The Virtual Laboratory - Resources on Experimental Life Sciences
  • Upload
Log in Sign up

Open Access

Gedächtnisstudien

beta


JSON Export

{"created":"2022-01-31T15:38:26.995680+00:00","id":"lit38795","links":{},"metadata":{"alternative":"Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4","contributors":[{"name":"M\u00fcnsterberg, Hugo","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4, edited by M\u00fcnsterberg, Hugo, 69-88. Freiburg i.B.: Mohr","fulltext":[{"file":"p0069.txt","language":"de","ocr_de":"Ged\u00e4chtnisstudien.\ni.\nDie H\u00f6he unserer psychophysischen Entwicklung erreichen wir bekanntlich zum grossen Teil nur dadurch, dass willk\u00fcrliche Verbindungen zwischen Empfindung und Bewegungsimpuls fortw\u00e4hrend in unwillk\u00fcrliche \u00fcbergehen, unser psychophysischer Mechanismus somit entlastet wird und die Aufmerksamkeit sich dadurch immer komplizierteren Aufgaben zuwenden kann. Wir gehen, schreiben, essen, musizieren u. s. w., ohne die einzelnen Teilbewegungen gesondert zu wollen, w\u00e4hrend wir urspr\u00fcnglich jedem einzelnen Akt die Aufmerksamkeit zuwenden mussten. Der Vorgang besteht psychologisch also darin, dass bestimmte, durch \u00e4ussere Reize hervorgerufene Empfindungskomplexe zun\u00e4chst nur durch Mitwirkung anderer, associativ erzeugter Vorstellungen, speziell associativ reproduzierter Bewegungsempfindungen eine bestimmte Bewegung ausl\u00f6sen k\u00f6nnen, nach einer gewissen Uebung aber jene prim\u00e4ren Empfindungen sich direkt in die Bewegung umsetzen, im Bewusstsein also auf die Reizempfindung ohne associatives Zwischenglied sofort die Wahrnehmung der eintretenden Bewegung folgt. Physiologisch betrachtet w\u00fcrde jede centripetale Erregung zun\u00e4chst nur in der Hirnrinde sich in centrifugale Entladungen umsetzen, sp\u00e4ter aber sich eine Bahn geringsten Widerstandes zwischen denjenigen subkortikalen Centren herausbilden, welche in die","page":69},{"file":"p0070.txt","language":"de","ocr_de":"70\ncentripetale und in die centrifugale Bahn eingeschaltet sind; es w\u00fcrde dadurch die sensorische Erregung zur Hirnrinde gelangen, erst nachdem sie schon auf dem Wege dorthin den motorischen Impuls erweckt hat.\nEs ist aus der t\u00e4glichen Erfahrung bekannt, dass der Erfolg dieser Ein\u00fcbung auch dann nicht verschwindet, wenn die \u00e4usseren Reize l\u00e4ngere Zeit hindurch fehlen; wir verlernen das Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Tanzen, sogar das Sprechen einer fremden Sprache, das Ausf\u00fchren einer komplizierten Technik und \u00e4hnliches auch dann nur wenig, wenn wir l\u00e4ngere Zeit keine Gelegenheit zur Ausf\u00fchrung hatten. Psychologisch besitzen wir also ein gutes Ged\u00e4chtnis f\u00fcr die einmal einge\u00fcbte Verbindung von Empfindung und Bewegungsim-puls, physiologisch bleibt durch lange Zeit eine molekulare Disposition der V erbindungswege zur\u00fcck, die centripetale Erregung in die einge\u00fcbte centrifugale Erregung umzusetzen.\nEs entsteht nun die theoretisch interessante Frage: wie verh\u00e4lt es sich mit dieser im Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckbleibenden Disposition dann, wenn vermittels neuer willk\u00fcrlicher Ein\u00fcbung die betreffende Empfindung mit einem anderen Bewegungsimpuls verkoppelt wird und diese neue einge\u00fcbte Verbindung nun zur unwillk\u00fcrlichen wird? Ist, sobald die neue, der ersten entgegengesetzte Verbindung soweit einge\u00fcbt ist, dass sie ausnahmslos richtig instinktiv ausgef\u00fchrt wird, dadurch die fr\u00fchere Verbindung aus dem Ged\u00e4chtnis ausgel\u00f6scht? Kann sich die eine Leitungsbahn nur dadurch zur ausnahmslos fungierenden entwickeln, dass die andere verschwindet oder k\u00f6nnen zwei ganz verschiedene Bewegungsimpulse mit genau dem gleichen Empfindungskomplex im Ged\u00e4chtnis verbunden sein und trotzdem nur der eine, f\u00fcr den die Disposition \u00fcberwiegt, aktuell werden, ohne dass der andere sich irgendwie geltend macht? Dass ein Reiz ganz verschiedene Bewegungen ausl\u00f6sen kann, wenn er in verschiedenen Reizsystemen auftritt, ist selbstverst\u00e4ndlich ; derselbe optische Reiz der Notenpunkte ruft in den H\u00e4nden des Klavierspielers verschiedene, Bewe-","page":70},{"file":"p0071.txt","language":"de","ocr_de":"71\ngungen hervor je nach dem Vorzeichen des St\u00fcckes, auch dann, wenn das Vorzeichen nicht mehr in seinem Blickfeld ist; der unmittelbar ausl\u00f6sende Reiz bedingt hier eben nur einen Teil aller der Vorstellungen, die sich in der Handbewegung entladen. Unsere Frage ist dagegen die, ob genau dieselben Vorstellungen gleichzeitig mit verschiedenen, sich wechselseitig ausschliessenden Bewegungsimpulsen verbunden sein k\u00f6nnen und trotzdem der schw\u00e4chere nicht hindert, dass der st\u00e4rkere ohne jede Hilfsassociation, ohne jeden Wahlvorgang vollkommen triebartig in Kraft tritt.