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Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten: Vortrag gehalten im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie am 5. Januar 1882

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{"created":"2022-01-31T14:13:18.431294+00:00","id":"lit3833","links":{},"metadata":{"contributors":[{"name":"Exner, Sigmund","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"Wien: Braum\u00fcller","fulltext":[{"file":"a0001.txt","language":"de","ocr_de":"DIE PHYSIOLOGIE\ndes\nFLIEGENS UND SCHWEBENS\nin den\nBILDENDEN K\u00dcNSTEN.\nVORTRAG\ngehalten im \u00d6sterreichischen Museum f\u00fcr Kunst und Industrie am 5. Januar 1882\nvon\nE>B. SIGM. EXNER\na. 8. Professor der Physiologie an der Universit\u00e4t in Wien.\nMit 4 Holzschnitten.\nWIEN, 1882.\nWILHELM BRAUM\u00dcLLER\nB. B. HOF- UDO UN1YEBBIT\u00c4T8BUCHH\u00c4NDLEH.","page":0},{"file":"a0002.txt","language":"de","ocr_de":"MEINER FRAU\ngewidmet\nZUM 7. M\u00c4RZ 1882.","page":0},{"file":"a0003.introduction.txt","language":"de","ocr_de":"VORWORT.\nenn sich in dr\u00fcckender Julihitze die Th\u00fcre des Labora-\nW toriums zum letztenmale im Schuljahre hinter mir geschlossen hat, dann pflege ich einem einsamen Marktflecken unserer Alpen zuzueilen, um, wenigstens f\u00fcr einige Wochen, das Gleichgewicht im Haushalte geistiger Arbeit wiederherzustellen. Geh\u00f6rt es doch zu einem menschenw\u00fcrdigen Dasein, das Interesse nicht f\u00fcr Alles verloren zu haben, was seitab von den Wegen des Berufsgesch\u00e4ftes liegt, mag dieses auch noch so reichhaltig, noch so anziehend sein.\nIm vorigen Sommer waren es gewisse Gestalten aus Kunstwerken grosser Meister, die mich bei meinen einsamen Wanderungen auf H\u00f6hen und in Schluchten verfolgten und sich immer von Neuem in den Vordergrund dr\u00e4ngten, eine L\u00f6sung ihres R\u00e4thsels verlangend. So ist der nachstehende Vortrag entstanden. M\u00f6chte doch etwas von der Frische jener Luft in ihn \u00fcbergegangen sein, in der er ersonnen wurde.\nWien, im Februar 1882.\nS. E.","page":0},{"file":"p0007.txt","language":"de","ocr_de":"nter die grosse Anzahl psychologisch interessanter Fragen,\ndie sich dem aufmerksamen Beschauer von Kunstwerken\naufdr\u00e4ngen, geh\u00f6rt auch die: wie ist es zu erkl\u00e4ren, dass es K\u00fcnstlern gelingt, Objecte oder Vorg\u00e4nge, die nie ein Mensch gesehen hat, ja, deren Existenz zu den Unm\u00f6glichkeiten geh\u00f6rt, so darzustellen, dass sie nicht nur nichts Fremdartiges, sondern etwas Anheimelndes an sich haben, fast als w\u00fcrden sie alte Erinnerungen an oft Gesehenes wachrufen?\nF\u00fcr eine derartige Erscheinung des Kunstlebens mag hier der Versuch gemacht werden, die Frage zu beantworten, f\u00fcr die Erscheinung, dass seit Jahrtausenden K\u00fcnstler schwebende und fliegende Figuren darstellen, welche sich in der Lurt so zu benehmen scheinen, als w\u00e4re diese ihr eigentliches Element. In der That finden sich fliegende und schwebende Gestalten von Menschen und Thieren schon auf altgriechischen Vasen, was nicht Wunder nehmen kann, wenn man bedenkt, wie sehr Homer\u2019s Schilderungen den Griechen in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen sind, und wie sie zur bildlichen Darstellung einladen.\n\u201eTreibend schwang sie die Geissei, und rasch hinflogen die Rosse Zwischen der Erd\u2019 einher und dem Sterngew\u00f6lbe des Himmels.\nWeit wie die nebelnde Fern\u2019 ein Mann durchsp\u00e4ht mit den Augen, Sitzend auf luftiger Wart', in das finstere Meer hinschauend:\nSo weit heben im Sprung sich der G\u00f6ttin schallende Rosse.\u201d1)\nJa, neuere arch\u00e4ologische Forschungen haben ergeben, dass die bildliche Darstellung der gefl\u00fcgelten Gestalten Griechenlands in einer Zeit, welche zwischen der homerischen und der eigent-","page":7},{"file":"p0008.txt","language":"de","ocr_de":"8\nSigmund Exner\nlieh historischen liegt, aus Asien eingewandert ist, wobei der Charakter der Gestalten freilich eine wesentliche Ab\u00e4nderung erfuhr.1)\nSeit jener Zeit, bis auf den heutigen Tag, sind die fliegenden und schwebenden Gestalten in der Kunst gang und g\u00e4be.\nEs gibt immer noch K\u00fcnstler, denen die peinlich genaue Nachahmung der Natur die wichtigste Aufgabe der Kunst zu sein scheint. W\u00fcrde man einen solchen fragen, in welcher Art er eine schwebende oder fliegende Gestalt, die er doch nie gesehen hat, noch je sehen wird, darstellen wollte, so k\u00f6nnte er vielleicht antworten: \u201eIch habe auch nie eine menschliche Gestalt auf dem Kreuze h\u00e4ngend gesehen, und male sie doch; ich male sie eben so, wie die menschliche Gestalt aussehen m\u00fcsste, wenn sie an\u2019s Kreuz geschlagen w\u00e4re. Ebenso werde ich die schwebende und fliegende Gestalt malen, wie sie aussehen m\u00fcsste, wenn sie wirklich fliegen oder schweben k\u00f6nnte.\u201d\nDieser K\u00fcnstler bef\u00e4nde sich in einem groben Irrthum, er wird seine Gestalten nicht nach dem von ihm aufgestellten Principe malen, und falls er es doch thut, so wird er etwas ganz Anderes malen, als das, was alle seine Vorg\u00e4nger gemalt haben. Betrachten wir in der That etwas genauer, wie eine menschliche Gestalt aussehen m\u00fcsste, die der genannten Forderung strenge nachkommen w\u00fcrde, also fliegen, d. h. sich durch die Kraftleistungen ihrer Muskeln frei in der Luft erhalten kann. Wir w\u00fcrden ihr hiezu nat\u00fcrlich Fl\u00fcgel geben. Das Knochenger\u00fcst der Fl\u00fcgel ist in der ganzen Natur eine Modification des Knochenger\u00fcstes der vorderen, bez\u00fcglich oberen Extremit\u00e4t. Die Fl\u00fcgel sind also die Arme der V\u00f6gel und jedes nach dem Typus des Wirbelthieres gebaute Wesen kann also nur entweder Arme oder Fl\u00fcgel haben; sollten nebst den Armen noch wirklich brauchbare Fl\u00fcgelknochen in das Skelet eingesetzt werden, so w\u00fcrde das eine vollst\u00e4ndige Um\u00e4nderung des ganzen Skeletes erfordern, und die Gestalt w\u00fcrde ihrem Skeletbau nach im besten Falle wie eine Missgeburt erscheinen. Weiter m\u00fcssten\n*) Langbehn: \u201eDie FlQgelgestalten der \u00e4ltesten griechischen Kunst.\u201d M\u00fcnchen 1881. In diesem Werke findet sich auch die einschl\u00e4gige arch\u00e4ologische Literatur \u00fcber unseren Gegenstand.","page":8},{"file":"p0009.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n9\nzur Bewegung der Knochen auch Muskeln da sein. Stellen wir uns vor, die Gestalt, die unser K\u00fcnstler construirt, solle ein Flugverm\u00f6gen haben, nur so gut, oder besser so schlecht, wie ein Sperling. Sehr grazi\u00f6s w\u00fcrden dadurch ihre Bewegungen in der Luft noch nicht werden. Bei einem solchen verh\u00e4lt sich das Gewicht der Flugmuskeln zum Gewichte des \u00fcbrigen K\u00f6rpers ungef\u00e4hr wie i : 6. Nehmen wir als Gewicht des dargestellten K\u00f6rpers 60 Kilo an, so ergibt sich, dass zu den Muskeln, die er bereits hat, noch io Kilo hinzukommen m\u00fcssen. Die meisten derselben sind in der Brustgegend unterzubringen. Ein riesiger Buckel, dessen Dimensionen Alles \u00fcbersteigen, was wir je von solchen gesehen haben, der \u00fcberdies vorne sitzt, w\u00e4re das Resultat. Die Fl\u00fcgel selbst m\u00fcssten eine entsprechende Ausdehnung haben, also die L\u00e4nge des K\u00f6rpers weit \u00fcbertreffen. Unser K\u00fcnstler h\u00e4tte so zwar ein Etwas construirt, das fliegen k\u00f6nnte, aber einer menschlichen Gestalt nicht mehr \u00e4hnlich w\u00e4re. Es w\u00e4re ein Monstrum, etwa aus der Werkstatt eines H\u00f6llen-Breughel, aber keine jener anmuthigen Gestalten, wie sie uns die Antike, die Renaissance und nicht minder die moderne Kunst vorf\u00fchrt. Die bildliche Darstellung einer menschlichen Figur, welche das Verm\u00f6gen des Fliegens wirklich be-s\u00e4sse, ist also unm\u00f6glich.\nUnser realistischer K\u00fcnstler w\u00fcrde sich demnach begn\u00fcgen, schwebende Figuren darzustellen. Sehen wir, ob es ihm gelingen wird, hier das zu erreichen, was ihm bei den fliegenden nicht gelungen, n\u00e4mlich dieselben so darzustellen, wie sie erscheinen m\u00fcssten, wenn es solche schwebende menschliche K\u00f6rper g\u00e4be.\nIm Gegens\u00e4tze zum Fliegen, nennen wir ein Object schwebend, wenn es sich ohne eigene Kraftleistung frei und ver-h\u00e4ltnissm\u00e4ssig ruhig in der Luft erh\u00e4lt. So sagen wir von einem Vogel, dessen Kraftleistungen wir an den Fl\u00fcgelschl\u00e4gen erkennen, er fliege, eine Seifenblase aber, oder ein Federchen nennen wir schwebend.