zuletzt auch gelbbraun wird, bis es endlich kaum mehr zu erkennen ist. Nur h\u00f6chst selten erhalten sich einzelne wei\u00dfe Flecken an den Seiten des Halses bis in das sp\u00e4tere Alter.\nMeister Petz ist eins der gr\u00f6\u00dften Lands\u00e4ugethiere, welche wir in Europa \u00fcberhaupt haben. Die K\u00f6rperl\u00e4nge eines vollkommen erwachsenen M\u00e4nnchens betr\u00e4gt f\u00fcnf bis sechs Fu\u00df, wovon blos drei Zoll auf das Stumpfschw\u00e4nzchen kommen. Die H\u00f6he am Widerrist schwankt zwischen drei und vier Fu\u00df. Ein so gro\u00dfer B\u00e4r erreicht ein Gewicht von 500 bis 600 Pfund. In der Jetztzeit d\u00fcrften jedoch solche Prachtst\u00fccke sehr selten zu finden sein, und ein M\u00e4nnchen von f\u00fcnf Fu\u00df L\u00e4nge und 400 bis 500 Pfund Gewicht gilt gegenw\u00e4rtig bereits als ein sehr starker \u201eHauptb\u00e4r.\" Die B\u00e4rin ist immer kleiner und bedeutend leichter, als der B\u00e4r. Mit den Jahren nehmen beide Geschlechter noch etwas an Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke zu.\nDer gemeine B\u00e4r (Ursus arctos).\nDie guten Tage des B\u00e4ren sind vor\u00fcber. Er kann sich nur an solchen Orten halten, denen der Mensch mit seiner Qual noch ferngeblieben ist. Der fortschreitende Anbau des Bodens, das Lichten der Urwaldungen, welche unser Europa noch besitzt, kurz, das Vordringen des Menschen nach allen Seiten hin, vertreibt unsern Petz mehr und mehr und wird ihn schlie\u00dflich g\u00e4nzlich, wenigstens aus S\u00fcd- und Mitteleuropa, verbannen. Bereits gegenw\u00e4rtig kommt der B\u00e4r in Mitteldeutschland wie auf den britischen Inseln nicht mehr vor, und auch in seinen eigentlichen Heimatsl\u00e4ndern nimmt er von Jahr zu Jahr ab. Noch im siebzehnten Jahrhundert war er in Deutschland ein h\u00e4ufiger Gast: vom Jahre 1611 bis 1653 wurden in Sachsen allein 203 St\u00fccke von ihm erlegt. Ende des sechzehnten Jahrhunderts waren die B\u00e4ren in Th\u00fcringen noch regelm\u00e4\u00dfige Erscheinungen. Der Graf Georg Ernst von Henneberg erlegte in dem Amte Schmalkalden allein in zwei Jahren ihrer sieben. Damals fanden sie sich auf dem ganzen Walde in ziemlicher Menge vor; aber schon im Jahre 1686 wurden die letzten B\u00e4ren in Th\u00fcringen beobachtet und einer von ihnen erlegt. Die\n37*","page":579},{"file":"p0580.txt","language":"de","ocr_de":"580\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner B\u00e4r.\nPyren\u00e4en und die asturischen Gebirge, die ganze Alpenkette, die. Abruzzen, Karpathen, das sieben-b\u00fcrgische Erzgebirge und der Balkan, die skandinavischen Alpen, der Kaukasus und Ural sind allerdings noch h\u00fcbsche Zufluchtsorte f\u00fcr den einsiedlerischen Gesellen; doch \u201edie Kultur, die alle Welt beleckt\", st\u00f6rt auch hier bereits in der empfindlichsten Weise sein beh\u00e4biges Dasein. Au\u00dfer den genannten L\u00e4ndern sind noch ganz Sibirien und Persien Aufenthaltsorte unsers B\u00e4ren. In Afrika hat man ihn mit Bestimmtheit nicht beobachtet. Ehrenberg behauptet zwar, einen schwarzen B\u00e4ren in Abissinien gesehen zu haben, und Plinius f\u00fchrt an, da\u00df in Rom numidische B\u00e4ren in der Arena gek\u00e4mpft h\u00e4tten; neuere Reisende wollen auch im Atlas einen dunkelfarbigen B\u00e4ren gesehen haben: allein alle diese Nachrichten bed\u00fcrfen noch sehr der Best\u00e4tigung. In der Schweiz findet sich der B\u00e4r besonders in Wallis und Graub\u00fcnden; au\u00dferdem trifft man ihn in Tirol, im bairischen Hochlande, bei Salzburg und in K\u00e4rnten an; doch sind das eigentlich blos Ueberl\u00e4ufer von den betreffenden Gebirgen in der N\u00e4he und keine st\u00e4ndigen Bewohner des niedern Landes. In Oberschlesien wurde der letzte im Jahre 1770 erlegt, und auf dem B\u00f6hmerwalde sollen auch noch jetzt ab und zu B\u00e4ren geschossen werden: weiter entfernt sich das Thier aber nicht von dem eigentlichen Hochgebirge.\nHier bieten ihm die dichten, einsamen W\u00e4lder, welche die steilen und unzug\u00e4nglichen Felsth\u00e4ler umgeben und dunkle Schluchten und unbesuchte kleine Steinth\u00e4ler in sich bergen, noch immer einen Zufluchtsort und zugleich ein ertr\u00e4glich gutes Auskommen. Weit lieber sind dem Meister Petz nat\u00fcrlich jene ungeheuren Waldungen in Ru\u00dfland, Polen, Galizien und Skandinavien, in welche sich der naseweise Mensch nur selten wagt, um dem dort hausenden R\u00e4ubergez\u00fccht und Gewild seine Herrschaft aufzuzwingen. Dort erfreut sich jener noch eines recht annehmlichen und behaglichen Lebens; dort troddelt er unbehelligt von dem Gebieter der Erde als F\u00fcrst und Herr des Landes von Wald zu Wald, von Berg zu Berg, um seiner Aesung nachzugehen.\nEinsame, d\u00fcstere Felsgegenden, Br\u00fcche und H\u00f6hlen, alte verwitterte Baumst\u00e4mme, H\u00f6hlen im Gekl\u00fcft oder unter Baumwnrzeln, dunkle, undurchdringliche Dickungen bieten ihm ein Obdach und die ihm so nothwendige, stille Zur\u00fcckgezogenheit von dem l\u00e4rmenden Treiben der Welt. Da bummelt er denn ebensowohl bei Tag, als bei Nacht umher, dem Wild ein Schrecken, dem R\u00e4ubergez\u00fccht ein unerw\u00fcnschter Beeintr\u00e4chtiger des Gewerbes.\nIn seiner Jugend freilich f\u00fcgt der B\u00e4r dem Wolf oder Luchs, dem schlauen Fuchs oder dem Vielfra\u00df, welche hier oder dort als Mitr\u00e4uber auftreten, nicht eben gro\u00dfen Schaden zu. Er begn\u00fcgt sich mit Pflanzennahrung, \u00e4st sich wie ein Rind von jung aufkeimendem Korn oder von fettem Grase, welches er in der plumpsten Weise abweidet, fri\u00dft Knospen, Obst, Waldbeeren, Schw\u00e4mme und dergleichen, w\u00fchlt einen Ameisenhaufen auf und erlabt sich an den Larven desselben oder wohl auch an den Alten, deren eigenth\u00fcmliche S\u00e4ure seinem Gaumen behagen mag; er wittert, zumal im S\u00fcden, auch einen Bienenstock aus, welcher ihm dann gar leckere und dem S\u00fc\u00dfmaul h\u00f6chst willkommene Kost gew\u00e4hrt. Und wenn auch die erbosten Bienen ihre m\u00fchselig zusammengetragenen Sch\u00e4tze mit Macht vertheidigen und ihm Stich auf Stich beibringen; er macht sich daraus nicht viel: sein Zottelpelz ist der beste Schild, und nur dann, wenn die zudringlichen Immen sich in Scharen auf seine Nase setzen, und an dieser empfindlichen Stelle den Giftstachel einbohren, sch\u00fcttelt er brummend und \u00e4rgerlich das Haupt. Anders bestellt er seinen Tisch freilich, wenn er alt wird. Irgend ein zuf\u00e4llig in seine Gewalt gerathenes S\u00e4ugethier hat ihn belehrt, da\u00df der Genu\u00df von Fleisch auch nicht zu verachten und dabei noch etwas ergiebiger ist, als die m\u00fchsam zu erwerbenden Waldbeeren, Kastanien oder auch der Honig, und von diesem Augenblicke an wird Meister Petz zum Raubthiere in der eige\u00fct-lichen Bedeutung des Wortes. Jetzt stellt er allen gr\u00f6\u00dferen Thieren nach, am liebsten Schafen, doch auch Ochsen, Pferden und verschiedenem Wild. Gr\u00f6\u00dferes Vieh greift der starke R\u00e4uber von hinten an, nachdem er es durch langes Umherjagen erm\u00fcdet hat, oder sucht dasselbe, zumal wenn es auf h\u00f6heren Bergen weidet, durch das schreckerregende Br\u00fcllen zu versprengen und es zu verm\u00f6gen, sich freiwillig in den Abgrund zu st\u00fcrzen. Dann klettert er behutsam nach und fri\u00dft sich satt da unten. Gl\u00fcckliche Erfolge mehren seinen Muth oder seine Dreistigkeit. Er unternimmt gr\u00f6\u00dfere und immer","page":580},{"file":"p0581.txt","language":"de","ocr_de":"Seine Pflanzen- und Fleischkost. Seine Jagden.\n581\ngr\u00f6\u00dfere Streifz\u00fcge und kommt nachts k\u00fchn selbst bis an die D\u00f6rfer oder einzelnen St\u00e4lle heran, um sich dort mit noch gr\u00f6\u00dferer Bequemlichkeit feine Beute zu rauben. Manche B\u00e4ren machen sich sogar ihr t\u00e4gliches Gesch\u00e4ft daraus, dem Vieh nachzustellen, und einzelne Alpenb\u00e4ren w\u00e4hlen sich mit allem Geschick einen Ort zum Hinterhalt, von welchem aus sie die ganze Weide \u00fcberblicken und den g\u00fcnstigsten Zeitpunkt wahrnehmen k\u00f6nnen, auf sie herunterzust\u00fcrzen. Hat sich ein Herdenthier von den \u00fcbrigen getrennt, so wird es gew\u00f6hnlich die Beute des lauernden B\u00e4ren, welcher pl\u00f6tzlich hervorkommt und das Thier, es mag so behend sein, als es will, solange umherjagt, bis es entweder erm\u00fcdet ihm sich hingiebt oder aus Verzweiflung in den Abgrund springt. Auch an die St\u00e4lle kommt er heran und versucht es sogar, deren Th\u00fcren zu erbrechen.\n\u201eEinst bemerkten die Sennen,\" erz\u00e4hlt Tschudi, \u201edie in einer etwas abgelegenen H\u00fctte einer der rauhesten Alpen des Rh\u00e4ticons eine kleine Herde von Ziegen wohl zu versorgen gewohnt waren, da\u00df am Morgen ungew\u00f6hnlich gro\u00dfe Losung in der N\u00e4he der H\u00fctte lag, das fette Gras um dieselbe grob abgeweidet, die Th\u00fcr besch\u00e4digt und zerkratzt war. Die Ziegen kamen scheu heraus, doch fehlte keine. Die Hirten kannten die Losung des fremden Nachtgastes nicht, vermutheten aber einen Wolf oder Luchs in der N\u00e4he und durchsuchten die n\u00e4chste Umgebung und auch einen tieferliegenden Fichten- und Zirbelkieferwald, ohne etwas Verd\u00e4chtiges zu finden. Indessen beschlossen sie, dem Wilde aufzupassen, und da sie selbst ohne Feuergewehr waren, stieg einer in das n\u00e4chste Thaldorf und brachte eine alte Muskete mit, die dann geh\u00f6rig und and\u00e4chtig geladen wurde.\"\n\u201eDen Tag \u00fcber bemerkten sie an den Ziegen ein ungewohntes Zusammenhalten und einen sichtlichen Widerwillen gegen gr\u00f6\u00dfere Entfernung von der tiefer weidenden Kuhherde. Nur mit M\u00fche konnten die Thiere abends in ihre Stallung gebracht werden. Zwei von den Sennen sollten in Flintenschu\u00dfweite von derselben hinter einem Felsen wachen und allenfalls ihre Gef\u00e4hrten in der Alpenh\u00fctte wecken. Inde\u00df verging die Nacht unter vergeblichem Passen und ebenso die folgende. In der dritten Nacht, wo wieder zwei Wachen auf der Lauer standen oder sa\u00dfen, wollte sich abermals nichts Verd\u00e4chtiges zeigen, und die Sennen schliefen ein. Da weckte sie ein Ger\u00e4usch bei der Ziegenh\u00fctte. Sie sahen einen B\u00e4ren an der Th\u00fcr dr\u00fccken und kratzen, dann wieder um dieselbe herum-schnopern und eine Oeffnung ersp\u00e4hen. Die Ziegen mu\u00dften wach und unruhig geworden sein; denn die Schellenziegen lie\u00dfen sich h\u00f6ren. Den jagdungewohnten Sennen war es unheimlich zu Muthe geworden, und einer von ihnen schlich zur Alpenh\u00fctte, um die Gef\u00e4hrten zu wecken, w\u00e4hrend der andere trostlos seine Muskete in Kriegszustand zu setzen suchte. Indessen erschien der B\u00e4r wieder vor der Th\u00fcr, suchte dieselbe aus dem Schlo\u00df zu stemmen und dr\u00fcckte sie endlich gl\u00fccklich ein. Die Ziegen st\u00fcrzten scheu und meckernd heraus und kletterten auf die n\u00e4chsten Felsen. Bald darauf, nachdem er eine der Letzteren erlegt, kam er wieder zum Vorschein und begann das Euter derselben gierig vor der H\u00fctte zu verzehren. Da kamen die anderen Sennen mit Scheiten, Melkst\u00fchlen und anderer Landsturmbewaffnung, jedoch mit der gr\u00f6\u00dften Vorsicht. Einer von ihnen, welcher in fr\u00fcheren Jahren oft mit auf der Gemsjagd gewesen war, nahm dem Wachtposten die Muskete ab, ging auf den B\u00e4ren zu und zerschmetterte ihm mit einem starken Streifschu\u00df die rechte Rippenseite. Die \u00fcbrigen kamen nun auch n\u00e4her und schlugen das w\u00fcthend um sich hauende Thier todt.\"\nEs giebt noch mehrere Berichte von \u00e4hnlichen Besuchen der B\u00e4ren in Viehst\u00e4llen, und namentlich in Skandinavien sollen sie diese Art von Raubz\u00fcgen gar nicht selten ausf\u00fchren. Dort brechen sie aber weniger die Th\u00fcren aus, sondern decken vielmehr die D\u00e4cher ab, welche blos aus leichtem Laub, Spaltholz und Rinde zu bestehen Pflegen. Da es in Wermeland, \u00fcberhaupt an vielen Orten Skandinaviens, Gebrauch ist, die Betten der Viehm\u00e4gde unter das Dach zu setzen, so ist es manchmal geschehen, da\u00df Freund Petz unwissentlich oder unwillentlich zur Kilt gegangen ist. Das Entsetzen der lieblichen Viehdirnen mag man sich selbst ausmalen: pl\u00f6tzlich dicht \u00fcber dem Bett solch einen zottigen Liebhaber zu erblicken, ist f\u00fcr ein Frauengem\u00fcth zu viel; \u2014 w\u00fcrde doch selbst ein Mann von derartigem Besuche nicht eben erstellt sein. Der Hilferuf der Weiber bringt Freund Petz jedoch bald zum Weichen; wenigstens ist Dies an zwei Orten im Sprengel von Rada geschehen.","page":581},{"file":"p0582.txt","language":"de","ocr_de":"582\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner B\u00e4r.\nGelangt der B\u00e4r gl\u00fccklich in den Viehstall, so schlachtet er hier eine Kuh ab, rei\u00dft sie vom Stricke los, umklammert sie mit einem Vorderlaufe, fa\u00dft mit der andern Tatze in das Dachgeb\u00e4lk hinein und ist stark genug, um auf diese Weise die Kuh durch die Oeffnung hindurchzuziehen. Dann wird das Opfer auf die Erde hinabgeschleppt, mit Leichtigkeit weitergeschafft und manchmal in einer einzigen Nacht fast ganz aufgefressen. Bei dem Fortschaffen seiner Beute \u00fcberwindet der B\u00e4r Hindernisse aller Art mit gr\u00f6\u00dfter Leichtigkeit. Er \u00fcberklettert, wie man vielfach behauptet hat, mit einem erw\u00fcrgten Pferd oder Rind im Arme sogar jene gef\u00e4hrlichen Alpenstege d. h. zwei neben einander liegende Baumst\u00e4mme, welche \u00fcber einen Abgrund f\u00fchren.\nIn den Alpen wird der B\u00e4r, namentlich an nebligen Tagen, sehr gef\u00e4hrlich, weil er sich dann der Herde unbemerkt n\u00e4hern und, ohne da\u00df es die anderen Thiere merken, einer Kuh auf den R\u00fccken springen kann. Hat er ein Rind gepackt und wird er von den anderen gemerkt, so sammelt sich die ganze Herde schnaubend und br\u00fcllend um ihn her, und die muthigen Stiere gehen mit niedergebeugten H\u00f6rnern wohl auch auf ihn los und schlagen ihn in die Flucht. Oft genug kommt es aber vor, da\u00df er dann um so grimmiger ficht und anstatt eines St\u00fcckes deren zehn bis zw\u00f6lf zu Boden schl\u00e4gt.\nNoch ehe das geschlagene Gesck\u00f6pf ganz verendet ist, beginnt der B\u00e4r die Mahlzeit. Seine Lieblingsspeisen sollen das Euter und die Nieren sein; wenigstens behauptet man, da\u00df er diese Theile jedesmal zuerst auffr\u00e4\u00dfe. Im Uebrigen nimmt er aber auch recht ger\u00fc mit euterlosen Thieren, z. B. mit K\u00e4lbern vorlieb, und auch Ochsen oder Pferde sind nie vor ihm sicher. Die Hirsche, Rehe oder Gemsen entgehen ihm, Dank ihrer Schnelligkeit, fast regelm\u00e4\u00dfig; gleichwohl verfolgt er sie, wie im Norden Skandinaviens die Renthiere, lange Zeit. Selbst den Fischen stellt er nach und geht ihnen zu Gefallen weit an den Fl\u00fcssen empor. Den Rest einer Beute sucht er nicht gern wieder auf; doch kennt man Beispiele, da\u00df ein B\u00e4r mehrmals zu einem von ihm erlegten Wilde zur\u00fcckgekehrt ist. Wenn er gute Pstanzennahrung hat, l\u00e4\u00dft er \u00fcbrigens die Thiere in Frieden, und wenn er kleine Thiere in Masse findet, bek\u00fcmmert er sich nicht besonders um die gro\u00dfen. In manchen Gegenden ist er durchaus harmlos und dabei h\u00f6chst gem\u00fcthlich. \u201eAuf ganz Kamtschatka,\" sagt Steller, \u201egiebt es schwarze B\u00e4ren in unbeschreiblicher Menge, und man sieht solche herdenweise auf den Feldern umherschweifen. Ohne Zweifel w\u00fcrden sie l\u00e4ngst ganz Kamtschatka aufgerieben haben, w\u00e4ren sie nicht so zahm und friedfertig und leutseliger, als irgendwo in der Welt. Im Fr\u00fchjahre kommen sie haufenweise von den Quellen der Fl\u00fcsse aus den Bergen, wohin sie sich im Herbste der Nahrung wegen begeben, um daselbst zu \u00fcberwintern. Sie kommen an die M\u00fcndung der Fl\u00fcsse, stehen an den Ufern, fangen Fische, werfen sie nach dem Ufer und fressen zu der Zeit, wenn die Fische im Ueber-flusse sind, nach Art der Hunde Nichts mehr von ihnen, als den Kopf. Finden sie irgendwo ein stehendes Netz, so ziehen sie solches aus dem Wasser und nehmen die Fische heraus! Gegen den Herbst, wenn die Fische weiter in den Strom aufw\u00e4rts steigen, gehen sie allm\u00e4hlich mit denselben nach den Gebirgen. \u2014 Wenn ein It\u00e4llman einen B\u00e4ren ansichtig wird, spricht er ihn von weitem an und beredet ihn, Freundschaft zu halten. Uebrigens lassen sich die M\u00e4dchen und Weiber, wenn sie auf dem Torflande Beeren aufsammeln, durch die B\u00e4ren nicht hindern. Geht einer auf sie zu, so geschieht es nur um der Beeren willen, die er ihnen abnimmt und fri\u00dft. Sonst fallen sie keinen Menschen an, es sei denn, da\u00df man sie im Schlafe st\u00f6rt. Selten geschieht es, da\u00df der B\u00e4r auf einen Sch\u00fctzen losgeht, er werde angeschossen oder nicht. Sie sinv so frech, da\u00df sie, wie Diebe, in die H\u00e4user einbrechen und, was ihnen vorkommt, durchsuchen.\"\nMit diesen Angaben steht eine Erz\u00e4hlung Atkinsons vollst\u00e4ndig im Einkl\u00e4nge: \u201eZwei Kinder von vier und sechs Jahren hatten sich vom Hause entfernt, wurden nach einiger Zeit vermi\u00dft und erst im Dorfe, dann aber im Mor \u00e4ngstlich gesucht. Zu nicht geringem Schrecken fanden die Eltern ihre Spr\u00f6\u00dflinge im Spiel mit einem B\u00e4ren begriffen. Eines der Kinder f\u00fctterte das Ungeheuer, das andere sa\u00df ihm aus dem R\u00fccken: \u2014 und Meister Petz erwiederte die kindlich-unbefangene Zutraulichkeit in der liebensw\u00fcrdigsten Weise. Im h\u00f6chsten Entsetzen stie\u00dfen beide Eltern einen lauten Schrei aus und scheuchten damit den Spielgef\u00e4hrten ihrer Kinder in die Flucht.\"","page":582},{"file":"p0583.txt","language":"de","ocr_de":"Seine Jagden. Bewegungen. Sinne. Charakterzeichnnng von Tschudi.\n583\nWahrscheinlich sind die B\u00e4ren am Ausfl\u00fcsse des Amur auch so gem\u00fcthliche Burschen und verdienen daher die Hochachtung, welche man ihnen dort zollt. Die Jakuten halten den B\u00e4ren f\u00fcr einen h\u00f6chst gerechten Gesellen und einen R\u00e4cher der L\u00fcge; sie sehen daher auch diejenigen Eide als ganz besonders kr\u00e4ftige oder heilige an, bei denen der Schw\u00f6rende in ein B\u00e4renfell bei\u00dft! Dabei sind sie der festen Ueberzeugung, da\u00df der B\u00e4r ihre Sprache verstehe und wagen es nie, Schlechtes von ihm zu reden, sondern lobhudeln ihn fortw\u00e4hrend in der erb\u00e4rmlichsten Weise, wie. H\u00f6flinge den F\u00fcrsten oder Pfaffen ihren Gott. \u2014 In anderen Gegenden werden die B\u00e4ren wirklich als G\u00f6tter angesehen und mit Fischen wohl gem\u00e4stet. Freilich behauptet man auch, da\u00df die guten Leute ihre G\u00f6tter, wenn sie recht fett geworden sind, abschlachten und aufzehren, und Das w\u00fcrde sich freilich mit der Anbetung nicht eben gut vertragen.\nIn den \u00fcbrigen L\u00e4ndern benimmt sich Freund Petz, wie wir sp\u00e4ter sehen werden, etwas anders, als in Nord- und Ostasien, obgleich er den Menschen immer nur selten, und ungereizt wohl niemals angreift.\nDie Bewegungen des B\u00e4ren erscheinen plumper, als sie wirklich sind; denn das Thier l\u00e4uft, trotz seines gem\u00e4chlichen Ganges auf ruhigen Streifz\u00fcgen, bei Erregung sehr schnell und ist jedenfalls im Stande, auf ebenem Boden einen Menschen bald einzuholen. Bergauf geht sein Lauf ver-h\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig noch schneller, als auf der Ebene, weil ihm seine langen Hinterbeine hier trefflich zustattenkommen; bergunter\tdagegen kann er nur langsam laufen, weil\ter sich sonst leicht \u00fcberpurzeln\nw\u00fcrde. Blos im Februar,\tin welcher\tZeit sich seine Sohlen h\u00e4uten,\tgeht\ter nicht gut. Au\u00dferdem\nversteht er, recht t\u00fcchtig zu schwimmen und geschickt zu klettern. Schon ganz junge B\u00e4ren werden von ihren M\u00fcttern gelehrt, die B\u00e4ume zu besteigen; sie lernen diese Fertigkeit aber auch ganz von selbst, wie ich an Gefangenen vielfach beobachten konnte. Es ist h\u00f6chst spa\u00dfhaft anzusehen, wie sie von den B\u00e4umen r\u00fccklings wieder herunterkriechen; denn alle B\u00e4ren klammern sich beim Klettern mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt an die Aeste an und zeigen eine gro\u00dfe Furcht vor dem Herunterfallen. Die gewaltige Kraft und die starken, harten N\u00e4gel erleichtern dem B\u00e4ren das Klettern ungemein; er vermag selbst an steilen Felsenw\u00e4nden hinanzusteigen, wenn er nur irgend einen Anhaltspunkt an denselben findet. Vor dem Wasser scheut er sich gar nicht; er sucht es h\u00e4ufig im Sommer auf, um sich zu'k\u00fchlen, und verweilt dann lange Zeit und gern darin. Bei Verfolgung wirft er sich dreist in einen Strom und setzt schnurgerade \u00fcber.\nUnter seinen Sinnen\tscheint der\tGeruch am vorz\u00fcglichsten zu\tsein,\tund wahrscheinlich dient\ndieser ihm am besten beim\tAufsuchen\tder Beute. Er soll einen sich\tihm\tn\u00e4hernden Menschen auf\nzwei- bis dreihundert Schritte ^Entfernung wittern und eine F\u00e4hrte sicher verfolgen k\u00f6nnen. Auch das Geh\u00f6r ist trotz der kurzen Lauscher scharf, das Gesicht dagegen ziemlich schlecht, wenn auch die B\u00e4ren-augen nicht bl\u00f6de genannt werden d\u00fcrfen; der Geschmack ist, wie schon erw\u00e4hnt, eigenth\u00fcmlich ausgebildet.\nDas geistige Wesen des B\u00e4ren ist von jeher sehr g\u00fcnstig beurtheilt worden.\n\u201eKein anderes Raubthier,\" sagt Tschudi, \u201eist so drollig, von so gem\u00fcthlichem Humor, so liebensw\u00fcrdig, als der gute Meister Petz. Er hat ein gerades, offenes Naturell ohne T\u00fccke und Falsch. Seine List und Erfindungsgabe ist ziemlich schwach. Was der Fuchs mit Klugheit, der Adler mit Schnelligkeit zu erreichen sucht, erstrebt er mit gerader, offener Gewalt. An Plumpheit dem Wolfe \u00e4hnlich, ist er doch von ganz anderer Art, nicht so gierig, rei\u00dfend, h\u00e4\u00dflich und widerw\u00e4rtig. Er lauert nicht lange, sucht den J\u00e4ger nicht zu umgehen oder von hinten zu \u00fcberfallen, verl\u00e4\u00dft sich nicht in erster Linie auf sein furchtbares Gebi\u00df, mit dem er Alles zerrei\u00dft, sondern sucht die Beute erst mit seinen m\u00e4chtigen Armen zu erw\u00fcrgen und bei\u00dft nur n\u00f6thigenfalls mit, ohne da\u00df er am Zerfleischen eine blutgierige Mordlust bewiese, wie er ja \u00fcberhaupt, als von sanfterer Art, gern Pflanzenstoffe fri\u00dft. Seine ganze Erscheinung hat etwas Edleres, Zutraulicheres, Menschenfreundlicheres, als die des mi\u00dffarbigen Wolfes. Er r\u00fchrt keine Menschenleiche an, fri\u00dft nicht seines Gleichen, lungert nicht des Nachts in dem Dorfe herum, um ein Kind zu erhaschen, sondern bleibt im Wald, als seinem","page":583},{"file":"p0584.txt","language":"de","ocr_de":"584\nDie Raubthiere B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner B\u00e4r.\neigentlichen Jagdgebiet. Der Wolf macht oft, besonders im Herbst und Winter, Streifz\u00fcge von 40 bis 50 Meilen; der B\u00e4r geht selten 10 bis 15 Meilen weit von seiner H\u00f6hle. Doch macht man sich \u00f6fters von ihm, in Bezug auf seine Langsamkeit, unrichtige Vorstellungen, und namentlich wenn er in Gefahr ger\u00e4th, ver\u00e4ndert sich sein ganzes Naturell bis zur rei\u00dfendsten Wuth.\"\nIch vermag es nicht, mich dieser Charakterzeichnung des B\u00e4ren vollst\u00e4ndig anzuschlie\u00dfen. Er erscheint allerdings komisch, ist aber nichts weniger, als gutm\u00fcthig oder liebensw\u00fcrdig. Er ist auch nur dann muthig, wenn er keinen andern Ausweg sieht. Er ist geistig wenig begabt, ziemlich dumm, gleichgiltig und tr\u00e4ge. Alle Katzen und Hunde sind gescheiter, als er. Seine Gutm\u00fcthigkeit ist einzig und allein in seiner geringen Raubfertigkeit begr\u00fcndet, sein drolliges Wesen vorzugsweise durch seine Gestalt bedingt. Die Katze ist muthig, der Hund listig fein; der B\u00e4r ist grob und ungeschliffen. Sein Ged\u00e4chtni\u00df ist schwach; berechnenden Verstand besitzt er nicht. Sein Gebi\u00df weist ihm gemischte Nahrung an; er raubt daher selten und nur in beschr\u00e4nktem Grade. Dieses Verdienst ist gering und nicht ihm zuzurechnen. Lehre und Unterricht nimmt er nur in geringem Ma\u00dfe an; wirklicher Freundschaft zu dem Menschen ist er nicht f\u00e4hig. Den Fra\u00df liebt er mehr, als seinen Pfleger. Er bleibt auch diesem gegen\u00fcber immer grob \u2014 und gef\u00e4hrlich. Der Wolf steht ganz entschieden h\u00f6her, als er, und mu\u00df also edler genannt werden. \u2014\nVor dem Eintritte des Winters bereitet sich der B\u00e4r eine Schlafsk\u00e4tte, oft zwischen Felsen oder in H\u00f6hlen, welche er vorfindet oder sich selber gr\u00e4bt, oft auch in einer dunklen Dickung, wo er dann mit Zweigen und Bl\u00e4ttern sich ein h\u00fctten\u00e4hnliches Obdach zurecht macht. Das Lager wird sorgf\u00e4ltig, aber kunstlos mit Mos, Laub, Gras und Zweigen ausgepolstert und ist in der That ein sehr bequemes, h\u00fcbsches Bett. Mit Eintritt strengerer K\u00e4lte bezieht er seinen Winterschlupfwinkel und verweilt hier w\u00e4hrend der kalten Jahreszeit. Er h\u00e4lt Winterschlaf; derselbe unterscheidet sich jedoch wesentlich von dem anderer Thiere: denn der B\u00e4r schl\u00e4ft blos den gr\u00f6\u00dften Theil des Win^rs, keineswegs aber in einem Zuge, sondern in Abs\u00e4tzen, und nicht einmal das M\u00e4nnchen verf\u00e4llt in luten \u00e4hnlichen, todtengleichen Schlaf, wie das Murmelthier oder der Siebenschl\u00e4fer. Schinz sagt von den B\u00e4ren im Stadtgraben zu Bern hier\u00fcber Folgendes: \u201eWochen oder Monate durch dauert der Winterschlaf nicht. Die B\u00e4ren, welche in ihrem Stall einen warmen R\u00fcckzug haben, fressen im Januar und Februar sehr wenig, kaum ein Brod des Tages, und kommen zwar selten, aber doch zuweilen im freien Graben zum Vorschein; besonders erscheinen sie t\u00e4glich, um zu saufen. Sie schlafen dabei mehr und tiefer, als gew\u00f6hnlich.\"\nIch kann nach den Beobachtungen, welche ich an den B\u00e4ren unsers Thiergartens angestellt habe, behaupten, da\u00df gefangene B\u00e4ren sich im Winter kaum anders benehmen, als im Sommer. Solange ihnen regelm\u00e4\u00dfig Nahrung gereicht wird, fressen sie fast eben soviel wie sonst, und in milden Wintern schlafen sie auch nicht mehr, als im Sommer. Jedenfalls sind sie, wenn die Zeit des Ge-b\u00e4rens herannaht, vollst\u00e4ndig wach und munter. Es ist mir wahrscheinlich, da\u00df der Winterschlaf der B\u00e4ren nicht mehr als eine Sage ist, deren Ursprung in der gerade im Winter sich besonders zeigenden Faulheit der Thiere seinen haupts\u00e4chlichsten Grund haben mag.\nBei milder Witterung verl\u00e4\u00dft der freilebende B\u00e4r oft schon im Januar seine H\u00f6hle ab und zu, und streift umher, um sich, so gut es geht, zu \u00e4sen oder um zu trinken. Bei erneuter K\u00e4lte zieht er sich wieder in sein Lager zur\u00fcck und verbirgt sich wieder. Da er sich w\u00e4hrend des Sommers und Herbstes gew\u00f6hnlich gut gen\u00e4hrt hat, bezieht er sein Winterlager regelm\u00e4\u00dfig sehr fett, und von diesem Fette zehrt er zum Theil w\u00e4hrend des Winters. Im Fr\u00fchjahre ist er, wie die meisten anderen Thiere, sehr abgemagert. Die Alten, denen Dies bekannt war, bemerkten auch, da\u00df sich der ruhende B\u00e4r, wie es seine Gewohnheit \u00fcberhaupt ist, zuweilen seine Pfoten beleckt, und glaubten deshalb annehmen zu m\u00fcssen, da\u00df er sich das Fett aus seinen Tatzen sauge. Da\u00df Dies unwahr ist, sieht jedes Kindein; gleichwohl giebt es gro\u00dfe Kinder genug, welche selbst heutigen Tages noch das M\u00e4rchen gl\u00e4ubig aufnehmen und weitererz\u00e4hlen. In milderen Himmelsstrichen kommt der B\u00e4r im Winter blos in die Niederung herab und schl\u00e4ft gar nicht, sondern lebt wie im Sommer.","page":584},{"file":"p0585.txt","language":"de","ocr_de":"Angebliches Tatzensaugen. Begattung.\n585\nWie wenig der winterliche R\u00fcckzug des B\u00e4ren als Winterschlaf gedeutet werden kann, geht auch daraus hervor, da\u00df die Geburt der Jungen regelm\u00e4\u00dfig in den Januar f\u00e4llt. Bei Erw\u00e4hnung der Fortpflanzungsgeschichte des B\u00e4ren mu\u00df ich im voraus bemerken, da\u00df \u00fcber diese die Meinungen noch sehr getheilt sind. Linne giebt den Oktober als B\u00e4rzeit an und rechnet die Tr\u00e4chtigkeit der B\u00e4rin zu 112 Tagen. Ein illyrischer Waidmann, dem wir gute Nachrichten \u00fcber das Freileben des B\u00e4ren verdanken, behauptet ebenfalls, da\u00df die Paarung im Oktober, der Wurf jedoch im M\u00e4rz stattfinde. Noch in den neuesten Werken der Naturforscher herrscht \u00fcber die eine wie die andere Zeit eine um so auffallendere Unsicherheit, als der B\u00e4r ja doch zu den Raubthieren geh\u00f6rt, welche so oft zahm gehalten werden. Jener illyrische J\u00e4ger versichert, da\u00df wenigstens der kleine rothe B\u00e4r, welchen man in S\u00fcdosteuropa im allgemeinen von dem braunen unterscheidet, im September oder Oktober der B\u00e4rin nachzieht, w\u00e4hrend der B\u00e4rzeit sehr aufgeregt sich zeigt, seiner Gemahlin die allerdrolligsten und komischsten Liebeserkl\u00e4rungen macht, mit anderen m\u00e4nnlichen B\u00e4ren t\u00fcchtige K\u00e4mpfe besteht und selbst f\u00fcr den Menschen, welcher ihn in seinen Liebkosungen st\u00f6rt, gef\u00e4hrlich wird. \u201eVermi\u00dft er seine Geliebte,\" sagt unser Gew\u00e4hrsmann, \u201eso folgt er mit der Nase auf der Erde ihrer F\u00e4hrte brummend nach und schl\u00e4gt Alles nieder, was ihm in den Weg kommt und nicht sogleich die Flucht ergreift.\" Die Begattung selbst soll liegend in z\u00e4rtlicher Umarmung geschehen, wobei von beiden Seiten ein artiger Zweisang gebrummt wird. Vorher soll der B\u00e4r durch m\u00e4chtige Schl\u00e4ge mit den Vorderbranten der B\u00e4rin seine Liebe an den Tag legen. Unser Waidmann f\u00fchrt sogar einen J\u00e4ger als Zeugen solcher Liebesspiele auf.\nIch mu\u00df leider glauben, da\u00df diese Angaben Muthma\u00dfungen sind, nicht aber auf Thatsachen sich gr\u00fcnden. Wenn man von gefangenen B\u00e4ren auf freilebende schlie\u00dfen darf, verh\u00e4lt sich die Sache ganz anders, als Sinne und alle Waidm\u00e4nner, viele der neueren Naturforscher inbegriffen, angegeben haben. Es liegen jetzt \u00fcber die B\u00e4rzeit, die Begattung und \u00fcber den Wurf der B\u00e4ren eine Reihe von Beobachtungen vor, welche allerdings s\u00e4mmtlich in der Gefangenschaft gemacht wurden, aber unter sich so \u00fcbereinstimmend sind, da\u00df sie es rechtfertigen, wenn man von ihnen auf die freilebenden schlie\u00dft. Die B\u00e4rzeit ist der Mai und der Anfang des Juni; denn die Aufregung der Geschlechter w\u00e4hrt einen ganzen Monat lang. Die B\u00e4ren im Zwinger unsers Thiergartens begatteten sich im vorigen Jahre (1863) zum ersten Male am 14. Mai, von nun an aber t\u00e4glich zu wiederholten Malen bis zur Mitte Junis. Es wurde kein Zweisang gebrummt; es wurden auch vom B\u00e4ren seiner Sch\u00f6nen keine Brantenschl\u00e4ge zuertheilt, und die Begattung endlich geschah nicht liegend, sondern nach Hundeart sitzend. B\u00e4r und B\u00e4rin machten dabei ein m\u00f6glichst dummes Gesicht; von Spr\u00f6dethun ihrerseits war keine Rede, ebensowenig auch von allzu gro\u00dfen Zudringlichkeiten seitens des B\u00e4ren. Ganz falsch ist es, wenn gesagt wird, da\u00df der B\u00e4r in strenger Ehe lebe und sich eine Untreue gegen die einmal gew\u00e4hlte B\u00e4rin nicht zu Schulden kommen lasse. Unter unseren B\u00e4ren herrschte scheinbar ein sehr-treues und z\u00e4rtliches Verh\u00e4ltni\u00df. Als ich jedoch ein zweites B\u00e4renpaar in den Zwinger bringen lie\u00df, welchen bisher das erste eingenommen hatte, entstand zwischen den M\u00e4nnern sofort ein ernsthafter Kampf, keineswegs aber um die Liebe einer B\u00e4rin, sondern einzig und allein um die Herrschaft \u00fcber beide zusammen. Der st\u00e4rkere B\u00e4r, welcher den andern bald besiegte, begattete auch die zweite B\u00e4rin und zwar vor den Augen seiner rechtm\u00e4\u00dfigen Gemahlin, welche, oben auf dem Baume sitzend, dem Schauspiele zusehen mu\u00dfte und dabei \u00e4rgerlich schnaufte.\nSehr unterhaltend waren die K\u00e4mpfe zwischen den beiden B\u00e4ren. Sie bewiesen die Feigheit \u201eMeister Brauns\" schlagend genug. Beide Recken gingen vorsichtig gegen einander los, beschn\u00fcffelten sich mit zur Seite gesenkten K\u00f6pfen, schielten vorsichtig auf einander hin und zogen sich gleichzeitig zur\u00fcck, sobald einer die Tatze erhob. Die B\u00e4rin des urspr\u00fcnglich im Zwinger hausenden Paares mu\u00dfte ihren Herrn Gemahl f\u00f6rmlich zum Kampfe treiben. Das Gefecht selbst wurde durch einige blitzschnell gegebene Brantenschl\u00e4ge er\u00f6ffnet, bei welchen der empfangende Theil sich jedesmal scheu zur Seite bog, dann aber ebenso rasch zum angreifenden wurde. Hierauf richteten sich beide B\u00e4ren gegen einander empor, packten sich wie zwei ringende M\u00e4nner und br\u00fcllten sich mit weit ge\u00f6ffneten Rachen an, ohne","page":585},{"file":"p0586.txt","language":"de","ocr_de":"586\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner B\u00e4r.\nsich jedoch zu bei\u00dfen. Nach einigem Hin- und Hersch\u00fctteln lie\u00dfen sie wiederum los, und das Kampfspiel begann von neuem.\nEs wird nun von dem gedachten illyrischen Waidmann erz\u00e4hlt, da\u00df die freilebende B\u00e4rin, sobald sie Junge geworfen, ein dem Menschen und jedem andern Feinde furchtbares Thier werde, ihre Spr\u00f6\u00dflinge selten verlasse, und dieselben auf das z\u00e4rtlichste pflege und ern\u00e4hre, die ersten acht bis neun Wocken ausschlie\u00dflich mit der kr\u00e4ftigen Muttermilch, sp\u00e4ter mit todtem Wildpret, welches sie den Jungen vorrei\u00dfe. Im dritten Monate sollen die Jungen mit zur Jagd hinausgehen. Die B\u00e4rin selbst soll w\u00e4hrend der ersten Wochen nach ihrer Niederkunft einzig und allein Pflanzenkost genie\u00dfen. Im Uebrigen erz\u00e4hlt unser Beobachter viel von den munteren und lustigen Spr\u00fcngen der jungen B\u00e4rlein.\nNoch l\u00e4\u00dft sich nicht feststellen, wie viel von diesen Angaben auf Treue und Glauben hingenommen werden darf, wahrscheinlich aber werden wir rechte thun, wenn wir uns auch bei Betrachtungen der ersten Jugendzeit des B\u00e4ren wieder an die Beobachtungen halten, welche im Gefangenleben gemacht worden sind. Ein Freund meines Vaters, der t\u00fcchtige Naturforscher Pietruvsky, beobachtete an seinen gefangenen B\u00e4ren, da\u00df die Mutter in den ersten zwei Wochen nach der Geburt ihrer Jungen diese gar nicht verlie\u00df, nicht einmal, wenn der Hunger oder Durst sie qu\u00e4lte. Erst nach 14 Tagen trank sie etwas Milch, welche ihr jedoch sehr nahe gestellt werden mA\u00dfte. Sie legte ihre vier Tatzen um die kleinen B\u00e4ren, deckte sie auch mit der Schnauze zu und bildete ihnen so eine sehr warme Wiege. Drei Wochen nach der Geburt richtete sie sich \u00f6fters auf, und von nun an ging sie auch einige Schritte von den Jungen weg. Diese blieben vier Wochen lang blind und begannen erst nach Verlauf von zwei Monaten langsam umherzugehen. Im April spielten sie auf dem Hofe, im Mai hatten sie die Gr\u00f6\u00dfe eines jungen Pudels erreicht und sprangen hurtig umher.\nMit diesen Beobachtungen steht die von mir schon angedeutete eigene im geraden Gegensatze. Auch unsere B\u00e4rin warf in der vorletzten Woche des Janyar ihre zwei Jungen. Wir bereiteten ihr im Innern des Zwingers ein weiches Strohlager und sie nahm Dies dankbar entgegen. Das eine der Jungen war kurz nach der Geburt an Nabelverblutung gestorben, das andere war ein kr\u00e4ftiges und munteres kleines Thier von neun Zoll L\u00e4nge. Ein silbergrauer, sehr kurzer Pelz bekleidete es, die Augen waren dicht geschlossen, das Geb\u00fchren deutete auf gr\u00f6\u00dfte Hilflosigkeit; die Stimme bestand in einem kl\u00e4glichen, jedoch kr\u00e4ftigen Gewinsel. Die B\u00e4rin, welche von ihrem Eheherrn getrennt wurde, legte sehr wenig Z\u00e4rtlichkeit gegen ihre Jungen an den Tag, zeigte dagegen eine um so gr\u00f6\u00dfere Sehnsucht nach ihrem B\u00e4ren. Sobald dieser der Th\u00fcr ihrer Zelle sich nahte, verlie\u00df sie ihr Junges augenblicklich und schn\u00fcffelte und schnaufte den Herrn Gemahl an. Ihren Sprossen behandelte sie mit beispiellosem Ungeschick, ja mit f\u00f6rmlicher Rohheit. Sie schleppte ihn in der Schnauze wie ein St\u00fcck Fleisch umher, .lie\u00df ihn achtlos ohne weiteres zu Boden fallen, trat ihn nicht selten und behandelte ihn, mit einem Worte, so niedertr\u00e4chtig, da\u00df er schon am dritten Tage starb. Dies geschah einzig und allein aus \u00fcberwiegender Hinneigung nach dem B\u00e4ren; denn sie wurde, als beide Thiere wieder zusammengebracht werden konnten, augenblicklich ruhig, w\u00e4hrend sie fr\u00fcher im h\u00f6chsten Grade unruhig gewesen war.\nJunge, etwa f\u00fcnf bis sechs Monate alte B\u00e4ren habe, ich ebenfalls l\u00e4ngere Zeit beobachtet. Sie sind in der That h\u00f6chst erg\u00f6tzliche und wahrhaft komische Thiere. Ihre Beweglichkeit ist sehr gro\u00df, ihre T\u00f6lpelhaftigkeit aber nicht geringer, und so ist es erkl\u00e4rlich, da\u00df sie fortw\u00e4hrend die l\u00e4cherlichsten und drolligsten Streiche ausf\u00fchren. Das echt kindische Wesen der jungen B\u00e4ren zeigt sich in jeder Handlung. Sie sind spiellustig im hohen Grade, klettern aus reinem Uebermuth oft an den B\u00e4umen empor, balgen sich wie muthige Buben, springen ins Wasser, rennen \u00fcberm\u00fcthig umher und treiben hunderterlei verschiedene Possen. Ihren W\u00e4rtern beweisen sie gar keine besondere Z\u00e4rtlichkeit, sie sind vielmehr gegen Jedermann gleich freundlich und unterscheiden nicht zwischen dem Einen oder dem Andern. Wer ihnen Etwas zu fressen giebt, ist ihnen der rechte Mann; wer sie irgendwie erz\u00fcrnt, wird von ihnen als Feind angesehen und wo m\u00f6glich feindlich behandelt. Sie sind reizbar wie Kinder; ihre Liebe ist augenblicklich gewonnen, ebenso rasch aber auch verscherzt. Grob und ungeschickt, verge\u00dflich, unachtsam, t\u00e4ppisch,","page":586},{"file":"p0587.txt","language":"de","ocr_de":"Erziehung. Seine Kinder und Kinderw\u00e4rter.\n587\nalbern, wie ihre Eltern, sind auch sie; nur treten bei ihnen alle diese Eigenschaften sch\u00e4rfer hervor. Wenn sie allein gelassen sind, k\u00f6nnen sie sich stundenlang damit besch\u00e4ftigen, ihre Tatzen zu belecken; dabei lassen sie ein sonderbares Gebrumm und Geschmatze vernehmen. Jedes ungewohnte Ereigni\u00df, jedes fremde Thier erschreckt sie; sie richten sich dann auf und schlagen ihre Kinnladen klappend auf einander.\nGenau so verfahren auch die Alten. Der illyrische J\u00e4ger, von welchem ich weiter unten noch Einiges mittheilen werde, behauptet, da\u00df der erschreckte B\u00e4r beide Branten an einander schlage und dadurch ein klappendes Ger\u00e4usch hervorbringe; der Mann wird sich wahrscheinlich geirrt und eben dieses Zusammenklappen der Kinnladen falsch beurtheilt haben.\nVon Denen, welche B\u00e4ren in der Freiheit beobachteten, wird nun ferner angegeben, da\u00df die Alten ihre Jungen bis zur n\u00e4chsten B\u00e4rzeit mit sich umherf\u00fchren, dann aber versto\u00dfen und sie zur Selbstst\u00e4ndigkeit zwingen. Die jungen B\u00e4ren sollen \u00absich hierauf w\u00e4hrend des Sommers in der N\u00e4he des alten Lagers Herumtreiben und dieses bei schlechtem Wetter so lange benutzen, als sie nicht vertrieben werden. Sie sollen sich auch gern mit anderen Jungen ihrer Art vereinigen. Eine Angabe des russischen Naturforschers Eversmann l\u00e4\u00dft solche Vereinigungen in einem eigenth\u00fcmlichen Lichte erscheinen. Dieser Beobachter behauptet, da\u00df die B\u00e4renmutter ihre \u00e4lteren Kinder zur Wartung der j\u00fcngern benutze und bez\u00fcglich presse, weshalb auch solche einj\u00e4hrige mit der Mutter und Geschwistern umherlaufende B\u00e4ren von den Russen geradezu \u201ePestun,\" d. h. Kinderw\u00e4rter, genannt werden. Von einer B\u00e4renfamilie, welche die Kama durchkreuzt hatte, erz\u00e4hlt Eversmann Folgendes: \u201eAls die Mutter am jenseitigen Ufer angekommen, sieht sie, da\u00df ein Pestun ihr langsam nachschleicht, ohne den j\u00fcngeren Geschwistern, welche noch am andern Ufer waren, behilflich zu sein. Sowie der Pestun ankommt, erh\u00e4lt er von der Mutter stillschweigend eine Ohrfeige, kehrt sofort nach er\u00f6ffnetem Verst\u00e4ndnisse wieder um und holt das eine Junge im Maule her\u00fcber. Die Mutter sieht zu, wie er wieder zur\u00fcckkehrt, um auch das andere herbeizuholen, bis er dasselbe mitten im Flusse ins Wasser fallen l\u00e4\u00dft. Da st\u00fcrzt sie hinzu und z\u00fcchtigt ihn aufs neue, worauf der Pestun seine Schuldigkeit thut und die Familie in Frieden weiter zieht.\"\nWir wissen noch nicht bestimmt, wie lange das Wachsthum des B\u00e4ren w\u00e4hrt, d\u00fcrfen aber annehmen, da\u00df mindestens sechs Jahre vergehen, ehe das Thier zum wirklichen Hauptb\u00e4ren wird. Das Alter, welches der B\u00e4r \u00fcberhaupt erreichen kann, scheint ziemlich bedeutend zu sein. Man hat B\u00e4ren 50 Jahre in der Gefangenschaft gehalten und beobachtet, da\u00df die B\u00e4rin noch in ihrem 31. Jahre Junge geworfen hat.\nDie B\u00e4renjagd geh\u00f6rt zu dem gef\u00e4hrlichsten Waidwerk, welches unternommen werden kann; doch werden gerade neuerdings von ge\u00fcbten B\u00e4renj\u00e4gern die schauerlichen Geschichten, welche man fr\u00fcher erz\u00e4hlt hat, sehr in Abrede gestellt. Gegenw\u00e4rtig mu\u00df man schon \u00fcber die Grenzen Deutschlands hinausziehen, wenn man auf B\u00e4ren jagen will. In Siebenb\u00fcrgen und Skandinavien findet man hierzu noch gute Gelegenheit. Der Besitzer der gro\u00dfen Eisenwerke N\u00e4s bei Arendal in Norwegen, bei welchem ich einige Tage verweilte, hatte auf seinem eigenen Grund und Boden eigenh\u00e4ndig bereits 17 B\u00e4ren erlegt, sein Sohn, ein B\u00fcrschchen von 14 Jahren, deren zwei. In Lappland traf ich einen englischen Hauptmann, welcher B\u00e4renjagden regelrecht betrieb und sie in den meisten L\u00e4ndern von Europa und Nordamerika versucht hatte; er durfte sich r\u00fchmen, dreiundvierzig B\u00e4ren ge-t\u00f6dtet zu haben. Die ruhigen und kalten Norweger behaupten, da\u00df f\u00fcr sichere Sch\u00fctzen die Jagd gefahrlos sei, und das Gleiche versichern die B\u00e4renj\u00e4ger Siebenb\u00fcrgens.\nGute Hunde bleiben unter allen Umst\u00e4nden die besten Gehilfen des J\u00e4gers. Sie suchen den B\u00e4ren nicht blos auf, sondern stellen ihn auch so fest, da\u00df er gar nicht Zeit gewinnt, sich mit dem J\u00e4ger zu besch\u00e4ftigen. Nur, wenn er in die Enge getrieben ist, wird er zum furchtbaren Gegner der Menschen; sonst trabt er, selbst verwundet, so eilig als m\u00f6glich seines Weges. Anders verh\u00e4lt sich die Sache, wenn man die Jungen einer B\u00e4rin angreift; dann zeigt sie einen wirklich erhabenen Muth. Hier\u00fcber sprechen sich alle Beobachter \u00fcbereinstimmend aus.","page":587},{"file":"p0588.txt","language":"de","ocr_de":"588\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner B\u00e4r.\nUeber die B\u00e4renjagd in Illyrien will ich den gedachten Waidmann reden lassen. \u201eIm Ganzen,\" sagt er, \u201eist die B\u00e4renjagd in Illyrien sehr einfach. Sie geschieht erstens auf dem Anstande, zweitens auf dem P\u00fcrschgang, drittens durch Aufjagen des B\u00e4ren aus seinem Lager und Hetzen desselben vermittelst unserer gew\u00f6hnlichen Dachshunde, und viertens durch Aufsuchung des B\u00e4ren, sobald er sein Winterlager bezogen hat. Von allen \u00fcbrigen, in n\u00f6rdlichen L\u00e4ndern gebr\u00e4uchlichen Fangarten, wie z. B. dem Hetzen mit schweren Jagdhunden u. s. w., wissen die hiesigen J\u00e4ger nichts. Diese Jagd-arten sind aber auch zu wenig praktisch, und sie machen aus diesem Grunde keinen Gebrauch davon.\"\n\u201eAm vortheilhaftesten wird die Jagd unstreitig zur Feistzeit betrieben, nicht allein, weil dann das Mildpret und die Decke am besten sind, sondern vorz\u00fcglich deshalb, weil der grimmige, rothe B\u00e4r dann weniger wild und rachs\u00fcchtig, sondern ziemlich tr\u00fcge ist, wodurch die Jagd weit weniger gef\u00e4hrlich wird. Die Klagen der Alpenhirten \u00fcber geschlagenes Vieh oder \u00fcber die zu Grunde gerichtete Haferernte machen es indessen sehr oft n\u00f6thig, da\u00df auch au\u00dfer dieser Zeit gejagt wird.\"\n\u201eDer Anstand f\u00fchrt immer am sichersten zum Ziele. Meistens unternimmt der J\u00e4ger diese Jagd allein. Sein Gewehr ist gew\u00f6hnlich ein Drehstutzen, an welchem der Oberlauf 1 Va Drall hat und der untere kugelgleich gebohrt ist, um schnell wieder laden zu k\u00f6nnen. Alle diese Gewehre schie\u00dfen ein m\u00e4\u00dfigstarkes Blei, 20 bis 22 Kugeln auf das Pfund. An der Seite des J\u00e4gers h\u00e4ngt der Hirschf\u00e4nger, welcher eine starke, vorn zweischneidig ausgehende Klingt hat. Diese ist bis zur halben Breite von gutem Eisen, die untere H\u00e4lfte der Schneide aber ist von dem feinsten steirischen Stahl, so da\u00df ein Brechen nicht gut m\u00f6glich und man im Stande ist, einen Knochen damit zu zerhauen, ohne da\u00df die Schneide ausspringt.\"\n\u201eSo und au\u00dferdem mit gutem Muthe ausger\u00fcstet, zieht der J\u00e4ger vor Tagesanbruch oder vor der Abendd\u00e4mmerung an den Ort, an welchem er sich anstellen will, um den B\u00e4ren zu erwarten. Dieser h\u00e4lt den einmal angenommenen Wechsel zn den Alpenh\u00fcrden oder zu einem Haferfeld richtig ein, wenn er nicht gest\u00f6rt worden ist, aber er ist \u00fcberaus vorsichtig und sucht vor allen Dingen den Wind zu erhalten. K\u00f6mmt ihm etwas Verd\u00e4chtiges in die Nase, so richtet er sich sogleich auf, windet mit vorgestrecktem Kopfe und ergreift im starken Trabe eiligst die Flucht, er mag seinen Feind zu Gesichte bekommen haben oder nicht. Einige Tage darauf nimmt er aber diesen Wechsel wieder an.\"\n\u201eSteht der J\u00e4ger an einem Haferst\u00fccke, so darf er nicht gleich schie\u00dfen, selbst, wenn ihm der B\u00e4r schu\u00dfrecht sein sollte, sondern er mu\u00df, namentlich bei schon eingetretener Dunkelheit, die Zeit abwarten, wo der B\u00e4r, wie es hier hei\u00dft, ein M\u00e4nnchen macht, das hei\u00dft, sich aufrichtet, um den Hafer abzustreifen. Dann kann er mit gr\u00f6\u00dferer Sicherheit einen Blattschu\u00df anbringen.\"\n\u201eFindet man ein von B\u00e4ren angerissenes und mit Mos oder Bl\u00e4ttern zugedecktes St\u00fcck Wild oder zahmes Vieh, so kann man mit Bestimmmtheit darauf rechnen, da\u00df der B\u00e4r mit einbrechender Nacht angeschlichen kommt, und man kann sich anstellen, ohne erwarten zu m\u00fcssen, einen vergeblichen Gang zu thun.\"\n\u201eDer P\u00fcrschgang dient mehr dazu, den Aufenthalt und den Wechsel des B\u00e4ren zu erforschen: denn es wird dem J\u00e4ger sehr selten gelingen, z\u00fc Schu\u00df zu kommen. Nur dann ist eine M\u00f6glichkeit vorhanden, wenn Alt und Jung mit einander besch\u00e4ftigt sind.\"\n\u201eWenn nun auch der J\u00e4ger zwei Sch\u00fcsse in seinem Gewehr hat, so kommt doch nicht selten der Fall vor, da\u00df beide mi\u00dfrathen und er gezwungen wird, seinen Muth und die Kraft seines Armes im Zweikampfe mit dem B\u00e4ren zu erproben. Hat er diesen auf dem Anstande oder P\u00fcrschgange rein gefehlt oder durch einen Blattschu\u00df t\u00f6dlich verwundet, so lehrt die Erfahrung, da\u00df er im erstem Falle, ohne sich weiter zu besinnen, schleunigst die Flucht ergreift, und im letztem sogleich zusammenst\u00fcrzt und au\u00dfer Stande ist, seinen Rachedurst zu befriedigen.\"\n\u201eIst er aber weniger gef\u00e4hrlich oder auch nur leicht verwundet, so erhebt sich der B\u00e4r sogleich und geht auf seinen Hinterpranken mit wackelndem Gange der Gegend zu, von wo aus der Schu\u00df erfolgte. F\u00fcr den kaltbl\u00fctigen Sch\u00fctzen ist nun noch durchaus kerne Gefahr vorhanden, denn er hat noch die zweite Kugel im Rohr. Den Stutzen am Backen l\u00e4\u00dft er den B\u00e4ren bis auf zehn oder zw\u00f6lf","page":588},{"file":"p0589.txt","language":"de","ocr_de":"B\u00e4renjagd in Jllyrien.\n589\nSchritte herankommen, bei der Dunkelheit oft noch n\u00e4her, und schie\u00dft ihm die Kugel auf die Brust oder auf den Kopf. Hier hei\u00dft es aber sicher abkommen!\"\n\u201eSobald es knallt, macht der B\u00e4r nur eine Seitenbewegung mit dem Kopf, ohne seine Stellung zu ver\u00e4ndern, \u2014 wenn n\u00e4mlich der Schu\u00df aus Uebereilung oder Aengstlichkeit mi\u00dfrathen ist. Nun bleibt dem Sch\u00fctzen Nichts \u00fcbrig, als sich zu einem Kampfe auf Leben und Tod anzuschicken; denn an die Flucht oder Rettung durch Erklettern eines Baumes ist jetzt nicht mehr zu denken. Der B\u00e4r r\u00e4umt den Kampfplatz niemals: er bleibt auf demselben todt oder lebendig.\"\n\u201eTrotz der geringen Entfernung hat der J\u00e4ger noch immer Zeit, nach dem gefehlten Schusse seinen Hirschf\u00e4nger ziehen zu k\u00f6nnen, denn der B\u00e4r beschleunigt seine Schritte durchaus nicht. Wie ein geschickter Fechtmeister parirt er Hieb und Stich mit seinen Pranken, wenn sie auch schon durch-hauen herabh\u00e4ngen. Mit gefletschten Z\u00e4hnen und vermehrter Wuth dringt er auf den Gegner ein. Ein tiefer, aber schneller Stich desselben in die Brust bringt ihn wohl zum Wanken, aber nicht zum St\u00fcrzen. Der J\u00e4ger mu\u00df nun alle Geschicklichkeit aufbieten, bei einer Wendung die Seite des B\u00e4ren zu gewinnen; dann hat der furchtbare Gegner das Spiel verloren: ein zweiter Stich hinter dem Blatt durchbohrt die edleren Theile; er schwankt hin und her und st\u00fcrzt r\u00f6chelnd zusammen. \u2014 Ein solcher Kampf dauert zuweilen l\u00e4nger als eine Viertelstunde, und der gl\u00fcckliche Sieger kann vor Ersch\u00f6pfung kaum Athem holen.\"\n\u201eDer Kampf geht indessen nicht immer so regelm\u00e4\u00dfig und gl\u00fccklich ab, denn zuweilen schl\u00e4gt der B\u00e4r schon beim ersten Stich in die Brust die Klinge des Hirschf\u00e4ngers entzwei, was einer Pranke wohl m\u00f6glich ist, welche mit einem einzigen Schlage einen Ochsen niederwirft. Dann bleibt dem J\u00e4ger Nichts \u00fcbrig, als einige Schritte zur\u00fcckzuweichen und das B\u00e4renmesser zu ziehen oder den Doppelstutzen umgekehrt in beide H\u00e4nde zu nehmen und dem B\u00e4ren damit einen Schlag zwischen die Augen zu geben, der stark genug ist, ihn zu bet\u00e4uben. Das B\u00e4renmesser mag dann das Werk vollenden. Solche K\u00e4mpfe sind nichts weniger als selten, und so hat man denn auch hinl\u00e4ngliche Erfahrungen dar\u00fcber sammeln k\u00f6nnen. Ein richtig zwischen beiden Sehern angebrachter Schlag tobtet den B\u00e4ren auf der Stelle, trifft man aber etwas tiefer, die Schnauze, so folgt nur eine kurze Bet\u00e4ubung, von welcher sich der B\u00e4r bald wieder erholt, wenn nicht schnell einige Schl\u00e4ge nachfolgen. \u2014 Gewandtheit, Muth, ein kr\u00e4ftiger Arm und vor allen Dingen kaltes Blut sind die Haupterfordernisse des B\u00e4ren-j\u00e4gers, der allein eine solche Jagd unternehmen will; wer diese Eigenschaften nicht besitzt, der bleibe lieber zu Hause, wenn er nicht seines Lebens m\u00fcde ist.\"\n\u201eAlte B\u00e4renj\u00e4ger, die schon manchen Kampf dieser Art gl\u00fccklich ausgefochten hatten, versicherten, da\u00df Derjenige, welcher den B\u00e4ren von vorn durch einen Stich in die Brust augenblicklich zu tobten meine, sich im vollst\u00e4ndigen Irrthum befinde. Die beste Art dieses Gefechts sei: dem B\u00e4ren die weit zur Umarmung ausgestreckten Pranken abzuhauen oder wenigstens deren Kraft zu l\u00e4hmen, dann ihm schnell die Seite abzugewinnen und einen Stich hinter dem Blatt anzubringen. Jedoch m\u00fcsse man darauf bedacht sein, die Klinge so schnell als m\u00f6glich wieder herauszuziehen, da der B\u00e4r, besonders zur B\u00e4rzeit, eine au\u00dferordentliche Lebenskraft besitzt, und stets noch einige gut angebrachte Stiche n\u00f6thig werden, um ihn zu tobten.\"\n\u201eDer beste und sicherste Schu\u00df bleibt immer der mit der Kugel. Mit Rollern oder Posten zu schie\u00dfen, ist selbst auf kurze Entfernungen unsicher und von geringerer Wirksamkeit, wenn das Gewehr nicht ganz besonders scharf schie\u00dft und den Schu\u00df zusammenh\u00e4lt.\"\n\u201eHat der B\u00e4r eine lebensgef\u00e4hrliche Wunde erhalten und flieht, so sucht er gew\u00f6hnlich sein verlassenes Lager wieder auf oder thut sich schon am ersten Dickicht oder Bruch nieder. Der Anschu\u00df wird sogleich verbrochen (bezeichnet), dem Verwundeten aber die n\u00f6thige Zeit zum Krankwerden gelassen. Wenn der B\u00e4r auf der Flucht hustet, so ist Dies ein Zeichen, da\u00df der Schu\u00df gut war. Die J\u00e4ger bestimmen aus dem vorgefundenen Schwei\u00df ziemlich sicher, wo die Kugel sitzt. Ist der Schwei\u00df sch\u00e4umend und sehr hellroth, so hat die Kugel die Lunge durchbohrt, sieht er aber schwarzbraun aus, so ist die Leber zerrissen. Nach einer andern Farbe des Schwei\u00dfes braucht sich der J\u00e4ger nicht umzusehen; denn, ist","page":589},{"file":"p0590.txt","language":"de","ocr_de":"590\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner B\u00e4r.\nder B\u00e4r durch die Keule, den Hals oder weidewund geschossen, so erz\u00e4hlt er es dem J\u00e4ger selbst, indem er bem\u00fcht ist, ihm durch eine z\u00e4rtliche Umarmung f\u00fcr die erwiesene Freundschaft zu danken.\"\n\u201eHat man nun die geh\u00f6rige Zeit gewartet und vielleicht einige Jagdgef\u00e4hrten nebst Dachshunden herbeigeholt, so kann die Nachsuche beginnen. Finden die Hunde den B\u00e4ren verendet, so verbellen sie ihn; geben sie aber auf eine ungewisse und \u00e4ngstliche Weise Laut, dann ist Dies ein Zeichen, da\u00df der B\u00e4r noch lebt. In diesem Falle suchen ihn die J\u00e4ger zu umkreisen, indem sie sich m\u00f6glichst nahe bei einander halten. So wird nun der B\u00e4r entweder im Lager todtgeschossen oder wenn er, auf den Hinterbranten stehend, den Kreis zu durchbrechen sucht.\"\n\u201eBei einer solchen Jagd hat man die beste Gelegenheit, den Muth unserer kleinen Dachshunde zu bewundern. Mit der gr\u00f6\u00dften Wuth fahren sie auf den B\u00e4ren los, und dieser mu\u00df unter best\u00e4ndigem Brummen die kleinen Feinde mit seinen Pranken abwehren. Den verderblichen Schl\u00e4gen derselben wissen sie mit der gr\u00f6\u00dften Geschicklichkeit auszuweichen. Sie sind stets zur Verfolgung bereit, als ob sie w\u00fc\u00dften, da\u00df der starke Feind ihre Ohnmacht ber\u00fccksichtige. Ich m\u00f6chte daher wohl behaupten, da\u00df der Dachshund alle seine Vettern, sie m\u00f6gen hei\u00dfen, wie sie wollen, an Muth \u00fcbertrifft.\"\n\u201eEhe ich fortfahre, \u00fcber die B\u00e4renjagd zu reden, will ich einige Worte \u00fcber eine dem B\u00e4ren zugeschriebene Eigenschaft sagen: da\u00df er n\u00e4mlich die erhaltene Schu\u00dfwunde mit Mos oder Gras verstopfe, um das Schwei\u00dfen zu verhindern. Ich habe zwar schon fr\u00fcher nicht recht daran glauben wollen, aber die Sache war so unm\u00f6glich nicht, und so hielt ich es denn der M\u00fche werth, mich durch Nachforschungen zu \u00fcberzeugen. Ich habe mehrere angeschossene B\u00e4ren mit aufsuchen helfen, darunter einige am Abend verwundete, so da\u00df die Nachsuche erst am Morgen beginnen konnte; aber ich habe weder an einem verendeten, noch an einem lebend angetroffenen und dann erlegten die Sckm\u00dfwunde verstopft gefunden, wohl aber war sie jederzeit beleckt. Es ist nun wohl nicht gut anzunehmen, da\u00df die B\u00e4ren in anderen L\u00e4ndern kl\u00fcger oder geschickter sein sollten, als in hiesiger Gegend, und sie m\u00fc\u00dften in der That sehr geschickt sein, wenn sie mit ihren gro\u00dfen, plumpen Pranken oder gar mit dem Rachen einen so kleinen Pfropfen machen sollten, wie er erforderlich ist, um eine kleine Schu\u00dfwunde zu verstopfen. Abgesehen, da\u00df sie sich dadurch uns\u00e4gliche Schmerzen verursachen w\u00fcrden, so ist auch jedes Thier auf Nichts sorgf\u00e4ltiger bedacht, als jeden fremdartigen Gegenstand durch h\u00e4ufiges Lecken aus einer erhaltenen Wunde zu entfernen. Wozu sollte die Natur auch dem B\u00e4ren diese Geschicklichkeit gelehrt haben? Etwa, damit er noch auf kurze Zeit sein Leben fristen kann? Dieser Zweck w\u00fcrde nicht erreicht werden; denn nach meiner Erfahrung wird gerade durch die Hemmung des Blutausflusses das Ende eines Thieres beschleunigt, indem es dann eher erstickt, als wenn die Wunde offen ist. Deshalb wendet man bei der Jagd auf gro\u00dfe, rei\u00dfende Thiere stets ein kleines Blei an, damit sich die Wunde schneller verstopft und das Wild fr\u00fcher verendet.\"\n\u201eDie \u00fcblichste und am wenigsten gef\u00e4hrliche Jagd auf B\u00e4ren zur Feistzeit ist die mit Dachshunden, welche den B\u00e4ren aufsuchen und den vorstehenden J\u00e4gern zutreiben. Diese, auf die obenerw\u00e4hnte Weise bewaffnet und ausger\u00fcstet, begeben sich in die Gegend, wo sie einen B\u00e4ren vermuthen oder bereits abgesp\u00fcrt haben. Sie umstellen die buschigen Felsw\u00e4nde, Verhaue, zusammengebrochene B\u00e4ume oder Br\u00fcche, welche im Sommer der gew\u00f6hnliche Aufenthalt der B\u00e4ren sind. Zwei Sch\u00fctzen, die sich nicht zuweit von einander halten, gehen mit den Hunden in das Treiben. Befindet sich in demselben ein alter B\u00e4r oder eine ganze Familie, so ergreifen dieselben vor den durchgehenden J\u00e4gern und Hunden bei Zeilen die Flucht. Die Hunde geben sogleich Laut und folgen der F\u00e4hrte. Einer der vorstehenden'J\u00e4ger kommt dann sicher zum Schu\u00df und hat h\u00e4ufig, wenn er den vordersten B\u00e4ren erlegt hat, noch Gelegenheit, einen zweiten zu schie\u00dfen. Da es oft vorkommt, da\u00df sich nach dem ersten Schusse die ganze B\u00e4renfamilie nach allen Richtungen hin zerstreut, so ist es nicht selten, da\u00df mehrere der J\u00e4ger Gelegenheit erhalten, einen B\u00e4ren zu schie\u00dfen.\"\n.\u201eHat man gefehlt oder den B\u00e4ren schlecht getroffen und kehrt dieser um und stellt sich zum Angriff, so mu\u00df man durch ein lautes: Hupp, hupp! die Jagdgef\u00e4hrten zur Hilfe rufen und einstweilen mit gezogenem Hirschf\u00e4nger den Angriff erwarten. Durchaus unrathsam ist es, in einem solchen Falle","page":590},{"file":"p0591.txt","language":"de","ocr_de":"Angebliche Wundenstopfung. B\u00e4renjagd in Jllyrien.\n591\ndie Flucht nach dem n\u00e4chsten Sch\u00fctzen zu ergreifen, denn der B\u00e4r l\u00e4\u00dft sich sogleich nieder und folgt mit gr\u00f6\u00dfter Schnelligkeit, wodurch die Sache f\u00fcr den Ausrei\u00dfer eine \u00fcble Wendung nehmen kann, da er in der Angst leicht die Richtung verfehlt und die ihn endlich auffindenden J\u00e4ger zu sp\u00e4t zu Hilfe kommen. \u2014 Wenn kein Hilferuf erfolgt, so bleibt Jeder solange auf seinem Stand, bis abgepfiffen wird.\"\n\u201eIst die Jagd beendet, so wird der geschossene B\u00e4r sogleich gel\u00fcftet oder der Anschu\u00df des verwundeten verbrochen und die Hunde werden an den Riemen gelegt. Die J\u00e4ger lassen sich im Kreise nieder und erwarten bei einem guten Trunk unter munteren Gespr\u00e4chen, wobei es nicht an Neckereien \u00fcber die Zaghaften oder die schlechten Sch\u00fcsse fehlt, die Zeit zur Nachsuche.\"\n\u201eDiese beginnt vom Ansch\u00fcsse aus. Die Hunde bleiben am Riemen, und es ist zu bewundern, mit welchem Eifer und mit welcher Genauigkeit sie der F\u00e4hrte gleich dem besten Schwei\u00dfhunde folgen. Jeder Tropfen Schwei\u00df wird von ihnen richtig markirt und entflammt sie zu neuem Eifer. Ich glaube deshalb annehmen zu k\u00f6nnen, da\u00df die Witterung des B\u00e4ren, ^gleich der des Dachses, f\u00fcr die Nase der Dachshunde eine ganz besondere Anziehungskraft haben mu\u00df.\"\n\u201eDie Hunde werden gel\u00f6st, wenn der B\u00e4r ein Dickicht oder einen Bruch angenommen hat, die nur mit M\u00fche zu durchdringen sind, nachdem man den Ort so umstellt hat, da\u00df ein J\u00e4ger dem andern helfen kann. Sobald die Hunde ihren gew\u00f6hnlichen Jagdlaut geben, ist es ein Zeichen, da\u00df der B\u00e4r sein Lager verlassen hat und sich im Dickicht oder im Bruch umhertreibt. Jeder J\u00e4ger mu\u00df dann auf sein Erscheinen gefa\u00dft sein; man h\u00f6rt bei stillem Wetter sein Schnaufen schon auf vierzig bis f\u00fcnfzig Schritte. Ist er auch noch so krank, so richtet er sich sogleich auf, sobald er den Sch\u00fctzen erblickt, und geht ihm w\u00fcth- und racheschnaubend entgegen. Er kehrt sich nicht mehr an die verfolgenden Hunde, sondern geht mit bed\u00e4chtigen'Schritten, aber furchtbarem Z\u00e4hnefletschen und funkelnden Augen auf seinen Feind los, der ihn dann mit einem gut angebrachten Schusse vollends todtschie\u00dft.\"\n\u201eL\u00e4\u00dft sich der Angeschossene durch die Hunde nicht aus seinem Lager anftreiben, sondern begn\u00fcgt sich damit, sie abzuwehren, so ist Dies zwar ein Zeichen, da\u00df der B\u00e4r sehr krank und dem Verenden nahe ist; dann bleibt aber nichts Anderes \u00fcbrig, als da\u00df s\u00e4mmtliche J\u00e4ger ihn eng umkreisen und im Lager erlegen.\"\n\u201eBei schlechtem, regnerischen Wetter ist es gut, die Nachsuche sp\u00e4testens nach Verlauf einer Stunde mit den Hunden am Riemen soweit vorzunehmen, bis man wei\u00df, in welches Dickicht sich der B\u00e4r gesteckt hat, um ihn am andern Tage in demselben aufsuchen zu k\u00f6nnen, was freilich f\u00fcr die Hunde, ganz wie bei unserer Suche auf Hochwild, eine etwas schwere Aufgabe ist. Bei gutem Wetter-folgen die Dachshunde noch nach Verlauf von zw\u00f6lf bis f\u00fcnfzehn Stunden der F\u00e4hrte mit gro\u00dfer Sicherheit, und man braucht dann mit der Nachsuche nicht so \u00e4ngstlich zu eilen. War der Schu\u00df gut, so findet man den B\u00e4ren um so kr\u00e4nker und kann ihn leichter erlegen, oder das Verbellen der Hunde zeigt an, da\u00df er bereits verendet ist.\"\n\u201eNach solcher gl\u00fccklich beendeten Jagd wird die erlegte Beute unter dem Jubel der J\u00e4ger nach Hause geschafft, wo die ganze Gesellschaft mit dem allerfreundlichsten Gesicht von der rothb\u00e4ckigen, h\u00fcbschen Frau Waldmeisterin empfangen wird.\"\n\u201eDas Aufsuchen des B\u00e4ren im Winterlager ist weniger gebr\u00e4uchlich; doch kommt es zuweilen vor, wenn der Schnee auf den Alpen nicht zu hoch und der Winter nicht zu weit vorger\u00fcckt ist, so da\u00df man hoffen kann, den B\u00e4ren noch feist und gut bei Wildpret zu finden. Da ich einer solchen Jagd aber niemals beigewohnt habe, so kann ich mich dabei nur auf die Angaben solcher J\u00e4ger verlassen, die mir als wahrheitliebende M\u00e4nner bekannt sind und deren praktische Erfahrungen ich auf anderen B\u00e4renjagden kennen gelernt habe.\"\n\u201eDiese sagen, da\u00df es sehr schwierig sei, alte oder selbst junge B\u00e4ren aus ihrem Winterlager herauszubringen, besonders, wenn sich dasselbe in einer Felsenh\u00f6hle befindet. Die Hunde gehen zwar hinein, da sie aber ihre Ohnmacht gegen einen so m\u00e4chtigen Feind kennen, so kehren sie, wenn sie ihn darin finden, schnell um und begn\u00fcgen sich damit, am Eing\u00e4nge Laut zu geben. H\u00e4ufig bietet auch","page":591},{"file":"p0592.txt","language":"de","ocr_de":"592\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner B\u00e4r.\ndie Oertlichkeit solche Hindernisse dar, da\u00df man auf jede Jagd verzichten mu\u00df. Der B\u00e4r bleibt daher ganz ruhig in seinem Lager, wenn ihm kein m\u00e4chtigerer Feind in den R\u00fccken kommt und ihn zwingt, seinen Aufenthalt ohne Kampf zu verlassen.\"\n\u201eFindet der J\u00e4ger aber ein solches Lager unter zusammengebrochenen, alten B\u00e4umen, die gew\u00f6hnlich mit neuem Anw\u00fcchse umgeben sind, dann ist diese Jagd eher m\u00f6glich, indem man den B\u00e4ren durch einen von hinten in das Lager gethanen blinden Schu\u00df zum Aufstehen n\u00f6thigt. Dann sucht er sich gew\u00f6hnlich behutsam zum Ausgange hinauszuschleichen, wo ihn die dort aufgestellten Sch\u00fctzen empfangen und niederschie\u00dfen, ehe er noch Zeit hat, sich zum Angriff erheben zu k\u00f6nnen.