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{"created":"2022-01-31T16:46:06.716519+00:00","id":"lit36128","links":{},"metadata":{"alternative":"Le Physiologiste Russe","contributors":[{"name":"Manasse\u00efn, Marie von","role":"author"}],"detailsRefDisplay":"Le Physiologiste Russe 1: 88-94","fulltext":[{"file":"p0088.txt","language":"de","ocr_de":"Zur Frage von der alkoholischen (i\u00e4hruug ohne lebende llefczellen nnd \u00fcber die (i\u00e4hrnng im Allgeineiucn.\nVon \u00ceVlarie von Manassem,\nEhrenniitglied der Medieinisclien Gesellschaft von Ost-Sibirien, Mitglied der Kaiserlicken Gesellschaft der Freunde der Naturwissenschaften, Antropologie und Ethnographie zu Moskau etc.\nVon mehr als 26 Jahren, d. h. am 9-ten April 1871, habe ich meine Arbeit \u00fcber die alkoholische G\u00e4hrung in deutscher Sprache geschrieben. Das Hauptresnltat dieser Arbeit wurde von mir in folgenden Worten ausgedr\u00fcckt: <Auf Grund edler dieser Versuche halle Ich mich f\u00fcr berechtigt zu behaupten, dass lebende Hefezellen zur alkoholischen G\u00e4hrung nicht nothwendig seien. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass das specifisclie Ferment der alkoholischen G\u00e4hrung in der lebenden Hefezelle und in einigen Schimmelarten ebenso, wie das Emulsin in den s\u00fcssen Mandeln gebildet werde*.\nDiese meine Arbeit wurde im Laboratorium des Hrn. Prof. Julius Wies-ner in Wien ausgef\u00fchrt und in seiner Sammlung \u00abMikroskopische Untersuchungen > Stuttgart 1872 (abgeschlossen 1. September 1871) in deutscher Sprache ver\u00f6ffentlicht (pp 116\u2014128).\nZur T\u00f6dtung der Hefezellen habe ich Folgendes angewandt: 1) wurden die Hefezellen in einem M\u00f6rser zerrieben, wobei dieselben mit feingepulvertem Bergkrystall vermischt waren. Vor dem Zerreiben wurde die Hefe fein zertheilt und dann sorgf\u00e4ltig in der Luft getrocknet. Das Zerreiben mit dem gepulverten Bergkrystall w\u00e4hrte 15 Stunden, und wenn man darauf die zerriebene Masse mit dem Mikroskope untersuchte, so konnte man in der Mehrzahl der Pr\u00e4parate, bei der genauesten Untersuchung, nichts als g\u00e4nzlich zerst\u00f6rte Hefezellen sehen und nur in einigen von ihnen fanden sich wenige Hefezellen, die noch gewissermassen die Form einer Hefezelle behielten, dabei aber ganz blass aussahen und keine Spur vom feink\u00f6rnigen Plasma, noch Vacuolen zeigten. Diese blassen Zellen sahen gerade so aus, als ob von der Hefezelle nur noch die leere Zellmembran zur\u00fcckgeblieben w\u00e4re. In G\u00e4hrfl\u00fcssigkeit versenkt, zeigte aber die zerriebene Hefe schon nach einigen Tagen nicht nur eine lebhafte G\u00e4hrung, sondern auch eine reichliche Sprossung von normalvacuolisirten Hefezellen. Diese Methode des Zerreibens der Hefe war \u00fcbrigens schon fr\u00fcher von Professor L\u00fcdersdorff angewandt, wie ich das schon in meiner ersten Arbeit erw\u00e4hnt habe; 2) habeich das Erw\u00e4rmen der Hefezellen im Luftbade bis zu 225uund selbst bis zu 295\u00b0 oder sogar bis 305\u00b0 C. angewandt; dabei wurde die Hefe mehr oder weniger verkohlt; aber trotzdem hat diese verkohlte Masse, nachdem dieselbe in ein sterilisirtes mit sterilisirter G\u00e4hrfl\u00fcssigkeit gef\u00fclltes Probirgl\u00e4schen hineingelegt worden war, stets schwache oder selbst kaum bemerkbare Spuren einer alkoholischen G\u00e4hrung gegeben, so weit man \u00fcber das Vorhandensein derselben nach dem Erscheinen der Iodoformkrystalle bei Anwendung der Lieben\u2019schen","page":88},{"file":"p0089.