\nEine menschliche Gestalt k\u00f6nnte schweben, wenn sie \u201eschwerlos\u201d w\u00e4re, oder physikalisch correcter ausgedr\u00fcckt, wenn sie das Gewicht h\u00e4tte, welches ein dem ihren gleiches Volumen Luft besitzt. Macht also der K\u00fcnstler die Voraussetzung, dass der menschliche K\u00f6rper, den er zu malen oder","page":9},{"file":"p0010.txt","language":"de","ocr_de":"IO\nSigmund Exner\nzu meissein har, um eine gewisse Anzahl von Kilo leichter ist, als es der Wirklichkeit entspricht, so hat er demselben dadurch in der That die F\u00e4higkeit des Schwebens ertheilt; wie er dieselbe malerisch zum Ausdrucke bringt, mag vorl\u00e4ufig uner-\u00f6rtert bleiben. Zu demselben Resultate w\u00fcrde er gelangen, wenn er sich die Luft um ebensoviel schwerer d\u00e4chte, dem menschlichen K\u00f6rper aber sein nat\u00fcrliches Gewicht liesse. Auch unter diesen Umst\u00e4nden w\u00fcrde letzterer schweben, da es sich immer nur um Gleichheit des specifischen Gewichtes mit dem umgebenden Medium handelt.\nDiese Voraussetzung f\u00fchrt uns den wirklichen k\u00fcnstlerischen Darstellungen viel n\u00e4her, als es die Vorstellung vom Flugverm\u00f6gen zu thun im Stande war, doch f\u00fchrt sie uns immer noch nicht zum Ziele, denn Gestalten, welche unser K\u00fcnstler unter dieser Voraussetzung und nur unter dieser allein consequent seiner naturalistischen Richtung schaffen w\u00fcrde, w\u00e4ren f\u00fcr uns unverst\u00e4ndlich, w\u00e4ren unsch\u00f6n, und w\u00e4ren in ihrem Gebahren von dem, was wir zu sehen gewohnt sind, immer noch wesentlich unterschieden. Denn f\u00fcr Gestalten, die keine Schwere haben, gibt es kein Oben und Unten. Alle k\u00fcnstlerischen Motive, alle Stellungen und Gruppirungen, die aus der Vorstellung der Richtung im Raume entspringen, w\u00fcrden der Darstellung entfallen. Eine schwebende Figur h\u00e4tte keinen Anspruch, mit den Beinen unten und dem Kopfe oben dargestellt zu werden, die umgekehrte Stellung w\u00e4re ihr genau ebenso bequem. Eine nach aufw\u00e4rts schwebende Gruppe w\u00e4re ein Unding, von and\u00e4chtig aufblickenden Augen k\u00f6nnte keine Rede mehr sein u.s.w. Nur wo in einem Kunstwerke vereint schwerlose Gestalten und als schwer gedachte Objecte Vorkommen, da k\u00f6nnten letztere eine Art Centrum und eine Richtschnur f\u00fcr die Action der ersteren abgeben.\nGewisse Motive, die der genannten Zusammenstellung entnommen sind, w\u00fcrden durch die Voraussetzung der Schwerlosig-keit auch unm\u00f6glich. Ich erinnere an Engel und Heilige, welche sich sichtlich bem\u00fchen, einen als schwer gedachten Gegenstand, z. B. das Kreuz, durch die L\u00fcfte zu tragen, oder um ein concretes Beispiel anzuf\u00fchren, an die beiden bronzenen Engel, welche frei in der Luft schwebend \u00fcber dem Haupte von Michelangelo\u2019?","page":10},{"file":"p0011.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\nPiet\u00e0 * *) die Krone halten, und die, beil\u00e4ufig bemerkt, nicht zur Zierde dieses herrlichen Werkes sp\u00e4ter demselben beigegeben wurden. Alle diese Figuren machen ihre theilweise recht kr\u00e4ftigen Muskelactionen vollkommen vergebens; wenn sie schwerlos sind, so f\u00e4llt der von ihnen gehaltene Gegenstand genau so, als w\u00fcrden sie ihn nicht halten, in die Tiefe, und umklammern sie ihn, so hat das nur die Folge, dass sie von demselben mitgerissen werden. Das Einzige, was sie leisten k\u00f6nnten, ist, dass sie durch den Luftwiderstand, den sie finden, den Fall etwas verz\u00f6gern, nach dem Principe des Fallschirmes.\nAuch andere Gruppen von Muskelactionen werden sinnlos. Wenn Apollo seinen Sonnenwagen durch den Aether f\u00fchrt und seine Rosse im stolzesten Galopp dahinjagen \u2014 sie zappeln ganz vergebens. Trotz ihrer Schwerlosigkeit, die sie vor dem Herunterfallen sch\u00fctzt, kommen sie nicht vorw\u00e4rts. Wenn sie statt ihrer k\u00fchnen Rennbahnspr\u00fcnge bescheidene Schwimmbewegungen machten, ginge es wohl etwas besser, doch der Tag w\u00fcrde bedenklich lang werden.\nDer Faltenwurf der schwebenden Gew\u00e4nder m\u00fcsste ein g\u00e4nzlich anderer sein, ja selbst die Haare w\u00fcrden sich nicht mehr an den Kopf anlegen, sie w\u00fcrden nach unberechenbaren Richtungen vom Kopf abstehen und sich da in der Schwebe erhalten2); alle oder doch fast alle durch die Luftbewegung erzeugten Motive im Faltenwurf und in der Lage der Haare fielen hinweg, denn die Gestalten w\u00fcrden vom Winde fortgeweht und w\u00fcrden mit seiner Geschwindigkeit selbst dahingleiten, so dass sie auch den st\u00e4rksten Orkan kaum zu f\u00fchlen bek\u00e4men.\nDiese Consequenzen der Voraussetzung von der Schwerlosigkeit menschlicher Gestalten liessen sich noch weithin ausspinnen, doch gen\u00fcgt, glaube ich, das Vorgebrachte meinem Zwecke. Die Eingangs gestellte Frage ist also nicht mit der einfachen Antwort zu erledigen: ,,Die Gestalten werden so dargestellt, wie sie erscheinen m\u00fcssten, wenn sie wirklich fliegen oder wenn sie wirklich schweben k\u00f6nnten.\u201d Das Resultat unserer\n\u2022) In der Peterskirche zu Rom.\n*) Die Haare von Schwind\u2019s Melusina erinnern an eine solche Vorstellung.","page":11},{"file":"p0012.txt","language":"de","ocr_de":"Sigmund Exner\nI 2\nBetrachtungen w\u00fcrde nicht wesentlich anders ausgefallen sein, wenn wir die beiden Formen nicht scharf getrennt h\u00e4tten, wenn wir uns die K\u00f6rper nicht schwerlos, sondern nur viel leichter vorgestellt h\u00e4tten, als der Wirklichkeit entspricht, so dass schon geringe Kraftanstrengungen mit den Fl\u00fcgeln ausreichten, den K\u00f6rper zu heben.\nEinen andern Weg, den wir einschlagen k\u00f6nnten, um zum Verst\u00e4ndniss der in Frage stehenden Gebilde k\u00fcnstlerischer Phantasie zu gelangen, w\u00e4re folgender: Im Leben selbst und ebenso in der Kunst ist so Vieles conventionell. Die Antiken gaben einer m\u00e4nnlichen Figur den bekannten Donnerkeil in die Hand, und dadurch, sowie durch einige \u00e4hnliche Merkmale war sie f\u00fcr alle Welt zum Jupiter gestempelt; dasselbe gilt von den Attributen fast aller G\u00f6ttergestalten *). Wir sind \u00fcbereingekommen, die Engel wenigstens meistens als Kinder zu denken, wie zu bilden, und ist es nicht reine Convention, wenn der K\u00fcnstler seit der \u00e4ltesten Zeit bis auf die neueste vom Beschauer verlangt, er solle sich ein Rad, dessen Speichen jede einzeln vollkommen wohlgebildet und scharf begrenzt zu sehen ist, im schnellsten Dahinrollen vorstellen? Beruht nun nicht etwa die Darstellung des Schwebens auch auf einer derartigen Convention? Sicher ist eine solche, wie bei jeder Darstellung so auch hier -mit im Spiele, doch kommt ihre Rolle erst in zweiter Reihe in Betracht. Mit dem angef\u00fchrten Beispiele vom Rade hat es seine besondere Bewandtniss, auf welche hier einzugehen nicht der Ort ist2), im Allgemeinen aber sind rein conventionelle Bildungen im Laufe der Zeiten h\u00f6chst ver\u00e4nderlich. Ich erinnere an die bildlichen Darstellungen der Seele, die ja, so wie die schwebende Figur, auch Niemand sah. Die Antiken bildeten ihre abgeschiedenen Geister als luftige, schemenartige menschliche Gestalten3), die augenscheinlich etwas Grauenerregendes haben (ich glaube, sie kommen der Vorstellung nahe, die unsere modernen Spiritisten von den\nt) Vergl. Conzes \u201eG\u00f6tter- und Heroengestalten.\" Wien.\n\u00bb) Vergl. Br\u00fccke: \u201eDie Darstellung der Bewegung durch die bildenden K\u00fcnste.\u201d Deutsche Rundschau 1881.\n>) Vergl. Conze 1. c. und O. Berndorf: \u201eGriechische und sizilische Vasenbilder.\u201d Taf. XIV und XX.XIII, pag. 65 und ff.","page":12},{"file":"p0013.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n13\n\u201eGeistern\u201d hegen). Der K\u00fcnstler des Campo santo in Pisa l\u00e4sst den Sterbenden die Seele in Gestalt eines neugeborenen Kindes aus dem Munde herausziehen1), w\u00e4hrend bei Fra Angelico die Seligen als erwachsene Menschen Ringelreihe spielen, \u201eund jene himmlischen Gestalten, sie fragen nicht nach Mann und Weib\u201d, gleichen unseren M\u00e4rchenphantasien aus der naivsten Kindheit.\nDem gegen\u00fcber ist die Art, wie man das Schweben an einer Figur darstellte, in allen Zeiten nahezu unver\u00e4ndert geblieben. Es verh\u00e4lt sich die Darstellung des Schwebens \u00e4hnlich der Darstellung der B\u00e4ume, welche wohl auch durch Convention beeinflusst, in den wesentlichen Punkten doch im Laufe der Jahrhunderte dieselbe blieb. Bei letzteren erkennt man die Ursache dieser Best\u00e4ndigkeit unmittelbar in den stets gleichartigen sinnlichen Anschauungen. Sind es auch beim Schweben sinnliche Eindr\u00fccke, welche der Darstellung ihre Best\u00e4ndigkeit geben?\nDass die Antiken nicht so lebhaft bewegte Scenen sich in der Luft abspielen Hessen, wie dies in der sp\u00e4teren Kunst, insbesondere im Barock geschah, h\u00e4ngt mit ihrer Liebe f\u00fcr die Ruhe und Gemessenheit im Allgemeinen zusammen.\nIndem wir uns den K\u00fcnstler als einen consequent und bewusst nach naturgeschichtlichen Kenntnissen vorgehenden Mann gedacht haben, sind wir zu keinem Verst\u00e4ndnisse der uns besch\u00e4ftigenden Bildwerke gekommen. Es darf uns das nicht Wunder nehmen. Wir sind offenbar von einer falschen Anschauung ausgegangen.