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{"created":"2022-01-31T15:32:36.095301+00:00","id":"lit38793","links":{},"metadata":{"alternative":"Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4","contributors":[{"name":"M\u00fcnsterberg, Hugo","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4, edited by M\u00fcnsterberg, Hugo, 1-39. Freiburg i.B.: Mohr","fulltext":[{"file":"p0001.txt","language":"de","ocr_de":"Studien zur Associationslehre.\ni.\nWenn uns einmal in der Wahrnehmung die Vorstellungen m und a, ein andermal die Vorstellungen m und b gleichzeitig gegeben waren und zusammen dem Ged\u00e4chtnis eingepr\u00e4gt wurden, kann dann sp\u00e4terhin die Vorstellung a bei erneuter Wahrnehmung die Vorstellung b ins Bewusstsein rufen, ohne dass das vermittelnde Zwischenglied m ins Bewusstsein tritt? Es ist klar, dass diese Frage von gr\u00f6sster Bedeutung f\u00fcr die gesamte Lehre des Associationsmechanismus ist, und dass nur die Erfahrung, die gelegentliche oder die unter plangem\u00e4ssen Bedingungen erworbene experimentelle Erfahrung die Frage beantworten kann; eine bejahende Antwort w\u00fcrde dann freilich noch eine Mehrheit theoretischer Deutungen zulassen.\nBisher hat nur E. W. Scripture in seinen interessanten und wertvollen Untersuchungen \u201e\u00fcber den associativen Verlauf der Vorstellungen\u201c (Philosoph. Stud. Bd. VII) die Frage experimentell gepr\u00fcft, und zwar mit entschieden positivem Erfolge. Scripture benutzte zwei Reihen von Karten. \u201eDie erste Reihe bestand aus Karten, auf deren jeder ein mit lateinischen Buchstaben geschriebenes japanisches Wort und ein oder zwei japanische Schriftzeichen sich befanden; alle beide waren dem Beobachter ganz fremd. Die zweite Reihe bestand aus Karten, auf deren jeder ein deutsches Wort und dieselben Schriftzeichen wie auf einer Karte der ersten Reihe waren. Zun\u00e4chst\nM\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\tt\t1","page":1},{"file":"p0002.txt","language":"de","ocr_de":"2\nwurde die erste, dann die zweite Reihe gezeigt. Darauf wurde entweder ein deutsches oder ein japanisches Wort allein ohne die Schriftzeichen dargeboten, und der Beobachter gab an, welche Vorstellung hiernach in ihm aufstieg.\u201c (S. 78.) Es ergab sich, dass bei 185 Versuchen 43mal nichts, 63mal eine einfache unmittelbare Association ins Bewusstsein gerufen wurde, dass aber unter den weiteren 79 F\u00e4llen, in denen ohne bewusstes Zwischenglied, ein Wort der zweiten Reihe durch ein Wort der ersten Reihe erweckt wurde, nur 32 falsche, 47 richtige F\u00e4lle vorkamen, wenn wir richtig diejenigen nennen, bei denen die Worte mit dem gleichen japanischen Zeichen verkoppelt waren. Da jede Reihe aus vier Worten bestand, so h\u00e4tte das Spiel des Zufalls nur etwa 20 richtige F\u00e4lle unter 79 ergeben d\u00fcrfen; die mehr als doppelt so grosse Zahl richtiger F\u00e4lle glaubt Scripture mithin so deuten zu k\u00f6nnen, dass eine Vorstellung eine zweite Vorstellung, mit welcher sie niemals in Verbindung war, in den Blickpunkt des Bewusstseins bringen kann, wenn andere psychische Elemente ausserhalb des Bewusstseins existieren, welche mit beiden in Verbindung stehen.\nEs lag nahe, die Scriptureschen Versuche auf anderen Sinnesgebieten und mit anderen Reizkombinationen weiterzuf\u00fchren, um zu \u00fcbersehen, wie weit jene ersten Ergebnisse sich verallgemeinern lassen. Da ich in den Scriptureschen Versuchen eine wesentliche F\u00f6rderung der Associationstheorie sah \u2014 hat doch auch Wundt auf Grund dieser Versuche der Associationstheorie weitgehende Zugest\u00e4ndnisse (Ph. St. Bd. VII, S. 361) gemacht \u2014, so lag mir jeder Skepticismus bei der Weiterf\u00fchrung der Versuche fern; und ich begann deshalb nicht mit einer kritischen Nachpr\u00fcfung derselben Versuche, sondern kn\u00fcpfte an jene Arbeit einfach an. Meine Versuche sind im Sommer 91 und Winter 91\u201492 mit 18 verschiedenen Versuchspersonen ausgef\u00fchrt; haupts\u00e4chlich beteiligten sich die Herren Clemens, Nake, Rademacher, Rommel, Schwendr Slatopolski, Zermelo.","page":2},{"file":"p0003.txt","language":"de","ocr_de":"3\nWir begannen mit akustischen Reizen. Der Versuchsperson wurden durch einen Assistenten f\u00fcnf Worte zugerufen, und durch einen zweiten Assistenten wurde unmittelbar nach jedem zugerufenen Wort eine sinnlose Silbe ausgesprochen. Dann folgten f\u00fcnf andere Worte, w\u00e4hrend dieselben f\u00fcnf Silben in anderer Reihenfolge wiederholt wurden. Schliesslich wurde dann ein Wort der ersten Reihe allein genannt, und die Versuchsperson musste angeben, ob ihr dabei ein Wort der zweiten Reihe auftauchte, oder beide Wortreihen wurden ihr jetzt auf eine Tafel geschrieben, und sie musste sie zu Paaren ordnen. Notiert wurden nur diejenigen F\u00e4lle, bei denen ein wirkliches Ergebnis eintrat; die zahlreichen F\u00e4lle, bei denen nichts associiert wurde oder bei denen das Zwischenglied, die sinnlose Silbe, auch ins Bewusstsein trat, Hessen wir unber\u00fccksichtigt. Auch diejenigen F\u00e4lle mussten wir nat\u00fcrlich streichen, bei denen die Versuchsperson das entsprechende WTort der ersten Reihe schon associierte, als ihr die zweite Reihe zugerufen wurde ; war das erfolgt, so musste ja sp\u00e4ter nat\u00fcrlich durch direkte Association das eine Wort das andere .ins Ged\u00e4chtnis rufen. Es bleiben uns somit nur diejenigen F\u00e4lle, bei denen ein Wort der ersten sich mit einem Wort der zweiten Reihe verband, ohne dass beide vorher gleichzeitig im Bewusstsein gewesen waren, und ohne dass die vermittelnde Silbe ins Bewusstsein trat. Es wurde dann festgestellt, wie viele F\u00e4lle dabei richtig waren.\nSolche Reihe lautete beispielsweise folgendermassen : Br\u00fccke \u2014 kun, Kaiser \u2014 pak, Eiche \u2014 sen, Zucker \u2014 for, W\u00fcrde \u2014 gan; darauf folgte: Flasche \u2014 for, Katze \u2014 pak, G\u00fcte \u2014 kun, F\u00e4cher \u2014 sen, Rose \u2014 gan. Diese zehn Kombinationen wurden beispielsweise der Versuchsperson Sch. langsam zugerufen; dann wurde ihm ein Wort der ersten Reihe nach dem anderen genannt und abgewartet, ob ein Wort der zweiten Reihe in seinem Bewusstsein auftaucht. Das Ergebnis war bei diesem Beispiel: Br\u00fccke \u2014 Katze, Kaiser \u2014 nichts, Eiche \u2014 F\u00e4cher, aber mit Erinnerung an die","page":3},{"file":"p0004.txt","language":"de","ocr_de":"4\ngemeinsame Silbe sen, durch welche die Verbindung Eiche \u2014 sen schon ins Ged\u00e4chtnis trat, als F\u00e4cher \u2014 sen gerufen wurde, Zucker \u2014 G\u00fcte, W\u00fcrde \u2014 nichts. Es wurden also zu zwei Worten keine Assosiationen erweckt, bei einem Wort war das vermittelnde Glied auch ins Bewusstsein getreten, und nur bei zwei Worten ist wirklich ein Wort der zweiten Reihe scheinbar frei aufgetaucht, als die Worte der ersten Reihe genannt wurden; in beiden F\u00e4llen ist es aber ein falsches Wort. In diesem Beispiel ist also kein richtiger Fall.\nIn dieser Art haben wir 120 Versuche mit je zehn Worten angestellt, also 600 Einzelf\u00e4lle untersucht. Dabei ist 230-mal eine Association den Bedingungen entsprechend ins Bewusstsein getreten, unter diesen 230 sind aber nur 39 richtig gewesen, noch nicht der f\u00fcnfte Teil, mithin weniger als nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung selbst in dem Fall zu erwarten war, dass die Verkoppelung lediglich Produkt des Zufalls sein sollte. Im letzten Drittel der Versuche wurden die zehn Kombinationen nicht einmal, sondern unmittelbar hintereinander zweimal, schliesslich dreimal genannt. Es wuchs dadurch die Zahl derjenigen F\u00e4lle, bei denen die Zwischensilbe ebenfalls ins Bewusstsein trat; das Verh\u00e4ltnis zwischen richtigen und falschen F\u00e4llen der unbewusst vermittelten Associationen verschob sich dagegen nicht. Desgleichen zeigte sich keinerlei individueller Unterschied; die richtigen F\u00e4lle waren bei jeder Versuchsperson in gleicherweise v\u00f6llig vereinzelt.\nDie n\u00e4chste Versuchsgruppe variierte die Schallreize so, dass an die Stelle der sinnlosen Silben T\u00f6ne des Zungenpfeifenapparates traten, und zwar f\u00fcnf deutlich verschiedene T\u00f6ne aus drei Oktaven. Es wurden zuerst 40 Versuche mit zehn Worten angestellt, also 200 Einzelf\u00e4lle der Associationsm\u00f6glichkeit untersucht. Nur ausnahmsweise wurde hier der Ton selbst oder die Benennung \u201etiefster Ton\u201c oder derlei ins Bewusstsein gerufen, und selten auch fehlte es v\u00f6llig an auftauchenden Associationen. Es kamen daher 148 den Be-","page":4},{"file":"p0005.txt","language":"de","ocr_de":"5\ndingungen entspreeilende Associationen vor; von diesen waren 32 richtig, also ein Geringes mehr als das aus Zufallskombinationen zu erwartende F\u00fcnftel. Es folgten dann 40 Versuche mit nur je 8 Wort- und Tonkombinationen; hier trat sehr viel h\u00e4ufiger der Ton oder eine Bezeichnung f\u00fcr denselben ins Bewusstsein. Unter den 160 Einzelfallen entsprachen daher nur 72 den Bedingungen und von diesen waren 19, also ann\u00e4hernd das jetzt zu erwartende Viertel, richtig.\nIn den folgenden Versuchsgruppen wurden die akustischen Nebenreize durch Geruchs-, Tast- oder Farbenreize ersetzt. Zuu\u00e4chst machten wir 40 Versuchsreihen mit je acht Kombinationen von zugerufenen Worten und Geruchseindr\u00fccken. Wir benutzten eine Kollektion von 60 qualitativ verschiedenen Geruchsstoffen in kleinen, \u00e4usserlich gleichen Flaschen. W\u00e4hrend der Versuchsperson ein Wort zugerufen wurde, hielt ein Assistent ihr irgend ein Fl\u00e4schchen mit Geruchsstoffen unter die Nase. Da die meisten der benutzten Geruchsstoffe dem Nichtchemiker namenlos waren, und die direkte Reproduktion der Geruchsempfindung dem Unge\u00fcbten schwer zu sein pflegt, so war hier nur sehr selten von einem Bewusstwerden des Zwischengliedes die Rede; dagegen trat h\u00e4ufig \u00fcberhaupt keine Association ein. Unter den 160 Einzelf\u00e4llen waren 105 Associationen ohne St\u00f6rung eingetreten; 31 waren richtig. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung war ein Viertel richtiger F\u00e4lle, also 26 zu erwarten; aus dem Plus von f\u00fcnf F\u00e4llen wird ein Schluss auf besondere Beg\u00fcnstigung der richtigen F\u00e4lle ebensowenig erlaubt sein, wie bei den Schallversuchen aus dem Minus von sieben (39 statt 46) auf eine besondere Hemmung der richtigen Associationen geschlossen werden konnte.