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{"created":"2022-01-31T14:37:36.233890+00:00","id":"lit38800","links":{},"metadata":{"alternative":"Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4","contributors":[{"name":"M\u00fcnsterberg, Hugo","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4, edited by M\u00fcnsterberg, Hugo, 192-211. Freiburg i.B.: Mohr","fulltext":[{"file":"p0192.txt","language":"de","ocr_de":"Mitbewegungen.\nDie Untersuchung der menschlichen Willensentwicklung verlangt; wie heut\u00e9 allseitig anerkannt wird, eine weitgehende Ber\u00fccksichtigung der Bewegungen und Bewegungskombinationen, welche der K\u00f6rper auf unwillk\u00fcrliche psychische Impulse hin ausf\u00fchrt, und die der Wille gewissermassen als Material vorfindet, aus dem er das einzelne zweckgem\u00e4ss verst\u00e4rken oder unterdr\u00fccken lernt. So lange wir nicht wissen, welche Bewegungszuordnungen auf Grund der physiologischen Verbindungsbahnen die nat\u00fcrlichen und urspr\u00fcnglichen sind, k\u00f6nnen wir auch nicht entscheiden, welcher psychophysische Vorgang bei einer bestimmten kombinierten oder isolierten Bewegung abl\u00e4uft, beispielsweise ob bei einer bestimmten Einzelbewegung der Wille nur erregend wirkt oder ob er gleichzeitig hemmend auf andere, von vornherein zugeordnete Bewegungen ein wirkt. Da diejenige Bewegungskombination, welche der nat\u00fcrlichen Zuordnung entspricht, offenbar mit einem Minimum der Willensanstrengung zu erzielen sein wird, die psychische Leistung gr\u00f6sser sein wird, sobald diese nat\u00fcrliche Zuordnung unterdr\u00fcckt wird und am gr\u00f6ssten, wenn unnat\u00fcrliche Verbindungen willk\u00fcrlich erzwungen werden, so ist es klar, dass in dieser Frage sich das theoretische Interesse des Psychologen mit dem praktischen Interesse aller derer verbinden sollte, welche Bewegungen p\u00e4dagogisch einzu\u00fcben oder Bewegungen national\u00f6konomisch auszunutzen haben. So d\u00fcrfte f\u00fcr den Industriearbeiter das Minimum","page":192},{"file":"p0193.txt","language":"de","ocr_de":"193\nF\npsychophysischer Anstrengung und daher das Maximum der Leistung unter sonst gleichen Bedingungen dann zu erreichen sein, wenn die Maschinen so eingerichtet sind, dass die auszuf\u00fchrenden Bewegungen einer etwaigen nat\u00fcrlichen Zuordnung entsprechen. Dass die ganze Frage auch f\u00fcr den Physiologen wie f\u00fcr den Nervenpathologen von Bedeutung ist, bedarf kaum des Hinweises. Solche Mitbewegungen spielen sich entweder an verschiedenen Teilen derselben K\u00f6rperh\u00e4lfte ab, z. B. zwischen Arm und Fuss, Arm und Kopfmuskulatur, Arm und Finger, zum Teil sogar unaufl\u00f6sbar wie zwischen Augen-innenwender und Accomodationsmuskel, oder aber an den entsprechenden Teilen beider K\u00f6rperh\u00e4lften, zum Teil auch hier unaufl\u00f6slich wie das Zusammenwirken der beiderseitigen Atmungs-, Kau-, Schluckmuskulatur, der Sphinkteren u. s. w. Die folgende Untersuchung besch\u00e4ftigt sich nur mit der f\u00fcr die Willensentwicklung besonders wichtigen Frage, ob eine solche nat\u00fcrliche Zuordnung auch f\u00fcr die Gliedermuskulatur der beiden K\u00f6rperh\u00e4lften existiert, speziell ob unsere Arme in einer nat\u00fcrlichen Wechselbeziehung stehen, eine Frage, zu der bekanntlich auch Fechner das Wort ergriffen hat.\nDie Anschauungen in diesem Punkt sind, soviel ich sehe, im wesentlichen \u00fcbereinstimmende. Schon Joh. M\u00fcller, welcher die Mitbewegungen ausf\u00fchrlich darstellt, sagt, dass die Nerven und Muskeln der Extremit\u00e2t\u00e8n die Tendenz bilateral symmetrischer Bewegung besitzen; \u201ewenigstens ist es bekanntlich schwer, entgegengesetzte rotierende Bewegungen einer gewissen Richtung, z. B. um eine gemeinschaftliche Querachse mit beiden oberen oder beiden unteren Extremit\u00e4ten zu vollziehen, w\u00e4hrend gleichartige Bewegungen mit beiden Extremit\u00e4ten zugleich sehr erleichtert sind\u201c *). Bei der Aus\u00fcbung schnell aufeinanderfolgender entgegengesetzter Rotationen mit beiden Armen f\u00fchlen wir einen inneren Wider-\n\u2019) Joh. M\u00fcller, Handbuch d. Physiol, d. Menschen. IV. A. Bd. 1. S. 589.\nM\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\n13","page":193},{"file":"p0194.txt","language":"de","ocr_de":"194\nstand, der diese Bewegungen best\u00e4ndig st\u00f6rt, so dass sie unwillk\u00fcrlich in gleichartige Bewegungen beider Extremit\u00e4ten \u00fcbergehen1). Fechner st\u00fctzte diese Annahme durch die Beobachtung, dass beim Schreibenlernen eine bilateral symmetrische Mit\u00fcbung eintritt, derart, dass wenn die rechte Hand in normaler Weise Schreibbewegungen ein\u00fcbt, die linke Hand dadurch eine mehr oder weniger entwickelte F\u00e4higkeit zur Spiegelschrift gewinnt2). Schliesslich wurden vereinzelte klinische F\u00e4lle von Mitbewegungen bekannt, bei denen die abnorm associierten Bewegungen nicht wie bei der h\u00e4ufig beobachteten \u201eIrradiation des Willensimpulses\u201c an derselben Seite eintraten, sondern bilateral symmetrisch geordnet waren, so dass bei den Patienten die einfachen oder komplizierten Bewegungen der einen Extremit\u00e4t eine unfreiwillige getreue Nachahmung an der anderen Seite finden; \u201ealle paarigen Muskeln der Oberextremit\u00e4t und des Schulterg\u00fcrtels geraten bei der Ausf\u00fchrung beabsichtigter einseitiger Bewegungen stets beiderseitig in Kontraktion\u201c3). Dam sch kommt bei der Er\u00f6rterung solcher F\u00e4lle zu der Annahme, dass wir \u00fcberhaupt erst durch die Erziehung lernen, die gleichzeitige Aktion paariger Muskeln zu unterdr\u00fccken. \u201eDie Erziehung, Unterricht und Uebung muss demnach zur Ausbildung von Hemmungen f\u00fchren, welche von der anderen Hemisph\u00e4re ausgehen und korrigierend auf die zun\u00e4chst mangelhaft isolierten Willensimpulse einwirken.