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{"created":"2022-01-31T14:14:59.567269+00:00","id":"lit38797","links":{},"metadata":{"alternative":"Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4","contributors":[{"name":"M\u00fcnsterberg, Hugo","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4, edited by M\u00fcnsterberg, Hugo, 121-146. Freiburg i.B.: Mohr","fulltext":[{"file":"p0121.txt","language":"de","ocr_de":"Einfluss der Nervina auf die psychischen Leistungen.\nEs ist oft schon darauf hingewiesen worden, welches grosse Interesse die Psychologie daran hat, die Ver\u00e4nderung der psychischen Funktionen unter dem Einfluss der auf das Nervensystem wirkenden Substanzen n\u00e4her zu studieren. Die \u00e4lteren Versuche wie die von Exner u. a. hatten dabei nur die Ver\u00e4nderung der Reaktionszeit im Auge; so hatten auch Dietl und v. Vintschgau ausf\u00fchrlich an sich selbst nur das Verhalten der Reaktionszeit unter dem Einfluss von Morphium, Kaffee und Champagner bestimmt. Kr\u00e4pelin vor allen wies dann \u00fcberzeugend darauf hin, wie w\u00fcnschenswert es sei, auch kompliziertere geistige Leistungen unter dem Einfluss der Nervina zu studieren, um aus dem verschiedenen Gang ihrer Ver\u00e4nderung Aufschluss \u00fcber die feinere Struktur und den Mechanismus der einzelnen Leistungen zu gewinnen. In diesem Sinne zog er bei seinen Untersuchungen \u00fcber Amylnitrit, Aether, Chloroform und Aethylalkohol auch die Unterschei-dungs- und Wahlzeit herbei und ber\u00fccksichtigte zusammen mit D e h i o bei neueren Studien \u00fcber Alkohol und Thee noch kompliziertere psychische Th\u00e4tigkeiten. Der pharmakologische Gesichtspunkt, von dem aus die Wirkungsweise des einzelnen Medikaments im Vordergrund steht, und der psychiatrische Gesichtspunkt, von dem aus alles darauf ankommt, aus der experimentell hergestellten geringen geistigen Ver\u00e4nderung Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die schweren krankhaften Ver-","page":121},{"file":"p0122.txt","language":"de","ocr_de":"122\n\u00e4nderungen zu gewinnen, sie vereinigen sich dabei mit dem psychologischen Gesichtspunkt, von dem aus gesehen das Ziel solcher Untersuchungen nur der tiefere Einblick in den normalen psychischen Mechanismus ist.\nAusschliesslich zu diesem letzteren Zweck schien es mir nun n\u00fctzlich, die Untersuchung von neuem aufzunehmen und m\u00f6glichst weit in Bezug auf die zu untersuchenden Stoffe wie auf die psychischen Leistungen auszudehnen. Die folgenden Versuchsreihen bilden somit den ersten kleinen Abschnitt eines umfassenden Planes, dessen Ausf\u00fchrung l\u00e4ngere Zeit beanspruchen wird. Psychologische Schl\u00fcsse schon aus diesen ersten tastenden Versuchen zu ziehen, w\u00fcrde mir voreilig erscheinen; die Aufkl\u00e4rungen, um deren willen ich die Arbeit begonnen, k\u00f6nnen erst dann gewonnen werden, wenn sehr viel reicheres Material gewonnen ist, besonders sehr viel mehr psychische Funktionen zur Pr\u00fcfung herangezogen sind. V enn ich trotzdem schon diese ersten Ergebnisse ver\u00f6ffentliche, deren Uebereinstimmung immerhin bemerkenswert sein d\u00fcrfte, so geschieht es nur, um zur Nachpr\u00fcfung und Vergleichung anzuregen.\nDie Stoffe, welche wir bisher untersucht; geh\u00f6ren den wichtigsten Gruppen der das Nervensystem beeinflussenden Substanzen an; aus der Gruppe der Excitantia: Thee, Kaffee, Alkohol, und zwar Bier, Cognac, Rheinwein und Bordeaux; aus der Gruppe der Narkotika: Opium und Bromnatrium; aus der Gruppe der Antipyretika: Chinin, Anti-pyrin und Phenacetin. Aus theoretischen, aber nicht minder aus naheliegenden praktischen Gr\u00fcnden wurden von s\u00e4mtlichen Stoffen nur mittelstarke Dosen eingenommen, so dass nicht die geringste Gefahr damit verbunden war und keinerlei schwerere Intoxikationserscheinungen eintreten konnten. Von den Medikamenten gab ich die in der Therapie \u00fcblichen mittleren Einzeldosen, von den Genussmitteln nahm jeder so viel, als er ohne st\u00e4rkeres Unbehagen trinken konnte. Die psychischen Leistungen, die wir unter der Wirkung s\u00e4mtlicher Stoffe","page":122},{"file":"p0123.txt","language":"de","ocr_de":"123\npr\u00fcften, waren erstens das Auswendigbehalten von Zahlen- und Buchstabenreihen, zweitens das Addieren, drittens das Benennen von Farben und viertens das Z\u00e4hlen gedruckter Buchstaben. Die Wirkung der Stoffe auf diese vier Funktionen wurde regelm\u00e4ssig etwa zwei Stunden hindurch gepr\u00fcft, und zwar begann die Untersuchung eine Viertelstunde nach Aufnahme derselben. Zwischen zwei Versuchstagen lagen stets mindestens drei Ruhetage, so dass die Nachwirkungen niemals st\u00f6ren konnten. Selbstverst\u00e4ndlich wurden in den verschiedensten Uebungs-stadien die Versuche auch ohne chemische Einwirkung ausgef\u00fchrt, damit Normalwerte gewonnen werden konnten, mit denen sich die beeinflussten Werte vergleichen Hessen. S\u00e4mtliche Versuche wurden an den Herren Christiansen,Dahmen, Merck und Smith ausgef\u00fchrt, die stets gleichzeitig die Stoffe einnahmen; die Experimente wurden stets zur selben Tageszeit, zwischen 11 und 1 Uhr vormittags, und auch sonst unter m\u00f6glichst unver\u00e4nderten Bedingungen angestellt. Mit der Herstellung der Reize, Benutzung der Apparate und Protokollierung waren Herr Wadsworth, Frl. v. Schirnhofer und ich stets mit gleicher Arbeitsverteilung besch\u00e4ftigt, so dass auch in dieser Beziehung stets die gleichen Bedingungen gegeben waren. Da ich \u00fcbrigens hier keine \u00f6ffentlichen Zeugnisse \u00fcber die Leistungen im Kopfrechnen und im Biertrinken auszustellen habe, so werde ich die vier Versuchspersonen in ver\u00e4nderter Reihenfolge und ohne R\u00fccksicht auf die Anfangsbuchstaben als A., B., C. und D. bezeichnen.