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{"created":"2022-01-31T16:55:38.872707+00:00","id":"lit38796","links":{},"metadata":{"alternative":"Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4","contributors":[{"name":"M\u00fcnsterberg, Hugo","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4, edited by M\u00fcnsterberg, Hugo, 89-120. Freiburg i.B.: Mohr","fulltext":[{"file":"p0089.txt","language":"de","ocr_de":"Zeit ausfttllnn g.\nWelchen Einfluss hat die Ausf\u00fcllung eines Zeitintervalls auf die unmittelbare Gr\u00f6ssenbeurteilung desselben? Dass wir in der Erinnerung diejenige Zeitstrecke f\u00fcr gr\u00f6sser halten, welche reicher an Vorstellungsinhalten ist, wird allgemein zugegeben; aber auch darin herrscht weitgehende Uebereinstimmung, dass eine solche aus der Erinnerung oder der Phantasie gewonnene Vorstellung verflossener Zeitr\u00e4ume nicht unmittelbares Produkt des Zeitbewusstseins ist, das letztere sich vielmehr direkt nur auf kleine Zeitgr\u00f6ssen bezieht. Es fragt sich, wie weit die Vergleichung solcher kleinen, direkt erfassbaren Zeitstrecken dadurch beeinflusst wird, dass die zu vergleichenden Intervalle verschieden ausgef\u00fcllt werden.\nDen psychophysischen Mechanismus dieser direkten Vergleichung hatte ich in meiner Studie \u00fcber den Zeitsinn (Beitr\u00e4ge, Heft II) zu analysieren versucht; ich bem\u00fchte mich, auf Grund der Selbstbeobachtung, der eigenen Versuche, der gelegentlichen Beobachtungen anderer und der Widerspr\u00fcche \u00e4lterer Experimente, jene Vergleichung als Funktion der motorischen Apparate darzulegen. Wir machen eine Zeitstrecke einer vorangehenden gleich, indem wir jene pl\u00f6tzliche Muskelspannung, jene motorische Accentuation, mit der unser K\u00f6rper auf die sensorischen Abgrenzungen des ersten Intervalls reagiert, im gleichen zeitlichen Zwischenraum wiederholen. Dass dieser Zwischenraum aber der gleiche ist, schien mir nicht durch centrale Prozesse allein, sondern vornehmlich durch den","page":89},{"file":"p0090.txt","language":"de","ocr_de":"90\ncentral regulierten Ablauf peripherer Spannungs- und Ent-spannungsYorg\u00e4nge bedingt, die sich bei relativ gr\u00f6sseren Zeitstrecken an die Phasen der Atmung anlehnen ; diese psychophysische Ausf\u00fcllung des sonst leeren Intervalls ist es, welche einerseits das rechtzeitige Einsetzen der motorischen Accentuation bedingt, andererseits in ihrer psychologischen Repr\u00e4sentation durch Spannungs- und Entspannungsempfindungen die Gr\u00f6sse der Zeitstrecke zum Bewusstsein bringt. Wollen wir das Intervall reproduzieren oder vergleichen, so sind diese Empfindungen mithin die subjektive Kontrolle f\u00fcr den Ablauf derjenigen peripheren Vorg\u00e4nge, welche das richtige Einsetzen der abgrenzenden Accentuation bedingen; wollen wir das Intervall als ein abgeschlossenes einheitlich vorstellen, so bieten diese Empfindungen in Ermangelung ausf\u00fcllender \u00e4usserer Reize das einzige Vorstellungsmaterial, das uns den Zeitraum repr\u00e4sentiert. . Einen ganz \u00e4hnlichen Weg der Erkl\u00e4rung hat, unabh\u00e4ngig von mir, auch Schumann eingeschlagen.\nNur eines sei hinzugef\u00fcgt. Ich f\u00fchrte die subjektive Messung der objektiven Zeitr\u00e4ume zum Teil auf die zu- und abnehmenden Muskelempfindungen zur\u00fcck. An anderer Stelle habe ich sp\u00e4ter ausgef\u00fchrt, dass diejenigen Ver\u00e4nderungen der Muskelempfindungen, welche wir Zu- und Abnahme derselben nennen, zwar der Zu- und Abnahme unserer Muskelspannung entsprechen, psychologisch aber eigentlich keine Intensit\u00e4tsschwankungen darstellen, sondern nur auf r\u00e4umlicher Ausbreitung und zeitlichem Andauern beruhen. Es ist nicht gerade schwer, diese Behauptungen so zu formulieren, dass sie, nebeneinandergestellt, den Schein eines Widerspruchs erwecken. Thats\u00e4chlich w\u00fcrde dieser Gegensatz selbst dann kaum bestehen, wenn beide Aussagen koordiniert w\u00e4ren; da die Vorstellung einer Zeitdauer etwas anderes ist als die Zeitdauer einer Vorstellung, so k\u00f6nnte sehr wohl die Ausmessung der Zeitr\u00e4ume vermittels derjenigen Aenderung unserer Spannungsempfindungen erfolgen, die wir gew\u00f6hnlich Intensit\u00e4ts\u00e4nderungen nennen, und dennoch k\u00f6nnte sich bei n\u00e4herer","page":90},{"file":"p0091.txt","language":"de","ocr_de":"91\nAnalyse zeigen, dass diese scheinbare Intensit\u00e4ts\u00e4nderung nur auf denjenigen qualitativen Aenderungen der Empfindung beruht, die aus der r\u00e4umlichen Ausdehnung und der zeitlichen Dauer des Empfindungsreizes entstehen. In Wirklichkeit sind jene Behauptungen aber keineswegs koordiniert, und wer aus ihnen einen Zirkelschluss abzuleiten meint, \u00fcbersieht den Unterschied zwischen psychophysischer, psychologischer und erkenntnistheoretischer Betrachtung. Die systematische Darstellung der Psychologie, die ich in nicht ferner Zeit den Fachgenossen zu unterbreiten hoffe, wird gerade diese Fragen so ausf\u00fchrlich behandeln, dass ich hier darauf verzichte, das vielseitige Problem eingehender zu beleuchten; ich beschr\u00e4nke mich hier darauf, den Vorwurf eines inneren Widerspruches unbedingt zur\u00fcckzuweisen. Erst dort kann ich zeigen, dass in der That der Bewusstseinsinhalt, sobald er als Inbegriff der psychischen Ph\u00e4nomene gedacht wird, lediglich qualitative Verschiedenheiten aufweist, ja dass das Seiende, wie es vom absoluten, \u00fcberindividuellen Bewusstsein anerkannt ist, sich in eine psychische und eine physische Welt erst dadurch differenziert, dass es in der physischen Welt unter dem \u2019Grenzgriff des Quantitativen, in der psychischen unter dem Grenzbegriff des Qualitativen gedacht wird. Im Psychischen gibt es daher nur Aehnlichkeitsbestimmungen, im Physischen nur Messungen; ebendeshalb kommt dem Psychischen als solchem nicht nur keine r\u00e4umliche, sondern auch keine zeitliche Mass-bestimmung zu. Der psychische Vorgang hat zeitliche Ausdehnung erst, sobald er auf ein Physisches bezogen ist ; eben dann gewinnt er auch Intensit\u00e4tsabstufung. So k\u00f6nnen gerade in der Frage der Zeitanschauung dem Wortlaut nach sich widersprechende Behauptungen nebeneinander zu Recht bestehen, da die Widerspr\u00fcche sich l\u00f6sen, sobald die verschiedenen Standpunkte ber\u00fccksichtigt werden, von denen aus jene Behauptungen g\u00fcltig sind. F\u00fcr die folgende Untersuchung kommt selbstverst\u00e4ndlich lediglich der psychophysische Standpunkt in Betracht. \u2014 Ich unterlasse \u00fcbrigens eine weiter-","page":91},{"file":"p0092.txt","language":"de","ocr_de":"92\ngehende theoretische Er\u00f6rterung des Zeitsinnes hier um so lieber, als die Diskussion inzwischen durch die fleissige Arbeit von Nichols in manchen Punkten gef\u00f6rdert wurde und in dem pr\u00e4chtigen Werke von James einen H\u00f6hepunkt erreicht hat. Uns hat somit lediglich das Spezialproblem zu besch\u00e4ftigen, das, soviel ich sehe, einer systematischen Pr\u00fcfung noch nirgends unterzogen wurde.\nEs galt, zwei Zeitintervalle miteinander zu vergleichen, d. h. zu beurteilen, ob das zweite gr\u00f6sser, gleich oder kleiner als das erste ist, wenn beide verschieden ausgef\u00fcllt sind, etwa das eine mit langsamen, das andere mit schnellen Metronomschl\u00e4gen, das eine mit einem tiefen, das andere mit einem hohen Ton, das eine mit gleichg\u00fcltigen Ger\u00e4uschen, das andere mit interessierenden Worten. Die Zeitgr\u00f6ssen mussten, um den Inhalt zur Wirkung zu bringen, nicht gar zu klein sein und doch auch klein genug, um eine unmittelbare Auffassung zu erm\u00f6glichen. Als g\u00fcnstigste Gr\u00f6sse ergab sich das Intervall von 10 Sekunden. In s\u00e4mtlichen Versuchen, deren Zahl ohne die unber\u00fccksichtigten Vorversuche 4000 \u00fcbersteigt, ist entweder die Normalgr\u00f6sse oder die Vergleichsgr\u00f6sse 10 Sekunden. Um die Kontrastwirkung m\u00f6glichst einzuengen, wurden keine gr\u00f6sseren Differenzen als 2 Sekunden benutzt. 10 Sekunden wurden also verglichen mit 8, 9, 10, 11 und 12 Sekunden. Die Experimente wurden im Winter 1891/92 durchgef\u00fchrt; ich selbst stellte die Vergleichsgr\u00f6ssen her, die Herren Christiansen, Smith, Wadsworth, Krohn, Weiss, Blech und Frl. v. Schirnhofer fungierten als Versuchspersonen. Da die Herren Krohn, Blech und Weiss sich nicht an s\u00e4mtlichen Versuchsgruppen beteiligt, so bleiben ihre Resultate im folgenden unber\u00fccksichtigt; es kommen mithin nur die vier Versuchspersonen Ch., Sm., Sch., W. in Betracht. Die Vergleichsgr\u00f6ssen wurden allen Versuchspersonen gleichzeitig dargeboten; jeder f\u00fchrte ein Protokoll, und erst nach Erledigung einer ganzen Versuchsgruppe wurden die Resultate verglichen.