\u201c Jene pathologischen F\u00e4lle w\u00fcrden dann darauf beruhen, dass derartige Hemmungen nicht zur Ausbildung gelangen. \u201eMan muss sich alsdann vorstellen, dass die von dem Cortex der\n9 A. a. O. Bd. H. S. 85.\n2) Fechner, Beobachtungen, welche zu beweisen scheinen, dass durch di\u00ea Uebung der Glieder der einen Seite die der anderen zugleich mitge\u00fcbt werden. Berichte der Sachs. Ges. der Wiss. Math.-Phys. CI. Bd. 10.\n8) Darnach, Mitbewegungen in symmetrischen Muskeln an nicht gel\u00e4hmten Gliedern. Zeitschr. f. klinische Medicin. Bd. 19. Suppl. 1891. Westphal, Bewegungserscheinungen an gel\u00e4hmten Gliedern. Archiv f. Psychiatrie. Bd. 4. 1874.","page":194},{"file":"p0195.txt","language":"de","ocr_de":"195\nf\neinen Hemisph\u00e4re ausgehenden Willensimpulse sich bei ihrem Eintritt in die grossen motorischen Granglien (Streifenh\u00fcgel und Linsenkern) durch die Kommissurfasern auf identische Teile der anderseitigen Ganglien ausbreiten, und da die unter normalen Bedingungen vorauszusetzenden Hemmungsimpulse der anderen Hemisph\u00e4re ausbleiben, nunmehr in den beiderseitigen Pyramidenbahnen in identischer Koordination zu identischen Muskeln ungehindert nach abw\u00e4rts treten\u201c 1). Von Psychologen hat zuletzt James2) die Frage ber\u00fchrt und ebenfalls die Ansicht vertreten, dass bilateral symmetrische Armbewegungen der nat\u00fcrlichsten Innervation entsprechen, das Kind sie unbedingt bevorzugt und dass auch beim Erwachsenen die Tendenz zu dieser nat\u00fcrlichsten Impulskombination unter gewissen Bedingungen nicht ohne Einfluss auf die Ausf\u00fchrung der willk\u00fcrlichen Bewegungen bleibt.\nTrotz dieser allseitigen Uebereinstimmung schienen mir nun die Thatsachen, auf welche die herrschende Ansicht sich st\u00fctzt, mindestens von zweifelhaftem Werte. Gewiss sieht es von vornherein sehr wahrscheinlich aus, dass die gleichnamigen Muskeln beider K\u00f6rperh\u00e4lften in enger Beziehung stehen und ihre gemeinsame Bewegung den nat\u00fcrlichsten Zustand darstellt; gerade in der Bewegungslehre aber haben solche, aus der Anatomie hergeleitete Selbstverst\u00e4ndlichkeiten so oft schon die wirkliche Erkenntnis des physiologischen Geschehens gehindert. Seit Galenus erschien es ja auch selbstverst\u00e4ndlich, dass bei einer Beugung oder Streckung nur die Beuger oder Strecker th\u00e4tig sind, bis Duchenne zeigte, dass im Gegenteil bei jeder einzigen Bewegung Beuger und Strecker Zusammenwirken. Zun\u00e4chst ist es klar, dass die Analogie mit dem Verhalten der symmetrischen Rumpf- und Gesichtsmuskeln keinerlei Bedeutung f\u00fcr die Extremit\u00e4ten besitzt. Wenn beim Atmen, Beissen, Schlucken, Niesen u. s. w. die bilateral sym-\n9 A. a. O. S. 177.\n2) W. James, Principles of Psychology. Bd. II. S. 517.","page":195},{"file":"p0196.txt","language":"de","ocr_de":"196\nmetrische Muskeltk\u00e4tigkeit eintritt, so handelt es sich dabei um die Funktionierung des Brustkorbs, des Unterkiefers u. s. w., unpaarige Organe, deren normale Leistung nur durch das Zusammenwirken der beiderseitigen Muskeln m\u00f6glich wird. Solche einheitliche Funktion liegt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die Augen vor, die keinen gemeinsamen Fixierpunkt h\u00e4tten und somit die Bilder nicht zur Deckung bringen k\u00f6nnten, wenn eines sich heben w\u00fcrde, w\u00e4hrend das andere sich senkt. F\u00fcr die Arme und Beine existiert solche gemeinsame Funktion nicht: im Gegenteil, es wird ja stets betont, dass die individuelle Entwicklung darauf hinzielt, das urspr\u00fcngliche Zusammenwirken durch einseitige Hemmung wieder aufzul\u00f6sen, da das Bed\u00fcrfnis des t\u00e4glichen Lebens durchweg ungleichseitige Bewegungen von unseren Extremit\u00e4ten fordert. Beim Gehen, Laufen, Tanzen arbeiten die Beine alternierend, beim Essen, Schreiben, Musizieren funktionieren die beiden Arme unsymmetrisch. Nur wenn unser menschliches Leben mit Schwimmen und Rudern ausgef\u00fcllt w\u00e4re, so k\u00f6nnten wir auch f\u00fcr die Extremit\u00e4ten teleologisch aus der Funktion die nat\u00fcrliche Zuordnung erkl\u00e4ren.