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{"created":"2022-01-31T16:40:56.430057+00:00","id":"lit36553","links":{},"metadata":{"alternative":"Le Physiologiste Russe","contributors":[{"name":"Setschenow, I.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"Le Physiologiste Russe 3: 56-69","fulltext":[{"file":"p0056.txt","language":"de","ocr_de":"Zur Frage nach der Einwirkung sensitiver Reize auf die Muskelarbeit des Mensrhen1).\nVon Prof I. Setschenow.\n1) Vorliegende Untersuchung wurde in derAbsicht unternommen, die \u00e4usseren Erholungsbedingungen der durch eine unausgesetzte Th\u00e4tigkeit erm\u00fcdeten Arbeitsorgane am Menschen (an mir selbst) zu erforschen. Hierbei ging ich von folgenden Betrachtungen aus. Die unausgesetzte maschinenartig-regelm\u00e4ssige Arbeit der Athemmuskeln, sowohl in der Ruhe des K\u00f6rpers als bei den Schwankungen der respiratorischen Th\u00e4tigkeit [man denke an den extremen Fall solcher Schwankungen nach der Durchschneidung beider vagi, wobei die Bewegungen dennoch mit maschinenartiger Regelm\u00e4ssigkeit fortzuschreiten fortfahren!], zeigt den Weg an, wie man zu der L\u00f6sung der gestellten Aufgabe am einfachsten gelangen k\u00f6nnte. Die Athembewegungen sind ja unerm\u00fcdlich, und die Unerm\u00fcdlichkeit derselben h\u00e4ngt h\u00f6chst wahrscheinlich davon ab, dass die mit einer jeden Einathmung entstehenden Erm\u00fcdungsminima des arbeitenden Organes stets durch die darauffolgenden Ruhepausen aufgehoben werden. Es muss, mit anderen Worten, ein bestimmtes, f\u00fcr die Unerm\u00fcdlichkeit der Arbeit unerl\u00e4ssliches Verh\u00e4ltniss zwischen den Factoren der Arbeit (Frequenz und Tiefe der Bewegungen, sowie die Gr\u00f6sse der zu \u00fcberwindenden Widerst\u00e4nde) und der Dauer der Ruhepausen vorhanden sein. Die erholende Wirkung der Ruhepausen bleibt f\u00fcr das Athmen allerdings unbewiesen; wir haben jedoch ein anderes Beispiel, wo deren Bedeutung unzweifelhaft ist\u2014ich meine das Gehen des Menschen mit und ohne Belastung des K\u00f6rpers. Hier existirt ganz sicher f\u00fcr jeden gr\u00f6sseren Unterschied in der Belastung eine bestimmte Aenderung des Rythmus und der Excursionsweite der Beinbewegungen, mithin auch eine Aenderung in der Dauer der Ruhepausen; hier wie dort ist das maschinenartig-regelm\u00e4ssige Fortsetzung der Bewegungen nur mit solchen Ver\u00e4nderungen aller Factoren der Arbeit vertr\u00e4glich; hier wie dort endlich ist das maschinenartig-regelm\u00e4ssige Fortschreiten der Bewegungen nur bei dem automatischen Fortschreiten derselben m\u00f6glich. Leider ist das Gehen f\u00fcr das beabsichtigte Studium ebenso untauglich wie die Athembewegungen. Dieses ist offenbar nur an einer\n*) Die Resultate der Untersuchung wurden bereits am 6 Mai 1902 dem Vorstand der Physiologischen Gesellschaft zu Moskau vorgelegt.\tDie Redaction.","page":56},{"file":"p0057.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGE NACH DER EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETC.\n57\nbestimmten viel kleineren Muskelgruppe m\u00f6glich, welche einer stundenlang dauernden und ebenso regelm\u00e4ssigen Arbeit wie die des Athmens (oder des Gehens), zudem bei verschiedenen Belastungen, f\u00e4hig w\u00e4re und noch eine directe graphische Aufzeichnung ihrer Leistungen gestatten w\u00fcrde.\nAls die geeignetesten Nachhmungsobjecte der Athembewegungen haben .sich die S\u00e4gebewegungen des Armes in sitzender Lage des K\u00f6rpers erwiesen, weil sie dem Rytlimus nach den Athembewegungen sehr nahe stehen und allen \u00fcbrigen oben aufgez\u00e4hlten Bedingungen gen\u00fcgen.\nErst muss die benutzte graphische Methode beschrieben werden.\n2. In den beistehenden schematischen Zeichnungen sind alle wesentlichen Theile des Apparates angegeben. Die obere Platte ac (Fig. 1) des an einen\n\nFig. 1 (obere) u. 2 (untere).\nschweren Tisch angeschraubten Gestelles (abcd) tr\u00e4gt nebst zwei Rails (ef) einen l\u00e4nglichen Ausschnitt in der Mitte f\u00fcr den F\u00fchrungsstift der zwischen den Rails hin- und zur\u00fcckrollenden rinnenf\u00f6rmigen Plattform gli, auf welcher der Unterarm des arbeitenden Armes ruht. Durch diese Einrichtung wird die unver\u00e4nderliche Richtung der Bewegungen, resp. die unver\u00e4nderliche Wirkung einer und derselben Muskelgruppe gesichert. Der an die Plattform angeschraubte Handgriff k geht in eine eiserne Stange kl mit dem darauf sitzenden h\u00f6lzernen Querb\u00e4lkchen l \u00fcber, welches mit dem doppelten starken B\u00fcgel m die Arretirungsvorrichtung darstellt. Vermittelst der an l angebundenen, \u00fcber die Rollen n und o gehenden Schnur pq werden die Bewegungen der Plattform, resp. die Bewegungen des Arms an das freie Ende des mit verschiedenen Gewichten zu belastenden Hebels (qsr) von 120 ctm. L\u00e4nge \u00fcbertragen. Dieser bewegt sich in verticaler Ebene und tr\u00e4gt seine Bewegungen in verkleiner-tem Maassstabe (Fig. 2) auf die berusste Glasplatte t von 40 ctm. L\u00e4nge auf. Der Rahmen, worin letztere eingesetzt ist, sitzt auf eiuer zwischen","page":57},{"file":"p0058.txt","language":"de","ocr_de":"58\nZUR FRAGE NACH DER EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETC.\nden Rails beweglichen und auf dieselbe Weise eingerichteten Plattform wie die den Unterarm tragende. Da ich ferner, bei der stundenlang dauernden Aufzeichnung der Hebungen noch die mittlere Gr\u00f6sse der Hubh\u00f6hen zu bestimmen hatte, so war es angezeigt die Verschiebung der Glasplatte m\u00f6glichst langsam zu machen, jedoch so, dass keine einzige Hebung verloren ginge. Dies erreichte ich auf folgende Weise. Ersetzt man in einer Wanduhr (einfachster Art) mit herabfallendem Uhrgewicht den Pendel durch immer k\u00fcrzere und k\u00fcrzere Pendelchen, ohne das Gewicht zu \u00e4ndern, so bekommt man ein immer rascheres, jedoch stets ziemlich gleichm\u00e4ssiges Herabfallen des letzteren; und dieser verticale Zug l\u00e4sst sich sehr leicht in einen horizontalen um wandeln. In Fig. 3 ist schematisch das untere Ende der das Gewicht tragenden Uhrkette dargestellt, und zwar in der Lage, wenn das Gewicht aufgezogen ist. r ist die die Richtung der Z\u00fcge um\u00e4ndernde Rolle; dieselbe muss offenbar so weit in das Innere des Vierecks (aus starkem Draht) hineingeschoben werden, dass der \u00fcber dieselbe von dem Haken h \u00fcberschlagene Faden bei dem Absteigen des Uhrgewichtes best\u00e4ndig senkrecht bleibe; dann bleibt der Zug stundenlang unver\u00e4nderlich. Der Abstand von r bis p muss der L\u00e4nge der Glasplatte entsprechen. Die Verschiebungsgr\u00f6sse meiner Glasplatte betr\u00e4gt ungef\u00e4hr 2 ctm. in 5'; und da ich meist mit 20 Hebungen per Y arbeite, so kommen 5 Verk\u00fcrzungen (5 Hebungen) und ebenso viele Verl\u00e4ngerungen des Arms auf 1 mm. Zuerst wurde der Apparat f\u00fcr die Arbeit nur eines Arms construirt; sp\u00e4ter stellte sich die Noth Wendigkeit heraus denselben f\u00fcr beide Arme einzurichten; und nun besteht der Myograph (Fig. 4) aus zwei auf die oben beschriebene Weise eingerichteten H\u00e4lften (mit zwei gesonderten Hebeln und einer gemeinsamen Glastafel), welche nach vorn spitz zulaufen (ungef\u00e4hr unter einem Winkel von 30\u00b0), \u2014 letzteres deshalb, wreil die zu den Versuchen gew\u00e4hlten S\u00e4gebewegungen bei mir am ungezwungensten unter einem Winkel von ungef\u00e4hr 75\u00b0 zu der Frontalebene des K\u00f6rpers erfolgen. Mit A ist der Sitz des Experimentators angegeben.\n3. Vorversuche. Da mir eine unausgesetzte, stundenlange Arbeit bei verschiedenen Belastungen des Arms bevorstand, so war ich gen\u00f6thigt zu den Versuchen relativ leichte Gewichte zu nehmen; da andererseits die St\u00e4rke und die Geschwindigkeit der Muskelz\u00fcge sowohl in jedem einzelnen Versuche als in den untereinander zu vergleichenden F\u00e4llen constant bleiben sollten, so trat mir bei der Wahl der Bewegungsformen von Anfang an folgende Schwierigkeit entgegen. Die von Mosso in die Ergographie eingef\u00fchrte Methode absichtlich maximaler Z\u00fcge, bei relativ (zu der angewandten Muskelkraft) starker Belastung, passte in unserem Fall nicht, weil wir mit relativ leichten Lasten zu thun\nFii\nFi\u00ab. 4.","page":58},{"file":"p0059.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGT! NACIT DER EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETC.\n59\nhatten, und weil es sehr schwer und l\u00e4stig ist jeden einzelnen Zug so zu sagen im Bewusstsein zu halten, wenn man Tausende von solchen Z\u00fcgen auszuf\u00fchren hat. Andererseits konnte man von den gew\u00e4hlten S\u00e4gebewegungen des Arms nicht Voraussagen, ob sie ebenso automatisch und regelm\u00e4ssig wie die Gehbewegungen fortdauern k\u00f6nnen. Jedenfalls war ich auf das Erlernen solcher Bewegungen angewiesen. Gl\u00fccklicherweise erwies sich dieses Erlernen nicht so schwer, wie ich es mir anfangs dachte.\u2014Versucht man n\u00e4mlich bei Proben dieser Art wiederholt nur auf die Schl\u00e4ge des Metronoms zu achten, indem man dieselben z\u00e4hlt, und sucht man zugleich die Bewegungen des Arms denselben so anzupassen, dass der Anfang und das Ende jeder doppelten Bewegung (hin und zur\u00fcck) mit diesen Schl\u00e4gen Zusammenfalle, so erlernt man diese einfache akustisch-motorische Pieihe gewiss schneller als ein Lied oder eine Fabel auswendig; und sobald dieses erreicht ist, erkennt man an den Myogram-men, dass unter gleichen Bedingungen die Hebungen, bei ziemlich gleicher H\u00f6he, gleich steil (d. h.