\nDie gew\u00e4hlten Zeitgr\u00f6ssen differieren so wenig, dass der","page":92},{"file":"p0093.txt","language":"de","ocr_de":"93\nUnge\u00fcbte bei ihrer Vergleichung selbst dann ziemlich unsicher ist, wenn beide Intervalle gleichm\u00e4ssig ausgef\u00fcllt sind; ist die Ausf\u00fcllung eine verschiedene, so f\u00fchlt er sich zun\u00e4chst beinahe ratlos. Sollte der Einfluss der Ausf\u00fcllung wirklich rein hervortreten, so musste mithin eine betr\u00e4chtliche Uebung vorangehen. Wir fingen deshalb mit leeren Intervallen und grossen Differenzen an, gingen dann zu gleichm\u00e4ssig ausgef\u00fcllten Intervallen \u00fcber, sp\u00e4ter zu ungleich ausgef\u00fcllten Intervallen mit sehr grossen, dann immer geringeren Differenzen und begannen somit erst nach mehrw\u00f6chentlicher Uebung diejenigen Versuche, bei denen die oben bezeichneten Vergleichsgr\u00f6ssen verwertet wurden.\nWas die Herstellung der Reize betrifft, so ist es klar, dass kein Apparat ausser dem Centralapparat des Menschen die geforderten Bedingungen h\u00e4tte herstellen k\u00f6nnen. Der Wundtsche Zeitsinnapparat und \u00e4hnliche Instrumente k\u00f6nnen wohl Zeitr\u00e4ume abgrenzen oder mit gleichm\u00e4ssigen Ger\u00e4uschen anf\u00fcllen; aber diejenige Mannigfaltigkeit der Reize, welche uns erw\u00fcnscht schien, w\u00e4re technisch nicht herzustellen. Es scheint mir aber auch unbegr\u00fcndet, durchaus die Arbeit von Instrumenten zu fordern, wenn wir durch eigene Th\u00e4tigkeit dasselbe leisten k\u00f6nnen. Unterscheidet sich doch der Mensch sehr vorteilhaft von seinen Apparaten dadurch, dass seine Leistungen bei h\u00e4ufiger Wiederholung immer besser, die der Apparate aber immer schlechter werden. Wenn ich mit den Augen den Gang des grossen Zeigers auf der F\u00fcnftelsekundenuhr verfolge, so kann ich kurze Hand- oder Lippenbewegungen so v\u00f6llig synchron machen mit dem Eintreffen des Zeigers auf bestimmtem Teilstrich, dass ein Fehler von einer f\u00fcnftel Sekunde vollkommen ausgeschlossen ist. Es handelt sich dabei bekanntlich nicht um eine eigentliche Reaktionsbewegung, sondern, da der Zeiger gleichm\u00e4ssig in der Sekunde f\u00fcnfmal weiterspringt, sein Eintreffen am bestimmten Punkt mithin f\u00fcr einen bestimmten Moment sicher erwartet wird, kann die Registrierbewegung genau mit dem betreffenden Lichtreiz zu-\nV.\n*\n{","page":93},{"file":"p0094.txt","language":"de","ocr_de":"94\ns am menfallen. Selbstverst\u00e4ndlich war die mehrw\u00f6chentliche Vor\u00fcbung der Versuchspersonen auch f\u00fcr mich als Experimentator dabei unerl\u00e4sslich; als wir aber in die eigentlichen Versuche eintraten, hatte ich einen Grad der Uebung erreicht, bei dem ich mit hoher Sicherheit behaupten kann, dass mir ein Fehler von einer Zehntelsekunde nicht entgangen w\u00e4re. Jeden Versuch, bei dem ich glaubte, einen solchen kleinen oder ausnahmsweise auch einen gr\u00f6sseren Fehler gemacht zu haben, liess ich sofort streichen. Noch kleinere Fehler zu vermeiden, konnte in anbetracht der verh\u00e4ltnism\u00e4ssig grossen Zeiten kaum beansprucht werden. Vor allem wird dieser Grad von Genauigkeit selbst durch die \u00fcblichen Apparate kaum erreicht ; es ist mir ohne Zweifel, dass der fr\u00fcher auch von mir benutzte Zeitsinnapparat, wie ihn Mechaniker Krille in Leipzig liefert, durch die OelFnung der Kontakte Hemmungen und Ungleichm\u00e4ssigkeiten im Gange des Rades bewirkt, durch welche oft relativ betr\u00e4chtliche Fehler unvermeidlich werden. Gleichviel, ob ich beim Verfolg des Zeigers an bestimmten Punkten des Zifferblattes einen elektrischen Taster dr\u00fcckte und sp\u00e4ter losliess oder eine Zungenpfeife auszog und sp\u00e4ter zur\u00fcckschob oder Worte zu lesen begann und sp\u00e4ter abbrach: ich weiss bestimmt, dass in keinem Falle ein Versuch durchschl\u00fcpfte, bei dem nicht Anfang und Ende mit den entsprechenden Gesichtseindr\u00fccken so genau zusammenfiel, wie es f\u00fcr solche Versuche nur irgend beansprucht werden kann. Am schwierigsten war das bei der Lekt\u00fcre zu erreichen; aber nach einiger Uebung gelang es auch hier, die letzte Silbe mit der letzten F\u00fcnftelsekunde zusammenfallen zu lassen.\nDie Resultate teile ich in Prozenten mit, zumal die meisten Gruppen aus je hundert Versuchen bestanden, nur einige aus 80, ein paar andere aus 160. Jede Gruppe ist in mindestens zwei verschiedenen Wochen erledigt. Je 100 Versuche setzten sich nun stets so zusammen, dass 50mal 10 Sek. Normalgr\u00f6sse und 50mal Vergleichsgr\u00f6sse war; unter diesen 50 Versuchen wird auf beiden Seiten 10 Sek. lOmal mit","page":94},{"file":"p0095.txt","language":"de","ocr_de":"95\n8 Sek., lOmal mit 9 Sek., lOmal mit 10 Sek., lOmal mit 11 Sek., lOmal mit 12 Sek. verglichen. Diese 100 F\u00e4lle reduzieren sich mithin auf die M\u00f6glichkeiten: 8\u201410, 9\u201410, 10\u201410, 11\u201410, 12\u201410, 10 \u2014 8, 10\u20149, 10\u201411, 10\u201412. Fassen wir dieselben so zusammen, dass die Differenz der Vergleichsgr\u00f6sse gegen\u00fcber der Normalgr\u00f6sse hervortritt, so gibt es unter den 100 Versuchen 20, bei denen die Differenz \u2014 2 Sek. (lOmal 10\u20148, lOmal 12\u201410), 20, bei denen sie \u2014 1 Sek. (lOmal 10\u20149, lOmal 11\u201410), 20, bei denen sie 0 Sek. (20mal 10\u201410), 20, hei denen sie -f- 1 (lOmal 9\u201410, lOmal 10\u201411), 20, bei denen sie -j- 2 (lOmal 8\u201410, lOmal 10\u201412). Unter 100 F\u00e4llen ist mithin die Vergleichsgr\u00f6sse objektiv 40mal kleiner, 20mal gleich, 40mal gr\u00f6sser als die Normalgr\u00f6sse. Diese Versuchsgr\u00f6ssen wurden nun in v\u00f6llig unregelm\u00e4ssiger Reihenfolge dargeboten, und die Versuchsperson musste sofort protokollieren, ob ihr die zweite Gr\u00f6sse kleiner, gleich oder gr\u00f6sser erscheint. Nicht selten hiess die Antwort schwankend: gr\u00f6sser oder gleich, respektive kleiner oder gleich. In diesem Fall wurde beides protokolliert und bei der Berechnung das Ergebnis als zwei Halbe betrachtet, die beiden Seiten als 0,5 \u00b0/o zugeschrieben wurden.\nNoch ein weiteres blieb zu ber\u00fccksichtigen. Die beiden Intervalle sollten verschieden ausgef\u00fcllt werden, z. B. eines mit einem tiefen, das andere mit einem hohen Ton. Unter je 100 F\u00e4llen musste dann der hohe Ton 50mal die Normalstrecke, 50mal die Vergleichsstrecke f\u00fcllen, und zwar wurden diese beiden F\u00e4lle nun wieder gleichm\u00e4ssig auf jede Untergruppe von je 10 F\u00e4llen verteilt, also z. B. 5mal wurde der tiefe Ton 8 Sek. und dann der hohe 10 Sek. angehalten, 5mal der hohe 8 und dann der tiefe 10 Sek., 5mal erst der tiefe 10, dann der hohe 8 und 5mal erst der hohe 10, dann der tiefe 8 Sek. In dieser Weise waren die beiden Ausf\u00fcllungsarten vollkommen symmetrisch verteilt. Beide w\u00e4hrend der einzelnen Versuchsreihe durcheinanderzuw\u00fcrfeln, erwies sich als ungeeignet; es wechselten daher immer je 20 Versuche mit einer be-","page":95},{"file":"p0096.txt","language":"de","ocr_de":"96\nstimmten Anordnung der Ausf\u00fcllung, also erst 20 Versuche, bei denen der tiefe Ton Normalgr\u00f6sse, dalm 20, bei denen Normalgr\u00f6sse der hohe Ton war.