\" \u2014\nAber es giebt noch andere Arten, den B\u00e4ren zu jagen, und einige davon sind wirklich sehr lustig. So theilt uns Steller in seiner launigen Weise mit, wie man im s\u00fcdlichen Ru\u00dfland und Sibirien die B\u00e4ren erlegt und f\u00e4ngt. Au\u00dfer der Jagd mit Feuergewehren und Pfeil und Bogen werden die Thiere n\u00e4mlich noch auf sehr eigenth\u00fcmliche Weise bew\u00e4ltigt. \u201eDie Asiaten,\" sagt Steller, \u201emachen ein Geb\u00e4ude von vielen auf einander liegenden Balken, die alle zusammenfallen und die B\u00e4ren erschlagen, sobald sie auf diejenigen Fallen kommen, welche vor ihnen leise aufgestellt sind. Sie graben eine Grube, befestigen darin einen spitzen, gegl\u00e4tteten und gebrannten Pfahl, der einen Fu\u00df hoch aus der Erde emporsieht, die Grube aber bedecken sie mit Gras. Vermittelskwines Strickes stellen sie jetzt ein biegsames Schreckholz auf, welches, wenn der B\u00e4r mit dem Fu\u00df auf den Strick tritt, losschl\u00e4gt und das Thier dergestalt erschreckt, da\u00df es heftig zu laufen anf\u00e4ngt, unvorsichtiger Weise in die Grube f\u00e4llt, sich auf den Pfahl spie\u00dft und so selbst tobtet. Auch befestigen Viele eiserne und spitze Fu\u00dfangeln und Widerhaken in einem dicken, starken und zwei Schuh breiten Bret, legen solches auf des B\u00e4ren Weg und stellen, eben wie vorher, ein Schreckholz auf. Sobald dieses losschl\u00e4gt und den B\u00e4ren erschreckt, verdoppelt er seine Schritte, tritt mit dem Fu\u00dfe heftig in die Angel und ist also angenagelt. Darauf sucht er den Fu\u00df herauszubringen und tritt mit dem andern auch darein. Steht er nun gleich eine Weile auf den Hinterf\u00fc\u00dfen, so verdeckt er mit dem Bret den Weg und sieht nicht, wo er .hingehen soll. Endlich, wenn er genug spekulirt und grimmig geworden ist, tobt er so lange, bis er auch mit den Hinterf\u00fc\u00dfen angenagelt wird. Nach Diesem f\u00e4llt er auf den R\u00fccken und kehrt alle vier F\u00fc\u00dfe mit dem Bret in die H\u00f6he, bis er bei der Leute Ankunft erstochen wird. Noch l\u00e4cherlicher fangen ihn die Bauern an der Lena und dem Jlmflusse. Sie befestigen an einen sehr schweren Klotz einen Strick, dessen anderes Ende mit einer Schlinge versehen ist. Dies wird nahe an einem hohen Ufer an den Weg gestellt. Sobald nun der B\u00e4r die Schlinge um den Hals hat und im Fortgehen bemerkt, da\u00df ihn der Klotz hindere und zur\u00fcckhalte, ist er doch nicht so klug, da\u00df er die Schlinge vom Kops nehmen sollte, sondern ergrimmt dergestalt \u00fcber den Klotz, da\u00df er hinzul\u00e4uft, selben von der Erde aufhebt und, um sich davon zu entledigen, mit der gr\u00f6\u00dften Gewalt den Berg hinunterwirft, zugleich aber durch das andere Ende, welches an seinem Hals befestigt ist, mit hinuntergerissen wird und sich zu Tode f\u00e4llt. Bleibt er aber lebendig, so tr\u00e4gt er den Klotz wieder den Berg hinauf und wirft ihn nochmals hinab; dieses Spiel treibt er so lange, bis er sich zu Tode gearbeitet oder gefallen hat. Die Kor\u00e4ken suchen solche B\u00e4ume aus, die krumm, wie ein Schnellgalgen, gewachsen sind. Daran machen sie eine starke, feste Schlinge und h\u00e4ngen Aas darin auf. Wenn der B\u00e4r solches ansichtig wird, steigt er den Baum hinauf und bem\u00fcht sich, das Aas zu erhalten, wodurch er in die Schlinge kommt und bis zu der Kor\u00e4ken Ankunft bleibt, entweder todt oder lebendig, nachdem er mit dem Kopfe oder Vorderf\u00fc\u00dfen in die Schlinge ger\u00e4th.\"\nIn Gegenden, wo viel Waldbienenzucht getrieben wird, h\u00e4ngt man an B\u00e4umen mit Bienenst\u00f6cken einen schweren Klotz an einem Stricke auf, so da\u00df derselbe dem B\u00e4ren den Zugang zum Honig versperren mu\u00df. Dadurch, da\u00df der B\u00e4r mit seiner Tatze den Klotz zur Seite dr\u00fcckt, dieser aber von selber wiederkehrt, gerathen beide mit einander in Streit. Der B\u00e4r wird nat\u00fcrlich zuerst leidenschaftlich und heftig und in Folge dessen der Klotz auch, bis endlich der Kl\u00fcgste nachgiebt und bet\u00e4ubt herunterf\u00e4llt.","page":592},{"file":"p0593.txt","language":"de","ocr_de":"Fallen in S\u00fcdru\u00dfland und Sibirien. Allerlei Jagd- und Fangarten in verschiedenen L\u00e4ndern. 593\nAm Ural h\u00e4ngt man ein Bret mit mehreren Stricken gleich einer Wagschale schr\u00e4g an einem Baumaste auf und bindet es vor dem Flugloche der Bienen mit einem Baststricke an, so da\u00df der Strick den Zugang hindert. Der honigl\u00fcsterne B\u00e4r setzt sich auf das Bret, welches ihm hierzu ganz bequem zu sein scheint, und versucht es jetzt, durch Zerrei\u00dfen des Strickes das Hinderni\u00df zu beseitigen, welches ihm den Zugang zum Honigstocke verwehrt. Sobald er seinen Zweck erreicht, sitzt er unfreiwillig auf einer Schaukel, von welcher aus er nicht nach den Aesten emporsteigen kann. F\u00fcr den Fall, da\u00df es ihm einfallen sollte, herunterzuspringen, hat man, wie auch bei der vorher mitgetheilten Fangart, spitze Pf\u00e4hle eingerammt, auf welchen er sich spie\u00dft.\n\u201eWenn die Kamtschadalen,\" f\u00e4hrt Steller fort, \u201eeinen B\u00e4ren in seinem Lager ermorden wollen, versperren sie denselben darinnen zu mehrerer Sicherheit auf folgende Weise. Sie schleppen vieles Holz vor das Lager, welches l\u00e4nger, als der Eingang breit ist, und stecken ein Holz nach dem andern hinein. Der B\u00e4r erfa\u00dft dasselbe sogleich und zieht es nach sich. Die Kamtschadalen aber fahren solange damit fort, bis die H\u00f6hle des B\u00e4ren so voll ist, da\u00df nichts mehr hineingeht und er sich weder bewegen, noch umwenden kann. Alsdann machen sie \u00fcber dem Lager ein Loch und erstechen ihn darinnen mit Spie\u00dfen.\"\nW\u00e4re es nicht der alte Steller, der diese Dinge erz\u00e4hlt, man w\u00fcrde ihm wahrhaftig kaum Glauben schenken; die Wahrheitstreue des guten Beobachters ist aber so gewi\u00df erprobt, da\u00df uns kein Recht zusteht, an seinen Mittheilungen, bevor das Gegentheil erwiesen ist, zu zweifeln.\nDie Kamtschadalen erlegen den B\u00e4ren gew\u00f6hnlich mit Pfeilen oder graben ihn im Herbst und Winter aus seinen L\u00f6chern, nachdem sie ihn vorher mit Spie\u00dfen in der Erde erstochen haben. Auch treten sie ihm mit der Lanze oder dem Messer entgegen und greifen ihn an, wenn er gereizt sich auf die Hinterbeine stellt.\nDie J\u00e4ger in Jemtland gehen dem B\u00e4ren mit einem Armfutteral zu Leibe, stecken ihm den Arm mit dem Futteral in den Rachen, ziehen den Arm frei heraus und tobten das Thier, ehe es noch aus seiner Ueberraschung zur Besinnung gekommen ist.\nDiese Jagdart erinnert gewisserma\u00dfen an die der spanischen \u201eOseros\", von deren B\u00e4renk\u00e4mpfen ich w\u00e4hrend meines Aufenthalts in Spanien von vielen Asturiern und Galegos \u00fcbereinstimmende Berichte erhielt. Der B\u00e4r ist auf der pyren\u00e4ischen Halbinsel blos noch im Norden heimisch, dort aber \u00fcber das ganze Hochgebirge verbreitet. Er wird von den Spaniern in wirklich l\u00e4cherlicher Weise gef\u00fcrchtet, ist aber zu ihrer gr\u00f6\u00dften Freude seit 25 Jahren in stetem Abnehmen begriffen. In Leon, Galizien und Asturien, wo er noch am zahlreichsten vorkommt, macht man regelm\u00e4\u00dfige Jagden auf ihn. Jedoch geschieht seine Vertilgung fast ausschlie\u00dflich noch immer durch die Oseros oder z\u00fcnftigen B\u00e4renj\u00e4ger, deren Gewerbe vom Vater auf den Sohn erbt. In der Achtung der Spanier stehen diese Leute sogar \u00fcber den \u201eToreros\" oder Stierfechtern, und Das mag der beste Beweis von der Gef\u00e4hrlichkeit ihres Handwerks sein. In der That geh\u00f6rt wahrhaft m\u00e4nnlicher Muth dazu, einen'B\u00e4ren in der Weise jener Leute zu erlegen. Unter Mithilfe von zwei starken und t\u00fcchtigen Hunden sucht der Osero sein Wild in dem fast undurchdringlichen Dickicht der Gebirgsw\u00e4lder auf und stellt sich ihm, sobald er es gefunden, zum Zweikampfe gegen\u00fcber, Mann gegen Mann. Er f\u00fchrt kein Feuergewehr, sondern ganz eigenth\u00fcmliche Waffen: ein breites, schweres und spitzes Waidmesser an der Seite und einen Doppeldolch, welcher zwei sich gegen\u00fcberstehende, dreiseitig ausgeschliffene und nadelscharfe Klingen besitzt und den Handgriff in der Mitte hat. Den linken Arm hat der Mann zum Schutze gegen das Gebi\u00df und die Krallen des B\u00e4ren mit einem dicken Aermel \u00fcberzogen, welcher aus alten Lumpen zusammengen\u00e4ht ist. Der Doppeldolch wird mit der linken Hand gef\u00fchrt, das Waidmesser ist die Waffe der rechten. So ausger\u00fcstet tritt der J\u00e4ger dem Raubthiere, welches von den Hunden aufgest\u00f6rt und ihm angezeigt worden ist, entgegen, sobald dasselbe sich anschickt, ihn mit einer jener Umarmungen zu bewillkommnen, welche alle Rippen im Leibe zu zerbrechen pflegen. Furchtlos l\u00e4\u00dft er den brummenden, auf den Hinterbeinen auf ihn zuwandelnden B\u00e4ren herankommen; im g\u00fcnstigen Augenblicke aber setzt er ihm den Doppeldolch zwischen\nBrehm, Thierleben.\tqo","page":593},{"file":"p0594.txt","language":"de","ocr_de":"594\nDie RauLthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner B\u00e4r.\nKinn und Brust und st\u00f6\u00dft ihm denselben mit der obern Spitze in die Gurgel. Sobald sich der B\u00e4r verwundet f\u00fchlt, versucht er, das Eisen herauszuschleudern, und macht zu diesem Zwecke mit dem Kopfe eine heftige Bewegung nach unten. Dabei st\u00f6\u00dft er sich aber die zweite Klinge in die Brust, und in diesem Augenblicke rennt ihm der Osero das breite Waidmesser mehrere Male in das Herz. Ich habe, obgleich mir die eigene Anschauung fehlt, keinen Grund, die Art und Weise derartiger Zweik\u00e4mpfe zu bezweifeln, wenigstens erscheint mir Dies Lei der Uebereinstimmung der geh\u00f6rten Beschreibungen unzul\u00e4ssig.\nDer Nutzen, welchen eine gl\u00fcckliche B\u00e4renjagd abwirft, ist der gr\u00f6\u00dfte, den eine >J<xgb, m Europa wenigstens, \u00fcberhaupt gew\u00e4hren kann. In allen L\u00e4ndern, in welchen B\u00e4ren hausen, erh\u00e4lt der Sch\u00fctze nicht blos eine Belohnung von regierungswegen, sondern auch von den umwohnenden Herdenbesitzern, und mancher B\u00e4renj\u00e4ger hat schon auf diese Weise fast hundert Thaler gewonnen. Das von den Regierungen festgesetzte Schu\u00dfgeld ist sehr niedrig, und deshalb schont man nicht selten hier und da die B\u00e4ren, trotz des Schadens, den sie anrichten, bis zur Feistzeit, weil sie dann am fettesten sind. In den \u00f6sterreichischen Staaten bezahlt die Regierung f\u00fcr den erlegten B\u00e4ren^ blos vier Gulden drei\u00dfig Kreuzer, und da ist es denn nicht zu verwundern, da\u00df z. B. die illyrischen J\u00e4ger, trotz aller Befehle, die B\u00e4ren nach M\u00f6glichkeit auszurotten, die Thiere mit der gr\u00f6\u00dften R\u00fccksicht behandeln, ja gewisserma\u00dfen hegen, bis zu der Zeit, wo feistes Wildp\u00fcet und Decke im besten Zustande sind und am h\u00f6chsten bezahlt werden; geradeso, wie in Deutschland mancher schlechtbezahlte F\u00f6rster im Sommer den Fuchs laufen l\u00e4\u00dft, in der Hoffnung, seinen Balg im Winter h\u00f6her zu verwerthen. Die Schweizer Regierungen bezahlen ganz andere Preise, obgleich dieselben verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig noch immer sehr gering sind. Auch in Norwegen betr\u00e4gt die Regierungsbelohnung nur l1/*, Thaler unsers Geldes, und einer solchen Summe wegen w\u00fcrde wohl kein J\u00e4ger sein Leben wagen, \u00fcbte die Jagd nicht an und f\u00fcr sich selbst einen unwiderstehlichen Reiz auf den muthvollen Mann aus, und verschaffte sie ihm nicht Nebeneinnahmen, welche ungleich bedeutender sind, als jene Summe, welche die hohen Regierungen aus N\u00fctzlichkeitsr\u00fccksichten zu zahlen sich bewogen finden. Schon in Jllyrien wiegt der braune Hauptb\u00e4r dreihundert bis dreihundert und f\u00fcnfzig Pfund, im Norden Europas aber, wie bemerkt, noch viel mehr, und diese dreihundert und mehr Pfund Fleisch geben einen ganz h\u00fcbschen Ertrag. Die Decke oder der Pelz des B\u00e4ren ist immerhin auch ihre zw\u00f6lf bis zwanzig Thaler werth, und das B\u00e4renfett wird, seiner besonderen Eigenschaften halber, au\u00dferordentlich gesucht und ebenfalls sehr gut bezahlt. Es ist sehr wei\u00df, wird aber nie hart und in verschlossenen Gef\u00e4\u00dfen niemals ranzig. Im frischen Zustande ist der Geschmack desselben widerlich, ebenso wie der Geruch des Raubthieres es ist; der Geschmack aber verliert sich, wenn man das Fett vorher mit Zwiebeln abged\u00e4mpft hat, und dann kann die Masse jahrelang aufbewahrt werden. Das Wildpret eines jungen B\u00e4ren von sechs bis sieben Monaten ist von feinem, angenehmen Geschmack, und die Keulen alter, feister Baren sind gebraten oder ger\u00e4uchert ein wahrer Leckerbissen, zumal, wenn sie sachkundig zubereitet sind. Am meisten werden die Pranken der alten B\u00e4ren von den Feinschmeckern gesucht; doch mu\u00df man stch erst an den Anblick derselben gew\u00f6hnen, weil sie, wenn sie abgeh\u00e4rt und zur Zubereitung fertig gemacht sind, einem auffallend gro\u00dfen Menschenfu\u00dfe in widerlicher Weise \u00e4hneln. Ein mit Champignons zubereiteter B\u00e4renkopf gilt ebenfalls als ein vortreffliches Gericht und kommt deshalb fast blos auf\ndie Tafeln der Vornehmen zu stehen. \u2014\t_\tr\u201e. ,, ....\nJunge B\u00e4ren benehmen sich in der Gefangenschaft recht angenehm. Sie sind verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig reinlich, machen wenig Anspr\u00fcche hinsichtlich guter Nahrung und Behandlung, sind zuthulich und schlie\u00dfen sich dem Menschen und einzelnen Hausthieren in gewissem Grade an. Schon im ersten Vierteljahre ihres Lebens stellen sie sich auf ihre Hinterf\u00fc\u00dfe und beginnen nunmehr ihre t\u00e4ppischen Spiele, deren Anblick auch den \u00e4rgsten Murrkopf erheitern mu\u00df. Sie balgen sich, wie kleine, ungezogene Knaben, klettern um die Wette und aus reinem Uebermuthe an B\u00e4umen m die H\u00f6he, vergn\u00fcgen sich durch eiliges Laufen u. s. w., thun aber Alles so ungeschickt als m\u00f6glich und werden grade deshalb unterhaltend. Wenn sie eingesperrt sich selbst \u00fcberlassen sind, pflegen sie sich durch","page":594},{"file":"p0595.txt","language":"de","ocr_de":"Ertrag der Jagd. Abrichtung junger, Benehmen gez\u00e4hmter B\u00e4ren.\n595\nBelecken ihrer Tatzen, welches stets unter lautem Gesumm geschieht, die Zeit zu vertreiben. Die Freude an ihnen w\u00e4hrt aber nur kurze Zeit. Schon wenn sie ein halbes Jahr alt geworden sind, bricht ihre B\u00e4rennatur durch. Sie verlieren ihre Anh\u00e4nglichkeit an den Menschen, werden roh, bissig, reizbar, mi\u00dfhandeln die schwachen Hausthiere ungeachtet ihrer erb\u00e4rmlichen - Feigheit, bei\u00dfen oder kratzen sogar den eigenen Gebieter und k\u00f6nnen nur durch wiederholte Pr\u00fcgel in Ordnung gehalten werden. Auf die Stimme ihres Pflegers achten sie gar nicht; dagegen rennen sie Jedem, welcher rasch l\u00e4uft, blindlings nach, ohne zwischen Bekannten und Unbekannten zu unterscheiden. Mit zunehmendem Alter werden sie immer roher, fre\u00df- und raubgieriger, ungeschickter und gef\u00e4hrlicher. Doch k\u00f6nnen sie noch demungeachtet zu gewissen, h\u00f6chst einfachen Kunstst\u00fccken abgerichtet werden, und im vorigen Jahrhundert wurde ja, wie bekannt, aus dieser Abrichtung f\u00f6rmlich ein Erwerbszweig gemacht.\nLeider sind dem jetzigen Geschlecht die B\u00e4renf\u00fchrer fast nur noch vom H\u00f6rensagen bekannt. Die hochwohlweise Polizei hat ihre v\u00e4terliche F\u00fcrsorge auch auf die Kamele, B\u00e4ren und Affen, welche sonst von Dorf zu Dorf zogen, ausdehnt und in ihnen Wesen erkannt, welche, wenn auch nicht zum Umsturz des Bestehenden beitragen, so doch mancherlei Unfug und Unheil anstiften k\u00f6nnten; sie hat ihnen deshalb ihre Wanderungen durch die gesegneten Gauen unsers Vaterlandes verboten. Am meisten scheint man sich dar\u00fcber erbost zu haben, da\u00df einstmals ein B\u00e4r, welcher in dem Schweinestalle eines Wirthes seine Nachtherberge aufgeschlagen hatte, in die Gerechtsame der hochl\u00f6blichen Polizei selbst unberechtigt sich einmischte. Derselbe erlaubte sich n\u00e4mlich, einen Dieb festzuhalten und zu verzehren, welcher das erst vor wenigen Stunden geschlachtete fette Schwein stehlen wollte, dessen Gef\u00e4ngni\u00df Braun jetzt bewohnte. Diese Eigenm\u00e4chtigkeit konnte eine auf Zucht und Ordnung haltende Polizei nat\u00fcrlich nie verzeihen, und somit wurde es auch den drei genannten vierf\u00fc\u00dfigen Landstreichern verboten, fortan die liebe Jugend und das liebe Alter der Dorfschaften zu unterhalten. Die von den B\u00e4renf\u00fchrern gezeigten Petze waren unter dem Namen \u201eTanzb\u00e4r\" bekannt und \u00fcbten die edle Kunst auch in drolliger Weise aus. Der Unterricht, welchen sie in der Jugend erhalten, ist nur ein Beweis mehr von der Sch\u00e4ndlichkeit, mit welcher der Mensch alle ihm unterworfenen Gesch\u00f6pfe behandelt. Da die Annahme und Erhaltung der aufrechten Stellung schon in der Natur des B\u00e4ren liegt, war es nicht schwer, ihn zum Tanzen abzurichten. Man setzte den Lehrling in einen K\u00e4fig, dessen Boden aus Eisenplatten bestand, welche man ziemlich stark erw\u00e4rmte. Um der Hitze wenigstens theilweise zu entgehen, richtete sich der eingesperrte B\u00e4r auf den Hinterpfoten auf und begann auch etwas zu h\u00fcpfen und in seinem Beh\u00e4ltnisse herumzuspringen. Dabei wurde getrommelt und gepfiffen, und dem B\u00e4ren mochte sp\u00e4ter immer noch die Erinnerung an die erlittene Unbill kommen, wenn er dieselben T\u00f6ne wieder vernahm, welche bei jener Marter erschollen waren; kurz, er erhob sich sp\u00e4ter beim Trommelschall und tanzte, als ob er sich noch auf den hei\u00dfen Platten bef\u00e4nde. An einem Ringe, welcher ihm durch die Nase gezogen war, wurde er gelenkt und geb\u00e4ndigt. Au\u00dferdem richteten die B\u00e4renf\u00fchrer ihre Thiere aber auch noch dazu ab, sich zu \u00fcberschlagen, Assen auf sich reiten zu lassen, einen Stock im Maul und auf den Armen zu tragen und von der gaffenden Volksmenge Geld einzusammeln, wobei sie einen Teller in der Pfote haltend, im Kreise umhergingen und auf ein gegebenes Zeichen ihres F\u00fchrers zu brummen begannen, wenn die Gabe nicht gen\u00fcgend ausfiel. Manche f\u00fchrten auch mit ihrem Herrn gewisse Wettk\u00e4mpfe auf und zeigten dabei wirklichen Verstand. Von einem solchen berichtet Scheitlin Folgendes:\n\u201eEin Appenzeller aus Inner-Rhoden sah einen B\u00e4renf\u00fchrer einen Kampf mit seinem gez\u00e4hmten, alten, magern B\u00e4ren gleichsam zu verabredeter Belustigung der Zuschauer thun. Der F\u00fchrer trug lederne, von oben bis unten, wie die Haut, knapp anpassende Kleidung; der B\u00e4r hatte einen Maulkorb um. Der F\u00fchrer mu\u00dfte immer unterliegen; aber der B\u00e4r legte ihn nur fein sanft auf den Boden. Der Appenzeller begriff die Schw\u00e4che des F\u00fchrers nicht und w\u00fcnschte, ebenfalls mit dem B\u00e4ren einen \u201eHosenlupf\" zu thun. Ungern gestattete es ihm der Herr. Aufgerichtet ging der B\u00e4r augenblicklich auf ihn los und \u2014 schmi\u00df ihn ebenso schnell zu Boden. Trieb er fr\u00fcher Spa\u00df mit dem niedergeworfenen F\u00fchrer, als ob er ihn auffressen wolle, so st\u00fcrzte er sich nun auf den Appen-\n38 *","page":595},{"file":"p0596.txt","language":"de","ocr_de":"596\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner B\u00e4r und seine Abarten.\nzeller mit gro\u00dfem Zorn und wollte mit Ernst ihn bei\u00dfen. Schnell eilte der F\u00fchrer auf ihn los und ri\u00df ihn, die lange Kette ergreifend, weg, der B\u00e4r jedoch fuhr nun auf diesen los und dr\u00e4ngte ihn nun auf die schauende Menge zu Aller Schrecken hinein. Der Herr war ganz weg. Gl\u00fccklicherweise trat soeben der Herr und Meister, der so schnellen Ausgang des Kampfes nicht erwartet und sich ein Wenig entfernt hatte, wieder ein, ergriff die Kette und bezwang den wilden Gef\u00e4hrten mit donnernden Worten und kr\u00e4ftigem Rei\u00dfen.\" Man sieht, da\u00df dieser gez\u00e4hmte B\u00e4r seinen Meister, seinen W\u00e4chter und seinen Herrn genau von einander unterschied.\nIn manchen Gegenden Ru\u00dflands und Sibiriens l\u00e4\u00dft man die gefangenen B\u00e4ren, solange sie noch jung sind, das Rad treten, um Wasser aus tiefen Brunnen zu ziehen, ja, man richtet sie sogar ab, S\u00e4cke und Holz an einen bestimmten Ort zu tragen; doch ist dem Meister Petz immer nur solange zu trauen, als er noch jung ist; denn mit zunehmendem Alter bricht seine Wildheit durch, und das Thierische in ihm siegt \u00fcber alle erhaltene Zucht. Ein englischer Hauptmann konnte seinen zahmen B\u00e4ren sogar als W\u00e4chter benutzen, erlebte gber im Verlauf der Zeit doch wenig Freude an ihm, weil das Thier dem ihm \u00fcbertragenen Amte mit allzugro\u00dfer Treue nachkam und dabei Ungl\u00fcck anstiftete. Der Offizier hatte dieses Thier aus den H\u00e4nden seines fr\u00fchern Eigners erl\u00f6st, welcher es auf das schm\u00e4hlichste gemi\u00dfhandelt hatte, und f\u00fcr einen ziemlich hohen Preis gekauft. Der B\u00e4r schien zu begreifen, da\u00df sein neuer Herr es gut mit ihm meine, und bewies ihm sAne Dankbarkeit so b\u00e4renm\u00e4\u00dfig derb, das der Offizier ernstlich daran denken mu\u00dfte, ihn so schleunig, als m\u00f6glich unterzubringen. Er beschlo\u00df also, seinen Sch\u00fctzling mit sich nach dem Lager zu nehmen, in der Meinung, da\u00df er dort wohl gut aufgehoben sein w\u00fcrde. Zu diesem Endzweck wurde ein Wagen gemiethet und eine Menge von Erdbeeren gekauft und, in viele T\u00f6pfe gefa\u00dft, mitgenommen. Zugleich wurde dem Kutscher eingesch\u00e4rft, so schnell als m\u00f6glich zu fahren. Jetzt stieg der Offizier in den Wagen, und die Reise begann. Der B\u00e4r machte sich \u00fcber die Erdbeeren her und verzehrte sie auf die feinste Weise, dabei die gr\u00fcnen Kelche sorgf\u00e4ltig ausscheidend und wegwerfend; jedoch leerten sich die Fruchtt\u00f6pfe so schnell, da\u00df der ungl\u00fcckliche neue Besitzer wirklich Sorge ausstand, den Erdbeeren nachfolgen zu m\u00fcssen. Aber der B\u00e4r zeigte sich verst\u00e4ndig. Die Sorge erwies sich als unn\u00f6thig, und als das Thier endlich pl\u00f6tzlich unter eine Compagnie von Rothr\u00f6cken gesetzt wurde, zeigte es so gro\u00dfen Schreck, da\u00df es sich schleunigst zu seinem jetzigen Herrn fl\u00fcchtete, um dessen Schutz sich zu erbitten. Zuf\u00e4llig traf es sich, da\u00df das Mittagsessen gerade beginnen sollte. Der Offizier hatte eben noch Zeit, seinen Anzug vorher zu ordnen, \u00fcbergab seinen zottigen Gef\u00e4hrten einem Diener und eilte in das Speisezimmer. Petz mochte eine g\u00fcnstige Gelegenheit zum Entschl\u00fcpfen wahrgenommen haben, denn er erschien pl\u00f6tzlich, der F\u00e4hrte seines Herrn folgend, in dem Raume und verursachte durch seinen unerwarteten Eintritt begreiflicher Weise nicht geringe Aufregung unter den G\u00e4sten. Bei seinem fr\u00fchern Herrn war er gew\u00f6hnt worden, mit an der Tafel zu speisen. Er glaubte daher wahrscheinlich, jetzt auch ohne Einladung an dem Tische theilnehmen zu k\u00f6nnen, bestieg ohne Umst\u00e4nde einen noch leerstehenden Stuhl und begann t\u00fcchtig zuzulangen, mit einer Unbefangenheit, als habe er sein Lebtage unter solchen Kameraden sich bewegt. Dieser Mittagstisch und sein sp\u00e4teres, liebensw\u00fcrdiges Benehmen verschafften ihm bald die allgemeine Neigung des ganzen Regiments, und er betrug sich auch wirklich sehr artig. Ungl\u00fccklicherweise aber kam man auf den Gedanken, ihn zum W\u00e4chter eines Gep\u00e4ckwagens zu machen, und hier war es eben, wo er sich einige Eigenm\u00e4chtigkeiten erlaubte, die ihm das Leben kosteten. Eines sch\u00f6nen Tages n\u00e4mlich fa\u00dfte ein gemeiner Soldat den ungl\u00fccklichen Vorsatz, irgend welchen Gegenstand aus dem Wagen zu stehlen, den der B\u00e4r bewachte. Dieser aber verstand durchaus keinen Scherz und zerbi\u00df ihm den Arm in so f\u00fcrchterlicher Weise, da\u00df derselbe bald darauf abgenommen werden mu\u00dfte. Wenige Tage sp\u00e4ter erlaubte sich ein Kind einen \u00e4hnlichen Angriff auf den Wagen und wurde von dem B\u00e4ren get\u00f6dtet. Damit war sein Todesurtheil unterschrieben. Man f\u00fcrchtete, da\u00df er von nun an blutd\u00fcrstig werden m\u00f6chte, und scho\u00df ihn nieder.\nDie Baronin von W. hatte einen jungen m\u00e4nnlichen B\u00e4ren aufgezogen, welcher sich best\u00e4ndig in ihrem Zimmer aufhielt. Er war gleich einem Hunde zur Reinlichkeit gew\u00f6hnt worden und stand","page":596},{"file":"p0597.txt","language":"de","ocr_de":"B\u00e4renk\u00e4mpfe. Abarten des gemeinen.\n597\nso hoch in Gnaden, da\u00df ihm sogar sein Nachtlager neben dem Schlafzimmer der Dame gestattet war. Diese Freude dauerte etwas l\u00e4nger, als ein Jahr, und kein Mensch dachte daran, da\u00df der so wohlgezogene B\u00e4r irgend ein Unheil anrichten k\u00f6nne, als man eines Morgens die allgemein geachtete Dame von ihrem Liebling erw\u00fcrgt im Bette fand. Auch die seit Altersher in dem Stadtgraben von Bern gehaltenen B\u00e4ren haben sich in neuester Zeit einen traurigen Ruhm erworben: sie zerrissen einen Norweger, welcher in der Trunkenheit in ihr Gef\u00e4ngni\u00df gest\u00fcrzt war.\nIn fr\u00fcheren Zeiten und noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts galt es als ein f\u00fcrstliches Vergn\u00fcgen, B\u00e4ren mit gro\u00dfen Hunden k\u00e4mpfen zu lassen. Die deutschen F\u00fcrsten f\u00fctterten die wilden Thiere blos zu diesem Zwecke in eigenen G\u00e4rten. \u201eAugust der Starke,\" so erz\u00e4hlt von Flemming, '\u201ehatte deren zwei, und es ereignete sich, da\u00df einstmals aus dem Garten zu Augustusburg ein B\u00e4r entsprang, bei einem Fleischer ein Kalbsviertel herrunterri\u00df und, da ihn die Frau verjagen wollte, diese sammt ihren Kindern erw\u00fcrgte, woraus Leute herbeieilten und ihn todtschossen.\" Der f\u00fcr den Kampf bestimmte B\u00e4r wurde in einem Kasten auf den Platz gefahren. Sein Kasten konnte durch einen ' Zug aus der Ferne so ge\u00f6ffnet werden, da\u00df er sich nach allen Seiten niederlegte und den B\u00e4ren dann pl\u00f6tzlich ganz befreite. Hierauf lie\u00df man gro\u00dfe, schwere Hunde gegen ihn los. Packten ihn diese fest, so konnte er ohne besondere Schwierigkeiten von einem Manne abgefangen werden. Im Dresdener Schlo\u00dfhofe wurden im Jahre 1630 binnen acht Tagen drei B\u00e4renhetzen abgehalten. In den beiden ersten mu\u00dften sieben B\u00e4ren mit Hunden, im dritten aber mit gro\u00dfen Keulern k\u00e4mpfen, von denen f\u00fcnf auf dem Platze blieben; unter den B\u00e4ren war nur einer von acht Centner Gewicht. Die B\u00e4ren wurden noch au\u00dferdem durch Schw\u00e4rmer gereizt und vermittelst eines ausgestopften rothen M\u00e4nnchens genarrt. Gew\u00f6hnlich singen die gro\u00dfen Herren selbst die von den Hunden festgemachten B\u00e4ren ab, August der Starke aber pflegte ihnen den Kopf abzuschlagen, und man erz\u00e4hlt, da\u00df er Dies bei einer im Jahre 1690 abgehaltenen B\u00e4renhetze sogar mit zwei Hieben fertig gebracht habe.\nSelbst in der Neuzeit werden noch hier und da \u00e4hnliche K\u00e4mpfe abgehalten. Auf dem Stiergefechtsplatze in Madrid l\u00e4\u00dft man bisweilen B\u00e4ren mit Stieren k\u00e4mpfen, und in Paris hetzte man noch im Anfange dieses Jahrhunderts angekettete B\u00e4ren mit Hunden. Ko bell, welcher einem derartigen Schauspiele beiwohnte, erz\u00e4hlt, da\u00df der B\u00e4r die auf ihn anst\u00fcrmenden Hunde mit seinen m\u00e4chtigen Pranken rechts und links niederschlug und dabei f\u00fcrchterlich brummte. Als die Hunde aber hitzig wurden, ergriff er mehrere nach einander, schob sie unter sich und erdr\u00fcckte sie, w\u00e4hrend er andere mit schweren Wunden zur Seite schleuderte.\nDie R\u00f6mer erhielten ihre B\u00e4ren haupts\u00e4chlich vom Libanon, obgleich sie erz\u00e4hlen, da\u00df sie solche auch aus Nordafrika und Lybien gezogen h\u00e4tten.\nWie bereits bemerkt, herrscht noch ziemliche Unsicherheit unter den Naturforschern hinsichtlich der Anerkennung der verschiedenen Arten, welche in n\u00e4chster N\u00e4he des Verbreitungskreises unserer beiden B\u00e4ren wohnen. Einige wollen noch nicht einmal den grauen nordamerikanischen B\u00e4ren als Art gelten lassen, andere erkl\u00e4ren die verschiedenen Ab\u00e4nderungen, welche unsere B\u00e4ren erleiden, f\u00fcr lauter selbstst\u00e4ndige Arten. Als Abarten des gemeinen B\u00e4ren sind unzweifelhaft folgende anzusehen: Der Halsbandb\u00e4r, der Gold- und Silberb\u00e4r und der norwegische B\u00e4r, obgleich man die allerspitzfindigsten Unterschiede zwischen ihnen hervorgesucht hat, um ihre Artselbstst\u00e4ndigkeit zu begr\u00fcnden. Leugnen l\u00e4\u00dft sich nicht, da\u00df namentlich der Halsbandb\u00e4r, welcher vom Ural durch ganz Sibirien bis nach Kamtschatka wohnt, sich in vieler Hinsicht von unserm gew\u00f6hnlichen B\u00e4ren unterscheidet. Seine Ohren sind k\u00fcrzer und mehr gerundet, der Leib ist dicker, schwerf\u00e4lliger und plumper, die Haare sind l\u00e4nger und zottiger. Die Farbe ist bald hellgelblich, bald schwarzbraun, und die breite, wei\u00dfe Binde, welche sich von den Schultern an um den Hals zieht, bleibt dem Thiere in jedem Alter. Dazu ist das geistige Wesen, wie wir bereits gesehen haben, denn doch ein ganz anderes, als bei unserm Meister Petz; namentlich die \u00fcberraschende Gutm\u00fctigkeit des Halsbandb\u00e4ren ist merkw\u00fcrdig. Der Streit, ob Art oder nicht Art, ist jedoch noch nicht zum Abschl\u00fcsse gekommen, und deshalb thun wir wohl am besten, wenn wir nicht weiter darauf eingehen.","page":597},{"file":"p0598.txt","language":"de","ocr_de":"598\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Jsabellb\u00e4r. Grislib\u00e4r.\nEbensosehr, aber auch nicht mehr, als der Halsbandb\u00e4r von dem europ\u00e4ischen Meister Petz verschieden ist, weicht der syrische oder Jsabellb\u00e4r (Ur^is isabellinus) von diesem ab. Das Thier ist der bekannte Held der biblischen Geschichten d. h. der Nachkomme von jenem B\u00e4r, welchen David erschlug, als er seine Herde beunruhigen wollte, oder desjenigen, welcher auf das fromme Gebet des erbosten Propheten herbeigekommen war, um die ungezogenen Buben aufzufressen, weil sie den Gottesmann seiner Glatze wegen in Harnisch gebracht hatten, und deshalb wenigstens f\u00fcr einige meiner Leser wohl von Wichtigkeit. Seine F\u00e4rbung ist sehr eigenth\u00fcmlich und \u00e4ndert w\u00e4hrend seines Lebens vielfach ab. In der Jugend ist der Pelz graubraun; er lichtet sich aber mehr und mehr, je \u00e4lter das Thier wird, und geht schlie\u00dflich fast in ein reines Wei\u00df \u00fcber. Das Haar ist lang und leicht gekr\u00e4uselt, der Pelz aber noch besonders durch sein dichtes Wollhaar ausgezeichnet, welches\nDer syrische oder Jsabellb\u00e4r (Ursus isabellinus).\n\u00fcberall zwischen dem Grannenhaar sich hervordr\u00e4ngt. Auf den Schultern und dem Nacken str\u00e4ubt sich dies nach aufw\u00e4rts und verleiht dem Thiere hierdurch eine Art M\u00e4hne.\nEs scheint aus einer Stelle eines alten Schriftstellers, ich wei\u00df nicht mehr welches, hervorzugehen, da\u00df dieser B\u00e4r auch den alten R\u00f6mern bekannt geworden ist. Dort wird behauptet, da\u00df einstmals ein ganz wei\u00dfer B\u00e4r in der Arena in Rom gek\u00e4mpft hat. Die neueren Sprachforscher sind gew\u00f6hnlich geneigt, in diesem wei\u00dfen B\u00e4ren einen Eisb\u00e4r zu sehen; allein es d\u00fcrfte doch unzweifelhaft feststehen, da\u00df die R\u00f6mer von Letzterm gar keine Ahnung gehabt haben, und somit bleibt nichts Anderes \u00fcbrig, als unsern Isabellen f\u00fcr den bewu\u00dften K\u00e4mpfer zu erkl\u00e4ren.\nGegenw\u00e4rtig findet sich der syrische B\u00e4r in den gebirgigen Theilen Pal\u00e4stinas, zumal auf dem Libanon. Wie bekannt, hat dieses Gebirge zwei Gipfel, welche mit ewigem Schnee bedeckt sind, den Makmel und den Djebel Sanin. Da will man nun bemerkt haben, da\u00df blos der Makmel von","page":598},{"file":"p0599.txt","language":"de","ocr_de":"599\nBeschreibung Beider. \u2014 Ein gefangener Jsabellb\u00e4r.\ndiesem B\u00e4ren bewohnt wird, w\u00e4hrend der Sanin vollkommen frei von ihm sein soll. Dieser B\u00e4r scheint \u00fcbrigens blos w\u00e4hrend des Tages oder wenn er gest\u00f6rt wird, in dem obern H\u00f6heng\u00fcrtel sich aufzuhalten; denn des Nachts kommt er von seiner Felsenveste herabgestiegen und wird oft genug der Schrecken der Herdenbesitzer oder der Reisenden. Seine Nahrung soll er mehr aus dem Pflanzenreiche, als aus dem Thierreiche nehmen, obgleich er unter Umst\u00e4nden ebensogut die Herdenthiere angreift, wie unser Meister Petz. In den Feldern richtet er, wie erz\u00e4hlt wird, gro\u00dfe Verw\u00fcstungen an, und namentlich eine Art von Zwergerbse, welche h\u00e4ufig in jenen Gegenden gebaut wird, leidet sehr unter seinen Heimsuchungen.\nIn der neuern Zeit hat man den syrischen B\u00e4ren einige Male nach Europa, zumal nach England, gebracht. Einer von diesen unfreiwillig Eingewanderten war unter dem Namen \u201eTig in Oxford und dessen Umgegend wohl bekannt und geliebt, wegen seiner Zuthulichkeit, Zahmheit nnd Lustigkeit. Er war schon in seiner zarten Jugend nach England gekommen, hatte sich an den Menschen gew\u00f6hnt und eine ungemeine Anh\u00e4nglichkeit an denselben gewonnen. Dies ging soweit, da\u00df er kl\u00e4glich zu heulen anfing, wenn man ihn allein lie\u00df, ja, er verschm\u00e4hte sogar das Futter, wenn er l\u00e4ngere Zeit von den Personen vernachl\u00e4ssigt wurde, denen er die meiste Zuneigung geschenkt hatte. Seine Klugheit war ebenso gro\u00df, als seine Harmlosigkeit, und sein Ged\u00e4chtni\u00df f\u00fcr empfangene Wohlthaten ebenso vorz\u00fcglich, wie seine Verge\u00dflichkeit f\u00fcr erlittene Unbilden. Einstmals war er in dem Hause eines Kr\u00e4mers mit S\u00fc\u00dfigkeiten bewirthet worden \u2014 in welcher Weise er dorthin gelangte, wird nicht berichtet \u2014 und diesen Ort merkte er sich so vortrefflich, da\u00df er nach Verlauf eines halben Jahres sofort dahin zur\u00fcckkehrte, als er sich einmal von seinen Fesseln befreit hatte. Der Eigner des Ladens nahm nat\u00fcrlich sogleich die Flucht, als er den sonderbaren Gast eintreten sah, dieser aber ging mit merkw\u00fcrdiger Ortskenntni\u00df ruhig auf den Kasten los, in welchem der Kandiszucker bewahrt wurde, und besch\u00e4ftigte sich solange mit demselben, bis sein W\u00e4rter ihm nachkam, um ihn wieder nach seinem Gef\u00e4ngni\u00df abzuf\u00fchren. Sein Geschmack war durch die ihm vielfach zugeworfenen Leckerbissen so verw\u00f6hnt worden, da\u00df er an dem ihm nat\u00fcrlichen Futter gar keinen rechten Gefallen mehr fand, sondern sich blos an hei\u00dfen Kuchen, Torten und Gefrornem erg\u00f6tzte, just, wie ein recht verw\u00f6hntes menschliches Leckermaul. \u2014\nUnter den amerikanischen B\u00e4ren sind Baribal und Grislib\u00e4r die bekanntesten. Der erstere ist ein ziemlich gutm\u00fcthiges, der letztere ein b\u00f6sartiges, im h\u00f6chsten Grade gef\u00fcrchtetes Thier. Erfahrene J\u00e4ger versichern, da\u00df der Jaguar ihm gegen\u00fcber ein harmloses Gesch\u00f6pf sei.\nDer Grislib\u00e4r (\u00fcrsus ferox) tr\u00e4gt also seinen Namen mit vollstem Recht. In seinem Leibesbau und Aussehen \u00e4hnelt er unserm braunen B\u00e4ren; er ist aber bedeutend gr\u00f6\u00dfer, schwerer, plumper und ganz ungleich st\u00e4rker, als dieser. Die Stirn ist breit und flach und liegt fast in gleicher Flucht mit der Nase. Die Ohren sind kurz, der Schwanz ist viel k\u00fcrzer, als bei unserm B\u00e4ren, die Krallen dagegen sind auffallend lang, sehr stark gekr\u00fcmmt, wenig nach der Spitze verschm\u00e4lert und meiself\u00f6rmig. Die dunkelbraunen, an der Spitze blassen Haare h\u00fcllen den ganzen Rumpf dicht ein und sind zumal an den Schultern, der Kehle und dem Bauche, \u00fcberhaupt am Lanzen Rumpfe, viel l\u00e4nger, zottiger und verworrener, als bei dem gemeinen B\u00e4ren. Der Kopf ist mit kurzen und sehr blassen Haaren besetzt. Die Iris ist r\u00f6thlichbraun, die Krallen sind wei\u00df. Lichtgraue und schw\u00e4rzlichbraune Spielarten kommen ebenfalls vor. Von den europ\u00e4ischen B\u00e4ren unterscheidet sich das Thier sicher durch die gro\u00dfe K\u00fcrze seines Sch\u00e4dels und durch die W\u00f6lbung der Nasenbeine. Auch die bedeutende Gr\u00f6\u00dfe ist ein Merkmal, welches Verwechselungen zwischen den beiden Arten nicht leicht zul\u00e4\u00dft; denn w\u00e4hrend unser brauner B\u00e4r nur in seltenen F\u00e4llen sechs Fu\u00df L\u00e4nge erreicht, wird der graue B\u00e4r oder, wie ihn die J\u00e4ger scherzhafter Weise nennen, der \u201eEphraim\", regelm\u00e4\u00dfig 7 Fu\u00df, nicht selten sogar 74/a Fu\u00df lang und erreicht ein Gewicht von 7 bis 9 Centnern. Die Waffen des Grislib\u00e4reu sind wirklich au\u00dferordentlich furchtbar; denn die F\u00fc\u00dfe eines vollkommen erwachsenen, m\u00e4nnlichen B\u00e4ren sind 18 Zoll lang und mit Klauen von 5 Zoll L\u00e4nge bewaffnet. Diese sind zwar nicht so scharf, wie die der","page":599},{"file":"p0600.txt","language":"de","ocr_de":"600\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Grislib\u00e4r.\nKatzenarten, aber verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig noch immer scharf genug, weil der Tatzenschlag des gewaltigen Thieres so furchtbar ist, da\u00df es auf die Spitze und Sch\u00e4rfe der Klauen gar nicht ankommt. Dabei wollen die J\u00e4ger bemerkt haben, da\u00df der B\u00e4r seine Zehen, also auch die Klauen, einzeln bewegen konnte. So soll er zuweilen, gleichsam spielend, gro\u00dfe Erdst\u00fccken durch die Einzelbewegung seiner Zehen zerreiben.\nIn seiner Lebensweise \u00e4hnelt der graue B\u00e4r so ziemlich dem unsern. Sein Gang ist aber viel schwankender oder wiegender, und alle seine Bewegungen sind plumper. Nur in der Jugend ist er im Stande, B\u00e4ume zu ersteigen, und macht dann von dieser F\u00e4higkeit auch den ausgedehntesten Gebrauch, um Eicheln, sein Lieblingsfutter, abzustreifen. Im Alter scheint er zu den K\u00fcnsten der Jugend zu schwerf\u00e4llig geworden zu sein; wenigstens haben sich mehr als einmal die von ihm\nDer Grislib\u00e4r.(Ursus ferox).\ngef\u00e4hrdeten J\u00e4ger durch rasches Ersteigen von B\u00e4umen gerettet und dabei bemerkt, da\u00df er trotz der h\u00f6chsten Wuth keinen Versuch gemacht hat, sie dort zu verfolgen. Dagegen schwimmt er mit Leichtigkeit selbst \u00fcber breite Str\u00f6me und verfolgt im Zorn auch im Wasser seinen Feind. Er ist ein furchtbarer R\u00e4uber und mehr als stark genug, jedes Gesch\u00f6pf seiner Heimat zu bew\u00e4ltigen. So f\u00e4llt ihm selbst der starke Bison, dessem Vetter Itr unser B\u00e4r sehr behutsam aus dem Wege geht, zur Beute, und von ihm abw\u00e4rts jedes S\u00e4ugethier. Vor dem Menschen hat er durchaus keine Furcht. Alle seine Sippschaftsverwandten gehen, von eingebornem Gef\u00fchl getrieben, dem Herrn der Erde aus dem Wege und greifen ihn blos dann an, wenn sie der rasende Zorn oder der Drang nach Rache \u00fcbermannt: nicht so der graue B\u00e4r. Er geht ohne weiteres auf den Menschen los, sei er zu Pferde oder zu Fu\u00df, bewaffnet oder nicht, habe er ihn beleidigt oder gar nicht daran gedacht, ihn zu kr\u00e4nken. Und wehe Dem, welcher sich nicht noch rechtzeitig vor ihm fl\u00fcchtet oder, wenn er ein","page":600},{"file":"p0601.txt","language":"de","ocr_de":"Lebensweise. Gef\u00e4hrlichkeit. Hochachtungszoll der Indianer. Scheu vor Menschenwitterung. 601\nganzer Mann ist, im rechten Augenblick eine t\u00f6dtende Kugel ihm zusenden kann! Der rasende B\u00e4r umarmt ihn, sobald er ihn eingeholt hat, und zerpre\u00dft ihm die Rippen im Leibe oder zerrei\u00dft ihm mit einem einzigen Tatzenschlage den ganzen Leib. Palliser, welcher gl\u00fccklich genug war, f\u00fcnf von diesen furchtbaren Gesch\u00f6pfen zu todten, ohne mit ihren Z\u00e4hnen oder Klauen Bekanntschaft zu machen, best\u00e4tigt die Erz\u00e4hlung der Indianer von der Wuth dieser Thiere und giebt eine Beschreibung der gef\u00e4hrlichen Jagden, von denen schlie\u00dflich eine fast regelm\u00e4\u00dfig den Tod des J\u00e4gers herbeif\u00fchrt; denn die Lebensz\u00e4higkeit des Ungeheuers ist ebenso gro\u00df, wie seine Kraft, und jede nicht augenblicklich t\u00f6dtende Wunde, welche es erh\u00e4lt, ist f\u00fcr den J\u00e4ger weit gef\u00e4hrlicher, als f\u00fcr das Raubthier. Es vergi\u00dft dann jede R\u00fccksicht und lechzt blos noch nach Rache.\nAus allen diesen Gr\u00fcnden erringt der J\u00e4ger, welcher sich erwiesenerma\u00dfen mit Ephraim gemessen hat, die Bewunderung und Hochsch\u00e4tzung aller M\u00e4nner, welche von ihm h\u00f6ren, der Wei\u00dfen ebensowohl, wie der Indianer, unter denen die Erlegung des B\u00e4ren geradezu als das erste Manneswerk gepriesen wird. Unter allen St\u00e4mmen der Rothh\u00e4ute im Norden Amerikas verleiht der Besitz eines Halsbandes aus B\u00e4renklauen und Z\u00e4hn\u00f6n seinem Tr\u00e4ger eine Hochachtung, wie sie bei uns kaum ein F\u00fcrst oder siegreicher Feldherr genie\u00dfen kann. Nur derjenige Wilde darf die B\u00e4renkette tragen, der sie sich selbst und durch eigne Kraft erworben. Sie ist ein Ordensschmuck, wie es keinen zweiten giebt, nicht ein Anerkennungszeichen f\u00fcr Das, was Einer h\u00e4tte thun k\u00f6nnen, sondern ein solches f\u00fcr Das, was der Mann gethan hat. Selbst mit dem sonst so tief geha\u00dften Wei\u00dfen befreundet sich der Indianer, wenn er gewi\u00dflich wei\u00df, da\u00df das Bleichgesicht ruhmvoll einen Kampf mit dem gewaltigen Urfeind bestanden hat. Auch die Leiche des von den Rothh\u00e4uten get\u00f6dteten B\u00e4ren wird mit der gr\u00f6\u00dften Ehrfurcht behandelt; denn die schlichten Menschen sehen in dem gewaltigen Gesch\u00f6pfe kein gemeines, gew\u00f6hnliches Thier, wie wir \u00fcberklugen Wei\u00dfen, sondern vielmehr ein gleichsam \u00fcbernat\u00fcrliches Wesen, dessen entseeltem Leibe sie noch die n\u00f6thige Ehre geben zu m\u00fcssen glauben. Wir d\u00fcrfen hier von einer Schilderung der indianischen Todtenopfer vor der Leiche des B\u00e4ren absehen, weil ich mir eine solche f\u00fcr die Beschreibung des Baribal, dessen Leichnam die gleiche Behandlung zu Theil wird, vorbehalten habe. Nur Eins wollen wir hier hervorheben: die merkw\u00fcrdige Uebereinstimmung der Anschauung bei Indianern und Sibiriern, r\u00fccksichtlich des B\u00e4ren.\nMerkw\u00fcrdig ist, da\u00df das Ungeheuer, welches auf den Menschen, den es sieht, dreist losgeht, um , ihn zu vernichten, vor der Witterung desselben augenblicklich die Flucht ergreift. Dies wird als Thatsache von den meisten J\u00e4gern behauptet, und man kennt sogar Beispiele, wo ein unbewaffneter Mann diese unerkl\u00e4rliche Furchtsamkeit des B\u00e4ren benutzte und ihm dadurch entrann, da\u00df er nach einem Orte hinlief, von welchem aus der Luftzug dem B\u00e4ren seine Witterung zuf\u00fchren mu\u00dfte. Sobald der B\u00e4r den fremdartigen Gerrich versp\u00fcrte, hielt er an, setzte sich auf die Hinterbeine, stutzte und machte sich endlich furchtsam auf und davon. In ebendemselben Grade, wie er die Witterung des Menschen scheut, f\u00fcrchten alle Thiere die feurige. Die Hausthiere geberden sich genau so, wie wenn ihnen die Ausd\u00fcnstung von einem L\u00f6wen oder Tiger wahrnehmbar wird, und selbst das todte Thier, ja blos sein Fell st\u00f6\u00dft ihnen noch gewaltigen Schreck ein. Einzelne J\u00e4ger behaupten, da\u00df auch die sonst so gefr\u00e4\u00dfigen Hundearten Amerikas, welche so leicht keine andere Leiche verschonen, ihre Achtung vor dem B\u00e4ren bezeugen und sich nicht \u00fcber seinen Leichnam hermachen: doch d\u00fcrfte Dies wohl auf einem Irrthum beruhen und h\u00f6chstens von zuf\u00e4lliger Abwesenheit derartiger Thiere zeugen.\nIn den j\u00fcngeren Jahren ist auch der Grislib\u00e4r ein allerliebstes, gem\u00fcthliches, nettes Thierchen. Sein Fell ist so fein und sch\u00f6n, trotz seiner L\u00e4nge und Dicke, und so schmuck von Farbe, da\u00df es den kleinen Kerl sehr ziert. Nach seinem Tode wird es mit Recht als ganz vorz\u00fcgliches Pelzwerk gesch\u00e4tzt. Wenn man einen ganz jungen grauen B\u00e4r eins\u00e4ngt, kann er leidlich gez\u00e4hmt werden; doch selbst gez\u00e4hmte bleiben immerhin h\u00f6chst zweifelhafte Gef\u00e4hrten des Menschen. Palliser, welcher einen Grislib\u00e4r gefangen und mit nach Europa gebracht hatte, erz\u00e4hlt, da\u00df sein Gefangener auf der Heimreise unbedingt der gem\u00fcthlichste Gesell des ganzen Schisses gewesen sei. Er a\u00df, trank und spielte mit den Matrosen und erheiterte alle Reisenden, soda\u00df der Kapit\u00e4n des Schiffes sp\u00e4ter","page":601},{"file":"p0602.txt","language":"de","ocr_de":"\u00df02\tDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Grislib\u00e4r. Baribal.\nunserm J\u00e4ger versicherte, er w\u00fcrde sehr erfreut sein, wenn er f\u00fcr jede Reise einen jungen B\u00e4ren bekommen k\u00f6nnte.\n\u201eEines Tages,\" erz\u00e4hlt dieser Gew\u00e4hrsmann, \u201etrieb ein Regenschauer alle Reisenden ausschlie\u00dflich des B\u00e4ren unter Deck. Da wurde meine Aufmerksamkeit durch ein lautes Gel\u00e4chter auf dem Deck rege. Als ich nach oben eilte, sah ich, da\u00df der B\u00e4r die Ursache desselben war. Er hatte sich aus dem geschlossenen Raume durch Zerbrechen seiner Kette befreit und war weggegangen. Immer noch konnte ich mir die Ursache des Gel\u00e4chters nicht erkl\u00e4ren. Die Leute standen um die Kaj\u00fcte des Steuermanns herum und besch\u00e4ftigten sich mit einem Gegenst\u00e4nde, welcher auf des Steuermanns Bett lag und sich sorgf\u00e4ltig in die Laken geh\u00fcllt hatte. Ihre Scherze wurden pl\u00f6tzlich mit einem unwilligen Geheul beantwortet, und siehe da, mein Freund Braun war es, welcher, \u00e4rgerlich \u00fcber den Regen, sich losgemacht, zuf\u00e4llig den Weg nach des Steuermanns Bett gefunden, dasselbe bestiegen und sich dort h\u00f6chst sorgsam in die Decken geh\u00fcllt hatte. Der gutgelaunte Steuermann war nicht im geringsten erz\u00fcrnt dar\u00fcber, sondern int Gegentheil auf das \u00e4u\u00dferste erfreut.\"\n\u201eDasselbe Thier hatte eine merkw\u00fcrdige Freundschaft mit einer kleinen Antilope eingegangen, welche ein Reisegenosse von ihm war, und vertheidigte sie bei einer Gelegenheit in der ritterlichsten Weise. Als die Antilope n\u00e4mlich vom Schiff aus durch die Stra\u00dfen gef\u00fchrt wurde, kam pl\u00f6tzlich ein gewaltiger Bulldogg auf sie zugeflogen und ergriff, ohne sich im geringsten um die Zurufe und Stockschl\u00e4ge der F\u00fchrer zu k\u00fcmmern, das kleine Gesch\u00f6pf in der guten Absicht, es zu zerrei\u00dfen. Zum Gl\u00fcck ging Palliser mit seinem B\u00e4ren denselben Weg, und kaum hatte der Letztere gesehen, was vorging, als er sich mit einem m\u00e4chtigen Ruck befreite und im n\u00e4chsten Augenblicke den Feind seiner Freundin am Kragen hatte. Ein w\u00fcthender Streit entspann sich; der B\u00e4r machte anfangs gar keinen Gebrauch von seinen Z\u00e4hnen oder Krallen und begn\u00fcgte sich mit einer Umarmung des Bullenbei\u00dfers, nach welcher er ihn mit Macht zu Boden schleuderte. Der Hund, dar\u00fcber w\u00fcthend und durch den Zuruf seines Herrn noch mehr angeregt, glaubte nach diesem Vorfall, es nur mit einem ziemlich harmlosen Gegner zu thun zu haben, und gab dem B\u00e4ren einen ziemlich starken Bi\u00df. Doch er hatte sich in seinem Gegner vollkommen get\u00e4uscht. Durch den Schmerz w\u00fcthend gemacht, verlor Braun seinen Gleichmuth und fa\u00dfte den Hund nochmals mit solcher Z\u00e4rtlichkeit zwischen seine Arme, da\u00df er ihn beinahe erdrosselte. Zum Gl\u00fcck konnte sich der Bullenbei\u00dfer noch freimachen, ehe der B\u00e4r seine Z\u00e4hne an ihm versuchte, er hatte aber alle Lust zu fernerem Kampfe verloren und entfloh mit kl\u00e4glichem Heulen, dem B\u00e4ren das Feld \u00fcberlassend, welcher seinerseits nun, h\u00f6chlich befriedigt \u00fcber den seiner ' Freundin gegebenen Schutz, weiter tappte.\"\nIn der Neuzeit sind die Grislib\u00e4ren h\u00e4ufiger zu uns gebracht worden. Sie haben stets die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit der Beschauer auf sich gezogen, ebensowohl wegen ihrer Gr\u00f6\u00dfe, als wegen ihres lustigen, unterhaltenden Wesens. In dem Londoner Thiergarten befinden sich zwei von ihnen, welche auch einmal in der Thierheilkunde eine gro\u00dfe Rolle spielten. Die meisten B\u00e4ren leiden n\u00e4mlich an Augenkrankheiten, und jene beiden wurden schon in ihrer Jugend von einer -heftigen Augen-entz\u00fcndung befallen, welche ihnen vollkommene Blindheit zur\u00fccklie\u00df. Ans Mitleid ebensowohl, als auch, um die Wirkungen des Chloroforms bei ihnen zu erproben, beschlo\u00df man, ihnen den Staar zu stechen, und der Versuch gl\u00fcckte merkw\u00fcrdig gut. Die Leiden Kranken wurden zuv\u00f6rderst von einander getrennt, und hierauf legten die W\u00e4rter jedem derselben ein starkes Halsband an, an welches mehrere Stricke befestigt wurden. Vier starke Leute zogen den Kopf des Riesenb\u00e4ren sodann dicht an das Gitter heran, und jetzt konnte man ihm ohne Furcht den mit Chloroform getr\u00e4nkten Schwamm unter die Nase halten. Die Wirkung war eine ganz unverh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig rasche und sichere. Nach wenigen Minuten schon lag das gewaltige Thier ohne Besinnung und ohne Bewegung wie todt in seinem K\u00e4fig, und der Augenarzt konnte jetzt getrost in denselben eintreten, sich das furchtbare Haupt nach Belieben zurecht legen und seine Operation vornehmen. Die beabsichtigte Heilung gl\u00fcckte, Dank der Geschicklichkeit des Wundarztes, vollst\u00e4ndig. Als man eben die Verdunkelung des K\u00e4figs bewirkt hatte, erwachte das Thier, taumelte noch wie betrunken hin und her und schien um so unsicherer zu werden,","page":602},{"file":"p0603.txt","language":"de","ocr_de":"Der Grislib\u00e4r in Gefangenschaft. Staaroperation an ihm. \u2014 Allgemeines \u00fcber den Baribal. 603\nje mehr es zur Besinnung kam. Mit der Zeit aber schien es zu merken, was mit ihm w\u00e4hrend seines Todtenschlafes geschehen war, und als man es nach wenigen Tagen wieder untersuchte, war es sich seiner wiedererlangten Sehf\u00e4higkeit vollkommen bewu\u00dft geworden und schien sich jetzt sichtlich an dem herrlichen Lichte des Tages zu erfreuen oder wenigstens den ungeheuren Gegensatz zwischen der fr\u00fchern ewigen Nacht und dem jetzigen Hellen Tage zu erkennen. Dieser eine Erfolg hat die Thierarzneikunde um ein Wesentliches gef\u00f6rdert, und in den gr\u00f6\u00dferen Thierg\u00e4rten sieht man gegenw\u00e4rtig eine derartige Operation schon gar nicht mehr als etwas besonders Gro\u00dfes an und ist somit in den Stand gesetzt, den armen gefangenen Blinden ihr Dasein wesentlich zu erleichtern.\nDer bekannteste B\u00e4r Amerikas ist der Baribal oder Muskwa (Ursus americanus)^ ein weit verbreitetes und verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gutm\u00fcthiges, wenigstens ungleich harmloseres Thier als Grisel- und\nDer Baribal ober Muskwa (Ursus americanus).\neurop\u00e4ischer B\u00e4r. Wegen seiner dunkeln F\u00e4rbung ist er unter dem Namen schwarzer B\u00e4r noch bekannter, als unter den angef\u00fchrten, welche von den Indianern herstammen sollen.\nDer Baribal erreicht ungef\u00e4hr die Gr\u00f6\u00dfe unsers europ\u00e4ischen B\u00e4ren d. h. eine L\u00e4nge von 6Vs Fu\u00df bei einer Schulterh\u00f6he von etwas \u00fcber 3 Fu\u00df. Er unterscheidet sich von ihm haupts\u00e4chlich durch den schm\u00e4lern Kopf, die spitzere, von der Stirn nicht abgesetzte Schnauze, die sehr kurzen Sohlen und durch die Beschaffenheit und F\u00e4rbung des Pelzes. Dieser besteht aus langen, straffen und glatten Haaren, welche nur an der Stirn und um die Schnauze sich verk\u00fcrzen. Ihre F\u00e4rbung ist ein gl\u00e4nzendes Schwarz, welches jedoch zu beiden Seiten der Schnauze in das Fahlgelb \u00fcbergeht. Ein ebenso gef\u00e4rbter Flecken findet sich oft auch vor den Augen. Seltener sieht man Baribals mit wei\u00dfen Lippenr\u00e4ndern und wei\u00dfen Streifen auf Brust und Scheitel. Die Jungen, welche lichtgrau aussehen, legen mit Beginn ihres zweiten Lebensjahres das dunkle Kleid ihrer Eltern an, erhalten jepoch nicht zugleich die langhaarige Decke derselben: ihr Pelz ist immer kurzhaarig.","page":603},{"file":"p0604.txt","language":"de","ocr_de":"604\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Baribal.\nGrade \u00fcber den Baribal ist von verschiedenen Reiseschriststellern Mancherlei gefabelt und gefaselt worden. Einzelne haben ihn als das gutm\u00fcthigste Gesch\u00f6pf unter der Sonne geschildert, andere die Aengstlichkeit ihres Gem\u00fcths auch in seiner Beschreibung bekundet. Man thut wohl, wenn man sich ausschlie\u00dflich an die amerikanischen Naturforscher h\u00e4lt und zwar vor allem an Richardson und Audu-b on. So habe ich gethan.\nDer Baribal ist \u00fcber ganz Nordamerika verbreitet. Man hat ihn in allen waldigen Gegenden gefunden, von der Ostk\u00fcste bis zur Grenze Kaliforniens und von den Pelzl\u00e4ndern bis nach Mejiko. Der Wald bietet ihm eigentlich Alles, was er bedarf; er wechselt seinen Aufenthalt aber nach den Jahreszeiten, wie es deren verschiedene Erzeugnisse bedingen. W\u00e4hrend des Fr\u00fchlings pflegt er sich seine Nahrung in den reichen Flu\u00dfniederungen zu suchen und sich deshalb in jenen Dickichten aufzuhalten, welche die Ufer der Str\u00f6me und Seen ums\u00e4umen. Im Sommer zieht er sich in den liefen, an Baumfr\u00fcchten mancherlei Art so reichen Wald zur\u00fcck, und im Winter endlich w\u00fchlt er sich an einer den Blicken m\u00f6glichst verborgenen Stelle ein passendes Lager, in welchem er zeitweilig schl\u00e4ft oder wirklichen Winterschlaf h\u00e4lt. Ueber letztern lauten die Angaben noch verschieden. Einige sagen, da\u00df nur manche B\u00e4ren wochenlang im Lager verborgen w\u00e4ren und-schliefen, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen auch im Winter von einem Ort zum andern streiften, ja sogar von n\u00f6rdlichen Gegenden her nach s\u00fcdlichen wanderten; Andere glauben, da\u00df Dies nur in gelinderen Wintern geschehe, w\u00e4hrend in strengeren s\u00e4mmtliche B\u00e4ren Winterschlaf hielten. Sicher ist, da\u00df man grade im Winter oft zur Jagd des Baribal auszieht und ihn in seinem Lager aufsucht. Richardson sagt, da\u00df sich das Thier gew\u00f6hnlich einen Platz an einem umgefallenen Baum erw\u00e4hle, dort sich eine Vertiefung ausscharre und dahin sich bei Beginn eines Schneesturmes zur\u00fcckziehe. Der fallende Schnee decke dann Baum und B\u00e4r zu; doch erkenne man das Lager an einer kleinen Oefsnung, welche durch den Athem des Thieres aufgethaut werde, und an einer gewissen Menge von Reif, welcher sich nach und nach um diese Oefsnung niederschlagen soll. In den s\u00fcdlicheren Gegenden mit h\u00f6herm Baumwuchs zieht sich der B\u00e4r oft in hohle B\u00e4ume zur\u00fcck, um hier zu schlafen. In diesem Winterlager verweilt er, solange Schnee f\u00e4llt. Auch im Sommer pflegt er sich ein Bett zurecht zu machen und dasselbe mit trockenen Bl\u00e4ttern und Gras auszupolstern. Dieses Lager ist aber schwer zu finden, weil es gew\u00f6hnlich an den einsamsten Stellen des Waldes in Felsspalten, niederen H\u00f6hlungen und unter B\u00e4umen, deren Zweige bis zur Erde herabh\u00e4ngen, angelegt wird. Nach Audubon soll es dem Lager des Wildschweins am meisten \u00e4hneln.\nAuch der Baribal ist, so dumm, plump und ungeschickt er aussieht, ein wachsames, reges und bewegungsf\u00e4higes Thier. Er ist kr\u00e4ftig, muthig, geschickt und ausdauernd. Sein Lauf ist so schnell, da\u00df ihn ein Mann nicht einzuholen vermag; das Schwimmen versteht er vortrefflich, und im Klettern ist er Meister. Jedenfalls ist er in allen Leibes\u00fcbungen gewandter, als unser brauner B\u00e4r, dessen Eigenschaften er im \u00fcbrigen besitzt. Auch er beweist im Nothfall jenen tollk\u00fchnen Muth, welcher die st\u00e4rkeren Arten seiner Familie so gef\u00e4hrlich macht. Nur h\u00f6chst selteng reift er den Menschen ungereizt an \u2014- obgleich Dies ebenfalls schon beobachtet worden ist \u2014: gew\u00f6hnlich flieht er beim Erscheinen seines \u00e4rgsten Feindes so schnell als m\u00f6glich dem Walde zu, und selbst verwundet nimmt er nicht immer seinen Gegner an, w\u00e4hrend er, wenn er keinen Ausweg mehr sieht, sich ohne Besinnen der offenbarsten Uebermacht entgegenwirft und dann sehr gef\u00e4hrlich werden kann.\nSeine Nahrung besteht haupts\u00e4chlich in Pflanzenstosfen und zwar in Gr\u00e4sern, Bl\u00e4ttern, halbreifem und reifem Getreide, in Beeren und Baumfr\u00fcchten der verschiedensten Art. Doch verfolgt auch er das Herdenvieh der Bauern und wagt sich, wie Meister Braun, selbst an die bewehrten Rinder. Dem Landwirth schadet er immer, gleichviel, ob er in die Pflanzung einf\u00e4llt oder die Herden beunruhigt, und deshalb ergeht es ihm, wie unserm B\u00e4ren: er wird ohne Unterla\u00df verfolgt und durch alle Mittel ausgerottet, sobald er sich in der N\u00e4he des Menschen zu zeigen wagt.\nUeber die B\u00e4rzeit des Baribal scheinen die amerikanischen Naturforscher ebensowenig genau unterrichtet zu sein, wie die europ\u00e4ischen \u00fcber die Fortpflanzung unsers braunen B\u00e4ren. Richardson giebt die Tr\u00e4chtigkeit des schwarzen B\u00e4ren zu ungef\u00e4hr f\u00fcnfzehn bis sechzehn Wochen an, und","page":604},{"file":"p0605.txt","language":"de","ocr_de":"Verbreitung. Nahrung. Fortpflanzung. Jagd.\n605\nAudubon scheint Dies ihm nachgeschrieben zu haben. Als Wurfzeit setzen Beide \u00fcbereinstimmend den Januar. Die Zahl der Jungen soll nach Richardson zwischen eins und f\u00fcnf schwanken, nach Audubon dagegen nur zwei betragen. Ich glaube, da\u00df Beobachtungen an gefangenen Baribals auch hier entscheidend sein d\u00fcrften. Das Paar dieser B\u00e4ren, welches der Hamburger Thiergarten besitzt, hat sich, wie uns mitgetheilt wurde, in Amerika bereits zweimal in der Gefangenschaft fortgepflanzt, und die Jungen sind schon im Januar geworfen worden. Ueber die B\u00e4rzeit haben wir keine Nachricht erhalten. In Jahre 1863 aber begatteten sich unsere Baribals am 16. Juni zum ersten Male und, wie der braune B\u00e4r, beinahe einen ganzen Monat lang allt\u00e4glich.\nDa\u00df die wildlebenden B\u00e4ren hohle B\u00e4ume zu ihrem Wochenbette ausw\u00e4hlen, wie Dies Richardson angiebt, ist wahrscheinlich. Ueber die erste Jugendzeit der neugeborenen Jungen scheinen Beobachtungen zu fehlen. Von gr\u00f6\u00dfer gewordenen wei\u00df man, da\u00df die Alte sie mit gleicher Z\u00e4rtlichkeit liebt, wie unsere braune B\u00e4rin die ihrigen, sie l\u00e4ngere Zeit mit sich herumf\u00fchrt, in Allem unterrichtet und bei Gefahr muthvoll vertheidigt.\nDie Jagd des Baribal ist von Vielen geschildert worden. Sie gilt f\u00fcr sehr gef\u00e4hrlich, haupts\u00e4chlich wegen der merkw\u00fcrdigen Lebensz\u00e4higkeit des Thier.es. Man wendet die verschiedensten Mittel an, sich seiner zu bem\u00e4chtigen. Viele werden in gro\u00dfen Schlagfallen gefangen, die meisten aber mit der Pirschb\u00fcchse erlegt. Gute Hunde leisten dabei vortreffliche Dienste, indem sie den B\u00e4ren verbellen oder zu Baum treiben und dem J\u00e4ger Gelegenheit geben, ihn mit aller Ruhe aufs Korn zu nehmen und ihm eine Kugel auf die rechte Stelle zu schie\u00dfen. Audubon beschreibt in seiner lebendigen Weise eine derartige Jagd, bei welcher mehrere B\u00e4ren erlegt, aber auch mehrere Hunde verloren und die J\u00e4ger selbst gef\u00e4hrdet wurden. Hunde allein k\u00f6nnen den Baribal nicht bew\u00e4ltigen, und auch die besten Bei\u00dfer unterliegen oft seinen furchtbaren Brantenschl\u00e4gen. In vielen Gegenden legt man mit Erfolg Selbftsch\u00fcsse, welche der B\u00e4r durch Wegnahme eines vorgeh\u00e4ngten K\u00f6ders entladet. Auf den Str\u00f6men und Seen jagt man ihn nicht selten zu Wasser, wenn er von einem Ufer zu dem andern schwimmt oder von den Jagdgehilfen in das Wasser getrieben wurde.\nSehr eigenth\u00fcmlich sind manche Jagdweisen der Indianer, noch eigenth\u00fcmlicher die feierlichen Gebr\u00e4uche zur Vers\u00f6hnung des abgeschiedenen B\u00e4rengeistes, welche einer gottesdienstlichen Verehrung gleichkommen. Alexander Henry, der erste Engl\u00e4nder, welcher in den eigentlichen Pelzgegenden reiste, erz\u00e4hlt Folgendes: \u201eIm Januar hatte ich das Gl\u00fcck, einen sehr starken Kieferbaum aufzufinden, dessen Rinde von den B\u00e4renklauen arg zerkratzt war. Bei fernerer Pr\u00fcfung entdeckte ich ein gro\u00dfes Loch in dem obern Theile, welches in das hohle Innere f\u00fchrte, und schlo\u00df aus Allem, da\u00df hier ein B\u00e4r sein Winterlager aufgeschlagen haben m\u00f6chte. Ich theilte die Beobachtungen meinen indianischen Wirthen mit, und diese beschlossen sofort, den Baum zu f\u00e4llen, obgleich er nicht weniger als drei Klaftern im Umfange hielt. Am n\u00e4chsten Morgen machte man sich \u00fcber die Arbeit, und am Abend hatte man das schwere Werk zur H\u00e4lfte beendet. Am Nachmittag des folgenden Tages fiel der Baum, und wenige Minuten sp\u00e4ter kam zur gr\u00f6\u00dften Befriedigung Aller ein B\u00e4r von au\u00dfergew\u00f6hnlicher Gr\u00f6\u00dfe durch die gedachte Oeffnung hervor. Ich erlegte ihn, ehe er noch einige Schritte gemacht hatte. Sofort nach seinem Tode n\u00e4herten sich ihm alle Indianer und namentlich die \u201ealte Mutter\", wie wir sie nannten. Sie nahm den Kopf des Thieres in ihre H\u00e4nde, streichelte und k\u00fc\u00dfte ihn wiederholt und bat den B\u00e4ren tausendmal um Verzeihung, da\u00df. man ihm das Leben genommen habe, versicherte auch, da\u00df nicht die Indianer Dies ver\u00fcbt h\u00e4tten, sondern da\u00df es sicherlich ein Engl\u00e4nder gewesen w\u00e4re, welcher den Frevel begangen. Diese Geschichte w\u00e4hrte nicht eben lange-denn es begann bald das Abh\u00e4uten und Zertheilen des B\u00e4ren. Alle beluden sich mit der Haut, dem Fleisch und dem Fett und traten darauf den Heimweg an.\"\n\u201eSobald man zu Hause angekommen war, wurde das B\u00e4renhaupt mit allem Flitterwerk, welches die Familie besa\u00df, geschm\u00fcckt, mit silbernen Armb\u00e4ndern u. dgl. Dann legte man es auf ein Ger\u00fcst und vor die Nase eine Menge von Tabak. Am n\u00e4chsten Morgen wurden Vorbereitungen zu einem Feste getroffen. Die H\u00fctte wurde gereinigt und gefegt, das Haupt des B\u00e4ren erhoben und ein neues","page":605},{"file":"p0606.txt","language":"de","ocr_de":"606\tDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Baribal. Tibetanischer Kragenb\u00e4r.\nTuch, welches noch nicht gebraucht worden war, dar\u00fcber gebreitet. Dann wurden die Pfeifen zurechtgemacht, und der Indianer blies Tabaksrauch in die Nasenl\u00f6cher des B\u00e4ren. Er bat mich, Dasselbe zu thun, weil ich, der ich das Thier get\u00f6dtet habe, dadurch sicher seinen Zorn bes\u00e4nftigen werde. Ich versuchte, meinen wohlwollenden und freundlichen Wirth zu \u00fcberzeugen, da\u00df der B\u00e4r kein Leben mehr habe, meine Worte fanden aber keinen Glauben. Zuletzt hielt mein Wirth eine Rede, in welcher er den B\u00e4ren zu verherrlichen suchte, und nach dieser endlich begann man von dem B\u00e4renfleische zu schmausen.\"\nDie Amerikaner halten den Baribal oft in Gefangenschaft, haupts\u00e4chlich zu dem Zweck, ihn mit starken Hunden k\u00e4mpfen zu lassen. Dabei zeigt sich die englische oder amerikanische Rohheit schrankenlos. Doch sieht man den Baribal auch als Gefangenen irgend eines Thierfreundes und dann gew\u00f6hnlich als sehr zahmen, gem\u00fcthlichen Burschen.