\u2014mit gleicher Geschwindigkeit) aufsteigen und die Ruhepausen ebenfalls ziemlich gleich ausfallen. Dies ist \u00fcbrigens leicht zu begreifen, wenn\nFig. 5.\nman bedenkt, mit welcher Schnelligkeit und Genauigkeit in einem Orchester, bei der Ausf\u00fchrung eines gut erlernten St\u00fcckes, die Armbewegungen z. B. der Violinspieler denen des Dirigenten folgen.\nAls Beispiel f\u00fchre ich die drei beigef\u00fcgten Myogramme (Fig. 5) eines Versuches an, in welchem die Bewegungen meines Arms in drei verschiedenen Perioden der Arbeit auf einer rotirenden Trommel registrirt wurden (und zwar so, dass ich es nicht sehen konnte), namentlich vor dem Eintreten der Erm\u00fcdung (A), nach dem Eintreten derselben (B) und zu der Zeit, wenn die automatischen Bewegungen durch sensitive Einfl\u00fcsse (siehe dar\u00fcber weiter) verst\u00e4rkt wurden (C). In allen 3 F\u00e4llen (wie in allen sp\u00e4ter zu beschreibenden Versuchen) folgen die Verl\u00e4ngerungen des Arms unmittelbar auf dessen Verk\u00fcrzungen (wie die Ein- und Ausathmungen bei der Respiration), und zwar so, dass der Anfang jeder Verk\u00fcrzung und das Ende jeder Verl\u00e4ngerung mit je zwei n\u00e4chstfolgenden Schl\u00e4gen zusammenfallen; deshalb sind sowohl die Abst\u00e4nde ah von-","page":59},{"file":"p0060.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGE NACH DER EINWIRKUNG S\u00cbMlTlVER REIZE ETC.\n60\neinander als die Ruhepausen \u00fcberall gleich. Man sieht ferner (bei B), dass die Erm\u00fcdung mit einer bedeutenden Erniedrigung der Bewegungen verkn\u00fcpft ist. Sonderbarerweise macht sich diese Aenderung als eine frequentere Aufeinanderfolge der Schl\u00e4ge f\u00fchlbar.\nNachdem ich die soeben beschriebene Kunst erworben hatte, waren noch die g\u00fcnstigsten Bedingungen des Rythmus und der Belastung zu finden, unter welchen eine unaufh\u00f6rliche, stundenlange Arbeit ohne Erm\u00fcdung m\u00f6glich w\u00e4re. Hierbei liess ich mich durch die Analogie mit den Athembewegungen leiten. Diese nehmen bei der Muskelarbeit an Frequenz zu und sind dem Gef\u00fchle nach von kaum merklicher Anstrengung begleitet. Dementsprechend blieb ich bei 20 Hebungen per 1' und bei einer Belastung (1,4 kilo in runder Zahl) stehen, bei welcher die Anstrengungen obgleich deutlich, jedoch noch als sehr leichte sich f\u00fchlen lassen.\n4. Jetzt begann der langweiligste Tlieil der Arbeit \u2014 das Ein\u00fcben in das stundenlange Arbeiten1) ohne Unterbrechung; und da es mir unm\u00f6glich war, mich auf die Dauer in eine Maschine umzuwandeln, so entschloss ich mich daneben noch die L\u00f6sung einer f\u00fcr die Praxis nicht unwichtigen Frage \u00fcber die relative Wirksamkeit verschiedener Erholungsweisen erm\u00fcdeter Muskeln vorzunehmen. Die Uebungen gaben mir zuletzt die M\u00f6glichkeit eine 4-stiindige Arbeit (4800 Hebungen) ohne Erm\u00fcdung auszuf\u00fchren, und die Nebenversuche, namentlich der Vergleich zwischen zwei Erholungsweisen des erm\u00fcdeten Arms\u2014 Erholung durch zeitweiliges Aufh\u00f6ren der Arbeit und die durch ein ebenso langes Uebertragen der Arbeit auf den anderen Arm\u2014ergaben ein h\u00f6chst unerwartetes Resultat. Seit jener Zeit hat sich meine Arbeit, so zu sagen, entzweit indem ich meine Zeit bald der weiteren Ausf\u00fchrung des vorgesteckten allgemeinen Planes, bald dem Ausbeuten des unerwartenen Fundes widmete. Schliesslich blieb die erstere unvollendet, als ich mit dem zweiten schon fertig wurde. Auch bezieht sich alles weiter Auszuf\u00fchrende ausschliesslich auf den unerwarteten Fund; und wenn ich dessenungeachtet so viel von dem bei Seite gelassenen Plane und dessen m\u00f6glicher Ausf\u00fchrung gesprochen habe, so ist dieses deshalb geschehen, weil die Beschreibung der Untersuchungsmethode unentbehrlich war, und diese ihren Grund nur in dem allgemeinen Plane hatte.\nEhe ich jedoch zu dem neuen Gegenst\u00e4nde \u00fcbergehe, will ich noch am Schl\u00fcsse des Paragraphen zwei Myogramme (Fig. 6) unausgesetzter Arbeit ohne Erm\u00fcdung anf\u00fchren. Das l\u00e4ngere (a) bezieht sich auf die Arbeit von 70' mit 700 gr. Belastung und 80 Hebungen per P, enth\u00e4lt also 2100 Hebungen; und in dem zweiten (b) sind getrennt voneinander 3 verschiedene Stadien der obenerw\u00e4hnten 4-stiindigen Arbeit, bei 1,365 kilo Belastung und 20 Hebungen per 1', angegeben, n\u00e4mlich die letzten 15' der 1-en Stunde, die letzten 3' der dritten und die letzten 20' der 4-ten Stunde. Beide Myogramme zeugen, glaube ich, deutlich genug f\u00fcr die Abwesenheit von Erm\u00fcdung und f\u00fcr die Constanz der automatischen Bewegungen unter den unver\u00e4nderten Bedingun-\n*) Manchmal wirkte die dauernde Einf\u00f6rmigkeit der Bewegungen sogar hypnotisirend \u2014 man wurde schl\u00e4frig, und dann nahmen die Hubh\u00f6hen an Gr\u00f6sse bedeutend ab.","page":60},{"file":"p0061.txt","language":"de","ocr_de":"7VU ERAfiE NACH DER EINWIRKUNG SENSITIVER REI2E ETC.