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGE VOX DER ALKOHOLISCHEN GAEHRUNG.\n89\nReaktion urtheilen konnte. Die Alkoholmenge in diesen extremen F\u00e4llen, d. li. Avenu die Hefe Lis zu 2950 und 305\" C. erhitzt war, musste sehr unbedeutend sein, denn die Iodoformkrystalle wurden im Destillat nur in \u00e4usserst unbedeutenden Quantit\u00e4ten erhalten und bei Anwendung von Schwefels\u00e4ure und chromsaurem Kali konnte man \u00fcberhaupt keine deutliche Mengen von Aldehyd erhalten. Beim Erhitzen der Hefe bis zu 140\u00b0- 250u C. beobachtete ich stets, bei den nachfolgenden G\u00e4hrversuchen, eine mehr oder minder scliAvache Entwickelung von Kohlens\u00e4ureblasen und beide Reactionen auf Aldehyd sowohl, Avie. auf Iodoformkrystalle zeigten das Vorhandensein von deutlichen Alkoholmengen im Destillate an. 3) habe ich das Kochen der Hefe angewandt. Das Kochen der Hefe kann ohne Zweifel f\u00fcr ein experimentum crucis gehalten Aver den, denn es ist ja bekannt (Hoffmann), das Hefezellen sowohl, als auch Sporen von Schimmelpilzen kein Kochen vertragen. Beim Unternehmen dieser \\ ersuche mit dem Durchkochen von Hefezellen ist strengstens darauf Acht zu geben, dass die Hefezellen nicht in die sterilisirte kalte 10% Zuckerl\u00f6sung hineingelegt Averden, sondern nur Av\u00e4hrend des Kochens in die L\u00f6sung eingebracht Averden; denn sonst entwickelt sich Av\u00e4hrend der Anfangsstadien der Er-Av\u00e4rmung eine starke G\u00e4hrung und die dabei sich bildenden Kohlens\u00e4urebl\u00e4schen reissen mit sich ganze Kl\u00fcmpchen von Hefe an die Oberfl\u00e4che der Fl\u00fcssigkeit hinauf. Bei einer solchen starken G\u00e4hrung ist es nat\u00fcrlich leicht verst\u00e4ndlich, dass, wenn die Erw\u00e4rmung bis zum Kochen gebracht ist, die Zuckerl\u00f6sung schon fast vollst\u00e4ndig durcligeg\u00e4hrt sein wird, und beim nachfolgenden Versuche mit einer solchen durchgekochten und durchgeg\u00e4hrten Fl\u00fcssigkeit erh\u00e4lt man im besten Falle nur Spuren, und das noch recht schwache, von Alkohol, Aveil augenscheinlich dabei die vorhanden gewesene Quantit\u00e4t des Fermentes schon Av\u00e4hrend der dem Kochen vorangehenden G\u00e4hrung gr\u00f6ssten Theils verbraucht ist. In Folge dessen habe ich stets die zum Versuche genommene Hefemasse, die fein zertheilt war, direkt mit kochender 10% Zuckerl\u00f6sung \u00fcbergossen und gleich darauf habe ich das Kochen noch 10 \u201415\u201420 \u2014 25\u201430 \u2014 35\u201440 und h\u00f6chstens noch 4 5 Minuten lang fortgesetzt; worauf das Reagenzgl\u00e4schen mit sterilisirter Watte zugedeckt und stehen gelassen wurde. In allen dergleichen Versuchen erschien schon nach Verlauf von 48 Stunden eine deutliche Quantit\u00e4t von Alkohol in der mitsammt der Hefe durchgekochten !