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Mikroscopische Untersuchungen der durch den Reiz der Vasodilatatoren verursachten Veränderungen der [corr:des] Blutstromes

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{"created":"2022-01-31T16:51:19.322217+00:00","id":"lit36181","links":{},"metadata":{"alternative":"Le Physiologiste Russe","contributors":[{"name":"Siawcillo, I.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"Le Physiologiste Russe 1: 187-193","fulltext":[{"file":"p0187.txt","language":"de","ocr_de":"LE\nPHYSIOLOGISTE K\u00dcSSE\nR\u00c9DIGE PAR\nM. L\u00e9on Morokhowetz,\nProfesseur de physiologie \u00e0 l\u2019Universit\u00e9 Imp\u00e9riale.\nMOSCOU.\nVol. I.\t12 juin 1899.\tN\u00b0N\u00b0 12\u201414.\nIlikroscopisclie Uutersucliuns\u00e7cu der durch (leu Heiz der Vasodilatatoren verursachten Ver\u00e4nderungen der Bintstroines.\nVom Priv.-Docenten Dr. I. S \u00ee a W C \u00ef I I 0,\naus dem Institut der allg. Pathologie der K. Universit\u00e4t zu Moskau.\n,\u25a0 Wir wissen nichts Bestimmtes \u00fcber den Mechanismus der Wirkung der Vasodilatatoren\u00bb sagt in der Einleitung zu seinen \u00abLe\u00e7ons sur l\u2019appareil vasomoteur\u00bb Vulpian *), einer der Gr\u00fcnder der jetzt herrschenden Hypothese, nach welcher die gef\u00e4sserweiternden Nerven nur als Hemmungsnerven auf die peripherischen Nervencentren, denen man die Verwaltung des Tonus der Arterien zuschreibt, wirken sollen. Es bildet aber die Erl\u00e4uterung des Mechanismus der Wirkung der Vasodilatatoren an und f\u00fcr sich schon eine h\u00f6chst wichtige Frage, da einige Autoren den gef\u00e4sserweiternden Nerven bei der Bildung der Lymphe (Neisser2), bei der Erzeugung der neuropathischen (angioneurotischen) Oedeme (Striibing3, Neisser2), der Katarrhe (Stein*) und Entz\u00fcndungen (Brown-Sequard3 und Stricker0) und sogar bei der Entstehung der Immunit\u00e4t (Bouchard') eine besondere Bedeutung zuschreiben. Nach der Meinung Schiffs\"), ensteht durch den Beiz der Vasodilatatoren eine active (vom Blutdrucke unabh\u00e4ngige) Erweiterung der kleinsten Gef\u00e4sse. F\u00fcr die M\u00f6glichkeit der Annahme, dass die kleinsten Arterien und die kapillaren die F\u00e4higkeit haben sich activ zu erweitern, spricht sich auch Stricker0) aus. Diese seine Meinung gr\u00fcndete Stricker ) auf die h\u00f6chst interessanten Versuche von Weber '), Ryneck4 \u00b0) und Vulpian*), die er folgendermaassen beschreibt.\n12","page":187},{"file":"p0188.txt","language":"de","ocr_de":"188\nMIKROSCOPISCHE UNTERSUCHUNGEN.\n\u00abH. \"Weber9) hat gefunden, dass man an der Schwimmhaut eines fest ligirten oder sogar amputirten Froschschenkels durch locale Reize noch eine Congestion zu erzeugen vermag\u00bb.\nRyneck10), (ein Sch\u00fcler Rollet\u2019s), der die Versuche H. Weber's9) wiederholt und in einem wichtigen St\u00fccke aufgekl\u00e4rt hat, schildert den Hergang wie folgt.