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Lust und Unlust

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{"created":"2022-01-31T16:21:23.109994+00:00","id":"lit38802","links":{},"metadata":{"alternative":"Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4","contributors":[{"name":"M\u00fcnsterberg, Hugo","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"In: Beitr\u00e4ge zur experimentellen Psychologie, Heft 4, edited by M\u00fcnsterberg, Hugo, 216-238. Freiburg i.B.: Mohr","fulltext":[{"file":"p0216.txt","language":"de","ocr_de":"Lust und Unlust.\n(Eine vorl\u00e4ufige Mitteilung.)\nDie neueren Untersuchungen \u00fcber die Natur der sinnlichen Gef\u00fchle besch\u00e4ftigen sich in erster Linie mit der qualitativen, quantitativen, r\u00e4umlichen und zeitlichen Beschaffenheit derjenigen psychophysischen Erregungen, welche in uns Lust oder Unlust erwecken; dagegen Lust und Unlust selbst, also die eigentlichen Gef\u00fchle, werden nirgends psychophysisch zu erkl\u00e4ren versucht. Freilich besitzen wir ausf\u00fchrliche Er\u00f6rterungen \u00fcber gef\u00fchlserzeugende Nervenprozesse und speziell der Schmerz ist in seinen psychophysischen Bedingungen oft studiert, aber es ist leicht zu erkennen, dass hier ein Irrtum zu Grunde liegt, wenn in diesen Prozessen mehr gesucht wird als die Bedingung derjenigen Empfindungen, welche in uns die Gef\u00fchle erwecken. Es ist ja vielleicht richtig, dass die Schmerzempfindung auf besonderen, vielleicht trophischen Prozessen beruht, die nicht eine Steigerung der normalen Sinneserregung, sondern eine besondere Erregungsart sind, oder in besonderen Nerven ablaufen, aber damit ist immer nur jener nach Qualit\u00e4t und Intensit\u00e4t charakteristische Empfindungsinhalt erkl\u00e4rt, der die Schmerzempfindung ausmacht, nicht aber erkl\u00e4rt, worin jenes Unlustgef\u00fchl besteht, mit welchem wir die Schmerzempfindung aufnehmen, und wie jenes Unlustgef\u00fchl entsteht, das zur Schmerzempfindung genau so hinzutritt, wie zur unangenehmen Geschmacksempfindung. Wollust und Schmerz sind nicht die \u00e4ussersten Grade von Lust und","page":216},{"file":"p0217.txt","language":"de","ocr_de":"217\nUnlust, sondern sind Empfindungsinhalte, welche regelm\u00e4ssig starke Lust- und Unlustgef\u00fchle erwecken; auch wenn die Erkl\u00e4rung von Schmerz und verwandten Empfindungen durch besondere trophische Nervenprozesse oder besondere Gef\u00fchlsnerven richtig sein sollte, so w\u00e4re mithin noch immer nichts f\u00fcr die Erkl\u00e4rung der eigentlichen Gef\u00fchle geleistet.\nEs liegt nahe, genauere Analyse der Gef\u00fchle von der experimentellen Forschung zu erwarten; aber die Erfahrung zeigt, dass nur in engen Grenzen Gef\u00fchlsversuche im Laboratorium m\u00f6glich sind. Die durch \u00e4ussere Reize planm\u00e4ssig hervorgerufene Lust oder Unlust wird bei der geringen Energie dieser Gef\u00fchle so sehr durch das intellektuelle Interesse der Versuchsperson am Experiment paralysiert, dass von einem nat\u00fcrlichen Gef\u00fchlszustand nicht die Rede sein kann. Die Schmerzempfindung erweckt eigentlich keine Unlust, und die Wohlempfindung erweckt keine Lust, so lange wir wissen, dass der sch\u00e4digende oder wohlthuende Reiz nur erzeugt war, um dieses Gef\u00fchl als Objekt des Studiums hervorzurufen. Da in gleicher Weise wie die Gef\u00fchle, Stimmungen, Gem\u00fctsbewegungen auch noch mancher andere psychische Zustand im t\u00e4glichen Leben h\u00e4ufig eintritt, w\u00e4hrend er im Laboratorium kaum rein erzeugt werden kann, so entschloss ich mich vor einem Jahre, gewisseirnassen ein psychologisches Tagebuch zu f\u00fchren, d. h. eine Reihe psychischer und psychophysischer Akte unter den wechselnden Zust\u00e4nden des t\u00e4glichen Lebens ausserhalb des Laboratoriums auszuf\u00fchren und die Resultate zu fixieren bei m\u00f6glichst objektiver Feststellung der seelischen und k\u00f6rperlichen Verfassung.\nDas Aufgabenschema, f\u00fcr dessen Absolvierung ich die n\u00f6tigen Hilfsmittel, wenn es n\u00f6tig war, leicht bei mir tragen konnte, verlangte jedesmal etwa 20 Minuten zur Erledigung; mehr als 9 Monate hindurch habe ich es t\u00e4glich 3 bis 5mal durchgemacht und sp\u00e4ter hoffe ich es weiterzuf\u00fchren. Es handelte sich um die Zeitdauer intellektueller Funktionen wie Kopfrechnen, Associieren, um die Leistungen des Ged\u00e4chtnisses,\n\u00bb","page":217},{"file":"p0218.txt","language":"de","ocr_de":"218\nund die Sch\u00e4rfe der Sinne, um die Schnelligkeit der Willensakte, um den Charakter freier Associationen u. a. Der Wechsel der Monate brachte mir im Haus und im Freien, am Tage und in der Nacht, in der Stille und im L\u00e4rm, bei frischer Kraft und nach erm\u00fcdender Th\u00e4tigkeit, in n\u00fcchternem oder in angeregtem, in ges\u00fcndem oder in angegriffenem Zustand, eine \u00fcberaus reiche Abwechselung der Bedingungen. Hier aber sei weder von jenen komplizierten psychischen Akten, noch von diesen emotionell indifferenten Situationen die Rede ; die einzige Yersuchsgruppe, von welcher diese vorl\u00e4ufige Mitteilung Bericht erstatten soll, umfasst Versuche \u00fcber Armbewegungen, und zwar handelt es sich in erster Linie um die Resultate aus denjenigen Versuchsgruppen, bei denen ich lebhaft von Lust oder Unlust affiziert war.\nDie Protokollierung der psychophysischen Verfassung erfolgte stets vor Beginn der Versuche, konnte also nirgends durch die Ergebnisse derselben beeinflusst sein. Ich habe 27mal lebhafte Unlust, Aerger, Verstimmung, Unbehagen protokolliert und 51mal starkes Lustgef\u00fchl, intensive Freude und Behagen. Nat\u00fcrlich liegt der alte Einwand nahe, dass durch das Experimentieren das Gef\u00fchl zerst\u00f6rt wird. Davon kann aber keine Rede sein; wenn man Monatelang t\u00e4glich mehrmals immer nach derselben Schablone seine Versuche erledigt, dann erfolgt alles schliesslich so mechanisch, dass dadurch auch nicht die geringste Beeintr\u00e4chtigung der Gef\u00fchlslage ein tritt. Mag es ein pers\u00f6nliches Erlebnis oder ein sinnlicher Reiz oder ein politisches oder ein soziales Ereignis gewesen sein, das mich so lebhaft freute oder schmerzte, stets hat das Gef\u00fchl die Versuchsreihe \u00fcberdauert. Ein Zornanfall mag sich durch Experimente abk\u00fchlen, aber ein Unbehagen bleibt, und ebenso mag \u00e4ussere freudige Aufregung durch derlei ged\u00e4mpft werden, aber eine behagliche Stimmung leidet nicht.