\nUnsere schwarzen B\u00e4ren nnterscheiden sich durch ihre Sanftmuth und Gutartigkeit wesentlich von ihren Verwandten. Sie machen ihren W\u00e4rtern gegen\u00fcber niemals von ihrer Kraft Gebrauch, sondern erkennen vielmehr die Oberherrlichkeit des Menschen vollkommen an und lassen sich mit gr\u00f6\u00dfter Leichtigkeit behandeln. Jedenfalls f\u00fcrchten sie den W\u00e4rter weit mehr, als dieser sie. Aber sie f\u00fcrchten sich auch vor jedem andern Thiere. Ein kleiner Elefant, welcher \u00f6fters an ihren K\u00e4figen vorbeigef\u00fchrt wurde, versetzte sie anfangs so in Schrecken, da\u00df sie eiligst an dem Baume ihres K\u00e4figs emporklimmten, als ob sie dort Schutz suchen wollten. Zu K\u00e4mpfen mit anderen B\u00e4ren, welche man zu ihnen bringt, zeigen sie keine Lust, selbst ein kleiner, muthiger ihrer eigener Art kann sich die Herrschaft im Zwinger erwerben. Wir erhielten im Laufe eines Sommers sechs Baribals, und zwar au\u00dfer dem erw\u00e4hnten Paare noch vier kaum halberwachsene. Als die Letzteren zu den Alten gebracht wurden, entstand ein wahrer Aufruhr im Zwinger. Die Thiere f\u00fcrchteten sich gegenseitig wie die alten Weiber in Gellerts Fabel. Dem erwachsenen Weibchen wurde es beim Anblick der Kleinen \u00e4u\u00dferst bedenklich. Es eilte so schnell als m\u00f6glich auf die h\u00f6chste Spitze des Baumes; aber auch die Jungen bewiesen durch Schnaufen und ihren R\u00fcckzug in die \u00e4u\u00dferste Ecke, da\u00df sie sich entsetzlich f\u00fcrchteten. Nur der alte B\u00e4r blieb ziemlich gelassen, obwohl er fortw\u00e4hrend \u00e4ngstlich zur Seite schielte, als ob er f\u00fcrchte, da\u00df die Kleinen ihn r\u00fccklings \u00fcberfallen k\u00f6nnten. Endlich beschlo\u00df er, seine Hausgenossen genauer in Augenschein zu nehmen. Er n\u00e4herte sich den Neuangekommenen und beschn\u00fcffelte sie sorgf\u00e4ltig. Ein mehr \u00e4ngstliches, als \u00e4rgerliches Schnaufen schien ihn zur\u00fcckschrecken zu sollen. Als es Nichts half, erhob sich das junge Weibchen auf die Hinterf\u00fc\u00dfe, bog den Kopf tief nach vorn herab, schielte h\u00f6chst sonderbar von unten nach oben zu dem ihm gegen\u00fcber gewaltigen Riesen empor, schnaufte \u00e4rgerlich und ertheilte ihm, als er sich wiederum nahete, pl\u00f6tzlich eine Ohrfeige. Dieser eine Schlag war f\u00fcr den alten Feigling genug. Er zog sich augenblicklich zur\u00fcck und dachte fortan nicht mehr daran, den unh\u00f6flichen Kleinen sich zu n\u00e4hern. Aber deren Sinn war auch nur auf Sicherstellung gerichtet. Der Hunger trieb die alte B\u00e4rin vom Baume herab, und augenblicklich kletterten beide Jungen an ihm empor. Die Furcht bannte sie volle zehn Tage lang an den einmal gew\u00e4hlten Platz. Die leckerste Speise, der \u00e4rgste Durst waren nicht verm\u00f6gend, sie von oben herabzubringen. Sie kletterten nicht einmal dann hernieder, als wir die alten B\u00e4ren abgesperrt und somit den ganzen Zwinger ihnen zur Verf\u00fcgung gestellt hatten. In der kl\u00e4glichsten Stellung lagen oder hingen sie auf den Zweigen Tag und Nacht, und zuletzt wurden sie so m\u00fcde und matt, da\u00df wir jeden Augenblick f\u00fcrchten mu\u00dften, sie auf das harte Steinpflaster herabst\u00fcrzen zu sehen. Dem war aber nicht so, der Hunger \u00fcberwand schlie\u00dflich alle Bedenken. Sie stiegen am zehnten Tage aus freien St\u00fccken herab und lebten fortan in Frieden und Freundschaft mit den beiden \u00e4lteren. Der letzte Baribal, welchen wir in denselben K\u00e4fig bringen mu\u00dften, benahm sich genau ebenso, obgleich er weit weniger zuzusetzen^ hatte, als die beiden ersten Jungen, welche sehr wohlgen\u00e4hrt angekommen waren.\nUnsere Baribals geben mir fortw\u00e4hrend Gelegenheit, zu beobachte\u00fc, wie leicht und geschickt sie klettern. Wenn sie durch irgend Etwas erschreckt werden, springen sie mit einem Satze ungef\u00e4hr sechs Fu\u00df hoch bis zu den ersten Zweigen des glatten Eichenstammes empor und steigen dann mit gr\u00f6\u00dfter","page":606},{"file":"p0607.txt","language":"de","ocr_de":"Jndianesche Verehrung. Beobachtung Gefangener. Ungenaue Kenntni\u00df der Kragenb\u00e4ren. 607\nSchnelligkeit und Sicherheit bis zu dem Wipfel hinauf. Einmal sprang bie-, alte B\u00e4rin \u00fcber den W\u00e4rter, welcher sie in die Zelle einzutreiben versuchte, hinweg und auf den Baum. Die ganze Familie sieht man oft in den verschiedenartigsten, scheinbar h\u00f6chst unbequemen Stellungen auf den Aesten gelagert, und auch jetzt noch halten namentlich die Jungen in zwei Astgabeln regelm\u00e4\u00dfig ihren Mittagsschlaf.\nDie Stimme hat mit der unsers braunen B\u00e4ren Aehnlichkeit, ist aber viel schw\u00e4cher und kl\u00e4glicher. Ein eigentliches Gebr\u00fcll oder Gebrumme habe ich nie vernommen. Aufregungen aller Art dr\u00fcckt der Baribal, wie der braune B\u00e4r, durch Schnaufen und Zusammenklappen der Kinnladen aus. Im Zorn beugt er den Kopf zur Erde, schiebt die Lippen weit vor, schnauft und schielt ganz sonderbar um sich. Sehr erg\u00f6tzlich ist die Haltung der Thiere, wenn sie aufrechtstehen. Die kurzen Sohlen erschweren ihnen diese Stellung entschieden, und sie m\u00fcssen, um das Gleichgewicht herzustellen, den R\u00fccken stark einw\u00e4rts kr\u00fcmmen. Dabei tragen sie die Vorderarme gew\u00f6hnlich so hoch, da\u00df der Kopf nicht auf, sondern zwischen den Schultern zu sitzen scheint, und so nimmt sich die Gestalt h\u00f6chst sonderbar aus.'\nDurch Freigebigkeit der Besucher unsers Gartens sind alle sechs Baribals sehr verw\u00f6hnt worden. Sie wissen, da\u00df sie gef\u00fcttert werden, und erinnern Denjenigen, welcher vergessen sollte, ihnen Etwas zu reichen, durch kl\u00e4gliches Bitten an die G\u00fcte Anderer. So haben sie sich eine Bettelei angew\u00f6hnt, welcher Niemand widerstehen kann; denn ihre Stellungen mit den ausgebreiteten Armen sind so drollig und ihr Gewinsel so beweglich, da\u00df es Jedermanns Herz r\u00fchren mu\u00df. Auch sie w\u00fcrden sehr bald es lernen, wie die Baribals, welche Graf G\u00f6rtz besa\u00df, die Taschen der Leute nach allerhand Leckereien zu untersuchen, und wahrscheinlich den Ungl\u00fccklichen, welcher Nichts f\u00fcr sie mitgebracht, ebenso bel\u00e4stigen, wie jene es thaten.\nAls asiatischen Vertreter des Baribal darf man den tibetanischen Kragenb\u00e4r oder Kuma der Japanesen (Ursus tibetanus) betrachten. Er kommt zwar jenem in der Gr\u00f6\u00dfe nicht ganz gleich, \u00e4hnelt ihm aber sehr in der F\u00e4rbung. Seine Gestalt ist verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig schlank, der Kopf spitz-schn\u00e4uzig, auf Stirn und Nasenr\u00fccken fast, geradlinig, die Beine sind mittellang, die F\u00fc\u00dfe kurz, die Zehen mit ziemlich kurzen, aber kr\u00e4ftigen N\u00e4geln bewehrt; die Ohren sind rund und verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gro\u00df. Behaarung und F\u00e4rbung scheinen ziemlich bedeutenden Ab\u00e4nderungen unterworfen zu sein, falls sich die Angaben wirklich auf ein und dasselbe Thier und nicht auf zwei verschiedene Arten beziehen. Cuvier, welcher den von Duvaucel in Silhet entdeckten B\u00e4r zuerst beschrieb, giebt an, da\u00df der Pelz, mit Ausnahme einer zottigen M\u00e4hne am Halse, glatt und bis auf die wei\u00dfliche Unterlippe und die wei\u00dfe Brustzeichnung, sowie die r\u00f6thlichen Schnauzenseiten, gleichm\u00e4\u00dfig schwarz sei. Die Brustzeichnung wird mit einem Y verglichen; sie bildet ein Querband in der Schl\u00fcsselbeingegend, von welchem sich in der Mitte nach der Brust zu ein Stiel oder Streifen abzweigt. Wagner sah einen anderen Kuma lebend in einer Thierschaubude, welcher von der eben gegebenen Beschreibung insofern abwich, als bei ihm fast die ganze Schnauze br\u00e4unlich gef\u00e4rbt erschien und ein gleichgef\u00e4rbter Flecken \u00fcber jedem Auge sich zeigte. Auch fehlte der Brustbinde jener nach dem Bauche zu verlaufende Stiel. Unsere vortreffliche Abbildung stellt ein Paar dieser B\u00e4ren dar, welche aus Japan stammen, gegenw\u00e4rtig im Thiergarten zu Rotterdam leben und im Ganzen mit der Wagnerischen Beschreibung \u00fcbereinstimmen.\nEs ist immerhin m\u00f6glich, da\u00df sich die \u201eMondfleckb\u00e4ren\" der Japanesen von jenen des Festlandes unterscheiden; bis jetzt fehlen jedoch gen\u00fcgende Beobachtungen, da\u00df wir ein richtiges Urtheil hier\u00fcber \u00e4llen k\u00f6nnten. Wenn wir alle Kragenb\u00e4ren \u00a7ls zu einer Art geh\u00f6rig betrachten, ergiebt sich, da\u00df diese Art weit verbreitet ist. Bald nach Duvaucels Entdeckung fand Wallich unseren B\u00e4ren in Nepal auf, und Siebold sagt in seinem Werke \u00fcber die Thierwelt Japans, da\u00df der Kuma nicht","page":607},{"file":"p0608.txt","language":"de","ocr_de":"608\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Bruan. Lippenb\u00e4r.\nblos in China und Japan, sondern auch in den meisten Gebirgen des Festlandes und der Inseln S\u00fcdasiens h\u00e4ufig vorkomme.\nUeber Lebensweise und Betragen fehlen uns Berichte. Nach Duvaucel soll der Kragenb\u00e4r wilder, also wohl b\u00f6sartiger sein, als andere indische B\u00e4ren; die bis jetzt lebend nach Europa gelangten Kumas best\u00e4tigten jedoch diese Ansicht durchaus nicht. Sie zeigten sich sehr gutartig, waren spiellustig und gleichm\u00fcthig, wie andere B\u00e4ren und begn\u00fcgten sich gern mit Brod und Fr\u00fcchten. Das Rotterdamer Paar, welches ich freilich nur fl\u00fcchtig beobachten konnte, hat auf mich ebenfalls den Eindruck der Gutartigkeit gemacht. Doch will, wie wir von dem Betragen anderer B\u00e4ren schlie\u00dfen d\u00fcrfen, das Benehmen solcher Gefangenen, welche gut gehalten und gen\u00e4hrt werden, f\u00fcr die Erkenntni\u00df ihres Wesens nicht eben viel bedeuten.\nIn S\u00fcdasien leben einige kleine, schlank gebaute, kurzhaarige B\u00e4ren, welche man Sonnenb\u00e4ren (Helarctos) genannt hat, weil sie, ganz gegen Gewohnheit ihrer Verwandten, sich gern in den brennendhei\u00dfen Strahlen der Mittagssonne ihrer Heimat umhertreiben und sommern.\n\u25a0t\nDie bekannteste Art ist der Bruan (Helarctos malayanus), ein Bewohner Nepals, Hinterindiens und der Sundainseln. Seine L\u00e4nge betr\u00e4gt etwa vier Fu\u00df, die H\u00f6he fast zwei Fu\u00df. Er ist plump gebaut, schlank vom Leibe zwar, aber dickk\u00f6pfig, breitschn\u00e4uzig, mit verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig ungeheuren Tatzen, deren Krallen stark und lang sind, mit kleinen Ohren und sehr kleinen, ziemlich bl\u00f6den Augen. Der Pelz ist kurz, dicht und mit Ausnahme der fahlgelben Schnauzenseiten und eines hufeisenf\u00f6rmigen Brustfleckens von gelber oder lichter Grundf\u00e4rbung, gl\u00e4nzend schwarz. Die Lippen dieses B\u00e4ren sind sehr dehnbar, die Zunge kann weit hervorgestreckt werden.\nDer Bruan ist vorzugsweise Pflanzenfresser; vor Allem liebt er s\u00fc\u00dfe Fr\u00fcchte. In den Kakaopflanzungen richtet er oft bedeutenden Schaden an; zuweilen macht er sie unm\u00f6glich. Er lebt ebensoviel auf den B\u00e4umen, als auf dem Boden. Unter allen eigentlichen B\u00e4ren klettert er am geschicktesten. Ueber Fortpflanzung und Iugendleben fehlen Berichte.\nMan sagt, da\u00df er in Indien oft gefangen gehalten werde, weil man ihn, als einen gutm\u00fcthigen, harmlosen Gesellen, selbst Kindern zum Spielgenossen geben und nach Belieben in Haus, Hof und Garten umherstreifen lassen d\u00fcrfe. Raffles, welcher einen dieser B\u00e4ren besa\u00df, durfte ihm den Aufenthalt in der Kinderstube gestatten und war niemals ben\u00f6thigt, ihn durch Anlegen an die Kette oder durch Schl\u00e4ge zu bestrafen. Mehr als einmal kam er ganz artig an den Tisch und bat sich von den Speisenden Etwas zu fressen aus. Dabei zeigte er sich als ein echter Gutschmecker, da er von den Fr\u00fcchten blos Mango verzehren und nur Schaumwein trinken wollte. Der Wein hatte f\u00fcr ihn einen unendlichen Reiz, und wenn er eine Zeitlang sein Lieblingsgetr\u00e4nk vermissen mu\u00dfte, schien er seine gutd Laune zu verlieren. Aber dieses vortreffliche Thier verdiente auch ein Glas Wein. Es wurde im ganzen Hause geliebt und geehrt und betrug sich in jeder Hinsicht musterhaft; denn es that nicht einmal, dem kleinsten Thiere etwas zu Leide. Mehr als einmal nahm es sein Futter mit dem Hunde, der Katze und dem kleinen Papagei aus ein und demselben Gef\u00e4\u00df.\nEin anderer Bruan war mit ebensoviel Erfolg gez\u00e4hmt, aber auch gew\u00f6hnt worden, ebensogut thierische, als Pflanzennahrung zu sich zu nehmen. Letztere behagte ihm jedoch immer am besten, und Brod und Milch bildeten entschieden seine Lieblingsspeise. Davon konnte er in einem Tage mehr als zehn Pfund verbrauchen. Die Speisen nahm er auf sehr eigenth\u00fcmliche Weise zu sich, indem er sich auf die Hinterf\u00fc\u00dfe setzte, die lange Zunge unglaublich weit heraussteckte, den Bissen damit fa\u00dfte und durch pl\u00f6tzliches Einziehen in den Mund brachte. W\u00e4hrend Dies geschah, machte er die sonderbarsten und auffallendsten Bewegungen mit den Vordergliedern und wiegte seinen K\u00f6rper dabei mit unersch\u00f6pflicher Azrsdauer von der einen Seite zur andern. Seine Bewegungen waren auffallend rasch","page":608},{"file":"p0608s0001table14.txt","language":"de","ocr_de":"Japanische Aaren.","page":0},{"file":"p0609.txt","language":"de","ocr_de":"Widersprechende Beobachtungen \u00fcber den gefangenen Bruan.\n609\nund kr\u00e4ftig und lie\u00dfen vermuthen, da\u00df er im Nothfalle einen umfassenden und wirksamen Gebrauch seiner starken Glieder machen kann.\nMeine Erfahrungen stimmen mit dieser Schilderung nicht \u00fcberein. Ich habe den Bruan mehrfach in der Gefangenschaft gesehen und den, welchen der Hamburger Thiergarten besitzt, seit Jahresfrist beobachten k\u00f6nnen. Unser Bruan ist nichts weniger als gutm\u00fcthig. Er ist dumm, sehr dumm \u2014\nDer Bruan (Helarctos malayanns).\nund t\u00fcckisch. Der besten Pflege ungeachtet, hat er sich mit seinem W\u00e4rter noch nicht befreunden k\u00f6nnen. Er nimmt das ihm vorgehaltene Brod scheinbar mit Dank an, zeigt aber durchaus keine Erkenntlichkeit, sondern eher Lust, dem Nahenden gelegentlich einen Tatzenschlag zu* versetzen. St\u00f6rrisch ist er im h\u00f6chsten Grade. Er l\u00e4\u00dft sich z. B. durchaus nicht aus einem Raum in den andern treiben. Wenn er vorw\u00e4rts nicht durchkommen kann, l\u00e4uft er r\u00fcckw\u00e4rts, trotzig, blindlings. Strafen fruchten Brehm, Thierleben.\t39","page":609},{"file":"p0610.txt","language":"de","ocr_de":"610\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Lippenb\u00e4r.\ngar Nichts. Sehr widerlich ist seine Unreinlichkeit: er fri\u00dft seinen eigenen Koth auf! Nicht minder unangenehm ist seine unbez\u00e4hmbare Sucht, alles Holzwerk seiner K\u00e4fige zu zernagen. Er zerfri\u00dft Balken und dicke Eichst\u00e4mme und arbeitet dabei mit einer Unverdrossenheit, welche einer bessern Sache w\u00fcrdig w\u00e4re. Sein Betragen unterh\u00e4lt h\u00f6chstens Den, welcher ihn nicht kennt: seinen Pflegern macht er sich bald verha\u00dft.\nAuffallender noch in Gestalt und Wesen, als die Sonnenb\u00e4ren, ist der Lippenb\u00e4r (Prochilus labiatus). Ihn kennzeichnet ein kurzer, dicker Leib, niedere Beine, ziemlich gro\u00dfe F\u00fc\u00dfe, deren Zehen mit ungeheuren Sichelkrallen bewehrt sind, eine vorgezogene, stumpfspitzige Schnauze mit weit vorstreckbaren Lippen und ein langes zottiges Haar, welches im Nacken eine M\u00e4hne bildet und auch seitlich tief herabf\u00e4llt. Alle angegebenen Merkmale verleihen der Sippe einen hinl\u00e4nglichen Grad von Selbstst\u00e4ndigkeit. Wie merkw\u00fcrdig das Thier sein mu\u00df, sieht man am besten daraus, da\u00df es im Anfange unter dem Namen des b\u00e4renartigen Faulthieres (Bradipus ursinus) beschrieben, ja in einem Werke sogar \u201edas namlose Thier\" genannt wurde. In Europa ist der Lippenb\u00e4r zu Ende des vorigen Jahrhunderts bekannt geworden, und erst Anfang dieses Jahrhunderts kam er auch lebend dahin. Da stellte sich nun freilich heraus, da\u00df er ein echter B\u00e4rAst, und somit erhielt er seinen ihm geb\u00fchrenden Platz in der Thierreihe angewiesen.\nDie L\u00e4nge des Lippenb\u00e4ren betr\u00e4gt, einschlie\u00dflich des etwa 4 Zoll langen Schwanzstumpfes, 5 bis 57g, die H\u00f6he am Widerrist ungef\u00e4hr 22/3 Fu\u00df. Unser Thier kann kaum verkannt werden. Der ziemlich flache, mit einer breiten, platten Stirne versehene Kopf verl\u00e4ngert sich in eine lange, schmale, zugespitzte und r\u00fcsselartige Schnauze von h\u00f6chst eigenth\u00fcmlicher Bildung. Der Nasenknorpel n\u00e4mlich breitet sich in eine flache und leicht bewegbare Platte aus, auf welcher die beiden in die Quere gezogenen und durch eine schmale Scheidewand von einander getrennten Nasenl\u00f6cher gestellt sind. Die Nasenfl\u00fcgel, welche sie seitlich begrenzen, sind im h\u00f6cksten Grade beweglich, und die langen, \u00e4u\u00dferst dehnbaren Lippen \u00fcbertreffen sie hierin sogar noch. Sie reichen schon im Stande der Ruhe ziemlich weit \u00fcber den Kiefer hinaus, k\u00f6nnen aber unter Umst\u00e4nden so verl\u00e4ngert, vorgeschoben, zusammengelegt und umgeschlagen werden, da\u00df sie eine Art R\u00f6hre bilden, welche fast vollst\u00e4ndig die F\u00e4higkeiten eines R\u00fcssels besitzt. Die lange, schmale und platte, vorn abgestutzte Zunge hilft diese R\u00f6hre mit bilden und verwenden, und so ist das Thier im Stande, nicht blos Gegenst\u00e4nde aller Art zu ergreifen und an sich zu ziehen, sondern f\u00f6rmlich an sich zu saugen. Der \u00fcbrige Theil des Kopfes ist durch die kurzen, stumpf zugespitzten und aufrechtstehenden Ohren, sowie die kleinen, fast schweineartigen, schiefen Augen ausgezeichnet; doch sieht man vom ganzen Kopfe nur sehr wenig, weil selbst der gr\u00f6\u00dfte Theil der kurzbehaarten Schnauze von den auffallend langen, struppigen Haaren des Scheitels verdeckt wird. Dieser Haarpelz verh\u00fcllt auch g\u00e4nzlich den Schwanz und verl\u00e4ngert sich an manchen Theilen des K\u00f6rpers, zumal am Hals und im Nacken, zu einer dichten, krausen und struppigen M\u00e4hne.. In der Mitte des R\u00fcckens bilden sich gew\u00f6hnlich zwei sehr gro\u00dfe, wulstige B\u00fcsche aus den sich hier verwirrenden Haaren und geben dem B\u00e4ren ganz das Aussehen, als ob er einen H\u00f6cker tr\u00fcge. So gewinnt der ganze Vordertheil des Thieres ein h\u00f6chst unf\u00f6rmliches Aussehen, und dieses wird durch den plumpen und schwerf\u00e4lligen Leib und die kurzen und dicken Beine noch wesentlich erh\u00f6ht. Sogar die F\u00fc\u00dfe sind absonderlich und namentlich die au\u00dferordentlich langen, scharfen und gekr\u00fcmmten Krallen ganz eigenth\u00fcmlich, wirklich faulthierartig. Das Gebi\u00df, wenigstens das der alten Thiere, hat auch sein eigenes Gepr\u00e4ge. Die Schneidez\u00e4hne fallen in der Regel fr\u00fchzeitig aus, und der Zwischenkiefer bekommt dann ein in der That in Verwirrung setzendes Aussehen. Aus diesem-Grunde d\u00fcrfen wir es den betreffenden Naturforschern nicht so sehr verargen, da\u00df sie den Lippenb\u00e4r unter die zahnlosen Thiere rechnen wollten. Die F\u00e4rbung der groben Haare ist ein gl\u00e4nzendes Schwarz; die Schnauze bis zu den Augen ist grau oder schmuzigwei\u00df, ein fast herzf\u00f6rmig oder hufeisenf\u00f6rmig gestalteter Brustflecken aber wei\u00df gef\u00e4rbt. Bisweilen haben auch die Zehen eine sehr lichte F\u00e4rbung.","page":610},{"file":"p0611.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung des Lippenbaren. Wohnorte.\n611\nDie Krallen sind in der Regel wei\u00dflich Hornfarben, die Sohlen aber schwarz. Eine weit geringere Ausbildung der M\u00e4hne an Kopf und Schultern und die deshalb hervortretenden, verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Ohren, sowie die dunkleren Krallen unterscheiden die Jungen von den Alten, auch ist bei ihnen gew\u00f6hnlich die Schnauze bis hinter die Augen gelblichbraun und die Hufeisenbinde auf der Brust gelblichwei\u00df gef\u00e4rbt.\nDer gem\u00e4hnte Lippenb\u00e4r oder Aswail ist ein Ostindier von Geburt. Seine Heimat ist das Festland S\u00fcdasiens, ebensowohl Bengalen, als die \u00f6stlich und westlich daran grenzenden Gebirge\nDer Lippenb\u00e4r (Prochilus labiatus).\nund die Insel Ceylon. Besonders h\u00e4ufig soll er in den Gebirgen von Tetau und Nepal gefunden werden. Als echtes Gebirgsthier steigt er nur zuweilen in die Ebenen herab; in den Gebirgen jedoch findet er sich \u00fcberall ziemlich h\u00e4ufig und zwar nicht blos in einsamen W\u00e4ldern, sondern auch in der N\u00e4he von bewohnten Orten; auf Ceylon dagegen verbirgt er sich, wie Tennent berichtet, in den dichtesten W\u00e4ldern der h\u00fcgeligen und trockenen Landschaften, an der n\u00f6rdlichen und s\u00fcd\u00f6stlichen K\u00fcste, und wird ebenso selten in gr\u00f6\u00dferen H\u00f6hen, als in den feuchten Niederungen angetroffen. Im Gebiet von Karatschi auf Ceylon war er w\u00e4hrend einer l\u00e4nger w\u00e4hrenden D\u00fcrre so gemein, da\u00df die Frauen ihre so beliebten B\u00e4der und Waschungen in den Fl\u00fcssen g\u00e4nzlich aufgeben mu\u00dften, weil ihnen\n39*","page":611},{"file":"p0612.txt","language":"de","ocr_de":"612\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Lippenb\u00e4r.\nnicht nur auf dem Lande, sondern auch im Wasser B\u00e4ren in den Weg traten, \u2014 hier oft gegen ihren Willen; denn sie waren beim Trinken in den Strom gest\u00fcrzt und konnten in Folge ihres t\u00e4ppischen Wesens nicht wieder aufkommen. W\u00e4hrend der hei\u00dfesten Stunden des Tages liegt unser B\u00e4r in nat\u00fcrlichen oder selbst gegrabenen H\u00f6hlen. Er ist, wie es scheint, im h\u00f6chsten Grade empfindlich gegen die Hitze und leidet au\u00dferordentlich, wenn er gen\u00f6thigt wird, \u00fcber die kahlen, von der Sonne durchgl\u00fchten Gebirgsfl\u00e4chen zu wandern. Englische J\u00e4ger fanden, da\u00df die Sohlen eines Lippenb\u00e4ren, welchen sie durch ihre Verfolgung gen\u00f6thigt hatten, bei Tage gr\u00f6\u00dfere Strecken in den Mittagsstunden zu durchlaufen, schlie\u00dflich vollst\u00e4ndig verbrannt waren, und ich meinestheils glaube diese Thatsache durchaus glaubhaft finden zu k\u00f6nnen, weil ich Aehnliches in Afrika bei Hunden bemerkt habe, welche nach l\u00e4ngeren Jagden w\u00e4hrend der Mittagszeit wegen ihrer verbrannten Sohlen nicht mehr gehen konnten. Die Empfindlichkeit der F\u00fc\u00dfe ist f\u00fcr den Aswail gew\u00f6hnlich verderblich; er wird weit leichter erlegt oder bek\u00e4mpft, wenn er vorher durch die Glut der Sonne m\u00fcrbe gemacht worden ist, als wenn er frisch seinen Feinden entgegentritt. Letzteren kann er so gef\u00e4hrlich werden, wie irgendwelcher B\u00e4r; denn so harmlos er auch im Ganzen ist, wenn er unbel\u00e4stigt seine Gebirgshalden und Abgr\u00fcnde durchzieht, soviel Furcht fl\u00f6\u00dft er ein, wenn seine Wuth durch empfangene Wunden oder andere Unannehmlichkeiten erregt wurde.\nMan sagt, da\u00df die Nahrung des Aswail fast ausschlie\u00dflich in Manzenstoffen und kleineren, zumal wirbellosen Thieren best\u00e4nde, und da\u00df er sich nur beim gr\u00f6\u00dften Hunger an Wirbelthiere wage. Verschiedene Wurzeln, Jmmennester, deren Waben mit Jungen oder deren Honig er gleich hochsch\u00e4tzt, Raupen, Schnecken und Ameisen, sowie Fr\u00fcchte aller Art bilden seine Nahrung, und seine langgebogenen Krallen leisten ihm bei Aufsuchung und bez\u00fcglich Ausgrabung verborgener Wurzeln, oder aber bei Er\u00f6ffnung der Ameisenhaufen sehr gute Dienste. Selbst die festen Baue der Termiten soll er mit Leichtigkeit zerst\u00f6ren k\u00f6nnen und dann unter der j\u00fcngern Brut gro\u00dfe Verw\u00fcstungen anrichten. Der Bienen und Ameisen wegen steigt er auf die h\u00f6chsten B\u00e4ume. \u201eEiner meiner Freunde,\" sagt Tennent, \u201ewelcher eine Waldung in der N\u00e4he von Jaffea durchzog, wurde durch unwilliges Gebrumm auf einen Aswail aufmerksam gemacht, welcher hoch oben auf einem Zweige sa\u00df und mit einer Pranke die Waben eines Rothameisennestes zum Munde f\u00fchrte, w\u00e4hrend er die andere Tatze nothwendig gebrauchen mu\u00dfte, um seine Lippen und Augenwimpern von den durch ihn h\u00f6chlichst erz\u00fcrnten Kerfen zu s\u00e4ubern. \u2014 Die Veddahs in Bintenne, deren gr\u00f6\u00dftes Besitzthum ihre Honigst\u00f6cke ausmachen, leben in best\u00e4ndiger Furcht vor diesem B\u00e4ren, weil er, angelockt durch den Geruch seiner Lieblingsspeise, keine Scheu mehr kennt und die erb\u00e4rmlichen Wohnungen jener Bienenv\u00e4ter r\u00fccksichtslos \u00fcberf\u00e4llt. Den Anpflanzungen wird er oft empfindlich sch\u00e4dlich, namentlich in den Zuckerwaldungen betrachtet man ihn als einen sehr unlieben Gast. Allein unter Umst\u00e4nden wird er auch gr\u00f6\u00dferen S\u00e4ugethieren oder V\u00f6geln gef\u00e4hrlich und f\u00e4llt selbst Herdenthiere und Menschen an. Man erz\u00e4hlt sich in Ostindien, da\u00df er die S\u00e4ugethiere, somit auch den Menschen, auf das grausamste martere, bevor er sie verzehrt. Er soll n\u00e4mlich seine Beute fest mit seinen Armen und Krallen umfassen' und ihr nun gem\u00e4chlich unter fortw\u00e4hrendem Saugen mit den Lippen Glied f\u00fcr Glied zermalmen, bis sie so langsam den entsetzlichsten Tod findet. Gew\u00f6hnlich weicht er dem sich nahenden Menschen aus; allein seine Langsamkeit verhindert ihn nicht selten an der Flucht, und nun wird er, weniger aus B\u00f6sartigkeit, als vielmehr aus Furcht, und in der Absicht, sich selbst zu vertheidigen, der angreifende Theil. Und seine Angriffe sind unter solchen Umst\u00e4nden so f\u00fcrchterlich, da\u00df die Singa-lesen in ihm das furchtbarste aller Thiere erblicken. Kein einziger unserer Leute wagt es, unbewaffnet durch den Wald zu gehen; wer kein Gewehr besitzt, bewaffnet sich wenigstens mit dem \u201eKadelly\", einer leichten Axt, mit welcher man dem B\u00e4ren zum Zweikampf gegen\u00fcbertritt.\" Der Aswail zielt seinerseits immer nach dem Gesicht seines Gegners und rei\u00dft diesem, wenn er ihn gl\u00fccklich niederwarf, regelm\u00e4\u00dfig die Augen aus. Tennent versichert, viele Leute gesehen zu haben, deren Gesicht noch die Belege solcher K\u00e4mpfe zeigte: grell von der dunklen Haut abstechende, lichte Narben, welche besser als alle Erz\u00e4hlungen den Grimm des gereizten Lippenb\u00e4rs bekundeten.","page":612},{"file":"p0613.txt","language":"de","ocr_de":"Nahrung. Sch\u00e4dlichkeit. Gefangenschaft.\n613\nDie Postl\u00e4ufer, welche nur bei Nacht reisen, sind den Anf\u00e4llen der Lippenb\u00e4ren mehr als alle Anderen ausgesetzt und tragen deshalb immer hellleuchtende Fackeln in den H\u00e4nden, deren greller Schein die Thiere schreckt und veranla\u00dft, den Weg zu r\u00e4umen. Demungeachtet theilen auch sie den Glauben der meisten Singalesen, da\u00df gewisie Gedichte mehr als alles Andere vor den Angriffen der Aswails sch\u00fctzen, und sie tragen deshalb immer im Haar oder am Nacken Amulete, deren Wunderkraft eben in jenen Gedichten beruht. Leider beweisen die B\u00e4ren den durch Talismane Gefeiten oft genug, da\u00df die Wunderkraft nicht gar so gro\u00df ist, unb die biederen Singalesen nehmen auch gar keinen Anstand, trotz aller Schutzmittel, einem w\u00fcthenden Aswail das Feld zu lassen \u2014 falls ihnen dazu Zeit bleibt. Sie wissen sehr wohl, da\u00df der gereizte B\u00e4r nichts weniger, als der gutm\u00fcthige Bursch ist, welcher er scheint; sie wissen, da\u00df der Zorn sein ganzes Wesen ver\u00e4ndert. W\u00e4hrend er bei ruhigem Gange in der sonderbarsten Weise dahinwankt und seine Beine so t\u00e4ppisch als m\u00f6glich kreuzweise \u00fcber einander setzt, f\u00e4llt er bei Erregung in einen Trab, welcher immer noch schnell genug ist, um einen Fu\u00dfg\u00e4nger unter? allen Umst\u00e4nden zu erreichen; und deshalb f\u00fcrchten die Inder diesen B\u00e4ren mindestens ebensosehr, wie wir unsern Meister Petz oder die Amerikaner ihren Ephraim.\nBei ruhigem Gange tr\u00e4gt der Aswail den Kopf zur Erde gesenkt und kr\u00fcmmt dabei den R\u00fccken, wodurch der Haarfilz scheinbar erst recht zum H\u00f6cker wird, bei schnellerm Laufe aber trabt er mit emporgehobenem Haupte dahin. Seinem Feinde geht er manchmal auch auf den zwei Hinterf\u00fc\u00dfen entgegen.\nVon seiner Fortpflanzung wei\u00df man nur soviel, da\u00df die B\u00e4rin gew\u00f6hnlich ein, h\u00f6chstens zwei Junge wirft und diese dann, solange sie noch nicht vollst\u00e4ndig bewegungsf\u00e4hig sind, auf dem R\u00fccken tr\u00e4gt, wie ein Faulthier seine Nachkommenschaft.\nIn der Gefangenschaft hat man ihn \u00f6fters beobachten k\u00f6nnen und zwar ebensowohl in Indien, wie in Europa. In seinem Vaterlande wird seine Gelehrigkeit von Gauklern und Thierf\u00fchrern benutzt und er zu allerlei Kunstst\u00fcckchen abgerichtet, wie unser Meister Petz. Die Leute ziehen mit ihm in derselben Weise durch das Land, wie fr\u00fcher unsere B\u00e4renf\u00fchrer, und gewinnen durch ihn d\u00fcrftig genug ihren Lebensunterhalt. In Hinsicht auf diesen Gebrauch haben die Franzosen den Aswail mit dem Namen \u201eOurs Jongleur'' belegt. In Europa hat man ihn haupts\u00e4chlich in England l\u00e4ngere Zeit, einmal sogar durch neunzehn Jahre, am Leben erhalten k\u00f6nnen. Man f\u00fcttert ihn mit Milch, Brod, Obst und Fleisch und erh\u00e4lt ihn sehr lange bei dieser Nahrung; Brod und Obst scheint er dem \u00fcbrigen Futter entschieden vorzuziehen. Wenn er jung eingefangen wird, l\u00e4\u00dft er sich leicht z\u00e4hmen und macht auch trotz seiner scheinbaren Plumpheit und Schwerf\u00e4lligkeit viel Vergn\u00fcgen. Er w\u00e4lzt sich, wie ein schlafender Hund, zusammengelegt von einer Seite zur andern, springt herum, schl\u00e4gt Purzelb\u00e4ume, richtet sich aus den Hinterf\u00fc\u00dfen auf und verzerrt sein Gesicht in der merkw\u00fcrdigsten Weise, wenn ihm irgendwelche Nahrung geboten wird. Dabei ist er h\u00f6chst gutm\u00fcthig, zuthunlich und sehr ehrlich. Er macht niemals Miene, zu bei\u00dfen, und man kann ihm, wenn man ihn einmal kennen lernte, in jeder Hinsicht vertrauen. Gegen andere B\u00e4ren seiner Art ist er wom\u00f6glich noch z\u00e4rtlicher, als manche seiner Familienverwandten. Zwei Aswails, welche man im Thiergarten von London hielt, pflegten sich auf die z\u00e4rtlichste Weise zu umarmen und sich gegenseitig dabei die Pfoten zu lecken. In recht guter Laune stie\u00dfen sie auch ein b\u00e4renartiges Knurren aus, welches, wie mein Berichterstatter sagt, einen gewissen musikalischen Werth hatte. Dagegen vernahm man rauhe und br\u00fcllende T\u00f6ne, wenn man die Thiere mit M\u00fche in Zorn gebracht hatte.\nIch sah den Lippenb\u00e4r in der neuesten Zeit einige Male in Thierschaubuden und in Thierg\u00e4rten. Sie lagen gew\u00f6hnlich wie ein Hund auf dem Bauche und besch\u00e4ftigten sich stundenlang mit Belecken ihrer Tatzen. Gegen Vorg\u00e4nge au\u00dferhalb ihres K\u00e4figs schienen sie h\u00f6chst gleichgiltig zu sein. Ueber-haupt kamen mir die Thiere gutm\u00fcthig, aber auch sehr stumpsgeistig vor. Wenn man ihnen Nahrung hinh\u00e4lt, bilden sie ihre Lippenr\u00f6hre, \u2014 an welcher aber die Zunge keinen Antheil nimmt \u2014 und versuchen das ihnen Dargereichte mit den Lippen zu fassen, ungef\u00e4hr in derselben Weise, in welcher die Wiederk\u00e4uer Dies zu thun pflegen. Ihre Stimme schien mir eher ein Gewimmer, als ein Gebrumme; die T\u00f6ne waren widerlich.","page":613},{"file":"p0614.txt","language":"de","ocr_de":"614\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Eisb\u00e4r.\nDer erlegte Aswail wird in seinem Vaterlande ungef\u00e4hr in derselben Weise benutzt, wie die im Norden lebenden B\u00e4ren von den Europ\u00e4ern, Asiaten und Amerikanern. Das Fleisch ist sehr gesch\u00e4tzt und wird auch von den Engl\u00e4ndern f\u00fcr besonders wohlschmeckend erkl\u00e4rt. Noch h\u00f6her aber achtet man das Fett, nachdem man es in derselben Weise gekl\u00e4rt und gereinigt hat, wie ich es bei dem Tiger beschrieb. Die Europ\u00e4er benutzen es zum Einschmieren ihrer Waffen, die Inder halten es f\u00fcr ein untr\u00fcgliches Mittel gegen gichtische Schmerzen aller Art.\nWenn nach der Ansicht einiger Naturforscher die ziemlich geringen Unterschiede in der Gestalt und Lebensweise der letzterw\u00e4hnten B\u00e4ren schon hinreichend erscheinen, um sie eigenen Gruppen einzureihen, ist es erkl\u00e4rlich, da\u00df man gegenw\u00e4rtig den Eisb\u00e4ren ebenfalls als Vertreter einer selbstst\u00e4ndigen Sippe betrachtet, welcher man den Namen Meerb\u00e4r (Thalassarctos) gegeben hat. Die Ansichten \u00fcber Ordnungen, Familien und Sippen, ja selbst \u00fcber Arten haben sich, wie ich schon wiederholt zu bemerken hatte, in unserer Zeit wesentlich ge\u00e4ndert; denn je weiter die Kenntni\u00df der Thiere fortschreitet, um so genauer wird man die einzelnen betrachten, beschreiben und in der Reihe einordnen m\u00fcssen. Der Eisb\u00e4r nun ist wirklich ein so merkw\u00fcrdiges Gesch\u00f6pf und zeigt in jeder Hinsicht soviel Eigenth\u00fcmliches, da\u00df er unter den sogenannten wahren B\u00e4ren ganz vereinzelt dasteht und deshalb auch eine selbstst\u00e4ndige Stellung verdient. Die ersten Seefahrer, welche von ihm sprechen, glaubten in ihm freilich blos eine Abart unsers Meister Petz zu entdecken, dessen Fell der kalte Norden mit seiner ihm eigenth\u00fcmlichen Schneefarbe begabt habe; dieser Irrthum w\u00e4hrte jedoch nicht lange, weil man sehr bald die wesentlichen Unterschiede wahrnahm, welche zwischen dem gemeinen und dem Eisb\u00e4ren bestehen. Es ist auch gar nicht denkbar, da\u00df ein Thier, welches ausschlie\u00dflich im Meere oder an dessen K\u00fcsten lebt, in derselben Weise beschaffen sein sollte, wie ein anderes, dessen Aufenthalt der feste Boden bildet. Zugleich aber m\u00f6chte man versucht werden, bei Betrachtung dieses Thieres Zweckm\u00e4\u00dfigkeitsprediger zu werden, weil es doch gar zu h\u00fcbsch scheint, da\u00df die Natur auch f\u00fcr die erstarrenden Eisw\u00fcsten des hohen Nordens ein gro\u00dfes Raubthier geschaffen hat, welches, um in der Weise jener geistlosen Bewunderer der Sch\u00f6pfung zu reden, augenscheinlich dazu bestimmt ist, Robben und Fische, Lemminge, ja selbst dem zudringlichen Menschen, den der unwirthliche Pol nicht zur\u00fcckschreckt, eine heilsame Aufregung und Furcht beizubringen. Doch was geht uns hier die Erschaffung des Thieres an! Unser Zweck ist, dasselbe und sein Leben kennen zu lernen.\nDie Sippe der Eisb\u00e4ren unterscheidet sich von den bis jetzt genannten durch den gestreckten Leib mit langem Halse und kurzen, starken und kr\u00e4ftigen Beinen, deren F\u00fc\u00dfe weit l\u00e4nger und breiter sind, als bei den anderen B\u00e4ren, und deren Zehen starke Spcnnh\u00e4ute fast bis zur H\u00e4lfte ihrer L\u00e4nge mit einander verbinden, vor Allem aber durch die ganz eigenth\u00fcmliche Lebensweise, welcher eine entsprechende Verschiedenheit des ganzen Baues nothwendig zu Grunde liegen mu\u00df. Die einzige Art der Sippe, der Eis- oder Polarb\u00e4r (Thalassarctos polaris) kennzeichnet sich schon hinsichtlich seiner Gr\u00f6\u00dfe als Meerthier. Er \u00fcbertrifft hierin selbst den Grislib\u00e4r noch um etwas: denn die durchschnittliche L\u00e4nge des M\u00e4nnchens betr\u00e4gt acht englische Fu\u00df und nicht selten noch einen halben Fu\u00df mehr. Das Gewicht aber steigt von neun auf elf, ja sogar auf sechszehn Centner an. Ro\u00df wog ein M\u00e4nnchen, welches sieben Fu\u00df acht Zoll lang und vier Fu\u00df hoch war und, nachdem es gegen drei\u00dfig Pfund Blut verloren hatte, noch immer ein Gewicht von 11311/2 Pfund zeigte. Lyon, der Begleiter von Parry, berichtet von einem 8 Fu\u00df 71 /2 Zoll langen Eisb\u00e4ren, welcher 16 volle Centner wog. Man mu\u00df bedenken, da\u00df ein so gro\u00dfer Eisb\u00e4r genau soviel wiegt, wie ein zehn Fu\u00df langer und sieben Fu\u00df hoher Auerochs, und wird sich dann erst einen Begriff von seiner Gr\u00f6\u00dfe und Schwere machen k\u00f6nnen.\nDer Leib des Eisb\u00e4ren ist weit plumper, aber dennoch gestreckter, als der des gemeinen B\u00e4ren. Der Hals ist bedeutend d\u00fcnner und l\u00e4nger, der Kopf ist l\u00e4nglich, niedergedr\u00fcckt und verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig schmal, das Hinterhaupt sehr verl\u00e4ngert, die Stirn platt, die hinten dicke Schnauze vorn spitz; die","page":614},{"file":"p0615.txt","language":"de","ocr_de":"Eigenschaften. K\u00f6rperbeschreibung. Verbreitung.\n615\nOhren sind klein, kurz und sehr gerundet, die Nasenl\u00f6cher weiter ge\u00f6ffnet und die Rachenh\u00f6hle minder tief gespalten, als bei Meister Petz. An den Beinen sitzen blos mittellange, dicke und krumme Krallen; der Schwanz ist sehr kurz, dick und stumpf, kaum aus dem Pelze hervorragend. Die Behaarung ist lang, zottig, reich und dicht, jedoch viel k\u00fcrzer, als der Pelz des im hei\u00dfen Judien lebenden Lippenbaren oder der gro\u00dfen Vettern im Norden der Erde. Sie besteht aus kurzer Wolle und aus schlichten, feinen, gl\u00e4nzenden, weichen und fast wolligen Grannen, welche am Kopfe, Hals und R\u00fccken am k\u00fcrzesten und am Hintertheile, an dem Bauche und den Beinen am l\u00e4ngsten sind; auch die Sohlen sind mit diesen Haaren bekleidet. Auf den Lippen und \u00fcber den Augen befinden sich wenige Borstenhaare; den Augenlidern fehlen die Wimpern. Mit Ausnahme eines dunklen Ringes um die Augen, des nackten Nasenendes, der Lippenr\u00e4nder und der Krallen, tr\u00e4gt der Eisb\u00e4r ein Schneekleid, welches bei\nDer Eis- oder Polarb\u00e4r (Thalassarctos polaris).\nden jungen Thieren von reinem Silberwei\u00df ist, bei \u00e4lteren aber \u2014 wie man annimmt, in Folge der thranigen Nahrung \u2014 einen gelblichen Anflug bekommt. Die Jahreszeit \u00fcbt nicht den geringsten Einflu\u00df auf die F\u00e4rbung aus.\nDer Eisb\u00e4r bewohnt den h\u00f6chsten Norden der Erde, den eigentlichen Eisg\u00fcrtel des Pols, und findet sich blos da, wo das Wasser einen gro\u00dfen Theil des Jahres hindurch oder best\u00e4ndig, wenigstens theilweise, zu Eis erstarrt. Wie weit er nach Norden hinaufgeht, konnte bisher noch nicht ermittelt werden; soweit der Mensch aber in jenen unwirthlichen Gegenden vordrang, hat er dieses Thier als lebensfrischen Bewohner des lebensfeindlichen Erdg\u00fcrtels gefunden, w\u00e4hrend es nach S\u00fcden hin blos ausnahmsweise noch unter dem 55. Grade n\u00f6rdlicher Breite bemerkt werden ist. Der Eisb\u00e4r geh\u00f6rt keinem der drei n\u00f6rdlichen Erdtheile ausschlie\u00dflich, sondern allen n\u00f6rdlichen Erdtheilen ge-","page":615},{"file":"p0616.txt","language":"de","ocr_de":"616\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Eisb\u00e4r.\nmeinschaftlich an. Von keinem andern Wesen beirrt oder gef\u00e4hrdet, der eisigsten K\u00e4lte und den f\u00fcrchterlichsten, uns schier undenkbaren Unwettern sorglos trotzend, streift er dort durch Land und Meere \u00fcber die eisige Decke des Wassers oder durch die offnen Wogen, und im Nothf\u00e4lle mu\u00df ihm der Schnee selbst zur Decke, zum Schutze, zum Lager werden. An der Ostk\u00fcste von ganz Amerika, um die Bassins - und Hudsonsbay herum, in Gr\u00f6nland und Labrador ist er gemein, und zwar ist er ebensowohl auf dem festen Lande, wie auf dem Treibeise zu erblicken, oft sogar in Scharen, welche durch ihre Anzahl an Schafherden erinnern. Scoresby berichtet, da\u00df er einstmals an der K\u00fcste von Gr\u00f6nland hundert Eisb\u00e4ren beisammentraf, von denen zwanzig gelobtet werden konnten. In Europa ist es die Insel Spitzbergen, welche seinen st\u00e4ndigen Heimatsort bildet, aber auf den kristallenen Fahrzeugen, die ihm das Meer selbst bietet, auf den Eisschollen, kommt er nicht selten auch an der Nordk\u00fcste Islands angeschwommen und w\u00fcrde, w\u00e4re der Norwegens K\u00fcste umfluthende und das Eis dort schmelzende Golfstrom nicht, sich wohl auch \u00f6fters in Lappland oder Nordland zeigen. In Asien ist die Insel Novaja-Semlja sein Hauptsitz. Aber auch auf Neusibirien, selbst auf dem Festlande wird er oft genug gefunden, obgleich blos dann, wenn er auf Eisschollen angetrieben wird. In den endlosen Wintern\u00e4chten des Nordens schl\u00e4gt er, wenn er bei Nebel und Schneegest\u00f6ber seine Richtung verliert oder durch die Aufsuchung der Nahrung weiter vom Meere abgef\u00fchrt wird, als er beabsichtigte, auf dem mit Mos und Flechten \u00fcberzogenen und \u00fcberfrbrnen Boden in Sibirien sein Winterlager auf und kehrt erst, wenn der beginnende kurze Fr\u00fchling von neuem ein regeres Leben ihm erm\u00f6glicht, zu seiner eigentlichen Heimat zur\u00fcck. Dennoch sieht man ihn nur h\u00f6chst selten auf dem festen Lande zwischen der Lena und der M\u00fcndung des Ienisei und noch seltner zwischen dem Ob und dem wei\u00dfen Meere, weil ihm die weit nach Norden auslaufenden Gebirge und Novaja Semlja weit bessere Aufenthaltsorte gew\u00e4hren. In Amerika ist er da am h\u00e4ufigsten, wo der Mensch ihm am wenigsten nachstellt. Es ist nur der kleine, unscheinbare, verachtete Eskimo, welcher dort als Gebieter der Erde auftritt; aber Dieser ist noch immer m\u00e4chtig genug, den gewaltigen Meeresbeherrscher zu verdr\u00e4ngen. Sonderbar ist, da\u00df er nach Aussagen der Eskimos, seiner haupts\u00e4chlichsten Feinde, nur in h\u00f6chst seltenen F\u00e4llen jenseits des Mackenzieflusses erscheint, sich somit weit weniger im Westen Amerikas, als im Osten, verbreitet. Nach S\u00fcden hinab geht er blos unfreiwillig, wenn ihn gro\u00dfe Eisschollen dahintragen. Man hat h\u00e4ufig Eisb\u00e4ren gesehen, welche aus diese Weise mitten im sonst eisfreien Wasser und weit von den K\u00fcsten entfernt dahintrieben. Obgleich er nun den gr\u00f6\u00dften Theil seines Lebens auf dem Eise zubringt und im Meere ebensosehr oder noch heimischer ist, als auf dem Lande, sind ihm derartige Reisen doch wohl nicht lieb und f\u00fchren auch, wenn sie ihn weit nach S\u00fcden und zu gebildeteren Menschen tragen, regelm\u00e4\u00dfig sein Verderben herbei.\nDie Bewegungen des Eisb\u00e4ren sind im Ganzen plump, wie die der ganzen Familie, aber ausdauernd im h\u00f6chsten Grade. Dies zeigt sich zumal beim Schwimmen, derjenigen Bewegung, in welcher der Eisb\u00e4r seine Meisterschaft an den Tag legt. Die Geschwindigkeit, mit welcher er sich im Wasser bewegt, sch\u00e4tzt Scoresby auf drei englische Meilen in der Stunde, und dabei ist er im Stande, ohne besondere Beschwerde viele Meilen zur\u00fcckzulegen. Die gro\u00dfe Masse seines Fettes kommt ihm vortrefflich zustatten, da sie das eigenth\u00fcmliche Gewicht seines Leibes so ziemlich dem des Wassers gleichstellt. Man sah unsern B\u00e4ren schon vierzig Meilen weit von jedem Lande entfernt im freien Wasser schwimmen und darf deshalb vermuthen, da\u00df er \u00fcber Sunde oder Stra\u00dfen von mehreren hundert Meilen ohne Gefahr zu setzen, vermag. Ebenso ausgezeichnet, wie er sich auf der Oberfl\u00e4che des Wassers bewegt, versteht er zu tauchen und unter dem Wasser zu schwimmen. Man hat beobachtet, da\u00df er Lachse aus der See geholt hat und mu\u00df nach Diesem seine Tauchf\u00e4higkeit allerdings im h\u00f6chsten Grade bewundern. Da\u00df er oft lange Zeit nur auf Fischnahrung angewiesen ist, unterliegt gar keinem Zweifel, und hieraus geht also hervor, da\u00df er mit mindestens derselben Schnelligkeit schwimmt, wie der behende, gewandte Fischotter. Auch aus dem Lande ist er keineswegs so unbehilflich, ungeschickt oder plump, als es den Anschein hat. Sein gew\u00f6hnlicher Gang ist zwar langsam und bed\u00e4chtig, allein wenn er von Gefahr gedr\u00e4ngt oder von Hunger angetrieben","page":616},{"file":"p0617.txt","language":"de","ocr_de":"Schwimmfertigkeit. Nahrung.\n617\nwird, l\u00e4uft er sprungweise sehr rasch und kommt jedem andern S\u00e4ugethiere, welches sich auf dem Eise bewegt, und somit auch dem Menschen, leicht zuvor. Dabei sind seine Sinne ausnehmend scharf, besonders das Gesicht und der Geruch. Wenn er \u00fcber gro\u00dfe Eisfelder geht, steigt er (nach Scoresby) auf die Eisbl\u00f6cke und sieht nach Beute umher. Todte Walfische oder ein in das Feuer geworfenes St\u00fcck Speck riecht er auf ganz unglaubliche Entfernungen.\nDie Nahrung des Eisb\u00e4ren besteht aus fast allen Thieren, welche das Meer oder die armen K\u00fcsten seiner Heimat bieten. Seine furchtbare St\u00e4rke, welche die aller \u00fcbrigen b\u00e4renartigen Raubthiere bei weitem \u00fcbertrifft, und die erw\u00e4hnte Gewandtheit im Wasser macht es ihm ziemlich leicht, sich zu versorgen. Ohne M\u00fche bricht er mit seinen starken Krallen gro\u00dfe L\u00f6cher durch das dicke Eis, um an Stellen, welche ihm sonst ganz unzug\u00e4nglich sein w\u00fcrden, in die Tiefe gelangen zu k\u00f6nnen; ohne Beschwerde tr\u00e4gt er ein gro\u00dfes und schweres Meerthier, unter Umst\u00e4nden meilenweit, mit sich fort. In den Meeren, welche von Walfischf\u00e4ngern besucht werden, bilden die todten Wale ein vorz\u00fcgliches Nahrungsmittel f\u00fcr ihn; man sieht ihn immer bald bei jedem Walfischaase sich einfinden. Dabei hat man die Beobachtung gemacht, da\u00df diejenigen B\u00e4ren, welche viel Walsischsteisch fressen, das gelblichste Fell haben, jedenfalls in Folge des reichlichen Thranes, den sie mit dem Fleische verzehren m\u00fcssen. Inde\u00df d\u00fcrften die Fische n\u00e4chst den Walen wohl die Hauptmasse seiner Mahlzeiten ausmachen. Er zieht sie aus dem Wasser, indem er untertaucht und ihnen nachschwimmt, oder f\u00e4ngt sie geschickt zwischen den Eisbl\u00f6cken heraus oder treibt sie in Buchten und an den M\u00fcndungen der B\u00e4che zusammen und tobtet sie dann in Masse; kurz, er wei\u00df sich mit ihnen zu versehen. Au\u00dferdem stellt er den Seehunden nach, geschickt und klug genug, diese schlauen und behenden Thiere zu erlangen. Wenn er eine Robbe von fern erblickt, senkt er sich still und ger\u00e4uschlos ins Meer, schwimmt gegen den Wind ihr zu, n\u00e4hert sich ihr mit der gr\u00f6\u00dften Stille und taucht pl\u00f6tzlich von unten nach dem Thiere empor, welches nun regelm\u00e4\u00dfig seine Beute wird, es mag anfangen, was es will. Die Robben pflegen in jenen eisigen Gegenden nahe an L\u00f6chern zu liegen, welche ihren Weg nach dem Wasser vermitteln. Diese L\u00f6cher findet der unter der Oberfl\u00e4che des Meeres dahinschwimmende Eisb\u00e4r mit au\u00dferordentlicher Sicherheit auf, und pl\u00f6tzlich erscheint der gef\u00fcrchtete Kopf des entsetzlichsten Feindes der unbehilflichen Meereshunde so zu sagen in deren eigenem Hause oder in dem einzigen Fluchtgange, welcher sie m\u00f6glicherweise retten k\u00f6nnte. Die Samojeden und Jakuten versichern, da\u00df er auf dem Lande sogar junge Walrosse tobtet, welche er im Meere unbehelligt l\u00e4\u00dft. Landthiere \u00fcberf\u00e4llt er blos dann, wenn ihm andere Nahrung mangelt. Die Renthiere, die Eisf\u00fcchse, V\u00f6gel und deren Eier sind keineswegs vor ihm sicher. Osborne sah einer alten B\u00e4renmutter zu, welche Steinbl\u00f6cke umw\u00e4lzte, um ihre Irrigen mit Lemmingen zu versorgen. An die Hausthiere wagt er sich nur selten. Man hat mehr als einmal bemerkt, da\u00df er zwischen weidenden Rinderherden durchgegangen ist, ohne eines von den Thieren anzufallen. Dies geschieht freilich blos so lange, als er ges\u00e4ttigt ist; denn, wenn ihn der Hunger plagt, greift er jedes Thier an, welches ihm begegnet. Das Aas fri\u00dft er ebenso gern, wie frisches Fleisch; ja, er soll nicht einmal den Leichnam eines andern Eisb\u00e4ren verschm\u00e4hen. Dagegen greift er den Menschen ungereizt blos bei dem gr\u00f6\u00dften Hunger an und geht ihm gew\u00f6hnlich aus dem Wege; wenn er jedoch zum Kampfe aufgefordert wird, h\u00e4lt er jederzeit Stand und kehrt sich immer gegen seinen Feind. Dann ist er unbedingt das furchtbarste aller Thiere, welches in jenen hohen Breiten dem Menschen entgegentreten kann. Nur seine t\u00f6dliche Verwundung kann den Verwegenen retten, welcher ihm den Fehdehandschuh hinzuwerfen wagte. Sch\u00fcsse, welche nicht das Herz oder den Kopf treffen, reizen nur die Wuth des Riesen und vermehren somit die Gefahr. Eine Lanze wei\u00df er geschickt mit seinen Z\u00e4hnen zu fassen und bei\u00dft sie entweder entzwei oder rei\u00dft sie dem Gegner aus der Hand. Man erz\u00e4hlt sich sehr viele Ungl\u00fccksf\u00e4lle, welche durch ihn herbeigef\u00fchrt worden sind, und gar mancher Walfischf\u00e4nger hat die Tollk\u00fchnheit, einen Eisb\u00e4ren bek\u00e4mpfen zu wollen, mit seinem Leben bezahlt. \u201eWenn man den B\u00e4ren im Wasser antrifft,\" sagt Scoresby, \u201ekann man ihn gew\u00f6hnlich mit Vortbeil angreifen; wenn er aber am Ufer, oder auf beschneitem oder glattem Eise ist, wo er mit seinen breiten Tatzen noch einmal so schnell fortzukommen vermag, als ein","page":617},{"file":"p0618.txt","language":"de","ocr_de":"f\n618\tDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Eisb\u00e4r.\nMensch, kann er selten mit Sicherheit oder gutem Erfolge angegriffen werden. Bei weitem die meisten Ungl\u00fccksf\u00e4lle wurden durch die Unvorsichtigkeit solcher Angriffe herbeigef\u00fchrt. Vor wenigen Jahren ereignete sich ein trauriger Vorfall mit einem Matrosen eines Schiffes, welches in der Davisstra\u00dfe vom Eise eingeschlossen war. Ein dreister B\u00e4r kam, wahrscheinlich durch den Geruch der Lebensmittel angelockt, endlich bis dicht an das Schiff heran. Die Leute waren gerade mit ihrer Mahlzeit besch\u00e4ftigt und selbst die Deckwachen nahmen daran Theil. Da bemerkte ein verwegener Bursch zuf\u00e4llig den B\u00e4ren, bewaffnete sich rasch mit einer Stange und sprang jedenfalls in der Absicht auf das Eis hinaus, die Ehre davonzutragen, einen so \u00fcberm\u00fcthigen Gast zu dem\u00fcthigen. Aber der B\u00e4r achtete wenig auf das elende Gewehr, packte, wahrscheinlich durch Hunger gereizt, seinen Gegner sofort mit den furchtbaren Z\u00e4hnen im R\u00fccken und trug ihn mit solcher Schnelligkeit davon, da\u00df Raubthier und Matrose schon weit entfernt waren, als die Gef\u00e4hrten des Ungl\u00fccklichen, von seinem Geschrei herbeigezogen, aufsprangen und sich umsahen. Es w\u00fcrde umsonst gewesen sein, dem Verungl\u00fcckten nachzusetzen; \u2014 man hat nie wieder irgend Etwas von ihm bemerkt.\"\nEin anderes Beispiel eines unklugen Angriffs gegen einen B\u00e4ren wurde Scoresby vom Kapit\u00e4n Munroe mitgetheilt. Hier war jedoch der Ausgang eher lustiger'Art. Das betreffende Schiff lag im Jahre 1820 im gr\u00f6nl\u00e4ndischen Meere vor Anker. Einer von der Mannschaft des Schiffes, welcher sich aus einer Rumflasche wohl gerade besondern Muth geholt haben^mochte, machte sich anheischig, dem B\u00e4ren nachzusetzen. Blos mit einer Walfischlanze bewaffnet, ging er zu seiner abenteuerlichen Unternehmung aus. Ein beschwerlicher Weg von ungef\u00e4hr einer halben Stunde \u00fcber lockern Schnee und schroffe Eisbl\u00f6cke brachte ihn ganz in die N\u00e4he seines Feindes, der, zu seinem Erstaunen, ihn unerschrocken anblickte und zum Kampfe herauszufordern schien. Sein Muth hatte unterdessen sehr abgenommen, theils weil der Geist des Rums unterwegs verdunstet war, theils weil der B\u00e4r nicht nur gar keine Furcht verrieth, sondern selbst eine drohende Miene annahm. Unser Matrose hielt daher an und schwang seine Lanze ein paarmal hin und her, so da\u00df man nicht recht wu\u00dfte, ob er angreifen oder sich vertheidigen wollte. Der B\u00e4r stand auch still. Vergebens suchte der Abenteurer sich ein Herz zu fassen, um den Angriff zu beginnen: sein Gegner war zu furchtbar und sein Ansehn zu schrecklich. Vergebens fing er an, ihn durch Schreien und mit der Lanze zu bedrohen: der Feind verstand Dies entweder nicht oder verachtete solche leere Drohungen und blieb hartn\u00e4ckig auf seinem Platze. Schon fingen die Knie des armen Teufels an zu wanken, die Lanze zitterte in seiner Hand, aber die Furcht, von seinen Kameraden ausgelacht zu werden, hatte noch einigen Einflu\u00df auf ihn: er wagte nicht, zur\u00fcckzugehen. Meister Petz hingegen fing mit der verwegensten Dreistigkeit an, vorzur\u00fccken! Seine Ann\u00e4herung und sein ungeschlachtes Wesen l\u00f6schten den letzten noch glimmenden Funken von Muth bei dem Matrosen aus; er wandte sich um und floh. Aber nun ging die Gefahr erst an. Der B\u00e4r holte den Fl\u00fcchtling bald ein. Dieser warf die Lanze, sein einziges Vertheidigungsmittel, weil sie ihn im Laufe beschwerte, von sich und lief weiter. Gl\u00fccklicherweise zog die Waffe die Aufmerksamkeit des B\u00e4ren auf sich; er stutzte, betastete sie mit seinen Pfoten, bi\u00df hinein und setzte dann seine Verfolgung fort. Schon war er dem keuchenden Schiffer auf den Fersen, als dieser in der Hoffnung einer \u00e4hnlichen Wirkung, wie die Lanze sie gehabt hatte, einen Handschuh fallen lie\u00df. Die List gelang, und w\u00e4hrend der B\u00e4r wieder stehen blieb, um diesen zu untersuchen, gewann der Fl\u00fcchtling einen guten Vorsprung. Der B\u00e4r setzte ihm von neuem mit der drohendsten Beharrlichkeit nach, obgleich er noch einmal durch den andern Handschuh und zuletzt durch den Hut, den er mit seinen Z\u00e4hnen und Klauen in St\u00fccken zerri\u00df, ausgehalten wurde, und w\u00fcrde ohne Zweifel den unbesonnenen Abenteurer, der schon alle Kr\u00e4fte und allen Muth verloren hatte, zu seinem Schlachtopfer gemacht haben, wenn nicht die anderen Matrosen, da sie sahen, da\u00df die Sache eine so ernste Wendung genommen hatte, zu seiner Rettung herbeigeeilt w\u00e4ren. Die kleine Phalanx \u00f6ffnete dem Freunde einen Durchgang und schlo\u00df sich dann wieder, um den verwegenen Feind zu empfangen. Dieser fand jedoch unter so ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden nicht f\u00fcr gut, den Angriff zu unternehmen. Er stand still, schien einen Augenblick zu \u00fcberlegen, was zu thun w\u00e4re, und trat dann einen ehrenvollen R\u00fcckzug an. Der","page":618},{"file":"p0619.txt","language":"de","ocr_de":"Kampf mit dem Menschen. Winterschlaf. Fortpflanzung und Mutterliebe.\n619\nFl\u00fcchtling hingegen, obgleich durch eine Schutzwehr gedeckt, h\u00f6rte, von seiner Furcht gejagt, nicht eher auf zu laufen, als bis er das Schiff erreicht hatte.\"\nEs ist h\u00f6chst wahrscheinlich, da\u00df die meisten Eisb\u00e4ren gar keinen Winterschlaf halten. Ein geringerer oder gr\u00f6\u00dferer K\u00e4ltegrad ist ihnen gleichgiltig; es handelt sich f\u00fcr sie im Winter blos darum, ob das Wasser dort, wo sie sich befinden, offen bleibt oder nicht. Einige Naturforscher sagen, da\u00df die alten M\u00e4nnchen und j\u00fcngeren oder nichttr\u00e4chtigen Weibchen niemals Winterschlaf halten, sondern best\u00e4ndig Herumschweifen. Soviel ist sicher, da\u00df die Eskimos den ganzen Winter hindurch auf die Eisb\u00e4ren Jagd machen k\u00f6nnen. Allerdings leben die Thiere w\u00e4hrend des Winters nur in der See, meistens auf dem Treibeise, wo sie stets hinl\u00e4ngliche L\u00f6cher finden, um jederzeit in die Tiefe hinabtauchen und Robben und Fischen nachstellen zu k\u00f6nnen. Die tr\u00e4chtigen B\u00e4rinnen jedoch ziehen sich gerade im Winter zur\u00fcck und bringen in den k\u00e4ltesten Monaten ihre Jungen zur Welt. Bald nach der Paarung, welche in den Juli, August oder in den Anfang des September fallen soll, bereiten sich die B\u00e4rinnen ein Lager unter Felsen oder \u00fcberh\u00e4ngenden Eisbl\u00f6cken oder graben sich wohl auch eine seichte H\u00f6hlung in dem gefrornen Schnee aus, thauen durch ihre K\u00f6rperw\u00e4rme dieses Lager ringsum auf, bilden durch den warmen Hauch eine Art Stollen nach oben und lassen sich hier nun vollkommen verschneien. Bei der Menge von Schnee, welche in jenen Breiten f\u00e4llt, w\u00e4hrt es gar nicht lange, bis ihre- Winterwohnung eine dicke und ziemlich warme Decke erhalten hat. Der Schnee selbst mu\u00df 'T dem Thiere zugleich das nothwendige Trinkwasser liefern, sie fressen von demselben soviel, als sie zur Stillung ihres Durstes gebrauchen. Ehe sie das Lager bezogen, hatten sie sich eine t\u00fcchtige Menge von Fett gesammelt, und von ihm zehren sie w\u00e4hrend des ganzen Winters; denn sie verlassen ihr Lager nicht eher wieder, als bis die Fr\u00fchlingssonne bereits ziemlich hochsteht; mittlerweile aber haben sie ihre Jungen geworfen. Man wei\u00df, da\u00df dieselben nach sechs bis sieben Monaten ausgetragen sind, und da\u00df ihre Zahl zwischen Eins und Drei schwankt; genauere Beobachtungen sind nicht gemacht worden. Nach Aussage der n\u00f6rdlichen V\u00f6lkerschaften sollen die jungen Eisb\u00e4ren kaum gr\u00f6\u00dfer oder nicht einmal so gro\u00df, als Kaninchen sein, Ende M\u00e4rz oder Anfangs April aber bereits die Gr\u00f6\u00dfe kleiner Pudel erlangt haben. Weit eher, als die Kinder des Landb\u00e4ren, begleiten sie ihre Alte auf ihren Z\u00fcgen. Sie werden von ihr aus das sorgf\u00e4ltigste und z\u00e4rtlichste gepflegt, gen\u00e4hrt und gesch\u00fctzt. Die Mutter theilt auch dann noch, wenn sie schon halb oder fast ganz erwachsen sind, alle Gefahren mit ihnen und wird dem Menschen, solange die Zungen bei ihr sind, doppelt furchtbar. Schon in k der ersten Zeit der Jugend lehrt sie ihnen das Gewerbe betreiben, n\u00e4mlich schwimmen und Fischen nachstellen. Die kleinen, niedlichen Burschen sollen das Eine wie das Andere sehr bald begriffen haben; sie machen sich die Sache aber so bequem als m\u00f6glich und ruhen z. B. auch noch dann, wenn sie bereits ziemlich gro\u00df geworden sind, bei Erm\u00fcdung behaglich auf dem R\u00fccken ihrer Mutter aus. Walfisch- und Gr\u00f6nlandsfahrer haben uns r\u00fchrende Geschichten von der Aufopferung und Liebe der Eisb\u00e4renmutter mitgetheilt.\n\u201eEine B\u00e4rin,\" erz\u00e4hlt Scoresby, \u201ewelche zwei Junge bei sich hatte, wurde von einigen bewaffneten Matrosen auf einem Eisfelde verfolgt. Anfangs schien sie die Jungen dadurch zu gr\u00f6\u00dferer ' Eile anzureizen, da\u00df sie voranlief und sich immer umsah, auch durch eigenth\u00fcmliche Geberden und einen besondern, \u00e4ngstlichen Ton der Stimme die Gefahr ihnen mitzutheilen suchte; als sie aber sah, da\u00df ihre Verfolger ihr zu nahe kamen, m\u00fchte sie sich, jene vorw\u00e4rts zu treiben, zu schieben und zu sto\u00dfen, und entkam auch wirklich gl\u00fccklich mit ihnen.\" Eine andere B\u00e4rin, welche von Kane's Leuten und deren Hunden aufgefunden wurde, schob ihr Junges immer ein St\u00fcck weiter, indem sie es mit dem Kopfe zwischen Hals nnd Brust klemmte oder von oben mit den Z\u00e4hnen packte und es ein St\u00fcck fortschleppte. Dabei trieb sie dann wechselsweise die Hunde zur\u00fcck. Als sie erlegt worden war, trat. das Junge auf ihre Leiche und k\u00e4mpfte gegen die Hunde, bis es, durch einen Schu\u00df in den Kopf getroffen, von seinem Standpunkte herabfiel und nach kurzem Todeskampfe verendete.\nWahrhaft r\u00fchrend ist eine andere Geschichte, welche von der Besatzung des Schiffes La Carcasse berichtet wurde. \u201eAls dasselbe im Eise stecken geblieben war, zeigten sich einstmals drei Eisb\u00e4ren ganz","page":619},{"file":"p0620.txt","language":"de","ocr_de":"620\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Eisb\u00e4r.\nin seiner N\u00e4he, jedenfalls angelockt durch den Geruch des Walro\u00dffleisches, welches die Matrosen gerade auf dem Eise aysbrieten. Es war eine B\u00e4rin mit ihren zwei Jungen, welche ihr an Gr\u00f6\u00dfe fast gleichkamen. Sie st\u00fcrzten sich auf das Feuer zu, zogen ein t\u00fcchtiges St\u00fcck Fleisch heraus und verschlangen es. Die Schiffsmannschaft warf ihnen nun St\u00fccke Fleisch hin; die Mutter holte sie und trug sie ihren Jungen zu, sich selbst kaum bedenkend. Als sie eben das letzte Fleischst\u00fcck wegholte, legten die Matrosen auf die Jungen an und schossen beide nieder. Sie verwundeten auch die Mutter, aber nicht t\u00f6dlich. Die Ungl\u00fcckliche konnte sich kaum noch fortbewegen, aber dennoch kroch sie sogleich nach ihren Jungen hin, legte ihnen neue und wieder neue Fleischst\u00fccke vor, und als sie sah, da\u00df sie nicht zulangten, streckte sie erst ihre Tatzen nach dem einen, dann nach dem andern aus, suchte sie emporzurichten und erhob ein kl\u00e4gliches Geheul, als sie sah, da\u00df alle ihre M\u00fche vergeblich war. Hierauf ging sie eine Strecke fort, sah sich nach ihren Kindern um und heulte noch lauter, als fr\u00fcher. Da ihr nun die Kinder noch nicht folgten, kehrte sie um, beschnoperte und betrachtete sie wieder und heulte von neuem. So ging und kam sie mehrere Male und wandte alle m\u00fctterliche Z\u00e4rtlichkeit auf, um die Jungen zu sich zu locken. Endlich bemerkte sie, da\u00df ihre Lieblinge ganz todt und kalt waren; da wandte sie ihren Kopf nach dem Schiffe zu und brummte voll Wuth und Verzweiflung. Die Matrosen antworteten mit Flintensch\u00fcssen. Sie sank zu ihren Jungen nieder und starb, indem sie deren Wunden leckte.\"\nDie Jagd der Eisb\u00e4ren bleibt unter allen Umst\u00e4nden ein bedenkliches Wagst\u00fcck, wird aber trotzdem mit gro\u00dfer Leidenschaft betrieben. Die Eskimos, Jakuten und Samojeden bauen sich besondere Holzh\u00fctten, in denen sie den B\u00e4ren auflauern, oder bedienen sich, wie Seemann berichtet, folgender List. Sie biegen ein vier Zoll breites, zwei Fu\u00df langes St\u00fcck Fischbein kreisf\u00f6rmig zusammen, umwickeln es mit Seehundsfett und lassen dieses gefrieren. Dann suchen sie den B\u00e4ren auf, necken ihn durch einen Pfeilschu\u00df, werfen den Fettklumpen hin und fl\u00fcchten. Der B\u00e4r beriecht den Ball, findet, da\u00df er verzehrt werden kann, verschluckt ihn und holt sich damit seinen Tod; denn in dem warmen Magen thaut das Fett auf, das Fischbein schnellt aus einander und zerrei\u00dft ihm die Eingeweide. Da\u00df derartige Ballen von den Eisb\u00e4ren wirklich gefressen werden, unterliegt kaum einem Zweifel; denn auch Kaue erz\u00e4hlt, da\u00df die Thiere in seinen Vorrathsh\u00e4usern alles nur Denkbare gefressen haben, au\u00dfer allem dort befindlichen Fleisch und Brot auch den Kaffee, die Segel und die amerikanische Flagge, da\u00df sie \u00fcberhaupt nur die ganz eisernen F\u00e4sser nicht ber\u00fchrt hatten. Die Europ\u00e4er gebrauchen nat\u00fcrlich andere Waffen, als jene armen Nordl\u00e4nder, bleiben aber trotz ihres furchtbaren Feuergewehres keineswegs immer Sieger im Kampfe. Jedenfalls ist es gut, wenn sich mehrere J\u00e4ger vereinigen und gegenseitig unterst\u00fctzen; denn der Eisb\u00e4r vertheidigt sich mit ebensoviel Muth, als Kraft und Ausdauer, besonders im Wasser, obgleich dieses noch das beste Jagdgebiet f\u00fcr den Menschen ist. Man kennt unz\u00e4hlige Beispiele, da\u00df die B\u00e4renjagden sehr ungl\u00fccklich ausfielen, und mehr als einmal hat ein verwundeter und dadurch gereizter B\u00e4r einen seiner Angreifer sich ruhig aus der Mitte der anderen geholt und mit sich fortgeschleppt. So wurde ein Schiffskapit\u00e4n, welcher einen gro\u00dfen, schwimmenden Eisb\u00e4ren mit seinem stark bemannten Boote verfolgte, von dem bereits schwer verwundeten Thiere in demselben Augenblicke \u00fcber Bord gerissen, als er die ihm zum dritten Male tief in die Brust gesto\u00dfene Lanze wieder herausziehen wollte, und nur durch das gleichzeitige Einschreiten der gesammten Mannschaft gelang es, den Gef\u00e4hrdeten zu retten. Gew\u00f6hnlich l\u00e4\u00dft sich ein verwundeter B\u00e4r nicht so leicht verscheuchen; er geht vielmehr mit einer Entschlossenheit ohne Gleichen auf seine Feinde los, in der festen Absicht, sich an ihnen m\u00f6glichst empfindlich zu r\u00e4chen. Die Mannschaft eines Walfischf\u00e4ngers scho\u00df von ihrem Boote aus auf einen Eisb\u00e4ren, welcher sich eben auf einer schwimmenden Eisscholle befand. Eine der Kugeln traf und versetzte ihn in die rasendste Wuth. Eiligst lies er gegen das Boot zu, st\u00fcrzte sich ins Wasser, schwamm aus das Fahrzeug hin und wollte dort \u00fcber Bord klettern. Man hieb ihm mit einer Axt eine Pranke ab und suchte sich zu retten, indem man gegen das Schiff ruderte. Der B\u00e4r lie\u00df sich nicht vertreiben, sondern verfolgte seine Angreifer bis an das Schiff, alles Schreiens und L\u00e4rmens der Matrosen ungeachtet, erkletterte trotz seiner verst\u00fcmmelten Glieder noch das Deck","page":620},{"file":"p0621.txt","language":"de","ocr_de":"Jagd auf Eisb\u00e4ren. Fang.