\nSchlagen wir also einen andern Weg ein.\nDie psychische Basis, auf welcher jede k\u00fcnstlerische Darstellung von Objecten und Vorg\u00e4ngen beruht, handle es sich um bildende oder um andere K\u00fcnste, ist das Ged\u00e4chtniss. Es liegt dies schon im Begriffe \u201eDarstellung\u201d. Das Wort \u201eGed\u00e4chtniss\u201d ist hiebei im weitesten Sinne genommen. Es bezieht sich dies nicht nur auf die sogenannte hohe Kunst, sondern ebenso auf die Producte des Kunstgewerbes; auch nicht blos auf Darstellungen allein: die stete Vergleichung mit Ge-\n\u2022) Es kommt die Seele in Form eines kleinen Kindes spater noch oftmals vor, unter Anderen bei Sodoma in dessen S. Domenico zu Siena.","page":13},{"file":"p0014.txt","language":"de","ocr_de":"\u20224\nSigmund Exner\nd\u00e4chtnissbildern spielt vielmehr bei jeder k\u00fcnstlerischen Beur-theilung eine \u00fcberaus wichtige Rolle. Sie tritt am auffallendsten an jener Reihe von Thatsachen zu Tage, als deren Typus die Holzconstruction angef\u00fchrt werden kann, die sich \u2014 ein Rest alter Zeiten \u2014 an den Marmortempeln Griechenlands und nicht weniger an den modernen Nachbildungen jenes Styles erhallen hat. Alles, was Semper die \u201eSymbolik\u201d an einem Kunstwerke1) nennt, geh\u00f6rt hieher. Wenn Jemand die Manier des Bronzegusses in einer Marmorstatue wiedergibt, oder die Formen der Schmiedekunst in der Holzschnitzerei nachahmt, wenn er Strassengitter in der Technik der Filigranarbeiten ausf\u00fchrt, oder eine gemeisselte Fruchtschnur als an den Quaderstein angeleimt darstellt, so hat er etwas Unsch\u00f6nes deshalb gemacht, weil er auf unsere Erinnerungsbilder von den Eigenschaften der Stoffe, in denen er arbeitete, nicht R\u00fccksicht genommen hat.\nEin Balcon, dessen Consol zu schwach erscheint, ist unsch\u00f6n, denn bei der unserer Erinnerung vorschwebenden Tragf\u00e4higkeit des Steines ist derselbe in Gefahr, herabzust\u00fcrzen. Dieselbe Rolle spielen unsere Erinnerungsbilder \u00fcberall da, wo die Zweckm\u00e4ssigkeit oder Unzweckm\u00e4ssigkeit des k\u00fcnstlerisch behandelten Gegenstandes unser Urtheil \u00fcber seinen Kunstwerth beeinflusst, und das ist im ganzen Gebiete des Kunstgewerbes und einem grossen Theile der hohen Kunst der Fall. Hiebei ist eine psychologische Erscheinung f\u00fcr uns von Wichtigkeit. Wenn uns der Architekt versichert, jener Balcon sei ganz sicher, denn es seien Schienen im Consol versteckt, er habe auch Tragproben angestellt u. s. w., so wird f\u00fcr uns dadurch der Balcon nicht sch\u00f6ner. Unser altes Ged\u00e4chtnissbild von der Tragf\u00e4higkeit des Steines \u00fcberwiegt alle unsere noch so wohl begr\u00fcndeten physikalischen Ueberzeugungen und Kenntnisse. Wir werden noch weiter auf solche Erscheinungen stossen; sie zeigen, dass f\u00fcr unsere k\u00fcnstlerischen Urtheile Ged\u00e4chtniss-bilder nicht nach der Festigkeit in\u2019s Gewicht fallen, mit der wir von ihrer Correctheit und Zuverl\u00e4ssigkeit \u00fcberzeugt sind, sondern dass ihr Gewicht von ganz anderen Umst\u00e4nden abh\u00e4ngt.\n*) Gottfried Semper: \u201eDer Styl.\u201d Frankfurt i860.","page":14},{"file":"p0015.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\ni5\nWenn unser Ged\u00e4chtnissschatz mit dem k\u00fcnstlerischen Geschmacke so innig verbunden ist, so kann es nicht wundern, dass letzterer im Laufe der Geschichte wesentliche Aenderungen durchmachte. Es ist wohl als sicher anzunehmen, dass der gebildetste alte Grieche f\u00fcr die k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6nheiten, die wir an einem modernen Genrebild, z. B. Defregger\u2019s ,,Ball auf der Alm\u201d oder an einer F\u00fchrich\u2019schen Illustration einer Heiligen-Legende bewundern, g\u00e4nzlich blind w\u00e4re. Dies auch dann noch, wenn man ihm das Bild mit allem Zubeh\u00f6r auf das genaueste erkl\u00e4rte. Es fehlt eben der Ged\u00e4chtnissschatz, nicht nur von Thatsachen, sondern, was viel mehr in\u2019s Gewicht f\u00e4llt, von Stimmungen. Es kann kaum ein Zweifel dar\u00fcber obwalten, dass uns viele der genreartigen Darstellungen der Alten, die als Wandgem\u00e4lde oder als Terracotten erhalten biieben, nur zum Theil verst\u00e4ndlich sind; die Grazie der Bewegung, das Zierliche der Zusammenstellung, kurz das allgemein Menschliche k\u00f6nnen wir freilich noch geniessen, im Uebrigen geht uns, wo eine Handlung dargestellt wird, sicher viel verloren. Nur das Ideal der menschlichen Gestalt, die sich, so weit die Geschichte reicht, merklich gleich geblieben ist, k\u00f6nnen wir heute noch den Alten entnehmen oder mit ihnen theilen.\nAuch in demjenigen, was der K\u00fcnstler vermeiden muss, um mit den Erinnerungsbildern des Beschauers nicht in Widerspruch zu gerathen, k\u00f6nnen sich im Laufe der Zeiten Aenderungen einstellen. Wenn z. B. K\u00fcnstler der Renaissance den Regenbogen in perspectivischer Verk\u00fcrzung malen, so ist ihnen gewiss daraus kein Vorwurf zu machen. Es kann aber die Frage aufgeworfen werden, ob ein solcher Regenbogen unter den heutigen Verh\u00e4ltnissen, wo in jedem Gymnasium und in jeder Realschule die Theorie desselben gelehrt wird, nicht schon als St\u00f6rung in einem Bilde wirkt. Wir haben uns so sehr daran gew\u00f6hnt, dass der Regenbogen deshalb als Kreisbogen erscheint, weil er nicht anders kann, dass es unsere Aufmerksamkeit, vielleicht sogar unsere Lachmuskeln erregt, wenn wir ihn in perspectivischer Verk\u00fcrzung dargestellt sehen. Der K\u00fcnstler darf und kann oft mit grossem Gl\u00fccke in der Wirklichkeit Unm\u00f6gliches bildlich darstellen, nur muss er sich h\u00fcten, eine gewisse Grenze zu \u00fcberschreiten. Wo dieselbe ist, das ist frei-","page":15},{"file":"p0016.txt","language":"de","ocr_de":"Sigmund Exner\nI O\nlieh nicht absolut zu bestimmen. Er darf nichts bilden, dessen Unm\u00f6glichkeit in die Augen springt. Jenseits dieser Grenze war meines Erachtens ein Landschaftsbild, das, es m\u00f6gen zwei Jahre her sein, im Wiener Kunstverein ausgestellt war. In einer Gebirgsschlucht tobt ein Gewittersturm. Ein Blitz schl\u00e4gt in eine hohe Fichte. Derselbe ist auf dem Bilde als Blitzstrahl gemalt, wie er von rechts oben kommend, etwa zwischen dem unteren und mittleren Drittel den Baumstamm trifft. Derselbe brennt an der getroffenen Stelle und ist ebenda abgeknickt, so dass sein Wipfel auf dem Boden liegt. Eine solche Darstellung ist, wenigstens f\u00fcr mich, schon uncorrect, denn die Erinnerung an die kurze Dauer des Blitzstrahles, sowie der Langsamkeit, mit welcher ein Gegenstand, wie eine solche Fichte ist, sich neigt und st\u00fcrzt, ist so fest in meinem Ged\u00e4chtnisse eingewurzelt und mit anderen Erinnerungsbildern verflochten, dass mir auf den ersten Blick die Widersinnigkeit auffiel, die darin liegt, dass man den Blitz noch sieht und der Baum schon auf dem Boden liegt. Von der Richtung des Blitzes, der Stelle, an welcher er den Stamm trifft, von seinem schnellen Z\u00fcnden will ich schweigen.\nNachdem wir uns die Rolle, welche die Erinnerungsbilder bei Beurtheilung von Kunstwerken spielenJ), in\u2019s Ged\u00e4chtniss zur\u00fcckgerufen haben, kehren wir zu unserem Thema zur\u00fcck und versuchen, nicht auf Grund theoretischer Ableitung, sondern an der Hand der vorliegenden Kunstwerke zu einem Verst\u00e4ndnis unserer Gestalten zu gelangen.\nZun\u00e4chst ist hervorzuheben, dass ein Fliegen menschlicher Gestalten im mechanischen Sinne des Wortes niemals k\u00fcnstlerisch dargestellt wurde2). Mir wenigstens ist keine Figur bekannt, der man ansehen w\u00fcrde, dass sie sich, obwohl sie das normale Gewicht hat, durch ihre Muskelarbeit in der Luft bewegt, so wie man einer tragenden, einer laufenden, einer ziehenden Figur ihre Arbeit ansieht. Was k\u00fcnstlerisch dargestellt wurde, sind immer nur Gestalten, die von ihrem normalen menschlichen Gewichte befreit sind, dabei\n*) Vergl. Fechner: \u201eVorschule der Aesthetik\". I, pag. 86.\n*) Es gibt Figuren, wie z. B. einige im \u201eTriumph des Todes\u201d zu Pisa, welche den Namen menschlicher Gestalten nicht mehr verdienen. Sie sind wie V\u00f6gel gebildet und machen auch den Eindruck fliegender V\u00f6gel.","page":16},{"file":"p0017.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n<7\nbrauchen sie noch nicht vollkommen schwerlos zu sein; es wird vielmehr von Fall zu Fall, und wohl auch von Beschauer zu Beschauer das Urtheil dar\u00fcber verschieden ausfallen, ob eine bestimmte Figur noch Schwere \u00fcberhaupt hat, und wie gross ihr Gewicht erscheint.