\nDiejenigen psychophysischen Zust\u00e4nde, welche ausser Lust und Unlust im folgenden in Frage kommen, sind zun\u00e4chst die der Mattigkeit und der Aufgeregtheit. Die Protokolle be-","page":218},{"file":"p0219.txt","language":"de","ocr_de":"219\nzeichnen meine augenblickliche Verfassung 16mal als \u201esehr m\u00fcde\u201c oder \u201esehr abgespannt\u201c, sei es nach anstrengenden Bergpartien oder nach durchwachten N\u00e4chten oder geistiger \u00fc eh er anstrengung, 24mal dagegen als \u201eaufgeregt\u201c. Es handelt sich in den letzteren F\u00e4llen um einen Zustand psychophysischer Aufregung ohne Gem\u00fctserregung, z. B. nach lauten lebhaften wissenschaftlichen Diskussionen, oder unmittelbar nach schnell gesprochenen Coll\u00e9gien. Ein drittes Paar gegens\u00e4tzlicher Zust\u00e4nde schliesslich mag als Ernst und Lustigkeit bezeichnet werden. Ich finde 31 mal im Protokoll die Bezeichnung ernst oder nachdenklich, meist unter der Einwirkung eines Buches, und 14mal die Ueberschrift heiter, ausgelassen, lustig. Gewiss hat der Gegensatz von Ernst und Heiterkeit viele Beziehungen zur Unlust und Lust, aber beide bleiben doch wesentlich verschieden. Besonders die ernste Stimmung deckt sich durchaus nicht mit Unlust; die heitere, ausgelassene Stimmung wird zwar oft mit Lust verbunden sein, aber das Behagen der Lust wird sich nur selten in \u00e4usserer Lustigkeit, entladen. Ernste Musik z. B. erweckt Ernst, aber nicht Unlust, w\u00e4hrend sogenannte heitere Musik nicht immer Lust verursacht. Zuweilen ist nat\u00fcrlich die Grenze schwer zu ziehen, im allgemeinen aber war ich mir jedesmal ohne Schwanken bewusst, welche Bezeichnung meinem gerade herrschenden Gem\u00fctszustand am meisten gerecht werden k\u00f6nnte.\nDie einfachen Versuche, auf die es hier ankommt, bestanden darin, dass aus dem Ged\u00e4chtnis mit der Spitze des Zeigefingers eine Strecke von 10 und eine von 20 cm beschrieben werden sollte, und zwar sowohl in der Richtung vom K\u00f6rper weg als auch zum K\u00f6rper hin. Zuerst benutzte ich nur ein mit Millimetereinteilung versehenes Lineal von 60 cm L\u00e4nge, das ich mittels eines Hakens so an meiner Weste befestigen konnte, dass es von der Brustmitte horizontal nach vorn abstand. Es galt jetzt, mit der rechten Hand so, dass der Rand des Lineals zwischen Spitze des Zeigefingers und Spitze des Daumens hinglitt, entweder * von der Brust\n*","page":219},{"file":"p0220.txt","language":"de","ocr_de":"220\nnach aussen, also centrifugal, oder von der \u00e4usseren Ecke zur Brust zu, also centripetal, eine Strecke von 10 und von 20 cm, selbstverst\u00e4ndlich mit geschlossenen Augen abzutasten und dann den Punkt abzulesen, den der Fingernagel erreicht hat. Sp\u00e4ter machte ich die Versuche, \u00e4usserlich eleganter, mit einem kleinen Apparat, bei dem ein Faden ohne Ende \u00fcber Rollen l\u00e4uft, an einer Stelle mit einem Metallgriff f\u00fcr Daumen und Zeigefinger versehen und gleichzeitig in Verbindung mit einem Schieber, der auf einer Millimeterskala die Gr\u00f6sse der Strecke angibt, um welche der Metallgriff mit der Schnur verschoben wurde. Mit beiden Hilfsmitteln konnte ich also vermittels einer Armbewegung, und zwar durch eine Streckbewegung bei der centrifugalen, durch eine Beugebewegung bei der centripetalen Strecke, 1 oder 2 dem aus dem Ged\u00e4chtnis herzustellen versuchen und den etwaigen Fehler ab-lesen. -Diesen Versuchen ging eine l\u00e4ngere Zeit der Ein\u00fcbung mit offenen Augen, also unter Verfolgung der Skala voraus, so dass ich verh\u00e4ltnism\u00e4ssig grosse Uebung in der Reproduktion dieser Strecken besass; die Resultate werden zeigen, dass ich unter normalen Bedingungen nur \u00e4usserst geringe Fehler machte. Ich bemerke \u00fcbrigens ausdr\u00fccklich, dass ich diese Versuche als besondere Nummer in mein t\u00e4gliches Versuchsprogramm ohne R\u00fccksicht auf die Gef\u00fchlsfrage aufnahm. Mir lag vielmehr in erster Linie daran, die Ver\u00e4nderungen der Ged\u00e4chtnisreproduktion f\u00fcr Raumstrecken zu studieren; aus gleichem Grunde folgte auf diese Armbewegungen jedesmal die Einstellung einer bestimmten optischen Raumgr\u00f6sse auf einem kleinen Augenmassapparat. Die 10 und 20 cm-Strecke wurde in beiden Richtungen in jeder Versuchsreihe zweimal abgetastet, jede Reihe enthielt also acht solche Armbewegungen, deren Fehler ich in positiven oder negativen Millimeterzahlen notierte.\nSuche ich den durchschnittlichen Fehler f\u00fcr die Versuche bei indifferenten Zust\u00e4nden, dann die bei M\u00fcdigkeit und Aufgeregtheit, bei Ernst und Heiterkeit, und schliesslich bei Lust und Unlust, so ergeben sich, unter Weglassung der Decimal-","page":220},{"file":"p0221.txt","language":"de","ocr_de":"221\nstellen, folgende Werte. Bei indifferentem Zustand war der Fehler bei centrifugalen Bewegungen f\u00fcr die 10 cm-Strecke + 2 mm (M. V. 1 mm), f\u00fcr die 20 cm-Strecke \u2014 4 mm (M. Y. 3 mm), bei centripetalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: +- 1 mm (M. Y. 2 mm), f\u00fcr 20 cm \u2014 2 mm (M. Y. 4 mm). Die mittlere Yariation ist klein genug, um die Genauigkeit, mit der ich in indifferentem Zustand die Strecke aus dem Ged\u00e4chtnis bersteile, als ziembeb betr\u00e4chtliche zu charakterisieren; der kleine konstante Fehler scheint sich, da er in beiden Richtungen f\u00fcr 10 cm positiv, f\u00fcr 20 cm negativ ist, dem bekannten Gesetz unterzuordnen, dass relativ kleine Gr\u00f6ssen in der Erinnerung \u00fcbersch\u00e4tzt, relativ grosse untersch\u00e4tzt werden.\nIn den Zust\u00e4nden der Mattigkeit ist der durchschnittliche Fehler bei centrifugalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm:\n\u2014\t12 mm (M. Y. 6 mm), f\u00fcr 20 cm: \u2014 17 mm (M. Y. 8 mm), bei centripetalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: \u2014 15 mm (M. V. 6 mm), f\u00fcr 20 cm: \u2014 21 mm (M. Y. 9 mm). In der k\u00f6rperlichen Aufgeregtheit betr\u00e4gt der Fehler bei centrifugalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: + 16 mm (M. Y. 4 mm), f\u00fcr 20 cm: + 22 mm (M. Y. 9 mm), bei centripetalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: +19 mm (M. Y. 6 mm), f\u00fcr 20 cm: + 26 mm (M. Y. 10 mm). In den Zust\u00e4nden, die wir als ernste bezeichneten, war der Fehler bei centrifugalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm:\n\u2014\t7 mm (M. Y. 3 mm), f\u00fcr 20 cm: \u201411 mm (M. Y. 3 mm), bei centripetalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: \u2014 12 mm (M. Y. 5 mm), f\u00fcr 20 cm: \u2014 16 mm (M. Y. 5 mm). Bei den Zust\u00e4nden \u00e4usserer Lustigkeit betrug er bei centrifugalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: +17 mm (M. Y. 7 mm), f\u00fcr 20 cm: + 16 mm (M. Y. 9 mm), bei centripetalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: + 12 mm (M. Y. 6 mm), f\u00fcr 20 cm: +- 14 mm (M. V. 5 mm).