\nZun\u00e4chst muss ich nun die Hilfsmittel beschreiben, mit denen wir die Ver\u00e4nderungen der genannten psychischen Leistungen festzustellen suchten. Im Vordergrund stand die Pr\u00fcfung des Ged\u00e4chtnisses: ver\u00e4ndert sich unter der Wirkung der Nervina unsere F\u00e4higkeit, uns sinnlose Eindr\u00fccke, Buchstaben- oder Zahlenreihen einzupr\u00e4gen? Diese Leistung muss nat\u00fcrlich getrennt werden von der F\u00e4higkeit, fr\u00fcher Erlerntes und dem Ged\u00e4chtnis Eingepr\u00e4gtes jetzt zu reproduzieren; diese zweite Art der Ged\u00e4chtnisleistung wirkt beim Farbenbenennen","page":123},{"file":"p0124.txt","language":"de","ocr_de":"124\nmit, hier kommt nur die erstere Art in Frage. Die Untersuchung k\u00f6nnte nach dem von Ebbinghaus mit bestem Erfolg benutzten Schema feststellen, wie oft eine Reihe sinnloser Glieder wiederholt werden muss, bis sie v\u00f6llig dem Ged\u00e4chtnis eingepr\u00e4gt ist; wenn die Wiederholung in konstantem Rhythmus erfolgt, so w\u00e4re die Leistung eine Funktion der Zeit, das Problem w\u00e4re also in ein psychometrisches \u00fcbergef\u00fchrt. Diese Anordnung ist aber dort wenig geeignet, wo die Versuche m\u00f6glichst schnell ausgef\u00fchrt werden m\u00fcssen; galt es doch, die rasch vor\u00fcbergehende Beeinflussung des Sensoriums hier m\u00f6glichst vielseitig auszunutzen. Sie ist \u00fcberdies ungeeignet, wenn, wie in unserem Fall, eine Mehrheit von Versuchspersonen gleichzeitig gepr\u00fcft werden soll. Ausserdem f\u00fchrt diese Anordnung durch die immer erneuten Versuche, die Reihe zu reproduzieren, sobald sie noch nicht fest haftet, ein schwer kontrollierbares Element ein, da ein solcher freier Reproduktionsversuch doch wohl nicht den abgelesenen Wiederholungen einfach koordiniert werden kann und \u00fcberdies etwaige Fehler sich einschleichen k\u00f6nnen, welche das richtige Erlernen erschweren. Schliesslich gew\u00e4hrt die Methode keinen Einblick in die besondere Art der Erleichterung oder Erschwerung solcher Ged\u00e4chtnisleistung, nur die Beschleunigung oder Verz\u00f6gerung des Endeffektes l\u00e4sst sich feststellen.\nAllen diesen Bedenken entgingen wir dadurch, dass wir die einzupr\u00e4gende Reihe nur einmal laut vorsprachen und jeder dann sofort niederzuschreiben hatte, was ihm von der Reihe im Ged\u00e4chtnis geblieben. Jede Reihe bestand aus 10 Gliedern; es wechselte stets eine Reihe von zehn Ziffern zwischen 2 und 9 und eine Reihe von zehn Konsonanten. Ich sprach diese Reihen m\u00f6glichst gleichm\u00e4ssig laut und so langsam, dass die zehn Zahlen respektive Buchstaben genau 15 Sekunden beanspruchten. Indem dann jeder die Reihe sofort aufschrieb und ich erst sp\u00e4ter die Fehler der Niederschriften korrigierte, konnten die Versuche recht schnell sich folgen, konnten zweitens alle Personen gleichzeitig arbeiten,","page":124},{"file":"p0125.txt","language":"de","ocr_de":"125\nwurden \u00fcberdies die falschen Ein\u00fcbungen vermieden, und endlich liessen sich die Arten der St\u00f6rung und Hemmung genau verfolgen, also ob etwa wirkliche Ged\u00e4chtnisl\u00fccken Vorlagen oder Verwechslungen mit \u00e4hnlichen Buchstaben oder Vertauschungen benachbarter Glieder u. s. w. Um m\u00f6glichst \u00fcbersichtliches Material zu gewinnen, lasse ich im folgenden diese feineren Unterschiede unber\u00fccksichtigt und stelle nur die Gesamtzahl der Fehler fest. Als ein Fehler gilt dabei erstens jede L\u00fccke, zweitens jeder falsche Buchstabe und drittens jede Vertauschung benachbarter Glieder, soweit sie durch eine einzige Umstellung berichtigt werden kann. Wenn also statt r g n h geschrieben ist n h r g oder h r g n, so ist das 1 Fehler, dagegen g r h n oder h r n g w\u00e4ren 2 Fehler. Jeder Versuch bestand- nun aus sechs Reihen, drei Zahlen-und drei Buchstabenreihen, und f\u00fcr diese 60 Glieder stellte ich die so berechneten Fehler fest. Aus mehreren solchen Versuchen wurde dann die Durchschnittsfehlerzahl f\u00fcr 60 Glieder ermittelt. Ueberall zeigte sich die Aufnahmef\u00e4higkeit f\u00fcr Zahlenreihen gr\u00f6sser als f\u00fcr Konsonantenreihen, an die wir sehr viel weniger gew\u00f6hnt sind, besonders B. machte bei den Buchstaben dreimal so viel Fehler als bei den Zahlen. Da sich aber ein Einfluss der Nervina auf diese Differenz nicht erkennen liess, so habe ich die Fehler f\u00fcr Zahlen und Buchstaben hier gemeinsam angegeben. Die Reihen wurden f\u00fcr jeden Versuch neu zusammengestellt. Die Wirkung der Uebung war hier nat\u00fcrlich eine betr\u00e4chtliche. Von Anfang bis Ende des Wintersemesters 1891/92 nahm die so berechnete Fehlerzahl bei normalem Zustand ab f\u00fcr A. von 9 auf 3, f\u00fcr B. von 16 auf 9, f\u00fcr C. von 15 auf 5, f\u00fcr D. von 19 auf 9. Selbstverst\u00e4ndlich mussten die unter dem Einfluss der Nervina gewonnenen Fehlerzahlen stets mit denjenigen Normal-werten verglichen worden, die gerade dem betreffenden Uebungs-stadium entsprechen. Da die absoluten Werte bei so grossem Uebungseinfluss ohne Bedeutung sind, so gebe ich im folgenden regelm\u00e4ssig nur die Differenz zwischen der unter toxischem","page":125},{"file":"p0126.txt","language":"de","ocr_de":"126\nEinfluss gewonnenen Fehlerzahl und der f\u00fcr das Uebungs-stadium der betreffenden Zeit erhaltenen Normalzahl. Wenn z. B. Thee nach zwei Stunden f\u00fcr B. \u20146 Fehler ergibt, so soll das heissen, dass wenn B. zwei Stunden nach Theegenuss drei zehngliedrige Zahlen- und drei zehngliedrige Konsonantenreihen h\u00f6rt und niederschreibt, er dabei durchschnittlich 6 Fehler weniger macht, als wenn er im gleichen Uebungs-stadium die Aufgabe ohne Theegenuss erledigen w\u00fcrde. Die Ged\u00e4chtnispr\u00fcfung ergibt somit durchweg \u00b1-Werte. Die Ged\u00e4chtnisleistung wurde in dieser Weise stets in drei Stadien untersucht, erst ^4\u2014Stunde nach Aufnahme des Stoffes, dann 1\u201411ji Stunde nachher und schliesslich etwa 2 Stunden nachher.\nViel einfacher war die zweite Probe: das Buchstabenz\u00e4hlen, wie es Kr\u00e4pelin zweckm\u00e4ssig eingef\u00fchrt hat. Es wird gemessen, wie viele Buchstaben der einzelne in bestimmter Zeit z\u00e4hlen kann. Als Zeit wurden ausnahmslos zwei Minuten verwendet; ich begrenzte dieselben durch Schlagsignale mit Hilfe der F\u00fcnftelsekundenuhr. Als Text, dessen Buchstaben gez\u00e4hlt wurden, benutzte Herr Smith den grossen Druck in Mind, die drei Deutschen den grossen Druck in der Zeitschrift f\u00fcr Psychologie, und zwar jedesmal eine neue Seite. Die Uebung f\u00fchrte hier nat\u00fcrlich zu einer schnellen Vermehrung der in zwei Minuten gez\u00e4hlten Buchstaben; die Zahl stieg im Normalzustand bei A. von 295 auf 406, bei B. von 254 auf 390, bei C. von 335 auf 472, bei D. von 372 auf 454. Auch hier musste mithin die Wirkung der Nervina stets als +-Wert gegen\u00fcber der Normalzahl des betreffenden Uebungsstadiums ausgedr\u00fcckt werden. W\u00e4hrend ein-] Wert bei der Ged\u00e4chtnispr\u00fcfung also eine Abnahme der Leistung ausdr\u00fcckt, n\u00e4mlich eine Zunahme der Fehler, dr\u00fcckt der -j Wert beim Buchstabenz\u00e4hlen selbstverst\u00e4ndlich eine Zunahme der Leistung aus, n\u00e4mlich eine Zunahme der gez\u00e4hlten Buchstaben.