\nIst die Analogie mit den Rumpf- und Gesichtsmuskeln mithin irref\u00fchrend, so kann sich die Annahme der symmetrischen Gliederth\u00e4tigkeit nur auf die direkt beobachteten That-sachen st\u00fctzen. Hierhin geh\u00f6ren in erster Linie die Bewegungen der Kinder, bei denen jene Hemmungen der nat\u00fcrlichen Mitbewegung noch nicht eingetreten sind. Gerade hier aber kann eine objektive Beobachtung unm\u00f6glich verkennen, dass das Kind die unsymmetrischen Impulse durchaus bevorzugt. Als ich beobachtete, wie S\u00e4uglinge sich bewegen, wenn sie in lauwarmem Badewasser sich behaglich f\u00fchlen, stiegen mir die ersten Zweifel an der G\u00fcltigkeit des Symmetriegesetzes auf; in vergn\u00fcgtem Strampeln wird stets das eine Bein angezogen, wenn das andere gestreckt wird und die Arme wechseln in ihren Bewegungen unregelm\u00e4ssig ab. Selbst die Augen haben hier noch nicht die symmetrische Ko-","page":196},{"file":"p0197.txt","language":"de","ocr_de":"ordination in der Vertikalrichtung gewonnen, und jede Seitenbewegung der Augen ist ebenso wie jede Seitenbewegung des Kopfes offenbar unsymmetrisch. Zutreffend schildert Prey er auch, wie die Kinder im Schlaf tr\u00e4ge Kontraktionen mit Spreizen und Beugen der Finger ausf\u00fchren, Bewegungen, welche erst zum Ende des zweiten Jahres seltener werden \u201eund vom Anfang an meistens asymmetrisch sind\u201c *). Auch beim Gehenlernen f\u00e4llt es jedem auf, wie das Kind, wenn es unter den Armen so gehalten wird, dass die F\u00fcsse den Boden ber\u00fchren, durchaus abwechselnd die Beine hebt und streckt* 2). Mark Baldwin, der die Entwicklung der Rechtsh\u00e4ndigkeit verfolgen wollte, notierte die Armbewegungen seines Kindes in den ersten Monaten; es ergab sich, dass von 2187 F\u00e4llen nur 1034 zweih\u00e4ndig, 1183 einh\u00e4ndig ivaren3); in Anbetracht, dass von den zweih\u00e4ndigen Bewegungen alle diejenigen wegfallen, welche nicht symmetrisch sind oder welche auf Reize hin erfolgen, die in der Medianebene oder zur Medianebene symmetrisch liegen, so ergibt sich auch hier, dass von einem urspr\u00fcnglichen.Ueber-wiegen der Mitbewegungstendenz keine Rede ist. Was schliesslich die F\u00e4lle von Mit\u00fcbung und Spiegelschrift, sowie die pathologischen Erfahrungen betrifft, so beweisen sie \u00fcberaus wenig. Bei dem vielcitierten Fechnerschen Beispiel von Spiegelschrift mit der linken Hand ist von einem urspr\u00fcnglich linksh\u00e4ndigen Knaben die Rede, der nur durch Uebung eine gleiche Geschicklichkeit in der rechten Hand erworben hatte. Der Vater des Knaben f\u00fcgt seinem Bericht ausdr\u00fccklich hinzu, dass er selbst eher mit der rechten als mit der linken Hand Spiegelschrift hervorbringen kann. Dasselbe gilt von mir ; ich kann mit der rechten Hand ziemlich fliessend und ohne jede Ueberlegung Spiegelschrift schreiben, w\u00e4hrend mir mit der linken Hand Spiegelschrift ebenso missr\u00e4t, wie\n*) Prey er, Seele des Kindes. II. A. S. 153.\n2)\tA. a. O. S. 203.\n3)\tBaldwin, Origin of Right or Left Handedness. Science 1890.","page":197},{"file":"p0198.txt","language":"de","ocr_de":"198\ngew\u00f6hnliche Schrift. Ein anderer Versuch zeigt mir, dass die Mit\u00fcbung bei mir auch dann nicht eintritt, wenn die linke Hand die ge\u00fcbte ist; ich spiele seit meinem achten Jahre Violoncello und hin trotz so langer Uebung der Linken nicht im st\u00e4nde, die symmetrischen Bewegungen mit der Rechten auszuf\u00fchren. Auch S.tumpf erw\u00e4hnt, dass nach den Erfahrungen des Klavierunterrichts die eine Hand nicht merklich durch die andere mitge\u00fcbt werde1). Soltmann2) sieht in der Neigung zu linksh\u00e4ndiger Spiegelschrift sogar ein psychopathisches Symptom. Die meisten Kinder, die er aufforderte, mit der linken Hand zu schreiben, brachten die Worte in der gew\u00f6hnlichen Weise von links nach rechts zu Papier, nur solche, deren Psyche nicht intakt war, schrieben ohne Besinnen Spiegelschrift. Bez\u00fcglich der pathologischen F\u00e4lle schliesslich von konstanter Mitbewegung scheint mir der Erkl\u00e4rungsversuch im Missverh\u00e4ltnis zu der Seltenheit der beobachteten F\u00e4lle zu stehen. Wenn wirklich eine gleichzeitige Innervation der beiderseitigen Extremit\u00e4tenmuskeln der urspr\u00fcngliche Vorgang w\u00e4re, der nur durch einseitige Hemmung aufgehoben wird, so w\u00fcrde das Fehlen oder die mangelhafte Ausbildung dieser kortikalen Hemmung eine verh\u00e4ltnism\u00e4ssig h\u00e4ufige Erscheinung sein, die konstante symmetrische Mitbewegung m\u00fcsste dann wenigstens oft Symptom cerebraler Erkrankungen sein. Bis jetzt sind aber erst ein paar v\u00f6llig vereinzelte, von Jugend an bestehende F\u00e4lle beschrieben worden, so dass es wahrscheinlicher ist, in diesen Ausnahmef\u00e4llen anatomische Abnormit\u00e4ten, vielleicht mangelhafte Pyramidenkreuzung der motorischen Bahnen zu vermuten. Dass bei der gew\u00f6hnlichen halbseitigen L\u00e4hmung Erwachsener, auch wenn die L\u00e4hmung von der Grosshirnrinde ausgeht, solche Mitbewegung im gel\u00e4hmten Gliede nicht eintritt, scheint mir entscheidend. Auch darauf sei schliesslich hingewiesen.\n') Stumpf, Tonpsychologie. Bd. 1. S. 81.\n2) Soltmann, Schrift und Spiegelschrift bei gesunden und kranken Kindern. 1890.","page":198},{"file":"p0199.txt","language":"de","ocr_de":"199\n\ndass unsere unwillk\u00fcrlichen Reflexe, bei denen doch jedenfalls die nat\u00fcrliche Zuordnung zumal bei starkem Reiz ganz rein hervortreten m\u00fcsste, ebenfalls keine konstante symmetrische Mithewegung zeigen. Wenn der Reflex von einem Reiz in der Medianebene ausgel\u00f6st wird, so ist die symmetrische Bewegung selbstverst\u00e4ndlich; wenn aber z. B. uns unerwartet auf der Landstrasse ein Hund pl\u00f6tzlich von der Seite ankl\u00e4fft, so fahren nur die Glieder der entsprechenden K\u00f6rperh\u00e4lfte zusammen. Diese und \u00e4hnliche Erw\u00e4gungen legten mir die Ueberzeugung nahe, dass die Frage der nat\u00fcrlichen Bewegungszuordnung durch die \u00fcbliche Auffassung nicht zureichend beantwortet sei, w\u00e4hrend es im Interesse der Willenslehre und der Lehre von den Ausdrucksbewegungen u. S. w. hegt, hier m\u00f6glichste Klarheit zu schaffen. Es schien mir daher angezeigt, diesen gesamten Erscheinungskomplex einer eingehenden experimentellen Untersuchung zu unterziehen; dieselbe wurde im Sommersemester 1891 von den Herren Dr. v. Jankovich, Clemens, Lewy, Zermelo, Liesegang, Gill, Slatopolsky, Fri. Dr. v. Schirnhofer und mir durchgef\u00fchrt. Systematische Experimente dieser Art existierten, soviel ich weiss, noch nicht; Stanley-Hall, Hartwell, L\u00f6b, Delabarre u. a. haben untersucht, wie die Leistungen der beiden Arme sich unterscheiden, nicht aber, welches die nat\u00fcrlichsten Bewegungskoordinationen sind.