The Virtual Laboratory - Resources on Experimental Life Sciences
  • Upload
Log in Sign up

Open Access

Psychophysiologisches

beta


JSON Export

{"created":"2022-01-31T14:14:49.079852+00:00","id":"lit38801","links":{},"metadata":{"alternative":"Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4","contributors":[{"name":"M\u00fcnsterberg, Hugo","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4, edited by M\u00fcnsterberg, Hugo, 212-215. Freiburg i.B.: Mohr","fulltext":[{"file":"p0212.txt","language":"de","ocr_de":"Psychophysiologisches.\nEs ist ein naheliegender Gedanke, mit Hilfe der zeitmessenden Methoden Belehrung \u00fcber den Zusammenhang zwischen bestimmten psychischen Vorg\u00e4ngen und den Funktionen bestimmter Gehirnteile zu suchen. Die Nervenphysiologie zeigt, dass die Arbeitsleistung der nerv\u00f6sen Substanz in hohem Masse abh\u00e4ngig ist von der Blutdurchstr\u00f6mung. Wenn wir in bestimmten Teilen des Gehirns die Blutzufuhr ver\u00e4ndern, so werden die Funktionen des betreffenden Teiles beschleunigt oder verlangsamt ablaufen; die Zeitmessung wird also eventuell auf die Lokalisation psychophysischer Centren neues Licht werfen k\u00f6nnen, nachdem bisher nur Vivisektionsversuche an Tieren oder pathologische Sektionsbefunde am Menschen befragt worden waren, zwei Methoden, welche an Sicherheit der Deutung bekanntlich viel zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassen. Die hier vorgeschlagene psychophysische Methode wird sich nat\u00fcrlich erst langsam entwickeln k\u00f6nnen; theoretisch hat sie den Vorzug, dass wirklich die lebendige Funktion bei ihr zur Untersuchung kommt, praktisch hat sie den Nachteil, dass wir vorl\u00e4ufig nur ganz im groben auf die Cirkulationsverh\u00e4lt-nisse des Gehirns ohne k\u00f6rperlichen Schaden Einfluss aus\u00fcben k\u00f6nnen. Immerhin ist ein solcher zweifellos vorhanden, wenn wir den K\u00f6rper in verschiedene Stellungen bringen; ohne zu diskutieren, wie weit aktive und wie weit passive Hyper\u00e4mie in den einzelnen Kopfteilen vorliegt und wie weit in bestimmter Zeit Ausgleichungen der Cirkulation stattfinden,","page":212},{"file":"p0213.txt","language":"de","ocr_de":"213\nk\u00f6nnen wir doch mit grosser Wahrscheinlichkeit erwarten, dass die Cirkulationsverh\u00e4ltnisse im Gehirn andere sein werden, wenn wir uns vor 5 bis 10 Minuten flach auf R\u00fccken und Hinterkopf legten, als wenn wir uns flach auf Brust und Stirn gelegt, andere, wenn wir auf der rechten Seite liegen, als auf der linken, andere, wenn wir den Kopf v\u00f6llig vorn\u00fcber beugen, als wenn wir ihn hinten\u00fcber h\u00e4ngen lassen. Nach l\u00e4ngerer Zeit treten ja zweifellos in jeder Stellung langsam Normalverh\u00e4ltnisse ein, aber wenige Minuten nach neu eingenommener Stellung m\u00fcssen die verschiedenen Gehirnteile thats\u00e4chlich in verschiedener Weise blutdurchstr\u00f6mt und somit in verschiedener Weise arbeitsf\u00e4hig sein.\nDie erste tastende Yerwirklichung dieses Gedankens liegt in Versuchen vor, die ich mit Herrn Dr. med. Eichhorn einen Sommer hindurch angestellt habe; sie beanspruchen lediglich den Charakter einer ersten Anregung. Unsere spezielle Frage war: wie ver\u00e4ndert sich die Zeit der sprachlichen Vorg\u00e4nge (Nachsprechen, einge\u00fcbte oder freie Association), wenn die Blutdurchstr\u00f6mungsverh\u00e4ltnisse im Gehirn durch k\u00fcnstliche K\u00f6rperstellungen ver\u00e4ndert werden? S\u00e4mtliche Versuche wurden an Herrn Eichhorn angestellt, w\u00e4hrend ich die Apparate bediente. Sowohl Herr Eichhorn wie ich \u00fcbten uns, den Druck am Reaktionsschl\u00fcssel vollkommen synchron mit der ersten Sprachbewegung auszuf\u00fchren. Die Versuchsperson ben\u00fctzte dazu einen kleinen leichten Kontaktapparat, der mit Gummiringen am rechten Daumen und Zeigefinger befestigt wurde und der bei der geringsten Bewegung des Zeigefingers den Strom unterbrach; diese Bewegung f\u00fchrte er nun, wie Kon trollversuche mit dem Lippenschl\u00fcssel zeigten, vollkommen gleichzeitig mit dem Mund\u00f6ffnen beim Sprechen aus und keine K\u00f6rperstellung hinderte ihn an der Ben\u00fctzung dieses Schl\u00fcssels. Ich gebrauchte dagegen den \u00fcblichen amerikanischen Schl\u00fcssel, mit dem ich den Strom schloss in dem Augenblick, in welchem ich der Versuchsperson ein Wort zurief.