\nDie dritte Funktion war das Farbenbenennen, eine Leistung, deren Pr\u00fcfung am sichersten auf psychometrischem","page":126},{"file":"p0127.txt","language":"de","ocr_de":"127\nWege erfolgt. Es galt, die Zeit zu bestimmen, die notig war, um 10 Farben so schnell als m\u00f6glich zu benennen; die Gr\u00fcnde, aus denen ich diese Aufgabe bevorzuge vor der Benennung einer einzelnen Farbe, habe ich oben besprochen. Die Farben, welche in s\u00e4mtlichen Reihen benutzt wurden, waren Rot, Rosa, Orange, Gelb, Gr\u00fcn, Blau, Violett, Purpur, Braun, Schwarz, Weiss. Von diesen elf Lichtqualit\u00e4ten kamen in jeder Reihe sieben bis acht vor, da jedesmal einige Farben zweimal benutzt wurden. Auf diese Weise konnte eine so grosse Abwechselung herbeigef\u00fchrt werden, dass die zuf\u00e4llige gr\u00f6ssere oder geringere Schwierigkeit der einzelnen Reihe sich bei einer gr\u00f6sseren Versuchszahl ausgleichen musste. Die farbigen Fl\u00e4chen bestanden aus Streifen von buntem Glanzpapier, die 10 cm hoch und 2 cm breit nebeneinander auf einen Karton von 20 cm L\u00e4nge und 10 cm H\u00f6he aufgeklebt waren. Ein grosse Zahl solcher Kartons stand zu unserer Verf\u00fcgung.\nDie Technik der Versuche gestaltete sich nun folgender-massen. Wir benutzten ein schwarzes Holzgestell, welches ein 20 cm breites Glasfenster trug. Vor diesem Fenster war eine schwarze Holzplatte befestigt, die mit Kautschukr\u00e4dern in zwei Seitenschienen sehr schnell herabglitt, sobald oben ein Sperrhaken sich \u00f6ffnete. Der Haken wurde durch eine Schnur ge\u00f6ffnet, die \u00fcber Rollen zu einem Hebel am Fuss des Holzgestells gef\u00fchrt war ; sobald der Hebel gedr\u00fcckt wurde, fiel also die Deckplatte, die mit Metallstreifen beschwert war, unmittelbar herab, und die Fensterscheibe wurde sichtbar. Hinter dieser war die schwarze Hinterwand zu \u00f6ffnen, so dass, w\u00e4hrend die Vorderplatte das Fenster verdeckte, von hinten her beliebige Kartons mit den Farbenstreifen eingelegt werden konnten. Sobald der Hebel unten gedr\u00fcckt wurde, zeigten sich also die zehn Farben und die Versuchsperson begann so schnell als m\u00f6glich, dieselben der Reihe nach zu benennen. Es galt die Zeit zu bestimmen von dem Druck auf den Hebel bis zum Aussprechen des zehnten Farbennamens.\nEs scheint mir unzweckm\u00e4ssig, f\u00fcr alle zeitmessenden","page":127},{"file":"p0128.txt","language":"de","ocr_de":"128\nVersuche dieselben Messinstrumente zu verwerten; so wie der Mikroskopiker f\u00fcr die verschiedenen Objekte sehr verschiedene Vergr\u00f6sserung einstellt, so wird die \u00fcbliche Messung auf Tausendstelsekunden ungeeignet sein, sobald es sich um gr\u00f6ssere Zeiten handelt, wie hier bei der Farbenbenennung. Da Rot, Rosa, Orange oder Violett, Purpur, Braun nicht leicht unterschieden werden, \u00fcberdies die Hauptfarben in verschiedenen N\u00fcancen vorkamen, so beanspruchte der Gesamtakt nach maximaler Uebung noch allerseits \u00fcber 5 Sekunden; eine Messung mit dem Hippschen Chronoskop, das fortw\u00e4hrend aufgezogen werden m\u00fcsste, w\u00e4re da beschwerlicher, als n\u00f6tig. Ich liess f\u00fcr solche Untersuchungen eine Uhr hersteilen, welche sich vom Hippschen Chronoskop vornehmlich dadurch unterscheidet, dass ihre Zeiger mechanisch, ohne jede Mitwirkung der Elektrizit\u00e4t, in Bewegung gesetzt und angehalten werden, dass sie nur Hundertstelsekunden anzeigt, dass das R\u00e4derwerk nicht durch Gewicht, sondern durch eine Feder in Bewegung gesetzt wird und \u00fcber zehn Minuten vollkommen gleichm\u00e4ssig abl\u00e4uft. Die Gleich-m\u00e4ssigkeit des Ganges wird im groben dadurch bedingt, dass die Kette sich \u00fcber einen Kegel windet, dessen Verj\u00fcngung wesentlich genauer als es hei gew\u00f6hnlichen Uhren der Fall ist, den verschiedenen Graden der Federspannung angepasst ist; die feinere Regulierung erfolgt wie bei Hipp durch eine federnde Lamelle. Die Einkoppelung der Zeiger, welche dort durch die Anziehung des magnetischen Ankers geschieht, wird hier durch ein System von Hebeln bedingt, das in einen an der Aussenseite befestigten Taster endet. Das Hauptrad, welches sich in 5 Sek. einmal umdreht, hat 500 Z\u00e4hne; die Einkoppelung erfolgt somit exakt genug, um die Zeit auf 0,01 Sek. anzuzeigen.\nDie ganze Uhr stellt sich als ein schwarzer, v\u00f6llig geschlossener Holzkasten dar, der 25 cm hoch und breit, 20 cm tief ist. Die Oberseite tr\u00e4gt ausser einem bequemen Handgriff nur einen Knopf, der gedr\u00fcckt wird, um das Uhr-","page":128},{"file":"p0129.txt","language":"de","ocr_de":"129\nwerk in Gang zu bringen, und einen zweiten Knopf, bei dessen Druck das Uhrwerk stillsteht. Auf der linken Seite unten ragt aus dem Kasten ein Hebel; wird er gedr\u00fcckt, so sind die Zeiger in das gehende R\u00e4derwerk eingekoppelt, wird er losgelassen, so stehen die Zeiger still. Die ganze Vorderseite nimmt ein grosses weisses Zifferblatt ein, das in 500 Teile geteilt ist, der Zeiger durchl\u00e4uft es in 5 Sek.; jeder Teilstrich bedeutet also eine Hundertstelsekunde. Auf der unteren H\u00e4lfte des Zifferblattes befindet sich eine kleinere Kreiseinteilung, \u00fcber der sich ein kleiner Zeiger so fortbewegt, dass er einen Teilstrich fortschreitet, wenn der grosse Zeiger eine Umdrehung vollendet; jeder Teilstrich bedeutet also 5 Sek. Der Kreis hat 36 Teile; eine Zeit von 3 Minuten ist also ohne weiteres auf Hundertstelsekunde genau vom Zifferblatt abzulesen. Der Zeiger kann nach jedem Versuch auf 0 zur\u00fcckgestellt werden. Diese Uhr ist gegen\u00fcber dem elektrischen Chronoskop so einfach und bequem, dass ich sie unbedingt \u00fcberall bevorzuge, wo es sich nicht um Reaktionszeiten oder \u00e4hnliche feinste Messungen handelt, bei denen Tausendstelsekunden w\u00fcnschenswert sind, und wo auf elektrische Einkoppelung verzichtet werden kann.