\nNirgends aber gewahrt man, dass an dem Fl\u00fcgelpaar eine Last von 5o\u201470 Kilo h\u00e4ngt und durch Muskelaction in der Schwebe erhalten wird. Wie unzweideutig kommt es sonst zum Ausdrucke, wenn eine Gestalt dieses Gewicht des menschlichen K\u00f6rpers durch Muskelaction zu bew\u00e4ltigen hat. Auch \u2014 und es ist dies f\u00fcr unsere Frage von grosser Bedeutung \u2014 ist mir keine Form der Bewegung bekannt geworden, welche stets unter Zuhilfenahme von Fl\u00fcgeln dargestellt w\u00fcrde; jede Bewegungsform findet sich auch an ungefl\u00fcgelten Gestalten ; ein Beweis, dass die Fl\u00fcgel in der That allgemein nicht vom mechanischen Standpunkte aufgefasst wurden1). Sie sind gelegentlich als Fallschirme ben\u00fctzt, gew\u00f6hnlich aber dienen sie als Symbole, wie dies z. B. von den Schmetterlingsfl\u00fcgeln mancher Putten unmittelbar einleuchtet.\nDie dargelegte Anschauung von dem geringen Gewicht der als fliegend gebildeten Gestalten scheint mir zwar der Augenschein ohne Weiteres zu ergeben, doch d\u00fcrfte es nicht \u00fcberfl\u00fcssig sein, dieselbe durch folgende Betrachtung zu befestigen. Es wurden mir einmal die Amoretten, welche sich bei Raphael\u2019s Galathea in der Luft herumtreiben und von da Pfeile herab-\n*) Wie naiv die Kunst die Fl\u00fcgel behandelt, geht unter Anderem daraus hervor, dass sie bei Engeln geradezu auf das Gewand aufgesetzt oder mit diesem verwachsen dargcstellt werden.\nc\u00bb\t17\t'","page":17},{"file":"p0018.txt","language":"de","ocr_de":"Sigmund Exner\ni8\nschiessen, als der Typus von wirklich fliegenden Gestalten der Kunst bezeichnet. Ich will zeigen, dass auch hier von einem Fliegen im mechanischen Sinne, d. h. bei normalem K\u00f6rpergewichte, nicht die Rede sein kann.\nFassen wir eine dieser Kindergestaiten n\u00e4her in\u2019s Auge, z. B. die, welche dem Beschauer den R\u00fccken zukehrt (Fig. i). Sie ist, wie die Mehrzahl der fliegenden Gestalten, stark nach vorne Ubergeneigt, so dass die K\u00d6rperaxe mit der Verticallinie einen Winkel von circa ?5 Graden einschliesst. Was kann die Ursache dieser Schiefstellung sein? Offenbar nur, oder doch fast nur, der Luftwiderstand, welchen die Gestalt im Vorw\u00e4rtsfliegen findet. An der Stelle, an welcher die Fl\u00fcgel aufsitzen, zieht eine Kraft nach vorw\u00e4rts und der K\u00f6rper bleibt zur\u00fcck, so wie ein oben angefasster Papierbogen mit einer gewissen Geschwindigkeit durch die Luft gef\u00fchrt, an seinem unteren Ende zur\u00fcckbleibt. Nun l\u00e4sst sich, freilich nur ann\u00e4hernd, berechnen, wie schnell sich die in Rede stehende Putte vorw\u00e4rts bewegen muss, damit die ihr von Raphael ertheilte Stellung physikalisch begr\u00fcndet sei1). Das Resultat ist: Sie m\u00fcsste sich\n*) Die H\u00f6he dieser als lebendig gedachten Figur betrage 100 Ctm. Um die Oberfl\u00e4che zu ermitteln, welche dr\u00fcckend auf die Luft wirkt, wurde eine Zeichnung ben\u00fctzt, welche Langer (\u201eLeibesform und Gewandung\" Wien\n1878) mit R\u00fccksicht auf Correctheit der anatomischen Proportionen von einem (allerdings neugeborenen) Kinde gibt. Die H\u00f6he dieser Zeichnung betr\u00e4gt ici Ctm. und der mit dem Planimeter ermittelte Fl\u00e4cheninhalt des gezeichneten K\u00f6rpers 20't C]Ctm. Nun ist in der Rechnung die wirkende Fl\u00e4che als eine Ebene betrachtet, in welchem Falle der Widerstand, den dieselbe in der. Luft findet, gr\u00f6sser w\u00e4re, als er offenbar an der gew\u00f6lbten K\u00f6rperoberfl\u00e4che ist. Der hiedurch eingef\u00fchrte Fehler wird wohl mehr als aufgewogen, wenn man den ganzen K\u00f6rper-antheil, welcher fiber den Ansatzstellen der Flfigel liegt, in der Rechnung\nFig. 2.\na","page":18},{"file":"p0019.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n>9\nmit einer Geschwindigkeit von 54 Metern in der Secunde bewegen. Es ist das eine Geschwindigkeit, welche mehr als das Doppelte von der Geschwindigkeit eines Sturmes ist, der B\u00e4ume entwurzelt und Geb\u00e4ude niederreisst. Ich habe gesagt, dass die Rechnung nur eine n\u00e4herungsweise sein kann. Obwohl ich dieselbe in der Weise ausgef\u00fchrt habe, dass das Resultat eher zu klein als zu gross erwartet werden muss, ist es doch derart,\nunber\u00fccksichtigt lasst. Denn der Luftwiderstand \u00fcber dem Drehpunkte (Ansatzstelle der Fl\u00f6gel) wirkt nat\u00fcrlich dem in den unteren Antheilen entgegen. Ich ziehe also von der K\u00f6rperoberflache die Flache des Kopfes, Halses und des oberen Thorax ab. Es bleibt dann als wirksame Flache in der Zeichnung i5 \u25a1Gtm. Berechnet man hieraus die wirksame Fl\u00e4che an der Putte, so erh\u00e4lt man\nf = 1470 \u25a1Ctm.\nDas absolute Gewicht der ganzen Gestalt mag 20 Kilogr. betragen, und das des wirksamen Antheiles im obigen Sinne t5 Kilogr.\nDa das specifische Gewicht S des menschlichen K\u00f6rpers\nS = t\nzu setzen ist, so ist das Volumen des in Betracht kommenden K\u00f6rperabschnittes\nv = i5ooo Cubikctm.\nFerner ist die Gravitation g = 980, das specifische Gewicht der Luft s = o\u2018oot3 und der Winkel, den die K\u00f6rperaxe mit der Verticalen ein-schliesst, a = 73\u00b0.\nDie Geschwindigkeit, mit der sich der K\u00f6rper bewegt, heisse c.\nEs sei a (Fig. 2) der Aufh\u00e4ngepunkt an den Fl\u00f6geln, ab die K\u00f6rperaxe, ac die Verticale, de reprasentire den Luftwiderstand, ef die Schwerkraft.\nSoll nun der K\u00f6rper wahrend der gleichmassigen horizontalen Bewegung sich in seiner geneigten Stellung erhalten, so muss die horizontal auf ihn einwirkende Kraft der vertical wirkenden Schwere das Gleichgewicht halten. Da nun der Widerstand der Luft W = fsc* . K ist, wo K eine Constante bedeutet, die in unserem Falle = 1 wird, so muss:\nf . s . c* cos a . (a e) = S . v . g . sin a (a e)\n\ntang et .\nHief\u00fcr die oben angef\u00fchrten numerischen Werthe eingesetzt, ergibt\nc = 54 Meter.\nUm das Gewicht der Gestalt zu berechnen, sei die Geschwindigkeit 2 Meter vorausgesetzt.\nc* . f . s\nv . g . tang ot\nDie numerische Berechnung ergibt ein specifisches Gewicht\nS = 0*0014.\nDa das specifische Gewicht der Luft o*ooi3 ist, so wiegt 1 Cubikctm. des K\u00f6rpers auf der Wage o-ooot Gramm und der ganze K\u00f6rper 2 Gramm.","page":19},{"file":"p0020.txt","language":"de","ocr_de":"Sigmund Exner\ndass es auch dann noch das erweisen w\u00fcrde, was es erweisen soll, wenn es um das Doppelte und mehr zu gross ausgefallen w\u00e4re. Der K\u00f6rper ist also, indem wir ihm sein normales Gewicht zusprachen, offenbar als zu schwer angesehen worden.\nAndererseits kann man dieselbe Gedankenfolge verwenden, um die Schwere des K\u00f6rpers, welche der Maler vorausgesetzt hat, n\u00e4herungsweise zu bestimmen. 'Es ist nur n\u00f6thig, eine Annahme dar\u00fcber zu machen, wie schnell sich unsere Putte in der Luft bewegt. Mir macht dieser zielende Knabe den Eindruck, dass er jedenfalls nicht mehr als zwei Meter in der Secunde zur\u00fccklegen kann. Unter dieser Voraussetzung ergibt sich als Gewicht der ganzen Knabengestalt, auf der Wage bestimmt, zwei Gramm. Man w\u00fcrde ihn also mit Leichtigkeit in die Luft blasen k\u00f6nnen.\nDiese Betrachtungen zeigen, dass wir es mit einem P'liegen im mechanischen Sinne hier durchaus nicht zu thun haben.\nMan kann zur besseren Uebersicht die schwebenden Figuren nach ihrer Darstellung in drei, nat\u00fcrlich durchaus nicht scharf voneinander getrennte Gruppen theilen. i. Gruppe: Der K\u00fcnstler hat sich von der Vorstellung der Schwere seiner Gestalten noch nicht vollst\u00e4ndig losgemacht. 2. Gruppe: Dem K\u00fcnstler sind seine Gestalten in der That schwerlos. 3. Gruppe: Die schwerlosen Gestalten bewegen sich durch eine ihnen innewohnende Kraft im Raume.\nDer ersten Gruppe geh\u00f6ren jene mannigfaltigen Motive an, durch welche der K\u00fcnstler die Schwere seiner Gestalten zu bem\u00e4nteln oder \u00fcber sie hinwegzut\u00e4uschen sucht, indem er ihnen wenigstens scheinbar eine Unterlage, eine St\u00fctze oder einen Haltpunkt gibt. So l\u00e4sst Masaccio seinen Engel, der Adam und Eva aus dem Paradiese treibt1), auf den vom Winde aufgebl\u00e4hten Falten seines eigenen Gewandes knien, um die Vorstellung zu erwecken, dass die Kraft des Windes der Last des K\u00f6rpers entgegenwirke. Ich brauche kaum zu erw\u00e4hnen, dass es sich hier nur um eine k\u00fcnstlerische Andeutung, sagen wir\n\u25a0) In Florenz.","page":20},{"file":"p0021.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n2 I\nes geradezu, um das Wachrufen eines Ged\u00e4chtnissbildes handelt, z. B. das von dem Widerstand, den ein gespanntes Segel der aufdr\u00fcckenden Hand entgegensetzt; denn bei den dargestellten Verh\u00e4ltnissen k\u00f6nnte ein wirkliches Tragen nie stattfinden.\nIn etwas modificirter Form finden wir dasselbe naturalistische Motiv in einer Auferstehung von V. Giorgione1) wieder. Aus dem ge\u00f6ffneten Grabe weht ein Wind empor, der eine schleierartig ausgebreitete Wolke hebt. Auf derselben steht Christus. Beiderseits von ihm ist die Wolke vom Winde st\u00e4rker gehoben, \u00e4hnlich wie ein in der Mitte beschwerter Schleier sich heben w\u00fcrde.