\nDer zuverl\u00e4ssigste Weg, bei erwachsenen normalen Menschen die nat\u00fcrlichste Innervationszuordnung zu finden, scheint mir der zu sein, dass eine Versuchsperson regelm\u00e4ssige periodische Armbewegung mit beiden H\u00e4nden willk\u00fcrlich auszuf\u00fchren beginnt, dann ihre Aufmerksamkeit teilweise oder vollkommen von der Bewegung abgelenkt wird und nun beobachtet wird, ob sich bei abgelenkter Aufmerksamkeit der Typus der Bewegungen ver\u00e4ndert. Die vom Willen geschaffenen Hemmungen werden dabei offenbar wegfallen und der nat\u00fcrliche Koordinationszustand wird sich offenbaren; dadurch, dass das Entscheidende des Versuchs in dem Uebergang gewollter","page":199},{"file":"p0200.txt","language":"de","ocr_de":"200\nTh\u00e4tigkeit in unwillk\u00fcrliche liegt, charakterisiert sich das Experiment als ein psychologisches. In sekund\u00e4rer Weise ber\u00fccksichtigten wir auch subjektive Aussagen, ob die eine willk\u00fcrliche Bewegung angenehmer sei als eine andere, und \u00e4hnliches. Der gr\u00f6sste Teil der zahlreichen Experimente wurde nun so angestellt, dass die Versuchsperson mit jeder Hand ein dickes Reagensglas symmetrisch umfasste und mit dem abgerundeten Boden des Glases auf einem weichen Brett zweih\u00e4ndig die vorgeschriebenen Figuren beschrieb; die Aufmerksamkeit wurde dann in einer, nach der Schwierigkeit der Bewegung abgestuften Weise abgelenkt, z. B. durch Lesen, Kopfrechnen, Buchstabenz\u00e4hlen, Punkte fixieren u. s. w. oder willk\u00fcrlich nur der rechten oder nur der linken Hand zugewendet, so dass die andere Hand unwillk\u00fcrlich mitgef\u00fchrt wird. Von den \u00fcbrigen Mitarbeitern wurde dabei die etwaige Ver\u00e4nderung der Bewegung beobachtet und mit graphischer Darstellung der verschiedenen Stadien protokolliert. Die gleichzeitige Beobachtung durch mehrere erwies sich bei der Schnelligkeit des Vorgangs als notwendig; nur das wurde ber\u00fccksichtigt, was \u00fcbereinstimmend gesehen wurde. Eine gewisse St\u00f6rung lag in dem surrenden Reibungsger\u00e4uch ; dasselbe bewirkte nun zwar eventuell, dass die Versuchsperson auf die unwillk\u00fcrliche Ver\u00e4nderung des Bewegungstypus aufmerksam wurde, den Willen der Bewegung wieder zulenkte und so die Bewegung bald nachtr\u00e4glich korrigierte, die Ablenkung selbst konnte aber durch das Ger\u00e4usch nicht vermieden werden; und \u00fcberdies war nur ausnahmsweise das Ger\u00e4usch bei der ver\u00e4nderten Bewegung von der urspr\u00fcnglichen so sehr verschieden, dass der Unterschied f\u00fcr die abgewandte Aufmerksamkeit bemerkbar wurde. Kontrollversuche, bei denen die Bewegung ohne Unterlage in der Luft ausgef\u00fchrt wurden, ergaben \u00fcberdies dieselben Resultate ; dadurch aber, dass bei ihnen keine feste Ebene gegeben ist, werden die Bewegungen sehr viel unregelm\u00e4ssiger und deshalb sehr viel schwerer verfolgbar, so dass das erstere Verfahren vor-","page":200},{"file":"p0201.txt","language":"de","ocr_de":"201\nzuziehen bleibt. Jeder Versuch wurde von mindestens sechs Personen nacheinander ausgef\u00fchrt und von jedem an demselben oder an verschiedenen Tagen mindestens f\u00fcnfmal wiederholt; die angegebenen Zahlen sind Durchschnittszahlen, die selbstverst\u00e4ndlich keinen absoluten Wert beanspruchen, da einerseits Uebung, andererseits die wechselnden Grade der Aufmerksamkeitsablenkung bedeutende Abweichungen hervor-rufen. Zahlreiche Bewegungsformen waren f\u00fcr die eine oder die andere Versuchsperson so schwierig ausf\u00fchrbar, dass bei der geringsten Ablenkung der Aufmerksamkeit die Bewegung \u00fcberhaupt auf h\u00f6rte. Alle derart missgl\u00fcckten Versuche bleiben im folgenden unber\u00fccksichtigt. Die Schnelligkeit der Bewegung war, damit das Material vergleichbar w\u00fcrde, immer dieselbe bis auf die sp\u00e4ter erw\u00e4hnten Ausnahmen; die Bewegung (Kreis, Linie, Dreieck u. s. w.) wurde im Tempo von 2/3 bis 1 Sek. ausgef\u00fchrt und zwar zur Ein\u00fcbung anf\u00e4nglich synchron mit den Schl\u00e4gen eines Metronoms.