\nBei unseren Versuchen war der Hebel, welcher die Deckplatte vor dem Farbenkarton herabfallen liess, direkt mit dem Hebel der Uhr verbunden. Sobald Herr Wadsworth auf den Taster dr\u00fcckte, wurden also hinter dem Glasfenster die Farben sichtbar, und gleichzeitig begannen die Uhrzeiger sich zu bewegen. In dem Augenblick, in welchem der zehnte Farbenname ausgesprochen wurde, zog er den Finger vom Taster fort, und die Zeiger blieben stehen. Dadurch, dass diese Funktion stets durch denselben ge\u00fcbten Experimentator ausgef\u00fchrt wurde, gewinnen die Zahlen vollkommenste Zuverl\u00e4ssigkeit. Die Zeigerstellungen protokollierte Frl. v. Schimhofer. Auch hier machte sich die Uebung w\u00e4hrend der Versuche deutlich bemerkbar, obgleich eine gewisse Ein\u00fcbung schon den eigentlichen Versuchen voranging. Als eine Gruppe rechneten wir\nM\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\t# 9","page":129},{"file":"p0130.txt","language":"de","ocr_de":"130\nstets 5 solche Versuche; ihre Durchschnittszahl wurde dann den weiteren Berechnungen zu Grunde gelegt. Die durchschnittliche Normalzeit verringerte sich f\u00fcr A. von 6,77 auf 5,23 Sek., f\u00fcr B. von 6,50 auf 5,44, f\u00fcr C. von 7,21 auf 5,74, f\u00fcr D. von 7,64 auf 6,56. Herr Smith benannte die Farben englisch. Die unter dem Einfluss der Nervina gewonnenen anormalen Werte k\u00f6nnen somit auch wieder erst durch Vergleichung mit den Normalwerten des betreffenden Uebungs-stadiums ihre Bedeutung erlangen; nur der \u00b1-Wert dieser Differenz hat uns also im folgenden zu interessieren.\nGenau dieselbe Versuchsanordnung diente schliesslich auch der vierten Funktionspr\u00fcfung, dem Addieren von zehn einzelnen Ziffern, unser Ausschluss der 1 und mit beliebiger Wiederholung der einzelnen Zahlen. Wir hatten \u00fcber 60 verschiedene Karten, auf denen zehn Ziffern zu diesem Zweck untereinander gedruckt waren. An Stelle des Farbenkartons wurde jetzt eine solche Karte hinter das Glasfenster gebracht, und Herr Wadsworth hatte mit Loslassen des Hebels zu reagieren, sobald die Versuchsperson die Summe der so schnell wie m\u00f6glich addierten zehn Zahlen aussprach. Etwaige Fehler beim Addieren wurden notiert. Der Uebungseffekt war hierbei der, dass die Zeit f\u00fcr A. von 7,16 auf 6,02, f\u00fcr B. von 9,48 auf 7,56, f\u00fcr C. von 7,19 auf 5,26, f\u00fcr D. von 8,72 auf 6,72 zur\u00fcckging. Die anormalen Werte gewinnen auch hier also ihre Bedeutung erst, sobald die Differenz gegen\u00fcber dem Normalwert des betreffenden Uebungsstadiums ermittelt wird. Die zeitmessenden Farben- und Rechenversuche wurden von jedem stets nur in zwei Perioden ausgef\u00fchrt, erst */2\u2014 3/4 Stunden und dann 11/4\u2014Is/* Stunden nach Einnahme der Medikamente, und zwar immer in Gruppen von je 5 Versuchen unmittelbar hintereinander.\nDie Gesamtergebnisse sind folgende. Ich beginne mit der Darstellung der Alkoholwirkung. Kr\u00e4pelin hatte, als er die Wirkung des Alkohols auf die elementarsten psychischen Funktionen studierte, abgemessene Quantit\u00e4ten absoluten Al-","page":130},{"file":"p0131.txt","language":"de","ocr_de":"131\nkohols in Wasser benutzt, Exner hatte Hochheimer, v. Vintsch-gau Champagner verwertet. Da der absolute Alkohol auch in der Therapie nicht gebr\u00e4uchlich ist, Versuche mit den gebr\u00e4uchlichen Spirituosen dagegen den Vorteil bieten, mit den Erfahrungen des t\u00e4glichen Lebens sich vergleichen zu lassen, so stellten -wir s\u00e4mtliche Experimente mit Bier, Cognak, Bordeauxwein und Rheinwein an. Dass die etwaigen Folgeerscheinungen dabei nicht nur Alkoholwirkungen sind, ist bekannt; das t\u00e4gliche Leben lehrt, dass bei gleicher Alkoholquantit\u00e4t nach den verschiedenen geistigen Getr\u00e4nken doch recht verschiedene Wirkungsbilder entstehen: die aromatischen Stoffe, das Volumquantum, die Resorptionsgeschwindigkeit, die Temperatur u. a. sind von bedeutsamem Einfluss. Diese Faktoren n\u00e4her zu analysieren, liegt ausserhalb unseres Interessenkreises, zumal die Ergebnisse zeigen, dass, so gross auch die subjektiven Wirkungsverschiedenheiten etwa zwischen Bier und Cognak sind, dennoch die objektiven Symptome, wenigstens was die untersuchten psychischen Leistungen betrifft, nicht so bedeutend sich unterscheiden.\nDie verwendeten Dosen waren folgende. Von Bieren wurde M\u00fcnchener Zacherlbr\u00e4u benutzt, und zwar wurde 1 bis 11;,2 Liter w\u00e4hrend weniger Minuten getrunken. Der verwendete Cognak war guter franz\u00f6sischer Cognak, von dem ein Zehntelliter schnell ausgetrunken wurde. Der Rheinwein war R\u00fcdes-heimer; getrunken wurde etwa ein halber Liter, und ebensoviel von dem Bordeaux, einem milden Chateau Margaux. Zu ber\u00fccksichtigen ist, dass die Getr\u00e4nke stets um 11 Uhr vormittags ohne feste Nahrung aufgenommen wurden, also g\u00fcnstigste Resorptionsverh\u00e4ltnisse Vorlagen, und dass keine der vier Versuchspersonen gewohnt war, vormittags Spirituosen zu gemessen. Die Quantit\u00e4ten waren so gew\u00e4hlt, dass ein ausgesprochener Rauschzustand eigentlich niemals erreicht wurde; nur zweimal stellte sich vor\u00fcbergehender Kopfschmerz ein.\nSehr \u00fcbereinstimmend waren die Ver\u00e4nderungen des Ged\u00e4chtnisses. Der durchschnittliche Differenzwert zwischen","page":131},{"file":"p0132.txt","language":"de","ocr_de":"132\nder Normalfehlerzahl in den betreffenden Uebungsstadien und der Fehlerzahl nach Alkoholgenuss in den drei angegebenen Zeitperioden (nach etwa 1 und 2 Stunden) ergab f\u00fcr\nA.\nBier\tI + 5\t\tII -f 2\tIII \u2014 4\nCognak\t+ 6\t\t+ 4\t\u2014 2\nRheinwein\t+ 3\t\t+ 1\t0\nBordeaux\t+ 7\t\t+ 2\t+ 1\nBier\t+ 2\tB.\t+ 3\t0\nCognak\t+ 2\t\t+ 1\t\u2014 1\nRheinwein\t+ 6\t\t+ 3\t\u2014 2\nBordeaux\t+ 4\t\t+ 2\t0\nBier\t+ 12\tC.\t+ 2\t+ 1\nCognak\t+ 6\t\t+ 4\t\u2014 3\nRheinwein\t+ 4\t\t+ 5\t- 3\nBordeaux\t+ 1\t\t+ 1\t0\nBier\t+ 1\tD.