\nIn den folgenden 40 Versuchen wurden die zugerufenen Worte mit verschiedenen Tastempfindungen verbunden. Die Versuchsperson streckte die gespreizte linke Hand aus, und bei jedem der f\u00fcnf Worte einer Reihe wurde einer der f\u00fcnf Finger ber\u00fchrt. Auch hier kehrten dann bei den n\u00e4chsten","page":5},{"file":"p0006.txt","language":"de","ocr_de":"6\nf\u00fcnf Worten dieselben Tastempfindungen in ver\u00e4nderter Reihenfolge wieder. Unter den 200 Einzelf\u00e4llen kamen 113 Associationen vor; von diesen waren nur 19 richtig.\nSchliesslich benutzten wir Farben als Zwischenglieder. Farbenpapiere von einem Quadratdecimeter wurden vor die Versuchsperson gelegt, w\u00e4hrend ihr ein Wort zugerufen wurde. Nahmen wir die h\u00e4ufigsten, leicht zu benennenden Farben, so blieb unverh\u00e4ltnism\u00e4ssig h\u00e4ufig die Farbe im Ged\u00e4chtnis. Wir gingen daher zu schwer benennbaren Farbenschattierungen \u00fcber. Von 40 Versuchen zu je 10 Worten, also in 200 F\u00e4llen, wurden hier nur 78 Associationen gewonnen, die den Bedingungen entsprachen; von diesen sind 19, also wenig mehr als ein F\u00fcnftel, richtig.\nNachdem wir so auf den verschiedensten Gebieten vollkommen negative Resultate erhalten hatten, war es selbstverst\u00e4ndlich notwendig, auf die Scripture sehe Versuchsanordnung zur\u00fcckzukommen und somit auch lediglich optische Reize zu verwerten. Wir benutzten zun\u00e4chst grosse Photographien von Gem\u00e4lden ; neben jedes Bild wurde ein Farbenstreifen gelegt. Zum Schluss bekam die Versuchsperson die zweimal f\u00fcnf Bilder mit der Aufforderung, sie paarweise zu ordnen. Wir haben nach dieser Methode 100 Versuche angestellt, und zwar 50 zu 10 und 50 zu 8 Bildern. Bei den zehn-gliedrigen Versuchen waren es also 250 Bilder, zu denen je ein anderes zugeordnet werden sollte. In 127 F\u00e4llen war die Farbe im Ged\u00e4chtnis geblieben, in 37 F\u00e4llen trat keine subjektive Neigung zur Zusammenf\u00fcgung zweier Bilder ein; von den Testierenden 86 F\u00e4llen waren nur 15 richtig zusammengef\u00fcgt, also weniger als der f\u00fcnfte Teil. Bei den achtgliedrigen Versuchen waren von den 200 F\u00e4llen sogar nur 47, welche den Bedingungen entsprachen; von diesen waren 16 richtig, w\u00e4hrend der Chance des Zufalls 12 entsprechen w\u00fcrden.\nEndlich kopierten wir direkt die Scripturesche Anordnung, nur wurde statt des japanischen, lateinisch geschriebenen Wortes ein sinnloses Wort gebildet und statt des japanischen","page":6},{"file":"p0007.txt","language":"de","ocr_de":"7\n\u201cZeichens eine komplizierte kleine Figur gezeichnet. Hier war das Ergebnis genau unseren anderen Versuchen entsprechend. Bei 60 Versuchen mit je 10 Worten wurden in den 300 F\u00e4llen 181 Associationen den Bedingungen gem\u00e4ss gewonnen; davon waren 34 richtig.\nUnsere Resultate sind somit auf s\u00e4mtlichen Gebieten denen Scriptures entgegengesetzt, und da unsere Versuche sowohl an Mannigfaltigkeit der Variationen als auch an Zahl der Einzelversuche und der Versuchspersonen jenen weit \u00fcberlegen sind, unsere Ergebnisse \u00fcberdies vollkommen konstant sind, so liegt die Vermutung nahe, dass die betreffenden Experimente Scriptures unbeachtet gebliebene Fehlerquellen besassen. Es w\u00e4re vornehmlich an zwei Umst\u00e4nde zu denken. Erstens k\u00f6nnen die Versuchspersonen vielleicht diejenigen F\u00e4lle unbeachtet gelassen haben, in denen das Glied der ersten Reihe schon, wenn auch noch so fl\u00fcchtig, ins Bewusstsein trat, als das entsprechende Glied der zweiten Reihe sich der Wahrnehmung darbot; in solchen F\u00e4llen sind beide Glieder durch direkte Association einmal gleichzeitig im Bewusstsein gewesen, ihre wechselseitige Verkoppelung entspricht also nicht den geforderten Bedingungen. Dann aber haben Scriptures Versuchspersonen das Nichtwissen des vermittelnden Zwischengliedes vielleicht weniger streng aufgefasst, als es durch die theoretische Grundfrage des Versuches gefordert wird. Es ist klar, dass die von Scripture gew\u00e4hlte Versuchsanordnung ein solches Verhalten beg\u00fcnstigt, da wir gar zu leicht geneigt sind, nur das als bewusst reproduziert aufzufassen, was wir zu benennen oder wenigstens zu fixieren im st\u00e4nde sind. Die japanischen Buchstaben benennen konnten die Versuchspersonen nicht, auch sie nach dem Erinnerungsbild aufzuzeichnen w\u00fcrde gewiss schwer gewesen sein; damit ist aber nicht gesagt, dass nicht doch gen\u00fcgende Erinnerungselemente im Bewusstsein auftauchten, um die vier Buchstaben jedesmal zu unterscheiden. Waren aber nur irgend welche charakteristische Elemente der Buchstaben wirklich im Bewusstsein, so ist von dei geforderten","page":7},{"file":"p0008.txt","language":"de","ocr_de":"8\nVermittlung durch unbewusste Zwischenglieder nicht mehr die-Rede. Scriptures Versuchspersonen hatten freilich oft das deutliche Gef\u00fchl, dass kein Zwischenglied sich einschob; es fragt sich nur, ob nicht vielleicht gerade in diesen F\u00e4llen die gr\u00f6ssere Zahl der Associationen falsch war, w\u00e4hrend die richtigen vielleicht \u00fcberwiegend von solchen F\u00e4llen herstammten, bei denen ein nicht benanntes, mehr oder weniger undeutliches und deshalb kaum beachtetes Element des Zwischengliedes ins Bewusstsein trat. In diesem Sinne hat auch schon Wundt, unter dessen Leitung die Scriptureschen Versuche angestellt wurden, die prinzipielle Bedeutung derselben abgeschw\u00e4cht, indem er annimmt,* dass die Zwischenglieder nicht v\u00f6llig\" ausserhalb des Bewusstseins bleiben, sondern, wenn sie auch unbeachtet bleiben, doch \u201e dunkel in das Bewusstsein getreten seien\u201c. Dann gleicht der Vorgang nat\u00fcrlich vollst\u00e4ndig einer gew\u00f6hnlichen Association, mit dem einzigen Unterschied, dass ein Glied der Associationsreihe nur undeutlich bewusst wurde, so dass f\u00fcr die R\u00fcckerinnerung die Reihe an dieser Stelle unterbrochen erscheint.\nWundt st\u00fctzt seine Auffassung dabei in erster Linie auf aprioristische Erw\u00e4gungen \u00fcber die unbewussten Vorstellungen. Ich glaube, dass die Scriptureschen Ergebnisse, wenn sie unbestreitbar w\u00e4ren, der psychophysischen Erkl\u00e4rung keine besonderen Schwierigkeiten in den Weg legen w\u00fcrden oder richtiger, dass die Schwierigkeiten der Erkl\u00e4rung keine anderen w\u00e4ren als diejenigen, welche schon das einfache Wahrneh-mungs- und Ged\u00e4chtnisproblem enth\u00e4lt. Wenn die Versuchspersonen wirklich regelm\u00e4ssig w\u00e4hrend des Versuches \u00fcberzeugt waren, dass keine Spur des Zwischengliedes in ihr Bewusstsein trat und das objektive Ergebnis dennoch die Wirksamkeit der Zwischenglieder zweifelsfrei beweisen w\u00fcrde, so h\u00e4tten wir, meine ich, nicht das Recht, aus theoretischen Erw\u00e4gungen zu behaupten, dass die Zwischenglieder sich doch in irgend einer dunklen Ecke des Bewusstseins aufgehalten haben. Nur der Umstand, dass, wie gezeigt, bei strengeren Bedingungen jene","page":8},{"file":"p0009.txt","language":"de","ocr_de":"9\nobjektive Wirkung vollkommen ausbleibt, macht es wahrscheinlich, dass in den Scriptureschen Versuchen allerdings die undeutlich bewussten Zwischenglieder als unbewusste betrachtet wurden.\nWenn theoretische Ueberlegungen dieses Ergebnis experimenteller Nachpr\u00fcfung unterst\u00fctzen sollen, so m\u00fcssten sie wohl eher von dem Gesichtspunkt ausgehen, dass die G\u00fcltigkeit des Scriptureschen Gesetzes nur eine scheinbare Erkl\u00e4rungshilfe f\u00fcr die Verflechtung unserer bewussten Vorstellungen liefert. Es erkl\u00e4rt zuviel und erkl\u00e4rt deshalb gar nichts. Jede Vorstellung ist durch Zwischenglieder mit so zahllosen Vorstellungen verkn\u00fcpft, dass unser Vorstellungsverlauf jede Einheit und Ordnung verlieren w\u00fcrde, wenn unbewusste Zwischenglieder wirksam w\u00e4ren, welche als solche vielleicht nicht wie die bewussten Glieder zu Centren der Hemmung werden k\u00f6nnten und somit fortw\u00e4hrend eine sich \u00fcberst\u00fcrzende Vorstellungsmasse ins Bewusstsein eindringen lassen m\u00fcssten. Aber solch methodologische Erw\u00e4gung, ob eine Entdeckung geeignet ist, andere Thatsachen zu erkl\u00e4ren, oder ob sie den Kreis unbegriffener Thatsachen nur noch erweitert, kann selbstverst\u00e4ndlich nicht massgebend sein f\u00fcr die Frage nach der Richtigkeit des Entdeckten. Nicht, weil es vielleicht unseren bisherigen Theorien \u00fcber unbewusste Vorstellungen widerspricht, und nicht, weil es die Erkl\u00e4rung des Vorstellungsverlaufes noch schwieriger machen w\u00fcrde,* muss die vermeintliche Entdeckung fallen gelassen werden, sondern lediglich, weil die hier mitgeteilten Thatsachen sie widerlegen. Wir kennen bisher nur direkte Associationen von einem Glied zum Nachbarglied; mittelbare Associationen durch unbewusste Zwischenglieder gibt es nicht. In diesem einen Punkte muss Scriptures Untersuchung, deren Ergebnisse ich in den anderen Teilen nur zu best\u00e4tigen Gelegenheit hatte, unbedingt berichtigt werden; die von ihm angef\u00fchrten Beispiele des praktischen Lebens lassen sich \u00fcbrigens unschwer auch aus der Konstellation bewusster Vorstellungen begreiflich machen.","page":9},{"file":"p0010.txt","language":"de","ocr_de":"10\nIL\nIn fr\u00fcheren Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber willk\u00fcrliche und unwillk\u00fcrliche Vorstellungsverbindung suchte ich die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass diejenigen Leistungen, welche wir als das Resultat bewusster Urteile und Denkakte aufzufassen gewohnt sind, unter gewissen Bedingungen auch durch Prozesse erm\u00f6glicht werden, welche nicht im Bewusstsein ab-laufen. Insbesondere glaubte ich auf psychometrischem Wege zeigen zu k\u00f6nnen, dass diejenige Verarbeitung \u00e4usserer Eindr\u00fccke, auf welcher, unsere intellektuellen Leistungen beruhen, nicht erst dann einsetzt, sobald die \u00e4usseren Reize sich in bewusste Erregungen umgesetzt haben, sondern schon in einem fr\u00fcheren Stadium begonnen, eventuell sogar erledigt werden kann. Sekund\u00e4r bleibt es dabei, ob wir jene Verarbeitung mit einheitlichem Namen als Apperception bezeichnen, oder ob wir sie in ein kompliziertes Gref\u00fcge von elementaren Hemmungen und Verst\u00e4rkungen aufzul\u00f6sen versuchen. Und sekund\u00e4r ist es auch, ob wir jene nicht bewussten Vorg\u00e4nge lediglich als physiologische Prozesse auffassen, oder ob wir glauben, auch jene nichtbewussten Funktionen als psychophysische deuten zu d\u00fcrfen.