\n<Legt man um das Hinterbein eines Frosches gleich \u00fcber dem Knie ein Band und schn\u00fcrt dieses fest zu, so wird die Bewegung des Blutes in den Gef\u00e4ssen der Schwimmhaut bald unregelm\u00e4ssig; sie wird oscillirend und h\u00f6rt endlich vollst\u00e4ndig auf. Betupft man nun die Schwimmhaut mit Ammoniak, so bewegt sich das Blut von verschiedenen Seiten gegen die ge\u00e4tzte Stelle hin. Bald wird die Bewegung in den Capillaren der ge\u00e4tzten Stelle tr\u00e4ger, die Blutk\u00f6rperchen h\u00e4ufen sich in denselben an, und bald f\u00fcllen sie jene Gef\u00e4sse, dichtgedr\u00e4ngt liegend, vollst\u00e4ndig aus, so dass die Gef\u00e4sse das Ansehen gleich-m\u00e4ssig rothgef\u00e4rbter Schn\u00fcre erhalten\u00bb.\nRyneck hat10) des weiteren dargethan, dass die Froschblutk\u00f6rperchen bei dem Ph\u00e4nomen nur eine passive Rolle spielen. Wenn er das Froschblut (in geeigneter Weise) durch Milch oder durch defibrinirtes Ochsenblut ersetzte, resp. diese Fl\u00fcssigkeiten durch die Blutgef\u00e4sse str\u00f6men liess, und dann einen Tropfen Ammoniak auf die Schwimmhaut brachte, so traten dennoch die analogen Erscheinungen ein. Die Congestionen blieben aber aus, wenn die Gef\u00e4sse vorher durch geeignete Injection oder durch W\u00e4rmestarre abget\u00f6dtet worden waren.\nAuch Vulpian1) hat diesbez\u00fcglich einen sehr lehrreichen Versuch angestellt. Er hat auf die area vasculosa eines H\u00fchnerembryos eiuen Tropfen Nicotin gebracht. Nach einiger Zeit machte sich daselbst eine solche Congestion geltend, dass (in einigen F\u00e4llen) der Rest des Circulations\u2014Apparats fast blutleer wurde.\n<Wenn auch in dem zuletzt genannten Falle\u00bb, sagt Stricker5), \u00abnur die Vermuthung nahe gelegt wird, dass es sich dabei um ein Ansaugen des Blutes durch die Gef\u00e4sse handle, so bleibt diese Annahme f\u00fcr das Experiment Ryneck's die einzig m\u00f6gliche... Und die allein zul\u00e4ssige Deutung (solchen Ansaugens) w\u00e4re eben die, dass sich die Gef\u00e4sse auf den Reiz hin activ erweitern und in Folge dessen Blut ansaugen m\u00fcssen\u00bb. Jedenfalls, meint Stricker'7), kann man die Hyper\u00e4mie in den Versuchen von Weber0) und Ryneck10) durch L\u00e4hmung der Ringmuskeln der kleinen Arterien und durch passive Erweiterung der Capillaren vom st\u00e4rkeren Blutandrang nicht erkl\u00e4ren: denn in diesen Experimenten \u00abwurde \u00fcber eine Gef\u00e4sserweiterung an einer Extremit\u00e4t berichtet, die aus dem Kreislauf ausgeschaltet, in der gar keine Blutbewegung vorhanden war\u00bb.\n\u00abWir werden daher\u00bb, f\u00e4hrt Stricker0) fort, \u00abgut thun, uns dieser Hypothese nicht blindlings hinzugeben und immerhin auch den anderen Fall im Auge zu behalten, dass n\u00e4mlich die kleinen Arterien und Capillaren denn doch eine Einrichtung besitzen k\u00f6nnten, durch welche sie sich activ erweitern. Dass wir diese Einrichtung nicht kennen, kann nur als ein schwaches Gegenargument angesehen werden. Wie lange hat es doch gebraucht, bis man die Ringmuskelfasern der Arterien kennen gelernt hat, und wie heftig wurde vor dieser Erkenntniss dar\u00fcber gestritten, ob sich die Arterien auch wirklich zu","page":188},{"file":"p0189.txt","language":"de","ocr_de":"MIKROSCOPISCHE UNTERSUCHUNGEN.