\nNun kommt f\u00fcr unsere Berechnung lediglich der Einfluss der Ausf\u00fcllung in Frage. Wir werden daher nicht berechnen, in wie vielen F\u00e4llen unter den 100 die Vergleichsgr\u00f6sse >, = oder < als die Normalgr\u00f6sse gesch\u00e4tzt ist, sondern wie oft die eine Ausf\u00fcllung ^>, = oder als die andere Ausf\u00fcllung erscheint. Da die zweite Ausf\u00fcllung, z. B. der hohe Ton, genau so h\u00e4ufig Normal- wie Vergleichsgr\u00f6sse war, so wird aus einer Berechnung, wie oft der hohe Ton l\u00e4nger als der tiefe Ton erschien, sich mithin gar kein Anhaltspunkt f\u00fcr die bisher stets allein behandelte Frage ergeben, wie die Vergleichsgr\u00f6sse gegen\u00fcber der Normalgr\u00f6sse gesch\u00e4tzt wird; die entsprechende Differenz muss in unseren Tabellen vollkommen ausgel\u00f6scht sein und eben das war unentbehrlich, wenn wirklich der Einfluss der Ausf\u00fcllung hervortreten soll. Selbstverst\u00e4ndlich musste, da das Protokoll sich stets auf die Vergleichsgr\u00f6sse bezog, gleichviel ob diese die erste oder die zweite Ausf\u00fcllung darbot, das Resultat nun in der H\u00e4lfte der F\u00e4lle umgekehrt werden, wenn das Ergebnis sich \u00fcbereinstimmend auf die zweite Ausf\u00fcllungsart beziehen soll. War beispielsweise der Einfluss des hohen Tons zu pr\u00fcfen, so bezog sich das Protokoll doch nur 50mal auf den hohen, 50mal aber auf den tiefen Ton, da das unmittelbare Urteil nat\u00fcrlich stets auf die Vergleichsgr\u00f6sse bezogen war. Wenn also der hohe Ton eine Normalgr\u00f6sse von 8 Sek., der tiefe Ton die Vergleichs-grosse von 10 Sek. f\u00fcllte, so lautete das Urteil, dass die Vergleichsstrecke bei -f- 2 Sek. gr\u00f6sser schien; f\u00fcr die Berechnung musste das dann so umgekehrt werden, dass die Strecke mit hohem Ton bei \u2014 2 Sek. kleiner schien. In dieser Weise sind die folgenden Tabellen umgerechnet; der Einfluss der Zeitlage ist dadurch vollkommen aufgehoben, und das Verh\u00e4ltnis der Einzelf\u00e4lle bleibt dasselbe ; die zweite Ausf\u00fcllungsart dauert in 40 F\u00e4llen l\u00e4nger, in 40 F\u00e4llen k\u00fcrzer und ist","page":96},{"file":"p0097.txt","language":"de","ocr_de":"97\nin 20 F\u00e4llen ebensolang wie die erste. Verschiebt sich dieses Prozentverh\u00e4ltnis bei der subjektiven Beurteilung so, dass die Zahl der Gleichheitsf\u00e4lle gleichm\u00e4ssig auf Kosten der Gr\u00f6sserund Kleinerf\u00e4lle w\u00e4chst, so w\u00fcrde das nur f\u00fcr die Schwierigkeit der Auffassung so kleiner Zeitdifferenzen sprechen; verschiebt sich das Prozentverh\u00e4ltnis aber so, dass die Gr\u00f6sserf\u00e4lle auf Kosten der Kleinerf\u00e4lle wachsen oder umgekehrt, so w\u00fcrde darin offenbar nur der Einfluss der betreffenden Ausf\u00fcllungsart gesucht werden k\u00f6nnen, da alle \u00fcbrigen Momente unver\u00e4ndert bleiben.\nAls Beispiel f\u00fchre ich folgenden Fall an. Als ein tiefer Ton mit einem hohen verglichen wurde, sch\u00e4tzte Ch. folgender-massen. War der tiefe Ton Normalgr\u00f6sse, der hohe Ton Vergleichsgr\u00f6sse, so schien der hohe Ton unter 80 Versuchen:\n\t\t>\t=\t<\n\t\u2014 2 Sek.\t5\t10\t1\n\t- 1 n\t9\t7\t\u2014\n\t0 \u201e\t10\t6\t\u2014\n\t+ 1 \u00bb\t13\t3\t\u2014\n\t+ 2 \u201e\t16\t\u2014\t\u2014\n\t\t53\t26\t1\nWar\tder hohe Ton Normalgr\u00f6sse,\t\t\tder tiefe Vergleichs\ngrosse, so\terschien der\thohe Ton\tunter\t80mal :\n\t\t>\tzz:\t<\n\t\u2014 2 Sek.\t\u2014\t4\t12\n\t- 1 *\t\u2014\t10\t6\n\t0 \u201e\t2\t12\t2\n\t+ 1 r>\t6\t9\t1\n\t+ 2 \u201e\t5\t11\t\u2014\n\t\t13\t46\t21\nAuf den ersten Blick ist die Differenz beider Tabellen deutlich; dieselbe r\u00fchrt selbstverst\u00e4ndlich von der verschiedenen Zeitlage her. In der ersten Tabelle war der hohe Ton an zweiter Stelle, in der zweiten Tabelle an erster Stelle ; da wir\naber Zeitgr\u00f6ssen von ungef\u00e4hr 10 Sek. bekanntlich bei der M\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\t7","page":97},{"file":"p0098.txt","language":"de","ocr_de":"98\nReproduktion verkleinern, so muss die Zahl der Gr\u00f6sserf\u00e4lle in der ersten Tabelle wesentlich gr\u00f6sser werden als in der zweiten; dort betr\u00e4gt sie insgesamt 53, hier nur 13, obgleich in beiden F\u00e4llen objektiv genau 32 F\u00e4lle gr\u00f6sser waren. Dieser Einfluss der Zeitlage interessiert uns aber gar nicht; wir beseitigen seine Wirkung, indem wir beide Tabellen vereinigen. Es erscheint dann unter 160 F\u00e4llen der hohe Ton:\n>\t=\t<\n5\t14\t13\n9\t17\t6\n12\t18\t2\n19\t12\t1\n21\t11\t\u2014\n66\t72\t22\n>\t=\t<\n41\t45\t14\nHier tritt nun sofort deutlich hervor, dass die Gr\u00f6sserf\u00e4lle bedeutend gegen\u00fcber den Kleinerf\u00e4llen \u00fcberwiegen, das mit dem hoben Ton ausgef\u00fcllte Zeitintervall also l\u00e4nger erschien als das mit tiefem Ton gef\u00fcllte. Werden die Gleichheitsf\u00e4lle halbiert und beiden Seiten je zur H\u00e4lfte zugerechnet, so w\u00fcrde das Verh\u00e4ltnis 63,5 \u00b0/o gr\u00f6sser und 36,5 \u00b0/o kleiner, w\u00e4hrend objektiv 50 gegen 50 steht. Dass diese Ergebnisse nicht das Produkt des Zufalls sind, geht aus dem gesetz-m\u00e4ssigen Gang der obenstehenden Tabelle klar hervor; alle \u00fcbrigen Tabellen bekunden genau dasselbe: es war f\u00fcr s\u00e4mtliche Versuchspersonen ein Grad der Uebung erreicht, der ein unsicheres Raten und Tasten im allgemeinen ausschloss und den Tabellen durchweg eine deutliche Ordnung verlieh, wenngleich aus der ungleichen Zahl der Gleichheitsf\u00e4lle wesentliche Unterschiede der Sch\u00e4tzungssicherheit hervorgehen. Genau nach dem Schema des vorstehenden Beispiels sind nun die folgenden Prozentwerte, nach Ausgleichung der Zeitlage, berechnet.\n\u2014\t2 Sek.\n-\t1 \u00bb\n0 \u201e\n+\t1\t7*\n+ 2 \u201e\noder auf 100:","page":98},{"file":"p0099.txt","language":"de","ocr_de":"99\nUnter den zw\u00f6lf Gruppen verschiedenartiger Ausf\u00fcllung, die wir studiert haben, sind acht Gruppen, bei denen das Verh\u00e4ltnis der Gr\u00f6sser- zu den Kleinerf\u00e4llen bei allen vier Versuchspersonen in ausgepr\u00e4gter Weise dieselbe Richtung hat; bei den vier anderen Gruppen sind die Differenzen zwischen beiden F\u00e4llen sehr klein oder f\u00fcr die verschiedenen Individuen verschieden. Ist bei diesen vier Gruppen von einem konstanten Einfluss der betreffenden Ausf\u00fcllung nicht wohl zu sprechen, so kann er bei den anderen acht Gruppen nicht wohl in Zweifel gezogen werden. Wir wollen uns mit diesen besch\u00e4ftigen.\nBleiben wir zun\u00e4chst bei dem schon als Beispiel herangezogenen Fall: ein hoher Ton wird mit einem tiefen verglichen. Als Tonquelle wurde ein Appunscher, durch drei Oktaven f\u00fchrender Zungenapparat benutzt; als tiefen Ton w\u00e4hlte ich das c von 128, als hohen das g2von 768 Schwingungen. Zwischen Normal- und Vergleichsgr\u00f6sse ist hier wie in allen folgenden Versuchen ein Zwischenraum von zwei Sekunden. Der Zungenpfeifenton h\u00e4lt sich die 8 bis 12 Sekunden hindurch sehr gleichm\u00e4ssig, da der Blasebalg durch langsames Treten bei mittlerem Druck erhalten wird. Das Ergebnis war: unter je 160 Versuchen erschien der hohe Ton, der objektiv der Beschreibung gem\u00e4ss in 40 \u00b0/o l\u00e4nger, in 20\u00b0/o gleich, in 40 \u00b0/o k\u00fcrzer war, subjektiv:\n>\t==\t<\nCh. 41 \u00b0/o\t45 \u00b0/o\t14 \u00b0/<\nSch. 42,5 \u201e\t25 \u201e\t32,5 \u201e\nSm. 46 \u201e\t35 \u201e\t19 \u201e\nW. 40,5 \u201e\t36 \u201e\t23,5 \u201e\nBei s\u00e4mtlichen Versuchspersonen also \u00fcberwiegt die Zahl der Gr\u00f6ssersch\u00e4tzung \u00fcber die Kleinersch\u00e4tzung, wobei immer wieder daran erinnert werden muss, dass der Einfluss der Zeitlage vollkommen aufgehoben ist. Die geringste Differenz zeigt Sch. ; da Fri. Dr. v. Sch. die einzige Versuchsperson ist, welche musiziert, so mag es durch","page":99},{"file":"p0100.txt","language":"de","ocr_de":"100\nihre Uebung im taktm\u00e4ssigen Klavierspiel bedingt sein, dass sie sowohl in der Sicherheit als auch in der Richtigkeit der Sch\u00e4tzung bei den meisten Gruppen im Vorteil zu sein scheint. Ich m\u00f6chte freilich nicht unerw\u00e4hnt lassen, dass nach gelegentlichen Beobachtungen und Versuchen der Zeitsinn des weiblichen Geschlechts mir \u00fcberhaupt feiner zu sein scheint als der der M\u00e4nner; ich lasse dahingestellt, wie weit das mit jener feineren Ausbildung des Muskelsinns zusammenh\u00e4ngt, die sich in der weiblichen manuellen Geschicklichkeit, in weiblicher Grazie und Anmut auspr\u00e4gt und das Weib f\u00fcr viele seiner sozialen Funktionen besonders pr\u00e4disponiert erscheinen l\u00e4sst, w\u00e4hrend umgekehrt jene Funktionen selbst wieder die Entwicklung dieses Sinnes vielleicht auf Kosten anderer Sinne beg\u00fcnstigen. Wenn wir in obigen Ergebnissen die Gleichheitsf\u00e4lle zur H\u00e4lfte den Gr\u00f6sser-, zur H\u00e4lfte den Kleinerf\u00e4llen zurechnen, so ergibt sich, dass der hohe Ton gr\u00f6sser gesch\u00e4tzt wurde von\nCh. 63,5%, Sch. 55%, Sm. 63,5%, We. 58,5%.\nDa sich an diesen Gruppen auch We. und Bl. vollst\u00e4ndig beteiligten, f\u00fcge ich bei, dass die Uebersch\u00e4tzung auch bei ihnen eintrat, und zwar\n>\t\u2014\t<\nBl.\t45\t17,5\t37,5\nWe.\t75\t12,5\t12,5\nHalbierung der\tGleichheitsf\u00e4lle\twar die Gr\u00f6sser\nSch\u00e4tzung mithin f\u00fcr\nBl. 54 %, We 81 %\nDer Durchschnitt f\u00fcr alle sechs Versuchspersonen betr\u00e4gt dann eine Gr\u00f6ssersch\u00e4tzung in 62,6 % statt der objektiven 50 \u00b0/o ; gerade der Umstand, dass dieses Verh\u00e4ltnis bei s\u00e4mtlichen Versuchspersonen, wenn auch in ungleicher St\u00e4rke, wiederkehrt, beweist, dass es sich um eine psychologische Gesetzm\u00e4ssigkeit handelt. Dieselbe Uebereinstimmung trifft nun f\u00fcr die folgenden sieben Gruppen zu.","page":100},{"file":"p0101.txt","language":"de","ocr_de":"101\nIn der zweiten Gruppe wird ein Akkord mit einem einzelnen Ton dieses Akkordes verglichen, und zwar benutzte ich ausnahmslos den Durakkord, 128\u2014256 Schwingungen, und als einzelnen Ton 256 Schwingungen. Die Differenzen sind hier noch gr\u00f6sser. Die Urteile lauten, wenn sie auf den einzelnen Ton bezogen werden:\n\t>\t=\t<\nCh.