\u00f6% Zuckerl\u00f6sung. Die Anwesenheit von Alkohol wurde im Destillate sowohl durch die Reaktion auf Aldehyd, als auch durch die Lie-ben\u2019sche Reaktion auf Iodoform bestimmt. Eine sorgf\u00e4ltige mikroscopische Untersuchung des Bodensatzes konnte in ihm keinerlei lebende Gebilde finden: alle Hefezellen waren todt, die vorhandenen Bakterien ei schienen vollst\u00e4ndig unbeAveglich und es liessen sich keinerlei kleine, hefeartige, sprossende Zellen (Penicilliumhefe?) auflinden; trotzdem aber habe ich in allen diesen Versuchen eine Spaltung des Zuckers in Kohlens\u00e4ure und Alkohol beobachtet. Es fragt sich also, unter welchem Einfl\u00fcsse kam in diesen F\u00e4llen die alkoholische G\u00e4hrung zu Stande? Es ist augenscheinlich nur eine Erkl\u00e4rung in diesen F\u00e4llen m\u00f6glich, n\u00e4mlich Avir m\u00fcssen annehmen, dass das Ferment der alkoholischen G\u00e4hrung, wenn auch in der lebenden Hefezelle gebildet, dennoch in seiner Wirkung auf Zucker von der lebenden Hefezelle vollkommen unab-","page":89},{"file":"p0090.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGE YON DER ALKOHOLISCHEN GAEHRUXG.\n90\nh\u00e4ngig ist. Die Richtigkeit dieses Schlusses war einerseits durch Controlever-suche und andererseits durch sorgf\u00e4ltige microscopische \u00dcntersuchungen eines jeden Bodensatzes und durch die Resultate von Cultur versuch en, die mit dem Bodens\u00e4tze jedesmal angestellt wurden, bewiesen, denn sowohl die einen, als die andern von allen diesen Versuchen haben stets eine vollst\u00e4ndige Abwesenheit von lebenden Hefezellen bewiesen.\nAVenn ich mir erlaube die Aufmerksamkeit der verehrten Gesellschaft auf diese meine Arbeit, die mehr als 26 Jahre zur\u00fcck im Drucke erschien, zu lenken, se geschieht es nur in Folge der Einladung, die mir dazu von Seiten unseres hochverehrten Pr\u00e4sidenten, des Herrn Professor L. Morochowetz, gemacht worden war. Ausserdem wurde ich zu der gegenw\u00e4rtigen Mittheilung auch noch durch folgenden unerwarteten Zwischenfall bewogen: im 30-ten Jahrgange der Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft (1896) hat Prof. Buchner eine vorl\u00e4ufige Mittheilung ver\u00f6ffentlicht, in welcher er ohne Weiteres behauptet, dass <eine Trennung der G\u00e4hrwirhung von den lebenden Hefezellen bisher nicht gelungen\u00bb und dass er der Erste sei, dem es gegl\u00fcckt hat, ein Verfahren zu finden, durch welches man gerade eine dergleiche Trennung bewerkstelligen kann. Dieses Ar erfahr en, mit dessen Hilfe Professor Buchner das Ferment der alkoholischen G\u00e4hruug von der lebenden Hefezelle zu trennen meint, bestand aus Folgendem: <1000 g. f\u00fcr die Darstellung von Presshefe gereinigte, aber noch nicht mit Kartoffelst\u00e4rke versetzte Brauereibierhefe wird mit dem gleichen Gewichte Quarzsand und 250 g. Kieselguhr sorgf\u00e4ltig gemengt und sodann zerrieben, bis die Masse feucht und plastisch geworden ist. Man setzt dem Teige nun 100 g AVasser zu und bringt ihn, in ein Presstuch eingeschlagen, allm\u00e4hlich unter einen Druck von 4 \u2014 500 Atmosph\u00e4ren: es re-sultiren 300 ccm. Presssaft. Der r\u00fcckst\u00e4ndige Kuchen wird abermals zerrieben, gesiebt und mit 100 g. AVasser versetzt; von Neuem in der hydraulischen Presse dem gleichen Drucke unterworfen giebt er noch 150 ccm. Presssaft. Aus einem Kilo Hefe gewinnt man also 500 ccm. Presssaft, welche gegen 300 ccm. Zellinhaltssubstanzen enthalten >. Den in solcher Weise erhaltenen Presssaft wandte Herr Buchner als Ferment an, wobei der Presssaft in