\n189\ncontraction verm\u00f6gen.... Einrichtungen, die wir bis jetzt noch nicht entdeckt haben, k\u00f6nnten vielleicht sp\u00e4ter entdeckt werden. Es kommt also meines Erachtens nach nur darauf an\u00bb, schliesst Stricker\u201d), \u00abwie schwer die Argumente sind, welche f\u00fcr eine active Erweiterung der Gef\u00e4sse aufgebracht werden k\u00f6nnen. Ich habe Ihnen gezeigt, dass Argumente vorhanden sind. Weitere Untersuchungen werden erst entscheiden, wie schwer sie ins Gewicht f\u00e4llen \u00bb.\n<Zu den Grundlagen einer dereinstigen Theorie der nerv\u00f6sen Gef\u00e4sser-weiterung geh\u00f6ren , sagt mit vollem Recht Frey11), \u00abunter Anderem auch die Kenntnisse der Orte, auf welche der Angriff der Nerven erfolgt, und die Gewissheit dar\u00fcber, oh in der erregten Wandstelle nur der Elasticit\u00e4tsgrad gemindert, oder ob in ihr eine selbst\u00e4ndige Bewegung ausgel\u00f6st werde. Die erste der aufgeworfenen Fragen\u00bb, f\u00e4hrt Frey fort, <ist nicht mehr ohne weiteres zu beantworten seit der wichtigen und best\u00e4tigten Beobachtungen Strieker\u2019s \u00fcber die contractilen Elemente der Capillaren des Blutstromes\u00bb.\nDie Entscheidung dar\u00fcber, ob bei der Reizung der gef\u00e4sserweiternden Nerven in den kleinen Arterien oder in den Capillaren die Ausdehnung beginnt, und auch, ob die Gef\u00e4sserweiterung, die man bei Reizung bezeiehneter Nerven wahrnimmt, als ein actives oder passives Ph\u00e4nomen vorgeht, l\u00e4sst sich, nach der Meinung Frey\u2019s11), nur au solchen nerv\u00f6s erweiterungsf\u00e4higen Gef\u00e4ssgebieten gewinnen, welche der mikroskopischen Beobachtung zug\u00e4nglich sind. Solche Bedingungen konnte Frey nur in der Zunge des Frosches finden, zu deren Gef\u00e4ssen wie dies L\u00e9pine12) zeigte, die Vasodilatatoren ohne irgend welche Beimischung von Vasoconstrictoren in dem nervus glossopha-ryngeus gehen. Bei Reizung des n. glossopharyngeus konnte Frey12) unter dem Mikroskope eine Gef\u00e4sserweiterung und eine Beschleunigung des Blutstromes sehen. Bios in den Venen schien es Frey, als ob deren Erweiterung und der Beschleunigung des Blutstromes eine kurzdauernde Verlangsamung des Stromes voranging.\nDas h\u00f6chste Interesse bieten aber Frey\u2019s12) Untersuchungen \u00fcber den Effect der Reizung der Vasodilatatoren nach vorg\u00e4ngiger Abklemmung der gemeinsamen Aortenwurzel. Seine Beobachtungen beschreibt Frey12) in folgender Weise:\n\u00ab Eine v\u00f6llige Stockung des Kreislaufes war die Folge dieser Unterbindung, und unter dem Mikroskope liess sich beobachten, wie das vom Herzen nicht mehr getriebene Blut, den Spannungsverh\u00e4ltnissen im Gef\u00e4sssystem entsprechend, eine neue Gleichgewichtslage herzustellen suchte, indem es aus den Capillaren gegen die gr\u00f6sseren Gef\u00e4ssst\u00e4mme abfloss, eine Str\u00f6mung, welche in den Venen der normalen gleichnamig, in den Arterien ungleichnamig ist. Schickte man nun einen Reiz durch den n. glosso-pharyngeus, gleichviel ob die ausgleichende Str\u00f6mung noch im Gange oder bereits zur Ruhe gekommen war, so kam neue Bewegung in die tr\u00e4ge Blutmasse, jedoch in ganz entgegengesetztem Sinne. Entweder sofort nach dem Reiz oder nach vorangehender Stockung