\nDas Ergebnis ist offenbar ein sehr konstantes und einfaches ; in den Zust\u00e4nden der Mattigkeit und des Ernstes wird sowohl die centrifugale Bewegung wie die centripetale erheblich zu klein ausgef\u00fchrt, und umgekehrt in. den Zust\u00e4nden\n\u00bb","page":221},{"file":"p0222.txt","language":"de","ocr_de":"222\nder Aufgeregtheit und Lustigkeit werden die Bewegungen in beiden Richtungen zu gross gemacht. Trotzdem glaube ich nicht, dass die psychophysischen Vorg\u00e4nge der Bewegung bei Ernst und Mattigkeit, resp. Lustigkeit und Aufregung wirklich dieselben sind, der gleiche \u00e4ussere Effekt d\u00fcrfte vielmehr, wie vor allem die Selbstwahrnehmung wahrscheinlich macht, in beiden F\u00e4llen durch verschiedene Ursachen bedingt sein. In der Mattigkeit werden die Strecken zu klein gemacht, weil bei der centrifugalen Bewegung der Streckimpuls und bei der centripetalen Bewegung der Beugeimpuls zu schwach erfolgt; in der Aufregung werd\u00e8n beide Bewegungen zu gross aus-fallen, weil die entsprechenden Impulse nach beiden Richtungen zu stark sind. Anders bei Ernst und Lustigkeit. Nicht die Impulse sind hier zu schwach oder zu stark, sondern die nat\u00fcrlichen Hemmungen, welche jede Kontraktion durch die Spannung der Antagonisten erleidet, sind beim Ernst zu stark und in der Ausgelassenheit zu schwach entwickelt. Dieselbe \u00e4ussere Wirkung, welche ein zu schwacher Streckimpuls bei normaler Antagonistenhemmung hervorruft, wird ein normaler Streckimpuls bei abnorm starker Hemmung der Antagonisten erzeugen. Die w\u00fcrdevollen Bewegungen des Ernstes und die flotten Bewegungen der Lustigkeit w\u00e4ren somit nur im Endeffekt, nicht im Ablauf mit den matten Bewegungen der M\u00fcdigkeit und den heftigen Bewegungen der Aufgeregtheit zu vergleichen.\nEin wesentlich anderes Bild bieten nun die Bewegungen bei ausgesprochener Lust und Unlust. Im Lustgef\u00fchlzustand betrug der durchschnittliche Fehler aller centrifugalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: + 10 mm (M. V. 4 mm), f\u00fcr 20 cm: + 16 mm (M. V. 6 mm), aller centripetalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: \u2014 20 mm (M. V. 5 mm), f\u00fcr 20 cm: \u2014 24 mm (M. V. 6 mm); in der Unlust dagegen bei centrifugalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: \u2014 10 mm (M. V. 3 mm), f\u00fcr 20 cm: \u2014 13 mm (M. V. 5 mm), bei centripetalen Bewegungen f\u00fcr 10 cm: -f- 12 mm (M. V. 3 mm), f\u00fcr 20 cm:","page":222},{"file":"p0223.txt","language":"de","ocr_de":"223\n\u2014)\u2014 19 mm (M. V. 6 mm). Es ergibt sich also, dass in der Unlust die Streckbewegungen wesentlich zu klein, die Beugebewegungen zu gross, und umgekehrt in der Lust die Beugebewegungen zu klein, die Streckbewegungen zu gross gemacht werden. In der Unlust besteht somit eine starke Tendenz zur Beugung, durch welche die Beugebewegungen verst\u00e4rkt, die Streckbewegungen geschw\u00e4cht werden, und in der Lust besteht die Tendenz zur Streckung, wodurch die Streckbewegungen zu gross, die Beugebewegungen zu klein ausfallen. In den beiden anderen Zustandspaaren bezog sich der Unterschied der Gegens\u00e4tze nur auf die Intensit\u00e4t, insofern in mattem und aufgeregtem Zustand der Impuls zu schwach oder zu stark war, und in ernstem und heiterem Zustand in gleicher Weise die Hemmung f\u00fcr jegliche Bewegung zu stark oder zu schwach ausfiel; bei Lust und Unlust liegt der Gegensatz der Wirkung dagegen in der Verschiedenheit des physiologischen Ansatzpunktes, nicht der Unterschied zwischen St\u00e4rke und Schw\u00e4che, sondern der Antagonismus zwischen Beugern und Streckern ist es, auf den hier alles ankommt, wenn die berichteten Resultate erkl\u00e4rbar sein sollen.\nUntersuchungen \u00fcber die unbewussten minimalen Bewegungen, in welchen sich unsere vom Gef\u00fchl betonten Er-innerungs- und Phantasievorstellungen entladen , scheinen zu demselben Ergebnis zu f\u00fchren; meine betreffenden Versuche, bei welchen die subjektiv unmerklichen Beugungen und Strek-kungen der Glieder durch Spiegelschwankungen unter Fem-rohrablesung objektiv festgestellt werden, sind vorl\u00e4ufig noch nicht abgeschlossen.\nIch glaube; dass dieses Resultat in hohem Masse geeignet ist, zum Ausgangspunkt f\u00fcr die Entwicklung theoretischer Vorstellungen \u00fcber die Natur der Gef\u00fchle zu dienen.\nZun\u00e4chst ist nicht zu verkennen, dass biologische, physiologische und psychophysische Thatsachen der verschiedensten Art das beschriebene Ph\u00e4nomen best\u00e4tigen d\u00fcrften und eine","page":223},{"file":"p0224.txt","language":"de","ocr_de":"224\ndaran ankn\u00fcpfende Theorie somit zu unterst\u00fctzen scheinen. Hier sei nur in kurzer Andeutung auf das folgende hingewiesen.\nBiologisch ist der Antagonismus zwischen Streck- und Beugeth\u00e4tigkeit offenbar gleichzusetzen dem Gegensatz von Ann\u00e4herung und Entfernung in Bezug auf \u00e4ussere Reize. Dass aber nur derjenige Organismus sich erhalten kann, welcher gerade den f\u00f6rderlichen, Lust erweckenden Reiz mit Ann\u00e4herung, den sch\u00e4dlichen, Unlust erzeugenden mit Entfernung von der Reizquelle beantwortet, ist klar; unter dem teleologischen Gesichtspunkt der Selektionsbiologie werden dadurch also auch die Bedingungen f\u00fcr die phylogenetische Entstehung solchen Reflexapparates verst\u00e4ndlich. In der That l\u00e4sst sich ja Schritt f\u00fcr Schritt verfolgen, wie dieses gegens\u00e4tzliche Verhalten der Organismen sich mit der wachsenden Kompliziertheit des Gewebekomplexes stetig differenziert, wie die Bewegungen des Zusammenballens, mit welcher die Am\u00f6be den sch\u00e4dlichen Reiz beantwortet, und der Ausstreckung, mit welcher sie dem f\u00f6rderlichen Reiz entgegenkommt, bei entwickelteren Tieren immer mehr lokalisiert wird und der Mannigfaltigkeit der Reize immer mehr angepasst wird, wie aber doch dieser Gegensatz auch noch in den h\u00f6chsten Formen typisch