einigen F\u00e4llen vorl\u00e4ufig durch ein sterilisirtes Berkefeldt-Kieselguhrfilter iiltrirt war, in anderen dagegen unfiltrirt benutzt wurde. Aus dem eben Angef\u00fchrten ersehen wir, dass das vermeintlich neue, von Herrn Professor Buchner angewandte Verfahren eigentlich nur eine Modification der von Professor L\u00fcdersdorf und mir angewandten Methode des Zerreibens der Hefe ist. AVenn man auch das Auspressen der zerriebenen Hefemasse f\u00fcr einen gl\u00fccklichen Einfall betrachten m\u00f6chte, so kann man doch nicht umhin in der Mittheilung des Herrn B\u00fcchner auch noch andere sehr wesentliche L\u00fccken, n\u00e4mlich die Abwesenheit einerseits von sorgf\u00e4ltigen microscopischen Untersuchungen des Presssaftes und anderseits von Culturversuchen mit dem Bodenabsatze dieses Presssaftes, zu erblicken. Da die Hefezellen sich im h\u00f6chsten Grade th\u00e4tig vermehren, so bilden Culturversuche in der zur G\u00e4hrung f\u00e4higen Fl\u00fcssigkeit (10 procentige Zuckerl\u00f6sung, oder noch besser die sogenannte Pasteur'sche Fl\u00fcssigkeit) ein sch\u00f6nes Mittel uns zu \u00fcberzeugen, ob es uns thats\u00e4chlich gelungen ist alle lebensf\u00e4higen Hefezellen aus irgend einer gegebenen Masse oder Fl\u00fcssigkeit durch irgend welches Ver-","page":90},{"file":"p0091.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGE VOX DER ALKOHOLISCHEM GAEHRUNG.\n91\nfahren zu entfernen. Diese L\u00fccke erscheint in der Arbeit des Herrn Prof. Buchner um so mehr bedauernswerth, da seine Mittheilung noch eine folgende interessante Stelle enth\u00e4lt: \u2018'Das G\u00e4hrverm\u00f6gen des Presssaftes geht mit der Zeit allm\u00e4hlich verloren; f\u00fcnf Tage in Eiswasser in halb voller Flasche aufgehobener Presssaft erwies sich als inactiv gegen\u00fcber Saccharose. Es ist merkw\u00fcrdig, dass dagegen mit Rohrzucker versetzter, at so g\u00e4hirth\u00e4tiger Presssaft die G\u00e4hrwirkung im Eisschrank mindestens zwei Wochen Jang beh\u00e4lt. Man muss dabei wohl zun\u00e4chst an eine g\u00fcnstige, den Luft Sauerstoff abhedtende Einwirkung der bei der G\u00e4hrung gebildeten Kohlens\u00e4ure denken; es k\u00f6nnte aber auch der leicht assimilirbare Zucke)' zur Erhaltung des Agens beitragen>.\nEinem Jeden muss auffallen, dass der Buchner'sehe Presssaft in Gegenwart, von Zucker seine g\u00e4hrth\u00e4tigen Eigenschaften viel l\u00e4nger behielt, als in seiner nat\u00fcrlichen Zusammensetzung und ein Jeder, der mit der Hefe gearbeitet hat, wird in Anbetracht dieser Thatsaehe sich des Zweifels, dass der erw\u00e4hnte Presssaft nicht ganz frei von lebenden Hefezellen war, nicht erwehren k\u00f6nnen; denn es ist ja bekannt, dass die Gegenwart von einer bestimmten Quantit\u00e4t Zucker in der die Hefezellen enthaltenden Fl\u00fcssigkeit das beste Nahrungsmedium f\u00fcr Flefezellen bildet, so dass dieselben in eine th\u00e4tig vor sich gehende Sprossung versetzt werden und dabei eine schnell vor sich gehende 'Vermehrung zeigen. Folglich, wenn man voraussetzt, dass der Presssaft von Prof. B\u00fcchner neben dem alkoholischen Fermente auch einige durch das Press-tuch oder das Filter hindurchgeschl\u00fcpfte Hefezellen enthielt, so wird uns die vermeintlich conservirende Wirkung des Zuckers ganz begreiflich, denn der