\t52,5 \u00b0/o\t35 \u00b0/o\t12,5 \u00b0/o\nSch.\t42,5 \u201e\t30 \u201e\t27,5 \u201e\nSm.\t50 \u201e\t42,5 \u201e\t7,5 \u201e\nWa.\t47,5 \u201e\t36 \u201e\t16,5 \u201e\nNach Halbierung der Gleichheitsf\u00e4lle wird also der Ton von\nCh. 70 \u00b0/o, Sch. 57,5 %, Sm. 71 %, Wa. 65,5 % der F\u00e4lle f\u00fcr l\u00e4nger dauernd gehalten als der Akkord. Der Durchschnitt ergibt 66 \u00b0/o. \u2014 Der Ton erscheint also in zwei Drittel der F\u00e4lle l\u00e4nger, w\u00e4hrend er nur in der H\u00e4lfte der F\u00e4lle objektiv l\u00e4nger war. Die Protokolle zeigen im einzelnen, dass die Verschiebung doch nur sehr selten die Differenz von zwei Sek. betrifft; meist kommt das Ergebnis dadurch zu st\u00e4nde, dass der Ton bei einer Differenz von \u2014 1 Sek. gleich und bei einer Differenz von 0 Sek. gr\u00f6sser gesch\u00e4tzt wird, w\u00e4hrend -j- 1 Sek. fast niemals f\u00fcr gleich gehalten wird. Die Uebersch\u00e4tzung des Tons gegen\u00fcber dem Akkord ist dem Gesamtdurchschnitt nach die h\u00f6chste, die sich \u00fcberhaupt bei irgend einer Anordnung ergab; f\u00fcr die einzelnen Personen kamen freilich auch noch gr\u00f6ssere Differenzen vor.\nAls dritte Gruppe erw\u00e4hne ich die Vergleichung eines Tones in mittlerer H\u00f6he, 400 Schwingungen, mit dem schnurrenden Ger\u00e4usch des Unterbrechers an einem kleinen Induktionsapparat. W\u00e4hrend der einen Zeitstrecke war also der Knopf einer Zungenpfeife herausgezogen, w\u00e4hrend der anderen Zeitstrecke ein elektrischer Schl\u00fcssel herabgedr\u00fcckt. Das schnurrende Ger\u00e4usch erscheint l\u00e4nger als der Ton. Wird das Urteil auf das Ger\u00e4usch bezogen, so ergibt sich:","page":101},{"file":"p0102.txt","language":"de","ocr_de":"102\nCh.\nSch.\nSm.\nWa.\n>\t=\t<\n33,5 %\t39%\t27,5 %\n40 \u201e\t25 \u201e\t'35 \u201e\n44 \u201e\t40 \u201e\t16 \u201e\n38 \u201e\t41 \u201e\t21 \u00bb\nNach Halbierung der Gleichheitsf\u00e4lle wird das Ger\u00e4usch f\u00fcr l\u00e4nger gehalten in\nCh. 53 %, Sch. 52,5%? Sm. 64 %, Wa. 58,5%\naller F\u00e4lle, durchschnittlich also in 57 \u00b0/o. Ich bemerke dabei, dass der Pfeifenton eine angenehme Klangfarbe hat, das schnurrende Ger\u00e4usch dagegen vollkommen gleichg\u00fcltig erschien.\nEine Yersuchsgruppe besch\u00e4ftigte sich mit der Ausf\u00fcllung durchlangsame und schnelle Metronomschl\u00e4ge. W\u00e4hrend des einen Intervalls folgten die Schl\u00e4ge in Abst\u00e4nden von einer Drittelsekunde, w\u00e4hrend des anderen in Abst\u00e4nden von ganzen Sekunden. Die Association von ZahlenvorStellungen war selbstverst\u00e4ndlich zu unterdr\u00fccken; dieselbe h\u00e4tte \u00fcberdies die Vergleichung nicht erleichtert, da die Versuchspersonen weder die absolute Gr\u00f6sse der Schlaggeschwindigkeiten noch ihr wechselseitiges Verh\u00e4ltnis kannten. Bei allen Beteiligten wurden die Zeitstrecken mit schnell folgenden Schl\u00e4gen f\u00fcr gr\u00f6sser gehalten als die mit den dreimal so langsamen Schl\u00e4gen. Werden die Urteile auf die schnellen Schl\u00e4ge bezogen, so ergibt sich n\u00e4mlich:\n\t>\t=\t<\nCh.\t65 %\t30 %\t5 %\nSch.\t47,5 ,,\t15 \u201e\t37,5 \u201e\nSm\t46 \u201e\t29 *\t25 \u201e\nWa.\tIO OG CO\t36 \u201e\t25,5 \u201e\nNach Halbierung der Gleichheitsf\u00e4lle stellten sich die Gr\u00f6ssersch\u00e4tzungen der schnellen Schlagweise mithin auf:\nCh. 80%. Sch. 55%. Sm. 60,5%. Wa. 56,5%.\nDurchschnittlich: 63 \u00b0/o. F\u00fcr die hier mitsch\u00e4tzenden Versuchspersonen Bl. 58 \u00b0/o, Wa. 72\u00b0/o.","page":102},{"file":"p0103.txt","language":"de","ocr_de":"103\nDie vier \u00fcbrigen Gruppen, bei denen sieb Uebereinstim-mung s\u00e4mtlicher Versuchspersonen ergab, enthielten in einem oder in beiden Intervallen gesprochene Worte. Zun\u00e4chst wurden Metronomschl\u00e4ge mit Versen verglichen. Die f\u00fcr die Verse bestimmten Zeitr\u00e4ume wurden jedesmal mit einer vierzeiligen, in sich geschlossenen, gereimten Strophe (aus Geibels oder Heyses Gedichten) ausgef\u00fcllt. Dadurch, dass ich bald dreif\u00fcssige, bald vierf\u00fcssige, bald jambische, bald troch\u00e4ische Verse w\u00e4hlte und fast unmerklich die Pause zwischen den einzelnen Zeilen bald k\u00fcrzer, bald l\u00e4nger machte, beanspruchten die Strophen bald 8, bald 12 Sekunden, ohne dass die Versuchspersonen durch Reflexion sich diese Verschiedenheit vergegenw\u00e4rtigen konnten; sie waren also auch hier v\u00f6llig auf das unmittelbare Zeitbewusstsein angewiesen. Die Metronomschl\u00e4ge folgten im Takt von Drittelsekunden; die gesprochenen Silben einer Zeile folgten sich etwa in demselben Tempo. Die Metronomschl\u00e4ge werden \u00fcbereinstimmend auf Kosten der Verse in ihrer Dauer \u00fcbersch\u00e4tzt; die poetisch ausgef\u00fcllten Zeiten erschienen also k\u00fcrzer als die mit Pendelschl\u00e4gen ausgef\u00fcllten. Wird das Urteil auf die Metronomschl\u00e4ge bezogen, so stellte sich das Ergebnis:\nCh.\t> 40 \u00b0/o\t40 %\t< 20 \u00b0/o\nSch.\t36,5 \u201e\t36 \u201e\t.\t27,5 \u201e\nSm.\t35,5 \u201e\t43,5 \u201e\t21 \u201e\nWa.\t40 \u201e\t32,5 \u201e\t27,5 \u201e\nBei Halbierung der Gleichheitsf\u00e4lle ergibt sich f\u00fcr die Metronomschl\u00e4ge eine Gr\u00f6ssersch\u00e4tzung bei:\nCh. 60 \u00b0/o, Sch. 54,5 \u00b0/o, Sm. 57 %, Wa. 56 \u00b0/o durchschnittlich 57 \u00b0/o.\nIn der n\u00e4chsten Gruppe trat an die Stelle der Metronomschl\u00e4ge das schnurrende Ger\u00e4usch des elektrischen Unterbrechers im Induktionsapparat, und an die Stelle der Verse traten Prosaspr\u00fcche (aus Goethe). Es wurde also ein gleichm\u00e4ssiges","page":103},{"file":"p0104.txt","language":"de","ocr_de":"104\nschnurrendes Ger\u00e4usch mit gesprochenen, jedesmal in sich abgeschlossenen Prosaworten verglichen. Je nach dem auszuf\u00fcllenden Intervall wurde ein etwas k\u00fcrzerer oder l\u00e4ngerer Spruch gew\u00e4hlt, stets aber m\u00f6glichst dasselbe Tempo beim Lesen eingehalten. Das Ger\u00e4usch erscheint relativ l\u00e4nger als die Lekt\u00fcre des Spruches. Wird das Urteil auf das Ger\u00e4usch bezogen, so ergibt sich:\n\t>\t\u2014\t<\nCh.\t45%\t30 %\t25\nSch.\t45 \u201e\t27,5 \u201e\t27,5\nSm.\t39 \u201e\t35 \u201e\t26\nWa.\t38 \u201e\t36 \u201e\t25\nnach der Reduzierung mithin:\nCh. 60\u00b0/o. Sch. 59 %. Sm. 56,5%. Wa. 56 % durchschnittlich 58\u00b0/o.\nfolgt eine Gruppe, bei der die Prosaspr\u00fcche genau wie in der vorigen verwertet werden, an die Stelle des schnurrenden Ger\u00e4usches aber ebenfalls gesprochene Worte traten, n\u00e4mlich die Zahlen 1 bis 10, die immer wieder von neuem in ruhigem Sprechtempo aufgesagt werden. Im einen Intervall also ein geistanregender Goethescher Spruch, im andern monoton aufgesagte Zahlenreihen, in beiden aber in der Zeiteinheit ungef\u00e4hr gleich viel ausgesprochene Silben. Die Zahlen scheinen l\u00e4nger als die Spr\u00fcche. Wenn das Urteil auf die ersteren bezogen wird, fand sich:\n\t>\t=\t<\nCh.\t86,5 %\t35 %\t28,5 %\nSch.\t36,6 \u201e\t38,5 \u201e\t25 \u201e\nSm.\t40,5 \u201e\t41 \u201e\t18,5 \u201e\nWa.\t46,5 \u201e\t22,5 \u201e\t31 \u201e\nWerden die Gleichheitsf\u00e4lle halbiert, so tritt Gr\u00f6ssersch\u00e4tzung der von Zahlen ausgef\u00fcllten Intervalle ein bei:\nCh. 54 \u00b0/o. Sch. 56%. Sm. 61%. Wa. 58%.\ndurchschnittlich in 57\u00b0/o.","page":104},{"file":"p0105.txt","language":"de","ocr_de":"105\nDie letzte Gruppe, welche in hohem Mass \u00fcbereinstimmende Sch\u00e4tzung aufweist, umfasste solche Versuche, bei denen beide Intervalle mit gesprochenen Prosas\u00e4tzen ausgef\u00fcllt sind, aber im einen Intervall langsam, im anderen schnell gesprochen. Wenn die langsam gesprochenen S\u00e4tze, je nach der Gr\u00f6sse des Intervalls, 1 % bis 2 Zeilen umfassten, so waren die schnell gesprochenen 3 bis 4 Zeilen lang, die Geschwindigkeit also die doppelte. Wir benutzten zu diesem Zweck den fortlaufenden Text klarer, einfach geschriebener wissenschaftlicher Aufs\u00e4tze, in denen ich die aufeinanderfolgenden S\u00e4tze durch Weglassungen und Einschaltungen auf die gew\u00fcnschten Dimensionen brachte. Dadurch, dass der Text somit dauernd weiterlief, war das Interesse am Inhalt ein v\u00f6llig gleichm\u00e4ssiges, nur die Masse des Dargebotenen war gr\u00f6sser oder kleiner. Das schneller Gelesene erscheint wesentlich l\u00e4nger. Das Ergebnis ist, wenn die Urteile auf das schnell Gelesene bezogen werden :\n\t>\t=\t<\nCh.