erhalten bleibt. Auch das Heranziehen f\u00f6rderlicher Gegenst\u00e4nde und das Wegstossen und. Abwehren sch\u00e4dlicher Reize ist nur scheinbar eine Ausnahme, erweist sich bei n\u00e4herer Analyse des Vorgangs vielmehr als Best\u00e4tigung des Gesetzes. \u2022 Freilich ist bei der Streckung und Beugung des K\u00f6rpers niemals nur an die Extremit\u00e4tenmuskulatur zu denken; die Streckung des Rumpfes und Erweiterung des Brustkorbes, resp. der entgegengesetzte Vorgang geh\u00f6rt unmittelbar dazu, so dass die Einatmung mit der Streckung, die Ausatmung mit der Beugung eng verbunden ist, und gerade die biologische Betrachtung erinnert daran, wie diesem Antagonismus der Prozesse jeder Vorgang einzuordnen ist, der auf Erweiterung oder Verengerung des K\u00f6rpers hinzielt, resp. die Ein-","page":224},{"file":"p0225.txt","language":"de","ocr_de":"225\nWirkung des Reizes verst\u00e4rkt oder schw\u00e4cht. So wird der Streckung auch die Erweiterung der Augen-, Nasen-, Mund\u00f6ffnung u. s. w. koordiniert sein; der Beugung die Verengerung dieser H\u00f6hlen entsprechen.\nUnter den zahlreichen physiologischen Thatsachen, welche zu den besprochenen Erscheinungen in Beziehung stehen, bietet sich nat\u00fcrlich in erster Linie das sogenannte Ritter-Rollettsehe Ph\u00e4nomen dar, dessen unerwartet weite Ausdehnung noch neuerdings durch Osswald sichergestellt ist. Wir wissen, dass von demselben motorischen Nervenstamm aus elektrische, chemische, mechanische, thermische Reize je nach der Intensit\u00e4t oder Zeitdauer der Einwirkung sowohl Beugung als Streckung hervorrufen k\u00f6nnen. Es entspr\u00e4che somit den physiologischen Beobachtungen, dass, auch wenn der motorische Impuls von den Nervencentren ausgeht, je nach der Intensit\u00e4t, der Dauer, der Ausdehnung solcher centralen Erregung, peripher Beugung oder Streckung eintritt ; und sobald der centrale motorische Impuls Wirkung der centri-petalen Erregungen ist, wird mithin auch der Sinnesreiz je nach St\u00e4rke, Ausdehnung und Dauer in der Centralsubstanz den Impuls zur Beugung oder zur Streckung hervorrufen. Der Reiz, welcher beim Menschen bei m\u00e4ssiger St\u00e4rke oder kurzer Dauer, reflektorisch Streckung ausl\u00f6st, wird vielleicht bei gr\u00f6sserer Intensit\u00e4t oder l\u00e4ngerer Einwirkung Beugung hervorrufen. Erinnert sei dabei daran, dass ein ganz \u00e4hnlicher physiologischer Gegensatz in den Wirkungen der W\u00e4rme und K\u00e4lte zu Tage tritt; innere Erhitzung f\u00fchrt zur Streckung, Abk\u00fchlung zur Beugung der Glieder. Es ist nicht unm\u00f6glich, dass der f\u00f6rderliche Reiz in der Centralsubstanz lokale Ver\u00e4nderungen an-regt, welche den Wirkungen innerer Temperatursteigerung \u00e4hnlich sind, und das umgekehrte beim sch\u00e4dlichen Reiz.\nEine wesentliche St\u00fctze bietet uns vor allem aber die psychophysische Analyse der Affekte; ja, es ist \u00fcberraschend, dass hier der Gegensatz der Streck- und Beuge-th\u00e4tigkeit bisher so unbeachtet gebheben ist. ,Ein markantes\nM\u00fcnsterberg, Beitr\u00e4ge. IV.\t15","page":225},{"file":"p0226.txt","language":"de","ocr_de":"226\nBeispiel mag gen\u00fcgen. C. Lange hat in seiner bekannten Untersuchung \u00fcber die Gem\u00fctsbewegungen zu zeigen versucht, wie die Affekte auf einer Erh\u00f6hung oder Verminderung in der Innervation der willk\u00fcrlichen, der Eingeweide- und Gef\u00e4ss-muskeln beruhen. Wundt hat mit vollem Recht dieser Theorie entgegengehalten, dass Zorn und Freude dann derselbe Affekt sein m\u00fcsste, da Lange selbst sagt, dass in beiden die willk\u00fcrliche Innervation erh\u00f6ht und die Gef\u00e4sse erweitert sind, w\u00e4hrend Langes Unterschiedsbestimmung, dass die Bewegungen des Zornigen unkoordiniert, die des Freudigen koordiniert sind, durchaus nicht ausnahmslos gilt und jedenfalls nebens\u00e4chlich ist. Wuiidt schliesst nun weiter: da Freude und Zorn sich in der Selbstwahrnehmung als sehr verschiedene Vorg\u00e4nge erweisen, so muss diejenige Theorie falsch sein, welche in den psychischen Wirkungen der reflektorisch ausgel\u00f6sten peripheren K\u00f6rpervorg\u00e4nge die Grundlage der Affekte suchen will. Ich glaube, ein anderer Schluss w\u00e4re hier berechtigter, n\u00e4mlich der, dass die Langesche Analyse der Zorn- und Freudewirkungen unzureichend sei und gerade die wesentlichen Differenzen unbeachtet lasse. Gewiss ist bei Zorn und Freude die Innervation der willk\u00fcrlichen Muskeln gesteigert, aber Lange und Wundt \u00fcbersehen beide, dass sich die Innervationssteigerung in beiden Affekten auf verschiedene, und zwar gerade auf antagonistische Muskelgruppen bezieht. Der Zornige ballt die Faust, beugt drohend den Arm, verengert die Augenspalte, presst die Z\u00e4hne zusammen, verst\u00e4rkt die Exspiration, der Freudige dagegen schwenkt jubelnd mit kr\u00e4ftigen Streckbewegungen, was er in der Hand h\u00e4lt, er verst\u00e4rkt jauchzend die Inspiration, reisst die Augen auf, und alle Glieder strecken sich, kurz Zorn und Freude repr\u00e4sentieren in ihren Wirkungen jenen Antagonismus der Beuge- und Streckvorg\u00e4nge, der gen\u00fcgenden Anhalt gibt, um die beiden gegens\u00e4tzlichen inneren Zust\u00e4nde nun doch, jener psychophysischen Theorie gem\u00e4ss, als Wirkungen der peripheren Vorg\u00e4nge auffassen zu k\u00f6nnen. Derselbe Gegensatz","page":226},{"file":"p0227.txt","language":"de","ocr_de":"227\nwiederholt sich in allen Affekten, welche ausgesprochenen Lust- oder Unlustcharakter tragen, und auch der mimische Ausdruck der Affekte l\u00e4sst sich erst dann verstehen, wenn \u00bb auch in der Kopfmuskulatur jener Antagonismus der Verengerer und Erweiterer, also der Beuger und Strecker im einzelnen verfolgt wird. Dass mit der psychischen Wirkung der Beugung und Streckung noch nicht das Wesen der Ge-m\u00fctsbewegungen ersch\u00f6pft sein kann, ist klar; sowohl die R\u00fcckwirkung auf den Vorstellungsablauf geh\u00f6rt dazu als wie nun vor allem die Bewusstseinswirkungen der reflektorisch ausgel\u00f6sten Dr\u00fcsen-, Blutgef\u00e4ss- und Eingeweideth\u00e4tigkeit, sowie derjenigen Prozesse in der willk\u00fcrlichen Muskulatur, welche in Beugern und Streckern gemeinsam ablaufen. Eben hierauf beruht jene unendliche Mannigfaltigkeit in der F\u00e4rbung und Schattierung der Gem\u00fctszust\u00e4nde.