\nMeine fr\u00fcheren Versuche bezogen sich auf die Einordnung zugerufener Worte in vorher bekannte Kategorien. Die Unterscheidung, ob z. B. ein zugerufenes Wort ein Tier, eine Pflanze oder einen Stein bedeutet, kann unter gewissen Umst\u00e4nden erfolgen, ehe das Wort bewusst aufgefasst wird. Die folgenden Versuche sind vielleicht geeignet, den Beweis zu erg\u00e4nzen und die theoretisch \u00fcberaus wichtigen Verh\u00e4ltnisse noch von anderer Seite zu beleuchten. Sie zeigen, dass zwischen \u00e4usserer Reizung und bewusster Erregung eine Zwischenstufe liegt, in welcher nicht bewusst der Komplex disponibler Associationen erregt werden kann, und in welcher diese associativen Miterregungen je nach ihren Beziehungen zu dem gegenw\u00e4rtigen Bewusstseinsinhalt verst\u00e4rkend oder schw\u00e4chend, beschleunigend","page":10},{"file":"p0011.txt","language":"de","ocr_de":"11\noder verz\u00f6gernd auf die Umsetzung des Reizes in bewusste Erregung einwirken k\u00f6nnen. , Zahlreiche Thatsachen des t\u00e4glichen Lebens d\u00fcrften diese Auffassung von vornherein wahrscheinlich machen, und mannigfaltige Erscheinungen, wie die der Suggestion, w\u00fcrden hierdurch erst der psychophysischen Erkl\u00e4rung zug\u00e4nglich. Wenn aber diese Abw\u00e4gung und Auswahl der Eindr\u00fccke, diese Beg\u00fcnstigung und Behinderung aus Associationsmotiven schon im unbewussten Stadium vor sich gehen kann, die unwillk\u00fcrliche subjektive Zuthat der Wahrnehmung also nicht nur in einer illusionistischen Erg\u00e4nzung des gegebenen Inhalts im Bewusstsein besteht, wie sie die bekannten und oft studierten Erscheinungen der Apperception im Herbartschen Sinne darbieten, sondern auch in einer unbewussten Bearbeitung, welche der bewussten willk\u00fcrlichen in der Wirkung v\u00f6llig gleich ist, so wird es immer wahrscheinlicher, dass jeder bewusste willk\u00fcrliche Prozess prinzipiell auch durch solche Gehirnprozesse ersetzt werden kann, welche keine bewusste Begleiterscheinung besitzen.\nDie Versuche stellte ich im Sommersemester 90 mit den Herren Schmidt und Werner, einige vorbereitende Versuchsreihen auch mit den Herren Strong und F\u00f6rster an. Es handelt sich im wesentlichen um folgendes. Wenn einer Versuchsperson gleichzeitig eine gr\u00f6ssere Reihe von Gesichtsreizen dargeboten wird, und sie wird vor die Aufgabe gestellt, denjenigen oder diejenigen Reize zu benennen, welche sie zuerst wahrnimmt, so zeigt sich, dass eine Reihe von Umst\u00e4nden diese Auswahl beeinflussen kann. Der Blick kann zun\u00e4chst zuf\u00e4llig einmal dieses, ein anderes Mal jenes Objekt zuerst treffen. Oder die Objekte sind von so verschiedener sinnlicher Eindrucksst\u00e4rke, dass ein bestimmtes regelm\u00e4ssig durch seine Gr\u00f6sse oder Farbe den Blick auf sich zieht. Oder wir erleben zuerst einen Moment, in welchem alle Objekte gleichm\u00e4ssig vom Bewusstsein erfasst werden, bis sich dann die Aufmerksamkeit aus irgendwelchen mehr oder weniger deutlich bewussten Motiven einem einzelnen Objekt zuwendet. Zuweilen ist es auch von","page":11},{"file":"p0012.txt","language":"de","ocr_de":"12\nvornherein ein bestimmtes Objekt, welches durchaus zuerst uns in die Augen f\u00e4llt, ohne dass die Bevorzugung durch seinen sinnlichen Eindruck oder durch die zuf\u00e4llige Blickbewegung erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnte ; es l\u00e4sst sich in diesem Falle manchmal nachtr\u00e4glich feststellen, dass associative Beziehungen, etwa aus der Sph\u00e4re des pers\u00f6nlichen Interesses, die Verst\u00e4rkung des einen Eindruckes gegen\u00fcber den anderen bewirkt haben m\u00fcssen. Wir sind dabei oft v\u00f6llig gewiss, dass dieser uns interessierende Eindruck wirklich der erste ist, den wir \u00fcberhaupt wahrnahmen; das verst\u00e4rkende und hemmende Spiel der Associationen musste also seine Wirksamkeit ausge\u00fcbt haben, ehe die Reize \u00fcberhaupt in bewusste Erregungen umgesetzt waren. Immerhin l\u00e4sst sich bei solchen zuf\u00e4lligen Gelegenheitserfahrungen schwer feststellen, ob nicht zuf\u00e4llige Blickbewegungen oder die rein \u00e4usserliche Beschaffenheit der Reize 'mitbestimmend gewirkt hat, oder ob nicht doch ein schnell vergessener Augenblick voranging, in welchem mehrere Objekte bewusst waren, unter denen die Aufmerksamkeit dann schnell Auslese hielt.\nErst das Experiment kann hier zweifelsfreie Antworten erzielen und uns Erfahrungen bieten, welche den Fehlerquellen der zuf\u00e4lligen Gelegenheitsbeobachtung entzogen sind. Es galt also, eine Mehrheit von Gesichtsobjekten darzubieten und vorher das Bewusstsein der Versuchsperson so zu beeinflussen, dass die im Bewusstsein gegenw\u00e4rtigen Vorstellungen zu einem bestimmten von den vielen Objekten in associativer Beziehung stehen. Die Versuchsperson hat nun darauf zu achten, ob ein bestimmter Gesichtseindruck fr\u00fcher als die \u00fcbrigen ins Bewusstsein dringt, und falls dieses der Fall ist, so muss festgestellt werden, ob die associativen Beziehungen bei dieser Auswahl massgebend waren. Um aber zu kontrollieren, dass nicht zuf\u00e4llige \u00e4ussere Umst\u00e4nde das Hervortreten des bestimmten Eindruckes bedingten, wird zu verschiedenen Zeiten genau derselbe Reizkomplex dargeboten und das Bewusstsein jedesmal anders beeinflusst, so dass, wenn wirklich associative","page":12},{"file":"p0013.txt","language":"de","ocr_de":"13\nErregungen das Entscheidende sind, jedesmal andere Objekte zuerst hervortreten m\u00fcssen.\nAls Lichtreize dienten uns vierhundert nichtkolorierte Bilder aus den Zeitschriften \u201eIllustrierte Zeitung\u201c, \u201eKunst f\u00fcr alle\u201c, \u201eBildende Kunst\u201c und \u201eKlassischer Bilderschatz\u201c. Ich w\u00e4hlte durchweg Bilder mit reichem Detail, sei es Landschaften mit reicher Staffage, sei es leicht \u00fcbersichtliche historische Darstellungen oder Genrebilder. Das Bild stand auf einem Pult mit einem Vorhang bedeckt; der Vorhang wurde dann auf ein Signal so schnell weggezogen, dass auf einmal das ganze Bild sichtbar wurde. Die Versuchsperson sass in der geeigneten Entfernung, um das vollst\u00e4ndige Bild mit einem Blick zu \u00fcbersehen und doch alle Details deutlich zu erkennen. Als Reiz zur vorbereitenden associativen Beeinflussung dienten zugerufene Worte. Zwei Sekunden, ehe ich den Vorhang fortzog, rief ich ein einzelnes Wort aus, dem die Versuchsperson ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden hatte und das zugleich als Signal f\u00fcr die Darbietung des Bildes galt. Dem Bilde gegen\u00fcber hatte die Versuchsperson sich vollkommen passiv zu verhalten. Sie sollte nicht etwa nach einem Objekt auf dem Bilde suchen, das zu dem zugerufenen Wort in Beziehung stand; sie sollte sich auch nicht bem\u00fchen, von vornherein einen Teil des Bildes statt des ganzeu, ein Objekt statt mehrerer zu fixieren, sondern die \"Versuchsperson hatte lediglich abzuwarten, in welcher WTeise das Bild ihr Bewusstsein ber\u00fchren w\u00fcrde, speziell ob ein einzelnes Objekt des Bildes fr\u00fcher gesehen wurde als andere, und wenn dieses eintrat, hatte sie anzugeben, welches Objekt es war.\nEs kam hierbei also alles auf die Selbstbeobachtung beim Ablauf der Erscheinungen an. Zuerst glaubten wir, den Versuchen eine objektivere Grundlage zu geben, wenn wir die Versuchsperson n\u00f6tigten, so schnell als m\u00f6glich nach der Darbietung des Bildes einen beliebigen Gegenstand desselben zu nennen. In dieser Form hatte ich die vorbereitenden Versuche mit den Herren Strong und F\u00f6rster angestellt. Es blieb","page":13},{"file":"p0014.txt","language":"de","ocr_de":"14\ndabei aber unbeachtet, ob das Erstgenannte auch wirklich das Erstgesehene war; es konnte vielleicht mit anderem gleich-zeitig gesehen sein und erst nachtr\u00e4glich die Aufmerksamkeit sich ihm zugewandt haben. Vor allem stellte sich heraus, dass das erste Wort, welches auf die Lippen trat, nicht selten ein Objekt bezeichnete, welches merklich sp\u00e4ter gesehen wurde als ein anderes, dessen Bezeichnung vielleicht weniger gel\u00e4ufig war. Das Ergebnis der Selbstwahrnehmung musste somit allein zum Massstab genommen werden. Eine gewisse Uebung ist dabei unerl\u00e4sslich; im Anfang begegnen h\u00e4ufig schwankende Aussagen, ob der Wahrnehmung eines einzelnen Objektes schon die Auffassung mehrerer fl\u00fcchtig vorausging oder nicht, ob von mehreren Objekten zuerst das eine oder das andere gesehen wurde und \u00e4hnliches. Allm\u00e4hlich werden aber die Aussagen immer sicherer; die Versuche, \u00fcber die ich berichte, sind s\u00e4mtlich nach Absolvierung des Uebungsvor-stadiums angestellt, so dass die Versuchspersonen fast ausnahmslos sofort sicher angeben konnten, wie der Prozess der Bildauffassung ablief.\nUnsere Protokolle beziehen sich auf 2000 Versuche an 400 Bildern ; jedes Bild ist also etwa f\u00fcnfmal dargeboten, und zwar lag zwischen zwei Wiederholungen desselben Bildes jedesmal eine Pause von mindestens zehn Tagen. So oft dasselbe Bild wiederkehrte, wurde jedesmal ein neues Wort zugerufen. Bei den 2000 Versuchen trat 857mal der Fall ein, dass ein Objekt des Bildes bestimmt zuerst, und zwar merklich fr\u00fcher als die anderen Bildteile, aufgefasst wurde. In den \u00fcbrigen 1143 F\u00e4llen war entweder das Ganze auf einmal gesehen worden oder mehrere Objekte, welche sich nicht als zusammengeh\u00f6rige Einheit auffassen liessen. Unter den 857 F\u00e4llen ist 192mal zweifellos der \u00e4ussere Eindruck des betreffenden Objektes die Ursache f\u00fcr die Bevorzugung in der Auffassung gewesen. So war auf einem sehr dunkel gehaltenen Bilde ein einziger heller Gegenstand, dessen Lichtst\u00e4rke durch den Kontrast so lebhaft gesteigert war, dass der","page":14},{"file":"p0015.txt","language":"de","ocr_de":"15\nBlick unwillk\u00fcrlich angezogen wurde ; obgleich f\u00fcnfmal immer neue Worte zugerufen wurden, die zu dem hellen Gegenstand ohne Beziehung waren, wurde doch immer wieder nur er zuerst gesehen. In einigen anderen F\u00e4llen konnte es zweifelhaft sein, ob die Beschaffenheit des Eindrucks oder die Association bestimmend wirkte; ich rechne diese F\u00e4lle dann den Associationswirkungen zu, wenn bei einem anderen zugerufenen Wort das zuerst gesehene Objekt ein anderes ist oder wenn dasselbe im Bilde so zur\u00fccktritt, dass es dem unbeeinflussten Bewusstsein sich niemals zuerst dargehoten h\u00e4tte. Von den \u00fcbrig-bleibenden 665 F\u00e4llen gehen wiederum 48 ab, bei denen offenbar zwar associative Erregungen mitspielen, bei denen aber nicht die Wirkungen des zugerufenen Wortes, sondern andere zuf\u00e4llig gegenw\u00e4rtige Bewusstseinsinhalte oder die Associationen eines fr\u00fcheren Versuches massgebend sind.