\nHieher geh\u00f6rt die unermessliche Zahl von Gestalten, die sich auf Wolken herumtreiben. Sie stehen, knien, lagern auf ihnen, ja sie klammern sich an ihnen an, um nicht herunterzufallen 2), schieben sogar die Wolken vor sich her3), kurz, tummeln sich auf und in ihnen, als w\u00e4ren die Wolken Kissen. Viele dieser Figuren k\u00f6nnen gar nicht als schwebende betrachtet werden, der Maler hat ihnen eben statt des Erdbodens Wolken als Unterlage gegeben, indem er diese als fest annahm (Fra Angelico\u2019s Heilige im Dom von Orvieto oder Raphael\u2019s Personi-ficationen der vier Wissenschaften in den Stanzen und unz\u00e4hlige mehr), bei anderen aber liegt die Sache anders. Es sind Figuren, die in der That zu schweben scheinen, und bei denen der Maler die Wolken nur hinzugef\u00fcgt hat, um die Vorstellungen des Beschauers in derselben Weise zu beeinflussen, wie wir das in den obigen Beispielen gesehen haben.\nIn beiden F\u00e4llen appellirt er an unser Erinnerungsbild von den Wolken, und zwar, es hat das besonderes Interesse, an ein kindlich naives Erinnerungsbild, nicht an jenes correctere, das Jeder mit sich nach Hause gebracht hat, der einmal eine Gebirgstour unternommen und in Nebel gerathen ist. Die Wolken, wie sie wirklich sind und durch die man doch mindestens noch auf einige Schritte hindurchsehen kann, sind nicht geeignet, sich darauf zu legen. Trotzdem ich dies weiss und\n*) Belvedere zu Wien. Ob das Bild wirklich von Giorgione ist, wird bezweifelt.\n>) Raphael Mengs: \u201eWiener Belvedere.\u201d Vergl. insbesondere die Bilder Correggio\u2019s.\n3) Tizian\u2019s Assunta in Venedig.","page":21},{"file":"p0022.txt","language":"de","ocr_de":"22\nSigmund Exner\nmir das Erinnerungsbild der Wolken, wie sie sind, vollkommen frisch im Ged\u00e4chtnisse ist, hat doch die genannte k\u00fcnstlerische Verwerthung f\u00fcr mich nichts Befremdendes. Es beruht dieses wieder darauf, dass bei k\u00fcnstlerischen Urtheilen nicht die Kenntnisse, sondern die kindlichen und unmittelbaren Vorstellungen von den Dingen den Ausschlag geben. Nach den letzteren sind die Wolken in der That verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig compact und k\u00f6rperlich, wie schon die Ausdr\u00fccke \u201eHaufenwolken\u201d, \u201eSch\u00e4fchen\u201d, \u201eWolkenmauer\u201d etc. zeigen.\nHieher geh\u00f6rt es auch, wenn der K\u00fcnstler seiner Figur eine St\u00fctze in einem anderen lebenden Wesen gibt, sei es ein Thier oder eine menschliche Gestalt. Dabei k\u00f6nnen die letzteren auch schwebend gedacht sein. Ich erinnere an manche pompe-janische Gem\u00e4lde. Eine Nymphe umfasst den Hals eines Seeungeheuers oder st\u00fctzt sich leicht auf einen Delphin und h\u00e4lt sich so neben dem Thiere in der Schwebe, indem sie sich augenscheinlich nachziehen l\u00e4sst. Das Thier kann im Wasser sein, kommt aber auch als frei in der Luft schwebend vor* 1). Aehnliches findet sich in antiken Terracotta-RelieFs2).\nAuch in der sp\u00e4teren Zeit wird dieser Kunstgriff oftmals verwendet, unter Anderem von Raphael bei seinem Gottvater im Vatican (Vision des Ezechiel), der sich auf die drei Thiere der Apostel und zwei Engel st\u00fctzt \u2014 dass erstere auf Wolken ruhen und hiebei ihre Fl\u00fcgel ausbreiten, ist f\u00fcr den Gesammt-effect von untergeordneter Bedeutung \u2014 und in vollendetster Weise bei Michelangelo in dessen Erschaffung des Adam 3). Hier schwebt der belebende Gott von mehreren engelartigen Gestalten mit sichtlicher Anstrengung getragen und umwallt von einem m\u00e4chtigen Mantel dem ersten Menschen entgegen. Die tragenden Figuren sind fl\u00fcgellos. Ein Theil dieser Gruppe ist in Fig. 3 skizzirt.\nDas in Rede stehende Motiv beruht auf einem anderen psychischen Momente als die fr\u00fcher besprochenen. Man sollte\ni) Selbstverst\u00e4ndlich ist auch im letzteren Falle das Motiv den Spielen der Nymphen und Thiere im Wasser entnommen.\ni) \u201eMonument! inediti publicati dalP instituto di correspondenza.\u201d 1879.\nVol. XI. Taf. Xa.\n*) Sixtinische Capelle des Vaticans.","page":22},{"file":"p0023.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens","page":23},{"file":"p0024.txt","language":"de","ocr_de":"Sigmund Exner\n24\nn\u00e4mlich glauben, dass das Schweben einer Gestalt nicht dadurch plausibler wird, dass man sie durch eine zweite schwebende Gestalt unterst\u00fctzen l\u00e4sst. Das w\u00e4re ein Seitenst\u00fcck zu M\u00fcnchhausen, der sich an seinem Zopfe aus dem Sumpf zieht. Und doch ist das Motiv von unleugbarer Wirkung. Ich glaube, die Frage, wie dieses m\u00f6glich ist, muss folgendermassen beantwortet werden: Der Vergleich mit M\u00fcnchhausen trifft zu; bei diesem kennen wir die aufw\u00e4rts ziehende Kraft des Armes und m\u00fcssen in der That erst einen Augenblick \u00fcberlegen, warum der K\u00f6rper durch diese Kraft nicht wirklich gehoben wird. Aehnlich ist es bei diesen schwebenden Gruppen. Wir sehen die Kraftanstrengungen, welche die tragenden Gestalten machen und welche s\u00e4mmtlich nach oben gerichtet sind. So versetzen wir in die Gruppe nach aufw\u00e4rts wirkende Kr\u00e4fte, welche also der Schwere entgegen gerichtet sind. Es erfordert nun, gerade wie bei M\u00fcnchhausen, erst eine gewisse Ueberlegung, ob die aufw\u00e4rts wirkenden Kr\u00e4fte den abw\u00e4rts wirkenden nicht doch das Gleichgewicht halten k\u00f6nnen, ja, es erfordert sogar Kenntnisse, um dar\u00fcber klar zu werden, dass die ganze Gruppe mit derselben Geschwindigkeit fallen muss, ob in derselben einzelne Figuren nach aufw\u00e4rts dr\u00fccken oder nicht. Dem K\u00fcnstler aber ist es gelungen, durch die Complication der dargestellten Kraftwirkungen uns \u00fcber die nothwendigen Folgen der Schwere hinwegzut\u00e4uschen.\nIch bin weit davon entfernt, zu behaupten, dass die gelungenen Darstellungen des Schwebens in derartigen Gruppen ausschliesslich auf dem erw\u00e4hnten Umstande beruhen. Im Gegentheile, w\u00fcrde man im genannten Fresco Michelangelo\u2019s alle Figuren wegnehmen, es w\u00fcrde der Gottvater allein immer noch schweben, wie sogleich genauer auszuf\u00fchren sein wird. Andererseits aber scheint mir kein Zweifel dar\u00fcber obwalten zu k\u00f6nnen, dass die genannten Umst\u00e4nde wesentlich dazu beitragen, unseren sinnlichen Augen die Darstellung n\u00e4her zu r\u00fccken, nat\u00fcrlicher erscheinen zu lassen.\nDie Gestalten der zweiten Gruppe sind in der That vollkommen frei im Raume dargestellt. Versuchen wir auch hier die psychologischen Grundlagen zu finden, auf welche sich der K\u00fcnstler bewusst oder unbewusst st\u00fctzte, indem er sie schuf.","page":24},{"file":"p0025.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n25\nAls ein besonders beliebtes Thema der pompejanischen Wandgem\u00e4lde finden sich einzelne oder paarweise vereinigte menschliche Gestalten in der Ausf\u00fchrung eines grazi\u00f6sen Tanzes begriffen. Blicken wir n\u00e4her zu, so sehen wir, dass manche derselben einen Boden unter den F\u00fcssen haben, bei anderen ist der Boden nur mehr als je ein mit dem \u00fcbrigen Bild in keinerlei Zusammenhang stehender Strich angedeutet, und wieder bei anderen ist er vollkommen weggelassen. Letztere sind dann in der Luft tanzende Figuren, sie machen aber nicht so sehr den Eindruck schwebender Figuren, als vielmehr solcher, die auf ,,wohlgegr\u00fcndeter Erde\u201d tanzen, bei denen aber der Maler den Boden als \u00fcberfl\u00fcssig hinweggelassen hat. Es wird sogar das Anstemmen des Beines gegen den Boden, das bei Wendungen im Tanze n\u00d6thig ist, wiedergegeben, obwohl dieser fehlt1).\nSo entstehen jene zum Theil \u00fcberaus grazi\u00f6sen Gestalten, die seit dem Alterthum bis auf unsere Tage den Typus f\u00fcr Musen, Horen, Personificationen etc. abgegeben haben; ich verweise auf ein uns naheliegendes Beispiel, die weiblichen Gestalten Rahl\u2019s, die den Heinrichshof2) zieren. Derartige Figuren sind die gemalte Verwirklichung unseres Ideales vom Tanze, dessen Sch\u00f6nheit in dem Masse steigt, in welchem uns der Tanzende die Nothwendigkeit des tragenden Bodens vergessen l\u00e4sst.\nWir finden dieses Weglassen der st\u00fctzenden Unterlage in verschiedenen Formen vielfach wieder. Um einen K\u00fcnstler ganz anderer Art zu nennen, erinnere ich an Albrecht D\u00fcrer\u2019s grosse \u201eAnbetung der Dreieinigkeit\u201d im Belvedere zu Wien. Hier ist eine Menge von Figuren in der Luft dargestellt; alle aber benehmen sich vollkommen wie auf festem Boden. Sie knien und stehen genau so, wie dies gew\u00f6hnliche Menschen thun, nur ist der Boden nicht gezeichnet, zum Theile auch durch Wolken ersetzt. Alle diese Gestalten machen aber nicht den Eindruck des eigentlichen Schwebens; deckt man ihnen die F\u00fcsse zu, so dass es m\u00f6glich ist, sie in der Phantasie mit dem Boden in Verbindung zu bringen, so erscheinen sie als stehend,\n*) Ein Beispiel hief\u00fcr findet sich bei Zahn, \u201ePompej.Wandgcmalde\u201d.Taf.i4.