\nDie Versuche, von denen ich zu berichten habe, beweisen zwingend, dass dieser zweite Fall in der That zutrifft, dass also eine schw\u00e4chere Disposition zu einer Bewegung sehr deutlich im psychophysischen Mechanismus vorhanden sein kann und trotzdem die entgegengesetzte Bewegung vollkommen automatisch von dem \u00e4usseren Reize hervorgerufen wird. Es ist dadurch wahrscheinlich gemacht, dass, wenn in unserem psychophysischen Apparat ein Centralteil in leichtleitender Verbindung zu mehreren anderen Zentralteilen steht, die Erregung durchaus nicht in alle diese verschiedenen Leitungsbahnen \u00fcbergehen muss, sich also nicht etwa wie ein elektrischer Strom verh\u00e4lt, der in verzweigtem Leitungssystem sich in alle Bahnen dem Widerstand umgekehrt proportional verteilt, sondern dass die Bahn geringsten .Widerstandes allein in Betracht kommt, die \u00fcbrigen Bahnen unerregt bleiben. Wir gewinnen damit ein Schema, welches uns wenigstens einen gewissen Anhaltspunkt f\u00fcr die Auffassung der associa-tiven Vorg\u00e4nge in der Gehirnrinde gibt, \u00fcber die wir direkt nicht das Geringste wissen. Die \u00fcbliche Vorstellung, dass die Erregung einer Ganglienzelle sich auf allen disponiblen Leitungswegen verbreite, ist ja lediglich aus dem bequemen Bed\u00fcrfnis einfachster Anschaulichkeit entstanden ; sie ist weder durch bestimmte physiologische oder psychophysische Erfahrungen begr\u00fcndet, noch l\u00e4sst sie sich mit den psychologischen Thatsachen anders als verm\u00f6ge komplizierter Hilfskonstruk-","page":71},{"file":"p0072.txt","language":"de","ocr_de":"72\ntionen in der Sph\u00e4re des Unbewussten in Einklang bringen. Es ist nicht wahr, dass jede Vorstellung eine F\u00fclle von Associationen in uns erweckt und dann erst durch hinzutretende Faktoren die passende Association unter ihnen verst\u00e4rkt und festgehalten wird. Dasjenige Schema dagegen, dessen G\u00fcltigkeit im Gebiet des Centralnervensystems durch die Bewegungsversuche wahrscheinlich gemacht wird, w\u00fcrde auch den psychologischen Thatsachen durchaus entsprechen.\nVon allen theoretischen Folgerungen abgesehen war also die Frage: wenn eine bestimmte Bewegung mit einem bestimmten Empfindungskomplex durch Uebung so fest verbunden ist, dass die Bewegung ausnahmslos instinktiv aus-gef\u00fchrt wird, kann dann das Ged\u00e4chtnis trotzdem daneben eine Disposition zur\u00fcckbehalten, dieselbe Empfindung fr\u00fcherer Ein\u00fcbung gem\u00e4ss mit einer anderen Bewegung zu verbinden, oder ist die automatische Ausf\u00fchrung der neuen Bewegung ein Beweis daf\u00fcr, dass die Disposition f\u00fcr die fr\u00fchere Bewegung v\u00f6llig aus dem Ged\u00e4chtnis ausgel\u00f6scht ist? Unter dem skizzierten Nebengesichtspunkt w\u00fcrde dieselbe Frage lauten: kann eine vorhandene Disposition, Empfindung und Bewegung zu verbinden, beim Eintritt der betreffenden Empfindung so vollkommen latent bleiben, dass eine andere, st\u00e4rker einge\u00fcbte Bewegungsreaktion ohne Schwanken und Wahl regelm\u00e4ssig automatisch eintritt?\nUm nachzuweisen, dass w\u00e4hrend der Zeit, in welcher die neue einge\u00fcbte Bewegung einzutreten pflegt, trotzdem die Disposition zu der fr\u00fcheren Bewegung nicht erloschen ist, gibt es einen einfachen Weg. Wir m\u00fcssen jene fr\u00fchere Bewegung zum zweitenmal von neuem willk\u00fcrlich ein\u00fcben. Stellt sich heraus, dass diese Ein\u00fcbung nun wesentlich rascher erfolgt als das erste Mal, so ist damit bewiesen, dass die Disposition zu dieser Verbindung inzwischen nicht v\u00f6llig verschwunden war; ist f\u00fcr die Neugew\u00f6hnung \u00fcberhaupt keine l\u00e4ngere Uebung n\u00f6tig, w\u00e4hrend sie fr\u00fcher n\u00f6tig war, so werden","page":72},{"file":"p0073.txt","language":"de","ocr_de":"73\nwir schliessen k\u00f6nnen, dass beinahe der gesamte fr\u00fchere Uebungserfolg im Ged\u00e4chtnis bewahrt geblieben ist.\nDie Auswahl von Versuchsbedingungen, welche den Anforderungen des Experimentes entsprechen, ist nicht ganz leicht, da mehrere Faktoren sich bei ihnen vereinigen m\u00fcssen. Es m\u00fcssen erstens Bewegungen gew\u00e4hlt werden, welche im gew\u00f6hnlichen Leben ohfie Beteiligung der Aufmerksamkeit rein \u201emechanisch\u201c beim Eintreten gewisser Empfindungskomplexe ausge\u00fcbt zu werden pflegen. Es m\u00fcssen zweitens diese Bewegungen leicht variierbar sein, so dass die eine wie die andere Bewegung willk\u00fcrlich angeeignet ist und nicht etwa durch vitale Triebe gefordert wird. Drittens aber \u2014 und das ist das Schwierigste \u2014 die Bewegungen m\u00fcssen so gew\u00e4hlt sein, dass sie zwar ohne Aufmerksamkeit ausgef\u00fchrt werden, die Aufmerksamkeit sich dagegen ihnen sofort zuwendet, sobald sie falsch ausgef\u00fchrt werden, sobald also die \u00e4ltere Bewegung an Stelle der neueinge\u00fcbten eintritt. Nur so kann die gr\u00f6ssere oder geringere Leichtigkeit der Neuein\u00fcbung exakt bestimmt werden, da offenbar die neue Bewegung um so leichter einge\u00fcbt worden ist, je seltener unabsichtlich die \u00e4ltere Bewegung eintrat.