dem Presssafte zugesetzte Zucker versah die einzelnen erhaltenen Hefezellen mit reichlicher Nahrung und gab denselben also die M\u00f6glichkeit zu leben, sich zu vermehren und dabei stets neue und neue Quantit\u00e4ten des Alkoholfermentes zu bilden und in dieser Weise konnte auch der Presssaft von Herrn Buchner mindestens w\u00e4hrend zwei Wochen g\u00e4hren und dabei seine g\u00e4hrth\u00e4tigen Eigenschaften nicht einb\u00fcssen. Wenn die Wirkung des dem Presssafte zugesetzten Zuckers nur eine einfach conservirende w\u00e4re, wie es Herr Buchner meint, so w\u00fcrde dieselbe nicht nur auf zwei oder drei Wochen sich erstrecken, sondern eine unbestimmt l\u00e4ngere Zeit anhalten m\u00fcssen. Ausserdem erscheint uns die Voraussetzung, dass ein un organis\u00e2tes Ferment gerade durch diejenige Substanz conservirt werde, welche es zu spalten und zu verwandeln berufen ist, sehr wenig wahrscheinlich und das um so mehr, da in den Versuchen der Herrn B\u00fcchner die erhaltende Wirkung des Zukers auf das Alkoholferment in w\u00e4ssriger L\u00f6sung sich kundgab, d. h. gerade in einem solchen Medium, in welchem die spaltende Th\u00e4tigkeit des Ferments durch Hydration sich entfalten konnte. Dass die Zusammensetzung der der G\u00e4hrung unterliegenden Fl\u00fcssigkeit einen sehr wesentlichen Einfluss auf den Gang des G\u00e4hrungsprocesses haben muss, geh\u00f6rt jetzt zu der Reihe von feststehenden Thatsachen, denn die Arbeiten von Scherer, Alex. Schmidt, Nasse, Haidenreich, Gr\u00fctzner und Liebig haben bewiesen, dass das Hinzulegen von gr\u00f6sseren oder kleineren Quantit\u00e4ten des Kochsalzes zu der der G\u00e4hrung unterliegenden L\u00f6sung eine beschleunigende oder verlangsamende Wirkung auf die Fermentationsprocesse erweist. Diese Verschiedenheiten in der Wirkung des NaCl auf die Fermentation h\u00e4n-\n6*","page":91},{"file":"p0092.txt","language":"de","ocr_de":"92\nZUR FRAGE VOX DER ALKOHOLISCHEN GAEHRUNG.\ngen direkt von der benutzten Menge des Kochsalzes ab und. was uns besonders beachtenswerth erscheint, ist der Umstand, dass diese F\u00e4lligkeit des NaCl bald beschleunigend, bald verlangsamend auf die Fermentationsprocesse zu wirken sich sowohl bei organisirten, geformten als auch bei unorganisirten, ungeform-ten Fermenten erweist. So hat z. B. Scherer die F\u00e4higkeit des NaCl die Gerinnung der Milch aufzuhalten schon im 184\u00ce bewiesen, und im Jahre 1870 hat Alex. Schmidt 2) durch seine Versuche mit der dialysirten Milch diese die Gerinnung der Milch aufhaltende F\u00e4higkeit des NaCl endg\u00fcltig best\u00e4tigt und zu gleicher Zeit festgestellt, dass das Kochsalz ebenso auf das Pepsin wirke. Nasse 3), Haidenreich 4), Gr\u00fctzner 5) haben ihrerseits die F\u00e4higkeit des NaCl ver\u00e4ndernd auf Ptyalin, das diastatische Ferment der Pancreas und das Pepsin festgestellt, w\u00e4hrend Justus Liebig ,;) ebenfals einen ver\u00e4ndernden Einfluss des Kochsalzes auf die durch Hefezellen hervorgerufene alkoholische G\u00e4hrung feststellte. Diese bald beschleunigende, bald verlangsamende Wirkung des NaCl auf Fermentationsprocesse erkl\u00e4rt sich ganz nat\u00fcrlich, wenn wir an-nehmen, dass das Wesen jeder G\u00e4hrung in einer Bewegung best*dit, die in jedem Molek\u00fcle der dem Fermentationsprocesse