und unschl\u00fcssigen Hin- und Herschwankungen dr\u00e4ngte das Blut zur\u00fcck gegen die Peripherie; von den Venen wie von den Arterien floss es gegen die Capillaren, und das fr\u00fcher an\u00e4mische Gewebe wurde gef\u00fcllt. In den Capillaren selbst herrschte keineswegs Ruhe. Jedoch nach einer bis zwei Minuten hatte die centrifugale Bewegung ihr Ende erreicht, das Blut floss wie","page":189},{"file":"p0190.txt","language":"de","ocr_de":"190\nMIKROSCOP1SCHE UNTERSUCHUNGEN.\nfr\u00fcher in die grossen Gef\u00e4ssst\u00e4mme zur\u00fcck. Oeffnete man dann die Klemme an der Aorta, so stellte sich die Circulation wieder her, das Thier erholte sich und der Versuch konnte von Neuem mit gleichem Erfolge vorgenommen werden.\n\u00abObwohl sich nun das Bild sehr vereinfacht hatte\u00bb, schliesst Frey11), \u00abso geh\u00f6rt auch jetzt noch eine h\u00e4utigere Wiederholung der Beobachtung, als sie mir m\u00f6glich war, dazu, um zu einer endgiltigen Entscheidung der aufgeworfenen Fragen zu gelangen. Dass sie aber auf diesem Wege zu erreichen ist, scheint mir unzweifelhaft. Man wird nicht allein den Ort, wo die Erweiterung beginnt, erfahren, man wird auch, wenn man in dem \u00fcberall beruhigten Strome eine der Null gleiche Spannung hervorgebracht hat, ermitteln k\u00f6nnen, ob eine passive oder active Erweiterung der Gef\u00e4sse eintritt\u00bb.\nUm der v\u00f6lligen L\u00f6sung der durch Frey aufgeworfenen Fragen n\u00e4her zu kommen, wiederholte ich seine Versuche und bem\u00fchte mich sie zu vervollst\u00e4ndigen. Die Technik meiner Experimente war zum Tlieil dieselbe wie bei Frey11 ). Durch Trepanation und Enthirnung mit einer gl\u00fchenden Nadel wurden beim Frosche alle selbst\u00e4ndigen Bewegungen ausgeschaltet, welche die Blutcircu-lation in der ausgespannten Zunge bleiflussen und durch Verschiebung des Objectes die mikroskopische Beobachtung st\u00f6ren konnten. Dann befestigte ich den Frosch mit dem Bauche nach oben auf einem kleinen Sectionsbette, pr\u00e4pa-rirte die nn. hypoglossum und glossopharyngeum und durschnitt sie m\u00f6glichst central. Das peripherische St\u00fcck des nervi hypoglossi riss ich aus: so liess sich die Zunge ohne jeglichen Widerstand ausstrecken, und zugleich war allen Stromschleifen vorgebeugt. Den peripherischen Tlieil des nervi glossopharyngei nahm ich auf eine Ligatur. Um den Zutritt zur Aorta zu gewinnen, entfernte ich die Vorderh\u00e4lfte des Thorax und schnitt das Herzfell durch. Um die Blutcir-culation unter dem Mikroskope gut beobachten zu k\u00f6nnen war es, wie dies schon Cohnheim riet, erforderlich, die untere, glatte und durchsichtigere Zungenfl\u00e4che nach oben zu kehren, wozu die Zunge um ihre Axe gedreht werden musste. Eine unentbehrliche Bedingung eines gl\u00fccklichen Erfolges der Versuche ist die volle Abwesenheit einer ven\u00f6sen Stauung und einer Blut\u00fcberf\u00fcllung der Capillaren, Umst\u00e4nde, die oft durch das Drehen der Zunge um ihre Axe hervorgerufen werden. Zur Messung des Diameters der Gef\u00e4sse benutzte ich\nZeiss\u2019es Mikrometer ^ das ich in das Compensationocular JVs 6 legte. Die mikroskopische