\nIm Laboratorium lassen sich solche Experimente nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht anstellen, da sie eben eine vollkommene Ablenkung der Aufmerksamkeit vom Zweck, des Experimentes verlangen; das kann nur dadurch erreicht werden, dass die Versuche sich in das t\u00e4gliche Leben durch m\u00f6glichst lange Zeit hindurch einweben. Ich habe die Versuche an mir selbst seit sechs Jahren mit den verschiedensten Bewegungskomplexen angestellt; ich will die drei Versuchsreihen mitteilen, welche ich ohne Unterbrechung zu Ende f\u00fchren konnte. Andere Reihen wurden entweder irgendwie gest\u00f6rt oder erwiesen sich als nicht hinl\u00e4nglich exakt, vor allem dadurch, dass ich beim Eintritt der Reize zu h\u00e4ufig die Vorstellimg vom Zweck des Versuches associierte und somit die Bewegung nicht unwillk\u00fcrlich ausgef\u00fchrt wurde. Die drei Reihen, welche ich in","page":73},{"file":"p0074.txt","language":"de","ocr_de":"74\nverschiedenen Jahren jede vier bis sechs Monate hindurch ausf\u00fchrte, beziehen sich auf die Benutzung des Tintenfasses, der Taschenuhr und der Zimmerth\u00fcr.\nDen Tintenfassversuch machte ich in einem Sommer, in dem ich von \u2018Anfang M\u00e4rz bis Ende Juli t\u00e4glich mindestens f\u00fcnf Stunden an einem Stehpult zu schreiben hatte. Ich war mit einer historischen Arbeit besch\u00e4ftigt, die meine Gedanken beim Schreiben so v\u00f6llig in Anspruch nahm, dass ich die alle paar Minuten erfolgende Bewegung des Federeintauchens vollkommen unwillk\u00fcrlich vollzog. Die Wahrnehmung, dass die Tinte nicht mehr hinreichend aus der Feder floss, l\u00f6ste ohne psychisches Zwischenglied triebm\u00e4ssig die Bewegung der Hand zum Tintenfass aus. Dasselbe stand links vom oberen Band der Schreibmappe, ein grosses Metallschreibzeug, dem man von aussen nicht ansehen konnte, ob es mit Tinte gef\u00fcllt sei oder nicht. Ich stellte nun eine Woche vor Beginn der Versuche ein zweites, genau gleiches Schreibzeug auf den entsprechenden Platz an der rechten Seite der Schreibmappe, zun\u00e4chst ohne es zu benutzen, nur um mich an den Anblick zu gew\u00f6hnen, so dass der Gesichtseindruck der beiden Tintenf\u00e4sser mir beim Beginn der Versuche in keiner Weise mehr auffiel und mich durchaus nicht besonders an irgendwelche Experimente gemahnte ; die Eintauchbewegung erfolgte nat\u00fcrlich ausnahmslos in der jahrelang einge\u00fcbten Weise nach der linken Seite.\nAm 1. M\u00e4rz wurde das linke Tintenfass geleert und das rechte gef\u00fcllt. Alle notwendigen Versuchsbedingungen sind damit gegeben, denn die Eintauchbewegung muss bei der Arbeit nach wie vor gedankenlos erfolgen, sie muss aber sofort die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sobald sie in der fr\u00fcher gewohnten statt in der neu gewollten Weise ausgef\u00fchrt wird, da bei einem Eintauchen in das leere Tintenfass die Feder versagen muss. Jeden solchen Fall einer falsch ausgef\u00fchrten oder falsch angefangenen Bewegung konnte ich somit kontrollieren und im Protokoll verzeichnen. Das Ergebnis war","page":74},{"file":"p0075.txt","language":"de","ocr_de":"75\nfolgendes: am 1. M\u00e4rz wird bei siebenst\u00fcndiger Schreibarbeit die Bewegung 8mal falsch zu Ende gef\u00fchrt, d. h. die Feder wirklich in das leere Fass eingetaucht, und 17mal falsch angefangen, d. h. die Bewegung nach der linken Seite hin begonnen, aber noch vor dem wirklichen Eintauchen durch eine mehr oder weniger deutliche Association auf halbem Wege gehemmt und in die geeignete Bewegung \u00fcbergef\u00fchrt. Am 2. M\u00e4rz war das Ergebnis 2 falsche Ausf\u00fchrungen und 12 falsche Ans\u00e4tze. Am 3. M\u00e4rz keine falsche Ausf\u00fchrung, 9 falsche Ans\u00e4tze: am 4. M\u00e4rz 6 falsche Impulse, am 5. M\u00e4rz auch 6, am 6. M\u00e4rz 2, am 7. M\u00e4rz gar keine falschen F\u00e4lle; am 8. M\u00e4rz kamen wieder 2 falsche F\u00e4lle vor; von da an war das linke Tintenfass vergessen, und vollkommen automatisch trat beim Versagen der Tinte die Bewegung nach der rechten Seite ein. Im ganzen kamen also 64 falsche Innervationen vor, ehe die neue Verbindung von Empfindung und Bewegung vollkommen eingespielt war. Ich \u00fcbte diese Verbindung nun noch drei Wochen lang.\nAm 1. April wurde wieder die alte Anordnung hergestellt : das rechte Tintenfass geleert, das linke gef\u00fcllt. Das Ergebnis war, dass am 1. April die inzwischen einge\u00fcbte Rechtsbewegung 4mal ungeeigneterweise ausgef\u00fchrt, lOmal angefangen wurde, am 2. April keinmal ausgef\u00fchrt, 7mal angefangen, am 3. April 3mal, am 4. April lmal angefangen wurde. Vom 5. April an war nach insgesamt 25 falschen Innervationen die Bewegung nach rechts vollkommen ausgeschaltet; die Bewegung nach links wurde wieder den ganzen Monat hindurch ge\u00fcbt. Am 1. Mai neuer Tausch: die Bewegung muss also wieder nach rechts einge\u00fcbt werden. Das Ergebnis ist: am\n1.\tMai 5 falsch ausgef\u00fchrte, 6 falsch angefangene F\u00e4lle, am\n2.\tMai 3 falsch ausgef\u00fchrte, 2 falsch angefangene, am 3. Mai 4, am 4. Mai 2 falsch angefangene F\u00e4lle und ein Nachz\u00fcgler noch am 7. Mai, zusammen 23 F\u00e4lle.\nAm 20. Mai neue Verwandlung: das linke Tintenfass ist gef\u00fcllt. Am ersten Tage 1 falsch ausgef\u00fchrter, 7 falsch be-","page":75},{"file":"p0076.txt","language":"de","ocr_de":"76\ngonnene F\u00e4lle, am zweiten Tage wieder 1 und 3, am dritten Tage nur ein falsch angefangener Fall, im ganzen 13. \u2014 Am 15. Juni das volle Tintenfass rechts. Am ersten Tage 2 und 5 falsche F\u00e4lle, am zweiten und am dritten Tage je ein falsch begonnener Fall, im ganzen also 9. Am 1. Juli die Tinte links ; es kommen nur 4 falsch begonnene, gar keine falsch ausgef\u00fchrten Bewegungen. Am 15. Juli Tinte zum letztenmal rechts ; die falsche Bewegung wird 3mal f\u00e4lsch begonnen und dann ausnahmslos richtig ausgef\u00fchrt. Am 25. Juli wieder links; kein falscher Fall. Am 1. August schloss ich die Arbeit.