\nei\ngen.\u2014obgleich es m\u00f6glich ist, dass sowohl in a als in b die Erwartung baldiger Erl\u00f6sung von der langweiligen Arbeit die Bewegungen unabh\u00e4ngig von meinem\nFig. G.\na\u2014obere, b\u2014untere Curve.\nWillen anspornte; denn in beiden F\u00e4llen, nahe dem Schl\u00fcsse des Versuches, nahmen die Ordinaten an H\u00f6he etwas zu.\n5. In allen jetzt zu beschreibenden Versuchen gilt eine stetige Abnahme der Hubh\u00f6hen als Zeichen der eingetretenen Erm\u00fcdung (was auch dem Gef\u00fchle nach ein solches ist) und, umgekehrt, jede eine Zeitlang anhaltende Zunahme derselben gilt als Zeichen der Erholung. In allen Versuchen [mit drei Ausnahmen] bediente ich mich automatischer Bewegungen. Die erm\u00fcdende Arbeit entsprach (mit 2 Ausnahmen *) stets einer Belastung von 3,4 kilo (in runder Zahl) bei 20 Hebungen per 1'.\nDer obenerw\u00e4hnte Versuch mit dem unerwarteten Resultat bestand in Folgendem.\u2014Zuerst arbeitete der rechte Arm bis zur Erm\u00fcdung; dann folgte eine Ruhepause von 5' (d. h. eine Unterbrechung der Arbeit), w\u00e4hrend welcher der Arm sich zu erholen hatte; hierauf arbeitete der rechte Arm wiederum bis zur Erm\u00fcdung; und nun folgte eine zweite Ruhepause f\u00fcr den rechten Arm, w\u00e4hrend welcher der linke Arm 5' lang arbeitete; gleich darauf arbeitete der rechte Arm zum dritten Mal. Kurz, es wurden an dem zweimal erm\u00fcdeten rechten Arm die Erholungseffecte zweier Einwirkungen verglichen \u2014 einfacher Ruhe und einer ebenso langen aber mit der Arbeit des anderen Arms verbundener Ruhe.\nAls ich diesen Versuch zum ersten Mal anstellte, war ich nicht wenig \u00fcberrascht zu sehen, dass mein linker Arm bedeutend st\u00e4rker arbeitete als der rechte, obgleich ich nicht links bin und vor diesem Versuche monatelang nur mit dem rechten Arm gearbeitet hatte (allerdings bei schwachen Belastungen), folglich derselbe an Kraft h\u00e4tte zunehmen m\u00fcssen. Mein Erstaunen stieg noch mehr, als es sich herausstellte, dass die auf die Arbeit des linken Arms folgende Arbeit des erm\u00fcdeten rechten bedeutend st\u00e4rker ausfiel als die auf die erste Ruhepause\n\u2019) Diese zwei F\u00e4lle beziehen sich auf die Arbeit bei viel st\u00e4rkerer Belastung mit 7,5 und 10,5 kilo.","page":61},{"file":"p0062.txt","language":"de","ocr_de":"62\nZITR FR\u00c4\u00dfE NACH HER EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETC.\nfolgende. Leider wurde dieser Versuch mit einigen darauf folgenden Proben zu einer Zeit angestellt, wo ich ahreisen musste; und als ich nach einigen Monaten zu der Arbeit zur\u00fcckkehrte, befand ich mich in Betreff des einst Gefundenen in einer anderen Lage: damals war kein Hintergedanke im Spiele gewesen, jetzt trat ich an die Sache mit dem nat\u00fcrlichen Wunsche heran, dieselbe best\u00e4tigt zu finden, da ich Zeit genug gehabt hatte an die m\u00f6gliche Wichtigkeit deiselben zu denken. Ich lief, mit anderen Wlorten, Gefahr bei der Wiederholung dieser Versuche der Autosuggestion anheimzuf\u00e4llen; dies um so mehr, als es mir bekannt war, dass die durch langandauernde Hebungen relativ leichter Lasten bewirkte M\u00fcdigkeit keineswegs die M\u00f6glichkeit starker willk\u00fcrlicher Bewegungen inmitten dieses Zustandes ausschliesst. Gl\u00fccklicherweise hielt ich an der Unbei\u00e4ngenheit der ersten Beobachtung fest und fuhr bei jeder Gelegenheit fort den Versuch zu wiederholen; denn bald bemerkte ich swei Umst\u00e4nde, welche mir die Gewissheit gaben, dass ich es mit keinen Selbstt\u00e4uschungen zu thun hatte. Setzt man n\u00e4mlich die automatischen Bewegungen bis zum Entstehen eines klar ausgesprochenen Gef\u00fchles der Erm\u00fcdung (in dem Arm) fort, [wozu eine unaufh\u00f6rliche Arbeit von 30' bei mir gen\u00fcgte], wobei man die zu \u00fcberwindenden Widerst\u00e4nde als vergr\u00f6ssert und die Bewegungen als tr\u00e4ge verlaufend f\u00fchlt, so vergeht dieser Zustand auch nach einer Buhe von 10' nicht, wie es die darauffolgenden Bewegungen des Arms zeigen. Dauert hingegen die Ruhepause nur halb so viel Zeit, jedoch mit der Arbeit des anderen Arms verbunden, so verschwindet das Gef\u00fchl der Erm\u00fcdung f\u00fcr einige Secunden g\u00e4nzlich, indem der Arm w\u00e4hrend dieser Secunden wie neubelebt arbeitet. Dieser Zustand des erh\u00f6hten Arbeitsverm\u00f6gens dauert \u00fcbrigens kaum mehr als 1', um hierauf desto rascher zu sinken, je gr\u00f6sser die vorherige Erm\u00fcdung gewesen war. Noch beweisender sprach f\u00fcr den ver\u00e4nderten Zustand des erm\u00fcdeten Arheitsorgams (infolge der vorangegangen Arbeit des anderen Arms) der zweite von den obenerw\u00e4hnten Umst\u00e4nden, weil dieser offenbar nicht vorausgesetzt werden konnte:\u2014ich meine die mit dem erfolgten Anwachsen der Hubh\u00f6hen unwillk\u00fcrlich entstehende Neigung die Bewegungen frequenter auszuf\u00fchren\u2014eine Thatsache, auf welcher ich mich einige Mal factisch ertappte, ohne dieselbe erwartet zu haben.