\t51 %\t27,5 %\t21,5%\nSch.\t55 \u201e\t26 \u201e\t19 \u201e\nSm.\t47,5 \u201e\t42,5 \u201e\t10 \u201e\nWa.\t45 \u201e\t25 \u201e\t30 \u201e\nreduziert :\nCh. 65 \u00b0/o. Sch. 68%. Sm. 69%. Wa. 57,5%. durchs chnittli ch 65 \u00b0/o.\nAus denjenigen Versuchsgruppen, welche einen f\u00fcr alle Versuchspersonen \u00fcbereinstimmenden Einfluss der Ausf\u00fcllung nicht zeigen, erw\u00e4hne ich zun\u00e4chst eine, bei der trotzdem eine Sch\u00e4tzungsart wesentlich \u00fcberwiegt. Wir verglichen Intervalle, von denen das eine mit einem Ton mittlerer H\u00f6he (400 Schw.) gleichm\u00e4ssig ausgef\u00fcllt war, das andere denselben Ton intermittierend enthielt und zwar so, dass der Ton % Sekunde lang t\u00f6nte und % Sekunde unterbrochen wurde, in zehn Sekunden also zwanzigmal einsetzte und auf-","page":105},{"file":"p0106.txt","language":"de","ocr_de":"106\nh\u00f6rte. Beim letzten Anklingen musste er statt 1/4 stets V2 Sek. t\u00f6nen, um das Intervall bis zum Ende auszuf\u00fcllen. Ins R\u00e4umliche \u00fcbertragen, w\u00e4re der Fall also der, dass eine ausgezogene Linie mit einer punktierten Linie verglichen wird. Von den vier Versuchspersonen \u00fcbersch\u00e4tzen drei den ausgezogenen, eine den intermittirenden Ton; die Uebersch\u00e4tzung des ausgezogenen ist \u00fcberdies bei jeder der drei Personen betr\u00e4chtlicher als die Untersch\u00e4tzung desselben durch die vierte. Das Ergebnis ist n\u00e4mlich, wenn die Urteile auf den ausgezogenen Ton bezogen werden:\n\t.>\t=\t<\nCh.\t39 \u00b0/o\t35 \u00b0/o\t26\nSch.\t45 \u201e\t39 \u201e\t16\nSm.\t30 \u201e\t32,5 \u201e\t37,5\nWa.\t46 \u201e\t30 \u201e\t24\nNach- Halbierung der Gleichheitsf\u00e4lle werden die Intervalle mit ausgezogenem Ton also f\u00fcr gr\u00f6sser gehalten von\nCh. 56,5 \u00b0/o. Sch. 64,5 %. Sm. 46 \u00b0/o. Wa. \u00f6l \u00b0/o.\nBei Sm. werden also 4\u00b0/o weniger F\u00e4lle auf die Seite der Gr\u00f6ssersch\u00e4tzungen gestellt, als den objektiven Verh\u00e4ltnissen entspricht, dagegen bei Ch. 6,5 mehr, bei Sch. 14,5 mehr und bei Wa. 11 mehr. Wir d\u00fcrfen also wohl annehmen, dass die geringe Abweichung bei Sm. zuf\u00e4lligen individuellen Charakter besitzt. Ber\u00fccksichtigen wir dieses abweichende Resultat von Sm., so ergibt sich ein Durchschnitt von 57 \u00b0/o ; lassen wir dasselbe beiseite, so gewinnen wir von den drei anderen Versuchspersonen einen Durchschnittswert von 60,5 \u00b0/o. Bei Zeitstrecken erscheint also die punktierte Linie kleiner als die ausgezogene.\nAnders verh\u00e4lt es sich mit den folgenden Gruppen, bei denen die individuellen Schwankungen \u00fcberhaupt gering und nach beiden Seiten fast gleichm\u00e4ssig verteilt sind. Wir verglichen zwei Intervalle, von denen das eine wie im vorigen Versuch durch einen intermittirenden Ton ausgef\u00fcllt,","page":106},{"file":"p0107.txt","language":"de","ocr_de":"107\ndas andere aber nur durch zwei ganz kurze T\u00f6ne abgegrenzt, im \u00fcbrigen leer gelassen wird. R\u00e4umlich gedacht : eine punktierte Linie wird mit einer leeren, durch zwei Endpunkte begrenzten Strecke verglichen. Das Ergebnis ist, wenn das Urteil auf den intermittierenden Ton bezogen wird:\n>\t=\t<\nCh.\t36,5 %\t40 %\t23,5 %\nSch.\t37,5 \u201e\t23,5 \u201e\t39 \u201e\nSm.\t29 \u201e\t46 \u201e\t25 \u201e\nAVa.\t33,5 \u201e\t22,5 \u201e\t44 \u201e\nreduziert :\t\t\nCh. 56,5 %. Sch. 49 %.\tSm. 52 %.\tA\\Ta. 45%\ndurchschnittlich 50,5 \u00b0/o. Das Ergebnis l\u00e4sst nur den einen Schluss zu, dass im allgemeinen die zeitlich punktierte Linie neben der leeren abgegrenzten Strecke vom unmittelbaren Zeitbewusstsein weder \u00fcbersch\u00e4tzt noch untersch\u00e4tzt werden muss.\nEbenso verhielt es sich, als wir das schnurrende Ger\u00e4usch des Induktionsapparates mit den % -Sekundenschl\u00e4gen des Metronoms verglichen. Wird auf die letzteren das Urteil bezogen, so ergibt die reduzierte Sch\u00e4tzung eine Gr\u00f6sserauffassung bei:\nCh. 51%. Sch. 45%. Sm. 42%. \u00a5a. 51,5%.\nVon zwei Personen also werden die PendelsGhl\u00e4ge, von zweien das Schnurren \u00fcbersch\u00e4tzt und zwar so, dass die Ueber-sch\u00e4tzung des schnurrenden Ger\u00e4usches durchschnittlich ein wenig \u00fcberwiegt (52,5%).\nDie mitgeteilten Experimente stellen den ersten Versuch auf einem bisher unbearbeiteten Gebiete dar; es versteht sich also von selbst, dass sie der Weiterf\u00fchrung und Vervollkommnung dringend bed\u00fcrfen und wir somit von ihnen bez\u00fcglich der Theorie des Zeitsinns nur allgemeine orientierende Andeutungen erwarten d\u00fcrfen. Sehr deutlich ergibt sich die Notwendigkeit, solche Versuche stets an mehreren Personen durchzuf\u00fchren, ein Prinzip, das \u00fcberhaupt f\u00fcr fast s\u00e4mtliche","page":107},{"file":"p0108.txt","language":"de","ocr_de":"108\nneueren Untersuchungen meines Laboratoriums massgebend war und nur bei solchen Experimenten ausser Kraft trat, bei denen die Beweiskraft oder das Interesse eines positiven Falles nicht durch beliebig viele negative aufgehoben werden kann; die unberechtigte Generalisierung individueller Zuf\u00e4lligkeiten, unter der die experimentelle Psychologie bisher zweifellos viel gelitten, d\u00fcrfte dadurch m\u00f6glichst unterdr\u00fcckt sein. Was lehren uns also diejenigen F\u00e4lle, bei denen die Sch\u00e4tzungen aller Versuchspersonen in der Hauptrichtung \u00fcbereinstimmten? Die Ergebnisse derselben, nebeneinandergestellt, bieten ein vielleicht unerwartetes Bild. Wenn objektiv 40\u00b0/o Gr\u00f6sserf\u00e4lle (20\u00b0/o -f- 1 Sek., 20\u00b0/o + 2 Sek.), 20\u00b0/o Gleichf\u00e4lle und 40\u00b0/o Kleinerf\u00e4lle (20\u00b0/o \u2014 1 Sek., 20\u00b0/o \u2014 2 Sek.), geboten werden, durch symmetrische Verteilung der Normal- und Vergleichsgr\u00f6ssen der Einfluss der Zeitlage vollkommen eliminiert ist und die Gleichsch\u00e4tzungen zur H\u00e4lfte den Gr\u00f6sser-, zur H\u00e4lfte den Kleinerf\u00e4llen zugerechnet werden, so ergab sich nach wochenlanger Vor\u00fcbung, also im Zustand feinentwickelten Zeitbewusstseins, dass als Durchschnittswert f\u00fcr die verschiedenen Versuchspersonen folgende subjektive Gr\u00f6ssersch\u00e4tzungen eintraten:\nHohe T\u00f6ne 62 \u00b0/o gegen\u00fcber tiefen 88\u00b0/o,\nEinfache T\u00f6ne 66 \u00b0/o gegen\u00fcber Akkorden 34\u00b0/o, Schnurrendes Ger\u00e4usch 57 \u00b0/o gegen\u00fcber T\u00f6nen 43\u00b0/o, Schnelle Pendelschl\u00e4ge 63\u00b0/o gegen\u00fcber langsamen 37 \u00b0/o, Pendelschl\u00e4ge 57 \u00b0/o gegen\u00fcber Versen 43\u00b0/o,\nSchnurrendes Ger\u00e4usch 58\u00b0/o gegen\u00fcber Spr\u00fcchen 42\u00b0/o, Zahlworte 57 \u00b0/o gegen\u00fcber Spr\u00fcchen 43\u00b0/o,\nSchnell Gelesenes 65 \u00b0/o gegen\u00fcber langsam Gelesenem 35 \u00b0/o. Ausgezogener Ton 65\u00b0/o gegen\u00fcber intermittierendem 34,5 \u00b0/o.\nEs ergibt sich ohne weiteres, dass die Methode der Zeitstreckenvergleichung hier nicht etwa darin bestanden haben kann, dass man beide Zeitintervalle zun\u00e4chst ablaufen liess und dann den Inhalt derselben in einheitlicher Erinnerungsvorstellung zusammenfasste, um sie zu vergleichen. Gewiss","page":108},{"file":"p0109.txt","language":"de","ocr_de":"109\nist eine solche Vergleichung auch m\u00f6glich; zwei Lebensperioden, die wir an zwei verschiedenen Orten zugebracht, k\u00f6nnen wir uns in der Erinnerung zur\u00fcckrufen und in Bezug auf ihre L\u00e4nge miteinander vergleichen. Fehlt es uns dabei aber an jeglichem Anhalt objektiver Zeitbestimmungen, so ist bekanntlich die Masse der Vorstellungen das allein Entscheidende, und bei der Verschiedenartigkeit dieser Vorstellungen ist von einer irgendwie genaueren Vergleichung keine Rede. W\u00fcrden wir die wirklich vergleichbaren kleinen Strecken nach dieser Methode sch\u00e4tzen, so m\u00fcsste bei ungleicher Ausf\u00fcllung das Resultat ein v\u00f6llig anderes werden. Als z. B. schnelle Pendelschl\u00e4ge, drei in der Sekunde, mit langsamen, einem in der Sekunde, verglichen wurden, durfte, wenn die Zahl der \u00e4usseren Eindr\u00fccke massgebend w\u00e4re, kein einziges Mal das schnell ausgef\u00fcllte Intervall kleiner als das langsam ausgef\u00fcllte erscheinen, denn die Minimalzahl schneller Schl\u00e4ge war 25 in acht Sekunden, die Maximalzahl langsamer Schl\u00e4ge 13 in zw\u00f6lf Sekunden; trotzdem sehen wir in 37\u00b0/o der F\u00e4lle dies schnell ausgef\u00fcllte Intervall kleiner erscheinen. Noch klarer tritt es bei der Gruppe hervor, in der der eine ausgezogene Ton mit den 16 bis 24 