\nEs bleiben somit 617 F\u00e4lle von 2000 Versuchen, also fast ein Drittel, hei denen die Versuchspersonen sich mit Sicherheit bewusst waren, dass sie einen bestimmten Gegenstand des dargebotenen Bildes fr\u00fcher warnahmen als alles andere, und bei denen die objektive Pr\u00fcfung es zweifellos machte, dass das zugerufene Wort die Ursache dieser Auswahl war, obgleich die Versuchsperson nichts von diesem Zusammenhang wusste. Die Erscheinung ist dort nat\u00fcrlich am auffallendsten und \u00fcberzeugendsten, wo dasselbe Bild ganz verschiedene erste Eindr\u00fccke hervorrief. Wir haben einige F\u00e4lle, in denen sogar bei s\u00e4mtlichen f\u00fcnf Darbietungen desselben Bildes jedesmal ein Objekt vor allen anderen gesehen wurde, und zwar jedesmal ein anderes. Als Beispiel solcher F\u00e4lle f\u00fchre ich folgende an. Gezeigt w\u00fcrde ein modernes Genrebild, und zwar f\u00fcnfmal innerhalb zw\u00f6lf Wochen; Versuchsperson W. Das erste Mal wurde \u201eStuhl\u201c zugerufen, das erste,\twas gesehen wurde, war \u201eTisch\u201c; das zweite\tMal\nzugerufen\t\u201eWein\u201c,\tzuerst gesehen\t\u201eFlasche\u201c;\tdas\tdritte\tMal\nzugerufen\t\u201eKnabe\u201c,\tzuerst gesehen\t\u201eM\u00e4dchen\u201c;\tdas\tvierte\tMal\nzugerufen\t\u201eGeige\u201c,\tzuerst gesehen\t\u201eKlavier\u201c;\tdas\tletzte\tMal","page":15},{"file":"p0016.txt","language":"de","ocr_de":"16\nzugerufen \u201eMantel\u201c, zuerst gesehen \u201eHut\u201c. Das Protokoll erw\u00e4hnt beim zweiten und f\u00fcnften Mal ausdr\u00fccklich, dass die Wahrnehmung von \u201eFlasche\u201c und \u201eHut\u201c so unbedingt das erste war, was sich dem Blick darbot, dass die Versuchsperson selbst geradezu \u00fcberrascht war, da die auf dem Tisch stehende Flasche und der von einem Herrn in der Hand gehaltene Cylinderhut bei weitem weniger geeignet schienen, den Blick auf sich zu ziehen, als etwa das Klavier oder die M\u00e4nnergestalt oder die M\u00e4dchenerscheinung. Aus den Aussagen der Versuchsperson S. erw\u00e4hne ich folgendes Beispiel. Gezeigt wurde eine reiche Landschaft mit altdeutscher Jagdgesellschaft. Zugerufen \u201eLanze\u201c, gesehen \u201eArmbrust\u201c; zugerufen \u201eHaus\u201c, gesehen \u201eKapelle\u201c; zugerufen \u201eEsel\u201c, gesehen \u201ePferd\u201c; zugerufen \u201eTanne\u201c, gesehen \u201eEiche\u201c; zugerufen \u201eKatze\u201c, gesehen \u201eHund\u201c. Bei der unbeeinflussten Auffassung dieses Bildes h\u00e4tte zweifellos das helle Pferd im Vordergrund den Blick auf sich gelenkt; trotzdem war die Versuchsperson vollkommen sicher, Hund, Armbrust, Kapelle und Eiche in den betreffenden Versuchen zuerst vor allem Uebrigen gesehen zu haben.\nSolche F\u00e4lle, in denen bei f\u00fcnfmaligem Zeigen jedesmal ein anderer Gegenstand zuerst gesehen wurde, sind nat\u00fcrlich selten; sie kamen bei 17 Bildern vor. Vier verschiedene erste Eindr\u00fccke wurden 19mal beobachtet, drei verschiedene schon bei 47 Bildern, zwei verschiedene bei 82 Bildern, und bei 151 Bildern war das zuerst gesehene Objekt wenigstens einmal unbedingt durch die Einwirkung des zugerufenen Wortes herausgehoben. Es blieben somit von 400 Bildern nur 84, bei denen die vorherige Beeinflussung des Bewusstseins ohne Wirkung auf die optische Wahrnehmung blieb. W\u00fcrden wir aber selbst die 151 F\u00e4lle, bei denen nur einmal ein bestimmtes Objekt unter dem Einfluss des zugerufenen Wortes zuerst hervortrat, als zweifelhaft betrachten, weil es doch immerhin denkbar w\u00e4re, dass diese Objekte vielleicht auch den Blick des unbeeinflussten Subjektes angezogen h\u00e4tten, so bleiben noch","page":16},{"file":"p0017.txt","language":"de","ocr_de":"17\nimmer 165 Bilder, bei denen nach dem zugerufenen Wort zwei, drei, vier oder f\u00fcnf verschiedene Gegenst\u00e4nde sich zeitlich vor allen \u00fcbrigen bemerkbar machten. Sie bilden einen zwingenden Beweis daf\u00fcr, dass eine Bevorzugung bestimmter Wahrnehmungsobjekte auf Grund associativer Momente der Wahrnehmung selbst vorangehen kann, die \u00e4ussere Erregung also nicht erst dann Associationen erweckt, sobald sie sich in einen bewussten Vorgang umgesetzt hat, sondern zwischen \u00e4usserer Reizung und bewusster zentraler Erregung eine nicht bewusste Zwischenstufe liegt, in der das Spiel der auf associativen Miterregungen beruhenden Verst\u00e4rkungen und Hemmungen, Beschleunigungen und Verlangsamungen ebenso wirksam sein kann wie im Bewusstsein selber.\nIII.\nDie Ansichten der Psychologen gehen noch immer dar\u00fcber auseinander, ob zwischen dem sinnlichen Eindruck und der in der Phantasie oder Erinnerung entstehenden Reproduktion desselben ein prinzipieller Unterschied besteht. Dass die reproduzierte Empfindung gew\u00f6hnlich durch die Hemmung, welche sie durch andere gegenw\u00e4rtige Sinneseindr\u00fccke erf\u00e4hrt, an St\u00e4rke, Lebhaftigkeit, Best\u00e4ndigkeit und Deutlichkeit hinter dem sinnlichen Eindruck zur\u00fccksteht, bezweifelt niemand; es fragt sich nur, ob dieser Unterschied ein notwendiger ist, und ob nicht unter g\u00fcnstigen Bedingungen beide v\u00f6llig ununterscheidbar werden k\u00f6nnen. Die abnormen Erscheinungen des Traumes, der hypnotischen Suggestion, der Hallucination u. s. w. sind dabei besser ausser acht zu lassen, weil sie, wie es durch Meynert u. a. geschah, eine Deutung zulassen, die sie von den eigentlichen Erinnerungs-erscheinungen abl\u00f6st.\nIm normalen psychischen Leben sind es nun zweifellos die Apperceptionsillusionen, welche am lebhaftesten f\u00fcr die prinzipielle Gleichheit der wahrgenommenen und der repro-\nM\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\t2","page":17},{"file":"p0018.txt","language":"de","ocr_de":"18\nduzierten Empfindungen sprechen. Wir sehen, wir h\u00f6ren, wir tasten einen Reizkomplex und fassen ihn so auf, dass wir die L\u00fccken unserer Wahrnehmung durch die Reproduktionen fr\u00fcherer Erfahrungen ausf\u00fcllen, ohne dass uns ein Unterschied zwischen objektivem Eindruck und subjektiver Zuthat \u00fcberhaupt ins Bewusstsein tritt. Solche gelegentlichen Beobachtungen sind aber insofern nicht recht beweiskr\u00e4ftig, als das t\u00e4gliche Leben uns kaum jemals n\u00f6tigt, den dem Bewusstsein gegenw\u00e4rtigen Empfindungskomplex wirklich zu analysieren; wir begn\u00fcgen uns mit dem Sinn, der Bedeutung, dem Wert der Eindr\u00fccke, d. h. der Eindruck hat seine Funktion erf\u00fcllt, sobald die entsprechenden intellektuellen und emotionellen Associationen erweckt sind, und diese k\u00f6nnen offenbar entstehen, selbst wenn der Empfindungskomplex, auf den sie sich eigentlich beziehen, gar nicht vollst\u00e4ndig im Bewusstsein war, sondern nur durch einen Teil desselben vertreten wurde. Wir verstehen vielleicht den Sinn eines Wortes aus dem Zusammenhang der Rede, ohne jeden einzelnen Laut des Wortes wirklich geh\u00f6rt zu haben; aber nur theoretische Erw\u00e4gung, nicht thats\u00e4chliche Erfahrung k\u00f6nnte nachtr\u00e4glich behaupten, dass wirklich der gesamte Schallempfindungskomplex, auf den sich die Bedeutungsassociationen beziehen, im Bewusstsein erweckt war, dass also die nichtgeh\u00f6rten Laute durch akustische Empfindungsreproduktionen aus der Erinnerung ersetzt waren. Vielleicht haben die wirklich geh\u00f6rten Empfindungen schon ausgereicht, unsere Vorstellungen und Gef\u00fchle so zu beeinflussen, als wenn wir das Ganze wahrgenommen h\u00e4tten.\nEntscheidend werden daher nur solche F\u00e4lle sein, bei denen eine genaue Analyse des erfahrenen Empfindungskomplexes gefordert werden kann. Es wird Aufgabe des Experimentes sein, in diesem Sinne planm\u00e4ssig analysierbare und kontrollierbare Illusionen herbeizuf\u00fchren. Am besten werden sich dazu F\u00e4lle irrt\u00fcmlichen Lesens eignen. ' Die Tabelle gelegentlich beobachteter Leseirrt\u00fcmer, welche Avenarius in seiner an feinen psychologischen Beobachtungen \u00fcberaus reichen","page":18},{"file":"p0019.txt","language":"de","ocr_de":"19\n\u201eKritik der reinen Erfahrung\u201c (Bd. II, S. 472) mitteilt, gab mir die Anregung, die Untersuchung gerade auf diesem Gebiet zu f\u00fchren. Auch die Avenarius sehen Mitteilungen lassen nat\u00fcrlich, da sie lediglich zur Illustration der Apperceptionsirrt\u00fcmer bestimmt sind, keine Entscheidung dar\u00fcber zu, ob die falsch gelesenen Wortteile \u2014 Abstraktion f\u00fcr Astrabikon, Staatsexamen f\u00fcr Staarextraktion u. s. w. \u2014 wirklich im Bewusstsein durch Reproduktionen von sinnlicher St\u00e4rke ersetzt waren, oder ob die falsche Auffassung schon an die richtig gelesenen Buchstaben f\u00fcr sich allein ankn\u00fcpfte. Waren es doch durchweg zuf\u00e4llig gewonnene, gelegentliche Erfahrungen, bei denen eine n\u00e4here Analyse des Empfindungskomplexes in Bezug auf die angegebene Alternative nicht nur \u00fcberfl\u00fcssig, sondern auch schwer m\u00f6glich war, da der Reiz fortdauerte und der bei fl\u00fcchtigem Anblick gewonnene irrt\u00fcmliche Eindruck sofort durch genaueres Hinsehen korrigiert wurde.