unterliegenden Substanz hervorgerufen wird, wie ich das schon im Jahre 1876 in meiner Arbeit < lieber die Bedeutung der unorganischen Nalirungsmitteh ausgesprochen habe. Kleinere Mengen des NaCl wirken beschleunigend oder verst\u00e4rkend auf Fermentationsprocesse in Folge ihrer F\u00e4higkeit einen th\u00e4tigen Antheil in den Erscheinungen der Diffusion und der Osmose (Vierodt 7), Ludwig 8), Liebig ;l), Graham 1U), Zabelin *') und And.) zu nehmen. Damit aber wird die Frage noch nicht ersch\u00f6pft, denn wir wissen ja, dass selbst ein Zusatz von kleinen Mengen des Kochsalzes die Hydrationsverh\u00e4ltnisse mehr oder weniger stark ver\u00e4ndert, da Carl Schmidt12) durch seine sch\u00f6nen Untersuchungen schon bewiesen hat, dass ein Theil des NaCl im Vergleiche mit einem Theile Eiweiss 8\u201410 mal im hr Wasser bindet und das hat eine grosse Bedeutung, da wir wissen, dass bei verschiedenen Fermentationsprocessen die Hydration eine wichtige Rolle spielt. Die verlangsamende Wirkung von gr\u00f6sseren Mengen des NaCl gegen\u00fcber den verschiedenen Fermentationsprocessen erkl\u00e4rt sich vollkommen nat\u00fcrlich L; dadurch. dass, indem das Kochsalz grosse Mengen von Wasser bindet, es gerade\n') Scherer, Chemisch-physiologische Untersuchungen. Liebig\u2019s Annalen der Chemie und Pharmacie. 1841. Bd. 40.\n-) Al. Schmidt, Ueber die Beziehung des Kochsalzes zu einigen thieriseheu Fermentationsprocessen. Pfl\u00fcger\u2019s Archiv f\u00fcr Physiologie. 1876. Bd. XI.\n3)\tNasse, Untersuch, \u00fcber die ungeformten Fermente. Ibidem. 1875. B. XI.\n4)\tHaidenreich, Beitr\u00e4ge zur Kenntniss des Pankreas. Ibidem. 1875. Bd. X.\n5)\tGr\u00fctzner, Notizen \u00fcber einige tingeformte Fermente. Ibidem. 1S76. Bd. XII.\n6)\tLiebig, Ueber G\u00e4hrung, Quelle der Muskelkraft und Ern\u00e4hrung. 1870.\n7)\tVierordt, Transsudation und Endosmose. Wagner\u2019s Handw\u00f6rterbuch der Physiologie. B. III.\n8l Ludwig, Lehrbuch der Physiologie des Menschen. 1852.\n9)\tLiebig, Untersuchungen \u00fcber einige Ursachen der S\u00e4ftebewegung im thieriseheu Organismus. 1848.\n10)\tGraham, Fl\u00fcssigkeits-Diffusion angewandt auf Analyse. Annalen der Physik und Chemie von Poggendorlf. 1861.\n\u201c) Zabelin, Medicinsky Westnik 1866\u20141867, pag. 427 und 329.\nl2) Carl Schmidt und Bidder, Die Verdauungss\u00e4fte und der Stoffwechsel. 1852. Von demselben, Charakteristik der epidemischen Cholera gegen\u00fcber verwandten Transsudationsanomalien. 1850.","page":92},{"file":"p0093.txt","language":"de","ocr_de":"ZUR FRAGE VOX DER ALKOHOLISCHEN GAEHRUNG\n98\ndadurch einige Spaltungsprocesse verhindert und 2) dadurch, dass, indem das NaCl den Coefficienten der Elastieit\u00e4t von verschiedenen K\u00f6rpern \u00e4ndert, es dieselben eben dadurch widerstandsf\u00e4higer macht.