\nDas Gesamtergebnis ist also, dass ich bei der Ein\u00fcbung der Eechtsbewegung, nachdem ich jedesmal vorher wochenlang hindurch in gleicher Weise vollkommen automatisch die Linksbewegung ausgef\u00fchrt hatte, das erste Mal 64, das zweite Mal .23, das dritte Mal 9, das vierte Mal nur 3 falsche Bewegungen ausf\u00fchrte ; bei der Neuein\u00fcbung der Linksbewegung waren die entsprechenden Zahlen 25, 13, 4, 0. Jener grosse Unterschied zwischen 64 und 3 kann offenbar nur dadurch erkl\u00e4rt werden, dass bei der vierten Neuein\u00fcbung schon eine sehr bedeutende Disposition f\u00fcr die betreffende Verbindung von Empfindung und Bewegung vorhanden war; diese Disposition war mithin in voller St\u00e4rke fast bestehen geblieben, obgleich die entgegengesetzte Bewegung in der Zwischenzeit vollkommen automatisch ablief. In den letzten Wochen hat die eine Disposition \u00fcber die andere also nur ein minimales, durch die Kenntnis der Versuchsbedingungen hergestelltes Uebergewicht, und trotzdem kann die eine Bewegung ausnahmslos triebartig eintreten, die andere v\u00f6llig latent sein. Auffallend scheint dabei nur, dass dennoch die erste Neuein\u00fcbung der Linksbewegung nach einmonatlicher Pause 25 falsche F\u00e4lle aufwies, w\u00e4hrend jene Bewegung doch vorher so lange einge\u00fcbt war, dass die betreffende Disposition in voller St\u00e4rke die andere Bewegung h\u00e4tte \u00fcberdauern m\u00fcssen, so wie sie es bei dem dritten und vollst\u00e4ndig beim vierten Wechsel","page":76},{"file":"p0077.txt","language":"de","ocr_de":"77\nthat. Sie hat ja allerdings bei der ersten Neuein\u00fcbung nur 25 Fehler gegen\u00fcber 64 der anderen Seite; diese 25 stehen aber den 23 F\u00e4llen der anderen Seite bei der zweiten Ein\u00fcbung gegen\u00fcber; die seit Jahren ausgef\u00fcbrte Bewegung batte also das erste Mal keine st\u00e4rkere Disposition zur\u00fcckgelassen, als es die vierw\u00f6chentliche Gegen\u00fcbung gethan; erst als sie sp\u00e4ter von neuem an die Reibe kam, hinterliess sie st\u00e4rkere Spuren. Wir werden genau dasselbe auch am Uhr- und am Th\u00fcrversuch sehen. Es scheint mir daraus die interessante Thatsache hervorzugeben, dass die psychophysische Disposition zu einer Bewegung auch dann, wenn die Bewegung vollkommen automatisch und triebartig einsetzt, doch nur einen mittleren Grad von St\u00e4rke erreicht, solange niemals entgegengesetzte Bewegungen bei demselben Reiz willk\u00fcrlich hervorgerufen werden. Erst sobald ein solcher Wechsel in der Bewegungswahl eingetreten ist, entwickelt sich die Disposition zur bevorzugten Bewegung nach erneuter Ein\u00fcbung zu gr\u00f6sserer St\u00e4rke, und dieselbe nimmt stetig zu, je h\u00e4ufiger Gegenbewegungen erzwungen werden. Unser psychophysischer Apparat leistet also auch hierin seine Arbeit mit der m\u00f6glichst geringen Anstrengung, und die st\u00e4rkste, d. h. widerstandsf\u00e4higste Ein\u00fcbung wird auch durch die gr\u00f6sste Zahl von Wiederholungen nicht erreicht, wenn eine Ablenkung von der gewohnten Bahn \u00fcberhaupt nicht in Frage kommt. Dass die Abnahme der falschen F\u00e4lle von Tag zu Tag nicht ganz gleichm\u00e4ssig erfolgt, h\u00e4ngt in erster Linie von der verschiedenen Tagesdisposition ab ; sobald ich m\u00fcde war, traten leichter falsche F\u00e4lle ein. Ob aber die falsche Bewegung zu Ende gef\u00fchrt oder auf halbem Wege inhibiert wurde, hing wohl in erster Linie von der Intensit\u00e4t der geistigen Arbeit ab.\nGanz \u00e4hnlichen Verlauf nahm das Experiment mit der Taschenuhr, das in gleicher Weise die Bedingungen des Versuches erf\u00fcllte. Ich gew\u00f6hnte mich zun\u00e4chst vor Beginn der Versuche, wochenlang meine Taschenuhr in der linken Westen-","page":77},{"file":"p0078.txt","language":"de","ocr_de":"78\ntasche ohne Uhrkette zu tragen, so dass ich die Uhr direkt fassen musste, um sie herauszuziehen. Da ich die Versuche zu einer Zeit machte, welche mir sehr mannigfaltige Tageseinteilung bot, habe ich t\u00e4glich etwa 15- bis 20mal die Uhr benutzen m\u00fcssen. Ich begann die Versuche am 1. Dezember, und zwar damit, dass ich die Uhr statt in die linke Westentasche in die rechte Tasche der Beinkleider that. Es ist sicher, dass ich auch die Bewegung zur Uhr in den weitaus meisten F\u00e4llen ohne Ueberlegung, v\u00f6llig automatisch auszuf\u00fchren gewohnt war; die innere Frage, wie sp\u00e4t es sei. setzte sich direkt in die Handbewegung um. Ebenso sicher ist, dass mir bei einer ver\u00e4nderten Unterbringung der Uhr eine falsche Bewegung, da sie resultatlos sein musste, niemals entgehen konnte. Da ich das Protokoll bei mir trug, konnte ich jeden falschen Fall sofort notieren. Auch hier Hessen sich solche Fehlbewegungen unterscheiden, bei denen die falsche Bewegung ganz ausgef\u00fchrt wurde, die Hand also in die leere Tasche griff, und solche, bei denen die Bewegungsempfindung noch rechtzeitig genug die Gegenvorstellung hervorrief, durch