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{"created":"2022-01-31T16:14:15.306877+00:00","id":"lit36673","links":{},"metadata":{"alternative":"Le Physiologiste Russe","contributors":[{"name":"Philippow, A.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"Le Physiologiste Russe 5: 157-164","fulltext":[{"file":"p0157.txt","language":"de","ocr_de":"Physiologie out) Hygiene des LSitzens.\nVon \u00c4. Phiiippow,\nPrivatdozent der Kinderheilkunde an der Universit\u00e4t Moskau.\nDa sich mir best\u00e4ndig die Gelegenheit bietet, bei Kindern anormale Bedingungen des Sitzens zu beobachten, so habe ich mich entschlossen Ihre geneigte Aufmerksamkeit auf die Frage von dem richtigen, physiologischen Sitzen und der Erf\u00fcllung der Forderungen der Hygiene in dieser Beziehung zu lenken und zugleich eine dementsprechende \u00c4nderung der heutigen M\u00f6bel vorzuschlagen.\nWir Kinder\u00e4rzte sehen nicht selten Kinder, die schon im 5-ten Jahre, manchmal auch noch fr\u00fcher, also lange vor dem Schulalter, einen runden R\u00fccken haben, beginnende Kyphose und Skoliose ersten Grades zeigen. Und zwar begegnet man diesen Erscheinungen gew\u00f6hnlich in gebildeten, wohlhabenden Familien, wo die Sorge um die Erziehung, die Entwicklung, das unbehinderte Wachstum der Kinder in erster Reihe steht, wo daher von Vernachl\u00e4ssigung der Kinder, Unachtsamkeit, Sorglosigkeit seitens der Eltern nicht die Rede sein kann. Um so wichtiger ist es die Ursachen, die so unangenehme, traurige Folgen nach sich ziehen, zu untersuchen und aufzukl\u00e4ren.\nUnter diesen ung\u00fcnstigen Ursachen sind vor allem die Vererbung von Unregelm\u00e4ssigkeiten im Bau des R\u00fcckgrats und haupts\u00e4chlich die Schw\u00e4che, zarte Struktur des Organismus, die sogenannte delicate (zarte) Konstitution, hervorzuheben. Solche Kinder kommen zur Welt mit d\u00fcnnen Knochen, welcher, schwacher Muskulatur, schlaffer Haut, stark entwickeltem Nervensystem, fr\u00fchzeitiger und \u00fcbermassiger geistiger Entwicklung, h\u00e4ufig mit zu grossem Kopfe, als Folge schon vorhandener englischer Krankheit. Dies erkl\u00e4rt einerseits die Gebrechlichkeit des Kindes, die Leichtigkeit, mit der es erkrankt, und, als h\u00e4ufige nat\u00fcrliche Folge davon, die Verz\u00e4rtlung desselben, zuweilen eine wahre Treibhauserziehung. Andererseits nimmt die Schw\u00e4che der Muskeln und des K\u00f6rpers \u00fcberhaupt, dem Kinde selbstverst\u00e4ndlich die M\u00f6glichkeit, sich gen\u00fcgend, namentlich in der frischen Luft, zu bewegen, l\u00e4sst es solche Besch\u00e4ftigungen suchen, welche die sitzende Stellung erlauben, was ausserdem\n*) Vortrag, gehalten am 27 Februar 1907 in der Physiologischen Abteilung der Kais, (des von Freunden der Xaturw., d. Anthrop. u. Ethnograph.","page":157},{"file":"p0158.txt","language":"de","ocr_de":"158\nPHYSIOLOGIE UND HYGIENE DES SJTZENS.\nnoch die Neigung geistig entwickelter Kinder, sich f\u00fcr geistige, also wieder sitzende. Besch\u00e4ftigungen zu interessiren, erkl\u00e4rt. Deshalb sehen wir so oft solche Kinder schon in fr\u00fchem Alter, (geb\u00fcckt, sich eifrig mit dem Ansehen, Ausschneiden von Bildern, mit Flechten und anderen sitzend zu verrichtenden Arbeiten besch\u00e4ftigen.