\nAls Beispiele f\u00fchre ich 5 Myogramme (Fig. 7) an, von welchen die ersten 2 Paare (c, und c2, c3 und c4) die erholende Wirkung der einfachen Ruhe und der mit der Arbeit des linken Arms verbundenen auf den erm\u00fcdeten rechten Arm zeigen; w\u00e4hrend in dem Myogramm c5 die entsprechende Wirkung der Arbeit des rechten Arms auf die des erm\u00fcdeten linken dargestellt ist.\nDie Zeichen r. A, 1. A. und X bedeuten hier, wie \u00fcberall weiter: Arbeit des rechten Arms, Arbeit des linken Arms und Ruhe. Die Dauer der Arbeit und die der Ruhepausen sind hier, wie \u00fcberall weiter, in Minuten angegeben.\nIch habe absichtlich die zwei ersten an verschiedenen Tagen erhaltenen Paare als Beispiele des in Rede stehenden Einflusses angef\u00fchrt, weil sie zugleich (ebenfalls paarweise) eine in die Augen f\u00e4llende Aehnlichkeit in dem Verlaufe der sich allm\u00e4lig kundgebenden Erm\u00fcdung des rechten Arms zeigen. W\u00fcrde man im Stande sein zwei solche Bilder absichtlich auszuf\u00fchren, wenn man zudem nicht sieht, was der Stift auf der Glasplatte schreibt? Diese","page":62},{"file":"p0063.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGE NACH DER EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETC.\n63\nBilder sind somit Zeugen, dass die automatische Arbeit aucli bei der Erm\u00fcdung so gut wie eine maschinenartig-regelm\u00e4ssige ist. Das Myogramm c. zeigt andererseits, um wie viel st\u00e4rker mein linker Arm in Vergleich mit dem rechten arbeitete.\nNachdem ich mich auf die oben angegebene, allerdings rein-subjective Weise, von der Richtigkeit des Beobachteten \u00fcberzeugt hatte, war der weitere Weg der Versuche von selbst angezeigt. An dem zeitweiligen Anwachsen des\nC 5\t<-\nFig. 7.\nArbeitsverm\u00f6gens des erm\u00fcdeten Arms konnten nur die die Bewegungen des anderen Arms begleitenden sensitiven Eindr\u00fccke, resp. sensible Erregungen des Nervensystems, schuld sein; folglich waren bei den weiteren Versuchen diese Einfl\u00fcsse in erster Reihe durch gleichartige Einfl\u00fcsse aus anderen K\u00f6rper -theilen zu ersetzen und hierauf alle m\u00f6glichen Erregungsweisen des Nervensystems zu erproben. Von den ersteren w\u00e4hlte ich die Arbeit der Beine, von der unabsehbar grossen Mannigfaltigkeit der letzteren nur das Tetanisiren der Hand.","page":63},{"file":"p0064.txt","language":"de","ocr_de":"64\nZ\u00fcll FRAGE NACH DER EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETC.\nMit der Beinarbeit hatte ich im Auge nicht bluss die weitere Best\u00e4tigung des auf eine andere Weise Gefundenen sondern noch die M\u00f6glichkeit zu erfahren, ob in dem Uebergange der Erregungen von der einen Seite des K\u00f6rpers auf die andere etwas Specifisches liegt. Auch bestand die Arbeit beider Beine bei Heben der Last sowohl im Strecken der Beine in sitzender Lage des K\u00f6rpers als im Beugen derselben in dem Ileofemoral-gelenk. Nat\u00fcrlich wurden diese Bewegungen w\u00e4hrend der Ruhepausen des\nFig. 8.\nerm\u00fcdeten (rechten) Arms ausgef\u00fchrt und konnten leider nicht registrirt werden; deshalb fallen ihre Arbeitszeiten in den angef\u00fchrten Myogrammen ' <i{ und di (Fig. 8) auf die leeren Zwischenr\u00e4ume, mit den Zeichen r. B. (rechtes Bein) und 1. B. (linkes Bein). Das Myogramm d{ entspricht der Arbeit durch die periodischen Streckungen des flektirten Beins, das andere der Arbeit durch die Beugungen.\nAus diesen Myogrammen ist ohne Weiteres ersichtlich, dass das Arbeitsverm\u00f6gen des erm\u00fcdeten Armes durch die Arbeit der Beine ebenfalls gesteigert wird [was \u00fcbrigens jede starke Bewegung des K\u00f6rpers thut, wie ich mich daneben \u00fcberzeugt habe]. Dagegen scheint kein Unterschied zwischen der gleich\u2014und der ungleichseitigen Lage der Erregungsstelle mit dem arbeitenden Organe vorhanden zu sein, was auch die Versuche mit dem Tetanisiren ergaben, zu denen ich jetzt \u00fcbergehe.\n6. Da in den beschriebenen Versuchen die erm\u00fcdende Arbeit meist auf den rechten Arm und die erholende auf den linken fiel, so wurde auch das Tetanisiren linkerseits und zwar an die Hand applicirt, indem der von derselben umfasste Handgriff der linken Plattform (f\u00fcr den Unterarm) die eine Elektrode darstellte, wahrend die andere in Form eines metallenen Armbandes das untere Ende des Unterarms umfasste. Die Str\u00f6me d\u00fcrften nicht muskelerregend wirken und wurden nur bis zum Entstehen eines Gef\u00fchles von Zittern in der Hand gesteigert.