\n621\nund wurde erst hier von der gesammten Mannschaft get\u00f6dtet. Hunde scheint der Eisb\u00e4r mehr zu f\u00fcrchten, als Menschen, und ebenso sind ihm Feuer, Rauch und laute Kl\u00e4nge ein Greuel; namentlich Trompetenschall soll er gar nicht vertragen k\u00f6nnen und sich durch ein so einfaches Mittel leicht in die Flucht schrecken lassen. \u2014 Der Fang eines erwachsenen Eisb\u00e4ren hat die gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten, nicht allein wegen der au\u00dferordentlichen St\u00e4rke des Thieres, sondern auch wegen seiner Klugheit undlleber-legung, welche gestellte Fallen zu erkennen und zu vereiteln wei\u00df.\n\u201eDerKapit\u00e4n eines Walsischf\u00e4ngers,\" erz\u00e4hlt Scoresby, \u201ewelcher sich gern einen B\u00e4ren verschaffen wollte, ohne die Haut desselben zu verletzen, machte den Versuch, ihn in einer Schlinge zu fangen, welche er mit Schnee bedeckt und vermittelst eines St\u00fcck Walfischspeckes gek\u00f6dert hatte. Ein B\u00e4r wurde durch den Geruch des angebrannten Fettes bald herbeigezogen; er sah die Lockspeise, ging hinzu und fa\u00dfte sie mit dem Maule, bemerkte aber, da\u00df sein Fu\u00df in die ihm gelegte Schlinge gerathen war. Deshalb warf er das Fleisch wieder ruhig hin, streifte mit dem andern Fu\u00dfe bed\u00e4chtig die Schlinge ab und ging langsam mit seiner Beute davon. Sobald er das erste St\u00fcckchen in Ruhe verzehrt hatte, kam er wieder. Man hatte inzwischen die Schlinge durch ein anderes St\u00fcck Walfischfett gek\u00f6dert. Der B\u00e4r war aber vorsichtig geworden, schob den bedenklichen Strick sorgf\u00e4ltig bei Seite und schleppte den K\u00f6der zum zweiten Male weg. Jetzt legte man die Schlinge tiefer und die Lockspeise in eine H\u00f6hlung ganz innerhalb der Schlinge. Der B\u00e4r ging wieder hin, beroch erst den Platz ringsumher, kratzte den Schnee mit seinen Tatzen weg, schob den Strick zum dritten Male auf die Seite und bem\u00e4chtigte sich nochmals der dargebotenen Mahlzeit, ohne sich in Verlegenheit zu setzen.\"\nAuch junge Eisb\u00e4ren zeigen \u00e4hnliche Ueberlegung und versuchen es auf alle m\u00f6gliche Weise, sich aus den Banden zu befreien, mit denen der Mensch sie umstrickte. Der genannte Berichterstatter erz\u00e4hlt auch hiervon ein Beispiel.\n\u201eIm Juni 1812,\" sagt er, \u201ekam eine B\u00e4rin mit zwei Jungen in die N\u00e4he des Schiffes, welches ich befehligte, und wurde erlegt. Die Jungen machten keinen Versuch, zu entfliehen, und konnten ohne besondere M\u00fche lebendig gefangen werden. Sie f\u00fchlten sich anfangs offenbar sehr ungl\u00fccklich, schienen sich nach und nach aber doch mit ihrem Schicksale auszus\u00f6hnen und wurden bald einigerma\u00dfen zahm. Deshalb konnte man ihnen zuweilen gestatten, auf dem Verdeck umherzugehen. Wenige Tage nach ihrer Gefangennahme fesselte man den einen mit einem Stricke, den man ihm um den Hals gelegt hatte, und warf ihn dann \u00fcber Bord, um ihm ein Bad im Meere zu g\u00f6nnen. Das Thier schwamm augenblicklich nach einer nahen Eisscholle hin, kletterte an ihr hinauf und wollte entfliehen. Da bemerkte es, da\u00df es von dem Stricke zur\u00fcckgehalten wurde, und versuchte sofort, sich von dem l\u00e4stigen Bande zu befreien, und zwar auf sehr sinnreiche Weise. Nahe am Rande des Eises fand sich eine lange, aber nur l V2 oder 2 Fu\u00df breite und 3 bis 4 Fu\u00df tiefe Spalte. Zu ihr ging der B\u00e4r, und indem er \u00fcber die Oeffnung hin\u00fcberschritt, fiel ein Theil des Strickes in die Spalte hinein. Darauf stellte er sich quer hin\u00fcber, hing sich an seinen Hinterf\u00fc\u00dfen, die er zu beiden Seiten auf den Rand der Spalte legte, auf, senkte seinen Kopf und den gr\u00f6\u00dften Theil des K\u00f6rpers in die Schlucht und suckte dann mit beiden Vorderpfoten den Strick \u00fcber den Kopf zu schieben. Er bemerkte bald, da\u00df es ihm auf diese Weise nicht gelingen wollte, frei zu werden, und sann deshalb auf ein anderes Mittel. Pl\u00f6tzlich be-\u2022 gann er mit gr\u00f6\u00dfter Heftigkeit zu laufen, jedenfalls, um das Seil zu zerrei\u00dfen. Dies versuchte er zu wiederholten Malen, indem er jedesmal einige Schritte zur\u00fcckging und einen neuen Anlauf nahm. Leider gl\u00fcckte ihm auch dieser Befreiungsversuch nicht. Er brummte verdrie\u00dflich und legte sich dann \u25a0 trotzig und still auf das Eis nieder.\"\nGanz jung eingefangene Eisb\u00e4ren lassen sich z\u00e4hmen und bis zu einem gewissen Grad abrichten. Sie erlauben dann auch sp\u00e4ter ihrem Herrn, sie in ihrem K\u00e4fig zu besuchen, balgen sich auch wohl mit ihm herum. Dies sind gew\u00f6hnlich Eisb\u00e4ren, welche von den Eskimos im Fr\u00fchjahre sammt ihrer Mutter aus dem Schneelager ausgegraben und in ihrer zartesten Jugend an die Gesellschaft des Menschen gew\u00f6hnt worden sind. Die Gefangenschaft behagt ihnen \u00fcbrigens durchaus nicht. Schon in ihrem Vaterlande f\u00fchlen sie sich auch in fr\u00fchester Jugend unter Dach und Fach nicht wohl, und","page":621},{"file":"p0622.txt","language":"de","ocr_de":"622\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Eisb\u00e4r. Gemeiner Waschb\u00e4r.\nman kann ihnen keine gr\u00f6\u00dfere Freude machen, als wenn man ihnen erlaubt, sich im Schnee herumzuw\u00e4lzen und auf dem Eise sich abzuk\u00fchlen. Bei uns zu Lande scheint sich der Eisb\u00e4r, selbst wenn in jeder Hinsicht f\u00fcr ihn gesorgt wird, wahrhaft ungl\u00fccklich zu f\u00fchlen. Die W\u00e4rme kann er gar nicht vertragen und mu\u00df deshalb t\u00e4glich mehrmals mit kaltem Wasser \u00fcberg\u00f6ssen werden oder einen K\u00e4fig besitzen, von welchem aus er, so oft es ihm beliebt, in ein Wasserbecken hinabsteigen kann. Aber auch, wenn ihm diese Erleichterungsmittel gew\u00e4hrt sind, merkt man ihm das gro\u00dfe Mi\u00dfbehagen, ja selbst die Traurigkeit an, und wahrhaft kl\u00e4glich sieht es aus, wenn das edle Thier mit einer seiner Tatzen oder mit dem Maule die starken Eisenstangen seines K\u00e4figs fa\u00dft und an ihnen unaufh\u00f6rlich auf- und niedergleitet, oft ganze Viertelstunden lang, als wolle er sich die ihm fehlende Bewegung ersetzen, als wolle er sich gewaltsam frei tr\u00e4umen. In gr\u00f6\u00dferen R\u00e4umen mit tiefen und weiten Wasserbecken, wie solche jetzt in Thierg\u00e4rten f\u00fcr ihn hergerichtet werden, befindet er sich ungleich wohler. Er spielt dann stundenlang im Wasser mit seinen Mitgefangenen oder auch mit Kl\u00f6tzen, Kugeln und dergleichen. Hinsichtlich der Nahrung hat man keine Noth mit ihm. In der Jugend giebt man ihm Milch und Brod und im Alter Fleisch, Fische oder auch Brod allein, von welchem sechs Pfund t\u00e4glich vollkommen hinreichen, um ihn zu erhalten. Er schl\u00e4ft bei uns in der Nacht und ist bei Tage munter, ruht jedoch ab und zu ausgestreckt auf dem Bauche liegend, oder wie ein Hund auf dem Hintern sitzend. Mit zunehmendem Alter wird er reizbar und heftig; gegen andere seiner Anzeigt er sich, sobald das Fressen in Frage kommt, sehr unvertr\u00e4glich und \u00fcbellaunig, obwohl nur selten ein wirklicher Streit zwischen zwei gleichstarken Eisb\u00e4ren ausbricht, der gegenseitige Zorn vielmehr durch w\u00fcthendes Anbr\u00fcllen bekundet wird. Zwei junge M\u00e4nnchen unsers Thiergartens zanken sich um jeden Bissen, so gut sie sich sonst auch vertragen. Sie br\u00fcllen dann f\u00fcrchterlich, benehmen sich aber sonst sehr feig; denn keiner wagt es, den andern ernstlich anzugreifen. Bei sehr guter Pflege ist es m\u00f6glich, den Eisb\u00e4ren mehrere Jahre lang zu erhalten. Man wei\u00df ein Beispiel, da\u00df ein jung eingefangener und im mittlern Europa aufgezogener zweiundzwanzig Jahre in der Gefangenschaft gelebt hat. An Krankheiten haben die Gefangenen wenig zu leiden; dagegen verlieren sie.oft ihr Augenlicht, wahrscheinlich aus Mangel an hinreichendem Wasser zum Baden und Reinigen ihres Leibes.\nDer get\u00f6dtete B\u00e4r wird vielfach benutzt und ist f\u00fcr die nordischen V\u00f6lker eines ihrer gewinnbringendsten Jagdthiere. Man verwerthet ebensowohl das Fell, wie das Fett und das Fleisch. Ersteres liefert herrliche Decken zu Lagerst\u00e4tten, au\u00dferdem warme Stiefel und Handschuhe, ja selbst Sohlenleder. In den kleinen Holzkirchen Islands sieht man vor den Alt\u00e4ren gew\u00f6hnlich Eisb\u00e4renfelle liegen, welche die Fischer ihren Priestern verehrten, um sie bei Amtshandlungen im Winter etwas vor der K\u00e4lte zu sch\u00fctzen. Fleisch und Speck werden von allen Bewohnern des hohen Nordens gern gegessen. Auch die Walfischfahrer genie\u00dfen es, nachdem sie es vom Fett gereinigt haben, und finden es nicht unangenehm, namentlich, wenn es vorher ger\u00e4uchert worden ist. Doch behaupten alle Walfischfahrer einstimmig, da\u00df der Genu\u00df des Eisb\u00e4renfleisches im Anfange Unwohlsein errege; zumal die Leber des Thieres soll sehr sch\u00e4dlich wirken. \u201eWenn Schiffer,\" sagt Scoresbh, \u201eunvorsichtiger Weise von der Leber des Eisb\u00e4ren gegessen haben, so sind sie fast immer krank geworden und zuweilen gar gestorben; bei Anderen hat der Genu\u00df die Wirkung gehabt, da\u00df sich die Haut von ihrem K\u00f6rper sch\u00e4lte.\" Auch Kane best\u00e4tigt diese Angabe. Er lie\u00df sich die Leber eines frisch getexteten Eisb\u00e4ren zubereiten, obgleich er geh\u00f6rt hatte, da\u00df sie giftig sei, und wurde, nachdem er kaum die Speise genossen hatte, ernstlich krank. Unter den Fischern besteht der Glaube, da\u00df man durch den Genu\u00df des Eisb\u00e4renfleisches, obgleich es sonst nicht schadet, wenigstens fr\u00fchzeitig ergraue. Die Eskimos haben fast dieselben Ansichten, wissen auch, da\u00df die Leber sch\u00e4dlich ist, und f\u00fcttern deshalb blos ihre Hunde mit ihr. Das Fett benutzt man zum Brennen; es hat vor dem Walfischthrane den gro\u00dfen Vorzug, da\u00df es keinen \u00fcblen Geruch verbreitet. Aus dem Fette der Sohlen erzeugen sich die Nordl\u00e4nder sehr gesch\u00e4tzte Heilmittel; aus den Sehnen verfertigen sie Zwirn und Bindfaden.","page":622},{"file":"p0623.txt","language":"de","ocr_de":"Gefangenschaft. Nutzen. Beschreibung des Waschb\u00e4ren.\n623\nAlle bisher genannten Arten der B\u00e4renfamilie waren echte B\u00e4ren, welche dem Urbilde, unserm Petz, ungeachtet manchfacher Eigenth\u00fcmlichkeiten doch immer so \u00e4hnelten, da\u00df man sie augenblicklich als nahe Verwandte desselben erkennen mu\u00df. Anders ist es bei den nun noch zu betrachtenden Gliedern derselben Familie. Sie haben nur noch soviel mit den B\u00e4ren gemein, da\u00df wir sie nirgends anders unterbringen k\u00f6nnen, als eben in deren Familie. Wenn man will, mag man sie als Mittelglieder zwischen den B\u00e4ren und anderen Raubthieren ansehen; die genauere Betrachtung der einzelnen mag Dies beweisen.\nNoch die meiste B\u00e4ren\u00e4hnlichkeit haben die Waschb\u00e4ren (Procyon). Sie sind von weit geringerer Gr\u00f6\u00dfe, als die vorher genannten, haben einen zierlicheren Leibesbau, d\u00fcnnere und h\u00f6here Glieder und einen langen oder mittellangen, schlaffen und buschigen Schwanz. Der Kopf ist hinten sehr breit und spitzt sich in eine kurze Schnauze zu. Die gro\u00dfen Augen liegen nahe bei einander, die gro\u00dfen Ohren dagegen ganz an den Kopfseiten. Die Sohlen sind vollkommen nackt und deuten schon\nDer gemeine Waschb\u00e4r oder Schupp (Procyon Lotor).\ndamit an, da\u00df die Waschb\u00e4ren zu den Sohleng\u00e4ngern geh\u00f6ren; aber die Thiere ber\u00fchren den Boden nur dann mit ganzer Sohle, wenn sie sitzen oder stehen, w\u00e4hrend sie beim Gehen blos auf die Zehenballen auftreten. Das reichliche Haar ist ziemlich straff, lang und nicht zottig. Im Gebi\u00df unterscheiden sie sich nicht unerheblich von den eigentlichen B\u00e4ren; doch wollen wir uns bei einer genauen Betrachtung der einzelnen Kronen und Zacken an ihren Z\u00e4hnen nicht aufhalten.\nDie Waschb\u00e4ren sind Amerikaner und leben dort mehr marder-, als b\u00e4ren\u00e4hnlich in den W\u00e4ldern, haupts\u00e4chlich auf B\u00e4umen, n\u00e4hren sich von allerlei Gefl\u00fcgel, kleinen S\u00e4ugethieren und Fr\u00fcchten, sind lustige und ziemlich gutm\u00fcthige Thiere und werden dadurch au\u00dferordentlich n\u00fctzlich, da\u00df sie j\u00e4hrlich eine Unmasse von Fellen auf den Markt liefern, welche unter dem Namen \u201eSchuppen\" ziemlich allgemein bekannt sind. Man kennt mit Sicherheit blos zwei Arten, von denen die eine den Norden, die andere den S\u00fcden bewohnt.\nDer gemeine Waschb\u00e4r oder Schupp (Procyon Lotor), ist ein dachs\u00e4hnliches Thier von zwei Fu\u00df Leibesl\u00e4nge und zehn Zoll Schwanzl\u00e4nge; am Widerrist ist es etwas \u00fcber einen Fu\u00df","page":623},{"file":"p0624.txt","language":"de","ocr_de":"624\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner Waschb\u00e4r.\nhoch. Der Pelz ist gelblichgrau, schwarz gemischt. Das Wollhaar ist einfarbig graubraun; die Grannen aber sind am Grunde braun, in der Mitte br\u00e4unlichgelb und dar\u00fcber schwarz, wodurch eben eine h\u00f6chst eigenth\u00fcmliche Gesammtf\u00e4rbung zustandekommt. Blos am Vorderarme sind die Haare einfarbig gelblichwei\u00dfgrau; dieselbe Farbe zeigen auch ein Busch in der Ohrengegend, welcher hinter dem Ohre von einem braunschwarzen Flecken begrenzt wird, die Schnauzenseiten und das Kinn. Von der Stirne bis zur Nasenspitze zieht sich ein schwarzbrauner Streifen, und auch das Auge ist von einem schwarzbraunen Flecken umgeben. Ueber die Augen weg zu den Schl\u00e4fen verl\u00e4uft eine gelblichwei\u00dfe Binde. Die Vorder- und Hinterpfoten sind br\u00e4unlichgelbgrau; die langen Haare des Unterschenkels und der Unterarme tief dunkelbraun. Der graugelbe Schwanz ist sechsmal schwarzbraun geringelt und endet in eine schwarzbraune Spitze. Keine einzige dieser Farben sticht aber besonders von den anderen ab, und so wird die Gesammtf\u00e4rbung, schon aus einer geringen Entfernung betrachtet, zu einem schwer zu bestimmenden und bezeichnenden Grau, welches sich der Rindenf\u00e4rbung ebenso vortrefflich anschlie\u00dft, wie dem mit frischem oder trocknem Grase bewachsenen Boden. Immerhin ist das Kleid so ausgepr\u00e4gt, da\u00df es uns nicht schwer wird, von ihm aus ein ausschlie\u00dfliches oder wenigstens vorzugsweises Baumleben unsers Thieres sicher zu vermuthen. Ausartungen des Waschb\u00e4ren sind sehr selten, obwohl man sie schon beobachtet hat. So steht im Britischen Museum ein Wei\u00dfling, dessen Behaarung mit dem blendenden Felle des Hermelins wetteifern kann.\nDie Heimat des gemeinen Waschb\u00e4ren oder Schupp ist Nordamerika und zwar der S\u00fcden des Landes ebensowohl, wie der Norden, wo er wenigstens in den s\u00fcdlichen Pelzgegenden vorkommt. Heutigen Tages ist er in den bewohnteren Gegenden in Folge der unaufh\u00f6rlichen Nachstellungen, die er erleiden mu\u00dfte, weit seltener geworden, als er es fr\u00fcher war; doch konnte man ihn immerhin auch hier noch nicht ganz vertreiben. Im Innern des Landes, namentlich in den Waldgegenden, findet er sich noch in Menge. W\u00e4lder.mit Fl\u00fcssen, Seen und B\u00e4chen sind seine Lieblingspl\u00e4tze; hier treibt er so ziemlich ungest\u00f6rt sein Wesen bei Tag und bei Nacht. In der Regel pflegt er seine Jagden erst mit Einbruch der D\u00e4mmerung zu beginnen und den hellen Sonnentag in hohlen B\u00e4umen oder auf dicken, belaubten Baum\u00e4sten zu verschlafen: wo er aber ganz ungest\u00f6rt ist, hat er eigentlich keine besondere Zeit zur Jagd, sondern lustwandelt ebensowohl bei Tage, als bei Nacht durch sein weites Gebiet.\nEr ist ein munterer, schmucker Bursch, welcher durch gro\u00dfe Regsamkeit und Beweglichkeit sehr erfreut. Wenn er gleichgiltig dahinschlendert, erkennt man ihn allerdings nicht als Das, was er wirklich ist. Er senkt dabei den Kopf, w\u00f6lbt den R\u00fccken, l\u00e4\u00dft den Schwanz h\u00e4ngen und schleicht nun schiefen Ganges ziemlich langsam seines Weges fort; sowie er jedoch eine der Theilnahme w\u00fcrdige Entdeckung macht, z. B. eine F\u00e4hrte auffindet oder ein unbesorgtes Thierchen in gro\u00dfer N\u00e4he spielen sieht, ver\u00e4ndert sich sein ganzes Wesen. Das gestruppte Fell gl\u00e4ttet sich, die breiten Lauscher werden gespitzt, er stellt sich sp\u00e4hend auf die Hinterbeine und h\u00fcpft und l\u00e4uft nun leicht und behend weiter oder klettert mit einer Geschicklichkeit, welche man schwerlich vermuthet h\u00e4tte, nicht blos an schiefen und senkrechten St\u00e4mmen hinan, sondern auch auf wagrechten Zweigen fort und zwar von oben oder unten. Oft sieht man ihn wie ein Faulthier oder einen Assen mit g\u00e4nzlich nach unten h\u00e4ngendem Leibe rasch an den wagrechten Zweigen fortlaufen, und mit unfehlbarer Sicherheit macht er Spr\u00fcnge von einem Aste zum andern, welche eine nicht gew\u00f6hnliche Meisterschaft im Klettern bekunden. Auch auf der Erde ist er vollkommen heimisch und wei\u00df sich durch satzweise Spr\u00fcnge, bei denen er auf alle vier Pfoten zugleich tritt, schnell genug fortzubewegen. In seinem geistigen Wesen hat er durchaus etwas Affenartiges. Er ist heiter, munter, neugierig, neckisch und zu lustigen Streichen aller Art geneigt; aber er ist auch muthig, wenn es sein mu\u00df, und zeigt im Beschleichen seiner Beute oft die List des Fuchses. Mit seines Gleichen vertr\u00e4gt er sich ausgezeichnet und spielt selbst im Alter noch Stunden lang mit anderen Gesinnungsgenossen oder, in der Gefangenschaft z. B., mit jedem Thiere, welches sich \u00fcberhaupt ins Spielen mit ihm einl\u00e4\u00dft. Doch darauf kommen wir sp\u00e4ter zur\u00fcck.\nHinsichtlich seiner Nahrung ist der Schupp ein echter B\u00e4r. Er fri\u00dft Alles, was genie\u00dfbar ist,, scheint aber ein rechtes Leckermaul zu sein, welches sich, wenn es nur angeht, immer die besten Bissen","page":624},{"file":"p0625.txt","language":"de","ocr_de":"F\u00e4higkeiten. Nahrung. Fang. Jagd. Nutzen.\n625\nauszusuchen wei\u00df. Die verschiedensten Fruchtarten, wie Kastanien, wilde Trauben, Mais, solange die Kolben noch weich sind, Obst aller Art, liefern ihm sch\u00e4tzbare Nahrungsmittel; aber er stellt auch den V\u00f6geln und ihren Nestern nach, wei\u00df listig ein H\u00fchnchen oder eine Taube zu beschleichen, versteht es meisterhaft, selbst das verborgenste Nest aufzusp\u00fcren, und labt sich dann an den Eiern, welche er erstaunlich geschickt zu \u00f6ffnen und zu leeren wei\u00df, ohne da\u00df irgend Etwas von dem Inhalte verloren geht. Nicht selten kommt er blos deshalb an die G\u00e4rten oder in die Wohnungen herein, um H\u00fchner zu rauben und H\u00fchnernester zu pl\u00fcndern, und aus diesem Grunde steht er bei den Farmern nicht eben in gutem Ansehen. Die Gew\u00e4sser in der N\u00e4he m\u00fcssen ihm ebenfalls zollen. Er f\u00e4ngt gewandt Fische, Krebse und Schalthiere heraus und wagt sich bei der Ebbe, solchem Schmaus zu Liebe, oft weit hinein. Besonders die Austern soll er sehr gern verzehren und geschickt zu \u00f6ffnen verstehen, obgleich von Einigen behauptet wird, da\u00df er dabei manchmal arg zu Schaden k\u00e4me. Eine besonders starke Auster n\u00e4mlich soll ihn durch pl\u00f6tzliches Zusammenschlie\u00dfen ihrer Schalen wie in einer Falle fangen und dann dem erb\u00e4rmlichen Tode des Ertrinkens \u00fcberliefern, wenn die zur\u00fcckkehrende Fluth die Austerbank wieder bedeckt. Da\u00df das blos eine m\u00fc\u00dfige Fabel ist, brauche ich wohl kaum zu erw\u00e4hnen. Sehr gern verzehrt der Schupp auch Kerbthiere. Die dicken Larven mancher K\u00e4fer scheinen wahre Leckerbissen f\u00fcr ihn zu sein, die Heuschrecken s\u00e4ngt er mit gro\u00dfer Geschicklichkeit, und den maik\u00e4ferartigen Kerfen zu Gefallen klettert er bis in die h\u00f6chsten Baumkronen hinauf. Er hat die Eigenth\u00fcmlichkeit, seine Nahrung vorher in das Wasser zu tauchen und hier zwischen seinen Vorderpfoten zu reiben; sie gleichsam zu waschen. Das thut er jedoch nur dann, wenn er nicht besonders hungrig ist; in letzterm Falle lassen ihm die Anforderungen des Magens wahrscheinlich keine Zeit zu der ihm sonst so lieben, spielenden Besch\u00e4ftigung, welcher er seinen Namen verdankt. \u2014 Uebrigens geht er blos bei gutem Wetter aus Nahrungserwerb aus. Wenn es st\u00fcrmt, regnet oder schneit, liegt er oft mehrere Tage lang ruhig in seinem gesch\u00fctzten Lager, ohne das Geringste zu verzehren.\nIm Mai wirft das Weibchen seine zwei bis drei \u2014 nach Audubon vier bis sechs \u2014 sehr kleinen Jungen auf ein ziemlich sorgf\u00e4ltig hergerichtetes Lager in einem hohlen Baume.\nDer Waschb\u00e4r wird nicht blos seines guten Pelzes wegen verfolgt, sondern auch aus reiner Jagdlust aufgesucht und gelobtet. Wenn man blos seinem Felle nachstrebt, f\u00e4ngt man ihn leicht in Schlageisen und Fallen aller Art, welche mit einem Fische oder einem Fleischst\u00fcckchen gek\u00f6dert werden. Weniger einfach ist seine Jagd. Die Amerikaner \u00fcben sie mit wahrer Leidenschaft aus, und Dies wird begreiflich, wenn man ihre Schilderungen liest. Man jagt n\u00e4mlich nicht bei Tage, sondern bei Nacht, mit Hilfe der Hunde und unter Fackelbeleuchtung. Wenn der Waschb\u00e4r sein einsames Lager verlassen hat und mit leisen, unh\u00f6rbaren Schritten durch das Unterholz gleitet, wenn es im Wald sonst sehr still geworden ist unter dem Einfl\u00fcsse der Nacht, macht man sich auf, um sich unsers Thieres zu bem\u00e4chtigen. Ein guter, erfahrner Hund nimmt bald die F\u00e4hrte auf, und die ganze Meute st\u00fcrzt jetzt dem sich fl\u00fcchtenden, behenden Thiere nach, welches zuletzt mit Affengeschwindigkeit einen Baum ersteigt und sich hier im dunkelsten Gezweig zu verbergen sucht. Ringsum unten bilden die Hunde einen Kreis, bellend und heulend; oben liegt das gehetzte Thier in behaglicher Ruhe, gedeckt von dem dunklen Mantel der Nacht. Da nahen sich die J\u00e4ger. Die Fackeln werden zusammengeworfen, trocknes Holz, Kiensp\u00e4ne, Fichtenzapfen aufgelesen, zusammengetragen, und pl\u00f6tzlich flammt unter dem Baume ein gewaltiges Feuer auf, die ganze Umgebung wahrhaft zauberisch beleuchtend. Nunmehr ersteigt ein guter Kletterer den Baum und \u00fcbernimmt das Amt der Hunde oben im Gezweig. Der Mensch und der Asienb\u00e4r jagen sich wechselseitig in der Baumkrone herum, bis endlich der Waschb\u00e4r auf einem schwankenden Zweige hinausgeht, in der Hoffnung, sich dadurch auf einen andern Baum fl\u00fcchten zu k\u00f6nnen. Sein Verfolger eilt ihm nach, soweit, als er es vermag, und beginnt pl\u00f6tzlich den betreffenden Ast mit Macht zu sch\u00fctteln. Der arme gehetzte Bursch mu\u00df sich nun gewaltsam festhalten, um nicht zur Erde geschleudert zu werden. Doch Dies hilft ihm Nichts. N\u00e4her und n\u00e4her kommt ihm sein Feind, gewaltsamer werden die Anstrengungen, sich zu halten: \u2014 ein Fehlgriff und er st\u00fcrzt sausend zu Boden. Ein jauchzendes Gebell bet Hunde begleitet seinen Fall, und wiederum beginnt\nBrehm, Thierleven.\t40","page":625},{"file":"p0626.txt","language":"de","ocr_de":"626\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner Waschb\u00e4r.\ndie Jagd mit erneuter Heftigkeit. Zwar sucht sick der Waschb\u00e4r noch ein- oder zweimal vor den Hunden zu retten und erklettert also nochmals einen Baum; endlich aber mu\u00df er doch die Beute seiner eifrigen viers\u00fc\u00dfigen Gegner werden und unter deren Bissen sein Leben verhauchen.\nAudubon schildert das Ende solcher Hetze in seiner lebendigen Weise, wie folgt: \u201eUnd weiter ging die Jagd. Die Jagdgehilfen mit den Hunden waren dem Waschb\u00e4r hart auf den Fersen, und dieser rettete sich endlich verzweiflungsvoll in eine kleine Lache. Wir n\u00e4herten uns ihm rasch mit den Fackeln. Nun Leute, gebt Acht und schaut! Das Thier hat kaum noch Grund unter den F\u00fc\u00dfen und mu\u00df schon beinahe schwimmen. Unzweifelhaft ist ihm der Glanz unserer Lichter im h\u00f6chsten Grade unangenehm. Sein Fell ist gestr\u00e4ubt, der gerundete Schwanz erscheint dreimal so gro\u00df, als gew\u00f6hnlich, die Augen blitzen wie Smaragde. Mit sch\u00e4umendem Rachen erwartet er die Hunde, fertig, jeden anzugreifen, welcher sich ihm zu n\u00e4hern versuchen will. Dies h\u00e4lt einige Minuten auf, das Wasser wird schlammig, sein Fell tropft und sein im Kothe geschleifter Schwanz' schwimmt auf der Oberfl\u00e4che des Wassers. Sein tiefes Knurren, in der Absicht, seine Angreifer zu verscheuchen, feuert diese nur noch mehr an, und n\u00e4her und n\u00e4her r\u00fcckt ihm der Haufe, ohne Umst\u00e4nde sich auf ihn werfend. Einer ergreift ihn am Rumpfe und zerrt, wird aber schnell gen\u00f6thigt, ihn gehen zu lassen. Ein zweiter packt ihn an der Seite, erh\u00e4lt aber augenblicklich einen wohlgerichteten Bi\u00df in seine Schnauze. Da aber packt ihn noch ein Hund an dem Schw\u00e4nze; B\u00e4r sieht sich verloren, und kl\u00e4glich sind die Schreie des hilflosen Gesch\u00f6pfes. Den einmal gepackten Gegner will er nicht fahren lassen; aber gerade hierdurch bekommen die anderen Hunde Gelegenheit, sich auf ihn zu werfen und ihn zu w\u00fcrgen; doch auch jetzt l\u00e4\u00dft er den ersten Angreifer nicht gehen. Ein Axtschlag auf den Kopf erlegt ihn endlich; er r\u00f6chelt zum letzten Male, und qualvoll hebt sich noch einmal die Brust. W\u00e4hrenddem standen die \u00fcbrigen J\u00e4ger als Zuschauer neben ihm in der Lache, und in der ganzen Runde gl\u00e4nzten die Fackeln und lie\u00dfen die herrschende Dunkelheit nur noch um so dichter erscheinen. Das w\u00e4re ein Bild f\u00fcr den Pinsel eines Malers gewesen!\"\nEin jung eingefangener Waschb\u00e4r wird gew\u00f6hnlich sehr bald und im hohen Grade zahm. Man kann ihn, wie ein anderes Hausthier, freilassen; doch darf es keine H\u00fchner geben, denn mit diesen vertr\u00e4gt er sich durchaus nicht. Seine Zutraulichkeit, Heiterkeit, die ihm eigene Unruhe und die niemals endende Lust an der Bewegung, sowie sein komisches, affenartiges Wesen machen ihn den Leuten sehr angenehm. Er liebt es sehr, wenn man ihm schmeichelt, zeigt jedoch niemals gro\u00dfe Anh\u00e4nglichkeit. Auf Scherz und Spiel geht er sofort mit Vergn\u00fcgen ein und knurrt dabei leise vor Behagen, ganz so, wie junge Hunde Dies zu thun pflegen.\nSein ganzes Benehmen erinnert lebhaft an die Affen. Er wei\u00df sich immer mit Etwas zu besch\u00e4ftigen und ist auf Alles, was um ihn her vorgeht, sehr achtsam. Bei seinen Spazierg\u00e4ngen in Haus und Hof stiftet er \u00fcbrigens viel Unfug an. Er untersucht und benascht Alles, in der Speisekammer sowohl, wie im Hof und Garten. Der Hausfrau guckt er in die T\u00f6pfe, und wenn diese mit Deckeln versehen sind, versucht er, dieselben auf irgend eine Weise zu \u00f6ffnen, um sich des verbotenen Inhaltes zu bem\u00e4chtigen. Eingemachte Fr\u00fcchte sind besondere Leckerbissen f\u00fcr ihn; er verschm\u00e4ht aber auch Zucker, Brod und Fleisch im verschiedensten Zustande nicht. Im Garten besteigt er die Kirsch- und Pflaumenb\u00e4ume und fri\u00dft sich da oben an den s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchten satt, oder er stiehlt Trauben, Erdbeeren und bergt; im Hofe schleicht er zu den H\u00fchnerst\u00e4llen oder Taubenschl\u00e4gen, und wenn er in sie einbringen kann, w\u00fcrgt er alle Insassen binnen einer einzigen Nacht. Er kann sich wahrhaft marderartig durch sehr enge Ritzen dr\u00e4ngen und benutzt seine Pfoten au\u00dferordentlich geschickt nach Art der H\u00e4nde. Bei diesem fortw\u00e4hrenden Umherschn\u00fcffeln und Kundschaften durch das ganze Haus wirft er selbstverst\u00e4ndlich eine Menge von Gegenst\u00e4nden um, welche ihn sonst nicht fesseln konnten, oder zerbricht Geschirre, welche nichts Genie\u00dfbares enthalten, und Das ist der Haupt\u00e4rger, den er verursacht. Seine Haltung hat nicht die geringsten Schwierigkeiten; er fri\u00dft, was man ihm giebt, rohes und gekochtes Fleisch, Gefl\u00fcgel, Eier, Fische, Kerbthiere, zumal Spinnen, Brod, Zucker, Syrup, Honig, Milch, Wurzeln, K\u00f6rner u. s. w. Dabei beh\u00e4lt der sonderbare Kauz auch in der Gefangen-","page":626},{"file":"p0627.txt","language":"de","ocr_de":"Schilderung seines Gefangenlebens.\n627\nschaft die Gewohnheit bei, Alles, was er fri\u00dft, vorher ins Wasser einzutauchen und zwischen den Vorderpfoten zu reiben, obgleich ihm dabei manche Leckerbissen geradezu verloren gehen, wie z. B. der Zucker. Das Brod l\u00e4\u00dft er gern lange weichen, ehe er es dann zu sich nimmt. Ueber das Fleisch f\u00e4llt er gieriger, als \u00fcber alle andere Nahrung, her. Alle festen Nahrungsstoffe bringt er mit Leiden Vorderpfoten zum Munde, wie denn \u00fcberhaupt eine aufrechte Stellung auf den Hinterbeinen ihm nicht die geringsten Schwierigkeite\u00fc macht. Mit anderen S\u00e4ugethieren lebt er in Frieden und versucht niemals, ihnen etwas zu Leide zu thun, solange jene ihn auch unbehelligt lassen. Falls ihm aber eine schlechte Behandlung wird, sucht er sich die Urheber derselben sobald als m\u00f6glich vom Halse zu schaffen, und es kommt ihm dabei auf einen kleinen Zweikampf durchaus nicht an. Bei guter Pflege h\u00e4lt er auch in Europa die Gefangenschaft ziemlich lange aus.\n\u201eIch habe,\" sagt Weinland, \u201eeinen solchen Zwergb\u00e4ren einst jung aufgezogen und ihn fast ein Jahr lang im freien Zimmer wie einen Hund umherlaufen lassen. Hier hatte ich t\u00e4glich Gelegenheit, seinen Gleichmuth zu bewundern. Er ist nicht tr\u00e4g, vielmehr sehr lebendig, sobald er seiner Sache sicher ist. Aber wie kein anderes Thier und wie wenige Menschen schickt er sich ins Unvermeidliche. An einem K\u00e4fig, in dem ich einen Papagei hatte, kletterte er Dutzendmale auf und nieder, ohne auch nur den Vogel anzusehen; kaum aber war dieser aus seinem K\u00e4fig und ich aus dem Zimmer, so machte mein Waschb\u00e4r auch schon Jagd auf den Papagei. Dieser wu\u00dfte sich freilich seines Verfolgers gewandt zu erwehren, indem er, den R\u00fccken durch die Wand gedeckt, dem langsam und von der Wand heransckleichenden B\u00e4ren immer seinen offenen Hakenschnabel entgegenstreckte.\"\n\u201eNeugierig bis zum Aeu\u00dfersten, zog er sich doch, so oft die Th\u00fcr sich \u00f6ffnete, unter meinen Lehnstuhl; gewi\u00df aber nie anders, als r\u00fcckw\u00e4rts, d. h. den Kopf gegen die Th\u00fcr gekehrt. Auch vor dem gr\u00f6\u00dften Hund ging er nie im schnellen Lauf, sondern stets in dieser spartanischen Weise zur\u00fcck, dem Feinde Kopf und Brust entgegenhaltend. Kam ihm ein m\u00e4chtiger Gegner zu nahe, so suchte er durch Haarstr\u00e4uben und Brummen, auch wohl durch einen schnell hervorgesto\u00dfenen Schrei f\u00fcr Augenblicke Achtung einzufl\u00f6\u00dfen und so den R\u00fcckzug zu decken, und Das gl\u00fcckte ihm auch immer. War er aber in einem Winkel angekommen, so vertheidigte er sich w\u00fcthend. V\u00f6gel und Eier waren ihm Leckerbissen, M\u00e4use zeigten sich nie, solange ich ihn besa\u00df, und er d\u00fcrfte sich so gut, als die Katze, zum Hausthier eignen und dieselben Dienste thun, w\u00fcrde aber freilich ein mindestens ebenso unabh\u00e4ngiges Leben zu wahren wissen, wie jene. Anh\u00e4nglich wurde mein Waschb\u00e4r nie. Doch kannte er seinen Namen, folgte aber dem Rufe nur, wenn er Etwas zu bekommen hoffte. Selten zeigte er sich zum Spielen aufgelegt. Er versuchte Dies einmal mit einer Katze, die ihn daf\u00fcr ins Gesicht kratzte. Dies erbitterte ihn nicht nur nicht im geringsten, sondern, nachdem er bed\u00e4chtig das Gesicht abgewischt, nahte er sich der Katze sofort wieder, betastete sie aber diesmal nur mit der Tatze und mit vorsichtig weit abgewendetem Kopf.\"\n\u201eDa\u00df er sich, wie das Opossum, todt stellt, habe ich selbst nie beobachtet, obwohl man es auch von ihm behauptet hat. Allerdings l\u00e4\u00dft er, sobald man ihn beim Pelz am Genick packt, alle Glieder schlaff fallen und h\u00e4ngt herunter, wie todt; nur die kleinen, klugen Augen lugen aller Orten nach einem Gegenstand umher, der mit den Z\u00e4hnen oder F\u00fc\u00dfen erreicht werden k\u00f6nnte. Hat der Schupp gl\u00fccklich einen solchen erfa\u00dft, so h\u00e4lt er ihn mit au\u00dferordentlicher Z\u00e4higkeit fest. Bei Nacht machte er anfangs viel L\u00e4rm, w\u00e4hrend er bei Tag schlief; aber als er den Tag \u00fcber immer im hellen Zimmer sich aufhalten und erst nachts in seinen Beh\u00e4lter kriechen mu\u00dfte, lernte er bald nach ehrlicher B\u00fcrgersitte am Tage wachen und bei Nacht schlafen.\"\n\u201eMit anderen seiner Art lebt er in vollster Einigkeit. Bekanntlich ist eine Nu\u00df im Stande, den Frieden eines Affenpaares in einem Augenblick in Hader und Gewaltth\u00e4tigkeit umzuwandeln; bei dem Waschb\u00e4r ist Dem nicht also. Ruhig verzehrt derjenige, dem eben das Gl\u00fcck wohl will, vorn am K\u00e4fig zu sitzen, den dargebotenen Leckerbissen, ohne da\u00df ihn die kurz davon sitzende Eheh\u00e4lfte im geringsten behelligt, freilich, wie es scheint, auch nicht erfreut wurde. Sie ist einfach gleichgiltig.\"\nLetztere Beobachtung bezieht sich \u00fcbrigens, wie ich erg\u00e4nzend bemerken mu\u00df, doch nur auf Waschb\u00e4ren, welche von Jugend auf zusammengew\u00f6hnt oder verschiedenen Geschlechtes sind. Zwei\n40*","page":627},{"file":"p0628.txt","language":"de","ocr_de":"628\nDie RauLlhiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner Waschb\u00e4r.\nerwachsene M\u00e4nnchen, welche ich zusammenbrachte, bewiesen wenigstens durch Z\u00e4hnefletschen, Knurren \u2018 und Kl\u00e4ffen, da\u00df sie gegenseitig nicht besonders erfreut waren \u00fcber den ihnen gewordenen Gesellschafter. Zu wirklichen Th\u00e4tlichkeiten kam es allerdings nicht, Lust dazu aber zeigten sie entschieden.\nNeuerdings hat L. Beckmann andere, so unmuthig geschilderte Beobachtungen \u00fcber den Schupp mitgetheilt, da\u00df ich sie meinen Lesern unm\u00f6glich vorenthalten darf.\n\u201eZu den hervorstechendsten Eigenschaften des Rakoon oder Schupp z\u00e4hlt seine grenzenlose Neugierde und Habsucht, sein Eigensinn und der Hang zum Durchst\u00f6bern aller Ecken und Winkel. Im schroffsten Gegensatz hierzu besitzt er zugleich eine Kaltbl\u00fctigkeit, Selbstbeherrschung und viel Humor. Aus dem best\u00e4ndigen Kampfe dieser Gegens\u00e4tze gehen selbstverst\u00e4ndlich oft die sonderbarsten Ergebnisse hervor. Sobald er,Hie Unm\u00f6glichkeit einsieht, seine Zwecke zu erreichen, macht die brennendste Neugierde sofort einer stumpfen Gleichgiltigkeit, hartn\u00e4ckiger Eigensinn einer entsagenden F\u00fcgsamkeit Platz. \u2022 Umgekehrt geht er aus tr\u00e4ger Verdrossenheit oft ganz unerwartet mittelst eines Purzelbaums zur ausgelassensten Fr\u00f6hlichkeit \u00fcber, und trotz aller Selbstbeherrschung und Klugheit begeht er die einf\u00e4ltigsten Streiche, sobald seine Begierden einmal aufgestachelt sind.\"\n\u201eIn den zahlreichen Mu\u00dfestunden, welche jeder gefangene Schupp hat, treibt er tausenderlei Dinge, um sich die Langeweile zu verscheuchen. Bald sitzt er aufrecht in einem einsamen Winkel und ist mit dem ernsthaftesten Gesichtsausdruck besch\u00e4ftigt, sich einen Strohhalm \u00fcber die Nase zu binden, bald spielt er nachdenklich mit den Zehen seines Hinterfu\u00dfes oder hascht nach der wedelnden Spitze der langen Ruthe. Ein anderes Mal liegt er auf dem R\u00fccken, hat sich einen ganzen Haufen Heu oder d\u00fcrre Bl\u00e4tter aus den Bauch gepackt und versucht nun, diese lockere Masse niederzuschn\u00fcren, indem er die Ruthe mit den Vorderpfoten fest dar\u00fcberzieht. Kann er zum Mauerwerk gelangen, so kratzt er mit seinen scharfen N\u00e4geln den M\u00f6rtel aus den Fugen und richtet in kurzer Zeit unglaubliche Verw\u00fcstung an. Wie Jeremias auf den Tr\u00fcmmern Jerusalems, hockt er dann mitten auf seinem Schutthaufen nieder, schaut finstern Blicks um sich und l\u00fcftet sich, ersch\u00f6pft von der harten Arbeit, das Halsband mit den Vorderpfoten.\"\ngL \u201eNach langer D\u00fcrre kann ihn der Anblick einer gef\u00fcllten Wasserb\u00fctte in Begeisterung versetzen, und er wird Alles aufbieten, um in ihre N\u00e4he zu gelangen. Zun\u00e4chst wird nun die H\u00f6he des Wasserstandes vorsichtig untersucht; denn nur seine Pfoten taucht er gern ins Wasser, umspielend verschiedene Dinge zu waschen: er selbst liebt es keineswegs, bis zum Hals im Wasser zu stehen. Nach der Pr\u00fcfung steigt er mit sichtlichem Behagen in das nasse Element und tastet im Grunde nach irgend einem waschbaren K\u00f6rper umher. Ein alter Topfhenkel, ein St\u00fcckchen Porzellan, ein Schneckengeh\u00e4use sind beliebte Gegenst\u00e4nde und werden sofort in Angriff genommen. Jetzt erblickt er in einiger Entfernung eine alte Flasche, welche ihm der W\u00e4sche h\u00f6chst bed\u00fcrftig erscheint; sofort ist er drau\u00dfen: allein die K\u00fcrze der Kette hindert ihn, den Gegenstand seiner Sehnsucht zu erreichen. Ohne Zaudern dreht er sich um, genau wie es die Affen auch thun, gewinnt dadurch eine K\u00f6rperl\u00e4nge Raum und rollt die Flasche nun mit dem weit ausgestreckten Hinterfu\u00dfe herbei. Im n\u00e4chsten Augenblicke sehen wir ihn, auf den Hinterbeinen aufgerichtet, m\u00fchsam zum Wasser zur\u00fcckwatscheln, mit den Vorderpfoten die gro\u00dfe Flasche umschlingend und krampfhaft gegen die Brust dr\u00fcckend. St\u00f6rt man ihn in seinem Vorhaben, so geberdet er sich wie ein eigensinniges, verzogenes Kind, wirft sich auf den R\u00fccken und umklammert seine geliebte Flasche mit allen Vieren so fest, da\u00df man ihn mit derselben vom Boden heben kann. Ist er der Arbeit im Wasser endlich \u00fcberdr\u00fcssig, so wirft er sein Spielzeug heraus, setzt sich quer mit den Hinterschenkeln darauf und rollt sich in dieser Weise langsam hin und her, w\u00e4hrend die Vorderpfoten best\u00e4ndig in der engen M\u00fcndung des Flaschenhalses fingern und bohren.\"\n\u201eUm sein eigenth\u00fcmliches Wesen geb\u00fchrend w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen, mu\u00df man ihn im freien Umgang mit Menschen und verschiedenen Thierarten beobachten. Sein \u00fcbergro\u00dfes Selbstst\u00e4ndigkeitsgef\u00fchl gestattet ihm keine besondere Anh\u00e4nglichkeit, weder an seinen Herrn, noch an andere Thiere. Doch befreundet er sich ausnahmsweise mit dem einen, wie mit den anderen. Sobald es sich um Verabfolgung einer Mahlzeit, um Erl\u00f6sung von der Kette oder \u00e4hnliche Anliegen handelt, kennt und liebt er seinen","page":628},{"file":"p0629.txt","language":"de","ocr_de":"Beobachtungen \u00fcber sein Benehmen gegen andere Thiere.\n629\nHerrn, ruft ihn durch ein kl\u00e4gliches Gewimmer herbei und umklammert seine Knie in so dringlicher Weise, da\u00df es schwer h\u00e4lt, ihm einen Wunsch abzuschlagen. Harte Behandlung f\u00fcrchtet er sehr. Wird er von fremden Leuten beleidigt, so sucht er sich bei vorkommender Gelegenheit zu r\u00e4chen. Jeder Zwang ist ihm zuwider, und deshalb sehen wir ihn im engen K\u00e4fig der Thierschaubuden meist mit stiller Entsagung in einem Winkel hocken.\"\n\u201eZur ferneren Schilderung seines Wesens m\u00f6gen hier einige der Wirklichkeit entlehnte Beobachtungen Raum finden.\"\n\u201eEin Waschb\u00e4r, welcher nebst anderen gez\u00e4hmten Vierf\u00fc\u00dflern auf einem Geh\u00f6ft gehalten wurde, hatte eine besondere Zuneigung zu einem Dachse gefa\u00dft, der in einem kleinen, eingefriedigten Raume frei umherwandelte. An hei\u00dfen Tagen pflegte Grimmbart seinen Bau zu verlassen, um auf der Oberwelt im Schatten eines Fliederbusches sein Schl\u00e4fchen fortzusetzen. In solchem Falle war der Schupp sofort zur Stelle; weil er aber das scharfe Gebi\u00df des Dachses f\u00fcrchtete, hielt er sich in achtungsvoller Entfernung und begn\u00fcgte sich damit, jenen mit ausgestreckter Pfote in regelm\u00e4\u00dfigen Zwischenr\u00e4umen leise am Hintertheil zu ber\u00fchren. Dies gen\u00fcgte, den tr\u00e4gen Gesellen best\u00e4ndig wach zu erhalten und ihn fast zur Verzweiflung zu bringen. Vergebens schnappte er oft nach seinem Peiniger: der gewandte Waschb\u00e4r zog sich bei Seite, auf die Einfriedigung des Zwingers zur\u00fcck und kaum hatte Grimmbart sich wieder zur Ruhe begeben, so begann ersterer seine sonderbare Th\u00e4tigkeit aufs neue. Sein Verfahren hatte keineswegs einen Anstrich von T\u00fccke oder Schadenfreude, sondern wurde mit gewissenhaftem Ernst und mit unersch\u00fctterlicher Ruhe betrieben, als hege er die feste Ueberzeugung, da\u00df seine Bem\u00fchungen zu des Dachses Wohlergehen durchaus erforderlich seien. Eines Tages ward es dem letzteren doch zu arg, er sprang grunzend auf und rollte verdrie\u00dflich in seinen Bau. Der Hitze wegen streckte er den bunten Kopf aber bald wieder aus der engen H\u00f6hle heraus und schlief in dieser Lage ein. Der Schupp sah augenblicklich ein, da\u00df er seinem Freunde die \u00fcblichen Aufmerksamkeiten in dieser Stellung unm\u00f6glich erweisen konnte, und wollte eben den Heimweg antreten, als der Dachs zuf\u00e4llig erwachte und, seinen Peiniger gewahrend, das schmale, rothe Maul sperrweit aufri\u00df. Dies erf\u00fcllte unsern Schupp derma\u00dfen mit Verwunderung, da\u00df er sofort umkehrte, um die wei\u00dfen Zahnreihen Grimmbarts von allen Seiten zu betrachten. Unbeweglich verharrte der Dachs in seiner Stellung und steigerte hierdurch die Neugierde des Waschb\u00e4rs aufs \u00e4u\u00dferste. Endlich wagte der Schupp dem Dachse vorsichtig von oben herab mit der Pfote auf die Nase zu tippen \u2014 vergebens, Grimmbart r\u00fchrt sich nicht. Der Waschb\u00e4r schien diese Ver\u00e4nderung im Wesen seines Gef\u00e4hrten gar nicht begreifen zu k\u00f6nnen, seine Ungeduld wuchs mit jedem Augenblick: er mu\u00dfte sich um jeden Prei^ Aufkl\u00e4rung verschaffen. Unruhig trat er eine Weile hin und her; er war augenscheinlich unschl\u00fcssig, ob er seine empfindlichen Pfoten oder seine Nase bei dieser Untersuchung aufs Spiel setzen solle. Endlich entschied er sich f\u00fcr Letzteres und fuhr pl\u00f6tzlich mit seiner spitzen Schnauze tief in den offenen Rachen des Dachses.\"\n\u201eDas Folgende ist unschwer zu errathen. Grimmbart klappte seine Kinnladen zusammen, der Waschb\u00e4r sa\u00df in der Klemme und quiekte und zappelte, wie eine gefangene Ratte. Nach heftigem Toben und Gestrampel gelang es ihm endlich, die bluttriefende Schnauze der unerbittlichen Falle des Dachses zu entrei\u00dfen, worauf er zornig schnaufend \u00fcber Kopf und Hals in seine H\u00fctte fl\u00fcchtete. Diese Lehre blieb ihm lange im Ged\u00e4chtni\u00df; so oft er an dem Dachsbau vor\u00fcberging, pflegte er unwillk\u00fcrlich mit der Tatze \u00fcber die Nase zu fahren, gleichwohl nahmen die Neckereien ihren ungest\u00f6rten Fortgang.\"\n\u201eSein Zusammentreffen mit Katzen, F\u00fcchsen, Stachelschweinen und anderen wehrhaften Gesch\u00f6pfen endete meistens ebenso. Eine alte F\u00fcchsin, welche ihn einmal \u00fcbel zugerichtet, mi\u00dfachtete er sp\u00e4ter g\u00e4nzlich und suchte sie dadurch zu \u00e4rgern, da\u00df er immer hart im Bereich ihrer Kette vor\u00fcberging, ohne sie eines Blickes zu w\u00fcrdigen. Als er bei einer solchen Gelegenheit einst heftig quer \u00fcber die Ruthe gebissen wurde, zeigte er kaum durch ein Zucken Schreck oder Zorn, sondern setzte mit scheinbarer Gleichgiltigkeit seinen Weg fort, ohne auch nur den Kopf zu wenden.\"","page":629},{"file":"p0630.txt","language":"de","ocr_de":"630\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Gemeiner Waschb\u00e4r. Krebsfresser.\n\u201eMit einem gro\u00dfen H\u00fchnerhunde hatte jener Waschb\u00e4r dagegen ein Schutz- und Trutzb\u00fcndni\u00df geschlossen. Er lie\u00df sich gern mit ihm zusammenkoppeln, und beide folgten ihrem Herrn dann Schritt f\u00fcr Schritt, w\u00e4hrend der Waschb\u00e4r allein selbst an der Leine stets seinen eignen Weg gehen wollte. Sobald er morgens von der Kette befreit wurde, eilte er in freudigen Spr\u00fcngen, seinen Freund aufzusuchen. Auf den Hinterf\u00fc\u00dfen stehend umschlang er dann den Hals des Hundes mit seinen geschmeidigen Vorderpfoten und schmiegte den Kopf h\u00f6chst empfindsam an; dann betrachtete und betastete er den K\u00f6rper seines vierbeinigen Freundes neugierig von allen Seiten. Es schien, als ob er t\u00e4glich neue Sch\u00f6nheiten an ihm entdecke und bewundere. Etwaige M\u00e4ngel in der Behaarung suchte er sofort durch Lecken und Streichen zu beseitigen. Der Hund stand w\u00e4hrend dieser oft \u00fcber eine Viertelstunde dauernden Musterung unbeweglich mit w\u00fcrdevollem Ernst und hob willig einen Lauf um den andern empor, sobald der Waschb\u00e4r Dies f\u00fcr n\u00f6thig erachtete. Wenn dieser aber den Versuch machte, seinen R\u00fccken zu besteigen, ward er unwillig, und nun entspann sich eine endlose Rauferei, wobei der Waschb\u00e4r viel Muth, Kaltbl\u00fctigkeit und erstaunliche Gewandtheit zeigte. Seine gew\u00f6hnliche Angriffskunst bestand darin, dem ihm an Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke weit \u00fcberlegenen Gegner in einem unbewachten Augenblick unter die Gurgel zu springen. Den Hals des Hundes von unten auf mit den Vorderpfoten umschlingend, schleuderte er im Nu seinen K\u00f6rper zwischen den Vorderbeinen des Gegners hindurch und suchte sich sofort mit den beweglichen Hinterpfoten auf dessen R\u00fccken oder an den Seiten fest anzuklammern. Gelang ihm Letzteres, so war der Hund kampfunf\u00e4hig und mu\u00dfte nun versuchen, durch anhaltendes W\u00e4lzen auf dem Rasen sich von der inbr\u00fcnstigen Umarmung seines Freundes zu befreien. Zum Lobe des Schupp sei erw\u00e4hnt, da\u00df er den Vortheil seiner Stellung niemals mi\u00dfbrauchte. Er begn\u00fcgte sich damit, den Kopf fortw\u00e4hrend so dicht unter die Kehle des Hundes zu dr\u00e4ngen, da\u00df dieser ihn mit dem Gebisse nicht erreichen konnte.\"\n\u201eMit den kleinen, bissigen Dachshunden hatte er nicht gern zu schaffen; doch wandelte ihn mitunter pl\u00f6tzlich die Laune an, ein solches Krummbein von oben herab zu umarmen. War der Streich gegl\u00fcckt, so machte er vor Wonne einen hohen Bocksprung nach r\u00fcckw\u00e4rts und schnappte dabei in der Luft zwischen den weitgespreizten Vorderbeinen hindurch nach dem rundgeringelten, baumelnden Schweif. Dann aber suchte er, steifen Schrittes r\u00fcckw\u00e4rts gehend und den zornigen D\u00e4chsel fortw\u00e4hrend im Auge behaltend, den R\u00fccken zu decken und kauerte sich schlie\u00dflich unter dumpfem Schnurren und unruhigem Schweifwedeln wie eine sprungbereite Katze platt auf dem Erdboden nieder. Von verschiedenen Seiten angegriffen, warf er sich sofort auf den R\u00fccken, strampelte mit allen Vieren und bi\u00df unter gellendem Zetergeschrei w\u00fcthend um sich.\"\n\u201eKleinere S\u00e4ugethiere und jede Art Gefl\u00fcgel siel er sofort m\u00f6rderisch an, und \u00e4u\u00dferst schwer hielt es, ihm den Raub zu entrei\u00dfen. M\u00e4use, Ratten und anderes Gethier t\u00f6dtete er durch einen raschen Bi\u00df ins Genick und verzehrte sie mit Haut und Haar, da ihm das Abstreifen des Felles trotz alles Zerrens und Reibens nur unvollst\u00e4ndig gelingen wollte. An sch\u00f6nen Sommermorgen schlich er gern in der Fr\u00fche im hohen, thaubedeckten Grase herum. Es war eine Lust, ihn hierbei zu beobachten. Hier und da h\u00e4lt er an, wie ein vorstehender H\u00fchnerhund, pl\u00f6tzlich springt er ein \u2014 er hat einen Frosch erwischt, den er nun durch heftiges Hin- und Herreiben auf dem Boden vorl\u00e4ufig au\u00dfer Fassung zu bringen sucht. Dann setzt er sich vergn\u00fcgt auf die Hinterschenkel, h\u00e4lt seinen Frosch, wie ein Kind sein Butterbrod, zwischen den Fingern, bei\u00dft ihm wohlgemuth den Kopf herunter und verzehrt ihn bis auf die letzte Zehe. W\u00e4hrend des Kauens summt die erste Biene heran. Der Schupp horcht auf, schl\u00e4gt beide Pfoten in der Luft zusammen und steckt das so gefangene Kerbthier nach Entfernung des Stachels in die Schnauze. Im n\u00e4chsten Augenblick richtet er sich am nahen Gem\u00e4uer auf, klatscht eine ruhende Fliege mit der flachen Pfote breit und kratzt seinen Fang sorgf\u00e4ltig mit den N\u00e4geln ab. Schneckengeh\u00e4use knackt er, wie eine Haselnu\u00df, mit den Z\u00e4hnen, worauf der ungl\u00fcckliche Bewohner durch anhaltendes Reiben im nassen Grase von den Scherben seiner Behausung gr\u00fcndlich befreit und dann ebenfalls verspeist wird. Die gro\u00dfe Wegeschnecke liebt er nicht; die gro\u00dfen, goldgr\u00fcnen Laufk\u00e4fer aber scheinen ihm besonderes Vergn\u00fcgen zu gew\u00e4hren; denn er spielt lange und","page":630},{"file":"p0631.txt","language":"de","ocr_de":"631\nKennzeichen und Leben des Krebssressers.\nschonend mit ihnen, ehe et sie auffri\u00dft. Im Aussuchen und Pl\u00fcndern der Vogel- und H\u00fchnernester ist er Meister, Als Allesfresser geht er auch der Pflanzennahrnng nach: reifes Obst, Waldbeere\u00bb, di- Fr\u00fcchte der Eberesche und des Hollunders wei\u00df er geschickt zu pfl\u00fccken, ES gew\u00e4hrt einen drolligen Anblick, wenn der rauchhaarige, langgeschw\u00e4pzte Gesell mit einer gro\u00dfen Aprikose im Maule langsam r\u00fcckw\u00e4rts von einem Gel\u00e4nder herabsteigt, \u00e4ngstlich den Kopf hin und her wendend, ob sein Diebstahl auch bemerkt worden sei.\" \u2014\nAus allen diesen Beobachtungen geht zur Gen\u00fcge hervor, da\u00df der Schupp zum Hausgenossen Allen empfohlen werden darf, welche ihm Raum und Gelegenheit zur Entfaltung seines wahren\nWesens geben k\u00f6nnen.\t,\t.\nDer auf der Jagd erlegte Waschb\u00e4r gew\u00e4hrt einen nicht unbedeutenden Nutzen. Sein Fleisch wird nicht nur von den Urbewohnern Amerikas und von den Negern, sondern auch von den Wei\u00dfen gegessen; und sein Fell findet eine weite Verbreitung: Schuppenpelze sind allgemein beliebt. Dre Grannenhaare geben gute Pinsel; aus dem Wollhaar macht man H\u00fcte; die ganzen Schw\u00e4nze benutzt man zu Halsw\u00e4rmern.\nDer s\u00fcdamerikanische Vetter des Schupp ist der \u201eAguara\" oder \u201eAguarapope , \u201eder Fuchs mit der flachenHand\",wie die Guaranerihn nennen, \u2014 derKrebsfresser (Procyon cancrivorus). Andere Reisende benamen ihn Raton, Mapache, Mauile, Guasini rc. Er unterscheidet sich von dem gleichgro\u00dfen Schupp durch die h\u00f6heren Beine, die k\u00fcrzeren Ohren und das dichtere aber k\u00fcrzere Haarkleid. Die allgemeine F\u00e4rbung ist ein unbestimmtes Gelbgrau, welches nach unten hin ins Wei\u00dfe \u00fcbergeht. Vorderarme und Unterschenkel sind dunkelbraun oder gelblichgrau, die Einfassung des Mundes, ein Streifen \u00fcber dem Auge und ein kleiner Fleck im \u00e4u\u00dfern Winkel des Auges dagegen wei\u00df; der schwarze Schwanz zeigt drei oder vier gelblichwei\u00dfe Binden.\nNach Prinz von Wied findet man den Guasini l\u00e4ngs der ganzen Ostk\u00fcste, haupts\u00e4chlich in W\u00e4ldern, welche an gro\u00dfen S\u00fcmpfen und niederen Flu\u00dfufern liegen, niemals in trockenen, erhabenen. Gegenden oder aus offnem Felde. Er ist ein n\u00e4chtliches Dhier, welches den gr\u00f6\u00dften Theil des Tages in einem bestimmten Lager verschl\u00e4ft und abends nach Nahrung ausgeht. Diese besteht aus \u00e4hnlichen Dingen, wie die seines Verwandten; doch fri\u00dft er sehr gern einige Krabbenarten und hat von dieser Eigenth\u00fcmlichkeit seinen lateinischen Namen erhalten. Nur im Fr\u00fchling lebt er mit anderen seiner Art, namentlich mit Weibchen zusammen; sonst durchstreift er einzeln sein bestimmtes Jagdgebiet. Das Weibchen wirft im s\u00fcdamerikanischen Fr\u00fchling, d. h. im Oktober und November, zwei bis vier Junge in seinem Lager und erzieht sie dort, bis sie mit ihm ausgehen k\u00f6nnen.\nJung eingefangen wird der Guasini \u00e4u\u00dferst zahm und spielt sogleich mit Jedem, welcher ihm Liebkosungen zu Theil werden l\u00e4\u00dft. Auch mit den Hausthieren vertr\u00e4gt er sich gut, ohne jedoch f\u00fcr irgend ein Thier oder f\u00fcr einen Menschen eine besondere Vorliebe zu zeigen. Den gr\u00f6\u00dften Theil des Tages bringt er schlafend zu, indem er sich zusammenrollt und den Kopf mit den Vorderbeinen bedeckt. Gegen Abend wird er munter und geht dann, wenn er freigelassen wird, in Haus und Hof umher, ber\u00fchrt jeden Gegenstand mit seiner Nase, steckt diese in jede Spalte und jedes Loch, macht zuweilen ein M\u00e4nnchen, um weiterzusehen, und nimmt bei seiner Wanderung alles Genie\u00dfbare auf, ohne jedoch den Hausthieren Schaden zuzuf\u00fcgen. Man ern\u00e4hrt ihn mit Rindfleisch, gekochten Wurzeln und Fr\u00fcchten. Er nimmt das Futter, wie der eigentliche Waschb\u00e4r, zwischen seine beiden Vordertatzen und reibt und rollt es vor dem Fressen hin und her, ohne es jedoch in das Wasser zu tauchen. Beim Fressen l\u00e4\u00dft er sich ungern st\u00f6ren; er ger\u00e4th, wenn man Dies thut, leicht in heftigen Zorn und bei\u00dft dann ohne Umst\u00e4nde nach seinem W\u00e4rter. Zur Fortpflanzung hat man ihn in der Gefangenschaft noch nicht gebracht.\nNur die wilden Indianer jagen das Thier, um Fell und Fleisch zu benutzen; die wei\u00dfen Bewohner S\u00fcdamerikas stellen ihm nicht nach, weil es ihnen keinen Schaden zuf\u00fcgt und gelobtet keinen Nutzen gew\u00e4hrt. Sowie sich der Guasini verfolgt sieht, klettert er auf einen Baum und f\u00e4llt dann","page":631},{"file":"p0632.txt","language":"de","ocr_de":"632\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Geselliger und einsamer Coati.\ndem J\u00e4ger gew\u00f6hnlich zur Beute. Auf trocknen: Boden vertheidigt er sich muthvoll gegen die Hunde; ist er aber in der N\u00e4he eines Sumpfes, so entflieht er so schnell \u00fcber den unsichern Morgrund hin, da\u00df ihm kein Hund folgen kann, und versteckt sich hier, in seiner eigentlichen Heimat, bald rasch und geschickt.\nAn den Schupp und Genossen reihen sich naturgem\u00e4\u00df die Coatis, R\u00fcssel- oder Nasenb\u00e4ren (Nasua). Ihr gestreckter, schlanker, fast marder\u00e4hnlicher Leib mit kurzem Hals und langem, spitzen Kops, dicht behaartem, k\u00f6rperlangen Schwanz und kurzen, kr\u00e4ftigen, breittatzigen Beinen unterscheiden sie leicht. Das bezeichnendste Merkmal ist die Nase. Sie verl\u00e4ngert sich r\u00fcsselartig weit \u00fcber den Mund hinaus und hat scharfkantig aufgeworfene R\u00e4nder. Die Ohren sind kurz und abgerundet, die klaren Augen m\u00e4\u00dfig gro\u00df, die f\u00fcnf fast ganz verwachsenen Zehen mit langen und spitzen, aber wenig gebogenen Krallen bewehrt, die Sohlen sind nackt. Das Gebi\u00df \u00e4hnelt dem des Waschb\u00e4ren.\nDer gesellige Eoati (Nasua socialis).\nFr\u00fcher unterschied man allgemein nur zwei Arten dieser Thiere; der Reisende Tschudi hat aber vor ungef\u00e4hr zwanzig Jahren in Peru noch zwei andere Arten entdeckt, und Weinland ihnen eine dritte hinzugef\u00fcgt; somit kennen wir gegenw\u00e4rtig mindestens f\u00fcnf. Vier von ihnen habe ich zu gleicher Zeit lebend gehalten und beobachtet, daher auch Gelegenheit gehabt, mich von ihrer Artselbstst\u00e4ndigkeit zu \u00fcberzeugen.\nDie Nasenb\u00e4ren \u00e4hneln sich, was Lebensweise und Betragen anlangt, sehr, und wir erhalten jedenfalls eine gen\u00fcgende Kenntni\u00df von ihnen, wenn wir uns mit dem Leben und Treiben der beiden zuerst beschriebenen vertraut zu machen suchen. Diese Leiden sind der gesellige und der einsame Coati. Ersterer (Nasua socialis) mi\u00dft von der Schnauzenspitze bis zur Schwanzwurzel 20, im Ganzen aber 38 Zoll bei 11 Zoll. H\u00f6he am Widerrist. Die dichte und ziemlich lange, jedoch nicht zottige Behaarung besteht aus straffen, groben, gl\u00e4nzenden Grannen, welche sich am Schw\u00e4nze verl\u00e4ngern, und kurzem, weichen, etwas krausen Wollhaar, welches namentlich auf dem R\u00fccken und an","page":632},{"file":"p0633.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung Beider. Ihre Lebensweise.\n633\nden Seiten dicht steht. Starke Schnurren und lange Borstenhaare finden sich auf der Lippe und \u00fcber dem Auge; das Gesicht ist kurz behaart. Die auf dem R\u00fccken zwischen Roth und Graubraun wechselnde Grundf\u00e4rbung geht auf der Unterseite ins Gelbliche \u00fcber; Stirn und Scheitel sind gelblichgrau, die Lippen wei\u00df, die Ohren hinten br\u00e4unlichschwarz, vorn graulichgelb. Ein wei\u00dfer, runder Flecken findet sich \u00fcber jedem Auge, ein anderer am \u00e4u\u00dfersten Winkel desselben und zwei, oft zusammenflie\u00dfende stehen unter dem Auge. L\u00e4ngs der Nasenwurzel l\u00e4uft ein wei\u00dfer Streifen herab.\nDer einsame Coati oder R\u00fcsselb\u00e4r (Nasua solitaria), welcher durch Prinz Max von Neuwied von dem geselligen getrennt wurde, ist etwas gr\u00f6\u00dfer und derber, als dieser, nicht l\u00e4nger, aber h\u00f6her und st\u00e4rker. Seine F\u00e4rbung erscheint auf der ganzen Oberseite br\u00e4unlichgelb, weil die Haare in der untern H\u00e4lfte grau, oben braun und an der Spitze gelb geringelt find. Der Schwanz ist abwechselnd siebenmal braungelb und siebenmal schwarzbraun geringelt. Das Gesicht, die F\u00fc\u00dfe und alle nackten Theile sind schwarz, \u00fcber und unter den Angen steht ein grauwei\u00dfer Flecken. Die Kinnseiten sind wei\u00df, die Ohren schwarz, grau gerandet.\nDer einsame Coati (Nasua solitaria).\nWir verdanken die Lebensbeschreibung der R\u00fcsselb\u00e4ren Azara, Rengger, Wied und neuerdings auch Saussure, Bennett und Weinland.\nBeide Nasenb\u00e4ren bewohnen den ganM warmen Theil des \u00f6stlichen S\u00fcdamerika. In Mejiko kommt, wie schon Humboldt angiebt, auch ein Nasenb\u00e4r vor; er ist aber als besondere Art anzusehen. Die Thiere leben in den w\u00e4rmeren Theilen der Cordilleren und in gro\u00dfen Waldungen. Wie der Name besagt, unterscheiden sich die beiden beschriebenen Arten dadurch, da\u00df der eine best\u00e4ndig in Gesellschaften von acht bis zwanzig St\u00fcck lebt und herumschweift, der andere aber einzeln in einem bestimmten Gebiete verweilt und nur w\u00e4hrend der Brunstzeit mit anderen seiner Art sich vereinigt, nach geschehener Begattung aber wieder trennt. Der einsame Nasenb\u00e4r soll mehrere bestimmte Lager-haben und bald in diesem, bald in jenem die Nacht zubringen, jenachdem er den einen oder den andern Theil des Waldes durchstreift. Der gesellige dagegen hat weder ein Lager, noch ein bestimmtes Gebiet, sondern f\u00fchrt ein echtes Zigeunerleben, l\u00e4uft den Tag \u00fcber im Walde umher und verkriecht sich da, wo ihn die Nacht \u00fcberf\u00e4llt, in einem hohlen Baume oder unter Baumwurzeln oder legt sich in eine von mehreren Aesten gebildete Gabel und schl\u00e4ft hier bis zum n\u00e4chsten Morgen. Ihn oder besser seine Gesellschaften sieht man viel h\u00e4ufiger, als jenen Einsiedler. Die geselligen R\u00fcsselb\u00e4ren ziehen zerstreut umher und lassen dabei best\u00e4ndig eigenth\u00fcmliche, rauhe, halb grunzende, halb pfeifende T\u00f6ne","page":633},{"file":"p0634.txt","language":"de","ocr_de":"634\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Einsamer und geselliger Coati.\nh\u00f6ren, welche man viel eher vernimmt, als man die Bande selbst gewahrt. Dabei wird der mit Laub und Aesten bedeckte Boden gr\u00fcndlich untersucht: eine oder die andere Nase schnuppert in dieses oder jenes Loch; jede Spalte, jeder Ritz wird durchst\u00f6bert: \u2014 aber niemals h\u00e4lt sich die Gesellschaft lange bei einem Gegenst\u00e4nde aus. Der Einsiedler dagegen zieht still und langsam dahin, untersucht ebenfalls jeden Gegenstand, aber \u00e4u\u00dferst bed\u00e4chtig und nimmt sich ordentlich Zeit zu allen seinen Verrichtungen, jedenfalls deshalb, weil er keine Gewerbsbeeintr\u00e4chtigung von Seiten seiner Artgenossen zu bef\u00fcrchten hat.\nWenn die Nasenb\u00e4ren einen Wurm im Boden, eine K\u00e4ferlarve im faulen Holze ausgewittert haben, geben sie sich die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, dieser Beute auch habhaft zu werden. Sie scharren eifrig mit den Vorderpfoten, stecken von Zeit zu Zeit die Nase in das gegrabene Loch und sp\u00fcren, wie unsere Hunde es thun, wenn sie auf dem Felde den M\u00e4usen nachstellen, bis sie endlich ihren Zweck erreicht haben.\nZuweilen sieht man die ganze Gesellschaft pl\u00f6tzlich einen Baum besteigen, welcher dann schnell durchsucht und ebenso schnell verlassen oder aber mit einem andern vertauscht wird. Der Einsiedler ist zu solchen Kletterjagden viel zu faul; er bleibt h\u00fcbsch auf der Erde. Bei den gesellig lebenden bemerkt man \u00fcbrigens niemals eine besondere Uebereinstimmung in den Handlungen der verschiedenen Mitglieder einer Bande; jedes handelt f\u00fcr sich und bek\u00fcmmert sich mir insofern um seine Begleiter, als es bei der Truppe bleibt, welche, wie es scheint, von alten Thieren angef\u00fchrt wird. Unter L\u00e4rmen und Pfeifen, Scharren und W\u00fchlen, Klettern und Zanken vergeht der Morgen; wird es hei\u00dfer im Walde, so schickt sich die Bande an, einen passenden Platz zur Mittagsruhe zu finden. Jetzt wird ein gut gelegener Baum oder ein h\u00fcbsches Gestr\u00e4uch ausgesucht, und jeder streckt sich hier auf einem Zweige behaglich aus und h\u00e4lt sein Schl\u00e4fchen. Nachmittags geht die Wanderung weiter, bis gegen Abend die Sorge um einen guten Schlafplatz sie von neuem unterbricht.\nDer einsame Coati erscheint weniger vorsichtig, als seine geselligen Verwandten, wahrscheinlich, weil bei der Bande immer einige f\u00fcr die Sicherheit sorgen, so da\u00df die anderen ruhig fressen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend der Einsiedler doch Beides vereinigen mu\u00df. Bemerken jene einen Feind, so geben sie ihren Gef\u00e4hrten sofort durch laute, pfeifende T\u00f6ne Nachricht und klettern eiligst auf einen Baum; alle \u00fcbrigen folgen diesem Beispiele, und im Nu ist die ganze Gesellschaft in dem Gezweig des Wipfels vertheilt. Steigt man ihnen nach oder schl\u00e4gt man auch nur heftig mit einer Axt an den Stamm, so begiebt sich jeder weiter hinaus auf die Spitze der Zweige und pl\u00f6tzlich springt er von dort herab auf den Boden und nimmt hier Rei\u00dfaus. Ungest\u00f6rt, klettern die Thiere kopfunterst den Stamm herab. Sie drehen dabei die Hinterf\u00fc\u00dfe nach au\u00dfen und r\u00fcckw\u00e4rts und klemmen sich mit ihnen fest an den Stamm an. Auf den Zweigen klettern sie vorsichtig weiter, und auf S\u00e4tze, wie die Affen sie ausf\u00fchren, etwa von einem Baume zum andern, lassen sie sich nicht ein, obwohl sie es k\u00f6nnten; denn in der Gewandtheit geben sie den Affen oder Katzen kaum etwas nach. Auf ebenem Boden sind ihre Bewegungen viel schwerf\u00e4lliger, als im laubigen Ge\u00e4st der B\u00e4ume. Sie gehen hier entweder im Schritt mit senkrecht gehobenem Schw\u00e4nze oder springen in kurzen S\u00e4tzen und ber\u00fchren dabei immer blos mit der halben Sohle den Boden. Nur wenn sie stehen oder sich auf die Hinterbeine setzen, ruhen die F\u00fc\u00dfe auf ganzer Sohle. Der Lauf sieht unbehilflich aus, ist aber ein sehr f\u00f6rdernder Galopp. Vor dem Wasser scheinen sie sich zu f\u00fcrchten; sie nehmen es nur im h\u00f6chsten Nothf\u00e4lle an, doch verstehen sie das Schwimmen gut genug, um \u00fcber Fl\u00fcsse und Str\u00f6me setzen zu k\u00f6nnen.\nUnter den Sinnen steht der Geruch unzweifelhaft obenan, auf ihn folgt das Geh\u00f6r; Gesicht, Geschmack und Gef\u00fchl sind verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig schwach. Bei Nacht sehen sie gar nicht und bei Tage wenigstens nicht besonders gut; von Geschmack kann man auch nicht viel bei ihnen wahrnehmen, und das Gef\u00fchl scheint fast einzig und allein auf die r\u00fcsself\u00f6rmige Nase beschr\u00e4nkt zu sein, denn sie ist zugleich auch das haupts\u00e4chlichste Tastwerkzeug. Gegen Verletzungen sind die R\u00fcsselb\u00e4ren ebenso unempfindlich, wie gegen Einfl\u00fcsse der Witterung. Man begegnet zuweilen kranken, solchen, welche am Bauche mit b\u00f6sartigen Geschw\u00fcren bedeckt sind, man wei\u00df auch, da\u00df sie gerade dieser Krankheit","page":634},{"file":"p0635.txt","language":"de","ocr_de":"635\nBenehmen. F\u00e4higkeiten. Fortpflanzung. Nutzen. Jagd. Fang.\nh\u00e4ufig unterliegen; dennoch sieht man sie diese Geschw\u00fcre sich mit den N\u00e4geln w\u00fcthend aufrei\u00dfen, ohne da\u00df sie dabei irgend ein Zeichen des Schmerzes \u00e4u\u00dferten.