\t0\t- 5\nCognak\t+ 7\t\t+ 4\t0\nRheinwein\t+ 4\t\t4* 6\t\u2014 1\nBordeaux\t0\t\t\u2014 2\t\u2014 2\nDa die +-Werte eine Zunahme der Fehler, also eine Verschlechterung der Aufnahmef\u00e4higkeit bedeuten, so ergibt sich aus der Tabelle, trotz der individuellen Verschiedenheiten, doch auf den ersten Blick, dass die Aufnahmef\u00e4higkeit, w\u00e4hrend der ersten Stunde ausnahmslos mehr oder weniger stark herabgesetzt, sich allm\u00e4hlich bessert und nach Verlauf von etwa 2 Stunden fast \u00fcberall gegen\u00fcber dem Normalzustand gesteigert ist. Dass der Alkohol auf die Ganglienzellen l\u00e4hmend einwirkt, ist bekannt ; allgemein wird zugegeben, dass die Erregung und der Bewegungsdrang, die l\u00e4rmende Freudigkeit und die unbesonnene Geschw\u00e4tzigkeit, welche die Spirituosenwirkung charakterisieren, lediglich die Folgen von L\u00e4hmungserscheinungen sind, insofern","page":132},{"file":"p0133.txt","language":"de","ocr_de":"133\ndie normalen Hemmungsmechanismen ausser Funktion gesetzt sind. Es liegt nahe, auch die Verschlechterung des Ged\u00e4chtnisses als solche L\u00e4hmungserscheinung aufzufassen ; \u00fcberraschend bleibt dagegen die darauffolgende Verbesserung der Aufnahmef\u00e4higkeit. Auch das subjektive Befinden gibt daf\u00fcr keinen Aufschluss. Nach U/2 bis 2 Stunden pflegten die Versuchspersonen sich besser zu f\u00fchlen als in der ersten Stunde, welche subjektiv bald durch ein Gef\u00fchl dumpfer Schwere im Kopf, bald durch eine gewisse Verwirrung und Unsicherheit, fast regelm\u00e4ssig durch gesteigerten Bewegungsdrang recht unbehaglich war; aber dieses Gef\u00fchl der Besserung deutete nur auf eine Verminderung des Unbehagens und war fast regelm\u00e4ssig von Mattigkeit und Abspannung begleitet. Es lag somit subjektiv kein Grund vor, in dieser zweiten Phase eine Steigerung der Aufnahmef\u00e4higkeit gegen\u00fcber der Norm anzunehmen. Ich habe diese Thatsache sp\u00e4terhin weitergepr\u00fcft in Experimenten, die nicht in den Rahmen dieser Untersuchung geh\u00f6ren, und glaube meine Erfahrungen dahin formulieren zu k\u00f6nnen, dass es einen eigent\u00fcmlichen psychophysischen Zustand gibt, der auf starke Erm\u00fcdungen des Gehirns folgt, und der subjektiv durch ein Gef\u00fchl der Abspannung und Mattigkeit charakterisiert ist, objektiv die intellektuelle Leistungsf\u00e4higkeit erheblich herabsetzt, dagegen \u00fcberraschenderweise eine bedeutende Steigerung der Aufnahmef\u00e4higkeit f\u00fcr sinnlose Eindr\u00fccke auf weist.\nEs steht dieses Resultat nur dem Wortlaut nach in Widerspruch zu Kr\u00e4pelin, der beim Alkohol das Zahlenlernen \u00fcberhaupt erleichtert fand. Kr\u00e4pelin lernte die Zahlen, indem er sie las und konnte somit das Erlernen als einge\u00fcbten motorischen Einstellungsvorgang auffassen, w\u00e4hrend meine Versuchspersonen die Buchstaben- und Zahlenreihen nur h\u00f6rten. Auch die verschiedenen Quantit\u00e4ten und verschiedenen Zeitphasen sind beim Vergleich zu ber\u00fccksichtigen.\nEine stetige Zunahme der Leistungsf\u00e4higkeit zeigt auch das Buchstabenz\u00e4hlen; hier d\u00fcrften aber die Verh\u00e4ltnisse","page":133},{"file":"p0134.txt","language":"de","ocr_de":"134\nwesentlich anders liegen. Die Ergebnisse, wieder in Differenzwerten der in zwei Minuten durchnittlich gez\u00e4hlten Buchstaben ausgedr\u00fcckt, sind folgende:\nA.\nBier\t_\tI 74\t\tII \u2014 23\tIII + 36\nCognak\t\u2014\t67\t\t\u2014 47\t- 20\nRheinwein\t\u2014\t40\t\t\u2014 12\t+ 14\nBordeaux\t\u2014\t8\t\t+ 20\t+ 52\nBier\t\t60\tB.\t\u2014 2\t+ 51\nCognak\t+\t5\t\t-j- 86\t-f 53\nRheinwein\t\u2014\t8\t\t4- 20\t+ 36\nBordeaux\t+\t2\t\t+ 26\t+ 26\nBier\t\t45\tC.\t\u2014 30\t+ 3\nCognak\t\u2014\t21\t\t\u2014 11\t\u2014 11\nRheinwein\t\u2014\t70\t\t\u2014 23\t- 27\nBordeaux\t\u2014\t4\t\t0\t+ 24\nBier\t\t22\tD.\t+ 20\t+ 48\nCognak\t\u2014\t56\t\t4* 12\t+ 26\nRheinwein\t\u2014\t24\t\t+ 2\t+ 14\nBordeaux\t\u2014\t2\t\t\u2014\t7\t+ 15\nMit einer geringf\u00fcgigen Ausnahme \u2014 bei C. gibt f\u00fcr Rheinwein das dritte Stadium 4 Buchstaben weniger als das zweite \u2014 nimmt die Zahl der Buchstaben \u00fcberall zu, gleichviel, ob s\u00e4mtliche Werte unter oder s\u00e4mtliche Werte \u00fcber der Norm bleiben, oder ob, was zumeist geschieht, anf\u00e4nglich weniger als normal, sp\u00e4ter mehr als normal gez\u00e4hlt wird. Die gr\u00f6sste Differenz zwischen Anfangs- und Endstadium d\u00fcrfte dem Bier zukommen. Auf den ersten Blick k\u00f6nnte es \u00fcberraschend erscheinen, dass \u00fcberhaupt negative Werte, also verminderte Z\u00e4hlgeschwindigkeit vorkommt, da der gesteigerte Bewegungsdrang doch das auffallendste Symptom der Alkoholvergiftung ist, und umso auffallender scheinen die negativen Werte in der ersten Phase, da wir durch Kr\u00e4pelin u. a. wissen, dass","page":134},{"file":"p0135.txt","language":"de","ocr_de":"135\ndie Reaktionszeit nach Alkohol gerade anf\u00e4nglich nicht unerheblich beschleunigt ist. Offenbar ist aber das Buchstabenz\u00e4hlen kein rein motorischer V organg ; die sensorische Leistung des Unterscheidens spielt dabei eine mindestens ebenso grosse Rolle wie das innere Aussprechen der Zahlen. Je unsicherer die Unterscheidung, desto leichter wird selbst bei hastigem Sprechen das richtige Z\u00e4hlen verz\u00f6gert werden. Wir d\u00fcrfen wohl annehmen, dass der motorische Faktor des Z\u00e4hlens unter der Wirkung des Alkohols von Anfang an zu gr\u00f6sserer Geschwindigkeit f\u00fchren w\u00fcrde, wenn nicht der sensorische Faktor die entgegengesetzte Wirkung h\u00e4tte. Im Laufe der zwei Stunden nimmt die L\u00e4hmung der Ganglien, die sensorische Unsicherheit immer mehr ab und es \u00fcberwiegt daher immer mehr die motorische Beschleunigung.\nBeim Farbenbenennen tritt der motorische Vorgang des Aussprechens bez\u00fcglich der zeitlichen Beurteilung v\u00f6llig in den Hintergrund ; w\u00e4hrend der erste Farbenname ausgesprochen wird, ist die Aufmerksamkeit schon der Unterscheidung der zweiten Farbe zugewandt. Das Erkennen und Associieren der Bezeichnung beansprucht fast den gesamten Zeitwert; das Ergebnis war eine nicht unbetr\u00e4chtliche Zunahme der n\u00f6tigen Zeit. Wie erw\u00e4hnt, wurden diese zeitmessenden Versuche jedesmal nur in zwei verschiedenen Phasen gepr\u00fcft. Das Ergebnis war, in Differenz werten der Sekunden ausgedr\u00fcckt:\n\tA.