\nWir mussten also Versuchsbedingungen herstellen, bei denen der Gesichtsreiz, das gedruckte Wort, ebenfalls so fl\u00fcchtig gesehen wurde, dass irrt\u00fcmliche Auffassung m\u00f6glich, war; dann aber musste erstens der Reiz sofort auf h\u00f6ren, so dass die erste Auffassung nicht korrigiert werden konnte, und zweitens musste die Versuchsperson sich \u00fcben, ihre Aufmerksamkeit speziell darauf zu richten, welche Buchstaben des Wortes sie bestimmt wirklich gesehen zu haben glaubte. Aber auch dann w\u00e4re noch die M\u00f6glichkeit offen, dass die etwaige irrt\u00fcmliche Gesichtsempfindung eine objektive sinnliche Grundlage h\u00e4tte; die Irrt\u00fcmer k\u00f6nnten durch Zuf\u00e4lligkeiten der Druckschrift, der Beleuchtung, des Augenzustandes u. s. w. entstanden sein. Es galt daher, die Irrt\u00fcmer selbst nicht dem Zufall zu \u00fcberlassen, sondern planm\u00e4ssig in bestimmte Richtung zu lenken ; wird beispielsweise absichtlich ein bestimmter Vorstellungskreis erweckt, ehe das zu lesende Wort sich zeigt, und das Wort wird nun irrt\u00fcmlich im Sinn dieser Vorstellungsgruppe aufgefasst, so k\u00f6nnen nicht periphere Zuf\u00e4lligkeiten die falsche Auffassung bedingt haben, sondern die irrt\u00fcmlichen","page":19},{"file":"p0020.txt","language":"de","ocr_de":"20\nErg\u00e4nzungen m\u00fcssen reine centrale Reproduktionen sein. Andererseits w\u00fcrde nat\u00fcrlich die Beeinflussung durch die vorher erweckte Vorstellung wegfallen, wenn die Versuchsperson weiss, dass das gedruckte Wort, richtig gelesen, ohne Beziehung zu jener Vorstellung ist und dass erst durch irrt\u00fcmliches Lesen jene Beziehung entstehen kann. Jene F\u00e4lle irrt\u00fcmlicher Beeinflussung d\u00fcrfen mithin nur seltene Vexierf\u00e4lle sein, w\u00e4hrend bei der Mehrzahl der Versuche das vorher erweckte Wort in associativer Beziehung zu dem richtig gelesenen stehen muss und die Versuchsperson somit ohne Misstrauen berechtigt ist, in dem Gesichtseindruck ein Wort zu erwarten, das dem vorher angeregten Gedankenkreis entspricht.\nIn dieser Weise wurden nun die Versuche eingerichtet, die ich im Wintersemester 91/92 mit den Herren Christiansen, Smith und Wadsworth begann; wir alle vier fungierten abwechselnd als Versuchspersonen. Eine gr\u00f6ssere Zahl von Versuchen wurde dann in den Osterferien 92 durch die verschiedensten Assistenten an mir selber ausgef\u00fchrt. Als Lichtreiz dienten einzelne, aus Zeitungen oder B\u00fcchern ausgeschnittene Worte, welche, zwischen zwei Glaspl\u00e4ttchen festgehalten, hinter einem photographischen Momentverschluss angebracht wurden. Der exakt regulierbare, mit Gummiballon ausl\u00f6sbare Momentverschluss wurde vertikal von einem festen Stativ auf dem Tisch getragen; die Versuchsperson hatte selbst den Ausl\u00f6ser in der Hand, um in dem Augenblick gespanntester Aufmerksamkeit durch leichten Druck die Blende sich konzentrisch \u00f6ffnen und sofort wieder schliessen zu lassen. Nach einiger Uebung konnten wir bei gew\u00f6hnlicher Druckschrift die k\u00fcrzeste Belichtungszeit benutzen, welche der Apparat darbot; bei Messung mittels kreisender Magnesiumflamme ergab sie sich als 0,02 bekunden. Das Mort musste nat\u00fcrlich dicht hinter der Blende angebracht sein, auf welche vorher der Blick gerichtet war, da sonst die Zeit nicht zui neuen Akkommodation des Auges ausgereicht h\u00e4tte. Die Versuchspersonen \u00fcbten sich nun zuerst an immer neuen V orten,","page":20},{"file":"p0021.txt","language":"de","ocr_de":"\n\u2014 21 -\nohne vorherige Beeinflussung, zu erkennen, was in der kurzen Zeit zu erkennen m\u00f6glich war, und vor allem zu unterscheiden, was sie deutlich und was sie undeutlich zu sehen glaubten, respektive was sie selbst nur zu erg\u00e4nzen oder zu erraten glaubten. Nicht selten wurde das Wort ganz richtig gelesen und trotzdem ausgesagt, dass diese und jene Buchstaben nur undeutlich oder gar nicht gesehen worden seien.\nDann erst begannen die eigentlichen Experimente. Unmittelbar vor dem Oeffnen der Blende wurde der Versuchsperson ein Wort zugerufen, und zwar unter 20 F\u00e4llen 15- oder l\u00d6mal ein solches, welches mit dem gedruckten Wort in asso-ciativer Beziehung stand, 4- oder 5mal ein solches, welches zu dem gedruckten Worte nur dann Beziehung hatte, wenn dasselbe in mehr oder weniger naheliegender Weise irrt\u00fcmlich aufgefasst wurde. Die Versuchsperson gab sich v\u00f6llig harmlos dem Gesichtseindruck hin, mit Recht jedesmal erwartend, dass sie ein passendes Wort zu lesen bek\u00e4me, da dieser Fall ja 3- oder 4mal so h\u00e4ufig eintreten musste als der andere. Da das Wort sofort wieder verschwand, so konnte in keinem Fall die erste Auffassung durch die Fortdauer des Sinneseindrucks korrigiert werden, und die Versuchsperson konnte, ungest\u00f6rt durch nachfolgende Eindr\u00fccke, den empfangenen Eindruck analysieren, speziell angeben, was sie mit Bestimmtheit gesehen zu haben glaubte.\nIn der gr\u00f6sseren Zahl von F\u00e4llen war der Vexierversuch vergeblich; das Wort wurde dann richtig so gelesen, wie es gedruckt war, wenn es auch ohne jede Beziehung zu der zugerufenen Vorstellung war. Unter 100 Versuchen waren also etwa 20 bis 25 Vexierversuche, und unter diesen wurde durchschnittlich 12-bis 15mal vergeblich versucht, einen Irrtum aufzun\u00f6tigen. In 8 bis 10 F\u00e4llen unter 100 Gesamtversuchen pflegte es dagegen zu gelingen ; und hier zeigte sich nun mit \u00fcberraschender Deutlichkeit, dass in der gr\u00f6ssten Zahl der T\u00e4uschungsf\u00e4lle, obgleich hier die T\u00e4uschung doch unbedingt centrale Ursachen hat, die Versuchsperson doch diejenigen","page":21},{"file":"p0022.txt","language":"de","ocr_de":"22\nBuchstaben, welche sie subjektiv hinzuerg\u00e4nzt oder ver\u00e4ndert hatte, mit Bestimmtheit wirklich gesehen zu haben glaubte. Ja, zuweilen kam es vor, dass die Versuchsperson angab, nur einige Buchstaben klar und deutlich, andere undeutlich erkannt zu haben, und dass die hinzuerg\u00e4nzten Buchstaben dann gerade in die erste Gruppe geh\u00f6rten, w\u00e4hrend objektiv vorhandene Buchstaben verschwommen schienen oder nur erraten wurden. Wir d\u00fcrfen aus diesem Ergebnis den bestimmten Schluss ziehen, dass die im normalen Zustand reproduzierten Empfindungen unter g\u00fcnstigen Bedingungen von sinnlichen Eindr\u00fccken nicht unterschieden werden k\u00f6nnen.\nFolgende Beispiele m\u00f6gen die Versuche verdeutlichen. Versuchsperson C. las, als ihm \u201eVerzweiflung\u201c zugerufen wurde: \u201eTrost4* statt \u201eTriest\u201c; als \u201eEisenbahn\u201c gerufen war: \u201eTunnel\u201c statt \u201eTumult\u201c; als \u201eObst\u201c gerufen: \u201eFrucht\u201c statt \u201eFurcht\u201c; als \u201eSchwester\u201c gerufen: \u201eBruder\u201c statt \u201eBaader\u201c; als \u201eUniversit\u00e4t\u201c gerufen: \u201eVorlesung\u201c statt \u201eVerlesung\u201c; als \u201eKaffee\u201c gerufen: \u201eSchokolade\u201c statt \u201eSchublade\u201c, letzteres nicht ohne Verwunderung, dass Chokolade mit Sch gedruckt war, aber mit der bestimmten Versicherung, alle Buchstaben des Wortes deutlich gesehen zu haben. Ueberhaupt war bei diesen Beispielen wie in zahlreichen anderen F\u00e4llen jedesmal nach der Ueberzeugung der Versuchsperson jeder Buchstabe des subjektiv aufgefassten Wortes deutlich erkannt. In anderen F\u00e4llen blieben einige Buchstaben undeutlich. Als das Wort \u201eArbeit\u201c zugerufen wurde, las C. \u201eBesch\u00e4ftigung\u201c statt \u201eBeschr\u00e4nkung\u201c, erkl\u00e4rte aber die letzten Buchstaben \u201eung\u201c nur erraten zu haben, w\u00e4hrend er das andere deutlich gesehen.\nVersuchsperson M. verhielt sich in genau gleicher Weise. Beispielsweise, es wurde zugerufen : \u201eBrocken\u201c, gelesen \u201eHarz\u201c statt \u201eHerz\u201c; gerufen: \u201eExplosion\u201c, gelesen: \u201eDynamit\u201c statt \u201eDamit\u201c; gerufen: \u201eNerventh\u00e4tigkeit\u201c, gelesen: \u201eMuskelfunktionen\u201c statt \u201eModulfunktionen\u201c; gerufen: \u201ePolitik\u201c, gelesen: \u201eVersammlung\u201c statt \u201eVasensammlung\u201c; gerufen: \u201eRaupe\u201c; gelesen: \u201eSchmetterling\u201c statt \u201eS\u00e4mtliche\u201c; gerufen: \u201eBaro-","page":22},{"file":"p0023.txt","language":"de","ocr_de":"23\nmeter\u201c; gelesen: \u201eThermometer\u201c statt \u201eTheatermarke\u201c. Selbst bei so ganz falsch gelesenen Worten war M. \u00fcberzeugt, s\u00e4mtliche Buchstaben gelesen zu haben. In anderen F\u00e4llen bezog sich auch f\u00fcr M. die subjektive Sicherheit nur auf einen Teil des Wortes; als z. B. \u201eSchmerzempfindung\u201c anstatt \u201eStammbildungslehre\u201c gelesen wurde, behauptete M., nur \u201eSchmerz\u201c ganz deutlich Buchstabe f\u00fcr Buchstabe erkannt zu haben, w\u00e4hrend der Rest mehr erraten war.\nDie Versuche von S. und W. wurden mit englischen Worten ausgef\u00fchrt, und auch hier ergaben sich dieselben Verh\u00e4ltnisse. Es scheint sich somit auch nicht um individuell verschiedene Lebhaftigkeit der Phantasie zu handeln, sondern regelm\u00e4ssig ist die unter g\u00fcnstigen Bedingungen reproduzierte Empfindung und die Empfindung in der sinnlichen Wahrnehmung psychologisch und dementsprechend wohl auch psychophysisch ein und dasselbe.\nIV.\nDie qualitative Untersuchung der Associationen war, soweit systematisch - experimentelle Pr\u00fcfungen und nicht nur gelegentliche Beobachtungen in Frage kommen, bisher im wesentlichen, wenn ich von Galtons ersten Versuchen absehe, an einem Material vorgenommen (Trautscholdt, Cattell, Kr\u00e4pelin u. a.), das f\u00fcr andere Zwecke, und zwar in erster Linie f\u00fcr psychometrische Studien, gewonnen war. Die Verkn\u00fcpfung des Experiments mit der Zeitmessung brachte dabei stets manche St\u00f6rung des Associationsvorganges mit sich, und vor allem war die Gewinnung des Materials dadurch so m\u00fchsam, dass die Sammlung einiger hundert Associationen schon das Ergebnis langer Arbeit war. Das empirische Material, auf das sich fr\u00fchere Betrachtungen st\u00fctzten, war daher \u00fcberaus sp\u00e4rlich und durchaus nicht einwandsfrei. Es lag somit nahe, die Sammlung associativen Materials einmal unabh\u00e4ngig von zeitmessendenVersuchen zu unternehmen, um ausgiebige Unter-","page":23},{"file":"p0024.txt","language":"de","ocr_de":"24\nl\u00e4ge f\u00fcr qualitative Studien zu gewinnen und ein Material zu erzielen, das nicht in der Hast maximaler Associationsgeschwindigkeit entstanden ist.\nScripture und ich sind, unabh\u00e4ngig voneinander, ungef\u00e4hr zu gleicher Zeit dieser Aufgabe n\u00e4her getreten, und ohne voneinander zu wissen, sind wir zum Teil denselben Weg gegangen, insofern auch ich den Versuchspersonen einfache oder komplizierte Lichteindr\u00fccke darbot und die gesamte Associationsverkettung fixieren liess, die in den folgenden Sekunden im Bewusstsein eintrat. Scriptures bez\u00fcgliche Versuche sind seitdem in seiner anregenden Untersuchung \u00fcber den associativen Verlauf der Vorstellungen mitgeteilt, und meine Ergebnisse sind den seinigen so \u00e4hnlich, dass ein n\u00e4heres Eingehen nur eine wertlose Wiederholung w\u00fcrde.