Untersuchung wurde bei den meisten Versuchen mit Hilfe von Zeiss\u2019es Apochromat 8 mm. gemacht. Wollte ich eine h\u00f6here Vergr\u00f6sserungs-kraft anwenden, so konnte ich dies der gar zu kleinen Focusentfernung wegen, nur in den seltensten F\u00e4llen thun. Leider gab mir die Mikrometermessung der Gef\u00e4ssbreite bei meinen Versuchen nur sehr geringf\u00fcgige Resultate. Nach der Abklemmung der Aorta vergr\u00f6sserte sich bei der Reizung der Vasodilatatoren der Durchmesser der Gef\u00e4sse so wenig (oft nicht mehr als um die H\u00e4lfte einer Theilung des Mikrometers), dass es zu bef\u00fcrchten war, die wahrnem-bare Erweiterung der Gef\u00e4sse sei nur eine tr\u00fcgerische Erscheinung. Bei den Versuchen aber, in welchen ich, um den Blutdruck auf Null herunterzubringen, das Herz herausgeschnitten hatte, fielen die Capillaren g\u00e4nzlich zusammen, und","page":190},{"file":"p0191.txt","language":"de","ocr_de":"MIKROSCOPISCEE UNTERSUCHUNGEN.\n191\nihre Wandungen wurden v\u00f6llig unsichtbar, so dass man \u00fcber die Existenz eines Haargef\u00e4sses an einer gewissen Stelle nur nach den in seinem Innern zur\u00fcckgebliebenen Blutk\u00f6rperchen schlossen konnte. Dieser Umst\u00e4nde wegen konnte ich in den unten beschriebenen Versuchen dar\u00fcber, ob die Gef\u00e4sse sich erweiterten oder nicht, nur auf Grund dessen urthe\u00fcen, ob die Blutmasse bei der Faradisation der Vasodilatatoren in Ruhe beharrte oder sich nach dieser oder jener Richtung hin bewegte.\nIn meinen Versuchen mit der Faradisation des n. glossopharyngei nach der Abklemmung der Aorta sah ich nicht blos, wie Frey11, dass Blut von den Venen wie auch von den Arterien gegen die Haargef\u00e4sse floss, sondern konnte mich auch \u00f6fters davon \u00fcberzeugen, dass die Blutk\u00f6rperchen aus den kleinsten Arterien, wie auch aus den Venenwurzeln in die Capillaren*) \u00fcbergingen.\nDieses letzte Factum kann man nur dadurch erkl\u00e4ren, dass durch die Reizung der gef\u00e4sserweiternden Nerven entweder eine Absetzung des Tonus der Capillaren oder eine active Erweiterung derselben entsteht, wodurch der Druck in den Capillaren geringer wird als in den n\u00e4chstliegenden Arterien und Venen.\nZur L\u00f6sung der Frage, ob die kleinsten Gef\u00e4sse sich activ oder passiv bei dem Reize der Vasodilatatoren erweitern, musste ich bei meinen Versuchen den Blutdruck in den Zungengef\u00e4ssen auf Null herunterbringen. Das erlangte ich auf zweierlei Weise. In einer Reihe dieser Versuche schnitt ich die Zunge mit der unteren Kinnlade und dem abpr\u00e4parirten peripherischen Abschnitt von dem n. glossopharyngeus v\u00f6llig ab. Auch bei solchen Bedingungen des Versuches wurde durch die Faradisation des n. glossopharyngei eine Blutbewegung sowol aus den Venen, wie auch aus den Arterien nach den Capillaren zu hervorgerufen. Leider entstehen oft bald in der herausgeschnittenen Zunge des Frosches Zuckungen, welche der mikroskopischen Beobachtung sehr hinderlich sind.