\nAus Obigem wird uns der ungl\u00fcckliche circulus vitiosus verst\u00e4ndlich, dass, je schw\u00e4chlicher, zarter ein Kind, desto gr\u00f6sser sein Hang ist, zu sitzen, d. h. seine physischen Kr\u00e4fte durch Mangel an \u00dcbung zu schw\u00e4chen, und desto schwerer es ist es zur T\u00e4tigkeit, zur \u00dcbung der Muskeln, die seinen Organismus st\u00e4rken k\u00f6nnten, anzuspornen. Selbstverst\u00e4ndlich ist nicht immer eine ererbte Schw\u00e4che der Konstitution des Kindes die Hauptursache der verz\u00e4rtelten Erziehung: oft handeln die heutigen M\u00fctter so unter dem Einfl\u00fcsse \u00fcbelverstandener Forderungen der Hygiene, angeborner \u00c4ngstlichkeit, eines panischen Schreckens der Eltern vor Ansteckung.\nUnter solchen Bedingungen einer verz\u00e4rtelnden Erziehung werden auch ohne erbliche Konstitutionsschw\u00e4che im Wesentlichen dieselben Resultate, nur etwas langsamer und weniger auffallend, erhalten. Ausserdem sehe ich f\u00fcr eine der Hauptursachen der schlechten Haltung der Kinder den antihygienischen Schnitt des Leibchens an. welches man ihnen schon im 2-ten Lebensjahre, sobald sie ein Beinkleid bekommen, anlegt. Dieses Leibchen, welches die ganze unterhalb der Taille befindliche Kleidung zu tragen hat. wird an der Brust von der Last der angekn\u00f6pften Beinkleider, R\u00f6cke. Str\u00fcmpfe u. dergl., nach unten gezogen. Beim Einatmen aber hebt sich bekanntlich die Brust [der Brustkorb r\u00fcckt nach vorn und nach oben]; folglich ist das der Brust fest anliegende und nach unten strammgezogene Leibchen dem freien Aufatmen hinderlich, und das Kind f\u00fchlt das Bed\u00fcrfnis oberfl\u00e4chlich und oft zu atmen (die Brust erweitert sich also wenig, und die Lungen werden schwach ventilirt); und um das l\u00e4stige Druckgef\u00fchl auf den Brustknochen loszuwerden, zieht das Kind die Schultern instinktiv nach vorn und b\u00fcckt sich.\nNicht ohne einen bedeutenden Einfluss auf die geringe Beweglichkeit der Kinder ist unser Klima, sind die Bedingungen des raumbeengten Stadtlebens. Das regnerische Wetter im Fr\u00fchling und im Herbst, die fr\u00fch eintretende. Dunkelheit nach den kurzen Wintertagen, die Winterk\u00e4lte, das alles fesselt die Kinder f\u00fcr lange Stunden, zuweilen f\u00fcr ganze Tage an das Haus. Die Last der warmen \u00dcberschuhe, M\u00e4ntel, Pelze und \u00fcbrigen schweren Kleidungsst\u00fccke hindert die freie Bewegung der Kleinen beim Spazierengehen, erm\u00fcdet sie bald, k\u00fcrzt jedenfalls die Zeit, die sie im Freien zubringen k\u00f6nnten, sehr ab.\nDaher kommt es, dass das Kind im Laufe des Winters im besten Falle nur 1 Stunde t\u00e4glich ausser dem Hause, den \u00fcbrigen Teil des Tages aber in der dumpfen Stube verbringt... Womit besch\u00e4ftigt es sich nun im Kinderzimmer.''\nVor allem nat\u00fcrlich, falls es das Schulalter noch nicht erreicht hat, mit\nseinen Spielsachen.