\nHier hatte ich 1) die Einwirkung des Tetanisirens an und f\u00fcr sich, d. h. Unverglichen mit den anderen Erregungsweisen des Nervensystems, zu pr\u00fcfen; 2) und 3) die Einwirkung des Stromes mit derjenigen der erregenden Armarbeit und derjenigen der Ruhe zu vergleichen, und 4) den Strom w\u00e4hrend der fortdauernden Arbeit des erm\u00fcdeten Arms wirken zu lassen.","page":64},{"file":"p0065.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGE NACH DRU EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETG.\n65\nIn den hierrauf bez\u00fcglichen Myogrammen el, e.2 und e3 (Fig. 9) f\u00e4llt das Tetanisiren auf die Ruhepausen des erm\u00fcdeten Arms, resp. auf die leeren Zwischenr\u00e4ume mit dem Zeichen st, wobei die Dauer des Tetanisirens in Minuten angegeben ist. In den Myogrammen ek und e. (Fig. 9) bedeutet dasselbe\n<-----\nFig. 9.\nZeichen st den Beginn des Tetanisirens, und die Strecke zwischen o und o in e entspricht dem Aufh\u00f6ren der Reizung.\nDie Resultate dieser Versuche lassen sich wfe folgt zusammenfassen:\n1)\twirken die das Tetanisiren begleitenden sensitiven Erregungen des Nervensystems auf das Arbeitsverm\u00f6gen des erm\u00fcdeten Arms erh\u00f6hend (Myogr. et);\n2)\tscheint diese Wirkung derjenigen der die Bewegungen der Glieder begleitenden Empfindungen gleich zu sein (Myogr. e,); und\n3)\twirkt gleich diesen letzteren das Tetanisiren viel st\u00e4rker als einfaches Ausruhen (Myogr. e3); endlich\n4)\tbesteht die bef\u00f6rdernde Wirkung auch w\u00e4hrend der fortdauernden Arbeit des erm\u00fcdeten Arms (Myogr. ek und e5).\nSchliesslich f\u00fchre ich zwei Versuche an. welche die zwei Hauptergebnisse dieser Untersuchung (die Wirkung der die Arbeit der Glieder begleitenden sensitiven Erregungen und den Effect der elektrischen Reizung) unzweideutig beweisen.\nBew\u00e4hrt sich n\u00e4mlich das in den beschriebenen F\u00e4llen beobachtete Anwachsen des Arbeitsverm\u00f6gens auch bei der Arbeit mit so grossen Lasten, welche absichtlich-maximale Anstrengungen erfordern und die Erm\u00fcdung bis zur v\u00f6lligen Ersch\u00f6pfung f\u00fchren, so ist die Thatsache bewiesen.\n5","page":65},{"file":"p0066.txt","language":"de","ocr_de":"66\n2UR FRAGE NACH DER EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETC.\nDiese Versuche wurden an dem rechten Arme eines sehr kr\u00e4ftigen jungen Mannes angestellt und ergaben die unten stehenden Myogramme M.und S. (Fig. 10).\nIn M. trat die Ersch\u00f6pfung des rechten Arms, d. h. die Unm\u00f6glichkeit die Hebungen fortzusetzen, nach 83 Hebungen ein; darauf folgten der Reihe nach: Ruhepause von ein Paar Minuten; wiederum Arbeit (des rechten Arms)\nFig. 10.\nbis zur Ersch\u00f6pfung; erholende Arbeit des linken Arms, welche ebenso lange wie die Ruhepause dauerte; endlich Arbeit des ausgeruhten rechten Arms.\nln S wurde die elektrische Reizung (der linken Hand) in dem Augenblick der angek\u00fcndigten Ersch\u00f6pfung begonnen, und sofort stiegen die Bewegungen an (unterhalb des ersten Zeichens st); hierauf wurde die Arbeit des rechten Arms f\u00fcr ein paar Minuten unterbrochen, die Reizung aber fortgesetzt (das Zeichen st in dem leeren Zwischenraum); jetzt erlangten nach dieser Ruhe die Hebungen diejenige maximale H\u00f6he, welche sie beim Beginn des Versuches hatten.\nDem jungen Manne waren allerdings die Resultate meiner Versuche bekannt; bedenkt man jedoch, dass er bei diesen Versuchen, stets die \u00e4ussersten Anstrengungen zu machen gen\u00f6thigt war, so kann hier von Autosuggestion keine Rede sein.\nIch k\u00f6nnte nat\u00fcrlich die Versuche mit elektrischer Reizung auf das mannigfachste variiren (in Bezug auf die Art, St\u00e4rke und Dauer der Reizung, so wie in Bezug auf die Gr\u00f6sse der Belastung, die Art der Arbeit u. s. w.), begn\u00fcge mich jedoch einstweilen bei dem allgemeinen Umriss der Erscheinungen stehen zu bleiben, da dieser schon gestattet dieselben unter einen allgemeinen Gesichtspunkt zu bringen, namentlich:\na)\tdie Nachwirkung der sensitiven Erregungen, wenn dieselben das Nervensystem zur Zeit der Ruhe des erm\u00fcdeten Arbeitsorgans treffen;\nb)\tdie Einwirkung derselben (elektrischen) Erregungen zu einer Zeit, wenn das erm\u00fcdete arbeitende Organ th\u00e4tig ist; und\nc)\tdas hierbei stattfindende Verschwinden des Gef\u00fchles der Erm\u00fcdung;\u2014\nad a) Geht man von den Versuchen aus, in welchen die erregenden Einfl\u00fcsse zur Zeit der Ruhe des erm\u00fcdeten Arbeitsorganes wirken, ohne sich auf irgend welche Weise zu \u00e4ussern, solange das Organ unth\u00e4tig bleibt, so kommt man (in Bezug auf den ersten Punkt) unwillk\u00fcrlich zu der Ansicht, dass die Wirkung in einer Ladung der Nervencentra mit Energie besteht; und diese Auffassungsweise der Thatsachen scheint vollkommen am Platze zu sein, weil dieselbe wegen ihrer Allgemeinheit nichts Bestimmtes in Bezug auf den statt-","page":66},{"file":"p0067.