\nWir begannen mit Kreisen von etwa 20 cm Durchmesser, die in gleicher Entfernung von der Mittelebene auf einer horizontalen Fl\u00e4che beschrieben wurden, und zwar zun\u00e4chst mit gleichsinnig gerichteten, also unsymmetrischen Bewegungen. Wurden beide Kreisbewegungen im Sinne des Uhrzeigers, also auf der vom K\u00f6rper abgelegenen Kreish\u00e4lfte von links nach rechts gemacht und wurde dabei die Aufmerksamkeit nur der rechten Hand zugelenkt, so dass diese f\u00fchrte und die linke unwillk\u00fcrlich mitgenommen wurde, dann konnten von sieben Personen zwei diese Bewegung unbegrenzt, d. h. bis \u00fcber hundert Kreise fortf\u00fchren, bei einer Person ging die Bewegung links nach 15 bis 25 Kreisen in gleichsinnig gerichtete ungleichphasige Kreise \u00fcber, bei einer machte die linke Hand zun\u00e4chst flache Ellipsen und dann einfache horizontale Linien, und nur bei drei Personen schlug die linke Hand regelm\u00e4ssig in symmetrische Kreise um, bei der einen schon nach 5 bis 7, bei der zweiten nach 15 bis 20, bei der dritten nach 20 bis 30 Kreisen.","page":201},{"file":"p0202.txt","language":"de","ocr_de":"202\nF\u00fchrte die linke Hand, so war das Ergebnis durchschnittlich g\u00fcnstiger, insofern jetzt drei Personen die Bewegung unbegrenzt weiterf\u00fchren konnten, und bei denjenigen, die jetzt mit der rechten Hand in die symmetrische Bewegung \u00fcbergingen, der Umschlag um 10 bis 20 Kreise sp\u00e4ter eintrat. Noch mehr individuelle Variationen traten ein, als wir die Bewegungen gleichsinnig, aber entgegengesetzt zur Richtung des Uhrzeigers ausf\u00fchrten und gleichzeitig die Aufmerksamkeit durch Ausf\u00fchrung von Kopfrechenaufgaben ablenkten; letztere waren sehr ungleich schwierig, da ungef\u00e4hr derselbe Grad der Ablenkung, der bei einigen durch fortgesetztes Potenzieren erreicht wurde, bei anderen schon dann erreicht zu sein schien, wenn die Zahl 7 stetig zu einer gegebenen Zahl hinzuaddiert wurde. Das Ergebnis war, dass von acht Personen zwei wieder unbegrenzt die Bewegung durchf\u00fchrten, zwei nach 8 bis 25 * Kreisen in ungleiche Phasen \u00fcbergingen, einer die Kreise rechts gleichsinnig, aber doppelt so schnell als links ausf\u00fchrte, zwei mit der rechten Hand in die symmetrische Uhrzeigerbewegung \u00fcbergingen, und einer mit der linken Hand. F\u00fcnf Personen bevorzugten also eine nichtsymmetrische Bewegung. Bei allen schwierigeren Rechenaufgaben passt sich \u00fcbrigens der Bewegungsrhythmus ein wenig dem un-gleichm\u00e4ssigen Gang der Rechnung an, w\u00e4hrend umgekehrt bei den leichten Rechnungen das Aussprechen der Zahlen sieb der Bewegung anpasst. Ueberraschender noch war die n\u00e4chste Versuchsgruppe : gleichsinnig gerichtete Kreise in u n-gleichen Phasen, derart, dass die linke Hand um einen Halbkreis hinter der rechten zur\u00fcck, resp. vor ihr voraus war. Offenbar sind hierbei die Bewegungen beider Arme vollkommen unsymmetrisch, trotzdem trat bei den untersuchten sechs Personen, gleichviel oh die Aufmerksamkeit nur der rechten oder nur der linken Hand zugewandt war, fast niemals in der mitgef\u00fchrten Hand ein Uebergang in symmetrische Bewegung ein. Bei vieren wurde die gleichsinnige ungleichphasige Bewegung bis zur Erm\u00fcdung unver\u00e4ndert weitergef\u00fchrt, wobei","page":202},{"file":"p0203.txt","language":"de","ocr_de":"203\nfreilich oft die Kreise zu Ellipsen ausgezogen wurden. Bei zweien ging, die Bewegung allm\u00e4hlich in gleichsinnige Bewegung mit gleichen Phasen \u00fcber, und zwar bei dem einen nach 20 bis 25 Kreisen, bei dem anderen schon nach 3 oder 4 Kreisen. Wurden symmetrische Kreise gemacht und die Aufmerksamkeit abgelenkt, so behielten f\u00fcnf von sechs die Richtung bei, einer dagegen ging regelm\u00e4ssig in ungleichphasige gleichsinnige Kreise \u00fcber. Aber auch die Bewegungen derjenigen, welche die Richtung der Kreise beibehielten, waren durchaus nicht immer kongruent. So gingen die linken Kreise zweier Personen jedesmal zuerst in flache Ellipsen, schliesslich in gerade Linien \u00fcber, w\u00e4hrend ein anderer die linken Kreise wesentlich kleiner als die rechten machte.\nAn die Untersuchung der Kreise schlossen sich Versuche mit Linien, Winkeln, Dreiecken und Vierecken. Werden die Linien parallel gemacht der vorderen Kante des Tisches, vor dem wir stehen, so ist kein einziger im st\u00e4nde, eine gleichsinnig gerichtete Hin- und Herbewegung bei abgelenkter Aufmerksamkeit durchzuf\u00fchren, nach 5 bis 20 Linien gehen die Bewegungen ausnahmslos in symmetrische \u00fcber; symmetrische Bewegung wird bis zur Erm\u00fcdung fortgesetzt. Wird die rechte Hand doppelt so schnell als die linke hin und her bewegt, so sind mehrere Herren im st\u00e4nde, diese ungleich-massige Bewegung auch bei abgelenkter Aufmerksamkeit bis zur Erm\u00fcdung fortzusetzen. Fast regelm\u00e4ssig gehen die Linien in flache Ellipsen \u00fcber oder erhalten an den Enden kolbige Anschwellungen oder durch andere Figuren wird die Hinbewegung allm\u00e4hlich in die R\u00fcckbewegung \u00fcbergeleitet. Bilden die Linien zur vorderen Tischkante einen nach aussen gerichteten Winkel von 45 \u00b0, so dass die Arme von der Mittellinie des K\u00f6rpers schr\u00e4g abduziert werden, so tritt ebenfalls Tendenz zur Abrundung und Ausbuchtung ein, aber die Richtung wird in der \u00fcberwiegenden Zahl der F\u00e4lle nicht ver\u00e4ndert, wenn die Bewegung unsymmetrisch erfolgt. Auch die subjektive Aussage best\u00e4tigte bei den meisten, dass die* alternierende","page":203},{"file":"p0204.txt","language":"de","ocr_de":"204\nAusf\u00fchrung dieser Bewegung, so dass der rechte Arm schr\u00e4g abduziert wird, wenn der linke angezogen wird, wesentlich angenehmer erscheint als die symmetrische Bewegung.