\nDaher schnitt ich in einer anderen Reihe von Versuchen die Zunge nicht heraus, sondern legte sie unter das Mikroskop ganz horizontal und in einer Fl\u00e4che mit der Aorta, und entfernte mit der Schere das Froschherz. Unter dem Mikroskope sah man. wie das Blut, gleich nach der Entfernung des Herzens, aus den Capillaren, sowohl durch die Venen als auch durch die Arterien, zu rinnen begann. Aber sehr bald h\u00f6rte jegliche Blutbewegung auf, offenbar daher, weil der Blutdruck in den Zungengef\u00e4ssen auf Null heruntergekommen war. Als ich aber unter solchen Umst\u00e4nden die Faradisation des n. glossopharyngei begann, da sah ich deutlich in mehreren Versuchen, wie das Blut sich aus den Arterien und aus den Venen langsam nach den Haargef\u00e4ssen hin bewegte. Aber auch unter diesen Bedingungen des Versuches k\u00f6nnten Zweifel eintreten, ob der Blutdruck in den Zungengef\u00e4ssen auch wirklich bis auf Null heruntergebracht war. Man k\u00f6nnte annehmen, dass durch das Urndrehen der Zunge um ihre Axe die Gef\u00e4sse f\u00fcr den Abfluss des Blutes nicht frei genug\n*) Unter dem Mikroscope ist es manchmal schwierig die Capillaren von den kleinsten Arterien und den Venenwarzein zu unterscheiden. In meinen Untersuchungen habe ich f\u00fcr Capillaren blos solche Gef\u00e4sse gehalten, in denen bei normaler Circulation die Blutk\u00f6rperchen blos einzeln fl\u00f6sset., und in deren \"W\u00e4nden man blos einen Contur bemerken konnte.","page":191},{"file":"p0192.txt","language":"de","ocr_de":"192\nM1KR0SC0PISCHE UNTERSUCHUNGEN.\nwaren. Daher \u00e4nderte ich noch einmal meine Versuche. Ich schnitt dass Herz aus, als die Zunge noch im Munde des Frosches war. und erst dann, als die Blutausstr\u00f6mung aus den zerschnitten Gef\u00e4ssenen aufgeh\u00f6rt hatte, zog ich die Zunge heraus und streckte sie zur mikroskopischen Untersuchung \u00fcber die Dehnung des Sectionsbettes. Die Zunge erschien beinahe blutlos und nicht so durchsichtig wie gew\u00f6hnlich, so dass dadurch die mikroskopische Untersuchung sehr gest\u00f6rt wurde; die Capillar en waren beinahe gar nicht zu bemerken. Aber auch unter diesen Umst\u00e4nden des Experimentes bemerkte ich w\u00e4hrend einiger Versuche, dass unter dem Einfl\u00fcsse der Faradisation des nervi glos-sopharyngei die Blutbewegung die Richtung aus den gr\u00f6sseren Gef\u00e4ssen nach den Capillaren hin nahm. Solch eine centrofugale Bewegung des Blutes in den Gef\u00e4ssen, in welchen der Blutdruck durch die oben beschriebene Weise auf Null gebracht wurde, kann nur dadurch erkl\u00e4rt werden, dass die kleinsten Arterien, die Capillaren und vielleicht auch die Venen wurzeln unter dem Einfl\u00fcsse der Reizung der Vasodilatatoren sich activ erweitern und das Blut aus den n\u00e4chsthegenden Arterien und Venen einsaugen.\nEs ist bemerkenswert!!, dass Frey\u2019s11) und meine Versuche den oben beschriebenen Experimenten Weber\u2019s9) und Ryneck\u2019s1 \u00b0), auf Grund derer Stricker,;) seine Hypothese der activen Erweiterung der kleinsten Arterien und Capillaren gebaut hat, v\u00f6llig analog sind. Durch solch eine active Erweiterung der kleinsten Blutgef\u00e4sse kann man auch erkl\u00e4ren, dass man manchmal (in den seltensten F\u00e4llen) bei der Reizung der Vasodilatatoren nach der Abklemmung