\nUeber die Fortpflanzungszeit des einsamen Coati scheint bis jetzt noch Nichts bekannt zu sein. Das Weibchen des geselligen wirft, wie Rengger angiebt, im Oktober d. h. im s\u00fcdamerikanischen Fr\u00fchling, drei bis f\u00fcnf Junge in eine Baum- oder Erdh\u00f6hle, einen mit dichtem Gestr\u00fcpp bewachsenen Graben oder in einen andern Schlupfwinkel. Hier h\u00e4lt es die Brut so lange versteckt, bis sie ihm auf allen seinen Streifereien folgen kann. Dazu bedarf es nicht viel Zeit; denn man trifft \u00f6fters ganz junge Thiere, welche kaum ihre Schneidez\u00e4hne erhalten haben, unter den Trupps der \u00e4lteren an.\nDie Begattung geschieht, wie ich an gefangenen beobachtete, wie bei den Hunden oder den Pavianen. Letzteren \u00e4hneln die Nasenb\u00e4ren besonders darin, da\u00df sie sehr oft Begattungsversuche machen, ohne da\u00df es ihnen wirklich Ernst w\u00e4re. Das Weibchen l\u00e4\u00dft sich auch, wenn es das M\u00e4nnchen mit sich herumschleppt, in seinen Gesch\u00e4ften nicht st\u00f6ren; es versucht letzteres h\u00f6chstens ab und zu bei\u00dfend abzuwehren; doch auch ihm scheint es damit nicht Ernst zu sein.\nNur die wilden Indianer benutzen Fell und Fleisch der R\u00fcsselb\u00e4ren und jagen ihnen deshalb eifrig nach. Aus den Fellen verfertigen sie kleine Beutel; das Fleisch, zumal das von j\u00fcngeren Thieren stammende, halten sie f\u00fcr einen Leckerbissen; auch europ\u00e4ische Gaumen finden es, wenn es ordentlich zubereitet wurde, wohlschmeckend. Die wei\u00dfen Bewohner S\u00fcdamerikas und Mejikos jagen die Coatis blos des Vergn\u00fcgens wegen. Man durchstreift mit einer Meute guter Hunde die Waldungen und l\u00e4\u00dft durch diese eine Bande aufsuchen. Beim Anblick der Hunde fl\u00fcchten die R\u00fcsselb\u00e4ren unter Geschrei aus die n\u00e4chsten B\u00e4ume, werden dort verbellt und k\u00f6nnen nun leicht herabgeschossen werden. Doch verlangen sie einen guten Schu\u00df, wenn man sie wirklich in seine Gewalt bekommen will; denn die verwundeten legen sich iu eine Gabel der Aeste nieder und m\u00fcssen dann m\u00fchselig herabgeholt werden. Zuweilen springen verfolgte Coatis wieder auf den Boden herab und suchen laufend zu entfliehen oder einen andern Baum zu gewinnen; dann aber werden sie von den Hunden leicht eingeholt und trotz alles Widerstandes get\u00f6dtet. Ein einzelner Hund freilich vermag gegen einen R\u00fcsselb\u00e4ren nicht viel auszurichten. Zumal der Einsiedler wei\u00df sich seiner scharfen Z\u00e4hne gut zu bedienen. Er dreht sich, wenn ihm der Hund nahe kommt, muthig gegen seinen Feind, schreit w\u00fcthend und bei\u00dft furchtbar um sich. Jedenfalls verkauft er seine Haut theuer genug; manchmal macht er f\u00fcnf bis sechs Hunde kampfunf\u00e4hig, ehe er der Uebermacht erliegt.\nIn allen L\u00e4ndern des Verbreitungskreises unserer Thiere h\u00e4lt man sie h\u00e4ufig gefangen. Saussure sagt, da\u00df sie unter allen Vierf\u00fc\u00dflern einer gewissen Gr\u00f6\u00dfe diejenigen sind, deren man am leichtesten habhaft werden kann. Bei den Indianern sind gefangene eine ganz gew\u00f6hnliche Erscheinung. Auch nach Europa werden sie sehr h\u00e4ufig gebracht. Es kostet nicht viel M\u00fche, die R\u00fcsselb\u00e4ren, auch wenn sie noch sehr jung sind, aufzuziehen. Mit Milch und Fr\u00fcchten lassen sie sich leicht ern\u00e4hren; sp\u00e4ter reicht man ihnen Fleisch, welches sie ebenso gern gekocht, als roh verzehren. Das Rindfleisch scheinen sie allen anderen Fleischarten vorzuziehen. Aus gro\u00dfem Gefl\u00fcgel und kleinen S\u00e4ugethieren machen sie sich Nichts, obwohl sie auch diese Nahrung nicht verschm\u00e4hen. Sie sind durchaus nicht fleischgierig, sondern gern mit Pflanzennahrung zufrieden. Ganz gegen die Art anderer Raubthiere versuchen sie niemals, dem Hausgefl\u00fcgel nachzustellen, und beweisen damit, da\u00df sie sich im freien Zustande mehr von Pslanzennahrung und Kerbthieren, als von dem Fleisch der Wirbelthiere ern\u00e4hren. An Wasser darf man die gez\u00e4hmten nicht Mangel leiden lassen, sie nehmen dasselbe oft und in Menge zu sich.\nDer junge Nasenb\u00e4r wird selten in einem K\u00e4sig gehalten. Gew\u00f6hnlich legt man ihm ein Lederhalsband an und bindet ihn mit einem Riemen im Hof an einen Baum; bei anhaltendem Regenwetter bringt man ihn unter Dach. Dabei hat man nicht zu bef\u00fcrchten, da\u00df er den Riemen, welcher ihn fesselt, zu zernagen sucht.\nDen gr\u00f6\u00dften Theil des Tages \u00fcber ist das Thier in unaufh\u00f6rlicher Bewegung; nur die Mittagsstunde bringt es schlafend zu, wie die Nacht. Wenn die Hitze gro\u00df ist, ruht es der L\u00e4nge nach aus-","page":635},{"file":"p0636.txt","language":"de","ocr_de":"636\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Einsamer und geselliger Coati.\ngestreckt, sonst aber rollt es sich auf der Seite liegend zusammen und versteckt den Kopf zwischen den Vorderbeinen. Wirft man ihm seine Nahrung vor, so ergreift es diese erst mit den Z\u00e4hnen und entfernt sich von seinem W\u00e4rter damit, soweit es ihm seine Fesseln erlauben.\nVor dem Verzehren zerkratzt der Coati das Fleisch mit den N\u00e4geln der Vorderf\u00fc\u00dfe; Eier zerbei\u00dft er oder zerbricht sie durch Aufschlagen gegen den Boden und lappt dann die auslaufende Fl\u00fcssigkeit behaglich auf. Er zerbei\u00dft auch die Melonen und Pomeranzen; doch steckt er zutheilen eine seiner Vorderpfoten in die Frucht, rei\u00dft ein St\u00fcck ab und bringt es mit den N\u00e4geln zum Munde. Ein R\u00fcsselb\u00e4r, welchen Bennett hielt, trank leidenschaftlich gern Blut und suchte sich an den Thieren, welche ihm zur Nahrung vorgeworfen wurden, jedesmal die blutigste Stelle aus. Au\u00dfer dem Fleisch fra\u00df er sehr gern Feigen und besuchte deshalb bei seinen Ausfl\u00fcgen regelm\u00e4\u00dfig die B\u00e4ume, welche diese Leckerei trugen, schnupperte dann nach den reifsten von den abgefallenen herum, \u00f6ffnete sie und saugte das Innere aus. Die ihm vorgeworfenen Thiere rollte er, nachdem er sie von dem Blute rein geleckt hatte, zuerst zwischen seinen Vorderh\u00e4nden hin und her, zog sodann die Eingeweide aus der inzwischen ge\u00f6ffneten Bauchh\u00f6hle heraus und verschlang davon eine ziemliche Menge, ehe er die eigentlich fleischigen Theile seines Opfers ber\u00fchrte. Bei seinen Lustwandelungen im Garten w\u00fchlte er wie ein Schwein in der Erde und zog dann regelm\u00e4\u00dfig einen Wurm oder eine Kerflarve hervor, deren Vorhandensein ihm unzweifelhaft sein scharfer Geruch angezeigt hatte. Beim Trinken st\u00fclpte er die bewegliche Nase soviel als m\u00f6glich in die H\u00f6he, um mit ihr ja nicht das Wasser zu ber\u00fchren.\nKein Nasenb\u00e4r verlangt in der Gefangenschaft eine sorgf\u00e4ltige Behandlung. Ohne Umst\u00e4nde f\u00fcgt er sich in jede Lage. Er schlie\u00dft sich dem Menschen an, zeigt aber niemals eine besondere Vorliebe f\u00fcr seinen W\u00e4rter, so zahm er auch werden mag. Nach Affenart spielt er mit Jedermann und auch mit seinen thierischen Hausgenossen, als mit Hunden, Katzen, H\u00fchnern und Enten. Nur beim Fressen darf man ihn nicht st\u00f6ren, denn auch der zahmste Coati bei\u00dft Menschen und Thiere, wenn sie ihm seine Nahrung entrei\u00dfen wollen.\nIn seinem Wesen hat der R\u00fcsselb\u00e4r viel Selbstst\u00e4ndiges, ja Unb\u00e4ndiges. Er unterwirft sich keineswegs dem Willen des Menschen, sondern ger\u00e4th in gro\u00dfen Zorn, wenn man ihm irgend einen Zwang anthut. Nicht einmal durch Schl\u00e4ge l\u00e4\u00dft er sich zwingen, denn er setzt sich herzhaft zur Wehre und bei\u00dft t\u00fcchtig, wenn er gez\u00fcchtigt wird, seinen W\u00e4rter ebensowohl, als jeden Andern. Erst, wenn er so geschlagen wird, da\u00df er die Uebermacht seines Gegners f\u00fchlt, rollt er sich zusammen und sucht, feinen Kops vor den Streichen zu sch\u00fctzen, indem er denselben an die Brust legt und mit seinen beiden Vorderpfoten bedeckt; wahrscheinlich f\u00fcrchtet er am meisten f\u00fcr seine empfindliche Nase. W\u00e4hrend der Z\u00fcchtigung pfeift er stark und anhaltend (sonst vernimmt man blos Laute von ihm, wenn er Hunger, Durst oder Langeweile hat), er achtet dabei aber auf jede Gelegenheit, seinem Gegner Eins zu versetzen. Gegen Hunde, welche ihn angreifen, zeigt er gar keine Furcht; er vertheidigt sich gegen sie noch muthvoller, als gegen den Menschen. Seine scharfen, zweischneidigen Eckz\u00e4hne kommen ihm dabei sehr wohl zustatten; mit ihnen wei\u00df er tiefe und gef\u00e4hrliche Wunden beizubringen. Auch unangegriffen geht er zuweilen auf fremde Hunde los und jagt sie in die Flucht.\nBon einem so reizbaren, unbiegsamen Wesen l\u00e4\u00dft sich nicht viel Gelehrigkeit erwarten. Man kann den Coati kaum zu Etwas abrichten. Rengger sah zwar einen, welcher auf Befehl seines Herrn wie ein Pudel aufwartete und auf den nachgeahmten Knall eines Gewehrs wie todt zu Boden siel: aber so gelehrige Nasenb\u00e4re sind Ausnahmen von der Regel. Gew\u00f6hnlich bemerkt man bald, da\u00df es nicht viele andere S\u00e4ugethiere seiner Gr\u00f6\u00dfe giebt, welche weniger Verstand besitzen, als der Coati. In seinen Handlungen nimmt man keinen Zusammenhang wahr. Sein Ged\u00e4chtni\u00df ist schwach, und er erinnert sich weder an Beleidigungen, noch an Wohlthaten, welche er erfahren, und ebensowenig an Unf\u00e4lle, die er sich zugezogen hat. Deshalb kennt er keine Gefahr und rennt nicht selten zu wiederholten Malen in die n\u00e4mliche.\nWenn man ihn frei herumlaufen l\u00e4\u00dft, wird er im Hause sehr unangenehm. Er durchw\u00fchlt Alles mit der Nase und wirft alle Gegenst\u00e4nde um. In der Nase besitzt er gro\u00dfe Kraft, in den","page":636},{"file":"p0637.txt","language":"de","ocr_de":"Gefangenleben. Selbstkur.\n637\nH\u00e4nden bedeutende Geschicklichkeit und Beides wei\u00df er zu verwenden. Nichts l\u00e4\u00dft er unber\u00fchrt. Wenn er sich eines Buches bem\u00e4chtigen kann, dreht er alle Bl\u00e4tter herum, indem er abwechselnd beide Vordertatzen unglaublich schnell in Bewegung setzt; giebt man ihm eine Cigarre, so rollt er sie durch dieselbe Bewegung g\u00e4nzlich auf; sieht er Etwas stehen, so giebt er dem ihn sofort fesselnden Gegenst\u00e4nde erst mit der rechten, dann mit der linken Tatze einen Schlag, bis er zu Boden-st\u00fcrzt. Ein Zimmer, eine Bibliothek oder eine Sammlung k\u00f6nnen schon g\u00e4nzlich verw\u00fcstet sein, ehe man nur eine Ahnung davon hat. Dazu kommen noch andere Unannehmlichkeiten. Der R\u00fcsselb\u00e4r ist keinen Augenblick ruhig; er bei\u00dft, er giebt einen starken, unangenehmen, moschus\u00e4hnlichen Geruch von sich und l\u00e4\u00dft seinen stinkenden Koth \u00fcberall fallen. Sonderbar ist, da\u00df er mit demselben, so sorgf\u00e4ltig er sich auch sonst vor ihm in Acht nimmt, sich seinen Schwanz beschmiert, wenn ihn Fl\u00f6he peinigen oder er an einem juckenden Ausschlage leidet. Bennett beobachtete, da\u00df er nicht blos seinen Koth, sondern auch Leim und irgend einen andern klebrigen Stoff zwischen die Haare seiner buschigen Standarte einrieb. Sp\u00e4ter vergn\u00fcgte er sich dann damit, den Schwanz wieder abzulecken oder ihn durch Waschen im Wasser wieder zu reinigen.\nManche Nasenb\u00e4ren zeigen das lebhafteste Vergn\u00fcgen, wenn sich Jemand mit ihnen abgiebt. Gegen Liebkosungen sind sie au\u00dferordentlich empf\u00e4nglich; sie lassen sich gern streicheln und noch lieber hinter den Ohren krauen. Dabei beugen sie den Kopf zur Erde nieder, schmiegen sich nach Katzenart an den Pfleger an und sto\u00dfen ein vergn\u00fcgliches Gezwitscher aus. Ich sah in Rotterdam ihrer drei in einem K\u00e4fig; sie vertrugen sich schlecht unter einander. Das st\u00e4rkste M\u00e4nnchen hatte die Oberherrschaft an sich gerissen und machte sie auch dem Weibchen gegen\u00fcber geltend. Alle drei waren ganz au\u00dfer sich vor Vergn\u00fcgen, wenn man sie kraute. Sie legten sich auf den R\u00fccken und schrien scheinbar aus Wollust \u201eh\u00e4, h\u00e4, h\u00e4!\" Der Alleinherrscher vertrieb immer die von ihm Unterjochten, um das Hochgef\u00fchl, welches meine Liebkosungen ihnen allen zu bereiten schienen, f\u00fcr sich allein zu genie\u00dfen. Er hatte sich so gut in Achtung zu setzen verstanden, da\u00df sein bloses Erscheinen gen\u00fcgte, die Geknechteten an den W\u00e4nden emporzutreiben. Weinland beobachtete, da\u00df Nasenb\u00e4ren ohne eigentlich erkl\u00e4rlichen Grund manche Leute hassen und andere lieben. Letztere fordern sie durch ihr eigenth\u00fcmliches Grunzen auf, ihnen zu schmeicheln und sie in den Haaren zu krauen, nach den Ersteren hauen sie w\u00fcthend mit den Klauen und zeigen ihnen die wei\u00dfen Eckz\u00e4hne, sobald jene dem K\u00e4fig zu nahe kommen. Sie sind zwar schwach, aber klug genug, auch von Denen, welche sie hassen, Futter anzunehmen, lassen sich aber nicht einmal durch ihre Lieblingsspeise vollst\u00e4ndig vers\u00f6hnen. Bennett erz\u00e4hlt, da\u00df sein Gefangener, welcher wie ein Hund auf seinen Namen h\u00f6rte, jedem Rufe Folge leistete und gew\u00f6hnlich gar nich^, daran dachte, von seinen Z\u00e4hnen Gebrauch zu machen, zuweilen wie unsinnig in seinem K\u00e4fig herumlief, immer im Kreise, und dabei heftig nach seinem Schw\u00e4nze bi\u00df. Dann konnte sich Niemand dem K\u00e4fig n\u00e4hern, ohne mit Fauchen, Knurren oder lautem und mi\u00dft\u00f6nendem Geschrei empfangen und mit Bissen bedroht zu werden. Setzte man ihn dann in Freiheit, so war er der beste Kerl von der Welt und Jedermanns Freund.\nDie Beobachtungen, welche Saussure an seinen Gefangenen machte, stimmen mit Vorstehendem im Ganzen vollkommen \u00fcberein; doch finden sich einige anziehende Stellen in dem Bericht dieses Forschers, welche ich meinen Lesern nicht vorenthalten will. \u201eMein zahmer Coati,\" sagt dieser Forscher, \u201ebegleitete mich monatelang auf meiner Reise. Er war an einer d\u00fcnnen Schnur befestigt und versuchte diese auch niemals zu durchbei\u00dfen. Wenn ich ritt, hielt er sich den ganzen Tag lang auf dem Pferde im Gleichgewicht. Zu entfliehen versuchte er nicht und verursachte auch sonst keine St\u00f6rung. Abends befestigte ich ihn an irgend einem Gegenst\u00e4nde oder lie\u00df ihn auch wohl im Hofe frei umhergehen. Trotz seiner Sanftheit hatte er doch immer Augenblicke von Zorn und suchte zu bei\u00dfen; eine einfache Strafe aber brachte ihn zur Ruhe. Ein weibliches Thier, welches ich mir in demselben Jahre verschaffte, besa\u00df ein noch sanfteres Wesen, als das M\u00e4nnchen. Beide nahmen ganz au\u00dferordentlich schnell zu.\"\n\u201eIm Jahre 1856 nahm ich sie mit mir nach Europa und lie\u00df sie die Reise durch die Vereinigten","page":637},{"file":"p0638.txt","language":"de","ocr_de":"638 Die Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Einsamer und geselliger Coati. Wickelb\u00e4r.\nStaaten machen. Zu diesem Behufe brachte ich sie in eine Kiste mit Scheidew\u00e4nden, welche sich vermittelst getrennter Deckel \u00f6ffnete. Wir hatten \u00f6fters sehr starke K\u00e4lte, Schnee und Eis, alsdann lagen die Coatis zusammengekauert im Stroh, und wenn man den Deckel aufhob, zeigten sie durchaus keine Lust herauszukommen.\"\n\u201eDas-M\u00e4nnchen zeigte schon vor seiner v\u00f6lligen Ausbildung Neigung zum Bei\u00dfen. Sei es nun aus Langerweile in seinem engen Haus oder da\u00df es scherzen wollte, es suchte die Finger zu erhaschen, welche man durch die Luftl\u00f6cher steckte, und bei meiner Ausschiffung in Frankreich wurde einem Zollbeamten der Finger blutig gebissen, der allzuneugierig die an einem der L\u00f6cher erscheinende fleischige Nase untersuchen wollte.\"\n\u201eMehrere Monate behielt ich sodann meine Coatis auf dem Lande nicht weit von Genf. Sie schienen Gefallen an der Gesellschaft des Menschen zu haben und folgten mir selbst auf Spazierg\u00e4ngen, indem sie sich immer rechts oder links wendeten, um auf B\u00e4ume zu klettern oder L\u00f6cher in die Erde zu graben. Sie hatten einen muntern, scherzhaften Charakter und liebten Affenstreiche. Sobald sie auf ihrem Wege einem Vor\u00fcbergehenden begegneten, st\u00fcrzten sie auf ihn los, kletterten ihm die Beine hinauf, waren in einer Sekunde auf seiner Schulter, sprangen wieder auf die Erde zur\u00fcck und flohen blitzschnell davon, entz\u00fcckt, eine Eulmspiegelei ausgef\u00fchrt zu haben. Da nun aber ein solches Abenteuer den meisten Vor\u00fcbergehenden mehr l\u00e4stig, als>mgenehm war, so sah ich mich bald gen\u00f6thigt, meinen B\u00e4ren das freie Umherlaufen zu versagen. Uebrigens wurde Dies Tag f\u00fcr Tag n\u00f6thiger; denn je mehr sie die Freiheit kennen lernten, umsoweniger schienen sie sich um ihren Herrn zu bek\u00fcmmern. Sie gingen \u00fcberaus gern spazieren, aber jeweiter sie sich entfernt halten, destoweniger wollte ihnen die R\u00fcckkehr gefallen, und ich war oft gen\u00f6thigt, sie aus einer Entfernung von einer Viertelmeile holen zu lassen.\"\n\u201eMan hielt sie nun an langen Schnuren auf einer Wiese, und sie belustigten sich damit, die Erde aufzukratzen und nach Kerfen zu suchen, dachten aber auch jetzt nicht daran, die Schnur zu durchbei\u00dfen. Dies war im Sommer, und sie hatten also Nichts von der K\u00e4lte zu leiden. Leider h\u00f6rten Kinder und Neugierige nicht auf, sie mit St\u00f6cken zu reizen, und so zerst\u00f6rten sie in ihnen das wenige Gute, was \u00fcberhaupt noch vorhanden war. Nachdem die Thiere zwei Monate in freier Luft gelebt hatten, begannen sie, uns erst recht zu schaffen zu machen. Manchmal machten sie sich doch los und liefen ins Weite, nun mu\u00dfte man sich aufmachen, um sie zu suchen. Am h\u00e4ufigsten fand man sie auf den gro\u00dfen B\u00e4umen der benachbarten D\u00f6rfer. Einige Male verwickelte sich die Schnur, welche sie nachschleppten, und schn\u00fcrte ihnen den Hals ein; man fand sie dann halb ohnm\u00e4chtig oben h\u00e4ngen. Einmal kostete es viele M\u00fche, das M\u00e4nnchen wieder zum Leben zu bringen. Noch immer waren sie gegen ihre Pfleger leidlich zahm. So verbrachten sie oft mehrere Stunden mit Schlafen und Spielen auf dem Schose einer Frau, welche vor ihnen keine Furcht hatte und sie auch nicht mit Drohungen erschreckte, ihnen \u00fcberhaupt sehr gewogen war. Nach und nach nahm das M\u00e4nnchen aber einen immer schlimmern Charakter an: sowie man es angriff, bi\u00df es. Da man nun sah, da\u00df Dies gef\u00e4hrlich werden konnte, sperrte man es mit seinem Weibchen in ein leeres und vollkommen abgeschlossenes Zimmer ein. Am n\u00e4chsten Morgen war kein Coati zu sehen, noch zu h\u00f6ren: sie waren in das Kamin geklettert und vom Dach aus an einem kanadischen Weinstock heruntergestiegen. Nachdem sie im Dorfe herumgelaufen waren, begegneten sie noch vor Tagesanbruch einer alten Frau, der sie auf den R\u00fccken sprangen. Die Ungl\u00fcckliche, welche nicht wu\u00dfte, wie ihr geschah, stie\u00df sie, indem sie sich von ihnen befreien wollte. Sie sprangen nun zwar weg, brachten ihr aber doch in der Schnelligkeit noch mehrere bedeutende Bisse bei. Am Morgen fand man sie in einem Geb\u00fcsch. Das M\u00e4nnchen, nicht damit zufrieden, auf die Stimme seines W\u00e4rters nicht gekommen zu sein, leistete sogar beim Fangen noch gro\u00dfen Widerstand. Es wurde nun mit jedem Tage schwieriger, die Thiere freilaufen zu lassen, und ich beschlo\u00df kl\u00fcglich, sie in einen gro\u00dfen K\u00e4fig zu setzen, um neuen Ungl\u00fccksf\u00e4llen vorzubeugen. Dieser K\u00e4fig wurde in den Stall gestellt, aber die Pferde wurden unruhig und schlugen die ganze Nacht durch aus.\"","page":638},{"file":"p0639.txt","language":"de","ocr_de":"Schilderung gefangener Coatis von Saussure.\n639\n\u201eDa nun die Winterk\u00e4lte vor der Th\u00fcr war und ich meine Coatis nicht im Stalle halten konnte, war ich unentschieden, was ich machen sollte, bis ein neuer Fall mich aus der Unentschlossenheit ri\u00df. Das M\u00e4nnchen n\u00e4mlich mi\u00dfbrauchte eines Tages die Freiheit, welche man ihm von Zeit zu Zeit gew\u00e4hrte, und entfloh. Mein Bedienter fand es am Ufer des Sees, gerade damit besch\u00e4ftigt, die Kiesel umzuwenden. Bei seiner Ankunft sprang der Coati zur Seite und stie\u00df sein gew\u00f6hnliches \u00e4rgerliches Zwitschern aus. Man war gew\u00f6hnt, die Coatis immer am Schw\u00e4nze zu fangen, weil sie diesen gerade in die H\u00f6he tragen und, wenn man sie dann mit ausgestrecktem Arme tr\u00e4gt, nicht im Stande sind, sich aufzurichten. So gab man ihnen keine Gelegenheit, ihre Krallen und Zehen zu benutzen, und wenn man sie nachher wieder auf den Boden setzte, zeigten sie gew\u00f6hnlich gar keinen Groll. Mein Bedienter, welcher unsern Fl\u00fcchtling auf dieselbe Weise gepackt hatte, hielt ihn aber dieses Mal nicht weit genug von seinem K\u00f6rper ab, und es gelang dem Thiere, diesen zu erreichen und sich emporzuheben. Jetzt zeigte es einen gro\u00dfen Zorn. Gegen seine Gewohnheit lie\u00df es sich nicht in den Armen seines W\u00e4rters tragen, sondern befreite sich mit Lebhaftigkeit und grub ihm die scharfen Z\u00e4hne in den Hals ein, wodurch er ihm zwei schreckliche Wunden beibrachte. Einen Augenblick nachher schien es diese That zu bereuen und lie\u00df sich ruhig wegtragen. Ein so gro\u00dfer Unfall brachte mich zu dem Entschlu\u00df, mich der Thiere zu entledigen, und daTch nicht wu\u00dfte, wie ich sie an einen zoologischen Garten gelangen lassen konnte, beschlo\u00df ich ihren Tod.\"\n\u201eAus dem Angegebenen geht die gro\u00dfe Beweglichkeit ihres geistigen Wesens hervor. Sie liebten es, sich in der Wonne der Liebkosung zu verlieren, aber sie beschr\u00e4nkten sich darauf, dieselbe zu empfangen, und sie wu\u00dften sie nicht anders zur\u00fcckzugeben, als da\u00df sie den Leuten plump auf R\u00fccken und Schulter sprangen, mehr zum Zeitvertreib, als aus Freundschaft.\" \u2014\nMeines Wissens hat man die Nasenb\u00e4ren noch nirgends bei uns zur Fortpflanzung gebracht. \u201eAuch in Paraguay,\" sagt Rengger, \u201eist kein Beispiel bekannt, da\u00df sich der Coati in der Gefangenschaft begattet h\u00e4tte, obgleich man beide Geschlechter viele Jahre neben einander gehalten und ihnen m\u00f6glichste Freiheit gegeben hatte.\"\nManche ertragen die Gefangenschaft viele Jahre hindurch bei bestem Wohlsein, andere gehen ein, ohne da\u00df man eigentlich einen Grund anzugeben w\u00fc\u00dfte. In der Freiheit m\u00f6gen sie, einer Sch\u00e4tzung Renggers zu Folge, zehn bis f\u00fcnfzehn Jahre alt werden.\nEs ist noch nicht allzulange her, da\u00df ein Thierf\u00fchrer in der Stadt Paris mit Fug und Recht erkl\u00e4ren konnte, er zeige ein den Naturforschern noch unbekanntes Thier, welches er aus Amerika erhalten habe. Und um dieselbe Zeit, \u2014 im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, \u2014 kam dasselbe Thier auch nach London und besch\u00e4ftigte die Naturforscher dort ebenso eifrig, wie in Paris. Dieses r\u00e4thselhafte Gesch\u00f6pf war ein Wickelb\u00e4r, welcher damals wirklich so gut als noch nicht bekannt war. Oken glaubt zwar, da\u00df schon Hernandez den Wickelb\u00e4ren meint, wenn er von seinem Baumwiesel oder \u201eQuauh-Tenzo\" spricht; doch sind die Angaben zu d\u00fcrftig, als da\u00df wir sie mit Sicherheit benutzen k\u00f6nnten. Erst Alexander von Humboldt hat uns genauere Nachrichten gegeben. Vor ihm hat kein Thier den Naturforschern soviel Schwierigkeiten verursacht, als gerade unser Wickelb\u00e4r. Einige sahen ihn als einen Lemur an Und nannten ihn deshalb Lemur flavus; Andere glaubten in ihm, das von den Halbaffen g\u00e4nzlich abweichende Gebi\u00df beachtend, eine Schleichkatze zu erblicken und reihten ihn daher unter diesen ein unter dem Namen mexikanisches Wiesel (Viverra caudivolvula); doch wollte auch hier der Wickelschwanz nicht recht passen und noch weniger das Gebi\u00df, welches sich namentlich durch die stumpfen Kauz\u00e4hne auszeichnet und auf gemischte Nahrung deutet. Zuletzt stellte man ihn mit einem andern, nicht minder eigenth\u00fcmlichen Gesch\u00f6pf, zu den B\u00e4ren.\nDer Wickelb\u00e4r, Kinnkaju, Manav iri oder Cuchumbi, wie das Thier in seiner Heimat, dem n\u00f6rdlichen Brasilien, genannt wird, gilt mit Recht als Vertreter einer besondern Sippe (Cercoleptes).","page":639},{"file":"p0640.txt","language":"de","ocr_de":"640\nDie Raubthiere. \u2014 B\u00e4ren. Wickelb\u00e4r.\nEr ist ein durchaus eigenth\u00fcmliches Gesch\u00f6pf, gleichsam eine Mittelgestalt zwischen B\u00e4r und Marder, wie der Eoati als Mittelglied zwischen B\u00e4r und Schleichkatze oder der Waschb\u00e4r als solches zwischen den B\u00e4ren und Affen betrachtet werden kann. Der sehr gestreckte, aber plumpe Leib steht auf ganz niederen Beinen, der Kopf ist ungemein kurz und dick, die Schnauze sehr kurz, die Augen sind m\u00e4\u00dfig gro\u00df, die Ohren klein, die f\u00fcnf Zehen halb verwachsen und mit starken Krallen bewehrt, die Sohlen sind nackt. Der Schwanz ist mehr als k\u00f6rperlang und ein ebenso vollkommener Wickelschwanz, wie der mancher Beutelthiere oder der Br\u00fcllaffen. Ihm dankt er seinen Namen Cercoleptes caudivolvulus. Erwachsen mi\u00dft der Wickelb\u00e4r \u00fcber 21/2 Fu\u00df, wovon IV2 Fu\u00df auf den Schwanz kommen, bei 6V4 Zoll Schulterh\u00f6he. Die sehr dichte, ziemlich lange, etwas gekrauste, weiche, sammetartig gl\u00e4nzende Behaarung ist auf der Ober- und Au\u00dfenseite lichtgraulichgelb mit einem schwachr\u00f6thlichen Anfluge und schwarzbraunen Wellen, welche namentlich am Kopf und am R\u00fccken deutlich hervortreten. Jedes Einzelhaar ist an der Wurzel grau, wird dann gelbr\u00f6thlich und endigt in eine schwarzbraune Spitze. Vom Hinterhaupt zieht sich ein breiter und sicher begrenzter, dunkler\nDer Wickelb\u00e4r (Cercoleptes caudivolvulus).\nStreifen l\u00e4ngs des R\u00fcckgrates bis zur Schwanzwurzel. Die Unterseite ist r\u00f6thlichbraun, gegen den Bauch hin lichter, die Au\u00dfenseite der Beine ist schwarzbraun. Auch \u00fcber die Mitte des Bauches verl\u00e4uft ein dunkelrostbrauner Streifen. Der Schwanz ist an der Wurzel braun, in der letzten H\u00e4lfte fast schwarz.\nGegenw\u00e4rtig wissen wir, da\u00df der Wickelb\u00e4r weit verbreitet ist. Er findet sich im ganzen n\u00f6rdlichen Brasilien, in Neu-Granada, Peru, Guiana, Mejiko, ja noch im s\u00fcdlichen Luisiana und Florida. Nach Humboldt ist er besonders am Rio Negro und in Neu-Granada h\u00e4ufig. Er lebt in den Urw\u00e4ldern, mehr in der N\u00e4he von gro\u00dfen Fl\u00fcssen und zwar auf B\u00e4umen. Seine Lebensweise ist eine vollkommen n\u00e4chtliche; den Tag verschl\u00e4ft er in hohlen B\u00e4umen, des Nachts aber zeigt er sich sehr lebendig und klettert au\u00dferordentlich gewandt und geschickt in den hohen Baumkronen umher, seiner Nahrung nachgehend. Dabei leistet ihm sein Wickelschwanz vortreffliche Dienste. Er giebt kaum einem Affen an Klettergewandtheit Etwas nach. Alle seine Bewegungen sind \u00e4u\u00dferst geschickt und sicher. Er kann sich mit den Hinterf\u00fc\u00dfen oder mit dem Wickelschwanze an Aesten und Zweigen","page":640},{"file":"p0641.txt","language":"de","ocr_de":"Ein Mittelglied. Beschreibung. Heimat. Nahrung. Benehmen Gefangener.\t641\nfesthalten und so gut an einen Baum klammern, da\u00df er mit dem Kopf voran zur Erde herabzusteigen vermag. Beim Gehen tritt er mit der ganzen Sohle auf.\nSeine Nahrung besteht in kleinen S\u00e4ugethieren, V\u00f6geln und deren Eiern, Kerbthieren und deren Larven, Honig und s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchten, namentlich Bananen oder Paradiesfeigen. Dem Honig soll er mit besonderer Liebhaberei nachstellen und viele wilde Bienenst\u00f6cke zerst\u00f6ren, weshalb er von den Indianern geha\u00dft wird und von den Mission\u00e4ren den Namen Oso melero Honigb\u00e4r erhalten hat. Zur Ausbeutung der Bienenst\u00f6cke benutzt er seine merkw\u00fcrdig lange und vorstreckbare Zunge, mit welcher er in die schm\u00e4lste Ritze, in das kleinste Loch greifen und die dort befindlichen Gegenst\u00e4nde herausholen kann. Diese Zunge soll er durch die Flugl\u00f6cher der Bienen bis tief in den Stock stecken, mit ihr die Waben zertr\u00fcmmern und dann den Honig auflecken; sie soll ihm gleichsam den R\u00fcssel des Elefanten ersetzen. In der Freiheit ist das Thier ziemlich blutgierig und grausam, scheint aber dennoch Pflanzennahrung dem Fleische vorzuziehen.\nUeber die Fortpflanzung des sonderbaren Gesellen wissen wir noch gar Nichts; doch schlie\u00dft man aus seinen zwei Zitzen, da\u00df er h\u00f6chstens zwei Junge werfen kann. In der Gefangenschaft hat er sich noch nirgends fortgepstanzt.\nAlle Naturforscher, welche den Wickelb\u00e4ren bis jetzt beobachteten, sind darin einstimmig, da\u00df er dem Menschen gegen\u00fcber sanft und gutm\u00fcthigst und sehr bald sich ebenso zutraulich und schmeichelhaft zeigt, wie ein Hund, Liebkosungen gern annimmt, die Stimme seines Herrn erkennt und die Gesellschaft des Menschen der seiner eignen Art vorzieht. Er fordert seinen Pfleger geradezu auf, mit ihm zu spielen und sich mit ihm zu unterhalten. Deshalb geh\u00f6rte er in den gem\u00e4\u00dfigtsten Theilen von Neu-Granada ehemals zu den beliebtesten Hausthieren der Eingebornen. Auch in der Gefangenschaft schl\u00e4ft er fast den ganzen Tag. Er deckt dabei seinen Leib, vor allem aber den Kopf, mit dem Schw\u00e4nze zu. Legt man ihm Nahrung vor, so erwacht er wohl, bleibt aber blos solange munter, als er fri\u00dft. Nach Niedergang der Sonne wird er wach, tappt anfangs mit lechzender Zunge unsichern Schrittes umher, sp\u00e4ht nach Wasser, trinkt, putzt sich und wird nun lustig und aufger\u00e4umt, springt, klettert, treibt Possen, spielt mit seinem Herrn, l\u00e4\u00dft das sanfte Pfeifen ert\u00f6nen, aus welchem seine Stimme besteht, oder knurrt kl\u00e4ffend, wenn er erz\u00fcrnt wird, wie ein junger Hund. Oft sitzt er auf den Hinterbeinen und fri\u00dft, wie die Affen, mit Hilfe der Tatzen, wie er \u00fcberhaupt in seinem Betragen ein merkw\u00fcrdiges Gemisch von den Sitten der B\u00e4ren, Hunde, Affen und Zibetthiere zur Schau tr\u00e4gt. Auch seinen Wickelfchwanz benutzt er nach Affenart und zieht mit ihm Gegenst\u00e4nde an sich heran, welche er mit den Pfoten nicht erreichen kann. Gegen das Licht ist er sehr empfindlich. Schon beim ersten Tagesd\u00e4mmern sucht er einen dunkeln Ort auf und sein Augenstern zieht sich zu einem ganz kleinen Punkte zusammen. ReK man das Auge durch vorgehaltenes Licht, so giebt er sein Mi\u00dfbehagen durch eine eigenth\u00fcmliche Unruhe in allen seinen Bewegungen zu erkennen. Er fri\u00dft Alles, was man ihm reicht: Brod, Fleisch, Obst, gekochte Kartoffeln, Gem\u00fcse, Zucker, eingemachte Sachen; er trinkt Milch, Kaffee, Wasser, Wein, sogar Branntwein, wird von geistigen Getr\u00e4nken betrunken und mehrere Tage krank. Ab und zu greift er auch einmal Gefl\u00fcgel an, tobtet es, saugt ihm das Blut aus und l\u00e4\u00dft es liegen. Nach recht lebhafter Bewegung me\u00dft er zuweilen \u00f6fters hinter einander. Im Zorn zischt er, wie eine Gans, und schreit endlich heftig. So zahm er auch wird, so eifrig ist er bedacht, seine Freiheit wiederzuerlangen. Ein alter Wickelb\u00e4r, welchen Humboldt besa\u00df, entfloh w\u00e4hrend der Nacht in einem Walde, erw\u00fcrgte aber noch vorher zwei Felsenh\u00fchner, welche zu der Thiersammlung des gro\u00dfen Forschers geh\u00f6rten, und nahm sie gleich als Nahrungsmittel f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit mit sich fort.\nIch kann vorstehende Schilderung, welche im Wesentlichen Humboldt nacherz\u00e4hlt ist, durchaus best\u00e4tigen. Der Hamburger Thiergarten besitzt seit vorigem Fr\u00fchjahre (1863) einen Wickelb\u00e4ren, welcher dem eben Mitgetheilten in allen St\u00fccken entspricht. Er ist ein h\u00f6chst liebensw\u00fcrdiges Gesch\u00f6pf. Ich kaufte ihn in einer Thierbude und gewann mir bald seine Zuneigung, weil ich ihn liebkoste, so oft ich zu ihm kam. Er erkannte meine Freundschaft bald an und gestattete mir ohne Wider-\nBrehm, Thierleben.\t4L","page":641},{"file":"p0642.txt","language":"de","ocr_de":"642\nDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Wickelb\u00e4r. Binturong.\nstreben eine Behandlung, gegen welche er sich Anderen gegen\u00fcber zu verwahren wei\u00df. Ich darf ihn jetzt sogar aus dem Schlafe wecken, ohne seinen Zorn zu erregen.\nAuch er bringt den gr\u00f6\u00dften Theil des Tages schlafend zu. Dabei liegt er zusammengerollt auf der Seite, den R\u00fccken nach dem Lichte gekehrt. Gegen Abend, immer ungef\u00e4hr zu derselben Zeit, wird er munter, dehnt und reckt sich, g\u00e4hnt und streckt dabei die Zunge lang aus dem Maule heraus. Dann tappt er geraume Zeit bed\u00e4chtig und sehr langsam im K\u00e4fig umher. Sein Gang ist sehr eigenth\u00fcmlich und entschieden ungeschickt. Er setzt seine krummen Dachsbeine soweit nach innen, da\u00df er den Fu\u00df der einen Seite beim Ausschreiten fast, oft aber wirklich, \u00fcber den der andern wegheben mu\u00df. Im Klettern zeigt er sich viel geschickter; eigentlich gewandt aber ist er nicht. Den Wickelschwanz benutzt er fortw\u00e4hrend. Zuweilen h\u00e4lt er sich mit ihm und den beiden Hinterf\u00fc\u00dfen frei an einem Aste, den Leib wagrecht vorgestreckt.\nEr fri\u00dft alles Genie\u00dfbare, welches wir ihm geben, am liebsten Fr\u00fcchte, gekochte Kartoffeln und gesottenen Reis. Wenn ich ihm einen kleinen Vogel vorwerfe, naht er sich h\u00f6chst bed\u00e4chtig, beschnuppert ihn sorgf\u00e4ltig, bei\u00dft dann zu und h\u00e4lt den Erfa\u00dften beim Fressen mit beiden Vorderf\u00fc\u00dfen fest. Er fri\u00dft langsam und, ich m\u00f6chte so sagen, liederlich.; er zerrei\u00dft und zerfetzt die Nahrung, bei\u00dft auch, entschieden mit M\u00fche, immer nur kleine St\u00fccken von ihr ab und kaut diese langsam vor dem Verschlingen. Eigentlich blutgierig ist er nicht, obgleich er seine Raubthiernatur nicht, verleugnet.\nSchwer d\u00fcrfte es halten, einen gem\u00fcthlichern Burschen, als er einer ist, zum Hausgenossen zu finden. Er ist hingebend, wie ein Kind. Liebkosungen machen ihn ganz gl\u00fccklich. Er schmiegt sich z\u00e4rtlich Dem an, welcher ihm schmeichelt, und scheint durchaus keine T\u00fccke zu besitzen. Unwillig wird er nur dann, wenn man ihn ohne weiteres aus seinem s\u00fc\u00dfesten Schlafe weckt. Ermuntert man ihn durch Anrufen und l\u00e4\u00dft ihm Zeit zum Wachwerden, so ist er auch bei Tage das liebensw\u00fcrdige Gesch\u00f6pf, wie immer. \u2014\nObgleich der Wickelb\u00e4r auch in Europa die Gefangenschaft gut vertr\u00e4gt und ohne Beschwerde ern\u00e4hrt werden kann, sieht man ihn doch sehr selten lebend bei uns, mir ist es unbekannt, warum. Er kann nicht besonders schwer zu erlangen sein und geh\u00f6rt zu denjenigen Thieren, welche unter allen Umst\u00e4nden die Aufmerksamkeit der Beschauer zu fesseln wissen, also doppelt willkommene Erwerbungen f\u00fcr Thierg\u00e4rten oder Thierschaubuden sind.\nEinige Forscher reihen dem Wickelb\u00e4ren ein noch weit weniger bekanntes Thier an, w\u00e4hrend Andere ihm unter den Zibetthieren seine Stelle anweisen wollen. Ich schlie\u00dfe mich, nachdem ich das betreffende Raubthier lebend gesehen habe, den Ersteren an.\nDer Binturong (Arctitis \u2014 Ictitis \u2014 Binturong) steht bis jetzt ebenso einzeln da, als der Wickelb\u00e4r. Er allein vertritt seine Sippe. Dem Wickelb\u00e4ren \u00e4hnelt er hinsichtlich seines Gebisses und wegen seines wenigstens greiff\u00e4higen Schwanzes, den Zibetthieren durch seinen Leibesbau. Den einen wie die anderen \u00fcbertrifft er an Gr\u00f6\u00dfe. Ein erwachsenes M\u00e4nnchen wird reichlich vier Fu\u00df lang, wovon die H\u00e4lfte auf den Schwanz kommt; das Weibchen ist nur wenig kleiner. Der Leib ist kr\u00e4ftig, der Kopf dick, die Schnauze verl\u00e4ngert, der Schwanz lang; die Beine sind kurz und st\u00e4mmig, die F\u00fc\u00dfe nacktsohlig, f\u00fcnfzehig, mit ziemlich starken, nicht einziehbaren Krallen bewehrt. Ein dichter, ziemlich rauhhaariger, lockerer Pelz bekleidet den Leib. Das Haar bildet an den kurzen, abgerundeten \u00d6hren Pinsel, ist aber auch am Leibe und besonders am Schw\u00e4nze auffallend lang, \u00fcberhaupt nur an den Gliedern kurz. Dicke, wei\u00dfe Schnurren zu beiden Seiten der Schnauze umgeben das Gesicht wie mit einem Strahlenkr\u00e4nze. Die F\u00e4rbung ist ein mattes Schwarz, welches auf dem Kopfe ins Grauliche, an den Gliedma\u00dfen ins Br\u00e4unliche \u00fcbergeht. Das Weibchen soll grau, das Junge gelblich aussehen, weil die Spitzen der \u00fcbrigens schwarzen Haare die entsprechenden F\u00e4rbungen zeigen. Wei\u00dflich erscheinen die Ohrr\u00e4nder und Augenbrauen.","page":642},{"file":"p0643.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung des Binturong.\n643\nSumatra, Java, Malakka, Butan und Nepal sind, soweit jetzt bekannt, die Hermat dieses wirklich sch\u00f6nen Thieres. Major Farquhar entdeckte es, Raffles beschrieb es zuerst; spatere Reisende sandten B\u00e4lge nach Europa, und Rawson endlich machte im Jahre 1855 dem Thiergarten in Regents-Park zu London ein lebendes M\u00e4nnchen zum Geschenk. Dieses habe ich tm Fr\u00fchjahre\n1S63 dort noch im besten Wohlsein angetroffen.\t_\nDie Lebensbeschreibung des Binturong ist \u00fcberaus d\u00fcrftig. Er lebt in den W\u00e4ldern und n\u00e4hrt sich schlecht und recht nach anderer Raubthiere Art. Hiermit ist die Schilderung seines Freilebens gegeben; denn mehr wei\u00df man eben noch nicht.\n-o>\nDer Binturong (Arctitis \u2014 Ictitis \u2014 Binturong).\nAuch \u00fcber die Leiden Gefangenen, welche man beobachtete, ist \u00e4u\u00dferst wenig berichtet worden, nur etwa Folgendes: Der Binturong ist ein Nachtthier, welches bei Tage in sich zusammengerollt schl\u00e4ft und zwar so fest, da\u00df es kaum ermuntert werden kann, auch jede St\u00f6rung durch w\u00fcthendes Knurren und Z\u00e4hnefletschen beantwortet, nach diesen Gef\u00fchlserg\u00fcssen aber sich wiederum zusammenrollt und weiterschl\u00e4ft. (Der Gefangene des Londoner Gartens, welcher mir zu Gefallen geweckt wurde, gab jedoch keine derartigen Beweise einer gest\u00f6rten Gem\u00fcthsruhe, sondern zeigte sich viel umg\u00e4nglicher.) Mit Einbruch der Nacht wird das Thier munter, fri\u00dft, thierische wie pflanzliche Nahrung, sehr gern Fr\u00fcchte, Eier und V\u00f6gel, und klettert dann langsam, aber geschickt auf den Baumst\u00e4mmen umher wobei es seinen ungew\u00f6hnlich starken Wickelschwanz fortw\u00e4hrend benutzt, wie ich beobachtete,","page":643},{"file":"p0644.txt","language":"de","ocr_de":"644\tDie Raubthiere. B\u00e4ren. \u2014 Panda. \u2014 Kerbthierfresser im Allgemeinen.\nauch im Weiterklettern, indem es ihn dann einfach lockert und auf dem Ast oder Baumstamm fortschleift, ohne jedoch die Umschlingung zu l\u00f6sen. Seine Fre\u00dflust soll in keinem Verh\u00e4ltni\u00df zu seiner Gr\u00f6\u00dfe stehen, jedoch leicht zu befriedigen sein, weil der Binturong durchaus kein Kostver\u00e4chter und gekochter Reis bekannterma\u00dfen ein sehr billiges Nahrungsmittel ist.\nAuch das letzte Mitglied der B\u00e4renfamilie bildet eine besondere Sippe, welches man Katzenb\u00e4r (Ailurus) genannt hat. Der Panda (Ailurus refulgens) hat eine Gestalt, welche zwischen Waschb\u00e4r und Katze in der Mitte steht. Sein K\u00f6rper erscheint wegen des dichten und weichen Pelzes plumper, als er ist; der langbehaarte Kopf ist sehr kurz und fast katzenartig. Die Schnauze ist kurz und breit, die Ohren sind gro\u00df, der lange Schwanz schlaff und buschig behaart, daher sehr dick. Die niederen Beine haben behaarte Sohlen und kurze Zehen mit starkgekr\u00fcmmten, spitzen, halbeinziehbaren Krallen. In der Gr\u00f6\u00dfe \u00e4hnelt das Thier ungef\u00e4hr einer Hauskatze. Seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt\nDer Panda (Ailurus refulgens).\nzwanzig, die des Schwanzes dreizehn und die H\u00f6he am Widerrist neun Zoll. Die Behaarung besteht aus Woll- und Grannenhaaren und ist dicht, weich, glatt und sehr lang, weshalb auch der Panda viel dicker erscheint, als es wirklich ist. Auf der Oberseite ist er lebhaft und gl\u00e4nzend dunkelroth gef\u00e4rbt, auf dem R\u00fccken mit lichtgoldgelbem Anfluge, weil hier die Haare in gelbe Spitzen enden. Die Unterseite ist gl\u00e4nzend schwarz, ebenso sind die Beine gef\u00e4rbt, doch zieht sich eine dunkelkastanienrothe Querbinde \u00fcber ihre Au\u00dfen- und Vorderseite, Scheitel und Stirn spielen ins Lichtgelbe, die langen Wangenhaare sind wei\u00df, nach r\u00fcckw\u00e4rts rostgelblich. Eine rostrothe Binde verl\u00e4uft unterhalb der Augen zum Mundwinkel und trennt die wei\u00dfe Schnauze von den Wangen. Das Kinn ist wei\u00df, die Ohren sind au\u00dfen mit schwarzrothen, innen mit langen, wei\u00dfen Haaren besetzt. Der Schwanz ist fuchsroth mit undeutlichen, lichteren, schmalen Ringen.\nDie Heimat d.es Panda ist das Gebirgsland s\u00fcdlich des Himalaya, zwischen Nepal und den Schneebergen. Hier lebt er in W\u00e4ldern, welche in bedeutender H\u00f6he liegen, am liebsten auf B\u00e4umen, in der N\u00e4he von Fl\u00fcssen und Alpenb\u00e4chen. Er klettert vortrefflich und jagt nach kleinen V\u00f6geln und deren Eiern, S\u00e4ugethieren und Kerbthieren, nimmt aber auch gern Fr\u00fcchte zu sich. Ein lauter Ruf,","page":644},{"file":"p0645.txt","language":"de","ocr_de":"645\nKennzeichnung und Heimat des Panda.\ndm man oft von ihm h\u00f6rt, klingt tote Wah, weshalb er anch bei den Eingebornen den Namen Hitwah erhielt. Genaueres \u00fcber seine Lebensweise ist nicht bekannt. Aus den vier Zitzenpaaren des Weibchens schlie\u00dft man, da\u00df er viele Junge Wersen mag. Dies ist Alles, was wir missen; denn anch \u00fcber das Gefangenleben fehlen zur Zeit noch alle Berichte.\n* *\n*\nDie zweite Hauptabtheilung der Raubs\u00e4uger umfa\u00dft die drei'Familien, welche sich vorzugsweise von Kerbthieren n\u00e4hren. Wollte man die Nahrung allein ber\u00fccksichtigen, so m\u00fc\u00dfte man noch dre Flederm\u00e4use zu ihnen rechnen: Dem widerstreitet aber der Leibesbau der Letzteren, wenn auch das Gebi\u00df mit den \u00fcbrigen Kerbthierr\u00e4ubern die entschiedenste Aehnlichkeit hat. Wir k\u00f6nnen die jetzt zu besprechenden Familien als Bindeglieder zwischen den Raubthieren und Flederm\u00e4usen betrachten. Diesen \u00e4hneln die Kerfr\u00e4uber auch in der geringern Gr\u00f6\u00dfe ihres Leibes und in der ganzen Lebensweise. Bei weitem die meisten Mitglieder der drei Familien sind kleine Gesch\u00f6pfe; denn die Kerbthrere sind nicht so nahrunghaltig, da\u00df ein gro\u00dfes Raubthier, bei uns zu Lande wenigstens, sich von ihnen ausschlie\u00dflich ern\u00e4hren k\u00f6nnte; bed\u00fcrfen doch selbst die kleinen R\u00e4uber eines t\u00e4glichen Bedarfs an Nahrung, welcher ihr eignes K\u00f6rpergewicht erreicht oder noch \u00fcbertrifft. Den kerbthierfressenden Flederm\u00e4usen stehen daher unsere Thiere in der Gefr\u00e4\u00dfigkeit nicht im geringsten nach. Hierzu kommt nun noch, da\u00df die meisten der kleinen Raubgesellen Nachtthiere sind, wodurch sie wiederum mit den Flederm\u00e4usen \u00fcbereinstimmen. Somit haben die Einen mit den Anderen in ihrem Leben allerdings Vieles gemein; in jeder andern Hinsicht aber unterscheiden sie sich ganz wesentlich von einander. ^\nDie Kerfj\u00e4ger sind meist S\u00e4ugethiere von unsch\u00f6nem, h\u00e4\u00dflichem Aeu\u00dfern und durch merkw\u00fcrdige Verk\u00fcmmerung gewisser Theile, sowie auch wieder durch auffallende Vergr\u00f6\u00dferung anderer ausgezeichnet. In der Leibesbildung entfernen sie sich am weitesten von den allgemeinen Grundz\u00fcgen des Baues der Raubthiere. Ihre Gestalten sind die manchfaltigsten in der ganzen Ordnung. Der Leib ist in den meisten F\u00e4llen gedrungen; die Gliedma\u00dfen, h\u00f6chstens mit Ausnahme des Schwanzes, sind verk\u00fcrzt; die Nase ist nicht selten r\u00fcsselartig verl\u00e4ngert; die Ohren schwanken zwischen sehr verschiedenem Ma\u00dfe; die Sinneswerkzeuge sind eines Theils sehr ausgebildet und auf der andern Seite merkw\u00fcrdig, ja fast vollkommen verk\u00fcmmert, und so mu\u00df oft ein Sinn den andern \u00fcbertragen. Mit dieser Leibesbildung stehen die geistigen F\u00e4higkeiten im Einklang. Unsere Thiere sind stumpfe, m\u00fcrrische, mi\u00dftrauische, schaue, die Einsamkeit liebende und heftige Gesellen. Aus diesen Eigenschaften, sowie aus dem Leibesbau geht wieder ihre eigenth\u00fcmliche Lebensweise hervor. Bei weitem die meisten leben unterirdisch, grabend und w\u00fchlend oder wenigstens in sehr tief verborgenen Schlupfwinkeln; einige bewohnen auch das Wasser und andere die B\u00e4ume. Durch ihre erstaunliche Th\u00e4tigkeit thun sie der Vermehrung der sch\u00e4dlichen Kerfe und W\u00fcrmer, der Schnecken und anderer niederer Thiere, ja selbst auch der Ausbreitung mancher kleinen Nager wesentlichen Abbruch. Sie sind also fast ohne Ausnahme h\u00f6chst n\u00fctzliche Arbeiter im Weinberge: aber sie werden dennoch nur von dem Naturkundigen erkannt und geachtet; die gro\u00dfe Menge verabscheut sie. Man sieht hierin, wie Vogt sagt, so recht die Wahrheit des alten Sprichwortes, da\u00df die Nacht keines Menschen Freund ist. \u201eWas nur irgend in der Dunkelheit fleugt und kreucht, wird von dem Volksgef\u00fchle schon ohne weitere Untersuchung geha\u00dft und verabscheut, und es h\u00e4lt au\u00dferordentlich schwer, der Allgemeinheit die Ueberzeugung beizubringen, da\u00df die Sp\u00e4her und H\u00e4scher, welche dem im Dunkeln schleichenden Verderber aus die Spur kommen wollen, auch den G\u00e4ngen desselben nachsp\u00fcren m\u00fc\u00dfen, und nicht am hellen Tageslicht ihrer Verfolgung obliegen k\u00f6nnen.\"\n\u201eEin Blick in den ge\u00f6ffneten Rachen eines Kerfj\u00e4gers \u00fcberzeugt uns unmittelbar, da\u00df diese Thiere nur Fleischfresser sein k\u00f6nnen, noch fleischfressender, wenn man sich so ausdr\u00fccken darf, als Katzen und Hunde, die das System vorzugsweise Fleischfresser nennt. Die beiden Kiefern starren","page":645},{"file":"p0646.txt","language":"de","ocr_de":"646\nDie Raubthiere. Kerbthierfresser im Allgemeinen. \u2014 Igel.\nvon Spitzen und gesch\u00e4rften Zacken; dolch\u00e4hnliche Zahnklingen treten bald an der Stelle der Eckz\u00e4hne, bald weiter hinten \u00fcber die Ebene der Kronzacken hervor; scharfe Piramiden, den Spitzen einer auf zwei Reihen doppelt gesch\u00e4rften S\u00e4ge \u00e4hnlich, wechseln mit Zahnformen, welche den Klingen der englischen Taschenmesser nicht un\u00e4hnlich sind. Die ganze Einrichtung weist darauf hin, da\u00df die Z\u00e4hne dazu bestimmt sind, selbst hartschalige Insekten, wie K\u00e4fer, zu packen und zu halten. Diese Charaktere k\u00f6nnen nicht tr\u00fcgen, denn, wie Savarin, der ber\u00fchmte franz\u00f6sische Gastronom, den Satz aufstellen konnte: \u201eSage mir, was Du issest, und ich sage Dir, was Du List;\" so kann man auch von den S\u00e4uge-thieren sagen: \u201eZeige mir Deine Z\u00e4hne, und ich sage Dir, was Du issest und wer Du bist.\" Der Kerbthierfresser kaut und mahlt nicht mit seinen Z\u00e4hnen; er bei\u00dft und durchbohrt nur. Seine Zahnkronen werden nicht von oben her abgerieben, sondern nur gesch\u00e4rft durch das seitliche Ineinandergreifen der Zacken des Gebisses. Man nehme sich nur die M\u00fche, das Gebi\u00df eines kleinen Nagers, z. B. einer Ratte, mit demjenigen einer Fledermaus oder eines Maulwurfs zu vergleichen, und das unterscheidende Gepr\u00e4ge Beider wird mit gr\u00f6\u00dfter Bestimmtheit in die Augen springen. Das Gebi\u00df einer Hufeisennase, zu den Ma\u00dfen desjenigen-eines L\u00f6wen vergr\u00f6\u00dfert, w\u00fcrde ein wahrhaft schauderhaftes Zerst\u00f6rungswerkzeug darstellen.\"\nIch glaube nicht, da\u00df man den Nutzen, welchen diese Thiere dem Menschen bringen, mit weniger Worten und sch\u00e4rfer bezeichnen k\u00f6nnte, als es Vogt hier gethan hat. Tlnd nicht blos er allein hat auf diesen Nutzen hingewiesen, sondern schon viele Naturforscher vor ihm! Aber gegen das einmal eingewurzelte Vorurtheil der Menschen l\u00e4\u00dft sich leider nur allzuschwer ank\u00e4mpfen, und trauriger Weise ist der Satz nur zu tief begr\u00fcndet, da\u00df der Mensch oft gerade Das, was ihm den meisten Nutzen bringt, durchaus nicht anerkennen will. Man verfolgt die kleinen W\u00fchler, wo man sie nur antrifft, ihrer unsch\u00f6nen Gestalt, ihrer Lebensweise wegen, und vergi\u00dft dabei g\u00e4nzlich, was sie leisten, was sie sind. Anders freilich wird Derjenige handeln, welcher sich mit ihrem Leben n\u00e4her besch\u00e4ftigt. Er findet so viel, was ihn anzieht und fesselt, da\u00df er sehr bald die unsch\u00f6ne K\u00f6rpergestalt von Vielen, \u2014 denn manche sind keineswegs unsch\u00f6ne Thiere \u2014 vergi\u00dft und ihnen allen nun seine gr\u00f6\u00dfte Theilnahme und Unterst\u00fctzung zukommen l\u00e4\u00dft.\nDie meisten bei uns wohnenden Kerbthierr\u00e4uber halten einen Winterschlaf und w\u00fcrden zu Grunde gehen, wenn die Natur nicht in der Weise f\u00fcr ihre Erhaltung gesorgt h\u00e4tte. Mit der eintretenden K\u00e4lte macht das rege Kerbthierleben gewisserma\u00dfen einen Stillstand, und Tausende und andere Tausende der unseren R\u00e4ubern zur Nahrung bestimmten Gesch\u00f6pfe schlummern entweder in den ewigen Schlaf oder wenigstens in einen zeitweiligen hin\u00fcber; damit ver\u00f6det die Erde f\u00fcr die Feinde der Kerfe, und sie m\u00fcssen jetzt, weil sie nicht wandern k\u00f6nnen, wie die V\u00f6gel, dem Vorg\u00e4nge der Kerbthiere gewisserma\u00dfen Folge leisten. So ziehen sie sich denn nach den verborgensten Schlupfwinkeln zur\u00fcck oder bereiten sich selbst solche, und fallen hier in den tiefen Winterschlaf, welcher, wie wir oben kennen lernten, zeitweilig fast alle Regungen des Lebens aushebt und somit ihrem Leibe bis zum neuen Erwachen die Lebensth\u00e4tigkeit aufbewahrt. Aber da, wo die strenge K\u00e4lte ihren Einflu\u00df nicht aus\u00fcben kann, in der Tiefe des Wassers oder unter der Erde, w\u00e4hrt auch im Winter noch das Leben, das Rauben und Morden fort, und ganz Dasselbe ist selbstverst\u00e4ndlich in den gl\u00fccklichen L\u00e4ndern der Fall, in welchen es einen ewigen Sommer oder wenigstens keinen Winter giebt, m\u00f6ge er nun durch die sengende Gluth des S\u00fcdens oder die erstarrende K\u00e4lte des Nordens hervorgebracht werden. Schon im S\u00fcden Europas, und noch mehr in den Wendekreisl\u00e4ndern, treiben die Kerfr\u00e4uber jahraus, jahrein mit aller Regsamkeit und Frische ihr Gewerbe, freilich nicht \u00fcberall; denn gerade unter den Wendekreisen tritt ja auch ein Winter ein, obwohl hier ihn die Alles verdorrende und vernichtende Gluth der am h\u00f6chsten stehenden Sonne hervorruft.\nAus diesen Bemerkungen geht die Verbreitung unserer Thiere ganz von selbst hervor. Sie finden sich haupts\u00e4chlich in den gem\u00e4\u00dfigten L\u00e4ndern der Erde und in den wasserreichen Gegenden unter den Wendekreisen, nehmen aber ebensowohl nach Norden hin, oder dort, wo die Hitze allgemeine Trockenheit hervorruft, bedeutend an Arten ab.","page":646},{"file":"p0647.txt","language":"de","ocr_de":"Allgemeines \u00fcber Verbreitung, Lebensweise rc.\n647\nRach ihrem L-ibesbau und ihrer Lebensweise scheiden sich die Kerbthi-rsr-ff-r in drei scharf-b-gr-nzte Familien, welch- Jedermann bekannt sind, weil wir all- bei uns wohnenden Vertreter derselben, den Igel, die Spitzmaus und den Maulwurf, kennen oder wenigstens kennen sollten. An diese drei bekannten Gestalten wollen wir die \u00fcbrigen hierhergeh\u00f6rigen und von ihnen m mancher Hinsicht sehr abweichenden Kerfr\u00e4uber anreihen.\nDie Thiere, welche die sechste Familie unserer Ordnung bilden, sind so ausgezeichnet, da\u00df auch die k\u00fcrzeste Beschreibung gen\u00fcgt, um sie zu kennzeichnen. Ein echtes Raubthiergebr\u00df und ein Stachelkleid sind ihre hervorragendsten Merkmale, und sie finden wir bei allen Arten wieder, welche die Familie aufweist. Ob die Stacheln weich und biegsam oder hart, ob sie gerade oder etwas gebogen sind, ist gleichgiltig: sie sind immer vorhanden, und das Gebi\u00df bleibt immer mehr oder weniger dasselbe. Der Leibesbau der Igel ist plump. Die Beine sind niedrig, der Schwanz ist sehr kurz oder fehlt; bte Ohren dagegen sind ziemlich, bei einigen Arten sogar sehr gro\u00df, und die Schnauze ist zum R\u00fcssel umgebildet. An den F\u00fc\u00dfen sitzen regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcnf und nur ausnahmsweise vier Zehen.\nDie Familie hatte ihre Vertreter schon in der Terti\u00e4rzeit; gegenw\u00e4rtig ist sie \u00fcber Europa, Afrika und Asien verbreitet. Alle Igel leben haupts\u00e4chlich in Ebenen und am liebsten in trockenen Gegenden (obwohl sie auch vereinzelt in den Gebirgen emporsteigen) oder in der N\u00e4he des Wassers, an den Usern der Fl\u00fcsse und des Meeres. W\u00e4lder und Auen, Felder und G\u00e4rten, ausgedehnte Steppen sind ihre haupts\u00e4chlichsten Aufenthaltsorte. Hier schlagen sie in den dichtesten Geb\u00fcschen, unter Hecken, hohlen B\u00e4umen, Wurzeln, in Felsen, Gekl\u00fcft, in verlassenen Thierbauen und anderen Orten ihren Wohnsitz auf oder graben sich selbst kurze H\u00f6hlen. Sie leben den gr\u00f6\u00dften Theil des Jahres hindurch einzeln oder paarweise und f\u00fchren ein vollkommen n\u00e4chtliches Leben. Erst nach Sonnenuntergang ermuntern sie sich von ihrem Tagesschlummer und gehen ihrer Nahrung nach, die bei den meisten in Pflanzen und Thieren, bei einigen aber ausschlie\u00dflich in den Letzteren besteht. Fr\u00fcchte, Obst und saftige Wurzeln, Samen, kleine S\u00e4ugethiere, V\u00f6gel, Lurche, Kerfe ?md deren Larven, Nacktschnecken, Regenw\u00fcrmer rc. sind die Stoffe, mit welchen die freigebige Natur ihren Tisch deckt. Ausnahmsweise wagen sich einzelne auch an gr\u00f6\u00dfere Thiere und stellen z. B. den H\u00fchnerarten, ja selbst jungen Hasen nach. Die Igel sind langsame, schwerf\u00e4llige und ziemlich tr\u00e4ge Burschen. Sie halten sich alle am Boden auf; kein einziger kann klettern oder springen. Beim Gehen treten sie mit der ganzen Sohle auf. Unter ihren Sinnen steht der Geruch oben an; aber auch das Geh\u00f6r ist scharf, w\u00e4hrend Gesicht und Geschmack sehr wenig ausgebildet sind, und das Gef\u00fchl eine Stumpfheit erreicht, die geradezu ohne Beispiel dasteht. Die geistigen F\u00e4higkeiten sind sehr gering. Alle Igel sind furchtsam, scheu und dumm, aber ziemlich gutm\u00fcthig oder besser gleichgiltig gegen die Verh\u00e4ltnisse, in denen sie leben, und deshalb sind sie leicht zu z\u00e4hmen. Die M\u00fctter werfen drei bis acht blinde Junge, pflegen sie sorglich und zeigen bei der Vertheidigung derselben sogar einen gewissen Grad von Muth, welcher ihnen sonst ganz abgeht. Die meisten haben die Eigenth\u00fcmlichkeit, sich bei der geringsten Gefahr in eine Kugel zusammenzurollen, um auf diese Weise ihre weichen Theile gegen etwaige Angriffe zu sch\u00fctzen. In dieser Stellung schlafen sie auch. Die, welche in den n\u00f6rdlichen Gegenden wohnen, bringen die kalte Zeit in einem ununterbrochenen Winterschlaf zu, und diejenigen, welche unter den Wendekreisen leben, schlafen w\u00e4hrend der Zeit der D\u00fcrre.\nDer unmittelbare Nutzen, welchen sie den Menschen bringen, ist gering; denn gegenw\u00e4rtig wenigstens wei\u00df man aus einem erlegten Igel kaum noch Etwas zu machen. Gr\u00f6\u00dfer aber wird der mittelbare Nutzen, welchen sie durch Vertilgung einer Masse sch\u00e4dlicher Thiere leisten, und aus diesem Grunde verdienen s\u00e4mmtliche Igel, anstatt der sie gew\u00f6hnlich treffenden Verachtung, unsere vollste Theilnahme und den ausgedehntesten Schutz.\nDie Familie zerf\u00e4llt in mehrere Sippen, welche sich ebensowohl durch den Leibesbau, als durch die F\u00e4higkeiten unterscheiden.","page":647},{"file":"p0648.txt","language":"de","ocr_de":"648\nDie Raubthiere. \u2014 Igel.\nUnser Igel (Erinaceus europaeus) mag als Vertreter der einen Sippe gelten. Sie unterscheidet sich von den \u00fcbrigen durch die geringere Gr\u00f6\u00dfe des Kopses, welcher sich in eine kurze, spitze Schnauze endet und m\u00e4\u00dfige oder gro\u00dfe Ohren besitzt, durch kurze, f\u00fcnfzehige Beine mit starken Krallen und den Stummelschwanz, welcher bei einigen Arten eigentlich nur angedeutet ist. Der Rumpf ist mit harten, spitzen, fast gleichlangen Stacheln bedeckt; der Unterleib, der Vorderhals, der Kopf und die Beine aber tragen borstiges und weiches Haar. Mehr, als alle \u00fcbrigen, verm\u00f6gen sich die Mitglieder dieser Sippe zu einem Kn\u00e4uel zusammenzuballen.\nWenn an den ersten warmen Abenden, die der junge, lachende Fr\u00fchling bringt, Alt und Jung hinausstr\u00f6mt, um sich in den w\u00e4hrend des Winters verwaisten und nun neu erwachenden G\u00e4rten, Hainen und W\u00e4ldchen neue Lebensfrische zu holen, vernimmt der Aufmerksamere vielleicht ein eigenth\u00fcmliches Ger\u00e4usch im trockenen, abgefallenen Laube, gew\u00f6hnlich unter den dichtesten Hecken und Geb\u00fcschen, und wenn er h\u00fcbsch ruhig bleiben will, wird er bald auch den Urheber dieses L\u00e4rmens entdecken. Ein kleiner, kugelrunder Bursch, mit merkw\u00fcrdig rauhem Pelz, arbeitet sich aus dem Laub hervor, schnuppert und lauscht nach allen Seiten hin und beginnt dann seine Wanderung mit gleichm\u00e4\u00dfig trippelnden Schritten. Kommt er n\u00e4her, so bemerkt man ein sehr niedliches, spitzes Schn\u00e4uzchen, gleichsam eine nette Wiederholung des gr\u00f6bern und derbern Schweinsr\u00fcssels vorstellend, ein Paar klare, freundlich blickende Aeuglein und einen Stachelpanzer, welcher -ie ganzen oberen Theile des Leibes bedeckt, ja auch au den Seiten noch weit herabreicht. Das ist unser, oder ich will eher sagen mein lieber Gartenfreund, der Igel, ein gem\u00fcthlicher, ehrlicher, treuherziger, aber etwas dummer Gesell, welcher ganz harmlos in das Leben hinausschaut und nicht begreifen zu k\u00f6nnen scheint, da\u00df der Mensch so niedertr\u00e4chtig sein kann, ihn, der sich so hohe Verdienste um das Gesammtwohl erwirbt, nicht nur mit allerlei Schimpfnamen zu belegen, sondern auch nachdr\u00fccklich zu verfolgen, ja, aus reiner Bubenmordlust, sogar todtzuschlagen. Man mu\u00df nur das Entsetzen gesehen haben, mit welchem eine Gesellschaft von Frauen aufspringt, wenn sich pl\u00f6tzlich der Stachelheld zwischen sie dr\u00e4ngt oder auch nur von ferne zeigt. Sie thun gerade, als w\u00e4re Dies ein Feind, welcher das Leben bedrohen oder ihnen wenigstens Verletzungen beibringen k\u00f6nnte, an denen sie Jahre lang zu leiden h\u00e4tten! Keine einzige der Aufschreienden aber hat sich jemals die M\u00fche genommen, das Thier selbst zu beobachten. H\u00e4tte sie Dies gethan, so w\u00fcrde sie bemerkt haben, da\u00df der scheinbar so muthig auf den Menschen zutrabende Held, sobald er sich von der N\u00e4he des gef\u00e4hrlichen Feindes \u00fcberzeugt hat, im h\u00f6chsten Entsetzen einen Augenblick lang stutzt, die Stirne runzelt und pl\u00f6tzlich, Gesicht und Beine an den Leib ziehend, zu einer Kugel sich zusammenrollt und in dieser Stellung verharrt, bis die vermeintliche Gefahr vor\u00fcber ist. Der Harmlose ist froh, wenn er selbst nicht behelligt wird; er geht gern jedem gr\u00f6\u00dfern Thiere und zumal dem Menschen aus dem Wege.\nUnser Igel ist, was seine Gestalt anlangt, schon durch die Worte beschrieben, mit welchen ich seine Sippe zu kennzeichnen versuchte. Der ganze K\u00f6rper mit all seinen Theilen ist sehr gedrungen, dick und kurz; der R\u00fcssel ist spitz und vorn gekerbt, der Mund weit gespalten, die Ohren sind breit, die schwarzen Augen klein. Wenige schwarze Schnurren stehen im Gesicht, unter den wei\u00df- oder rothgelb, an den Seiten der Nase und Oberlippe aber dunkelbraun gef\u00e4rbten Haaren; hinter den Augen liegt ein wei\u00dfer Fleck. Das Haar am Hals und Bauch ist lichtrothgelblichgrau oder wei\u00dfgrau; die Stacheln sind gelblich, in der Mitte und an der Spitze dunkelbraun; in ihre Oberfl\u00e4che sind seine L\u00e4ngsfurchen, 24 bis 25 an der Zahl, eingegraben, zwischen denen sich gew\u00f6lbte Leisten erheben; das Innere zeigt eine mit gro\u00dfen Zellen erf\u00fcllte Markr\u00f6hre. Die L\u00e4nge des Thieres betr\u00e4gt zehn Zoll, die des Schwanzes elf Linien, die H\u00f6he am Widerrist ungef\u00e4hr f\u00fcnf Zoll. Das Weibchen unterscheidet sich vom M\u00e4nnchen au\u00dfer seiner etwas bedeutendem Gr\u00f6\u00dfe durch eine spitzere Schnauze, st\u00e4rkern Leib und eine lichtere, mehr grauliche F\u00e4rbung; auch ist die Stirn bei ihm gew\u00f6hnlich nicht so tief herab mit Stacheln besetzt, und der Kopf erscheint hierdurch etwas l\u00e4nger. An den meisten Orten unterscheiden die Leute zwei Abarten des Igels: den Hundsigel, welcher eine stumpfere Schnauze, dunklere F\u00e4rbung und geringere Gr\u00f6\u00dfe haben soll, und den Schweinsigel, dessen","page":648},{"file":"p0649.txt","language":"de","ocr_de":"Aeu\u00dferes. Benehmen. Hundsigel und Schweinsigel.\t649\nhaupts\u00e4chlichste Kennzeichen in der spitzern Schnauze, der Hellern F\u00e4rbung und der bedeutendem Gr\u00f6\u00dfe liegen sollen. Diese Unterschiede beruhen offenbar blos auf zuf\u00e4lligen Eigenth\u00fcmlichkeiten; auch sind die Ansichten der so fein unterscheidenden naturkundigen Alleswisser keineswegs dieselben, und wenn man der Sache genau auf den Grund geht, wird man regelm\u00e4\u00dfig mit geheimni\u00dfvollen Bemerkungen abgespeist, aus denen, trotz aller Bem\u00fchungen, kein Sinn zu entnehmen ist. \u201e^ch erinnere mich noch sehr wohl,\" sagt Vogt, \u201eda\u00df mir die Bauern in der Wetterau, in dem Geburts-dorfe meines Vaters, wo wir gew\u00f6hnlich die Ferien zubrachten, mit Abscheu von den Franzosen erz\u00e4hlten, sie h\u00e4tten sogar Hundsigel am Spie\u00dfe gebraten und mit gro\u00dfer Befriedigung verzehrt.\nDer Igel (Erinaceus europaeus).\nWir suchten damals alle Igel zusammen, deren wir habhaft werden konnten, um den Unterschied kennen zu lernen; der alte Bauer aber, der unser Orakel war, erkl\u00e4rte sie insgesammt f\u00fcr une\u00dfbare Hundsigel und f\u00fcgte endlich mit boshaftem L\u00e4cheln hinzu, da\u00df die Schweinsigel wohl viel eher an anderen Orten, als im Felde zu finden seien.\"\nUnser Igel ist ein in Europa sehr bekanntes Thier. .Seine Verbreitung erstreckt sich nicht blos \u00fcber den ganzen Erdtheil, mit Ausnahme der k\u00e4ltesten L\u00e4nder, sondern auch \u00fcber einen Theil von Asien: man findet ihn in Syrien, und zwar in einem Zustande, welcher von gro\u00dfer Beh\u00e4bigkeit zeigt; denn er erlangt dort, wie in der Krim, eine viel bedeutendere Gr\u00f6\u00dfe, als bei uns. In den europ\u00e4ischen Alpen kommt er bis zum Krummholzg\u00fcrtel, einzeln bis \u00fcber 6000 Fu\u00df hinauf vor; im Kaukasus","page":649},{"file":"p0650.txt","language":"de","ocr_de":"650\nDie Raubthiere. Igel. \u2014 Gemeiner Igel.\nersteigt er H\u00f6hen von 8000 Fu\u00df; in den Karpathen fehlt er. Er findet sich ebensowohl in flachen, wie in bergigen Gegenden, in W\u00e4ldern, Auen, in Feldern und in G\u00e4rten, und ist in ganz Deutschland eigentlich nirgends selten, aber auch nirgends h\u00e4ufig. Weit zahlreicher ist er in Ru\u00dfland, wo er, wie es scheint, besonders geschont wird, und Reinecke und der Uhu, seine Hauptfeinde aus dem Thier-reiche, soviel andere Nahrung haben, da\u00df sie ihn in Frieden lassen k\u00f6nnen. Laubholz mit dichtem Geb\u00fcsch ^oder faule, an der Wurzel ausgeh\u00f6hlte B\u00e4ume, Hecken in G\u00e4rten, Haufen von Mist und Laub, L\u00f6cher in Umhegungsmauern. kurz Orte, welche ihm Schlupfwinkel gew\u00e4hren, wissen ihn zu fesseln, und hier darf man auch mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, ihn jahraus, jahrein zu finden. Will man ihn hegen und Pflegen, so mu\u00df man sein haupts\u00e4chlichstes Augenmerk auf Anlegung derartiger Zufluchtsorte richten. \u201eFr\u00fcher,\" sagt Lenz, \u201ehatte ich in meinem Garten mit Stroh gef\u00fcllte, in Abtheilungen gebrachte und mit niederen G\u00e4ngen versehene H\u00e4uschen f\u00fcr die Igel, stellte ihnen auch Milch zum Saufen hin und kaufte zu der Vermehrung neue. Sie zogen aber meinen Zaun und noch mehr einen gro\u00dfen, aus Reisig und Dornen ausgebauten Haufen vor; durch das Anschaffen neuer aber brachte ich gar keine Vermehrung zu Stande, wahrscheinlich weil sie, ihre Heimat suchend, entflohen. Jetzt habe ich dagegen in dem genannten Garten ein zweihundert Schritt langes W\u00e4ldchen angelegt, dessen Buschwerk dicht in einander schlie\u00dft und wo alle geringen L\u00fccken j\u00e4hrlich mit Dornen beworfen werden, so da\u00df sich weder ein Mensch, noch ein Hund darin\u00bb herumtreiben kann. Hier steht eine Anzahl K\u00e4stchen, die einen halben Fu\u00df lang und breit, einen Fu\u00df hoch, unten und an einer Seite offen stnd und den Igeln eine gute Winterherberge geben. Dieses W\u00e4ldchen behagt ihnen gar sehr, und neben ihnen tummeln sich Drosseln, Rothkehlchen, Zaunk\u00f6nige, Goldammern und Grasm\u00fccken^ lustig herum.