\nWenn rechte Winkel beschrieben wurden, deren einer Schenkel zur Tischkante parallel, der andere vom K\u00f6rper weggerichtet war, so verschwand bei abgelenkter Aufmerksamkeit in den meisten F\u00e4llen die Ecke und Bogenlinien, traten an ihre Stelle, wobei die Ecke meist noch durch ein Zucken oder st\u00e4rkeres Aufdr\u00fccken markiert blieb. Waren beide Winkel nach einer Seite offen, so trat meistens bald Umschlag in symmetrische Figuren ein, falls von vornherein gleiche Phasen gew\u00e4hlt waren, ungleiche Phasen dagegen gingen nur in gleiche Phasen \u00fcber. Waren beide Winkel nach aussen offen, so konnten zwei von f\u00fcnf Versuchspersonen die Bewegung auch bei abgelenkter Aufmerksamkeit in ungleichen Phasen durchf\u00fchren, eine Kombination, die f\u00fcr andere auch bei zugelenkter Aufmerksamkeit kaum ausf\u00fchrbar schien.\nBei gleichseitigen Dreiecken trat in erster Linie wieder die Abrundungstendenz hervor; sobald die Aufmerksamkeit abgelenkt war, wurde aus dem Dreieck in h\u00e4ufigen F\u00e4llen eine Ellipse, ein Kreis, eine Acht, oder wenigstens ein Dreieck mit abgerundeten Ecken. Von sechs Versuchspersonen ging bei zweien die gleichsinnig gleichphasige Dreieckbewegung in ungleichphasige gleichsinnige, bei dreien in gleichphasig ungleichsinnige \u00fcber, bei einer blieb sie erhalten; die ungleichphasige gleichsinnige blieb bei dreien meist erhalten, die ungleichsinnige gleichphasige Bewegung ging nur bei einem auch in un gleichphasige \u00fcber. Vierecke nahmen bei abgelenkter Aufmerksamkeit die seltsamsten Gestalten an, nicht selten die Form eines Halbkreises, den eine vierzackige Linie abschliesst. Auch bei ihnen geht die gleichsinnige Bewegung h\u00e4ufig nicht in symmetrische, sondern in ungleichphasige \u00fcber.\nEs schloss sich die Untersuchung von Kreisen in verschiedenen Abst\u00e4nden an. Wurde beispielsweise der","page":204},{"file":"p0205.txt","language":"de","ocr_de":"205\nrechte Arm m\u00f6glichst weit abduziert, w\u00e4hrend der linke Arm sich unmittelbar vor der K\u00f6rpermitte befand, und wurden dann hei abgelenkter Aufmerksamkeit gleichsinnige, also unsymmetrische Kreise in der Richtung des Uhrzeigers ausgef\u00fchrt, so gingen von sieben Versuchspersonen nur zwei heim 10. bis 20. Kreise in ungleichsinnige Kreise \u00fcber, einer in ungleichphasige, w\u00e4hrend vier die Bewegung durchf\u00fchren konnten. Offenbar ist aber auch die ungleichsinnige Bewegung bei so verschiedener Armstellung keineswegs symmetrisch; zu einer symmetrischen Bewegung w\u00fcrde es erst dann, wenn auch der linke Arm allm\u00e4hlich abduziert oder der rechte Arm adduziert w\u00fcrde. Wurde der Versuch mit der entgegengesetzten Ausgangsstellung vorgenommen, der linke Arm entfernt, der rechte angezogen, so trat in der That bei zwei Personen die Tendenz hervor, die linke Hand bei abgelenkter Aufmerksamkeit dem K\u00f6rper anzun\u00e4hern; wiederum aber war bei f\u00fcnf Versuchenden keine Spur von Uebergang in symmetrische Bewegung. \u2014 Wurden die Arme vorn \u00fcber Kreuz gehalten, so scheint sowohl gleichsinnige als auch entgegengesetzte Kreisbewegung unbequem zu sein, da bei abgelenkter Aufmerksamkeit jede von beiden leicht in die umgekehrte umschl\u00e4gt und so bei l\u00e4ngerer Weiterf\u00fchrung schliesslich ein periodischer Wechsel zwischen symmetrischer und asymmetrischer Bewegung eintritt.\nSehr zahlreiche Experimente widmeten wir derjenigen Armstellung, bei welcher rechte und linke Hand \u00fcbereinander standen, so als wenn sie gemeinsam einen Vertikalstab umfasst hielten. Um jeden Arm dabei unabh\u00e4ngig vom anderen zu kontrollieren, wurde die Bewegung so ausgef\u00fchrt, dass die eine Hand \u00fcber, die andere unter einer horizontalen Holzplatte ihre Kreise beschrieb. Es ergab sich, dass in diesem Fall die unbedingt bevorzugte Bewegung die gleichsinnig ungleichphasige ist; in diese schl\u00e4gt in der Mehrzahl der F\u00e4lle sowohl die gleichsinnig gleichphasige um, als auch die symmetrische. Bei einigen Personen h\u00f6rte die linke Hand\n\u00e8","page":205},{"file":"p0206.txt","language":"de","ocr_de":"206\n\u00fcberhaupt auf, Kreise zu zeichnen; die Bewegung ging in Ellipsen und schliesslich in gerade Linien \u00fcber.\nStanden die Kreisebenen zueinander senkrecht, so dass die rechte Hand vertikale, die linke horizontale Kreise zog, so ergab sich f\u00fcr diejenigen, welche die Bewegung \u00fcberhaupt schnell und regelm\u00e4ssig auszuf\u00fchren vermochten, kein Unterschied durch die Ablenkung der Aufmerksamkeit. Sehr charakteristisch waren die Versuche an einer vertikalen Platte in der Medianebene; beide H\u00e4nde hatten jetzt also vertikale Kreise zu beschreiben, die rechte auf der rechten Seite, die linke auf der linken Seite der Platte. Es ist klar, dass bei dieser Stellung die gleichsinnige und gleichphasige Kreisbewegung die allein symmetrische ist; der Versuch ergab, dass diese symmetrische Armbewegung niemals bevorzugt wird, sondern fast regelm\u00e4ssig der Tendenz unterliegt, in ungleichphasige gleichsinnige Bewegung \u00fcberzugeben, so dass beide H\u00e4nde stets durch einen Kreisdurchmesser getrennt sind. Auch die schwer auszuf\u00fchrende ungleichsinnige Kreisbewegung geht in die ungleichphasig-gleichsinnige \u00fcber. Bekannt ist, zu welcher Kraftsteigerung diese unsymmetrische Bewegung beim Boxen f\u00fchrt. Den Schluss bildete die Untersuchung vertikaler Linien. Auch hier ist gleichzeitige Auf- und Abbewegung beider H\u00e4nde allein symmetrisch; der Versuch zeigt, dass bei abgelenkter Aufmerksamkeit von sieben Personen f\u00fcnf aus symmetrischer in unsymmetrische also alternierende Bewegung \u00fcbergehen. Die unsymmetrische Bewegung konnte dagegen von