welche die falsch begonnene Bewegung gehemmt werden konnte. Daneben traten nun hier aber auch noch eigent\u00fcmliche Mischbewegungen ein, welche einen interessanten Einblick in den Mechanismus der Handlungen gestatten. Da ich n\u00e4mlich die Uhr, als sie in der linken Westentasche war, zuweilen nicht mit der rechten, sondern mit der linken Hand hervorzog, so traten auch jetzt, als die Uhr in der rechten Hosentasche war, im Laufe der Versuche zweimal Bewegungen der linken Hand nach der linken Beinkleidtasche auf und dreimal Bewegungen der rechten Hand zur rechten Westentasche, in beiden F\u00e4llen also Teile der alten und der neuen Bewegung gemischt und zwar traten solche F\u00e4lle ausnahmslos am Anfang ein, als eben noch keine Bewegung entschieden bevorzugt wurde. Sehe ich von diesen gemischten Bewegungen ab, so ergibt sich: am 1. Dezember 7mal falsch ausgef\u00fchrt und 2mal falsch angefangen, am","page":78},{"file":"p0079.txt","language":"de","ocr_de":"79\n2. Dezember 4mal und 3mal, am 3. Dezember 5mal falsch angefangen, am 6. einmal ausgef\u00fchrt und einmal angefangen, am 7. war schon v\u00f6llige Gew\u00f6hnung eingetreten, nach also 22 Fehlbewegungen. Am 1. Januar kam die Uhr wieder in die linke Westentasche; auch hier wieder die nicht unbetr\u00e4chtliche Zahl von 11 Fehlern, die sich auf die ersten drei Tage verteilen. Am 1. Februar rechte Hosentasche: im ganzen 14 Fehler. Am 1. M\u00e4rz linke Westentasche: 5 Fehler. Am 1. April rechte Hosentasche: 3 Fehler; am 1. Mai linke Westentasche: kein Fehler. Ich griff also auch hier den ganzen April hindurch vielleicht 500mal ausnahmslos richtig, vollkommen \u00fcberlegungslos nach der Uhr in die rechte Beinkleidtasche, und doch existierte w\u00e4hrend dieser Zeit in meinem Bewusstsein eine so ausgepr\u00e4gte Disposition, denselben Reiz mit dem Griff in die linke Weste zu beantworten, dass sofort nach der neuen Vertauschung auch diese Bewegung zu einer automatischen wurde. Beide Bewegungsdispositionen hatten also fast maximale St\u00e4rke erreicht und doch gen\u00fcgte das kleinste Uebergewicht der einen \u00fcber die andere, um diese vollkommen auszuschalten und die andere automatisch funktionieren zu lassen.\nAls dritte Versuchsreihe gebe ich meinen Th\u00fcr versuch. Mein Arbeitszimmer stand durch zwei Th\u00fcren mit dem Korridor meiner Wohnung in Verbindung. Durch die eine Th\u00fcre A, die ich fast immer zu benutzen pflegte, kam ich direkt auf denselben, durch die rechtwinklig dazu liegende Th\u00fcr B kam ich in ein Vorzimmer, welches auch auf den Korridor f\u00fchrte. Es wurde nun abwechselnd je einen Monat hindurch erst die Th\u00fcre A, dann die Th\u00fcre B verschlossen, so dass ich beim Hinein- wie beim Herausgehen stets auf eine Th\u00fcre angewiesen war. Wenn ich als falsch ausgef\u00fchrte Bewegungen diejenigen bezeichne, bei denen ich schon die Hand an die Klinke der verschlossenen Th\u00fcre gelegt, als falsch begonnene diejenigen, bei denen ich kommend oder gehend ein paar Schritte zur falschen Th\u00fcr gemacht, so ist das Ergebnis","page":79},{"file":"p0080.txt","language":"de","ocr_de":"80\nfolgendes. Am 1. M\u00e4rz \u2014 diese Versuchsreihe stammt schon aus dem Jahre 1886 \u2014 mache ich 5 ausgef\u00fchrte, 2 begonnene, am 2. M\u00e4rz 1 ausgef\u00fchrte und 4 begonnene, am 3. und 4. M\u00e4rz je 3 begonnene, am 6., 10. und 14. M\u00e4rz je 1 begonnene, im ganzen also 21 Fehlbewegungen. Am 1. April wird B verschlossen; im ganzen 19 Fehlbewegungen. Wenn hier die Zahl der Fehler beim R\u00fcckgehen auf das urspr\u00fcnglich Gewohnte fast ebenso gross wie bei der ersten Umgew\u00f6hnung, so lag es wohl daran, dass ich die Wohnung noch nicht lange hatte und die Gewohnheit, A zu benutzen, vorher durchaus nicht so ausnahmslos bestand, wie etwa das Uhr vorziehen und das Federeintauchen. Die 19 Fehlbewegungen verteilen sich auf die ersten sechs Tage. Am 1. Mai wird wieder B ge\u00f6ffnet; es treten jetzt nur im ganzen 3 falsch ausgef\u00fchrte und 7 falsch begonnene Bewegungen ein. Am 1. Juni A ge\u00f6ffnet und B verschlossen: 6 Fehlbewegungen. Am 1. Juli B ge\u00f6ffnet : 1 Fehlbewegung; am 1. August A ge\u00f6ffnet: 2 Fehlbewegungen. Auch bei dem Th\u00fcrversuch also ein Abfall von 21, 10, 1 Fehler, so dass wir das Ueberdauern der Ged\u00e4chtnisdisposition auch dort, wo die andere Bewegung vollkommen \u201emechanisch\u201c einge\u00fcbt ist, mit Sicherheit annehmen d\u00fcrfen. Unser Ged\u00e4chtnis verliert die Spuren des einmal Einge\u00fcbten j auch dann nicht, wenn die entgegengesetzte Bewegung durch ' neue Ein\u00fcbung schon l\u00e4ngst zum Reflex geworden ist; die ) molekulare Disposition zu Nebenleitungen kann in hoher St\u00e4rke bestehen bleiben und trotzdem vollkommen wirkungslos sein, solange eine noch st\u00e4rkere Disposition vorhanden ist. Die Fortpflanzung der Erregung im psychophysischen Apparat hat mithin, soweit die geschilderten Versuche ein Urteil gestatten, mit der Fortleitung des elektrischen Stromes in einem verzweigten Leitungssystem gar keine Aehnlichkeit; die Erregung pflanzt sich nur auf der Bahn des momentan geringsten Widerstandes fort, die anderen Bahnen bleiben ganz