Open Access
{"created":"2022-01-31T15:21:17.370166+00:00","id":"lit36674","links":{},"metadata":{"alternative":"Le Physiologiste Russe","contributors":[{"name":"Davidow, A.","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"Le Physiologiste Russe 5: 165-167","fulltext":[{"file":"p0165.txt","language":"de","ocr_de":"\u00dcber schleimigen Irin.\nVon A. D a v i d o w,\nVorl\u00e4ufige Mitteilung.\nAus dem physiologischen Institut der K. Universit\u00e4t Moskau.\nIm Jahre 1888 beschrieben Malerha und Sanna-Salaris einen Bacillus, den sie Glyschrobakterium benannten und im Urin, in welchem er eine schleimige Ver\u00e4nderung (Glyschrurie) hervorruft, gefunden hatten. Seitdem sind 4 F\u00e4lle beschrieben worden. In allen wurde der Bacillus, der diese Ver\u00e4nderungen bedingt, gefunden. Ein solcher Urin kommt sehr selten vor. Rotlimann sagt, dass siebzigtausend in Charkow vorgenommene Aualysen nur drei solche F\u00e4lle geliefert hatten. Mir selbst ist w\u00e4hrend der Ausf\u00fchrung zahlreicher medicinischer Analysen ein solcher Urin nur einmal vorgekommen. Ich finde es angemessen diesen Bakterien einige Worte zu widmen, da ich imstande bin zur Kenntnis derselben etwas beizutragen.\nEs wurde mir von einem Kranken ein Urin zugestellt, welcher folgende Eigenschaften besass: beim Umgiessen desselben aus einem Gef\u00e4ss in ein anderes fiel dessen Konsistenz, die man mit derjenigen des Glycerins vergleichen konnte, auf. Der Urin war tr\u00fcbe, reagirte stark alkalisch, hatte ein ziemlich niedriges specifisches Gewicht (1,012) und enthielt dabei 1% Traubenzucker und Spuren von Albumin. Bei der mikroscopischen Untersuchung war der Befund: sehr viele kurze Bacillen, eine bedeutende Menge Leukocy-ten, eine geringe Menge platter Epithelzellen und etwas Schleim.\nDie erste Voraussetzung, dass der Urin eine grosse Quantit\u00e4t Mucin enthielt, war nicht richtig, da er die Reaktion auf Mucin nicht gab, und unter dem Mikroscop sehr wenig Schleim zeigte. Dieser Umstand leitete zu der Frage, ob die Konsistenz des Urins nicht etwa von den in demselben befindlichen Bakterien abhing. Um eine Antwort darauf zu finden, schied ich alle Mikroorganismenarten durch Plattenkultur aus. In Petri s Schalen entwickelte sich auf Fleisch-Pepton-Agar-Agar fast nur eine Bakterienart. Diese Bakterien erscheinen als kurze, bewegungslose, mit s\u00e4mmtlichen Anilinfarben sich gut f\u00e4rbende St\u00e4bchen; nach Gram\u2019s Verfahren f\u00e4rben sie sich nicht. Es werden gew\u00f6hnlich nicht ganz reine mikroscopische Pr\u00e4parate erhalten, da die St\u00e4bchen von der Substanz, die sie ausscheiden, umgeben sind. Sie wachsen am besten bei 37\u00b0, bei Zimmertemperatur weniger gut und nicht so typisch. Die im Thermostat gewachsenen Kolonien erscheinen etwas gew\u00f6lbt, braun gef\u00e4rbt, k\u00f6rnig und mit glatten R\u00e4ndern. Mit einer Platinnadel l\u00e4sst sich fast die ganze Kolonie mit daran h\u00e4ngenden Parzellen des N\u00e4hrbodens abheben. Auf dem schiefen Agar-Agar im Probirgl\u00e4schen, wo sie an einen Bandwurm erinnert, bedeckt sich das Kondensationswasser mit einer","page":165},{"file":"p0166.txt","language":"de","ocr_de":"166\n\u00dcBER SCHLEIMIGEN URIN.\ndichten, viskosen Haut. In kurzer Zeit verwandelt sich das s\u00e4mmtliche Kondensationswasser in eine solche dickfl\u00fcssige Masse.