\n*) In Wien.","page":25},{"file":"p0026.txt","language":"de","ocr_de":"26\nSigmund Exner\ntanzend u. s. w. Selbst von einer so wunderbaren Figur, wie die des RaphaePschen Engels aus dem Heliodor') gilt dies; er scheint, freilich in etwas eigenthiimlicher Weise, zu laufen, sobald man das eine Bein den Boden ber\u00fchren l\u00e4sst. Ein grosser Theil der hieher geh\u00f6rigen Gestalten pr\u00e4tendirt auch gar nicht, den Eindruck des Schwebens zu machen.\nVon diesen f\u00fchrt eine Reihe continuirlicher Ueberg\u00e4nge zu den wahrhaft schwebenden menschlichen K\u00f6rpern. Ich meine jene unz\u00e4hligen G\u00f6ttergestalten aus mythologischen, Engel und Heilige aus kirchlichen Bildwerken, die schon dadurch, dass sie nicht mehr aufrecht gebildet sind, den Charakter der gew\u00f6hnlichen Locomotionsformen, als Gehen, Tanzen etc., abgestreift haben, die sich in der Luft, im Aether, als ihrem wahren Elemente, zu wiegen und durch r\u00e4thselhafte Kr\u00e4fte zu bewegen scheinen.\nDer Schl\u00fcssel zum psychologischen Verst\u00e4ndnisse dieser Gestalten liegt wohl zum Theile in unseren Ged\u00e4chtniss'bildern an springende und laufende Gestalten. Ich erinnere in ersterer Beziehung an die zum Drachen herabschwebende Figur, welche Pierro di Cosimo in seiner Geschichte des Perseus liefert (eine alte Copie des betreffenden von den vier Bildern, aus welchen diese Geschichte besteht, befindet sich im Wiener Belvedere), und in letzterer an manches pompejanische Wandgem\u00e4lde oder an den eben genannten Engel in Raphael\u2019s Heliodor. Es kennzeichnet der K\u00fcnstler n\u00e4mlich die Richtung, nach welcher sich eine schwebende Gestalt hinbewegt dadurch, dass er den Oberk\u00f6rper nach dieser hin vorneigt. Dieselbe Neigung aber hat der menschliche K\u00f6rper eben auch im Laufen. Ferner erinnern gewisse schwebende Gestalten der Kunst geradezu an abst\u00fcrzende menschliche K\u00f6rper, und es ist von Interesse, zu beachten, wodurch sich derartige Darstellungen von den Darstellungen wirklich herabst\u00fcrzender K\u00f6rper, z. B. aus dem j\u00fcngsten Gericht Michelangelo\u2019s unterscheiden.\nZu einem anderen Theile spielt wohl auch das Erinnerungsbild an den fliegenden Vogel eine Rolle bei unserem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diese Gestalten. Doch ist hier Folgendes zu bemerken:\nln den Stanzen des Vaticans,","page":26},{"file":"p0027.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n2?\nEs kommt offenbar nur das Erinnerungsbild an jenen leichten Vogelflug in Betracht, welcher selbst schon die Eigent\u00fcmlichkeit hat, dass er uns im Momente, da wir ihn beobachten, die normale Schwere des Vogels vergessen l\u00e4sst. In der That, wer je einen solchen aus der Luft heruntergeschossen hat, wird sich gewiss \u2014 wenigstens bei den ersten Malen \u2014 \u00fcber das \u00fcberraschend plumpe Aufschlagen des K\u00f6rpers auf den Boden gewundert haben. Es ist als h\u00e4tte derselbe die Schwere der todten Masse erst durch die T\u00f6dtung erhalten. Mit anderen Worten: Wir stellen uns einen grazi\u00f6s hinziehenden Vogel leichter vor, als er wirklich ist. Es ist schwer zu sagen, wie viel diese Vorstellung vom fliegenden Vogel in uns zu wirken vermag, das aber ist sicher, dass dieselbe uns bei der g\u00e4nzlichen Un\u00e4hnlichkeit des Vogelk\u00f6rpers mit dem Menschenk\u00f6rper keinen Anhaltspunkt f\u00fcr gewisse Stellungen des letzteren und vor Allem f\u00fcr die Bewegungen und Stellungen der menschlichen Extremit\u00e4ten liefert.\nDer Typus dieser stark geneigten schwebenden Gestalten scheint mir noch auf Erinnerungsbildern ganz anderer Art zu beruhen, und zwar d\u00fcrften diese nicht die untergeordnetste Rolle spielen. Ich meine unsere Erinnerungsbilder an das Schwimmen. Was als ein Schweben gemalt wird, ist h\u00e4ufig nichts als ein Schwimmen mit einigen Modificationen. Diese Anschauung mag auf den ersten Blick barock erscheinen, und doch d\u00fcrfte sie das Richtige treffen.\nIn der That ist der menschliche K\u00f6rper im Wasser ganz oder nahezu schwerlos, das Schwimmen ist ein Schweben im Wasser, und der menschliche K\u00f6rper liefert uns einzig und allein dann ein Bild des Schwebens, wenn er im Wasser ist. Ich habe bisweilen den sch\u00f6nen Traum, zu fliegen. Dieses Fliegen ist aber der Empfindung nach nichts als ein Schwimmen in der Luft, von dem gew\u00f6hnlichen Schwimmen nur dadurch unterschieden, dass ich mich bequem heben und sinken lassen kann, ja, ich mache im Traume sogar \u00e4hnliche Tempi, wie beim Schwimmen. Ich f\u00fchre dies hier an, um zu zeigen, wie eng unsere Ged\u00e4chtnissbilder vom Schwimmen mit den Vorstellungen des Fliegens und Schwebens verkn\u00fcpft sind. Und darauf kommt es hier an. Denn der K\u00fcnstler erreicht seinen","page":27},{"file":"p0028.txt","language":"de","ocr_de":"28\nSigmund Exner\nZweck nur, wenn er die entsprechenden Ideenassociationen wachzurufen vermag. Ich meine hier nat\u00fcrlich nicht die Erinnerungsbilder an das Schwimmen nach dem Tempo ,,Eins, Zwei\u201d des Schwimmlehrers, ich meine die Erinnerungsbilder an jene freien, anstrengungslosen Bewegungen, durch die sich der ge\u00fcbte, mit dem Wasser auf vertrautestem Fusse stehende Schwimmer wiegt und sich wiegend dahingleiten l\u00e4sst.\nSehen wir nach, ob die genannte Auffassung in den that-s\u00e4chlichen Darstellungen ihre St\u00fctze findet.\nDie gangbarste Stellung der ruhig schwebenden Gestalt besteht in einem Vorneigen des Oberk\u00f6rpers nach der Seite, nach welcher sie sich bewegt, ebendahin ist das Gesicht gewendet, die Beine stehen schief nach r\u00fcck- und abw\u00e4rts. Die Extremit\u00e4ten, insbesondere die Arme, sind in massiger Bewegung, letztere nur ausnahmsweise, und dann unter besonderer Begr\u00fcndung an den K\u00f6rper angelegt. Die L\u00e4ngsaxe des K\u00f6rpers ist bei gem\u00e4ssigter, aber auch bei lebhafter, Aufw\u00e4rtsbewegung stets gerade oder schief nach oben gerichtet; bei horizontaler Bewegung schief nach oben, mit dem Kopfende voran, oder horizontal; bei Bewegung nach unten mehr oder weniger schief nach abw\u00e4rts geneigt und ebenfalls mit dem Kopfende voran.\nAlles dies ist direct der Mechanik des Schwimmens entnommen. Bei gem\u00e4ssigter Bewegung im Wasser steht die K\u00f6rperaxe von oben und vorne nach unten und r\u00fcckw\u00e4rts geneigt. Es hat dies einestheils darin seinen Grund, dass der Kopf wegen der Luftzufuhr ausser Wasser sein muss, und der Brustkasten, als zum grossen Theil mit Luft gef\u00fcllt, relativ leicht ist, demnach einen Zug nach aufw\u00e4rts aus\u00fcbt, andern-theils darin, dass bei dem Bau unseres Skeletes und der Ver-theilung der Muskeln an demselben dies die g\u00fcnstigste Stellung f\u00fcr die Verwerthung unserer Arbeit mit Armen und Beinen ist; denn wir stossen ja mit diesen das Wasser zur\u00fcck und schieben uns dadurch vorw\u00e4rts*). Durch kaum merkliche Bewegungen der Extremit\u00e4ten balanciren wir. Damit dies aber\n') Vergl. Mechanik des Schwimmens in J. M\u00fcller\u2019s \u201eHandbuch der Physiologie\u201d; BrQcke\u2019s \u201eVorlesungen Ober Physiologie\"; Pettigrew, \u201eDie Ortsbewegungen der Thiere\u201d, Internationale wissenschaftliche Bibliothek. Leipzig 1875.","page":28},{"file":"p0029.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n29\nm\u00f6glich ist, m\u00fcssen die Extremit\u00e4ten sich frei nach allen Richtungen bewegen k\u00f6nnen, d\u00fcrfen also nicht dem K\u00f6rper angelegt sein. Alle diese Umst\u00e4nde kommen aber nicht in Betracht, sobald die schwerlosen Gestalten in der Luft sind, auch der letzte nicht, sie m\u00fcssten denn eben als in der Luft schwimmend gedacht werden.\nWenn jeder rasch von oben herunterkommende Engel oder, um ein bekanntes Beispiel anzuf\u00fchren, Tintoretto\u2019s St. Marcus in der Akademie zu Venedig, der vom Himmel kommend des Sklaven Fessel sprengt, mit dem Kopfe tiefer als mit den Beinen dargestellt ist, so taucht er eben vom Himmel gerade so zur Erde nieder, wie wir durch unsern anatomischen Bau und die mechanischen Verh\u00e4ltnisse gezwungen, nach dem Grunde des Wassers tauchen, wie er es aber niemals n\u00d6thig hatte, wenn er eine schwerlose Gestalt der L\u00fcfte w\u00e4re. Oder wer glaubte es dem Teufel Signorelli's im Dom von Orvieto, dass er mit seinen schwachen Fl\u00fcgeln nicht nur die Last des eigenen K\u00f6rpers, sondern auch noch die des Weibes, das er auf den R\u00fccken geladen hat, durch die L\u00fcfte tr\u00e4gt? Er ist vielmehr schwerlos, als w\u00e4re er im Wasser, ja er hat die typische Stellung eines Schwimmenden, und tr\u00e4gt genau so, wie ein Mann im Wasser tragen w\u00fcrde.