\n*","page":213},{"file":"p0214.txt","language":"de","ocr_de":"214\nJede Versuchsreihe bestand aus 30 Einzelversuchen ; zuerst f\u00fcnf zugerufene einstellige Zahlen, welche die Versuchsperson nur nachzusprechen hatte, dann f\u00fcnf einstellige Zahlen, zu denen sie die n\u00e4chstfolgende Zahl sagen musste, und dann zwanzig einsilbige Substantiva, zu denen eine freie Association zu w\u00e4hlen war. Die Zeit wurde mit dem Hipp-schen Chronoskop gemessen. Da das Nachsprechen der Ziffer und das Aussprechen der n\u00e4chstfolgenden Ziffer fast genau gleich lange dauerte, so wurden die Werte der beiden Rubriken zusammengerechnet, und wir erhalten somit in jeder Versuchsreihe einen Durchschnittswert f\u00fcr die Ziffern aus 10 Einzelversuchen, und einen f\u00fcr die associierten Worte aus 20 Einzelversuchen. Die gr\u00f6ssere Zahl der Associationsversuche war n\u00f6tig, weil die zuf\u00e4lligen Differenzen der Associationsschwierigkeit m\u00f6glichst eliminiert werden sollten.\nDie Versuche wurden nun in sechs verschiedenen K\u00f6rperstellungen vorgenommen; in jeder wurden in f\u00fcnf durch Wochen getrennten Zeiten f\u00fcnf Versuchsreihen angestellt, im ganzen also 30 Versuchsreihen zu je 30 Versuchen. Die 6 Stellungen entsprechen allen \u00fcberhaupt m\u00f6glichen, rechtwinklig zu einander geordneten Hauptlagen des Kopfes. Die Stellung I entspricht der Normalstellung des gerade sitzenden Menschen; die Hauptachse des Kopfes, die Verbindungslinie zwischen Hals und Scheitel steht vertikal, der Scheitel oben. Stellung II: die Versuchsperson liegt auf der rechten Seite, Kopfhauptachse also horizontal, die rechte Sch\u00e4delh\u00e4lfte ist unten, die linke oben. Stellung III: Lage auf der linken Seite, Hauptachse horizontal, linke Sch\u00e4delh\u00e4lfte unten, rechte oben. Stellung IV: der K\u00f6rper liegt mit den Beinen erh\u00f6ht auf dem R\u00fccken, der Kopf h\u00e4ngt so stark frei nach hinten\u00fcber, dass die Hauptachse des Kopfes vertikal steht, aber der Scheitel nach unten, so dass die Gehirnbasis oben ist. Stellung V : der K\u00f6rper liegt auf weicher, nicht dr\u00fcckender Unterlage auf der Brust, der an der Stirn unterst\u00fctzte Kopf mit dem Gesicht nach unten, so dass die Hauptachse horizontal,","page":214},{"file":"p0215.txt","language":"de","ocr_de":"215\ndas Stirnhirn unten ist. Stellung VI: der K\u00f6rper liegt flach auf R\u00fccken und Hinterkopf, Hauptachse also horizontal, Stirn-hirn nach oben. S\u00e4mtliche Versuche wurden um 10 Uhr vormittags angestellt, und zwar wurde jede Reihe 5 Minuten nach Einnahme der Stellung begonnen; die 30 Versuche waren in h\u00f6chstens 10 Minuten vollendet.\nF\u00fcr jede der 6 Stellungen liegen also 50 Zifferversuche und 100 freie Associationsversuche vor. Werden aus denselben die Durchschnittswerte berechnet, so ergibt sich in a (0,001 Sekunden) :\nStellung I\tZiffer\t432\tAssociation\t894\n\u201e H\t77\t467\t11\t982\n\u201e III\t11\t413\t77\t851\n\u201e iv\t11\t505\t77\t969\n\u201e V\t11\t488\t77\t926\n(\u20141\t11\t400\t77\t834\nDie Ver\u00e4nderungen sind so grosse, dass sie unbedingt in Beziehung zur Kopfstellung stehen m\u00fcssen; ausserdem bewegen sie sich f\u00fcr die Ziffernversuche und die Associationsversuche fast durchweg in derselben Richtung. Weitaus am k\u00fcrzesten l\u00e4uft der Sprachvorgang in der R\u00fcckenstellung VI ab, und dem am n\u00e4chsten kommt III, also Lage auf der linken Seite. Die Associationszeit in Lage II (rechte Seite) ist durchschnittlich 130 a l\u00e4nger als in Lage III. Best\u00e4tigt sich dieses Ergebnis auch bei anderen Personen, dann wird sich nicht bestreiten lassen, dass die linksseitige Lokalisation des Sprach-centrums sich auch durch die psychometrische Methode best\u00e4tigen l\u00e4sst; es w\u00fcrde dadurch wenigstens die Hoffnung nahegelegt, dass eine systematische Fortbildung dieser Methode vielleicht einmal auch zu solchen psychophysiologischen That-sachen hinf\u00fchrt, welche durch pathologische Befunde oder Vivisektion nicht sichergestellt werden k\u00f6nnen.\n\u00bb","page":215}],"identifier":"lit38801","issued":"1892","language":"de","pages":"212-215","startpages":"212","title":"Psychophysiologisches","type":"Book Section"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T14:14:49.079858+00:00"}

VL Library

Book Section
Permalink (old)
http://vlp.uni-regensburg.de/references?id=lit38801
Licence (for files):
Creative Commons Attribution-NonCommercial
cc-by-nc

Export

  • BibTeX
  • Dublin Core
  • JSON

Language:

© Universitätsbibliothek Regensburg | Imprint | Privacy policy | Contact | Icons by Font Awesome and Icons8 | Powered by Invenio & Zenodo