\" Ich m\u00f6chte meinen Lesern anrathen, wenn sie es k\u00f6nnen, ebenso Schlupfwinkel f\u00fcr den unschuldig Ge\u00e4chteten anzulegen. Aus dem Folgenden mag hervorgehen, warum.\nDer Igel ist ein drolliger Kauz und dabei ein guter, furchtsamer Kerl, welcher sich ehrlich und redlich, unter M\u00fche und Arbeit durchs Leben schl\u00e4gt. Er ist wenig zum Gesellschafter geeignet, und deshalb findet er sich auch stets allein oder h\u00f6chstens in Gesellschaft mit seinem Weibchen. Unter den dichtesten Geb\u00fcschen, unter Reisighaufen oder in Hecken hat sich jeder einzeln sein Lager aufgeschlagen und m\u00f6glichst bequem zurechtgemacht. Es ist ein gro\u00dfes Nest aus Bl\u00e4ttern, Stroh und Heu, welches in einer H\u00f6hle oder unter dichtem Gezweig angelegt wird. Findet er nicht selbst eine schon vorhandene H\u00f6hle, so gr\u00e4bt er sich mit vieler Arbeit eine eigne Wohnung und f\u00fcttert diese aus. ^ Sie reicht etwa einen Fu\u00df tief in die Erde und ist mit zwei Ausg\u00e4ngen versehen, von denen der eine in der Regel nach Mittag, der andere gegen Mitternacht gelegt ist. Allein diese Th\u00fcren ver\u00e4ndert er, wie das Eichhorn, zumal hei heftigem Nord- oder S\u00fcdwind. In hohem Getreide gr\u00e4bt er sich selten eine H\u00f6hle, sondern macht sich blos ein gro\u00dfes Nest. Die Wohnung des Weibchens ist fast immer nicht weit von der des M\u00e4nnchens, gew\u00f6hnlich in ein und demselben Garten. Es kommt wohl auch vor, da\u00df beide Igel sich in der warmen Jahreszeit in ein Nest legen, ja z\u00e4rtliche Igel verm\u00f6gen es gar nicht, sich von ihrer Sch\u00f6nen zu trennen, und theilen regelm\u00e4\u00dfig das Lager mit ihr. Dabei spielen sie oft recht allerliebst mit einander, necken und jagen sich gegenseitig, kurz, kosen zusammen, wie Verliebte Dies \u00fcberhaupt zu thun pflegen. Wenn der Ort ganz sicher ist, sieht man die beiden Gatten wohl auch bei Tage ihre Liebesspiele und Scherze treiben, an halbwegs lauten Orten aber erscheinen sie blos zur Nachtzeit. Man h\u00f6rt, wie ich oben andeutete, ein Geraschel im Laube und sieht den Igel pl\u00f6tzlich in schnurgerader Richtung weglaufen, trotz der schnell trippelnden Schritte langsam und ziemlich schwerf\u00e4llig. Dabei schnuppert er mit der Nase, wie ein Sp\u00fcrhund, best\u00e4ndig auf dem Boden und beriecht jeden Gegenstand, welchen er unterwegs trifft, sehr sorgf\u00e4ltig. Bei solchen Wanderungen trieft ihm best\u00e4ndig Wasser aus Mund und Nase, und man behauptet, da\u00df er den R\u00fcckweg nach seiner Wohnung durch das\"Wittern dieser Fl\u00fcssigkeit wieder auffinde. Ich glaube nicht daran, weil ich oft die gro\u00dfe Ortskenntni\u00df des Thieres bemerken konnte. H\u00f6rt unser Stachelheld auf seinem Wege etwas Verd\u00e4chtiges, so bleibt er,'stehen, lauscht und wittert, und man sieht dabei recht deutlich, da\u00df der Sinn des Geruchs bei weitem der sch\u00e4rfste ist, zumal im Vergleich zum Gesicht.","page":650},{"file":"p0651.txt","language":"de","ocr_de":"651\nVerbreitung. Wohnorte. Lebensweise. Schutzwaffe.\nNicht selten kommt es vor, da\u00df ein Igel dem J\u00e4ger auf dem Anstande geradezu bis vor die F\u00fc\u00dfe l\u00e4uft, dann aber pl\u00f6tzlich stutzt, schn\u00fcffelt und nun eiligst Rei\u00dfaus nimmt, falls er nicht vorzieht, sogleich seine Schutz- und Trutzwaffe zu gebrauchen, n\u00e4mlich sich zur Kugel zusammenzuballen. Lute solche Jgelkugel sieht sehr merkw\u00fcrdig aus. Von der fr\u00fchern Gestalt des Thieres bemerkt man nichts mehr. Der ganze Bursche bildet jetzt vielmehr einen eif\u00f6rmigen Klumpen, welcher an einer Seite eine Vertiefung zeigt, sonst aber ringsum ziemlich regelm\u00e4\u00dfig gerundet ist. Die Vertiefung f\u00fchrt nach dem Bauche zu und in ihr liegen dicht an denselben gedr\u00fcckt die Schnauze, die vier Beme und der kurze Stummelschwanz. Zwischen den Stacheln hindurch hat die Luft ungehinderten Zutritt, und sonnt wird es dem Igel leicht, selbst bei l\u00e4ngerm Aushalten in seiner Stellung zu athmen. Diese Zusammenrollung verursacht ihm keine Anstrengung; denn die Hautmuskeln, welche dieselbe bewirken, sind bei ihm in einer Weise ausgebildet, wie bei keinem andern Thiere. Die zusammenrollenden Muskeln zerfallen in die sogenannte Kappe, welche die R\u00fcckenseite des Rumpfes bedeckt; m den Bauchtheil, welcher die Rumpfseiten, den Bauch und den obern Theil der Gliedma\u00dfen umglebt, und in den vorder\u00bb und hintern Niederzieher. Sie alle wirken gemeinschaftlich mit solcher Kraft, da\u00df ein an den H\u00e4nden geh\u00f6rig gesch\u00fctzter Mann kaum im Stande ist, den zusammengekugelten Igel gewaltsam aufzurollen. Einem solchen Unternehmen bieten nun auch die Stacheln ganz empfindliche Hindernisse. W\u00e4hrend bei der ruhigen Bewegung des Thieres das ganze Stachelkleid h\u00fcbsch glatt aussieht, und die tausend Spitzen, im Ganzen dachziegelartig geordnet, glatt \u00fcber einander liegen, str\u00e4uben sie sich, sobald der Igel die Kugelform annimmt, nach allen Seiten hin und lassen ihn jetzt als eine furchtbare Stachelkugel erscheinen. Einem einigerma\u00dfen Ge\u00fcbten ist es gleichwohl nicht schwer, auch dann noch einen Igel in den H\u00e4nden fortzutragen. Man setzt die Kugel m die Lage, welche das Thier beim Gehen einnehmen w\u00fcrde, streicht von vorn nach hinten leise die Stacheln zur\u00fcck und wird nun nicht im mindesten von ihnen bel\u00e4stigt. Will man sich jetzt einen Spa\u00df machen, so setzt man den Igel auf einen Gartentisch und sich still daneben, um das Aufrollen zu beobachten. Nicht leicht kann man eine gr\u00f6\u00dfere Abwechselung in den Gesichtsz\u00fcgen wahrnehmen, als sie jetzt stattfindet. Obgleich der Geist nat\u00fcrlich sehr wenig mit diesen Ver\u00e4nderungen des Gesichtsausdrucks zu thun hat, sieht es doch so aus, als durchliefen das Jgelgesicht in k\u00fcrzester Zeit alle Ausdr\u00fccke von dem finstersten Unmuth an bis zur gr\u00f6\u00dften Heiterkeit. Wenn man sich ruhig verh\u00e4lt, denkt der zusammengerollte Igel nach geraumer Zeit daran, sich wieder auf den Weg zu machen. Ein eigenth\u00fcmliches Zucken des Felles verk\u00fcndet den Anfang seiner Bewegung. Er schiebt leise den vordern und hintern Theil des Stachelpanzers aus einander, setzt die F\u00fc\u00dfe vorsichtig auf den Boden und streckt jetzt ganz sachte das Schweineschn\u00e4uzchen tzor. Noch ist die Kopfhaut dick gefaltet und finsterer Zorn scheint auf seiner niedern Stirn zu liegen; selbst das so harmlose Auge liegt unter buschigen Brauen tief versteckt. Mehr und mehr gl\u00e4ttet sich das Gesicht, weiter und weiter wird die Nase vorgeschoben, weiter und weiter der Panzer zur\u00fcckgedr\u00fcckt, und endlich hat man auf einmal das gem\u00fcthliche Gesichtchen tn seiner gew\u00f6hnlichen, beh\u00e4bigen oder harmlosen Ruhe vor sich, und in diesem Augenblicke beginnt dann auch der Igel seine Wanderung, gerade so, als ob es f\u00fcr ihn niemals eine Gefahr gegeben h\u00e4tte. St\u00f6rt man ihn jetzt zum zweiten Male, so rollt er sich blitzschnell wieder zusammen und bleibt etwas l\u00e4nger, als das vorige Mal gekugelt. Sehr h\u00fcbsch sieht es aus, wenn man von Zeit zu Zeit einen abgebrochenen, kurzen Ruf ausst\u00f6\u00dft. Der Laut ber\u00fchrt den Igel wie ein elektrischer Schlag; er zuckt bei jedem zusammen, auch wenn man ihm zehnmal in der Minute zuruft. Der bereits ganz an den Menschen gew\u00f6hnte Igel macht es geradeso, selbst wenn er eben beim Ausleeren einer Milchsch\u00fcssel sein sollte. Wiederholt man aber die Neckerei, so kriegt er das Ding endlich satt und rollt sich entweder f\u00fcr eine ganze Viertelstunde lang zusammen, oder aber \u2014 gar nicht mehr, gerade als wisse er, da\u00df man ihn doch nur foppen wolle. Anders ist es freilich, wenn man sein Ohr mit gellenden T\u00f6nen beleidigt. Ein Igel, vor dessen Ohr man mit einem Gl\u00f6ckchen klingelt, zuckt fort und fort bei jedem Schlage gleichsam krampfhaft zusammen. Klingelt man nah bei einem Ohre, so zuckt er seinen Panzer auf der betreffenden Seite herab, bei gr\u00f6\u00dferer Entfernung zieht er die Stirnhaut gerade nach vorn.","page":651},{"file":"p0652.txt","language":"de","ocr_de":"652\nDie Raubthiere. Igel. \u2014 Gemeiner Igel..\nImmer erfolgt dieses Zucken in demselben Augenblick, in welchem der Klang laut wird; man kann ihn ganz nach Belieben sich verneigen lassen. Wenn ihn einer seiner Hauptseinde, ein Hund oder ein Fuchs aufst\u00f6bert, kugelt er sich eiligst ein und bleibt unter allen Umst\u00e4nden in seiner Lage. Er merkt an dem w\u00fcthenden Bellen oder Knurren der Verfolger, da\u00df sie ihm in ernster Absicht zu Leibe gehen, und h\u00fctet sich wohl, sich irgend eines seiner anererbten Vorrechte zu ent\u00e4u\u00dfern. Mittel giebt es frelllch noch genug, den Igel augenblicklich dahin zu bringen, da\u00df er seine Kugelgestalt aufgiebt. Wenn man ihn mit Wasser begie\u00dft oder in das Wasser wirft, rollt er sich sofort auf; das wei\u00df nicht blos der Schelm Reinecke, sondern auch mancher Hund zum Nachtheile unsers Thieres anzuwenden. Auch Tabaksrauch, den man ihm zwischen den Stacheln durch in die Nase bl\u00e4st, bewirkt Dasselbe; denn seinem empfindlichen Geruchswerkzeuge ist der Rauch etwas ganz Entsetzliches: er wird f\u00f6rmlich berauscht von ihm, streckt sich augenblicklich, hebt die Nase hoch auf und taumelt wankenden Schrittes davon, bis ihn einige Z\u00fcge reiner, frischer Luft wieder einigerma\u00dfen erquickt haben. In seiner Zusammenkugelung besteht die ganze Abwehr gegen Gefahren, denen er ausgesetzt ist. Auch wenn er, wie es bei dem t\u00e4ppischen Kerl h\u00e4ufig vorkommt, einmal einen Fehltritt thut, \u00fcber eine hohe Gartenmauer herunterf\u00e4llt oder pl\u00f6tzlich an einem steilen Abhang in das Rollen kommt, kugelt er sich augenblicklich zusammen und fliegt jetzt mit erstaunlicher Schnelligkeit den Abhang oder die Mauer hinab, ohne sich im Geringsten weh zu thun. Man hat beobachte?, da\u00df er von mehr als zwanzig Fu\u00df hohen Wallmauern herniedergest\u00fcrzt ist, ohne sich zu schaden.\nDer Igel schl\u00e4ft, wie bemerkt, den ganzen Tag \u00fcber und kommt erst in der D\u00e4mmerung zum Vorschein. Dies geschieht einzig und allein aus dem Grunde, um auf die Jagd zu gehen. Und unser Stachelheld ist keineswegs ein ungeschickter und t\u00f6lpischer J\u00e4ger, sondern versteht Sachen auszuf\u00fchren, die man nimmermehr ihm zutrauen m\u00f6chte. Allerdings besteht die Hauptmasse seiner Nahrung aus Kerbthieren, und eben hierdurch wird er so n\u00fctzlich. Allein er begn\u00fcgt sich nicht mit solcher, so wenig n\u00e4hrenden Kost, sondern erkl\u00e4rt auch anderen Thieren den Krieg. Kein einziger der kleinen S\u00e4uger oder V\u00f6gel ist vor ihm sicher, und unter den niederen Thieren haust er nun vollends in arger Weise. Au\u00dfer der Unmasse von Heuschrecken, Grillen, K\u00fcchenschaben, Mai- und Mistk\u00e4fern, anderen K\u00e4fern aller Arten und deren Larven, verzehrt er Regenw\u00fcrmer, Nacktschnecken, Wald- oder Feldm\u00e4use, kleine V\u00f6gel und selbst Junge von gro\u00dfen. Man sollte nicht denken, da\u00df der t\u00f6lpische Bursche wirklich im Stande w\u00e4re, die kleinen, behenden M\u00e4use zu sangen; aber er versteht sein Handwerk und bringt selbst das unglaublich Scheinende fertig. Ich habe ihn einmal bei seinem Mausefang beobachtet und mich \u00fcber seine Pfiffigkeit billig gewundert. Er strich im Fr\u00fchjahr im niedern Getreide hin und blieb pl\u00f6tzlich vor einem Mauseloche stehen, schnupperte und schn\u00fcffelte daran herum, wendete sich langsam hin und her und schien sich endlich \u00fcberzeugt zu haben, auf welcher Seite die Maus ihren Sitz hatte. Da kam ihm nun sein R\u00fcssel vortrefflich zu statten. Er w\u00fchlte mit gro\u00dfer Schnelligkeit den Gang der Maus auf, und holte sie so auch wirklich nach kurzer Zeit ein; denn ein Quieken von Seiten der Maus und behagliches Murmeln von Seiten des Igels bewies, da\u00df der R\u00e4uber sein Opfer gefa\u00dft hatte. Nun wurde mir freilich sein Mausefang klar; dagegen begreife ich noch immer nicht, wie er es anstellt, in Scheunen oder St\u00e4llen das listige und behende Wild zu \u00fcbert\u00f6lpeln. Weit gro\u00dfartiger als diese harmlosen K\u00e4mpfe sind die Gefechte, welche er den Schlangen liefert. Er beweist dabei einen Muth, den man ihm nicht zutrauen sollte. Lenz hat hier\u00fcber vortreffliche Beobachtungen gemacht und dieselben in seiner \u201eSchlangenkunde\" ver\u00f6ffentlicht. Diesem ausgezeichneten Buche entnehme ich das Folgende:\n\u201eAm 24. August that ich einen Igel in eine gro\u00dfe Kiste, in der er zwei Tage sp\u00e4ter sechs mit kleinen Stacheln versehene Junge gebar, welche er fortan mit treuer Mutterliebe pflegte. Ich bot ihm, um seinen Appetit zu pr\u00fcfen, recht verschiedenartige Mahnung an, und fand, da\u00df er K\u00e4fer, Regenw\u00fcrmer, Fr\u00f6sche, selbst Kr\u00f6ten, doch nicht so gern, Blindschleichen und Ringelnattern mit gro\u00dfem Behagen verzehrte. M\u00e4use waren ihm das allerliebste, Obst aber fra\u00df er nur dann, wenn er keine Thiere hatte, und da ich ihm einst zwei Tage gar nichts, als Obst, gab, fra\u00df er so","page":652},{"file":"p0653.txt","language":"de","ocr_de":"Seine Jagden. Kampf mit Ottern..\n653\nsp\u00e4rlich, da\u00df zwei seiner Jungen aus Mangel an Milch verhungerten. Hohen Muth zeigte er auch gegen gef\u00e4hrliche Thiere. So lie\u00df ich auf einmal acht t\u00fcchtige Hamster in seine Kiste, und das sind bekanntlich bitterb\u00f6se Thiere, mit denen nicht zu spa\u00dfen ist. Kaum hatte er die neuen G\u00e4ste gerochen, als er zornig seine Stacheln str\u00e4ubte und, die Nase tief am Boden hinziehend, einen Angriff auf den n\u00e4chsten unternahm. Dabei lie\u00df er ein eignes Trommeln, gleichsam den Schlachtmarsch, ert\u00f6nen, und seine gestr\u00e4ubten Kopfstacheln bildeten zum Schutz und Trutz einen Helm. Was half es dem Hamster, da\u00df er fauchend auf den Igel bi\u00df; er verwundete sich nur den Rachen an den Stacheln, so da\u00df er von Blut triefte, und bekam dabei soviel St\u00f6\u00dfe vom Stachelhelm in die Rippen und soviel Bisse in die Beine, da\u00df er erlegen w\u00e4re, wenn ich ihn nicht entfernt h\u00e4tte. Nun wandte sich der Stachelheld auch gegen die anderen Feinde und bearbeitete sie ebenso kr\u00e4ftig, bis ich sie entfernte.\n\u201eDoch wir gehen zur Hauptsache \u00fcber und folgen unserm Helden zum Otternkampfe. Staunend \u00fcber seine Thaten, m\u00fcssen wir zugestehen, da\u00df wir nicht den Muth haben, ihm es nachzuthun. Am 30. August lie\u00df ich um 10V2 Ubr eine gro\u00dfe Kreuzotter in die Kiste des Igels, w\u00e4hrend er seine Jungen ruhig s\u00e4ugte. Ich hatte mich im voraus davon \u00fcberzeugt, da\u00df diese Otter an Gift keinen Mangel litt, da sie zwei Tage vorher eine Maus sehr schnell get\u00f6dtet hatte. Der Igel roch sie sehr bald (er folgt nie dem Gesicht, sondern immer dem Geruch), erhob sich von seinem Lager, tappte unbehutsam bei ihr herum, beroch sie, weil sie ausgestreckt dalag, vom Schw\u00e4nze bis zum Kopfe und beschnupperte vorz\u00fcglich den Rachen. Sie begann zu zischen und bi\u00df ihn mehrmals in die Schnauze und in die Lippen. Ganz zufrieden mit dieser Begegnung, ihrer Ohnmacht spottend, leckte er sich, ohne zu weichen, behaglich die Wunde und bekam dabei einen derben Bi\u00df in die herausgestreckte Zunge! Ohne sich beirren zu lassen, fuhr er fort, das w\u00fcthende und immer wieder bei\u00dfende Thier zu beschnuppern, ber\u00fchrte sie auch \u00f6fter mit der Zunge, aber ohne anzubei\u00dfen. Endlich packte er schnell ihren Kopf, zermalmte ihn, trotz ihres Str\u00e4ubens, sammt Giftz\u00e4hnen und Giftdr\u00fcsen zwischen seinen Z\u00e4hnen und fra\u00df dann weiter bis zur Mitte des Leibes. Jetzt h\u00f6rte er auf und lagerte sich wieder zu seinen Jungen, die er s\u00e4ugte. Abends fra\u00df er das noch Uebrige und eine junge, frischgeborne Kreuzotter. Am folgenden Tage fra\u00df er wieder drei frischgeborne Ottern und befand sich nebst seinen Jungen sehr wohl. Auch war an den Wunden weder eine Geschwulst, noch sonst Derartiges zu sehen.\"\n\u201eAm 1. September ging es wieder zur Schlacht. Er n\u00e4herte sich, wie fr\u00fcher, der Otter, beschnupperte sie und bekam einen guten Theil Bisse ins Gesicht, in die Borsten und Stacheln. W\u00e4hrend er so schnupperte und sich die Bisse wohlschmecken lie\u00df, besann sich die Otter, die sich bis jetzt vergeblich bem\u00fcht und auch t\u00fcchtig an seinen Stacheln gestochen hatte, und suchte sich aus dem Staube zu machen. Sie kroch in der Kiste umher, der Igel folgte ihr schnuppernd nach und erhielt, so oft er ihrem Kopfe nahe kam, t\u00fcchtige Bisse. Endlich hatte er sie in der Ecke, wo seine Jungen lagen, ganz in der Enge; sie sperrte den Rachen mit gehobenen Giftz\u00e4hnen weit auf, er wich nicht zur\u00fcck, sie fuhr zu und bi\u00df so heftig in seine Oberlippe, da\u00df sie eine Zeitlang h\u00e4ngen blieb. Er sch\u00fcttelte sie ab, sie kroch weg, er wieder nach, und dabei bekam er wieder einige Bisse. Dies hatte wohl zw\u00f6lf Minuten gedauert; ich hatte zehn Bisse gez\u00e4hlt, die er in die' Schnauze erhalten, und zwanzig, welche seine Borsten oder die Luft getroffen hatten. Ihr Rachen, von den Stacheln verletzt, war vom Blute ge-r\u00f6thet. Er fa\u00dfte jetzt ihren Kopf mit den Z\u00e4hnen, aber sie ri\u00df sich wieder los und kroch weg. Ich hob sie nun am Schw\u00e4nze heraus, packte sie hinter dem Kopfe und sah, da sie sogleich den Rachen aufsperrte, um mich zu bei\u00dfen, da\u00df ihre Giftz\u00e4hne noch in gutem Stande waren. Als ich sie wieder hineingeworfen, ergriff er ihren Kopf nochmals mit den Z\u00e4hnen, zerknirschte ihn und fra\u00df ihn dann langsam, ohne sich viel um ihr Kr\u00fcmmen und Winden zu k\u00fcmmern, aus, worauf er zu seinen Jungen eilte und sie s\u00e4ugte. Alte upd Junge blieben gesund, und keine Spuren von \u00fcblen Folgen waren zu sehen.\"\n\u201eSeitdem hat der Igel oftmals mit demselben Erfolge gek\u00e4mpft, und immer zeigte es sich, da\u00df er den Kopf jedesmal zuerst zermalmte, w\u00e4hrend er Dies bei giftlosen Schlangen ganz und gar nicht","page":653},{"file":"p0654.txt","language":"de","ocr_de":"654\tDie Raubthiere. Igel. \u2014 Gemeiner Igel.\nber\u00fccksichtigte. Was von der Mahlzeit \u00fcbrig bleibt, tr\u00e4gt er gern in sein Nest und verspeist es dann zu gelegnerer Zeit.\"\nDiese Beobachtung ist unzweifelhaft in jeder Hinsicht merkw\u00fcrdig. Nach physiologischen Gesetzen l\u00e4\u00dft es sich nicht einsehen, wie ein warmbl\u00fctiges Thier so ruhig Bisse aushalten kann, deren Wirkung bei anderen Thieren sogleich Zersetzung des Blutes hervorruft und dadurch den Tod nach sich zieht. Man mu\u00df nur bedenken, da\u00df der Bi\u00df einer Kreuzotter sehr h\u00e4ufig S\u00e4ugethiere tobtet, welche wenigstens die drei\u00dfigfache Gr\u00f6\u00dfe und das drei\u00dfigfache Gewicht des Igels haben, scheinbar also auch weit st\u00e4rker sein m\u00fc\u00dften, als er es ist. Aber unser Stachelheld scheint wirklich giftfest zu sein; denn er verzehrt nicht blos Giftschlangen, deren Gift bekanntlich nur dann schadet, wenn es unmittelbar in das Blut \u00fcbergef\u00fchrt wird, sondern auch Thiere, welche dann giftig wirken, wenn sie in den Magen kommen, wie z. B. die allbekannten spanischen Fliegen, deren Leib ja schon auf der \u00e4u\u00dfern Haut heftige Entz\u00fcndungen hervorruft und deren Genu\u00df anderen Thieren unfehlbar den Tod bringen w\u00fcrde, da ein wenig Pulver von diesen Thieren, welches man einem Hunde oder einer Katze eingiebt, denselben die f\u00fcrchterlichsten Schmerzen verursacht. Ja, der Igel soll sogar ganz geh\u00f6rige Gaben Opium, Arsenik, Sublimat oder selbst Blaus\u00e4ure verschlingen, ohne Schaden zu leiden. Hinsichtlich dieser Behauptung will ich jedoch meine Zweifel unverhohlen aussprechen.\nEs bedarf nun wohl keiner weiteren Worte, um den gro\u00dfeM Nutzen des Igels zu beweisen. Der geringe Schaden, welchen er anrichtet, kann gar nicht in Betracht kommen, zumal derselbe noch gar nicht so erwiesen ist, als manche Leute wissen wollen. Man behauptet z. B., da\u00df er leidenschaftlich gern H\u00fchnereier fr\u00e4\u00dfe und diese nicht nur sehr geschickt aufzufinden verst\u00fcnde, sondern auch h\u00f6chst pfiffig ausschl\u00fcrfe, ohne von ihrem Inhalt Etwas zu versch\u00fctten. Man will n\u00e4mlich gesehen haben, da\u00df er das Ei vorsichtig auf den Boden lege, mit seinen Vorderbeinen halte, eine kleine Oeffnung durch die Schale bei\u00dfe und den Inhalt dann bed\u00e4chtig auslecke. Au\u00dferdem geben ihm die H\u00fchnerz\u00fcchter schuld, da\u00df er unter dem Hausgefl\u00fcgel gro\u00dfen Schaden anrichte, wenn er zu gelegener Zeit in einen H\u00fchnerstall kommen k\u00f6nnte, und Einer will sogar einen Igel gefunden haben, welcher f\u00fcnfzehn H\u00fchner in einer Nacht umgebracht und eine davon gefressen haben soll.' Der Beweis f\u00fcr die Wahrheit dieser Angabe ist aber nicht stichhaltig. Nachdem n\u00e4mlich der Eigenth\u00fcmer den Schaden gemerkt hatte, legte er rings um den Stall Tellereisen, und am folgenden Morgen fand man drei Igel in diesen Fallen, welche nun die Missethat irgend eines schlauen Marders aus sich nehmen mu\u00dften; denn jedenfalls war dieser der Urheber jener Schandthat gewesen, welche jetzt den wahrscheinlich auf M\u00e4usefang nmherstreifenden, ungeschickt genug in die Falle tappenden Igeln zur Last gelegt wurde. In \u00e4hnlicher Weise d\u00fcrften wohl auch die vermeintlichen R\u00e4ubereien an Kaninchen und anderen Thieren zu erkl\u00e4ren sein. Wir unsererseits m\u00fcssen nach allen scharfen Beobachtungen den Igel von solchen Verbrechen vollkommen freisprechen, und k\u00f6nnen nicht zugeben, da\u00df seine gro\u00dfen Verdienste geschm\u00e4lert werden.\nDer Igel treibt, wie bemerkt, alle seine Gesch\u00e4fte mit geh\u00f6riger Ueberlegung und Langsamkeit. So w\u00e4hrt denn auch seine Paarungszeit von Ende M\u00e4rz bis zu Anfang Juni. Auch er zeigt sich, wenn er mit seinem Weibchen zusammen ist, sehr erregt. Er spielt nicht blos mit seiner Gattin, sondern st\u00f6\u00dft auch au\u00dferdem Laute aus, welche man sonst blos bei der gr\u00f6\u00dften Aufregung vernimmt. Ein dumpfes Gemurmel oder heisere, quiekende T\u00f6ne oder auch ein Helles Schnalzen scheint eine behagliche Stimmung auszudr\u00fccken, w\u00e4hrend ein eigenth\u00fcmliches Trommeln, wie es der Dachs h\u00f6ren l\u00e4\u00dft, ein Zeichen von gest\u00f6rter Gem\u00fcthlichkeit, Wuth. oder Angst ist. Alle diese Laute werden aber gerade bei der Paarungszeit vernommen; denn der Igel hat ebenfalls seine Noth, um sein Weib geh\u00f6rig an sich zu fesseln. Unberufene Nebenbuhler dr\u00e4ngen sich auch in sein Gehege und machen ihm oft genug den Kopf warm, zumal sein Weibchen, wie Dies so zu gehen pflegt, sich nicht immer in den Schranken einer geb\u00fchrenden Treue h\u00e4lt. Sieben Wochen nach der Paarung wirft letzteres seine drei bis sechs, in seltenen F\u00e4llen wohl auch acht, blinden Jungen in einem besonders hierzu errichteten, sch\u00f6nen, gro\u00dfen und wohl ausgef\u00fctterten Lager unter dichten Hecken, Z\u00e4unen, Laub- und Moshaufen","page":654},{"file":"p0655.txt","language":"de","ocr_de":"Der giftfeste Igel. Nutzen. Fortpflanzung.\n655\noder in Getreidefeldern. Die neugebornen Igelchen haben etwa 21/2 Zoll in der L\u00e4nge und sehen anfangs wei\u00df und fast ganz nackt aus, da die Stacheln erst sp\u00e4ter zum Vorschein kommen. Da\u00df sie schon bei der Geburt vorhanden sind, hat Lenz bei den Igeln gesehen, welche in seinem Zimmer-geboren wurden. \u201eDie Sache,\" sagt er, \u201egiebt auch bei der Geburt gar keinen Ansto\u00df. Die Stacheln stehen auf einer sehr weichen, elastischen Unterlage; der R\u00fccken ist noch ganz zart, und jeder Stachel, den man z. B. mit dem Finger ber\u00fchrt, sticht Einen gar nicht, sondern dr\u00fcckt sich r\u00fcckw\u00e4rts in den weichen R\u00fccken, aus dem er jedoch gleich wieder hervorkommt, sobald man die Fingerspitze wegthut. Nur wenn man den Stachel von der Seite mit dem Nagel oder mit einem eisernen Z\u00e4ngelchen fa\u00dft, f\u00fchlt man, da\u00df er ganz hart ist. Da nun die Thierchen gew\u00f6hnlich mit dem Kopfe vorweg geboren werden und die Stacheln etwas nach hinten gerichtet sind, ist an eine Verletzung der Alten nicht zu denken. Es ist bei dem Allen m\u00f6glich, da\u00df die jungen Igel auch \u00f6fters zur Welt kommen, ohne da\u00df die Stacheln aus der Haut stehen.\"\nUm das Maul haben die Neugebornen Borsten, im \u00fcbrigen sind sie unbehaart und ihre Augen und Ohren geschlossen. Schon Linnen den ersten vierundzwanzig Stunden werden die Stacheln vier Linien lang. Anfangs sind sie ganz wei\u00df, nach einem Monate aber hat der junge Igel ganz die Farbe des alten. Dann fri\u00dft er schon allein, obgleich er auch noch saugt. Erst ziemlich sp\u00e4t erlangt er die Fertigkeit, sich zusammenzurollen und die Kopfhaut bis gegen die Schnauze herabzuziehen. Die Mutter tr\u00e4gt schon fr\u00fchzeitig ihren Kindern Regenw\u00fcrmer und Nacktschnecken, sowie auch abgefallenes Obst als Nahrung in das Lager und f\u00fchrt die kleine Brut sp\u00e4ter wohl auch abends mit sich aus. Im Freileben beweist sie sich gegen ihre Jungen jedenfalls z\u00e4rtlicher, als in der Gefangenschaft; denn hier fri\u00dft sie, wie ich zu meinem Befremden erfahren mu\u00dfte, zuweilen die ganze Schar ihrer Kinder mit der ihr \u00fcberhaupt eignen Seelenruhe auf, der reichlichsten und leckersten Speise ungeachtet!\nGegen den Herbst hin sind die jungen Igel soweit erwachsen, da\u00df sich jeder einzelne selbst seine Nahrung aufsuchen kann, und ehe noch die kalten Tage kommen, hat jeder sich ein ganz anst\u00e4ndiges Schmerb\u00e4uchlein angelegt und denkt jetzt, wie die Alten, daran, sich seine Winterwohnung herzurichten. Diese ist ein gro\u00dfer, wirrer Haufen, aus Stroh, Heu, Laub und Mos bestehend, im Innern aber sehr sorgf\u00e4ltig zu einem Lager ausgef\u00fcttert. Die Stoffe tr\u00e4gt der Igel auf seinem R\u00fccken nach Hause und zwar auf sehr sonderbare Weise. Er w\u00e4lzt sich n\u00e4mlich in dem Laube herum, dort, wo es am dichtesten liegt, und spie\u00dft sich hierdurch eine t\u00fcchtige Ladung auf die Stacheln, welche ihm dann ein ganz gro\u00dfartiges Ansehen verleiht. In \u00e4hnlicher Weise schafft er sich auch Obst nach Hause. Man hat Dies oft bezweifelt, Lenz aber hat es gesehen, und einem solchen Beobachter gegen\u00fcber w\u00e4re fernerer Zweifel ein Frevel, dessen wir uns nicht schuldig machen wollen.\nMit Eintritt des ersten, starken Frostes vergr\u00e4bt sich der Igel tief in sein Lager und bringt hier die kalte Winterzeit in einer Art Bet\u00e4ubung zu, welche in einem ununterbrochenen Winterschlafe besteht. Die F\u00fchllosigkeit des Igels, welche schon, wenn er am regsten sich bewegt, bedeutend ist, nimmt jetzt noch in merkw\u00fcrdiger Weise zu. Der Igel ist eins von denjenigen Thieren, welche den tiefsten Winterschlaf halten. Nur wenn man ihm sehr arg mitspielt, erwacht er, wankt ein wenig hin und her und f\u00e4llt dann augenblicklich wieder in seinen Todtenschlaf zur\u00fcck. Man hat solchen Igeln w\u00e4hrend des Winterschlafs den Kopf abgeschnitten, ehe sie noch aus ihrem Schlafe erwachten, und dabei bemerkt, da\u00df das Herz nach der Enthauptung noch lange Zeit fortschlug. Bei einer Gelegenheit war nicht blos das Gehirn, sondern auch das R\u00fcckenmark durchschnitten; gleichwohl schlug das Herz noch zwei Stunden fort. Tiefe Verwundungen in der Brust f\u00fchren bei einem schlafenden Igel den Tod oft erst nach mehreren Tagen herbei. Der Winterschlaf w\u00e4hrt gew\u00f6hnlich bis zum M\u00e4rz. Die jungen Igel sind im n\u00e4chsten Jahre noch nicht fortpflanzungsf\u00e4hig, sondern treiben sich w\u00e4hrend des ganzen n\u00e4chsten Sommers einzeln umher. Im zweiten Lebensjahre aber paaren sie sich und leben ziemlich gesellig mit ihren Weibchen bis zum Winter, wo dann jeder abgesondert f\u00fcr sich ein Lager bezieht. Unter g\u00fcnstigen Verh\u00e4ltnissen d\u00fcrfte der freilebende Igel sein Alter auf acht bis zehn Jahre bringen.","page":655},{"file":"p0656.txt","language":"de","ocr_de":"656\nDie Raubthiere. Igel. \u2014 Gemeiner Igel.\nDer\tIgel ist sehr leicht zu z\u00e4hmen.\tMan\tbraucht ihn blos wegzunehmen und an\teinen ihm\npassenden\tOrt zu bringen. Hier gewohnt\ter bald ein und verliert in k\u00fcrzester Zeit alle\tScheu vor\ndem Menschen. Nahrung nimmt er ohne weiteres zu sich und sucht auch selbst in Haus und Hof oder noch mehr in Scheunen und Schuppen nach solcher umher. Tschudi bezweifelt zwar, da\u00df er zum M\u00e4usesang gebraucht werden kann, weil er einen Igel besa\u00df, welcher mit einer Maus zugleich aus einer Sch\u00fcssel fra\u00df. Dies beweist jedoch Nichts, da zahlreiche Beobachtungen dargethan haben, da\u00df der Igel ein ganz t\u00fcchtiger M\u00e4usej\u00e4ger ist. In manchen Gegenden wird er zu diesem Gesch\u00e4ft gerade sehr gesucht und namentlich in Niederlagen verwendet, in denen man keine Katze halten mag, weil diese\toft die \u00fcble Gewohnheit hat, mit\tihrem\tstinkenden Harn kostbare Zeuge zu verderben. Ich\nhabe auch\tIgel im K\u00e4sig gehalten, welche\tTage\tlang mit M\u00e4usen zusammenlebten und\tmit ihnen\nSemmelmilch fra\u00dfen; schlie\u00dflich siel es ihnen aber doch ein, ihre Kameraden abzuw\u00fcrgen und zu verspeisen. Zur Vertilgung l\u00e4stiger Kerbthiere, zumal zum Aufzehren der h\u00e4\u00dflichen K\u00fcchenschaben ist der Igel ganz vortrefflich geeignet, und er liegt seinem Gesch\u00e4ft mit gr\u00f6\u00dftem Eifer ob. Wenn er nur einigerma\u00dfen freundlich und verst\u00e4ndig behandelt wird und f\u00fcr ein recht verborgenes Schlupswinkelchen gesorgt worden ist, befindet er sich sehr wohl in seinem Gef\u00e4ngnisse.\n\u201eEin Igel,\" erz\u00e4hlt Wood, \u201ewelcher einige Jahre in unserm Hause lebte, mu\u00dfte ein wirkliches Nomadenleben f\u00fchren, weil er best\u00e4ndig von unseren Freunden zur, Vertilgung von K\u00fcchenschaben entliehen wurde und so ohne Unterla\u00df von einem Hause zum andern wanderte. Das Thier war bewundernsw\u00fcrdig zahm, und kam selbst bei hellem lichten Tage, um seine Milchsemmeln zu verzehren. Nicht selten unternahm er kleine Lustwanderungen im Garten, steckte hier seine scharfe Nase in jedes Loch, in jeden Winkel oder drehte jedes abgefallene Blatt auf seinem Wege um, nach Nahrung sp\u00fcrend. Sobald er einen fremden Fu\u00dftritt h\u00f6rte, kugelte er sich sofort zusammen und verharrte dann mehrere Minuten in dieser Lage, bis die Gefahr vor\u00fcber schien. Vor uns f\u00fcrchtete er sich bald nicht im geringsten mehr und lief auch in unserer Gegenwart ruhig auf und nieder. Wahrscheinlich w\u00fcrde das h\u00fcbsche Thier noch l\u00e4nger gelebt haben, h\u00e4tte nicht ein unvorhergesehener, alberner Zufall ihm sein Leben genommen. In dem Gartenschuppen wurden n\u00e4mlich stets eine gro\u00dfe Menge von Bohnenstangen aufbewahrt und gew\u00f6hnlich sehr liederlich \u00fcber einander geworfen. Der hierdurch entstehende Reisighaufen \u00fcbte auf unsern Igel eine besondere Anziehungskraft. Wir durften, wenn er einige Tage verschwunden war, sicher darauf rechnen, ihn dort zu finden. Als wir ihn eines Morgens ebenfalls suchten, fanden wir den armen Burschen an der Gabel einer Stange erh\u00e4ngt. Er hatte wahrscheinlich auf den Haufen klettern wollen, war aber heruntergefallen, zwischen die Gabel eingepre\u00dft worden, und hatte sich nicht befreien k\u00f6nnen. Der Kummer \u00fcber diesen Verlust war gro\u00df, und niemals haben wir wieder einen so gem\u00fcthlichen Hausgenossen gehabt, als ihn.\"\nUnangenehm werden die im Haus gehaltenen Igel durch ihr langweiliges Gepolter bei Nacht. Ihr t\u00e4ppisches Wesen zeigt sich bei allen ihren Streifereien, ja bei jeder Bewegung. Von dem geisterhaften Gang der Katzen findet sich bei ihm keine Spur. Auch ist er ein unreinlicher Bursche, und der widrige, bisam\u00e4hnliche Geruch, den er verbreitet, ist keineswegs angenehm. Dagegen erfreut er wieder durch seine Drolligkeit und einen hohen Grad von Z\u00e4hmung, welchen er erlangen kann. Der gefangene Igel gew\u00f6hnt sich sehr leicht an die allerverschiedenartigste Nahrung und ebenso auch an ganz verschiedenartige Getr\u00e4nke. Milch liebt er ganz besonders, aber er verschm\u00e4ht auch geistige Getr\u00e4nke nicht und thut nicht selten hierin des Guten zu viel. Dr. Ball erz\u00e4hlt von seinen Beobachtungen, welche er an den-Igeln machte, mancherlei lustige Dinge, und unter anderen auch, da\u00df er dieselben mehr als einmal in Rausch versetzte. Er gab einem starken Wein, ja selbst Branntwein zu trinken, und der Igel nahm davon solche Mengen zu sich, da\u00df er sehr bald vollkommen betrunken wurde. Ein frisch gefangener Igel soll nach dem ersten Rausch, den er gehabt, augenblicklich zahm geworden sein, und der genannte Beobachter hat deshalb sp\u00e4terhin alle seine Igel zun\u00e4chst mit s\u00fc\u00dfem Branntwein, Rum oder Wein bewirthet. \u201eMein B\u00fcrschchen,\" sagt er, \u201ebenahm sich ganz wie ein trunkner Mensch. Er war vollkommen von Sinnen, und sein sonst so dunkles, aber harmloses Auge","page":656},{"file":"p0657.txt","language":"de","ocr_de":"657\nZ\u00e4hmung. Feinde.\nbekam einen eigenth\u00fcmlichen, nnsichern Blick nnd einen merkw\u00fcrdigen Glanz, kurz, ganz und gar den Ausdruck, welchen man bei Trunkenen \u00fcberhaupt wahrnimmt. Er stolperte, ohne uns tm geringsten zu beachten, in der merkw\u00fcrdigsten und l\u00e4cherlichsten Weise vor sich, wankte, fiel bald auf diese bald auf jene Seite und geberdete sich in einer Weise, als wollte er sagen, geht mir nur e nu ein Wege, denn ich brauche heute viel Platz. Mehr und mehr nahm dann seine Hilflosigkeit \u00fcberhand; er wankte h\u00e4ufiger, viel \u00f6fter und war schlie\u00dflich so vollkommen betrunken, da\u00df er Alles \u00fcber sich ergehen lie\u00df. Wir konnten ihn hin und herdrehen, seinen Mund aufmachen, ihn an den Haaren zupfen, er r\u00fchrte sich nicht. Nach zw\u00f6lf Stunden sahen wir ihn wieder herumlaufen. Er war vo -kommen geb\u00e4ndigt, und seine Stacheln blieben jetzt, wenn wir uns ihm n\u00e4herten, stets in sch\u00f6nster\nOrdnung liegen.\"\t.\t.\nDer Igel hat au\u00dfer dem unwissenden, b\u00f6swilligen Menschen noch viele andere Feinde^ Die\nHunde hassen ihn aus tiefster Seele und verk\u00fcnden Dies durch ihr anhaltendes, w\u00fcthendes Gebell. Sobald sie einen Igel entdeckt haben, sind sie au\u00dfer sich und versuchen alles M\u00f6gliche, um dem Stacheltr\u00e4ger ihren Grimm zu zeigen. Der verharrt in seiner leidenden Stellung, solange sich der Hund mit ihm besch\u00e4ftigt, und \u00fcberl\u00e4\u00dft es diesem, sich eine blutige Nase zu holen. Die Wuch des Hundes ist wahrscheinlich gr\u00f6\u00dftentheils in dem Aerger begr\u00fcndet, dem Gepanzerten nicht nur Nichts anhaben zu k\u00f6nnen, sondern sich selbst zu schaden. Manche Jagdhunde achten selbst die Stacheln nicht, wenn sie ihren Grimm an dem Igel anslassen wollen. So besa\u00df ein Freund von nur eine H\u00fchnerh\u00fcndin, welche alle Igel todtbi\u00df, die sie auffand. Als mit zunehmendem Alter ihre Z\u00e4hne stumpf wurden, konnte sie diese Heldenthaten der Jugend nicht mehr vollbringen, ihr Ha\u00df blieb aber derselbe, und sie nahm fortan jeden Igel, welchen sie auffand, in das Maul, trug ihn nach einer Br\u00fccke und warf ihn dort wenigstens noch ins Wasser. Der Fuchs soll, wie versichert wird, dem Igel eifrig nachstellen und ihn auf recht niedertr\u00e4chtige Weise zum Aufrollen bringen. ^ Er w\u00e4lzt n\u00e4mlich die Stachelkugel mit seinen Vorderpfoten langsam dem Wasser zu und wirft sie da hinein, \u00f6derer dreht sie so, da\u00df der Igel ans den R\u00fccken zu liegen kommt, und bespritzt ihn mit seinem stinkenden, abscheulichen Harn, worauf sich der arme Gesell verzweifelt aufrollt, im gleichen Augenblick aber von dem Erzschurken an der Nase gefa\u00dft und get\u00f6dtet wird. Dann ist es f\u00fcr Meister Reinecke nat\u00fcrlich ein Kleines, den Panzer anszufressen. Auf diese Weise gehen viele Igel zu Grunde, zumal in der Jugend. Aber sie haben einen noch gef\u00e4hrlichern Feind, den Uhu. \u201eNicht weit von Schnepfenthal,\" sagt Lenz, \u201esteht ein Felsen, der Thorstein, auf dessen H\u00f6he die Uhus ihr Wesen zu treiben pflegen. Dort habe ich \u00f6fters au\u00dfer dem Mist und den Federn dieser Eulen auch Jgelh\u00e4ute, und nicht blos diese, sondern selbst die Stacheln der Igel in dem Gew\u00f6ll, welches die Uhus ausspeien, gefunden. Wir heben hier eins dieser Gew\u00f6lle als eine Seltenheit im Kabinet ans, welches fast ganz ans Stacheln des Igels besteht. \u2014 Die Krallen und der Schnabel des Uhu sind lang und unempfindlich, so da\u00df er mit gro\u00dfer Leichtigkeit durch das Stachelkleid des Igels greifen kann. Vor nicht gar langer Zeit gingen unsere Z\u00f6glinge unweit Schnepfenthal bei tr\u00fcbem Wetter spazieren. Da kam ein Uhu angeflogen, welcher einen gro\u00dfen Klumpen in den F\u00fc\u00dfen hielt. Die Knaben erhoben ein lautes Geschrei, und siehe, der Vogel lie\u00df seine Bente fallen. Es war ein gro\u00dfer, frischblutender, noch lebenswarmer Igel.\" Dagegen geh\u00f6rt jedenfalls in das Gebiet der Fabel, wenn der norwegische Bischof Pontoppidan erz\u00e4hlt, da\u00df sich der Igel in das Lager des B\u00e4ren schleiche, mit seinen Stacheln dem Wirth so beschwerlich falle, da\u00df dieser sich geradezu, weil er sich an dem kleinen, unversch\u00e4mten Gaste nicht r\u00e4chen k\u00f6nne, ebensowohl, wie der Dachs, nach einer andern Wohnung umsehen m\u00fcsse. Wer nur einmal eine B\u00e4renklaue gesehen, begreift, da\u00df ein einziger Schlag von derselben einem Igel f\u00fcr ewige Zeiten die Lust vertreiben w\u00fcrde, einen B\u00e4ren zu bel\u00e4stigen. Noch mehr Igel, als den genannten Feinden zum Opfer fallen, m\u00f6gen eine Beute des Winters werden. Die Jungen, Unerfahrenen wagen sich oft, vom Hunger getrieben, noch im Sp\u00e4therbst mit der beginnenden Nacht ans ihren Verstecken hervor und erstarren in der K\u00fchle des Morgens. Viele sterben auch w\u00e4hrend des Winters, wenn ihr Nest dem Sturm und Wetter zu sehr ausgesetzt\nBrehm, Thierleben.\t^","page":657},{"file":"p0658.txt","language":"de","ocr_de":"658\n\u00aeie Raubthiere. 3gel. - Gro\u00df\u00f6hriger 3get. Borst-nig-l.\ni\u00dc'@rtbe94t \u201d mattd,e\" @\u00e4rten CbCt W\u00ab-dchm in einem Winier zuweilen di- ganz- Brn. Gegendem\t\u00ab ff \u2018 ^\t**>' wenigstens in manchen\nEEEEE^F#E\u00a3t\n\u00c4i'CEti\":* \u00bb's >\u2022 \u00ab\u2022;\u201c\t2.5\n\u00bb\"\"\u2014\u00fcrsV\u00c4? \u00e4\u00e4s? L\n=^jW_>--\n\u00aeer gro\u00dfohrige Igel (Erinaceus auritus).\nMffen e,ne Stellung in der Kl-ft- der S\u00e4ug-thi-re abgesprochen, und er, wer wei\u00df f\u00fcr welches\nkto W f re'' V,ft>Wte Er mi>\td-r Arzn-iknnde seine Ralle. Man b-nntzt-\ns n Blut, s-me Eingeweide, selbst seinen Mist als Heilmittel ober brannte das ganze Dhier m\nf f \u201cnb \u00abe^mbete diese in \u00e4hnlicher Weise, wie bi- Hnnbeasche, VON deren Benutzung ich oben f/6' \u00ae\u00a3tf t\u2019\u21221 8\u201d Sa\u00e4e wird sein Fett noch als besonders heilkr\u00e4ftig angesehen. Die St-chelhant benutzten die alten R\u00f6mer znm Karden ihrer wollenen T\u00fccher, und man trieb deshalb\ndurL S ffIfl ^-lhaut-n, einen Handel, welcher so bedeutenden Gewinn abwarf, da\u00df er durch S-uatsbeschlu f- geregelt werden mu\u00dfte. Dann wandt- man den Stachelpelz als Hechel an\n$oVCmT n\u2018nfotte\"ttofman(I'e dandwirthe von dem Jgelfell Gebrauch machen, wenn sie ein Kalb abfetzen wollen. Sw binden dem noch sauglustigen Thiere ein St\u00fcckchen Jgelfell mit den\nTrTffa?n efb\u201cn bCl'\tfet6ft' ben S\u00e4ugling, welcher ihr \u00e4u\u00dferst\nbeschwerlich fallt, von sich abzutreiben und an anderes Futter zu gew\u00f6hnen.\nDa\u00df \u00fcber den Igel und sein Leben die all-rv-rschiedenartigst-n Fabeln ausgeheckt worden sind und heutigen Tages noch geglaubt werden, wird wohl Niemand Wunder nehme\u00bb, welcher darauf \u201ee-^ \u2018 Wle Ung-iildet- von einem Gegenstand denken, den sie \u00bboch nicht hinl\u00e4nglich kennen","page":658},{"file":"p0659.txt","language":"de","ocr_de":"659\nBenutzung des Igels.\n-in Wesen, d-ff-n Erscheinen Ungl\u00fcck \u00bbringt k. Knrz. man sncht sich gle.chsam selbst z\u00bb -ntschnld.gen, da\u00df man ein so n\u00fctzliches Thier ohne Grund verfolgt und tobtet\nEine zweite Art unfern Sippe, den gro\u00dfohrigen Igel (Erinaceus auritus) 5etgt nebenstehendes Bild. Er unterscheidet sich durch die gr\u00f6\u00dferen Ohren und dre verl\u00e4ngerte Schnauze von den \u00fcbrigen; auch sind seine F\u00fc\u00dfe etwas l\u00e4nger und d\u00fcnner. Der Schwanz rst kurz, kugelfornng geringelt und dunkelbraun. Die Stacheln sind blos zwanzig bis zweiundzwanzrgmal gefurcht und dre Leistchen zwischen den Furchen mit feinen Haaren besetzt. Die braunen Schnurren sind m vrer Rechen geordnet und hinten sehr lang, das Haar ist weich und wei\u00df am Kopfe, aber schmuzlggrau, und dre Stacheln sind am Grunde wei\u00df, in der Mitte braun und an der Sprtze gelblrch gezerchnet Dre Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt 91/2 Zoll, die des Schwanzes einen Zoll. Diese Art befindet sich rn Sl rrren und in allen \u00fcbrigen \u00f6stlichen L\u00e4ndern des asiatischen Ru\u00dflands, zumal rn der Tartarer. In Egypten leben ihm sehr verwandte Arten, welche sich haupts\u00e4chlich durch den Bau ihrer Stacheln unterscheiden. Die Lebensweise stimmt mit der des unsrigen \u00fcberein; wenigstens fehlen zur Zert noch Beobachtungen, welche die etwa bestehenden Unterschiede zu unserer Kenntni\u00df gebracht h\u00e4tten.\nDie Borstenigel (Centetes) bilden eine zweite Gruppe der Familie und gleichsam ernen Ueber-gang von ihr zu der folgenden, welche die Spitzm\u00e4use umfa\u00dft. Noch tragen die hierhergeh\u00f6rigen Thiere ein Stachelkleid, aber die Stacheln sind nicht mehr solang und viel weicher, als Bet den eigentlichen Igeln, auch sind dieselben schon sehr mit Borsten untermengt, w\u00e4hrend der Kopf mit Haaren bedeckt ist. Dre Schnauze ist stark verl\u00e4ngert, und namentlich die Nase ragt weit \u00fcber Zne Unterlippe vor. Die Ohren sind kurz, der Schwanz fehlt g\u00e4nzlich; Vorder- und Hinterbeine sind f\u00fcnfzehig. Allen Borstenigeln fehlt die F\u00e4higkeit, sich zusammenzurollen, und hierdurch unterscheiden ste sich allerdings sehr wesentlich von den erstbeschriebenen. Die Arten dieser Sippe bewohnen Madagaskar. Sie graben sich w\u00e4hrend der hei\u00dfen Jahreszeit in H\u00f6hlen ein, in denen sie ebenfalls ernen Winterschlaf halten. Sie lieben die N\u00e4he des Wassers und w\u00e4lzen sich gern im Schlamm. Die Zahl ihrer Jungen soll sehr gro\u00df sein, n\u00e4mlich bis achtzehn ansteigen. Ihr Fleisch wird von den Emgebornen\ngern gegessen.\nBis jetzt kennt man blos'zwei Arten dieser Thiere, von denen der Tanrek (Centetes ecaudatus) die in unseren Sammlungen h\u00e4ufigste ist. Wie die Abbildung zeigt, ist die Gestalt des Thieres noch mehr schweins\u00e4hnlich, als die unsers Igels. Dazu ist der Tanrek schlanker und hochbeiniger, als sein europ\u00e4ischer Verwandter. Der Kopf- und Schnauzenbau, sowie die Bildung der Beine st\u00fcd jedenfalls das Merkw\u00fcrdigste an ihm; aber auch das Haarkleid ist ganz eigenth\u00fcmlich. An dem schlanken Leib sitzt der sehr lange Kopf, welcher etwa ein Drittel der ganzen K\u00f6rperl\u00e4nge emmmrnt, hinten besonders dick ist, nach vornhin aber sich verschm\u00e4lert; die rundlichen Ohren sind kurz und hinten ausgebuchtet; die Augen klein, aber doch gr\u00f6\u00dfer, als bei den eigentlichen Igeln; der Hals ist kurz und d\u00fcnner, als der Leib, aber wenigstens einigerma\u00dfen abgesetzt; die Beine sind mittelhoch, dre hinteren nur wenig l\u00e4nger, als die vorderen. Von den f\u00fcnf Zehen an den F\u00fc\u00dfen ist die mittle am l\u00e4ngsten; die Krallen sind mittelstark. Der ganze K\u00f6rper ist ziemlich dicht mit Stacheln, Borsten und Haaren bedeckt, welche gewisserma\u00dfen in einander \u00fcbergehen oder wenigstens deutlich zeigen, da\u00df der Stachel blos eine Um\u00e4nderung des Haares ist. Nur am Hinterkopf, am Nacken und an den Seiten des Halses finden sich wahre, wenn auch nicht sehr harte, etwas biegsame Stacheln von ungef\u00e4hr 1/2 Zoll in der L\u00e4nge. Sie bilden einen Schopf, stehen jedoch nicht besonders dick. Weiter gegen die Seiten hin werden die Stacheln l\u00e4nger, zugleich aber auch d\u00fcnner, weicher und biegsamer. Dazu","page":659},{"file":"p0660.txt","language":"de","ocr_de":"660\nDie Raubthiere. Igel. \u2014 Tanrek.\ntreten immermehr Borsten auf, und schon auf dem R\u00fccken sind diese Lei weitem \u00fcberwiegend. Sie werden dort em Lis zwei Zoll lang und h\u00fcllen auch das Hintertheil des Tanrek vollkommen ein Die ganze untere Seite und die Beine werden von Haaren bekleidet, und auf der nackten, spitzigen Schnauze stehen lange Schnurren. Die Schnauzenspitze und die Ohren sind nackt, die F\u00fc\u00dfe blos mit kurzen Haaren bedeckt. Stacheln, Borsten und Haar- sind hellgelb gef\u00e4rbt, bisweilen lichter, bisweilen dunkler; s\u00e4mmtliche Gebilde aber sind in der Mitte schwarzbraun geringelt, und zwar auf dem R\u00fccken mehr, als an den Seiten. Das Gesicht ist braun, die F\u00fc\u00dfe sind rothgelb; die Schnurren dunkelbraun gef\u00e4rbt. Die jungen Thiere zeigen auf braunem Grunde gelbe L\u00e4ngsb\u00e4nder, welche bei zunehmendem Alter verschwinden. Ein- sogenannte Abart, bei welcher das ganze Gesicht m\u00e4usegrau, der Kops roth, die F\u00fc\u00dfe rothgelb, die geringelten Haare und Stacheln roth gef\u00e4rbt sind, d\u00fcrfte wohl ein- besondere Art bilden. Der vollkommen erwachsene Tanrek wird zehn Zoll lang und an den Schultern ungef\u00e4hr vier Zoll hoch.\nDer Tanrek (Ccntetes ecaudatus).\nBis jetzt hat man die Mitglieder dieser Sippe blos auf Madagaskar gefunden; doch ist in der neuesten Zeit der Tanrek auf der Moritzinsel heimisch gemacht, n\u00e4mlich von Madagaskar aus dahin verpflanzt worden. Das Thier lebt in der N\u00e4he des Wassers, und zwar ebensowohl an den Fl\u00fcssen, wie am Meere, und gr\u00e4bt H\u00f6hlen und G\u00e4nge in die Erde, die seine Schlupfwinkel bilden. Er ist ein scheues, furchtsames Gesch\u00f6pf, welches den gr\u00f6\u00dften Theil des Tages in tiefster Zur\u00fcckgezogenheit lebt, blos nach Sonnenuntergang zum Vorschein kommt, ohne sich jemals weit von seiner H\u00f6hle zu entfernen. Nur im Fr\u00fchling und im Sommer jener L\u00e4nder, d. h. nach dem ersten Regen und bis zum Eintritt der D\u00fcrre, zeigt er sich. W\u00e4hrend der gr\u00f6\u00dften Trockenheit, welche, wie ich schon wiederholt bemerkt habe, unserm Winter zu vergleichen ist, zieht er sich in den tiefsten Kessel seines Baues zur\u00fcck, hier die Monate Juni bis November in ganz \u00e4hnlicher Weise, wie unser Igel den Winter verschlafend. Die Eingebornen glauben, da\u00df die heftigen Donnerschl\u00e4ge, welche die ersten Regen verk\u00fcnden, ihn aus seinem Todtenschlafe erwecken, und bringen ihn deshalb auf eine geheimni\u00dfvolle","page":660},{"file":"p0661.txt","language":"de","ocr_de":"661\nSchilderung. Leben und Schlaf. Gefangenschaft.\nWeise mit dem'wiederkehrenden Fr\u00fchling in Beziehung. Dieser ist f\u00fcr den Tanrek allerdings dre g\u00fcnstigste Zeit des ganzen Jahres. Er bekommt zun\u00e4chst ein neues Kleid und hat dann dre beste Gelegenheit, sich f\u00fcr die d\u00fcrren Monate ein h\u00fcbsches Schmerb\u00e4uchlein anzum\u00e4sten, dessen Fett rhm in der Hungerszeit das Leben erhalten mu\u00df. Sobald also der erste Regen die verdurstete Erde angefeuchtet und das Leben des tropischen Fr\u00fchlings wachgerufen hat, erscheint er wieder langsamen Ganges mit zu Boden gesenktem Kopfe und schnuppert mit seiner spitzigen Nase bed\u00e4chtig nach allen Seiten hin, um seine Nahrung zu ersp\u00e4hen, welche zum gr\u00f6\u00dften Theile aus Kerfen, sonst aber auch aus W\u00fcrmern, Schnecken und Eidechsen besteht. Gerade deshalb findet er sich wohl am h\u00e4ufigsten in der N\u00e4he des Wassers. Aber er scheint auch noch eine besondere Vorliebe f\u00fcr dasselbe zu haben; denn er steigt in der Nacht gern in seichte Lachen und w\u00fchlt dort mit Lust nach Schweineart im Schlamme. Seine geringe Gewandtheit und die Tr\u00e4gheit seines Ganges bringt ihn lercht tn die Gewalt der Feinde, welche auch er hat, und ihm ist nicht einmal ein gleiches Mittel zur Abwehr gegeben, wie den eigentlichen Igeln. Seine einzige, aber schwache Waffe besteht in einem h\u00f6chst unangenehmen, moschusartigen Gestank, den er best\u00e4ndig verbreitet, und wenn er gest\u00f6rt oder erschreckt wird, ziemlich bedeutend steigern kann. Selbst ein plumpes S\u00e4ugethier ist f\u00e4hig, ihn zu fangen und zu \u00fcberw\u00e4ltigen; deshalb f\u00e4llt er h\u00e4ufig genug blutgierigen Menschen zum Opfer und mu\u00df sein Fett und sein s\u00fc\u00dfliches Fleisch zur Nahrung derselben hergeben. Auch die Raubv\u00f6gel stellen ihm nach, und so hat er, der harmlose, n\u00fctzliche Bursch, gar viele Feinde, welche ihn bedrohen. Wahrscheinlich w\u00fcrde er den unausgesetzten Verfolgungen bald erliegen, w\u00e4re er nicht ein so fruchtbares Thier, welches mit einem Wurfe eine gar zahlreiche Nachkommenschaft, f\u00fcnfzehn bis achtzehn Junge n\u00e4mlich, zur Welt bringt. Seine Kinderchen erreichen schon nach einiaen Monaten eine L\u00e4nge von vier Zoll und sind sehr bald bef\u00e4higt, ihre Nahrung sich auf eigne Faust zu erwerben.\nIn der Gefangenschaft wird der Tanrek leicht zahm, h\u00e4lt aber blos kurze Zeit in ihr aus, selbst im eignen Vaterlande. Man hat vielfache Versuche gemacht, ihn nach Europa \u00fcberzuf\u00fchren, und in Ermangelung seines nat\u00fcrlichen Futters ihn an gekochten Reis zu gew\u00f6hnen versucht; er nimmt diese Nahrung zwar an, magert aber mehr und mehr dabei ab und stirbt endlich aus Entkr\u00e4ftung. Gleichwohl w\u00e4re es nicht unm\u00f6glich, da\u00df wir ihn einmal bei uns zu sehen bek\u00e4men, wenn nur ein Forscher sich die M\u00fche geben wollte, f\u00fcr ihn eine geh\u00f6rige Menge von solchen Kerbthieren mitzunehmen, welche sich, wie die Mehlw\u00fcrmer, in kleineren Gef\u00e4\u00dfen ebenfalls stark vermehren.\nDas Fleisch unsers Thieres wird blos von den Negern gegessen, von denselben aber auch als besonderer Leckerbissen betrachtet. Sie verkaufen es nicht, sondern vertauschen es h\u00f6chstens gegen eine Art von Tintenfischen, wslche sie mit dem Namen Urite bezeichnen und als das leckerste Gericht der Erde betrachten, wenn sie es nach ihrer Art bereiten d. h. in der Sonne aufh\u00e4ngen, bis ihm ein besonderer \u201eHochgeschmack\" geworden ist.\n\u00c4-\t*\n*\nUnter den fleischfressenden Raubthieren d\u00fcrften die Marder gewisserma\u00dfen als die vollkommensten angesehen werden, weil sie das R\u00e4ubergewerbe in der ausgedehntesten Weise zu betreiben verstehen und alle einem S\u00e4ugethiere m\u00f6glichen Heimatskreise bewohnen: eine ganz \u00e4hnliche Sippschaft haben wir in den Spitzm\u00e4usen (Sorices) vor uns. Man kann, ohne der Wahrheit im geringsten zu nahe zu treten, behaupten, da\u00df die Spitzm\u00e4use Marder im Kleinen- sind. Wi,e btejp, besitzen sie alle F\u00e4higkeiten, welche ein echtes R\u00e4uberleben m\u00f6glich machen; wie diese, sind sie in allen Gebieten der Erde zu Hause, und wie diese, zeigen sie einen Muth, einen Blutdurst, eine Grausamkeit, welche mit ihrer geringen Gr\u00f6\u00dfe gar nicht im Verh\u00e4ltni\u00df stehen. Die Spitzm\u00e4use sind s\u00e4mmtlich kleine, regelm\u00e4\u00dfig gebaute Raubthiere mit weichem Haarkleid. Der Leib ist schlank, der Kopf lang, der Schnauzentheil gestreckt, das Gebi\u00df sehr vollst\u00e4ndig und aus au\u00dferordentlich scharfen Z\u00e4hnen zusammengesetzt, gew\u00f6hnlich gebildet von zwei bis drei Schneidez\u00e4hnen, welche oft gekerbt sind, drei","page":661},{"file":"p0662.txt","language":"de","ocr_de":"662\nDie Raubthiere. Spitzm\u00e4use. \u2014 Spitzh\u00f6rncheu.\nbrs f\u00fcnf L\u00fcck- und drei bis vier echten, vier- oder f\u00fcnfzackigen Backenz\u00e4hnen in jeder Reihe. Die eigentlichen Eckzahne fehlen. Eigenth\u00fcmliche Dr\u00fcsen liegen an den Rumpfseiten oder an der Schwanz-wurzel. Zw\u00f6lf bis vierzehn Wirbel tragen die Rippen, sechs bis acht sind rippenlos, drei bis f\u00fcnf bilden das Kreuzbein, vierzehn bis achtundzwanzig den Schwanz.\nGegenw\u00e4rtig verbreiten sich die Spitzm\u00e4use \u00fcber die alte Welt und einige aber wenige auch \u00fcber Amerika; m Australien fehlen sie g\u00e4nzlich. Sie leben ebensowohl in Ebenen, wie in h\u00f6her gelegenen Gegenden, selbst auf den Voralpen und Alpen, am liebsten aber in dichteren W\u00e4ldern, im Geb\u00fcsch, Unb 9tUen' in \u00ae\u00e4rten und H\u00e4usern. Einige wohnen in Steppen, in offnen, steinigen, ra selbst felsigen Gegenden; andere geben den feuchtesten Orten den Vorzug; diese treiben sich im Wasser, jene auf den B\u00e4umen herum. Die meisten sind an die Erde gebunden und f\u00fchren hier ein unterirdisches Leben, wobei sie sich selbst L\u00f6cher oder G\u00e4nge graben oder die schon vorhandenen benutzen, nachdem sie den rechtm\u00e4\u00dfigen Eigenth\u00fcmer mit G\u00fcte oder Gewalt vertrieben. Die meisten suchen die Dunkelheit und den Schatten und scheuen die Hitze, das Licht oder den Regen. Gegen derartige Einfl\u00fcsse sind sie so empfindlich, da\u00df sie den Sonnenstrahlen h\u00e4ufig unterliegen; andere dagegen lieben die W\u00e4rme und lassen sich gern von der Sonne bescheinen. Ihre Bewegungen sind au\u00dferordentlich rasch und behend, sie m\u00f6gen so verschiedenartig sein, als sie wollen. Diejenigen, welche blos laufen, huschen pfeilschnell dahin; die Kletterer wetteifern miP allen \u00fcbrigen Thieren; die Schwimmer stehen keinem Binnenlands\u00e4ugethiere nach, und die wenigen endlich, welche nach K\u00e4nguru-Art oft auf den Hinterbeinen satzweise springend sich bewegen, sind trotz ihrer geringen Gr\u00f6\u00dfe so behend, da\u00df sie ein laufender Mensch kaum einholen kann.\nUnter den Sinnen der Spitzm\u00e4use scheint der Geruch \u00fcberall obenanzustehen; n\u00e4chstdem ist das Geh\u00f6r besonders ausgebildet. Dagegen ist das Auge mehr oder weniger verk\u00fcmmert, und nur die Baumbewohner, welche vollkommene Augen haben, machen hiervon eine Ausnahme. Ihre geistigen F\u00e4higkeiten sind gering; dennoch l\u00e4\u00dft sich ein gewisser Grad von Verstand nicht ableugnen. Sie sind raub- und mordlustig im hohen Grade und kleineren Thieren wirklich furchtbar, w\u00e4hrend sie gr\u00f6\u00dferen bed\u00e4chtig ausweichen, dabei eine vorsichtige Scheuheit zeigend. Schon bei dem geringsten Ger\u00e4usch ziehen sich die meisten nach ihren Schlupfwinkeln zur\u00fcck, haben aber auch Ursache, Dies zu thun, weil sie gegen starke Thiere so gut als wehrlos sind. Wir m\u00fcssen sie von unserm Standpunkt aus nicht nur als harmlose, vollkommen unsch\u00e4dliche Thiere betrachten, sondern in ihnen h\u00f6chst n\u00fctzliche Gesch\u00f6pfe erkennen, welche uns durch Vertilgung sch\u00e4dlicher Kerfe gro\u00dfe Dienste leisten. Ihre Nahrung ziehen sie n\u00e4mlich fast nur aus dem Thierreiche: Kerbthiere und deren Larven, W\u00fcrmer, Weich-thiere, kleine V\u00f6gel und S\u00e4ugetiere, unter Umst\u00e4nden aber auch Fische und deren Eier Krebse -c fallen ihnen zur 8mte._ Di- gr\u00f6\u00dfere Anzahl von ihnen ist ungemein gefr\u00e4\u00dfig, Einzelne verzehren t\u00e4glich soviel, als ihr eignes Gewicht betr\u00e4gt. Andere werden selbst den Jungen ihrer Art gef\u00e4hrlich und fressen sie auf, wo sie nur k\u00f6nnen, d, h, wenn die Mutter sie nicht vertheidigt. Keine einzige Art kann den Hunger lange Zeit vertragen, nicht einmal im Winter, Sie halten deshalb auch keinen eigentlichen Winterschlaf, sondern treiben sich bei einigerma\u00dfen milder Witterung sogar auf dem ver-schnerten Boden umher oder suchen an gesch\u00fctzten Orten, z, B, in menschlichen Wohnungen, ihre Nahrung auf. Von den ans B\u00e4umen Lebenden behauptet man, da\u00df sie auch Niiffe und ander-Fr\u00fcchte zu sich nehmen; doch bedarf diese Angabe noch sehr einer Best\u00e4tigung, und ihr Gebi\u00df scheint auch wirklich nicht geeignet, eine derartig- Kost zu zermalmen. Die Stimm- aller Arten besteht in seinen, zwitschernden oder quiekenden und pfeifenden Lauten oder (bei den Baumbewohnern) in einer Art von kurzem Gebell, In der Angst lassen sie kl\u00e4gliche T\u00f6ne vernehmen und bei Gefahr verbreiten alle emen st\u00e4rkern oder schw\u00e4cher\u00bb Moschus- oder Zib-tgeruch, welcher sie im Leben zwar nicht gegen ihre Femde bewahrt, sie aber doch nur sehr wenigen Thieren als genie\u00dfbar erscheinen l\u00e4\u00dft. So lassen die Hunde, Katzen und Marder gew\u00f6hnlich die get\u00f6dteten Spitzm\u00e4use liegen, ohne sie aufzufressen,\nw\u00e4hrend die meisten V\u00f6gel, bei denen der Geruch- und Geschmacksinn weniger entwickelt ist, sie als Nahrung nicht verschm\u00e4hen.","page":662},{"file":"p0663.txt","language":"de","ocr_de":"Allgemeine Kennzeichnung. Lebensweise. Nutzen.\t666\nDie meisten Spitzm\u00e4use sind fruchtbare Gesch\u00f6pfe; denn sie werfen zwischen vier und Zehn Junge. Gew\u00f6hnlich kommen diese nackt und mit geschlossenen Augen zur Welt, entwrckeln sich aber rasch und sind schon nach Monatsfrist im Stande, ihr eignes Gewerbe zu betreiben. _\nDer Mensch kann unsere Thiere unmittelbar nicht verwerthen; wenigstens wrrd nur von emer einzigen Art das Fell als Pelzwerk und der stark nach Zibet riechende Schwanz als Mittel gegen die Motten benutzt, das Fleisch aber nirgends gegessen. Um so gr\u00f6\u00dfer ist der mittelbare Nutzen, den bte Spitzm\u00e4use bringen. Dieser Nutzen mu\u00df schon von den alten Egyptern anerkannt worden sem, wer sie eine Art von ihnen einbalsamirt und mit ihren Todten begraben haben. Erwahnenswerth ist, da\u00df diese Familie die kleinsten bis jetzt bekannten S\u00e4ugethiere enth\u00e4lt.\t_\nDie Spitzm\u00e4use lassen sich nicht gut in eine einzige Reihe ordnen, weil bte Arten nach Lerbesbau und Wesen sich bedeutend unterscheiden. Wir wollen versuchen, die verschiedenen Sippen emrger-ma\u00dfen folgerecht an einander zu reihen. Wenn wir mit denen beginnen, welche auf Baumen leben und mit jenen schlie\u00dfen, die das Wasser bewohnen, so geb\u00fchrt die erste Stelle\nDie Tana (Cladobates Tana).\nden Spitzh\u00f6rnchen (Cladobates). Der deutsche Name dieser Thiere ist gut gew\u00e4hlt; denn sie sind wirklich die Eichh\u00f6rnchen unter den Kerfr\u00e4ubern und somit besser gekennzeichnet, als mit dem lateinischen oder richtiger griechischen, welcher \u201eZweigbesteiger \" bedeutet. Da unsere Thierchen einer ganz andern Ordnung angeh\u00f6ren, wie die Eichh\u00f6rnchen, kann ihre Aehnlichkeit mit diesen nur eine oberfl\u00e4chliche sein. Ihr Kopf spitzt sich in eine lange Schnauze zu, deren stumpfe Spitze gew\u00f6hnlich nackt ist. Die Augen sind gro\u00df, die Ohren l\u00e4nglich abgerundet, die Glieder regelm\u00e4\u00dfig, die F\u00fc\u00dfe nacktsohlig, die f\u00fcnf Zehen sind getrennt und mit kurzen Sichelkrallen bewaffnet; der Schwanz ist lang oder sehr lang, buschig, zweizeilig behaart; der Pelz ist dicht und weich. Das Weibchen hat vier Zitzen am Bauche.\nDie verschiedenen Arten bewohnen Hinterindien und den indischen Archipel. Sie sind echte Tagthiere, welche ihre R\u00e4ubereien im Angesicht der Sonne ausf\u00fchren. Ihr Kleid kennzeichnet sie sofort als Baumthiere; denn es \u00e4hnelt immer der Farbe der Aeste, ist also entweder braun oder olivengr\u00fcnlich. Hierin eben ist eine Aehnlichkeit mehr zwischen ihnen und den eigentlichen Eichh\u00f6rnchen","page":663},{"file":"p0664.txt","language":"de","ocr_de":"664\tDie Raubthiere. Spitzm\u00e4use. \u2014 Tana. Pre\u00df. Federschwanz.\nbegr\u00fcndet, sie erinnern jedoch auch durch ihre Bewegungen an diese: die Eingebornen ihrer Heimat haben f\u00fcr sie und die Eichh\u00f6rnchen nur eine Benennung.\nUnsere Abbildung macht uns mit der gr\u00f6\u00dften Art der ganzen Sippe, mit der Tana (Cladobates Tana) bekannt. Sie zeichnet sich vor den \u00fcbrigen au\u00dfer ihrer Gr\u00f6\u00dfe durch den langen Schwanz aus, und tr\u00e4gt ein dunkelbraunes, ins Schwarze ziehende Fell, welches auf den Unterseiten einen r\u00f6thlichen Anflug zeigt und am Kopf und an der Schnauze mit Grau gemischt erscheint. Die Kehle ist r\u00f6thlich-grau; der Hinterkopf hat eine dunkle Querbinde; auf dem R\u00fccken verl\u00e4uft ein dunkelbrauner L\u00e4ngs-streisen. Die einzelnen Haare des R\u00fcckens sind grau und dunkelbraun geringelt. In der Gr\u00f6\u00dfe kommt die Tana unserm Eichh\u00f6rnchen am n\u00e4chsten; ihre Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt zehn Zoll, die des Schwanzes acht Zoll. Sie ist ein rasches, behendes, h\u00f6chst munteres Thier, welches seine langen, gebogenen N\u00e4gel vortrefflich zu benutzen versteht und fast mit der Gewandtheit der Affen klettert. Ihre Nahrung besteht fast ausschlie\u00dflich aus Kerbthieren, welche sie ebensowohl im Gezweig, wie auf der Erde zusammensucht. Genaueres ist \u2014 mir wenigstens \u2014 nicht bekannt.\nDer Pre\u00df (Cladobates ferrugineus).\nNoch mehr, als die Tana, \u00e4hnelt der Pre\u00df (Cladobates ferrugineus) unserm H\u00f6rnchen. Er ist bedeutend kleiner, als die vorige, da seine K\u00f6rperl\u00e4nge blos acht Zoll, die des Schwanzes aber nur f\u00fcnf Zoll betr\u00e4gt, und ebensowohl durch die Gestalt, wie durch die F\u00e4rbung unterschieden. Seine Stumpfnase zeichnet ihn vor den meisten seiner Sippe aus. Der kurze, aber dichte und sch\u00f6ne Pelz ist auf dem R\u00fccken und an den Seiten rostbraun, auf dem Bauche wei\u00dflich oder wei\u00dfgrau gef\u00e4rbt. Die einzelnen Haare sind schwarz und lichtgelb geringelt; die Ohren sind schwarz und der Schwanz mit sehr viel grauen oder wei\u00dflichen Haaren untermischt. Hinsichtlich seiner Sitten und der Nahrung \u00e4hnelt der Pre\u00df in jeden Weise der Tana. Er hat dieselbe Gewandtheit im Klettern und Kerbthierjagen und dieselbe Gefr\u00e4\u00dfigkeit. Eins dieser Thiere ist gez\u00e4hmt worden und hat sich an Milch und sogar an Brod gew\u00f6hnt. Es war jedoch stets unruhig und belferte Jeden an, der ihm in den Weg trat. Den gr\u00f6\u00dfern Theil des Futters suchte es sich selbst, und da es frei im Hause herumlaufen durfte, hatte es dasselbe bald von allen Kerbthieren gereinigt. Bis jetzt hat man vergeblich versucht, ein derartiges Thier nach Europa \u00fcberzuf\u00fchren.","page":664},{"file":"p0665.txt","language":"de","ocr_de":"Kurze Beschreibungen.\n665\nDer Federschwanz (Ptilocerus Lowii) ist ein Spitzh\u00f6rnchen mit langem Rattenschwanz, dessen letztes Dritttheil zweizeilig mit starren Haaren besetzt ist. Den Spitzh\u00f6rnchen \u00e4hnelt das merkw\u00fcrdige Thierchen, welches gegenw\u00e4rtig als Vertreter einer eignen Sippe gilt, so au\u00dferordentlich, da\u00df man es anfangs unter ihnen einreihte, bis man in dem eigenth\u00fcmlichen Schw\u00e4nze, dessen straffe Haare an den Federbesatz eines Pfeiles erinnern, sowie in dem einigerma\u00dfen verschiedenen Gebi\u00df Unterschiede auffand, welche eine Trennung von den Spitzh\u00f6rnchen rechtfertigen. Man kennt blos eine einzige Art, welche von dem Naturforscher Low in dem Hause des ber\u00fchmten Rajah von Sarawak, Srr James Brooke gefangen wurde und seinen Namen zu Ehren des Entdeckers erhielt. Bisher M man das Thier blos auf Borneo und zwar sehr selten gefunden und \u00fcber seine Lebensweise noch\nnichts Gewisses erfahren.