\t^\nDie heutige Spielwaarenindustrie liefert, von den Tendenzen und Geschmacksrichtungen der Eltern aufgemuntert, einerseits eine Menge sinnreicher Spielzeuge zum Flechten, Koloriren, Kleben, halten und dergl., alles Besch\u00e4ftigungen, die in sitzende)' Stellung vorgenommen werden; anueieiseits","page":158},{"file":"p0159.txt","language":"de","ocr_de":"PHYSIOLOGIE UND HYGIENE DES SITZENS\n159\nbringt sio in den Handel sehr h\u00fcbsche, typische, kunstvoll ausgef\u00fchrte Figuren von Tieren, oft mit sehr kunstreichem Mechanismus, welche das Kind wieder aber sitzend bewundert, und die es nicht zum Laufen, zur Bewegung auffordern. Die sitzende Lebensart wird auch durch die massenhaften Ausgaben von Bildern, Albums und B\u00fcchern f\u00fcr das zarteste Alter beg\u00fcnstigt, womit die sorgsamen Eltern ihre Kleinen schon vom zweiten Lebensjahre an versehen. Dann beginnt die Periode des Vorlesens, richtiger des Misbrauchs der Lect\u00fcre, wenn die Kinder stundenlang sitzen und mit gespannter Aufmerksamkeit dem Lesen interessanter Geschichten in russischer, franz\u00f6sicher, oder deutscher Sprache zuh\u00f6ren! Fangt nun das Kind an zu lernen, so gesellt sich zu diesem ohnehin langen Sitzen auch noch das Sitzen \u00fcber den Aufgaben, oft an einem dazu wenig passenden Tische, gesellt sicli schliesslich die unvermeidliche Qual am Klavier, durcli die Gammen.\nIch w\u00fcrde einer jeden Mutter ans Herz legen auszurechnen, wie lange ihr Kind sich t\u00e4glich mit geistiger Arbeit besch\u00e4ftigt, also dessen Tagewerk zu bestimmen, und wieviel es bloss sitzt, und dann die von ihr erhaltenen Gr\u00f6ssen mit der von der Hygiene bewilligten Norm der Lernarbeit zu vergleichen. Ein solcher Vergleich w\u00fcrde die Ursache der fr\u00fchzeitigen Erm\u00fcdung und Apathie unserer Kinder, der fr\u00fchen Abspannung ihrer Geisteskr\u00e4fte und der sp\u00e4teren Formen der Gehirnneurasthenie mit ihren traurigen Erscheinungen hinl\u00e4nglich erkl\u00e4ren.\nSomit m\u00fcssen unsre Kinder aus verschiedenen teils vermeidlichen, teils unvermeidlichen Ursachen viel und lange sitzen. Betrachten wir nun, wie sie sitzen, was wir ihnen zur Befriedigung dieses Bed\u00fcrfnisses bieten, mit andern Worten, was wir ihnen geben k\u00f6nnen, damit sie richtig, ohne zu erm\u00fcden, resp. der Hygiene entsprechend, sitzen k\u00f6nnen. Die Antwort auf diese Frage ist eine sehr einfache und kurze: gar nichts, d. h. es fehlt an jeglicher Anpassung daf\u00fcr. Die Kinder sitzen auf B\u00e4nken, St\u00fchlen und Sesseln, kleinen und grossen: im besten Falle ist nur die H\u00f6he des Sitzes dem W\u00fcchse angepasst, d. h. die F\u00fcsse der Kinder baumeln beim Sitzen nicht, sie erreichen den Boden.\nAuch in den besten russischen und ausl\u00e4ndischen M\u00f6belhandlungen habe ich nichts Passendes gefunden, ausser etwa Eppstein's Schaukelstuhl (Hg. 1), der jedoch der Theorie nach dazu bestimmt ist gegen beginnende Skoliose und Kyphose rachitischer und schw\u00e4chlicher Kinder anzuk\u00e4mpfen.\nDieser Theorie nach muss das Kind das Gesicht der Lehne zugewandt sitzen (warum sollte es sich aber nicht auch umkehren d\u00fcrfen ? man wird ja eine und dieselbe Lage \u00fcberdr\u00fcssig!) und sich mit den H\u00e4nden an den Querh\u00f6lzern halten, damit das skoliotische B\u00fcckgrat sich auf diese Weise geradebiege, obgleich es unverst\u00e4ndlich bleibt, warum ein zweij\u00e4hriges Kind soviel Verstand und Sorge f\u00fcr ein gerades R\u00fcckgrat an den Tag legen sollte!... Eher ist das Gegenteil zu erwarten, n\u00e4mlich dass die st\u00e4rkere (kr\u00e4ftigere) Seite noch kr\u00e4ftiger arbeiten, wie man\nF i nr 1.","page":159},{"file":"p0160.txt","language":"de","ocr_de":"160\nPHYSIOLOGIE UND HYGIENE DES SITZENS.