allen festgehalten werden. Auch die subjektive Aussage best\u00e4tigte, dass die abwechselnde Vertikalbewegung bei schneller Ausf\u00fchrung angenehmer sei als die symmetrische. Unterst\u00fctzt wird die letztere Thatsache auch durch vor\u00fcbergehend ange-stellte Versuche am Dynamometer. Dr\u00fcckt beispielsweise die linke Hand mit maximaler Anstrengung auf eine Feder, welche die St\u00e4rke des Drucks durch Winkeldrehung eines Zeigers angiebt, und macht man dann gleichzeitig mit dem rechten Arm","page":206},{"file":"p0207.txt","language":"de","ocr_de":"207\nlangsam in der Luft eine Abw\u00e4rts- oder Aufw\u00e4rtsbewegung, als g\u00e4lte es, ein Gewicht zu heben oder einen Druck nach unten auszu\u00fcben, so geht bei den meisten Personen der Zeiger zur\u00fcck, wenn der freie Arm sich in der symmetrischen Richtung bewegt, und die Kraft nimmt zu, wenn die Richtung entgegengesetzt ist.\nUnter der Voraussetzung, dass bei stark abgelenkter Aufmerksamkeit die nat\u00fcrliche Bewegungskoordination deutlicher hervortritt, als bei zugewendetem Willen, w\u00fcrde sich aus unseren Experimenten im wesentlichen also ergeben, dass die gew\u00f6hnlich angenommene feste Zuordnung der symmetrischen Muskeln an den Armen nicht existiert, dass f\u00fcr einige Bewegungsrichtungen, z. B. nach oben oder nach vorn, die unsymmetrische Innervation sich als die nat\u00fcrlichste erweist, w\u00e4hrend in anderen Richtungen, z. B. nach der Seite, die symmetrische Innervation nat\u00fcrlicher erscheint als die gleichsinnige.\nEs scheint mir, dass s\u00e4mtliche Erscheinungen, die sich in den Versuchen ergaben, unschwer einem einheitlichen Gesetz untergeordnet werden k\u00f6nnen, das sich sehr viel einfacher als die Lehre von der symmetrischen Innervation den bekannten biologischen Thatsachen einordnet. Das Gesetz w\u00fcrde lauten: jede starke Armbewegung der einen Seite wirkt als Reiz f\u00fcr die Ausl\u00f6sung derjenigen Armbewegung an der anderen Seite, welche am besten geeignet ist, \u00fcberfl\u00fcssige Mitbewegungen des K\u00f6rpers aufzuheben und so zu m\u00f6glichster Ersparnis an Muskelarbeit f\u00fchrt. Wenn wir schnell mit rechtem und linkem Arm starke horizontale Seitenbewegungen gleichsinnig ausf\u00fchren, also gleichzeitig beide nach rechts und beide nach links strecken, so kommt der ganze K\u00f6rper ins Schwanken, Rumpf und Beine m\u00fcssen arbeiten, um das Gleichgewicht zu halten, eine \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit, die sofort aufh\u00f6rt, wenn wir von dem unsymmetrischen Bewegungstypus zum symmetrischen \u00fcbergehen, beide Arme gleichzeitig nach\n*","page":207},{"file":"p0208.txt","language":"de","ocr_de":"208\naussen strecken und gleichzeitig nach innen ziehen. F\u00fchren wir dagegen kr\u00e4ftige Yertikalbewegungen der Arme symmetrisch aus, so als wollten wir ein Beil schnell heben und senken, um Holz zu spalten, so ger\u00e4t wieder unser ganzer K\u00f6rper in Arbeit, die sofort auf h\u00f6rt, sobald wir zu der unsymmetrischen alternierenden Armth\u00e4tigkeit \u00fcbergehen. So l\u00e4sst sich bei jeder Bewegungskombination unserer Versuche zeigen, dass die willk\u00fcrlich ausgef\u00fchrte Bewegung bei abgelenkter Aufmerksamkeit mit Vorliebe in diejenige Bewegung \u00fcberging, welche m\u00f6glichst die \u00fcberfl\u00fcssigen Mitbewegungen unterdr\u00fcckt. So erkl\u00e4rt sich denn auch, dass an die Stelle der symmetrischen * so oft die gleichsinnig-ungleichphasige Bewegung tritt; sie ist in vielen F\u00e4llen wirklich ebenso geeignet, den K\u00f6rper in der Gleichgewichtslage ruhig zu halten, wie die symmetrische. Auch dass die scharfen Ecken sich bei unwillk\u00fcrlicher Bewegung bald abrundeten, die Linienenden sich ausw\u00f6lbten, d\u00fcrfte eine zweckm\u00e4ssige Arbeitsersparnis sein; die pl\u00f6tzliche Innervations\u00e4nderung beim unvermittelten Uebergang einer starken Bewegung in die entgegengesetzte verlangt sehr viel energischere Arbeit und Gegenspannung als der vermittelte allm\u00e4hliche Uebergang. In dieser eng begrenzten Wirksamkeit zeigt sich die symmetrische Innervation also als eine Zweckm\u00e4ssigkeitserscheinung, bedingt durch das biologische Gesetz des kleinsten Kraftaufwandes, ein Gesetz, das eben in h\u00e4ufigeren F\u00e4llen gerade die unsymmetrische Innervation veranlasst. W\u00e4re dagegen, wie die \u00fcbliche Auffassung verlangt, die symmetrische Innervation das konstante, nur durch einseitige Hemmung aufzul\u00f6sende Ergebnis einer anatomischen Verbindung, so w\u00fcrde eine solche Einrichtung den biologischen Bed\u00fcrfnissen des Menschen, wie Gehen, Laufen, wechselseitige unabh\u00e4ngige Benutzung der Arme u. s. w. in so hohem Masse sch\u00e4digend gegen\u00fcberstehen, dass es unbegreiflich bliebe, wie solch unzweckm\u00e4ssige Verbindungsbahn sich entwickeln und erhalten konnte. Sind doch auch f\u00fcr die h\u00f6heren Tiere die unsymmetrischen Bewegungen der Extremi-","page":208},{"file":"p0209.txt","language":"de","ocr_de":"209\nt\u00e4ten die weitaus wichtigsten; auch das Tier macht die unsymmetrischen Laufbewegungen, um Kraft zu sparen, und geht zu den symmetrischen Galoppbewegungen nur in dem Ausnahmefall \u00fcber, dass vor\u00fcbergehend zur Erzielung gr\u00f6sster Schnelligkeit der gr\u00f6sste Kraftaufwand n\u00f6tig ist.