\t,\nIn der Gr\u00f6\u00dfe kommt der Federschwanz einer kleinen Ratte ungef\u00e4hr gleich; die Leibeslange\nbetr\u00e4gt 51/2, die des Schwanzes etwa 7 Zoll; das Fell ist au\u00dferordentlich fein und weich. Seme F\u00e4rbung ist oben schw\u00e4rzlichbraun, fein gelblich gesprenkelt, an der Unterseite lichter, fast hellgelb; der Schwanz ist schwarz, mit wei\u00dflicher Endfahne. Dieses Anh\u00e4ngsel ist offenbar das Merkw\u00fcrdigste am ganzen Thiere, es erinnert lebhaft an die Schw\u00e4nze der W\u00fcstenm\u00e4use, welche, wenn man so\nW Der Federschwanz (Ptilocerus Lowii).\nsagen darf, genau nach demselben Grundsatz gebaut sind. Zwei Dritttheile des so langen Gliedes sind vollkommen haarlos, w\u00e4hrend das letzte Drittel sehr lang-, borsten\u00e4hnliche Haare zeigt. Da\u00df dieser Schwanz dem Thiere beim Klettern vortrefsliche Dienste leistet und zur Vermittlung des Gleichgewichts benutzt werden kann, leuchtet ei\u00bb, und daraus geht wohl auch hervor, da\u00df der Federschwanz ein vortrefflicher Kletterer ist. Das Gebi\u00df weist aus K-rbthiernahrung hin: - mit diesen Schl\u00fcffen m\u00fcssen wir uns begn\u00fcgen.\nViel genauer, obgleich noch keineswegs hinl\u00e4nglich bekannt sind die Rohrr\u00fc\u00dfler (Macroselides), welche eine der eigenth\u00fcmlichsten Sippen der ganzen Familie bilden. W\u00e4hrend die vorhergehenden Thierchen den Schwanz der Springm\u00e4use haben, besitzen die Rohrr\u00fc\u00dfler deren lange, d\u00fcnne und fast haarlose Hinterbeine und dazu die l\u00e4ngste Nase unter allen Spitzm\u00e4usen, eine Nase, welche zu einem f\u00f6rmlichen R\u00fcssel geworden ist und ihnen auch den deutschen Namen^verschafft hat, w\u00e4hrend der Sippenname soviel wie Langschenkel bedeutet. Die Engl\u00e4nder nennen sie \u201eElefantenspitzm\u00e4use.\" Der R\u00fcssel zeigt in der Mitte nur einen d\u00fcnnen Haaranflug und an der Wurzel einen","page":665},{"file":"p0666.txt","language":"de","ocr_de":"666\nDie Raubthiere. Spitzm\u00e4use. \u2014 Nohrr\u00fc\u00dfler. Spitzratte.\nziemlich starken Haarkamm, die Spitze dagegen ist ganz nackt. Au\u00dferdem ist der Kopf durch die gro\u00dfen Augen und die ziemlich bedeutenden, frei hervorragenden und mit inneren L\u00e4ppchen versehenen Ohren, sowie durch die langen Schnurren ausgezeichnet. Der ziemlich kurze, dicke Leib ruht auf sehr verschiedenen Beinen. Das Hinterpaar ist auffallend verl\u00e4ngert und ganz wie bei den W\u00fcstenm\u00e4usen gebaut, w\u00e4hrend die Vorderbeine verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig l\u00e4nger, als bei diesen sind. Die drei mittleren Zehen der Vorderf\u00fc\u00dfe sind gleichlang, der Daumen ist an ihnen weit hinaufger\u00fcckt; die Hinterpfoten haben f\u00fcnf kurze, feine Zehen, mit kurzen, schwachen und starkgekr\u00fcmmten Krallen. Der d\u00fcnne, kurz behaarte Schwanz ist meistens etwas k\u00fcrzer, als der K\u00f6rper. Die Verl\u00e4ngerung der Hinterbeine beruht haupts\u00e4chlich auf der ansehnlichen L\u00e4nge des Schienbeines und des Mittelfu\u00dfes, welche verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig bei keinem andern Raubthiere in gleicher L\u00e4nge vorkommen und unserm Thierchen eine Gestalt verleihen, die einzig in der ganzen Ordnung dasteht. Der reichliche Pelz ist sehr dicht und weich. Die Z\u00e4hne \u00e4hneln denen der Igel am meisten.\nDer s\u00fcdafrikanische Rohrr\u00fc\u00dfler (Macroselides typicus).\nMan kennt gegenw\u00e4rtig sechs eigentliche Rohrr\u00fc\u00dfler und eine Art, welche an den Hinterf\u00fc\u00dfen blos vier Zehen hat und deshalb einer besondern Sippe zugez\u00e4hlt wird. Die Thiere bewohnen die sonnigen, steinigen Ebenen S\u00fcdafrikas. Nur eine einzige Art (Macroselicles Eozetti) findet sich in Algerien, namentlich in der Gegend von Oran. Sie bewohnen die steinigen Berge und finden in tiefen und schwer zug\u00e4nglichen L\u00f6chern unter Steinen, in Felsenritzen, in H\u00f6hlen, die von anderen Thieren gegraben wurden, Zuflucht bei jeder Gefahr, welche sie in der geringf\u00fcgigsten Erscheinung zu erblicken vermeinen. Es sind echte Tag-, ja wahre Sonnenthiere, welche sich gerade w\u00e4hrend der gl\u00fchendsten Mittaghitze am wohlsten befinden, und dann auch haupts\u00e4chlich ihrer Jagd nachgehen. Die Nahrung besteht aus allerhand kleinen Thieren, haupts\u00e4chlich aus Kerfen, welche sie geschickt zu fangen oder aus Ritzen und Spalten hervorzuziehen wissen. Wenn man- sich gut zu verstecken wei\u00df, kann man ihr lebendiges Treiben beobachten; die geringste Bewegung aber scheucht sie augenblicklich in ihre Schlupfwinkel zur\u00fcck, und dann vergeht eine ziemliche Zeit, bevor sie sich von neuem zeigen. E dlich kommt eins um andere wieder hervor und h\u00fcpft nun in der auf unserer Abbildung sehr h\u00fcbsch wiedergegebenen Stellung au\u00dferordentlich hurtig und rasch umher, \u00e4ugt und lauscht nach allen Seiten hin, hascht im Sprunge nach vor\u00fcberfliegenden Kerbtbieren oder sucht und schn\u00fcffelt zwischen","page":666},{"file":"p0667.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung Beider.\n667\ndm Steinen nmher, jeden Winkel, jede Ritze, jede Spalte mit der feinen R\u00fcffeluase untersuchend^ Ost setzt sich eins auf einen von der Sonne durchgl\u00fchten Stein und giebt sich hrer mit gr\u00f6\u00dftem oh -behagen der Warme hin. Nicht selten spielen zwei, vielleicht die Gatten eines gerade zusammenlebenden Paares gar lustig miteinander. Ueber die Fortpflanzung wei\u00df man bis jetzt noch gar Nichts, und auch an Gefangenen scheinen noch keine Beobachtungen gemacht worden zu sein.\nUnsere Abbildung stellt den s\u00fcdafrikanischen Rohrr\u00fc\u00dfler (Macroselides typicus) dar, einen der gro\u00dfem der ganzen Sippe von dunkler oder hellbrauner Farbe ans der Oberseite, welche zuweilen stark mit Roth- oder M\u00e4usegrau gemischt ist, und rein wei\u00dfer oder gelblichwe.\u00dfer Unterseite, wei\u00dfen Pfoten, rostbraunem R\u00fcssel, mit rothlichbrannen Strichen von der Wurzel gegen die Strai und r\u00f6thlichschwarzer Spitze. Seine Leibesl\u00e4nge betr\u00e4gt 5 Zoll, die des Schwanzes 4*/j Zoll; der R\u00fcssel ist >/- Zoll lang.\t________________\nDie Spitzratte (Gymnura Rafflesii).\nDie noch \u00fcbrigen Mitglieder unserer Familie \u00e4hneln mehr den eigentlichen Spitzm\u00e4usen, obgleich gerade die zun\u00e4chst zu betrachtenden sehr eigenth\u00fcmlicher Gestalt sind. Unser Bild zeigt uns die durchaus merkw\u00fcrdige Spitzratte, die Bula der Eingebornen (Gymnura). Es ist ein Thier,/welches den Ratten am meisten \u00e4hnelt, besonders seines langen, runden, nackten und schuppigen Schwanzes wegen, durch den gestreckten Kops, mit langer, d\u00fcnner, weitvorragender Schnauze aber an die Spitzh\u00f6rnchen sich anschlie\u00dft. Der K\u00f6rper ist gedrungen und ruht aus kurzen, f\u00fcnfzehigen mit spitzen, schmalen und einziehbaren Krallen bewehrten F\u00fc\u00dfen. Er ist mit weichem, wolligen Haar und langen, borstigen Grannen bekleidet, welche haupts\u00e4chlich am vordem Theile sich befinden und gewisserma\u00dfen an den Tanrek erinnern, mit welchem das Thier auch au\u00dferdem noch manche Aehnlichkeit hat. So steht die Spitzratte gleichsam zwischen den Igeln und Spitzm\u00e4usen mitten inne.","page":667},{"file":"p0668.txt","language":"de","ocr_de":"668\nDie Raubthiere. Spitzm\u00e4use. \u2014 Schlitzr\u00fc\u00dfler. Sondeli.\nMan kennt blos eine einzige SCrt (Gymnura Rafflesii), welche ihren Namen zu Ehren des Entdeckers tr\u00e4gt. Dieser brachte sie aus Sumatra mit und beschrieb sie zuerst unter dem Namen Viverra Gymnura, weil er glaubte, eine Schleichkatze vor sich zu haben. In der neuern Zeit hat man dieselbe Art \u00fcbrigens auch auf Malakka entdeckt.\nDie K\u00f6rperl\u00e4nge der Bula betr\u00e4gt 14, die des Schwanzes fast 11 Zoll. Der Rumps und die Gliedma\u00dfen sind schwarz, der Kopf und Hals dagegen wei\u00df behaart, nur am Hinterkopf finden sich einzelne schwarze Haare, und \u00fcber den Augen ein schwarzer L\u00e4ngsstreif; der Schwanz ist bis zur Mitte schwarz und an seiner Endh\u00e4lfte wei\u00df. Die borstenartigen Haare erreichen oft eine bedeutende L\u00e4nge. Ueber die Lebensweise ist ebenfalls noch nicht das Geringste bekannt.\nAn die Bula k\u00f6nnen wir den Schlitzr\u00fc\u00dfler (Solenodon paradoxus) anreihen, ein Thier, welches ebenfalls als Vertreter einer besondern Sippe gilt. In seiner \u00e4u\u00dfern Erscheinung gleicht der Schlitzr\u00fc\u00dfler den echten Spitzm\u00e4usen; er unterscheidet sich aber von ihnen durch den d\u00fcnnen, langen, runden und an der Spitze nackten R\u00fcssel mit seitlichen Nasenl\u00f6chern, durch die gro\u00dfen, runden Ohren ohne eine Klappe und den langen, nackten, schuppigen Schwanz. Der K\u00f6rper ist gedrungen, der Kopf\nDer Schlitzr\u00fc\u00dfler (Solenodon paradoxus).\nsehr gestreckt und die Nase noch wieselartig. Alle F\u00fc\u00dfe haben f\u00fcnf Zehen, an denen lange, etwas zusammengepre\u00dfte und gekr\u00fcmmte Krallen sitzen, welche jedenfalls zum Graben benutzt werden k\u00f6nnen. Die Augen sind klein. Ein ziemlich dickes. Fell, welches blos die Unterbeine und den schuppigen Schwanz frei l\u00e4\u00dft, auch den R\u00fcssel nur d\u00fcnn bekleidet, deckt den K\u00f6rper. Die \u00a7toei Arten bewohnen Haiti und scheinen schon zu Kolumbus Zeiten den Europ\u00e4ern bekannt gewesen zu sein, wenn man auch bei der Unzul\u00e4nglichkeit der betreffenden Angaben nicht mit Sicherheit behaupten kann, da\u00df die bez\u00fcglichen Beschreibungen gerade eins dieser Thiere meinen. Soviel steht fest, da\u00df man heut zu Tage noch Nichts \u00fcber die Lebensweise des, wie sein Name besagt, \u201eauffallenden\" Gesch\u00f6pfes wei\u00df und auch hier eben nur von der Leibesbeschaffenheit reden kann. Der K\u00f6rper der Aguta, wie dieser Schlitzr\u00fc\u00dfler auf St. Domingo genannt wird, ist fast einen Fu\u00df lang und tr\u00e4gt einen nur wenig k\u00fcrzern Schwanz. Der Pelz ist verschieden gef\u00e4rbt: das Gesicht, der Scheitel und Vorderr\u00fccken sind braunschwarz, der Hinterr\u00fccken und die Schenkel schwarzbraun, die Seiten des Kopfes und der Hals hellbraun, rostroth und grau gemischt, die Unterseiten und Pfoten fahlbr\u00e4unlich, die Brust ist hellrostroth, der geschuppte Schwanz bis zur Mitte grau, am Ende wei\u00df.\nDer Name der Sippe, bedeutet \u201eR\u00f6hrenz\u00e4hnige\" und ist dem Thier seines Gebisses wegen gegeben worden, weil die unteren Schneidez\u00e4hne eine eigenth\u00fcmliche L\u00e4ngsrinne aufweisen. Dieses Gebi\u00df deutet auf Kerbthier-Nahrung hin; gleichwohl berichtet Hearne, welcher einen Schlitzr\u00fc\u00dfler","page":668},{"file":"p0669.txt","language":"de","ocr_de":"Aeu\u00dferes und Lebensweise des Schlitzr\u00fc\u00dflers.\n669\nkurze Zeit lebend hatte, da\u00df derselbe haupts\u00e4chlich K\u00f6rner fresse, wenn auch thierische Nahrung\n^ Mb^dieLebensweise der sehr nahe verwandten zweiten Art hat Peters mehrere Mittheilungen zusammengestellt. Wie die eigentlichen Spitzm\u00e4use, ist auch dieses Thier emnacht\u00fcch lebendes; wahren des Tages schl\u00e4ft es an irgend einem Versteck, nachts treibt es sich au\u00dfen umher. In manchen e-birgen soll es ziemlich h\u00e4ufig sein; verfolgt es der J\u00e4ger, so soll es den Kopf verstecken, m der Meinung, sich dadurch zu verbergen, und so ruhig liegen bleiben, da\u00df man es am Schw\u00e4nze ergreifen kann In der Gefangenschaft weigert es sich gar nicht, ans Essen zu gehen; da es aber schwer kaut, mu\u00df man ihm feingeschnittenes Fleisch vorlegen, damit es nicht etwa erstickt. Reinlichkeit ist zu seinem Woh e-finden unumg\u00e4ngliche Bedingung: gern st\u00fcrzt es sich ins Wasser und scheint sich hier angenehm zu unterhalten; dabei trinkt es denn auch mit gr\u00f6\u00dferer Leichtigkeit, w\u00e4hrend ihm sonst die lange Russe -\nspitze hier hinderlich ist.\tv\t\u201e\nSeine Stimme ist durchdringend und wechselnd: bald erinnert sie an das Grunzen des Schweines, bald an das Geschrei eines Vogels. Zuweilen schreit es wie ein K\u00e4uzchen; beim Ber\u00fchren grunz es wie die Ferkelratte. Es wird sehr leicht zornig und str\u00e4ubt dann das Haar w eigenth\u00fcmlicher Weise. Ein vor\u00fcbergehendes Huhn oder anderes kleines Thier erregt es aufs h\u00f6chste und es ver-sucht wenigstens, sich befreiten zu bem\u00e4chtigen. Die erfa\u00dfte Beute zerrei\u00dft es mit ^\u00bblangen, krummen Krallen wie ein Habicht. \u2014 Dann und wann ergie\u00dft sich aus seiner Haut eine rechliche, oitge, n\nriechende Fl\u00fcssigkeit.\t,, r\nDie Gefangenen, weiche ein Herr Corona hielt, starben theils an den Wunden, welche sie einander bissig zuf\u00fcgten, theils an einer eigenth\u00fcmlichen Wurmkrankheit. Einige von diesen zeigten sich ganz voll von W\u00fcrmern, welche sich zwischen dem Bindegewebe und den Muskeln, besonder\u00ab am Halse in ungeheurer Menge fanden, wie in einen weichen Sack eingeh\u00fcllt.\t,\nDie einheimischen Namen des Thieres sind sehr verschieden; hier und da nennt man es ^e;on oder Dachs, in anderen Gegenden Andar\u00fcs, in der N\u00e4he von Trinidad: Tacuache.\nAuch die eigentlichen Spitzm\u00e4use sind in der Neuzeit in mehrere Unterabtheilungen gebracht worden, welche eigentlich auf den Rang von Sippen keinen Anspruch machen k\u00f6nnen. Man kennt qeaenw\u00e4rtia etwa 20 bis 24 Arten dieser Gruppe; doch erfordern alle Spitzm\u00e4use noch genauere Beobachtungen, um mit aller Sicherheit entweder als Art oder blose Abart bezeichnet werden zu k\u00f6nnen. Die wahren Spitzm\u00e4use sind die vollkommensten Glieder ihrer Famrlre; denn sie zeigen die Elgenschafwn, welche ich oben besprach, am entschiedensten. Es sind \u00fcberaus raubgierige, muthige und gewandte Gesch\u00f6pfe welche uns durch ihre R\u00e4ubereien den gr\u00f6\u00dften Nutzen bringen und besondere Schonung verdienen. Der Leib ist schlank, der Hals kurz, die Schnauze stark verl\u00e4ngert, r\u00fcsselar\u00fcg; die Hinterbeine sind nicht viel l\u00e4nger, als die Vorderbeine, die Zehen frei, der Schwanz ist lang oder kurz, geringelt, geschuppt und dicht mit Haaren besetzt, die Ohren sind kurz und durch einen an thuen befindlichen Lappe- verschlie\u00dfbar, die Angen sind sehr klein, die Vorderz\u00e4hne an der Schneide gezahnelt, die \u00fcbrigen mehrfach zugespitzt.\nEine ausl\u00e4ndische Art mag die Reihe der von mir Erw\u00e4hlten er\u00f6ffnen. Es ist der Mondjuru oder Sondeli (Sorex murinus), die \u201eMoschusratte\" aus Indien, welche unsere Abbildung m nat\u00fcrlicher Gr\u00f6\u00dfe darstellt. Die F\u00e4rbung des feinen Pelzes ist oben dunkelbraun bis schwarz, unten hell- die nackten Lippen, Ohren und Pfoten sind hellbr\u00e4unlich fleischfarben. Zuweilen kommen ganz wei\u00dfe Spielarten vor. Die L\u00e4nge betr\u00e4gt etwas \u00fcber 4 Zoll, die des Schwanzes 2*/, Zoll.\nDer Sondeli bewohnt verschiedene Theile Indiens und ist dort sehr geha\u00dft, wegen des au\u00dferordentlich heftigen Gestanks, den er aus seinen Afterdr\u00fcsen absondert. Dieser Geruch, welcher am meisten dem Moschus \u00e4hnelt, hat die Eigenth\u00fcmlichkeit, sich an alle von der Maus ber\u00fchrte Gegen-","page":669},{"file":"p0670.txt","language":"de","ocr_de":"670\nDie Raubthiere. Spitzm\u00e4use. \u2014 Sondeli. Gemeine Spitzmaus.\nstanden anzuh\u00e4ngen und gleichsam in sie einzudringen, sei es auch, da\u00df der Sondeli blos \u00fcber sie hinweg lief. Der Gestank ist so heftig, da\u00df damit viel verdorben werden kann. Namentlich die Lebensmittel aller Sorten werden durch die abscheuliche Gabe, welche ihnen das Thier beibringt, vollst\u00e4ndig ungenie\u00dfbar gemacht. \u201eLa\u00dft,\" sagt ein Beschreiber, \u201eeinen Sondeli \u00fcber eine Weinflasche hinweglausen, und der Wein wird f\u00fcr alle Zeit derart von Moschus geschw\u00e4ngert erscheinen, da\u00df kein gebildeter Gaumen es auch nur mit einem Tropfen davon zu thun haben mag, ja, die Flasche mu\u00df aus der Nachbarschaft anderer gebracht werden, weil sich der f\u00fcrchterliche Geruch sogar diesen mittheilen k\u00f6nnte.\" Mit dieser einzigen Angabe habe ich das Thier eigentlich gekennzeichnet; denn es geht ganz von selbst daraus hervor, da\u00df der Sondeli von den Bewohnern Indiens in einer Weise geha\u00dft wird, wie kaum ein anderes Thier, und jedenfalls so, wie kein anderes Thier von derselben Gr\u00f6\u00dfe.\nMan verfolgt ihn, wo man nur kann: allein es wird gesagt, da\u00df der Hauptfeind aller M\u00e4use, die Katze n\u00e4mlich, zur Mithilfe bei dieser Verfolgung ganz unbrauchbar sei, eben wegen des furchtbaren Gestankes. In der Lebensweise und den Sitten \u00e4hnelt er den \u00fcbrigen Spitzm\u00e4usen vollst\u00e4ndig.\nIn Deutschland kommen sechs eigentliche Spitzm\u00e4use vor, welche drei Sippen oder Untersippen zugez\u00e4hlt werden. Die gemeine Spitzmaus (Sorex vulgaris), erreicht nicht ganz die Gr\u00f6\u00dfe der Hausmaus; denn ihr K\u00f6rper mi\u00dft blos 2%, h\u00f6chstens\tDer Mondjuru oder Sondeli (Sorex murinus).\n3 Zoll, der Schwanz etwas \u00fcber einen Zoll;\ndi-H\u00f6h- am Widerrist betr\u00e4gt 11 Linien. Die F\u00e4rbung des feinen Pelzes spielt zwischen einem sch\u00f6nen Rothbraun und dem gl\u00e4nzendsten Schwarz; die Seiten sind immer lichter gef\u00e4rbt, als der R\u00fccken; die Unterseite ist graulichwei\u00df mit br\u00e4unlichem Anfluge; die Lippen sind wei\u00dflich, die langen Schnurren schwarz, die Pfoten br\u00e4unlich, der Schwanz oben dunkelbraun, unten aber br\u00e4unlichgelb. Ein Blick auf.die Zeichnung giebt von der Zierlichkeit und Sch\u00f6nheit des Baues den besten Begriff. Nach der wechselnden F\u00e4rbung hat man mehrere Unterschiede angenommen, welche die Einen f\u00fcr Arten, die Andern f\u00fcr Abarten erkl\u00e4ren.\nMan findet die gemeine Spitzmaus in Frankreich, England, Schweden, Deutschland, Italien, Ungarn und Galizien, wahrscheinlich auch im benachbarten Ru\u00dfland, in der H\u00f6he sowohl wie in der Tiefe, auf Bergen, wie in Th\u00e4lern, in Feldern, G\u00e4rten, in der N\u00e4he von D\u00f6rfern, oder in D\u00f6rfern selbst und gew\u00f6hnlich nahe bei Gew\u00e4ssern. Im Winter kommt sie in die H\u00e4user heran oder wenigstens in die St\u00e4lle und Scheuern. Bei uns ist sie die gemeinste Art der ganzen Familie. Sie bewohnt am liebsten unterirdische H\u00f6hlen und bezieht deshalb gern die G\u00e4nge des Maulwurfs oder verlassene Mausel\u00f6cher, falls sie nicht nat\u00fcrliche Ritzen und Spalten im Gestein auffindet. In weichem Boden gr\u00e4bt sie mit ihrem R\u00fcssel und den schwachen Vorderpfoten selbst G\u00e4nge aus, welche regelm\u00e4\u00dfig nur sehr oberfl\u00e4chlich unter der Erde dahin laufen. Wie die meisten anderen Arten der Familie ist auch unsere Spitzmaus ein eigentliches Nachtthier, welches nur ungern seinen unterirdischen Aufenthaltsort verl\u00e4\u00dft. Niemals thut sie Dies w\u00e4hrend der Mittagssonne, und es scheint wirklich, da\u00df die Sonnenstrahlen ihr \u00fcberaus beschwerlich fallen, wenigstens nimmt man an, da\u00df die vielen todten, welche man im Hochsommer an Wegen und Gr\u00e4ben findet, von der Sonne geblendet den Eingang ihrer H\u00f6hle nicht wieder auffinden konnten und deshalb zu Grunde gingen.","page":670},{"file":"p0671.txt","language":"de","ocr_de":"671\nPestgeruch des Sondeli. \u2014 Aeu\u00dferes, Leben, Nahrung der Spitzmaus.\nUnaufh\u00f6rlich sieht man die Spitzmaus besch\u00e4ftigt, mit ihrem R\u00fcssel nach allen Richtungen hin zu schn\u00fcffeln, um Nahrung zu suchen, und was sie findet und \u00fcberw\u00e4ltigen kann, ist verloren: sie fri\u00dft ihre eigenen Jungen oder die Get\u00f6dteten ihrer eigenen Art auf. \u201eIch habe oft,' sagt Lenz, \u201eSpitzm\u00e4use in Kisten gehabt. Mit Fliegen, Mehlw\u00fcrmern, Regenw\u00fcrmern und dergleichen sind sie fast gar nicht zu s\u00e4ttigen. Ich mu\u00dfte jeder t\u00e4glich eine ganze todte Maus oder Spitzmaus oder ein V\u00f6gelchen von derselben Gr\u00f6\u00dfe geben. Sie fressen, so klein sie sind, t\u00e4glich ihre Maus aus und lassen nur Fell und Knochen \u00fcbrig. So habe ich sie oft recht fett gem\u00e4stet; l\u00e4\u00dft man sie aber im geringsten Hunger leiden, so sterben sie. Ich habe auch versucht, ihnen Nichts als Brod, R\u00fcben, Birnen, Hanf, Mohn, R\u00fcbsamen, Kanariensamen rc. zugeben, aber sie verhungerten lieber, als da\u00df sie anbissen. Bekamen sie fettgebackenen Kuchen, so bissen sie dem Fett zu Liebe an; fanden sie eine in einer Falle gefangene Spitzmaus oder Maus, so machten sie sich augenblicklich daran, selbige aufzufressen.\"\nDer Dichter Welcker beobachtete sie bei ihrer M\u00e4usejagd. Er besa\u00df eine lebende Spitzmaus, band ihr einen festen Faden an einen Hinterfu\u00df und lie\u00df sie im Felde in ein von M\u00e4usen bewohntes\nDie gemeine Spitzmaus (Sorex vulgaris).\nLoch kriechen. Nach einer kurzen Zeit kam eine Ackermaus in gr\u00f6\u00dfter Angst hervor gekrochen, aber mit der Spitzmaus auf dem R\u00fccken. Das gierige Raubthier hatte sich mit den Z\u00e4hnen im Nacken des Schlachtopfers eingebissen, saugte ihm luchsartig das Blut aus, t\u00f6dtete es in kurzer Zeit und fra\u00df es auf. Diese Gefr\u00e4\u00dfigkeit ist nat\u00fcrlich f\u00fcr uns ein wahres Gl\u00fcck; denn die Spitzmaus wird uns \u00fcberaus n\u00fctzlich, indem sie eine Unmasse sch\u00e4dlicher Thiere vertilgt.\nDie Bewegungen der Spitzmaus sind au\u00dferordentlich rasch und behend. Im Nothfall schwimmt sie, und an schiefen St\u00e4mmen vermag sie empor zu klettern. Ihre Stimme besteht in einem scharfen, feinzwitschernden, fast pfeifenden Tone, welcher jedoch so leise ist, da\u00df er nicht h\u00e4ufig vernommen wird. Bis jetzt hat man von allen Spitzm\u00e4usen nur die gleiche Stimme vernommen. Unter den Sinnen steht unzweifelhaft der Geruch oben an. Es kommt oft vor, da\u00df lebend gefangene, welche wieder frei gelassen werden, in die Falle zur\u00fccklaufen, blos weil diese den Spitzmausgeruch an sich hat. Dem Gesicht scheint die Spitzmaus gar nicht zu folgen, und auch ihr Geh\u00f6r mu\u00df ziemlich schwach sein; die Nase ersetzt aber auch beide Sinne fast vollkommen.\nEs giebt wenig andere Thiere, welche so ungesellig sind und sich gegen ihres Gleichen so abscheulich benehmen, wie eben die Spitzm\u00e4use; blos der Maulwurf noch d\u00fcrfte ihnen hierin gleich-","page":671},{"file":"p0672.txt","language":"de","ocr_de":"672\tDie Raubthiere. Spitzm\u00e4use. \u2014 Gemeine Spitzmaus. . Wimperspitzmaus.\nkommen. Nicht einmal die verschiedenen Geschlechter leben im Frieden mit einander, au\u00dfer zur Paarungszeit. W\u00e4hrend des \u00fcbrigen Jahres fri\u00dft eine Spitzmaus die andere auf, sobald sie sie \u00fcberw\u00e4ltigen kann. Ost sieht man zwei von ihnen in einen so w\u00fcthenden Kamps verwickelt, da\u00df man sie nnt den Handen greifen kann; sie bilden einen f\u00f6rmlichen Kn\u00e4uel und rollen nun \u00fcber den Boden dahin, fest in einander verbissen und mit einer Wuth an einander h\u00e4ngend, welche des unfl\u00e4thigsten Bulldoggen w\u00fcrdig w\u00e4re. Ein wahres Gl\u00fcck ist es, da\u00df die Spitzm\u00e4use nicht^L\u00f6wengr\u00f6\u00dfe haben, sie wurden bte ganze Erde entv\u00f6lkern und schlie\u00dflich verhungern m\u00fcssen. \u2014 Nur h\u00f6chst selten trifft man gr\u00f6\u00dfere Gesellschaften von Spitzm\u00e4usen an, zwischen denen Frieden herrscht pder zu herrschen scheint. Cartrey h\u00f6rte einmal in trockenem Laube ein ununterbrochenes Rascheln und L\u00e4rmen und entdeckte eme zahlreiche Menge unserer Thiere, seiner Sch\u00e4tzung nach etwa 100 bis 150 St\u00fcck, welche unter einander zu spielen schienen und unter best\u00e4ndigem Zirpen und Quiken hin- und herrannten: - eine ^Eche Beobachtung ist mir aber nicht bekannt worden. Der Berichterstatter glaubt, da\u00df es sich bei jener Zusammenkunft um eine gro\u00dfartige Freierei gehandelt habe.\n. Die tr\u00e4chtige Spitzmaus baut sich ein Nest aus Mos, Gras, Laub und Pflanzenstengeln, am liebsten mt Mauerwerk oder unter hohlen Baumwurzeln, versieht es mit mehreren Seiteng\u00e4ngen, f\u00fcttert es weich aus und wirft hier zwischen Mai und Juli 5 bis 10 Junge, welche nackt und mit geschlossenen Augen und Ohren geboren werden. Anf\u00e4nglich s\u00e4ugt die Alte die Jungen mit vieler Z\u00e4rtlichkeit, bald aber erkaltet ihre Liebe, und die Jungen machen sich nun auf, um sich selbstst\u00e4ndig ihre Nahrung zu erwerben. Dabei schwinden, wie bemerkt, alle geschwisterlichen R\u00fccksichten; denn jede Spitzmaus versteht schon in der Jugend unter Nahrung nichts Anderes, als alles Fleisch, welches sie erbeuten kann, und sei es der Leichnam ihres Geschwisters.\nEs ist merkw\u00fcrdig, da\u00df- die Spitzm\u00e4use nur von wenigen Thieren gefressen werden. Die Katzen t\u00f6dten sie wahrscheinlich, weil sie sie anfangs f\u00fcr eine Maus halten; sie bei\u00dfen sie aber nur todt, ohne sie jemals zu fressen. Auch die Marderarten scheinen sie zu verschm\u00e4hen. Blos einige Raubv\u00f6gel, der Storch sowie die Kreuzotter verschlingen sie ohne Umst\u00e4nde und mit Behagen. Jedenfalls hat die Abneigung der geruchsbegabteren S\u00e4ugethiere ihren Grund in dem Widerwillen, welchen ihnen die Ausd\u00fcnstung der Spitzm\u00e4use einfl\u00f6\u00dft. Alle echten Spitzm\u00e4use haben wenigstens einen Antheil des starken moschusartigen Geruchs, welchen wir bei der vorhergehenden Art kennen lernten. Dieser Geruch wird durch zwei Absonderungsdr\u00fcsen hervorgebracht, welche sich an den Seiten des Leibes und zwar n\u00e4her an den Vorder- als an den Hinterbeinen finden, und theilt sich allen Gegenst\u00e4nden, welche die Maus ber\u00fchrt, augenblicklich mit.\nEs ist m\u00f6glich, da\u00df der Aberglaube, unter welchem die Spitzm\u00e4use in manchen Gegenden Europas zu leiden haben, in diesem Geruch mit begr\u00fcndet ist. In England giebt es Gegenden, in welchen das harmlose Thier fast noch mehr gef\u00fcrchtet wird, als die t\u00fcckische Viper. Jedermann sieht ein, da\u00df das kleine Gesch\u00f6pf dem Menschen mit seinen feinen, d\u00fcnnen Z\u00e4hnen nicht das Geringste zu Leide thun kann; und dennoch schreibt man dem Bisse der Spitzmaus die giftigsten Eigenschaften zu. Ja das blose Ber\u00fchren von einer Spitzmaus wurde als ein sicherer Vorbote irgend welchen Uebels gedeutet, und Thier oder Mensch, welche \u201eSpitzmaus-geschlagen\" waren, mu\u00dften, nach allgemein g\u00fctiger Meinung aller alten Waschweiber in Frauen- oder M\u00e4nnertracht, nothwendigerweise demn\u00e4chst erkranken, falls sie nicht ein eigenth\u00fcmliches Mittel schleunigst anwandten, ein Mittel, ganz nach hom\u00f6opathischen Grunds\u00e4tzen erdacht und demnach allerdings geeignet, gedankenlosen oder geistesarmen Menschen zu gefallen. Dieses Heilmittel, welches allein gegen die Spitzmauskrankheit helfen konnte, bestand in den Zweigen einer \u201eSpitzmausesche,\" welche durch ein sehr einfaches Verfahren zu dem heilkr\u00e4ftigen Baume gestempelt worden war. Eine lebendige Spitzmaus wurde gefangen und mit Siegesjubel zu der Esche gebracht, welcher die Ehre zu Theil werden sollte, das hochgeistige Menschengeschlecht vor den Schlingen des Satans in Gestalt dieses kleinen Raubthieres zu sch\u00fctzen. Man bohrte ein gro\u00dfes Loch in den Stamm der Esche, lie\u00df die Spitzmaus dahinein kriechen und verschlo\u00df das Loch durch einen festen Pfropfen. So kurze Zeit nun auch das Leben des menschlichem Bl\u00f6dsinn","page":672},{"file":"p0673.txt","language":"de","ocr_de":"Unvertr\u00e4glichkeit. Fortpflanzung. Aberglaube.\n673\ngeopferten Thieres in dem abscheulichen Gef\u00e4ngni\u00df w\u00e4hren konnte, so kr\u00e4ftig war doch die Wirkung; denn von diesem Augenblick an erhielt die Esche ihre \u00fcbernat\u00fcrlichen Kr\u00e4fte.\nWie verbreitet und allgemein geglaubt dieser Unsinn in der Vorzeit war, geht aus der \u201eGeschichte der viers\u00fc\u00dfigen Thiere und der Schlangen von Topsel\" hervor, welche im Jahre 1658 zu London erschien. Dieser spa\u00dfhafte alte Thierkundige sagt \u00fcber die Spitzmaus in jenem Buche ungef\u00e4hr Folgendes:\n\u201eSie ist ein raubgieriges Vieh, heuchelt aber Liebensw\u00fcrdigkeit und Zahmheit; doch bei\u00dft sie tief und vergiftet t\u00f6dlich, so wie sie ber\u00fchrt wird. Grausamen Wesens, sucht sie jedem Dinge zu schaden, und es giebt kein Gesch\u00f6pf, welches von ihr geliebt wird, noch eins, welches sie lieben sollte; denn alle Thiere f\u00fcrchten sie. Die Katzen jagen und tobten sie, aber sie fressen sie nicht; denn wenn sie Dieses thun wollten, w\u00fcrden sie vergehen und sterben. Wenn die Spitzm\u00e4use in ein Fahrgeleise fallen, m\u00fcssen sie ihr Leben lassen; denn sie k\u00f6nnen nicht wieder weggehen, Dies bezeugen Marcellus,\nDie toskanische Wimperspitzmaus (Pachyura etrusca. \u2014 Siehe Seite 674.)\nNicander und Plinius, und die Ursache davon wird von Philes gegeben, welcher sagt, da\u00df sie sich in einem Geleise so ersch\u00f6pft und bedroht f\u00fchlen, als w\u00e4ren sie in Banden geschlagen. Eben deshalb haben die Alten auch die Erde aus Fahrgeleisen als Gegenmittel f\u00fcr den M\u00e4usebi\u00df verschrieben. Man hat aber noch mehrere Mittel, wie bei andern Krankheiten, um die Wirkung ihres Giftes zu heilen, und diese Mittel dienen zugleich auch noch, um allerlei Uebel zu heben. Eine Spitzmaus, welche aus irgend einer Ursache in ein Geleis gefallen und dort gestorben ist, wird verbrannt, zerstampft und dann mit Staub und G\u00e4nsefett vermischt: \u2014 solche Salbe heilt alle Entz\u00fcndungen unfehlbar. Eine Spitzmaus, welche get\u00f6dtet und so aufgeh\u00e4ngt worden ist, da\u00df sie weder jetzt noch sp\u00e4ter den Grund ber\u00fchrt, hilft Denen, deren Leib mit Geschw\u00fcren und Beulen bedeckt ist, wenn sie die wunde Stelle drei Male mit dem Leichnam des Thieres ber\u00fchren. Auch eine Spitzmaus, welche todt gefunden und in Leinen-, Wollen- oder anderes Zeug eingewickelt worden ist, heilt Schw\u00e4ren und andere Entz\u00fcndungen. Der Schwanz der Spitzmaus, welcher zu Pulver gebrannt und zur Salbe verwandt Brehm, Thierlebeu.\t43","page":673},{"file":"p0674.txt","language":"de","ocr_de":"674 Die Raubthiere. Spitzm\u00e4use. - Toskanische Wimperspitzmaus. Wasserspitzmaus.\nwurde, ist ein untr\u00fcgliches Mittel gegen den Bi\u00df w\u00fcthender oder toller Hunde rc.\" Die \u00fcbrige Verwendung des heilkr\u00e4ftigen Thieres brauche ich nicht anzuf\u00fchren: \u2014 dies eine Pr\u00f6bchen wird, denke ich, vollkommen gen\u00fcgen. \u2014\nMit unserer Spitzmaus nahe verwandt, aber einer andern Sippe zugeh\u00f6rig, ist die toskanische Wimp erspitzmaus (Pachyura etrusca oder P. suaveolens), ein Thierchen, welches deshalb besonderer Erw\u00e4hnung verdient, weil sie, soweit bis jetzt bekannt, das kleinste unter allen S\u00e4ugethieren ist. Ihre Gesammtl\u00e4nge betr\u00e4gt blos 21/2 Zoll, und hiervon geht ein Zoll auf den Schwanz ab; das Gewicht Betr\u00e4gt h\u00f6chstens 30 Gran. Das Thierchen ist somit als ein Zwerg unter den Zwergen anzusehen. Die F\u00e4rbung des Pelzes ist hellbr\u00e4unlich oder r\u00f6thlichgrau, der R\u00fcssel und die Pfoten sind fleischfarben, der Schwanz oben br\u00e4unlich, unten lichter, die F\u00fc\u00dfchen haben wei\u00dfliche H\u00e4rchen; \u00e4ltere Thiere sind heller und rostfarbig, die Jungen dunkler und mehr graufarbig. Auffallend ist die verh\u00e4ltni\u00df-m\u00e4\u00dfig sehr gro\u00dfe Ohrmuschel.\nDiese Spitzmaus kommt fast in allen L\u00e4ndern vor, welche rings um das Mittell\u00e4ndische nnd Schwarze Meer liegen. Sie ist im Norden Afrikas, im s\u00fcdlichen Frankreich, in Italien und der Krim gefunden worden. In ihrer Lebensweise \u00e4hnelt sie ihren Sippschastsverwandten. Zum Aufenthaltsort w\u00e4hlt sie sich am liebsten G\u00e4rten in der N\u00e4he von D\u00f6rfern, aber ft<n fommt auch in Geb\u00e4uden und Wohnungen vor. Da sie viel zarter und empfindlicher gegen die K\u00e4lte ist, als unsere nordischen Arten, sucht sie sich gegen den Winter dadurch zu sch\u00fctzen, da\u00df sie sich besonders warme Aufenthaltsorte f\u00fcr die kalten Monate ausw\u00e4hlt. \u2014\nVon den \u00fcbrigen Spitzm\u00e4usen wollen wir blos noch eine einzige Art, die Wasserspitzmaus (Crossopus foediens), hervorheben. Sie zeichnet sich vor ihren \u00fcbrigen Verwandten haupts\u00e4chlich deshalb aus, weil die Zehen an der Unterseite mit steifen, starken und ziemlich langen Haaren besetzt sind, welche die Stelle der Schwimmh\u00e4ute vertreten.\nDie Gelehrten sind noch uneinig, ob die Verschiedenheiten, welche unsere Wasserspitzm\u00e4use zeigen, blos zuf\u00e4llige oder st\u00e4ndige sind, welch Letzteres dann allerdings berechtigen w\u00fcrde, mehrere Arten von ihnen anzunehmen. Dem mag sein, wie ihm wolle, f\u00fcr uns gen\u00fcgt es, das Thier im Allgemeinen zu betrachten.\nDie Wasserspitzmaus geh\u00f6rt zu den gr\u00f6\u00dferen Arten der bei uns vorkommenden Spitzm\u00e4use. Ihre Gesammtl\u00e4nge betr\u00e4gt 4 Zoll 10 Linien, wovon 2 Zoll auf den Schwanz kommen. Der feine, dichte und weiche Pelz ist gew\u00f6hnlich auf dem Oberk\u00f6rper schwarz, im Winter gl\u00e4nzender, als im Sommer, auf dem Unterk\u00f6rper aber grauwei\u00df oder wei\u00dflich, zuweilen rein, manchmal mit Grauschwarz theilweise gefleckt. Die Haare des Pelzes stehen so dicht, da\u00df sie vollkommen an einander schlie\u00dfen und keinen Wassertropfen bis auf das Fell eindringen lassen. Die Schwimmhaare sind nach dem Alter und der Jahreszeit l\u00e4nger oder k\u00fcrzer. Sie lassen sich so ausbreiten, da\u00df sie wie die Zinken eines Kammes auf jeder Seite der F\u00fc\u00dfe hervorstehen, und sich auch wieder so knapp an die Seiten dieser Theile anlegen, da\u00df sie wenig bemerkbar sind. Sie bilden, wenn sie geh\u00f6rig gebreitet sind, ein sehr vollkommnes Ruder und leisten den Thieren vortreffliche Dienste. Nach Belieben k\u00f6nnen diese sie entfalten und wieder zusammenlegen und beim Laufen so andr\u00fccken, da\u00df sie hinl\u00e4nglich gegen die Abnutzung gesch\u00fctzt sind.\nWie es scheint, ist die Wasserspitzmaus \u00fcber fast ganz Europa und einen Theil Asiens verbreitet und an geeigneten Orten \u00fcberall h\u00e4ufig zu finden. Ihre Nordgrenze erreicht sie in England und in den Ostseel\u00e4ndern, ihre S\u00fcdgrenze in Spanien und Italien. In den Gebirgen steigt sie zu bedeutenden H\u00f6hen empor, in den Alpen etwa bis zu 6000 Fu\u00df. Sie bewohnt vorzugsweise die Gew\u00e4sser gebirgiger Gegenden und am liebsten solche, in denen es auch bei der gr\u00f6\u00dften K\u00e4lte des Winters noch offne Quellen giebt; denn solche sind ihr im Winter ganz unentbehrlich, um frei aus und ein zu gehen. B\u00e4che gebirgiger Waldgegenden, welche reines Wasser, sandigen oder kiesigen Grund haben, mit","page":674},{"file":"p0675.txt","language":"de","ocr_de":"Der kleinste S\u00e4uger. \u2014 Beschreibung, Heimat, Wohnort der Wasserspitzmaus.\t675\nB\u00e4umen besetzt und von G\u00e4rten oder Wiesen eingeschlossen sind, scheinen Lieblingsorte von ihr zu sein. Ebenso gern aber h\u00e4lt sie sich in Teichen auf, welche helles Wasser haben und stellenweise mit Meerlinsen bedeckt sind. Zuweilen findet man sie hier in erstaunlicher Menge. Oft wohnt sie mitten in den D\u00f6rfern, gern in der N\u00e4he der M\u00fchle, doch ist sie nicht an das Wasser gebunden; denn sie l\u00e4uft auch auf den an den B\u00e4chen liegenden Wiesen umher, verkriecht sich unter den Heuschobern, geht in die Scheuern und St\u00e4lle und kommt manchmal aus Felder, welche weit vom Wasser entfernt sind; man trifft sie auch im Innern der H\u00e4user, zumal in Kellern an. In lockerm Boden nah am Wasser gr\u00e4bt sie sich selbst R\u00f6hren, benutzt aber doch noch lieber die G\u00e4nge der M\u00e4use und Maulw\u00fcrfe, welche sie in der N\u00e4he ihres Aufenthaltsortes vorfindet. Ein Haupterforderni\u00df ihrer Wohnung ist, da\u00df die Hauptr\u00f6hre verschiedene Ausg\u00e4nge hat, von denen der eine in das Wasser, die anderen \u00fcber der Oberfl\u00e4che desselben und noch andere nach dem Lande zum\u00fcnden. Die Baue sind Schlaf- und\nDie Wasserspitzmaus (Crossopus foediens).\nZufluchtsorte des Thierchens und gew\u00e4hren ihm bei Verfolgung der Katzen und anderer Raubthiere eine sichere Unterkunft.\nIn dieser Wohnung bringt die Wasserspitzmaus an belebten Orten gew\u00f6hnlich den ganzen Tag zu; da aber, wo sie keine Nachstellung zu f\u00fcrchten hat, ist sie auch bei Tage sehr munter, besonders im Fr\u00fchjahr zur Paarungszeit. Selten schwimmt sie an dem Ufer entlang, lieber geht sie quer durch von dem einen Ufer zum andern. Will sie sich l\u00e4ngs des Baches fortbewegen, so l\u00e4uft sie entweder unter dem Ufer weg oder auf dem Boden des Baches unter dem Wasser dahin. Sie ist ein \u00e4u\u00dferst munteres, kluges und gewandtes Thier, welches dem Beobachter in jeder Hinsicht Freude macht. Ihre Bewegungen sind schnell und sicher, behend und ausdauernd; sie schwimmt und taucht vortrefflich und besitzt die F\u00e4higkeit, bald mit vorstehendem Kopf, bald mit sichtbarem ganzen Oberk\u00f6rper auf dem Wasser zu ruhen, ohne eine bemerkliche Bewegung dabei zu machen. Wenn sie schwimmt, erscheint ihr Leib breit, platt gedr\u00fcckt und gew\u00f6hnlich auch mit einer Schicht gl\u00e4nzendwei\u00dfer, sehr kleiner","page":675},{"file":"p0676.txt","language":"de","ocr_de":"676\nDie Raubthiere. Spitzm\u00e4use. \u2014 Wasserspitzmaus.\nPerlen \u00fcberdeckt. Diese Perlen sind Bl\u00e4schen, welche sich aus der von den dichten Haaren zur\u00fcckgehaltenen Luft bilden. Gerade diese gestaute Luftschicht \u00fcber dem K\u00f6rper scheint ihr Fellchen immer trocken zu halten.\nWenn man sich an einem Teiche gut versteckt und hier Wasserspitzm\u00e4use beobachtet, welche nicht beunruhigt worden sind, kann man ihr Treiben recht h\u00fcbsch wahrnehmen. Schon fr\u00fch vor oder gleich nach Sonnenaufgang sieht man sie zum Vorschein kommen und im Teiche herumschwimmen. Dabei halten sie oft inne und legen sich platt auf das Wasser hin oder schauen halben Leibes aus demselben hervor so da\u00df ihre wei\u00dfe Kehle sichtbar wird. Beim Schwimmen rudern sie mit den Hinterf\u00fc\u00dfen so stark, da\u00df man nach der Bewegung des Wassers ein weit gr\u00f6\u00dferes Thier vermuthen m\u00f6chte; beim Ausruhen sehen sie sich \u00fcberall um und st\u00fcrzen sich, so wie sie eine Gefahr ahnen, pfeilschnell in das Wasser, so geschwind, da\u00df der J\u00e4ger welcher sie erlegen will, sehr nahe sein mu\u00df, wenn sie der Hagel seines Gewehres erreichen soll; denn wie manche Stei\u00dff\u00fc\u00dfe st\u00fcrzen sie sich in dem Augenblick in die Tiefe, in welchem sie den Rauch aus dem Gewehre wahrnehmen, und entkommen so wirklich noch dem ihnen zugedachten Tode. In fr\u00fcheren Zeiten, wo man noch keine Schlagschl\u00f6sser an den Gewehren hatte, hielt es sehr schwer, Wasserspitzm\u00e4use zu erlegen: sie waren verschwunden, sowie das Feuer auf der Pfanne aufblitzte. Selten bleibt die kleine Taucherin lange auf dem Grunde des Wassers, gew\u00f6hnlich kommt sie bald wieder auf die Oberfl\u00e4che herauf. Hier ist ihr Wirkungskreis,^hier sieht man sie an einsamen, stillen Orten den ganzen Tag \u00fcber in Bewegung. Sie schwimmt nicht nur an den Ufern, sondern auch in der Mitte des Teiches herum, oft von einer Seite zur andern und ruht gern auf einem in das Wasser h\u00e4ngenden Baumstumpf oder auf einem darin schwimmenden Holze aus. Zuweilen springt sie aus dem Wasser in die H\u00f6he, um ein vor\u00fcberfliegendes Kerbthier zu fangen, und st\u00fcrzt sich Kopf unterst wieder hinein. Dabei ist ihr Fellchen immer glatt und trocken, und die Tropfen laufen ihr, sowie sie wieder auf die Oberfl\u00e4che kommt, vom Felle ab, wie Wasser, welches man auf Wachstafft gie\u00dft. Im kranken Zustande verliert sich diese Eigenschaft des Pelzes: die Haare werden durchaus na\u00df und die Feuchtigkeit dringt bis auf die Haut; dann aber geht die Wasserspitzmaus auch sehr.bald zu Grunde.\nDas volle Leben des schmucken Thieres zeigt sich am besten bei ihrer Paarung und BegMung, welche zum erstenmal im Jahre im April oder Mai vor sich zu gehen pflegt. Unter best\u00e4ndigem Geschrei, welches fast wie \u201eSisisi\" klingt und, wenn es von mehreren ausgesto\u00dfen wird, ein wahres Geschwirr genannt werden kann, verfolgt das M\u00e4nnchen das Weibchen. Letzteres kommt aus seinem Versteck herausgeschwommen, hebt den Kopf und die Brust aus dem Wasser empor und sieht sich nach allen Seiten um. Das M\u00e4nnchen, welches den Gegenstand seiner Sehnsucht unzweifelhaft schon gesucht hat, zeigt sich jetzt ebenfalls auf dem freien Wasserspiegel und schwimmt, so wie es die Verlorene wieder entdeckt hat, eilig auf sie zu. Dem Weibchen ist es aber noch nicht gelegen, die ihm zugedachten Liebkosungen anzunehmen. Es l\u00e4\u00dft zwar das M\u00e4nnchen ganz nahe an sich heran kommen, doch ehe es erreicht ist, taucht es pl\u00f6tzlich unter und entweicht weit, indem es auf dem Grunde des Teiches eine Strecke fortl\u00e4uft und an einer ganz andern Stelle wieder emporkommt. Doch das M\u00e4nnchen hat Dies bemerkt und eilt von neuem dem Orte zu, an welchem sich seine Geliebte befindet. Schon glaubt es, am Ziele zu sein, da verschwindet das Weibchen wieder und kommt abermals anderswo zum Vorschein. So geht das Spiel Viertelstunden lang fort, bis sich endlich das Weibchen dem Willen des M\u00e4nnchens ergiebt. Dabei vergi\u00dft keines der beiden Gatten, ein etwa vor\u00fcberschwimmendes Kerbthier oder einen sonstigen Nahrungsgegenstand aufzunehmen, und nicht selten werden bet dieser Liebesneckerei auch alle G\u00e4nge am Ufer mit besucht.\nIm Verh\u00e4ltni\u00df zu ihrer Gr\u00f6\u00dfe sind die Wasserspitzm\u00e4use wahrhaft furchtbare Raubthiere. Sie verzehren nicht blos Kerfe aller Arten, zumal solche, welche im Wasser leben, W\u00fcrmer, kleine Weich-thiere, Krebse und dergleichen, sondern auch Lurche, Fische, V\u00f6gel und kleine S\u00e4ugethiere. Die harmlose Maus, welcher sie in ihren L\u00f6chern begegnen, ist verloren; die vorkurzem ausgeflogene Bachstelze, welche sich unvorsichtig zu nahe an das Wasser wagt, wird pl\u00f6tzlich mit derselben Gier \u00fcberfallen, mit welcher sich ein Luchs auf ein Reh st\u00fcrzt, und in wenigen Minuten abgew\u00fcrgt; der Frosch,","page":676},{"file":"p0677.txt","language":"de","ocr_de":"677\nBenehmen. Paarung. Raublust.\nwelcher achtlos an einer Fluchtr\u00f6hre vor\u00fcbe-h\u00fcpst. wird pl\u00f6tzlich an den Hinterbeinen gepackt nnd trotz seines kl\u00e4glichen Geschreis in di- Tiefe gezogen, wo er bald erliegen mu\u00df. Die Schmerlen un Ell-ritzen werden in klein- Buchten getrieben und hier auf eigne Weise gefangen: dl-Wafserspltzmans tr\u00fcbt das Wasser nnd bewacht den Eingang der Bucht; sobald nun einer der kleinen Fische an ihr vor\u00fcberschwimmen will, f\u00e4hrt sie ans denselben zu nnd f\u00e4ngt ihn gew\u00f6hnlich: st- fischt, wie das Sprichwort sagt, im Tr\u00fcben. Aber nicht blos so kleine Thiere werden von der Wasserspltzmaus angefallen nnd gelobtet: sie wagt sich sogar an Gesch\u00f6pfe, deren Gewicht das ihre NN, mehr als das Sechzigsache \u00fcbertrifft, ja man kann sagen, da\u00df es kein Ranbthier weiter giebt, welche\u00ab -in- verhalt-\nni\u00dfm\u00e4\u00dfig so gro\u00dfe Beute \u00fcberf\u00e4llt und umbringt.\t^\t,\t_\t.\t_\t.\t.\n\u201eBor einigen drei\u00dfig Jahren/' sagt mein Vater, \u201ewurden im Fr\u00fchjahr rat Hetnfpitzersee in Eisenberg mehrere Karpfen von zwei Pfund und dar\u00fcber gefunden, denen die Augen und das Gehirn ausgefressen war. Einigen von ihnen fehlte auch an dem K\u00f6rper hier und da Fletsch. Diese merkw\u00fcrdige Erscheinung kam in einem Wochenblatte zur Sprache und veranla\u00dfte einen heftigen Streit zwischen zwei Gelehrten einer benachbarten Stadt, in welchem der eine behauptete, die Teichfr\u00f6sche seien es, welche sich den Fischen auf den Kopf setzten, ihnen die Augen auskratzten und das Gehirn ausfra\u00dfen. Dies wurde von Denen geglaubt, bei welchen der Frosch \u00fcberhaupt in schlechtem Rufe steht, von Solchen z. B., welche dem unschuldigen Grasfrosch schuld geben, da\u00df er den Flachs nicht nur verwirre, sondern ihn auch, ja selbst Hafer fr\u00e4\u00dfe. Auch unser alter ehrw\u00fcrdiger Blumenbach wurde von den genannten Gelehrten in den Streit gezogen, weil er in seiner Naturgeschichte sagt, die Frosche fra\u00dfen Fische und auch V\u00f6gel. Der Gegner vertheidigte die Teichfr\u00f6sche mit Geschick, allem ihr Ankl\u00e4ger war nicht so leicht aus dem Sattel zu heben. Er brachte die getrockneten Kinnladen in einer Abbildung zur Anschauung und suchte aus ihnen die Gef\u00e4hrlichkeit der Teichfr\u00f6sche zu beweisen. Endlich wurde auch ich ersucht, meine Stimme in diesem Streite abzugeben. Ich zeigte, um die Unschuld, den guten Namen und die Ehre der Fr\u00f6sche zu retten, die Unm\u00f6glichkeit des ihnen Schuld gegebenen Verbrechens, da es ihnen bekanntlich g\u00e4nzlich an Mitteln gebricht, dasselbe auszuf\u00fchren. Man schien nur Glauben zu schenken, doch blieb der M\u00f6rder der Karpfen unbekannt. Ich wu\u00dfte nun zwar, da\u00df die Spitzm\u00e4use Fische fangen und auch Fischlaich begierig aufsuchen, hatte auch an den gefangenen Wasser-spitzm\u00e4usen, welche ich eine Zeitlang lebend besa\u00df, die m\u00f6rderische Natur derselben hinreichend kennen gelernt; dennoch glaubte ich nicht, da\u00df das kleine Thier so gro\u00dfe Fische anfallen und tobten k\u00f6nne:\naber der Beweis wurde mir geliefert.\"\n\u201eEin Bauergutsbesitzer des hiesigen Kirchspiels zog in seinem Teiche sch\u00f6ne Fische und hatte rat Herbst 1829 in den Brunnenkasten vor seinem Fenstern, welcher wegen des zuflie\u00dfenden Quellwassers niemals zufriert, mehrere Karpfen gesetzt, um sie gelegentlich zu verspeisen. Der Januar 1830 brachte eine K\u00e4lte von 22\u00b0 und bedeckte fast alle B\u00e4che dick mit Eis; nur die \u201ewarmen Quellen\" blieben frei. Eines Tages fand der Besitzer seines Brunnens zu seinem gro\u00dfen Verdru\u00df in seinem R\u00f6hrtroge einen todten Karpfen, welchem die Augen und das Gehirn ausgesressen waren. Nach wenigen Tagen hatte er den Aerger, einen zweiten anzutreffen, der auf \u00e4hnliche Weise zu Grunde gerichtet worden war, und so verlor er einen Fisch nach dem andern. Endlich bemerkte seine Frau, da\u00df gegen Abend eine schwarze \u201eMaus\" an dem Kasten hinaufkletterte, im Wasser herumschwamm, sich einem Karpfen auf den Kopf setzte und mit dem Vorderf\u00fc\u00dfen sich festklammerte. Ehe die Frau im Stande war, das zugefrorene Fenster zu \u00f6ffnen, um das Thier zu verscheuchen, waren dem Fische die Augen ausgefressen. Endlich war das Oeffnen des Fensters gelungen, und die Maus wurde in die Flucht getrieben. Allein kaum hatte sie den Kasten verlassen, so wurde sie von einer vor\u00fcberschleichenden Katze gefangen, dieser wieder abgenommen und mir \u00fcberbracht. Es war unsere Wasserspitzmaus, und sie wird heute noch von mir sorgf\u00e4ltig aufgehoben mit einem Zettel, auf welchem ihr Verbrechen angemerkt ist. So waren denn die fraglichen M\u00f6rder der Karpfen in dem Heinspitzersee entdeckt worden, M\u00f6rder, welche ohne die Aufmerksamkeit der Frau vielleicht heute noch unbekannt w\u00e4ren. Dabei mu\u00df ich noch bemerken, da\u00df die von mir aufbewahrte Wasferspitzmans nicht die einzige war, welche jenen Brunnenkasten heim-","page":677},{"file":"p0678.txt","language":"de","ocr_de":"678\nD\" Raubthiere. Spitzm\u00e4use. - Wasserspitzmaus. Bisamspitzmaus.\nsuchte, es kam eine um die andere nach ihr. Dies bewog den Besitzer einen vergifteten Karpfenkopf m den Kasten zu legen, mit welchem er auch mehrere Wasferspitzm\u00e4use umbrachte.\"\nEtwa drei Wochen nach der Paarung wirft das Weibchen sechs bis acht blinde Junge in ein Nest, welches m selbst gegrabenen L\u00f6chern in den Uferr\u00e4ndern der Teiche oder B\u00e4che steht und mit d\u00fcrrem Mose, Grashalmen oder Baumbl\u00e4ttern ausgef\u00fcttert ist. Im Verlauf von f\u00fcnf bis sechs Wochen sind bte Jungen soweit ausgewachsen, da\u00df sie schon mit auf die Kerbthierjagd ausziehen k\u00f6nnen. Dann paart stch dre Mutter wahrscheinlich zum zweiten Male und zieht eine neue Brut heran\nDie Femde der Wasserspitzmaus sind fast dieselben, welche wir bei der gemeinen Spitzmaus kennen lernten. Be: Tage geschieht jenen gew\u00f6hnlich Nichts zu Leide; wenn sie aber des Nachts am Ufer herumlaufen, werden sie oft eine Beute der Eulen und Katzen. Nur die Ersteren verzehren sie, dre Letzteren todten sie blos und werfen sie, ihres Moschusgeruches wegen, dann weg. Der Forscher welcher Wasserspitzm\u00e4use sammeln will, braucht deshalb blos jeden Morgen die Ufer der Teiche abzusuchen; er findet dann in kurzer Zeit soviel Leichname dieser Art, als er braucht.\nIn der Gefangenschaft k\u00f6nnen die Wasserspitzm\u00e4use nicht lange am Leben erhalten werden. Mein Vater hatte mehrmals Wasserspitzm\u00e4use lebendig, doch starben alle schon nach wenigen Tagen. Die-lemge, welche am l\u00e4ngsten lebte, wurde beobachtet. \u201eDa sie sehr hungrig schien,\" sagt mein Vater, \u201elegte ich ihr eine todte Ackermaus in ihr Beh\u00e4ltni\u00df. Sie begann sogleich, an ihr zu nagen, und hatte m kurzer Zeit ern so tiefes Loch gefressen, da\u00df sie zu dem Herzen gelangen konnte, welches sie auch fra\u00df. Dann verspeiste sie noch einen Theil der Brust und der Eingeweide und lie\u00df das Uebrige lregen. Sie hielt, wie ich Dies bei anderen Spitzm\u00e4usen beobachtet habe, best\u00e4ndig den R\u00fcssel in die H\u00f6he und schn\u00fcffelte unaufh\u00f6rlich, um etwas f\u00fcr sie Genie\u00dfbares zu ersp\u00e4hen. H\u00f6rte sie ein Ger\u00e4usch, so verbarg sie sich sehr schnell in dem Schlupfwinkel, welchen ich f\u00fcr sie angevracht hatte. Sie that so hohe Spr\u00fcnge, da\u00df sie aus einer gro\u00dfen, blechernen Gie\u00dfkanne, in welcher ich sie erst hatte, fast entkam. Am ersten Tage kam sie stets trocken aus dem Wasser hervor, am zweiten Tage war Dies schon weniger und kurz vor ihrem Tode fast gar nicht mehr der Fall. Sie war sehr bissia und blieb, bis sie ganz ermattete, scheu und wild.\"\nIn der letzten Sippe begegnen wir wieder h\u00f6chst merkw\u00fcrdig gestalteten Thieren, welche nur noch in der Familie der Maulw\u00fcrfe durch \u00e4hnliche Formen vertreten sind. Die Bisamspitzm\u00e4use (Myogale), wie man sie genannt hat, sind eigentlich noch mehr Wasserbewohner, als die Wasser-spitzm\u00e4use, wenn man auch nicht sagen kann, da\u00df sie in ihrem Elemente heimischer w\u00e4ren, als diese. Aber schon der erste Blick auf ihre Gestalt und namentlich auf die F\u00fc\u00dfe k\u00fcndet sie als Wasserbewohner im vollsten Sinne. Ihr K\u00f6rperbau ist gedrungener, als bei den \u00fcbrigen Spitzm\u00e4usen; der Hals ist au\u00dferordentlich kurz, ebenso dick, als der Leib, und von diesem nicht zu unterscheiden. Dabei ruht dieser auf niedrigen Beinen, deren f\u00fcnf Zehen durch eine lange Schwimmhaut mit einander verbunden sind; die Hinterbeine sind l\u00e4nger, als die vorderen; der Schwanz ist l\u00e4nglich gerundet, gegen das Ende ruderartig zusammengedr\u00fcckt, geringelt und geschuppt und nur sp\u00e4rlich mit Haaren besetzt; die \u00e4u\u00dferen Ohren fehlen und die Augen sind sehr klein. Das Merkw\u00fcrdigste am ganzen Thiere ist die Nase, welche noch eher ein R\u00fcssel genannt werden kann, wie bei den Rohrr\u00fc\u00dflern. Sie besteht aus zwei langen, d\u00fcnnen, verschmolzenen, knorpligen R\u00f6hren, welche aber durch Hilfe zwei gr\u00f6\u00dferer und drei kleinerer Muskeln auf jeder Seite nach allen Richtungen sich bewegen und zu den verschiedenartigsten Zwecken gebraucht werden k\u00f6nnen, namentlich zu dem Betasten aller Gegenst\u00e4nde. In diesem R\u00fcssel scheinen alle \u00fcbrigen Sinne vertreten zu sein, und somit ist die Bisamspitzmaus als echtes Nasenthier zu betrachten. Die Lippen sind fleischig und schlaff. Unter der Schwanzwurzel liegt eine zwei Linien gro\u00dfe Moschusdr\u00fcse, welche aus zwanzig bis vierzig S\u00e4ckchen besteht, deren jedes einen oben bauchigen und einen unten schm\u00e4lern Theil hat und in der Wandung viele Dr\u00fcsen-","page":678},{"file":"p0679.txt","language":"de","ocr_de":"679\nAllgemeines. Arten: die pyren\u00e4ische und der Desman.\nschlauche enth\u00e4lt. Die aus diesen Dr\u00fcsen stammende Absonderung riecht auffallend stark und mag vielleicht dazu dienen, jene Thi-rch-n zu bet\u00e4uben, welch- die Nahrung der Bisamr\u00fc\u00dfler abgeben m\u00fcssen.\nBis jetzt kennt man blos zwei Arten dieser Sippe, welche beide im s\u00fcdlichen Europa zu finden sind, und zwar bewohnt di- -in- von ihnen di- Pyren\u00e4en,-tt- und ihr- Ausl\u00e4ufer, di- andere aber SLdru\u00dfland, namentlich die Gegend zwischen der Wolga und dem Don. Unsere Abbildung zeigt dre Bisamspitzmaus der Pyren\u00e4en (Myogale pyrenaica), ein Thier von zehn Zoll Gesammtl\u00e4nge, von welcher etwa die H\u00e4lfte auf den Schwanz kommt. Sein einziger Verwandter, der Desman oder Wychuchol (Myogalemoschata), ist fast noch einmal so gro\u00df, in Gestalt und Wesen jenem aber fast gleich. Der Pelz des \u201eAlmizilero\" (Moschusthieres), wie die Spanier ihre Art nennen, rst oben kastanienbraun, an den Seiten braungrau, am Bauche silbergrau; unter dem Haarkamm befinden sich Schnurren; an den Seiten des R\u00fcssels ist es wei\u00dflich, die Vorderpf\u00f6tchen sind br\u00e4unlich behaart, die hinteren sind nackt und beschuppt; der Schwanz ist dunkelbraun mit wei\u00dfen H\u00e4rchen.\nMan glaubte anf\u00e4nglich, da\u00df diese Art blos auf die Pyren\u00e4en beschr\u00e4nkt sei; doch hat sie m der Neuzeit Graells, der Vorsteher des Museums zu Madrid, auch in der Sierra de Gredos auf-\nDierBisamspitzmaus der Pyren\u00e4en (Myogale pyrenaica).\ngefunden, und hieraus geht hervor, da\u00df ihr Heimatskreis sich wohl \u00fcber den ganzen Norden Spaniens erstrecken mag. Ueber die Lebensweise fehlen zur Zeit noch sichere Beobachtungen: allein wir haben solche \u00fcber den Wychuchol oder den russischen Bisamr\u00fc\u00dfler, welche von dem ausgezeichneten Naturforscher Pallas herr\u00fchren und einstweilen als gen\u00fcgend angesehen werden k\u00f6nnen.\nDer Desman unterscheidet sich von dem Pyren\u00e4enbisamr\u00fc\u00dfler durch seine bedeutende Gr\u00f6\u00dfe, welche die unsers Hamsters noch \u00fcbertrifft. Die L\u00e4nge des K\u00f6rpers betr\u00e4gt gegen 9 Zoll, die des Schwanzes 7 Zoll, die H\u00f6he am Widerrist V/2 Zoll; sehr gro\u00dfe M\u00e4nnchen erreichen eine Gesammtl\u00e4nge von 16 Zoll und das Gewicht von 1 bis 11/2 Pfund. Der Pelz besteht aus sehr weichem Woll-haar und glatten Grannen und ist oben r\u00f6thlichbraun, unten wei\u00dflich aschgrau mit Silberglanz. ^ Die Pfoten sind kahl, auf der Oberseite fein geschuppt, unten genetzt, am \u00e4u\u00dfersten Rande mit Schwimmborsten besetzt, der Schwanz ist an der Wurzel etwas eingeschn\u00fcrt, dann walzig und an der Endh\u00e4lfte zweischneidig zusammengedr\u00fcckt; die kleinen Augen stehen auf einem wei\u00dfen Fleck, und ein \u00e4hnlicher findet sich dicht \u00fcber dem Geh\u00f6rgang; die Ohr\u00f6ffnungen sind dicht mit Haaren bedeckt; die Nasenl\u00f6cher k\u00f6nnen durch eine innere Warze halb oder ganz geschlossen werden.","page":679},{"file":"p0680.txt","language":"de","ocr_de":"680\tDie Raubthiere. Spitzm\u00e4use. \u2014 Bisamspitzmaus. \u2014 Maulw\u00fcrfe.\n__ Der Desman bewohnt den S\u00fcdoften Europas und zwar haupts\u00e4chlich die Flu\u00dfgebiete der Str\u00f6me Wolga und Don; in Asien findet er sich blos in der Bucharei. Sein Leben ist an das Wasser gebunden, und nur h\u00f6chst ungern unternimmt er kleine Wanderungen von einem Bache zum andern. Ueberall, wo er vorkommt, ist er h\u00e4ufig.\nSein Leben ist sehr eigenth\u00fcmlich, dem des Fischotters \u00e4hnlich. Es verflie\u00dft halb unter der Erde, halb im Wasser. Stehende oder langsam flie\u00dfende Gew\u00e4sser mit hohen Ufern, in welchen er sich leicht G\u00e4nge graben kann, sagen ihm am meisten zu. Hier findet man ihn auch einzeln oder paarweise in gro\u00dfer Anzahl. Die R\u00f6hren sind k\u00fcnstlich und ebenfalls nach Art des Fischotterbaues angelegt. Unterhalb der Oberfl\u00e4che des Wassers beginnt ein schief nach aufw\u00e4rts steigender Gang, welcher unter Umst\u00e4nden eine L\u00e4nge von zwanzig und mehreren Fu\u00df erreichen kann; dieser f\u00fchrt in einen Kessel, welcher regelm\u00e4\u00dfig vier oder f\u00fcnf Fu\u00df hoch \u00fcber dem Wasserspiegel und jedenfalls \u00fcber dem h\u00f6chsten Wasserstand liegt, somit auch unter allen Umst\u00e4nden trocken bleibt. Ein Luftgang nach oben hin findet sich nicht; dennoch ist die Angabe, da\u00df der Desman im Winter oft in seinen Bauen ersticken m\u00fcsse, als alberne Fabel anzusehen. Es w\u00e4re zu unsinnig, wenn das von Luftmangel gequ\u00e4lte Thier nickt sein eigentliches Element, das Wasser, aufsuchen und in ihm nach einer Oeffnung im Eise sp\u00e4hen sollte, welche ihm den n\u00f6thigen Sauerstoff zuf\u00fchren mu\u00df.\nAls vortrefflicher Schwimmer und Taucher bringt der Desman bqt gr\u00f6\u00dften Theil seines Lebens im Wasser zu, und nur wenn ihn Ueberschwemmungen aus seinen unterirdischen G\u00e4ngen vertreiben, betritt er die Oberfl\u00e4che der Erde, aber auch dann entfernt er sich nur gezwungen aus kurze Strecken von dem Wasser. Hier treibt er sich Tag und Nacht, Sommer und Winter herum; denn wenn auch Eis die Fl\u00fcsse deckt, er geht unter ihm seinem Gewerbe nach und zieht sich blos, wenn er ges\u00e4ttigt und erm\u00fcdet ist, nach seiner H\u00f6hle zur\u00fcck, deren M\u00fcndung immer so tief angelegt ist, da\u00df auch das dickste Eis sie nicht verschlie\u00dfen kann. Seine Nahrung besteht aus Blutegeln, W\u00fcrmern, Wasserschnecken, Schnaken, Wassermotten und Larven anderer Kerbthiere. Die Fischer sagen freilich, da\u00df er Wurzeln und Bl\u00e4tter vom Kalmus fresse, haben sich aber zu solchem Glauben nur von dem Umstande verleiten lassen, da\u00df der Desman gerade diese Pflanzen als vorz\u00fcgliche Jagdgebiete besonders oft nach Beute absucht.\nSo plump und unbeholfen der Wychuchol auch erscheint, so behend und gewandt ist er. Sobald das Eis aufgeht, sieht man ihn in dem Schilfe und in dem Gestr\u00e4uch des Ufers unter dem Wasser hin spazieren, sich hin- und herwenden, mit schnellen Bewegungen des R\u00fcssels Gew\u00fcrm suchen und oft, um zu athmen, an die Oberfl\u00e4che kommen. Bei heiterm Wetter spielt er im Wasser und sonnt sich am Ufer. Der R\u00fcssel wird nach allen Seiten gekr\u00fcmmt und mit ihm betastet er Alles: er scheint ihm auch vollkommen die \u00fcbrigen Sinne zu ersetzen. Oft steckt er ihn in das Maul und l\u00e4\u00dft dann schnatternde T\u00f6ne h\u00f6ren, welche denen einer Ente \u00e4hneln. Reizt man ihn oder greift man ihn an, so pfeift und quiekt er, wie die Spitzmaus, sucht sich auch durch Bei\u00dfen zu vertheidigen. Mit dem R\u00fcffel vermag er, wie man anf\u00e4nglich.beobachtet hat, sehr h\u00fcbsch und geschickt Regenw\u00fcrmer und andere kleine Thiere zu erhaschen und nach Elefantenart in das Maul zu schieben. Somit verdient er eigentlich den Namen Elesantenspitzmaus, welcher, wie wir sahen, den Rohrr\u00fc\u00dflern gegeben wurde. Im Trocknen wird er sehr unruhig und sucht zu entkommen; sobald er dann in das Wasser gelangt, scheint er sich ordentlich begl\u00fcckt zu f\u00fchlen und w\u00e4lzt sich vor Vergn\u00fcgen hin und her.\nMan kann den Wychuchol ziemlich leicht fangen, zumal im Fr\u00fchling und zur Zeit der Begattung, wo die Verliebten mit einander spielen. In einem gro\u00dfen Netze, welches man durch das Wasser zieht, findet man dann regelm\u00e4\u00dfig mehrere verwickelt. Aber man mu\u00df dabei nat\u00fcrlich die Vorsicht gebrauchen, immer nur k\u00fcrzere Strecken auf einmal durchzufischen, damit die Thiere, welche durch die Netze in ihren Bewegungen gehindert werden, nicht unter dem Wasser ersticken. In den Reu\u00dfen und Netzen, welche die Fischer ausstellen, werden sehr viele von ihnen aufgefunden, welche auf diese Weise ums Leben gekommen sind. Im Herbst betreibt man eine f\u00f6rmliche Jagd auf den Wychuchol, weil um diese Zeit seine Jungen erwachsen sind und die Ausbeute dann ergiebig wird.","page":680},{"file":"p0681.txt","language":"de","ocr_de":"Beobachtung des Desman durch Pallas.\n681\nUeber die Fortpflanzung und die Zahl der Jungen des Desman ist bis jetzt noch nichts Sicheres bekannt; doch scheint es, da\u00df er sich ziemlich zahlreich vermehrt, und hierf\u00fcr sprechen auch die acht Zitzen, welche man am Weibchen findet. Wie h\u00e4ufig das Thier sein mu\u00df, geht daraus hervor, da\u00df man die Felle, welche man zur Verbr\u00e4mung der Kappen und Hauskleider verbraucht, nur mit einem oder zwei Kreuzern unsers (Geldes bezahlt. Im Winter werden aus unbekaNNten Gr\u00fcnden meistens M\u00e4nnchen, selten Weibchen, gefangen, im Sommer dagegen nur wenig M\u00e4nnchen.\nPallas ist der Einzige, welcher auch \u00fcber den gefangenen Desman Etwas mittheilt. Das Thier h\u00e4lt stets nur sehr kurze Zeit in der Gefangenschaft aus, selten l\u00e4nger, als drei Tage. Doch glaubt genannter Forscher, da\u00df Dies wohl in der \u00fcblen Behandlung liegen m\u00f6chte, welche der Wychuchol beim Fange Seitens der Fischer erleiden mu\u00df. Wenn man ihm in sein Beh\u00e4ltni\u00df Wasser gie\u00dft, zeigt er eine besondere Lust, schmatzt, w\u00e4scht den R\u00fcssel und schnuppert dann umher. L\u00e4\u00dft man den unruhigen Gesellen gehen, so w\u00e4lzt er sich unaufh\u00f6rlich von einer Seite auf die andere, und indem er sich aus die Sohle der einen Seite st\u00fctzt, k\u00e4mmt und kratzt er sich so schnell, als mache er es mit zitternder Bewegung. Die Sohlen lind wunderbar gelenkig und k\u00f6nnen selbst die Lenden erreichen, der Schwanz dagegen bewegt sich wenig und wird fast immer wie eine Sichel gebogen. Der Desman ergreift alle ihm zugeworfene Beute hastig mit dem R\u00fcssel, wie mit einem Finger, und schiebt sie sich ins Maul, schn\u00fcffelt auch nach allen Seiten hin best\u00e4ndig herum und scheint dieselbe Uners\u00e4ttlichkeit zu besitzen, wie andere Mitglieder seiner Familie. Abends begiebt er sich zur Ruhe und liegt dann mit zusammengezogenem Leib, die Vorderf\u00fc\u00dfe auf einer Seite, den R\u00fcssel nach unten, fast unter den Arm gebogen, auf der flachen Seite. Aber auch im Schlafe ist er unruhig und wechselt oft den Platz. Nach sehr kurzer Zeit wird das Wasser von seinem Unrache und von dem Geruch der Schwanzdr\u00fcsen stinkend und mu\u00df deshalb best\u00e4ndig erneuert werden. Doch auch bei dieser Sorgfalt h\u00e4lt das arme, seiner Heimat entzogene Gesch\u00f6pf nicht lange in der Behausung des Menschen aus.\nSo angenehm der Desman durch seine Beweglichkeit und Lebendigkeit ist, so unangenehm wird er durch den Moschusgeruch, welcher so stark ist, da\u00df er nicht nur das ganze Zimmer f\u00fcllt und verpestet, sondern sich auch allen Thieren, welche jenen fressen, mittheilt und f\u00f6rmlich einpr\u00e4gt. Wie es scheint, hat der Desman weder unter den S\u00e4ugethieren, noch unter den V\u00f6geln viele Feinde: um so eifriger aber stellen ihm die gro\u00dfen Raubfische und namentlich die Hechte nach. Solche Uebel-th\u00e4ter sind dann augenblicklich zu erkennen; denn sie stinken so f\u00fcrchterlich nach Moschus, da\u00df sie vollkommen ungenie\u00dfbar geworden sind. Der Mensch verfolgt das schmucke Thier seines Felles wegen, welches dem des Bibers und der Zibetratte so \u00e4hnelt, da\u00df sich Linn6 verleiten lie\u00df, den Desman als Castor moschatus oder \u201eMoschusbiber\" unter die Nager zu stellen.