\nes ja im Leben beobachtet, das folglich der Felder noch gr\u00f6sser werden wird. Da gerade die Rede davon ist, so darf man wohl behaupten, dass bei uns auch die f\u00fcr Erwachsene bestimmten M\u00f6bel aller m\u00f6glichen Muster und Style ohne jegliche Sorge f\u00fcr die Bequemlichkeit, den wirklichen physiologischen Komfort, gebaut sind. Man braucht nur unsre St\u00fchle anzusehen, mit denen es am allerschlimmsten steht: die Lehne ist weit nach hinten gebogen und bietet nur den Schultern eine St\u00fctze, es der untern H\u00e4lfte des Brustteils des R\u00fcckgrats und dem Kreuz anheimstellend sich zu beugen, zu kr\u00fcmmen, \u00fcberzuh\u00e4ngen, die Brust nach Gefallen einzudr\u00fccken. \u00abWeniger gef\u00e4hrlich, f\u00fcr Erwachsene aber unbequem und f\u00fcr Kinder zuweilen sch\u00e4dlich, sind die unrichtig, obgleich vielleicht sehr elegant und stylvoll gehaltenen Lehnen der modernen St\u00fchle, von den Sophalelmen der Wagen auf vielen Eisenbahnen nicht zu reden\u00bb sagt Prof. Karl Bardelehen (S. 503 d. Real. Encycl. d. Med. Wiss. Artikel \u00abR\u00fcckgrat\u00bb).\nUm die Frage beantworten zu k\u00f6nnen, wie denn gegen diese durch fehlerhaftes und gar zu langes Sitzen erworbenen M\u00e4ngel und Misbildungen anzuk\u00e4mpfen sei. wollen wir zuerst betrachten, worin der physiologische Akt des Bitzens besteht.\nDamit der Rumpf beim Sitzen die vertikale Stellung ohne St\u00fctze f\u00fcr den R\u00fccken einhalte, muss, wie bekannt, die Schwerpunktlinie durch die Kreuzgegend gehen; alle Muskeln des Abdomen, der Brust, des Halses und des R\u00fcckens m\u00fcssen sich auf entsprechende Weise spannen (folglich immerw\u00e4hrend arbeiten und nat\u00fcrlich erm\u00fcden), damit der Rumpf und der Kopf gerade bleiben, sich nicht nach vorn oder r\u00fcckw\u00e4rts neigen sollen.\nUnter solchen Umst\u00e4nden kann ein Kind unm\u00f6glich l\u00e4ngere Zeit gerade sitzen, so schnell erm\u00fcden alle seine Muskeln, und es sucht instinktiv nach andern St\u00fctzpunkten. Da es sich meist mit irgend einem Spielzeug besch\u00e4ftigt oder\tin ein Buch\tsieht,\tso neigt es\tsich gew\u00f6hnlich vorw\u00e4rts, beugt\nund reckt\tden Hals nach\tvorn,\tkr\u00fcmmt den\tganzen Rumpf bogenf\u00f6rmig und\nsucht die\tBrust an den\tTisch\tzu dr\u00fccken\toder sich mit den H\u00e4nden auf\ndiesen zu\tst\u00fctzen. Die auf diese Art \u00f6fters\tgestreckten R\u00fcckenmuskeln ver-\nlieren nach und nach ihre Elasticity ziehen sich immer weniger zusammen, werden schwach und k\u00f6nnen mit M\u00fche den starken Beugern des Rumpfes, den Bauchmuskeln '), Widerstand leisten. Bei t\u00e4glicher mehrmaliger Wiederkehr dieser anormalen Stellung wird diese zur Gewohnheit, und das Kind wird kyphotisch (bekommt eine krumme Haltung).