der Aorta eine Blutbewegung aus den Capillaren in die feinsten Arterien beobachtet. Ich habe zwei solche F\u00e4lle gesellen. In beiden F\u00e4llen trat aus einem grossen Arterienstamme eine kleine Arteriole aus und zertheilte sich sogleich in Capillaren. Bei der Reizung des n. glossopharyngei bot sich folgendes Bild dar: das Blut in der grossen Arterie bewegte sich vom Centrum nach der Peripherie (inan muss nicht vergessen, dass die Aorta abgeklemmt war), w\u00e4hrend in der kleinen Arterie die Blutbewegung in entgegengesetzter Richtung \u2014 von der Peripherie nach dem Centrum hin\u2014ging (aus den Capillaren in die Arteriole). Das beschriebene Factum, welches eine Ausnahme von der allgemeinen Regel ist, nach welcher bei den oben beschriebenen Bedingungen die Blutbewegung immer aus den kleinen Arterien in die Capillaren beobachtet wurde, kann man meiner Meinung nach, zur Gen\u00fcge auf folgende Weise erkl\u00e4ren. Die grosse Arterie zerfiel in ein viel gr\u00f6sseres Netz von Capillaren als die kleine Arteriole, die von jener stammte. Daher war die einsaugende Kraft der sich activ erweiternden kleinsten Blutgef\u00e4sse des Netzes der grossen Arterie bedeutend gr\u00f6sser und \u00fcbertraf die einsaugende Kralt der Haargef\u00e4sse, in welche sich die kleine Arteriole zertheilte. Das ist es, warum in beiden angef\u00fchrten F\u00e4llen durch die Reizung der Vasodilatatoren nach der Abklemmung der Aorta in der grossen Arterie centrifugale Blutbewegung und in dem kleinen, von ihr herstammenden Zweige centropetale Blutbewegung hervorgebracht wurde.\nMeine Versuche mit der Reizung des n. glossopharyngeus an der ausgeschnittenen Zunge und, bei den Fr\u00f6schen, nach der Entfernung des Herzens machen wenigstens die Annahme wahrscheinlich, dass die Erweiterung der kleinsten Blutgef\u00e4sse, die man bei der Reizung der Vasodilatatoren wahrnimmt, ein","page":192},{"file":"p0193.txt","language":"de","ocr_de":"MIKROSCOPISCHE UNTERSUCHUNGEN.\n193\nactives und kein passives Ph\u00e4nomen ist. Einiges Bedenken l\u00e4sst blos der Umstand nach, dass das oben geschilderte Ph\u00e4nomen in meinen Experimenten mit der Faradisirung der gef\u00e4sserweiternden Nerven der ausgeschnittenen Zunge nicht in jedem Versuche stattfand; vielleicht liegt die Ursache des Miss-lingens dieser Versuche darin, dass die kleinsten Gef\u00e4sse der herausgeschnittenen Zunge nach der Herausschneidung manchmal zu schnell absterben und zu reagir en aufh\u00f6ren.\nIch muss hier zugeben, dass schon Schiff* in seinem Lehrbuche <Le\u00e7ons sur la physiologie de la digestion\u00bb *) sagt, er glaube beobachtet zu haben, dass auch die Capillaren an der activen Erweiterung der Blutgef\u00e4sse, die durch die Reizung der Vasodilatatoren hervorgerufen wird, Theil nehmen.\nDie oben angef\u00fchrten Facta stimmen mit der bisher herrschenden Annahme, nach welcher die Capillaren nur eine passive Rolle bei der Blutstr\u00f6mung spielen, nicht v\u00f6llig \u00fcberein. Ich muss aber daran erinnern, das solche hervorragende Forscher der Capillar-Blutcirculation wie Samuel 13) und Stricker6) dringend auf die Grundlosigkeit solcher Meinung hindeuten. Nur waren bisher keine Facta gegeben, die darauf hingewiesen h\u00e4tten, dass das Lumen der Capillaren durch Nerven beeinflusst wird.