\nAnders liegt es dagegen mit denjenigen Versuchen, bei denen ich zugerufene Worte als Schallreize benutzte und die Versuchsperson, die mit geschlossenen Augen das Wort h\u00f6rte, lediglich diejenige Vorstellung, dasjenige Wort zu nennen hatte, das sich zuerst an das gegebene Wort ankn\u00fcpfte. Dieser Art war die gr\u00f6sste Zahl meiner Versuche, und sie werden in mancher Beziehung geeignet sein, Scriptures Studien zu erg\u00e4nzen oder Gebiete zu pr\u00fcfen, auf welche sich seine Untersuchung gar nicht erstreckte. Ich habe solche Versuche seit drei Jahren in immer neuen Variationen angestellt und habe nunmehr ein Material von weit \u00fcber 50000 Associationen aufgespeichert. Aber Associationen, die ja nicht zusammenaddiert werden k\u00f6nnen, sondern jede einzeln bearbeitet werden wollen, sind nicht so leicht zu verwerten wie etwa die gleiche Anzahl zifferm\u00e4ssiger Ergebnisse. Die Bearbeitung der unheimlich angeschwollenen Wortmassen wirklich durchzuf\u00fchren und die Ergebnisse derselben unter die mannigfachen Gesichtspunkte zu ordnen, von denen aus ich die Versuche angestellt, ist mir daher vorl\u00e4ufig noch nicht gelungen und wird noch Jahre beanspruchen. Hier m\u00f6chte ich nur einige nebenbei gewonnene Resultate mitteilen, deren Feststellung eigentlich","page":24},{"file":"p0025.txt","language":"de","ocr_de":"25\nnicht im Plan meiner Aufgabe lag, die aber als Nebenergebnis eines Teiles der Versuche auffallend hervortraten. Ich habe dabei erstens die Frage der \u201en\u00e4chstliegenden\u201c Associationen im Auge und dann die Frage nach den individuellen Unterschieden in der Bevorzugung gewisser logischer Begriffsverh\u00e4ltnisse.\nDas speziell f\u00fcr diese beiden Nebenfragen in Betracht kommende Material besteht aus 9600 Associationen, welche in folgender Weise gewonnen wurden. Erstens wurden 200-Substantiva, 100 Adjektiva, 100 Verba zw\u00f6lf verschiedenen Versuchspersonen, jedem in genau derselben Reihenfolge, zugerufen, und jeder musste mit geschlossenen Augen die n\u00e4chst-liegende Association aussprechen. Regelm\u00e4ssig rief ich selber die Worte zu und notierte zugleich die Associationen. Auf diese Weise entstanden 4800 Verkn\u00fcpfungen. Ausserdem aber gab ich vieren von diesen zw\u00f6lf Versuchspersonen jene Reihe von 400 Worten nicht nur einmal, wie den \u00fcbrigen acht,, sondern jedem viermal in Zwischenr\u00e4umen von je drei Monaten etwa. So kamen noch weitere 4800 Associationen zu st\u00e4nde. Bei allen anderen Versuchen wurde \u00fcbrigens nicht ein einzelnes Wort, sondern mehrere zugerufen oder die Association war begrenzt.\nEs ist klar, dass die so gewonnenen fast zehntausend Associationen eine hinreichende Unterlage f\u00fcr die Er\u00f6rterung bieten k\u00f6nnen, ob wir das Recht haben, in der Associationspsychologie eine gewisse Konstanz der n\u00e4chstliegenden Associationen vorauszusetzen. Die Bem\u00fchungen, unseren Vorstellungswechsel auf die gesetzm\u00e4ssige Wirksamkeit des Associationsmechanismus zur\u00fcckzuf\u00fchren, Hessen unverkennbar h\u00e4ufig die Neigung entstehen, soweit m\u00f6glich jeder gel\u00e4ufigen Vorstellung maximale Attraktionskraft zu einer bestimmten anderen Vorstellung zuzuschreiben. Wenn keine Hemmungen einwirken, so muss stets die n\u00e4chstliegende Association ins Bewusstsein treten, und auf der Konstanz dieser n\u00e4chstliegenden Associationen beruht die Gesetzm\u00e4ssigkeit unseres Gedanken-","page":25},{"file":"p0026.txt","language":"de","ocr_de":"26\nablaufs und die relative Uebereinstimmung der Vorstellungsreihen bei den verschiedenen Individuen.\nDie folgenden Zahlen werden zeigen, dass weder das eine noch das andere gilt, dass eine Konstanz der n\u00e4chst-liegenden Associationen selbst bei den gel\u00e4ufigsten Vorstellungen nicht f\u00fcr verschiedene. Zeiten der einzelnen Person und noch weniger f\u00fcr verschiedene Personen untereinander gilt, dass also die konstante Gesetzm\u00e4ssigkeit unseres Vorstellungsablaufes durchaus nicht durch die Attraktion von einem Vorstellungsglied zum anderen erkl\u00e4rt werden kann. Es f\u00e4llt dadurch neues Licht auf die Thatsache, dass das Grundgesetz unseres Vorstellungslebens unm\u00f6glich die blosse Association sein kann, sondern unbedingt die associative Konstellation ist. Jede Vorstellung ist Beziehungsmittelpunkt zu einer grossen Zahl von Vorstellungen, zu denen sie in .leicht wechselndem Anziehungsverh\u00e4ltnis steht; bald ist die eine, bald eine andere am n\u00e4chsten liegend, und solange nur eine Vorstellung wirksam ist, kann von einer Konstanz der Wirkung nur sehr beschr\u00e4nkt die Rede sein. Alle Gesetzm\u00e4ssigkeit beruht erst auf der Konstellation ; sind zwei Associationsmittelpunkte gegeben, so wird notwendig gerade diejenige Vorstellung associert, welche im Associationskreis beider gelegen ist. Konstellation ist das Grundgesetz unseres Vorstellungswechsels. Nur durch Konstellation auch k\u00f6nnen die Vorstellungsreihen verschiedener Individuen sich \u00fcbereinstimmend entwickeln; blosse Associationsreihen, d. h. Verklammerungen von einem Glied zum zweiten, vom zweiten zum dritten w\u00fcrden jeder inneren Konstanz entbehren.\nWie weit eine Person zu verschiedenen Zeiten in ihren Associationen \u00fcbereinstimmt, hat Galton sowohl wie Kr\u00e4pelin schon gelegentlich bei kleineren Versuchsreihen an einer Person beachtet. Beide aber arbeiteten unter Bedingungen, unter denen diese Konstanz in gewissem Sinne Produkt des Erlernens, der wirklichen Ein\u00fcbung sein konnte ; jedes Lernen f\u00e4llt aber schon unter die Konstellation. Kr\u00e4pelin, der in l3/4 Jahren","page":26},{"file":"p0027.txt","language":"de","ocr_de":"27\n18mal von derselben Versuchsperson Associationen zu 50 Worten verlangte, fand, dass nach l3/4 Jahren nur 14 neue Associationen vorgebracht, 36 dagegen von fr\u00fcher reproduziert wurden. Es ist dabei offenbar zu ber\u00fccksichtigen, dass im Beginn der Versuche die Wiederholungen sich t\u00e4glich folgten, bei jeder Wiederholung also noch die Association des vorigen Tages als solche im Ged\u00e4chtnis war und dadurch eine hohe Konstanz systematisch einge\u00fcbt werden musste. Galton hatte gefunden, dass von den 289 verschiedenen Associationen, die er bei wiederholtem Ansehen von 75 Worten bildete, 29 viermal, 36 dreimal und 57 zweimal vorkamen. Das ist nicht viel, und dennoch ist es wahrscheinlich sehr viel mehr, als wie sich ergeben h\u00e4tte, wenn die Versuchsbedingungen strenger gewesen w\u00e4ren. Galton hat sich selber die 75 Worte ausgew\u00e4hlt, die Versuche in Abst\u00e4nden von wenigen Wochen an sich selber angestellt, selbst die Associationen aufgeschrieben und selbst \u00fcber die Associationen nachgedacht, kurzum sich w\u00e4hrend der Versuche mit ihnen soviel besch\u00e4ftigt, dass eigentlich ein noch deutlicheres Uebungsergebnis zu erwarten gewesen w\u00e4re.\nMeine Versuche beziehen sich, wie gesagt, auf vier Personen; jede hat die 400 Associationen viermal gebildet, und zwar in Zwischenr\u00e4umen von mehr als drei Monaten, so dass die erste und vierte Wiederholung meist anderthalb Jahre auseinander lagen. Ueberdies haben sie, die Associationen weder zu sehen bekommen noch selber aufgeschrieben ; zu einer Ein\u00fcbung durch die Versuche selbst war also gar keine Gelegenheit. Das Ergebnis ist folgendes. Unter den 200 durchaus gel\u00e4ufigen Substantiven waren bei Versuchsperson J. nur 8, bei L. 12, bei M. 13 und bei S. 10 Worte, welche viermal dieselbe Association erweckten, also durchschnittlich von 20 Worten nur eines, welches eine verh\u00e4ltnism\u00e4ssig konstante maximale Anziehungskraft zu besitzen scheint. Die ersten drei Associationen waren \u00fcbereinstimmend bei J. in 15, bei L. in 17, bei M. in 21, bei S. in 18 F\u00e4llen, und selbst die zwei ersten Associationen stimmten bei J. nur in","page":27},{"file":"p0028.txt","language":"de","ocr_de":"28\n30, bei L. in 34, bei M. in 37 und bei S. in 31 F\u00e4llen \u00fcberein; also selbst bei zweimaliger Wiederholung deckt sich nur der sechste Teil der Associationen, ein Ergebnis, das bei der grossen Uebereinstimmung der Zahlen f\u00fcr die verschiedenen Versuchspersonen wohl als typisch gelten kann.\nEtwas gr\u00f6sser ist die Konstanz bei den Verben, ein Verh\u00e4ltnis, das aus der psychologisch - logischen Unselbst\u00e4ndigkeit des Verbs leicht erkl\u00e4rt werden kann. F\u00fcr diese Erkl\u00e4rung spricht besonders die Thatsache, dass die konstanten Associationen zu den Verben fast stets als Subjekt oder als Objekt gedachte Substantiva waren, die h\u00e4ufige Association anderer Verben dagegen meist von Versuch zu Versuch regellos wechselte. Auf 100 Verba bildeten viermal \u00fcbereinstimmende Associationen J. 8mal, L. 6mal, M. 9mal und S. 7mal, durchschnittlich also 7,5 \u00b0/o, w\u00e4hrend bei den Substantiven nur durchschnittlich 5,5\u00b0/o viermalige Wiederholungen vorkamen. Dreimalige Wiederholungen boten J. 11, L. 11, M. 14 und S. 10, zweimalige J. 17, L. 20, M. 21, S. 23.\nDie weitaus geringste Konstanz aber bieten die Adjek-tiva; zu 100 Adjektiven wurde viermal dasselbe associiert von J. 2mal, von L. lmal, von M. 5mal, von S. keinmal. Uebereinstimmung der ersten drei Associationen bot J. 5mal, L. 4mal, M. 7mal, S. 3mal; die zwei ersten Reihen deckten sich bei J. 7mal, bei L. 15mal, bei M. 21mal, bei S. 6mal. Wirkliche Konstanz fanden wir also durchschnittlich f\u00fcr Substantiva 5,5, f\u00fcr Verba 7,5, f\u00fcr Adjektiva 2,0\u00b0/o.\nWie wenig konstant die festesten Beziehungen der Vorstellungen zueinander sind, tritt nun aber noch deutlicher hervor, wenn wir diejenigen Associationen mustern, welche sich wirklich als konstant erwiesen. Bei den Adjektiven sind es, um mit der geringsten Ausbeute zu beginnen, bei J. glatt \u2014 Eis, hold\u2014sch\u00f6n, bei L. deutlich\u2014Wort, bei M. bergig\u2014 Thal, eckig\u2014kantig, weiblich\u2014m\u00e4nnlich, m\u00fcde\u2014matt, niedlich \u2014 klein, bei S. nichts. Es leuchtet ein, dass gerade diese Verbindungen unm\u00f6glich den Charakter engster innerer Beziehung","page":28},{"file":"p0029.txt","language":"de","ocr_de":"29\nbeanspruchen k\u00f6nnen, ihre viermalige Wiederkehr zum Teil auf Zufall, zum Teil auf individueller Ein\u00fcbung aus un\u00fcbersehbarer Ursache beruhen muss. Dabei sind unter den 100 Adjektiven eine ganze Reihe, bei denen nach dem Schema der Associationslehre die konstante Association eigentlich nicht zu umgehen ist ; aber selbst gross \u2014 klein, schwarz weiss, sp\u00e4t \u2014fr\u00fch taucht ganz vereinzelt auf.