gesonderten' Erregungen des intermittierenden Tones verglichen wird und wo nicht diese vielen kurzen, sondern der eine lange Ton durchschnittlich wesentlich \u00fcbersch\u00e4tzt wird. Auch das schnell Gelesene d\u00fcrfte niemals kleiner als das mit halber Geschwindigkeit Gelesene erscheinen und so fort. Nicht das retrospektive Zeitbewusstsein ist also in Funktion, nicht in sich geschlossene Vorstellungen von vergangenen Zeitr\u00e4umen werden verglichen, sondern die eine Zeit wird an der anderen direkt abgemessen, dasjenige Zeitbewusstsein ist wirksam, welches den Zeitraum selbst herstellt, um ihn zu erfassen. Nach jener ersten Methode dauert die Vorstellung eines Jahrtausends nicht l\u00e4nger als die einer Stunde, nach der zweiten Methode dauert der psychophysische Prozess, durch welchen wir den Zeitraum von zwei Sekunden zum Bewusstsein bringen, doppelt solange als die","page":109},{"file":"p0110.txt","language":"de","ocr_de":"110\nAuffassung einer Sekunde. Bekanntlich k\u00f6nnen beide Vor-g\u00e4nge sich verweben, insofern wir auch die Erinnerungsvorstellung grosser durchlebter Strecken begleiten k\u00f6nnen mit jenem direkten Zeitbewusstsein, durch das wir dann kleine Bruchteile der damals erlebten Zeit reproduzieren. Wenn wir zwei kleine Zeitstrecken nacheinander auffassen und vergleichen sollen, so versuchen wir, beim Beginn des zweiten Intervalls das erste im direkten Zeitbewusstsein nachzuerzeugen ; deckt sich das reproduzierte mit dem zweiten wahrgenommenen, so scheint es uns gleich, wird es vom zweiten \u00fcberdauert, so scheint das erste k\u00fcrzer. Das hindert nicht, dass retrospektive Erinnerungsvorstellungen auch bei solchen kleinen Zeitr\u00e4umen sekund\u00e4r hinzutreten, freilich, wie die hervorgehobenen Versuche beweisen, wohl ohne Einfluss auf den Vergleichungsakt, aber hinreichend, um die Versuchsperson selbst zuweilen \u00fcber das angewandte Verfahren in Zweifel zu lassen. Die Versuchspersonen sagten nicht selten aus, dass sie die eine Zeit direkt an der anderen abmessen, aber gleichzeitig neben dieser Intervallreproduktion auch eine einheitliche Erinnerungsvorstellung des gesamten Intervalls im Bewusstsein bemerkten. Zuweilen setzte sich der gesamte Vorgang in r\u00e4umliche Anschauungen um.\nDieses direkte Zeitbewusstsein, welches f\u00fcr die Vergleichung hier fast allein in Frage kommt, ist nun. wie die Versuche lehren, in \u00fcberraschend hohem Masse von der Ausf\u00fcllung der Intervalle unabh\u00e4ngig. In der That scheint mir das negative Resultat der oben mitgeteilten Ergebnisse viel auff\u00e4lliger als das positive. Vergegenw\u00e4rtigen wir uns, dass die gr\u00f6ssten Zeitdifferenzen 2 Sekunden bei Intervallen von 8 bis 12 Sekunden betrugen, also Differenzen, die vom Unge\u00fcbten selbst bei leeren Intervallen oder bei gleicher Ausf\u00fcllung nur h\u00f6chst unsicher wahrgenommen werden, und dass hier nun trotz so v\u00f6llig verschiedener Ausf\u00fcllung das Durchschnitts-maximum der falschen F\u00e4lle 16\u00b0/o (66\u00b0/o statt 50\u00b0/o) betrug; von einem Einfluss in der Ausdehnung, dass bei der geringen objektiven Differenz etwa alle Intervalle mit bestimmter Aus-","page":110},{"file":"p0111.txt","language":"de","ocr_de":"Ill\nf\u00fcllung gegen\u00fcber den anderen f\u00fcr gr\u00f6sser gehalten w\u00fcrden, ist somit \u00fcberraschender Weise keine Rede. Unser direktes Zeitbewusstsein ist also in der Hauptsache von der Ausf\u00fcllung unabh\u00e4ngig. Wie sollte sonst auch Metrum und Takt m\u00f6glich sein! Wenn ein Geigenspieler in einem Takt die volle Note aush\u00e4lt, im n\u00e4chsten aber sechzehntel spielt, so erscheint keinenfalls der eine Takt sechzehnmal solang als der andere, nicht einmal doppelt solang.\nWenn das Zeitbewusstsein von den objektiven Reizen in hohem Masse unabh\u00e4ngig ist, so muss es Produkt der Vorg\u00e4nge im k\u00f6rperlichen Subjekt sein. Wir hatten die Bedingungen daf\u00fcr schon fr\u00fcher dahin charakterisiert, dass wir das erste Intervall reproduzieren, indem wir nach dem bestimmten Zeitraum eine motorische Accentuation innervieren. Die Frage, in der das Problem des Zeitsinns hegt, war : weshalb tritt diese Accentuation genau nach der bestimmten Zeit ein? Wir k\u00f6nnen jetzt zun\u00e4chst die negative Antwort zuf\u00fcgen, dass es nicht auf der Reproduktion der \u00e4usseren Reizvorstelluugen beruhen kann. Entweder w\u00fcrden dieselben so schnell wie m\u00f6glich im Bewusstsein ablaufen, dann m\u00fcsste die Gr\u00f6ssensch\u00e4tzung von der Zahl succedierender Reize ab-h\u00e4ngen, was die Versuche als unzutreffend bewiesen, oder wir m\u00fcssten annehmen, dass die Vorstellungen auch in denselben Intervallen succedieren, in denen die Reize eintraten; dann w\u00e4re aber das Problem nicht gel\u00f6st, sondern es w\u00fcrde wieder dieselbe Frage gelten, weshalb unser Reproduktionsmechanismus die Zeitfolge der \u00e4usseren Eindr\u00fccke einhalten kann. Es w\u00fcrde dann aber ausserdem bei der Vergleichung die erste Reihe der Reize in der Erinnerung erneuert werden m\u00fcssen, w\u00e4hrend wir die zweite Reizreihe wahrnehmen; es w\u00fcrde dadurch eine h\u00f6chst komplizierte Verzahnung von Wahrnehmungen und Erinnerungsvorstellungen entstehen, die uns in der Selbstbeobachtung nicht gegeben ist, und die psychologisch in den meisten F\u00e4llen unm\u00f6glich w\u00e4re. Wir sahen z. B., dass eine ziemlich genaue Vergleichung m\u00f6glich war, wenn ein","page":111},{"file":"p0112.txt","language":"de","ocr_de":"112\nlanger, schnell gelesener Satz mit einem kurzen, langsam gelesenen verglichen wurde. Hier m\u00fcssten zum Zweck der Vergleichung, w\u00e4hrend je eine Silbe des zweiten Satzes geh\u00f6rt w\u00fcrd, stets zwei bis drei Silben des ersten Satzes reproduziert werden, was der inneren Wahrnehmung unbedingt widerspricht; thats\u00e4chlich ist die Vergleichung auch noch m\u00f6glich, wenn der Wortlaut des ersten beinahe vergessen ist. Und welch unm\u00f6glicher Bewusstseinsinhalt m\u00fcsste sich bilden, wenn zwei verschiedene Melodien bez\u00fcglich der Zeitdauer verglichen werden. F\u00fcr die leere oder gleichm\u00e4ssig gef\u00fcllte Strecke w\u00e4re die Theorie ja \u00fcberdies ohne jede Bedeutung. So wie wir also die Grosse zweier Gem\u00e4lde miteinander vergleichen k\u00f6nnen, ohne etwa in Gedanken die Figuren des einen Bildes in die Landschaft des anderen zu \u00fcbertragen, so m\u00fcssen wir auch die verschiedenen ausgef\u00fcllten Zeitr\u00e4ume mit subjektiven Hilfsmitteln vergleichen, die von dem wechselnden Inhalt in hohem Masse unabh\u00e4ngig sind. Die Versuche mit ausgef\u00fcllten Intervallen f\u00fchren somit indirekt zu demselben Erkl\u00e4rungsversuch, der uns bei der Besprechung der leeren Intervalle vornehmlich als Resultat der Selbstbeobachtung entgegentrat; wenn n\u00e4mlich der Vorstellungsablauf das Mass der Zeit nicht ist, bleibt nur \u00fcbrig, an periphere k\u00f6rperliche Vorg\u00e4nge zu denken, deren Ablauf selbstverst\u00e4ndlich eine bestimmte Zeit beansprucht und somit den \u00fcbereinstimmenden Massstab in zweckin\u00e4ssig-ster Weise darstellt, also an Vorg\u00e4nge im Muskelsystem.\nMan hat mich wiederholt in dem Sinne missverstanden, als wenn ich jeden periodischen peripheren K\u00f6rpervorgang in gleicher Weise f\u00fcr geeignet hielte, zur Basis subjektiver Zeitvergleichung zu dienen, den Herzschlag etwa so gut wie die Atmung. Nichts liegt mir ferner; wenn die motorische Accentuation bei dem reproduzierten Intervall nach derjenigen Zahl von Herzschl\u00e4gen eintreten w\u00fcrde, die das erste Intervall zeitlich ausf\u00fcllte, so w\u00fcrde mir das genau so wenig als eine Erkl\u00e4rung gelten k\u00f6nnen wie die Annahme einer centralen \u201emotorischen Einstellung\u201c; im einen Fall m\u00fcsste das Gehirn","page":112},{"file":"p0113.txt","language":"de","ocr_de":"113\nunbewusst die Herzschl\u00e4ge z\u00e4hlen, im anderen Fall sich auf eine andere unbekannte Weise Kenntnis von der abgelaufenen Zeit verschaffen, w\u00e4hrend Du Preis transscendentale Kopfuhr doch wobl allseitig ins spiritistische Rarit\u00e4tenkabinet verwiesen wird. Nur derjenige K\u00f6rpervorgang kann zum Massstab dienen, dessen verschiedene Phasen im Bewusstsein durch Sensationen repr\u00e4sentiert sind, gleichviel, ob dieselben auf den K\u00f6rpervorgang direkt bezogen werden oder als Elemente anderer Vorstellungen empfunden werden. W\u00fcrden wir dauernd an Herzklopfen leiden, den Herzschlag also empfinden, dann w\u00fcrden wir an dem entsprechenden Sensationenkomplex, ohne die Schl\u00e4ge zu z\u00e4hlen und auch ohne sie gew\u00f6hnlich auf die Herzmuskelth\u00e4tigkeit zu beziehen, in der That eine St\u00fctze der Zeitmessung haben. Psychologisch sehr fein gebrauchen daher einige neuere Dichter, wie Jensen, Telman u. a., das Zeitmass \u201eeinen Herzschlag lang\u201c dort, wo die empfindende Person in lebhaftem Affekt ist; dasselbe gilt nat\u00fcrlich vom Karotidenpuls u. s. w.