\nJenes in den Sculpturen so oft vorkommende Engelspaar, welches schwebend ein Medaillon tr\u00e4gt (auf Grabm\u00e4lern) oder wie im oben angef\u00fchrten Beispiele die Krone Mariens, oder welches die Vorh\u00e4nge des Baldachins, unter dem die Madonna sitzt, zur\u00fcckschl\u00e4gtx) u. s. w., soll es als fliegend mit normalem K\u00f6rpergewicht gedacht sein? Ein solcher Engel m\u00fcsste dann wie ein R\u00fcttelfalke sich durch rasch aufeinanderfolgende Fl\u00fcgelschl\u00e4ge am selben Fleck erhalten. So sind die Engel nicht gebildet. Sie erscheinen vielmehr wie Schwimmer, die einen in\u2019s Wasser eingesenkten Gegenstand ohne nennenswerthe Kraftanstrengung in seiner Lage erhalten. Ueberaus wirkungsvoll und in diesem Punkte \u00fcberaus lehrreich ist das Bild Luino\u2019s aus der Brera zu Mailand. Drei Engel tragen den Leichnam der heiligen Katharina durch die Luft, um ihn in sein Grab einzusenken.\n>) Vergl. die Madonnenbilder von Fra Bartolomeo.","page":29},{"file":"p0030.txt","language":"de","ocr_de":"3o\nSigmund Exner\nNicht nur den Engeln, auch dem Leichnam ist seine normale Schwere genommen: ohne irgend sichtbare Anstrengung halten ihn erstere auf ihren grazi\u00f6s gebeugten Armen. Die Stellung aller vier Gestalten ist genau so, als bef\u00e4nden sie sich s\u00e4mmt-lich im Wasser. Dasselbe tritt in der deutlichsten Weise an der schwebenden Gestalt hervor, welche Tintoretto in seinem Bilde Bacchus und Ariadne1) geliefert har.\nIch habe oben jenes Meisterst\u00fcckes einer schwebenden Gruppe gedacht, die uns Michelangelo in seiner Erschaffung Adams hinterlassen hat. W\u00fcrde man es sich zur Aufgabe machen, dieselbe als lebendes Bild zu stellen, so k\u00f6nnte man dies, nur m\u00fcsste man die ganze Gruppe in Wasser einsenken. Die Gestalten und insbesondere die des Gottvaters erscheinen geradezu, als w\u00e4ren sie an der Hand schwimmender Modelle entstanden. Aehnliches gilt von Raphael\u2019s Bildern aus der Sch\u00f6pfungsgeschichte2). Sowohl der Herrgott, der Himmel und Erde, als auch der, welcher Sonne und Mond schafft, sind als schwimmend aufgefasst. Als Beispiel aus einer fr\u00fcheren Kunstperiode erw\u00e4hne ich die Engel Giotto\u2019s 3), die in der Luft schwebend an denKlagen der Weiber beim Leichnam Christi theilnehmen.\nNicht weniger auffallend tritt die Analogie des Schwebens mit dem Schwimmen an jenen Deckengem\u00e4lden der Roccoco-Zeit hervor, die uns in der bekannten Weise durch einen architektonischen Aufbau den Himmel sehen lassen. Der Raum zwischen dem irdischen Beschauer und dem Himmel ist dann mit sich wild durcheinander tummelnden Luftgestalten bev\u00f6lkert. Gerade ein solches Deckengem\u00e4lde, das der Kirche St. Ignatio zu Rom, (von Pozzi gemalt) war es, bei dem mir diese Analogie zuerst auffiel, bei dem mir der Gedanke kam: das gleicht einer Schwimmschule von unten gesehen. Wer \u00f6fter unter Wasser geschwommen und sich die \u00fcber ihm schwimmenden Personen von diesem ungewohnten Standpunkte aus betrachtet hat, wird diesen Eindruck gewiss best\u00e4tigen.\nWollte man mit der consequenten Verfolgung einer Idee seinen Scherz treiben, so k\u00f6nnte man sagen: gew\u00f6hnlich sieht\n*) Zu Venedig.\nLoggien des Vaticans.\n3) In Padua.","page":30},{"file":"p0031.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n3i\nman die Beine des Schwimmers nicht gut, und je weiter er von dem Beschauer entfernt ist, desto mehr sind nur die oberen Theile des K\u00f6rpers sichtbar. Indem die K\u00fcnstler in der Darstellung diesen Umst\u00e4nden Rechnung trugen, liessen sie erst die F\u00fcsse, dann die ganzen Beine, dann auch den Unterleib, endlich auch den Oberk\u00f6rper an ihren Figuren hinweg, und so sei jene Reihe von Engelsgestalten entstanden, deren letztes Glied das Engelsk\u00f6pfchen mit zwei Fl\u00fcgeln ist \u2014 von einem in der Ferne'schwimmenden Menschen sieht man auch nur den Kopf. Der K\u00f6rper derjenigen, die \u00fcberhaupt noch etwas von demselben behalten haben, l\u00e4uft theils in die Himmelsglorie, theils in faltenreiche, aber leere Gewandungen aus. (Ich habe es wohl nicht n\u00f6thig, f\u00fcr jede der einzelnen Stufen Beispiele anzuf\u00fchren, sie sind in der italienischen Schule h\u00e4ufig, kommen aber auch bei Nordl\u00e4ndern vor1).\nEin Darwinianer w\u00fcrde eine andere Erkl\u00e4rung geben. Er w\u00fcrde in dieser Reihenfolge von verk\u00fcmmerten Menschenk\u00f6rpern eine Best\u00e4tigung des Gesetzes sehen, dass unben\u00fctzte Organe allm\u00e4hlig zu Grunde gehen. Die Engel h\u00e4tten von unten nach oben allm\u00e4hlig ihre K\u00f6rper verloren, wie der Maulwurf sein Auge bis auf ein Rudiment eingeb\u00fcsst hat, weil sie keine F\u00fcsse, auch keine Beine u. s. w. brauchten, weil sie mit Kopf und Fl\u00fcgel ihrem Zwecke als fliegende Intelligenzen gen\u00fcgen konnten.\nGehen wir zur dritten Gruppe unserer Gestalten \u00fcber.\nDie zuletzt besprochenen stellen wir uns im Allgemeinen so vor, als w\u00fcrden sie sich in einem sachte dahingleitenden Strome befinden, als w\u00fcrden sie von diesem getragen, h\u00e4tten vielleicht durch ihren Willen einen Einfluss auf die Richtung dieses Stromes. In der That ist h\u00e4ufig durch ein Flattern oder Aufbl\u00e4hen des Gewandes angedeutet, dass dem K\u00fcnstler \u00e4hnliche Vorstellungen vorschwebten. Bei den Figuren, die wir jetzt zu besprechen haben, ist es anders. Hier scheint sich der K\u00f6rper durch eine ihm selbst entspringende Kraft zu bewegen.\nMan k\u00f6nnte geneigt sein, als Beispiel dieser Bewegungsform den aus dem Grabe aufsteigenden Christus anzuf\u00fchren.\n>) Z. B. bei Rog. van der Weyden. Belvedere in Wien.","page":31},{"file":"p0032.txt","language":"de","ocr_de":"32\nSigmund Exner\nDer Idee nach geh\u00f6rt er jedenfalls dieser Gruppe an. Ich finde aber, dass die auferstehenden Christusgestalten selbst der besten K\u00fcnstler in Bezug auf die Darstellung dieser ihrer Bewegung Vieles zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassen. W\u00fcrde man in einem solchen Bilde alle ausserhalb der Figur selbst liegenden Kunstgriffe, aus welchen die Richtung der Bewegung zu ersehen ist, beseitigen, z. B. die Gestalt des Gottvaters, der den Sohn in die Arme zu schliessen sich anschickt, oder w\u00fcrde man die Christusfigur aus dem Bilde herausschneiden und allein betrachten, sie w\u00e4re eine schwebende, aber kaum jemals eine nach aufw\u00e4rts schwebende Gestalt, wenigstens nicht f\u00fcr diejenigen, welchen die typisch gewordene auferstehende Christusgestalt noch unbekannt ist.1)\nSuchen wir also ein anderes Beispiel. Wir m\u00fcssen uns an die ersten Meister wenden, denn die Darstellung dieser magischen Gewalt ist nicht Jedem gelungen.\nAbermals ist es ein Herrgott Michelangelo\u2019s aus der Sixtinischen Capelle, der uns zur Erl\u00e4uterung dieser Bewegungsform am besten dienen kann, eine Herrgottsgestalt, wie sie grossartiger wohl niemals, jedenfalls von keinem Anderen als von Michelangelo selbst2) geschaffen worden ist.\nDer Allvater schwingt sich (Fig. 4) mit majest\u00e4tischer Wucht durch den Weltraum. Tief unter ihm liegt, durch einige B\u00e4ume angedeutet, die Erde. Das ist kein Schweben, das ist kein Getragenwerden vom Hauch der L\u00fcfte: im Gegen-theil, die Jagd geht so rasch dahin, dass die Gew\u00e4nder flattern, dass die Haare verweht werden, als bliese ein Sturmwind entgegen. Hier ist eine Kraft, welche den \u00e4usseren Widerstand der Luft \u00fcberw\u00e4ltigt, eine Kraft, die von Innen zu kommen scheint.\nAbermals dr\u00e4ngt sich hier die Frage auf: Findet denn der K\u00fcnstler auch f\u00fcr diese fast \u00fcbersinnliche Bewegung im Be-\n*) Dasselbe gilt von vielen Himmelfahrten Mariae. Unter ihnen ist jene von Rubens durch die Anschaulichkeit der Bewegung besonders ausgezeichnet. Doch sind es auch hier zum Theil recht k\u00fchne Kunstgriffe, welche ausserhalb der Figur selbst liegend den Effect hervorrufen. Unter Anderem, dass die Gestalt Mariens einen hellen Schimmer nach sich zieht.\n*) Es ist wohl denkbar, dass der erste Gottvater der Sixtinischen Capelle, der Licht von Finsterniss trennt, an \u00fcberw\u00e4ltigender Macht den genannten noch \u00fcbertreffen w\u00fcrde, w\u00e4re er uns in urspr\u00fcnglicher Gestalt erhalten.","page":32},{"file":"p0033.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n33\nschauer das psychische Material vor, auf das er seine Darstellung basiren kann? Man muss unzweifelhaft auch diese Frage bejahen.