\t\n\tI\tII\nBier\t+ 0,12\t+ 0,31\nCognak\t+ 0,07\t+ 0,20\nRheinwein\t+ 0,47\t+ 0,74\nBordeaux\t+ 0,30\t+ 0,74\n\tB.\t\nBier\t\u2014 0,16\t\u2014 0,19\nCognak\t-h 0,36\t+ 0,53\nRheinwein\t+ 0,42\t0,28\nBordeaux\t+ 0,02\t+ 0,17","page":135},{"file":"p0136.txt","language":"de","ocr_de":"\u2014 136 \u2014\nC.\nBier\t+ 0,87\t~f 0,31\nCognak\t+ 0,57\t\u2014 0,12\nRheinwein\t-f~ 0,82\t+ 1,00\nBordeaux\t+ 0,68\t+ 0,83\n\tD.\t\nBier\t4- 0,75\t+ 1,48\nCognak\t\u2014 0,13\t+ 0,25\nRheinwein\t-j- 0,68\t+ 0,17\nBordeaux\t\u2014 0,08\t+ 0,35\nDas Ueberwiegen des Zeitzuwachses springt in die Augen; die bestehenden Differenzen m\u00f6gen von Anpassungen und Gewohnheiten herr\u00fchren. Das Erkennen von Sinneseindr\u00fccken zeigt sich bei unseren Versuchen also im wesentlichen verlangsamt.\nGeringere Uebereinstimmung ergibt sich beim Addieren einstelliger Zahlen. Die Ergebnisse sind f\u00fcr\n\tA. I\tII\nBier\t\u2014 0,30\t\u2014 0,53\nCognak\t\u2014 1,49\t\u2014 1,87\nRheinweirf\t\u2014 0,10\t\u2014 0,14\nBordeaux\t\u2014 0,12\t\u2014 0,68\nBier\tB. + 0,92\t+ 1,10\nCognak\t+ 0,42\t+ 2,34\nRheinwein\t+ 0,62\t+ 0,87\nBordeaux\t+ 0,73\t+ 0,48\nBier\tC. \u2014 0,21\t\u2014 0,66\nCognak\t\u2014 0,09\t+ 0,25\nRheinwein\t\u2014 0,15\t- 0,83\nBordeaux\t\u2014 0,19\t\u2014 0,29\nBier\tD. + 0,91\t+ 0,42\nCognak\t+ 0,15\t+ 1,02\nRheinwein\t+ 0,53\t-j- 0,42\nBordeaux\t+ 0,81\t+ 0,65","page":136},{"file":"p0137.txt","language":"de","ocr_de":"137\nAuf den ersten Blick fallt es auf, dass hier fast ausnahmslos bei A und C eine Beschleunigung des Addierens, bei B und D eine Verlangsamung eintrat. Die Kr\u00e4pelin-sche Angabe, dass der Alkohol das Addieren verlangsamt, w\u00fcrde also nur f\u00fcr die H\u00e4lfte der Versuchspersonen zutretfen. Diese \u00fcberraschende individuelle Verschiedenheit erkl\u00e4rt sich nun aber vielleicht einfach, wenn wir die fr\u00fcher erw\u00e4hnten absoluten Zeitwerte f\u00fcr das Addieren ber\u00fccksichtigen. Dieselben betrugen anf\u00e4nglich f\u00fcr A. 7,16 Sek.; f\u00fcr B. 9,48, f\u00fcr C. 7,19, f\u00fcr D. 8,72. A. und C. addierten also wesentlich schneller als B. oder D. und dieses Verh\u00e4ltnis blieb auch nach eingetretener Uebung unver\u00e4ndert. Es liegt nahe, daraus zu schliessen, dass A. und C. solche einfache Addition nahezu mechanisch ausf\u00fchren, also nach dem Prinzip der motorischen Ein\u00fcbung, w\u00e4hrend B. und D. eine wirkliche Rechenarbeit leisten mussten mit den zahlreichen associativen sensorischen Zwischengliedern, die der Schnellrechner nicht gebraucht. Es w\u00fcrde dann in der That den Erwartungen entsprechen, dass die motorische Funktion verk\u00fcrzt, die sensorische verl\u00e4ngert wird, die langsam Rechnenden nach Alkohol also noch langsamer, die schnell Rechnenden noch schneller rechnen als gew\u00f6hnlich.\nWesentlich andere Erscheinungen bieten die coffeinhaltigen Genussmittel. Die genossene Quantit\u00e4t waren immer drei Tassen eines sehr starken Kaffee- oder Theeinfuses, wobei auf jede Tasse Kaffee 15 gr ger\u00f6steter Java, auf jede Tasse Thee 10 gr bester Souchong kamen. Wenn der Alkohol im wesentlichen Sch\u00e4digungen des Intellekts darbot, so erweisen Thee und Kaffee sich in jeder Weise f\u00f6rderlich und wenn wirklich Coffein die Bewegungen erschwert, so hat beim Buchstabenz\u00e4hlen wie beim Addieren die Erleichterung des sensorischen Faktors st\u00e4rkeren Einfluss ausge\u00fcbt als die Erschwerung des motorischen. Die Ged\u00e4chtnissteigerung ist beim Thee bedeutender als beim Kaffee. Auffallend ist, dass die subjektiven Aussagen der verschiedenen Versuchspersonen sehr","page":137},{"file":"p0138.txt","language":"de","ocr_de":"138\nauseinandergehen und auch f\u00fcr die einzelnen wechselnd sind, w\u00e4hrend die objektiven Ergebnisse nur geringe Verschiedenheiten zeigen. Besonders nach dem Kaffee klagen B. und C. \u00fcber subjektive Hemmung und Erschwerung der Leistungen, w\u00e4hrend objektiv auch bei ihnen nur Erleichterung vorlag, die subjektiven Aussagen also wohl auf nebens\u00e4chlichen Sensationen beruhen. Die Ergebnisse sind f\u00fcr den T h e e in Bezug auf das Ged\u00e4chtnis:\nI\tH\tIII\nA.\t\u2014 2\t\u2014 2\t\u2014 5\nB.\t\u2014 4\t\u2014 3\t\u2014 6\nC. .\t\u2014 1\t0\t\u2014 1\nD.\t0\t\u2014 2\t\u2014 3\nEs zeigt sich also, dass die Besserung des Ged\u00e4chtnisses im allgemeinen zunimmt und dass, wenigstens bis zum Ab-\t\t\nlauf der zweiten Stunde,\teine Depression\tals zweite Phase\nnicht vorkommt; die F\u00e4higkeit, \u00e4ussere Eindr\u00fccke leicht auf-\t\t\nzunehmen, wird also durch\tden Thee nicht\tnur f\u00fcr kurze Zeit\ngesteigert, sondern die Erregung h\u00e4lt jedenfalls wesentlich l\u00e4nger an als die erste Phase der Alkohol Wirkung.\t\t\nDie K a f f e e Wirkung\twar f\u00fcr die meisten weniger aus-\t\ngesprochen; die Fehlerdifferenz betrug f\u00fcr\t\t\nI\tII\tIII\nA.\t\u2014 3\t\u2014 4\t- 4\nB.\t0\t\u2014 3\t0\nC.\t- 2\t4 1\t\u2014 1\nD.\t\u2014 3\t\u2014 2\t\u2014 2\nBez\u00fcglich des Buchstabenz\u00e4hlens ist f\u00fcr Thee, wie ge-\t\t\nsagt, nicht die erwartete Verlangsamung,\t\tsondern eine ent-\nschiedene Beschleunigung differenz betr\u00e4gt f\u00fcr\tfestzustellen.\tDie Buchstaben-\nI\tII\tHI\nA.\t+ 4\t4 27\t4- 32\nB.\t\u2014 16\t+ 71\t4 loo\nC.\t0\t4- 22\t4 43\nD.\t4- 12\t4- 20\t4 15","page":138},{"file":"p0139.txt","language":"de","ocr_de":"139\nSchwankend\tsind die\tentsprechenden\tResultate beim\nKaffee:\tI\tII\tIII\nA.\t\u2014 10\t+ 23\t+ 16\nB.\t+ 15\t+ 40\t+ 52\nC.\t\u2014 22\t\u2014 10\t\u2014 18\nD.\t- 6\t12\t+ 32\nFarbenbenennen und Kopfrechnen ist f\u00fcr Kaffee und Thee in ungef\u00e4hr gleichem Masse beschleunigt. Nur bei A. wirkt Kaffee wie Thee verz\u00f6gernd auf das Rechnen ein; es steht das jedenfalls in Zusammenhang mit der hervorgehobenen Schnelligkeit seines normalen Rechnens, d. h. dem Ueber-wiegen des motorischen Faktors. Bei C, der ebenso schnell rechnete, ist freilich keine Spur davon. Die durchschnittliche Zeitdifferenz f\u00fcr das F\u00e4rb en nenn en betr\u00e4gt beim Thee f\u00fcr:\nbeim Kaffee:\nf\u00fcr Addieren\n\tI\tII\nA.