\nNicht jeder beliebige periodische K\u00f6rpervorgang also kommt in Frage, sondern nur ein solcher, bei dem der k\u00f6rperliche Zustandswechsel sich in einen Empfindungswechsel umsetzt. Hier ist dann die Erneuerung dieser Empfindungen gew\u00e4hrleistend f\u00fcr die richtige Reproduktion des Intervalls, weil diese Emfindungen bei der Reproduktion \u2022 im wesentlichen keinen anderen objektiven Rhythmus haben k\u00f6nnen als bei der ersten Auffassung, insofern sie durch den gleichm\u00e4ssigen Ablauf der Organth\u00e4tigkeit vor so grossen zeitlichen Ver\u00e4nderungen bewahrt sind, wie sie etwa in den \u00e4usseren Reizen eintreten k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen beim Anh\u00f6ren eines Violin-st\u00fcckes erst vier Takte hindurch einen Ton und in den n\u00e4chsten vier Takten \u00fcber hundert T\u00f6ne zu h\u00f6ren bekommen; wenn wir aber w\u00e4hrend des St\u00fcckes die Vierteltakte auch nur ganz leicht durch Muskelspannungen periodisch accen-tuieren, so muss dieser Wechsel der Spannungs- und Entspannungsempfindungen uns bei dem ausgehaltenen Ton wie\nM\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\t8","page":113},{"file":"p0114.txt","language":"de","ocr_de":"114\nbei der schnellsten Tonfolge denselben Sensationenkomplex vermitteln und dieser uns somit eine gemeinsame, direkt vergleichbare Grundlage liefern.\nSolche Prozesse werden in erster Linie die Spannungen und Entspannungen sein, welche als subjektive K\u00f6rperreaktion auf wechselnde Reizintensit\u00e4ten in den verschiedensten Muskelgruppen eintreten, daneben dann die Ein- und Ausatmung oder Augenbewegungen u. s. w. Wie die ersteren in ihrem Tempo sich dadurch regulieren, dass ein bestimmter Grad von Spannungsempfindung als Reiz zur Entspannung und umgekehrt einge\u00fcbt wird, wie bei schnellem Rhythmus das Abklingen der Empfindung selbst hinzutritt, wie die Atmung sich in gleichm\u00e4ssige Abschnitte zerlegt, wie Atmungsphasen und Spannungsperioden der ersteren Art sich einander anpassen, wie Augenbewegungen u. s. w. sich mit optischen und taktilen Vorstellungen zur genaueren Ausmessung verbinden und wie in alledem individuelle Unterschiede hervortreten, das habe ich in meiner \u00e4lteren Zeitsinnstudie ausf\u00fchrlich er\u00f6rtert.\nWenn diese Auffassung richtig ist, so m\u00fcssen einige Konsequenzen gelten, die mit den Ergebnissen unserer Versuche verglichen werden m\u00fcssen. Zun\u00e4chst muss nat\u00fcrlich daraus gefolgert werden, dass wir im st\u00e4nde sind, Intervalle mit einer gewissen Sicherheit richtig zu vergleichen, auch wenn die Zahl der sie ausf\u00fcllenden Reize eine ganz verschiedene ist. Gerade das haben unsere Versuche aufs schlagendste bewiesen: die Einsicht in dieses Ergebnis war uns ja der Ausgangspunkt der theoretischen Betrachtung.\nEin zweites folgt aber ebenso sicher aus unseren Voraussetzungen. Wenn wir gef\u00fcllte Intervalle auffassen, so ist unsere Aufmerksamkeit in erster Linie den ausf\u00fcllenden Reizen zugewandt, und die begleitenden K\u00f6rpersensationen werden hinter den Sinnesvorstellungen zur\u00fccktreten oder ganz unter die Schwelle des Bewusstseins sinken; es m\u00fcsste in diesen F\u00e4llen, obgleich die Aufmerksamkeit den \u00e4usseren Eindr\u00fccken lebhaft zugewandt ist, das Zeitbewusstsein vermindert oder","page":114},{"file":"p0115.txt","language":"de","ocr_de":"115\naufgehoben sein. Auch das wird nun durch die Erfahrung aufs vollkommenste best\u00e4tigt. Der Unge\u00fcbte, von dem die in unseren Versuchen ausgef\u00fchrten Vergleichungen verlangt werden, sieht sich bei den meisten geradezu aufs Raten angewiesen; der Inhalt der gesprochenen Worte etwa besch\u00e4ftigt ihn so v\u00f6llig, dass er ein ausreichendes Bewusstsein von der Gr\u00f6sse der Zeitintervalle nicht hat. Und werden nun gar die verschieden ausgef\u00fcllten Intervalle dargeboten, ohne dass die unge\u00fcbte Versuchsperson weiss, das es sich um Zeitversuche handelt, so ist eine nachtr\u00e4gliche Zeitvergleichung vollkommen ausgeschlossen; der Versuch, solch ein Urteil trotzdem nachtr\u00e4glich zu bilden, f\u00fchrt nur zu jener zeitlosen Reproduktion des Vorstellungsinhaltes, bei der die gr\u00f6ssere Vorstellungszahl als gr\u00f6sserer Zeitraum gilt, eine richtige Vergleichung also unm\u00f6glich ist. Das, was unsere Versuchspersonen durch die lange Vor\u00fcbung erreichten, ist mithin nichts anderes als die F\u00e4higkeit, ihre Aufmerksamkeit zwischen den \u00e4usseren Reizeindr\u00fccken und den subjektiven K\u00f6rpervorg\u00e4ngen zu teilen, so dass auch die letzteren deutliche und vergleichbare Empfindungen her-vorrufen, wenngleich dieselben deshalb durchaus noch nicht auf die Organe bezogen werden, sondern meist als unbestimmte Gef\u00fchle beschrieben werden. Aber selbst f\u00fcr den Ge\u00fcbten tritt diese Teilung der Aufmerksamkeit nur bei besonderem Anlass ein; auch hierf\u00fcr hatte ich zuf\u00e4lligerweise einen klaren Beweis. Mit denselben Versuchspersonen, mit denen ich den Winter hindurch die beschriebenen Zeitsinnversuche angestellt, machte ich in der letzten Semesterwoche eine Arbeit, bei der es sich darum handelte, dass ich Worte zurief, und jeder dann andere Worte, die zum Zugerufenen in bestimmter Beziehung standen, so rasch als m\u00f6glich aufschreiben musste. Keiner von uns dachte bei diesen Versuchen an den Zeitsinn. Um eine gewisse Ordnung zu schaffen, rief ich die Worte genau in Abst\u00e4nden von je 15 Sekunden. Nachdem wir in dieser Weise mit kurzen Pausen eine Stunde gearbeitet hatten, also mehr als 200 Mal das Intervall von 15 Sek. produziert war,","page":115},{"file":"p0116.txt","language":"de","ocr_de":"bat ich die Herren, welche also tausende Mal Intervalle von stets 8 bis 12 Sek. sehr exakt verglichen hatten und immer gewusst hatten, dass sich unsere Versuche ausnahmslos in diesen Grenzen bewegten, m\u00f6glichst ohne nachtr\u00e4gliche Reproduktion ein Urteil \u00fcber den Rhythmus der zugerufenen Worte abzugeben. Die Urteile lauteten 2, 8, 5 und 8 Sek., also vollkommener Irrtum. Es war eben, da kein besonderer Anlass vorlag, bei diesen Versuchen den Zeitwert zu beachten, die ganze Aufmerksamkeit auf den eigentlichen Zweck der Versuche gerichtet, so dass das Zeiturteil nachher sich nur auf die Erinnerung daran st\u00fctzen konnte, dass man sich beeilen musste, um mit dem Aufschreiben jedesmal fertig zu werden; die Nachwirkung dieses Hastgef\u00fchles zeigte sich in der wesentlichen Untersch\u00e4tzung der Zeit.\nEinen solchen besonderen Anlass zur Beachtung jenes subjektiven Untergrundes unserer objektiven Wahrnehmungen finden wir nat\u00fcrlich nicht etwa nur bei psychologischen Zeitsinnexperimenten, sondern allt\u00e4glich beispielsweise beim H\u00f6ren von Musik und von Versen. Das rhythmische Gef\u00fchl, dessen gleichm\u00e4ssige motorische Entladungen den wechselnden Vorstellungsinhalt der Worte und Kl\u00e4nge begleiten und sie in gleiche Zeitgr\u00f6ssen zerlegen, wird hier schon durch kurzen, regelm\u00e4ssig periodischen Wechsel von Reizintensit\u00e4ten angeregt. Aber auch hier bestehen ja grosse Unterschiede der Begabung und Uebung. Der poetische Mensch kann ein Gedicht nicht h\u00f6ren, ohne den Rhythmus desselben als selbst\u00e4ndiges psychologisches Gebilde aufzufassen, das er daher auch dann reproduzieren kann, wenn er kein Wort des Gedichtes mehr im Ged\u00e4chtnis hat. Bei dem unregelm\u00e4ssigen Accentwechsel der schmucklosen Prosa dagegen bleiben die subjektiven Spannungen, mit denen wir auf den Intensit\u00e4tswechsel der Reize reagieren, fast v\u00f6llig unter der Schwelle des Bewusstseins. Beim leeren Zeitintervall liegen die Verh\u00e4ltnisse nat\u00fcrlich noch einfacher, insofern hier nichts unsere Aufmerksamkeit von den subjektiven Vorg\u00e4ngen ablenkt, sobald dieselbe ihnen nur erst zu-","page":116},{"file":"p0117.txt","language":"de","ocr_de":"117\ngelenkt ist; geschieht dieses nicht, d. h. wissen wir nicht, dass wir den Zeitraum als solchen beachten sollen, so dass sich in Ermangelung \u00e4usserer Reize beliebige Associationen in den Zwischenraum einschieben und diesen so an Stelle der periodischen Empfindungen ausf\u00fcllen, so fehlt uns fast jegliches direkte Zeitgef\u00fchl.