unbeteiligt.","page":80},{"file":"p0081.txt","language":"de","ocr_de":"81\nIL\nDie Versuche, \u00fcber die ich im folgenden zu berichten habe, untersuchen den Einfluss, den das Zeitintervall auf unser Ged\u00e4chtnis f\u00fcr Sinnesempfindungen hat. Das Problem kann einer L\u00f6sung nur dann n\u00e4hergef\u00fchrt werden, wenn zun\u00e4chst m\u00f6glichst reichhaltiges Material aus den verschiedensten Sinnesgebieten gesammelt wird. F\u00fcr Licht-, Schallund Druckempfindungen liegt einiges Material vor, dagegen sind die bez\u00fcglichen Untersuchungen \u00fcber Bewegungsempfindungen, sowohl bei Augenbewegungen als auch bei Gliederbewegungen noch durchaus unzureichend. Auf beiden Gebieten wurden in meinem Laboratorium eingehende Pr\u00fcfungen angestellt. Die Untersuchung \u00fcber den Einfluss des Zeitintervalls auf Armbewegungsempfindungen erfolgte unter der Leitung des Herrn stud. phil. Slatopolski, den Einfluss auf das Augenmass untersuchte Herr cand. med. Waldemar Lewy. Die betreffende Arbeit ist wesentlich eingehender als die \u00fcber Armbewegungen; sie untersuchte die Zeitintervalle von 2 Sekunden bis 24 Stunden und f\u00fchrte die verschiedensten Variationen bez\u00fcglich Ausf\u00fcllung des Intervalls u. s. w. ein. Herr Lewy wird diese Untersuchung an anderem Ort selbst\u00e4ndig ausf\u00fchrlich mit-teilen, dort zugleich das gesamte in der Literatur vorliegende Material aus den verschiedenen Sinnesgebieten kritisch zusammenstellen und die M\u00f6glichkeit einer theoretischen Erkl\u00e4rung f\u00fcr die betreffenden Erscheinungen er\u00f6rtern. Ich kann an dieser Stelle daher auf jede Kritik und theoretische Diskussion verzichten und mich darauf beschr\u00e4nken, die Ergebnisse unserer Armbewegungsversuche mitzuteilen. Das gewonnene Material d\u00fcrfte besonders deshalb ein gewisses Interesse beanspruchen, weil die Ergebnisse bei allen vier Versuchspersonen in \u00fcberraschendem Masse \u00fcbereinstimmen.\nDie Untersuchung wurde an demselben Apparat ausgef\u00fchrt, den Herr Delabarre in seiner Dissertation \u00fcber \u201eBewegungsempfindungen\u201c beschrieben und abgebildet hat, und auf den ich\nM\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\t6","page":81},{"file":"p0082.txt","language":"de","ocr_de":"82\nunten gelegentlich, der Versuche \u00fcber \u201eGr\u00f6ssensch\u00e4tzung\u201c zur\u00fcck-kommen muss. Auch Herr Delabarre hatte in der erw\u00e4hnten Arbeit (S. 105) die Frage nach dem Einfluss des Zeitintervalls schon ber\u00fchrt; da die gr\u00f6sste Zahl seiner auf ganz andere Fragen gerichteten Versuche aber mit dem konstanten Intervall von 4 Sekunden ausgef\u00fchrt war, so betont er mit Recht, dass seine wenigen F\u00e4lle mit anderem Intervall ein allgemeing\u00fcltiges Urteil \u00fcber den Einfluss desselben nicht zulassen. Es war deshalb notwendig, die Untersuchung auf diese spezielle Frage zuzuspitzen und somit, wie es Herr Slatopolski gethan, Versuchsreihen anzustellen, bei denen alle \u00fcbrigen Bedingungen konstant und nur das Intervall wechselnd war.\nDie Schienen des Apparates waren vertikal fixiert. Der Wagen, welcher das horizontale Lager f\u00fcr den Zeigefinger der rechten Hand tr\u00e4gt, war in seinem Gewicht durch Belastung der \u00fcber Bollen laufenden Schnur vollkommen kompensiert und durch das unter die Mittelschiene greifende f\u00fcnfte Rad auf den Schienen festgehalten. Der Wagen folgte somit fast ohne Widerstand der Auf- und Abw\u00e4rtsbewegung des Armes, und die Gr\u00f6sse dieser Bewegung konnte an der Skala abgelesen werden, \u00fcber die der seitliche Zeiger des Wagens glitt. Als Nullpunkt galt f\u00fcr jede Versuchsperson diejenige Wagenstellung, bei der sie, vor dem Apparat stehend, den Oberarm vertikal an den K\u00f6rper anlegen und den Unterarm rechtwinklig halten konnte, also die Ellbogenh\u00f6he. Die Versuche wurden nun folgendermassen angestellt. Die Versuchsperson bewegt mit geschlossenen Augen den Wagen mit m\u00f6glichst gleichm\u00e4ssiger Geschwindigkeit solange vom Nullpunkt aufw\u00e4rts, bis der Wagen durch eine an den Schienen vom Experimentator an gew\u00fcnschter Stelle festgeschraubte Arretur gegen Widerstand st\u00f6sst und dadurch anh\u00e4lt; ebensolche Arretur war konstant am Nullpunkt angebracht, so dass der Weg des Wagens genau begrenzt ist. Sobald der Wagen oben durch den Querriegel angehalten wird, zieht die Versuchsperson den Finger heraus und l\u00e4sst den Arm","page":82},{"file":"p0083.txt","language":"de","ocr_de":"83\nfrei heruntersinken. Der Experimentator l\u00f6st so schnell wie m\u00f6glich mit der einen Hand die ^rretur, und mit der anderen Hand f\u00fchrt er den Wagen zum Nullpunkt zur\u00fcck. Ein Assistent liest auf der F\u00fcnftelsekundenuhr die Zeit ab von dem Moment, in dem der Wagen gegen den Querriegel st\u00f6sst, bis zu dem Ende des gew\u00fcnschten Intervalls; ist dieses ahgelaufen, so ruft er ein Signalwort, und auf dieses Signal steckt die Versuchsperson mit Unterst\u00fctzung des Experimentators den Zeigefinger in den auf dem Nullpunkt stehenden Wagen und reproduziert mit m\u00f6glichst gleichm\u00e4ssiger Geschwindigkeit aus dem Ged\u00e4chtnis die vorher durchmessene Strecke. Der Experimentator liest ab und protokolliert, welchen h\u00f6chsten Punkt der Wagen dabei erreicht; die Methode entspricht also der Methode der mittleren Fehler. Aus den f\u00fcr jede bestimmte Normalstrecke nach bestimmtem Intervall gewonnenen Vergleichsstrecken l\u00e4sst sich dann der durchschnittliche konstante Fehler berechnen, dessen Abh\u00e4ngigkeit von der Gr\u00f6sse des Intervalls wir suchten.