\nIn dieser Weise \u00fcberzeugen wir uns, dass die zweifache Rolle des NaCl bei verschiedenen Fermentationsprocessen sich dadurch erkl\u00e4rt, dass kleinere Mengen desselben neue st\u00e4rkere Bewegungen der Diffusion, der Osmose und der Hydration ins Dasein rufen, w\u00e4hrend die gr\u00f6sseren Mengen von NaCl im Gegentheil dieselben Bewegungen aufhalten und verlangsamen. In diesem Thatbestande haben wir schon einen indirekten Beweis dessen, dass jede Fermentation sich im Grunde auf eine Bewegung zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst und dass verschiedene Fermente nur in sofern noting sind, als dieselben den Anstoss zu einer Bewegung liefern. Wie verschiedene Reize noting sind um Bewegungen in organisirten lebenden Geweben und Organismen hervorzurufen, ebenso sind verschiedene Fermente zum Hervorrufen von Molekularbewegungen in un >rganisirten organischen Substanzen vonn\u00f6then. Justus Liebig ') suchte zu beweisen, dass alle Erscheinungen der Ern\u00e4hrung und des Stoffwechsels und der Lebensfuctionen sowohl im Thierreiche, als auch in dem der Pflanzen sich im Grunde auf chemische Processe zur\u00fcckf\u00fchren lassen; doch, da kein einziger chemischer Process ohne eine Bewegung m\u00f6glich ist, so kann man die Behauptung von J. Liebig auch dahin ver\u00e4ndern, dass alle Lebensprocesse der Organismen von Molekularbewegungen abh\u00e4ngen.\nEs ist ja bekannt, dass Fermentationsprocesse eine so wichtige und allgemein verbreitete Rolle im Leben eines jeden Organismus spielen, dass einige Physiologen sogar zu beweisen suchten, dass das Leben nichts anderes, als eine G\u00e4hrung sei (Claude Bernard, F\u00fcrst Tarchanoff und andere) und da eine G\u00e4hrung nur in Gegenwart von einer bedeutenden Quantit\u00e4t Wasser von statten gehen kann, so ist auch die Intensit\u00e4t der Lebensfuctionen nur in Gegenwart von einer bestimmten bedeutenden Menge intracellularen Wassers m\u00f6glich. Es ist allgemein bekannt, dass alle Lebensfunctionen w\u00e4hrend der Kindheit und des J\u00fcnglingsalters bedeutend schneller und intensiver ablaufen und zu gleicher Zeit ist es durch direkte Versuche (Bezold) * 2) bewiesen worden, dass die Menge des Wassers im K\u00f6rper parallel mit dem Alter sich vermindert, und was besonders bemerkenswert!! erscheint, ist die Thatsache, dass nicht nur die Gewebe der K\u00f6rpers, sondern auch das Blut vom F\u00f6tus einen pro-centisch gr\u00f6sseren Wassergehalt, als das Blut des Mutterorganismus enth\u00e4lt (Nasse) 3).\nDr. Warner 4) hat seinerseits auf die Analogie der Bewegungen von Pflanzen und der krankhaften Beweglichkeit der an Chorea leidenden Kinder hingewiesen und zugleich die Abh\u00e4ngigkeit dieser Beweglichkeit von einer schlechten Ern\u00e4hrung, die mit einem unverh\u00e4ltnissm\u00e4ssig starkem Vorherrschen der Wasserquantit\u00e4t sowohl in den Geweben von choreakranken Kindern, als\n*) J. Liebig, Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie. 1842.\n-) Bezold, Ueber die Yertheilung von Wasser, organischer Substanzen und Salzen im Thierreiche. Verhandlungen der physikahsch-medicinischen Gesellschaft in W\u00fcrzburg. 1857. Bd. VII.\n3) Nasse, Blut. Wagner\u2019s Handw\u00f6rterbuch. Bd. I.\n4J Warner, British AJedical Journal. 1882. .V 1104.","page":93},{"file":"p0094.txt","language":"de","ocr_de":"94\nZUR FRAGE VOX DER ALKOHOLISCHEN GAEHRUNG.\nauch in den pflanzlichen Bewegungszellen (die sogenannten pulvinus bei mimosa pudica, oxalis corniculata und s. w.) einhergeht, betont. Wenn man die Arbeit von Dr. Warner liesst, so kommen einem unwihk\u00fchrlich F\u00e4lle von verst\u00e4rkter Beweglichkeit in den Sinn, welche sich hei erwachsenen Personen gleichzeitig mit einer vergr\u00f6sserten Reizbarkeit unter dem Einfl\u00fcsse von verschiedenen ersch\u00f6pfenden Momenten entwickeln. Es versteht sich von selbst, dass alle solche ersch\u00f6pfende Momente gleichzeitig auch eine mehr oder minder bedeutende Hvdraemie schaffen ').