\nHier wird nun die neue Theorie der Gef\u00fchle anzukn\u00fcpfen haben. Haben wir durch James, Lange u. a. gelernt, die Affekte als psychische Wirkungen der reflektorisch ausgel\u00f6sten peripheren Vorg\u00e4nge aufzufassen und haben wir gesehen, dass in diesen Vorg\u00e4ngen der Gegensatz der Streckung und Beugung entscheidend f\u00fcr den Lust- oder Unlustcharakter der Affekte ist, haben wir andererseits festgestellt, dass, wie unsere Experimente ergaben, alle Lust- und Unlirstzust\u00e4nde Tendenz zur Streckung und Beugung zeigen : so werden wir jenes Erkl\u00e4rungsprinzip der Affekte auch auf die einfachen Gef\u00fchle \u00fcbertragen k\u00f6nnen und behaupten, dass Streckung und Beugung nicht durch Lust oder Unlust verursacht werde, sondern umgekehrt die reflektorisch erzeugten Streckungen und Beugungen die Bedingung derjenigen Bewusstseinsvorg\u00e4nge sind, welche wir Lust und Unlust nennen. An unserem K\u00f6rper kann sich Beugung und Streckung nicht vollziehen, ohne dass durch sie qualitativ bestimmte elementare Bewusstseinsinhalte centripetal erweckt werden; auf dem Hinzutritt dieser Inhalte zu den \u00e4usseren Sinnesempfindungen beruh-t das, was wir den Gef\u00fchlston der Empfindung zu nennen pflegen.\n'itxM -SyvuA\nO\n*","page":227},{"file":"p0228.txt","language":"de","ocr_de":"228\nDer forderliche Reiz l\u00f6st \u2014 wie wir sahen, in biologisch und physiologisch verst\u00e4ndlicher Weise \u2014 reflektorisch Streckbewegungen, der sch\u00e4dliche Reiz Beugebewegungen aus; diese Bewegungen aber rufen centripetal Empfindungen hervor, welche sich mit der Reizvorstellung verbinden und dieser den Lust- oder Unlustcharakter verleihen. Insofern dieses Bewusstseinselement seine Quelle in den reflektorischen Reaktionen des eigenen K\u00f6rpers hat, diese K\u00f6rperempfindungen aber den Untergrund unserer konstanten Ichvorstellung bilden, m\u00fcssen wir dieses, Gef\u00fchl genannte Element unwillk\u00fcrlich als subjektiv gegen\u00fcber der objektiven Reizvorstellung auffassen, und insofern diese Beugungs- und Streckungsempfindungen die Bewusstseinsvertretung entgegengesetzter Handlungen darstellen, m\u00fcssen diese Empfindungen selbst \u201eals gegens\u00e4tzliche empfunden werden. Die enge Beziehung der Gef\u00fchle zu den. Handlungen ist damit schon ohne weiteres gegeben.\nNach verschiedenen Richtungen ist diese Auffassung der Gef\u00fchle von vornherein vor Missverst\u00e4ndnissen zu bewahren. Zun\u00e4chst ist zu beachten, dass wir, wie schon oben erw\u00e4hnt, unberechtigter Weise gew\u00f6hnt sind, unter dem Gef\u00fchl \u00fcberall dort, wo der Lust \u2014 Unlust-Wert st\u00e4rker hervortritt als der qualitative Empfindungsinhalt, diesen Inhalt miteinzubegreifen. Ganz besonders gilt das vom Schmerz, aber auch von der Wollust u. s. w. Die St\u00e4rke der Unlust oder Lust, welche hier konstant zu einem bestimmten Empfindungsinhalt hinzutritt, l\u00e4sst \u00fcbersehen, dass auch der Schmerz genau ebenso einen vom Gef\u00fchl trennbaren Inhalt besitzt wie die Geschmacksoder Geruchs-, Ton- oder Farbenempfindung. Selbstverst\u00e4ndlich ist es nur dieser Gef\u00fchlswert im engeren Sinne, der auf die Empfindung der Beugung und Streckung zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. Dadurch, dass der starke sch\u00e4dliche Reiz Beugungen ausl\u00f6st und somit Beugungsempfindungen hervorruft, ist nicht der Schmerz erkl\u00e4rt, den der Reiz erzeugt, sondern nur erkl\u00e4rt, dass der vom Reiz erzeugte Schmerzinhalt mit Unlust aufgefasst wird; der Schmerz des Ver-","page":228},{"file":"p0229.txt","language":"de","ocr_de":"229\nbrennens etwa ist Wirkung des Nervenprozesses wie etwa die Empfindung der W\u00e4rme bei geringerer Intensit\u00e4t, nur die Unlust an dem Schmerz ist Produkt der reflektorisch ausgel\u00f6sten Muskelth\u00e4tigkeit. Deshalb sind durch unsere Theorie die Diskussionen \u00fcber den gef\u00fchlserzeugenden Nervenprozess nicht nur nicht erledigt, sondern \u00fcberhaupt nicht ber\u00fchrt. In der That l\u00e4sst sich ja nicht verkennen, dass die in Deutschland, England und Amerika neuerdings lebhaft gef\u00fchrte Er\u00f6rterung \u00fcber die materielle Basis der Gef\u00fchle sich eigentlich stets nur auf den der Empfindung koordinierten Inhalt des Gef\u00fchls bezog, nicht aber auf den eigentlichen Zustand der subjektiven Stellungnahme, also auf Lust und Unlust. Es ist sehr wohl m\u00f6glich, dass sich, wie wir schon oben Zugaben, wirklich trophische Nervenprozesse nachweisen Hessen, deren centrale psychophysische Wirkung ein besonderer von der Sinnesempfindung unterscheidbarer Bewusstseinsinhalt, Schmerzempfindung, Wollustempfindung u. s. w. ist, und dass die Fortleitung dieser Prozesse auf besonderen Bahnen erfolgt, unter gewissen Umst\u00e4nden zeitlich sp\u00e4ter einsetzt u. s. w.; damit w\u00e4re aber noch nicht im geringsten erkl\u00e4rt, weshalb diese Wirkung des trophischen Nervenprozesses nicht als indifferenter Bewusstseinsinhalt auftritt und worin die thats\u00e4ch-lich eintretende, in Gegens\u00e4tzen sich bewegende Stellungnahme psychisch und psychophysisch besteht.\nNoch ein anderes sei ausdr\u00fccklich betont: Selbstverst\u00e4ndlich liegt mir nichts ferner als die Vorstellung, dass die Gliederstreckung selbst stets angenehm, die Gliederbeugung unangenehm sei. Wird die Muskelempfindung, sei es die der Beugung, sei es die der Streckung, irgendwie selbst zum Objekt der psychischen Stellungnahme, d. h. geht sie in die lokalisierte Vorstellung eines bestimmten K\u00f6rpergliedes ein, so ist ihr Gef\u00fchlston selbstverst\u00e4ndlich wie bei jeder anderen Empfindung abh\u00e4ngig von der Intensit\u00e4t, von der Dauer, vom Bewusstseinszustand. Nicht die Streckempfindung ist lusterregend, sondern diejenige Empfindung, welche durch reflek-\n\u00bb","page":229},{"file":"p0230.txt","language":"de","ocr_de":"230\ntorisch ausgel\u00f6ste Streckbewegungen entstellt, ist selbst das, was wir Lust nennen; als Objekt ist jener Bewusstseinsinhalt emotionell indifferent, als bestimmendes Mass anderer Objekte ist er Gef\u00fchlston.