\nDieses Bakterium w\u00e4chst auch ohne Sauerstoffzutritt. Auf mit Traubeuzucker versetztem Agar-Agar entwickelt es sicli \u00fcppiger. Gelatine wird durch-dasselbe nicht fl\u00fcssig. Bouillon, Milch und Urin (mit Zuckerzusatz) sind ebenfalls gute N\u00e4hrb\u00f6den f\u00fcr dasselbe. Nach ungef\u00e4hr zwei Tagen werden die d\u00fcnnfl\u00fcssigen N\u00e4hrboden dickfl\u00fcssig und lassen sich zu F\u00e4den ausziehen. Im gegebenen Falle konnte die Frage aufgeworfen werden, ob die Gegenwart dieser Bacillen nicht vielleicht von der Verunreinigung des Geschirrs herr\u00fchrte, in welchem der Urin aufbewahrt worden war. Um diesen Umstand aufzukl\u00e4ren, machte ich Aussaaten auf durch Katheterisation erhaltenem Urin.\nDie bakteriologischen Untersuchungen dieses Urins ergaben dieselben Resultate. In der einschl\u00e4gigen Literatur fand ich einige Beobachtungen \u00fcber diesen Gegenstand. Eine davon geh\u00f6rt Adamez und bezieht sich auf schleimige Kuhmilch, eine andre von van Laer auf Hefe, Malz und schleimiges Brot; Malerba, Melle, Colla et Forhaka, Bothnann machten ihre Beobachtungen an schleimigem Urin von Menschen. Sie weisen darauf hin, dass die \u00c4thiologie dieses Leidens noch ganz unklar ist, da ein derartiger Urin bei verschiedenen Kranklieiten und sogar bei gesunden Menschen vorkommt. In einem Falle wurden drei Arten von Bakterien ausgeschieden, die sich durch ihr Verhalten zur Gelatine unterschieden (zwei davon verfl\u00fcssigten dieselbe, die dritte nicht). Die Bakterien waren wenig beweglich, wuchsen gut in normalem Urin, doch nur in sauer reagirendem, und \u00fcbten auf Kaninchen und Meerschweinchen keine pathogene Wirkung aus. Die N\u00e4hrb\u00f6den wurden verschleimt. Ich bestimmte die Viskosit\u00e4t der fl\u00fcssigen N\u00e4hrboden einige Tage nach der Aussaat der Bakterien. Die Untersuchung der Viskosit\u00e4t, geschah mittels Oswald\u2019s Viskosimeter. Dieselbe wird durch die Zeit bestimmt, welche die zu untersuchende Fl\u00fcssigkeit zum Ausfliessen aus dem Viskosimeter im Vergleich zu dem Ausfliessen von destillirtem Wasser bei einer und derselben Temperatur braucht. Ich erhielt folgende Zahlen:\nReines Wasser braucht zum Ausfliessen 2 Min. 37 Sek.\nReiner Bouillon\t>\t>\t>\t2\t>\t46\t>\nUrin\t>\t>\t>\t>\t2>41>\nMilch\t>\t>\t>\t>\t4\t>\t40\t>\nBouillon-Kultur\t\u00bb\t>\t>\t6\t>\t14\t\u00bb\nUrin mit Kultur\t>\t\u00bb\t>\t3\t>\t23\t>\nMilch-Kultur\t>\t>\t>\t5\t>\t37\t>\nViskosit\u00e4t des Bouillons.............. 1,06\n>\t>\tUrins......................... L02\n>\tder\tMilch........................ 1,78\n\u00bb\t>\tBouillon-Kultur.............. 2,38\n>\tdes\tUrins mit Kultur............. 1,29\n>\tder\tMilchkultur.................. 2,15\nIn meinem Falle unterschieden sich die ausgeschiedenen Bakterien ein wenig von den fr\u00fcher beschriebenen. Erstens ging ihnen die Beweglichkeit ab; zweitens entwickelten sie sich schlecht in normalem Urin; drittens wuchsen","page":166},{"file":"p0167.txt","language":"de","ocr_de":"\u00dcBER SCHLEIMIGEN URIN.