\nAus alledem muss sich aber eine weitere Folgerung ergeben. Wenn unser Bewusstsein den Zeitwert der Intervalle dadurch auffasst, dass es die Aufmerksamkeit neben den objektiven Eindr\u00fccken auch den aus periodischen peripheren Spannungen und Bewegungen stammenden Sensationen zuwendet, so ist es wohl begreiflich, dass wir trotz der verschiedensten Ausf\u00fcllung ein nicht unbetr\u00e4chtliches Sch\u00e4tzungsverm\u00f6gen besitzen; es w\u00e4re aber unbegreiflich, wenn die \u00e4usseren Reize \u00fcberhaupt ohne jeden Einfluss w\u00e4ren. Je lebhafter die \u00e4usseren Reize unsere Aufmerksamkeit fesseln, desto weniger muss das Bewusstsein den subjektiven Sensationen zugewandt sein, desto kleiner muss die Zeit erscheinen; \u00fcberdies wird, wenn die Reizreihe geeignet ist, periodische Anspannungen der Aufmerksamkeit hervorzurufen, das motorische Element der Aufmerksamkeit selbst zum Hauptfaktor der subjektiven k\u00f6rperlichen Vorg\u00e4nge werden, die Reizreihe somit beschleunigend oder verlangsamend einwirken. Dass unser Zeitbewusstsein nun in der That von den ausf\u00fcllenden Reizen nicht unabh\u00e4ngig ist, beweisen unsere Versuche aufs mannigfaltigste. Ueber die Deutung derselben im einzelnen k\u00f6nnte man streiten; mir erscheinen s\u00e4mtliche Ergebnisse, wie sie die Tabelle oben zusammenstellt, unter einem einzigen Gesichtspunkt zusammenfassbar: diejenigen Intervalle erscheinen als die k\u00fcrzeren, deren ausf\u00fcllender Reizinhalt unser Bewusstsein in h\u00f6herem Masse in Anspruch nimmt. Der Gegensatz gegen die Raumsch\u00e4tzung tritt dabei deutlich hervor.\nF\u00fcr einige Versuchsgruppen ist diese Deutung von vornherein die n\u00e4chstliegende; ich glaube aber, sie gilt f\u00fcr alle. Wenn die Intervalle, die mit Gedichtstrophen ausgef\u00fcllt sind,","page":117},{"file":"p0118.txt","language":"de","ocr_de":"118\nuns k\u00fcrzer erscheinen als die mit Pendelschl\u00e4gen, deren Rhythmus die Geschwindigkeit der Silbenfolge hatte; wenn Goethesche Spr\u00fcche uns k\u00fcrzer erscheinen als hergesagte Zahlworte oder als schnurrende Ger\u00e4usche; wenn volle Accorde k\u00fcrzer erscheinen als ein einzelner Ton; wenn ein intermittierender Klang k\u00fcrzer erscheint als ein gleichm\u00e4ssig ausgezogener; wenn der Ton k\u00fcrzer erscheint als das Schnurren des Induktionsapparates: so kann kaum ein Zweifel bestehen, dass in solchen F\u00e4llen das k\u00fcrzere Glied stets dasjenige war, das uns mehr interessiert und unsere Aufmerksamkeit besch\u00e4ftigt. Aber selbst diejenigen beiden Gruppen, welche sich dieser Regel nicht zu f\u00fcgen scheinen, bilden doch vielleicht keine Ausnahmen. Intervalle mit langsamen Pendelschl\u00e4gen erschienen k\u00fcrzer als dreimal so schnell ausgef\u00fcllte, und langsam Gelesenes schien weniger lange zu dauern als schnell Gelesenes. Ich glaube, dass auch hier das Langsame uns mehr besch\u00e4ftigt, weil sich unsere Aufmerksamkeit ihm wesentlich besser anpassen kann. Wenn das Metronom auf 180 steht, also 3 Pendelschl\u00e4ge sich in der Sekunde folgen, so n\u00e4hert sich der Schall schon einem intermittierenden Ger\u00e4usch, das als ein zusammenh\u00e4ngendes aufgefasst wird, w\u00e4hrend bei den langsamen Sekundenschl\u00e4gen die Aufmerksamkeit sich jedem Schlag einzeln zuwendet. Und mehr noch gilt das vom Gelesenen; die langsame Ausf\u00fcllung stellte dasjenige Tempo der Lekt\u00fcre dar, bei dem eine ausdrucksvolle, m\u00f6glichst auf den Sinn eingehende Wiedergabe stattfinden kann, die schnelle Ausf\u00fcllung dagegen, welche maximaler Sprechgeschwindigkeit nahe kam, erm\u00f6glichte nur, die Worte herunterzuschnurren, kein Zweifel, dass unsere Gedanken im ersterenFall mehr besch\u00e4ftigt waren als im zweiten.\nAuf die \u2018 quantitativen Unterschiede der Zeit Verk\u00fcrzung durch die eine oder die andere Intervallausf\u00fcllung gehe ich nicht ein. Da m\u00fcssen neue, umfangreichere Versuche mit noch kleineren Zeitdifferenzen sich erst auf ganz bestimmte Einzelfragen erstrecken; unsere Experimente sollten ja nur eine un-","page":118},{"file":"p0119.txt","language":"de","ocr_de":"119\ngef\u00e4hre erste Orientierung darstellen. Dann d\u00fcrfte sich dabei auch f\u00fcr die Psychologie des Rhythmus mancherlei Neues ergeben; sprechen doch schon unsere Versuche \u00fcber Vergleichung von Accord und Ton, von angezogenem und intermittierendem Ton, von schnell und langsam Gelesenem u. s. w. deutlich daf\u00fcr, dass es f\u00fcr die Zeitgliederung in Musik und Poesie ebenso gesetzm\u00e4ssige T\u00e4uschungen geben muss wie die optischen T\u00e4uschungen f\u00fcr die Raumgliederung der bildenden K\u00fcnste und manche \u00e4sthetische Wirkung auf diesem Wege vielleicht ihre Erkl\u00e4rung findet.\nWundt unterscheidet (Phys. Psych. II3 S. 355) ein retrospektives und ein prospektive* Zeitgef\u00fchl. Mit dem ersteren vergleichen wir die Zeitgr\u00f6ssen und beurteilen sie nach ihrem Ablauf; der Massstab dieses retrospektiven Zeitgef\u00fchls liegt in der gr\u00f6sseren oder geringeren Zahl von Vorstellungen. Das prospektive Zeitgef\u00fchl bezieht sich auf die ablaufende Zeit, der Massstab liegt in der Spannung der Aufmerksamkeit ; die Zeit fliesst rasch dahin, wenn die Eindr\u00fccke uns vollkommen in Anspruch nehmen, sie erscheint uns langweilig, wenn unsere Aufmerksamkeit fortw\u00e4hrend erwartend auf zuk\u00fcnftige Eindr\u00fccke gespannt ist.\nDie aus unseren Versuchen sich ergebenden Resultate w\u00fcrden von dieser Auffassung also in folgendem abweichen. Das retrospektive Zeitgef\u00fchl, das sich auf die. Zahl der zwischenliegenden Vorstellungen st\u00fctzt, hat f\u00fcr die Erinnerung zwar vollkommene Geltung, es ist aber nicht dasjenige subjektive Hilfsmittel, mit dem wir die ausgef\u00fcllten Intervalle wirklich vergleichen, da sich die Urteile \u00fcberraschend richtig erwiesen trotz gr\u00f6sster Verschiedenheit in der Zahl der zwischenliegenden Vorstellungen. Das prospektive Zeitgef\u00fchl, insofern es \u201eeinfach in der Spannung der Aufmerksamkeit auf erwartete Eindr\u00fccke besteht\u201c, existiert nicht. Die vergebliche, immer erneute Spannung erzeugt allerdings einen besonderen Gef\u00fchlszustand, die Langeweile; dieselbe ist aber als ein Affekt, nicht als ein Zeitgef\u00fchl aufzufassen. Bei dem entgegengesetzten Vor-","page":119},{"file":"p0120.txt","language":"de","ocr_de":"120\ngang entsteht aber durchaus nicht ein Gef\u00fchl schnell ablaufender Zeit, sondern, wenn uns die Eindr\u00fccke wirklich vollkommen fesseln, entsteht \u00fcberhaupt kein Zeitgef\u00fchl. Dagegen kann bei darauf gerichteter Aufmerksamkeit, etwa zwecks einer Beobachtung oder bei musikalischem oder poetischem Rhythmus, jedes Intervall uns einen Empfindungskomplex erwecken \u2014 man mag ihn Zeitgef\u00fchl nennen \u2014, der unabh\u00e4ngig von der Zahl der Vorstellungen und keinenfalls identisch mit der Spannung der Aufmerksamkeit eine exakte Zeitvergleichung auch bei ganz verschiedener Ausf\u00fcllung zul\u00e4sst. Die psychophysische Grundlage dieses Empfindungskomplexes liegt in den oben beschriebenen peripheren K\u00f6rp er Vorg\u00e4ngen ; die Vergleichung beruht auf der durch jenen Empfindungskomplex regulierten Reproduktion der subjektiven Vorg\u00e4nge, derart, dass eine motorische Accentuation das zweite Intervall abgrenzt, sobald die dem ersten Intervall entsprechenden K\u00f6rpervorg\u00e4nge jenen Empfindungen gem\u00e4ss abgelaufen sind. Diese Empfindungen treten um so deutlicher hervor, je ausschliesslicher sich die Aufmerksamkeit ihnen zuwenden kann; das Intervall erscheint daher k\u00fcrzer, sobald die Aufmerksamkeit st\u00e4rker von den ausf\u00fcllenden Reizen in Anspruch genommen ist. Diese Untersch\u00e4tzung oder Ueberseh\u00e4tzung bleibt aber jedenfalls in sehr engen Grenzen ; obgleich sowohl die Zahl der zwischenliegenden Vorstellungen als auch die Spannungsgrade der Aufmerksamkeit im h\u00f6chsten Grade bei unseren Versuchen differierten, die Zeitgr\u00f6ssen dagegen niemals gr\u00f6ssere Differenz als i 2 auf 10 Sek. aufwiesen, hat doch die Vergleichung, wie die Tabellen lehren, \u00fcberraschende Sicherheit und Richtigkeit dargeboten.","page":120}],"identifier":"lit38796","issued":"1892","language":"de","pages":"89-120","startpages":"89","title":"Zeitausf\u00fcllung","type":"Book Section"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:55:38.872712+00:00"}