\nUnd das f\u00fchrt auf ein drittes, das ich ber\u00fchren muss, weil hier die meisten Argumente wurzeln, mit denen man meine Anschauungen \u00fcber psychisches Leben zu widerlegen glaubte. Ich habe so wie hier f\u00fcr die Gef\u00fchle, so fr\u00fcher f\u00fcr Willenshandlung, Raum- und Zeitanschauung u. s. w. denjenigen Empfindungen eine centrale Bedeutung einzur\u00e4umen versucht, welche bei der Th\u00e4tigkeit unserer Muskeln, sei es Bewegungs-, sei es Spannungsth\u00e4tigkeit entstehen. Die einen haben darauf erwidert, dass solche Empfindungen wohl vorhanden sind, dass sie m\u00f6glicherweise auch die einzigen Inhalte sind, durch welche Wille, Raumanschauung u. s. w. im Bewusstsein vertreten sind, dass sie aber deshalb doch unm\u00f6glich das Wesen des Willens, der Raumanschauung u. s. w. ausmachen k\u00f6nnen. Zweifellos w\u00e4re der Gef\u00fchlstheorie dasselbe entgegenzuhalten. Die psychologische Fragestellung wird hier offenbar mit der metaphysischen verwechselt; die Psychologie hat in der That nur nach den Bewusstseinsinhalten zu fragen, und nicht, durch Nachwirkungen naiver Verm\u00f6genstheorien beeinflusst, das Wesen psychischer Vorg\u00e4nge ausserhalb der empirisch gegebenen Bewusstseinserscheinungen zu suchen. Wichtiger ist uns hier aber der andere entgegengesetzte Einwand. Immer wieder wurde mir entgegengehalten, die beschriebenen Bewusstseinsinhalte, die Muskelempfindungen, existierten \u00fcberhaupt nicht, da wir Raumund Zeitgr\u00f6ssen auffassen, Intensit\u00e4tsdistanzen vergleichen, Handlungen ausf\u00fchren, Gef\u00fchle erleben k\u00f6nnen, ohne von unseren Muskeln etwas zu wissen, und ein Bewusstseinsinhalt, von dem wir nichts wissen, sei ein Widerspruch in sich.\nIch betone dem gegen\u00fcber nun ausdr\u00fccklich, dass selbstverst\u00e4ndlich in allen diesen F\u00e4llen unter Muskelempfindung nicht die Empfindung, oder richtiger die Vorstellung eines","page":230},{"file":"p0231.txt","language":"de","ocr_de":"231\nMuskelvorgangs verstanden ist, sondern lediglich diejenige Empfindung, deren physische Begleiterscheinung durch die Muskelth\u00e4tigkeit hervorgerufen wird; in der Empfindung selbst liegt genau so wenig subjektive Beziehung auf den Muskel als in der Lichtempfindung Beziehung auf die Netzhaut, in der Schallempfindung Beziehung auf die Schnecke liegt. Nicht der Inhalt, sondern die Bedingung der Empfindung soll durch den Ausdruck bezeichnet werden und diese Entstehungsangabe ist nur deshalb unentbehrlich, weil wir kein anderes Hilfsmittel besitzen, um den bestimmten Bewusstseinsinhalt zu fixieren, zu beschreiben und von anderen Inhalten in mittelbarer Weise abzusondern. Wir k\u00f6nnen ja keine Empfindung anders mitteilen, als dass wir die Bedingungen angeben, unter denen jeder diese Empfindung in sich erzeugen kann; damit ist aber niemals gemeint, dass diese Bedingungen der Inhalt der Empfindung seien. So liegt auch in der Beugungsempfindung kein Bewusstsein von der Thatsache der Gliederbeugung, in der.Streckempfindung keines von der Gliederstreckung. Damit eine solche Vorstellung entst\u00e4nde, m\u00fcssten erst optische, taktile und andere Elemente hinzutreten, durch welche die komplizierte Vorstellung einer lokalisierten Organth\u00e4tigkeit produziert wird; geht jene Beuge- oder Streck-, jene Sp'annungs- oder Bewegungsempfindung als Element in andere Komplexe ein, so haftet ihr auch nicht die geringste subjektive Beziehung mehr zu einer solchen lokalisierten Organ Vorstellung an. Eben deshalb ist es auch f\u00fcr den psychologischen Zweck vollkommen gleichg\u00fcltig, ob der unmittelbare Anlass f\u00fcr die Bewusstseinswirkung der Muskelleistung nun der Muskelvorgang selbst oder ein Vorgang im Gelenk, in den Sehnen u. s. w. ist; die Wirkung tritt ein, sobald die Muskeln th\u00e4tig sind, darauf allein kommt es an, um das psychische Element zu fixieren. Den Psychologen interessiert ja, so wenig auch die Gegner der empirischen Psychologie daran glauben wollen, doch lediglich der psychische Thatbestand; der physiologische Vorgang\n\u00bb","page":231},{"file":"p0232.txt","language":"de","ocr_de":"232\nist niemals das direkte Objekt seiner Untersuchung. Nur soweit hat der physiologische Prozess f\u00fcr den Psychologen Interesse, als er geeignet ist, den resultierenden psychischen Thatbestand bei der Beschreibung von anderen deutlicher zu unterscheiden oder, nachdem empirisch die unerkl\u00e4rliche Verbindung von physischem und psychischem Prozess festgestellt ist, durch den kausal deutbaren Ablauf der physischen Erscheinungen das Nacheinander und Nebeneinander der Bewusstseinsinhalte zu erkl\u00e4ren.\nSo hegt es auch hier. Es ist ein Missverst\u00e4ndnis, wenn dem Psychologen untergeschoben wird, er h\u00e4tte die physischen Wirkungen eines f\u00f6rderlichen oder sch\u00e4dlichen Reizes zu untersuchen; das ist ein rein physiologisches Problem. Den Psychologen interessieren lediglich die Bewusstseinsph\u00e4nomene Lust und Unlust, und er fragt erstens, ob diese Ph\u00e4nomene dem Verst\u00e4ndnis n\u00e4her ger\u00fcckt werden k\u00f6nnen durch Nachweis ihrer Gleichheit, Aehnlichkeit oder Beziehung zu anderen psychischen Erscheinungen, und zweitens ob ihr Auftreten im einzelnen Fall eventuell durch R\u00fccksichtnahme auf begleitende physische Vorg\u00e4nge erkl\u00e4rt werden kann. Beide Fragen waren bisher vernachl\u00e4ssigt. Man hatte Lust \u2014 Unlust erstens durchweg als v\u00f6llig isoliert stehende Ph\u00e4nomene beschrieben, welche mit denjenigen Bewusstseinsinhalten, die sich bei der Zerlegung der Vorstellungen ergeben, also mit den Empfindungen in keiner Weise coordiniert werden k\u00f6nnen, und hatte zweitens die psychophysische Erkl\u00e4rung stets auf die Lust \u2014 Unlust anregenden Empfindungen, nicht auf Lust \u2014 Unlust selbst bezogen. Wir glaubten nun, beide Fragen einheitlich beantworten zu k\u00f6nnen, indem wir die Theorie aufstellten, dass Lust \u2014 Unlust identisch seien mit denjenigen Empfindungen, welche durch Muskelth\u00e4tigkeit bei der K\u00f6rpererweiterung und K\u00f6rperverengerung, bei Streckung und Beugung entstehen, und welche auch in andere Empfindungskomplexe, vor allem in die Streckungs- und Beugungsvorstellung als Element ein-gehen. In derjenigen Verbindung, in der sie den Gef\u00fchls-","page":232},{"file":"p0233.txt","language":"de","ocr_de":"233\nwert der anderen Empfindungen ausmachen, fehlt ihnen jede subjektive Beziehung zu der Organvorstellung ; nur weitgetriebene Uebung in der Selbstbeobachtung erm\u00f6glicht, das Lust \u2014 Unlust-Element unmittelbar isoliert aufzufassen und durch willk\u00fcrliches Festhalten dieses einen Elementes, durch Hinzuf\u00fcgen anderer Elemente die entsprechende Organvorstellung zu constituieren, mit deren Hilfe dann auch subjektiv \u00fcberzeugend die Identit\u00e4t des Gef\u00fchls mit der durch Streckung oder Beugung hervorgerufenen Empfindung hervortritt.