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGE NACH DER .EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETC.\n67\nfinden Process voraussetzt (von dem wir in der That nichts Bestimmtes wissen, namentlich ob die von aussen kommenden Erregungen etwa die auf die Bewegungscentra wirkenden Impulse verst\u00e4rken, oder die Erregbarkeit dieser Centra erh\u00f6hen), und sofern wir berechtigt sind *das in Rede stehende Arbeitsorgan als eine Maschine zu betrachten.\nad b) Dieselbe Auffassungsweise kann aber auch auf jene F\u00e4lle (Punkt b) ausgedehnt werden, in welchen die k\u00fcnstliche (elektrische) Erregung des Nervensystems zu einer Zeit wirkt, wenn das arbeitende Organ th\u00e4tig ist; weil ihre Wirkung jetzt in einer Steigerung der Energieausgaben des erm\u00fcdeten Organs besteht, was ohne Zufluss von Energie von aussen unm\u00f6glich w\u00e4re.\nad c) Beim Menschen sind aus allt\u00e4glicher Erfahrung zwei Zust\u00e4nde des Nervensystems bekannt, welche mit den Namen <gehobene> und <gedr\u00fcckte Stimmung \u00bb belegt werden und welche sich unter anderem durch Lebhaftigkeit und Tr\u00e4gheit der Bewegungen kundgeben. Es ist offenbar erlaubt diese Zust\u00e4nde, mit den sie begleitenden Gef\u00fchlen, als Zeichen erh\u00f6heten oder herabgesetzten Energievorrats im centralen Nervensystem aufzufassen\u2014ersteres, weil die gehobene Stimmung ihren Grund sehr oft in den \u00e4usseren Eindr\u00fccken auf das Nervensystem hat, letzteres, weil das die gedr\u00fcckte Stimmung begleitende Gef\u00fchl der Mattigkeit viel Gemeinsames mit demjenigen hat, welches die erm\u00fcdenden Arbeiten begleitet. Nimmt man nun die letzte Analogie als eine plausible an, so wird einerseits das Gef\u00fchl der 'Erm\u00fcdung als Zeichen des herabgesetzten Energievorrates, andererseits auch das Verschwinden desselben infolge des durch sensitive Eindr\u00fccke erh\u00f6heten Arbeitsverm\u00f6gens, resp. des erh\u00f6heten Energievorrathes im centralen Nervensystem, verst\u00e4ndlich. Man denke, zur gr\u00f6sseren Ueberzeugung von der Wahrscheinlichkeit des soeben Gesagten, an die Wirkung der Musik auf die durch Marschiren erm\u00fcdeten Soldaten, oder an die erheiternde und belebende Wirkung des Gesanges bei der Arbeit.\nSomit war es allerdings m\u00f6glich die Hauptergebnisse der Untersuchung von einem und demselben Gesichtspunkte aus zu erkl\u00e4ren namentlich mit H\u00fclfe des Begriffes \u00abLadung der Nervencentra mit Energie\u00bb.\nZu Gunsten dieser Erkl\u00e4rungsweise mag schliesslich noch folgendes angef\u00fchrt werden.\n7. Es waren von mir schon l\u00e4ngst am Frosche folgende Thatsaehen experimentell bewiesen worden.\na) die F\u00e4higkeit der Nervencentra sensible im einzelnen unwirksame St\u00f6sse (dem n. ischiadicus applicirte Inductionschl\u00e4ge) zu einem motorisch wirksamen Impuls zu summiren, wenn die St\u00f6sse mit gen\u00fcgender Frequenz aufeinander folgen *);\n\u00df) starke motorische Nachwirkungen eines starken Tetanisirens des sensiblen Nerven; diese bestehen in Folgendem: solange das starke Tetanisiren dauert, sind die Bewegungen gehemmt, sobald aber die Reizung unterbrochen wird, treten dieselben in verst\u00e4rktem Grade hervor 2); und\n*) Ueb. d. elektr. u. cbem. Reiz. d. sens. Nerv. u. s. w. Graz., 1868.\n*) Ebendaselbst.\n.5*","page":67},{"file":"p0068.txt","language":"de","ocr_de":"y*y'*\n68 ZUR FRAGE NACH HER EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETC.\ny) eine entspreciiende Reihe von Erscheinungen an dem verl\u00e4ngerten Marke des Frosches; hier werden namentlich durch die starke Reizung des Nerven die galvanischen Zeichen der in dem V. M.\u2018spontan von Zeit zu Zeit entstehenden ^motorischen Impulse unterdr\u00fcckt, worauf dieselben nach dem Aufh\u00f6ren der Reizung in verst\u00e4rktem Maasse auftreten *).\nDurch die erste von diesen Thatsachen wird die Ladungsf\u00e4higkeit des Nervensystems mit Energie direct bewiesen, man mag die Erscheinung erkl\u00e4ren, wie man will, weil dabei doch nur die Thatsache wesentlich bleibt, dass die Nervencentra die Rolle von Accumulatoren in Bezug auf die dieselben treffenden St\u00f6sse spielen.\nDie zwei letzten Thatsachen reden in demselben Sinne, weil sie nur Folgendes bedeuten k\u00f6nnen: wenn die die Nervencentra treffenden Erregungen mit den daraus entstehenden Impulsen ihren nat\u00fcrlichen Ausweg (die Bewegungen in unseren F\u00e4llen) nicht finden k\u00f6nnen, so m\u00fcssen dieselben sich in den Nervencentra ansammeln und in verst\u00e4rktem Maasse hervortreten, sobald die Hemmung aufgehoben ist.