\nVereinigen wir die so gewonnenen Ergebnisse mit dem, was uns oben die Betrachtung der Kinder, der Kranken und der normalen Erwachsenen lehrte, so ergibt sich etwa folgendes Verhalten. Eine angeborene symmetrische Koordination der Extremit\u00e4tenmuskeln existiert nicht. Solche symmetrische Th\u00e4tigkeit tritt ein erstens und haupts\u00e4chlich dann, wenn der die Th\u00e4tigkeit ausl\u00f6sende Reiz in der Mittelebene liegt oder auf beide Gehirn-, resp. R\u00fcckenmarksh\u00e4lften direkt symmetrisch erregend wirkt: dieses gilt von der Atmungs-, Schluck-, Kau-, Sphink-terenth\u00e4tigkeit, vom Niesen, G\u00e4hnen, Lidschluss und vielen anderen, jenes von den Konvergenzbewegungen der Augen u.s.w. Alle diese symmetrischen Innervationen m\u00fcssen notwendig von Anfang an in Kraft treten; es spricht daher nichts gegen die M\u00f6glichkeit, dass konstante Verbindungsbahnen f\u00fcr diese Muskelgruppen das aus dem symmetrischen Einwirken der Reize sich ergebende Zusammenwirken erleichtern. Zweitens kann symmetrische Th\u00e4tigkeit dadurch entstehen, dass symmetrisch zur Medianebene liegende \u00e4ussere Objekte unsere Extremit\u00e4ten zur Leistung anregen, resp. symmetrische Th\u00e4tigkeit zur Erreichung eines bestimmten Zweckes n\u00f6tig ist; wir lernen mit beiden H\u00e4nden symmetrisch ein gleichm\u00e4ssig um die Mittelebene verteiltes Objekt fassen, heben, halten u. s. w. ; wir lernen h\u00fcpfen, schwimmen, rudern u. s. w. Zu fester Koordination durch Uebung kann es dabei nicht kommen, weil unsymmetrische Reize und unsymmetrische Leistungen uns viel h\u00e4ufiger in Anspruch nehmen; wir gehen und laufen viel mehr als wir h\u00fcpfen und schwimmen, wir benutzen die Arme beim Essen, Schreiben, Musizieren, Greifen nach seitlichen Gegenst\u00e4nden u. s. w. viel h\u00e4ufiger als zu symmetrischer\nM\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\t14\n*","page":209},{"file":"p0210.txt","language":"de","ocr_de":"210\nTh\u00e4tigkeit; eben deshalb kann auch f\u00fcr diese kein angeborenes anatomisches Substrat sich entwickelt haben, w\u00e4hrend ein solches f\u00fcr die symmetrischen Bewegungen derjenigen Gesch\u00f6pfe, die ihre Extremit\u00e4ten im wesentlichen nur in der symmetrischen Kombination zweckm\u00e4ssig verwerten, z. B. f\u00fcr die Fl\u00fcgelbewegungen der V\u00f6gel, sehr wohl denkbar ist. Und als dritte Bedingung symmetrischer Ein\u00fcbung w\u00fcrde dann schliesslich jene Erscheinung gelten, dass einseitige Bewegungen eine psychophysische Erregung hervorrufen, welche als Reiz f\u00fcr die Ausl\u00f6sung derjenigen Bewegungen der anderen Seite dient,, die das Gleichgewicht und m\u00f6glichst geringen Kraftaufwand des ganzen K\u00f6rpers erzielen. Das gilt aber f\u00fcr die symmetrischen Bewegungen nur bei bestimmten Richtungen, w\u00e4hrend in anderen Richtungen symmetrische Bewegungen gerade den entgegengesetzten Effekt haben, eine feste Koordination der symmetrischen Gruppe also in jeder Beziehung biologisch unzweckm\u00e4ssig w\u00e4re. Dass die Wirksamkeit dieses Gesetzes sehr verschieden intensiv sein kann, zeigten die individuellen Unterschiede der Versuchspersonen; dieselben Hessen \u00fcbrigens deutlich erkennen, dass \u201enerv\u00f6se\u201c Menschen diese Neigung zur symmetrischen oder unsymmetrischen Kompensation ihrer \u00fcberfl\u00fcssigen Mitbewegungen am st\u00e4rksten besitzen, wie ja alle Reflexe bei ihnen besonders stark sind. \u2014 In welchem Sinne diese Ergebnisse praktischen Wert vom national\u00f6konomischen Standpunkt besitzen, ist klar. Wir sahen z. B., dass gleichsinnig-gleichphasige sowohl wie ungleichsinnige Vertikalkreise fast stets in gleichsinnig-un-gleichphasige \u00fcbergingen; soll der Arbeiter also mit beiden H\u00e4nden ein vor ihm in der Medianebene stehendes Rad drehen, so werden die beiden Handgriffe nicht an einem Punkte ansetzen d\u00fcrfen, sondern der rechte Handgriff muss vom linken durch einen Halbkreis getrennt sein, wenn die gr\u00f6sste Leistung mit geringstem psychophysischen Kraftaufwand bewirkt werden soll. In dieser Weise l\u00e4sst sich fast jedes unserer Experimente in die Praxis umsetzen. \u2014 Der Psychologe und Phy-","page":210},{"file":"p0211.txt","language":"de","ocr_de":"211\nsiologe aber wird die, wie wir sahen, in beiden Wissenschaften herrschende Anschauung von der Entwicklung der einseitigen Willk\u00fcrbewegung aufgeben m\u00fcssen. Die einfache Annahme des naiven Bewusstseins erweist sich hier der komplizierten, in Konsequenz anatomischer Vorurteile entstandenen Theorie \u00fcberlegen. Die Theorie will, dass wir von Natur stets beide Arme gleichzeitig symmetrisch bewegen, und wenn wir einen Arm allein bewegen wollen, wir es erst langsam erlernen m\u00fcssen, die Mitbewegung des anderen Armes zu unterdr\u00fccken. Der Versuch dagegen macht es wahrscheinlich, dass solch Unterdr\u00fccken nicht n\u00f6tig ist, weil die symmetrische Bewegung, soweit sie \u00fcberhaupt vorkommt, erst unter bestimmten Bedingungen erworben wird, der nat\u00fcrliche Zustand dagegen die wechselseitige unabh\u00e4ngige Bewegung der Glieder zu sein scheint, mag sie unwillk\u00fcrlich oder willk\u00fcrlich erfolgen.\n*","page":211}],"identifier":"lit38800","issued":"1892","language":"de","pages":"192-211","startpages":"192","title":"Mitbewegungen","type":"Book Section"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T14:37:36.233896+00:00"}