\nNicht anders sieht es bei den Substantiven aus. Die konstanten Verbindungen sind f\u00fcr J. Tisch \u2014 Stuhl, Strasse Pflaster, Sperling\u2014Vogel, Eule \u2014Vogel, Schnecke \u2014 kriechen, Sturm\u2014Wind, Sommer\u2014Winter; f\u00fcr L. Eiche Baum, Amt\u2014W\u00fcrde, Spanien \u2014 Land, Spargel \u2014 essen, Brett Loch, Bier \u2014 trinken, K\u00fcche \u2014 Keller, Leipzig \u2014 Stadt, Woche \u2014Monat, Vogel \u2014 fliegen, F\u00e4cher \u2014Dame, Kreisrund ; f\u00fcr M. Schuh \u2014 Band , Eiche \u2014 Birnbaum, Hirsch \u2014 Kuh, Amt \u2014 Verstand, Orgel \u2014 Pfeife, Leier Kasten, Schweden \u2014 Norwegen, Fieber \u2014 Thermometer, Schnecke \u2014 Haus, Neffe \u2014 Nichte, Groll \u2014 Hass, Salz \u2014 Pfeffer, Feuer \u2014 Wasser; f\u00fcr S. Sieg \u2014 victoire, Gabel \u2014 Messer, Auster \u2014 Schale, Zeus \u2014 Jupiter, Ceder \u2014 Libanon, Schiller \u2014 Goethe, Blut \u2014 rot, Gott \u2014 Teufel, Schande \u2014 Schmach, Raum \u2014 Zeit. Sind auch einige von diesen Associationen in der That derart, dass eine gewisse Best\u00e4ndigkeit erwartet werden k\u00f6nnte, wie Schiller \u2014 Goethe, Sommer\u2014Winter .u. a., so ist doch bei anderen offenbar der Zufall im Spiel oder wenigstens ein zuf\u00e4lliger Erfahrungsfaktor massgebend, so z. B. wenn M. viermal Eiche \u2014 Birnbaum, S. viermal als einzige fremdsprachliche Association unter den vierhundert Worten Sieg \u2014 victoire associiert. In einigen F\u00e4llen ist zweifellos auch der Einfluss der Konstellation wirksam, der nat\u00fcrlich nicht v\u00f6llig ausgeschlossen werden kann, da bei dem H\u00f6ren eines neuen Wortes die Erinnerung an die vorangehenden noch im Bewusstsein fortdauern kann. Ueberall, wo solcher Nebeneinfluss vorangehender Worte mitspielt, ist die Association nat\u00fcrlich eindeutig bestimmt oder wenigstens in enge Grenzen gewiesen,","page":29},{"file":"p0030.txt","language":"de","ocr_de":"30\nso dass bei Wiederholung der Worte in gleicher Reihenfolge die Chance konstanter Associationen zunimmt.\nAuffallender aber noch als die verschwindend geringe Konstanz der Associationen bei derselben Versuchsperson ist der Mangel an Uebereinstimmung bei den verschiedenen Individuen. Ich habe soeben die gesamte Liste derjenigen Sub-stantiva gegeben, deren Associationen bei einer Versuchsperson viermal wiederkehrten; unter diesen 43 Associationspaaren kommt auch nicht ein einziges zweimal vor. Und genau dasselbe gilt f\u00fcr die konstanten Associationen bei den Adjektiven und Verben. Wir stehen also vor der Thatsache, dass wenn 400 gel\u00e4ufige Worte vier verschiedenen Personen je viermal zugerufen werden, nicht ein einziges Wort auch nur bei zwei Personen viermal dieselbe Association erweckt. Es liegt darin klar ausgesprochen, dass auch bei den einfachsten Vorstellungen von einer konstanten maximalen Anziehungskraft zu bestimmten anderen Vorstellungen nicht die Rede sein kann, jede konstante Uebereinstimmung mithin auf Konstellation beruhen muss. Ist doch sogar zu demselben Wort bei verschiedenen Personen zuweilen die verschiedene Association viermal wiedergekehrt; so erg\u00e4nzte L. viermal Amt \u2014 W\u00fcrde, M. viermal Amt \u2014 Verstand; J. associierte viermal Schnecke \u2014 kriechen, M. viermal Schnecke \u2014 Haus.\nDieses Ergebnis wird nun erg\u00e4nzt durch die Vergleichung der Associationen, welche ich bei den acht anderen Versuchspersonen gewann, die nur einmal auf die 400 Worte associa -tiv reagierten. Lasse ich der Einfachheit halber die viermaligen Wiederholungen der vier ersten Versuchspersonen jetzt unber\u00fccksichtigt und nehme von diesen nur ihre erste Associationsreihe, so liegen uns also die erstmaligen Associationen von 12 Personen zu denselben 200 Substantiven , 100 Adjektiven und 100 Verben vor. Das Ergebnis ist, dass unter diesen 400 Worten nicht ein einziges war, welches bei den 12 Versuchspersonen weniger als","page":30},{"file":"p0031.txt","language":"de","ocr_de":"31\n6 verschiedene Associationen erweckte, die meisten riefen acht bis zehn, vereinzelte sogar zw\u00f6lf verschiedene Associationen hervor, obgleich es sich durchweg um gel\u00e4ufige Worte handelt und h\u00e4ufig um Worte, bei denen jeder glaubt, dass seine Association die selbstverst\u00e4ndliche ist. Ein psychologisches Lehrbuch gibt als Beispiel festester Associationen unter anderem Wagen \u2014 Pferde; von meinen zw\u00f6lf Versuchspersonen wurde Rad (dreimal), fahren (zweimal), Droschke, Kutscher, laufen, leicht, Pferdebahn, steht und Strasse associiert, kein einziges Mal aber Pferde.\nAls Beispiel gebe ich von jeder Reihe die Anfangsworte. Die Substantivreihe begann mit folgenden Worten (die eingeklammerten Zahlen geben an, wie oft die Association vorkam).\nBank \u2014 Stuhl (2), sitzen (2), setzen, Fuss, Sessel, rund, Spazierengehen, gr\u00fcn, Lehne, Leute.\nApfel \u2014 Baum (3), Birne (3), pomme, fallen, gross, reif, Kern, rot.\nFenster \u2014 Haus (2), offen (2), durchsehen, Holz, Glas, Bild, viereckig, Kreuz, Rahmen, Festzug.\nSchiff \u2014 Mast (5), Eisen, Stein, Segel, See, Nachen, schwimmt, W^asser.\nAls Beispiele zw\u00f6lffach verschiedener Association f\u00fchre ich an :\nSieg \u2014 Schlacht, Held, Kampf, victoire, Tanz, Herold, Krieg, schnell, Preis, gewinnen, Fluss, Fahne.\nWald \u2014 sch\u00f6n, Baum, Rebe, Eiche, Gedicht, k\u00fchl, Eichendorf, dicht, Tanne, Wiese, gr\u00fcn, Buche.\nStein \u2014 Bach, Mineral, fallen, Eisen, hart, kalt, Salz, Steinzeit, Bein, glatt, Felsen, Sandstein. Ausserdem noch bei den Worten: Brief, Br\u00fccke, F\u00e4cher, Hut, Lampe, Lohn.\nDie am h\u00e4ufigsten wiederkehrenden Associationen waren Elbe \u2014 Fluss, Flasche \u2014 Wein, Kampf \u2014 Sieg, Gabel \u2014 Messer; sie allein kehrten sechsmal wieder, hatten aber dann noch f\u00fcnf bis sechs andere Associationen neben sich, z. B.","page":31},{"file":"p0032.txt","language":"de","ocr_de":"32\nGabel \u2014 Messer (6), Eisen, essen, zinkig, spitz, L\u00f6ffel, Zacke.\nDie Reihe der Adjektiva begann:\nGross \u2014 klein (5), Mensch (2), schlank, Buch, Kirche, Berg, Elephantiasis.\nSp\u00e4t \u2014 fr\u00fch (4), Abend (3), Herbst, Nacht, Laboratorium, klein, Hausschl\u00fcssel.\nWichtig \u2014 wenig, nichtig, That, kaum, Handel, behutsam, unwichtig, nichts, Sache, Studium, ernst, betont.\nDie einzigen sechsmal wiederkehrenden Associationen sind klein \u2014 gross und n\u00f6tig \u2014 n\u00fctzlich. Dagegen w\u00e4chst die Zahl der Worte, welche zw\u00f6lf verschiedene Associationen anregen, hier auf 10 \u00b0/o, w\u00e4hrend es bei den Substantiven nur 4,5 \u00b0/o gewesen waren.\nDie Reihe der Verba begann:\nS\u00f9chen \u2014 finden (4), Pfand, Geld, Hund, Menschen, Bibel, Sachen, warten, hoffen.\nSpinnen \u2014 weben, Schrank, Weib, Spinne, fliegende Holl\u00e4nder, Faden, Poesie, M\u00e4dchen, Wolle, Fichtelgebirge, Spinnrad, Gewebe.\nSch\u00e4umen \u2014 Wein (2), Meer (2), Bier (2), Welle, Pferd, Wasser, rauchen, Champagner, Sprudel.\nHier kommt auch eine siebenfache Association vor, n\u00e4mlich br\u00fcllen \u2014 L\u00f6we; da aber auch hier Stier, Ochs, Wildnis, Menagerie, heulen daneben vorkommt, so ist auch hier \u00fcber die Minimalgrenze von sechs verschiedenen Associationen nicht hinausgegangen. Die Zahl der sechsfachen Associationen w\u00e4chst hier auf 17 \u00b0/o gegen\u00fcber den 2 \u00b0/o bei den Adjektiven, w\u00e4hrend zw\u00f6lf verschiedene Associationen nur bei f\u00fcnf Verben vorkamen.\nV.\nNoch nach einer anderen Richtung gew\u00e4hrt das soeben verwertete Associationsmaterial hohes Interesse: es lenkt die","page":32},{"file":"p0033.txt","language":"de","ocr_de":"33\nAufmerksamkeit auf ein Gebiet der Individualpsychologie, das bisher im wesentlichen unbeachTef geblieben ist. \u201c Wird n\u00e4mlich das vorliegende Associationsmaterial auf Grund der logischpsychologischen Begriffsbeziehungen in Gruppen eingeteilt, so ergibt sich, dass bei den verschiedenen Personen tiefgreifende charakteristische Unterschiede zu bemerken sind. Bei der bisher \u00fcblichen Einteilung wurde in erster Linie der Gegensatz \u00e4usserer und innerer Associationen ber\u00fccksichtigt, dagegen \u00fcbergeordnete und untergeordnete Vorstellungen zusammengenommen, die Beziehungen der Gegenstandsvorstellungen zu den Eigenschafts- und Zustandsbegriffen \u00fcberhaupt nicht in Rechnung gezogen u. s. w.