\nDie zehn Raumstrecken, welche wir untersuchten, waren 5, 10, 15 . . . bis 50 cm, die Zeitintervalle, die in Betracht kamen, 2, 5, 10, 20, 60 Sekunden. Die Versuche mit Wiederholung der Strecke nach 2 und nach 24 Stunden sind zu wenig zahlreich, als dass ich sie hier ber\u00fccksichtigen d\u00fcrfte. Von den genannten Zeiten innerhalb einer .Minute haben wir dagegen ausreichendes Material gewonnen, insofern wir f\u00fcr jedes Intervall von jeder Versuchsperson f\u00fcnf Reihen auf-nahmen, in deren jeder alle zehn Strecken vorkamen. Nur hei dem Intervall von 60 Sek. begn\u00fcgten wir uns mit drei Reihen von jeder Person, weil diese Versuche sich als \u00e4usserst anstrengend und erm\u00fcdend erwiesen; die Minute, w\u00e4hrend welcher mit geschlossenen Augen die Vorstellung der Tastraumstrecke festgehalten werden sollte, schien subjektiv so be\u00e4ngstigend lang, dass die meisten stets nur wenige Einzelversuche hintereinander ausf\u00fchren konnten. Um den Einfluss von Uebung und Erm\u00fcdung auszugleichen, wurden nicht etwa","page":83},{"file":"p0084.txt","language":"de","ocr_de":"84\nerst alle Versuche mit 2 Sek., dann alle mit 5 Sek. u. s. w. angestellt, sondern von jedem Intervall wurde immer nur eine Reihe ausgef\u00fchrt, ifi der die 10 Strecken nat\u00fcrlich vollkommen unregelm\u00e4ssig wechselten, und dann zu einem neuen Intervall \u00fcbergegangen, so dass die f\u00fcnf Werte f\u00fcr jedes Intervall und jede Strecke in f\u00fcnf verschiedenen, \u00fcber den ganzen Sommer 1891 verteilten Zeiten gewonnen wurden. An den Versuchen haben zwar sieben Herren urspr\u00fcnglich teilgenommen, aber nur von vier Personen, den Herren Clemens, Gill, Lewy und Zermelo, liegen wirklich vollst\u00e4ndige Reihen vor. Bei den drei anderen sind zum Teil betr\u00e4chtliche L\u00fccken; die beharrliche Ausf\u00fchrung von Ged\u00e4chtnisversuchen verlangt ja eine betr\u00e4chtliche Dosis Geduld, die schliesslich nicht jedermanns Sache ist. Ich gebe also nur die Ergebnisse der Versuchspersonen Cl., G., L. undZ., und zwar zun\u00e4chst die aus dem fast 1000 Versuchen gewonnenen Durchschnittswerte der Ver-o-leichsstrecken. Die vorderste Vertikalreihe gibt die Normal-\n\u00f6\nstrecken in Centimetern an, die oberste Horizontalreihe die Sekundenzahl des verwerteten Intervalls; jede Durchschnittszahl ist aus f\u00fcnf Versuchen berechnet:\nCI.\nCVW.\t2\t5\t10\t20\t60\n5\t10,0\t8,9\t8,5\t9,8\t9,9\n10\t16,7\t14,6\t12,8\t13,6\t14,8\n15\t19,3\t17,1\t16,7\t17,8\t20,5\n20\t25,1\t21,2\t20,7\t21,5\t23,5\n25\t29,5\t26,8\t23,6\t25,9\t27,2\nBO\t37,0\t32,9\t30,9\t33,2\t36,7\n,35\t41,3\t37,6\t36,3\t36,9\t41,8\n40\t45,0\t41,8\t40,0\t42,0\t46,2\n45\t49,2\t48,4\t44,8\t48,7\t50,0\n50\t56,0\t52,7\t52,6\t54,1\t54,5\n\t\t\tG.\t\t\n\t2\t5\t10\t20\t60\n5\t8,5\t8,0\t7,6\t7,2\t9,1\n10\t13,0\t11,3\t10,6\t11,4\t16,0\n15\t19,7\t18,8\t16,9\t16,5\t19,6\n20\t26,5\t23,2\t22,3\t22,5\t26,2","page":84},{"file":"p0085.txt","language":"de","ocr_de":"85\n\t2\t5\t10\t20\t60\n25\t29,5\t29,3\t24,7\t27,2\t31,3\n30\t34,1\t34,1\t29,2\t31,2\t34,4\n35\t38,9\t38,0\t36,2\t36,8\t38,0\n40\t44,2\t43,9\t42,6\t45,9\t46,2\n45\t49,0\t49,4\t46,6\t50,9\t51,5\n50\t53,0\t53,1\t51,9 L.\t55,0\t54,8\n\t2\t5\t10\t20\t60\n5\t9,2\t8,4\t7,8\t9,2\t9,0\n10\t15,1\t15,5\t13,3\t17,7\t17,3\n15\t20,6\t19,3\t18,6\t24,1\t25,6\n20\t26,2\t25,4\t22,5\t30,7\t31,2\n25\t32,2\t29,8\t28,6\t34,0\t35,6\n30\t37,1\t36,9\t36,2\t40,0\t39,3\n35\t42,7\t40,5\t39,3\t44,7\t46,5\n40\t46,8\t45,5\t44,6\t49,2\t49,5\n45\t50,8\t50,6\t50,5\t51,7\t53,6\n50\t55,2\t54,8\t52,5 Z.\t55,0\t57,1\n\t2\t5\t10\t20\t60\n5\t8,8\t8,5\t7,8\t8,2\t8,9\n10\t12,5\t11,8\t11,1\t11,0\t13,7\n15\t16,8\t14,9\t14,2\t15,0\t17,8\n20\t20,3\t19,8\t20,1\t22,6\t22,4\n25\t24,7\t24,0\t24,0\t25,3\t27,9\n30\t28,5\t28,6\t28,0\t32,8\t33,0\n35\t33,3\t33,0\t32,9\t37,2\t36,8\n40\t38,9\t37,2\t35,9\t40,2\t40,7\n45\t42,4\t42,1\t40,4\t44,6\t46,3\n50\t47,6\t47,1\t44,7\t48,7\t49,0\nWir k\u00f6nnen einen schnellen Ueberblick \u00fcber den Einfluss des Zeitintervalls, wie er sieb in den vorstehenden Tabellen ausspriebt, am einfachsten dadurch gewinnen, dass wir die zehn Werte je einer Vertikalreihe addieren. Die Summe der zehn Normalstrecken ist 275 cm, die Summe der zehn als Durchschnittswerte gewonnenen Vergleichsstrecken ist:\n\t2\t5\t10\t20\t60\nCI.\t329,1\t302,0\t286,9\t303,5\t325,1\nG.\t316,4\t309,1\t288,6\t304,6\t327,1\nL.\t335,9\t326,7\t313,9\t356,3\t364,7\nZ.\t273,8\t267,0\t259,1\t285,6\t296,5","page":85},{"file":"p0086.txt","language":"de","ocr_de":"\u2014 86\nBerechnen wir hieraus den prozentischen Fehler, der im Verh\u00e4ltnis zu der Normalsumme von 275 begangen, so erhalten wir:\n\t\t2\t\t5\t\t10\t\t20\t\t60\nCI.\t+\t19,7\t+\t9,8\t+\t4,3\t+\t10,4\t+\t18,2\nG.\t+\t15,0\t+\t12,4\t+\t4,9\t+\t10,7\t+\t18,9\nL.\t+\t22,1\t+\t18,8\t+\t14,1\t+\t29,5\t+\t32,6\nZ.