\n167\nsie auch bei alkalischer Reaktion. Dagegen entwickelten sie sich gut in mit Traubenzucker versetztem Urin. Subcutane und peritoneale Impfung gab mir bei Kaninchen und Meerschweinchen ebenfalls negative Resultate. Daraufhin ging ich zu gr\u00f6sseren Tieren, und zwar zu Hunden, \u00fcber, w\u00e4hlte aber auf Dr. Gabritschewski\u2019s Rat hin einen andern Weg zur Ansteckung. Mittels eines Katheters wurde den Tieren der Urin entzogen und ihnen mit demselben Katheter in die Harnblase eine eint\u00e4gige Agar-Kultur in physiologischer Kochsalzl\u00f6sung eingef\u00fchrt. Ich wiederholte die Operation 3\u2014T-mal, nach Pausen von 5\u20146 Tagen, damit die traumatische Reaktion aufgeh\u00f6rt habe.\nAls mehrere Versuche dieser Art mir negative Resultate ergeben hatten, \u00e4nderte ich die Versuchsbedingungen. Um zu entscheiden, ob das Wachsen der Bakterien nicht vielleicht vom Eiweiss abh\u00e4ngt, reizte ich vorerst die Nieren durch kleine Dosen von Cantharidin bis zum Erscheinen von Eiweissspuren im Urin und f\u00fchrte erst dann die Kultur ein. Auch diese Versuche ergaben negative Resultate. Ein andere Versuchsreihe wurde unter der Bedingung von Erscheinen von Zucker im Urin in Angriff genommen. Durch Phloridzin wurde bei Hunden zeitweiliger Diabetes hervorgerufen und dann eine Bakterienkultur in die Harnblase eingef\u00fchrt. Es ist erw\u00e4hnenswert, dass die Wahl der Hunde von grosser Bedeutung ist. Als die tauglichsten erwiesen sich Hunde von sog. <lymphatischer Konstitution\u00bb (schwerf\u00e4llige, mit wenig ausgepr\u00e4gter Muskulatur;. Hunde von sog. <Sanguinischer Konstitution\u00bb erwiesen sich als untauglich. Bei mehrmaliger Wiederholung dieser Operation und wiederholter Phloridzineinspritzung wurden bei einigen Hunden folgende Erscheinungen beobachtet: der Urin war dickfl\u00fcssiger, schleimig und es konnten aus demselben ebenso solche Bakterien ausgeschieden werden. Ausserdem erzeugte \u00c4ther sowohl im Urin von kranken Menschen als in demjenigen der erkrankten Hunde einen geleeartigen Niederschlag. Diese Eigenschaft behielt der Urin der erkrankten Tiere 4\u2014A Wochen nach der letzten Injektion der Kultur in die Harnblase. Gegen das Ende dieser Zeit nahm der Urin allm\u00e4lig seine normalen Eigenschaften an, und die Bakterien verschwanden daraus. Bei einem Kranken dauerte die schleimige Beschaffenheit des Urins zwei Jahre lang, wonach dieser nach und nach sein normales Aussehen wiedergewann, und die Menge der Bakterien darin immer mehr abnahm.\nWas den Stoff anbetrifft, der von den Bakterien ausgeschieden wird, so gehen die Ansichten der Autoren dar\u00fcber auseinander. Die einen sehen ihn f\u00fcr ein Kohlenhydrat, die andern f\u00fcr einen eiweissartigen K\u00f6rper an. Alle haben ihn nur qualitativ untersucht, wahrscheinlich weil es schwer ist diesen Stoff in gen\u00fcgender Menge zu sammeln. Der Liebensw\u00fcrdigkeit des Arztes, der den erw\u00e4hnten Kranken behandelte, verdankte ich es, dass ich den im Laufe eines Monats ausgeschiedenen Urin in einer f\u00fcr die Elementaranalyse gen\u00fcgenden Quantit\u00e4t sammeln konnte. Nach demselben Verfahren schied ich den Stoff auch aus dem Urin der erkrankten Tiere aus.\nDie chemische Untersuchung des erhaltenen Stoffs wird der Gegenstand meiner n\u00e4chsten Mitteilung sein.","page":167}],"identifier":"lit36674","issued":"1907","language":"de","pages":"165-167","startpages":"165","title":"Ueber schleimigen Urin. Vorl\u00e4ufige Mitteilung","type":"Journal Article","volume":"5"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T15:21:17.370172+00:00"}