\nSehen wir einen Pfeil durch die Luft fliegen, so erscheint er uns als mit Bewegung begabt, und die Gewalt, mit der er in sein Ziel einschl\u00e4gt, scheint ihm zu geh\u00f6ren. Ein Schiff, das\nFig. 4-\nvom Stapel gelassen wird, gleitet \u00fcber die Rollen hinunter und f\u00e4hrt durch den hiebei erhaltenen Schwung weit hinaus in die Fluthen. Versetzen wir uns -an die Stelle eines Bootsmannes, der sich unvorsichtigerweise mit seinem kleinen Nachen nicht rechtzeitig gefl\u00fcchtet hat. Muss ihm das riesige Ungeth\u00fcm, wenn es auf ihn losrauscht, nicht wie ein mit selbstst\u00e4ndiger Bewegung begabtes Wesen erscheinen? Ja, der menschliche\n3","page":33},{"file":"p0034.txt","language":"de","ocr_de":"34\nSigmund Exner\nK\u00f6rper selbst, wenn er im Weitsprung durch die Luft f\u00e4hrt, hinterl\u00e4sst, wenn auch wegen der Geschwindigkeit der Bewegung ziemlich undeutliche Ged\u00e4chtnissbilder,l) die hier in Betracht kommen k\u00f6nnen. Es sind also die Erscheinungen, welche die Physik der Tr\u00e4gheit zuschreibt, mit denen wir es hier zu thun haben. Thats\u00e4chlich sind es meistens rasche und kurzdauernde Bewegungen dieser Art, die wir zu beobachten Gelegenheit haben; der K\u00fcnstler postulirt, dass wir sie in unserer Phantasie auf gr\u00f6ssere Zeitr\u00e4ume ausdehnen. Er hat auch ein Recht zu einer solchen Forderung, nicht nur weil \u00e4hnliche in allen Gebieten der Kunst gestellt werden, sondern auch weil seine Figuren schwerlos sind, und dadurch die Hauptursache wegf\u00e4llt, aus welcher insbesondere langsame Tr\u00e4gheitsbewegungen in der Luft so rasch zu Ende sind. Die K\u00f6rper fallen eben zu Boden, ehe wir sie mit Musse betrachten k\u00f6nnen.\nIn der That, man k\u00f6nnte auch diese Hergottsgestalt Michelangelo\u2019s als lebendiges Bild, und zwar sammt seiner Bewegung darstellen, wenn man dieses erstens, wenigstens theilweise, im Wasser th\u00e4te, und zweitens dem Darsteller erlaubte, sich durch kr\u00e4ftigen Anlauf den n\u00f6thigen Schwung zu geben. Es ist gewiss kein Zufall, dass das Wort \u201eSchwung\", welches als vulg\u00e4rer Ausdruck f\u00fcr den physikalischen Begriff \u201eTr\u00e4gheit\u201d betrachtet werden kann, am besten die in Rede stehende Bewegungsform bezeichnet. \u201eEilenden Schwungs erreicht er die seligen H\u00f6hen des Olympos\u201d sagt Homer von Ares.2)\nAls ein den Wiener Gallerien entnommenes Beispiel f\u00fcr unseren Gegenstand f\u00fchre ich die \u201eTeufel-Austreibung\u201d von Rubens an. Die D\u00e4monen haben die K\u00f6rper der Besessenen eben verlassen und fahren durch das Fenster hinaus. Auch ihre Stellungen entsprechen den mitgetheilten Anschauungen, nur hat Rubens noch das Motiv des Windes hinzugef\u00fcgt. Die Gew\u00e4nder deuten an, dass ein unheimlicher Luftzug die Teufel begleitet und ihre Bewegung beschleunigt.\nDie uns gel\u00e4ufigen Bewegungsph\u00e4nomene, welche auf dem Principe der Tr\u00e4gheit beruhen, beschr\u00e4nken sich, insofern sie\n') Vergl. Br\u00fccke: .Darstellung der Bewegungen durch die bildenden K\u00fcnste.\u201d Deutsche Rundschau 1881.\n*) Voss, Ilias V. v. 868.","page":34},{"file":"p0035.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n35\nhier in Betracht kommen, fast ausschliesslich auf die horizontale oder m\u00e4ssig geneigte Richtung. Es ist uns freilich der nach oben geworfene Stein auch in jeder Beziehung gel\u00e4ufig, doch existirt keine Br\u00fccke, welche die Vorstellung desselben mit der des bewegten menschlichen K\u00f6rpers verbindet, und die Gestalt des vertical nach aufw\u00e4rts springenden Menschen ist nicht geeignet, deutliche Erinnerungsbilder zur\u00fcckzulassen, und w\u00e4re sie es, so w\u00fcrden dieselben jedenfalls zu keinen anmuthigen Bildern f\u00fchren.\nIch glaube, dass damit der oben erw\u00e4hnte Umstand zusammenh\u00e4ngt, dass die Darstellung des Schwebens nach oben auf Schwierigkeiten st\u00f6sst. Dieselben beziehen sich auf gem\u00e4ssigte, wie auf lebhafte Bewegungen. Der K\u00fcnstler findet eben die zu einer solchen Versinnlichung n\u00f6thigen Erinnerungsbilder weder in sich, noch im Beschauer vor.\nEs hat sich demnach als Resultat unserer Betrachtungen ergeben, dass ein K\u00fcnstler, der sich anschickt, eine schwebende oder fliegende Figur zu bilden, dieselbe nicht so gestaltet, wie sie erscheinen m\u00fcsste, wenn sie schwerlos w\u00e4re, sie auch nicht mit jenen Attributen ausstattet, die ihr zukommen m\u00fcssten, sollte sie das Verm\u00f6gen des Fluges besitzen. Er verf\u00e4hrt vielmehr wesentlich anders. Sein Trachten geht einzig und allein dahin, dass er durch eine Reihe von Kunstgriffen in dem Beschauer Ideenassociationen wachrufe, welche demselben die Vorstellungen des Schwebens dringend nahelegen. Es ist also eine feine psychologische Arbeit, die er hier unternimmt. Es st\u00fctzt sich dabei auf eine allgemeine Eigenschaft unseres Vorstellungsverm\u00f6gens. Dieselbe besteht darin, dass wir, ohne uns dar\u00fcber bewusst zu sein, als Ursache einer bestimmten Erscheinung in einem concreten Falle immer diejenige annehmen, welche sich erfahrungsgem\u00e4ss in unz\u00e4hligen \u00e4hnlichen F\u00e4llen als die richtige herausgestellt hat. Weil wir im Laufe unseres ganzen Lebens bei jeder stehenden Gestalt ihren Schatten bis an ihre F\u00dcsse reichen sahen, und bei jedem in irgend einer Weise in der Luft gehaltenen Objecte die Ber\u00fchrung desselben mit seinem Schatten vermissten, gen\u00fcgt es schon, wenn der Maler den Schatten des Beines erst in einiger Entfernung vom Fusse\n3*","page":35},{"file":"p0036.txt","language":"de","ocr_de":"36\nSigmund Exner\nbeginnen l\u00e4sst, um die Vorstellung zu erwecken, dass seine Figur schwebt, st\u00fcrzt oder im Sprung begriffen ist, kurz den Boden nicht ber\u00fchrt. Das bekannteste Beispiel hief\u00fcr d\u00fcrften die Engel im Heliodor Raphael\u2019s sein. *) Hiebei wissen wir gew\u00f6hnlich gar nicht, dass diese unsere Vorstellung auf dem Schatten beruht, oder auch nur mit ihm in Beziehung steht.\nAber nicht blos unbewusst gehen derlei Analogieschl\u00fcsse in uns vor sich, sie sind auch zwingend in Bezug auf die Anschauungen, die sie uns aufdr\u00e4ngen2). Man erkennt, ob ein Relief positiv oder negativ ist, dadurch, dass man unbewusst die Lage der Lichtquelle, welche die Schatten auf demselben entwirft, mit in Rechnung zieht. Wir haben eben durch tausendf\u00e4ltige Erfahrung gelernt, dass die Schatten auf der der Lichtquelle abgekehrten Seite liegen. Betrachtet man aber z. B. durch eine Convexlinse das umgekehrte Bild dieses Reliefs, dann liegen die Schatten auf Seite der Lichtquelle, wie wir das immer bei negativen Reliefs gesehen haben. Es erscheint uns jetzt das Relief negativ, und wenn wir noch so sehr \u00fcberzeugt sind, dass es positiv ist, die Anschauung behauptet mit zwingender Gewalt das Entgegengesetzte. s)\nAlso derartige, auf den Erinnerungsbildern beruhende Analogieschl\u00fcsse wirken in intensivster Art und uns selbst unbewusst auf die Deutung der Gesichtseindr\u00fccke, die wir haben. Mehrere im selben Sinne wirkende Analogieschl\u00fcsse unterst\u00fctzen sich gegenseitig.\nDas ist die psychologische Palette, mit der jeder K\u00fcnstler malt: es sind stets Erinnerungsbilder, sei es dass er Altbekanntes, sei es dass er nie Gesehenes oder g\u00e4nzlich Unm\u00f6gliches darstellt. Schickt er sich an, eine schwebende Figur zu bilden, so ruft er mit Hilfe ihrer Stellung unsere Erinnerung\n*) Vatican zu Rom.\n5) Vergl. Ueber die Inductionsschl\u00fcsse Stuart Mill: \u201eLogik\".\n\u25a0>) Der Versuch gelingt am leichtesten mit einem kleinen getriebenen oder gepressten Relief, das kein deutliches Oben und Unten hat, sondern Rankenwerk oder dergleichen vorstellt, und das man neben dem Fenster auf den Tisch legt. Ueber ihm stellt man eine Convexlinse auf. Bringt man dann sein Auge in passende Entfernung \u00fcber die Linse, so sieht man das verkehrte Bild und das Relief erscheint negativ.","page":36},{"file":"p0037.txt","language":"de","ocr_de":"Die Physiologie des Fliegens und des Schwebens\n37\nan jene durch keine Schwere beeinflussten, r\u00e4umlich freien Bewegungen im Wasser wach, er gibt ihren Beinen die Stellung, die wir bei grazi\u00f6sem Tanze, w\u00e4hrend sie den Boden nicht oder kaum ber\u00fchren, zu sehen gewohnt sind, er trennt den Schatten vom K\u00f6rper, versieht sie vielleicht mit Fl\u00fcgeln, um uns den Gedanken des Luftgebildes noch n\u00e4her zu r\u00fccken; und ist es ihm auf diesem Wege gelungen, im Beschauer unbewusst so lebhafte Erinnerungsbilder an das Schwebende wachzurufen, dass derselbe dar\u00fcber die Schwere der Gestalt vergisst, dann hat er seine Aufgabe gel\u00f6st: er hat eine schwebende Figur geschaffen.\nK. k. Hofbuchdrucker\u00ab! Ctrl Fromme io Wien-","page":37}],"identifier":"lit3833","issued":"1882","language":"de","pages":"37","startpages":"37","title":"Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden K\u00fcnsten: Vortrag gehalten im \u00d6sterreichischen Museum f\u00fcr Kunst und Industrie am 5. Januar 1882","type":"Book"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T14:13:18.431299+00:00"}

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