\nDie Associationen, welche jede der zw\u00f6lf Versuchspersonen, bez\u00fcglich der grammatikalischen Kategorie unbeschr\u00e4nkt, zu den 200 Substantiven, 100 Adjektiven und 100 Verben bildete, wurden nach folgenden Einteilungsprinzipien klassifiziert. Zu den Substantiven waren Substantiva, Adjektiva oder Verba associiert. Aus allen drei Gruppen wurde zun\u00e4chst ausgeschieden, was den Charakter individueller Zuf\u00e4lligkeit hatte, d. h. diejenigen Verbindungen, welche ohne besondere Erkl\u00e4rung der Versuchsperson nicht verst\u00e4ndlich sind. Einige derselben lassen sich durch einen pers\u00f6nlichen Kommentar auf eine einfache Begriffsbeziehung reduzieren; es bleibt aber zuverl\u00e4ssiger, solche F\u00e4lle ganz auszuschalten. Die zweite Klasse geh\u00f6rt denjenigen Verbindungen, welche den Charakter einer \u00e4usserlichen Schallassociation besitzen, sei es, dass \u00e4hnlich klingende Worte associiert werden, wie Ceder \u2014 Leder, sei es dass ein Wort durch Zuf\u00fcgung neuer Silben zu einem anderen Wort erg\u00e4nzt wird; das auff\u00e4lligste Beispiel war Reh \u2014 Reaktion. Die dritte Klasse umfasst identische Vorstellungen, bei denen nur die Benennung wechselt, z. B. Zeus \u2014 Jupiter, Ruhm \u2014 gloire. Alle drei Klassen beziehen sich nur auf einen sehr kleinen Teil der F\u00e4lle, zusammen kaum 5 \u00b0/o. Die \u00fcbrigen Gegenstands Vorstellungen werden nun in\n\u00fcbergeordnete, untergeordnete, nebengeordnete und kausalab-M\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\t3","page":33},{"file":"p0034.txt","language":"de","ocr_de":"34\nh\u00e4ngige Associationen eingeteilt; bei den nebengeordneten werden auch noch die in Wechselbeziehung stehenden unterschieden. Die Begriffe Ueberordnung, Unterordnung, Nebenordnung beziehen sich hier nun aber sowohl auf \u00e4usserliche wie auf innerliche Verh\u00e4ltnisse. Wird zu dem Teil eines Gegenstandes der ganze Gegenstand associiert, so ist es eine Ueberordnung, und wird zu einem Begriff der h\u00f6here Klassenbegriff associiert, so gilt dasselbe. Unter die \u201e\u00fcbergeordneten\u201c Associationen geh\u00f6rt also sowohl Fenster \u2014 Haus, Hand \u2014 K\u00f6rper, Blatt \u2014 Eichbaum als auch Elbe \u2014 Fluss, Sperling \u2014 Vogel, Zorn \u2014 Affekt. Ebenso ist \u201euntergeordnet\u201c sowohl der Teil des Gegenstandes gegen\u00fcber dem Ganzen als auch der engere Begriff gegen\u00fcber dem weiteren. Unterordnungsassociationen sind also : Gesicht \u2014 Auge, Strasse \u2014 Haus, Sachsen \u2014 Leipzig, aber ebenso: Blume \u2014 Tulpe, Fluss \u2014 Elbe, Amt, \u2014 Richteramt.. Desgleichen ist nebengeordnet sowohl Rose \u2014 Nelke, Auge \u2014 Nase als auch Zorn \u2014 Hass, Maler \u2014 Dichter und in Wechselbeziehung resp. in der engeren paarweisen Nebenordnung sowohl Messer Gabel, Bruder \u2014 Schwester als auch Kauf \u2014 Verkauf, Hass \u2014 Liebe. Den Abh\u00e4ngigkeitsbeziehungen wurden Associationen wie F\u00e4cher \u2014 K\u00fchlung, Schlacht \u2014 eiserne Kreuz, Fieber Chinin zugeordnet. Die n\u00e4chste Klasse umfasste die zu den Substantiven associierten Adjektiva, welche stets Eigenschaften der Gegenst\u00e4nde bezeichneten, also Ring \u2014 rund, Zweifel\n\u2014\tqu\u00e4lend. Die associierten Verba schliesslich zerfielen in drei Gruppen, erstens solche, bei denen das gegebene Substantiv als Subjekt gedacht war, z. B. Blume \u2014 bl\u00fchen, Vogel\n\u2014\tfliegen, zweitens solche, bei denen das Substantiv direktes Objekt war, z. B. Blume \u2014 pfl\u00fccken, Vogel \u2014 fangen, drittens solche, bei denen das Substantiv in indirekter Beziehung steht, z. B. Koffer \u2014 reisen, Gott beten.\nDie zu den Adjektiven associierten Worte waren auch Substantiva, Adjektiva oder Verba. Wir teilten sie erstens in solche, bei denen das zugerufene Adjektiv als Eigenschaft","page":34},{"file":"p0035.txt","language":"de","ocr_de":"35\neines Gegenstandes oder eines Zustandes gedacht wird, z. B. laut \u2014 Stimme oder laut \u2014 rufen, einig \u2014 Deutschland, einig \u2014 zusammenstehen ; zweitens solche Substantiva, welche dem Adjektiv \u00fcbergeordnet sind, z. B. blau \u2014 Farbe, m\u00fcde \u2014 K\u00f6rperzustand. Die dritte Klasse umfasste Adjektiva \u00e4hnlichen Inhaltes, z. B. gross \u2014 m\u00e4chtig, zierlich \u2014 niedlich; die vierte Klasse Adjektiva entgegengesetzten Inhaltes, z. B. teuer \u2014 billig, gross \u2014 klein. In eine vierte Klasse kamen die entfernteren Beziehungen, z. B. fleissig \u2014 Examen, weiblich \u2014 Botanik.\nDie zu den Verben associierten Worte Hessen sich folgen dermassen gruppieren. Zun\u00e4chst diejenigen Substantiva, welche als Subjekt gedacht sind, z. B. schlagen \u2014 Lehrer, qu\u00e4len \u2014 Physiologe; dann diejenigen, welche Objekt sind, z. B. schlagen \u2014 Sklave, qu\u00e4len \u2014 Hund. Die dritte Klasse umfasst die Adjektiva, welche als n\u00e4here Bestimmung zum Verbum treten, z. B. laufen \u2014 schnell, lesen \u2014 deutlich. In der vierten Klasse stehen alle Verben, welche dem zugerufenen \u00e4hnlich, z. B. lieben \u2014 segnen, gehen \u2014 wandern, .in der f\u00fcnften alle Verben, welche entgegengesetzte Bedeutung haben, z. B. hoffen \u2014 f\u00fcrchten, geben \u2014 nehmen. In der sechsten Klasse sind dann auch hier die entfernteren Beziehungen zusammengefasst, z. B. fragen \u2014 ja, leuchten \u2014 Edison.\nDa die individuellen Associationen sowie die reinen Schallverbindungen und die identischen Associationen f\u00fcr unsere Zwecke hier kein Interesse gew\u00e4hren und sowohl bei den Substantiven wie bei den Adjektiven und Verben nirgends zusammen mehr als 5\u00b0/o betragen, so lasse ich dieselben im folgenden fort und gebe die Werte der Einzelklassen als Prozente der \u00fcbrigbleibenden Associationen, welche 95 bis 98\u00b0/o s\u00e4mtlicher Associationen ausmachten. Die Wiedergabe erfolgt unter Abrundung der Zahlen ohne Decimalstellen, die Summe ist daher nicht \u00fcberall genau hundert.\nUnter Ber\u00fccksichtigung dieser Verh\u00e4ltnisse ergeben sich die folgenden Tabellen, welche deutlich die starken individuellen","page":35},{"file":"p0036.txt","language":"de","ocr_de":"36\nUnterschiede der 12 Versuchspersonen erkennen lassen. Ich ordne sie so, dass Person I bis V ihren Associationsneigungen nach zusammengeh\u00f6ren, desgleichen VI bis VIII und schliesslich IX und X. Die beiden Reihen, welche ich an das Ende gestellt habe, lassen keinen Typus deutlich hervortreten : sie stellen Mischformen dar, welche wir unber\u00fccksichtigt lassen k\u00f6nnen. Heben wir den auff\u00e4lligsten Unterschied hervor, so k\u00f6nnen wir sagen: I bis V sind in erster Linie geneigt, nebengeordnete Vorstellungen zu associieren, VI bis VIII untergeordnete, IX und X \u00fcbergeordnete. Es zeigt sich klar, dass diese Differenz aber nicht nur auf das Verh\u00e4ltnis der Sub-stantiva zueinander beschr\u00e4nkt ist, sondern sich in allen Associationsgruppen wiederholt, so dass wir es offenbar wirklich mit drei verschiedenen Typen intellektueller Physiognomie zu thun haben, zwischen denen es freilich, wie XI 'und XII zeigen, mannigfache Uebergangsformen gibt. Wir gewinnen durch Ber\u00fccksichtigung dieser Unterschiede f\u00fcr die Individualpsychologie die M\u00f6glichkeit, den Temperamentsverschiedenheiten auf emotionellem Gebiet vielleicht intellektuelle Verschiedenheiten mit verh\u00e4ltnism\u00e4ssig scharfer Abgrenzung gegen\u00fcberzustellen, Verschiedenheiten, die sich vielleicht zum Teil als Uebergewicht der Phantasie oder der deduktiven oder der induktiven Verstandesanlage bezeichnen lassen und auf dem vorgezeichneten Wege sich aufs leichteste experimentell kontrollieren lassen.\nAuf logisch-psychologischem Gebiet zeigen die Tabellen dagegen auf neuem Wege die inneren Zusammenh\u00e4nge der verschiedenen Kategorien. Es zeigt sich z. B., dass mit der Neigung Ueberordnungen zu associieren, in auffallender Weise sich die Neigung verbindet, zum Substantivum Verba zu associieren, f\u00fcr welche das Substantiv Subjekt ist, respektive zum Verbum das Subjekt zu erg\u00e4nzen. Mit der Tendenz zur Unterordnung verbindet sich dagegen die Neigung, das Substantiv als Objekt zu denken, sei es, dass ein entsprechendes Verbum zum Substantiv, sei es, dass das Substantivum als","page":36},{"file":"p0037.txt","language":"de","ocr_de":"37\nObjekt zum Verbum associiert wird. Der Unterordner asso-ciiert desgleichen h\u00e4ufig Eigenschaftsworte; das Adjektivum wird also nicht etwa als der h\u00f6here Begriff gedacht, unter den das Substantivum unterzuordn\u00ebn ist, wie es die Logik nahelegt, sondern psychologisch ist die Association der Eigenschaft nur eine Association des Teiles zum Ganzen; der Ueber-ordner associiert fast niemals Eigenschaftsworte. Der Nebenordner associiert zu Substantiven, Adjektiven und Verben ohne merklichen Unterschied sowohl \u00e4hnliche wie kontrastierende Nebenglieder oder aber Begriffe, die in entfernterer Beziehung stehen.\nIn der ersten Tabelle bedeutet:\nUe. = \u00fcbergeordnetes Substantiv.\nU. = untergeordnetes Substantiv.\nN.\tsa nebengeordnetes Substantiv. Die eingeklammerten Zahlen geben an, wie viele davon in Wechselbeziehung stehen.\nA. = abh\u00e4ngiges Substantiv.\nE. \u2014 Eigenschaftswort.\nS. = Verbum, zu welchem das Substantiv Subjekt ist.\nO.\t= Verbmn, zu welchem das Substantiv Objekt ist.\n10. \u2014 Verbum, zu welchem das Substantiv indirektes Objekt ist.\nEs wurden\t\tzu je\t100\tSubstantiven\t\t\tassociiert :\t\n\t\u00fce.\tU.\tV\tL\tA.\tE.\tS.\tO.\nI.\t2\t8\t61\t(5)\t19\t4\t2\t4\nII.\t6\t5\t37\t(7)\t32\t3\t4\t7\nIII.\t2\t9\t56 (12)\t\t24\t\u2014\t6\t4\nIV.\t\u2014\t9\t47 (19)\t\t21\t7\t7\t3\nV.\t5\t4\t58 (10)\t\t27\t5\t\u2014\t1\nVI.\t3\t34\t14\t(3)\t12\t27\t1\t10\nVII.\t\u2014\t27\t5\t(0)\t7\t54\t\u2014\t7\nVIII.\t3\t29\t5\t(1)\t1\t30\t3\t22\nIX.\t25\t12\t10\t(1)\t12\t8\t24\t7\nX.\t31\t9\t5\t(0)\t19\t5\t20\t5\nXI.\t7\t19\t22\t(4)\t20\t12\t6\t10\nXII.\t10\t9\t30\t(9)\t5\t15\t10\t16","page":37},{"file":"p0038.txt","language":"de","ocr_de":"38\nIn der folgenden Tabelle bedeutet:\nUe. = \u00fcbergeordnetes Substantiv.\nE. = Substantiv oder Verbum, zu denen das Adjektivum als Eigenschaftswort gedacht ist.\nN. = nebengeordnetes Adjektiv; die Zahlen der kontrastierenden sind eingeklammert.\nA. = entferntere Abh\u00e4ngigkeit.\nEs wurden zu je 100 Adjektiven associiert:\n\tUe.\tE.\tX.\tA.\nI.\t\u2014\t11\t82 (40)\t6\nII.\t1\t8\t77 (25)\t14\nIII.\t\u2014 '\t17\t73 (36)\t10\nIV.\t4\t19\t64 (19)\t12\nV.\t3\t19\t70 (31)\t8\nVI.\t7\t54\t26 (7)\t12\nVII.\t10\t49\t30 (11)\t10\n.VIII.\t1\t84\t12 (4)\t4\nIX.\t23\t40\t25 (10)\t12\nX.\t19\t35\t27 (6)\t18\nXI.\t6\t40\t38 (15)\t16\nXII.\t2\t32\t49 (22)\t16\nIn der letzten Tabelle bedeutet:\nS. = Substantivum, welches zum Verbum Subjekt ist.\n0. = Substantivum, welches zum Verbum Objekt ist.\nE. = Adjektiva, welche als Adverbien zum Verbum treten. N. = nebengeordnete Verba; die Zahl der entgegengesetzten ist eingeklammert.\nA. \u2014 Worte, welche in entfernterer Beziehung zum Verbum stehen.\nEs wurden zu je 100 Verben associiert:\n\ts.\tO.\tE.\tX.\tA.\nI.\t14\t10\t\u2014\t59 (27)\t17\nII.\t17\t12\t8\t55 (19)\t8\nin.\t10\t19\t4\t55 (35)\t12\nIV.\t24\t8\t11\t42 (18)\t18\nV.\t9\t17\t2\t62 (40)\t10","page":38},{"file":"p0039.txt","language":"de","ocr_de":"39\n\ts.\t0.\tE.\tN.\tA.\nVI.\t12\t36\t19\t25 (4)\t8\nVII.\t3\t41\t32\t20 (7)\t5\nVIII.\t10\t29\t27\t22 (12)\t12\nIX.\t17\t17\t12\t18 (5)\t39\nX.\t29\t15\t18\t24 (11)\t14\nXI.\t14\t16\t8\t34 (16)\t27\nXII.\t20\t22\t10\t40 (15)\t8","page":39}],"identifier":"lit38793","issued":"1892","language":"de","pages":"1-39","startpages":"1","title":"Studien zur Associationslehre","type":"Book Section"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T15:32:36.095307+00:00"}