\t\u2014\t0,4\t\u2014\t2,8\t\u2014\t5,8\t+\t3,9\t+\t7,8\nDas bei allen vier Versuchspersonen ausnahmslos \u00fcbereinstimmende Resultat geht also dahin, dass die Vergleichsstrecke nach 2 Sekunden gr\u00f6sser gemacht wird als nach 5, nach 5 Sekunden gr\u00f6sser als nach 10, dagegen nach 10 Sekunden kleiner als nach 20 und nach 20 kleiner als nach 60. Diesem Resultat ordnen sich auch die hier nicht mitgeteilten l\u00fcckenhaften Versuchsreihen der drei anderen Versuchspersonen unter, und vor allem zeigen die oben angef\u00fchrten Tabellen, dass dieses Verh\u00e4ltnis nicht etwa erst bei der Summierung der zehn Einzelstrecken hervortritt, sondern dass es f\u00fcr jede Strecke von 5 bis 50 cm fast ausnahmslos gilt; die vereinzelten Ausnahmen betreffen nur Differenzen von wenigen Millimetern, Differenzen, die offenbar verschwunden w\u00e4ren, sobald durch eine noch gr\u00f6ssere Zahl von Versuchen die Reihe der Durchschnittswerte an Regelm\u00e4ssigkeit gewonnen h\u00e4tte.\nNicht so v\u00f6llig \u00fcbereinstimmend ist die im allgemeinen stark hervortretende Uebersch\u00e4tzung der Normalstrecke; bei Z. werden die Normalstrecken nach kleinen Zeitintervallen untersch\u00e4tzt. Deshalb k\u00f6nnen wir auch das obige Resultat nicht in die Form bringen, dass die Strecken nach 10 Sek. am getreuesten reproduziert werden; das gilt f\u00fcr diejenigen, welche regelm\u00e4ssig \u00fcbersch\u00e4tzen, bei Z. dagegen kommt die gr\u00f6ssere Vergleichsstrecke nach 2 Sek. der Normalstrecke wesentlich n\u00e4her als die kleinere nach 10 Sek. Es bleibt hierbei freilich zu ber\u00fccksichtigen, dass die Versuchsperson Z. einen Kopf kleiner als die drei anderen war, die Durchmessung","page":86},{"file":"p0087.txt","language":"de","ocr_de":"87 \u2014\nder gr\u00f6sseren Strecken f\u00fcr sie daher mit Unbequemlichkeit verkn\u00fcpft war. Wenn wir mit R\u00fccksicht darauf bei Z. die vier gr\u00f6ssten Strecken bei der Berechnung weglassen, so erhalten wir als Summe der Normalgr\u00f6ssen 105 cm, als Summe der Vergleichsgr\u00f6ssen\n111,6\t107,6\t105,2\t114,9\t123,7:\nder Prozentwert des konstanten Fehlers betr\u00e4gt mithin:\n+ 6,3 \u00b0/o\t+ 2,5\t+ 0,2\t+ 9,4\t+ 17,8.\nEs w\u00fcrde mithin dann auch f\u00fcr Z. die durchschnittliche Ueber-sch\u00e4tzung ausnahmslos gelten und somit auch hei ihm die Reproduktion nach 10 Sek. die genaueste sein. Individuelle Verschiedenheit besteht auch in der St\u00e4rke der Ver\u00e4nderung; so ist bei 5 und bei 20 Sek. die Vergr\u00f6sserung der Vergleichsstrecke gegen\u00fcber 10 Sek. f\u00fcr CI. und Gr. ungef\u00e4hr gleich, bei L. und Z. aber f\u00fcr 20 Sek. erheblich st\u00e4rker als f\u00fcr 5 Sek. Ebenso macht CI. die Strecken nach 2 Sek. gr\u00f6sser als nach 60, w\u00e4hrend bei den anderen das umgekehrte Verhalten sehr ausgepr\u00e4gt ist. Was schliesslich die Unterschiede der einzelnen Strecken anbetrifft, so ist es klar, dass f\u00fcr alle Intervalle gleichm\u00e4ssig die kleinen Strecken im Verh\u00e4ltnis sehr viel mehr \u00fcbersch\u00e4tzt werden als die grossen. Es muss dabei offenbar ber\u00fccksichtigt werden, dass ein ungleiches Verh\u00e4ltnis der \u00e4usseren Bewegungseffekte noch nicht ein ungleiches Verh\u00e4ltnis der subjektiven Bewegungsempfindungen voraussetzt, und nur auf diese kann die Reproduktion der Strecke sich st\u00fctzen. Eine Bewegung von 50 cm n\u00e4herte sich schon den Grenzen der Armbewegung; bei den gr\u00f6sseren Strecken w\u00e4chst die St\u00e4rke der Sensationen also sehr viel schneller als die durchmessene Strecke, und eine Vergr\u00f6sserung der 50cm-Strecke in dem Verh\u00e4ltnis, in dem die 5cm-Strecke vergr\u00f6ssert wurde, war physisch unm\u00f6glich. Da die Verschiedenheit in der Uebersch\u00e4tzung der verschieden langen Strecken augenscheinlich unabh\u00e4ngig vom Zeitintervall ist, so hat diese Frage \u00fcbrigens uns hier nicht zu besch\u00e4ftigen. Das,","page":87},{"file":"p0088.txt","language":"de","ocr_de":"88\nworauf es uns hier allein ankommt, ist lediglich, dass bei allen Versuchspersonen das Ged\u00e4chtnisbild der Bewegungsvorstellung sich in der ersten Minute nach ausgef\u00fchrter Bewegung derart ver\u00e4ndert, dass von der ersten Sekunde an die Bewegung in der Erinnerung immer kleiner zu werden scheint, nach 10 Sekunden den kleinsten Wert erreicht und von nun an stetig wieder w\u00e4chst, so dass sie nach 60 Sek. im allgemeineil wieder gr\u00f6sser ist als nach 2 Sek. Dabei wird die Normalgr\u00f6sse so stetig \u00fcbersch\u00e4tzt, dass im allgemeinen selbst der nach 10 Sek. erreichte Minimalwert doch noch gr\u00f6sser ist als die objektiv gegebene Strecke.","page":88}],"identifier":"lit38795","issued":"1892","language":"de","pages":"69-88","startpages":"69","title":"Ged\u00e4chtnisstudien","type":"Book Section"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T15:38:26.995686+00:00"}

VL Library

Book Section
Permalink (old)
http://vlp.uni-regensburg.de/references?id=lit38795
Licence (for files):
Creative Commons Attribution-NonCommercial
cc-by-nc

Export

  • BibTeX
  • Dublin Core
  • JSON

Language:

© Universitätsbibliothek Regensburg | Imprint | Privacy policy | Contact | Icons by Font Awesome and Icons8 | Powered by Invenio & Zenodo