\nWenn wir in der G\u00e4hrung nur eine Bewegung sehen, so wird cs uns ganz begreiflich erscheinen, dass verschiedene niedere organische Formen je nach dem Charakter des sie umgebenden Ern\u00e4hrungsmediums, bald das Ferment einer Art, bald einer anderen hervorbringen k\u00f6nnen, wie es z. B. durch Dr. Julius Wortmann *) in Betreff der Bakterien bewiesen worden ist. In seinen Versuchen erzeugten die Bact\u00e9rien ein diastatisches Ferment jedesmal, wenn dieselben nur aus der St\u00e4rke ihren kohlenstoffhaltigen Vorrath erhalten konnten, w\u00e4hrend dieselben Bact\u00e9rien in Gegenwart von Eiweiss, wie bekannt, ein peptonisirendes Ferment liefern. Zu gleicher Zeit hat Fr. Rauschenbach * * 3) gezeigt, dass Hefezellen der alkoholischen G\u00e4hrung bei gew\u00f6hnlichen Verh\u00e4ltnissen nicht die geringsten Spuren von Fibrin-Ferment enthalten; aber man braucht nur die Hefezellen in ein in der K\u00e4lte durchfiltrirtes Blutplasma zu versenken, um eine sofortige Bildung von Fibrin-Ferment in den Hefezellen hervorzurufen und in Folge dessen eine ausgesprochene Beschleunigung der Coagulation zu erhalten.\nUebrigens, auch das allt\u00e4gliche Leben kann uns solche Thatsachen, die einen direkten Zusammenhang der G\u00e4hrungprocesse mit einer Bewegung beweisen, liefern; so z. B. ist es bekannt, dass das Bombardiren sowohl, wie auch ein heftiges Donnern, die Gerinnung einer ganz irischen Milch und eine grosse Verst\u00e4rkung der vor sich gehenden alkoholischen G\u00e4hrung verursachen, so dass in Folge dessen die mit g\u00e4hrenden Getr\u00e4nken gef\u00fcllte Flaschen (Ivwas, Bier, Cidre und s. w.) den Anprall der sich st\u00fcrmisch entwickelnden Kohlens\u00e4ure nicht aushalten k\u00f6nnen und entweder entkorkt werden, oder selbst zerspringen.\nJedenfalls muss man nicht vergessen, dass mit der Frage \u00fcber die G\u00e4hrung recht viele wichtige Fragen verbunden sind und desshalb m\u00fcssen wir das Erscheinen der Buchner'schen Arbeit bewillkommen, denn dieselbe beweist uns, dass die allgemeine Mode auf die Pasteur sehe Lehre von der absoluten Nothwendigkeit der lebenden Hefezelle f\u00fcr das Zustandekommen einer alkoholischen G\u00e4hrung sich ihrem Ende n\u00e4hert, und dass die Frage \u00fcber die eigentliche Rolle der Hefezellen sich bald einer neuen vielseitigen und unparteiischen Untersuchung erfreuen wird zum Nutzen der V ahrheit und der Wissenschaft.\nSt. Petersburg.\n1898.\n*) Marie v. Manasse\u00efn, Woienno-Medicinsky Journal. Bd. CXL\u00ceII.\n-) Zeitschrift t\u00fcr physiologische Chemie, 1882, Bd. VI.\n3i Friedrich Bauscheribach, Ueber die Wechselbeziehungen zwischen dem Protoplasma, dem Blutserum und den Bizozerischen Blutpl\u00e4ttchen. 1882. Diss.","page":94}],"identifier":"lit36128","issued":"1898-99","language":"de","pages":"88-94","startpages":"88","title":"Zur Frage von der alkoholischen G\u00e4hrung ohne lebende Hefezellen und \u00fcber die G\u00e4hrung im Allgemeinen","type":"Journal Article","volume":"1"},"revision":0,"updated":"2022-01-31T16:46:06.716524+00:00"}