\nDie Frage, ob die Capillaren mit Nerven versehen sind, ist vom hystolo-gischen Gesichtspuncte aus positiv entschieden: Tomsa14), Kessel **), Bremer ***), Waldeyer**) u. a. haben festgestellt, dass im Endothelium der Capillaren Nerven-fibrillen endigen. K\u00fcnftige Untersuchungen m\u00fcssen entscheiden, ob die Nervenfasern, mit denen die Capillargef\u00e4sse versehen sind, die Endigungen der gef\u00e4sser-weiternnden Nerven vorstellen. Was den Mechanismus der activen Erweiterung der kleinsten Blutgef\u00e4sse betrifft, so giebt es bis jetzt dar\u00fcber zu wenig That-sachen, um denselben hinl\u00e4nglich erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen.\n*) Bd. I, S. 215. **) Citirt nach Vulpian*). ***) Citirt nach Waldeyer*5).\nLitterarisches Verzeichniss:\n*) Vulpian. Le\u00e7ons sur l\u2019appareil vasomoteur. An. 1875. -) Neisser. Verhandlungen der deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Erster Congress. Juni 1899. 5) Str\u00fcbing. Ueber acutes (angioneu-rotisches) Oedem. Zeitschrift f\u00fcr klinische Medicin. J. 1885. Bd. 9, S. 381. 4) v. Stein. Von der neuen Form des chronischen Nasencatarrhes (Coriza vasodilatatoria chronica) Piatigorsk. 1889. a) Brown-S\u00e9quard. Le\u00e7ons sur les nerfs vasomoteurs. 1860. Traduction fran\u00e7aise par Beni-Barde. A. 1S72. ') Stricker. Vorlesungen \u00fcber allgemeine und experimentelle Pathologie. Wien. 1883. 7) Bouchard. Trait\u00e9 de Pathologie G\u00e9n\u00e9rale, Tome II. 8) Schilf. Le\u00e7ons sur la Physiologie de la digestion. 1867. s) Weber. Experimente \u00fcber die Stase an der Froschschwimmhaut. Archiv f\u00fcr Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medicin. Jahrgang 1852. i0) Byneck. Zur Kenntniss der Stase des Blutes in den Gef\u00e4ssen entz\u00fcndeter Theile. Untersuchungen aus dem Institut f\u00fcr Physiologie und Hystologie in Graz. Herausg. von Al. Rollet. \u201c) Frey. Ueber die Wirkungsweise der erschlaffenden Gef\u00e4ssnerven. Arbeiten aus dem physiolog. Institut zu Leipzig. J. 1876. *2) L\u00e9pine. Ueber die Entstehung und Verbreitung des thierischen Zuckerfermentes. Arbeiten aus dem physiolog. Institut zu Leipzig. J. 1870. *3) Samuel. Entz\u00fcndung. Ergebnisse der allgemeinen pathologischen Morphologie und Physiologie des Menschen und der Thiere. Herausgegeben von Ostertag-Lubarsch. J. 1886. ,4) Tomsa. Nerven der Blutgef\u00e4sscapillaren. Vorl\u00e4ufige Mittheilung. Centralblatt f\u00fcr die medicinischen Wissenschaften J. 1869. Jahrgang. 7. *5) Landois. Lehrbuch der Physiologie des Menschen. J. 1885.","page":193}],"identifier":"lit36181","issued":"1898-99","language":"de","pages":"187-193","startpages":"187","title":"Mikroscopische Untersuchungen der durch den Reiz der Vasodilatatoren verursachten Ver\u00e4nderungen der [corr:des] Blutstromes","type":"Journal Article","volume":"1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:51:19.322222+00:00"}

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