\nF\u00fcr den Unge\u00fcbten aber kann die Uebereinstimmung der objektiven Momente gen\u00fcgen. Es geh\u00f6rt dahin, dass aus dieser Erkl\u00e4rung der antagonistische Charakter von Lust \u2014 Unlust verst\u00e4ndlich wird, dass die gesamten Gef\u00fchlsgesetze in Bezug auf das Verh\u00e4ltnis des Gef\u00fchls zum Reiz und die Abh\u00e4ngigkeit des Gef\u00fchls von der St\u00e4rke, der Dauer, der Ausdehnung des Reizes leicht erkl\u00e4rbar werden, dass der subjektive Charakter der Gef\u00fchle gegen\u00fcber den Reizvorstellungen begreiflich wird, insofern die dem unpers\u00f6nlichen Bewusstsein gegebene und in den Mittelpunkt der Beziehungen tretende Ichvorstellung auf den Empfindungen beruht, welche aus der eigenen Th\u00e4tig-keit entstammen und das Ich somit von vornherein in der Gegens\u00e4tzlichkeit des Sichann\u00e4herns und Sichentfernens entstehen muss. Objektiv entscheidend muss aber schliesslich der Umstand sein, welcher uns als erster Wegweiser in der Ausbildung der Theorie galt: dass n\u00e4mlich das Experiment, wie berichtet, das Vorhandensein einer solchen Streck- und Beugeth\u00e4tigkeit feststellt. Dass solche charakteristische Muskel-th\u00e4tigkeit ohne psychische Wirkung sein soll, ist unm\u00f6glich; als Muskelth\u00e4tigkeit selbst fassen wir sie aber nicht auf, da wir beim F\u00fchlen nichts vom Beugen und Strecken wissen; es bleibt somit nur die M\u00f6glichkeit, dass die psychische Wirkung der Muskelarbeit eben in jenen Lust \u2014 Unlust-Erlebnissen besteht, welche scheinbar physisch grundlos und unerkl\u00e4rbar in uns auftauchen. Trifft das zu, dann l\u00e4sst sich ihr Auftreten im einzelnen Fall erkl\u00e4ren, insofern wir durch\n*","page":233},{"file":"p0234.txt","language":"de","ocr_de":"234\nbiologische und physiologische Betrachtung verstehen k\u00f6nnen, dass der eine Reiz solche, der andere Reiz andere Reflexaktion hervorrufen muss.\nSind diese Punkte richtig aufgefasst, so ordnet sich diese spezielle Theorie aufs einfachste dem allgemeinen Zusammenh\u00e4nge ein, auf den die Gesamtheit meiner fr\u00fcheren Untersuchungen von den verschiedensten Punkten aus hinwies; er l\u00e4sst sich mit wenigen Worten folgendermassen bestimmen. Dem unpers\u00f6nlichen Bewusstsein ist ein System von Inhalten gegeben, welches nur durch die Art der Betrachtung sich in eine physische und eine individuell-psychische Welt differenziert. Das System bedeutet eine physische Welt, sobald es unter dem Gesichtspunkt des Quantitativen gedacht wird, eine psychische Welt, unter dem Gesichtspunkt des Qualitativen gedacht; auch die Vorstellung der Ichpers\u00f6nlichkeit differenziert sich im -unpers\u00f6nlichen Bewusstsein zu diesem Doppelinhalt. Es zeigt sich nun, dass die M\u00f6glichkeit dieser prinzipiell verschiedenen Betrachtung lediglich auf bestimmten Inhalten des unpers\u00f6nlichen Bewusstseins beruht, welche in der That eine eigenartige Doppelrolle spielen. Sie k\u00f6nnen n\u00e4mlich entweder wie alle \u00fcbrigen Inhalte auch nur als bestimmte Erlebnisse aufgefasst werden; es ergibt sich dann eine Mannigfaltigkeit durchaus coordinierter Inhalte, zwischen denen keine Mass-bestimmungen m\u00f6glich sind, sondern die nur ungleich sind; ein unr\u00e4umliches, unzeitliches, unabgestuftes, unsubstantielles, unkausales System von Qualit\u00e4ten. Oder aber jene eigent\u00fcmlichen Inhalte werden nicht als selbst\u00e4ndige coordinierte Erlebnisse aufgefasst, sondern werden f\u00fcr das unpers\u00f6nliche Bewusstsein zum Massstab, zum Vergleichungshilfsmittel, kurz zum Werte der \u00fcbrigen Inhalte. Sie b\u00fcssen ihren selbst\u00e4ndigen Inhalt dann ein, h\u00f6ren auf isolierte Objekte des Bewusstseins zu werden, aber die Welt der \u00fcbrigen Inhalte gewinnt daf\u00fcr messbare, z\u00e4hlbare, w\u00e4gbare, wertvolle Ordnung: sie wird eine Welt von abstuf baren Quan tit\u00e4ts werten, eine unter Raum-, Zeit-, Kausalanschauungen, unter Gef\u00fchl- und","page":234},{"file":"p0235.txt","language":"de","ocr_de":"235\nWillensregungen aufgefasste physische Welt. Die Forschung sucht nun die Beziehungen beider Welten, welche prinzipiell eine sind, festzuhalten, und da die Forschung erkl\u00e4ren will, legt sie die Verh\u00e4ltnisse der kausal interpretierbaren physischen Welt den Vorg\u00e4ngen der psychischen zu Grunde; der Schallreiz ist ihr Bedingung der Schallempfindung. So sucht sie auch physische Bedingungen f\u00fcr diejenigen Bewusstseinsinhalte, welche die beschriebene Doppelrolle spielen; sie findet solche in denjenigen physischen Vorg\u00e4ngen, welche im eigenen K\u00f6rper als reflektorisch ausgel\u00f6ste Spannungs- und Bewegungs-Vorg\u00e4nge ablaufen und somit auch auf physischer Seite in besonders enger Beziehung zum Ich stehen.\nDie physiologische Psychologie muss also von ihrem Standpunkt aus nun den Vorgang so darstellen: Im Bewusstsein entsteht durch periphere Reizungen, resp. deren sp\u00e4tere centrale Nachwirkungen, welche den urspr\u00fcnglichen Reizungen prinzipiell gleichzusetzen sind, das System von Inhalten, welches unsere Welt ist. In diesem System sind diejenigen Elemente, welche durch Muskelbewegung oder Spannung entstehen, im st\u00e4nde, entweder isoliert als Muskelempfindungen aufgefasst zu werden \u2014 dann haben wir Licht-, Schall-, Tast-, Muskelempfindungen, alle unr\u00e4umlich, unzeitlich, ungewollt, ungewertet als Inhalte des Bewusstseins\u2019 aufgefasst \u2014 oder aber alsMasswerte der \u00fcbrigen Inhalte zu existieren, dann wird die Welt der Licht-, Schall-, Tastempfindungen zur leuchtenden, t\u00f6nenden, tastbaren Welt, welche durch jene, nunmehr unselbst\u00e4ndig gewordenen Muskelempfindungen in r\u00e4umliche, zeitliche, abgestufte, gewollte, gewertete Dinge verwandelt sind. Keine Reizwirkung oder Reiznachwirkung geht in unserem Gehirn vor, ohne gleichzeitig als centrifugal wirkende Bedingung peripherer Vorg\u00e4nge zu funktionieren; jede Licht-, Schall-, Tastempfindung ist somit die mittelbare Bedingung solcher Empfindungen, welche aus Muskelth\u00e4tigkeit entstehen. Die gesamten Wahrnehmungen oder Erinnerungsvorstellungen der Aussenwelt m\u00fcssen sich somit in jedem Moment mit jenen\n*","page":235},{"file":"p0236.txt","language":"de","ocr_de":"236\npsychischen Werten durchwehen und von der Art derselben wird es abh\u00e4ngen, welcher Art die Wertordnung ist, die im einzelnen Falle in Frage kommt. Von der Bewegung h\u00e4ngt mehr der Raumwert, von der Spannung mehr der Intensit\u00e4tswert ab, von den Produkten der Streckung und Beugung aber h\u00e4ngt der Lust- und Unlustwert ab.