\nFindet der R\u00fccken des Kindes eine St\u00fctze an der gew\u00f6hnlichen Lehne eines Stuhles oder Armsessels, wo der St\u00fctztpunkt sich iu der H\u00f6he der Schulterbl\u00e4tter befindet, so ist die Lage desselben iu nichts gebessert. Bei einem solche Sitzen biegen sich, da es ihnen an einer St\u00fctze fehlt, das Ki \u2019euz und die untere Brusth\u00e4lfte des Rumpfes, wobei die Bauchmuskeln dem Vorbeugen noch Vorschub leisten. Ausserdem entsteht durch das Zusammenpressen des Abdomen eine unangenehme Empfindung, von der sich ein jeder durch\n) S. bei Prof. Setschenoic: ,die geraden Bauchmuskeln dienen als Beuger des Rumpfes\" R. 110).","page":160},{"file":"p0161.txt","language":"de","ocr_de":"PHYSIOLOGIE UND HYGIENE DES SITZENS.\n161\neigene Erfahrung \u00fcberzeugen kann. Manchmal nimmt das erm\u00fcdete Kind eine Seitenlage an. indem es sich mit der einen Seite an den Stuhl anlehnt, oder einen Arm auf den Tisch legt, wobei sich das R\u00fcckgrat nat\u00fcrlich seitw\u00e4rts kr\u00fcmmt. Hat das Kind sich an eine solche Stellung gew\u00f6hnt, so nimmt es dieselbe bei jeder Gelegenheit an. was best\u00e4ndige Streckung der Muskeln der einen Seite, best\u00e4ndige Kontraktion derjenigen der andern und dadurch die ge-wohnheitsm\u00e4ssige Seitenkr\u00fcmmung des R\u00fcckgrats, d. h. Skoliose, zur Folge hat.\nEin ganz anderes Bild erh\u00e4lt man, wenn der R\u00fccken des Kindes nur in der Kreuzgegend oder zugleich auch in der Brustgegend gest\u00fctzt wird ').\nBekommt das Kreuz des Kindes eine St\u00fctze, so biegt sich sein Oberk\u00f6rper sogleich gerade; eine Menge Muskeln werden von der nun unn\u00f6tig gewordenen best\u00e4ndigen Arbeit, der best\u00e4ndigen Kontraktion, erl\u00f6st, Bauch und Brust bekommen eine freie, durch nichts behinderte Lage, die Muskeln k\u00f6nnen ausruhen, und alle innern Organe arbeiten, ohne dass das Kind erm\u00fcdet.\nUm Sie davon zu \u00fcberzeugen, schlage ich Ihnen vor, die hinten verschr\u00e4nkten Arme sich auf die Kr\u00fcmmung der Kreuzgegend zu legen und auf einen Ihrer St\u00fchle oder Sessel mit dem R\u00fccken anzulehnen. Sie werden sogleich merken, wie leicht es sich sitzt und atmet, mit einem Wort, zugeben m\u00fcssen, dass man ausruht. Daraus folgt, dass, wenn man der Stuhllehne unten eine der Kr\u00fcmmung (Konkavit\u00e4t) des R\u00fcckens entsprechende W\u00f6lbung und weiter oben eine dem R\u00fcckgrat angemessene Neigung giebt, man die M\u00f6glichkeit eines bequemen hygienischen S\u00fcdens erh\u00e4lt, bei welchem unn\u00f6tige Erm\u00fcdung (resp. Schw\u00e4chung) der Muskeln vermieden wird, welche, wie oben erkl\u00e4rt wurde, bei Kindern die so oft beobachtete Hochschultrigkeit (Kyphose), hervorragende Schulterbl\u00e4tter (<Fl\u00fcgel> ), sowie seitliche Kr\u00fcmmungen (Skoliose) verursacht. Wie ersichtlich, ist die Anwendung des Prinzips, welches wir soeben betrachtet, der Kreuzgegend beim Sitzen eine St\u00fctze zu geben, ausserordentlich leicht und einfach auszuf\u00fchren; trotzdem aber haben wir dieselbe nirgend angetroffen, weder bei den luxuri\u00f6sen, modernsten (im Dekadenzstyl gearbeiteten) und andern M\u00f6beln, noch auch an Equipagen oder den Sesseln und Sophas in Eisenbahnwagen, am wenigsten aber in Kinderzimmern. Als einfachste Anwendung dieses