\nDie am tiefsten stehenden aller Kerfj\u00e4ger haben sich g\u00e4nzlich unter die Oberfl\u00e4che der Erde zur\u00fcckgezogen und f\u00fchren hier ein in jeder Hinsicht eigenth\u00fcmliches Leben/\nDie Maulw\u00fcrfe sind fast \u00fcber ganz Europa und einen gro\u00dfen Theil von Asien, sowie S\u00fcdafrika und Nordamerika verbreitet. Ihre Artenzahl ist nicht eben gro\u00df, doch ist es wahrscheinlich, da\u00df es noch viele den Naturforschern unbekannte Maulw\u00fcrfe giebt. Alle Arten sind so auffallend gestaltet und ausger\u00fcstet, da\u00df sie ohne alle Schwierigkeit zu erkennen sind. Der gedrungene Leib ist ganz walzenf\u00f6rmig geworden und geht ohne abgesetzten Hals in den Kopf \u00fcber, welcher sich seinerseits zu einem R\u00fcssel verl\u00e4ngert und zuspitzt. An dieser Leibeswalze stehen vier kurze Beine, von denen die vorderen als verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig riesige Grabwerkzeuge erscheinen. Die Hinterpfoten sind schmal, gestreckt und rattenartig; der Schwanz ist ganz kurz. Augen und Ohren sind fast g\u00e4nzlich verk\u00fcmmert und vollst\u00e4ndig in dem ungemein feinen, weichen, kurzen und dichten Pelze verborgen. Letzterer ist auch besonders dadurch ausgezeichnet, da\u00df die Haare einen wirklichen Metallglanz haben; denn diese Eigenth\u00fcmlichkeit findet man sonst bei keinem S\u00e4ugethiere weiter. Mit diesen \u00e4u\u00dferlichen Merkmalen","page":681},{"file":"p0682.txt","language":"de","ocr_de":"682\nDie Raubthiere. Maulw\u00fcrfe. \u2014 Gew\u00f6hnlicher Maulwurf.\nsteht die Anlage und Ausbildung der inneren Theile nat\u00fcrlich im innigsten Einkl\u00e4nge. Der Bau und die Stellung der Vorderf\u00fc\u00dfe, die haupts\u00e4chlichsten Merkmale des Maulwurfs, bedingen eine St\u00e4rke des Oberbrustkorbes, wie sie verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig kein anderes Thier besitzt. Das Schulterblatt ist das schm\u00e4lste und l\u00e4ngste, das Schl\u00fcsselbein das dickste und l\u00e4ngste in der ganzen Klasse. Auch der Oberarm ist ungemein breit, der Unterarm stark und kurz. Zehn Knochen finden sich in der Handwurzel und an den kurzen Zehen lange, starke Grabkrallen, au\u00dferdem f\u00e4llt die Verwachsung von zwei bis vier Halswirbeln auf. \u2014 Man sieht auf den ersten Blick, da\u00df'diese riesigen Vorderglieder blos zum Graben bestimmt sein k\u00f6nnen: sie sind Schaufeln, welche man sich nicht vortrefflicher gestaltet denken kann. An diese Knochen setzen sich nun auch besonders kr\u00e4ftige Muskeln an, und daher kommt eben die verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfige St\u00e4rke des Thieres im Vordertheile seines K\u00f6rpers. Das Gebi\u00df ist ebenfalls sehr eigenth\u00fcmlich, und haupts\u00e4chlich durch die feinen, \u00e4u\u00dferst scharfen, spitzigen Z\u00e4hne ausgezeichnet, welche wie verschiedene Nadelreihen in einander greifen.\nAlle Maulw\u00fcrfe bewohnen meist ebene, fruchtbare Gegenden der genannten Erdtheile. Nicht selten kommen sie zwar auch im Gebirge vor, doch bleibt die Ebene unter allen Umst\u00e4nden vorzugsweise ihre Heimat. Wiesen und Felder, G\u00e4rten, W\u00e4lder und Auen werden von ihnen nat\u00fcrlich den trockenen, unfruchtbaren H\u00fcgelabh\u00e4ngen oder sandigen Stellen vorgezogen. Nur ausnahmsweise finden sie sich an den Ufern der Fl\u00fcsse oder Seen ein und noch seltner begegnet man ihnen an den K\u00fcsten des Meeres. Alle Arten f\u00fchren ein vollkommen unterirdisches Leben. Sie scharren sich G\u00e4nge durch den Boden und werfen Haufen auf, ebensowohl im trocknen, lockern oder sandigen, als im feuchten und weichen Boden. Manche Arten legen sich weit ausgedehnte und sehr zusammengesetzte Baue an.\nDie Maulw\u00fcrfe oder Mulle sind Kinder der Finsterni\u00df und empfinden schmerzlich die Wirkung des Lichts. Deshalb kommen sie auch nur selten freiwillig an die Oberfl\u00e4che der Erde und sind selbst in der Tiefe bei Nacht th\u00e4tiger, als bei Tage. Ihr Leibesbau verbannt sie entschieden von der Oberfl\u00e4che der Erde. Sie k\u00f6nnen weder springen, noch klettern, ja, kaum ordentlich gehen, obgleich sich manche ziemlich rasch auch auf der Erde fortbewegen \u2014 meist blos mit der Sohle der Hinterf\u00fc\u00dfe und dem Innenrande der H\u00e4nde den Boden ber\u00fchrend. Um so rascher ist ihr Lauf in ihren G\u00e4ngen unter der Erde und wahrhaft bewundernsw\u00fcrdig die Geschwindigkeit, mit welcher sie graben. Auch das Schwimmen verstehen sie sehr gut, obgleich sie von dieser Fertigkeit blos im Nothfalle Gebrauch machen. Die breiten H\u00e4nde geben ganz vorz\u00fcgliche Ruder ab und die kr\u00e4ftigen Arme erlahmen im Wasser erkl\u00e4rlicher Weise noch weit weniger, als beim Graben in der Erde.\nUnter den Sinnen der Maulw\u00fcrfe sind der Geruch und das Geh\u00f6r sowie das Gef\u00fchl besonders ausgebildet, w\u00e4hrend das Gesicht sehr verk\u00fcmmert ist. Ihre Stimme besteht in zischenden und quiekenden Lauten. Die geistigen F\u00e4higkeiten sind gering, obwohl nicht in dem Grade, als man gew\u00f6hnlich zu glauben geneigt ist. Doch sind die sogenannten schlechten Eigenschaften weit mehr entwickelt, als die guten; denn alle Mulle sind im h\u00f6chsten Grade unvertr\u00e4gliche, z\u00e4nkische, bissige, r\u00e4uberische und mordlustige Thiere, welche selbst den Tiger an Grausamkeit \u00fcbertreffen und mit Lust einen ihres Gleichen auffressen, sobald er ihnen in den Wurf kommt.\nDie Nahrung aller Mulle besteht ausschlie\u00dflich in Thieren, nie aus Pflanzenstoffen. Unter der Erde lebende Kerbthiere aller Art, W\u00fcrmer, kleine Krebse, Asseln und dergleichen bilden die Hauptmasse ihrer Mahlzeiten. Au\u00dferdem verzehren sie aber, wenn sie es haben k\u00f6nnen, kleine S\u00e4uge-thiere und V\u00f6gel, Fr\u00f6sche und Nacktschnecken. Ihre Gefr\u00e4\u00dfigkeit ist ebenso gro\u00df, wie ihre Beweglichkeit; denn sie k\u00f6nnen blos sehr kurze Zeit ohne Nachtheil hungern und verfallen deshalb auch nicht in einen Winterschlaf. Gerade aus diesem Grunde werden sie als Kerbthiervertilger sehr n\u00fctzlich, w\u00e4hrend sie durch ihr Graben dem Menschen viel Aerger bereiten.\nGew\u00f6hnlich ein oder zwei Mal im Jahre wirft der weibliche Maulwurf zwischen drei bis f\u00fcnf Junge und pflegt dieselben sorgf\u00e4ltig. Die Kleinen wachsen ziemlich rasch heran und bleiben ungef\u00e4hr einen Monat oder zwei bei ihrer Mutter. Dann machen sie sich selbstst\u00e4ndig, und die W\u00fchlerei be-","page":682},{"file":"p0683.txt","language":"de","ocr_de":"Ausr\u00fcstung. Heimat. Wohnung. Nahrung. Sinneswerkzeuge.\t683\nginnt. In der Gefangenschaft kann man die Maulw\u00fcrfe nicht erhalten, weil man ihrer gro\u00dfen Gefr\u00e4\u00dfigkeit nicht Gen\u00fcge zu leisten vermag.\nUnser gew\u00f6hnlicher Maul- oder Mullwurf (Talpa europaea) ist der Vertreter der ersten Sippe dieser Familie. Er ist ein so ausgezeichnetes Thier, da\u00df er auch von dem Unkundigsten leicht erkannt werden mu\u00df. Der kurze, dicke, walzenf\u00f6rmige K\u00f6rper, der Mangel \u00e4u\u00dferer Ohren, die nur schwer zu entdeckenden, sehr kleinen Augen und der kurze Schwanz, die r\u00fcsself\u00f6rmige Nase und die gewaltigen Grabf\u00fc\u00dfe sind Merkmale, welche vereinigt bei keinem andern Gesch\u00f6pfe mehr vorkommen und den Maulwurf sehr auszeichnen. Dazu kommt nun noch, da\u00df er sich namentlich den Landbewohnern oft in recht unangenehmer Weise aufdr\u00e4ngt und deshalb selbst unter den Bauern genauere Beobachter gefunden hat. Ja, man darf sogar sagen, da\u00df viele Landleute den Maulwurf und seine Sitten besser kennen, als mancher Naturforscher.\nDer Maul- oder Mullwurf (Talpa europaea).\nNach der oben mitgetheilten Familienbeschreibung k\u00f6nnen wir seine Eigenth\u00fcmlichkeiten mit wenigen Worten schildern. Von der Leibeswalze stehen die sehr kurzen Beine ziemlich wagerecht ab; die Vorderbeine sind so kurz, da\u00df der Bauch des Thieres vollst\u00e4ndig auf dem Boden liegt. Die sehr breite, handf\u00f6rmige Pfote kehrt die Fl\u00e4che, welche bei anderen Thieren die innere ist, immer nach au\u00dfen und r\u00fcckw\u00e4rts. Unter den ganz kurzen Zehen ist die mittelste am l\u00e4ngsten, die \u00e4u\u00dferen aber verk\u00fcrzen sich allm\u00e4hlich und sind fast vollst\u00e4ndig mit einander durch Spannh\u00e4ute verbunden, ja beinah verwachsen. Breite, stark abgeplattete und stumpfschneidige Krallen bewehren sie. An den schwachen und kurzen Hinterf\u00fc\u00dfen sind die Zehen getrennt und die Krallen spitz und schwach. Die Augen haben i/8 Linie im Durchmesser, d. h., sie sind etwa von der Gr\u00f6\u00dfe eines Mohnkernes. Sie liegen in der Mitte zwischen der R\u00fcsselspitze und den Ohren und sind vollkommen von dem Kopfhaar \u00fcberdeckt, haben aber Lider und k\u00f6nnen von dem Thiere willk\u00fcrlich hervorgedr\u00fcckt und zur\u00fcckgezogen, also benutzt werden. Die Ohren sind klein und haben keine \u00e4u\u00dferen Ohrmuscheln, sondern sind au\u00dfen blos von einem kurzen Hautrande umgeben, welcher ebenfalls unter den Haaren verborgen liegt und beliebig zur Oeffnung und Schlie\u00dfung des Geh\u00f6rganges gebraucht werden kann. Die Behaarung ist \u00fcberall sehr dicht, kurz und weich, sammtartig; auch die gl\u00e4nzenden Schnurren und Augenborsten sind","page":683},{"file":"p0684.txt","language":"de","ocr_de":"684\nDie Raubthiere. Maulw\u00fcrfe. \u2014 Gew\u00f6hnlicher Maulwurf.\nkurz und dabei sehr fein. Dieser Pelz bedeckt den ganzen K\u00f6rper mit Ausnahme der Pfoten, der Sohlen, der R\u00fcsselspitze und des Schwanzendes. Er zeichnet sich durch seinen bald mehr ins Br\u00e4unliche, bald mehr ins Bl\u00e4uliche oder selbst ins Wei\u00dfliche schillernden Glanz aus. Die nackten Theile sind fleischfarbig, die Augen schwarz, wie kleine einfarbige Glasperlen; denn man kann an ihnen den Stern von der Regenbogenhaut nicht unterscheiden.\nUnser gemeiner Maulwurf ist 5, h\u00f6chstens 5V2 Zoll, nebst Schw\u00e4nzchen 6 Zoll lang; die H\u00f6he des K\u00f6rpers am Widerrist betr\u00e4gt gegen zwei Zoll. Das Weibchen ist schlanker gebaut, als das M\u00e4nnchen, und junge Thiere sind etwas mehr graulich gef\u00e4rbt. Dies sind die einzigen Unterschiede, welche zwischen den Geschlechtern und Altern bestehen. Es giebt aber auch Abarten, bei denen die aschgraue F\u00e4rbung des Jugendkleides eine bleibende ist, oder welche am Bauche auf der aschgrauen Grundfarbe breite, graugelbe L\u00e4ngsstreifen zeigen, ja selbst solche, welche mit wei\u00dfen Flecken auf schwarzem Grunde gezeichnet sind. Aeu\u00dferst selten findet man auch wohl gelbe und wei\u00dfe Maulw\u00fcrfe, wahre Albinos. Bemerkenswerth ist, da\u00df die im Osten ihres Verbreitungskreises wohnenden Maulw\u00fcrfe gr\u00f6\u00dfer sind, als die bei uns vorkommenden.\nDas Vaterland des Maulwurfes erstreckt sich \u00fcber ganz Europa, mit.-Ausnahme weniger L\u00e4nder, und reicht noch bis in den \u00f6stlichen Theil von Nord- und Mittelasien hin\u00fcber. Viele Forscher sind der Ansicht, da\u00df auch der nordamerikanische Maulwurf weiter Nichts als eine Abart des unsrigen sei. In Europa bilden das s\u00fcdliche Frankreich, die Lombardei und die n\u00f6rdliche T\u00fcrkei seine S\u00fcdgrenze. Von hier aus steigt er nach Norden hinauf, bis in das Dovrefjeld, in Gro\u00dfbritannien bis zu dem mittlern Schottland und in Ru\u00dfland bis zu den mittlern Dwinagegenden. Auf den Orkney- und Shetlandsinseln, sowie auf dem gr\u00f6\u00dften Theil der Hebriden und in Irland fehlt er g\u00e4nzlich. In Asien geht er bis zur Lena und s\u00fcdw\u00e4rts bis in den Kaukasus; in den Alpen steigt er bis zu 6000 Fu\u00df Gebirgsh\u00f6he empor. Er ist \u00fcberall gemein und vermehrt sich da, wo man ihm nicht nachstellt, in \u00fcberraschender Weise.\nVon seinem Aufenthalt giebt er selbst sehr bald die sicherste Kunde, da er best\u00e4ndig neue H\u00fcgel auswerfen mu\u00df, um leben zu k\u00f6nnen. Diese H\u00fcgel bezeichnen immer die Richtung und Ausdehnung seines jedesmaligen Jagdgrundes. Bei seiner au\u00dferordentlichen Gefr\u00e4\u00dfigkeit mu\u00df er diesen fortw\u00e4hrend vergr\u00f6\u00dfern und daher auch best\u00e4ndig an dem Ausbau seines unterirdischen Gebietes arbeiten. Ohne Unterla\u00df gr\u00e4bt er wagrechte G\u00e4nge in geringer Tiefe unter der Oberfl\u00e4che und wirft, um den losgescharrten Boden zu entfernen, die bekannten H\u00fcgel auf. Blasius beschreibt seine unterirdischen Anlagen mit folgenden Worten:\n\u201eUnter allen einheimischen, unterirdischen Thieren bereitet sich der gemeine Maulwurf am m\u00fchsamsten seine kunstreichen Wohnungen und G\u00e4nge. Er hat nicht allein f\u00fcr die Befriedigung seiner lebhaften Fre\u00dflust, sondern auch f\u00fcr die Einrichtung seiner Wohnung und G\u00e4nge, f\u00fcr Sicherheit gegen Gefahr mancherlei Art zu sorgen. Am kunstreichsten und sorgsamsten ist seine eigentliche Wohnung, sein Lager, eingerichtet. Gew\u00f6hnlich befindet es sich an einer Stelle, die von au\u00dfen schwer zug\u00e4nglich ist, unter Baumwurzeln, unter Mauern und dergleichen und meist weit entfernt von dein t\u00e4glichen Jagdgebiet. Mit letzterm, in welchem die sich t\u00e4glich vermehrenden Nahrungsr\u00f6hren sich manchfaltig verzweigen und kreuzen, ist die Wohnung durch eine lange, meist ziemlich gerade Laufr\u00f6hre verbunden. Au\u00dfer diesen R\u00f6hren werden noch eigenth\u00fcmliche G\u00e4nge in der Fortpflanzungszeit angelegt. Die eigentliche Behausung zeichnet sich an der Oberfl\u00e4che meist durch einen gew\u00f6lbten Erdhaufen von auffallender Gr\u00f6\u00dfe aus. Sie besteht im Innern aus einer rundlichen, stark drei Zoll weiten Kammer, welche zum Lagerplatz dient, und aus zwei kreisf\u00f6rmigen G\u00e4ngen, von denen der gr\u00f6\u00dfere in gleicher H\u00f6he mit der Kammer, dieselbe ringsum in einer Entfernung von ungef\u00e4hr sechs bis zehn Zoll einschlie\u00dft, und der kleinere, etwas oberhalb der Kammer, mit dem gr\u00f6\u00dfern ziemlich parallel verl\u00e4uft. Aus der Kammer gehen gew\u00f6hnlich drei R\u00f6hren schr\u00e4g nach oben in die kleinere Kreisr\u00f6hre und aus dieser, ohne Ausnahme abwechselnd mit den vorhergehenden Verbindungsr\u00f6hren, f\u00fcnf bis sechs R\u00f6hren schr\u00e4g abw\u00e4rts in die gr\u00f6\u00dfere Kreisr\u00f6hre; von letzterer aus strecken sich strahlen-","page":684},{"file":"p0685.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung. Heimat. Wohnungbau.\n685\nf\u00f6rmige und ziemlich wagrechte nach au\u00dfen, und ebenfalls wieder abwechselnd mit den zuletzt genannten Verbindungsr\u00f6hren etwa acht bis zehn einfache oder verzweigte G\u00e4nge nach allen Richtungen hm, die aber in einiger Entfernung meist bogenf\u00f6rmig nach der gemeinsamen Laufr\u00f6hre umbiegen. Auch aus der Kammer abw\u00e4rts f\u00fchrt eine Sicherheitsr\u00f6hre in einem wieder ansteigenden Bogen in diese Laufr\u00f6hre. Die W\u00e4nde der Kammer und der zu der Wohnung geh\u00f6rigen R\u00f6hren sind sehr dicht, fest zusammengestampft und glatt gedr\u00fcckt. Die Kammer selbst ist zum Lager ausgepolstert mit weichen Bl\u00e4ttern von Gr\u00e4sern, meist jungen Getreidepfl\u00e4nzchen, Laub, Mos, Stroh, Mist oder zarten Wurzeln, welche der Maulwurf gr\u00f6\u00dftentheils von der Oberfl\u00e4che der Erde herbeif\u00fchrt. Kommt chm Gefahr von oben, so schiebt er das weiche Lagerpolster zur Seite und f\u00e4llt nach unten, sieht er sich von unten oder von der Seite bedroht, so bleiben ihm die Verbindungsr\u00f6hren zu der kleinern Kreisr\u00f6hre theil-weise offen. Die Wohnung bietet ihm zu Schlaf und Ruhe unter allen Umst\u00e4nden Sicherheit dar, und ist deshalb auch sein gew\u00f6hnlicher Aufenthalt, wenn er nicht auf Nahrung ausgeht. Sie liegt ein bis zwei Fu\u00df unter der Erdoberfl\u00e4che. Die Laufr\u00f6hre ist weiter, als die K\u00f6rperdicke, so da\u00df das Thier schnell und bequem vorw\u00e4rts kommen kann; auch in ihr sind die W\u00e4nde durch Zusammenpressen und Festdr\u00fccken von auffallender Festigkeit und Dichtigkeit. Aeu\u00dferlich zeichnet sie sich nicht, wie die \u00fcbrigen G\u00e4nge durch aufgeworfene Haufen aus, indem bei der Entfernung die Erde nur zur Seite gepre\u00dft wird. Sie dient blos zu einer m\u00f6glichst raschen und bequemen Verbindung mit dem t\u00e4glichen Jagdgebiete und wird nicht selten von anderen unterirdischen Thieren, Spitzm\u00e4usen, M\u00e4usen und Kr\u00f6ten benutzt, die sich aber sehr zu h\u00fcten haben, dem Maulwurf in ihr zu begegnen. Von au\u00dfen kann man sie daran erkennen, da\u00df die Gew\u00e4chse \u00fcber derselben verdorren und der Boden \u00fcber ihr sich etwas senkt. Solche Laufr\u00f6hren sind nicht selten hundert bis anderthalbhundert Fu\u00df lang. Das Jagdgebiet liegt meist weit von der Wohnung ab und wird tagt\u00e4glich Sommer und Winter in den verschiedensten Richtungen durchw\u00fchlt und durchstampft. Die G\u00e4nge in ihm sind blos f\u00fcr den zeitweiligen Besuch zum Aufsuchen der Nahrung gegraben und werden nicht befestigt, so da\u00df die Erde von Strecke zu Strecke haufenweise an die Oberfl\u00e4che der Erde geworfen wird und auf diese Weise die Richtung der R\u00f6hren bezeichnet. Die Maulw\u00fcrfe besuchen ihr Jagdgebiet gew\u00f6hnlich dreimal des Tages morgens fr\u00fch, mittags und abends. Sie haben daher in der Regel sechsmal t\u00e4glich von ihrer Wohnung aus und wieder zur\u00fcck die Laufr\u00f6hre zu durchlaufen und k\u00f6nnen bei dieser Gelegenheit, sobald dieses Rohr aufgefunden ist, mit Sicherheit in Zeit von wenigen Stunden gefangen werden.\"\nDas Innere der Baue steht nie unmittelbar mit der \u00e4u\u00dfern Luft in Verbindung, doch dringt diese zwischen den Schollen der aufgeworfenen Haufen in hinreichender Menge ein, um dem Maulwurf den n\u00f6thigen Sauerstoff zuzuf\u00fchren. Au\u00dfer der Luft zur Athmung bedarf das Thier aber auch Wasser zum Trinken, und deshalb errichtet er sich stets besondere G\u00e4nge, welche zu nahen Pf\u00fctzen oder B\u00e4chen f\u00fchren, oder gr\u00e4bt, wo solche ihm mangeln, besondere Sch\u00e4chte, worin sich dann Regenwasser sammelt.\nEin alter Maulwurfsf\u00e4nger hat h\u00e4ufig an der untersten Stelle tiefer R\u00f6hren ein senkrechtes Loch gefunden welches den Brunnen bildet, aus dem der Maulwurf trinkt. Er sagt: \u201eManche dieser L\u00f6cher sind von betr\u00e4chtlicher Gr\u00f6\u00dfe. Sie waren oft anscheinlich trocken, allein wenn ich ein wenig Erde hineinwarf, \u00fcberzeugte ich mich, da\u00df sie Wasser enthielten. In diesen R\u00f6hren kann der Maulwurf sicher hinab- und herausrutschen. Bei nassem Wetter sind alle seine Brunnen bis an den Rand gef\u00fcllt und ebenso in manchen Arten von Boden auch bei trockner Witterung. Wie sehr der Maulwurf des Wassers ben\u00f6thigt ist, ergiebt sich \u00fcbrigens aus dem Umstande, da\u00df man bei anhaltender Trockenheit in einer R\u00f6hre, welche nach dem Loche oder Wasserbeh\u00e4lter f\u00fchrt, ihrer sehr viel fangen kann.\"\nDas Graben selbst wird dem Maulwurf sehr leicht. Mit Hilfe seiner starken Nackenmuskeln und der gewaltigen Schaufelh\u00e4nde, mit welchen er sich an einem bestimmten Orte festh\u00e4lt, bohrt er seine Schnauze in den lockeren Boden ein, zerscharrt nun um sich herum die Erdschollen mit den Vorderpfoten und wirft sie mit au\u00dferordentlicher Schnelligkeit hinter sich. Durch die eigenth\u00fcmliche Einrichtung seiner Ohren, welche, wie ich oben bemerkte, geschloffen werden k\u00f6nnen, ist er vor dem","page":685},{"file":"p0686.txt","language":"de","ocr_de":"686\nDie RauLthiere. Maulw\u00fcrfe. \u2014 Gew\u00f6hnlicher Maulwurf.\nEindringen von Sand und Erde in dieselben vollkommen gesch\u00fctzt. Die aufgescharrte Erde l\u00e4\u00dft er so lange hinter sich liegen, in seinem eben gemachten Gange, bis die Menge ihm unbequem wird. Dann versucht er an die Oberfl\u00e4che der Erde zu kommen und wirft die Erde nach und nach mit der Schnauze heraus. Dabei ist er fast immer mit einer f\u00fcnf bis sechs Zoll hohen Schicht lockerer Erde \u00fcberdeckt. In leichtem Boden gr\u00e4bt er mit einer wirklich verwunderungsw\u00fcrdigen Schnelligkeit. Oken hat einen Maulwurf ein Vierteljahr lang in einer Kiste mit Sand gehabt und beobachtet, da\u00df sich das Thier fast ebenso schnell, wie ein Fisch durch Wasser gleitet, durch den Sand w\u00fchlt, \u2014 die Schnauze voran, dann die Tatzen, den Sand zur Seite werfend, die Hinterf\u00fc\u00dfe nachschiebend. Noch schneller bewegt sich der Maulwurf in den Laufg\u00e4ngen, wie man durch sehr h\u00fcbsche Beobachtungen nachgewiesen hat.\nUeberhaupt sind die Bewegungen des Thieres schneller, als man glauben m\u00f6chte. Nicht blos in den G\u00e4ngen, sondern auch auf der Oberfl\u00e4che des Bodens, wo er gar nicht zu Hause ist, l\u00e4uft er verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig sehr rasch, so da\u00df ihn ein Mann kaum einholen kann. In den G\u00e4ngen aber soll er so rasch gehen, wie ein trabendes Pferd. Auch im Wasser ist er, wie bemerkt, sehr zu Hause, und man kennt Beispiele, da\u00df er nicht blos breite Fl\u00fcsse, sondern sogar Meeresarme durchschwommen hat. So erz\u00e4hlt Bruce, da\u00df mehrere Maulw\u00fcrfe an einem Iuniabend bei Edinburg \u00fcber f\u00fcnfhundert Fu\u00df weit durch das Meer nach einer Insel geschw-mmen sind, um sich daselbst anzusiedeln. Nicht selten kommt es vor, da\u00df der W\u00fchler \u00fcber breite Fl\u00fcsse setzt, und Augenzeugen haben ihn dabei in sehr lebhafter Bewegung gesehen. Auch in gro\u00dfen Teichen bemerkt man ihn zuweilen; er schwimmt hier, den R\u00fcssel sorgf\u00e4ltig in die H\u00f6he gehalten, scheinbar ohne alle Noth und zwar mit der Schnelligkeit einer Wasserratte. Da er nun noch au\u00dferdem sich unter dem Bett selbst gro\u00dfer Fl\u00fcsse durchw\u00fchlt und daun am andern Ufer lustig weitergr\u00e4bt, giebt es f\u00fcr seine Verbreitung eigentlich gar kein Hinderni\u00df, und mit der Zeit findet er jedes gut gelegene Oertchen sicher auf. So hat man, wie Tschudi sagt, \u00f6fters gefragt, wie der Maulwurf auf die Hochebene des Uesernthales komme, \u201ewelche doch stundenweit von Felsen und Fl\u00fchen, von einem Schneegebirgs-kranze und den Schrecken des Sch\u00f6llemenschlundes umgeben ist.\" \u201eUnsers Erachtens,\" bemerkt der genannte Forscher, \u201edarf man sich nicht denken, es habe irgend einmal ein keckes von dem Instinkt geleitetes Maulwurfspaar die stundenweite Wanderung aus den Matten des untern Reu\u00dfthales unternommen und sich dann, in der H\u00f6he bleibend, angesiedelt. Die Einwanderung bedurfte vielleicht Jahrhunderte, bis das neue Kanaan gefunden war. Sie gingen unregelm\u00e4\u00dfig, langsam, ruckweise von unten \u00fcber die Graspl\u00e4tzchen und erdreichen Stellen der Felsenmauern nach oben mit vielen Unterbrechungen, R\u00fcckz\u00fcgen, Seitenm\u00e4rschen, im Winter oft auf den nackten Steinen unter der Schneedecke fort; und so gelangte das erste Paar wahrscheinlich von den Seitenbergen her in das Thal, in dessen duftigen Gr\u00fcnden es sich rasch genug vermehren konnte.\"\nDie Hauptnahrung des Maulwurfs besteht in Regenw\u00fcrmern und Kerbthierlarven, welche unter der Erde leben. Namentlich der Regenw\u00fcrmer halber legt er seine gro\u00dfen und ausgedehnten Baue an. Und diese Thiere wissen auch wirklich, da\u00df sie an dem Maulwurfe einen Feind haben, wie man sich sehr leicht \u00fcberzeugen kann, wenn man einen Pfahl in lockeres Erdreich st\u00f6\u00dft und dann mit ihm r\u00fcttelt. Da kommen von allen Seiten Regenw\u00fcrmer aus der Erde hervor und versuchen, sich auf der Oberfl\u00e4che zu retten, ganz offenbar, weil sie glauben, da\u00df die Ersch\u00fctterung von einem w\u00fchlenden Maulwurf herr\u00fchrte. Au\u00dfer diesen W\u00fcrmern und Larven fri\u00dft er aber noch K\u00e4fer, namentlich Mai-und Mistk\u00e4fer, Maulwurfsgrillen und alle \u00fcbrigen Kerbthiere, welche er erwischen kann, wie auch Schnecken und Asseln, die ihm besonders zu behagen scheinen. Sein ungew\u00f6hnlich feiner Geruch hilft ihm die Thiere aufsp\u00fcren, und er folgt ihnen in gr\u00f6\u00dferen oder kleineren Tiefen, je nachdem sie selbst h\u00f6her oder niedriger gehen. Aber er betreibt nicht blos in seinem Bau die Jagd, sondern holt sich auch ab und zu von der Oberfl\u00e4che, ja wie man sagt, sogar aus dem Wasser eine Mahlzeit. Die arme Spitzmaus oder W\u00fchlmaus, der Frosch, die Eidechse oder Blindschleiche und Natter (imWinter sogar die Kreuzotter), welche sich in seinen Bau verirren, sind verloren. Selbst ein anderer Maul-","page":686},{"file":"p0687.txt","language":"de","ocr_de":"687\nBewegungen, Nahrung und Gefr\u00e4\u00dfigkeit. Sein Muth.\nWurf wird augenblicklich auf Tod oder Leben angefallen und, wenn er bezwungen worden ist, aufgefressen. Aber der gierige R\u00e4uber geht auch wirklich auf die Oberfl\u00e4che der Erde hinaus, um zu morden.\n\u201eIch habe,\" sagt Blasius, \u201emehrere Mal im steten, beobachtet, da\u00df ein Frosch von einem Maulwurfe \u00fcberlistet und an den Hinterbeinen unter die Erde gezogen wurde, bei welcher unfreiwilligen Versenkung das ungl\u00fcckliche Opfer ein lautes, kl\u00e4gliches Geschrei ausstie\u00df.\" Und Lenz beobachtete, da\u00df er \u00e4hnlich auch mit den Schlangen verf\u00e4hrt; ich werde gleich erz\u00e4hlen, wie.\nDer Hunger des Maulwurfs ist unstillbar. Er bedarf t\u00e4glich soviel an Nahrung, als sein eignes K\u00f6rpergewicht betr\u00e4gt, und h\u00e4lt es nicht \u00fcber zw\u00f6lf Stunden ohne Fra\u00df aus. Hiervon hat man sich durch mehrere sehr h\u00fcbsche Beobachtungen \u00fcberzeugt.\nFlourens, welcher \u00fcberhaupt wissen wollte, was das Thier am liebsten fr\u00e4\u00dfe, setzte zwei Maulw\u00fcrfe in ein Gef\u00e4\u00df mit Erde und legte eine Meerrettigwurzel vor. Am andern Tage fand er die Wurzel unversehrt, von einem Maulwurfe aber blos die Haut, das Uebrige, selbst die Knochen aufgefressen. Er that sodann den Lebenden in ein leeres Gef\u00e4\u00df. Das Thier sah schon wieder sehr unruhig und hungrig aus. Nun brachte der Beobachter einen Sperling mit ausgerupften Schwungfedern zu dem Maulwurf. Dieser n\u00e4herte sich dem Vogel augenblicklich, bekam aber einige Schnabelhiebe, wich zwei bis drei Mal zur\u00fcck, st\u00fcrzte sich dann pl\u00f6tzlich auf den Spaz, ri\u00df ihm den Unterleib auf, erweiterte bte Oeffnung mit den Tatzen und hatte in kurzer Zeit die H\u00e4lfte unter der Haut mit einer Art von Wuth aufgefressen. Flourens setzte sodann ein Glas Wasser in das Gef\u00e4ngni\u00df. Als es der Maulwurf bemerkte, stellte er sich aufrecht mit den Vordertatzen auf das Glas und soff mit gro\u00dfer Begierde, dann fra\u00df er nochmals von dem Sperling, und jetzt war er vollst\u00e4ndig ges\u00e4ttigt. Es wurde ihm nun Fleisch und Wasser weggenommen; er war aber schon sehr bald wieder hungrig, leer, h\u00f6chst unruhig und schwach, und der R\u00fcssel schn\u00fcffelte best\u00e4ndig umher. Kaum kam ein neuer lebender Sperling hinzu, so fuhr er auf ihn los, bi\u00df ihm den Bauch auf, fra\u00df die H\u00e4lfte, soff wieder gierig, sah dann sehr strotzend aus und wurde vollkommen ruhig. Am andern Tage hatte er das Uebrige bis auf den umgest\u00fclpten Balg aufgefressen und war schon wieder hungrig. Er fra\u00df sogleich einen Frosch, welcher aber auch blos bis Nachmittag anhielt. Da gab man ihm eine Kr\u00f6te; sobald er an sie stie\u00df, bl\u00e4hte er sich auf und wandte wiederholt die Schnauze ab, als wenn er einen un\u00fcberwindlichen Ekel empf\u00e4nde; er fra\u00df sie auch nicht. Am andern Tage war er Hungers gestorben, ohne die Kr\u00f6te oder Etwas von einer M\u00f6hre, Kohl oder Salat anger\u00fchrt zu haben. Drei andere Maulw\u00fcrfe, welche Flourens blos zu Wurzeln und Bl\u00e4ttern gesperrt hatte, starben alle drei vor Hunger. Diejenigen, welche mit lebendigen Sperlingen, Fr\u00f6schen oder mit Rindfleisch und Kellerasseln gen\u00e4hrt wurden, lebten sehr lange. Einmal setzte der Beobachter ihrer zehn in ein Zimmer ohne alle Nahrung. Einige Stunden sp\u00e4ter begann der St\u00e4rkere den Schw\u00e4chern zu verfolgen; am andern Tage war dieser aufgefressen, und so ging Das fort, bis zuletzt nur noch zwei \u00fcbrigblieben, von denen ebenfalls der eine den andern aufgefressen haben w\u00fcrde, w\u00e4re beiden nicht andere Nahrung gereicht worden.\nOken f\u00fctterte seinen Gefangenen mit geschnittenem Fleisch und zwar mit rohem ebensowohl, wie mit gekochtem, sowie es gerade zur Hand war. Brod und Pflanzenstoffe r\u00fchrte das Thier nie an. Als der Forscher einen zweiten Gefangenen zu dem ersten brachte, entstand augenblicklich Krieg unter den Thieren. Sie gingen sofort auf einander los, packten sich mit den Kiefern und bissen sich minutenlang gegenseitig. Hierauf fing der Neuling an zu fliehen, der Alte suchte ihn \u00fcberall und fuhr dabei blitzschnell durch den Sand. Oken machte nun dem Verfolgten in einem Zuckerglase eine Art von Nest zurecht und stellte es w\u00e4hrend der Nacht in den Kasten. Am andern Morgen lag der Sch\u00fctzling aber doch todt im Sande. Wahrscheinlich war er aus dem Glase gekommen und von dem fr\u00fchern Eigner des Gef\u00e4ngnisses todtgebisfen worden, und zwar jedenfalls nicht aus Hunger, sondern aus angeborner B\u00f6swilligkeit. Der schwache Unterkiefer war dabei entzweigebissen. Am andern Tage war auch der Alte todt, nicht an einer Verwundung, sondern, wie es schien, an Uebereiferung und Ersch\u00f6pfung im Kampfe.\nLenz nahm einen frischen und unversehrt gefangenen Maulwurf und lie\u00df ihn in ein Kistchen,","page":687},{"file":"p0688.txt","language":"de","ocr_de":"688\nDie Raubthiere. Maulw\u00fcrfe. \u2014 Gew\u00f6hnlicher Maulwurf.\ndessen Boden blos zwei Zoll hoch mit Erde bedeckt war, damit er hier, weil er keine unterirdischen G\u00e4nge bauen konnte, sich die meiste Zeit frei zeigen mu\u00dfte. Schon in der zweiten Stunde seiner Gefangenschaft fra\u00df er Regenw\u00fcrmer in gro\u00dfer Menge. Er nahm sie, wie er es auch bei anderm Futter thut, beim Fressen zwischen die Vorderpfoten und strich, w\u00e4hrend er mit den Z\u00e4hnen zog, durch die Bewegung der Pfoten den anliegenden Schmuz zur\u00fcck. Pflanzennahrung der verschiedensten Art, auch Brod und Semmel, verschm\u00e4hte er stets, dagegen fra\u00df er-Schnecken, K\u00e4fer, Maden, Raupen, Schmetterlingspuppen und Fleisch von V\u00f6geln und S\u00e4ugethieren. Am achten Tage legte ihm Lenz eine gro\u00dfe Blindschleiche vor. Augenblicklich war er da, gab ihr einen Bi\u00df und verschwand, weil sie sich stark bewegte, unter der Erde. Gleich darauf erschien er wieder, bi\u00df nochmals zu und zog sich von neuem in die Tiefe zur\u00fcck. Das trieb er wohl sechs Minuten lang; endlich wurde er aber k\u00fchner, packte fest zu und nagte, konnte aber nur mit gro\u00dfer M\u00fche die z\u00e4he Haut durchbei\u00dfen. Nachdem er jedoch erst ein Loch gemacht hatte, wurde er \u00e4u\u00dferst k\u00fchu, fra\u00df immer tiefer hinein, arbeitete gewaltig mit den Vorderpfoten, um das Loch zu erweitern, zog zuerst Leber und Ged\u00e4rme hervor und lie\u00df schlie\u00dflich Nichts \u00fcbrig, als den Kopf, die R\u00fcckenwirbel, einige Hautst\u00fccken und den Schwanz. Dies war am Morgen geschehn. Mittags fra\u00df er noch eine gro\u00dfe Gartenschnecke, deren Geh\u00e4us zerschmettert worden war, und Nachmittags verzehrte er drei Schmetterlingspuppen. Um f\u00fcnf Uhr hatte er bereits wieder Hunger und erhielt nun eine etwa 21/2 Fu\u00df lange Ringelnatter. Mit^dieser verfuhr er gerade so, wie mit der Blindschleiche, und da sie aus der Kiste nicht entkommen konnte, erreichte er sie endlich und fra\u00df so emsig, da\u00df am n\u00e4chsten Morgen Nichts mehr \u00fcbrig war, als der Kopf, die Haut, das ganze Gerippe und der Schwanz. Einer Kreuzotter gegen\u00fcber, welche ihn unfehlbar gelobtet haben w\u00fcrde, wurde sein Muth nicht auf die Probe gestellt; denn er kam durch einen Zufall fr\u00fcher ums Leben. Doch glaubt Lenz, da\u00df er unter der Erde, wo er entschieden muthiger, als in der Gefangenschaft und in Gegenwart von Menschen ist, auch wohl eine Kreuzotter angreifen d\u00fcrfte, wenn diese zum Winterschlaf einen seiner G\u00e4nge bezieht und hier von ihm in ihrer Erstarrung angetroffen wird.\nRecht deutlich kann man sich an gefangenen Maulw\u00fcrfen von der Sch\u00e4rfe ihres Geruches \u00fcberzeugen. Ich brachte einen in eine Kiste, welche etwa einen halben Fu\u00df hoch mit Erde bedeckt war. Er w\u00fchlte sich sofort in die Tiefe. Nun dr\u00fcckte ich die Erde fest und legte fein geschnittenes, rohes Fleisch in eine Ecke. Schon nach wenig Minuten hob sich hier die Erde, die feine h\u00f6chst biegsame Schnauze brach durch und das Fleisch wurde verzehrt. Es unterliegt f\u00fcr mich gar keinem Zweifel, da\u00df der Geruch den Maulwurf auf allen seinen Jagden leitet.\nDer Geruch bef\u00e4higt ihn, auch die Nahrung zu entdecken, ohne sie zu sehen oder zu ber\u00fchren, und leitet ihn erfolgreich durch seine verwickelten, unterirdischen G\u00e4nge. Alle Maulwurfsf\u00e4nger wissen, wie scharf dieser Sinn ist, und nehmendeshalb, wenn sie Fallen stellen, gern einen todten Maulwurf zur Hand, mit welchem sie die Rasenst\u00fccke oder Fallen abreiben, die sie vorher in ihrer Hand gehabt haben. Die feine, h\u00f6chst bewegliche Nase dient ihm zugleich als Tastwerkzeug. Dies sieht man haupts\u00e4chlich dann, wenn das Thier zuf\u00e4llig auf die Oberfl\u00e4che der Erde gekommen ist und hier eine Stelle ersp\u00e4hen will, welche ihm zu raschem Eingraben geeignet scheint. Er rennt eilig hin und her und untersucht tastend \u00fcberall den Grund, bevor er seine gewaltigen Grabwerkzeuge in Th\u00e4tigkeit setzt. Auch w\u00e4hrend er eifrig gr\u00e4bt, ist diese Nase immer der Vorl\u00e4ufer des Thieres nach jeder Richtung hin. \u2014 Das Geh\u00f6r ist vortrefflich. Wahrscheinlich wird es besonders benutzt, um Gefahren zu entgehen; denn der Maulwurf vernimmt nicht blos die leiseste Ersch\u00fctterung der Erde, sondern h\u00f6rt auch jeden ihm bedenklich erscheinenden Ton mit aller Sicherheit und sucht sich dann so schnell als m\u00f6glich auf und davon zu machen. \u2014 Da\u00df der Geschmack hinter diesem Sinne zur\u00fccksteht, geht schon aus der Vielartigkeit der Nahrung und aus der Gier hervor, mit welcher er fri\u00dft. Er giebt sich keine M\u00fche, erst zu untersuchen, wie eine Sache schmeckt, sondern beginnt gleich herzhaftzu fressen und scheint auch zu zeigen, da\u00df ihm so ziemlich alles Genie\u00dfbare gleich sei. Deshalb ist jedoch noch nicht abzuleugnen, da\u00df auch sein Geschmackssinn rege ist, nur freilich in einem weit untergeordneteren Grade, als die vorher genannten Sinne. Hinsichtlich des Gesichtes will ich hier nur an die bereits in der Einleitung ange-","page":688},{"file":"p0689.txt","language":"de","ocr_de":"689\nGeruch. Die \u00fcbrigen Sinne. Unvertr\u00e4glichkeit. Paarung.\nf\u00fchrten hochdichterischen Worte unsers R\u00fcckert erinnern; denn jene Verse enthalten die vollste Wahrheit. Uebrigens gebraucht der Maulwurf sein Auge wirklich. Man wei\u00df genau, da\u00df er sich nach diesem Sinne richtet, wenn er schwimmend Str\u00f6me \u00fcber setzt, welche ihm zum Unterw\u00fchlen zu brert sind. Will man seine Sehf\u00e4higkeit pr\u00fcfen, so braucht man einen gefangenen Maulwurf blos ms Wasser.zu werfen. Sobald er sich in die Nothwendigkeit versetzt sieht, zu schwimmen, legt er augenblicklich die das Auge umgebenden Haare aus einander und zeigt die kleinen, dunkelgl\u00e4nzenden K\u00fcgelchen, welche er jetzt weit hervorgedr\u00fcckt hat, um sie besser benutzen zu k\u00f6nnen. _\nSchon aus dem bis jetzt Mitgetheilten ist hervorgegangen, da\u00df der Maulwurf im Verh\u00e4ltni\u00df zu seiner Gr\u00f6\u00dfe ein wahrhaft furchtbares Raubthier ist. Dem entsprechen auch seine geistigen Eigenschaften. Er ist wild, au\u00dferordentlich w\u00fcthend, blutd\u00fcrstig, grausam und rachs\u00fcchtig, und lebt eigentlich mit keinem einzigen Gesch\u00f6pf im Frieden, au\u00dfer mit seinem Weibchen, und mit diesem auch blos w\u00e4hrend der Paarungszeit und so lange die Jungen desselben klein sind. W\u00e4hrend des ganzen \u00fcbrigen Jahres duldet er kein anderes lebendes Wesen in seiner N\u00e4he und am allerwenigsten einen Mitbewohner in seinem Bau, ganz gleichgiltig, welcher Art dieser sein m\u00f6ge. Falls \u00fcberlegne Feinde, wie das Wiesel oder die Kreuzotter, seine G\u00e4nge befahren, und zwar in der Absicht, auf ihn Jagd zu machen, mu\u00df er freilich unterliegen, wenn er auf diese ungebetenen G\u00e4ste trifft: mit den ihm gleich kr\u00e4ftigen oder schw\u00e4cheren Thieren aber beginnt er einen Kampf auf Leben und Tod, welcher regelm\u00e4\u00dfig das Unterliegen des Eindringlings oder sein eignes Verderben nach sich zieht. Nicht einmal mit Anderen seiner Art, seien sie nun von demselben Geschlecht, wie er, oder nicht, lebt er in Freundschaft. Zwei Maulw\u00fcrfe, die sich au\u00dfer der Paarungszeit treffen, beginnen augenblicklich einen Zweikampf mit einander, welcher in den meisten F\u00e4llen den Tod des einen, in sehr vielen anderen F\u00e4llen aber auch den Tod beider herbeif\u00fchrt. Am eifers\u00fcchtigsten und w\u00fcthendsten k\u00e4mpfen nat\u00fcrlich zwei Maulw\u00fcrfe desselben Geschlechts mit einander, und der Ausgang solcher Gefechte ist dann auch sehr zweifelhaft. Der eine unterliegt, verendet und wird von dem andern sofort aufgefressen. So ist es sehr begreiflich, da\u00df jeder Maulwurf f\u00fcr sich allem einen Bau bewohnt und sich hier aus eigne Faust besch\u00e4ftigt und vergn\u00fcgt, entweder mit Graben und Fressen oder mit Schlafen und Ausruhen. Fast alle Landleute, welche ihre Betrachtungen \u00fcber das Thier angestellt haben, sind darin einig, da\u00df der Maulwurf drei Stunden \u201ewie ein Pferd\" arbeite und dann drei Stunden schlafe, hieraus wieder dieselbe Zeit zur Jagd verwende und die n\u00e4chstfolgenden drei Stunden wieder dem Schlafe widme u. s. f.\nEin anderes Leben beginnt um die Paarungszeit. Jetzt verlassen die liebebed\u00fcrstigen M\u00e4nnchen und Weibchen zur Nachtzeit h\u00e4ufig genug ihren Bau und streifen \u00fcber der Erde umher, um andere Maulwurfspal\u00e4ste aufzusuchen und hier Besuche abzustatten. Es ist erwiesen, da\u00df es weit mehr M\u00e4nnchen, als Weibchen giebt, und daher treffen denn auch gew\u00f6hnlich ein Paar verliebte M\u00e4nnchen eher zusammen, als ein Maulwurf mit einer Maulw\u00fcrfin. So oft Dies geschieht, entspinnt sich ein w\u00fcthender Kampf und zwar ebensowohl \u00fcber, als unter der Erde, oder hier und dort nach einander, bis endlich der eine sich f\u00fcr besiegt ansieht und zu entfliehen versucht. Endlich, vielleicht nach mancherlei Kampf und Streit, findet der m\u00e4nnliche Maulwurf ein Weibchen auf. Er versucht nun, dieses, nachdem er sich hinl\u00e4nglich von dessen Geschlecht \u00fcberzeugt hat, mit Gewalt oder G\u00fcte an sich zu fesseln. Er bezieht also mit seiner Sch\u00f6nen entweder seinen oder ihren Bau und legt hier R\u00f6hren an, welche den gew\u00f6hnlichen Jagdr\u00f6hren ziemlich \u00e4hneln aber zu einem ganz andern Zwecke bestimmt sind, n\u00e4mlich um das Weibchen darin einzusperren, wenn sich ein anderer Bewerber f\u00fcr dasselbe findet. Sobald er seine liebe H\u00e4lfte derart in Sicherheit gebracht hat, kehrt er sofort zu dem etwaigen Gegner zur\u00fcck. Beide erweitern die R\u00f6hren, in welchen sie sich getroffen, zu einem Kampfpl\u00e4tze, und nun wird auf Tod und Leben gefochten. Das eingesperrte Weibchen hat sich inzwischen zu befreien gesucht und, neue R\u00f6hren grabend, sich weiter und weiter entfernt; der Sieger, sei es jetzt der erste oder der zweite Bewerber, eilt ihm jedoch nach und bringt es wieder zur\u00fcck, und nach mancherlei K\u00e4mpfen gew\u00f6hnen sich die beiden m\u00fcrrischen Einsiedler auch wirklich an einander. Jetzt graben sie\nBrehm, Thierleben.\t44","page":689},{"file":"p0690.txt","language":"de","ocr_de":"690\nDie Raubthiere. Maulw\u00fcrfe. \u2014 Gew\u00f6hnlicher Maulwurf.\ngemeinschaftlich Sicherheits- und Nahrungsr\u00f6hren aus, und das Weibchen legt ein Nest f\u00fcr ihre Jungen an, in der Regel da, wo drei oder mehr G\u00e4nge in einem Punkte zusammensto\u00dfen, damit bei Gefahr m\u00f6glichst viele Auswege zur Flucht vorhanden sind. Das Nest ist eine einfache Kammer, welche dicht mit weichen, meist zerbissenen Pflanzentheilen ausgef\u00fcttert ist; haupts\u00e4chlich mit Laub, Gras, Mos, Stroh, Mist-und anderen derartigen Stoffen, welche von der Oberfl\u00e4che der Erde herbeigeholt und dicht in einander verflochten worden sind. Gew\u00f6hnlich liegt es in einer ziemlichen Entfernung von dem fr\u00fcher geschilderten Kessel, ist aber ihm durch die Laufr\u00f6hre verbunden. Nach etwa vierw\u00f6chentlicher Tragzeit wirft das Weibchen drei bis f\u00fcnf blinde Junge in dieses Nest, welche zu den unbehilflichsten von allen S\u00e4ugern gerechnet werden m\u00fcssen. Sie sind anfangs ganz nackt und blind und etwa so gro\u00df, wie eine derbe Bohne. Aber sie zeigen schon in der fr\u00fchesten Jugend dieselbe Uners\u00e4ttlichkeit, wie ihre Eltern, und wachsen deshalb sehr schnell heran. Die Mutter giebt die gr\u00f6\u00dfte Sorgfalt f\u00fcr die Erhaltung ihrer Kinderschar kund und scheut keine Gefahr, wenn es deren Rettung gilt. Wird sie zuf\u00e4llig mit den Jungen aus dem Boden gepfl\u00fcgt oder gegraben, so schleppt sie dieselben im Maule in ein nahes Loch oder in einen Mos-, Mist- oder Laubhaufen re., und verbirgt sie hier vorl\u00e4ufig so eilig als m\u00f6glich. Aber auch das M\u00e4nnchen nimmt sich ihrer an und schleppt ihnen mit der Mutter Regenw\u00fcrmer und andere Kerbthiere zu oder theilt bei Ueberfluthungen redlich die Gefahr und sucht, die Jungen im Maule an einen sichern Ort zu schaffen. Nach etwa f\u00fcnf Wochen haben die Kleinen schon ungef\u00e4hr die halbe Gr\u00f6\u00dfe der Alten erreicht, liegen aber immer noch im Neste und warten, bis eines von den Eltern ihnen Aezung zutr\u00e4gt, welche sie dann mit unglaublicher Gier in Empfang nehmen und verspeisen. Wird ihre Mutter ihnen weggenommen, so wagen sie sich wohl auch, gepeinigt vom w\u00fcthendsten Hunger, in die Laufr\u00f6hre, wahrscheinlich um nach der Mutter zu suchen. Nicht selten hat man auch, wenn das Weibchen gefangen worden war, das M\u00e4nnchen todt bei seiner Gattin liegen gefunden. Der Kummer hatte es umgebracht! Werden die Thiere nicht gest\u00f6rt, so wagen sich die jungen Maulw\u00fcrfe endlich aus dem Neste heraus und wohl auch auf die Oberfl\u00e4che, wo sie sich necken und mit einander balgen. Ihre ersten Versuche im W\u00fchlen sind noch sehr unvollkommen; sie streichen ohne alle Ordnung flach unter der Oberfl\u00e4che des Bodens hin,'oft so dicht, da\u00df sie kaum mit Erde bedeckt sind, und versuchen es nur selten, auszuwerfen. Aber die W\u00fchlerei lernt sich mit den Jahren, und im n\u00e4chsten Fr\u00fchjahre sind sie schon vollkommen geschult in ihrer Kunst. Ungeachtet man junge Maulw\u00fcrfe vom April an bis zum August und noch l\u00e4nger findet, darf man doch nicht annehmen, da\u00df das Weibchen zweimal im Jahre wirft, sondern hat vollkommen Ursache, zu vermuthen, da\u00df die Paarungs- und demzufolge auch die Wurfzeit in sehr verschiedene Monate f\u00e4llt. Es l\u00e4\u00dft sich Dies schon aus der Schwierigkeit erkl\u00e4ren, welche der Maulwurf \u00fcberwinden mu\u00df, ehe er ein Weibchen findet.\nDer Maulwurf h\u00e4lt keinen Winterschlaf, wie mancher andere Kerbthierj\u00e4ger, sondern ist Sommer und Winter in ewiger Bewegung. Er folgt ganz den Thieren, Regenw\u00fcrmern und Kerbthieren, und zieht sich mit ihnen in die Tiefe der Erde oder mit ihnen zur Oberfl\u00e4che des Bodens empor, gerade so, wie sie steigen oder fallen. Nicht selten sieht man Maulw\u00fcrfe im frischen Schnee oder in tief gefrornem Boden ihre Haufen auswerfen, und unter dem weichen Schnee unmittelbar \u00fcber dem ge-frornen Boden machen sie oft gro\u00dfe Wanderungen. Glaubw\u00fcrdige F\u00e4nger haben berichtet, da\u00df sich der Maulwurf in seinen H\u00f6hlen sogar Wintervorr\u00e4the anlege: eine gro\u00dfe Menge W\u00fcrmer n\u00e4mlich, welche theilweise verst\u00fcmmelt w\u00fcrden, jedoch so, da\u00df. sie nicht daran st\u00fcrben. Sie behaupten, da\u00df in strengen Wintern diese Vorrathskammern reicher gespickt w\u00e4ren, als in milden u. s. w. Diese Thatsache bedarf jedoch noch sehr der Best\u00e4tigung, wie es \u00fcberhaupt \u00fcber den Maulwurf noch viel zu beobachten giebt.\nWohl jeder meiner Leser sieht ein, da\u00df alle Beobachtungen \u00fcber unser Thier nicht eben leicht sind, und ich denke mir, da\u00df sich mancher von ihnen billig \u00fcber die Bestimmtheit gewisser Angaben verwundert und die Frage aufgeworfen haben wird: Wie ist es m\u00f6glich, ein so versteckt lebendes Thier \u00fcberhaupt zu beobachten? Darauf mu\u00df ich antworten, da\u00df die Naturforscher hier einen gro\u00dfen Theil ihres Wissens den alten, erprobten Maulwurfsf\u00e4ngern verdanken, welche sie auf diese","page":690},{"file":"p0691.txt","language":"de","ocr_de":"691\nKein Winterschlaf. Nutzen und Schaden. Feinde.\noder jene Eigenschaften des Thieres aufmerksam gemacht haben und geradezu dre ersten Lehrmerser geworden sind. Au\u00dferdem hat man nun sehr viel von den gefangenen Maulw\u00fcrfen gelernt, und rch habe deshalb gewisse augenf\u00e4llige Beobachtungen in ihrem Wortlaut gegeben. Und endlich, je c gewonnene Beobachtung ist, wie es bei der Wissenschaft \u00fcberhaupt zu geschehen Pflegt, auf das sorgf\u00e4ltigste aufbewahrt, aber auch gepr\u00fcft worden. So hat man schlie\u00dflich em klares Bild bekommen. Von der Art und Weise der Beobachtung will ich blos ein Beispiel anf\u00fchren. Lecourt wollte die Schnelligkeit des Maulwurfs in seinen G\u00e4ngen untersuchen. Zu diesem Zweck wandte er em ebenso geeignetes, als erg\u00f6tzliches Mittel an. Er steckte eine Menge von Strohhalmen reihenweise m die Laufr\u00f6hre, so, da\u00df sie von dem dahineilenden Maulwurf ber\u00fchrt und in Ersch\u00fctterung gebrach werden mu\u00dften. An diese Strohhalme befestigte er oben kleine Papierf\u00e4hnchen und lie\u00df jetzt den m seinem Jagdgebiet besch\u00e4ftigten Maulwurf durch einen Hornsto\u00df in die Laufr\u00f6hre schrecken. Da fielen denn die F\u00e4hnchen der Reihe nach in demselben Augenblicke ab, in welchem sie der Maulwurf ber\u00fchrte, und der Beobachter mit seinem Gehilfen bekam hierdurch Gelegenheit, die Schnelligkeit des Laufens f\u00fcr eine gewisse Strecke mit aller Sicherheit zu ermitteln. \u2014 Die Baue kann man sehr leicht kennen lernen, indem man sie einfach ausgr\u00e4bt; die Art des W\u00fchlens sieht man bei gefangenen Maulw\u00fcrfen; die ausgew\u00fchlten Kampfpl\u00e4tze und Zweik\u00e4mpfe zwischen liebenden Bewerbern hat man entdeckt, indem man den L\u00e4rm des Kampfes vernahm und die Thiere schnell ausgrub u. s. w.\nEs l\u00e4\u00dft sich nicht leugnen, da\u00df der Maulwurf durch Wegfangen der Regenw\u00fcrmer, Maulwurfsgrillen, Engerlinge und anderer verderblicher Kerbthiere gro\u00dfen Nutzen stiftet, und er wird deshalb an allen Orten, wo man seine aufgeworfenen Haufen leicht wegschaffen kann, immer eines der wohlth\u00e4tigsten S\u00e4ugethieLd bleiben. Allein ebenso gewi\u00df ist es, da\u00df er in gehegten Stellen und vor allem in G\u00e4rten nicht zu dulden ist, weil hier der Schaden, den er durch sein Auswerfen oder durch das Durchw\u00fchlen der Erde, aus welcher theure Pflanzen ihre Nahrung ziehen, durch das Herauswerfen derselben, kurz, durch seine ganze W\u00fchlerei den geordneten Pflanzenstaat wesentlich gef\u00e4hrden kann. Und deshalb ist es wohl immerhin angerathen, ihn an allen Orten, wo man ihn nicht hegen mag, unbarmherzig wegzufangen. Auf Wiesen, in Laubw\u00e4ldern, in vollen Feldfruchtst\u00fccken ist er ein Gast, welcher unbedingt gesch\u00fctzt werden sollte: an andern, oben bezeichneten Orten aber versteht er uns\u00e4glichen Aerger zu bereiten, und deshalb wird er noch heutigen Tages fast \u00fcberall ziemlich r\u00fccksichtslos verfolgt. Man kennt sehr viele Mittel, um ihn zu vertreiben, thut aber jedenfalls am besten, wenn mau die Sorge einem alten, erfahrenen Maulwurfsf\u00e4nger \u00fcbergiebt, welcher die Kunst, ihn auszurotten, weit besser versteht, als Beschreibungen sie lehren-k\u00f6nnen, und bekanntlich auf jedem Dorfe zu finden ist. Nur ein einziges Mittel'-will ich angeben, weil dasselbe noch ziemlich unbekannt und von gro\u00dfem Nutzen ist. Wenn man einen Garten oder einen andern gehegten Platz mit aller Sicherheit vor dem Maulwurf sch\u00fctzen will, braucht man weiter Nichts zu thun, als ringsum eine Masse klar gehackter Dornen, Scherben oder andere spitze Dinge in die Erde einzugraben, etwa bis zu einer Tiefe von li/2 oder 2 Fu\u00df. Eine solche Schutzmauer h\u00e4lt jeden Maulwurf ab; denn wenn er sie wirklich durchdringen will, verwundet er sich an irgend einer Spitze im Gesicht und geht dann regelm\u00e4\u00dfig sehr bald\nan dieser Verwundung zu Grunde.\nAu\u00dfer dem Menschen hat der Maulwurf viele Verfolger. Der Iltis, das Wiesel, die Eulen, die Falken, der Bussard, die Raben und der Storch lauern ihm beim Auswerfen auf, und das kleine Wiesel verfolgt ihn sogar in seinen G\u00e4ngen, wo er, wie oben bemerkt, auch der Kreuzotter nicht selten zum Opfer f\u00e4ll\u00fc Auch die Pintscher machen sich ein Vergn\u00fcgen daraus, einem grabenden Maulwurf aufzulauern und ihn mit einem pl\u00f6tzlichen Wurf aus der Erde zu schleudern, dann tobten sie ihn durch wenige Bisse. Nur die F\u00fcchse, Marder, Igel und die genannten V\u00f6gel verzehren ihn, die anderen Feinde tobten ihn blos und lassen ihn dann liegen.\nBei uns zu Lande bringt der get\u00f6dtete Maulwurf fast gar keinen Nutzen. Sein Fell wird h\u00f6chstens zur Ausf\u00fctterung von Blaserohren oder zu Geldbeuteln verwendet. Die Russen verfertigen aus demselben kleine S\u00e4ckchen, mit denen sie bis nach China Handel treiben.","page":691},{"file":"p0692.txt","language":"de","ocr_de":"692 Die Raubthiere. Maulw\u00fcrfe. - Blinder und japanischer Maulwurf. Gemeiner Sternmull.\nDer Maulwurf hat ebenfalls zu vielen fabelhaften Ger\u00fcchten Anla\u00df gegeben. Die Alten hielten ihn f\u00fcr stumm und blind und schrieben seinem Fette, seinem Blute, seinen Eingeweiden, ja selbst dem Felle wunderbare Heilkr\u00e4fte zu. Heutigen Tages noch besteht an vielen Orten der Aberglaube, da\u00df man von dem Wechselfieber geheilt werde, wenn man einen Maulwurf auf der flachen Hand sterben lasse, und manche alte Weiber sind fest \u00fcberzeugt, da\u00df sie Krankheiten durch bloses Auflegen der Hand heilen k\u00f6nnten, wenn sie diese vorher durch einen auf ihr sterbenden Maulwurf geheiligt h\u00e4tten.\nEs ist ganz nat\u00fcrlich, da\u00df ein Thier, welches in seinem Leben so wenig bekannt ist, dem gew\u00f6hnlichen Menschen als wunderbar oder selbst heilig erscheinen mu\u00df: denn eben da, wo das Verst\u00e4ndni\u00df aufh\u00f6rt, f\u00e4ngt das Wunder an.\nUnser Maulwurf hat nur sehr wenig Verwandte und unter ihnen zwei oder drei, welche mit ihm zu ein und derselben Sippe geh\u00f6ren. Ein solcher ist der blinde Maulwurf (Talpa coeca), welcher int S\u00fcden Europas und namentlich in Italien, Dalmatien und Griechenland, seltner in S\u00fcdfrankreich vorkommt. Seinen Namen erhielt er, weil eine feine, durchschimmernde Haut seine v erh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig noch kleineren Augen \u00fcberzieht. Sie ist dicht vor den Sternen von einer ganz feinen, schr\u00e4gen, nicht klaffenden R\u00f6hre durchbohrt, durch welche das Auge nicht sichtbar wird. Au\u00dferdem unterscheidet sich das Thier nur sehr wenig von seinem n\u00f6rdlichen Vetter: haupts\u00e4chlich blos durch den l\u00e4ngern R\u00fcssel, die breiteren Obervorderz\u00e4hne und noch andere geringere Eigenth\u00fcmlichkeiten im Gebi\u00df und die (anstatt grau-) wei\u00dfbehaarten Lippen, die F\u00fc\u00dfe und den <\u00c4hwanz. Das dichte, sammt\u00e4hnliche Haar des K\u00f6rpers ist dunkelgrauschwarz mit br\u00e4unlichschwarzen Haarspitzen. In der Gr\u00f6\u00dfe ist kaum ein Unterschied zu bemerken. Es unterliegt keinem Zweifel, da\u00df der blinde Maulwurf schon den Alten bekannt gewesen ist. Aristoteles erw\u00e4hnt ihn unter dem Namen Aspalax; denn gerade die Beschreibung dieses vortrefflichen Naturforschers beweist, da\u00df er unsern.Maulwurf gar nicht gekannt, sondern den s\u00fcdlichen vor sich gehabt habe. In der Neuzeit haben einige Forscher behauptet, den blinden Maulwurf auch im \u00e4u\u00dfersten Norden von Deutschland gefunden zu haben.\nDieses Thier legt sich weniger ausgedehnte R\u00f6hren an, als der gemeine Maulwurf und geht auch nicht so tief unter die Oberfl\u00e4che hinab, wie dieser, ganz wie es mit seinen heimatlichen Verh\u00e4ltnissen im Zusammenhange steht. Das Nest f\u00fcr die Jungen legt er in seiner Wohnkammer an, im \u00fcbrigen aber \u00e4hnelt er seinem Vetter in jeder Hinsicht.\nNun giebt es noch einen echten Maulwurf (Talpa Wogura) auf Japan, welcher sich von dem unsern au\u00dfer durch die F\u00e4rbung durch die Zahl seiner unteren Schneidez\u00e4hne unterscheidet, aber genau wie jener lebt. Andere Mitglieder dieser Sippe kennt man zur Zeit noch nicht.\nDie nachstehenden Sippschaftsverwandten unsers Maulwurfs sind die Sternmaulw\u00fcrfe (Condylura \u2014 Rhinaster, Astromyctes \u2014), gleichsam die amerikanische Ausgabe der unsrigen. Sie scheinen die echten Maulw\u00fcrfe in verbesserter Form wiederzugeben, wenigstens w\u00fcrde darauf hin der merkw\u00fcrdig ausgebildete und durch einen strahligen, sternf\u00f6rmigen Kranz beweglicher Knorpellappen sehr ausgezeichnete R\u00fcssel hindeuten. Die Vorder- und Hinterf\u00fc\u00dfe sind f\u00fcnfzehig, die \u00e4u\u00dferen Ohren fehlen, wie bei unserm Maulwurfe, daf\u00fcr aber haben die Sternmaulw\u00fcrfe einen langen Schwanz (den l\u00e4ngsten in der ganzen Familie), und somit in ihrer Nase und dem Schw\u00e4nze Kennzeichen, welche ihnen durchaus eigenth\u00fcmlich sind.\nDer gemeine Sternmull (Condylura cristata), ein Thier von etwa sechs Zoll K\u00f6rperl\u00e4nge, wovon jedoch l3/4 Zoll auf den Schwanz kommen, ist betr\u00e4chtlich kleiner, als unser Maulwurf, von","page":692},{"file":"p0693.txt","language":"de","ocr_de":"Beschreibung derselben.\n693\nwelchen: ihn au\u00dfer den angegebenen Merkmalen der gestrecktere K\u00f6rper hinl\u00e4nglich unterscheidet. Bei weitem das Merkw\u00fcrdigste am ganzen Thiere ist der Kopf und an diesem wieder die lange Schnauze, welche in einem kurzen, d\u00fcnnen R\u00fcssel endigt, an dessen Vorderseite sich die Nasenl\u00f6cher befinden. Sie sind von einer ganz eigenth\u00fcmlichen, sternf\u00f6rmigen Einfassung kleiner, spitzer und sehr beweglicher Knorpelforts\u00e4tze umgeben, welche das Thier nach Willk\u00fcr auszubreiten oder zusammenzulegen vermag, und zwar in so ausgedehntem Grade, da\u00df es ebensogut einen sch\u00f6nen Stern herstellen, als die Nasenl\u00f6cher vollkommen verschlie\u00dfen kann. Dieser Nasenstern besteht aus sechzehn gr\u00f6\u00dferen Knorpelstrahlen, von denen sich jederseits acht an den Seiten befinden, sowie aus vier kleineren, von denen zwei oben und zwei unten am Sterne stehen. Bis jetzt wei\u00df man noch nicht gewi\u00df, ob die Zahl dieser Forts\u00e4tze bei allen Sternmullen st\u00e4ndig dieselbe ist oder ob sie abweicht, und somit kann man auch noch nicht entscheiden, ob die Arten, welche einige Naturforscher aufgestellt haben, als wissenschaftlich begr\u00fcndet\nDer gemeine SternEull (Condylura cristata).\nanzusehen sind oder nicht. Eine Art, welche Harlan unter dem Namen Condylura macrura beschrieb, soll nach Audubons Meinung der Sternmull w\u00e4hrend der Rollzeit sein. Letzterer Forscher glaubt wahrgenommen zu haben, da\u00df sick der Schwanz um diese Zeit bedeutend verl\u00e4ngere und verdicke. Ich kann nicht umhin, zu bemerken, da\u00df diese Behauptung noch sehr des Beweises bedarf.\nDie Behaarung des Sternmulls ist kurz, weich, sammtartig und anliegend, wie bei unserm Maulwurf; ihre F\u00e4rbung ist schieferschwarz mit lichtbr\u00e4unlichem Anfluge, am R\u00fccken aber etwas dunkler, als unten und an den Seiten. Eine andere Art oder Abart ist pr\u00e4chtig smaragdfarben und hat zweiundzwanzig Nasenknorpel. Eine dritte Art ist br\u00e4unlichschwarz mit zwanzig Nasenknorpeln u. s. w.\nIn der Lebensweise gleichen die Sternmulle den europ\u00e4ischen Maulw\u00fcrfen vollst\u00e4ndig. Sie graben sich \u00e4hnliche G\u00e4nge unter der Erde, werfen Haufen auf und leben von Kerbthieren, wie diese. Die Jungen, welche Audubon fand, zeigten noch keine Spur der Anh\u00e4ngsel an ihrer Nase.","page":693},{"file":"p0694.txt","language":"de","ocr_de":"694 Die Raubthiere. Maulw\u00fcrfe. \u2014 Gr\u00fcner Goldmull. Gemeiner Wassermull.\nEine dritte Sippe enth\u00e4lt die Goldmulle (Chrysochloris), die s\u00fcdafrikanischen Vertreter der bisher Genannten. Sie haben noch ganz die walzenf\u00f6rmige Gestalt und den kurzen, weichen Pelz der eigentlichen Maulw\u00fcrfe, unterscheiden sich aber von diesen hinl\u00e4nglich durch den g\u00e4nzlichen Mangel des Schwanzes und ihre anders gebildeten Pfoten. Die Vorderf\u00fc\u00dfe besitzen n\u00e4mlich blos drei gro\u00dfe Sichelkrallen, w\u00e4hrend die Hinterf\u00fc\u00dfe noch f\u00fcnfzehig sind und kurze Krallen tragen. Aeu\u00dfere Ohrmuscheln fehlen, wie bei unseren Maulw\u00fcrfen; das Auge ist verdeckt; die kurze, zugespitzte Schnauze endet in einen nackten Knorpel, und die weiche Behaarung schimmert in einem wahrhaft blendenden Metallglanz, welcher dem Schiller mancher Kerbthiere und V\u00f6gel in Nichts nachgiebt und selbst mit dem Edelsteingefieder der Kolibris wetteifern kann. Einen solchen Haarglanz besitzt au\u00dfer wenigen anderen Maulw\u00fcrfen kein S\u00e4ugethier weiter: und Dies' allein schon w\u00fcrde gen\u00fcgen, um unsere Theilnahme f\u00fcr den Goldmull zu erwecken. In dem Gebi\u00df zeigen sie ebenfalls gro\u00dfe Eigenth\u00fcmlichkeiten. Die Z\u00e4hne, von denen in jeder Reihe zehn hinter einander stehen, sind durch kleine L\u00fccken von einander getrennt, und gleich der erstere \u00e4hnelt dem starken, einwurzlichen Eckzahne; die beiden\nDer gr\u00fcne Goldmull (Chrysochloris inaurata).\nfolgenden kleineren sind ebenfalls eckzahnartig. Diese Z\u00e4hne stehen aber im Zwischenkiefer und m\u00fcssen deshalb als Schneidez\u00e4hne angesehen werden, w\u00e4hrend derjenige, welcher an der eigentlichen Stelle des Eckzahnes steht, in seiner Form ein L\u00fcckzahn ist. Noch andere Eigenth\u00fcmlichkeiten des Gerippes brauchen wir hier nicht weiter zu erw\u00e4hnen.\nAlle Goldmulle bewohnen den s\u00fcdlichen Theil Afrikas. Sie leben dort ganz in der Weise unserer Maulw\u00fcrfe und sind bei den Einwohnern, namentlich bei den europ\u00e4ischen Ansiedlern, ebenso verha\u00dft, wie die Maulw\u00fcrfe, weil sie in den G\u00e4rten oft gro\u00dfen Schaden anrichten.\nDer gr\u00fcne Goldmull (Chrysochloris inaurata) ist ein Bewohner des Kaplandes und namentlich in der N\u00e4he der Kapstadt sehr h\u00e4ufig. In der Gestalt und Gr\u00f6\u00dfe \u00e4hnelt er unserm gemeinen Maulwurfe; die K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt f\u00fcnf Zoll, die H\u00f6he am Widerrist 1 y2 Zoll. Seine Augen sind au\u00dferordentlich klein und von der allgemeinen K\u00f6rperhaut \u00fcberdeckt. Der Pelz ist braun mit prachtvollem Metallglanze, die Augengegend und ein Streifen zum Mundwinkel sind mattbraungelb, die Kehlgegend ist gr\u00fcnlich. Der Grund des Pelzes ist schieferfarben, die Krallen lichthornsarben.","page":694},{"file":"p0695.txt","language":"de","ocr_de":"Kennzeichnung Beider.\n695\nAls Uebergangsglied von den M\u00fcllen zu den Spitzm\u00e4usen k\u00f6nnen wir die Wassermulle (Scalops) ansehen. Sie unterscheiden sich haupts\u00e4chlich von ihren \u00fcbrigen Verwandten durch die zugespitzte Schnauze, welche an den R\u00fcssel der eigentlichen Spitzm\u00e4use erinnert. Im Gebi\u00df \u00e4hneln sie den Sternmullen, in ihrer Lebensweise allen \u00fcbrigen Maulw\u00fcrfen, doch ziehen sie mehr die Flu\u00dfufer oder \u00fcberhaupt die wasserreichen Orte vor und haben davon ihren Namen erhalten. Man kennt mit Sicherheit blos eine einzige Art, obwohl auch bei diesem Thiere die Naturforscher mehrere Arten aufgestellt haben.\nDie^e Art ist der gemeine Wassermull (Scalops aquaticus), ein Thier von l1/^ Zoll Leibesund 11/2 Zoll K\u00f6rperl\u00e4nge, dessen Pelz br\u00e4unlichschwarz, im Grunde g\u00e4nzlich schwarz ist und im Gesicht einen kastanienfarbenen Anslug hat, am Schw\u00e4nze und den Pfoten endlich wei\u00df ist. Jedoch giebt es auch hellbraune, r\u00f6thliche und silbergl\u00e4nzende Ab\u00e4nderungen. Die Augen des Wassermulls sind ebenfalls sehr klein und ganz versteckt. Ihr Spalt ist so fein, da\u00df man kaum ein Menschenhaar\nDer gemeine Wassermull (Scalops aquaticus).\ndurchschieben kann. Die nackte, verd\u00fcnnte Schnauze ist oben und unten ihrer ganzen L\u00e4nge nach von einer Furche durchzogen.\nUeber die Lebensweise des Thieres hat zuerst Richardson Genaueres mitgetheilt. Der Wassermull lebt im Ganzen nach Art unsers Maulwurfs, soll aber, trotz seiner Vorliebe f\u00fcr wasserreiche Gegenden, Ueberschwemmungen stiehen, w\u00e4hrend doch, wie wir gesehen haben, unser Maulwurf ein ganz geschickter Schwimmer ist. Die Amerikaner erz\u00e4hlen, da\u00df der Wassermull sich z\u00e4hmen l\u00e4\u00dft und dann gern mit seinem Gebieter spielt, dem, welcher ihn f\u00fcttert, nachfolgt und die Nahrung mit dem eigenth\u00fcmlich zusammengebogenen R\u00fcssel in den Mund steckt. Audubon, welcher eine sehr ausf\u00fchrliche Beschreibung giebt, wei\u00df davon Nichts, obgleich er das Thier wiederholt gefangen hielt. Im \u00fcbrigen kann ich des Letzteren ausgezeichnete Schilderung \u00fcber Lebensweise und Betragen dieses Thieres ohne Schaden \u00fcbergehen; denn im Wesentlichen giebt sie nur das Leben unsers Maulwurfs wieder.","page":695},{"file":"p0696.txt","language":"de","ocr_de":"696\nDie Naubthiere. Maulw\u00fcrfe. \u2014 Himisu.\nAu\u00dfer diesen ber\u00fccksichtigten Sippen rechnen einige Forscher eine andere hierher, welche den eigentlichen Spitzm\u00e4usen noch n\u00e4her steht, als die zuletzt erw\u00e4hnte. Die einzige bis jetzt bekannte Art derselben, der Himisu (Urotrichus talpoides), bewohnt die gebirgigen Gegenden Japans, gr\u00e4bt blos wagrechte G\u00e4nge in gebirgigen Gegenden und wirst keine H\u00fcgel auf. Seine K\u00f6rperl\u00e4nge betr\u00e4gt nur 3y2 Zoll und die des Schwanzes einen Zoll. Der Pelz ist tiesdunkelbraun, bei einigen mehr oder weniger bl\u00e4sser. Der R\u00fcssel und die Pfoten sind br\u00e4unlichsleischfarben. Der walzenf\u00f6rmige Leib, der kurze Schwanz, die starken Pfoten, die mangelnden Ohren und Augen, sowie der nackte R\u00fcssel \u00e4hneln den betreffenden Theilen der Maulw\u00fcrfe, die lange Schnauze aber und das Gebi\u00df den Spitzm\u00e4usen.\nIn der Vorzeit lebten noch einige andere Sippen auf unserer Erde, von denen man hier und da die Knochenreste aufgefunden hat.\nDruck von C. Gnimbach in Leipzig.","page":696},{"file":"z0001.txt","language":"de","ocr_de":"V.\n\n\n/\n,\n\n\t\t\n\t1 v\"\t\n: -\u2022/ \u25a0 -\t\t\n*\t\t\u25a0\n\n'\t\n\t\n\n\u25a0\n\n\n\n\n\n\n\t\n\t\n\t\n\t\n\t\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n","page":0},{"file":"z0003.txt","language":"de","ocr_de":"\n\n\n\n\u25a0\n.\n\n\n\t\t\t\n\t\t\t\n\t\t\t\n'*V -t\t'\t\t\t\n\t\t\t\n\t\t\t\u00ab .\n\n\n\u25a0\n\n\n\n","page":0}],"identifier":"lit29457","issued":"1864","language":"de","pages":"696","startpages":"696","title":"Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die S\u00e4ugethiere. Erste H\u00e4lfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.","type":"Book","volume":"1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T13:50:09.573586+00:00"}