\nNun sind die sub a und \u00df angef\u00fchrten Thatsachen offenbar 3 mit denjenigen verwandt, die ich oben zu erkl\u00e4ren hatte.\n$\t8. Jetzt bleibt mir nur noch \u00fcbrig einem m\u00f6glichen Ein-\n^ w\u00e4nde entgegenzukommen.\nDen Ursprung des Gef\u00fchls der Erm\u00fcdung verlegt man gew\u00f6hnlich in die arbeitenden Muskeln; ich dagegen verlege denselben, in der oben gegebenen Erkl\u00e4rung des Verschwindens dieses Gef\u00fchls, ausschliesslich in das centrale Nervensystem. Zur Aufkl\u00e4rung dieses Widerspruches mag folgender Versuch dienen.\nIch liess meinen Arm bis zum Entstehen eines klar ausgesprochenen Gef\u00fchles der Erm\u00fcdung automatisch (d. h. ohne an die Exkursionen des Arms zu denken) arbeiten und fing darnach an, jede einzelne Excursion zu beachten, dieselbe jedesmal absichtlich so weit als m\u00f6glich f\u00fchrend. Das Gef\u00fchl der Erm\u00fcdung verschwand hierbei augenblicklich und liess sich auch w\u00e4rend der Arbeit nicht mehr wahrnehmen, obgleich ich auf diese Weise 1 Stunde lang unaufh\u00f6rlich arbeitete (1200 Hebungen). Dieses klingt allerdings paradox, l\u00e4sst sich jedoch sehr leicht erkl\u00e4ren. Beim unaufh\u00f6rlichen Arbeiten in gleichem Rythmus h\u00e4ngt das mehr oder weniger rasche Entstehen des Gef\u00fchles der Erm\u00fcdung von dem Verh\u00e4ltnisse zwischen der St\u00e4rke der Muskelz\u00fcge und der Gr\u00f6sse der zu \u00fcberwindenden Widerst\u00e4nde ab.\u2014Sind nun letztere relativ zu den Muskelz\u00fc-\ni) Galv. Ersck, an d. V. AI. d. Frosch. Ed. Arch. XXVII.","page":68},{"file":"p0069.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGE NACH DER EINWIRKUNG SENSITIVER REIZE ETC.\n69\ngen gross, so nehmen diese an Gr\u00f6sse rasch ab und im entgegengesetzten Falle bleibt die Abnahme der Muskelz\u00fcge lange Zeit unmerklich. In unserem Versuche gilt das erstere f\u00fcr die erste H\u00e4lfte des Myogramms (Fig. 11) und das zweite f\u00fcr die zweite H\u00e4lft. Es ist ferner einleuchtend, dass sofern in beiden H\u00e4lfen des Versuches eine und dieselbe Muskelgruppe arbeitete, das Gef\u00fchl der Erm\u00fcdung, falls seine Quelle in den Muskeln l\u00e4ge, eher im Laufe der zweiten als in dem der ersten Versuchsh\u00e4lfte sich entwickeln m\u00fcsste, weil die Arbeit in der zweiten H\u00e4lfte viel l\u00e4nger dauerte und viel intensiver war. Wir sehen aber gerade das Gegentheil; folglich lag sowohl in diesem Versuche, als in allen anderen ihm gleichen (d. h. in Versuchen mit automatischen Bewegungen) die Quelle des Erm\u00fcdungsgef\u00fchles nicht in den Muskeln sondern in den Vorg\u00e4ngen innerhalb der Nervencentra. Damit will ich jedoch nicht sagen, dass die Muskeln an dem Entstehen des Gef\u00fchls sich \u00fcberhaupt nicht be-theiligen. Bei schweren Arbeiten ist ihre Betheiligung ganz unzweifelhaft; das Gesagte gilt nur f\u00fcr die in dieser Untersuchung beschriebenen schwachen Arbeiten. Den soeben beschriebenen Versuch benutzte ich noch zur Probe, ob das f\u00fcr die automatichcn Bewegungen constatirte Anwachsen des Arbeitsverm\u00f6gens des th\u00e4tig gewesenen Arms durch das zeitweilige Uebertragen der Arbeit auf den anderen Arm auch f\u00fcr die jetzigen Bedingungen gilt. Die zwei letzten Reihen erh\u00f6hter Ordinaten mit den \u00fcblichen Zeichen l. A und r. A gaben eine bejahende Antwort hierauf. Uebrig\u00fcns habe ich den Versuch in dieser Form nur ein einziges Mal angestellt.\nZum Schl\u00fcsse erlaube ich mir noch folgende Bemerkung.\u2014Die elektrische Reizung der Nerven und der Muskeln hat sich f\u00fcr die betreffenden Lehren deshalb so fruchtbar erwiesen, weil man diese Reizung auf beliebiger H\u00f6he constant halten, respective unter beliebigen constanten Bedingungen arbeiten kann. Sollte also einmal die Zeit f\u00fcr das myographische Studium der motorischen Folgen nat\u00fcrlicher Erregungen am Menschen kommen, so k\u00f6nnte man, glaube ich, die entsprechenden Dienste eher von den automatischen als von den wilk\u00fchrlichen Bewegungen erwarten, weil die letzteren nur bei absichtlichmaximalen Impulsen constant zu halten sind, und in dieser Form sich gegen die \u00e4usseren Angriffe weniger empfindlich als die schw\u00e4cheren automatischen Bewegungen erweisen.\nMoskau, d. 6 Marz, 1903.","page":69}],"identifier":"lit36553","issued":"1903-1904","language":"de","pages":"56-69","startpages":"56","title":"Zur Frage nach der Einwirkung sensitiver Reize auf die Muskelarbeit des Menschen","type":"Journal Article","volume":"3"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:40:56.430063+00:00"}