\t\u2014 0,27\t\u2014 0,35\nB.\t\u2014 0,70\t\u2014 0,94\nC.\t\u2014 1,20\t\u2014 0,62\nD.\t\u2014 0,24\t\u2014 0,53\n\tI\tII\nA.\t\u2014 0,35\t\u2014 0,42\nB.\t\u2014 0,63\t\u2014 0,59\nC.\t\u2014 0,83\t\u2014 0,66\nD.\t\u2014 0,45\t\u2014 0,63\nbeim\tThee :\t\n\tI\tII\nA.\t+ 0,35\t+ 0,95\nB.\t- 1,12\t\u2014 2,17\nC.\t\u2014 1,95\t\u2014 1,73\nD.\t\u2014 0,94\t- 1,02\n\tI\tII\nA.\t-J- 0,28\t4- 0,21\nB.\t\u2014 0,93\t\u2014 1,35\n0.\t- 0,78\t\u2014 1,20\nD.\t- 0,42\t\u2014 0,89\nbeim Kaffee:","page":139},{"file":"p0140.txt","language":"de","ocr_de":"140\nWenn ich erw\u00e4hne, dass nach Kaffee gerade B. und C. wiederholt \u00fcber subjektive Gef\u00fchle der Hemmung und der Erschwerung beim Rechnen klagten, so tritt deutlich hervor, wie unzuverl\u00e4ssig solche Begleitempfindungen als Massstab der objektiven Leistungsf\u00e4higkeit sind; Hemmungsgef\u00fchle k\u00f6nnen ebenso tr\u00fcgerisch sein, wie es die Gef\u00fchle gesteigerter Kraft nach Alkoholgenuss sind.\nIch verlasse die Analeptika und gehe zu den Antipyreticis \u00fcber; wir untersuchten mittlere Einzeldosen von Antip y rin, Chinin und Phenacetin. Die Wirkung der drei Mittel war sehr ungleich, am sch\u00e4dlichsten f\u00fcr die psychischen Funktionen erw'ies sich das Antipyrin, am g\u00fcnstigsten, wenn auch individuell verschieden, das Phenacetin. Die Depression der psychischen Leistungen nach Antipyrin war, obgleich die Dosis stets nur 1 gr betrug, doch so konstant, dass der Psychologe hier doch einmal seine Grenzen \u00fcberschreiten und eine pharmakologische Warnung an die Kliniker richten m\u00f6chte; ein Mittel, das die psychophysischen Funktionen so tiefgreifend st\u00f6rt, eignet sich doch wohl nicht zum.Hausmittel gegen jeden Kopfschmerz. Die benutzten Dosen betrugen Chinin 0,5, Antipyrin 1,0, Phenacetin 1,0, in einem kleinen\nGlase Wasser.\tDie Ergebnisse\twaren\tf\u00fcr die Ged\u00e4chtnis\npr\u00fcfung beim Antipyrin: A.\t+3\t\t+ 3\t+ 7\nB.\t4- 2\t+ 5\t+ 3\nC.\t+ 3\t+ 4\t+ 1\nD.\t+ 5\t0\t+ 3\nbeim Chinin: A.\t+ 2\t\u2014 1\t0\nB.\t0\t+ 3\t\u2014 1\nC.\t+ 2\t+ 1\t+ 3\nD.\t+ 4\t- 2\t\u2014 1\nbeim Phenacetin: A.\t\u2014 3\t\t\u2014 2\t+ 3\nB.\t\u2014 4\t\u2014 1\t- 3\nC.\t\u2014 1\t+ 2\t+ 2\nD.\t0\t\u2014 4\t\u2014 4","page":140},{"file":"p0141.txt","language":"de","ocr_de":"141\nDie Verschiedenheit der Wirkung tritt hier schon deutlich hervor. Beim Phenacetin ist keine konstante Tendenz, beim Chinin \u00fcberwiegt die Verschlechterung der Aufnahmef\u00e4higkeit, beim Antipyrin hat sie ausnahmslose Geltung. Das Protokoll \u00fcber das subjektive Befinden ergibt dagegen nur nach Chinin allgemeine Benommenheit, besonders bei A. und C., dagegen nach Antipyrin und Phenacetin gar keine st\u00f6rende Wirkung, ausser dass A. einmal nach Antipyrin vor\u00fcbergehend schmerzenden Druck im Kopf empfand.\nF\u00fcr das Buchstabenz\u00e4hlen ist die Verschiedenheit noch augenf\u00e4lliger, insofern Phenacetin hier den Vorgang beschleunigt, Antipyrin ihn verlangsamt, w\u00e4hrend nach Chinin zwei Phasen unterscheidbar scheinen, von denen die erste hemmend, die zweite beschleunigend auf den Z\u00e4hlakt einwirkt. Es ergab sich n\u00e4mlich die Buchstabendifferenz f\u00fcr Antipyrin:\nA.\t\u2014 20\t\u2014 17\t\u2014 32\nB.\t\u2014 16\t\u2014 29\t\u2014 24\nC.\t\u2014 38\t\u2014 45\t\u2014 35\nD.\t\u2014 80\t\u2014 72\t\u2014 56\nChinin:\t\t\t\nA.\t\u2014 36\t\u2014 27\t+ 21\nB.\t\u2014 12\t+ 15\t+ 35\nC.\t\u2014 40\t\u2014 30\t. \u2014 2\nD.\t- 25\t0\t+ 8\nPhenacetin:\t\t\t\nA.\t+ 40\t+ 52\t+ 60\nB.\t\u2014 5\t-p 20\t+ 27\nC.\t+ 6\t+ 9\t+ 14\nD.\t+ 7\t+ 3\t+ 12\nBez\u00fcglich des\tF arbenner\tmens\tzeigte sich\neine starke individuelle Verschiedenheit, .beim Phenacetin gar keine ausgesprochene, konstante Wirkung, beim Antipyrin eine verz\u00f6gernde. Es ergab sich n\u00e4mlich als Zeitdifferenz f\u00fcr Antipyrin:","page":141},{"file":"p0142.txt","language":"de","ocr_de":"142\nf\u00fcr Chinin:\nf\u00fcr Phenacetin:\nA.\t+ 0,32\t+ 0,55\nB.\t0\t+ 0*81\nC.\t+ 0,97\t+ 1,14\nD.\t+ 0,50\t+ 0,46\nA.\t+ 0,42\t+ 0,28\nB.\t\u2014 1,15\t\u2014 0,84\nC.\t\u2014[\u2014 0,82\t+ 0,55\nD.\t\u2014 0,85\t- 0,81\nn:\t\t\nA.\t+ 0,12\t-j- 0,08\nB. \u2022\t- 0,18\t+ 0,07\nC.\t+ 0,89\t+ 0,23\nD.\t\u2014 0,05\t+ 0,21\nBeim Addieren ist am klarsten die Beschleunigung nach Chinin; nach Antipyrin tritt Verz\u00f6gerung, nach Phenacetin ausser bei B wieder gar keine ausgesprochene Ver\u00e4nderung ein. Es ergab sich eine durchschnittliche Zeitdifferenz f\u00fcr Antipyrin:\nf\u00fcr Chinin:\nf\u00fcr Phenacetin:\nA.\tH- 0,15\t+ 0,45\nB.\t\u2014 0,98\t4- 0,87\nC.\t+ 0,25\t+ 0,72\nD.\t+ 0,63\t+ 0,95\nA.\t\u2014 0,14\t\u2014 0,31\nB.\t\u2014 0,76\t\u2014 1,07\nC.\t\u2014 0,22\t\u2014 0,30\nD.\t\u2014 0,63\t- 1,00\nn:\t\t\nA.\t\u2014 0,19\t\u2014 0,30\nB.\t+ 1,20\t+ 1,33\nC.\t\u2014 0,37\t+ 0,45\nD.\t4- 0,51\t\u2014 0,14\nWir gingen schliesslich an die Narkotika: Opium und Bromnatrium, und zwar auch hier mittlere Dosen Op. purum 0,03 mit Sach. alb. 0,3 und Natr. brom. 2,0. Sub-","page":142},{"file":"p0143.txt","language":"de","ocr_de":"143\njektiv trat nach Opium ohne vorangehenden Erregungszustand schwach, nach Brom etwas st\u00e4rker ein Gef\u00fchl der Tr\u00e4gheit und Mattigkeit ein. Objektiv \u00fcberwog in beiden Wirkungsbildern die Abnahme der psychophysischen Leistungsf\u00e4higkeit, dennoch zeigte sich ein wesentlicher Unterschied. Wenn Brom bekanntlich die Reflexerregbarkeit herabsetzen, Opium dagegen durch seinen Morphingehalt die Sensibilit\u00e4t vermindern, durch seine anderen Alkaloide aber die Reflexerregbarkeit steigern soll, so wird die Verschiedenheit der hier beobachteten Wirkungen dadurch wohl kaum erkl\u00e4rt. Es zeigte sich n\u00e4mlich beim Opium eine durchgehende Verbesserung des Ged\u00e4chtnisses, also eine gesteigerte Aufnahmef\u00e4higkeit f\u00fcr Schallsuccessionen. Der einzelne Eindruck wird ja wahrscheinlich langsamer und schwerer aufgefasst; daf\u00fcr spricht auch die Verz\u00f6gerung des Farbennennens. Das hindert aber nicht, dass die einmal aufgenommenen Eindr\u00fccke inhaltlich und