\nNoch nach einer andern Richtung schliesslich l\u00e4sst sich die psychophysische Theorie hypothetisch ausgestalten. Die Psychologie sieht sich neuerdings in wachsendem Masse dahin gedr\u00e4ngt, das Wesen des Urteils nicht in der Vorstellungsverbindung, sondern in dem stellungnehmenden Akte (Sig-wart, Brentano, Bergmann u. s. w.) zu suchen. Das Anerkennen und Verwerfen muss aber bei der Einteilung der psychischen Ph\u00e4nomene unbedingt mit Lust und Unlust zusammengefasst werden, so dass neben die Vorstellungen und VorstellungsVerbindungen als zweite Gruppe die \u201eBeurteilungen\u201c (Windelband, Riehl) treten, zu denen dann sowohl die eud\u00e4monistischen Beurteilungen des sinnlichen Gef\u00fchls, die ethischen und \u00e4sthetischen Beurteilungen, die teleologischen Beurteilungen des praktischen Wollens, als auch die logischen Beurteilungen geh\u00f6ren. Es entsteht nun wieder die Frage, ob sich nicht auch derjenige Bewusstseinsvorgang, den wir Bejahung und Verneinung nennen, durch subjektive oder objektive Analyse soweit von der beurteilten Vorstellungsverbin-dung abl\u00f6sen liesse, dass er in seinen Bedingungen erkannt und somit einer psychophysischen Erkl\u00e4rung n\u00e4her gef\u00fchrt werde. Da bietet sich nun die Hypothese, dass auch dieser logische Beurteilungsakt seiner psychophysischen Struktur nach mit dem Lust- und Unlustvorgang identisch sei und lediglich in der Innervationsempfindung der Beugung und Streckung, d. h. in der reproducierten Empfindung fr\u00fcherer Beugung und Streckung, fr\u00fcherer K\u00f6rperverengerung und K\u00f6rpererweiterung besteht. In der ontogenetischen Entwickelung ist die Stellungnahme zu Vorstellungs Verbindungen ja ein wesentlich sp\u00e4terer Akt als die Stellungnahme zu den einzelnen \u00e4usseren Reizen ;","page":236},{"file":"p0237.txt","language":"de","ocr_de":"237\ndas Kind hat unz\u00e4hligemale zu den Objekten und zu den durch Association erweckten Objektnachbildern Stellung genommen, ehe es S\u00e4tze bejaht oder verneint. Immer wieder hat es sich den Dingen gen\u00e4hert oder von den Dingen entfernt und w\u00e4hrend seine Ichvorstellung sich langsam herausbildet , hat es immer von neuem den Gegensatz des sich ann\u00e4hernden und des sich entfernenden Ich durch den charakteristischen Gegensatz der entsprechenden Muskelempfindungen erfahren. Diese gegens\u00e4tzlichen Zust\u00e4nde, zu prinzipiellen Teilen des Ich geworden, reproduzieren sich in der Erinnerung als antagonistische Innervationsempfindungen, welche die Stellungnahme des Ich in der Vorstellung repr\u00e4sentieren. Die betreffenden Zust\u00e4nde werden sich bei \u00f6fterer Wiederholung immer leichter mit ausl\u00f6sen, wenn die Ichvorstellung erweckt wird, und sobald die Ichvorstellung nun auf sp\u00e4terer Stufe durch bestimmte, sich aufdr\u00e4ngende Vorstellungsverbindungen hervorgerufen wird, so wird sie sofort *durch Ausl\u00f6sung der einen oder der andern Innervationszust\u00e4nde als stellungnehmendes Ich vom unpers\u00f6nlichen Bewusstsein empfunden werden.\nAuch hier sei die psychophysische Frage nicht mit der logischen verwechselt. So wenig wie etwa der Begriff in seiner logischen Bedeutung ersch\u00f6pft ist durch die Aufdeckung derjenigen Vorstellungen, durch welche er im Bewusstsein repr\u00e4sentiert ist, die Aufgabe der Psychologie aber hierdurch erledigt ist, so wird der Wert des Urteils selbstverst\u00e4ndlich nicht dadurch ausgedr\u00fcckt, dass der Bejahungsakt in der Innervationsempfindung der Streckung, der Verneinungsakt in der Innervationsempfindung der Beugung besteht. Jene Innervationen sind ja nur die psychologischen Symbole; und psychologisch ausgedr\u00fcckt w\u00fcrde die Frage der Logik heissen: durch welche Reihen von Vorstellungsverbindungen m\u00fcssten jene psychologischen Repr\u00e4sentationssymbole ersetzt sein, damit der weitere Ablauf aller \u00fcbrigen Bewusstseinsinhalte genau so erfolgt, wie er kraft dieses einfachen Sym-\n\u00bb","page":237},{"file":"p0238.txt","language":"de","ocr_de":"238\nbols sich entwickelt? Und schliesslich sei die psychophysische Frage nicht mit der erkenntnistheoretischen verwechselt. Yom erkenntnistheoretischen Standpunkt l\u00e4sst sich eine Auffassung verteidigen, nach der es als \u00fcbereilt erscheinen m\u00fcsste, nach der psychophysischen Bedingung des Urteilens zu fragen; erkenntnistheoretisch kann das beurteilende Bewusstsein selbst, nicht nur das reine Bewusstsein als die Bedingung des Seienden \u00fcberhaupt gedacht werden (Rickert), so dass das Urteil nicht selbst wieder aus dem Seienden erkl\u00e4rt werden kann. In der That meine auch ich, dass erkenntnistheoretisch das IJrteil prim\u00e4r ist; der Wille, welcher die Welt bejaht und sie dadurch setzt, ist die \u2019absolute Bedingung des Seins. Er kann niemals ein psychophysisches Problem sein. Aber eben diese beurteilte, diese gewollte, diese bejahte Welt ist ja das einzige Objekt aller Wissenschaft und jedes ihrer Ph\u00e4nomene verlangt wissenschaftliche Untersuchung. In dieser empirischen psychophysischen Welt sehen wir nun in unz\u00e4hligen Einzelf\u00e4llen als Einzelthatsache in Einzelindividuen den Urteilsakt entstehen und dieses Urteil muss in der That nun der psychophysischen Analyse und der Zerlegung in Empfindungen genau so unterzogen werden wie die einzelne Vorstellung. Erkenntnistheoretisch ist der urteilende Wille prim\u00e4r und die Empfindung sekund\u00e4r, psychophysisch ist die Empfindung prim\u00e4r und das Urteil wie der Wille sekund\u00e4r. Jenes absolute Urteil liegt ausserhalb der Wissenschaft; in derjenigen Welt, auf welche sich alle Wissenschaft bezieht, gibt es nur individuelle Urteilsakte und dass dieselben in Streck- und Beugungsinnervationen bestehen, mag eine berechtigte oder eine unberechtigte Antwort sein, jedenfalls ist sie die Antwort auf eine berechtigte Frage.","page":238}],"identifier":"lit38802","issued":"1892","language":"de","pages":"216-238","startpages":"216","title":"Lust und Unlust","type":"Book Section"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:21:23.109999+00:00"}

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