Prinzips, also, um dem Kinde f\u00fcr den R\u00fccken und die Kreuzgegend die n\u00f6tige St\u00fctze zu geben, w\u00fcrde ich folgende sehr einfache und billig herzustellende Einrichtung empfehlen: an die Stuhllehne wird in entsprechender H\u00f6he, der Kr\u00fcmmung der Kreuzgegend angepasst, an B\u00e4ndern ein aus Tuch oder anderem Stoff angefertigtes Polster in Form eines abgeplatteten Cylinders geh\u00e4ngt. Das Polster muss, je nach dem Alter des Kindes, nach folgender Tabelle verfertigt werden.\n11 In seinem klassischen AA'erk: \u201eDie Statik und Mechanik des menschlichen Knochenger\u00fc-stes\u2018\u2018 1873, empfiehlt Pr. Meyer, indem er auf Ss. 198\u2014202 die Bedingungen eines ruhigen, bequemen Sitzens analysirt. den R\u00fccken im Kreuz zu st\u00fctzen.\nKarl Bardeleben spricht die Ansicht aus, dass der Schwerpunkt des ganzen K\u00f6rpers auf das Kreuzbein und zwar auf den o-ten Kreuzwirbel (S. 509 Real. Encycl. der AViss.) f\u00e4llt; man begreift nun, weshalb bequemes Sitzen Unterst\u00fctzung der Kreuzgegend erheischt.\n11","page":161},{"file":"p0162.txt","language":"de","ocr_de":"162\nPHYSIOLOGIE UND HYGIENE DES SITZENS.\nAlter\nder Kinder 3\u2014 5 Jahr 6\u201410 >\n11 \u2014 14\t>\nTabelle I.\nBreite in cm.\n7\n9\n26\nGr\u00f6sste Dicke in mm. 6\u20147 9\n27\nDie Breite des Polsters \u00fcbertrifft also ungef\u00e4hr 10-mal die Dicke (Fig. 2 u. 3).\nMit andern Worten, an die Stuhllehne wird ein platter Muff geh\u00e4ngt, an welchen das Kind sich mit der Kreuzgegend fest und bequem anlehnen kann. Die M\u00f6glichkeit, so bequem sitzen zu k\u00f6nnen. ist besonders im Alter von 8\u201415 Jahren, wenn die Kinder am st\u00e4rksten wachsen, wichtig. In diese Zeit f\u00e4llt haupts\u00e4chlich die Bildung von Kyphosen, zu denen sich Skoliosen gesellen, worauf der Hals sich nach vorn streckt, so dass die sogenannte Truthennenhaltung entsteht. Zur Herrichtung eines bequemen Sitzes rate ich vorzugsweise Armsessel zu gebrauchen, da ausser der B\u00fcckeniehne auch noch die breiten Armlehnen den Armen eine gute Erholung gew\u00e4hren; dabei m\u00fcssen die Armlehnen von der R\u00fcckenlehne aus nach vorn etwas abfal-len, damit die Arme frei aufliegen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend Fig. 2. Ansicht des roisters auf die R\u00fcckenlehne eine dem R\u00fccken des Kindes angepasste W\u00f6lbung haben und eine vom geraden Winkel ungef\u00e4hr um 10\u00b0 abweichende Neigung aufweisen, mit andern Worten mit dem Sitz einen stumpfen Winkel von 100\u00b0 bilden soll. In Fig. 4, 5, 6 sind St\u00fchle und Armsessel von verschiedener Gr\u00f6sse dargestellt.\ndem Stuhl.\nFig. 3. Profil des Polsters.\nFig. 4. Fig. 5. Profil und Ansicht des Normalstuhls. Fig. 6. Profil des Normalarmsessels.\nBei einer solchen Stellung des Oberk\u00f6rpers m\u00fcssen aber selbstverst\u00e4ndlich auch die Kindertische etwas reformirt werden und zwar viel h\u00f6her sem","page":162},{"file":"p0163.txt","language":"de","ocr_de":"PHYSIOLOGIE UND HYGIENE DES SITZENS.\n163\n(am besten mit nach oben herausziehbaren F\u00fcssen) und eine geneigte Platte haben, damit das Kind das Heft oder das Spielzeug bequem darauf legen k\u00f6nne; am Armsessel wird ein Pult zur St\u00fctze des Buches angebracht. Die projektirten Modelle sind auf Fig. 7 und 8 dargestellt.