bez\u00fcglich ihrer Reihenfolge besser festgehalten werden als im Normalzustand. Es erinnert das wieder an jene Schlussphase der Alkohol Wirkung ; der betreffende Zustand ist\u2019theoretisch von entschiedenem Interesse. Beim Brom ist das Ged\u00e4chtnis verschlechtert; mit der nach l\u00e4ngerem Bromgenuss eintretenden Verschlechterung des Ged\u00e4chtnisses ist die hier beobachtete wohl nicht auf eine Stufe zu stellen, da dort meist darunter eine geringere Leichtigkeit und Sicherheit der Reproduktion fr\u00fcher aufgenommener Vorstellungen verstanden wird, hier dagegen die Leichtigkeit des Neuaufhehmens in Frage steht. \u2014 Nicht minder \u00fcberraschend ist nun aber auch eine ebenfalls konstante Bromwirkung: die Beschleunigung des Addierens. Die Versuchspersonen empfanden das selber. Trotz des M\u00fcdigkeitsgef\u00fchles sagten sie nach dem Addieren fast jedesmal aus, dass der Rechenakt sicherer und glatter abliefe; sie meinten, man rechne ruhiger und k\u00e4me dadurch rascher zum Ziel, als wenn man, durch die Forderung m\u00f6glichster Schnelligkeit veranlasst, sich beeile. Diese subjektive Aussage ist aber insofern ohne Bedeutung, als genau","page":143},{"file":"p0144.txt","language":"de","ocr_de":"144\ndasselbe Gef\u00fchl auch das Buchstabenz\u00e4hlen sowohl nach Brom wie nach Opium zu begleiten pflegte und trotzdem objektiv eine Verminderung der Leistung eingetreten ist mit einer einzigen Ausnahme. Das Farbenbenennen ist nach beiden Sto\u00dfen verlangsamt, bei Opium freilich nicht konstant.\nDie hervorgehobenen Verh\u00e4ltnisse ergeben sich klar aus folgenden Zahlen, welche zugleich die grossen individuellen Unterschiede erkennen lassen. Die Differenz der Fehlerzahl\nbei der Ged\u00e4chtnispr\u00fcfung\t\tergab f\u00fcr Opium:\t\nA.\t\u2014 1\t0\t\u2014 2\nB.\t. \u2014 2\t\u2014 5\t\u2014 3\nC.\t4- 2\t\u2014 5\t\u2014 7\nD.\t0\t+ 1\t\u2014 4\nf\u00fcr Bromnatriu\tm:\t\t\nA.\t+ 6\t+ 8\t+ 8\nB.\t+ 2\t+ .1\t+ 3\nC.\t+ 4\t\u2014 2\t\u2014 1\nD.\t+ 2\t+ 2\t+ 5\nDie Differenzwerte beim\t\tBuchstab\ten z\u00e4hlen sind f\u00fcr\nOpium:\t\t\t\nA.\t+ 12\t+ 44\t+ 50\nB.\t\u2014 17\t\u2014 15\t\u2014 20\nC.\t\u2014 24\t\u2014 20\t\u2014 7\nD.\t- 47\t\u2014 26\t\u2014 14\nf\u00fcr Bromnatrium:\t\t\t\nA.\t\u2014 40\t- 23\t\u2014 9\nB.\t\u2014 25\t- 10\t\u2014 3\nC.\t\u2014 37\t\u2014 18\t0\nD.\t\u2014 44\t- 24\t\u2014 12\nDie letztere Tabelle zeigt sehr konstant, dass die Herabsetzung der Reflexerregbarkeit nach Brom schnell abnimmt und nach kaum zwei Stunden fast verschwunden ist, w\u00e4hrend, wie die vorhergehende Tabelle zeigt, die Abstumpfung des Ged\u00e4chtnisses nach zwei Stunden noch in voller St\u00e4rke besteht.\nDas Farbenbenennen ergab bei Opium:","page":144},{"file":"p0145.txt","language":"de","ocr_de":"145\nA.\t+ 0,33\t+ 0,42\nB.\t\u2014 0,27\t-f 0,32\nC.\t+ 0,68\t+ 0,72\nD.\t\u2014 0,14\t+ 0,28\nbei Bromnatrium:\t\t\nA.\t+ 0,54\t+ 0,47\nB.\t+ 0,72\t+ 0,08\nC.\t+ 0,69\t+ 0,15\nD.\t+ 0,23\t-f- 0,09\nDas Addieren schliesslich ergab bei Opium:\nA.\t+ 0,45\t+ 0,75\nB.\t+ 0,97\t+ 2,60\nC.\t\u2014{- 0,60\t4- 1,92\nD.\t+ 1,08\t+ 1,22\ndagegen bei Bromnatrium:\t\t\nA.\t\u2014 0,56\t+ 0,23\nB.\t\u2014 0,49\t\u2014 1,69\nC.\t\u2014 0,23\t\u2014 1,01\nD.\t- 0,84\t\u2014 0,27\nDie dargestellten Experimente sollen, wie erw\u00e4hnt, nur den Anfang einer gr\u00f6sseren Untersuchung bilden; die allgemeineren psychologischen Fragen werden daher erst sp\u00e4ter hervortreten d\u00fcrfen, sobald das Material wesentlich vervollst\u00e4ndigt ist. Die Erg\u00e4nzung h\u00e4tte eigentlich nach den verschiedensten Richtungen zu erfolgen. Die n\u00e4chstliegende Forderung, dass die Versuche an sehr viel mehr Versuchspersonen wiederholt werden, ist angesichts der verh\u00e4ltnism\u00e4ssig geringen Zahl unserer Versuche sicher berechtigt; trotzdem erscheint sie am wenigsten zwingend, da wir die meisten abstrahierten S\u00e4tze auf die Uebereinstimmung aller vier Versuchspersonen st\u00fctzen konnten. Auch der Kreis der zu untersuchenden Substanzen m\u00fcsste nat\u00fcrlich wesentlich erweitert werden. Freilich sind hier dem Laboratoriumsversuch praktisch enge Grenzen gezogen. W\u00e4re es doch theoretisch besonders w\u00fcnschenswert, auch st\u00e4rker wirkende Stoffe wie\nM\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\t.\t10","page":145},{"file":"p0146.txt","language":"de","ocr_de":"146\nChloroform, Amylnitrit, Morphium, Cocain u. s. w. in ihrer Wirkung auf die komplizierteren psychischen Leistungen zu untersuchen \u2014 ihre Wirkung auf die elementarsten Prozesse hat f\u00fcr einige derartige Stoffe Kr\u00e4pelin schon gepr\u00fcft \u2014 oder von den angewandten Stoffen Maximaldosen und Ueber-maximaldosen zu pr\u00fcfen, deren Wirkung zweifellos viel klarer zu Tage treten w\u00fcrde, aber bei denen vor\u00fcbergehende Vergiftungserscheinungen nicht zu vermeiden sind; so habe ich an mir selber die Wirkung von 0,3 gr Opium als Einzelgabe und von 8 gr Bromnatrium studiert. Solche Versuche an anderen zu veranlassen, kann sich der Kliniker gestatten; der Psychologe aber wird, um das vorhandene Misstrauen nicht unn\u00f6tig zu verst\u00e4rken, vorl\u00e4ufig gut thun, in diesen Beziehungen Vorsicht f\u00fcr den besseren Teil der Tapferkeit zu halten. Das, was uns offen steht, bleibt somit in erster Linie die Ausdehnung der Versuche auf andere psychische Leistungen und in dieser Richtung ist in der That noch unendlich vieles unerledigt, was Ausbeute f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des psychischen Mechanismus verspricht. Die n\u00e4chste Frage, an die ich in diesem Sinne herangetreten, lautet: wie wirken die verschiedenen Nervin a auf unsere Gr\u00f6ssensch\u00e4tzung von Raum- und Zeitstrecken, und welchen Einfluss haben sie auf die willk\u00fcrliche Aufmerksamkeit? Der zweite Abschnitt dieser Arbeit wird die entsprechenden Experimente zur Mitteilung bringen.","page":146}],"identifier":"lit38797","issued":"1892","language":"de","pages":"121-146","startpages":"121","title":"Einfluss der Nervina auf die psychischen Leistungen","type":"Book Section"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T14:14:59.567275+00:00"}