\nFig. 7. Model eines Tisclies\tFig. 8. Armsessel mit hervor-\nmit herausziehbarer und\tziehbarem Pult,\nneigbarer Platte.\nNachdem ich die Frage von der Notwendigkeit einer W\u00f6lbung der Stuhllehne zur St\u00fctze des R\u00fcckens prinzipiell gel\u00f6st hatte, trat ich an die Bestimmung der Gr\u00f6sse der Kr\u00fcmmung der Kreuzgegend heran. Zu diesem Zwecke benutzte ich zum teil die sch\u00f6nen Zeichnungen von N. Pirogow's grossem <Atlas f\u00fcr topographische Anatomie\u00bb, haupts\u00e4chlich aber f\u00fchrte ich selbst zahlreiche Messungen am R\u00fccken sowohl erwachsener M\u00e4nner und Frauen als auch von Kindern verschiedenen Alters aus, wobei Pirogow\u2019s anatomische Zeichnungen (Schemata) mit den von mir erhaltenen Resultaten fast vollkommen \u00fcbereinstimmen. Um die R\u00fcckenkr\u00fcmmungen zu bestimmen, benutzte ich unter dem liebensw\u00fcrdigen Beistand des Herrn Zeichenlehrers Alioschin Gvpsabdr\u00fccke, die vom R\u00fccken von Kindern verschiedenen Alters\nDurchschnittskurven f\u00fcr Kinder.\nFig. 9.\tFig. 10.\tFig. 11.\nerhalten worden waren, wie an den beigef\u00fcgten Abdr\u00fccken zu sehen ist. Die Messungen wurden mittels eines besondern einfachen Apparats vorgenommen.\nil*","page":163},{"file":"p0164.txt","language":"de","ocr_de":"164\nPHYSIOLOGIE UND HYGIENE DES SiTZENS.\nDerselbe bestellt aus zwei unter einem Winkel von 100\u00b0 mit einander verbundenen Brettern, wovon das eine als Sitz, das andre als Lehne dient, In letzterer befinden sich viele runde Oeffnungen, in welchen herausziehbare Pfl\u00f6ck-chen stecken. Wenn das Kind, selbstverst\u00e4ndlich mit entbl\u00f6sstem R\u00fccken, sich auf den Stuhl gesetzt hat (der Apparat wird auf einen gew\u00f6hnlichen Stuhl gebracht), so werden die Pfl\u00f6ckchen bis zur Ber\u00fchrung mit dem R\u00fccken herausgezogen und wird auf diese Weise die Kr\u00fcmmung des R\u00fcckgrats leicht bestimmt. Zahlreiche Kontrolmessungen (es wurden so \u00fcber 50 R\u00fccken gemes-\nDurchschnittskurven f\u00fcr Erwachsene\nM\u00e4nner\nFrauen\nFig. 13.\nsen) haben mir erm\u00f6glicht eine Durchschnittstabelle zusammenzustellen und daraus die Durchschnittskr\u00fcmmung zu bestimmen, die meiner Ansicht nach als Norm bei der Einrichtung von W\u00f6lbungen der Lehnen sowohl f\u00fcr Erwachsene als f\u00fcr Kinder bestimmter M\u00f6bel dienen kann. Die beigef\u00fcgten Tafeln und schematischen Zeichnungen (9\u201413) geben ziemlich genaue Ausrechnungen f\u00fcr die Gr\u00f6sse der W\u00f6lbungen in Millimetern. Die vorgef\u00fchrten Modelle von St\u00fchlen und Armsesseln f\u00fcr Kinder, nach obigen Ausrechnungen angefertigt und in meiner Ambulanz erprobt, haben sich als sehr zweckm\u00e4ssig erwiesen, weshalb ich mich entschliesse dieselben zu allgemeinem Gebrauch zu empfehlen.","page":164}],"identifier":"lit36673","issued":"1907","language":"de","pages":"157-164","startpages":"157","title":"Physiologie und Hygiene des Sitzens","type":"Journal Article","volume":"5"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:14:15.306882+00:00"}
